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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

10. August 1994

31

AUSSENPOLITIK

CHRISTOPHER SIEHT "ÄUSSERST ERNSTE
VERHANDLUNGEN" IM NAHEN OSTEN
VORAUS
Radiointerview des Außenministers

MENSCHENRECHTE

HELSINKI-MENSCHENRECHTSTAG 1994
Proklamation des Präsidenten

NICHTVERBREITUNG

USA STREBEN UNIVERSELLE BEFOLGUNG
DES VERTRAGS ÜBER DAS VERBOT VON
ATOMVERSUCHEN AN
Ansprache von ACDA-Direktor Holum

NÄCHSTER SCHRITT FÜR UKRAINE IST
BEITRITT ZUM NICHTVERBREITUNGSVERTRAG
Erklärung von Staatssekretärin Davis

OSTEUROPA

KONZENTRATION AUF OFFENE
GESELLSCHAFTEN IN OSTEUROPA
ERFORDERLICH
Anhörung von George Soros

LANDESKUNDE

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

IM TAL DER SONNE
von Maggie Wilson

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
10. August 1994

CHRISTOPHER SIEHT "ÄUSSERST ERNSTE
VERHANDLUNGEN" IM NAHEN OSTEN VORAUS
Radiointerview des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher zufolge ist es sein Eindruck, daß zwischen Israel und Syrien
"äußerst ernste Verhandlungen" für Frieden im Nahen Osten geführt und "Fortschritte erzielt werden können":
In einem Radiointerview am 4. August 1994 vor seiner erneuten Nahostreise stellte der Außenminister fest:
"Ich würde nicht fahren, wenn ich nicht vom Zweck der Reise überzeugt wäre... Wir erleichtern den
Verhandlungsprozeß jetzt vornehmlich, indem wir Nachrichten zwischen den Parteien übermitteln."
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview des Außenministers.

Christopher:
Ich wollte am Vorabend meiner
nächsten Nahostreise kurz mit Ihnen sprechen. Ich
werde morgen abreisen. Bei dem ersten Aufenthalt
in Kairo werde ich mit Präsident Mubarak zusammentreffen. Er hat seit meinem letzten Aufenthalt in
der Region sowohl mit Ministerpräsident Rabin als
auch mit Präsident Assad Gespräche geführt.
Ägypten hat im Zusammenhang mit dem Friedensprozeß eine herausragende und äußerst wichtige
Rolle gespielt, insofern werde ich mich mit ihm
austauschen um herauszufinden, ob er neue Einblicke gewonnen hat, wie auf der syrischen Gesprächsschiene Fortschritte erzielt werden können.
Meines Erachtens ist ein Hauptzweck der Reise, die
Washingtoner Erklärung zwischen Jordanien und
Israel voranzubringen. Wie Sie sich erinnern werden, forderte die Erklärung Grenzübergänge, Telefon- und Telegraphendienste sowie andere Gemeinschaftsunternehmen, und ich hoffe, wir werden
einige davon während meines Aufenthaltes einweihen.

gehend interpretieren, daß Sie keine ernsten Verhandlungen oder Konzessionen zwischen Israel und
Syrien - oder zumindest in dieser Phase - erwarten?
Antwort: Es wird äußerst ernste Verhandlungen
geben. Die Parteien befassen sich mit einigen sehr
schwierigen Fragen, und ich mache einen Unterschied zwischen ernsten Verhandlungen und öffentlichen Erklärungen. Sie ringen mit den hartnäckigsten
Problemen. Mein Eindruck ist, daß Fortschritte erzielt
werden können. Ich würde nicht fahren, wenn ich
nicht vom Zweck der Reise überzeugt wäre.
Im Hinblick auf die israelisch-syrische Gesprächsschiene ist dies eine äußerst wichtige Zeit. Ich
möchte andeuten, daß wir wahrscheinlich keinen
substantiellen Durchbruch erzielen werden, der
bekanntgegeben werden kann, aber wir machen auch
hier Zug um Zug Fortschritte.

Es wird eine relativ kurze Reise sein. Ich hoffe, in
fünf oder sechs Tagen wieder in den Vereinigten
Staaten zu sein.

In den vergangenen Tagen wurde in der Öffentlichkeit
ausführlich über den Nahen Osten berichtet, und ich
möchte drei Aspekte in bezug auf Syrien hervorheben. Erstens die Tatsache, daß das syrische Fernsehen die Feierstunde aus Anlaß der Washingtoner
Erklärung übertragen hat. Das war ziemlich ungewöhnlich und setzte eine Zeichen für die syrische
Öffentlichkeit und nicht zuletzt die anderen Länder in
der Region, daß Syrien die Washingtoner Erklärung
nicht ablehnt und sie in keiner Weise verhindern
wollte.

Frage: Herr Außenminister, Ihr Sprecher scheint
diese Reise etwas herunterzuspielen. Er erklärte, er
erwarte keinen Durchbruch. Können wir das dahin-

Zweitens zeigten die Zeitungen in Syrien auf der
Titelseite Bilder von Ministerpräsident Rabin und
König Hussein, wie sie Seite an Seite standen und

Dann werde ich in Jerusalem Gespräche über Syrien
führen und vielleicht ein-, zweimal zwischen Jerusalem und Damaskus hin- und herreisen.

AMERIKA DIENST 31

Seite 1

�zusammen arbeiteten, und meines Erachtens ist dies
eine ziemlich bedeutende Tatsache.
Und schließlich hielt Präsident Assad eine Rede am
Tag des Heeres, in der er mit Würde über den
Frieden sprach, und ich glaube, er war in höchst
optimistischer Stimmung über die Aussicht von
Verhandlungen im Nahen Osten.
Diese Ereignisse belegen, wie weit wir gehen
müssen. Gleichzeitig deuten sie an, daß sich
wirklich etwas bewegt, denn all dies hätte zu einem
früheren Zeitpunkt nicht in Syrien geschehen können, und für mich ist es ein Zeichen von Assad, daß
er die Aussicht auf Frieden ernsthaft verfolgt.
Frage: Herr Außenminister, können Sie uns eine
Idee vermitteln, was die Vereinigten Staaten im
einzelnen tun können, um diese Verhandlungen
voranzutreiben?
Was können die Vereinigten
Staaten anbieten?
Antwort: Wir erleichtern den Verhandlungsprozeß
jetzt vornehmlich, indem wir Nachrichten zwischen
den Parteien übermitteln und ihnen dabei behilflich
sind, das Terrain für ein Abkommen zu sondieren.
Die Probleme sind schwierig und miteinander
verknüpft. Es geht um die Frage, was eine Normalisierung und was Frieden konstituiert, wie der Abzug
erfolgen soll und welche Sicherheitsmaßnahmen
erforderlich sind. Meiner Ansicht nach können die
Vereinigten Staaten eine Rolle spielen, indem sie
den Parteien beim Eruieren der Möglichkeiten und
Kombinationen für die einzelnen Elemente des
Friedens helfen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Parteien nicht
zu direkten Gesprächen auf der Ebene der Staatsund Regierungschefs bereit und haben mich gebeten, diese Rolle zu übernehmen. Es ist eine unterstützende Rolle, aber die Vereinigten Staaten
bringen dabei auch die Erfahrungen mit früheren
Friedensverhandlungen ein, Pattsituationen zwischen
den Parteien zu durchbrechen, einen Stillstand zu
beenden und den Prozeß voranzubringen.
Frage: Herr Minister, als Sie vor einigen Tagen hier
auf dem Capitol Hill waren, brachten Sie große
Besorgnis über internationalen Terrorismus, die
jüngsten Bombenanschläge und so weiter zum
Ausdruck. Wirft die Präsenz der Hisbollah einen
Schatten auf Ihren Besuch in Damaskus? Ich weiß,
daß Sie diese Fragen trennen wollen. Wird das
Thema in irgendeiner Weise angesprochen? Wird
es die Gespräche präjudizieren?
Antwort: Ich glaube nicht, daß es die Gespräche
präjudizieren wird, aber ich werde dieselbe Besorg-

Seite 2

nis äußern wie auf dem Capitol Hill über das Verhalten der Hisbollah und die Notwendigkeit, die Hisbollah von Terroranschlägen abzuhalten, nicht nur in der
Region, sondern auf der ganzen Welt. Und ich
werde versuchen, die Zusammenarbeit der Syrer zu
gewinnen um sicherzustellen, daß dieses Phänomen
sich nicht wiederholt.
Zweifelsohne gibt es eine Möglichkeit, ihre Zusammenarbeit und ihren Einfluß zu gewinnen, obwohl ich
in keiner Weise die Taten der Hisbollah den Syrern
direkt zuschreiben möchte.
Frage: Die New York Times legte heute morgen den
Schluß nahe, innerhalb der Administration gebe es
Differenzen bezüglich Haiti und einer eventuellen
Frist für eine Invasion, wie es den Berichten der
Times zufolge Strobe Talbott wünscht oder wozu
Verteidigungsminister Perry nicht geneigt ist. Können
Sie die Berichte der Times bestätigen...
Antwort: Diese Geschichte ist ziemlich weit hergeholt. Ich werde nicht auf Einzelheiten des Berichts
eingehen, weil damit niemandem gedient wäre - vor
allem nicht uns - und ihnen telegraphieren oder faxen
oder andeuten, wie unser Zeitrahmen aussieht.
Ich möchte feststellen, daß es ein hohes Maß an
Übereinstimmung zwischen den Mitgliedern der
Administration zu den grundlegenden Fakten gibt.
Erstens, die unrechtmäßige Regierung - die Militärregierung - sollte gehen und zweitens sollten wir uns
die Option zum Einsatz militärischer Gewalt erhalten,
sie auszuschließen oder zum Verlassen des Landes
zu zwingen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfolgen wir die
Strategie, durch Sanktionen und auf andere Weise
zusätzlichen Druck auf sie auszuüben, damit sie das
Land verlassen. Ich möchte jedoch das hohe Maß
an Übereinstimmung bei Themen betonen, die der
Präsident gestern abend bei seiner Pressekonferenz
angesprochen hat.
Frage: Ist es überhaupt eine Option für die Vereinigten Staaten, ihren Abzug vielleicht durch die
Einrichtung sicherer Korridore, die Garantie von
Schutzzonen und vielleicht sogar materielle Anreize
zu erleichtern?
Antwort: Wie ich bereits erwähnt habe, möchte ich
nicht im einzelnen darauf eingehen, was getan
werden könnte.
Unseres Erachtens sollten sie
unverzüglich das Land verlassen, und sie sollten dies
tun, weil es das Richtige für sie ist. Sie haben dem
in dem auf Governors Island erzielten Abkommen
zugestimmt, insofern haben sie im Augenblick ihr
Versprechen gebrochen, und wir ermutigen sie zur

AMERIKA DIENST 31

�Einhaltung der im Abkommen von Governors Island
gemachten Zusagen. Sie wissen, was sie tun
müssen, und wir denken, sie müßten dies tun.
Zur Lage auf Haiti möchte ich die Bedeutung der
Insel vom Standpunkt der Hemisphäre aus hervorheben. Hierbei handelt es sich um ein hemisphärisches Problem, nicht nur ein Problem der Vereinigten Staaten. Die Länder in der Region sind von dem
Vorgehen der illegalen Regierung betroffen, und es
schafft einen äußerst schlechten Präzedenzfall in der
Hemisphäre, wenn eine Militärmaschinerie eine
gewachsene Demokratie stürzen kann.
Wir haben das Glück, zur Zeit nur zwei diktatorische
Regime in der Hemisphäre zu haben: das eine auf
Haiti und das andere auf Kuba. Aber gleichzeitig
gibt es eine Reihe ziemlich instabiler Demokratien in
der Hemisphäre, und wenn wir nichts gegen den
Präzedenzfall unternehmen, daß das Militär eine
Demokratie stürzen kann, so ist dies aus meiner
Sicht ein äußerst destabilisierender Faktor.
Ich möchte hier also die hemisphärische Bedeutung
des Problems unterstreichen. Ich bin sicher, andere
Nationen in der Region sind sich dessen bewußt,
denn sie haben mit uns bei der Bewältigung der
Migration zusammengearbeitet und Zusammenarbeit
bei der Zusammenstellung der UN-Truppen angeboten, die zur Sicherstellung von Recht und Ordnung
nach dem Abzug der unrechtmäßigen Regierung
nach Haiti entsandt werden sollen.
Frage: Herr Außenminister, Verteidigungsminister
Perry war heute auf dem Capitol Hill und sagte unter
anderem, die von uns kürzlich verhängten wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen hätten sehr
geringe Auswirkungen auf das Militärregime und die
Elite, wobei wir gehofft hatten, der gewünschte Effekt
würde gerade diese Gruppe treffen.
Wie lange wollen die Vereinigten Staaten warten,
bevor sie weitere Maßnahmen ergreifen?
Antwort: Ich denke, wir setzen keinen bestimmten
Zeitrahmen fest. Wir werden weiterhin diesen Druck
ausüben, solange er unseres Erachtens effektiv ist.
Ich möchte betonen, daß die Sanktionen zunehmende Auswirkungen haben. Wir unternehmen Schritte,
um die Schließung der Grenze zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti sicherzustellen. Wie
Sie wissen, wurde die Grenze aus der Luft mit
Hubschraubern überwacht und Grenzbeobachter
werden in das Gebiet entsandt.
Aus meiner Sicht beginnen die Sanktionen Auswirkungen auf die Oberschicht zu zeigen, die das
Militärregime unterstützt.

AMERIKA DIENST 31

Wir alle haben das Gefühl, die Sanktionen waren
nicht so effektiv wie wir gehofft hatten, aber sie sind
es trotzdem wert, weil sie erst vor kurzem eingeführt
wurden und weiterhin Druck ausüben.
Der letzte Linienflug ging vor wenigen Tagen, und die
Elite auf Haiti beginnt erst jetzt zu spüren, was es
heißt, das Land nicht verlassen zu können.
Frage: Herr Außenminister, zwei Fragen zu Haiti.
Sie beschreiben es als hemisphärisches Problem,
aber dennoch haben viele andere Länder in der
Hemisphäre eindeutig ihre Ablehnung des Einsatzes
von Gewalt signalisiert.
Steht die Administration in Verbindung zu Ländern
wie Mexiko, um sie zu einem Sinneswandel zu
bewegen, oder akzeptieren Sie diese Position und
versuchen, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten?
Antwort: Wir arbeiten mit allen Ländern in der
Hemisphäre zusammen.
Meiner Ansicht nach
besteht das einhellige Gefühl, daß die Militärregierung abziehen muß. Über die technischen Aspekte
zur Verwirklichung dieses Ziels mag man sich nicht
vollständig einig sein, Tatsache ist jedoch, daß der
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit überwältigender Mehrheit, keiner Neinstimme und nur zwei
Enthaltungen der Resolution zugestimmt hat, die
besagte, zum Sturz des Militärregimes sollten alle
erforderlichen Mittel eingesetzt werden. Dies ist der
beste Indikator für internationale Unterstützung.
Darüber hinaus haben wir von anderen Nationen in
der Hemisphäre Unterstützung bei der Einrichtung
von Schutzzonen für die Migranten erhalten - dieses
Ergebnis ist ein weiteres Anzeichen für Solidarität in
der Hemisphäre bei dieser Frage.
Wir werden die anderen Länder in der Hemisphäre
weiterhin unterrichten. Ich werde nach wie vor
versuchen, sie vom Einsatz der besten Techniken zu
unterrichten, und ich möchte nochmals betonen, daß
der beste Indikator für internationales Zusammenstehen hier die überwältigende Mehrheit bei der
Abstimmung im Sicherheitsrat über eine Resolution
für alle erforderlichen Mittel zum Sturz des Militärregimes ist.
Frage: Herr Außenminister, wie lauten die Pläne der
Administration bezüglich des Waffenembargos in
Bosnien, und wie stehen die Chancen, daß Sie Ihren
Besuch ausdehnen und sich mit Bosnien befassen,
während Sie sozusagen in diesem Teil der Welt sind?
Antwort: Ich war vor weniger als einer Woche in
Europa, um mit den Ministern der Kontaktgruppe

Seite 3

�zusammenzutreffen, und wir haben damals eine
Reihe von Schritten unternommen, die - so hoffen
wir - die bosnischen Serben von der Annahme des
Plans der Kontaktgruppe überzeugen werden. Wir
vereinbarten die Einführung einer Resolution über
schärfere Sanktionen im Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen, und dies wird binnen einer Woche nach
dem Treffen der Fall sein.
Wir stimmten überein, daß Maßnahmen ergriffen
würden, mit denen wir eine striktere Durchsetzung
der Schutzzone vornehmen könnten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt versuchen wir, zusätzlichen Druck
auf die bosnischen Serben auszuüben.
Die serbische Regierung selbst scheint sich diesem
Druck anzuschließen. Wir müssen auf ihre Taten
achten, nicht ihre Worte, aber Milosevic hat seinen
Wunsch angedeutet, Druck auf die bosnischen
Serben auszuüben, und wenn dieser Druck effektiv
wirksam wird, könnte dies meines Erachtens ein
wichtiger Aspekt sein.
Wenn die bosnischen Serben nach Verstreichen
eines angemessenen Zeitraums den Friedensplan
nicht akzeptieren und wir das Gefühl bekommen,
diese Möglichkeit ausgeschöpft zu haben, scheint es
meines Erachtens ganz natürlich, andere Mittel zu
ergreifen. Wie Sie von dem Genfer Abkommen der
Minister der Kontaktgruppe wissen, wird eine multilaterale Aufhebung des Waffenembargos durch den
Sicherheitsrat die nächste, in Betracht zu ziehende
Option darstellen. Meiner Ansicht sind einige der
Vorbereitungen zur strengeren Durchsetzung der
Schutzzonen gleichzeitig Vorbereitungen für eine
multilaterale Aufhebung des Waffenembargos.

Diese Verhandlungen können so lange fortgeführt
werden, wie das Nuklearprogramm Nordkoreas
eingefroren bleibt. Daher besteht meiner Meinung
nach die Aussicht auf eine Lösung der Frage auf
diesem Weg.
Während der ersten Verhandlungstage, vor dem Tod
Kim Il-Sungs und der daraus resultierenden Aussetzung der Verhandlungen, gab es eindeutige
Hinweise von Seiten der Nordkoreaner darauf, daß ihr
größtes Interesse einem Leichtwasserreaktor als
Ersatz für den Graphitreaktor gilt. Vom Nichtverbreitungsstandpunkt aus gesehen ist es von Bedeutung, daß ein Leichtwasserreaktor viel weniger
gefährlich und die Produktion von Plutonium viel
unwahrscheinlicher ist.
Wir möchten bei diesem Vorhaben also gerne weiter
zusammenarbeiten. Botschafter Gallucci hat diese
Interimszeit - während der Bestattungsfeierlichkeiten
- dazu genutzt, unsere Hauptverbündeten und
wichtigsten Freunde - Südkorea, Japan, China und
Rußland - über dieses Thema zu informieren und mit
ihnen die Bereitstellung eines Leichtwasserreaktors
zu erörtern. Somit sind wir im Hinblick auf die uns zu
diesem Thema zur Verfügung stehenden Informationen wesentlich besser vorbereitet. Wir können
dieses Vorhaben meiner Meinung nach verfolgen,
wenn wir alle Ziele mit Nordkorea erreichen wollen,
und die Nordkoreaner haben dies in Aussicht gestellt.
Frage: Ein verwandtes Thema: Hatten die Vereinigten Staaten Erfolg bei ihrer Suche nach einer
Nation, die Abnehmer der dort lagernden Brennstäbe
sein könnte?

Dies liegt also definitiv im Bereich der Möglichkeiten,
wir wollen jedoch sehen, ob wir nicht eine Annahme
des Plans der Kontaktgrupe durch die bosnischen
Serben erzielen können, bevor wir uns den anderen
Optionen zuwenden.

Antwort: Meiner Ansicht nach ist das nicht das
Problem. Wir werden einen solchen Staat finden.
Das Wichtigste ist, die Zustimmung der Nordkoreaner
dazu zu erhalten, die Brennstäbe in ein anderes Land
zu verlagern. Das ist ein essentieller Bestandteil der
Verhandlungen.

Frage:
Herr Außenminister, die Nordkoreaner
verleihen derzeit ihrem Wunsch nach einem Leichtwasserreaktor Ausdruck.
Sind die Vereinigten
Staaten jetzt eher bereit, diese Abkehr von einem
Graphitreaktor zu unterstützen?

Ich halte die Lagerstätte nicht für die Hauptfrage.
Das Schwierigste ist, die Nordkoreaner davon zu
überzeugen, daß es in ihrem Interesse liegt, ihre
Nichtverbreitungsverpflichtungen zu befolgen, diese
Brennstäbe in ein anderes Land zu bringen.

Antwort: Um dies in den richtigen Zusammenhang
zu rücken: Wie Sie wissen, werden morgen in Genf
die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea über die Nukleartrage wiederaufgenommmen. Ich halte es für eine gute Nachricht, daß der neue nordkoreanische Staatschef, Kim
Jong-Il, seinen Wunsch nach Fortsetzung dieser
Verhandlungen zu Erkennen gegeben hat.

Frage: Haben Sie jetzt ein besseres Gefühl für das,
was in Nordkorea geschieht? Nach dem Tod des
Präsidenten war es ja eine Art "Terra incognita". Ist
das jetzt weniger der Fall? Oder werden wir das in
Genf herausfinden?

Seite 4

Antwort: Die dortigen Anzeichen für Stabilität sind
zur Zeit relativ gut. Die Tatsache, daß sie die Genfer
Gespräche fortsetzen wollen und sich hierbei genau

AMERIKA DIENST 31

�an den vorgegebenen Zeitplan halten, ist ein gutes
Zeichen. Daher sehe ich zur Zeit in Nordkorea
relative Stabilität, was uns eine Fortsetzung dieser
Verhandlungen gestattet.
Nicht so ermutigend ist die Einstellung Nordkoreas
gegenüber einem Gipfeltreffen mit Südkorea. Ich
hoffe, daß sich im Lauf der Zeit und im Zuge der
weiteren Stabilisierung in Nordkorea das Interesse
dieses Landes an solchen hochrangigen Verhandlungen wiedereinstellt, da dies ein wichtiger Teil des
allgemeinen Pakets ist.
Frage: Herr Außenminister, um noch einmal auf
Ihre Reise in den Nahen Osten zurückzukommen:
Die Israelis haben heute vermeintliche Guerilla-Ziele
im Südlibanon bombardiert. Wird das Ihre Mission
erschweren? Handelte es sich hier um eine Botschaft oder nur um einen Zufall am Vorabend Ihres
Besuchs?
Frage: Wie Sie wissen, wird im südlichen Teil des
Libanon ein langanhaltender Kampf zwischen der
israelischen Verteidigungstruppe und der Hisbollah
geführt. Es ist seit langem ein Gebiet beständiger
Spannungen.
Mir ist klar, daß bei den Aktionen der israelischen
Verteidigungstruppe etwas schief lief, da in einem
der Dörfer mehrere Zivilisten getötet wurden. Bevor
ich hier eintraf, wurde mir mitgeteilt, daß die israelische Verteidigungstruppe sich für den dabei verursachten Tod von Zivilisten entschuldigt hat.
Obwohl im Nahen Osten große Fortschritte erzielt
wurden, finden immer noch Zwischenfälle statt. Es
gibt immer noch viele Feinde des Friedens, und die
Situation ist noch sehr gefährlich. Ich bin nicht der
Ansicht, daß gerade dieser Vorfall meine Reise
anders gestaltet. Es scheint immer Vorfälle zu
geben - positive und negative. Ich hoffe, daß wir auf
diesem Rad zwischen Israel und dem Libanon
Fortschritte erzielen können, damit es in Zukunft
keine derartigen Vorfälle mehr gibt.
Frage: Was China betrifft, wird von Menschenrechtsgruppen geäußert, daß sich die Menschenrechtsverletzungen in China seit der Verlängerung
der Meistbegünstigungsklausel faktisch erhöht
haben. Teilen Sie diese Einschätzung? Und was
unternehmen Sie jetzt, wo Sie nicht länger die
Meistbegünstigungsklausel als Druckmittel haben?
Antwort: Wie Sie wissen, haben wir die Menschenrechtssituation in China nie für sehr gut gehalten.
Wir können nicht die Art von Fortschritten beobachten, die in der vom Präsidenten vor einem Jahr
gemachten Erklärung gefordert wurden. Es ist für

AMERIKA DIENST 31

uns nicht überraschend, daß sich die Menschenrechtsverletzungen fortsetzen. Wir benutzen verschiedene andere Techniken, um die Aufmerksamkeit
auf diese Verletzungen zu lenken, und werden das
auch in Zukunft tun.
Diese Argumente haben wir schon vorher angebracht: China wird erst wieder in der internationalen
Staatengemeinschaft wirklich willkommen geheißen,
wenn es die internationalen Menschenrechtsnormen
befolgt. Wir werden diese Argumente weiterhin
anbringen und verschiedene bilaterale Werkzeuge
einsetzen, um bei den Chinesen darauf zu dringen.
Frage: Herr Außenminister, das Büro von Senator
Kennedy gab bekannt, Kanada habe die Kapitäne
von zwei Fischerbooten freigelassen, die Boote
würden jedoch noch von den Kanadiern einbehalten.
Wie sieht die Lage dort aus?
Antwort: Ich habe gelernt, keinen Kommentar zu
Angelegenheiten abzugeben, über die ich nicht voll
informiert bin. Und in dieser Frage bin ich nicht auf
dem neuesten Stand.
Frage: Zurück zum Nahen Osten. Jassir Arafat hat
sich seit Ihrem letzten Besuch über Verschiedenes
beklagt, beispielsweise über die Notwendigkeit,
bestimmte Dinge wie Fragen der Rechnungsprüfung
zu regeln - Buch zu führen, Quittungen auszugeben
und Ähnliches.
Was haben Sie seit Ihrem Besuch über von der PLO
auf diesem Gebiet unternommene Schritte gehört?
Der andere Kritikpunkt bezieht sich offensichtlich auf
die Erklärung, auf die in bezug auf die Heiligen
Stätten in Jerusalem für König Hussein vorgesehene
Sonderrolle. Ging man das Risiko ein, Arafat und
Hussein in der Mitte dieses laufenden Prozesses
gegeneinander auszuspielen?
Antwort: Zur ersten Frage: Wir haben bei der PLO
darauf gedrängt, das für den Erhalt verfügbarer
internationaler Mittel Erforderliche zu tun. Sie benötigt gewisse Dokumente und Quittungen, um Zugang
zu den bereitliegenden Geldern zu bekommen.
Ich hoffe, die PLO und die Palästinenser haben
erkannt, daß dies notwendig ist. Das ist einer der
Punkte, die ich dort angeführt habe - das internationale System erfordert einfach Ordnung und Dokumentation. Ich habe den PLO-Vorsitzenden Arafat
dazu aufgefordert, das System nicht zu bekämpfen,
sondern ihm zu entsprechen.
Mir scheint, daß dafür jetzt größeres Verständnis da
ist und das im Laufe eines Prozesses geschehen

Seite 5

�kann. Wir arbeiten weiter auf diesem Gebiet. Das
Kapitel ist noch keineswegs abgeschlossen. Den
Palästinensern im Gaza-Streifen wurden noch
zusätzliche Fonds zur Verfügung gestellt, es ist
jedoch ein Problem, zu dessen Lösung die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen werden.
Die Ironie all dessen liegt jedoch darin, daß der PLO
beträchtliche Gelder der Weltbank und anderer
internationaler Institutionen sowie einzelner Länder
zur Verfügung gestellt werden können, wenn diese
nur einen entsprechenden Antrag stellt und die für
den Erhalt der Mittel notwendigen Dokumente
vorlegt.
Vor meiner Abreise werde ich den anderen Staaten,
die bilaterale Fonds bereitgestellt haben, eine Nachricht senden und sie dazu ermutigen, weiterhin Mittel
und Wege zu suchen um sicherzustellen, daß wir die
erforderlichen Papiere und Quittungen erhalten und
sie tatsächlich den Palästinensern bei der Suche
nach den erforderlichen Techniken behilflich sind,
damit sie uns die Dokumente geben können.
Wir haben ungefähr zwei Drittel der Fonds, die wir
zur Verfügung stellen wollten, ausgezahlt, weil wir
Wege gefunden haben, um der Bürokratie zu entgehen.
Frage: Herr Außenminister, Sie haben angesprochen, daß sie einige der Grenzübergänge zwischen
Jordanien und Israel eröffnen wollen. Könnten Sie
dazu vielleicht noch mehr Einzelheiten geben?
Schließt das auch Akaba und Eilat ein?
Antwort: Ich werde das bekanntgeben, wenn ich in
der Region bin und die anderen Parteien Erklärungen abgeben. Das war eines der Dinge, die in der
Erklärung gefordert wurden. Ich hoffe, daß wir
während meines Besuchs in der Region etwas
unternehmen können, um die Erklärung mit mehr
Inhalt zu füllen, aber das kann erst geschehen, wenn
ich dort bin.
Frage: Herr Außenminister, ich würde gerne eine
Frage bezüglich unserer Beziehungen zu Rußland
stellen. Es gab Hinweise darauf, es sei eine Art
Quidproquo zwischen der Zustimmung Rußlands zur
UNO-Resolution, die zu einer potentiellen Invasion
Haitis unter Führung der Vereinigten Staaten ermächtigt, und der Resolution, die den Russen eine
Hauptrolle bei der Friedenssicherung in Georgien
einräumt.
Könnten Sie a) bitte hierzu etwas sagen und b) uns
mitteilen, ob es irgendeine Veränderung der ameri-

Seite 6

kanischen Politik gegenüber dem gibt, was die
Russen ihr "nahes Ausland" nennen?
Antwort: Erstens möchte ich darauf hinweisen, daß
die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Rußland auf Arbeitsebene gut sind. Wir setzen
Elemente unserer Partnerschaft auf sehr effektive
Weise um.
Beispielsweise hat das Gespräch zwischen den
Präsidenten Clinton und Jelzin dazu beigetragen, daß
wir den rechtzeitigen Rückzug der Russen aus
Estland vor dem Auslaufen der Frist am 31. August
sicherstellen konnten.
Die Beziehungen zwischen Außenminister Kosyrew
und mir waren sehr nützlich bei dem Gefühl der
Übereinstimmung im Zusammenhang mit der bosnischen Frage, das wir in Genf hatten.
Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen
der Unterstützung Rußlands für die Resolution zu
Haiti und unserer Unterstützung der früheren Resolution im Hinblick auf Georgien. Die Resolution zu
Georgien wurde zwei bis drei Wochen vor der Resolution zu Haiti angenommen und war ganz anderer
Art. Sie forderte eine Erhöhung der Zahl der UNOBeobachter in Georgien, während die Resolution zu
Haiti sich auf die mindestens einjährige Erfahrung
stützte, die der UN-Sicherheitsrat mit dem Problem
Haiti gesammelt hat, angefangen mit dem Abkommen
von Governors Island vom vergangenen Jahr.
Obwohl beide Angelegenheiten den Vereinten Nationen vorliegen und beide in jüngster Zeit erörtert
wurden, gibt es zwischen ihnen keine direkte Beziehung.
Wir stehen mit den Russen wegen einer Vielzahl von
Themen in ständiger Verbindung. Die Tatsache, daß
wir in bestimmten Punkten Einigkeit erzielen, sollte
nicht als eine Form des Tauschhandels betrachtet
werden, sondern als Spiegelbild einer neuen Ära, in
der wir leben, sowie der Partnerschaft, die wir unterhalten. Wir stimmen nicht in jeder Frage überein.
Wir werden bei einigen Fragen natürliche Meinungsverschiedenheiten haben. Die neuen Beziehungen
zu Rußland reflektieren die Tatsache, daß wir die
Reform und die Reformer in Rußland unterstützt
haben und - ebenso wie sie - die Bedeutung einer
stabilen und positiven Beziehung zwischen zwei
Mächten anerkennen, die über ein großes Arsenal
von Atomwaffen verfügen.
Frage: An welchem Punkt befinden sich unsere
Handelsgespräche mit Japan und unsere Beziehungen zu der neuen Regierung?

AMERIKA DIENST 31

�Antwort: Wir befinden uns meines Erachtens in
einem wichtigen Übergangsstadium.
Wie Sie
wissen, hat unser Handelsbeauftragter Mickey
Kantor die Japaner darüber informiert, daß wir Ende
September Sanktionen verhängen werden, wenn sie
nicht auf bestimmten Gebieten unseres Handels mit
ihnen Maßnahmen ergreifen.

net, wir müssen jedoch noch unsere Wirtschaftsbeziehungen verbessern. Es wird ein Test für die
neue Koalitionsregierung unter Ministerpräsident
Murayama sein, ob sie auf wirtschaftlichem Gebiet
Fortschritte machen kann, damit sie den äußerst
stabilen Beziehungen auf anderen Gebieten entsprechen.

Ich spreche hier von einem Übergangsstadium, weil
wir es mit einer Regierung zu tun haben, für die
dieses Problem neu ist - die Koalition zwischen
Sozialisten und der ehemals stärksten Partei. Wir
werden uns erstmals mit dieser Frage befassen.

Keiner von uns befürwortet eine Verhängung von
Sanktionen. Wir würden viel lieber Fortschritte in
diesem Bereich beobachten. Dennoch sahen wir uns
aufgrund unserer Gesetze und angesichts unserer
Beziehungen zu Japan gezwungen, eine entsprechende Mitteilung zu machen. Während dieser
60tägigen Frist werden wir mit den Japanern zusammenarbeiten um zu prüfen, ob wir nicht genug
Fortschritte machen können, damit die Verhängung
von Sanktionen überflüssig wird.

Wir streben positive Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu Japan an. Das Land ist für uns ein
wichtiger Verbündeter. Unsere politischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen sind ausgezeich-

* *

AMERIKA DIENST 31

*

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
10. August 1994

HELSINKI-MENSCHENRECHTSTAG 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Indem er den 1. August 1994 zum Helsinki-Menschenrechtstag erklärte, stellte
Präsident Clinton fest, die Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 "ist eine grundlegende Erklärung der
Freiheit - ein Symbol und eine Warnung an alle, die sich vom Licht der Demokratie abwenden würden".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation.

Seit über 20 Jahren war die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein
wichtiges Forum beim andauernden Kampf der
Menschheit um die Definition und Verteidigung der
Menschenrechte. Die Schlußakte von Helsinki aus
dem Jahr 1975 verpflichtete die Vereinigten Staaten,
Kanada und 33 europäische Staaten zur Respektierung "der Meinungs-, Religions- und Überzeugungsfreiheit für alle, ohne Unterscheidung nach Rasse,
Geschlecht, Sprache oder Religion". Sie ist eine
grundlegende Erklärung der Freiheit - ein Symbol
und eine Warnung an alle, die sich vom Licht der

Demokratie abwenden würden.
Als der Westen die Staaten des Ostblocks aufforderte, ihre KSZE-Menschenrechtsverpflichtungen
während des Kalten Krieges einzuhalten, spielte die
Unterstützung der KSZE-Mitgliedstaaten für diese
Ideale eine zentrale Rolle. In jüngster Zeit haben
das Ende des Kalten Krieges sowie die sich in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion vollziehenden dramatischen politischen Veränderungen
der KSZE die Erweiterung und Stärkung ihres
Mandats gestattet. Die Charta von Paris aus dem
Jahr 1990 ergänzte die bestehenden KSZE-Prinzipien und bezog neue Verpflichtungen zu politischem
Pluralismus, wirtschaftlicher Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ein. Das Helsinki-Gipfeltreffen von 1992
unterstrich, daß "der Schutz und die Förderung von
Menschenrechten und Grundfreiheiten sowie die
Stärkung demokratischer Institutionen weiterhin die
unabdingbare Grundlage" für umfassende Sicherheit
bilden. Heute ist die gemeinsame Entschlossenheit
der KSZE-Mitgliedstaaten zur Aufrechterhaltung
dieser essentiellen Werte weiterhin das Schlüsselelement der europäischen Sicherheit.
Während die KSZE-Mitgliedstaaten die Verwirklichung der Helsinki-Prinzipien anstreben, erinnern

AMERIKA DIENST 31

gewalttätige Konflikte auf der ganzen Welt uns daran,
daß viele aus der totalitären Herrschaft hervorgehende Gesellschaften noch einen weiten Weg zu internationalen Normen der humanitären Demokratie
zurücklegen müssen.
Ethnische Spannungen,
Bürgerkriege und Menschenrechtsverletzungen sind
in einigen der vor kurzem aufgenommenen KSZENationen immer noch an der Tagesordnung. Die
Vereinigten Staaten stehen unerschütterlich zu ihrer
Verpflichtung zur vollständigen Umsetzung der in den
Vereinbarungen von Helsinki verankerten Menschenrechte und humanitären Regelungen, und ich fordere
alle Signatarstaaten auf, zu ihrem Versprechen zu
stehen, die Menschenrechte zu schützen, friedliche
Lösungen für Konflikte zu suchen und ihre im Rahmen der Schlußakte von Helsinki eingegangenen
Verpflichtungen uneingeschränkt einzuhalten.
Die internationale Sicherheit hängt wie nie zuvor von
der Achtung der Rechte des einzelnen und der
demokratischen Prinzipien der Regierung ab. Während wir uns der Größenordnung der Helsinki-Vereinbarungen in der Geschichte der Nationen bewußt
sind, bekräftigen wir unser Engagement zur Förderung ihrer zeitlosen Weisheit. Der wachsame Schutz
dieser Grundfreiheiten ist die beste Hoffnung der Welt
für ein Europa der wachsenden Zusammenarbeit und
des dauerhaften Friedens.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der von mir durch die Verfassung und Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, hiermit den
1. August 1994 zum Helsinki-Menschenrechtstag und
bekräftige die amerikanische Verpflichtung zur
Bewahrung der menschlichen Würde und Freiheit Prinzipien, die in der Schlußakte von Helsinki verankert sind. Während wir Amerikaner diesen Tag mit
angemessenen Programmen, Feiern und Aktivitäten

Seite 1

�begehen, wollen wir unserer mutigen Mitbürger
gedenken, die Opfer zur Sicherung der Freiheiten
gebracht haben, deren wir uns erfreuen. Lassen Sie
uns zusammenarbeiten, um die Respektierung der
Menschenrechte und demokratischen Werte auf der
ganzen Welt zu ermutigen.

Unterzeichnet am 1. Tag des August, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika,

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 31

�NICHTVERBREITUNG
10. August 1994

USA STREBEN UNIVERSELLE BEFOLGUNG DES
VERTRAGS ÜBER DAS VERBOT
VON ATOMVERSUCHEN AN
Ansprache von ACDA-Direktor Holum
GENF - (AD) - Dem Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S. Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), John Holum, zufolge streben die Vereinigten Staaten einen Vertrag über ein
umfassendes Verbot von Atomtests an, "der zur Einstellung sämtlicher Nuklearexplosionen führt. Keine
Schwellen, keine Ausnahmen ... Und wir streben die universelle Befolgung des Vertrags an."
Bei der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Holum am 4. August 1994, die Entscheidung Präsident Clintons
zur Verlängerung des Atomtestmoratoriums "wägt den potentiellen Wert zusätzlicher Tests ab gegen 1. von
anderen geübte Zurückhaltung, 2. die Auswirkungen auf unsere Nichtverbreitungsziele und 3. Fortschritte bei
den hiesigen Verhandlungen über ein Testverbot".
In praktischer Hinsicht bedeute dies, daß im Falle der Vereinigten Staaten die von ihnen angestrebte zentrale
und tiefgreifende politische Entscheidung bereits getroffen wurde. Wenn die Dinge sich hier und andernorts
so entwickeln wie erhofft, wird das von den Vereinigten Staaten 1992 angenomene Atomtestmoratorium ewig
andauern."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache Direktor Holums im Wortlaut.

Die Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on
Disarmament - CD) hat in den letzten Jahren - und
besonders seit Beginn der Sitzungsperiode im
Januar - viel erreicht.
In gewissem Sinne gehen unsere bei der Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritte weit über das
hinaus, was wir erwarten durften und sind Zeugnis
der Leistungsfähigkeit dieser Einrichtung.
Andererseits reichen unsere jüngsten Bestrebungen
nicht aus. Die Vereinigten Staaten sind mehr denn
je dem möglichst schnellen Abschluß eines Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) verpflichtet. Niemand
von uns darf untätig bleiben - niemand darf mit den
bis heute erzielten, bemerkenswerten Fortschritten
zufrieden sein - bis die Staaten der Welt sich ein für
allemal auf die Einstellung sämtlicher Atomtests
geeinigt haben.

AMERIKA DIENST 31

Ich möchte heute die CD weder kritisieren noch über
Gebühr loben, sondern vielmehr eine Ermahnung
aussprechen.
Im Januar genoß ich das Privileg, Ihnen über das
Engagement Präsident Clintons zur Erzielung eines
"möglichst baldigen" umfassenden Atomtestverbots
zu berichten. Ein halbes Jahr später bat er mich,
erneut hierherzukommen und Ihnen mitzuteilen, daß
diese Anweisungen weiterhin umfassend wirksam
sind - und daß "möglichst bald" genau das bedeutet,
was es besagt. Es ist ganz sicher nicht eine diplomatische Floskel für "gemächliches Tempo". Es
bedeutet ganz gewiß nicht, sich die ganze Zeit zu
nehmen, die einem die amerikanischen Gesetze
zugestehen. Es heißt, sich nur die erforderliche Zeit
zu nehmen, eifrig und in gutem Glauben zu verhandeln und einen soliden Vertrag auszuarbeiten.
Das Engagement Präsident Clintons für ein Atomtestverbot erhält durch eine andere Entscheidung Glaubwürdigkeit - die Verlängerung unseres Moratoriums

Seite 1

�für Atomtests. Trotz der von China durchgeführten
Tests hat Präsident Clinton unser Moratorium bis
September 1995 um ein drittes Jahr verlängert.

großer Hilfe sein können. Wir werden daher weiterhin eng mit den anderen Atommächten zusammenarbeiten, damit diese Bestrebungen Früchte tragen.

Ich möchte Sie bitten, genau zu erwägen, was das
bedeutet.

Ich möchte besonders hervorheben, wie Botschafter
Marin Bosch, der Vorsitzende des Ad-hoc-Ausschusses für ein Verbot von Atomtests, die Arbeit des
Ausschusses beschleunigt. Die Vereinigten Staaten
unterstützen seine Bestrebungen zur Ausarbeitung
eines vollständigen Textes aus Beiträgen, die in den
Arbeitsgruppen für Verifizierung sowie rechtliche und
institutionelle Fragen unter seiner Leitung, beziehungsweise der der Botschafter Hoffmann und
Dembinski ausgearbeitet wurden. Dennoch ist viel
Zeit vergangen und es bleibt noch viel zu tun.
Erforderlich ist ein Dokument, das unserer Arbeit
mehr Zielbewußtsein und Energie verleiht. Und wir
erwarten vom Vorsitzenden des Ausschusses, daß er
das durch seine Führungsrolle herbeiführt.

Die Entscheidung des Präsidenten zur Verlängerung
des Atomtestmoratoriums wägt den potentiellen Wert
zusätzlicher Tests ab gegen 1. von anderen geübte
Zurückhaltung, 2. die Auswirkungen auf unsere
Nichtverbreitungsziele und 3. Fortschritte bei den
hiesigen Verhandlungen über ein Testverbot.
In praktischer Hinsicht bedeutet dies, daß im Falle
der Vereinigten Staaten die von vielen angestrebte
zentrale und tiefgreifende politische Entscheidung
bereits getroffen wurde. Wenn die Dinge sich hier
und andernorts so entwickeln wie erhofft, ist das von
den Vereinigten Staaten 1992 angenommene
Moratorium für Atomtests von Dauer.
Diese praktische Realität wird von der vom Präsidenten im vergangenen September vor der UN-Generalversammlung abgegebenen definitiven Erklärung
unterstrichen.
Der Präsident erklärte damals:
"Angesichts der beunruhigenden Anzeichen erneuere ich heute meinen Appell an die Atomwaffenstaaten zur Einhaltung dieses Moratoriums, während wir
ein endgültiges Verbot von Atomtests aushandeln."
Mit anderen Worten, wir sind auf die Schlußfolgerung vorbereitet, daß die Vereinigten Staaten schon
ihren letzten Atomtest durchgeführt haben - und nie
wieder Tests veranstalten.
Während wir über diese Realität nachdenken, sollten
diese Verhandlungen - sowie andere Entwicklungen,
einschließlich der Vorbereitungen für die nächstes
Jahr anberaumte Konferenz über den Nichtverbreitungsvertrag (NW) - mit verstärkter Energie und
Zielstrebigkeit verfolgt werden.
Die Vereinigten Staaten streben einen Vertrag über
ein umfassendes Verbot von Atomtests an, der zur

Einstellung sämtlicher Nuklearexplosionen führt.
Keine Schwellen, keine Ausnahmen. Und damit
meine ich nicht nur alle Explosionen, sondern alle
Staaten. Der Erfolg verlangt insbesondere die volle
Unterstützung und Beteiligung aller fünf Atomwaffenstaaten. Und wir streben die universelle Befolgung
des Vertrags an.
Natürlich tragen die Vereinigten Staaten und die
anderen im Besitz von Atomwaffen befindlichen
Staaten bei diesen Verhandlungen eine besondere
Verantwortung, und natürlich verfügen wir auch über
spezielle Erfahrungen und Wissen, die uns von

Seite 2

Als ich zum letztenmal zu Ihnen sprach, habe ich
erklärt, die Vereinigten Staaten würden diese Verhandlungen vorantreiben, anstatt sie zu verschleppen. Wir planen, auf unseren Bestrebungen zur
Umsetzung der Anweisungen des Präsidenten zu
beharren und sie sogar noch zu intensivieren.
Aus diesem Grund fordere ich die Konferenz auf, die
zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen - selbst
außerhalb der normalen Sitzungszeit der CD - um
diese Verhandlungen voranzutreiben. Die amerikanische Delegation ist bereit zur kontinuierlichen
Arbeit im Ausschuß für ein Verbot von Atomtests und
seinen Arbeitsgruppen auch nach Ende der Sitzungsperiode am 7. September bis zur Eröffnung der
Sitzungszeit 1995, um in diesem Jahr noch vor
Beginn der Konferenz über die Ausweitung des
Nichtverbreitungsvertrags im April 1995 möglichst
große Fortschritte zu erzielen.
Bei manchen besteht eine gedankliche Verbindung
zwischen der Konferenz über die Ausweitung des
Nichtverbreitungsvertrags und Fortschritten auf
anderen Gebieten. Alle Teile der internationalen
Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung
stehen natürlich in Beziehung zueinander. Man
würde jedoch den großen Regimen oder Initiativen
einen schlechten Dienst erweisen, wenn man zwischen ihnen irgendeine Art von strengem "Quidproquo" aufstellen würde.
Der N W sollte wegen seiner enormen Verdienste für
den Weltfrieden verlängert werden. Die Zeit für den
Vertrag über ein umfassendes Verbot von Atomtests
ist gekommen. Wir sollten diese Chance ergreifen,
nicht weil sie Hand in Hand mit der Verlängerung des
N W geht, sondern weil sie die Sache wert ist.

AMERIKA DIENST 31

�Eine weitere hier in die Wege geleitete wichtige
Initiative verdient die unmittelbare Aufmerksamkeit
der Genfer Abrüstungskonferenz: Die Einstellung
der Produktion von spaltbarem Material. Eine solche
globale Konvention würde die Herstellung von spaltbarem Material für nukleare Sprengstoffe oder unter
Umgehung internationaler Sicherheitsvorschriften
verbieten. Sie könnte erstmalig die nicht von den
Sicherheitsvorschriften abgedeckten Nuklearprogramme von Nichtmitgliedsstaaten des N W einer
gewissen Zurückhaltung unterwerfen. Und sie würde
gleichermaßen die Produktion von Plutonium und
hochangereichertem Uran für Waffen in den fünf
erklärten Atomwaffenstaaten einstellen.
Präsident Clinton hat die Vereinigten Staaten in
seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen September zu
Verhandlungen über eine solche Einstellung der
Produktion verpflichtet. Die Generalversammlung
verabschiedete daraufhin im Konsens eine Resolution mit der Empfehlung, ein solches Verbot "im
geeignetsten internationalen Forum" auszuhandeln.
Im Januar dieses Jahres reagierte die Genfer Abrüstungskonferenz, indem sie den kanadischen Botschafter Gerald Shannon als Sonderkoordinator für
Konsultationen mit den Mitgliedstaaten der Genfer
Abrüstungskonferenz über Mittel und Wege zur
Aushandlung einer Konventionen über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material ernannte. Er hat diese Aufgabe geschickt gemeistert und
festgestellt, daß bei der Genfer Abrüstungskonferenz
Übereinstimmung zur Aushandlung des Vertrags in
diesem Forum herrscht.
Ich fordere die CD zur Verabschiedung eines einfachen Verhandlungsmandats auf der Grundlage der
in der Resolution der Generalversammlung festgeschriebenen Konsens-Vereinbarung auf. Ein solches
Mandat würde einen Ad-hoc-Ausschuß einrichten
und ihn zur Aushandlung eines nichtdiskriminierenden, multilateralen und verifizierbaren Vertrags über
die Einstellung der Produktion von spaltbarem
Material anweisen.
Die CD muß in dieser entscheidenden Angelegenheit Fortschritte erzielen - nicht nur zur Verringerung
der durch die andauernde Produktion von spaltbarem Material entstehenden Bedrohung, sondern
auch, um die Stimmen zum Schweigen zu bringen,
denen zufolge sie angeblich nicht zwei größere
Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann.
Ich weiß, daß all dies Ressourcen, Aufmerksamkeit
und Engagement erfordert. Wir werden Botschafter
Ledogar weiterhin alles Erforderliche zur Verfügung

AMERIKA DIENST 31

stellen, um diese hier von mir angesprochenen
ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen.
Sicherheitszusagen sind ein weiterer ziemlich vielversprechender Bereich. Seit vielen Jahren hat die CD
wertvolle Arbeit bei negativen Zusicherungen geleistet. Die Vereinigten Staaten unterstützen einen
zweigleisigen Ansatz zu negativen Sicherheitszusicherungen: Gespräche im Ad-hoc-Ausschuß und
Gespräche unter den Atomwaffenstaaten.
Wir
werden weiterhin energisch in beiden Foren arbeiten,
und ich beglückwünsche Botschafter Guillaume zu
seiner in diesem Jahr im Ausschuß übernommenen
Führungsrolle.
Während wir hart mit den anderen Atomwaffenstaaten arbeiten, hat die Verpflichtung des amerikanischen Präsidenten Bestand. Unsere unilaterale
Verpflichtung unterstreicht Zusicherungen an atomwaffenfreie Staaten, die Mitglieder des N W oder
einer vergleichbaren international bindenden Verpflichtung wie des Tlatelolco-Vertrags sind, keine
nuklearen Sprengstoffe zu beschaffen, es sei denn,
die Vereinigten Staaten werden von diesem atomwaffenfreien Staat im Bündnis mit einem Nuklearstaat
angegriffen.
Ich möchte nicht vor der Genfer Abrüstungskonferenz
sprechen, ohne ein uns alle beschäftigendes Thema
anzuschneiden - die Erweiterung der CD-Mitgliedschaft. Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor für
eine starke Erweiterung der Konferenz. Wir bedauern, daß eine solche Erweiterung aufgrund der von
uns ausgemachten Hindernisse nicht möglich ist - die
nicht angemessene Einbeziehung eines Staates, der
umfassenden Sanktionen des UN-Sicherheitsrats
unterliegt, entsprechend Kapitel VII der UN-Charta.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin bereit, alle
vernünftigen Initiativen zur Lösung dieser Situation in
Betracht zu ziehen, und wir sind der Auffassung, daß
die CD das geeignete Forum für eine angemessene
Lösung ist.
Präsident Kennedy hat gerne gesagt, denen viel
gegeben werde, von denen werde viel erwartet.
Die beachtlichen Fortschritte der Genfer Abrüstungskonferenz bei der Chemiewaffenkonvention und ihre
nennenswerten Fortschritte beim Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot beweisen, daß dieses
Gremium große Leistungsfähigkeiten besitzt. Und
daher erwartet die Welt viel von ihm - von Ihnen.
Ein ermutigender Trend dieser Zeit ist die Fähigkeit
der internationalen Staatengemeinschaft, einen
Großteil der trennenden ideologischen und politischen
Untertöne auszuräumen, die während des Höhepunktes der Ost-West- und Nord-Süd-Konfrontation so viel

Seite 3

�Zeit beanspruchten und so geringe Wirkung zeitigten. Natürlich sind diese Gewohnheiten nicht völlig
verschwunden. Mein Appell an Sie lautet, daß
soweit solche Neigungen noch vorherrschen, dies
der letzte Ort ist, an dem ihnen nachgegangen
werden sollte. Denn die Genfer Abrüstungskonferenz ist nicht der Ort, um politische Punkte zu
erzielen, sondern um ernsthafte Arbeit zu leisten und greifbare Ergebnisse hervorzubringen.
In einer Welt, in der sogar bilaterale Rüstungskontrolle multilateral geworden ist, sind diese Institution,
die hier arbeitenden fähigen Staatsmänner und
Experten sowie die von Ihnen hier angewandten
außergewöhnlichen und ausgeklügelten Methoden
der Diplomatie zum Trend der Zukunft geworden und die Verkörperung unserer Hoffnungen auf eine
sicherere Welt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges könnte der Druck
der nuklearen Weiterverbreitung wichtiger werden
als je zuvor. Wie Sie wissen, kann ein solcher
Druck vertikal und horizontal spürbar sein. Daher ist
dies gleichzeitig die beste und wichtigste Zeit,
internationale Sicherheit zu stützen. Insbesondere
jetzt, da ein Großteil der Mächte im Besitz von
Nuklearwaffen endlich den Nuklearwaffen in ihrer
Verteidigungsplanung weniger Bedeutung beimessen
kann, ist es nicht an der Zeit, in alte Gewohnheiten
zurückzufallen.
Seit fünf Jahrzehnten machen wir Atomtests - und
vernehmen seit fünf Jahrzehnten Rufe, sie zu beenden. Das Streben der Welt nach einem Vertrag über
ein umfassendes Verbot von Atomtests war im
wahrsten Sinne des Wortes ein Langstreckenlauf.
*

Seite 4

*

Solche Rennen werden jedoch nicht gewonnen,
indem man über die Ziellinie hinkt oder sich mit
bescheidenen Fortschritten begnügt. Sie werden mit
Energie und Engagement gewonnen.
Wir befinden uns im Endstadium unseres Rennens.
Die Ziellinie ist in Sichtweite. Wir müssen das Tempo
beschleunigen. Wir müssen der Beendigung von
Atomtests ohne Ausnahmen, ohne künstliche Junktims, ohne Verzögerung zustimmen - um einen CTBT
abzuschließen, bevor die Chance unseres Lebens
verstrichen ist.
Es ist ein interessanter historischer Zufall, daß der
50. Jahrestag der ersten Atomexplosion und der 25.
Jahrestag des Inkrafttretens des Nichtverbreitungsvertrags auf dasselbe Jahr fallen - 1995. Ich hoffe,
wir können diesen Zufall zu einem wichtigen Wegweiser für den Fortschritt machen.
Von der ersten Atombombenexplosion in Alamogordo
an hat die Menschheit darum gekämpft, sich von dem
dort freigelassenen wilden Tier zu befreien. Seit
damals haben Tausende Frauen und Männer mit
gutem Willen und geistigen Fähigkeiten - leidenschaftlich und sorgfältig - das zwingende Gebot
unseres Zeitalters zu verwirklichen versucht. In
Zusammenarbeit wollen wir uns erneut dieser Aufgabe widmen: Dieses wilde Tier wieder in seinen
Käfig zu sperren, das in einer gleißenden Detonation
in der Wüste New Mexicos Freigesetzte zu dem ihm
gebührenden Ende in der kühlen Atmosphäre der
Vernuft in Genf zu bringen - um sicherzustellen, daß
unser erstes halbes Jahrhundert der Atomexplosionen unser letztes ist.

*

*

AMERIKA DIENST 31

�NICHTVERBREITUNG
10. August 1994

NÄCHSTER SCHRITT FÜR UKRAINE IST BEITRITT
ZUM NICHTVERBREITUNGSVERTRAG
Erklärung von Staatssekretärin Davis
WASHINGTON - (AD) - Dem Versprechen der Ukraine, den Verpflichtungen zum Transfer ihrer gesamten
Atomwaffen nach Rußland nachzukommen, sollte jetzt ihr Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag (NW) folgen,
erklärte die Staatssekretärin im US-Außenministerium, Lynn Davis, am 3. August 1994 vor Journalisten. Sie
teilte mit, die Vereinigten Staaten arbeiteten mit der Ukraine zusammen, um deren Unterstützung für die
umfassende amerikanische Nichtverbreitungstagesordnung zu erhalten. "Der nächste wichtige Schritt besteht
im Beitritt der Ukraine zum Nichtverbreitungsvertrag."
"Anschließend könnten wir den START-I-Vertrag in Kraft setzen. Ferner wird der Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag der Ukraine auch den Weg zur Teilnahme an anderen Nichtverbreitungsregimen ebnen", stellte Davis
fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Staatssekretärin.
Zunächst möchte ich Sie über den neuesten Stand
der Dinge bei unserer Nichtverbreitungspolitik
gegenüber der Ukraine informieren und unsere
Pläne beschreiben.
Präsident Kuchma hat gerade gemeinsam mit einer
neuen Rada das Amt übernommen. Die freien und
unangefochtenen Wahlen stellen einen wichtigen
Schritt bei der Errichtung einer Demokratie in der
Ukraine dar. Vizepräsident Gore war gestern in
Kiew und traf mit der neuen Führung zusammen. Er
wollte damit das fortgesetzte Engagement der
Vereinigten Staaten demonstrieren, die Ukraine beim
Übergang zur Marktwirtschaft und der Entwicklung
zu einem vollwertigen Partner des Westens zu
unterstützen. Präsident Kuchma nahm die Einladung des Vizepräsidenten an, Washington Ende
November dieses Jahres einen Besuch abzustatten.
Präsident Kuchma erklärte, die Ukraine werde ihren
internationalen Verpflichtungen nachkommen,
einschließlich der trilateralen Erklärung, in der die
Ukraine dem Transfer aller auf ihrem Territorium
befindlichen nuklearen Gefechtsköpfe in russisches
Gebiet zur ihrer Zerlegung zustimmt. Bis heute
wurden bereits ungefähr 300 Gefechtsköpfe von der
Ukraine nach Rußland zur Zerlegung transferiert.
Wir haben bereits das in der trilateralen Erklärung
für November angestrebte Ziel von 200 Gefechtsköpfen erreicht, und mehr als die Hälfte der SS-24-

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Interkontinentalraketen auf ukrainischem Territorium
wurden entschärft.
In der trilateralen Erklärung stimmte Rußland zu, der
Ukraine als Ersatz für das hochangereicherte Uran
Kernbrennstoff zur Verfügung zu stellen. Es trafen
bereits zwei Sendungen ein.
Die Vereinigten Staaten stellten 60 Millionen Dollar
als Vorauszahlung für den amerikanisch-russischen
Vertrag über hochangereichertes Uran bereit, um die
ersten Lieferungen von Kernbrennstoffen an die
Ukraine mitzufinanzieren. Diese Vorauszahlung wird
unter dem Vertrag über hochangereichertes Uran
durch Sendungen niedrig angereicherten Urans an
die Vereinigten Staaten zurückgezahlt.
Ferner stellten die Vereinigten Staaten 350 Millionen
Dollar an Nunn-Lugar-Hilfe für den Abbau strategischer Streitkräfte und anderer, im Zusammenhang
mit der Nichtverbreitung stehender Projekte zur
Verfügung. Wir verfolgen auch ein internationales
Projekt mit 13 anderen Staaten. Diese haben allesamt ihre Absicht bekanntgegeben, der Ukraine Hilfe
für den Abbau von Waffen und ähnliche Unterstützung zu gewähren.
Wir hatten Schwierigkeiten, die Nunn-Lugar-Hilfe in
Gang zu bringen. Wir unternehmen entsprechende
Schritte, und in der kommenden Woche will ein Team

Seite 1

�f

nach Kiew reisen und dort mit der ukrainischen
Regierung Maßnahmen ausarbeiten, die beide
Seiten zur beschleunigten Umsetzung des NunnLugar-Programms ergreifen können.
Ein weiterer wichtiger Teil unserer Bestrebungen in
der Ukraine sind Hilfsleistungen zur Erleichterung
der Schließung des Atomkraftwerkes von Tschernobyl. Die G-7 haben der Ukraine 200 Millionen Dollar
zur Verfügung gestellt, um ein Programm für nukleare Sicherheit und Energieversorgung in Gang zu
setzen. Anfang September wird ein Team aus der
G-7 den Ukrainern unseren Plan unterbreiten.
Wir arbeiten mit der Ukraine zusammen, um ihre
Unterstützung für eine umfassende Nichtverbreitungstagesordnung zu gewinnen. Der nächste
wichtige Schritt besteht im Beitritt der Ukraine zum
Nichtverbreitungsvertrag. Anschließend könnten wir
den START-I-Vertrag in Kraft setzen. Ferner wird
der Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag der Ukraine
auch den Weg zur Teilnahme an anderen Nichtverbreitungsregimen ebnen. Im Mai unterzeichneten
der stellvertretende Ministerpräsident Schmarow und
Vizepräsident Gore ein Abkommen, in dem sich die
Ukraine zur Respektierung der Richtlinien des Rake-

tentechnologie-Kontrollregimes (MTCR) verpflichtet.
Es stellt die Weichen für Zusammenarbeit im Weltraum mit der Ukraine, die über eine moderne Weltraumindustrie verfügt. Durch die Demonstration ihres
Engagements für die Nichtverbreitung sowie effektive
Exportkontrollen kann die Ukraine für die Aufnahme
in das MTCR als vollwertiger Partner in Betracht
gezogen werden. Ferner erwarten wir, daß die
Ukraine nach ihrem Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag und der Einführung ihres Exportkontrollsystems
ein Partner im Nachfolgeregime der COCOM-Liste
wird.
Seit Januar dieses Jahres, als sich Rußland, die
Ukraine und die Vereinigten Staaten auf Schritte zum
Abzug von Atomwaffen aus der Ukraine und entsprechende Kompensationsmaßnahmen einigten,
begannen wir einen Prozeß, um bedeutende Fortschritte bei der Nichtverbreitung zu erzielen. Seit
Januar haben wir viel erreicht. Wir begrüßen die
Erklärungen Präsident Kuchmas, seine Regierung
werde weiterhin das trilaterale Abkommen umsetzen,
und zählen darauf, daß seine Regierung den nächsten wichtigen Schritt unternehmen wird: den Beitritt
zum Nichtverbreitungsvertrag.

* * * *

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*

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�OSTEUROPA
10. August 1994

KONZENTRATION AUF OFFENE GESELLSCHAFTEN
IN OSTEUROPA ERFORDERLICH
Anhörung von George Soros
WASHINGTON - (AD) - Dem Finanzmogul und Philanthropen George Soros zufolge muß der Westen seine
außenpolitischen Zielsetzungen im postkommunistischen Osteuropa, wo Nationalismus und ethnischer
Chauvinismus die Fortschritte zur Demokratie bedrohen, konkretisieren und verfeinern.
"Die Schaffung und Erhaltung offener Gesellschaften sollte ein Ziel der Außenpolitik sein, und im Falle der
ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre sollten wir dies zu unserem Hauptziel erklären", stellte Soros bei einer
Anhörung vordem Auswärtigen Unterausschuß für internationale Sicherheit, internationale Organisationen und
Menschenrechte des Repräsentantenhauses am 1. August 1994 fest.
Das Konzept einer offenen Gesellschaft, so Soros, "impliziert nicht nur eine demokratisch gewählte Regierung,
sondern auch eine Gesellschaft, die nicht vom Staat beherrscht ist. Es bedeutet eine starke bürgerliche
Gesellschaft und Rechtstaatlichkeit. Und es reicht nicht aus, daß die Regierung von einer Mehrheit gewählt
ist - sie muß auch Minderheiten und deren Ansichten respektieren."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von George Soros Anhörung.

In habe in den vergangenen fünf Jahren einen
Großteil meiner Zeit, Energie und meines Geldes auf
Mittel- und Osteuropa sowie die ehemalige Sowjetunion verwandt, weil ich der Auffassung bin, daß der
Zusammenbruch des sowjetischen Systems ein
historisches, revolutionäres Ereignis war, dessen
Ergebnis den Lauf der Geschichte gestalten wird.
Ich habe ein breitgefächertes Netz von Stiftungen
geschaffen, mit denen Hilfe und Unterstützung beim
Übergang von einer geschlossenen zu einer offenen
Gesellschaft geleistet werden soll. Ich habe die
Stiftung 1979 gegründet und im Jahr 1984 in meinem Heimatland Ungarn die erste Organisation vor
Ort ins Leben gerufen, aber mein Engagement nahm
mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems
zu. Inzwischen gibt es in 23 Ländern Stiftungen,
und meine jährlichen Beiträge sind von 3 Millionen
Dollar im Jahr 1979 auf 300 Millionen Dollar 1993
gestiegen - aber die aufgewendete Geldmenge ist
nicht der beste Indikator für die Effizienz der Organisation, weil einige der besten Projekte am wenigsten
Geld erfordern.
Als ich mich zu engagieren begann, hatte das
kommunistische Dogma zu einer geschlossenen
Gesellschaft geführt, in der der Staat von einer
Partei und die Gesellschaft vom Staat beherrscht

AMERIKA DIENST 31

war. Der einzelne war der Gnade des staatlichen
Parteiapparats ausgeliefert.
Das kommunistische Dogma war falsch, eben weil es
ein Dogma war, das vorgab, die letzte Wahrheit zu
beinhalten. Es konnte nur durch eine grobe Verzerrung der Realität umgesetzt und selbst dann nicht
auf unbegrenzte Zeit aufrechterhalten werden. Die
Kluft zwischen Dogma und Realität wurde immer
deutlicher - die Überzeugungskraft des Dogmas für
das Denken der Menschen immer dürftiger - bis
schließlich das Regime rasch auf eine Weise zerfiel,
die zu einer Revolution führte.
1989 gab es einen Augenblick der Euphorie, als die
Menschen sich von einem repressiven System befreit
fühlten, und dieser Augenblick hätte genutzt werden
können, um den Übergang zu einer offenen Gesellschaft in die Wege zu leiten. Ich sah diese Chance,
die mich dazu verleitete, meine gesamte Energie in
den Prozeß einzubringen. Ich muß heute jedoch
zugeben, daß der Augenblick verstrichen und die
Chance verpaßt ist.
Der Zusammenbruch einer geschlossenen Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer offenen
Gesellschaft, weil eine offene Gesellschaft eine
modernere, weiterentwickelte Form der Organisation

Seite 1

�ist als eine geschlossene. Freiheit ist nicht nur das
Fehlen von Repression. Eine Gesellschaft, in der
Menschen frei sind, erfordert die Freiheit schützende
Institutionen und vor allem Menschen, die an diese
Institutionen glauben.
Die Institutionen selbst
müssen sehr viel moderner werden, weil sie den
Ausdruck unterschiedlicher Ansichten und Interessen
gestatten müssen, wohingegen eine geschlossene
Gesellschaft nur eine Sichtweise anerkennt - die
herrschende. Mit anderen Worten, der Übergang
von einer geschlossenen zu einer offenen Gesellschaft ist ein Schritt nach vorne und kann ohne eine
helfende Hand nicht in einem Sprung vollzogen
werden. Das war meine Motivation, mich so sehr zu
engagieren. Aber die offenen Gesellschaften der
freien Welt waren nicht so motiviert. Zu der Zeit gab
es viel guten Willen gegenüber Osteuropa, aber
irgendwie wurde er nicht in effektives Handeln
umgesetzt. Die Regierungspolitik in Europa und den
Vereinigten Staaten war durch einen einzigartigen
Mangel an Verständnis und Vision gekennzeichnet.
Vergleichen Sie die Reaktion auf den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit dem Zusammenbruch des Nazireichs. Damals hatten die
Vereinigten Staaten noch die Vision und die Großzügigkeit, den Marshallplan ins Leben zu rufen, und
der Marshallplan bewirkte Wunder. Er leistete nicht
nur Hilfe, sondern bildete auch den Rahmen zur
Zusammenarbeit für die europäischen Länder. Im
Rahmen des Marshallplans wurden nicht nur technische Experten zur Vermittlung ihres Wissens entsandt, er brachte auch eine große Zahl von Europäern in die Vereinigten Staaten und gestattete ihnen,
ihre eigene Tagesordnung zu formulieren. Wir
scheinen all diese positiven Erfahrungen vergessen
zu haben. Als das sowjetische Imperium zerfiel, gab
es keine politische Unterstützung für irgendeine
Form der Hilfe großen Umfangs, und der Marshallplan war zu einem Schimpfwort geworden.
In Ermangelung der westlichen Führungsrolle führte
der Zusammenbruch des sowjetischen Systems nicht
zum Entstehen offener Gesellschaften. Ferner gibt
es keine Gewißheit, daß dies statt in der Hitze des
Gefechts des revolutionären Augenblicks nicht durch
einen langsameren, mühsameren Prozeß erreicht
werden könnte. Im Gegenteil, insofern sich ein
Muster ergibt, zeigt es in die entgegengesetzte
Richtung.
Der Zerfall einer geschlossenen Gesellschaft auf der
Grundlage des universellen Dogmas des Kommunismus hat zu der weitverbreiteten Ablehnung aller
universellen Ideen geführt, und die Länder, aus
denen das sowjetische Imperium zusammengesetzt
war, versuchen, ein Organisationsprinzip in ihrer
eigenen besonderen Geschichte zu finden. Natürlich

Seite2

gibt es Ausnahmen von der Regel, aber das sich
abzeichnende vorherrschende Thema ist nationale
oder ethnische Identität statt eines universellen
Konzepts wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder eine offene Gesellschaft.
Dies schafft eine äußerst gefährliche Situation, weil
nationale Beschwerden ausgebeutet werden können,
um mehr oder weniger geschlossene Gesellschaften
zu gründen, und dies ist das Rezept für Konflikt. Um
die Gesellschaft hinter dem Staat zu mobilisieren,
benötigt man einen Feind, und wenn man keinen hat,
muß man einen erfinden. Das tat Hitler, als er die
Juden als die Feinde des deutschen Volkes brandmarkte, und er hat viele Nachahmer in der postkommunistischen Welt.
Bedauerlicherweise gibt es
keinen Mangel an Beschwerden, weil kommunistische
Regime für gewöhnlich alle nationalen oder ethnischen Bestrebungen unterdrückten, die ihren Zielen
nicht paßten.
Obwohl einige der nationalistischen Anführer ehemalige Dissidenten sind, gelingt den ehemaligen Kommunisten die Ausbeutung nationaler Gefühle für
gewöhnlich besser, weil sie eher wissen, wie man auf
allen Ebenen der Macht operiert. Sie können einen
größeren nationalen Konsens herbeiführen als
demokratische Anführer, die eine offene Gesellschaft
anstreben. Betrachten Sie sich Milosevic in Jugoslawien, Tudjman in Kroatien, Meciar in der Slowakei
und Krawtschuk in der Ukraine und vergleichen sie
die von ihnen auf dem Höhepunkt ihrer Popularität
erzielten Mehrheiten mit der schmalen politischen
Basis, mit der sich prowestliche demokratische
Regierungen in Ländern wie Rußland, Polen, Bulgarien oder Makedonien begnügen mußten.
In diesem Zusammenhang finde ich die jüngsten
Wahlsiege der ehemals kommunistischen Parteien in
Ländern wie Ungarn, Polen oder Litauen überhaupt
nicht beunruhigend. Hier handelt es sich um Reformkommunisten, die sich so weit wie möglich vom
Kommunismus entfernen möchten. Ihr Wiederauftreten ist eine begrüßenswerte Erweiterung des
demokratischen Spektrums. Ich freue mich besonders über das Ergebnis der jüngsten Wahlen in
Ungarn. Die nationalistische Linie wurde von der
Wählerschaft abgelehnt, und die Tatsache, daß die
Sozialistische Partei eine Koalition mit den Freien
Demokraten auf der Grundlage eines gut durchdachten und gut formulierten Reformprogramms
eingegangen ist, prophezeit eine gute Zukunft. Im
Falle Polens ist der Wechsel weniger glücklich, weil
die 1990 begonnenen radikalen und schmerzhaften
Reformen erste Früchte tragen und die Regierung
gerade zu funktionieren begonnen hatte, als sie eine
Niederlage erlitt. Aber der Reformkurs ist unumkehrbar und Polen heute wahrscheinlich das dynamisch-

AMERIKA DIENST 31

�ste Land in Europa, sowohl im Hinblick auf seine
Wirtschaft als auch auf seine Denkweise. Das
schlimmste, was passieren kann, ist, daß es an
Auftrieb verliert.
Insgesamt gesehen kann ich kaum eine Chance für
eine Rückkehr zum Kommunismus ausmachen.
Kommunismus als Dogma ist wirklich tot. Die reale
Gefahr ist das Auftauchen nationalistischer Möchtegern-Diktatoren. Sie spielen auf einer Ebene, die
sich definitiv zu ihren Gunsten neigt. Es ist sehr viel
leichter, die Gesellschaft wegen einer echten oder
eingebildeten nationalen Verletzung als wegen einer
abstrakten Idee wie Demokratie oder offene Gesellschaften zu mobilisieren. Der Aufbau offener Gesellschaften ist im wesentlichen ein konstruktiver Prozeß, und es ist nur zu leicht, ethnische Konflikte zur
Unterminierung der Grundlagen einer offenen
Gesellschaft zu nutzen.
Nehmen Sie den Fall Jugoslawien. Jugoslawien war
ein relativ wohlhabendes Land, das seit 20 Jahren
für den Westen geöffnet war und das die für eine
offene Gesellschaft erforderlichen intellektuellen
Ressourcen entwickelt hatte. Ich erinnere mich an
1990, als in Jugoslawien und Polen gleichzeitig die
Währungsreform eingeführt wurde. Jugoslawien war
zu ihrer Durchführung viel besser vorbereitet. Das
Land verfügte über eine Gruppe von Leuten, die
vom IWF und der Weltbank ausgebildet worden
waren, und die Reform war in der Tat sehr viel
erfolgreicher als in Polen. Das war im Mai 1990.
Dann plünderte Milosevic im Verlauf seines Wahlkampfes die Staatskasse und zerstörte die Währungsstabilität. Das war das Ende des Versuchs,
Jugoslawien in eine offene Gesellschaft umzuwandeln.
Und jetzt haben wir ein noch beeindruckenderes
Beispiel: Griechenland. Dieses Land ist Mitglied der
Europäischen Union, der NATO und vollständig in
die internationale Staatengemeinschaft integriert.
Dennoch war es möglich, über den Namen "Makedonien" nationale Gefühle zur Raserei aufzupeitschen.
Ein kleiner und schwacher Nachbar im Norden wird
zu einer Bedrohung der territorialen Integrität Griechenlands hochstilisiert. Zugegebenermaßen gibt es
eine Minderheit in Makedonien, die irredentistische
Träume auf der Grundlage der in der Vergangenheit
erlittenen ethnischen Verletzungen nährt. Aber die
Regierung Makedoniens ist der Schaffung eines
multiethnischen, demokratischen Staats aufrichtig
verpflichtet. Sie ist zu jeder Konzession bereit,
abgesehen von der Aufgabe ihrer eigenen Identität.
Aber die öffentliche Meinung in Griechenland sympathisiert mit den makedonischen Extremisten, nicht
der makedonischen Regierung, und das Thema

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wurde in Griechenland für innenpolitische Zwecke
ausgeschlachtet.
In der Zwischenzeit bricht die makedonische Wirtschaft, die bereits von den gegen Serbien verhängten
Sanktionen schwer geschädigt ist, unter der Last des
griechischen Embargos zusammen.
Die Eisenbahnverbindung verläuft im Norden und Süden, und
Makedonien ist auf beiden Seiten abgeschnitten. Als
Folge davon ist die vom Bahntransport abhängende
Schwerindustrie zum Stillstand gekommen.
Die
Wirtschaftskrise gefährdet die politische Stabilität.
Die multiethnische, demokratische Koalition wird
gleichermaßen von Extremisten auf der slawischmakedonischen und der albanischen Seite bedroht.
Sie könnte bei den nächsten Wahlen schnell aufgelöst werden, und im Falle eines Auseinanderbrechens
von Makedonien gäbe es einen dritten Balkankrieg.
Wie Sie sehen, besteht in Osteuropa genug Anlaß
zur Sorge. Als ich mein Projekt begann, plante ich
eine kurzfristige Kampagne, um die augenblickliche
Revolutionsbewegung zu nutzen und ein Beispiel zu
geben, dem die langsameren, schwerfälligen Institutionen unserer offenen Gesellschaften folgen
könnten. Bedauerlicherweise hatte ich mich geirrt.
Jetzt muß ich in biblischen Dimensionen denken - 40
Jahre in der Wüste. Der Kampf um eine offene
Gesellschaft ist nicht verloren, wie Polen und Ungarn
demonstrieren, er wird jedoch viel Zeit und viel Hilfe
von außerhalb erfordern, und darüber mache ich mir
Sorgen.
Ich war mir immer der fatalen Schwäche des Konzepts einer offenen Gesellschaft bewußt. Die Schwäche liegt darin, daß die in einer offenen Gesellschaft
lebenden Menschen sich nicht einmal bewußt sind,
daß sie in einer offenen Gesellschaft leben, und eine
offene Gesellschaft auch nicht für ein erstrebenswertes Ziel halten, für das sich Mühen und Opfer
lohnen. In einer Hinsicht ist Freiheit wie Luft: Die
Menschen kämpfen nur darum, wenn sie ihrer
beraubt werden. Wenn sie vorhanden ist, wird sie
ignoriert. In anderer Hinsicht unterscheidet sich die
Freiheit jedoch stark: Wenn man sie nicht pflegt und
schützt, hat sie die Tendenz, zu verschwinden.
Wenn wir aus den revolutionären Ereignissen in
Osteuropa, deren Zeuge wir seit 1989 waren, eine
Lehre ziehen können, dann ist es die Tatsache, daß
Freiheit nicht lediglich das Fehlen von Unterdrückung
ist und der Zusammenbruch einer geschlossenen
Gesellschaft nicht automatisch zu einer offenen
Gesellschaft führt.
Das Problem besteht darin, daß man diese Lektion
nicht gelernt hat. Nach dem Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums zögerten wir nicht, ihn als

Seite 3

�Sieg der freien Welt zu bezeichnen. Wir waren
jedoch andererseits nicht geneigt, für die Schaffung
einer freien und offenen Gesellschaft in diesem Teil
der Welt irgendwelche Opfer zu bringen. Die Folgen
werden jetzt auf schmerzliche Weise offensichtlich,
wir haben jedoch nicht einmal angefangen, sie zu
erkennen.
Was ist falsch gelaufen? Meines Erachtens hat sich
unsere Vorstellung von Freiheit geändert.
Im
Zweiten Weltkrieg wurde sie zu einer Idee emporgehoben, für die wir bereit waren zu kämpfen und
Opfer zu bringen. Die damalige Auffassung der Idee
umfaßte nicht nur die Freiheit in unserem eigenen
Land, sondern auch in den Ländern, die Opfer eines
totalitären Regimes waren. Diese Vorstellung wurde
in der Nachkriegszeit übernommen. Sie war verantwortlich für den Zerfall von Kolonialregimen und
die Bildung eines antikommunistischen Bündnisses.
Diese Idee trat jedoch allmählich in den Hintergrund
und wurde von einer anderen Idee ersetzt, die das
Streben nach Freiheit als gültiges außenpolitisches
Ziel ausdrücklich ablehnte. Diese Idee - "Geopolitik"
- besagte, daß die Staaten ihre eigenen Interessen
so entschlossen verfolgen sollten, wie es ihre
geopolitische Situation gebietet, und moralische oder
ethische Erwägungen nur eine zweitrangige Rolle
spielen. Sie können für Propagandazwecke nützlich
sein - die Mobilisierung der öffentlichen Meinung im
In- oder Ausland - aber man gerät in große Schwierigkeiten, wenn man seiner eigenen Propaganda
Glauben schenkt.
Eine Begleiterscheinung der Geopolitik in den internationalen Beziehungen war das Konzept des wirtschaftlichen Laisser-faire, das in den achtziger
Jahren auf wundersame Weise wiederauflebte. Wie
Sie wissen, besagt es, daß die ungehinderte Verfolgung des Eigeninteresses zur optimalen Ressourcenverteilung führt. Diese beiden Konzepte haben
uns bei unserer Reaktion auf den Zusammenbruch
des sowjetischen Systems geleitet und tun das auch
heute noch. Meines Erachtens sind sie in der
derzeitigen Situation äußerst unzureichend.
Solange wir mit dem Reich des Bösen in tödliche
Kämpfe verstrickt waren, lebten wir in einer stabilen
Weltordnung und hatten ein klares Bild von unserem
Platz in der Welt. Die Weltordnung war stabil, weil
beide Seiten die Fähigkeit zur gegenseitigen Zerstörung besaßen und deshalb keine Seite einen
totalen Krieg riskieren konnte. Und wir konnten uns
durch unser Feindbild definieren: Wir waren die
Führungsmacht der freien Welt. Die Stabilität der
Weltordnung wurde jedoch durch die interne Auflösung des Sowjetreiches zerstört, und wir verloren
unseren Identitätssinn. Wir wollen immer noch eine

Seite 4

Supermacht und Führungsmacht sein, wissen jedoch
nicht, was diese Begriffe bedeuten. Wir wissen nicht,
wofür die freie Welt steht und - noch schlimmer - wir
wissen nicht, ob wir für die freie Welt eintreten sollen,
weil wir zu der Überzeugung gelangt sind, daß unser
Lebensstil auf der Verfolgung unserer eigenen
Interessen gründet, wie in den Doktrinen der Geopolitik und des Laisser-faire zum Ausdruck gebracht.
In gewisser Weise ist die derzeitige Situation einmalig. In der Vergangenheit wurden Frieden und
Stabilität entweder durch die Macht eines Imperiums,
ein Kräftegleichgewicht oder eine Kombination von
beidem aufrechterhalten. Derzeit haben wir keine
dieser Optionen. Die Vereinigten Staaten haben
weder die Fähigkeit noch das Interesse, die Welt auf
die Art und Weise zu beherrschen, wie die Briten es
im 19. Jahrhundert taten. Großbritannien zog genügend Vorteile aus dem freien Handel, um die Existenz einer Flotte zu rechtfertigen. Die Vereinigten
Staaten hingegen sind nicht länger die Hauptnutznießer von freiem Handel und können sich die Rolle
eines Weltpolizisten nicht leisten. Wir müssen von
kollektiven Aktionen abhängen, haben jedoch keine
klare Idee davon, was das kollektive Interesse ist.
Das schafft ein gefährliches Machtvakuum. Es
bestand die Hoffnung, daß es von den Vereinten
Nationen gefüllt würde, diese sind jedoch nicht
besser als ihre Mitgliedstaaten. Vielmehr sind sie
noch schlechter, denn die einzelnen Staaten verfolgen generell ihre nationalen Eigeninteressen auf
Kosten des kollektiven Interesses, und sie werden
von einer Bürokratie verwaltet, die mehr an ihrem
eigenen Überleben als am Überleben unserer Zivilisation interessiert ist. Es gab keinen Zeitpunkt in der
Geschichte, an dem der Friede von einer internationalen Institution aufrechterhalten wurde, und es gibt
keinen Grund zu glauben, daß in der jetzigen Situation etwas anderes der Fall sein wird.
Was sollte getan werden? Ich habe nicht alle Antworten, jedoch einen Vorschlag, der vielleicht hilfreich
sein könnte. Die Schaffung und Erhaltung offener
Gesellschaften sollte ein Ziel der Außenpolitik sein,
und im Falle der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre sollten wir dies zu unserem Hauptziel
erklären. Ich mache diesen Unterschied zwischen
der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre und der
übrigen Welt, da das sowjetische System unwiderruflich zusammengebrochen ist. Das nachfolgende
System wird enormen Einfluß auf den Lauf der
Geschichte und damit auf unsere eigene Zukunft
nehmen. In der übrigen Welt stellt die Förderung
offener Gesellschaften eines mehrerer, miteinander
konkurrierender Ziele dar. In der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre ist es von vorrangiger Bedeutung. Meines Erachtens sollte ihm selbst die Kernwaffenfrage untergeordnet sein.

AMERIKA DIENST 31

�Wenn ich von einer offenen Gesellschaft spreche,
meine ich eine Organisationsform, die lose als
Demokratie bezeichnet werden kann. Das Konzept
einer offenen Gesellschaft ist jedoch umfassender.
Es impliziert nicht nur eine demokratisch gewählte
Regierung, sondern auch eine Gesellschaft, die nicht
vom Staat beherrscht ist. Es bedeutet eine starke
bürgerliche Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit.
Und es reicht nicht aus, daß eine Regierung von
einer Mehrheit gewählt ist - sie muß auch Minderheiten und deren Ansichten respektieren. Mit anderen
Worten: Ich mache den Vorschlag, das alte Konzept
des Kommunismus kontra freie Welt durch das
Konzept offener und geschlossener Gesellschaften
zu ersetzen. Das alte Konzept war selbst als es
relevant war äußerst suspekt, da eine antikommunistische Haltung zur Rechtfertigung von Aktionen
benutzt werden konnte, die mit dem Verhalten einer
offenen Gesellschaft unvereinbar waren. Das neue
Konzept gestattet es, uns über das zu definieren,
wofür wir stehen, anstatt über unser Feindbild. Es
bietet eine Perspektive, die zur Zeit leider fehlt.
Zumindest zeigt es uns, daß nationalistische Diktaturen heute eine ebensolche Gefahr sind wie damals
der Kommunismus.

Eines ist jedoch sicher: Die NATO kann das durch
den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums
geschaffene Machtvakuum nicht füllen. Erforderlich
ist ein Bündnis zwischen der NATO einerseits und
Rußland sowie den anderen Nachfolgestaaten der
Sowjetunion andererseits. Die NATO kann um die
mitteleuropäischen Staaten erweitert werden, die
Anwärter auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen
Union sind, wenn sie jedoch auch Rußland umfassen
würde, würde sie bis zur Bedeutungslosigkeit geschwächt. An diesem Punkt wäre eine neue Perspektive von Nutzen.

Wie kann diese Perspektive in politische Empfehlungen umgesetzt werden? Erstens benötigen wir eine
starke Europäische Union, die außenpolitische
Entscheidungen treffen kann. Das fehlt heute, wie
auch die vertrackte Lage in Bosnien auf traurige
Weise demonstriert. Zweitens muß die Europäische
Union offener werden, insbesondere gegenüber dem
Osten, und darf nicht zu einer Festung werden, die
sich vor dem Tumult außerhalb ihrer Mauern schützt.
Die Länder Mittel- und Osteuropas benötigen die
klare Aussicht, der Europäischen Union beitreten zu
können, um den Übergang zu offenen Gesellschaften abzuschließen. Sie benötigen Privatinvestitionen
stärker als staatliche Hilfe, und die Aussicht auf eine
EU-Mitgliedschaft ist das beste Rezept für die Anziehung von Privatinvestitionen. Meines Erachtens
würden die Vereinigten Staaten und Deutschland,
wenn nicht alle übrigen Mitglieder der Europäischen
Union, mir in diesem Punkt zustimmen.

Die Idee ist nicht so absurd, wie wir uns selbst
glauben machen. Sie könnte vom IWF durch Sonderziehungsrechte finanziert und - im Erfolgsfall vollkommen zurückgezahlt werden. Dadurch würde
die brennendste Frage der Region gelöst: Die
Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums
ohne die vollkommene politische Dominierung durch
Rußland. In diesem Zusammenhang bieten die
jüngsten Präsidentenwahlen in der Ukraine, aus
denen ein an Wirtschaftsreformen ehrlich interessierter Präsident hervorging, eine Chance, die wir hoffentlich nicht verstreichen lassen. Eine echte Partnerschaft für den Frieden würde gekoppelt mit einer
Partnerschaft für den Wohlstand eine stabile Grundlage für eine neue Weltordnung bieten. Gibt es sie
nicht, werden wir eine weltweite Unordnung haben.

Drittens sollte die NATO - im wesentlichen ein
Bündnis zwischen Nordamerika und Europa - als
Hauptstütze der neuen Weltordnung dienen. Es ist
eine offene Frage, ob eine direkte Verbindung
zwischen der NATO und unseren asiatischen Verbündeten wie Japan und Korea erforderlich ist.

*

AMERIKA DIENST 31

Ich habe argumentiert, daß Rußland und die anderen
Nachfolgestaaten Hilfe von außen benötigen, um
Fortschritte bei ihrer Umgestaltung machen zu
können. Sie halten Fragen der externen Sicherheit
nicht für eine Bedrohung, sondern vielmehr für eine
Chance, die Aufmerksamkeit von ihrem wirtschaftlichen Scheitern ablenken und politische Unterstützung
mobilisieren zu können. Unter diesen Umständen
muß die Partnerschaft für den Frieden von einer
"Partnerschaft für den Wohlstand" begleitet werden,
einem Marshallplan der Gegenwart, um Substanz zu
erhalten.

Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich
Makedonien ansprechen. Hier handelt es sich um
einen klaren Fall, bei dem uns ein Quentchen Vorbeugung viele Sorgen ersparen kann. Es sollte zu
einer Priorität werden, diesem winzigen Land mit
einer demokratischen, multiethnischen Regierung zu
Hilfe zu kommen, das sich aus Gründen außerhalb
seiner Kontrolle kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch befindet.

* * *

*

Seite 5

�LANDESKUNDE
10. August 1994

IM TAL DER SONNE
von Maggie Wilson
HOUSTON - (AD) - Millionen von Besuchern kommen wegen des Klimas, der spektakulären Landschaft und
des entspannten Lebensstils ins Tal der Sonne von Arizona. Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels
beschreibt die Anziehungspunkte der Region, insbesondere Phoenix und Scottsdale.
Maggie Wilson ist freiberufliche Schriftstellerin und lebt in Phoenix.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vista/USA, der Zeitschrift des EXXON
Travel Club. Copyright (c) 1992 EXXON Travel Club, Inc., Houston (Texas). Alle Rechte vorbehalten.

Der Jetliner glitt über das ausgetrocknete Flußbett
des Salt River, bevor er auf dem Sky Harbor International Airport landete.
Sämtliche Passagiere
schnappten erstaunt nach Luft, als die Lichter von
Phoenix (Arizona) und der 20 Städte in der Umgebung zu sehen waren, soweit das Auge reichte.
"Oh Mann!", japste der neben mir sitzende Cowboy.
"Das ist aber nicht gerade ein kleines Kuhdorf.
Ganz schön große Stadt in ihrer Hochblüte. Schaut
Euch bloß mal diese Lichter an!"
In der lauen Wüstennacht glitzerten die Lichter
tatsächlich wie eine Vielzahl von Diamanten und
Rubinen auf dem schwarzen Samt eines Juwelierladens. Als in Arizona Gebürtige hatte ich diese
Ansicht schon oft genossen, aber sie erweckte bei
mir immer noch dieselbe Reaktion wie bei den
Besuchern, die zum ersten Mal kommen.
Vielleicht liegt es daran, daß ich die Geschichte
kenne. Phoenix entstand auf leerem, unbewohntem
Land und wurde Dreh- und Angelpunkt des blühenden Tals der Sonne, Hauptstadt des Bundesstaates
Arizona, neuntgrößte Stadt der Vereinigten Staaten
und Wüstenmetropole von Weltklasse - und das
alles in 120 Jahren.
Dem Historiker John Myers zufolge hat sich "zu
keinem Zeitpunkt in der Geschichte in einem vergleichbaren Zeitraum eine Ansiedlung aus dem
Nichts zu einer derartigen Stadt entwickelt".
Was hat das Wachstum stimuliert? Zweifellos das
Wetter (im Durchschnitt 306 Tage im Jahr Sonnenschein, Temperaturen im Winter zwischen 16 und

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27° Celsius), die aufsehenerregende Natur in der
Umgebung (überraschend üppig für eine Wüstenstadt) und der entspannte, aber aktive Lebensstil.
Diese Aktivposten ziehen - insbesondere in den
Wintermonaten - Millionen von Besuchern in das
treffend so bezeichnete Tal der Sonne, wo stark
entwickelte Gebiete wie Phoenix und Scottsdale in
einem von Bergen umgebenen Wüstengebiet gelegen
sind - einschließlich des 820 Meter hohen Camelback
Mountain.
Phoenix ist immer noch eine der am schnellsten
wachsenden Metropolen der Nation. Dennoch ist die
Neuzeit schon das zweite Leben der Stadt. Vor
nahezu 2000 Jahren bändigten prähistorische Hohokam-lndianer den Saft River und lenkten sein Wasser
durch ein verzweigtes Kanalsystem zu Bohnen-,
Mais-, Kürbis und Baumwollfeldern. Um ungefähr
1100 v.Chr. war die Zahl der Hohokam-Indianer auf
20.000 angewachsen (zur Zeit leben im Vergleich
dazu im Tal der Sonne über zwei Millionen Menschen), aber um 1450 verschwanden die Indianer auf
mysteriöse Weise.
Das Tal des Salt River war bis in die sechziger Jahre
des 19. Jahrhunderts nur von Schweigen und Sonnenschein erfüllt, bis ein Soldat und Goldsucher der
Konföderierten 400 Dollar und acht Maulesel investierte, 16 arbeitslose Bergleute einstellte und die
Hohokam-Kanäle freischaufeln ließ. Diese wurden
dann zur Bewässerung von Weiden und Gerstenfeldern genutzt, auf denen wiederum Futter für die Tiere
in den Lagern der US-Armee hergestellt wurde.
Kavallerietrupps, Gold- und Silberminen breiteten sich
im gesamten Gebiet von Arizona aus.

Seite 1

�Obwohl der Salt River jetzt flußaufwärts eingedämmt
ist und eine Reihe von Seen bildet, die in Trockenzeiten die Wasserversorgung regeln, werden die
Kanäle der Hohokam-Indianer immer noch als
Verteilungssysteme genutzt. Die Stadt hat Schritte
unternommen, um das Erbe ihrer Ureinwohner zu
bewahren.
Das Pueblo Grande Museum und der Kulturpark
bieten einen Einblick in die Kultur der HohokamIndianer, die kilometerlange Kanäle gruben, wobei
sie Stöcke als Schaufeln benutzten und die Erde mit
Körben auf ihrem Rücken davontrugen. (Vor der
Ankunft der Spanier waren Lasttiere unbekannt.) In
den Ausstellungen ist zu sehen, daß die HohokamIndianer nicht nur hochentwickelte Hydrologen,
sondern auch Kunsthandwerker mit erlesenem
Geschmack waren. Aus diesem Grund trägt der
Direktor des Pueblo Grande den Titel "Stadtarchäologe". Phoenix war die erste Stadtverwaltung mit
einem Mitarbeiter, der einen solchen Titel trägt.

Der Anziehungspunkt ist das Arizona Center, ein acht
Häuserblöcke, (bisher) 212 Millionen Dollar teurer
Gebäudekomplex mit Fachgeschäften, Restaurants,
fahrbaren Eis- und Würstchenständen, Western
Saloons und zwei Bürotürmen - alles umgeben von
luftigen Gehwegen, Sitznischen, schattenspendenden
Bäumen und Rasenflächen, Springbrunnen und
Blumengärten.
1994 eröffnete die Stadt das Orpheum Theater
wieder für Gastspiele, Shows und Musikais. Die
neue Stadthalle ist um das alte Art-deco-Theater mit
seinen 1.400 Sitzplätzen gebaut, um die Parkeinrichtungen sowie die Kosten für Heizung und Klimaanlage besser zu nutzen.
In der Nähe von Phoenix ist Scottsdale ein Anziehungspunkt für Freizeitgäste. In der Stadt befinden
sich ein Viertel aller Hotelbetten des Tals, 60 Prozent
der Gästezimmer sowie eine Vielzahl von Geschäften
und Kunstgalerien.

Im Desert Botanical Garden mit seinen über 10.000
Wüstenpflanzen und wilden Blumen aus fünf Kontinenten wird besonderer Wert auf Nutzung der
südwestlichen Pflanzen für Nahrungsmittel, Kleidung,
Unterbringung, Arzneien und Kunsthandwerk durch
die ursprünglichen Bewohner der Region gelegt.

Herb Drinkwater, seit vielen Jahren Bürgermeister
von Scottsdal, kam während der vierziger Jahre als
Teenager in das Tal, so asthmatisch, sagt er, daß
seine Lippen und Fingernägel sich blau verfärbten bei
der Anstrengung, einen Raum zu durchqueren.
Heute ist er geheilt und robust.

Das Heard Museum, das in einem Haus im klassischen spanischen Kolonialstil untergebracht ist, zeigt
eine Ausstellung der Kulturen und Kunst der Indianer
aus dem Südwesten. Eine besondere Attraktion ist
die Kachina-Puppengallehe mit Stücken aus den
Kollektionen der ehemaligen Senatoren Barry
Goldwater und Fred Harvey, dem Gründer der
Harvey Houses (einer Restaurantkette) entlang der
Eisenbahnlinie nach Santa Fe. Ebenso beeindrukkend sind die Kollektionen des Museums, die sich
mit den Schönen Künsten der ursprünglichen Bewohner dieser Region befassen, einschließlich
historischer und zeitgenössischer Bilder und Skulpturen.

"Die Menschen kommen in das Tal", so Drinkwater,
"weil sie das Wetter mögen, auf einem der 116
herrlichen Golfplätze Golf spielen, reiten, bergsteigen,
wichtige Baseballspiele bei den Trainingsspielen im
Frühjahr sehen - all die herrlichen Dinge in freier
Natur tun wollen... Darüber hinaus ist das Tal so
zentral gelegen, daß man jetzt morgens (im Norden)
Ski und nachmittags hier unten (auf dem nahegelegenen Saguaro-See) Wasserski laufen kann - alles am
gleichen Tag."

Diese drei Attraktionen waren immer ein Hit. Jetzt
gibt es jedoch noch mehr zu sehen. Die derzeitige
große Neuigkeit aus Phoenix ist die Wiederbelebung
der Innenstadt.
"Vor vier Jahren", so Margaret Müllen, geschäftsführende Direktorin der Downtown Phoenix Partnership, "konnte man nach Einbruch der Dunkelheit auf
der Hauptstraße Schießübungen machen, ohne
irgend etwas zu treffen, außer vielleicht einer Palme.
Nach Büroschluß wurden die Bürgersteige hochgeklappt. Heute ist unsere Innenstadt - Tag und
Nacht, an Wochenenden und Feiertagen - voller
Menschen."

Seite 2

Für Drinkwater erfüllt sich mit der bevorstehenden
Kanalufer-Erschließung entlang der Straßen von
Scottsdale und Camelback ein lange gehegter Traum.
Der Arizonakanal wird in eine Landschaft mit Wegen,
Brücken, Restaurants, Geschäften und Ladenstraßen
eingebettet. Die Erschließung verspricht eine erfreuliche Ergänzung zu Scottsdales Indian Bend
Wash zu werden, einer langgestreckten, parkähnlichen Aue mit Golfkursen, Joggingpfaden und
Radfahrwegen, Angelstellen, Seen und Picknickplätzen.
Danny Medina, Herausgeberin von zwei Magazinen
über Mode und bildende Künste, erklärt, die Leute
kämen auch wegen Fünf-Sterne-Restaurants wie
Christopher's in Phoenix oder dem Chaparral Room
im Camelback Inn in das Tal.

AMERIKA DIENST 31

�Zu den schickeren Hotels gehören das Phoenician,
The Boulders in Carefree, The Scottsdale Princess,
The Pointe an den Tapito Cliffs und die alteingesessenen - das Camelback Inn, Arizona Biltmore Hotel
und The Wigwam in Litchfield Park. Aber wenn man
Rindfleisch mit Bohnen nach Cowboy-Art oder
Square dance mag, kann man das hier ebenfalls
finden. Zum Beispiel im Pinnacle Peak Patio. Hier
ist es de rigueur für die Kellnerinnen, einfach die
Schlipse der Männer abzuschneiden, um sie an den
Dachbalken aufzuhängen - wo sich bereits Hunderte
befinden.
"Dieses Lokal ist eine Legende, ein Muß", stellt der
im Pinnacle Peak angestellte Cowboy Dan fest.
"Jeder kommt hierhin - Reiche, Arme, ehemalige,
Möchtegern- und echte Berühmtheiten - und aus
jedem Teil der Erde. Sie essen auf Holzkohle des
Mesquitbaums gegrillte Steaks, sehen die Lichter
des Tals unter den Sternen und tanzen zur Musik
einer Countryband."
Mit staubigem Cowboyhut und Schnauzbart sieht
Cowboy Dan (sein Nachname ist KnodI, wird aber
nie benutzt) eher wie ein Goldsucher aus den
achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus, der
seinen Esel verloren hat, als ein zweisprachiger
Empfangschef eines Steak-Hauses der neunziger
Jahre. Und wie die große Mehrheit der Einwohner
von Arizona kam er aus einer anderen Region in
den Bundesstaat.
"Ich bin in der Türkei geboren", erklärt Dan, "und bin
wegen der Religionsfreiheit nach Amerika gekommen. Ich danke Gott, daß ich Amerikaner bin, der
im warmen Arizona lebt. Jetzt bin ich ein freigeistiger Cowboy."
Die Einwohner und Besucher werden in der Stille
der Wüste Sonoran gleichermaßen zu "freigeistigen
Cowboys". Der inzwischen verstorbene Architekt
Frank Lloyd Wright formulierte es folgendermaßen,
als er in den vierziger Jahren sein Winterdomizil
Taliesin West in Scottsdale aufschlug: "Das Leben
in der Wüste ist eine geistige Katharsis, die viele
Menschen benötigen. Ich bin einer von ihnen."

AMERIKA DIENST 31

Wenn Besucher sich in die das Tal umgebenden
Wüstengebiete wagen, sind die meisten erstaunt über
das Grün der Bäume, Büsche und Wiesen sowie die
exotischen Kakteen. Im März und April ist die Wüste
ein Meer von Kakteenblüten und wilden Blumen. Die
Paloverde-Bäume sind in herrliche gelbe Blüten
gehüllt. Und die hochaufragenden Saguaro-Kakteen
wachsen nur in der Wüste im südlichen Arizona und
in Nordmexiko.
"Besucher stellen sich die Wüste als unechte Umgebung wie in den Karikaturen und Western vor",
erläutert Richard Tumolo von den Desert Mountain
Jeep Tours. "Plötzlich werden sie von echten Cowboys durch den Saguaro-Wald geführt, die ihnen
anhand von 500 Jahre alten Mühlsteinen, 200 Jahre
alten Saguaros und 100 Jahre alten sechschüssigen
Revolvern Geschichten erzählen. Sie entspannen
sich total hier draußen, in einer neuen Atmosphäre
des Friedens und der Freiheit, die sich so von allen
anderen Orten unterscheidet."
Tumolo ließ in den siebziger Jahren die Hektik der
New Yorker Textilindustrie hinter sich, um ins Tal der
Sonne zu kommen und nahm ihn besuchende
Freunde zu Picknicks in der Wüste mit. Sie erklärten
ihm immer wieder: "Das ist das Schönste, was wir je
unternommen haben. Warum machst Du nicht ein
Geschäft daraus?" So begann er mit einem Fahrzeug und einem Gitarre spielenden Verwandten.
Heute hat er 12 Fahrzeuge und engagiert mehrere
Bands, die Westernmusik spielen.
"Diese wunderschöne Wüste hat etwas nahezu
Mystisches", stellt Tumolo fest.
Das ist im Tal der Sonne nicht überraschend, wo
Phoenix, wie sein mythischer Namensvetter, praktisch
aus dem Nichts entstanden ist, um zum Mittelpunkt
eines Wüsten-Freizeitgebiets ersten Ranges zu
werden.

Seite 3

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                <text>Amerikadienst 10.08.1994</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher sieht "äußerst ernste Verhandlungen" im Nahen Osten voraus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radiointerview des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Helsinki-Menschenrechtstag 1994 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA streben universelle Befolgung des Vertrags über das Verbot von Atomversuchen an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von ACDA-Direktor Hollum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nächster Schritt für Ukraine ist Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Staatssekretärin Davis&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konzentration auf offene Gesellschaften in Osteuropa erforderlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von George Soros&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Landeskunde&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Im Tal der Sonne &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Maggie Wilson&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. August 1994

32

USA-EUROPA

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat

NORDKOREA

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR DIPLOMATISCHE
VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung

NORDKOREA
UNTERNIMMT
"ERSTEN
SCHRITT" ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen

RÜSTUNGSKONTROLLE

EIN NEUES MILITÄRISCHES
GLEICHGEWICHT? DIE VERHINDERUNG
REGIONALER KONFLIKTE IN DEN
ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin

WIRTSCHAFT

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN
ZENTRALBANK SKIZZIERT PROBLEME
VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mclntosh

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mcintosh
WASHINGTON - (AD) - Zwischen 1980 und 1991 wurden etwa 7.000 Unternehmen, die meisten in der
ehemals kommunistischen Welt, privatisiert. Dem Verfasser des nachfolgenden Artikels zufolge kamen viele
der früher zentral gelenkten Volkswirtschaften auf den Markt, bevor sie dazu bereit waren.
Christopher Mcintosh ist beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development
Program - UNDP) für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Veröffentlichung und Übersetzung aus der Januar/Februar 1994-Ausgabe von The Futurist mit freundlicher
Genehmigung von The World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

In den achtziger Jahren, in denen Politiker wie
Margaret Thatcher und Ronald Reagan an der
Macht waren, wurde "Privatisierung" als der Weg in
eine glorreiche Zukunft angesehen. Ökonomen und
Politiker stellten sich vor, wie privates Unternehmertum sich auf der ganzen Welt ausbreitete und die
Volkswirtschaften im Norden und Süden gleichermaßen wieder ankurbelte. Am Horizont zeichnete sich
eine neue Ära ab, in der das Unternehmen der
König ist.
Die 1989 in Osteuropa stattfindenden Ereignisse
schienen dieses hoffnungsvolle Marktszenarium zu
konkretisieren. Überall nahm die staatliche Kontrolle
über die Industrie ab und es schien, daß die Zukunft
dem Privatsektor gehörte. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) war eine der
internationalen Organisationen, die diese Vision
uneingeschränkt unterstützten, und schuf eine
Sonderabteilung für den Privatsektor sowie das
Internationale Privatisierungsnetz, das den Ländern
beim Austausch von Informationen und Erfahrung
auf diesem Gebiet helfen soll.
Zwischen 1980 und 1991 wurden dem jüngsten
Entwicklungsbericht Human Development Report
des UNDP zufolge nahezu 7.000 staatliche Unternehmen privatisiert, ungefähr 4.500 in Teilen der
ehemals kommunistischen Welt und ein Großteil in
der ehemaligen DDR. Nur etwa 1.350 privatisierte
Unternehmen befanden sich in Entwicklungsländern,
obwohl das Tempo der Privatisierung sich dort in
den letzten Jahren beschleunigte. Die Motivation zur

AMERIKA DIENST 32

Privatisierung ist neben der Eindämmung den Haushalt schädigender Verluste ineffizienter öffentlicher
Unternehmen die Überzeugung, daß in der Fertigungsindustrie und anderen produktiven Sektoren
privates Unternehmertum zu besseren Ergebnissen
führen kann als der öffentliche Sektor.
Die Privatisierungsbewegung ist heutzutage immer
noch im Gange, die hohen Erwartungen der achtziger
Jahre werden jedoch durch einen neuen Realitätssinn
gemildert. "Die anfängliche Euphorie ist verflogen",
so Philip Reynolds, hochrangiger Programmbeauftragter des UNDP. "Jetzt sind kreative Antworten
erforderlich, um mögliche Engpässe und negative
Auswirkungen zu begrenzen und den Privatisierungsprogrammen zum Erfolg zu verhelfen."
Ironischerweise haben die Entwicklungen in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion bei diesem
Stimmungsumschwung eine große Rolle gespielt.
Nachdem die Privatisierungsbestrebungen lauten
Beifall geerntet hatten, entdeckten die Staaten des
ehemaligen Ostblocks rasch, daß das Schiff Gefahr
lief, auf Grund zu laufen. John Howell, Ökonom im
internationalen
Wirtschaftsberatungsunternehmen
Ernst and Young mit Sitz in den Vereinigten Staaten
kritisiert westliche Experten, sie hätten den osteuropäischen Politikern den naiv optimistischen Rat
gegeben, aus politischen Erwägungen die Privatisierung überstürzt durchzuführen.
"In der Euphorie dieser ersten politischen Veränderungen", so Howell, "machten sich weder die west-

Seite 1

�liehen Berater und Investoren noch die Regierungen
und Wirtschaftsvertreter Mittel- und Osteuropas
einen Begriff vom Umfang der zu überwindenden
Probleme".

Finanzexperten und politischen Würdenträgern
unterzeichnet. Eines der ersten gerade privatisierten
Unternehmen, die am Börsenhandel teilnahmen, war
der ungarische Reiseveranstalter Ibusz.

Hindernisse für Privatunternehmer

Heute liegen die Ibusz-Aktien jedoch unter ihrem
ursprünglichen Preis, und der Börsenbetrieb findet
nur in kleinem Umfang - mit lediglich 22 Unternehmen - statt.

Der Privatisierung stehen zahlreiche Hindernisse im
Wege. Dazu zählen das Fehlen einer Kultur freier
Marktwirtschaft, Verwirrung darüber, wem die Unternehmen gehören und wieviel sie wert sind, eine
schlechte Infrastruktur, die ausländische Investoren
abschreckt, das Fehlen eines gesetzlichen Rahmens
für wirtschaftliche Tätigkeit sowie Mangel an Investitionskapital.
In vielen Fällen, in denen tatsächlich eine Privatisierung stattfindet, können deren Ergebnisse oft zu
Problemen führen.
Wenn beispielsweise eine
Regierung ein tragfähiges Unternehmen verkauft,
gehen die Gewinne an die Investoren, die normalerweise wohlhabender sind als der durchschnittliche
Steuerzahler. Folglich vergrößert sich das Einkommensgefälle. Weitere mögliche Konsequenzen sind
höhere Preise für elementare Güter und Dienstleistungen, Entlassungen großen Ausmaßes, der
Verlust nationaler Vermögenswerte an ausländische
Käufer sowie die Schließung lebenswichtiger Industrien. In mehreren Ländern haben diese Auswirkungen zu sozialen Unruhen geführt.
Zur gründlichen Untersuchung dieser Probleme hat
die Abteilung des UNDP für globale und interregionale Probleme eine hochrangige Gruppe von Ökonomen, Politikern und Entwicklungsexperten zusammengestellt, die im August 1992 im Genfer Palast
der Nationen ein Seminar unter dem Titel "Privatisierung: Zwänge und Auswirkungen" abhielten. Die
Seminarteilnehmer kamen aus 14 Ländern, darunter
drei im Übergang befindlichen Staaten: Ungarn,
Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei.
Die Seminarteilnehmer beschrieben ihre in den
jeweiligen Ländern gemachten Erfahrungen, tauschten Ideen aus, erörterten Möglichkeiten zur Überwindung von Schwierigkeiten und zur Minimierung
der negativeren Auswirkungen eines Privatisierungsprogramms.
Ungarn drängt auf den Markt
Ungarn gehörte zu den Staaten, die mit großer
Begeisterung in diese neue Ära eintraten. Die
Wiedereröffnung der Budapester Börse im Jahr 1990
war ein spannendes Ereignis. Nachdem die Redner
das System der freien Marktwirtschaft gelobt hatten,
wurde die Charta der neuen Börse einen langen
Tisch entlang weitergereicht und von Bankiers,

Seite 2

"Ibusz ist zu früh an die Börse gegangen", erklärt
Gusztav Bager, Ministerialdirektor für Wirtschaftspolitik im ungarischen Finanzministerium. "Zu dem
Zeitpunkt war das Unternehmen noch nicht richtig in
Form, und es hätte noch mehr Umstrukturierungsarbeit geleistet werden müssen. Zudem geht es der
Tourismusindustrie wegen der Rezession im Moment
nicht gerade gut."
Ein weiteres jüngstes Beispiel für die Privatisierung in
Ungarn ist die Tabakindustrie, aber auch hier waren
die Ergebnisse enttäuschend. Ausländische Tabakunternehmen kamen auf den ungarischen Markt,
wollten jedoch nicht in örtliche Unternehmen investieren.
Was die Börse betrifft, mangelt es Bager zufolge an
Investitionskapital vor Ort. Obwohl Ungarn bei der
Entwicklung einer Marktwirtschaft Fortschritte gemacht hat, war das Tempo der Privatisierung langsamer als beabsichtigt.
Desillusionierung in Polen
Auch in Polen ist das Tempo des Wandels langsamer
als erwartet, nachdem im Juli 1990 ein Gesetz zur
Einleitung des Privatisierungsprogramms verabschiedet wurde. Zu den vielversprechendsten Kandidaten
für Privatbesitz gehörte die Traktorenfabrik Ursus, die
ein gutes Produkt herstellte und günstige Aussichten
auf dem Weltmarkt hatte. Heute befindet sich Ursus wie viele andere polnische Unternehmen - immer
noch in einem Umstrukturierungsprozeß und wird als
noch nicht reif für eine Privatisierung erachtet.
In Polen war eine wesentliche Einschränkung das
weitverbreitete Mißverständnis über die Natur einer
freien Marktwirtschaft. "Für viele Arbeitnehmer in
Polen lautet die Definition von Kapitalismus Sozialismus plus mehr Geld. Die Menschen wollen die
Vorteile beider Systeme genießen", so Jerzy Cieslik
von Ernst and Young. Und mit zunehmender Arbeitslosigkeit, die vorher in Polen völlig unbekannt war,
nimmt die Desillusionierung über die Privatisierung
zu.
Cieslik nennt ein für Polen und die anderen Staaten
des ehemaligen Ostblocks heikles Problem: Wieder-

AMERIKA DIENST 32

�gutmachung. Was geschieht, wenn der Käufer eines
staatlichen Unternehmens herausfindet, daß derjenige, der das Unternehmen vor der Verstaatlichung
besaß, jetzt einen Anspruch darauf geltend macht?
In vielen Staaten existieren hierzu keine oder nur
sehr unklare Gesetze. Zur Zeit wird im polnischen
Parlament eine hitzige Debatte über die Wiedergutmachung geführt.
"Die Politiker untersuchen Fragen wie das Recht auf
wieder privatisiertes Eigentum, die Anwendung von
Kriterien bei der Entscheidung über Ansprüche und
den Besitzerwechsel von Eigentum", erklärt Cieslik.
Der tschechische und slowakische Erfolg
Im Gegensatz zu Ungarn und Polen ist die Privatisierungsbewegung in der Tschechischen und der
Slowakischen Republik weiterhin voller Schwung.
Dies ist etwas paradox angesichts der Tatsache, daß
vor 1989 massive 97 Prozent der tschechoslowakischen Wirtschaft vom Staat kontrolliert wurden,
während in Ungarn und Polen bereits ein beachtlicher Privatsektor existierte.
"Das Privatisierungsprogramm ist Umfang und
Methoden nach sehr radikal", so Olivier Bouin,
französischer Ökonom, der die tschechische Regierung berät, die von den beiden Republiken seit ihrer
offiziellen Trennung im Dezember 1992 das Programm aggressiver fördert.
In der Tschechischen und der Slowakischen Republik sind insgesamt 4.200 Unternehmen für die
Privatisierung vorgesehen. Um den Mangel an
Kapital vor Ort zu überwinden und möglichst vielen
Menschen die Gelegenheit zu Investitionen zu
geben, begann die Tschechoslowakei (vor der
Trennung) ein gewagtes und findiges Gutscheinprogramm. In der ersten Phase, von Oktober 1991
bis Februar 1992, hatte jeder erwachsene Bürger
das Recht, ein Heft mit 14 Gutscheinen im Wert von
etwa einem Wochenlohn zu kaufen. Jeder Gutschein war zwischen 100 und 1.000 Punkten wert.
Diese Punkte konnten dann für den Erwerb von
Aktien an zu privatisierenden Unternehmen verwendet werden. Als Alternative konnte man sich
damit in einen der entstehenden Privatisierungsfonds
einkaufen.
Das Programm war ein Erfolg. Bis zum Januar 1992
hatten etwa 8,6 Millionen Menschen (drei Viertel der
Berechtigten) daran teilgenommen. Es ist noch
offen, wie sich die unter dem Gutscheinsystem
privatisierten Unternehmen entwickeln, es wurde
jedoch ein guter Anfang gemacht.

AMERIKA DIENST 32

"Ein weiteres, unkonventionelles Merkmal des Systems", erklärt Bouin, "ist die Tatsache, daß jedes
staatliche Unternehmen seine eigene Privatisierungsstrategie entwickeln sollte, die Einzelheiten über
Output, Gewinn, Exporttätigkeit und Vermögenswerte
enthält." Diese Pläne sind jedoch bisweilen unzuverlässig aufgrund mangelnder Informationen über
mögliche Wiedererstattungsansprüche und der
Verwirrung über den derzeitigen rechtlichen Status
einzelner Unternehmen. Antiquierte Buchhaltungsmethoden sind in der Tschechischen Republik
ebenfalls ein Problem, ebenso wie in vielen der
ehemals zentral gelenkten Planwirtschaften.
In
einigen Fällen weist die Buchhaltung derartige
Mängel auf, daß es unmöglich ist, interessierten
Käufern eine Bilanz vorzulegen.
Privatisierungsprobleme im Süden
Auch die Entwicklungsländer des Südens werden mit
vielen der Probleme konfrontiert, denen sich die ostund mitteleuropäischen Staaten gegenübersehen.
Ein Beispiel ist Argentinien, wo 1983 die Privatisierung in kleinem Umfang begann. 1990 beschleunigte
die argentinische Regierung angesichts eines starken
Defizits und massiver Verluste des Privatsektors
diesen Prozeß und verkaufte einige ihrer größten
staatlichen Unternehmen, darunter die nationale
Telefongesellschaft, die nationale Fluggesellschaft
und das staatliche Eisenbahnunternehmen.
Alejandro Rausch, Ökonom und Berater der argentinischen Regierung, der Weltbank und des UNDP,
steht dem Programm bisher äußerst kritisch gegenüber.
"Die argentinische Erfahrung zeigt, daß ein Privatisierungsprogramm ohne starke staatliche Regelung
ein sehr gewagtes Unternehmen ist", so Rausch.
"Ein angemessener juristischer und gesetzlicher
Rahmen muß vor Aufnahme des Programms gegeben sein. Andernfalls könnten Privatmonopole mit
sich verschlechternden Normen und steigenden
Preisen der Fall sein."
Die Regierung als Wachhund
Die Regierungen müssen bereit sein, während des
Privatisierungsprozesses und danach eine bedeutende Rolle zu spielen. Das wird durch die in der
ehemaligen DDR gemachten Erfahrungen bestätigt,
einem der wenigen Staaten des ehemaligen Ostblocks, in denen Privatisierung im großen Stil termingerecht durchgeführt wird. Seit der Vereinigung
Deutschlands im Oktober 1990 wurden von der
Treuhand mehr als 3.000 Unternehmen privatisiert.

Seite 3

�"Kein anderes Land hat in einem solch kurzen
Zeitraum jemals so viele Industriebetriebe privatisiert", behauptet Dieter Bos, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bonn. Bos
weist darauf hin, daß die Treuhand nicht einfach ein
Unternehmen an den Höchstbietenden vergibt und
sich dann nicht mehr darum kümmert. Kaufinteressenten werden um Vorlage eines detaillierten
Wirtschaftsplans gebeten, einschließlich Verpflichtungen zu Investitionen und dem Erhalt möglichst vieler
Arbeitsplätze. Die Einhaltung dieser Pläne wird
anschließend von der Treuhand kontrolliert und
Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldbuße
belegt.
Die Käufer werden sorgfältig ausgewählt, wobei den
umfassenderen Interessen der Region Rechnung
getragen wird. Die Treuhand verkaufte Unternehmen für den symbolischen Wert von einer Mark,
damit sie nicht in die Hände westdeutscher Unternehmer fallen, die potentielle Konkurrenten aufkaufen wollen, um deren Produktion einzustellen.
"In der Welt nach Abschluß des Privatisierungsprozesses gibt es immer noch genug zu tun für die
Bürokraten in der Regierung", so George Yarrow von
der Oxford University. Yarrow führte eine besondere
Studie über das Privatisierungsprogramm in Großbritannien durch, das 1979 begann und generell als
Erfolg gewertet wird. "Seit Beginn der Privatisierung
hat sich das Ausmaß staatlicher Regulierung in
Großbritannien eher erhöht als vermindert."
Zu der Rolle der Regierung gehört es sicherzustellen, daß das allgemeine Umfeld einer gesunden
Entwicklung privater Unternehmen zuträglich ist. Zu
oft wird die Saat des Privatsektors in nicht darauf
vorbereiteten Boden gepflanzt.
Die rechtliche
Infrastruktur ist beispielsweise ein Schlüsselfaktor.
Eine Marktwirtschaft erfordert Gesetze zu Verträgen,
Finanzinstitutionen, Devisen, Besteuerung und
Monopolpraktiken.
Die Frage geistigen Eigentums ist ebenfalls von
Bedeutung. Zahir Jamal von der Weltorganisation
für geistiges Eigentum schlägt vor, daß zu jedem
Team, das eine Regierung in Privatisierungsfragen

berät, ein guter Patentanwalt gehören sollte. Der
Schutz von Patenten sei für die Ermutigung der
Forschung und Entwicklung vor Ort von essentieller
Bedeutung.
Ebenso wichtig ist die Infrastruktur einer Nation:
Nahverkehr, Telekommunikation, Elektrizität und
Wasserversorgung. Ist sie unzulänglich, wird die
Investition von ausländischem Kapital in die gerade
privatisierten Unternehmen schwierig. "Ausländische
Kapitalgeber haben die Wahl, und sie entscheiden
sich bevorzugt für Gebiete mit einer gutentwickelten
Infrastruktur", äußert der Ökonom Vemuri V. Ramanadham, Koordinator des internationalen Privatisierungsnetzes des UNDP.
Privatisierung in ärmeren Ländern
Die gesetzliche und physische Infrastruktur ist in den
entwickelten Marktwirtschaften der Privatisierung eher
förderlich als in den Entwicklungsländern oder den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften. Dennoch
hatten einige sehr arme Länder Erfolg bei ihren
Privatisierungsprogrammen.
Trotz einer hohen Inflationsrate und im weltweiten
Vergleich sehr großen Schuldenlast hat Guyana sein
Privatisierungsprogramm relativ reibungslos abgewikkelt, und 56 Prozent der Unternehmen gingen an
guyanische Käufer. Ferner gehört Guyana zu den
wenigen Ländern, in denen die Privatisierung nicht zu
einem starken Verlust an Arbeitsplätzen führte. Der
wichtigste Faktor zu Guyanas Gunsten ist seine
reichhaltige Versorgung mit vorher nicht ausreichend
genutzten Ressourcen.
Jedes Land, das sich auf den vielversprechenden
aber unsicheren Weg der Privatisierung begibt, muß
vieles einkalkulieren und Entscheidungen treffen. Die
Privatisierung ist kein Selbstzweck, und Enteignung
nicht die einzige Option. Es gibt eine breite Palette
von Möglichkeiten - von vollständiger Privatisierung
bis zur Umstrukturierung eines staatlichen Unternehmens. In Zukunft müssen die Länder, die sich für
eine Privatisierung entscheiden, ihre Ziele klar
definieren und aus den empirischen Methoden lernen,
die andere Staaten anwandten.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 32

�Die Kategorien sind heute völlig durcheinandergeraten. Die massive militärische Präsenz der Vereinigten Staaten ist nicht länger für die Garantie der
Sicherheit auf dem Kontinent erforderlich, aber
unsere politische und moralische Führungsrolle war
nie unerläßlicher. Unsere westeuropäischen Verbündeten sind rasch von Abhängigen zu gleichwertigen Partnern geworden. Aber die Kriterien, die
diese Partnerschaft leiten sollten, werden noch nicht
ganz verstanden. Das Ordnen dieser Kriterien ist
weiterhin eine wichtige Aufgabe.

Herr Vorsitzender, wie Sie meiner kurzen Erörterung
der uns aus meiner Sicht in Europa konfrontierenden
Herausforderungen entnehmen können, lautet meine
Überzeugung: Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei
unserem Ansatz gegenüber dem Kontinent. Die
Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber.

Wir möchten zunehmend mit den großen westeuropäischen Demokratien zusammenarbeiten, um
die Erfordernisse der weniger Begünstigten in
Europa und andernorts zu erfüllen. Und die großen
globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
können nur mit der uneingeschränkten Unterstützung
von Europa und Japan gemeistert werden.

Unsere Verbindungen zu Europa sind bereits so weit
entwickelt, daß sie schneller mit neuen Inhalten
gefüllt werden können als unsere Beziehungen zu
anderen Teilen der Welt. Um die Bedeutung der
Erweiterung unserer Bande zu Universitäten, Unternehmen, nichtstaatlichen Organisationen und Parlamenten bei unserem neuen Ansatz zu unterstreichen,
beabsichtige ich, im Falle meiner Bestätigung eine
weitere Veränderung im Büro für europäische Angelegenheiten vorzunehmen.

Im Osten kämpfen die Nationen Mittel- und Osteuropas mit dem Vermächtnis des Totalitarismus.
Während der Eisberg des Kalten Krieges schmilzt,
treten durch den Kalten Krieg oder das Scheitern
von Versailles überdeckte Risse zutage. Die amerikanischen Ideale und die amerikanische Führungsrolle werden in der Region geschätzt und müssen
aktiv gefördert werden. Der Wille und die Energie
der Vereinigten Staaten können einen dauerhaften
Effekt haben. Ich beabsichtige, der Hilfestellung für
die Länder Mittel- und Osteuropas höchste Priorität
einzuräumen, damit sie die Früchte der Demokratie
genießen können, die ihnen so lange verwehrt
wurden. Im Falle meiner Bestätigung werde ich
unverzüglich organisatorische Veränderungen im
Büro für europäische Angelegenheiten zur Unterstützung dieses neuen Ansatzes vornehmen.
Abschließend möchte ich einige Worte zu den
Europäern im Osten sagen - den Russen und
denjenigen, die in den neuen unabhängigen Staaten
leben. Es gibt ein vertrautes historisches Muster,
das - in guten wie in schlechten Tagen - die Europäer aus dem Westen, dem Osten und darüber hinaus
zusammengeschmiedet hat. Wie ich bereits wiederholt gesagt habe, ist es nicht unsere Aufgabe,
Trennlinien in Europa zu ziehen - vielmehr müssen
wir Brücken bauen. Dies wird sowohl im Außenministerium der Fall sein als auch im Büro für die
neuen unabhängigen Staaten, wo wir die denkbar
engste Zusammenarbeit mit Jim Collins und seinen
Kollegen haben werden und natürlich mit dem
Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott.

•

Seite 2

Die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu Europa
findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit.

Ich werde unser Büro für Öffentlichkeitsarbeit erweitern. Dieses Büro wird auf Außenminister Christophers Ruf nach einer "Amerikaabteilung" im Außenministerium reagieren, indem es systematisch auf das
Herstellen von Kontakten zu den vielen Personen und
Organisationen im Privatsektor hinarbeitet, die bereits
das Rückgrat unserer Verbindungen zu Europa
bilden. Die Beamten in unserer geographischen
Abteilung werden ermutigt, die Fähigkeiten der
Experten bei nichtstaatlichen Organisationen besser
zu nutzen. Ich werde persönlich die Vertiefung der
Kontakte zu Experten im Hinblick auf die zahlreichen
uns konfrontierenden neuen Herausforderungen
überwachen.
Es erübrigt sich hinzuzufügen, daß ich im Falle
meiner Bestätigung die enge Zusammenarbeit mit
den Mitgliedern dieses Ausschusses und dem Kongreß im allgemeinen besonders begrüßen werde.
Dies steht im Einklang mit meinem persönlichen
Engagement bei einer Laufbahn im öffentlichen
Dienst, die vor 32 Jahren begann und während derer
ich 18 Jahre für die US-Regierung tätig war, uneingeschränkt mit dem Kongreß der Vereinigten Staaten
zusammenzuarbeiten und Informationen auszutauschen. Die Definition unserer neuen Rolle in Europa
ist eine Aufgabe, die das umfassende Engagement
aller Bereiche der Regierung erfordert. Sie spielen
die Schlüsselrolle bei Bewilligungen, Ermittlungen und
dem Stellen schwieriger Fragen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�USA-EUROPA
17. August 1994

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat
WASHINGTON - (AD) - In seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte der von
Präsident Clinton zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten nominierte Botschafter
Richarde. Holbrookeam 10. August 1994: "Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei unserem Ansatz gegenüber
dem Kontinent. Die Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber."
Holbrooke stellte bei der Anhörung zu seiner Nominierung fest, "die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu
Europa findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den
Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit."
Holbrooke ist Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Rede von Botschafter Holbrooke.
Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute hier vor
Ihnen zu sprechen. Vor weniger als einem Jahr trat
ich als Präsident Clintons Kandidat für den Botschafte rposten in der Bundesrepublik Deutschland
vor diesen Ausschuß. In Deutschland, im Zentrum
Europas zu leben, hat mich direkt mit der Tragweite
der Veränderungen konfrontiert, die sich seit 1989
vollzogen haben. Ich verlasse Bonn mit der Hoffnung, daß wir zu den Anfängen einer neuen Phase
des amerikanischen Engagements in Europa beigetragen haben und mit tiefempfundenem Dank für
die Freundschaft, die die Deutschen den Vereinigten
Staaten entgegenbringen.
Während ich diese tiefgreifenden Veränderungen zu
verstehen versuchte, gelangte ich zunehmend zu der
Überzeugung, daß die Art und Weise, in der wir uns
mit den Nationen und Problemen Europas befassen,
wichtige Auswirkungen auf die Gestaltung der
amerikanischen Diplomatie auf Jahrzehnte hinaus
haben wird. Europa ist zweifelsohne nicht der einzig
wichtige Teil der Welt. Aber es birgt sowohl Konflikte als auch Chancen, die für die vitalsten nationalen Interessen der Vereinigten Staaten von zentraler
Bedeutung sind.
Präsident Clintons Vision einer demokratischen
Erneuerung in Amerika deckt sich in bemerkenswerter Weise mit den in ganz Europa stattfindenden
Anpassungen. Seine Vision eines über frühere
Teilungen hinweg vereinten Europas steht für die

AMERIKA DIENST 32

Effektivität demokratischer Lösungen für weltweite
Herausforderungen. Unser Erfolg oder unser Scheitern, europäische Partner in wirklich kooperative
Ansätze zu lokalen und globalen Problemen einzubeziehen, wird auf viele Jahre hinaus entscheidend
für die Rolle Amerikas als Weltmacht sein.
Als Präsident Clinton mich bat, Abteilungsleiter für
europäische und kanadische Angelegenheiten zu
werden, habe ich das Angebot mit Enthusiasmus
angenommen. Ich erachte die Neudefinition der
amerikanischen Ziele in Europa als unabdingbar für
die Erneuerung unserer Diplomatie im kommenden
Jahrhundert. Wenn wir durch die Nutzung der
Instrumente der Zusammenarbeit und Partnerschaft
gewährleisten können, daß die Träume von 1989
Realität werden, wird die Botschaft der demokratischen Erneuerung als weltweite Norm Fuß fassen.
Herr Vorsitzender, das Gesicht Europas hat sich in
historischen Proportionen gewandelt. Die Kraft dieser
dramatischen Veränderungen hat zahlreiche Widersprüche aufgedeckt. Während ein Teil des Kontinents energisch auf die Einigung hinarbeitet, gibt es
mehr kleine Länder in Europa als zu jeder anderen
Zeit seit dem 18. Jahrhundert. Einige europäische
Länder zählen zu den reichsten der Erde. Andere
sind unter den ärmsten auf unserem Planeten. Und
tragischerweise sind Kriege und Gewalt in Europa in
einem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ungekannten Ausmaß ausgebrochen.

Seite 1

�stimmen überein, daß Diskussionen auf Expertenebene erforderlich sind, um den Ersatz der Graphitreaktoren Nordkoreas durch Leichtwasserreaktortechnologie, die sichere Lagerung und Entsorgung
der gebrauchten Brennstäbe, die Bereitstellung
alternativer Energien und die Einrichtung von Verbindungsbüros voranzubringen.
Entsprechend
werden Gespräche auf Expertenebene in den
Vereinigten Staaten, der Demokratischen Volksrepublik Korea oder an einem anderen vereinbarten
Ort abgehalten. Die Demokratische Volksrepublik
Korea und die Vereinigten Staaten von Amerika
vereinbarten die Unterbrechung ihrer Gespräche und
deren Wiederaufnahme in Genf am 23. September
1994.

In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
die erforderlichen Arrangements bezüglich der
Zusicherungen für das Leichtwasserreaktorprojekt für
die Demokratische Volksrepublik Korea als Teil der
endgültigen Beilegung des Atomstreits treffen; die
Demokratische Volksrepublik Korea wird das Einfrieren der Nuklearaktivitäten einhalten und die in
dem Austausch von Noten zwischen dem Abteilungsleiter im Außenministerium, Robert L. Gallucci,
und dem Ersten Stellvertretenden Minister für auswärtige Angelegenheiten, Kang Sok Ju, vereinbarte
Kontinuität der Sicherheitsvorschriften bewahren.

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AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR
DIPLOMATISCHE VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Demokratische Volksrepublik Korea haben
vereinbart, daß die endgültige Beilegung des Atomstreits zwischen den beiden Staaten den Ersatz von
Nuklearreaktoren in Nordkorea und Vorbereitungen auf die "Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt
zur vollständigen Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen" enthalten sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir den am 12. August 1994 in Genf freigegebenen Wortlaut der "Gemeinsamen
Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea".

Die Delegationen der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea kamen vom 5. bis 12. August 1994 zur
Wiederaufnahme der dritten Gesprächsrunde in Genf
zusammen.
Beide Seiten bekräftigen die Prinzipien der Gemeinsamen Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea vom 11. Juni 1993 und einigten sich, daß die
folgenden Elemente Bestandteil der endgültigen
Beilegung des Atomstreits sein sollten:
1. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
ihre Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang stehenden Einrichtungen durch Leichtwasserreaktoren zu ersetzen, und die Vereinigten
Staaten sind bereit, Arrangements für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren mit rund
2.000 Megawatt für Nordkorea zum frühestmöglichen Zeitpunkt sowie Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien anstelle der Graphitreaktoren Nordkoreas zu treffen. Nach Erhalt
der amerikanischen Zusicherungen für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren und Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien wird die Demokratische Volksrepublik Korea
den Bau der 50- und 200 Megawattreaktoren
einstellen, auf die Wiederaufbereitung verzichten
und unter Überwachung der Internationalen

AMERIKA DIENST 32

Atomenergie-Organisation (IAEO) ihr radiochemisches Labor schließen.
2. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die
Demokratische Volksrepublik Korea sind zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie
zum Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt zur vollständigen Normalisierung
der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen
bereit.
3. Um zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf
einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel
beizutragen, sind die Vereinigten Staaten bereit,
der Demokratischen Volksrepublik Korea Zusicherungen gegen die Androhung oder den Einsatz
von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten
zu geben, und die Demokratische Volksrepublik
Korea ist weiterhin zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Erklärung über die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel bereit.
4. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
Partei des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Nuklearwaffen zu bleiben und die Umsetzung
seiner Vereinbarungen über Sicherheitsvorschriften zu gestatten.
Während der Gespräche angeschnittene wichtige
Fragen müssen noch geklärt werden. Beide Seiten

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�Obwohl das Abkommen einen Rahmen für die
Verhinderung der zukünftigen Produktion von waffenfähigem Material bietet, löst es nicht das von den
Unterhändlern als "die Vergangenheit" bezeichnete
Problem - die Frage, wieviel Plutonium Nordkorea
bereits wiederaufbereitet hat. Einem namentlich
nicht genannten amerikanischen Regierungsvertreter
zufolge sind die Vereinigten Staaten überzeugt, daß
Nordkorea bereits genug Plutonium produziert hat,
um vier Atomwaffen zu bauen.
Die Sonderinspektionen der IAEO sind wichtig, weil
sie der internationalen Staatengemeinschaft gestatten festzustellen, wieviele verbrauchte Brennstäbe
für die Wiederaufbereitung von zwei Deponien für
radioaktive Abfälle entfernt wurden und ob Nordkoreas bisherige Erklärungen zutreffend sind.
Das "zweite Stadium" des Atomstreits, erläuterte der
Regierungsvertreter, sind die vor kurzem von dem
Graphitreaktor in Yongbyon entfernten Brennstäbe,
mit denen man sich aus Sicherheitsgründen bald
befassen muß. Wenn diese Brennstäbe wiederaufbereitet würden, könnten sie Nordkorea potentiell
genug Plutonium für vier zusätzliche Bomben liefern.

Optionen für die Brennstäbe sind die feuchte oder
trockene Lagerung in Fässern oder anderen Containern, so Gallucci. Die Vereinigten Staaten wollen,
daß die Brennstäbe von Nordkorea zur Lagerung
oder Wiederaufbereitung in ein anderes Land verschifft werden, während Nordkorea die Lagerung im
Land bevorzugt.
Gallucci erklärte, die Vereinigten Staaten würden
"detaillierte Konsultationen" mit Freunden und Verbündeten führen um festzustellen, welche Zusicherungen bei der Finanzierung und dem Bau des
Leichtwasserreaktorprojekts vor den nächsten Gesprächen gegeben werden können. Die Vereinigten
Staaten härten bereits substantielle Konsultationen
mit Seoul, Tokio, Moskau und Beijing aufgenommen,
stellte er fest.
Auf die Frage, wieviele Reaktoren erforderlich seien,
antwortete Gallucci, es sei "höchstwahrscheinlich",
daß Nordkorea zwei 1.000 Megawattreaktoren zur
Verfügung gestellt würden. Ihm zufolge muß mehr
Arbeit geleistet werden, um die genauen Kosten des
Projekts herauszufinden, in Beantwortung einer Frage
räumte er jedoch ein, der Betrag liege in der Nähe
von 4 Milliarden Dollar.

Gallucci stellte fest, Nordkorea habe zugestimmt, die
Möglichkeit der Wiederaufbereitung der Brennstäbe
durch das Land selbst auszuschließen, fügte jedoch
hinzu, die beiden Seiten hätten keine Einigung
erzielt, wie das Problem letztlich gelöst werden wird.

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AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

NORDKOREA UNTERNIMMT "ERSTEN SCHRITT"
ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen
GENF - (AD) - In einem "ersten Schritt" zur Lösung
des Atomstreits mit den Vereinigten Staaten hat
Nordkorea zugestimmt, sein Plutonium erzeugendes
Nuklearprogramm für Hilfe bei der Beschaffung
eines moderneren und weniger gefährlichen Kernkraftsystems einzufrieren.
Das am 12. August 1994 erzielte vorläufige Abkommen stellt fest, die Vereinigten Staaten und Nordkorea seien als Teil der endgültigen Lösung "zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes bereit".
Robert Gallucci, Abteilungsleiter im US-Außenministerium für politisch-militärische Angelegenheiten, erklärte am 13. August, die Vereinigten Staaten
seien "zufrieden mit dem Ergebnis" der dritten
Gesprächsrunde, die mit dem Abkommen abgeschlossen wurde, warnte jedoch, der "Löwenanteil"
der Arbeit stehe noch bevor.
Die beiden Seiten vereinbarten die Wiederaufnahme
offizieller Gespräche am 23. September 1994 in
Genf. Gallucci zufolge werden ihnen wahrscheinlich
Besuche nordkoreanischer Experten in den Vereinigten Staaten und amerikanischer Experten in
Nordkorea vorausgehen.
"Wir hoffen, daß diesem ersten Schritt alle weiteren
folgen", um das Problem zu lösen, äußerte er
gegenüber Journalisten.
Gallucci stellte fest, die Vereinigten Staaten würden
weiterhin darauf bestehen, daß eine umfassende
Lösung nur erreicht werden kann, wenn Nordkorea
einschneidende Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) einschließlich besonderer Inspektionen von zwei
Deponien für radioaktive Abfälle akzeptiert.
Obwohl Gallucci einräumte, die Vereinbarung
enthalte die "prinzipielle Zustimmung" Nordkoreas
zum Konzept von Sonderinspektionen der IAEO,

AMERIKA DIENST 32

erklärte er, das Land "schweige" zu der Frage, wann
diese Inspektionen vorgenommen werden könnten.
"Ich möchte keinen Zweifel an der Tatsache lassen,
daß es keine generelle Lösung und keine Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren geben wird, bis
die Meinungsverschiedenheiten über spezielle
Inspektionen beigelegt sind", erklärte Gallucci.
Andere anhängige Fragen betreffen die Lagerung der
verbrauchten Brennstäbe Nordkoreas, die Bereitstellung alternativer Energie für Nordkorea, während
die neuen Leichtwasserreaktoren gebaut werden,
sowie den Zeitpunkt für die Einrichtung von Verbindungsbüros.
Im Rahmen des Abkommens verspricht Nordkorea
das Einfrieren seines Nuklearprogramms mit Graphitreaktoren, sobald das Land Zusicherungen der
Vereinigten Staaten über die Bereitstellung der
Leichtwasserreaktortechnologie und Arrangements für
alternative Energiequellen erhält. Nordkorea wird
darüber hinaus auf die Wiederaufbereitung der
gesamten verbrauchten Brennstäbe verzichten, sein
Wiederaufbereitungslabor schließen und der IAEO die
Überwachung gestatten sowie die Bautätigkeit an
zwei neuen Graphitreaktoren einstellen.
Die Leichtwasserreaktoren werden als weniger
verbreitungsgefährdet angesehen als Nordkoreas
altes System, weil die verbrauchten Brennstäbe
weniger zur Produktion von Waffen geeignet sind und
Nordkorea von anderen Ländern für die Lieferung des
für den Betrieb erforderlichen hochangereicherten
Urans abhängen würde.
Amerikanische Regierungsvertreter sind der Auffassung, ein von der Außenwelt für angereichertes
Uran abhängiges Nordkorea würde die internationalen Normen und Sicherheitsvorschriften eher einhalten.

Seite 1

�Entwicklungsländer im Nahen Osten, Lateinamerika
und Afrika - alles Regionen mit wirtschaftlichen
Schwierigkeiten - kürzten zwischen 1985-88 und
1989-92 ihre Waffenkäufe drastisch. Aber in Asien,
der einzigen Region, die in den vergangenen Jahren
starkes Wachstum zu verzeichnen hatte, nahmen die
Waffenimporte tatsächlich rasch zu. Wenn sich die
Welt von dem Konjunkturrückgang erholt, könnten
die Waffenverkäufe wieder steigen.
Mit anderen Worten, obwohl die Abnahme der
Waffenlieferungen in den vergangenen Jahren einer
der sich abzeichnenden Weltordnung nach dem
Kalten Krieg erwartungsvoll entgegenblickenden Welt
ein gewisses Maß an Beruhigung vermitteln könnte,
besteht kein Grund zu der Erwartung, Waffenexporte
in die Entwicklungsländer seien nicht länger Anlaß
zu ernsthafter Besorgnis und entsprechendem
Handeln.
In den vergangenen Jahren scheinen die sicherheitspolitischen Entscheidungsträger im Westen zu der
Schlußfolgerung gelangt zu sein, daß der beste Weg
zur Begrenzung der Anhäufung von Waffen in
Entwicklungsländern sowie zur Minimierung der
regionalen Aufrüstung darin besteht, den Entwicklungsländern nur dann Wirtschaftshilfe zu leisten,
wenn sie ihre Verteidigungsausgaben auf einem
vernünftigen Niveau halten. Dieser offiziell als
"military conditionality" bekannte Ansatz bricht mit
der herkömmlichen Entwicklungspolitik, die von der

Prämisse ausging, Entwicklungshilfe strikt von
innenpolitischen Verteidigungsfragen zu trennen.
Mehrere europäische Länder, vor allem Deutschland
und Italien, haben im Jahr 1991 offiziell diesem
Ansatz zugestimmt und knüpfen Entwicklungshilfe
jetzt an die militärische Ausgabenpolitik des Empfängerlandes.
Dieser Ansatz gewann im Juni 1992 an Dynamik, als
Japan die offizielle japanische Charta für Entwicklungshilfe veröffentlichte, in der ausdrücklich festgestellt wird, daß Japan "zur Aufrechterhaltung und
Stärkung des internationalen Friedens und der
Stabilität" nur Entwicklungshilfe unter Berücksichtigung der "Trends bei den Verteidigungsausgaben
der Empfängerländer, deren Entwicklung und Produktion von Massenvernichtungswaffen, Waffen und
Raketen sowie deren Export und Import von Warfen"
leisten wird.
Zunehmendes Interesse an diesem Ansatz hat auch
die Bestrebungen geleitet, ihn auf multilaterale
Hilfsinstitutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) auszuweiten.
Unter Verweis auf die enormen sozialen Kosten der
Beibehaltung umfangreicher Streitkräfte für die
Entwicklungsländer empfiehlt Robert McNamara

Seite 2

beispielsweise, daß diese internationalen Institutionen
die Verteidigungsausgaben als wichtiges Kriterium bei
Kreditvergabeentscheidungen nutzen.
In der Tat birgt dieser Ansatz jedoch eine Reihe von
Problemen. Die unmittelbare praktische Frage lautet,
wie ein solches System verwirklicht werden sollte.
Die erste Schwierigkeit besteht darin, eine zufriedenstellende Meßlatte für das Ausmaß der Militarisierung
eines Entwicklungslandes zu erarbeiten. Wann ist
ein Verteidigungsapparat "exzessiv"? Wie berücksichtigt man zum Beispiel die Frage einer spürbaren
Bedrohung, die sich natürlich von Land zu Land
erheblich unterscheidet?
Die Wirtschaftswissenschaftler haben begonnen, Daten über Entwicklungshilfe und Verteidigungsausgaben zu sammeln und
auszuwerten in dem Versuch, einen "Militarisierungsindex" zu konstruieren, derfürdie Analyse exzessiver
Verteidigungsausgaben genutzt werden könnte. Aber
die technischen und politischen Hürden sind immens.
Und selbst wenn sie überwunden werden könnten,
würde die Umsetzung und Verwaltung dieses Ansatzes der Weltbank, dem IWF und anderen derartigen Behörden enorme Kosten aufbürden und sie
zwangsläufig von ihrer Hauptaufgabe der Bereitstellung von Entwicklungshilfe ablenken.
Aber selbst abgesehen davon bleibt das Grundproblem bestehen, daß dieser Ansatz sich mit den
Symptomen der militärischen Aufrüstung befaßt, nicht
der Ursache. Das letztliche Ziel ist, den Entwicklungsländern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln,
damit sie eine Erweiterung ihrer militärischen Fähigkeiten nicht für notwendig erachten.
Die Länder werden aus mehreren Gründen einen
großen Verteidigungshaushalt aufstellen und beibehalten. Manchmal verfolgen sie das Ziel, einer
spürbaren Bedrohung zu begegnen, sei es von
internen oder externen Kräften; manchmal geht es
um einen vermeintlichen Vorteil aus der Aggression
gegen ein anderes Land. Bisweilen dient dieses
Bestreben einfach der Konzentration von Ressourcen
auf politisch starke, militärische Interessengruppen.
Im letzteren Fall ist das Problem ein Mangel an
Rechenschaftspflicht gegenüber dem Steuerzahler,
der den Verteidigungsapparat finanziert. Im ersten
Fall ist das Problem ein Mangel an Sicherheit. In
einem Teufelskreis bringt unzureichende regionale
Sicherheit einzelne Länder dazu, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, was zu einer weiteren Verschlechterung der Sicherheit führt. Eine Kontrolle
des weltweiten Waffenhandels hängt von einem
zweigleisigen Ansatz ab, der beide Probleme berücksichtigt.
Dieser Ansatz befaßt sich wie dargelegt nicht mit der
grundlegenden Notwendigkeit eines glaubwürdigen

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�RÜSTUNGSKONTROLLE
17. August 1994

EIN NEUES MILITÄRISCHES GLEICHGEWICHT?
DIE VERHINDERUNG REGIONALER KONFLIKTE
IN DEN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin
WASHINGTON - (AD) - Während die Welt auf die sich abzeichnende Weltordnung in derzeit nach dem Kalten
Krieg blickt, ist der Rückgang von Waffenlieferungen in die meisten Regionen der Welt ermutigend. Aber,
argumentiert der Verfasser, der Kampf der Supermächte führt zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte,
und die Waffenexporte in Entwicklungsländer geben immer noch "Anlaß zu ernsthafter Besorgnis".
Warwick J. McKibbin ist Fellow des Brookings Ecomomic Studies program und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Australian National University. Zusammen mit Lawrence Klein und Fu-chen Lo arbeitet er an
Arms Reduction and Economic Development in the Post-Cold War Era (United Nations University,
erscheint in Kürze).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Brookings Review, Herbst 1993.
Copyright (c) 1993, The Brookings Institution, Washington, D.C.

Trotz anfänglicher Hoffnungen auf eine "neue
Weltordnung" nach dem Kalten Krieg ist das sich
Abzeichnende noch wenig greifbar. Eine - aufgrund
der irakischen Invasion in Kuwait und dem darauffolgenden Golfkrieg im Jahr 1991 - angedeutete
Möglichkeit wäre, daß der Kampf der Supermächte
zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte
führt. Und einige dieser Konflikte könnten sich
paradoxerweise direkt aus der Verringerung der
Verteidigungsausgaben nach dem Kalten Krieg
herleiten, während die modernen Waffenarsenale
der Industrienationen in den Entwicklungsländern
wiederverwertet werden. In der Tat erlegt der im
November 1990 von den 34 Mitgliedstaaten der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) unterzeichnete Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa dem Export neuer
oder gebrauchter Waffen in Nichtunterzeichnerstaaten des Abkommens keinerlei Beschränkungen auf.
Im Augenblick nehmen die Rüstungsverkäufe ab.
Der Gesamtverkauf fiel von der Rekordhöhe von 42
Milliarden Dollar im Jahr 1987 auf 12 Milliarden
Dollar 1992. Aber die Implikationen für die Zukunft
sind in keiner Weise beruhigend. Die bei weitem
größte Abnahme erfolgte bei den Lieferungen
russischer Waffen, und die russischen Exporteure
halten begierig nach neuen Geschäften Ausschau.
Seit 1989 haben die Lieferungen amerikanischer

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Waffen in Entwicklungsländer effektiv zugenommen.
Noch beunruhigender ist, daß sich der Wert von
Abkommen über Rüstungsverkäufe lange nicht so
weit verringert hat wie die tatsächlichen Lieferungen.
1992 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die
führenden europäischen Länder Abkommen über
Waffenexporte, die verglichen mit den 1987 von
ihnen unterzeichneten Vereinbarungen eine Zunahme
bedeuten.
Obwohl beträchtlich weniger Waffen jetzt den Besitzer
zwischen den einzelnen Ländern wechseln, machen
darüber hinaus Veränderungen bei der globalen
Sicherheit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Rüstungssituation schwerer erfaßbar.
Während des Kalten Krieges behielten die Vereinigten Staaten und die ehemalige Sowjetunion die
Kontrolle über die Waffen ansammelnden Nationen.
Da die Vereinigten Staaten jetzt die einzige Supermacht und ein widerwilliger Wertpolizist sind, können
die Entwicklungsländer frei von herkömmlichen
Einschränkungen einen Vorrat an Waffen anlegen.
Und schließlich - obwohl die Abnahme der Rüstungsverkäufe großenteils durch das Ende des Kalten
Krieges herbeigeführt wurde, haben auch die globale
wirtschaftliche Flaute und haushaltspolitische Engpässe in zahlreichen Entwicklungsländern eine Rolle bei
der Verringerung von Waffenimporten gespielt.

Seite 1

�Kosten der globalen Unsicherheit. Allein der Golfkrieg kostete die Teilnehmerstaaten über 100 Milliarden Dollar. Die Staaten können entweder in die
Sicherheit investieren oder beim Entstehen regionaler Probleme zahlen. Regionale Konflikte werden
eindeutig in den kommenden Jahrzehnten Bestandteil der neuen Weltordnung sein. Und die Weiterverbreitung von Atomwaffen macht dies besonders
alarmierend.
Während die internationale Staatengemeinschaft sich
um eine Anpassung an die Ordnung der Zeit nach
dem Kalten Krieg bemüht, findet sie sich in einem
militärischen Gleichgewicht gefangen, das von hohen

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Seite 4

Verteidigungsausgaben und geringer Sicherheit
gekennzeichnet ist. Derzeit haben selbst die vielversprechendsten politischen Optionen zur Lösung der
Probleme des weltweiten Waffenhandels und der
regionalen Aufrüstung keine Auswirkungen auf dieses
Gleichgewicht. Die Herausforderung besteht darin,
ein neues Gleichgewicht zwischen niedrigen Verteidigungsausgaben und großer Sicherheit zu finden.
Das von mir vorgeschlagene System zielt genau
darauf ab - auf den Erhalt globaler und regionaler
Sicherheit durch direkte finanzielle Anreize, regionale
Überwachungseinrichtungen und einen glaubwürdigen Schutzschild.

* * *

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AMERIKA DIENST 32

�Sicherheitsarrangements.
Es gibt jedoch eine
Möglichkeit hierzu - im Rahmen einer internationalen
Institution, der Vereinten Nationen, deren Mission
einer solchen Aufgabe entspricht.
Die Vereinten Nationen können insbesondere direkte
wirtschaftliche Anreize zur Einschränkung des Transfers von Waffen und der Verteidigungsausgaben
anbieten, indem sie jedem Mitgliedstaat eine seinen
Verteidigungsausgaben entsprechende Abgabe
auferlegen. Der Erlös kann zum Aufbau eines
glaubwürdigen Sicherheitsarrangements verwendet
werden, das die Notwendigkeit einer Aufrüstung
verringert.
Die Vereinten Nationen könnten den Nutzen erhöhter Verteidigungsausgaben beträchtlich minimieren
und die Kosten maximieren, indem sie eine Steuer
von 2 Prozent auf jeden Dollar der Verteidigungsausgaben eines Landes sowie von 50 Prozent auf
jeden Dollar aus Waffenexporten dieses Landes
erheben. Diese Steuer würde den Ländern direkt
abverlangt, so daß die Verwaltungskosten minimal
wären. In den Ländern, in denen Waffenexporte von
Privatunternehmen durchführt werden, wäre es die
Aufgabe der Regierung, die Steuer zu bezahlen und
dann von den Unternehmen zu kassieren.
Allein durch diese Erhöhung der Kosten von Verteidigungsausgaben könnten die Vereinten Nationen
das Problem der regionalen Sicherheit in Angriff
nehmen und regionale Konflikte günstig beeinflussen. Sie könnten diese Fragen mit Hilfe der so
erzielten Einnahmen umfassender angehen. Ein Teil
dieser Einnahmen könnte für die Verbesserung der
Fähigkeit regionaler Sicherheitszusammenschlüsse
verwendet werden, beispielsweise des Verbands
Südostasiatischer Nationen (Association of SouthEast Asian Nations - ASEAN), den Verteidigungsapparat zu überwachen und letztlich völlig offenzulegen. Das internationale Friedensforschungsinstitut
in Stockholm (Stockholm International Peace Research Institute - SIPRI), der IWF und die Weltbank
könnten ebenfalls eine nützliche Rolle dabei spielen,
das Ausmaß der Verteidigungsausgaben von Entwicklungsländern als Teil ihrer regulären haushaltspolitischen Maßnahmen zur Ausgabenüberprüfung
hervorzuheben. Beide Bestrebungen würden den
fest etablierten Militärinteressen entgegenwirken,
indem den Regierungen größere Rechenschaftspflicht für ihre Haushaltsentscheidungen übertragen
wird.
Die restlichen Einnahmen könnten an einen vom
UN-Sicherheitsrat kontrollierten Fonds gehen und für
Militärinterventionen der internationalen Staatengemeinschaft als Reaktion auf Akte der Aggression
gegen Länder verwendet werden, die zu dem Fonds

AMERIKA DIENST 32

einen Beitrag geleistet haben. Bei einem Steuersatz
von 50 Prozent auf Waffenexporte und 2 Prozent auf
Verteidigungsausgaben würden die gesamten Waffenexporte von ungefähr 12 Milliarden Dollar und die
Verteidigungsausgaben von rund 1 Billion Dollar zu
jährlichen Einnahmen von etwa 26 Milliarden Dollar
führen. Eine solche Finanzspritze würde die Glaubwürdigkeit internationaler Aktionen stark erhöhen,
einzelne Länder vor externen Bedrohungen zu
schützen.
Insgesamt würde mein Vorschlag sowohl die globale
als auch die regionale Sicherheit erhöhen. Stärkere
Länder hätten weniger Anreiz, militärisch gegen
andere Staaten vorzugehen, da sie wegen ihrer
Aggression mit Strafmaßnahmen rechnen müßten.
Und aus demselben Grund würden schwächere
Länder keine so starke externe Bedrohung verspüren.
Die Aussicht auf größere Sicherheit würde den Anreiz
zur Aufrechterhaltung eines großen Verteidigungshaushalts verringern. Die traditionelle Strategie, die
Gefahr von Militäraktionen durch die Aufrechterhaltung eines Gegengewichts zu reduzieren, wäre
überholt. Statt dessen könnten insbesondere die
Entwicklungsländer ihre Ressourcen für entscheidende innenpolitische Erfordernisse einsetzen und somit
die Gefahr politischer Instabilität im eigenen Land
verringern.
Indem den Vereinten Nationen die Verantwortung für
das neue System übertragen würde, könnten die
internationalen Hilfsorganisationen sich auf ihre
Hauptrolle konzentrieren, den Entwicklungsprozeß zu
lenken. Mein Vorschlag enthält einige Schwierigkeiten, von denen jedoch keine so groß ist wie bei dem
Junktim zwischen Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer und deren Verteidigungsausgaben. Die erste
Schwierigkeit ist die Einschätzung des Werts von
Waffenexporten, insbesondere im Fall eines Tauschhandels anstelle einer einfacher zu messenden
Finanztransaktion. Organisationen wie das SIPRI
haben jedoch seit Jahren den Versuch zur Sammlung
von Daten über den Waffenhandel unternommen, und
obwohl die Qualität der Daten nicht perfekt ist, wurde
ein Anfang gemacht. Das neue Register der Vereinten Nationen über den Waffenhandel könnte als
weitere Datenquelle genutzt werden.
Eine wichtigere Frage lautet, wie ein solcher Vorschlag durchgesetzt werden könnte. Warum sollten
die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gewillt
sein, Beiträge zu einem Fonds zu leisten, wenn viele
mit ihren regelmäßigen Beitragszahlungen an die
UNO bereits in Verzug geraten sind? Halten Sie sich
die Alternativen vor Augen. Kleine Länder, die sich
nicht beteiligen, können von der internationalen
Staatengemeinschaft nicht erwarten, daß sie für
deren Schutz zahlt. Große Staaten tragen bereits die

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�delnde Wirtschaftsstrukturen reagieren. Für die
Währungspolitik scheint keine andere Möglichkeit zu
bestehen als die Bildung eines konzeptionellen
Rahmens zur Identifikation der verschiedenen wichtigen Kräfte, die den zukünftigen Wirtschaftskurs
beeinflussen und daher für die Prognosen eingesetzt
werden können. In diesem Verfahren spielen Geldund Kreditmengen eine wichtige Rolle und haben
sich über die Jahre als nützlich für den Aufbau eines
relevanten konzeptionellen Verständnisses des
Funktionierens der amerikanischen Wirtschaft
erwiesen.
Bei ihren Bestrebungen zum Verständnis der Wirtschaft haben Analysten versucht, sich neuer Technologien, einschließlich der vielfachen Verstärkung der
Berechnungsmöglichkeiten, zu bedienen. Ökonometriker haben komplizierte mathematische Modelle
zur Beschreibung der Beziehungen innerhalb der
amerikanischen Wirtschaft entwickelt. Obwohl diese
Modelle einer Reihe nützlicher Ziele dienen, sind sie
- ungeachtet dessen, wie hochentwickelt sie sein
mögen - generell zu einfach, um die sich abzeichnende Vielschichtigkeit unserer Volkswirtschaft zu
erfassen. Die Geschichte lehrt uns, daß die der
Wirtschaft zugrundeliegende Struktur sich in ständiger Bewegung befindet. Derzeitige Schätzungen der
wichtigsten Parameter zur Beschreibung der grundlegenden wirtschaftlichen Beziehungen basieren auf
der Erfahrung und müssen bei der Entwicklung
zukünftiger politischer Maßnahmen skeptisch betrachtet werden. Folglich sind alternative Ansätze
erforderlich, um Schlüsse auf die sich wandelnde
Wirtschaftsstruktur ziehen zu können.
Ob unsere Währungspolitik angemessen ist, hängt
davon ab, wie erfolgreich wir die derzeit die Wirtschaft antreibenden komplexen Kräfte verstehen.
Um zu einem solchen Verständnis zu gelangen,
verlassen wir uns nicht auf eine einzige, punktuelle
Konjunkturprognose. Vielmehr sind wir uns der
Unzuverlässigkeit jeder Prognose bewußt und
bestrebt, eine Bandbreite von Prognosen zu studieren und eine Einschätzung ihrer relativen Wahrscheinlichkeit vorzunehmen. Auf der Grundlage
dieser Einschätzung setzen wir politische Maßnahmen zur Erreichung nationaler wirtschaftlicher Ziele
um. Wir wissen aber auch, daß Fehler bei Prognosen unvermeidlich sind. Die Politik erfordert eine
Einschätzung der Konsequenzen verschiedener
politischer Alternativen für den Fall ihres Scheiterns.
Wir müssen uns folgende Frage stellen: Wir schwierig wäre eine Revision politischer Fehler und wie
hoch wäre der Preis?
Messung und Politik

Seite 2

Wenn wir eine Einschätzung der Wirtschaftsstruktur
vornehmen, müssen wir uns bewußt sein, daß das
ökonomische Ergebnis menschlicher Entscheidungen
- Konsum, Produktion, Kapitalanlage und Preisfestsetzung - unvollständig gemessen wird und wir
Störfaktoren und in einigen Fällen eine systematische
parteiische Einflußnahme auf die Statistiken in
Betracht ziehen müssen. Vom Standpunkt eines
Analysten wie ich, der einen Großteil seiner Karriere
mit der genauen Beobachtung der Konjunktur verbracht hat, ist die Liste der Mängel von Wirtschaftsdaten der Vereinigten Staaten deprimierend lang. Zu
beobachten sind Voreingenommenheit bei der
Angabe des Gesamtpreisindexes, Unvollständigkeit
bei der Berichterstattung über internationale Transaktionen, ein beträchtlicher Anteil bloßer Interpolation
bei der Berechnung der Dienstleistungen in unserem
Volkseinkommen, eine ungleiche Erfassung der
Finanzbuchführung von Haushalten und Unternehmen sowie nicht angegebene Wirtschaftsaktivitäten.
Ein Durchbruch im Bereich der Computer-Hardware
und -Software sowie die Kommunikationstechnologie
könnten eine präzisere Datenerfassung gestatten,
aber diese und andere Innovationen gestalten eine
Messung wirtschaftlicher Daten noch schwieriger.
Das ist großenteils darauf zurückzuführen, daß der
Output an Waren und Dienstleistungen mit der Zeit
immer konzeptioneller statt gegenständlicher wird.
Der Teil des realen Output, der Ideen anstelle von
Waren widerspiegelt, hat sich in diesem Jahrhundert
immens erhöht. Als Folge davon wird es immer
schwieriger, Einheiten des Output zu identifizieren.
Eine Tonne zu 99,7 Prozent reinen Aluminiums kann
im Hinblick auf Quantität und Qualität gut definiert
werden. Bei einem Computerprogramm ist das nicht
der Fall. Wenn also der Output nicht eindeutig
definiert werden kann, ist das Konzept des Preises
ziemlich vage. Zudem ist die begriffliche Erfassung
des Output einer der Faktoren, die mit einer substantiellen Verbesserung der Qualität von Gütern und
Dienstleistungen assoziiert wurden. Eine Messung
des Ausmaßes dieser Verbesserung ist offensichtlich
ziemlich problematisch und hat wiederum entscheidende Auswirkungen auf den Gesamtpreisindex.
Jede Ungenauigkeit bei diesen Preiskalkulationen
bringt direkt Unsicherheit in den Realwert von Output
und Produktivität.
Es gibt viele hoffnungsvolle Anzeichen dafür, daß
technologische Verbesserungen und Fortschritte bei
den Messungspraktiken sich in verbesserten Wirtschaftsstatistiken niederschlagen. Beispielsweise hat
die Entwicklung des Indexes für Beschäftigungskosten durch das Büro für Arbeitsstatistik einen
bedeutenden Beitrag zu unserem Verständnis von
Tendenzen bei den Beschäftigungskosten geleistet.
Das Büro für Arbeitsstatistik konnte die Reaktions-

AMERIKA DIENST 32

�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN ZENTRALBANK
SKIZZIERT PROBLEME VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Die wachsende Komplexität der Wirtschaft macht die Entwicklung verläßlicher
konjunktureller Maßnahmen als Grundlage der Zentralbankpolitik zu einer beständigen Herausforderung,
erklärte der Direktorder amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Board - FED), Alan Greenspan, am 10.
August 1994 in einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für staatliche Operationen.
Der Zentralbankchef äußerte die Beobachtung, daß Computer- und Kommunikationstechnologien eine immer
präzisere Datenerfassung gestatten, gleichzeitig aber diese Technologien die Wirtschaft schwieriger erfaßbar
gestalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Alan Greenspan.

Ich danke diesem Ausschuß für die Gelegenheit,
über einige allgemeinere Aspekte der Währungspolitik zu sprechen. Man hat mich gebeten, die
Rolle von Wirtschaftsprognosen sowie die Verwendung von Wirtschaftsstatistiken bei der Währungspolitik zu untersuchen.
Zu keinem Zeitpunkt waren das Verständnis wirtschaftlicher Abläufe vollständig, konjunkturelle
Messungen von eindeutiger Präzision und Wirtschaftsprognosen fehlerlos. Die derzeitige Generation von Politikern wird mit der folgenden entscheidenden Frage konfrontiert, die auch das Motiv für
diese Anhörung zu sein scheint: Hat die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts, der eine
beträchtliche Integration der Weltwirtschaft bewirkt
und viele neue Produkte auf den Markt gebracht hat,
unser Verständnis maßgeblich beeinflußt, wie die
Wirtschaft funktioniert, in welchem Verhältnis verfügbare Daten zur tatsächlichen Wirtschaftslage stehen
und wie Politik gemacht werden sollte?
Wirtschaftsprognosen und Politik
Die Ökonomen haben sich schon immer um das
Verständnis der Auswirkungen von Innovationen auf
menschliches Verhalten, Instrumente und Institutionen bemüht. Viele Analysten waren in dem verzweifelten Bemühen um ein brauchbares Verständnis bestrebt, die Geldpolitik durch eine "Regel" zu
ersetzen, um die Notwendigkeit einer Analyse oder

AMERIKA DIENST 32

Prognose wirtschaftlicher Entwicklungen abzuschaffen. Es ist jedoch zunehmend deutlich geworden,
daß es keine einfache Regel gibt, die uns eine
automatische Steuerung der Währungspolitik gestattet. Im Prinzip könnte man sich stärker auf eine
solche Regel verlassen, wenn es nur ein einziges
übergeordnetes politisches Ziel gäbe, wie beispielsweise der vorgeschriebenen Preisstabilität. In diesem
Land setzt jedoch das Bundesgesetz zur Begründung
des Zentralbanksystems mehrere Ziele der Währungspolitik fest. Einige Analysten sind trotz dieser
Vielzahl von Zielen dafür eingetreten, daß der Einsatz
einer einzigen Variablen als mittelfristiges Ziel die
Notwendigkeit von Wirtschaftsprognosen abschaffen
und es den Politikern gestatten würde, zum Zweck
der wirtschaftlichen Stabilisierung automatisch nur
eine politische Richtschnur zu befolgen. Ein solches
politisches Ziel impliziert jedoch, daß die frühere
Verbindung der Variablen zur Volkswirtschaft fortbesteht und selbst eine Prognose darstellt.
Die Prognosen zu einigen der vorgeschlagenen
Variablen - einschließlich der Geldmengen M1, M2
und der inländischen, in Sachwerten gemessenen
Schulden - deuten stark darauf hin, daß die Befolgung einer Regel zur Erlangung nur eines Ziels bei
der Steuerung der amerikanischen Wirtschaft nicht
ausreichen würde. Selbst viel komplexere Regeln,
die eine Vielzahl politischer Richtlinien oder ein
automatisches Feedback wirtschaftlicher Ergebnisse
umfassen, würden nicht ausreichend auf sich wan-

Seite 1

�Was die indizierten Schulden betrifft, könnte das
Finanzministerium Obligationen ausgeben, deren
Zinssätze und Anfangszahlungen im Zusammenhang
mit den Verbraucherpreisen stehen.
Schlußfolgerung
Vor dem Hintergrund meiner Überlegungen zu
Wirtschaftsprognosen und -Statistiken in der Währungspolitik traue ich nur einer Prognose: Der

zukünftige Chef der Fed wird Ihren Nachfolgern in
diesem Gremium mitteilen, daß Wirtschaftsprognosen
immer noch unsicher sind und die Konsequenzen der
Währungspolitik sich mit der Zeit verändern. Die
amerikanische Wirtschaft ist komplex und in ständiger
Entwicklung begriffen. Mit diesem Wandel Schritt zu
halten, erfordert andauernde Bestrebungen unsererseits, um das Funktionieren der Wirtschaft zu verstehen und unsere Verfahren zur Datenerfassung
entsprechend anzupassen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 32

�quote auf die erste Einschätzung der monatlichen
Beschäftigungsrate in seiner Haushaltsstudie beträchtlich erhöhen, wodurch die Qualität dieses
Frühindikators wirtschaftlicher Aktivität deutlich
verbessert wurde. In ähnlicher Weise hat sich die
Entwicklung willkürlicher Schätzungen von Preisänderungen bei Computerausrüstungen durch das
Büro für Arbeitsstatistik aufgrund eines besseren
Verständnisses von Trends bei Realinvestitionen und
Inflation bezahlt gemacht. Trotzdem bleibt noch viel
zu tun, wie ich später erläutern werde.
Politische Maßnahmen
Die Einsicht, daß das Verständnis der Wirtschaft
nicht perfekt ist und Messungen unpräzise sind, ist
kein Grund, über die Währungspolitik zu verzweifeln.
Ungenauigkeit bei den veröffentlichen makroökonomischen Daten stellt keine übermäßige Härte dar.
Wenn die Statistiken ein systematisches Gefälle
aufweisen, können wir auch das in Betracht ziehen.
Beispielsweise zeigen die meisten Preisindizes die
Neigung, die Inflation übertrieben darzustellen.
Generell erkennen sie die Tendenz zu kostengünstigeren Einzelhändlern erst mit Verspätung. Ferner
benötigen sie viel Zeit, bis sie neue Waren aufnehmen, und somit tragen sie nicht den typischen
Preissenkungen Rechnung, die sich in der Frühphase des Produktzyklus manifestieren.
Wir wissen, daß Informationen über die Wirtschaftslage aus einer Vielzahl von Quellen stammen und
unterschiedlich akkurat sind. Einige Daten sind
umfassend und ziemlich genau, beispielsweise bei
Bauteilen und Verkäufen von Fahrzeugen. Andere
Daten, wie die im Ausland vorgenommenen Einschätzungen der US-Währung, weisen eine beträchtliche Fehlerquote auf. Bevor Statistiken über systematische Erhebungen zu Verkäufen, Beschäftigung
und Preisen zur Verfügung stehen, können sich
ungenauere, stichprobenartige Informationen als
vorläufiger Indikator sich abzeichnender Trends als
nützlich erweisen. Eine bedeutende Quelle solcher
Informationen sind die Berichte, die unsere Landeszentralbanken durch umfassende Kontakte in
ihrem Gebiet erhalten. Ferner wenden wir uns
häufig an Handelsvereinigungen und Beratungsgremien, um frühzeitig Informationen über Entwicklungen vor Ort zu erhalten. Derartige detaillierte
Berichte über ein bestimmtes Verhalten sind beispielsweise wichtig als Hinweis darauf, wann der
inflationäre Druck anzusteigen beginnt.
Die Geschichte belegt, daß eine Erhöhung der
Inflationsrate sich erst im Verlauf des wirtschaftlichen
Zyklus manifestiert. Folglich haben sich zu dem
Zeitpunkt, an dem der Gesamtpreisindex auf einen
Anstieg der Inflationsrate hinweist, bereits viele,

AMERIKA DIENST 32

schwer zu bereinigende
Unausgewogenheiten
entwickelt. Daher könnten Informationen über ein
bestimmtes Verhalten sowie Signale von den Finanzund Warenmärkten eine Warnung sein oder Engpässe eher beseitigen als lange Berichte über Arbeitslosigkeit, Volkseinkommen, Preise oder traditionelle
Geldmengenangaben.
Insgesamt gesehen erschwert die Messung der
wirtschaftlichen Schlüsseldaten die Arbeit der Politiker. Es ist immer schwieriger, Schlüsse im Hinblick
auf die Zukunft zu ziehen, wenn Wirtschaftsdaten von
Meßfehlern verzerrt sind. Aufgrund unserer Fähigkeit, eine Vielzahl von Informationsquellen anzuzapfen, halten wir die negativen Auswirkungen solcher
Fehlmessungen jedoch möglichst gering. Ich bin mir
nicht bewußt, daß Prognosen über die Wirtschaft der
Vereinigten Staaten zur Zeit schwieriger oder einfacher aufzustellen sind als vor ein paar Jahrzehnten.
Handlungsweise
Bei der Prüfung von Schritten zur Verbesserung von
Bewertung und Interpretation wirtschaftlicher Statistiken müssen wir uns der haushaltspolitischen Zwänge
bewußt sein. Die Mitarbeiter verschiedener, für
Sammlung und Auslegung wirtschaftlicher Statistiken
verantwortlicher Behörden arbeiten hart und machen
im Rahmen dieser Beschränkungen Fortschritte. Ich
kann mir kein geeigneteres Gebiet für zusätzliche
Forschung vorstellen als die Aufstellung von Preisindizes - teilweise aufgrund des hohen Ausmaßes von
Indexierung in den Berechnungen der Bundesregierung. Angesichts des umfassenden Forschungsmaterials, das Hinweise auf ein möglicherweise
systematisches Gefälle bei der Bewertung von Preisveränderungen im Verbraucherpreisindex gibt, wird
es für die Mitarbeiter des Büros für Arbeitsstatistik
eine wichtige Aufgabe darstellen, sich in den kommenden Jahren mit diesem Problem zu befassen.
Ein weiterer Schritt zur beschleunigten Interpretation
der Daten ist die intensive Verarbeitung von Informationen über Termingeschäfte, den Devisenterminmarkt und Optionsgeschäfte. Die Sekundärmärkte
bieten den Zentralbanken potentiell neue Chancen
zur Einschätzung der Stimmung am Markt in bezug
auf zukünftige Bewegungen von Zinssätzen, Aktienkursen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen sowie
zur Messung der Stärke dieses Marktverhaltens.
Zudem beinhaltet finanzielle Innovation die Aussicht
auf neue Möglichkeiten wirtschaftlichen Verhaltens,
insbesondere falls sich die Märkte bei preisindizierten
Schulden oder Termingeschäften, einzelnen Inlandspreisen, dem Bruttoinlandsprodukt und den Bestandteilen der Ausgaben entwickeln sollten. Im Hinblick
auf die Termingeschäfte müssen wir auf die Erfindungsgabe von Privatleuten im Finanzsektor warten.

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Holbrooke fordert Umdenken in der amerikanischen Europapolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Nordkorea&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Nordkorea vereinbaren Vorbereitungen für diplomatische Vertretungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nordkorea unternimmt "ersten Schritt" zur Lösung des Atomstreits&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA bestehen auf IAEO-Inspektionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein neues militärisches Gleichgewicht? Die Verhinderung regionaler Konflikte in den Entwicklungsländern &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Warwick J. McKibbin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direktor der amerikanischen Zentralbank skizziert Probleme von Wirtschaftsprognosen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Alan Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Ansturm auf die Märkte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Christopher McIntosh&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

24. August 1994

33

USA-KUBA

CLINTON KUNDIGT ÄNDERUNG DER FLUCHTLINGSPOLITIK GEGENÜBER KUBA AN
Unterbringung auf Guantanamo Bay

MANFRED WORNER

CHRISTOPHER WÜRDIGT DEN
VERSTORBENEN NATO-GENERALSEKRETÄR
Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten

BEVÖLKERUNG

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des
Weltbevölkerungsberichts 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen
mit dem Vatikan

UMWELT

STRATEGIEN FÜR UMWELTVERTRAGLICHE
ENTWICKLUNG
von Barbara J. Bramble

MILITÄR

NATIONALE SICHERHEIT UND DEMOKRATIE
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von David R. Segal

- * •

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-KUBA
24. August 1994

CLINTON KÜNDIGT ÄNDERUNG DER
FLÜCHTLINGSPOLITIK GEGENÜBER KUBA AN
Unterbringung auf Guantanamo Bay
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton warf dem
kubanischen Staatschef Fidel Castro vor, die durch
das Scheitern des Kommunismus verursachten
"politischen und wirtschaftlichen Krisen" in die
Vereinigten Staaten zu exportieren und schloß am
19. August 1994 die amerikanischen Häfen für
Bootsflüchtlinge aus Kuba.
Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus gab der
Präsident bekannt, die auf See aufgegriffenen
Flüchtlinge aus Kuba würden künftig zum amerikanischen Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba
gebracht und diejenigen, die die Vereinigten Staaten
erreichten, in Untersuchungshaft genommen.

Er

betonte, das Einwanderungsbüro der Vereinigten
Staaten auf Kuba werde weiterhin betrieben und die
Anträge von bona fide-Auswanderern bearbeiten.
Durch diese Maßnahmen will der Präsident eine
Wiederholung der Ereignisse von Mariel im Jahr
1980 in kleinerem Umfang verhindern, als Castro die
kubanischen Gefängnisse und psychiatrischen
Anstalten für diejenigen öffnete, die in die Vereinigten Staaten auswandern wollten. Zwischen April und
September jenes Jahres verließen mehr als 125.000
Kubaner die Insel. Zwischen dem 11. und 18.
August dieses Jahres flohen über 2.000 Kubaner
aus ihrer Heimat.
Clinton erklärte, er habe die amerikanische Küstenwache angewiesen, jedes Boot anzuhalten, das
Kubaner illegal in die Vereinigten Staaten bringen
will und die Passagiere nach Guantanamo Bay zu
transportieren. Die Regierung werde Amerikaner
"festnehmen, gegen sie ermitteln und sie gegebenenfalls strafrechtlich verfolgen", wenn sie auf See
kubanische Flüchtlinge aufnehmen, wie es viele
Amerikaner 1980 taten.
Während die Kubaner auf dem Militärstützpunkt
Guantanamo festgehalten werden, so der Präsident,
würden die Vereinigten Staaten "andere Aufnahme-

AMERIKA DIENST 33

möglichkeiten in der Region prüfen". Der Präsident
verneinte die Frage, ob Flüchtlinge aus Kuba Asyl
erhalten würden. "Diejenigen, die Kuba verlassen,
dürfen nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Sie
werden in Auffanglager geschickt. Die Ankömmlinge
werden festgenommen und wie andere auch behandelt. Ihr Fall wird geprüft. Wer den Anforderungen
entspricht, darf bleiben, den anderen wird das nicht
gestattet. Die Kubaner werden jetzt wie andere
behandelt, die hierherkommen."
Der Präsident werde das Cuban Adjustment Act
durchsetzen, das 30 Jahre lang die Grundlage für
eine Vorzugsbehandlung kubanischer Flüchtlinge war,
und innerhalb dieses Rahmens "werden wir unser
Bestes tun... Wir werden die Kubaner jetzt hier
festnehmen, sie dürfen sich nicht unter die Bevölkerung mischen, und wir werden vor dem Hintergrund
der anzuwendenden Gesetze jeden Fall prüfen."
Clinton schloß jegliche Änderung des amerikanischen
Embargos gegen Kuba sowie der diplomatischen
Beziehungen aus. "Ich befürworte das Embargo und
das Cuban Democracy Act", so der Präsident, "und
bin nicht der Ansicht, daß wir unsere diesbezügliche
Politik ändern sollten."
Das grundlegende Problem sei Castros weiteres
Festhalten am Kommunismus, obwohl die Demokratiebewegung die Region erfasse. Der Präsident
stellte fest, Haiti und Kuba seien die einzigen Nationen in der westlichen Hemisphäre ohne eine demokratische Regierung und äußerte, "das wirkliche
Problem ist die halsstarrige Weigerung des CastroRegimes, eine offene Demokratie und offene Wirtschaft einzuführen, und meines Erachtens wird die
von uns verfolgte Politik dies beschleunigen".
Clinton fügte hinzu, die derzeitige Politik sei am
stärksten auf die Förderung von Demokratie und
letztlich Wohlstand für das kubanische Volk ausgerichtet.

Seite 1

�Der Präsident wies aus den Reihen der Republikaner geäußerte Kritik zurück, die neue Politik sei
unmoralisch. Die mit den Ereignissen von Mariel
einhergehende Unruhe und das Chaos bezeichnete
er als nicht akzeptabel und erklärte, die Amerikaner einschließlich der Amerikaner kubanischer Herkunftwünschten keine Wiederholung dieser Ereignisse.
"Sie wollen nicht, daß Kuba uns unsere Einwanderungspolitik vorschreibt. Sie wollen nicht, daß Castro
seine politischen und wirtschaftlichen Probleme in
die Vereinigten Staaten exportieren kann. Und

genau darauf läuft es ja einfach gesagt hinaus. Wir
haben das schon einmal durchgemacht... Wir haben
es einmal auf diese Weise versucht. Es war falsch
und ist heute falsch, und ich werde nicht zulassen,
daß das noch einmal passiert."
Auf die Frage, ob Castro bei einer demokratisch
gewählten Regierung in Havanna an der Macht
bleiben würde, stellte der Präsident fest, in einer
Demokratie würden die Menschen selbst entscheiden, wen sie wählen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 33

�MANFRED

W O R N ER
24. August 1994

CHRISTOPHER WÜRDIGT DEN VERSTORBENEN
NATO-GENERALSEKRETÄR
Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten
BRÜSSEL - (AD) - Am 19. August 1994 würdigte US-Außenminister Warren Christopher die Verdienste des
verstorbenen NATO-Generalsekretärs Manfred Wörner. "Wir werden ihn sehr vermissen und ihn dadurch
ehren, daß wir sein Werk fortsetzen", erklärte der Außenminister.
Nachfolgend veröffentlichen wir die aus Anlaß der Trauerfeierlichkeiten für Manfred Wörner von Außenminister
Christopher gehaltene Ansprache.

Wir sind hierhergekommen, um Manfred Wörner zu
ehren - seinen Beitrag zu unserem Bündnis zu
würdigen und uns von seinem mutigen Beispiel
inspirieren zu lassen.

Ära anpaßte und ihnen gerecht wurde. Diese Aufgabe erforderte eine starke und kreative Führung, die
Manfred in jeder Hinsicht in vollem Umfang bot.

Ich möchte Elfie Wörner aufrichtige Anteilnahme
aussprechen und im Namen des Präsidenten, der
Manfred zu den treuesten Freunden der Vereinigten
Staaten zählte, einige Worte über den Verstorbenen
sagen.

Manfred erkannte, daß unser Bündnis eine lebende
Institution mit dem Willen und der Fähigkeit zur
Wiederbelebung aus eigener Kraft ist. Er wußte, daß
die NATO mehr war und ist als eine vorübergehende
Reaktion auf eine vorübergehende Bedrohung. Sie
ist der Garant europäischer Demokratie und Stabilität.
Ihre Mission ist nicht beendet.

Vor sechs Jahren übernahm Manfred Wörner das
höchste Amt des erfolgreichsten Bündnisses in der
Geschichte. Vier Jahrzehnte lang verteidigte die
NATO die freien Nationen Europas und Nordamerika
gegen die sowjetische Bedrohung. Sie stellte einen
Schutz für unsere demokratischen Institutionen dar.
Sie gestattete unseren Menschen, gemeinsam nie
dagewesenen Wohlstand zu schaffen - für jeden von
uns und für unsere Kinder.

Wir werden Manfred als einen Mann mit Visionen und
Prinzipien in Erinnerung behalten. Er war fest davon
überzeugt, daß das Schicksal Europas von einer
starken transatlantischen Beziehung abhängt. Er war
ein leidenschaftlicher Europäer und ein leidenschaftlicher Atlantiker. Er verstand, daß diese starken
Überzeugungen sich gegenseitig ergänzen.

Als die Berliner Mauer fiel, erkannte Manfred schnell,
daß sich das Bündnis an eine neue Welt anpassen
mußte. Er wußte, daß Stillstand nicht möglich war.
Im vergangenen September äußerte er: "Die NATO
wird nicht nur durch nostalgische Erinnerungen
vergangener geschichtlicher Ereignisse am Leben
bleiben, und auch nicht durch bloße philosophische
Überlegungen zu gemeinsamen Werten und Bestimmungen. Entweder entspricht die NATO den konkreten Erfordernissen ihrer Mitglieder oder sie wird
allmählich zerfallen." Manfred Wörner arbeitete bis
zum Schluß selbstlos daran sicherzustellen, daß die
NATO sich an die Herausforderungen dieser neuen

AMERIKA DIENST 33

Manfred war sich im klaren, daß das Ende des Kalten
Krieges uns die Chance zum Aufbau eines demokratischen und ungeteilten Europas gab. Er war der
Ansicht, daß das Bündnis die neuen osteuropäischen
Demokratien einbeziehen mußte, wenn es von
Bedeutung bleiben wollte.
Als Präsident Clinton im Januar hier den Vorschlag
einer Partnerschaft für den Frieden unterbreitete, fand
er im Generalsekretär einen starken Fürsprecher. In
den letzten Monaten seines Lebens half Manfred
Wörner, die Partnerschaft von einer Idee zu einer
funktionierenden Realität zu führen - einer Reihe
neuer, konkreter Beziehungen zu 22 Nationen. Sein

Seite 1

�Vermächtnis ist bereits sichtbar. Ich wünschte, er
könnte in den kommenden Monaten und Jahren bei
uns sein um zu sehen, wie Truppen, die einst für
den Kampf gegeneinander ausgebildet wurden, jetzt
gemeinsame Übungen beginnen - und um uns beim
Aufbau einer Sicherheitspartnerschaft beizustehen,
die alle Nationen dieses Kontinents umfaßt.
Keiner von uns wird so schnell den von ihm gezeigten Mut und sein Engagement vergessen, als sich
die NATO mit der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzte. Ich sehe ihn noch vor
mir, wie er im vergangenen August an der Dringlichkeitssitzung zu Bosnien teilnahm. Er war bereits
schwer krank; ich fürchtete sogar, er wäre zu krank,
um der schwierigen Aufgabe gewachsen zu sein.
Aber ich täuschte mich. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, aber seine Stimme und seine
Präsenz erfüllten den ganzen Raum.
Im Februar sammelte er alle Kräfte, verließ das
Krankenhaus und leitete das NATO-Treffen, auf dem
die Entscheidung über die Belagerung Sarajevos
gefällt wurde. Dasselbe tat er im April, um einen
Beitrag zur Beendigung des Mordens in Gorazde zu
leisten. Er war entschlossen, daß die NATO alles in

*

Seite 2

ihrer Macht Stehende unternehmen sollte, um eine
Lösung dieses schrecklichen Konflikts zu finden,
indem sie ihre militärische Macht in den Dienst der
Diplomatie stellte.
Manfred blieb bei allem, was er für die NATO tat,
immer zielstrebig. Wenn dringend Entscheidungen
getroffen werden mußten, führte Manfred uns dorthin.
Wenn Kompromisse erforderlich waren, erzielte
Manfred sie. Wenn wir eine klare Vision dessen
suchten, wofür das Bündnis stand, half er uns, sie zu
finden. Er arbeitete daran sicherzustellen, daß das
Bündnis, wie Präsident Clinton es formulierte, "im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine glaubwürdige
Kraft für den Frieden" bleiben kann.
Manfred war ein Mann von großer Wärme, Energie
und Begeisterungsfähigkeit. Er war bestrebt, alles,
was er unternahm, gut zu machen - als Jurist, Pilot
von Kampfflugzeugen, Gesetzgeber und Staatsmann.
Ich lernte ihn als einen Mann mit außerordentlichem
moralischem Empfinden kennen, mit politischem und besonders gegen Ende - physischem Mut.
Wir werden ihn sehr vermissen und ihn dadurch
ehren, daß wir sein Werk fortsetzen.

* * * *

AMERIKA DIENST 33

�BEVÖLKERUNG
24. August 1994

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994
WASHINGTON - (AD) - Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen über die Weltbevölkerung zufolge sollten
die Frauen weltweit mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten, insbesondere die Entscheidungsgewalt
über die Größe der eigenen Familie.
Eine solche "Ausstattung der Frauen und Männer mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht" ist dem
Weltbevölkerungsbericht 1994 zufolge der "Schlüssel für soziale Entwicklung ... am Ende des 20. Jahrhunderts
und in den Jahren danach".
Der am 17. August 1994 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht weist auf "die zunehmende
Selbstbestimmung der Frauen über die Regulierung ihrer Fruchtbarkeit" hin.
"Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten
der Kinder ist ein Menschenrecht", wird in dem Bericht festgestellt. "Die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit
ist in allen gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg
geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zum Weltbevölkerungsbericht 1994 der Vereinten Nationen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

Eine Frage der Entscheidungsfreiheit
Der Schlüssel für soziale Entwicklung einschließlich
der Lösung des Bevölkerungsproblems liegt am
Ende des 20. Jahrhunderts und in den Jahren
danach in einer Ausstattung der Frauen und Männer
mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht sowie in
einer Befähigung der Familien und lokalen Gemeinwesen zu eigenem Handeln. In immer stärkerem
Maße zeigt sich heute, daß ein freier und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsversorgung,
Familienplanung und Bildung nicht allein als solcher
wünschenswert ist. Er ist auch ein praktischer
Beitrag zur Verwirklichung weiterer Ziele, zu denen
auch der Umweltschutz und die wirtschaftliche
Entwicklung gehören.

AMERIKA DIENST 33

In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine
besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger
als auch ihr potentieller zukünftiger Beitrag zur
menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die
Unsichtbarkeit der Individualität der Frau - im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter - wird
vielleicht schon bald beendet sein.
Von grundlegender Bedeutung für die hier angesprochene veränderte Problemwahrnehmung ist die
zunehmende Selbstbestimmung der Frauen über die
Regulierung ihrer Fruchtbarkeit. Handlungsfreiheit in
diesem Bereich verbessert den Gesundheitszustand
der Frauen und eröffnet ihnen Alternativen in bezug
auf ihre Bildung, ihren Familienstand, ihre Beschäftigung, ihre Wohnverhältnisse und eine mögliche
Entscheidung zur Migration. Diese Handlungsfreiheit
in bezug auf die persönliche Entwicklung birgt Ent-

Seite 1

�Wicklungsmöglichkeiten auch für die Gemeinwesen,
in denen die Frauen leben.
Persönliche Entscheidungsfreiheit und gemeinsame Verantwortung
Die persönliche Entscheidung über die Größe der
eigenen Familie und die Abstände zwischen den
Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht. Die
Erweiterung der Entscheidungsfreiheit ist in allen
gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben.
Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus
dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner
und das Bevölkerungswachstum langsamer sein.
Der Verhütung kann, so wird geschätzt, die Hälfte
des Rückgangs der Fertilität zugeschrieben werden.
Die freie Entscheidung des einzelnen in der Frage
der Größe seiner Familie könnte das Bevölkerungswachstum so weit verlangsamen, daß ein anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum wahrscheinlicher würde. Ein solcher Prozeß kann heute
überall in der Dritten Welt - am besten jedoch in den
sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften Asiens beobachtet werden.
Für die komplexe Problematik von Armut, Arbeitslosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Wasser und
Energie, übersteigertem Konsum, von Umweltschäden und sozialer Desintegration gibt es keine einfache Lösung. Sowohl die nationalen Regierungen
als auch die internationale Gemeinschaft müssen die
Probleme der Regierungskontrolle und der nationalen Institutionen ebenso angehen wie die externen
Faktoren Verschuldung, Handel, Technologieproblematik und internationale Finanzmittel, die für Entwicklung zur Verfügung stehen.
Ein langsameres Bevölkerungswachstum zu Beginn
des nächsten Jahrhunderts wird jedoch zur Entlastung in all diesen Bereichen führen. Es wird dann
Zeit gewonnen, und es können Lösungen gefunden
werden. In der Übergangsphase zu einer niedrigeren Fertilität kann schon ein Zeitgewinn von zehn
Jahren bemerkenswerte Auswirkungen auf die
Lebensqualität in den betreffenden Ländern haben,
wenn dort zum Beispiel Bildungsangebote gemacht,
qualifizierte Gesundheitsversorgung bereitgestellt
und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wachstum und Verteilung der Bevölkerung
Zur Mitte des Jahres 1994 zählt die Weltbevölkerung
5,66 Milliarden Menschen. Im Jahr 1998 werden es

Seite 2

sechs Milliarden sein. Obwohl die Fertilitätsziffern
generell rückläufig sind, wächst die Weltbevölkerung
jährlich weiterhin um 94 Millionen. Dies ist der
höchste Zuwachs, den es jemals gegeben hat. Nach
dem Jahr 1997 werden die jährlichen Zuwächse
zurückgehen, um dann im Jahr 2020 85 Millionen zu
erreichen. Das Wachstum wird nahezu vollständig
auf Asien, Afrika und Lateinamerika und zu mehr als
der Hälfte davon wiederum auf Südasien und Afrika
entfallen, wo sich viele der ärmsten Länder der Welt
befinden.
Die neuesten Prognosen der Vereinten Nationen
sagen für das Jahr 2025 eine Weltbevölkerung von
8,5 Milliarden und für das Jahr 2050 von 10 Milliarden voraus. Diese langfristigen Prognosen gehen
von der Annahme einer weiterhin zurückgehenden
Fertilität aus. Trifft diese Annahme nicht zu, wird sich
das Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des
kommenden Jahrhunderts vermutlich erheblich
rascher vollziehen. Im Jahr 2025 wird dann eine Zahl
von 12,5 Milliarden erreicht sein. Der Unterschied
zwischen der hohen und der mittleren Prognosevariante beträgt 2,5 Milliarden, was der gesamten
Weltbevölkerung des Jahres 1950 entspricht.
Das Bevölkerungswachstum könnte jedoch auch
langsamer sein. Die niedrige Prognosevariante setzt
einen rascheren Rückgang der Fertilität voraus und
berechnet eine Bevölkerung von 7,8 Milliarden für
das Jahr 2050. Der Unterschied zwischen dem
mittleren und dem niedrigen Prognoseszenario liegt,
bezogen auf das Jahr 2050, bei 2,2 Milliarden.
Mit einer Rate von 2,9 Prozent pro Jahr hat Afrika die
am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.
Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas sind
jeweils um 1,8 Prozent, diejenige Nordamerikas um
rund 1,1 Prozent und die der früheren UdSSR um 0,5
pro Jahr gewachsen. Mit 0,3 Prozent lag die Wachstumsrate in Europa am niedrigsten. Die genannten
Wachstumsraten erklären die Verschiebungen in der
regionalen Verteilung der Weltbevölkerung seit den
fünfziger Jahren, als 55 Prozent in Asien, 16 Prozent
in Europa und 9 Prozent in Afrika lebten. Im Jahr
1993 lag der Anteil Asiens bei 60 Prozent, während
Afrika Europa vom zweiten Platz der Liste verdrängt
hatte. Die genannten Trends werden vermutlich bis
zum Jahr 2015 anhalten, wenn für Afrika 19 Prozent
und für Europa 6 Prozent der Weltbevölkerung
erwartet werden.
Diese Verschiebungen werden in allen Ländern
bedeutsame Auswirkungen auf die Politik nach sich
ziehen. Sie verändern die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse sowie den Bedarf an Wohnungsbau,
Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Dienstleistungen. Besonders aber werden sie Auswirkun-

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�gen auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitskräfte
haben. Schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen
werden zwischen den Jahren 1995 und 2020 zusätzlich auf die Arbeitsmärkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas drängen. Danach wird der Bedarf an
Arbeitsplätzen zurückgehen. In den heutigen Industrieländern dagegen wird der Anteil der Menschen,
die älter als 65 Jahre sind, stetig von 12,7 Prozent
auf 18,4 Prozent im Jahr 2025 ansteigen.
Migration
Innerhalb der einzelnen Länder erhöht die Abwanderung in die städtischen Zentren dort den Bedarf an
Wohnraum, Wasser, sanitärer Infrastruktur, Energie,
Gesundheitsversorgung, sozialen Dienstleistungen
und Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung
wird zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte der
Weltbevölkerung stellen. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Zahl der Städte in den Entwicklungsländern mit
mehr als einer Million Einwohner von heute 125 auf
300 gestiegen sein.
Im Jahr 1994 leben mehr als 125 Millionen Menschen - zum Teil freiwillig, zum Teil als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes. Der demographische
Druck, der zur grenzüberschreitenden Migration
beiträgt, - so wurde im letzten Jahr an dieser Stelle
berichtet - verstärkt sich weiterhin. Rund eine Million
Menschen verlassen jährlich ihre Heimat, um in ein
anderes Land zu gehen. Die grenzüberschreitende
Migration ist damit statistisch weit weniger gewichtig
als die Migration in die Städte innerhalb der einzelnen Länder. Dennoch zieht die grenzüberschreitende Migration soziale und wirtschaftliche Folgen nach
sich, die in einem deutlichen Mißverhältnis zu der
relativ geringen Zahl der Migranten stehen.
AIDS
Obwohl genaue Angaben nur schwierig zu erhalten
sind, wurde die Zahl aller Fälle von AIDS auf der
Welt für den Beginn des Jahres 1992 auf 2,7 Millionen geschätzt. 90 Prozent der Betroffenen waren
bereits gestorben. Die weltweite Verbreitung von
HIV-Infektionen - die von AIDS-Fällen zu unterscheiden sind - ist noch weitaus dramatischer. Es
wird geschätzt, daß heute zwischen 14 Millionen und
18 Millionen Erwachsene mit HIV infiziert sind. Dies
sind annähernd doppelt so viele wie im Jahr 1990,
als 9 Millionen HIV-Infektionen geschätzt wurden,
und die Verbreitung der HIV- bzw. AIDS-Seuche
verlangsamt sich keineswegs. Trotz erheblicher
Anstrengungen der AIDS-Vorbeugung weltweit gibt
es bislang nur wenige Anzeichen, daß die Politiken
und Programme zur Eindämmung der HIV-Infektionen einen spürbaren Einfluß gehabt hätten. Im Jahr
2000 werden wahrscheinlich 3,3 Prozent der auf der

AMERIKA DIENST 33

Welt verzeichneten Krankheitsfälle auf AIDS entfallen.
Mit 1,8 Millionen werden dann fast genauso viele
Menschen jährlich an AIDS sterben wie während der
ersten zehn Jahre seit Ausbruch der Epidemie
insgesamt.
Fälle von AIDS sind bisher aus 164 Ländern und
HIV-Infektionen aus praktisch allen Staaten und
Regionen der Welt mitgeteilt worden. Die Verbreitung von HIV ist eine alarmierende und sehr komplexe Erscheinung. Die weltweite Epidemie ist als
Summe tausender einzelner Epidemien, die auf der
ganzen Welt vorkommen, beschrieben worden.
Keine Region der Welt ist davon verschont geblieben,
wobei annähernd 15 Prozent aller HlV-Infizierten in
Nordamerika und im westlichen Teil Europas leben.
Zu Beginn des Jahres 1992 lag der Anteil der Lateinamerikaner unter den HlV-Infizierten bei mehr als 8
Prozent und derjenige der Südostasiaten bei 5
Prozent. Mehr als 68 Prozent aller kumulierten Fälle
von HIV bei Erwachsenen und Kindern entfallen - so
wird angenommen - auf Afrika südlich der Sahara.
Die sozio-ökonomischen Folgen von HIV in Afrika
werden sehr deutlich, wenn allein die Fälle der
erwachsenen HlV-Infizierten dort betrachtet werden.
In Afrika südlich der Sahara leben weniger als 9
Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, jedoch
66 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Erwachsenen. Viele von diesen Menschen befinden sich in
ihrer produktivsten Lebensphase.
Vorhersagen über den Einfluß von HIV bzw. AIDS auf
das Bevölkerungswachstum werden durch die Unsicherheiten erschwert, die den Daten über die HIVSeroprävalenz (Zahl der HIV-Positiven in einer Population oder Stichprobe, Red.) anhaften. Die meisten
Untersuchungen der Seroprävalenz basieren auf
kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben, die in gut
erreichbaren Gebieten genommen werden. Derzeit
wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten
Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der
einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für
solche Länder, in denen die HlV-Infektionsraten hoch
sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und
in großen Städten einiger Länder - insbesondere
Afrikas - wird sich als Folge der Krankheit vermutlich
ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen.
Wenn AIDS auch möglicherweise nur geringe Auswirkungen auf die Größe der Weltbevölkerung hat, so
gibt es doch keine Zweifel, daß die Epidemie in den
am härtesten betroffenen Gemeinwesen, Regionen
und Ländern auf Jahre hinaus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Diese werden sich in der
Gesundheitsversorgung, im sozialen Bereich und in
der Wirtschaft manifestieren. AIDS wird in diesen
Gebieten tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur hervorrufen. Die betroffenen Gesellschaften

Seite 3

�werden Erwachsene im jungen und mittleren Alter
verlieren, und eine wachsende Zahl von Kindern
wird zu Waisen werden. Die erhöhte Mortalität in
den jüngeren Altersgruppen deutet auch auf eine
Senkung der Lebenserwartung hin und gefährdet die
wirtschaftliche Entwicklung.
Wirtschaftswachstum und Armut
In den Entwicklungsländern hat die Rate des Wirtschaftswachstums zu Beginn der neunziger Jahre
über dem Niveau der achtziger Jahre gelegen.
Besondere Fortschritte in dieser Hinsicht machten
jeweils Teile Asiens und Lateinamerikas. Als Folge
der Bemühungen um Entwicklung ist in den Entwicklungsländern der Anteil der in absoluter Armut
lebenden Menschen zurückgegangen. In den 55
ärmsten Ländern sind in den vergangenen 25
Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden.
Die Lebenserwartung erhöhte sich hier von 53 auf
62 Jahre, und die Säuglingssterblichkeit ging von
110 auf 73 je 1000 Geburten zurück. Der Anteil der
an eine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung angeschlossenen Bevölkerung konnte von
33 auf 68 Prozent gesteigert werden.
Als Folge des Bevölkerungswachstums steigt die
Zahl der Armen jedoch weiter an. Rund 1,1 Milliarden Menschen - dies sind 30 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer - leben von rund einem
US-Dollar pro Tag. Obwohl die größte Zunahme an
Armut in Afrika zu verzeichnen war, leben mit einem
Anteil von 62 Prozent die meisten Armen der Welt in
Südasien. In der Vergangenheit lebten 75 Prozent
der Armen in den ländlichen Gebieten. Dieser Trend
kehrt sich jedoch mit der zunehmenden Slumbildung
und immer neuen wilden Ansiedlungen in den Städten um. Bemerkenswerte 54 Prozent des weltweiten
Bevölkerungswachstums entfallen auf Afrika und
Südasien.
Jene Länder, deren Versuche zur Verminderung der
Zahl der Armen und ihres Anteils an der jeweiligen
Bevölkerung erfolgreich waren, haben nicht nur ein
anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
mit Investitionen in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt. Sie haben
auch Wert auf die menschliche Entwicklung gelegt,
indem sie sich insbesondere in den Bereichen der
Bildung und der reproduktiven Gesundheitsversorgung engagierten und die Stellung der Frau
stärkten.
Bevölkerung und Umwelt
Das Wachstum und die räumliche Konzentration der
Weltbevölkerung stehen in engem Zusammenhang
mit dem lokalen und globalen Zustand der Umwelt.

Seite 4

So interagiert das Bevölkerungswachstum mit dem
Verbrauch und der Bereitstellung der natürlichen einschlie ßlich der erneuerbaren - Ressourcen, mit der
Bevölkerungsverteilung sowie dem Druck, den die
Bevölkerungen auf ihre jeweilige Umwelt ausüben.
Der auf der Konferenz der Vereinten Nationen über
Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 verabschiedete Aktionsplan, die Agenda 21, sowie vorläufige Einschätzungen, die der Internationalen Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 vorliegen werden,
reflektieren die Komplexität dieser Zusammenhänge.
Eine direkte Verbindung besteht jeweils zwischen
wachsenden Bevölkerungen und dem Städtewachstum, zwischen der steigenden Nachfrage nach
Wasser und der Abwasserhygiene, zwischen Energie
und Landreserven sowie zwischen der zunehmenden
Luftverschmutzung und der ebenso zunehmenden
Bedrohung der natürlichen Ökosysteme bzw. der
Lebensräume wildlebender Tiere. Dem auf diese
Weise entstehenden Druck sind sowohl die Industrieais auch die Entwicklungsländer ausgesetzt. In den
Entwicklungsländern sind es das rasche Bevölkerungswachstum und die Armut, in den Industrieländern der massive Ressourcenverbrauch und die
Müllberge, die die Lage zusätzlich zuspitzen.
Veränderungen der Umwelt werden von den drei Einflußgrößen Bevölkerung, Konsumniveau und technologischer Entwicklungsstand bestimmt. Im Faktor
Konsumniveau kommt der Ressourcenverbrauch zum
Ausdruck. Der technologische Entwicklungsstand bestimmt die Menge der Ressourcen, die zur Herstellung einer Produkteinheit notwendig ist, sowie die
Abfallmenge, die nach dem Konsum in die Umwelt
gelangt. Bei einem gegebenen technologischen
Entwicklungsstand und einem ebenfalls gegebenen
Konsumniveau ist der Faktor Bevölkerung der Multiplikator, der das Ausmaß der Umweltveränderungen
bestimmt. Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das
Maß der Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß
auf die Umwelt.
Umweltprobleme machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Gelangt beispielsweise Methan oder
Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung
der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die
Industrieländer nach wie vor den größten Anteil
dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil
der Entwicklungsländer an dieser Art der Umweltverschmutzung bei steigenden Bevölkerungszahlen und
steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch
in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich
zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.

AMERIKA DIENST 33

�Die Zerstörung der tropischen Wälder - beim kommerziellen Holzeinschlag, bei Rodungen für die
landwirtschaftliche Nutzung der Flächen oder zur
Gewinnung von Brennholz - schreitet unvermindert
rasch voran. In neun tropischen Ländern, u.a. in
Brasilien, Myanmar (früher: Birma, Red.) und Indien,
nahm die Abholzung während der achtziger Jahre
um 50 Prozent zu und erreichte einen Jahresdurchschnitt von annähernd 17 Millionen Hektar.
Die Ausbreitung der Wüsten und die Bodenzerstörung werden in allen Gebieten beobachtet. Es ist
ein Teufelskreis entstanden, in dem Bevölkerungswachstum, Armut und die Beibehaltung herkömmlicher Technologien zur Verkleinerung der Wirtschaftsflächen und zu weiterem Bevölkerungswachstum führen. Das primäre Agens der Zerstörung ist
in der Nutzung von Grenzertragsflächen und im
Kahlschlag der Wälder zur Urbarmachung der
gerodeten Flächen zu sehen. Diese Nutzungen
resultierten in einer Zurückdrängung des tropischen
Waldes von 16 Millionen qkm zu Beginn dieses
Jahrhunderts auf rund 8 Millionen qkm im Jahr 1990.
In der Folge der Waldzerstörung kommt es zur
Bodendegradation sowie zu einer Verschlechterung
der Wasserversorgung und der Ernten. Dies wiederum stellt eine unheilvolle Entwicklung für die auf dem
Lande lebenden Familien dar.
Die Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung und
Wohnen
Wasser
Die Versorgung mit hygienisch unbedenklichem
Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit
einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Epidemien wie der Cholera sowie mit der
Kindersterblichkeit. Bis zum Jahr 1990 ist es gelungen, 75 Prozent der Weltbevölkerung mit hygienisch
unbedenklichem Trinkwasser zu versorgen und 71
Prozent an die Abwasserbehandlung anzuschließen.
Unterschiede bestehen jedoch weiterhin zwischen
den städtischen Zentren und den ländlichen Gebieten.
Während des letzten Jahrzehnts lag der
Schwerpunkt bei Neuanschlüssen an eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser eher auf
den ländlichen Gebieten denn auf den Städten.
Auch wurde mehr Augenmerk auf die Verbesserung
der Wasserversorgung als auf den Neubau von
Anlagen der Abwasserbehandlung gelegt. Dies gilt
sowohl für die Städte als auch für die ländlichen
Gebiete. Die Entwicklung der städtischen Infrastruktur hinkt in den meisten Entwicklungsländern weit
hinter dem Städtewachstum her. Zwischen 1990
und dem Jahr 2000 - so die Prognosen - wird die
Zahl der Menschen, die kein gesundheitlich unbedenkliches Wasser bekommen, erneut ansteigen.

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69 Prozent des Weltverbrauchs an Wasser geht auf
das Konto der Landwirtschaft. In einigen Ländern,
wie beispielsweise Afghanistan oder Sudan mit ihren
überwiegend ländlichen Bevölkerungen, kann dieser
Anteil jedoch bis zu 99 Prozent ausmachen. Im Jahr
1990 wurden 250 Millionen Hektar (620 Millionen
Morgen) Land im Bewässerungsfeldbau bewirtschaftet. Sie lieferten ein Drittel des Ernteertrags der Welt.
Zwischen 1950 und 1990 wuchs die bewässerte
landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Welt bei
wachsenden Bevölkerungszahlen und steigendem
Konsum pro Kopf um mehr als 100 Prozent. Die
Industrieländer benutzen den Großteil ihres Wassers
für industrielle und kommerzielle Zwecke. In einigen
Ländern, die sich auf der Schwelle zum Industrieland
befinden, steigt die Nachfrage nach Wasser mit
dieser Zweckbestimmung, obwohl ihre im ländlichen
Raum lebenden sowie ihre im landwirtschaftlichen
Sektor tätigen Bevölkerungen zur gleichen Zeit
wachsen.
Eine zunehmende Zahl von sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländern haben die Grenzen einer
nachhaltigen Nutzung ihrer eigenen erneuerbaren
Wasserreserven erreicht oder nähern sich diesen an.
Konkurrenz um die Wasservorräte wird zunehmend
als Ursache interner und internationaler Spannungen
wahrgenommen.
Nahrungsmittelversorgung
Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und
damit schneller als das Bevölkerungswachstum,
gestiegen. Diese Steigerung war jedoch räumlich
nicht gleichmäßig über die Welt verteilt: In Afrika
sank die Lebensmittelproduktion sogar um 5 Prozent,
während dort die Bevölkerung um 34 Prozent wuchs.
Die Weltproduktion an Getreide sank - nach Angaben
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen, (FAO) - im Jahr 1993 um 4
Prozent. Für das Jahr 1994 hat die FAO für 20
Länder die Möglichkeit ernster Lebensmittelknappheit
vorhergesagt. Bis zu 780 Millionen Menschen sind in
den Entwicklungsländern unterernährt.
Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es
keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt und daß es bei einer gerechten Verteilung
möglich sein müßte, auf absehbare Zeit die gesamte
Nachfrage zu decken. Nicht so sehr ein Mangel an
Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird
denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw.
Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die
trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national
und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen
Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und

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�Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste
von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen.
Als Gegenmaßnahme schlägt die FAO hier eine umfassende Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors
vor. Nach wie vor sind in vielen Entwicklungsländern die meisten Arbeitskräfte in diesem Sektor
beschäftigt.
Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung
der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung
stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt.
Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter
Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung,
stellt einen wichtigen Schritt dar.
Wohnen
Die Notwendigkeit zur Bereitstellung ausreichenden
Wohnraums wächst mit steigenden Bevölkerungszahlen. Dies gilt insbesondere angesichts der
zunehmenden Urbanisierung sowie abnehmender
Landreserven, knapperer Baugelder und einer
geringeren Zahl neu fertiggestellter Wohnungen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung derEntwick-

*

Seite 6

lungsländer wird zum Ende des Jahrhunderts in den
Städten leben. Ein derartiges Wachstum überfordert
deren Möglichkeiten, Wohnraum und Dienstleistungen für alle Neuankömmlinge bereitzustellen. Besonders schwierig ist die Wohnungssuche in einigen
Ländern für weibliche Haushaltsvorstände. Dort
verbieten mitunter Gesetze den Frauen den Besitz
von Grundeigentum oder auch nur die Anmietung
einer Wohnung. Frauen dürfen in manchen Ländern
die notwendigen Kredite nicht aufnehmen, oder sie
werden nicht auf Wartelisten für Wohnungen aufgenommen. Diese Frauen und ihre Kinder sind gezwungen zu leben, wo immer es ihnen möglich ist.
Sie belegen den armseligsten Wohnraum und werden
leicht Opfer von Ausbeutung und Mißhandlung.
Die Mittel, die zur Linderung der Armut beitragen können, die die Lebensmittelversorgung verbessern, die
Unter- bzw. Fehlernährung beenden und zu einer
ausreichenden Wohnraumversorgung führen können,
sind die gleichen, die ein ausgeglicheneres Bevölkerungswachstum ermöglichen können. Mehr Beachtung ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsproblematik zu schenken. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen - insbesondere der Frau - muß
erweitert und die Chancengleichheit der Geschlechter
von Geburt an gewährleistet werden.

* * * *

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�BEVÖLKERUNG
24. August 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gibt es zum ersten Mal seit 20
Jahren umfassende Einigung über eine Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion.
"Ich sehe kein Nord-Süd-Gefälle in den neunziger
Jahren", erklärte Sally Shelton, Stellvertretende
Leiterin für globale Programme beim Amt für internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID), bei einer Pressekonferenz am
19. August 1994.
Shelton räumte jedoch ein, bei der im September in
Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung werde es sicherlich einige Meinungsverschiedenheiten geben. Sie verwies insbesondere
auf Differenzen mit der römisch-katholischen Kirche
und vielleicht einigen muslimischen Kirchenvertretem
über Fragen wie die Rechte und Pflichten von
Familien und Einzelpersonen bei Geburtenkontrolle
und Schwangerschaftsabbruch.
Selbst katholische Länder wie Mexiko, Brasilien und
Kolumbien hätten effektive Programme zur Bevölkerungskontrolle verabschiedet, so Shelton. Auch
muslimische Länder wie Indonesien, Bangladesch
und Tunesien hätten Schritte unternommen.
Vor einer Generation hätten nur eine Handvoll
Länder Familienplanungsprogramme eingeführt und
jetzt seien es über 100, erläuterte Shelton. Studien
belegten, daß ungefähr 120 Millionen Männer und
Frauen auf der ganzen Welt lieber die Größe ihrer
Familie planen würden, aber keine Beratung erhalten.
In etwa 170 Ländern sei Schwangerschaftsabbruch
gestattet, manchmal nur in bestimmten Fällen,
manchmal großzügig gehandhabt, äußerte Shelton.
"Die Nachfrage nach Zugang zu Familienplanung
durch Männer und Frauen auf der ganzen Welt und

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die Nachfrage nach einer besseren Lebensqualität...
ist überwältigend. Sie reicht von der Basis bis zu
allen Schichten der Gesellschaft."
Shelton stellte fest, sie sei daher optimistisch, daß die
Kairoer Konferenz einen Konsens über konkrete
Programme erzielen wird, die jedes Land zur Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion einführen
könnte.
Nils Daulaire, politischer Berater für Bevölkerung und
Gesundheit beim AID, erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten den von der 12 Nationen umfassenden Europäischen Union - zu deren Mitgliedern die
katholische, eher traditionelle Gesellschaft Irlands und
auch die liberalen Niederlande zählen - unterbreiteten
Kompromißvorschlag zur Sprachregelung, um die
Schwierigkeiten zwischen dem Vatikan und dem
Großteil der Industrie- und Entwicklungsländer zu
überwinden.
Die Sprachregelung stellt in dem Kapitel über reproduktive Gesundheit eindeutig klar, daß jede bei
der Kairoer Konferenz veröffentlichte Erklärung keine
neuen Rechte für Familien oder Einzelpersonen
festsetzen wird, äußerte Daulaire in einem Interview
nach der Pressekonferenz.
Darüber hinaus würden alle in einer Erklärung
empfohlenen Programme den Gesetzen und Bestimmungen des Landes unterstehen, das die Vereinbarung unterzeichnet.
"Wir finden diese Sprachregelung sehr gut", bekräftigte Daulaire.
Während der Pressekonferenz verwies er darauf, daß
die Entwicklungsländer nicht die Haltung der Industrieländer geteilt hatten, die bei der ersten internationalen Bevölkerungskonferenz im Jahr 1974 die
Betonung auf eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums gelegt hatten.

Seite 1

�Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre
später hatten die Entwicklungsländer das Gefühl,
nicht genug Fortschritte bei der Erweiterung ihrer
Volkswirtschaften zur Ernährung ihrer zunehmenden
Bevölkerung zu erzielen. Sie wollten die Familienplanungsprogramme verstärken, aber die 1984 in
den Vereinigten Staaten amtierende konservative
Administration lehnte diese Position ab.

"Die Differenzen sind ausgeräumt", so Daulaire. "Es
gibt keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten" zwischen den Entwicklungsländern und den
Vereinigten Staaten zum Thema Bevölkerung.

* * * *

Seite 2

*

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�UMWELT
24. August 1994

STRATEGIEN FÜR UMWELTVERTRÄGLICHE
ENTWICKLUNG
von Barbara J. Bramble
Die Verfasserin beschreibt einige der beim Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro gelernten Lektionen und wie
umweltverträgliche Entwicklung auf lokaler Ebene angewandt werden kann. Sie betont die Bedeutung des
Engagements der Gemeinde.
Barbara J. Bramble ist Direktorin des internationalen Programms der National Wildlife Federation.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day.

Ich möchte Ihnen einen historischen Kontext für
unsere Aufgabe in dieser Woche geben und die
abstrakten Ideen des Erdgipfels für unsere Arbeit in
unseren jeweiligen Bundesstaaten umsetzen. Ich
möchte über das sprechen, was ich als die Evolution
des Erdgipfels bezeichne - ein wirklich erstaunliches
Phänomen, bei dem jeder, der in irgendeiner Weise
mit den Vorbereitungen befaßt war und unabhängig
davon, ob er an einer der Vorkonferenzen des
Gipfels in Rio de Janeiro teilnahm oder nicht, durch
diese Erfahrung in gewisser Weise verändert wurde.

Das gleiche geschah in Brasilien, Mexiko, Europa,
Japan, auf den Philippinen und andernorts. In
Brasilien traten dem NGO-Forum für die UNCED mit
der Zeit 1.300 große und kleine Gruppen bei.

Als im Jahr 1989 zum ersten Mal der Vorschlag
eines Erdgipfels unterbreitet wurde, fingen alle an zu
gähnen. Dann erkannten einige kluge Leute, daß er
zum größten und vielleicht wichtigsten Treffen
überhaupt werden könnte (und am Ende nahm die
höchste Zahl von Staatsoberhäuptern teil, die je
einer solchen Veranstaltung beigewohnt hatte).
Viele von uns in der Regierung und bei nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) begannen sich zu
fragen, "Was können wir machen um sicherzustellen,
daß bei dem Gipfeltreffen das Richtige getan wird?"

Wir brachten Mittel auf, damit die Vertreter der Basis
aus diesem und vielen anderen Ländern zu den vier
vorbereitenden Ausschußsitzungen kommen konnten,
die im Verlauf von zwei Jahren abgehalten wurden.
Diese sogenannten "PREP-COMMS" setzten die
Tagesordnung fest und handelten die Zustimmung
zum offiziellen Erdgipfel im Juni 1992 in Rio de
Janeiro aus.

In den nichtstaatlichen Gruppen lautete die Antwort:
Organisieren.
Hunderte Gruppen und Einzelpersonen aus den
gesamten Vereinigten Staaten bildeten das amerikanische Bürgernetz für die Konferenz der Vereinten
Nationen über Umwelt und Entwicklung (United
Nations Conference on Environment and Development - UNCED). Dieses Bürgernetz besteht ebenso
wie das Bürgernetz für umweltverträgliche Entwicklung noch immer.

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Einige von uns begannen, sich mit dem UN-System
vertraut zu machen um herauszufinden, wie die
Konferenz zusammengesetzt sein wird, wer über die
Tagesordnung entscheiden sollte und wie wir die
Regierungen dazu bringen könnten, den Bürgern
zuzuhören.

Wir bildeten Lobbying-Koalitionen jeglicher Art unter
den NGOs, darunter nicht nur (erwartungsgemäß) an
der Umwelt interessierte, sondern auch an der Basis
arbeitende Gruppen wie Bauerngenossenschaften,
Verbraucherschutzgruppen, Frauengruppen, die
Suppenküchen in ärmlichen Gegenden in Peru
betreiben, oder Verantwortliche für Baumschulen und
Aufforstungsprogramme in Kenia, Befürworter von
Landreform, Rassengleichheit und für die Straßenkinder in Brasilien Zuständige, Wohltätigkeits- und
Hilfsorganisationen mit Sitz in Kanada, England und
den Niederlanden, Berater aus Pakistan zur Energieeinsparung und Gruppen, die repressive Regime der
extremen Linken in Ungarn, Polen und Rußland

Seite 1

�sowie der extremen Rechten in Chile, Argentinien
und Brasilien gestürzt hatten.

keiten und Einkommen berücksichtigten nicht das
Humankapital, Rohstoffe oder die Umweltzerstörung).

Wie Sie sich vorstellen können, kamen die NGOs zu
diesem zweijährigen Prozeß mit diametral entgegengesetzten Ansichten über die Bedeutung von Umwelt
und Entwicklung. Wir diskutierten die Rolle des
Welthandels und der Weltbank, wessen Fehler die
enorme Verschuldung der Dritten Welt ist, wer für
die Übernahme der Kosten für den Erhalt der
tropischen Regenwälder verantwortlich ist, wieviel
Schuld für die derzeitige Zerstörung vieler Ökosysteme dem Bevölkerungswachstum und wieviel dem
industriellen Wachstum sowie dem verschwenderischen Verbraucherverhalten zugeschrieben werden
sollte.

Forstwirtschaftler mußten lernen, daß die Hauptursachen für die Brandrodung in den Tropen überhaupt nicht in Zusammenhang mit ihrem Beruf
stehen, sondern auf Armut, Landkonzentration in den
Händen einiger weniger Reicher, gedankenlose
Agrarentwicklung für vornehmlich exportiertes Getreide, unkluge Subventionen für Viehzucht, illegales
Abholzen und Korruption zurückzuführen sind.

Nach einer langen und manchmal emotionalen
Debatte - ähnlich dem, was die Regierungen durchmachen mußten - erzielten wir Einigung zu praktisch
allen diesen Themen. Wir bildeten das "Internationale NGO-Forum", um ein besonderes NGO-Treffen
unter den Hunderten anderer in Rio organisierter
Veranstaltungen anzuberaumen. Ich war in dem
Ausschuß, der die Hauptveranstaltung der NGOs
organisierte und vertrat das Bürgernetz der Vereinigten Staaten. Wir stellten eine 10tägige Konferenz für 3.200 Teilnehmer auf die Beine.
Unser Ausschuß hatte die Idee, seine eigenen
Verhandlungen in Rio zu führen und seine eigenen
NGO-Vereinbarungen vorzubereiten, die wir als die
alternativen NGO-"Verträge" bezeichneten - natürlich
sind es keine richtigen Verträge, sie haben keine
rechtliche Wirkung. Aber sie waren ein wunderbares
Instrument für die NGOs, um Konsens zu unserem
Vorgehen zu erzielen, unabhängig von den Entscheidungen der Regierungen. Sie setzten gemeinsame Ziele fest und legten die Grundlage für Maßnahmen der NGO-Koalition auf Jahre hinaus.
Mehrere dieser "Verträge" haben ein aktives NGONetz, das an ihrer Umsetzung arbeitet.
Ebenso erstaunlich wie die NGO-Verhandlungen war
der Prozeß des Lernens und Verhandeins der
Regierungen für diese Konferenz. Ich war beeindruckt, wie hart die meisten Delegierten der UNCED
arbeiteten, insbesondere die aus den Entwicklungsländern, wo nur einige wenige Delegierte alle Themen abdecken mußten. Sowohl Diplomaten als
auch Spezialisten mußten einen sehr harten CrashKurs zu mehr als 40 schwierigen Fragen über sich
ergehen lassen - und das alles gleichzeitig.
Wirtschaftswissenschaftler mußten lernen, daß sie
nur die Hälfte der Spielkarten zur Verfügung hatten
(ihre Maßeinheiten für Vermögenswerte, Verbindlich-

Seite 2

Wasserwirtschaftler mußten sich anhören, daß ein
Bewässerungssystem - so gut es auch gebaut sein
mag - nicht funktionieren kann, solange es keinen
Verband der Wassernutzer gibt, der die gerechte
Verteilung des Wassers an die flußabwärts Wohnenden und kontinuierliche Wartung gewährleistet. Der
Aufbau eines solchen Verbandes erfordert Jahre
geduldiger Organisationsarbeit unter der lokalen
Bevölkerung - er kann nicht aufoktroyiert werden.
Agrarexperten mußten lernen, daß die grüne Revolution die Kluft zwischen Reichen und Armen in vielen
Ländern verbreitert und das Proteinvorkommen für
zahlreiche Menschen verringert hat (als die in den
Reisfeldern schwimmenden Katzenfische durch
Pestizide vergiftet wurden).
Die Klimaveränderung hat Auswirkungen auf den
Wasservorrat, die Landwirtschaft hat Auswirkungen
auf die Wasserqualität, die Verringerung der Wasservorräte kann Kriege verursachen.
Wir alle mußten lernen, daß es nicht möglich ist,
auch nur passable Wirtschaft oder Technik zu haben,
ohne die Ökologie, Soziologie und Anthropologie zu
verstehen.
Meines Erachtens wurden alle UNCED-Teilnehmer offizielle Delegierte und NGOs- durch diese Erfahrung
tiefgreifend verändert und unser beruflicher Horizont
hat sich enorm erweitert.
Der in Agenda 21 (einer Reihe von 1992 in Rio
unterzeichneten Empfehlungen zur Bewältigung der
Umweltprobleme weltweit) festgelegte Arbeitsplan ist
auf Jahre hinaus Herausforderung genug. Die etwas
mehr als 40 Kapitel der Agenda 21 legen die meisten
gravierenden Probleme dar, die gelöst werden
müssen, um zu einer umweltfreundlichen Gesellschaft
zu gelangen, und sie skizzieren die den Hauptakteuren zukommenden Rollen, von nationalen Regierungen bis zu kommunalen Behörden und Bürgergruppen. Obwohl kein visionäres Dokument für das 21.
Jahrhundert, ist es ein ernsthafter Arbeitsplan für
zumindest das nächste Jahrhundert.

AMERIKA DIENST 33

�Wichtiger als das durch die Vorbereitungen auf den
Erdgipfel verursachte berufliche Umdenken war
vielleicht die Erkenntnis, daß dem inzwischen
populären und überstrapazierten Begriff "umweltverträgliche Entwicklung" etwas Tiefgreifendes zugrundeliegt - nicht nur Wirtschaftswissenschaften oder
Kontrolle der Umweltverschmutzung, sondern
Gleichheit und Gerechtigkeit.
Diejenigen unter uns, die dachten, Rio sei die Folge
der Stockholmer Konferenz über die humane Umwelt
von 1972, sahen sich mit der Tatsache konfrontiert,
daß es eine Konferenz über Umwelt und Entwicklung war. Die scharfen Debatten lehrten uns, daß
die Umwelt einfach nicht gerettet werden kann,
solange nicht alle Menschen auf der Welt eine
Chance zur Verbesserung ihres Lebens haben.
Meiner Ansicht nach kann man guten Gewissens
sagen, daß jeder, der die langwierigen Verhandlungen des UNCED-Prozesses durchgemacht hat seien es die offiziellen Delegierten oder die NGOs
mit ihren eigenen Vereinbarungen - dies jetzt gründlich versteht.
Es gibt beispielsweise keine Lösung für die Brandrodung in den Tropen, solange nicht die Masse der
armen Menschen, die keinen Zugang zu ordentlichem Ackerland haben, weil einige wenige Grundbesitzer es für die Viehzucht oder automatisierten
Getreideanbau für den Export nutzen, eine Chance
bekommen - entweder durch Landreform oder
alternative Beschäftigung in städtischen Zentren,
oder durch einen kleinen Kredit zur Gründung ihres
eigenen Unternehmens. Millionen von Menschen
ohne jegliche Alternative versuchen überall in den
Entwicklungsländern kleine Landstriche zu bewirtschaften, verursachen einen Verlust an Wäldern und
eine Bodenerosion, verstopfen Flüsse und Wasserwege, verunreinigen Anlagen für die Fischzucht und
so weiter.
Entsprechend wird sich das Bevölkerungswachstum
nicht verlangsamen, bis Frauen ein Mitspracherecht
an ihrem eigenen Leben haben - das heißt nicht nur
die Bereitstellung von Kondomen oder Antibabypillen, sondern auch Bildung, ordentliche Gesundheitsfürsorge und wirtschaftliche Chancen, so daß sie das
Recht zur Verwendung dieser Kondome und der
Pille erwerben können.
Und hier bei uns ist die Lage nicht viel anders.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet eine
Chance für ein ordentliches Leben für alle Amerikaner in Städten und ländlichen Gebieten, nicht nur
den Vororten.
Meines Erachtens ist "umweltverträgliche Entwicklung" der falsche Begriff. Erstens ist dies ein Kürzel

AMERIKA DIENST 33

für seine wirkliche Bedeutung - "Wirtschaftlich tragfähige, ökologisch verträgliche und sozial gerechte"
Entwicklung. Aber diese Erklärung ist zu lang und
mühselig. Wir benötigen ein neues Schlagwort, das
alle drei Elemente beinhaltet - Wirtschaft, Ökologie
und Gerechtigkeit - dies ist ein untrennbares Dreieck.
Jeder, der den UNCED-Prozeß durchlaufen hat, hörte
Beunruhigendes von den Vertretern anderer Länder Menschen, die die Ideale und Versprechungen der
Vereinigten Staaten verehren, aber nicht verstehen
können, was wir hier eigentlich tun.
Einige sagten: "Wenn Ihr uns sagt, wir müssen
unsere Regenwälder erhalten, wie kommt es
dann, daß Ihr Eure eigenen Regenwälder im
Nordwesten nicht erhaltet?"
Andere ereiferten sich über eines der schwierigsten Probleme - das Bevölkerungswachstum:
"Bevölkerungswachstum im 'Süden' könnte einige
lokale Umweltprobleme zur Folge haben. Nicht
die Armen haben das Ozonloch, die Klimaveränderung, eine Ölpest in den Ozeanen, Toxine im
arktischen Schnee oder sauren Regen verursacht,
sondern der Abfall und der exzessive Konsum in
Euren reichen Industrieländern setzt den gesamten Planeten einem Risiko aus. Ein in den Vereinigten Staaten geborener Mensch wird 30- bis
50mal soviel Energie verbrauchen wie ein in
Indien geborener - also schiebt nicht die Schuld
für die Umweltzerstörung den Armen in die Schuhe."
Und am provokativsten: "Wir im Süden tragen die
Verantwortung für viele unserer Probleme, weil
unsere reichen Eliten in ihrem eigenen Interesse
operieren, während die Armen leiden - es gibt
einen 'Norden' in unserem 'Süden'. Aber es gibt
auch einen 'Süden' in Eurem 'Norden' - was tut
Ihr mit Euren Armen, mit Euren Städten?"
All das hörte man nicht gerne. Und zuerst führte es
zu einer ziemlich scharfen Auseinandersetzung. Aber
allmählich gelangten wir zu einer Einigung, und die
Antwort wurde deutlich: Beide Seiten hatten recht,
aber beiden Seiten tragen auch einen Teil der
Verantwortung für den Zustand des Planeten. Die
Zukunft hängt von Vereinbarungen über gemeinsames Vorgehen zur Verringerung des kollektiven
Drucks auf unsere Rohstoffe ab und damit der
Verbesserung der Lebensqualität für alle.
Die unmittelbaren praktischen Ergebnisse dieser
grundlegenden Einigung auf die geteilte Verantwortung sind bisher mager - nur die verwässerten
Verträge über Klimaveränderungen und Artenvielfalt

Seite 3

�sind in der Tat bindend. Und Agenda 21, das von
den Regierungen vereinbarte Arbeitsprogramm über
Toxine, Wasser- und Luftverschmutzung, Verringerung des Abfalls und all die anderen Themen, wird
nur auf freiwilliger Basis befolgt.
Aber dies ist erst der Anfang. Ich bin jetzt zuversichtlich, daß die internationale Zusammenarbeit
verstärkt wird, wenn die globalen Probleme sich
verschärfen, was wahrscheinlich ist. Die sich mit
dem Abbau der Ozonschicht befassende Wiener
Konvention war in ihrer ersten Fassung enttäuschend unzulänglich. Sie wurde j^ooch in Form des
Montrealer Protokolls dreimal verbessert, als die
Ozongefahr deutlicher wurde.
Ich möchte Ihnen sagen, was sie für mich bewirkt
hat. Erstens arbeite ich an internationalen Themen.
Aber ich gelange jetzt zu der Erkenntnis, daß das
Beste, was wir für den Aufbau der internationalen
Zusammenarbeit zur Verringerung der Zerstörung
des Ökosystems tun können, darin liegt, zu zeigen,
daß diese Prinzipien hier bei uns im Inland funktionieren. Die übrige Welt blickt immer noch auf die
Vereinigten Staaten bei der Festsetzung der beispielgebenden Normen. Da unser Land und Kanada
den höchsten Energieverbrauch pro Kopf haben,
wird niemand die Energieeinsparung ernst nehmen,
wenn wir es nicht tun. Und dasselbe gilt für die
Erhaltung der Wälder und Feuchtgebiete.
Zweitens führt mich das zu der Schlußfolgerung, daß
wir nicht länger außenpolitische Angelegenheiten
von innenpolitischen trennen können. Ich arbeite
also an der Überbrückung der Kluft zwischen den
inländischen und internationalen Abteilungen der
National Wildlife Federation.
Mehrere unserer
Zweigstellen erarbeiten bereits Pläne für umweltverträgliche Entwicklung in ihren jeweiligen Bundesstaaten, und der Dachverband arbeitet auf die Verabschiedung von "umweltverträglicher Entwicklung"
als einheitlichem Ziel all unserer Programme hin.
Drittens habe ich gelernt, daß die zu umweltverträglicher Entwicklung führenden Prinzipien in den
Vereinigten Staaten die gleichen sind, die im Ausland verwendet werden sollten (beispielsweise bei
Auslandshilfeprogrammen): Beteiligung der öffentlichkeit, Zugang zu Informationen, Gewährleistung,
daß die Menschen das Recht zu friedlichen Beschwerden haben, Chancen für die Menschen, wie
die Vergabe von Kleinkrediten und eine ordentliche
Ausbildung. Dies sind grundlegende amerikanische
Prinzipien der Fairness, Gerechtigkeit und Respektierung der Menschenrechte.
Das Kernstück umweltverträglicher Entwicklung ist
vielleicht nicht eine Technologie per se, sondern das

Seite 4

Mitspracherecht der Gemeinde bei dieser Entwicklung. Obwohl die Menschen es in der Tat nicht
immer in Anspruch nehmen, wollen sie das Recht, zu
erörtern, was zu tun ist, von wem, wann und so
weiter - und nicht nur von den Plänen hören, wenn
die Entscheidungen getroffen sind. Die Bedürfnisse
der Bürger auf der ganzen Welt decken sich in
erstaunlichem Maße - Zugang zu Informationen,
Beteiligung der Öffentlichkeit an Plänen, Entwürfen,
Umsetzung und Auswertung sowie das Recht zur
Beschwerde.
Und schließlich gelangte ich aufgrund der angesprochenen Evolution der UNCED von der Konzentration
auf reine Umweltprobleme zu der Erkenntnis, daß
das Ziel ein viel umfassenderes ist - der Aufbau einer
umweltfreundlichen Gesellschaft. Wie ich bereits
ausgeführt habe, beinhaltet dies nicht nur die Umwelt
und Wirtschaft, sondern auch Gerechtigkeit, so daß
wir alle eine Chance für ein ordentliches Leben
haben können.
Dies führt uns zu der derzeitigen Konferenz der
National Wildlife Federation. Was können wir hier
bewirken?
Ich denke, wir sind auf der Suche. Niemand ist sich
ganz sicher, was genau unter "umweltverträglicher
Entwicklung" zu verstehen ist. Zweifelsohne sieht
sie in Alaska anders aus als in Kalifornien, Ohio oder
Kentucky.
Bei dieser Suche werden wir einige leichte Lösungen
finden wie die Tatsache, daß zunehmend verbesserte
Energiewirtschaft nicht nur die Treibhausgasemissionen reduziert, sondern auch durch kurze Rückzahlungsfristen Geld spart. Gemäßigte Landwirtschaft
schont nicht nur den Boden und trägt zur Säuberung
der Flüsse bei, sondern verringert auch Kosten, ganz
abgesehen von den Vorteilen für die Gesundheit.
Einiges ist jedoch schwieriger. Wiederaufbereitungsprogramme sind beispielsweise ein wunderbares
Instrument, um das Engagement der Menschen zu
gewinnen und sie über Energieerhaltung zu informieren. Aber nachdem sie sich mit der Tragweite
des Problems befaßt haben, gelangen viele Gemeinden zu der Schlußfolgerung, daC eis den Abfall an
der Quelle verringern müssen, sowohl bei den
Produktionsmethoden als auch in einigen Fällen mit
der Abschaffung bestimmter Produkte.
Die neue Methode des "grünen Punkts" sowie die
Einbeziehung der gesamten Berechnungs-, Produktions-, Nutzungs- und Entsorgungskoc*en in den Preis
des Verbrauchsgutes ist ein Indikator, welche Produkte für die Gemeinde sehr teuer im Hinblick auf die
realen Kosten sind, die jetzt als "Externa" angesehen

AMERIKA DIENST 33

�werden. Dies bietet dem Verbraucher Anreize zu
einem veränderten Konsumverhalten.
Aber dies impliziert Veränderung.
Bestimmte
Produkte werden nicht mehr hergestellt und andere
werden entwickelt. Veränderungen machen angst.
Und es gibt sehr viel ernsthaftere Probleme, wie
veraltete Industrieanlagen, die gefährlich sind, deren
Modernisierung aber teuer ist und deren Schließung
einen enormen Verlust an Arbeitsplätzen bedeuten
würde.
Aus diesem Grund ist die Entwicklung eines Gemeinsinns so eindeutig Teil umweltverträglicher
Entwicklung. Wandel ist unvermeidbar, er kann nicht
für immer zurückgehalten werden. Aber diejenigen,
die aufgrund der Notwendigkeit einer Gesellschaft
zur Veränderung ihrer Produktionsmethoden und
Beseitigung des Abfalls in der Luft hängen, sollten
nicht leiden müssen. Wir müssen lernen, als Gemeinde an einem Strang zu ziehen und denen zu

helfen, die von den Veränderungen betroffen sind. In
Deutschland und Japan werden die Arbeitnehmer
geschützt, behalten, umgeschult und als echte
Ressource des Landes angesehen und nicht ihrem
Schicksal überlassen.
Wir sollten den Wandel
begrüßen, weil dies der einzige Weg zur Rettung des
Planeten ist.
Meine vorletzte Botschaft soll Ihnen ins Gedächtnis
rufen, daß es kein Patentrezept für umweltverträgliche Entwicklung gibt, das uns jemand an die Hand
gibt. Wir müssen es erfinden, Schritt für Schritt, in
jeder einzelnen Gemeinde.
Mein letzter Punkt ist, daß es bei dieser Suche kein
Ende gibt. Es gibt keinen perfekten Zustand "umweltverträglicher Entwicklung". Wir sollten uns in der
Erkenntnis auf den Weg machen, daß jeder Schritt
nur ein Teil der Reise ist und jeder kleine Erfolg
allmählich in die richtige Richtung führt. Wir werden
uns unserem Ziel nur annähern, aber jedes Jahr
kommen wir ihm ein Stückchen näher.

*

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*

Seite 5

�MILITÄR
24. August 1994

NATIONALE SICHERHEIT UND DEMOKRATIE
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von David R. Segal
Die Geschichte nationaler Sicherheitsbelange in den Vereinigten Staaten besteht aus dem pragmatischen
Versuch, grundlegende demokratische Werte und Ideale gegen Elemente ihrer Verteidigung auszubalancieren,
die bisweilen die Rechtsstaatlichkeit und die Freiheit des einzelnen beeinträchtigten. Der nachfolgende Artikel
befaßt sich mit der Gegenüberstellung dieser beiden Prinzipien, die das Kernstück der Nation darstellen.
David R. Segal ist Professor für Soziologie und Politologie an der University of Maryland, deren Zentrum für
internationale und Sicherheitsstudien (Center for International and Security Studies at Maryland - CISSM) er
angehört und leitet das akademische Programm für militärische Soziologie.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einem Artikel, der ursprünglich als Vortrag vor der Konferenz über
nationale Sicherheit und Demokratie konzipiert war, die vom Israel Diaspora Institute, Tel Aviv University, vom
11.-14. März 1990 abgehalten wurde. Der Verfasser dankt für die freundliche Unterstützung der Mitarbeiter
von Armed Forces and Society.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Transaction Publishers in Armed Forces
&amp; Society. Copyright (c) 1994 Transaction Publishers.

Einer der kulturellen Widersprüche des modernen
demokratischen Staates ist die Tatsache, daß seine
Verteidigung fast unweigerlich entweder eine Gefährdung der Werte mit sich bringt, die er verkörpert
(beispielsweise Pressefreiheit) oder seine Mittel zur
Verteidigung dieser Werte einschränkt, die somit
weniger effektiv wird. Eine Demokratie muß sich
entweder mit einer auf den Rücken gebundenen
Hand auf einen Krieg vorbereiten und diesen führen,
oder im Interesse einer wirksamen Verteidigung
dessen, was Demokratie nach einer Kompromißlösung bedeutet, etwas weniger demokratisch
werden.
Obwohl es nicht gerechtfertigt wäre, von einem
dialektischen historischen Prozeß auszugehen, in
dem demokratische Staaten die Saat ihrer eigenen
Zerstörung legen, kann die Geschichte nationaler
Sicherheitsbelange in den Vereinigten Staaten als
fortgesetzter pragmatischer Versuch betrachtet
werden, grundlegende demokratische Werte und
Ideale gegen Elemente ihrer Verteidigung auszubalancieren, die bisweilen in die Rechtsstaatlichkeit,
Freiheit des einzelnen und die Beteiligung der

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Öffentlichkeit an politischen Debatten und Entscheidungsprozessen informierter Bürger eingegriffen
haben.
Einige Facetten der Rechtsstaatlichkeit und der
Freiheiten des einzelnen sind mit der Zeit, durch die
Dynamik einer andauernden bürgerlichen Revolution
stabiler geworden, die durch eine Ausweitung der
Bürgerrechte selbst in Zeiten internationaler Konflikte
charakterisiert war. Gleichzeitig wurden die Informationsverbreitung sowie eine informierte Teilnahme an
der Politik von dem Bedürfnis nach Geheimhaltung
eingeschränkt, das mit der Entwicklung, der Aufstellung und dem möglichen Einsatz von Hochtechnologie, todbringenden Waffensystemen und ihren
Trägersystemen unter den Doktrinen der Kriegsmanöver einhergeht.
Nationale Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit
Die Vereinigten Staaten sind eine konstitutionelle
Demokratie, und die rechtlichen Grundlagen des
Systems der nationalen Sicherheit wurden im grundlegenden Rechtsdokument der Nation gelegt, der

Seite 1

�Verfassung, welche die Rechte des einzelnen sowie
die Pflichten der Bundesstaaten und Bundesregierung so genau definiert, wie die Gründerväter der
Nation sie vorausahnen konnten. Die ersten beiden
Verfassungsartikel sehen eine zivile Kontrolle des
Militärs durch ein System gegenseitiger Kontrolle
und gemeinsamer Verantwortung vor, das den
höchsten gewählten Zivilbeamten der Nation - den
Präsidenten - zum Oberbefehlshaber des Heeres,
der Marine und der Truppen der Bundesstaaten
macht, wenn sie in den Dienst der Bundesregierung
gerufen werden. (Die Wahl von Bill Clinton im Jahr
1992, dem während des Wahlkampfes vorgeworfen
wurde, er habe sich im Vietnamkrieg dem Wehrdienst entzogen, stellte die Loyalität der Streitkräfte
gegenüber ihrem Oberbefehlshaber stärker in Frage
als jedes andere Ereignis in der jüngsten amerikanischen Geschichte). Die gewählten Volksvertreter im
Kongreß erhielten die Befugnis, ein Heer aufzustellen und zu unterstützen und eine Marine zu unterhalten. Und nur der Kongreß kann einen Krieg erklären.
Es existieren gesetzliche und juristische Systeme,
weil kein Konsens über allgemein akzeptierte soziale
Normen oder deren Einhaltung besteht. Die Rechtsdoktrin wird am ehesten auf vorhersehbare und sich
wiederholende Ereignisse angewandt.
Da die
Militärtechnolgie immer tödlicher wird und sich
infolgedessen die mit dem Krieg einhergehende
soziale Organisation ändert, wurden die Vereinigten
Staaten mit Situationen konfrontiert, die die Verfassungsväter nicht vorhersehen konnten und die
häufig die tatsächliche militärische Notwendigkeit
den verfassungsmäßigen Definitionen der Rechte
des einzelnen oder der Befugnis der Regierung
gegenüberstellen.
In Kriegszeiten hat das die
Präsidenten dazu veranlaßt, ihre verfassungsmäßigen Rechte zu überschreiten oder zumindest den
Versuch dazu zu unternehmen. Ferner beschränkte
sich die Rolle der Legislative und der Judikative in
Fragen nationaler Sicherheit großenteils auf eine
Reaktion.
Es gibt keine doktrinäre Aussöhnung zwischen der
Rechtsstaatlichkeit und den von der Exekutive
geforderten Vollmachten auf Grund eines Notstandsgesetzes. Das Ergebnis ist pragmatisch und äußerst
politisch. Der Präsident, der sich auf diese Vollmacht im Falle eines Notstands beruft, muß damit
rechnen, daß seine Aktionen überprüft und eventuell
von der Legislative oder Judikative in Frage gestellt
werden. Die Vollmacht des Präsidenten zum Erlaß
von Notstandsgesetzen wurde mit der Zeit zunehmend einer Überprüfung durch die Legislative und
Judikative unterstellt. Das Ergebnis dieses Prozesses war gewöhnlich (aber nicht immer), daß die vom
Präsidenten ergriffenen Maßnahmen vom Kongreß

Seite 2

unterstützt wurden und der Oberste Gerichtshof der
Vereinigten Staaten solche Aktionen rechtfertigte,
insbesondere wenn Übereinstimmung zwischen
Präsident und Kongreß bestand. Der militärischen
Notwendigkeit wird generell eine höhere Priorität
zugebilligt als den Rechten der Bundesstaaten oder
des einzelnen, was sich auch in den 1993 geführten
Debatten über Homosexuelle im Militär zeigte.
Dennoch scheint im Laufe unserer Geschichte die
Wahrscheinlichkeit abzunehmen, daß im Falle eines
nationalen Notstands die Forderung nach Handlungsfreiheit für die Exekutive unterstützt wird. Die vom
Präsidenten in Kriegszeiten ergriffenen Maßnahmen
wurden nach der Wiederherstellung des Friedens
rückgängig gemacht. Nach dem Kalten Krieg könnte
eine noch stärkere Abkehr von der Rechtfertigung der
Einschränkung individueller Rechte und Freiheiten auf
der Grundlage nationaler Sicherheitserfordernisse
erfolgen.
Während des amerikanischen Bürgerkrieges (18611865) verband Präsident Lincoln zum Zweck des
Erhalts der Union seine zivilen Befugnisse mit seiner
Rolle als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, um eine
Position zu schaffen, die "einer konstitutionellen
Diktatur nahekam". Ohne gesetzliche Bevollmächtigung rekrutierte er 40.000 Freiwillige, gab ohne
entsprechende Befugnis über 2 Millionen Dollar aus
der Staatskasse aus und setzte den Habeaskorpusbefehl - den verfassungsmäßigen Schutz vor willkürlicher Verhaftung und Festnahme - für unloyaler
Handlungen verdächtigte Zivilisten aus. Die Verfassung gestattet die Aussetzung des Habeas corpus
aufgrund einer Invasion oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, legt jedoch nicht fest, wer zu der
Aussetzung berechtigt ist. Als der Bundesgerichtshof
in Baltimore (Maryland) entschied, Lincolns Aussetzung des Habeas corpus sei verfassungswidrig,
focht Lincoln dieses Urteil in einer Botschaft an den
Kongreß an. Der Oberste Gerichtshof hat immer
noch nicht entschieden, wer das Habeas corpus
aussetzen darf.
Ferner ordnete Lincoln an, daß zivile Unloyalität von
Kriegsgerichten oder Militärkommissionen behandelt
werden sollte anstatt durch Zivilgerichte, in deren
Zuständigkeitsbereich sie der Verfassung nach fällt.
Der Oberste Gerichtshof hob diese Verfügung erst
nach dem Krieg im Fall ex parte Milligan auf. Lambdin P. Milligan wurde 1864 wegen Verschwörung
verhaftet, vor ein Militärtribunal gestellt und verurteilt.
Nach Kriegsende beantragte Milligan ein Habeas
corpus vom Landgericht. Dieses erließ keine entsprechende Verfügung, verwies diese juristische
Frage jedoch an den Obersten Gerichtshof, der
entschied, Milligan solle freigelassen werden, da der
Präsident nicht über die verfassungsmäßige Macht
verfüge, Zivilisten vor ein Militärgericht zu stellen,

AMERIKA DIENST 33

�wenn Zivilgerichte funktionierten, wie im Fall Milligan.
Milligan wurde in nachfolgenden juristischen Erörterungen häufig als Präzedenzfall für Maßnahmen im
Zusammenhang mit Notstandsverordnungen der
Exekutive angeführt.
Im Ersten Weltkrieg übernahm Präsident Wilson, wie
Lincoln, außerordentliche Befugnisse. Im Gegensatz
zu Lincoln verließ sich Wilson jedoch nicht ausschließlich auf seine Amtsgewalt als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, sondern ihm wurde ein Großteil seines gesetzgeberischen Prärogativs vom
Kongreß übertragen. In diesem Krieg wurde das
Rechtssystem mit der Notwendigkeit konfrontiert, die
Rechte des einzelnen gegen militärische Erfordernisse abzuwägen, wie unter dem Gesetz über Spionage von 1917 und dem Gesetz über Volksverhetzung von 1918 entschieden. Diese Gesetzesbestimmungen aus Kriegszeiten schränkten die Rede- und
die Pressefreiheit ein und stuften bestimmte Behauptungen und Handlungen als aufwieglerisch und
rechtswidrig ein. In einer Reihe von Fällen, die der
Oberste Gerichtshof bei Kriegsende behandelte,
entschied er durchweg, daß militärische Erfordernisse den Verlust der Freiheit des einzelnen rechtfertigten.
In ähnlicher Weise wies der Oberste Gerichtshof
Proteste gegen den Wehrdienst im Ersten Weltkrieg
ab, die auf der Annahme basierten, der Kongreß
habe die Macht der Bundesstaaten über deren

Truppen geschmälert oder die Wehrpflichtigen einer
"unfreiwilligen Zwangsarbeit" unterworfen, was eine
Verletzung des 13. Zusatzartikels zur Verfassung
darstellt. Der Bundesgerichtshof sah die Einberufung im verfassungsmäßigen Mandat des Kongresses unterstützt, eine Armee aufzustellen und
Krieg zu erklären.
Im Zweiten Weltkrieg drohte Präsident Roosevelt,
seine verfassungsmäßigen Befugnisse zu erweitern,
als er verkündete, er würde auf eigene Faust vorgehen, wenn der Kongreß nicht so handele, wie er es
für die nationale Sicherheit als erforderlich erachte.
Bei den Gesetzen zur Preiskontrolle befolgte der
Kongreß seine Anweisungen, wodurch das Verfahren innerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen
blieb und Maßnahmen des Präsidenten überflüssig
wurden. Dramatischer war jedoch, daß Roosevelt in
seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Streitkräfte am 2. Februar 1942 den Präsidialerlaß 9066
verfügte, der den Kriegsminister und von ihm dazu
ernannte Personen bevollmächtigte, militärische
Sperrzonen zu errichten, aus denen "jede Person"
ausgeschlossen werden durfte, um Sabotage oder
Spionage zu vermeiden. Unter dieser Vollmacht
wurden alle Personen japanischer Herkunft - 70.000
davon amerikanische Staatsbürger - aus den Bun-

AMERIKA DIENST 33

desstaaten an der Pazifikküste und Teilen von
Arizona evakuiert und in "Umsiedlungszentren"
festgehalten.
Der Oberste Gerichtshof vermied, über die Verfassungsmäßigkeit des Festnahmeprogramms als
Ganzes zu entscheiden. 1947 kam die Bürgerrechtskommission zu dem Schluß, die Evakuierung und
Festnahme sei die "bemerkenswerteste massive
Beeinträchtigung des Rechts auf physische Freiheit
seit der Sklaverei" und empfahl, die Evakuierten für
den Verlust von Haus und Besitz zu entschädigen.
Erst im Oktober 1989 stimmte das Repräsentantenhaus der Entschädigung von 62.000 ehemals internierten Amerikanern japanischer Abstammung in
Höhe von 1,25 Milliarden Dollar zu.
Nationale Sicherheit und die Medien
Die Geheimhaltung - ein universeller Bestandteil der
nationalen Sicherheit - steht offensichtlich im Widerspruch zu dem demokratischen Prinzip informierter
Bürger und der verfassungsmäßigen Garantie einer
freien Presse in Amerika. Im Verlauf der letzten
Jahrzehnte wurden wiederholt Anpassungen vorgenommen, als die Presse und das Militär versuchten, miteinander und mit sich wandelnden Technologien in beiden Domänen umzugehen.
Bei der Entscheidung zwischen der Pflicht zur Informierung der Öffentlichkeit und der Pflicht zum Schutz
lebenswichtiger Informationen, einschließlich der
Hinnahme eines gewissen Maßes an Zensur, scheinen sich die Medien - vor allem die Presse - während
des Koreakrieges mehr der letzteren Position zugewandt zu haben, als das heute der Fall ist. Der
Wendepunkt könnte die vom CIA unterstützte Invasion Kubas in der Schweinebucht 1961 gewesen
sein, als die amerikanische Presse über die bevorstehende Invasion unterrichtet war, die Geschichte
aber großenteils zurückhielt. Ein Großteil der nachträglichen Diskussion über diese Katastrophe in den
internationalen Beziehungen konzentrierte sich auf
die Frage, ob die Administration diese Operation
abgesagt oder zumindest überprüft hätte, wenn die
Presse die ihr bekannten Informationen veröffentlicht
hätte, anstatt dem CIA (der den Präsidenten irreführte) zu helfen und ihn zu ermutigen. Eine Enthüllung
hätte - vielleicht oder auch nicht - informierte Bürger
hervorbringen können, die ihrer Meinung Ausdruck
verleihen.
Vielleicht als Reaktion auf die Ereignisse im Zusammenhang mit der Invasion in der Schweinebucht
waren die Medien - die sich zunehmend visuell und
elektronisch orientierten - im Vietnamkrieg weniger
kooperativ, und die Spannungen zwischen Militär und
Medien verschärften sich. Die Kennedy-Administra-

Seite 3

�tion schränkte den Zugang der Presse zu Informationen zunehmend ein, und das Militärhilfekommando
Vietnam nahm eine strenge Zensur von Fotos und
Nachrichten vor, nachdem Associated Press das
Foto eines buddhistischen Mönchs bei der Selbstverbrennung auf einer Straße in Saigon veröffentlicht
hatte.

große Geheimhaltung erforderte, waren die großen
Medienanstalten mit ihrem Zugang zum Krieg unzufrieden. Interessanterweise befürwortete die Öffentlichkeit während des Krieges die Einschränkungen
des Verteidigungsministeriums hinsichtlich des
Zugangs der Medien - hier standen sich zwei Bestandteile der Demokratie gegenüber.

Dennoch gelangten Neuigkeiten und Bilder an die
Öffentlichkeit und boten eine Sicht der Ereignisse,
die sich stark von den offiziellen Regierungsberichten unterschied. Die Regierung wurde zunehmend
wegen ihrer Kriegsberichterstattung kritisiert, beispielsweise in Senator J. William Fulbrights Buch
The Pentagon Propaganda Machine und der
Dokumentationssendung des Fernsehsenders CBS
im Februar 1971 "The Selling of the Pentagon".
Vietnam war der erste Krieg, der im Fernsehen
übertragen wurde, und die Tatsache, daß die Amerikaner in den Abendnachrichten die Operationen des
Tages sehen konnten, führte ihnen die Schrecken
des Krieges eindrucksvoll vor Augen.

Die Träger nationaler Sicherheit

Die Medien widersetzten sich der Zensur und
Unterdrückung, und die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere, die letztlich vom Obersten Gerichtshof
befürwortet wurde, wies auf eine neue, gegnerische
Rolle der Medien im Bereich der nationalen Sicherheit hin. Den Medien wurde wiederholt das
Verdienst für den Fall von Diem zugeschrieben oder sie wurden deswegen kritisiert - sowie für die
Entscheidung Johnsons gegen eine erneute Kandidatur und letztlich für die Niederlage im Krieg. Diese
Behauptungen waren umstritten, nicht bewiesen.
Die Spannungen zwischen Militär und Medien
führten zum Ausschluß der Presse von der Operation Urgent Fury, der Invasion Grenadas im Jahr
1983. Der durch diese Politik verursachte Ärger
wiederum bewirkte, daß das Verteidigungsministerium eine Gruppe von Journalisten zusammenstellte, die zu zukünftigen Militäroperationen entsandt
würden. Die Erfahrung der Operation Just Cause der Invasion in Panama im Dezember 1989 - legt
den Schluß nahe, es sei einfacher, die Journalisten
aus den Vereinigten Staaten hinaus als in ein
Kampfgebiet hinein zu bringen.
Das Prinzip, eine Gruppe von Journalisten zusammenzustellen, wurde auch während des Golfkriegs
befolgt. Die Kommunikationstechnologie hatte sich
so weit entwickelt, daß Kriege nicht nur im Fernsehen, sondern live übertragen werden konnten. Da
sich der Krieg hauptsächlich in der Luft abspielte,
man auf kein Schlachtfeld und an keine Front gehen
konnte, keine Einheiten zu begleiten waren und der
100stündige Bodenkrieg eine Manöverkampagne
war, die im Hinblick auf Standort und Bewegungen

Seite 4

Analytische Ansätze gegenüber dem Gleichgewicht
der Werte nationale Sicherheit und Demokratie
spiegeln sich in den soziologischen Debatten über
das Wesen militärischer Professionalität und in den
Beziehungen zwischen Zivilisten und Militärs in den
Vereinigten Staaten wider. Ausgehend von der
Annahme, für die Lösung militärischer und politischer
Probleme seien unterschiedliche Modelle erforderlich
und das Militär müsse politisch neutral und ziviler
Kontrolle durch offizielle Regulierungsmechanismen
unterworfen sein, stellte Samuel Huntington fest, "die
Spannungen zwischen der Forderung nach militärischer Sicherheit und den Werten des amerikanischen
Liberalismus können langfristig nur durch die Minderung der Sicherheitsbedrohung oder des Liberalismus
behoben werden". In den letzten Zeilen von The
Soldier and the State schlug er vor, die Rettung
ziviler Institutionen könnte durch die Anerkennung
konservativer militärischer Normen erreicht werden.
Lange vor der Auflösung des Warschauer Pakts, die
für die Vereinigten Staaten die Bedrohung ihrer
Sicherheit verringerte, schlug Morris Janowitz ein
alternatives Modell vor, das die Verbindung des
Militärs zu anderen sozialen Institutionen anerkannte
sowie die fließende Grenze zwischen Militär und
Politik in der modernen Welt. Nach diesem Modell
müssen der Oberbefehlshaber der Streitkräfte und
das Militär auf Bedrohungen der nationalen Sicherheit
anhand der militärischen Erfordernisse reagieren.
Über den Moment des Einsatzes hinaus kommen
jedoch zunehmend die Verfahren der Demokratie ins
Spiel. Der Präsident muß unter dem Kriegsvollmachtengesetz den Kongreß über seine Maßnahmen
informieren und sie rechtfertigen. In einem Amerika,
in dem immer mehr Rechtsstreitigkeiten stattfinden,
werden die nationale Sicherheit betreffende politische
Entscheidungen weiterhin von den Gerichten überprüft. Und obwohl die Gerichte im allgemeinen
militärischen Erfordernissen eine höhere Priorität
eingeräumt haben als den Rechten des einzelnen,
wurden vor kurzem Schritte zu einer umfassenderen
juristischen Überprüfung unternommen, einschließlich
der Verweisung der Entscheidungen des militärischen
Berufungsgerichts an den Obersten Gerichtshof der
Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 33

�Die Medien werden versuchen, die Bürger ungehindert von der Zensur zu informieren und erheben ihre
Stimme, wenn ihnen das nicht gestattet wird - wie in
den letzten Jahren des Vietnamkriegs, in Grenada,
Panama und kürzlich im Golfkrieg demonstriert. Die
öffentliche Meinung könnte zur Aufgabe selbst der
Kampagnen zwingen, die in militärischer Hinsicht

erfolgreich waren, wie sich in Vietnam zeigte, könnte
jedoch auch der Pressefreiheit Beschränkungen
auferlegen, wie im Golfkrieg. Die Schaffung eines
Gleichgewichts zwischen nationaler Sicherheit und
Demokratie ist ein fortdauernder Prozeß, die Waagschale scheint sich zur Zeit jedoch eher dem demokratischen Prozeß zuzuneigen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 33

Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Kuba&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton kündigt Änderung der Flüchtlingspolitik gegenüber Kuba an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unterbringung auf Guantanamo Bay&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Manfred Wörner&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher würdigt den verstorbenen NATO-Generalsekretär&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mehr Entscheidungsfreiheit der Frau bei Familienplanung gefordert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA und Dritte Welt erzielen Einigung zu Bevölkerungsfragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strategien für umweltverträgliche Entwicklung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Barbara J. Bramble&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Militär&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nationale Sicherheit und Demokratie in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von David R. Segal&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

31. August 1994

34

VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

KONGRESS NIMMT GESETZ ZUR
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG AN
Verbot bestimmer Typen von Schußwaffen

BEVÖLKERUNG

GORE: MASSNAHMEN ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS DER
LÄNDER
Reaktion auf Kritik des Vatikans

FAST ALLE LÄNDER SEHEN NOTWENDIGKEIT
ZUR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE BEI
KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU
BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz
mit USAID-Vertretern

UMWELT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

NÄCHSTE SCHRITTE BEI GLOBALER
KLIMAVERÄNDERUNG - DIE SICHT DER
VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Timothy Wirth

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
31. August 1994

KONGRESS NIMMT GESETZ ZUR
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG AN
Verbot bestimmter Typen von Schußwaffen
WASHINGTON - (AD) - Nach den härtesten Kontroversen seit Jahren nahm der Senat ein umfassendes
Gesetz zur Verbrechensbekämpfung an, das den
Verkauf und Besitz von 19 verschiedenen Schußwaffenarten verbietet. Der Gesetzentwurf wird durch die
Unterschrift Präsident Clintons Gesetzeskraft erlangen.
Die am 25. August angenommene Kompromißlösung
sieht 30,2 Milliarden Dollar für Initiativen zur Verbrechensbekämpfung vor, einschließlich 23,3 Milliarden für die Strafverfolgung und Unterstützung
staatlicher Gefängnisse sowie 6,9 Milliarden für
Programme zur Vorbeugung von Verbrechen. Die
Gesetzesvorlage umfaßt strenge Meldevorschriften
für verurteilte Sexualtäter und informiert die Gemeinde, in der sie sich nach ihrer Freilassung
niederlassen.
Dem Gesetzesvorschlag zufolge soll gegen Straftäter, die drei Schwerverbrechen begangen haben,
eine lebenslange Gefängnisstrafe verhängt werden,
60 Straftaten können zur Verhängung der Todesstrafe führen und die nationale sowie bundesstaatliche Polizei erhält Finanzmittel, um 100.000 zusätzliche Streifenbeamte einzustellen.
Der Annahme des Gesetzentwurfs, der den Kern der
innenpolitischen Tagesordnung der Clinton-Administration darstellt, gingen ernsthafte Debatten voraus.
Anfang August scheiterte der Entwurf beinahe
aufgrund eines verfahrensrechtlichen Schrittes im
Repräsentantenhaus, anschließend wegen ähnlicher
Aktionen im Senat. Nur die Überzeugungsarbeit des
Präsidenten und führender Kongreßabgeordneter
führten zur Verabschiedung des Entwurfs.
Der mit 61 zu 38 Stimmen angenommene Gesetzesvorschlag sieht Gelder für eine Vielzahl von Strategien zur Verbrechensbekämpfung im Laufe der
nächsten sechs Jahre vor. Die Finanzmittel gehen
in einen Fonds für die Bekämpfung schwerer Ver-

AMERIKA DIENST 34

brechen und stammen aus der Abschaffung von
272.000 Arbeitsplätzen im Bereich der Bundesregierung.
Über einen Zeitraum von 10 Jahren sind Herstellung
und Besitz von 19 spezifischen Waffenarten verboten.
Ungefähr 650 bereits in privatem Besitz befindliche
Typen von Sportgewehren und halbautomatischen
Waffen sind von diesem Verbot ausgenommen.
Ferner fallen Munition und Halterung für solche
Waffen unter das Verbot. Die Regierung muß jedoch
nachweisen, daß sie nach Inkrafttreten des Gesetzes
erworben wurden.
Die halbautomatische Waffen betreffenden Bestimmungen des Gesetzes führten zu heftigem Widerstand unter Waffenherstellern und privaten Vereinigungen von Waffenbesitzern. Sie waren verantwortlich für Druck von Seiten der Wählerschaft,
Auseinandersetzungen unter den Gesetzgebern und
Verzögerungen bei der Annahme des Gesetzes.
Die Gesetzesvorlage sieht 13,5 Milliarden Dollar für
den Gesetzesvollzug vor, 10,8 Milliarden davon für
die Bundesstaaten und Gemeinden. Von dieser
Summe sind 8,8 Milliarden Dollar für die Einstellung
von 100.000 zusätzlichen Polizisten vorgesehen,
wodurch deren Zahl um 20 Prozent erhöht wird.
Von den für die Gefängnisse vorgesehenen 9,9
Milliarden Dollar gehen 2 Milliarden an die Gefängnisse der Bundesregierung und 7,9 Milliarden Dollar
an die der Bundesstaaten. Die Hälfte der für die
Bundesstaaten vorgesehenen Gelder werden denjenigen zugewiesen, die strenge Gesetze für "wirkliche
Verurteilungen" verabschieden, durch die Wiederholungstäter gezwungen werden, mindestens 85 Prozent ihrer Strafe zu verbüßen.
Zur Bekämpfung von Jugendkriminalität sieht das
Gesetz Zweckzuweisungen in Höhe von 380 Millionen Dollar zur Bekämpfung von Verbrechen durch die

Seite 1

�I
Gemeinden vor, die existierende Programme zur
Verbrechensbekämpfung ersetzen. Die Gemeinden
können die Gelder für eine Vielzahl von Aktivitäten
verwenden. Die Finanzmittel werden auf der Grundlage der Verbrechensrate jedes Bundesstaates
vergeben.
Personen, die wegen Kindesmißbrauch verurteilt
wurden sowie Sexualverbrecher müssen während
ihrer Bewährungszeit ihre Anschrift bei den Stafverfolgungsbehörden ihres Bundesstaates hinterlegen.
Aus dem Gefängnis entlassene Wiederholungssexualtäter, die unter einer geistigen Behinderung
leiden, welche eine Wiederholung der Tat wahrscheinlich macht, müssen lebenslang ihre Anschrift
hinterlassen und ihre Meldung jedes Vierteljahr auf
den neuesten Stand bringen. Die bundesstaatliche
Polizei darf die örtlichen Behörden über die Anwesenheit solcher Straftäter informieren.
Das Gesetz gestattet die Verwendung von Beweismitteln früherer sexueller Straftaten bei staatlichen
Verfahren gegen Sexualverbrecher. Diese Bestimmung tritt 10 Monate nach Erlaß des Gesetzes in
Kraft.
Bei Vergewaltigungsprozessen ist auf Ersuchen des
Opfers eine Untersuchung des Angeklagten auf das
HI-Virus erforderlich. Die Testergebnisse werden
nur dem Opfer, dem Angeklagten und anderen, vom
Gericht dazu berechtigten Personen mitgeteilt. Das
Opfer darf den Befund nur Ärzten, Rechtsanwälten,
Familienmitgliedern und Sexualpartnern mitteilen.
Die Gesetzesvorlage stellt eine Novellierung der
kürzlich erlassenen Bestimmungen über vorgeschriebene Gefängnisstrafen für Drogentäter dar. Personen, die wegen des Besitzes von Drogen eine
solche Strafe verbüßen, können nach zwei Jahren
entlassen werden. Diese Sonderbestimmung gilt nur
für Straftäter, die eine Bescheinigung des Staatsanwalts besitzen, vom Gericht ausersehen wurden
und bestimmte Kriterien erfüllen, darunter den
Schluß, eine lange Gefängnisstrafe würde einen

mung gezeigtes unerschütterliches Engagement für
die öffentliche Sicherheit", erklärte Cheryl Brolin,
Sprecherin von Handgun Control Incorporated, einer
führenden Organisation zur Förderung von Schußwaffenkontrolle, in einem Interview.
"Das amerikanische Volk wird die Ergebnisse dieses
Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung sehen, wenn
es weniger Schußwaffen auf den Straßen gibt", stellte
Brolin fest. "Die im Kongreß geführte Schlacht zeigte
das wahre Gesicht der Vereinigung der amerikanischen Waffenbesitzer (National Rifle Association NRA)", fügte sie hinzu. Die mächtige NRA, die sich
einer Kontrolle von Schußwaffen widersetzt, hatte
eine entschiedene Lobby gegen das Schußwaffenverbot gebildet. Brolin bezeichnete den Mißerfolg dieser
Organisation beim Gesetz zur Verbrechensbekämpfung sowie eine frühere Niederlage im Zusammenhang mit der versuchten Niederschlagung des
sogenannten Brady-Gesetzes, das Informationen
über den Käufer sowie eine Wartezeit vor dem Kauf
von Schußwaffen fordert, als "den Anfang vom Ende
der Machtausübung der NRA im Kapitol".
Die NRA hat bisher noch keine Stellungnahme
abgegeben, jedoch oftmals darauf hingewiesen, daß
eine Schußwaffenkontrolle nur gesetzestreuen
Bürgern den Zugang zu Waffen verwehrt, die ihrem
Schutz dienen, während Kriminelle immer noch in
ihren Besitz gelangen könnten.
Auf die Frage nach den nächsten Schritten für
stärkere Schußwaffenkontrolle in den Vereinigten
Staaten antwortete Brolin, ihre Organisation, Handgun Control Incorporated, werde sich jetzt für ein
allgemein "Brady M" genanntes neues Gesetz einsetzen. "Dadurch sollen die Produktion und der
Verkauf von Waffen in diesem Land gründlich überprüft und Lizenzen, Registrierung, Kontrolle von
Waffentransfers sowie eine Sicherheitsausbildung
vorgeschrieben werden", äußerte sie. "Es ist ein
Gesetz über Pflichten."

Die Annahme des Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung durch den Senat wurde von den Organisationen in den Vereinigten Staaten begrüßt, die
eine stärkere Kontrolle von Schußwaffen fordern.
Das Gesetzeswerk wird voraussichtlich von Staaten
in Europa und andernorts eingehend geprüft, die
ebenfalls mit einen Anstieg der Kriminalität, insbesondere von Schwerverbrechen, konfrontiert sind.

Im Hinblick auf die Verwässerung von Brady I, einem
Kompromiß zur Erzielung des Schußwaffenverbots,
stellte Brolin fest: "Das ist nicht wirklich ein fataler
Fehler." Durch diesen Kompromiß soll den ursprünglichen Käufern von Schußwaffen die Möglichkeit
gegeben werden, ihre eigenen Waffen ohne weitere
Nachfragen aus dem Pfandhaus zurückzukaufen.
"Die Pfandhäuser werden jedoch bei neuen Waffenkäufern Nachforschungen anstellen müssen", so
Brolin. Ihre Organisation werde jedoch versuchen,
diese Gesetzeslücke in Zukunft zu schließen.

"Wir begrüßen die Verabschiedung dieser Gesetzesvorlage außerordentlich und danken Präsident
Clinton für sein bei der Unterstützung dieser Bestim-

Handgun Control Incorporated ist nicht die einzige
Organisation in den Vereinigten Staaten, die sich für
stärkere Schußwaffenkontrolle einsetzt. Andere

Justizirrtum darstellen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 34

�Gruppen auf kommunaler und nationaler Ebene
beteiligen sich an diesen Bestrebungen, ebenso wie
die Administration und einzelne Gesetzgeber.

Ansicht, bei einer umfassenden Gesetzgebung zur
Eindämmung der Weiterverbreitung von Waffen sei
ein völliges Verbot nicht notwendig.

Einer der radikalsten Vorschläge stammt von Senator John Chafee (Republikaner aus Rhode Island),
der einen Gesetzentwurf über das Verbot des
Besitzes sämtlicher Handfeuerwaffen vorlegte.
Chafee, einer der gemäßigten Republikaner, die für
das von Clinton unterstützte Gesetz stimmten, hält
derzeit ein umfassendes Verbot für die Bekämpfung
von Schwerverbrechen für erforderlich.

Da es neben den Befürwortern eines vollständigen
Verbots von Schußwaffen Anhänger eines stufenweisen Ansatzes gibt sowie diejenigen, die jegliche
Schußwaffenkontrolle ablehnen, wird die Debatte
über das ob und wie einer Waffenkontrolle wahrscheinlich fortgesetzt. Die Annahme eines Gesetzes
über das Verbot von halbautomatischen Waffen wäre
ein weiterer Meilenstein. Befürworter und Gegner
einer Schußwaffenkontrolle sind sich einig, daß dies
nicht ihre letzte Auseinandersetzung sein wird.

Brolin zufolge vertritt ihre Organisation jedoch die

*

AMERIKA DIENST 34

* * * *

Seite 3

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

GORE: MASSNAHMEN ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
ENTSCHEIDUNG DER LÄNDER
Reaktion auf Kritik des Vatikans
WASHINGTON - (AD) - Als direkte Antwort an den
Vatikan unterstrich Vizepräsident Gore bei einer
Pressekonferenz wiederholt, daß die Vereinigten
Staaten ihre Ansichten zu Schwangerschaftsabbruch
und Empfängnisverhütung nicht den jeweiligen
Ländern der Welt aufzwingen wollen.
Bei einer Rede vor dem National Press Club am 25.
August 1994 stellte Gore fest, die amerikanische
Delegation bei der Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung strebe die Einbeziehung einer Sprachregelung in ihr Abschlußdokument an, die eindeutig
klarstellt, daß jedes Land das Recht auf eigene
Entscheidung über die Methoden zur Eindämmung
des Bevölkerungswachstums hat. "Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird."
Bei der Pressekonferenz im Anschluß an den
Vortrag antwortete der Vizepräsident auf die Frage,
ob eine Frau das Grundrecht auf Schwangerschaftsabbruch oder Empfängnisverhütung habe: "Wir
versuchen nicht, internationale Rechte in diesem
Dokument zu verankern."
Die 12 Nationen umfassende Europäische Union, zu
deren Mitgliedern das liberale Dänemark und das
eher konservative katholische Irland zählen, hat eine
Sprachregelung erarbeitet, die sie bei der vom 5. 13. September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz vorzulegen beabsichtigt. Dieser Sprachregelung zufolge werden keine neuen internationalen
Rechte geschaffen und die Entscheidung über
Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums liegt bei den jeweiligen Ländern.
Amerikanische Regierungsvertreter haben ihre
Unterstützung dieser Sprachregelung zugesagt. Sie

AMERIKA DIENST 34

stellten ferner fest, der Vatikan habe keine Unterstützung signalisiert.
Das Büro des Vizepräsidenten hatte den National
Press Club einige Tage zuvor angerufen und um die
Einberufung der Pressekonferenz als Reaktion auf
die Äußerungen des Vatikans und einiger muslimischer Theologen in den vergangenen Wochen
gebeten, daß die Kairoer Konferenz Schwangerschaftsabbruch und Promiskuität Vorschub leisten
und die Familie untergraben werde.
Der Vizepräsident appellierte an den Vatikan und
andere Kritiker, nach Mitteln und Wegen zur Beilegung der Differenzen zu suchen, damit die internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung mit Maßnahmen und Programmen zur Stabilisierung der Weltbevölkerung zu einem erfolgreichen
Abschluß geführt werden könne.
Gore verwies darauf, daß Papst Johannes Paul II.,
das Oberhaupt des Vatikans und der römisch-katholischen Kirche, und die Clinton-Administration ein
breites Spektrum von Programmen unterstützen, die
zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums
beitragen würden, einschließlich natürlicher Geburtenkontrolle, besserer Ausbildung für Mädchen, Verringerung der Kindersterblichkeit und Beendigung der
Armut in den Entwicklungsländern.
"Unseres Erachtens maximiert unser Ansatz die
Bandbreite des möglichen Konsenses und verringert
die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein
erträgliches Maß", führte der Vizepräsident aus.
Gore sprach mit sorgfältig gewählten Worten über
Schwangerschaftsabbruch und Empfängnisverhütung.
"Wir verabscheuen und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch", stellte er fest.

Seite 1

�Ziel der amerikanischen Politik sei es, Schwangerschaftsabbruch "sicher, legal und selten zu machen".
Amerikanische Frauen hätten den amerikanischen
Gesetzen zufolge das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch, aber die Administration sehe
Schwangerschaftsabbruch nicht als Maßnahme zur
Geburtenkontrolle.
Im Rahmen der amerikanischen Gesetze seien
empfängnisverhütende Mittel zulässig, und viele
Männer und Frauen verwendeten sie zur Familienplanung, so Gore. Schwangerschaftsabbruch sei in
Ländern wie Rußland zum Mittel der Geburtenkontrolle geworden, weil empfängnisverhütende Mittel
kaum zur Verfügung stünden. Russische Frauen
hätten durchschnittlich sieben Abtreibungen in ihrem
Leben, um die Geburt eines ungewollten Kindes zu
verhindern.
Gore räumte ein, daß die katholische Kirche der
Verwendung künstlicher Mittel zur Familienplanung
nicht zustimme, fügte jedoch hinzu, zwischen der
römisch-katholischen Kirche und der Clinton-Admini-

stration bestehe ein hohes Maß an Übereinstimmung
über zahlreiche andere Maßnahmen zur Eindämmung
des Bevölkerungswachstums.
Vizepräsident Gore zufolge wird die Kairoer Konferenz ein "Meilenstein" sein, weil sie Bevölkerungsund Entwicklungsbelange verbindet.
Vor kurzem belief sich die Bevölkerung der Welt noch
auf 2 Milliarden Menschen, heute zählt sie nahezu 6
Milliarden und könnte binnen einer Generation 9
Milliarden erreichen, äußerte Gore.
Dieser enorme und rasche Anstieg habe zur Zerstörung der Umwelt und menschlichem Leiden auf
der ganzen Welt beigetragen. Die Entwicklungsländer könnten keinen ausreichenden Lebensstandard erreichen, bis sich ihre Bevölkerung stabilisiert
und sie wirtschaftlich schneller wachsen.
"Die untrennbare Verbindung" zwischen Bevölkerung
und Entwicklung "ist entscheidend", stellte der Vizepräsident fest.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 34

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

FAST ALLE LÄNDER SEHEN
NOTWENDIGKEIT ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Vizepräsidenten AI Gore zufolge ist sich nahezu jedes Land,
einschließlich des Vatikans, bewußt, daß die Stabilisierung der Weltbevölkerung ein legitimes Ziel darstellt.
Die Vereinigten Staaten erwarten, daß auf der vom 5 . - 1 3 . September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung deutlich gemacht wird, daß jedes Land das Recht auf eigene Methoden auf freiwilliger Basis - zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hat.
Vizepräsident Gore wird bei der Kairoer Konferenz, an der Vertreter aus 180 Ländern teilnehmen, die
amerikanische Delegation leiten. Nachfolgend veröffentlichen wir die von AI Gore bei einer Pressekonferenz
am 25. August 1994 abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Heute möchte ich über Bevölkerung, umweltverträgliche Entwicklung und die Herausforderung
sprechen, sich auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die internationale Staatengemeinschaft von vielen Spaltungen der Vergangenheit befreit, und die Nationen
nähern sich - in wirtschaftlicher, ökologischer und
politischer Hinsicht - aneinander an. In dieser
Übergangszeit haben die Vereinigten Staaten und
alle anderen Nationen die Chance und Verantwortung, sich mit lange vernachlässigten, zukunftsweisenden Belangen zu befassen, die darüber
entscheiden, welche Welt wir unseren Kindern und
Enkeln hinterlassen.
Um diesen Übergang erfolgreich gestalten zu
können, müssen wir zunächst die entscheidend
veränderte Natur der Beziehung zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem Erde
akzeptieren und verstehen. Diese Beziehung wurde
durch drei Faktoren radikal gewandelt - einem
philosophischen und zwei physischen. Der philosophische Wandel steht in Zusammenhang mit unserer
Haltung gegenüber der Erde und unserer eigenen
Zukunft, insbesondere mit unserer Gewohnheit, die
Verantwortung für die langfristigen Konsequenzen

AMERIKA DIENST 34

unseres Handelns und Verhaltens zu leugnen. Ich
habe bei anderer Gelegenheit ausführlich darüber
gesprochen und möchte hier nicht ins Detail gehen.
Die beiden anderen Faktoren sind physischer Natur,
obwohl beide sich gemessen an geologischen
Zeitverhältnissen in nur einer Millisekunde ereigneten
und beide in diesem Jahrhundert einzigartig sind.
Der erste Faktor, auf den ich heute ebenfalls nicht
eingehen möchte, ist die dramatische und einzigartige
Revolution in Wissenschaft und Technologie, die sich
immer noch beschleunigt, unsere Lebensqualität
verbessert, uns aber auch die Macht zur Veränderung der lebenserhaltenden Systeme gibt, auf denen
unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und unser
Leben basieren. Der zweite Faktor ist natürlich das
schnelle Bevölkerungswachstum, ein Thema, das ich
heute im Zusammenhang mit umweltverträglicher
Wirtschaftsentwicklung ansprechen werde.
Beunruhigend sind nicht so sehr die empirischen
Daten, sondern die vorauszusehenden Konsequenzen eines solch schnellen Bevölkerungswachstums
für die Zukunft, was alle Amerikaner und alle Nationen mit einem Gefühl der Dringlichkeit erfüllt sowie
der Entschlossenheit, sich mit diesen beispiellosen
Entwicklungen zu befassen. Ich möchte hier nur
einige anführen:

Seite 1

�Im Bereich der Umwelt trägt rasches Bevölkerungswachstum natürlich oftmals zur Zerstörung natürlicher Ressourcen bei. Es ist aber wichtig hinzuzufügen, daß dies auch für das Konsumverhalten der
stabileren und wohlhabenderen Industrieländer gilt.
In wirtschaftlicher Hinsicht führt das Bevölkerungswachstum oft zu einer stärkeren Beschäftigung mit
den Herausforderungen dauerhaft niedriger Löhne,
Armut und wirtschaftlichem Gefälle. Obwohl unter
bestimmten Umständen schnelles Bevölkerungswachstum eine bestehende Nachfrage nach Arbeitskräften decken und somit zu einem positiven Faktor
werden kann, führt es in der Welt, in der wir leben,
fast ausschließlich zur Vergrößerung des Problems
von Niedriglöhnen und Armut.
Bevölkerungstrends fordern auch die Fähigkeit von
Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen,
die erforderlichen Investitionen in Humankapital und
Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends dazu geführt, daß Investitionen in
Kinder gering und ungerecht getätigt werden, insbesondere zum Nachteil der Mädchen.
Auf der Ebene des einzelnen stehen Bevölkerungswachstum und eine hohe Fruchtbarkeitsrate in
engem Zusammenhang mit mangelnder Gesundheitsfürsorge und schlechtem Befinden von mehreren Millionen Frauen, Kleinkindern und Kindern.
Der Bevölkerungsdruck enttäuscht oft die Hoffnung
auf Stabilität auf nationaler und internationaler
Ebene. Denken Sie beispielsweise an das Problem
der 20 Millionen Flüchtlinge, mit dem die Welt
fertigzuwerden versucht. Die Zunahme grenzüberschreitender Wanderbewegungen wird teilweise
durch das umweltschädigende Bevölkerungswachstum herbeigeführt.
Man kann nicht sagen, daß schnelles Bevölkerungswachstum an sich ein Grund für Instabilität in einer
Gesellschaft darstellt. Man sollte jedoch feststellen,

daß Ruanda im vergangenen Jahr in Afrika das
Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte war. Und
es ist auch nicht unwichtig, daß Somalia die schnellste Wachstumsrate der Bevölkerung in ganz Afrika
verzeichnete. Obwohl es keine direkte Beziehung
zwischen Ursache und Wirkung gibt, sagt der
gesunde Menschenverstand, daß schnelles, umweltschädigendes Bevölkerungswachstum es den
Gesellschaften und Nationen erschwert, mit den
politischen, wirtschaftlichen und anderen Problemen
umzugehen, denen sich alle Nationen gegenübersehen.

Seite 2

Die Auswirkungen müssen auf globaler, aber auch
auf kommunaler und nationaler Ebene angegangen
werden. Beispielsweise wurde in jüngster Zeit viel
über die Probleme Afrikas in Ländern wie Nigeria
geschrieben. Die nigerianische Bevölkerung hat sich
in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. Die
Probleme einer Gesellschaft wie der Nigerias haben
eine Vielzahl von Ursachen. Wenn sich jedoch die
Bevölkerung innerhalb von 40 Jahren verdreifacht,
wird die Lösung dieser Probleme für jede Gesellschaft bedeutend schwieriger. Nigeria - um noch
einmal dieses Beispiel anzuführen - befindet sich auf
dem besten Weg zu einer erneuten Verdreifachung
seiner Bevölkerung im Verlauf der nächsten 40 Jahre.
In 40 Jahren werden in diesem Land mehr Menschen
leben als in den fünfziger Jahren auf dem gesamten
afrikanischen Kontinent. Um ein weiteres Beispiel zu
nennen: Afghanistan ist das Land mit der schnellsten
Wachstumsrate der Welt und es sieht so aus, als
würde sich seine Bevölkerung in nur zehn Jahren
verdoppeln.
Diese Ausschnitte aus einer zunehmend komplexen
Welt führen uns eine Notwendigkeit vor Augen, die
meines Erachtens im Mittelpunkt der internationalen
Zusammenarbeit in der Zeit nach dem Kalten Krieg
stehen sollte: Die Verwirklichung der Vision umweltverträglicher Entwicklung. Mit Mut, Überzeugung,
Konsens und gemeinsamen Strategien können wir
zweifellos den großen Herausforderungen gerecht
werden, die Weltbevölkerung zu stabilisieren und
umweltverträgliche Entwicklung herbeizuführen.
Erwiesenermaßen fällt es schwer, diese Herausforderungen zu akzeptieren, und nichts ist schwieriger
für den einzelnen und die Gesellschaft als eine
Veränderung der Denkweise. Und die vor uns
liegenden Fragen erfordern vor allem ein neues
Denken über unsere Welt und unser Verhältnis zu ihr.
Von den verschiedenen Faktoren, die diese neue
Situation herbeigeführt haben, bereitet keiner größere
Schwierigkeiten als das schnelle Bevölkerungswachstum. Es bewegt unsere Gedanken und steht auf
unserer Tagesordnung als die dritte große Weltbevölkerungskonferenz dieses Jahrhunderts, die im
kommenden Monat anberaumt ist. Vor zehn Jahren
fungierte die amerikanische Delegation bei der
zweiten Weltbevölkerungskonferenz in Mexico City
als unbeteiligter Zuschauer, was nicht nur für die
lange Geschichte der Vereinigten Staaten als Führungsmacht, sondern auch für Fortschritt und
Schwung der internationalen bevölkerungspolitischen
Bestrebungen während der achtziger Jahre ein
Rückschlag war.
Zehn Jahre später ist der Wandel gekommen; die
Vereinigten Staaten sind wieder aktiv, und Präsident
Clinton hat die amerikanische Führungsrolle bei den

AMERIKA DIENST 34

�entscheidenden Herausforderungen Bevölkerung
und umweltverträgliche Entwicklung wiederhergestellt. Die Kairoer oder internationale Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung, so der offizielle
Name - und ich möchte bei dieser Gelegenheit jedes
Mitglied der Presse vor der Abkürzung Bevölkerungskonferenz warnen - ist eine Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, und die untrennbare
Verbindung ist entscheidend für die Fähigkeit der
Welt, einen Konsens für die gemeinsame Bewältigung dieser beiden Herausforderungen zu bilden.
Diese Konferenz soll die interdependente Natur der
Welt unterstreichen sowie die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit aller Nationen, um die Weltbevölkerung merklich zu stabilisieren, Wirtschaft, Umwelt
und Entwicklung zu integrieren, dauerhafte Werte für
die Familie sowie die Verantwortung des einzelnen
und der Gemeinschaft zu bekräftigen und weltweiter
Bildung, Gesundheitsfürsorge und vermehrter Entscheidungsbefugnis für Frauen und alle Menschen
Priorität einzuräumen.
In der Presse wurde vielleicht nicht darüber berichtet, aber die Vorbereitungen für die Kairoer Konferenz waren von einem bemerkenswerten Konsens
über umfassende Strategien zur Realisierung dieser
Ziele gekennzeichnet. Während früher von einigen
behauptet wurde, Bevölkerungswachstum stelle kein
Problem dar, besteht jetzt tatsächlich Einigkeit über

unvollständigen Aktionsplan, an dessen Vollendung
die Staaten in Kairo arbeiten werden. Ich möchte
über die Annäherung an einen Konsens im Entwurf
für das Kairoer Dokument zu Frauen, Kindern, der
Umwelt und anderem sprechen. Dieser dramatische
Fortschritt darf nicht von einer Frage überschattet
werden, die in tiefgreifenden moralischen, philosophischen und religiösen Unterschieden wurzelt - ich
meine natürlich den Schwangerschaftsabbruch.
In diesem Bereich erscheint umfassender Konsens
unwahrscheinlicher als auf jedem anderen Gebiet,
selbst unter Männern und Frauen, die mit Offenheit
und gutem Willen diese Frage erörtern. Wichtig ist,
daß die teilweise Übereinstimmung, die in greifbarer
Nähe liegen könnte, nicht von Mißverständnissen
vereitelt wird. Ich möchte mich klar ausdrücken und
sicherstellen, daß die Ansichten dieser Administration
eindeutig sind. Mein Freund Michael Novak zitierte
kürzlich John Courtney Murray, der feststellt, "nichts
ist schwieriger, als Uneinigkeit zu erzielen". Oftmals
ist Uneinigkeit in unpräziser Form gegenwärtig und
erscheint viel größer und furchteinflößender, als sie
wirklich ist.
Praktisch jeder Mensch in jedem Teil der Welt
möchte Schwangerschaftsabbruch zu einem seltenen
Vorkommnis machen. Das ist das Ziel der Vereinigten Staaten, von Frauengruppen, Umweltschützern, der katholischen Kirche und Vertretern aller

die Notwendigkeit, daß alle Nationen Bevölkerung

großen Religionen.

und umweltverträgliche Entwicklung als Priorität
betrachten. Und die katholische Kirche, auf die ich
gleich zu sprechen komme, bezeichnet die Stabilisierung der Weltbevölkerung als legitimes Ziel.

mit dieser Frage Befaßten, obwohl viele von uns
dieses Ziel auf unterschiedliche Art und Weise
verfolgen. Beispielsweise bin ich der Ansicht, wenn
weniger Frauen einen Schwangerschaftsabbruch für
nötig halten, wird er auch seltener vorgenommen.
Und wenn Frauen ihn selten für notwendig halten,
wird er auch seltener. Dafür setzt sich unsere
Administration ein. Aber die heutige Situation sieht
anders aus. Schwangerschaftsabbruch ist nicht
selten. Weltweit werden jährlich über 25 Millionen
Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Und in
manchen Teilen der Welt ist es für eine Frau nicht
ungewöhnlich, im Laufe ihres Lebens sieben oder
acht Abtreibungen zu haben.

Während früher diese Diskussion an der Nord-SüdGrenze scheiterte, besteht jetzt Einigkeit darüber,
daß Zusammenarbeit im Interesse aller Staaten des Nordens und des Südens - liegt. Während
früher Uneinigkeit darüber bestand, ob Familienplanung oder wirtschaftlicher Fortschritt eine Vorbedingung für Fortschritte auf diesen Gebieten sei,
wird jetzt allgemein anerkannt, daß beide an sich
bedeutend sind, jedoch am besten gleichzeitig
verfolgt werden sollten. Während man sich früher
engstirnig auf nur einen Aspekt einer globalen
Strategie konzentrierte, umfaßt das gemeinsame Ziel
jetzt Bestrebungen, die Bildung, Gesundheit, mehr
Entscheidungsfreiheit für Frauen und wirtschaftlichen
Fortschritt mit dem Traum eines besseren Lebens
für alle Menschen verbinden.
Man hat also zweifelsohne viel gelernt, seit vor 30
Jahren durch die Arbeit von John D. Rockefeiler III.
und anderen ernsthafte Besorgnis über das schnelle
Bevölkerungswachstum entstand. Diese Lektionen
charakterisieren den vielversprechenden, aber

AMERIKA DIENST 34

Es ist tatsächlich das Ziel aller

Es gibt tatsächlich Länder, beispielsweise Rußland,
in denen empfängnisverhütende Mittel nicht leicht und
überall zur Verfügung stehen und Frauen im Laufe
ihres Lebens durchschnittlich sieben oder acht
Abtreibungen vornehmen lassen. Aus einer Vielzahl
von Gründen sterben jedes Jahr weltweit 200.000
Frauen an medizinisch riskanten Schwangerschaftsabbrüchen. Wir können diese Tatsachen nicht unter
den Teppich kehren oder vortäuschen, sie existierten
nicht - und das versucht auch niemand.

Seite 3

�Eine der Fragen, die sich die Konferenzteilnehmer in
Kairo und alle Bürger der Welt stellen, lautet, was
wir dagegen unternehmen. Wie können wir Schwangerschaftsabbrüche seltener machen? Nach Ansicht
unserer Administration ist es wünschenswert, in den
Bereichen Gesundheit und reproduktive Gesundheit
möglichst viele Optionen anzubieten. Wir sind uns
jedoch bewußt, daß die Ansichten über einen
Schwangerschaftsabbruch unter Nationen ebenso
unterschiedlich sind wie unter Einzelpersonen.
Heute haben 173 Nationen Gesetze über die Umstände, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch
vorgenommen werden darf und unter denen er
eingeschränkt ist.
Unseres Erachtens sollte die Entscheidung darüber,
unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch akzeptabel ist, im Entscheidungsbereich
jeder einzelnen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze
und nationalen Gegebenheiten liegen. Aus diesem
Grund haben wir während der Verhandlungen eine
Sprachregelung und deren Einbeziehung unterstützt,
die dieses Prinzip für alle in Kairo abgegebenen
Empfehlungen klarstellt. Und wir erwarten in Kairo,
daß dieses Prinzip im Abschlußdokument bekräftigt
wird und werden darauf drängen. Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird.
Die Respektierung nationaler Souveränität bei dieser
Frage impliziert keine Neutralität. Wir sind der
Meinung, daß Schwangerschaftsabbrüche seltener
werden sollten. Sie sind keine Methode, mit der die
Nationen das Bevölkerungswachstum reduzieren
können oder sollten. Wir sind kein Befürworter von
Schwangerschaftsabbrüchen. Wir verabscheuen
und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch, ungeachtet dessen, ob der Zwang
dazu physischer, wirtschaftlicher, psychologischer,
politischer oder anderer Natur ist.
Es wurde behauptet, die Vereinigten Staaten hätten
im Zusammenhang mit der Bereitstellung von
Entwicklungshilfe über Gebühr ihren Einfluß gegenüber Nationen geltend gemacht, die nicht unsere
Bevölkerungspolitik und -programme unterstützen.
Das ist eindeutig und absolut falsch. Wir wissen,
daß einige diesbezügliche Behauptungen aufgestellt
wurden. Wir respektieren die Tatsache, daß Menschen guten Willens die Wahrheit mißverstehen
können und haben um spezifische Information
gebeten. Kein vernünftiger Mensch würde ein
solches Verhalten unterstützen. Ich möchte folgendes sagen: Sollten Beweise für die Unterstützung
eines solchen Verhaltens bei den Vorbereitungen für

Seite 4

die Kairoer Konferenz, in Kairo oder danach auftauchen, werden wir sofort und entschieden Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Diese Anschuldigungen
sind ungeheuerlich. Sollten sie sich als wahr erweisen, würden wir die Regierung sofort umgestalten.
Wir halten einen Schwangerschaftsabbruch nicht für
eine Methode der Familienplanung. Er sollte auch
nicht als solche gesehen werden, obwohl er in
Ländern, in denen nicht ausreichend empfängnisverhütende Mittel vorhanden sind, tragischerweise
allzuoft aus diesem Grund vorgenommen wird. Und
wir betrachten einen Schwangerschaftsabbruch
zweifelsohne nicht als moralisches Äquivalent zur
Empfängnisverhütung. Alle Diskussionsteilnehmer
räumten ein, daß der Entscheidung für eine Option
eine bestimmte moralische Einstellung zugrundeliegt.
Ich möchte mit deutlich ausdrücken: Unsere Administration ist der Ansicht, daß die Verfassung der
Vereinigten Staaten jeder innerhalb unserer Grenzen
lebenden Frau mit wenigen und bestimmten Ausnahmen das Recht auf eine Entscheidung zusichert.
Wir sind diesem Prinzip unverändert verpflichtet. Wir
wollen jedoch direkt einem Mißverständnis vorbeugen. Die Vereinigten Staaten streben kein internationales Recht auf Schwangerschaftsabbruch an
und werden das auch in Zukunft nicht tun.
Die gerade von mir dargelegten Grundsätze repräsentieren die seit langer Zeit bestehende Position der
Administration und der Vereinigten Staaten in dieser
Frage. In seiner im Juni gehaltenen Grundsatzrede
vor der National Academy of Sciences erklärte der
Präsident:
"Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode der
Familienplanung. Wir respektieren jedoch die vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme jeglicher
Zwangsausübung. Unsere Politik in den Vereinigten
Staaten vertritt die freie Wahl des einzelnen, nicht
das Diktat der Öffentlichkeit. Ich habe bereits vielfach
darauf hingewiesen, daß Schwangerschaftsabbrüche
sicher, legal und selten sein sollten. In anderen
Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist
Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt.
Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern anschaut,
muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner
sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen
mit Verhütungsmitteln mehr als alles andere zur
Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen
beitragen wird."
Seit er diese Rede hielt, bevor er diese Rede hielt,
aber vor allem viele Male nachdem er diese Rede
gehalten hatte, hat der Präsident anderen und mir

AMERIKA DIENST 34

�gegenüber bei mehreren Gelegenheiten bekräftigt,
daß ein Schwangerschaftsabbruch, wenn er vorgenommen wird, sicher sein sollte. Jede Nation
sollte das festlegen. Wir lehnen Zwang ab. Wir
verabscheuen Zwang.
Und wir sollten andere
Maßnahmen zur Reduzierung der Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen ergreifen.
Ich wiederhole, wir wollen alles in unserer Macht
Stehende zur Verringerung von Abtreibungen
weltweit tun. Aus unserer Sicht ist der effektivste
Weg zur Reduzierung von Bevölkerungswachstum
und Abtreibungen eine umfassende globale Strategie, die Informationen über Familienplanung und
Möglichkeiten leicht zugänglich macht, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung fördert, Kindersterblichkeit und Analphabetentum verringert, die Gesundheit der Frauen verbessert, Familien stärkt und
sich auf Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frau konzentriert. Zu dieser Schlußfolgerung sind wir aufgrund schmerzlicher Erfahrungen
gelangt.
Im Verlauf der letzten Generation haben wir gelernt,
daß Familienplanung allein selten erfolgreich ist und
wirtschaftliche Entwicklung allein nicht automatisch
das Bevölkerungswachstum verringert.
Meiner Ansicht nach ist der wahre Hintergrund des
Vorbereitungsprozesses und der Konferenz selbst
das Ausmaß, in dem ein neuer weltweiter Konsens
um diese modernere, holistischere, umfassendere
Sichtweise Gestalt angenommen hat: Das Mittel, mit
dem die Welt den Bevölkerungszuwachs stabilisieren
kann, ist eine vielschichtige Strategie, die unter
bestimmten Umständen verfügbare Empfängnisverhütung unter Berücksichtigung der Kultur, in der
sie zur Verfügung gestellt wird, einbezieht, die
Betonung auf die Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen legt, damit sie an
Entscheidungen über die Größe der Familie sowie
umweltverträgliche und gerechte wirtschaftliche
Entwicklung teilnehmen können, die historisch mit
der demographischen Umgestaltung und der Stabilisierung des Bevölkerungswachstums einhergehen,
mit Betonung auf Verbesserung der Gesundheit von
Kindern und der Bekämpfung der Kindersterblichkeit
für die Entscheidung der Eltern über die Größe ihrer
Familie, denn wenn die Kinder überleben, ist der
Wunsch nach einer sehr viel größeren Familie
erheblich geringer.
Ich möchte Ihnen aus einem Brief vorlesen, den
Papst Johannes Paul II. im Frühjahr an Dr. Nafis
Sadik, den Generalsekretär der Kairoer Konferenz
geschrieben hat.

AMERIKA DIENST 34

"Es besteht weitgehende Übereinstimmung, daß
Bevölkerungspolitik nur Teil einer umfassenden
Entwicklungsstrategie ist. Entsprechend ist es von
Bedeutung, daß jede Diskussion über Bevölkerungspolitik die tatsächliche und prognostizierte
Entwicklung von Nationen und Regionen im Auge
behalten sollte. Gleichzeitig ist es unmöglich, das
Wesen dessen unberücksichtigt zu lassen, was
man unter dem Begriff "Entwicklung" versteht.
Jede dieses Namens werte Entwicklung muß
integral sein - das heißt, sie muß auf das Wahre
und Gute jeder Person sowie die ganze Person
ausgerichtet sein. Echte Entwicklung kann nicht
in der einfachen Anhäufung von Wohlstand und
der besseren Verfügbarkeit von Waren und
Dienstleistungen bestehen, sondern muß unter
wirklicher Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und geistigen Dimensionen des menschlichen
Wesens verfolgt werden. Entwicklungsprogramme
müssen auf Gerechtigkeit und Gleichheit aufbauen
und den Menschen ein Leben in Würde, Harmonie
und Frieden gestatten. Sie müssen das kulturelle
Erbe von Menschen und Nationen respektieren
sowie die sozialen Qualitäten und Tugenden, die
die von Gott gegebene Würde jeder einzelnen
Person widerspiegeln und den göttlichen Plan, der
alle Menschen zur Einheit auffordert. Am wichtigsten ist, daß alle Männer und Frauen aktive Mittler
ihrer eigenen Entwicklung sein müssen. Denn
Männer und Frauen als bloße Objekte in einem
Schema oder Plan zu behandeln, würde bedeuten, diese Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung
zu ersticken, die für das Gute des Menschen
grundlegend ist."
Wie wichtig ist es doch, daß die Welt diese Perspektive vernimmt. Und wie wichtig ist es, daß die
Welt hört, was die großen Weltreligionen über all die
uns konfrontierenden Themen zu sagen haben.
Die katholische Kirche hat ebenso wie andere christliche und nichtchristliche Religionen eine Mission, die
sich manchmal von der politischer Institutionen
unterscheiden muß. Die Kirchenvertreter versuchen,
eine moralisch strenge Haltung im Hinblick auf
materielle Güterund sozioökonomische Beziehungen
zu ermutigen. Der politischen Führung kommt die
Verantwortung zu, sorgfältig auf das zu hören, was
die Religionen zu sagen haben - selbst wenn sie es
nicht immer würdigen kann. Dieser Dialog ist äußerst
wichtig. Wir wollen Kairo zu einem Dialog statt einer
von vorneherein geplanten Konfrontation machen insbesondere, da bezüglich des Dokumentsentwurfs
so große Übereinstimmung besteht.
Wir teilen auch die Meinung von Papst Johannes
Paul II., daß diese Themen die wichtigsten des 21.
Jahrhunderts sind und die Zukunft der Menschheit

Seite 5

�bestimmen. Ich habe in der Vergangenheit bereits
das Argument vorgebracht, daß trotz bestehender
Meinungsverschiedenheiten der umfassende Charakter und die Stärke der Übereinstimmung zu einem
natürlichen Bündnis zwischen den in der Regierung
Tätigen unter uns führt, die der Auffassung sind, daß
wir einerseits das Bevölkerungswachstum stabilisieren, die Umwelt schützen, umweltverträgliche Entwicklung fördern und eine für unsere Kinder und
Enkelkinder lebenswerte Zukunft schaffen müssen,
und die katholische Kirche andererseits trotz ihres
allseits bekannten Widerstands gegen Empfängnisverhütung historisch gesehen einer der stärksten
und effektivsten Befürworter der ganzen Welt von Alphabetisierungs- und Bildungsprogrammen, von
Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der
Kindersterblichkeit und anderer Schritte ist, die in der
Tat entscheidend für die Stabilisierung des Bevölkerungszuwachses und die Erarbeitung eines Musters
für umweltverträgliche Entwicklung sind.
Es geht darum, eine humane und umfassende
Strategie auf der Grundlage universellen menschlichen Strebens zu entwerfen. Als Teil dieser umfassenden Strategie ist ein Ziel in Kairo und darüber
hinaus die Stärkung der Fähigkeit prospektiv denkender Eltern, zu entscheiden, wieviele Kinder und
zu welchem Zeitpunkt sie haben wollen. Jedes Land
hat die Verantwortung, über die geeigneten Möglichkeiten zu entscheiden, die zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften, Gewährleistung geistiger
Gesundheit und Verringerung von Schwangerschaftsabbrüchen erforderlich sind. Jedes Land
sollte darauf hinarbeiten, die von ihm gewählten
Möglichkeiten für alle seine Bürger verfügbar zu
machen. Und in den Fällen, in denen eine Nation
sich für legalen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, sollte dieser medizinisch sicher sein.
Wenn wir die Lebenserwartung verlängern und die
Kindersterblichkeit verringern können, wenn wir das
Leben der Menschen durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen verbessern können, wenn wir
ihre Wünsche und ihren Horizont erweitern können,
dann können wir die Bevölkerungswachstum nährenden Kräfte abbauen. Wir erkennen jetzt, daß
Familienplanung, gerechte und umweltverträgliche
Entwicklung, vermehrte Entscheidungsbefugnis für
alle Bürger nicht konkurrierende Strategien, sondern
vielmehr entscheidende und sich gegenseitig verstärkende Elemente des umfassenden Ansatzes
sind, den unsere globale Zukunft fordert.
Dies ist der Rahmen, der uns beim Sondieren von
gemeinsamem Terrain in Kairo leitet. Wir können
uns nicht vorstellen, daß wir die Abtreibungsdiskussion je ad acta legen - die Meinungsverschiedenheiten sind zu tiefgreifend. Unseres Erachtens maxi-

Seite 6

miert unser Ansatz die Bandbreite des möglichen
Konsenses und verringert die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein erträgliches Maß.
Schließlich hat man sich bereits auf über 90 Prozent
der Sprachregelungen des Kairoer Dokuments
geeinigt - das ist weit mehr als bei vorherigen internationalen Konferenzen. Und viele der verbleibenden
Differenzen können mit harter Arbeit, respektvollem
Dialog und vernünftig begründeter Annäherung
beigelegt werden, die wir heute fordern.
Wir dürfen und sollten im Verlauf dieses Unternehmens nicht zu Gegnern werden. Wir müssen vielmehr Kollegen und Freunde bei diesem historischen
Unterfangen sein, eine Politik zu entwerfen, mit der
die Würde und der Wert jedes menschlichen Wesens
auf der Erde bekräftigt wird und einer Politik, die die
Bedeutung der Familie untermauert.
Unseres Erachtens ist die Familie die Keimzelle eines
verantwortungsbewußten Lebens in der Gesellschaft.
Wenn Sie beispielsweise eine umweltbewußte
Gesellschaft haben wollen, müssen Sie die Familie
stärken. Die Regierungen haben die Pflicht zur
Gewährleistung von politischer Freiheit zur Gründung
einer Familie und der Erziehung der Kinder im
Einklang mit der religiösen Überzeugung dieser
Familie. Alle Regierungen müssen die Stabilität der
Ehe und die Institution Familie sowie die Gesundheit
der Familie schützen. Die Betonung der Familie ist
unserer Ansicht nach entscheidend, weil Themen wie
die Gesundheit von Frauen und ihre Ausbildung in
vielen Ländern durch das Prisma der Familie in
Angriff genommen werden müssen.
In diesem Zusammenhang ist die Kairoer Konferenz
daher bemerkenswert für ihre Bestrebungen, eine
globale Tagesordnung der Hoffnung, Chancen und
Fortschritte zu definieren. Ungeachtet der nicht
vollständigen Übereinstimmung zu allen Themen ist
dies - bei weitem - das beste je erarbeitete Dokument
zu Bevölkerungsfragen. Und ich möchte hinzufügen,
daß diese Bestrebungen - und auch die Vereinigten
Staaten - in hohem Maße von dem Talent, der
Kreativität und sorgfältigen Anleitung von Tim Wirth,
unserem Staatssekretär im Außenministerium für
globale Angelegenheiten, profitiert haben. Dank Tims
Arbeit und der anderer wird diese Konferenz einen
historischen Schulterschluß zwischen der Notwendigkeit zur Integration wirtschaftlicher und umweltpolitischer Maßnahmen auf globaler Ebene und der
Anerkennung der Beziehung zwischen umweltverträglicher Entwicklung und Bevölkerungsstabilität
vornehmen.
Ich möchte auch im voraus Präsident Mubarak
danken, der als Gastgeber einen unschätzbaren

AMERIKA DIENST 34

�Beitrag zu dem erwartungsgemäß erfolgreichen
Ausgang der Konferenz in Kairo geleistet hat.
Ebenso wie der Erdgipfel in Rio erkennt diese
Konferenz die Bedeutung der Einbeziehung der
Bürger und nichtstaatlicher Organisationen an,
analysiert ihre Rolle und ihren Beitrag zum internationalen Dialog. Diese Konferenz geht für ihre
beispiellose Einbeziehung der Bürger - insbesondere
der Frauen, deren Beitrag historisch und außergewöhnlich war - in die Annalen der Geschichte ein.

Die Kairoer Konferenz trägt ferner der Tatsache
Rechnung, daß dies nicht nur Belange der armen
Länder sind. Sie betreffen auch die Bürger von
Industrienationen und beziehen sie ein. Wir sind

*

AMERIKA DIENST 34

*

unseren Nachbarn durch Sorge und Mitgefühl verbunden. Rasches Bevölkerungswachstum ist eng mit
Armut, Ungerechtigkeit und menschlichem Leid
verbunden. Die Amerikaner stehen diesen Problemen nicht indifferent gegenüber.
Wir sind uns bewußt, daß die Herausforderungen
groß sind, und aus diesem Grund ist unser Engagement so tiefgreifend. Die Integration von Bevölkerung, Umwelt und Entwicklung ist ein Gebot für
Frieden und nationale Sicherheit, für menschliche
Gesundheit und menschliches Wohlergehen und für
die Qualität des Lebens auf Erden. Die ClintonAdministration ist entschlossen, diese Erfordernisse
zu erfüllen. Und bei der Bevölkerungs- und Entwicklungsproblematik sind wir entschlossen, eine Führungsrolle zu übernehmen.

* *

Seite 7

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen
WASHINGTON - (AD) - Nichtstaatliche Organisationen (NGOs) werden sowohl bei der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung als auch
bei den Folgetreffen eine entscheidende Rolle
spielen, erklärte eine hochrangige Vertreterin des
Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agencyfor
International Development - USAID).
"Wir legen besondere Betonung auf die Zusammenarbeit mit NGOs hier sowie den in Afrika und anderen Ländern tätigen, nicht nur, weil sie wichtige
Dienstleistungen bereitstellen, sondern weil sie
darüber hinaus Schlüsselelemente in den bürgerlichen Gesellschaften dieser Länder sind", stellte die
Stellvertretende Leiterin von USAID, Carol Lancaster, am 25. August 1994 in einer Fernsehsendung des US-Informationsamts (U.S. Information
Agency - USIA) fest.
Voraussichtlich werden Delegationen aus 180
Ländern an der von den Vereinten Nationen veranstalteten Konferenz teilnehmen, die vom 5 . - 1 3 .
September 1994 in Kairo stattfindet.
Lancaster brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, daß
die Kairoer Konferenz die Themen Familienplanung,
reproduktive Gesundheit, Ausbildung von Mädchen
und Bekämpfung der Kindersterblichkeit "gleichberechtigt auf die internationale Tagesordnung" setzen
und die Aktivitäten der NGOs ermutigen wird, diese
Themen auf der Tagesordnung der jeweiligen
Länder weiterzuverfolgen.
Lancaster ist der Überzeugung, die Aussichten für
zusätzliche Unterstützung der Geberländer zu
Planungsaktivitäten in den Bereichen Bevölkerungsund Familienplanung seien gut, unterstrich jedoch,
daß die Entwicklungsländer ihren Beitrag dazu
leisten müssen, indem sie den Programmen gegenüber aufgeschlossen sind.
An der Fernsehsendung nahm gemeinsam mit
Lancaster auch Belkis Giorgis teil, eine bei einer
nichtstaatlichen Organisation - dem Zentrum für

AMERIKA DIENST 34

Entwicklung und Bevölkerungsbelange
Spezialistin für Auswertung.

- tätige

Giorgis stellte fest, in einigen Teilen Afrikas sei der
Sozialisierungsprozeß zusammengebrochen und die
Familie übernehme nicht länger die traditionelle Rolle,
die Jugendlichen auf das Erwachsensein vorzubereiten. Infolgedessen sei ein dramatischer Anstieg an
ungewollten Schwangerschaften zu beobachten,
insbesondere unter den Heranwachsenden.
Giorgis zufolge lautet die Schlüsselfrage nicht, welche
Länder die meiste Unterstützung bei Bevölkerungsproblemen erhalten, sondern, wie Frauen größere
Entscheidungsbefugnis und die Fähigkeit verliehen
werden kann, anhand von Informationen über die
Anzahl und den zeitlichen Abstand zwischen ihren
Kindern zu entscheiden.
Giorgis erklärte, die NGOs könnten eine wichtige
Rolle bei der Veränderung der derzeitigen kulturellen
Perspektive der Eltern spielen, die glauben, die
Bereitstellung von Informationen über reproduktive
Gesundheit für Jugendliche ermutige sie, sexuell aktiv
zu sein. Genau das Gegenteil treffe zu angesichts
der hohen Zahl von Jugendlichen, die in Afrika und
anderen Ländern ungeschützten Geschlechtsverkehr
ausüben.
Sie verwies darauf, daß über 50 Prozent der Bevölkerung In den meisten Länder Afrikas südlich der
Sahara unter 15 Jahre alt sind.
Kontroversen im Vorfeld der Konferenz über die
Themen Schwangerschaftsabbruch und produktive
Gesundheitsfürsorge für Erwachsene würden von
einigen übertrieben, so Lancaster.
"Unsere Position ist ganz klar. Unseres Erachtens
sollte Schwangerschaftsabbruch sicher, legal und
selten und kein Mittel der Familienplanung sein. Wir
sollten Leistungen zur Familienplanung unterstützen,
die tatsächlich die Notwendigkeit einer Abtreibung
verhindern."

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten vertreten jedoch die Position, erläuterte Lancaster, daß die Gesundheitsprobleme der Frauen mit verpfuschten Abtreibungen
angesprochen werden müssen.
"Stümperhafte Abtreibungen, an denen pro Jahr
50.000 Frauen sterben, sind ein Zeichen, daß der

gesamte Bereich der Familienplanung verbessert
werden muß", betonte Lancaster.
Lancaster prognostiziert, daß "ein außerordentlich
hohes Maß an Konsens" unter der Mehrzahl der in
Kairo vertretenen Länder sowie unter der christlichen
und muslimischen Gemeinde erzielt werden.

* * * *

*

.

Seite 2

AMERIKA DIENST 34

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz mit USAID-Vertretern
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge haben die meisten Industrie- und
Entwicklungsländer die Notwendigkeit einer Stabilisierung ihrer Bevölkerung erkannt, damit ihre Volkswirtschaften wachsen können.
Sally Shelton, Stellvertretende Leiterin für globale Programme sowie Unterstützung und Forschung vor Ort beim
Amt für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) räumte am 19. August
1994 bei einer Pressekonferenz ein, der Vatikan sowie einige römisch-katholische und muslimische Länder
widersetzten sich dem Beschluß von Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerung auf der vom 5. bis 13.
September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung.
Sie sprach die Hoffnung aus, daß die Delegierten aus über 100 Ländern die Differenzen beilegen, da ein
hohes, umweltschädigendes Bevölkerungsniveau zu Bürgerkriegen, Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden führen könne.
Nils Daulaire, hochrangiger politischer Berater für Bevölkerungs- und Gesundheitsfragen bei USAID erklärte,
im Vorfeld der Kairoer Konferenz bestünde mehr Einigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als je
zuvor bei solch umfassenden internationalen Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die bei der Pressekonferenz abgegebenen Eingangserklärungen von
Botschafterin Shelton und Dr. Daulaire.

Shelton: Die amerikanische Regierung ist der
Ansicht, daß sich die Bevölkerung als eine der
entscheidendsten Entwicklungsfragen abzeichnet,
mit denen die Welt in diesem Jahrzehnt und vielleicht in diesem Jahrhundert konfrontiert wird.
Unseres Erachtens erweist sich Erfolg oder Scheitern nationaler Entwicklung als Schlüsselfrage der
Zeit nach dem Kalten Krieg.
Bei der Kairoer Konferenz werden Vertreter staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen aus der
ganzen Welt zusammenkommen, was in diesem
Ausmaß eine einzigartige politische Maßnahme
darstellt. Die in den Bereichen Bevölkerung, reproduktive Gesundheit und Familienplanung als
Vorbereitung der Kairoer Konferenz geleistete Arbeit
ist enorm. USAID hat sich in den vergangenen 30
Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, und wir freuen
uns auf die Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer
Regierungen aus der ganzen Welt, um in Kairo

AMERIKA DIENST 34

einen Konsens zu erzielen und ein entsprechendes
Dokument auszuarbeiten.
Ich möchte noch betonen, daß das Thema dieser
Konferenz Bevölkerung und Entwicklung ist. Man hat
sich häufig auf die Bevölkerungsaspekte konzentriert
und meines Erachtens der Entwicklung nicht genug
Aufmerksamkeit gezollt.
Viele von uns haben sich in den letzten Wochen mit
den tragischen Ereignissen in Ruanda, Somalia und
Haiti befaßt. Diese Geschehnisse bilden den Hintergrund der Kairoer Konferenz, denn diesen Tragödien
ist gemeinsam, daß umweltschädigendes Bevölkerungswachstum zu Konflikten innerhalb eines Landes
führt. Ferner sehen viele von uns Bevölkerungsfragen in einem größeren Kontext. Die Bevölkerung
beeinflußt die Fähigkeit der Regierungen, den Erwartungen ihrer Bürger gerecht zu werden. Sie beeinflußt entscheidend die Beschäftigungspolitik einer
Regierung und einer Gesellschaft. Sie ist ein wesent-

Seite 1

�licher Faktor für die Armut. Sie hat Auswirkungen
auf die Umwelt, die Verwaltung von Rohstoffen, die
Verschmutzung von Wasser und Luft. Sie steht in
engem Zusammenhang mit der Kindersterblichkiet.
Sie ist ein zentraler Faktor dabei, Frauen mehr
Entscheidungsgewalt zu geben.
Unserer Ansicht nach sind die auf der Tagesordnung
der Kairoer Konferenz stehenden Fragen für die
ganze Welt von Belang. Vor einigen Tagen kam ich
von einer Reise nach Indien und Indonesien zurück.
Während meiner ausführlichen Diskussionen in
diesen beiden Länderrn war ich betroffen von der
Allgemeingültigkeit der Anliegen, die meine Regierung in Kairo vorbringen wird. Die von Männern und
Frauen auf der ganzen Welt vorgetragene Forderung
nach Zugang zu Familienplanung sowie mehr
Lebensqualität im Hinblick auf Wirtschaftslage und
Umwelt ist überwältigend und reicht von der Basis
bis hinauf in alle Gesellschaftsschichten.
Ich möchte hier auch darauf hinweisen, daß sich die
Kairoer Konferenz mit einer Reihe über Bevölkerung
und Familienplanung hinausgehender Fragen
befassen wird: Der Stärkung der Familie, den
Bedürfnissen von Wanderarbeitern und Flüchtlingen,
reproduktiver Gesundheitsfürsorge für Frauen und
mit einer Frage, die meiner Meinung nach den
wichtigsten Tagesordnungspunkt darstellt - vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen. Meines
Erachtens ist es wirklich interessant zu beobachten,
wie sich in den letzten Monaten der Schwerpunkt
der Kairoer Konferenz von einer nahezu ausschließlichen Konzentration auf Familienplanung zu den viel
umfassenderen Fragen der vermehrten Entscheidungsgewalt für Frauen verlagerte, die durch diese
Erweiterung mit der Stärkung von Demokratien in
Zusammenhang stehen.
Für uns im Amt für internationale Entwicklung ist von
großer Bedeutung, der Rolle der Frau bei allen
Aspekten unserer Entwicklungsprogramme größere
Priorität einzuräumen. Aus diesem Grund ist es
unserer Überzeugung nach angemessen, daß der
Kairoer Konferenz im Herbst 1995 in Beijing eine
Konferenz über den Status der Frau folgt. Das ist
natürlich Teil einer kontinuierlichen Entwicklung. Auf
der Kairoer Konferenz soll der vor 20 Jahren zwischen den Regierungen erzielte Konsens bekräftigt
werden, daß alle Paare und Einzelpersonen in der
Lage sein sollten, frei und in eigener Verantwortung
über die Zahl ihrer Kinder und den Abstand zwischen den Geburten zu entscheiden. Ferner möchte
ich Betonung auf die Idee der Verantwortlichkeit
legen, auf die im Text der Konferenz besonderer
Wert gelegt wird. Es geht also nicht nur um die
Rechte aller Bürger, sondern auch um Pflichten.

Seite 2

Wir bei USALD haben - wie bereits erwähnt - seit
mehr als 30 Jahren anderen Ländern bei der Entwicklung von Familienplanungsprogrammen geholfen,
ihren Familien mehr Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung geboten und dazu beigetragen, daß die
Nationen ihre Programme im Bereich der reproduktiven Gesundheit verbessern können. Verschiedene
Länder - Thailand, Indonesien, Kolumbien, Mexiko haben derartige Programme mit solchem Erfolg
entwickelt, daß sie jetzt praktisch unabhängig sind.
Ich war über eine einfache Tatsache erstaunt. Vor
einer Generation verfolgten nur wenige Länder eine
Bevölkerungspolitik, heute sind es mehr als 100
Staaten. Die meisten, aber nicht alle Länder der Welt
haben jetzt Maßnahmen verabschiedet, die eine
Stabilisierung der Bevölkerung als nationales Ziel
definiert. Daher sind wir der Auffassung, daß die
meisten Länder in Kairo einen beachtlichen Konsens
erzielen können. Wir hoffen, daß die nicht uneingeschränkt zustimmenden in der Lage sein werden.einige der verbleibenden Differenzen auf Verhandlungsbasis beizulegen, damit wir einen umfassenden
Konsens erreichen können.
Es bestehen noch Bedürfnisse beträchtlichen Ausmaßes, die nicht gedeckt sind. Unseren Schätzungen zufolge wünschen noch ungefähr 120 Millionen
Männer und Frauen weltweit, auch in den Vereinigten
Staaten, Zugang zu Empfängnisverhütung. Obwohl
wir schon viel unternommen haben, um den Männern
und Frauen bei der Bestimmung der Zahl ihrer Kinder
zu helfen, bleibt immer noch sehr viel zu tun.
Mit diesen kurzen Anmerkungen möchte ich meine
Ausführungen beenden und meinen Kollegen, Dr. Nils
Daulaire, vorstellen - einen Arzt mit langjähriger
Erfahrung in den Bereichen Gesundheitsfürsorge und
Familienplanung.
Daulaire: Vielen Dank, Frau Botschafterin. Besonders interessant für viele von uns im Bereich der
internationalen Entwicklung und der Gesundheit ist
die Tatsache, daß das Ergebnis von Kairo nicht nur
ein Dokument, nicht nur die Formulierung bestimmter
Prinzipien und Maßnahmen ist, sondern ein konkretes
Aktionsprogramm. Und ich möchte die Tatsache
unterstreichen, daß wir hier über Aktionen sprechen.
Im gesamten Spektrum von Bevölkerung und Gesundheit hat in den vergangenen 20 Jahren seit der
ersten Konferenz - der internationalen Bevölkerungskonferenz von Bukarest im Jahr 1974 - ein langer
und manchmal schwieriger Evolutionsprozeß stattgefunden.
Meines Erachtens sollte man sich im Kontext der
Besorgnis, die viele von Ihnen über die noch ausstehenden, bei den Erörterungen der Vorkonferenz

AMERIKA DIENST 34

�nicht gelösten Fragen vernommen haben, vor Augen
führen, wie weit wir gekommen sind und wieviel
Konsens hier besteht.
Die erste internationale
Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest war von
einem enormen Gefälle zwischen Nord und Süd
gekennzeichnet. Zu jener Zeit hatte ein Großteil der
in Bukarest vertretenen Länder des Südens das
Gefühl, das Thema Bevölkerung sei zweitrangig oder vielleicht nicht nur zweitrangig, sondern sogar
unwichtig und eine Angelegenheit, die für den Westen von Bedeutung, aber im Kontext der nationalen
Entwicklung wirklich unerheblich war. 1974 war man
in dieser Frage völlig geteilter Meinung, und wie
Botschafterin Shelton festgestellt hat, bestehen diese
Meinungsverschiedenheiten nicht mehr. Im Vorfeld
von Kairo und bei den bereits geführten Verhandlungen zeichnete sich ein eindeutiger und breiter Konsens aus jedem Teil des Globus und seitens aller
betroffenen Parteien ab, daß rasches und umweltschädliches Bevölkerungswachstum ein entscheidendes Thema im Bereich der Entwicklung ist, und das
ist ein enormer Fortschritt.
Es hat 20 Jahre gedauert, sollte deswegen aber
nicht bagatellisiert werden.
Bei der Bevölkerungskonferenz in Mexiko 1984
wurden erneut große Fortschritte erzielt. Zu dieser
Zeit waren viele der Länder des Südens zu der
Schlußfolgerung gelangt, daß die Bevölkerungsfrage
in der Tat von großer Bedeutung ist. Und in mancherlei Hinsicht wendete sich das Blatt zwischen
1974 und 1984. Die Vereinigten Staaten kamen zu
der Konferenz von Mexiko mit einer äußerst aussagekräftigen politischen Tagesordnung, die in
gewisser Weise die Position von 1974 revidierte,
derzufolge Bevölkerung ein zweitrangiges Thema
verglichen mit Wirtschaftswachstum und Entwicklung
sei, und damals gab es auch eine gewisse Konfrontation zwischen Norden und Süden oder den
Vereinigten Staaten und den Entwicklungsländern.
Beeindruckend ist auch hier wiederum, daß die
Differenzen jetzt beigelegt sind und es zwischen
dem Norden und dem Süden, zwischen den Ländern
der G-77, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten über Bevölkerung und Entwicklung
keine maßgeblichen Meinungsverschiedenheiten
mehr gibt, und das ist außerordentlich erfreulich.
Dies ermöglicht ein Aktionsprogramm zum jetzigen
Zeitpunkt.
Zum Ergebnis von Kairo und zu dem im April in New
York erarbeiteten Dokumentsentwurf haben wir
bereits nahezu 90 Prozent Übereinstimmung über
die Punkte des Dokuments erzielt. Es ist sehr
ungewöhnlich, zu einer internationalen Konferenz mit
einem Dokument zu gehen, in dem 90 Prozent der

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Sprachregelungen nicht mehr eingeklammert sind.
Ich möchte also nochmals betonen, wie weit die
Dinge vorangekommen sind.
Wir haben einen klaren Konsens unter der großen
Mehrheit der Länder der Welt, daß dies ein enormer
Themenkomplex ist, der auf humane Weise angesprochen werden kann, wobei man sich nicht so sehr
auf die Frage der Kontrolle konzentriert, oder den
Menschen sagt, was zu tun ist, sondern vielmehr sie
- wie Botschafterin Shelton es formuliert hat - in die
Lage versetzt, das zu tun, was sie als ihr Eigeninteresse erkannt haben. Das ist der entscheidende
Punkt, der für mich außerordentlich aufregend war.
Ich war über 20 Jahre lang in Dörfern und Vierteln
der Dritten Welt tätig und habe Programme gesehen,
die von oben aufoktroyiert wurden, bei denen die
Regierungen sagten, Ihr müßt das tun, oder die
internationalen Geber sagten, Ihr müßt jenes tun. Sie
alle erfüllten nicht den Bedarf der Menschen. Sie
waren in gewisser Weise unverständlich. Sie erfaßten nicht, was die Menschen wollten, und infolgedessen gab es sehr häufig Diskrepanzen.
Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir eine Annäherung der Vorstellungen bezüglich dessen beobachten,
was die Menschen wollen und benötigen - die von
Botschafterin Shelton angeführten 120 Millionen
Paare auf der Welt - die jetzt Empfängnisverhütung
nur anwenden würden, wenn sie ihnen zur Verfügung
stünde, und die schätzungsweise 180 Millionen
weiteren Paare, die wahrscheinlich ebenfalls verhüten
würden, wenn sie sehen, wie ihre Freunde und
Nachbarn dies tun. Es gibt einen enormen Bedarf
und eine enorme Nachfrage auf der ganzen Welt,
und wir sind zum jetzigen Zeitpunkt in der Position,
diese Situation zu beheben.
Es wurde über einige der geäußerten Bedenken
gesprochen, die Vereinigten Staaten und der Westen
exportierten gewisse Werte und Ansätze, und meines
Erachtens muß man sich ganz klar vor Augen führen,
daß dies weder die Absicht noch die Sprachregelung
des Dokumentsentwurfs für Kairo ist. Ich möchte Sie
alle ermutigen, das Dokument zu lesen - es ist sehr
lang - und zwar Zeile für Zeile, weil es in der Tat ein
Dokument für die Familie ist, ein Dokument, das die
Bande der Gemeinde stärkt sowie den Bedarf und die
Rechte von Einzelpersonen und Paaren anerkennt.
Es ist ein Dokument mit im Konsens erzielten Sprachregelungen, das jetzt von der Europäischen Union
erarbeitet wurde und beide Seiten des Spektrums
repräsentiert, von den eher konservativen Ansichten
Irlands bis zu den progressiveren Hollands und
Dänemarks.
In der vorgeschlagenen Sprachregelung sind neue
Formulierungen enthalten, die von den Vereinigten

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�Staaten mit großem Enthusiasmus unterstützt werden, denen zufolge zum Thema reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte eindeutig klargestellt wird, daß die Formulierung und Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen, einschließlich
derjenigen im Zusammenhang mit reproduktiver
Gesundheit, das souveräne Recht jeder Nation im
Einklang mit nationalen Gesetzen und den internationalen Menschenrechtsnormen sind. Als Ergebnis von Kairo erwarten wir die Fähigkeit jedes
Landes und der Menschen jedes Landes, ihre
eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht
bestimmte Werte von außen aufoktroyieren zu
lassen, sei es von den Vereinigten Staaten oder
irgendeiner anderen Organisation mit einem bestimmten Standpunkt. Sie müssen in der Lage sein,
ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und wir
werden dann da sein, um diese Entscheidungen zu
unterstützen.

Das Amt für internationale Entwicklung ist der weltweit größte Geldgeber in den Bereichen Gesundheit
und Familienplanungsprogramme. Wir haben im
Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit eine
wichtige neue Initiative in die Wege geleitet, um diese
zu ergänzen, um den Menschen die Möglichkeiten
zur Verfügung zu stellen, die sie wirklich wollen, und
die ihnen kleinere und gesündere Familien ermöglichen und sie dazu ermutigen.
Von unserem Standpunkt und dem des Amts für
internationale Entwicklung aus ist dies eine enorme
Chance für Fortschritte in kühner und aufregender
Weise, und wir sehen ihnen erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�UMWELT
31. August 1994

NÄCHSTE SCHRITTE BEI GLOBALER
KLIMAVERÄNDERUNG • DIE SICHT DER
VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Timothy Wirth
WASHINGTON - (AD) - Im Vorfeld der vom 5. bis 13. September 1994 anberaumten Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung hielt der Staatssekretär für globale Angelegenheiten im Außenministerium,
Timothy Wirth, am 3. August 1994 eine Rede vor Regierungsvertretern und Fachleuten nichtstaatlicher
Organisationen. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge.

Ich freue mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind.
Es ist mir eine Freude, Sie hier im Außenministerium
begrüßen zu dürfen.
Wie Sie wissen, befinden wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt in den internationalen
Diskussionen über Klimaveränderungen. Dieser vor
zwei Jahren in Rio unterzeichnete historische
Vertrag ist in Kraft getreten, und die erste Konferenz
der Parteien steht unmittelbar bevor. Erste nationale
Pläne sind in zwei Monaten fällig, in denen Strategien für die Verringerung der Treibhausgasemissionen dargelegt werden sollen. Dies sind maßgebliche und wichtige Schritte. Dennoch ist offensichtlich, daß wir uns auf der internationalen Bühne
einem neuen Ausgangspunkt nähern. Wir wissen,
daß die harte Arbeit vor - nicht hinter - uns liegt.
Im umfassenderen Kontext ist dies ein bemerkenswerter Augenblick in der Geschichte, denn die
Nationen beginnen die Chancen und Pflichten zu
begreifen, die ihnen bei der Erforschung der die Welt
immer komplexer machenden aktuellen Krise bis zu
den zugrundeliegenden Ursachen zukommt, sowie
bei der Neudefinition der Prioritäten für langfristige
nationale Sicherheit und globale Stabilität. Angesichts der demographischen, wirtschaftlichen und
technologischen Prognosen für die Entwicklungsländer könnte das Morgen eine Katastrophe werden.
Wir müssen den Kurs ändern.
Die Clinton-Gore-Administration hat sich verpflichtet
unter Beweis zu stellen, wie der öffentliche und der
Privatsektor zusammenarbeiten können, um die

AMERIKA DIENST 34

Versprechungen und Notwendigkeit umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren.
Auf internationaler Ebene und innenpolitisch gleichermaßen vertritt die Administration die Auffassung und kämpft um die Beweisführung - daß wir die
doppelte Dividende umweltverträglicher Entwicklung
zum Tragen bringen können: Fortschritte zu einem
Gleichgewicht zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum. Dies ist nirgends offenkundiger als
beim Problem der globalen Klimaveränderungen.
Als oberstes Ziel hat der Präsident die Vereinigten
Staaten zum Ziel der globalen Klimakonvention
verpflichtet - dem Abbau der Treibhausgasemissionen
bis zum Jahr 2000 auf das Niveau von 1990. Und
wir haben einen flexiblen und wirtschaftlich profitablen
Plan zur Erlangung dieses Ziels erarbeitet. Wir
haben eine Vorreiterrolle bei Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und Privatsektor sowie mit
der internationalen Staatengemeinschaft gespielt - die
am besten durch unsere zukunftsweisende Position
und Rolle bei der gemeinsamen Umsetzung unter
Beweis gestellt wird.
Es wurde eine parallele Tagesordnung zur Förderung
der Entwicklung und Verbreitung von Umwelttechnologie aufgestellt. Unter Einbeziehung des Energie-,
Wirtschafts- und Außenministeriums, des Umweltschutzamts, des Amts für internationale Entwicklung
sowie unserer Exportförderungsbehörden bauen
diese Bestrebungen auf den bereits von uns für die
Förderung von Umwelttechnologie ausgegebenen 4
Milliarden Dollar auf. Die Clinton-Administration hat

Seite 1

�einen strategischen Rahmen für Umweltexporte und
eine Technologieinitiative zur Schaffung zukunftsträchtiger Umweltsysteme entwickelt.
Jetzt richten wir unseren Blick auf die Zukunft. Das
für August anberaumte Treffen des zwischenstaatlichen Verhandlungskomitees wird erneut eine fruchtbare Diskussion über die "Angemessenheit" der
unter der Rahmenkonvention über Klimaveränderungen eingegangenen Verpflichtungen führen und
weitere Schlüsselfragen erörtern, einschließlich
gemeinsamer Umsetzung sowie Überprüfung nationaler Kommunikationssysteme und Prioritäten der
Finanzmechanismen der Konvention.
Wir haben bereits von immer mehr Regierungen die
Forderung vernommen, daß in Berlin ein offizielles
Verfahren zur Prüfung der nächsten Schritte eingeleitet werden soll, Treibhausgase zu reduzieren und manche haben schwierige spezifische Fragen in
die Debatte eingebracht.
Wir haben mit Interesse zugehört und bereiten uns
auf die Teilnahme vor. Diese Administration will
dazu beitragen, den internationalen Prozeß voranzubringen, um der Bedrohung durch eine beträchtliche Erhöhung der Treibhausgaskonzentrationen zu
begegnen.
Um diese Führungsrolle übernehmen zu können,
müssen wir mit Ihnen und anderen darüber beraten,
wo wir stehen und in welche Richtung wir gehen
sollten - und darum geht es bei der heutigen Sitzung. Aus unserer Sicht erscheinen vier Prioritäten
am vielversprechendsten.
Die Klimakonvention in ihrer jetzigen Form enthält
ein Ziel zur Erreichung des übergeordneten Ziels der
Konvention - die Verhinderung gefährlicher Eingriffe
in die natürlichen klimatischen Prozesse der Erde.
Dieses im Vorfeld der Konferenz von Rio beschlossene Ziel sollte unsere nationalen Bestrebungen für
die Zeit vor dem Jahr 2000, jedoch nicht darüber
hinaus leiten. Die Administration erklärte, die
derzeitigen, unter der Konvention eingegangenen
Verpflichtungen befaßten sich nicht ausreichend mit
den nach dem Jahr 2000 zu ergreifenden Maßnahmen. Mit anderen Worten: Es handelt sich hier um
eine langfristige Herausforderung, die langfristige
Lösungen erfordert. Wir erachten dies als oberste
Priorität für die Zukunft und müssen uns ein Ziel
setzen, das unsere Bestrebungen in der ersten Zeit
nach der Jahrhundertwende leiten kann.
Der Ansatz der Vereinigten Staaten, im Rahmen der
Konvention die nächsten Schritte zu unternehmen,
sollte wie stets in unserer Verpflichtung zu umfassenden, flexiblen, umweltfreundlichen, vorteilhaf-

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ten, gerechten, pragmatischen und innovativen
Bestrebungen liegen.
Vor dem Hintergrund der während der bewegten
Aushandlung des Vertrags und danach gelernten
Lektionen werden wir uns verstärkt darum bemühen
müssen sicherzustellen, daß die Nationen ihren
Worten Taten folgen lassen. Neben den Vereinigten
Staaten haben nur wenige Nationen klare, substantielle Vorschläge zur Reduzierung von Emissionen
vorgelegt, die sie zur Erreichung der ersten Ziele der
Konvention befähigen. Wir müssen eindeutig klarstellen: Gute Absichten und hochfliegende Worte
bringen uns nicht dem Ziel näher, den mit einem
Abbau der Emissionen einhergehenden, äußerst
bedeutenden Herausforderungen zu begegnen. Der
Vertrag fordert und erwartet Aktionen.
Wenn wir die nächsten Schritte unternehmen, ist es
daher geboten, eine zweite Priorität zu setzen - die
Chancen für gemeinsame Aktionen zur prüfen, die
zur Erlangung jedes neuen Ziels in der Zeit nach dem
Jahr 2000 ergriffen werden können. Ich vermute,
daß die Konvention bei diesen Themen nicht länger
Stillschweigen bewahren kann, obwohl die amerikanische Position weiterhin lautet, daß wir einen großen
Teil nationaler Flexibilität bewahren müssen, um
verläßliche, verifizierbare, nationale Bestrebungen
zum Abbau von Emissionen verfolgen zu können.
Unserer Ansicht nach könnten zur Erreichung des
Ziels verschiedene gemeinsame Aktionen verfolgt
werden. Gemeinsame Aktionen könnten die Form
vereinbarter Verfahren zur Prüfung von Möglichkeiten
der Reduzierung von Emissionen unter gegebenen
nationalen Umständen annehmen, wobei lediglich
gefordert würde, daß diese Chancen erwogen werden
und darüber berichtet wird. Als Beispiel für ein
solches Verfahren möchte ich eine im Gesetz über
Energiepolitik von 1992 enthaltene Bestimmung
anführen. Sie fordert von den Bundesstaaten eine
Projektstudie über die Nutzung integrierter Ressourcenplanung. Die Bestimmung legte keine Methode
für die integrierte Ressourcenplanung fest, sondern
wies die Bundesstaaten an, dieses Mittel zu erwägen
und darüber zu berichten, ob und warum es unter
den gegebenen Umständen angemessen erscheint
oder nicht.
Ferner könnten wir breitgefächerte und spezifische
Technologieinitiativen prüfen, einschließlich Anreizen
oder abschreckenden Faktoren, Technologien mit
geringeren Emissionen auf den Markt zu bringen,
Technologien mit höheren Emissionen vom Markt zu
verdrängen oder bestehende Interventionen zu
reduzieren, die diesen Zielen zuwiderlaufen. Im
Hinblick auf zukünftige Emissionen ist es klar, daß
alle Nationen neue Technologien einsetzen müssen,

AMERIKA DIENST 34

�die zur Erlangung wirtschaftlicher und emissionspolitischer Ziele befähigen. Technologie ist ein
vielversprechender Faktor für internationale Zusammenarbeit.
Andererseits ist es vielleicht möglich, daß die Nationen sich im Rahmen dieser Konvention oder in
anderer Weise auf eine Reihe von Maßnahmen
einigen, die den Ländern beim Abbau von Emissionen behilflich sind. Hierzu möchte ich ebenfalls ein
Beispiel aus dem Gesetz über Energiepolitik anführen. Mit Blick auf die immer länger werdende Liste
von Staaten, die Normen für Lampen, Motoren und
Duschköpfe festsetzen, arbeiteten wir gemeinsam
mit der Industrie ein Abkommen über Mindestnormen für die Leistungsfähigkeit dieser Produkte aus.
Es wird schwierig, aber vernünftig sein, ein Abkommen über internationale Normen zu schließen, an
denen sich die Hersteller während des Produktionsprozesses orientieren können. In diesem Sinne
bedeuten "vereinbarte Maßnahmen" nicht "harmonisierte" Maßnahmen.
Es ist meine Überzeugung, daß wir all diese Initiativen - Abkommen über Prozesse und Maßnahmen zum Abbau von Emissionen - verfolgen und
gleichzeitig als Priorität ein neues Ziel zur Kontrolle
der Emissionen in den ersten Jahren nach der
Jahrhundertwende anstreben sollten. Dieser Ansatz
wird uns die erforderliche Zielsetzung und Sicherheit
verleihen, daß die Nationen angemessen auf die
Herausforderung des Schutzes der Integrität des
globalen Klimasystems reagieren.
Die dritte Herausforderung zur Stärkung des Klimavertrags betrifft Sie alle. Obwohl Experten aus dem
öffentlichen und privaten Sektor an den Sitzungen
des zwischenstaatlichen Verhandlungskomitees
teilgenommen haben, war ihre Rolle bisher auf die
von Sitzungsbeobachtern beschränkt, die gelegentlich Erklärungen abgaben und auf den Fluren der
internationalen Konferenzsäle Kontakte zu Regierungsvertretern knüpften (das Klima, in dem Sie, die
Kämpfer gegen den Treibhauseffekt, sich am wohlsten fühlen).
Je mehr wir über umweltverträgliche Entwicklung
erfahren, desto klarer wird uns, daß der Prozeß viel
Klugheit erfordert. Meines Erachtens ist es an der
Zeit, Experten aus dem öffentlichen und privaten
Sektor stärker in die mit dem Vertrag einhergehenden Verfahren einzubinden und sie zur aktiven
Teilnahme zu gewinnen. Unter dem Montrealer
Protokoll beispielsweise haben Gremien technischer
Berater, denen auch Experten aus dem öffentlichen
und privaten Sektor angehören, eine entscheidende
Rolle beim Ausmachen von Optionen und der

AMERIKA DIENST 34

Auswahl von Alternativen für die verringerte Nutzung
die Ozonschicht zerstörender Chemikalien gespielt.
Schließlich sind wir der Ansicht, daß die Stärkung der
Konvention eine vierte Priorität darstellen sollte.
Kontinuierliche Arbeit in diesem Bereich sollte in
Abstimmung mit den nächsten Schritten erfolgen, da
weitere Fortschritte von wesentlicher Bedeutung beim
Aufbau von Vertrauen sind, daß die Parteien ihren
Verpflichtungen nachkommen, die Integrität nationaler
Pläne sicherzustellen, den Abbau von Emissionen
durch gemeinsame Durchführung kostengünstig zu
gestalten und den Parteien zum besseren Verständnis der Pläne anderer sowie der Ergebnisse und
Effektivität nationaler Aktionen zu verhelfen, was zu
besserer Planung führt.
Diese vier Prioritäten stellen zusammengenommen
eine schwierige Auswahl künftiger Aktionen dar. Sie
sind keine vollständige Definition der künftigen
Tagesordnung, denn wir benötigen beispielsweise
auch neue Strategien um sicherzustellen, daß die
Nationen alles in ihrer Macht Stehende zum Abbau
von Emissionen unternehmen. Obwohl die Industriestaaten hierbei die Führungsrolle übernehmen
müssen, ist es für uns nicht zu früh, uns Gedanken
darüber zu machen, wie wir andere noch stärker
einbeziehen können. Wir sollten überlegen, wie wir
zusätzlich zu den in Anhang A aufgeführten weitere
Länder identifizieren können, die eine führende Rolle
zu spielen in der Lage wären.
Zweifellos sind auch noch andere Fragen zu klären,
und wir begrüßen Anregungen Ihrerseits zu diesen
Ideen, zusätzlichen Prioritäten und zukünftigen Zielen
der amerikanischen und internationalen Bestrebungen
im Rahmen der Konvention.
Abschließend möchte ich noch auf Berlin zu sprechen
kommen und die Bedeutung der für den kommenden
Monat in Kairo anberaumten internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung für Berlin
hervorheben. Ungeachtet dessen, was wir im Rahmen der Klimakonvention unternehmen, wird die
Reduzierung von Treibhausgasen und die Förderung
umweltverträglicher Entwicklung bedeutend schwieriger sein, wenn wir keine umfassenden Strategien zur
Bekämpfung des rapiden Bevölkerungswachstums
entwickeln. Bevölkerung ist von zentraler Bedeutung
für sämtliche Entwicklungen, und jeder hier Anwesende sollte sich dieser Herausforderung widmen. Es
wird immer deutlicher, daß Erfolg in Kairo ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg nach Berlin und darüber hinaus ist.
Ich möchte nochmals wiederholen, wie bedeutend es
für uns ist, uns gemeinsam auf die unvermeidlichen,
unter dem Klimavertrag zu unternehmenden nächsten

Seite 3

�Schritte vorzubereiten. Praktisch alle Nationen sind
sich darin einig, daß die derzeitigen Bestrebungen
zur Bewältigung der bevorstehenden Aufgabe nicht
ausreichend sind. Man würde einen großen Fehler
machen, seine Hoffnungen auf die verbleibenden
Unsicherheiten bei der Erforschung des weltweiten
Klimas zu setzen. Die verbleibenden Unsicherheiten
rechtfertigen keine Gleichgültigkeit. Die grundlegende Forschung besagt eindeutig, daß der fortgesetzte
Anstieg von Treibhausgasen einen Klimawandel
herbeiführen wird, der beträchtliche Auswirkungen
auf unseren Planeten haben wird. Wir können uns
keine Untätigkeit leisten. Ebenso sicher, wie ich hier

stehe, wird die internationale Staatengemeinschaft in
nicht allzu ferner Zukunft härtere Maßnahmen zum
Abbau von Emissionen im 21. Jahrhundert ergreifen.
Diese Administration wird dem öffentlichen und
privaten Sektor weiterhin enorme Chancen bieten,
gemeinsam mit uns der Wirtschaft und der Umwelt
förderliche Strategien zum Abbau von Treibhausgasen und zur Förderung umweltverträglicher Entwicklung zu entwerfen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

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4-7

&lt;S?&lt;o

cimerikci
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Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

2. September 1994

S ONDERDIENST

BEVÖLKERUNG

CLINTON DRANGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der
National Academy of Sciences

FAST ALLE LÄNDER SEHEN NOTWENDIGKEIT
ZUR EINDÄMMUNG DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim
Nationalen Presseclub

MEHR ENSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU
BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz
mit USAID-Vertretern
NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
'BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen

'
*:

�BEVÖLKERUNG

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton drängt die Staats- und Regierungschefs der Welt, ein breites
Spektrum von Problemen gleichzeitig als einzigen Weg zur Förderung eines höheren Lebensstandards weltweit
in Angriff zu nehmen.
"Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen
funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge
je greifen wird", erklärte Präsident Clinton in einer Rede vor der National Academy of Sciences am 29. Juni
1994.
Clintons Rede behandelte vornehmlich Themen, die bei der in einigen Monaten in Kairo stattfindenden
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung angesprochen werden. "Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich
auf die Idee, daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen sein sollte", stellte der Präsident fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

»

Ich habe versucht, die Vorbereitungen für den G-7Gipfel in Neapel zu treffen. Und ich habe mindestens seit anderthalb Jahren - seitdem ich im Amt
bin - darauf hingearbeitet, daß diese Gruppe sich
zunächst kurzfristig auf globales Wachstum konzentriert - auf das, was wir in unseren Nationen und
gemeinsam tun können - und dann darüber nachdenkt, wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussehen wird, und was wir tun müssen. Ich muß
zugeben, ich bin hin- und hergerissen. Ich bin
glücklich und stolz, daß ich an der Konferenz teilnehmen und sagen kann, daß das von uns Vereinbarte funktioniert. Mittelfristig funktioniert es eindeutig.
40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der G-7
entfällt auf die Vereinigten Staaten. Aber im vergangenen Jahr hatten wir 75 Prozent des Wachstums und nahezu 100 Prozent der Arbeitsplätze, die
doppelte Investitionsrate, eine doppelt so hohe
Zuwachsrate bei Exporten und die höchste Zuwachsrate bei der Produktivität. Wir hatten das zweitniedrigste Defizit, im nächsten Jahr werden wir das
niedrigste Defizit aller G-7-Länder haben. Dies alles
ist ermutigend für mich. Und die Volkswirtschaften
der Gruppe stehen besser da als je zuvor in den

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vergangenen vier Jahren. Es herrscht das Gefühl der
Zusammenarbeit und daß unsere Nation das Glück
hat, den Weg zu weisen.
Wenn Sie sich jedoch die langfristigen Tendenzen
betrachten, die sich auf der Welt abzeichnen - wenn
Sie Artikel wie den vor einigen Monaten von Robert
Kaplan in The Atlantic lesen, der einigen zufolge zu
streng ist - wenn Sie sich wirklich betrachten, was
geschieht, könnten Sie sich eine Welt vorstellen, in
der wenige Millionen von uns in solchem Überfluß
leben, daß wir alle Stars in nächtlichen Seifenopern
sein könnten. Und der Rest von uns sieht aus, als
wäre er in einem von Mel Gibsons "Road Warrior"Filmen.
Von vielen in diesem Artikel enthaltenen Aspekten
war ich ebenso fasziniert wie von der mehr wissenschaftlichen Abhandlung von Professor Homer Dixon
zum selben Thema. Ich versuche mir vorzustellen,
wie es sein würde, Kinder in diesem oder jenem Land
in diese Welt zu setzen. Das ist das Problem, mit
dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn
ich darüber nachdenke, arbeitet mein Gehirn in
Gedankengängen, die einigen Leuten zufolge undiszipliniert, meines Erachtens aber produktiv sind.

Seite 1

�Wenn Sie sich die Landschaft der Zukunft betrachten
und sagen, wir müssen die Familien auf der ganzen
Welt stärken, wir müssen gerechtes und starkes
Wachstum ermutigen, wir müssen grundlegende
Gesundheitsfürsorge bereitstellen, wir müssen die
weitere Ausbreitung von AIDS verhindern, wir müssen Wasservorräte erschließen und den Ernteertrag
verbessern, wir müssen den Flüchtlingsstrom eindämmen und die Umwelt schützen und so weiter
und so weiter - dann bekommt man Kopfschmerzen.
Und natürlich muß man - werden Sie sagen, wenn
Sie sich die Zahlen betrachten - die Zuwachsrate der
Bevölkerung verringern.
Tim hat das Thema Haiti angeschnitten. Meine
Tochter und ich haben vor einigen Monaten über
Haiti gesprochen, und ich habe ihr erzählt, daß ihre
Mutter und ich vor vielen Jahren kurz nach unserer
Hochzeit dorthin gereist sind, wieviel Trauer und
Hoffnung ich dort gleichzeitig gesehen habe, und
wieviel seitdem geschehen ist. Sie sagte zu mir, das
weiß ich alles, Dad, weil ich Luftaufnahmen aus dem
All gesehen habe. Wenn man auf die Insel blickt,
sieht man, wo die Dominikanische Republik endet
und wo Haiti anfängt. Und es kann nicht soviel
Umweltzerstörung ohne all die anderen Probleme
geben, über die Du gesprochen hast. Es war eine
erstaunliche Aussage aus der Perspektive eines
amerikanischen Schulkindes, die alles zusammenfaßt.
Ich erwähne dies, um folgendes Argument anzubringen: Wir müssen Disziplin walten lassen, wenn wir
sagen, wieviel Zeit, Geld und Energie wir haben, und
wir müssen unsere Prioritäten setzen. Wir können
jedoch nicht so naiv sein zu denken, es sei so leicht,
eines dieser Themen von dem gesamten Komplex
abzutrennen und die Zukunft der Welt werde über
Nacht gelöst.
Wenn Sie sich das Tempo betrachten, mit dem die
Rohstoffe erschöpft werden, und wenn Sie das
Tempo betrachten, mit dem die Kluft zwischen arm
und reich größer wird, wenn Sie sich die Tatsache
verinnerlichen, daß sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat, seit nur 74 Nationen vor 40 Jahren in
Rom zusammenkamen, ist es klar, daß wir einen
umfassenden Ansatz für die Zukunft der Welt
benötigen. Wir fassen ihn unter dem Schlagwort
umweltverträgliche Entwicklung zusammen, nehme
ich an, aber es gibt keinen Weg, wie wir das Morgen
angehen können, wenn wir nicht mindestens unsere
gemeinsame Verantwortung in all diesen Bereichen
im Auge behalten.
Während der bevorstehenden neuntägigen Kairoer
Konferenz werden über zwei Millionen Menschen auf
die Welt kommen. Mehr als zwei Millionen Babys

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werden in eine Welt geboren, in der ein Drittel
unserer Kinder bereits Hunger hat, 40 Prozent der
Menschen auf der Welt nicht einmal Kanalisation
haben und große Teile der Welt nur einen Arzt pro
35.000 oder 40.000 Einwohner. Eine Umkehrung
dieser Politik wird Innovation, Engagement und
Entschlossenheit verlangen, das zu tun, was wir über
einen langen Zeitraum hinweg tun können, während
wir alle auf der Welt mit unseren eigenen Belangen
innerhalb unserer Grenzen beschäftigt sind.
Es wird erforderlich sein, daß wir neu über die
Beziehungen der menschlichen Entwicklung im
Hinblick auf das nachdenken, was in diesen Nationen
geschieht. Wir müssen viele Ideen der Vergangenheit verwerfen - als es immer eine Versuchung war
zu glauben, es gäbe eine einzige Lösung, die wir
über Nacht anwenden könnten, die alles ins Lot
rücken würde.
Um gemeinsamen Wohlstand herbeizuführen, wie
Professor Homer Dixon geschrieben hat, müssen die
Nationen der Welt schlicht und einfach an vielen
Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielen. Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die
Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum
vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge je greifen wird. Wenn man sie ignoriert,
werden diese Herausforderungen weiterhin Menschen
voneinander trennen. Wir müssen einfach diese
Probleme zusammen lösen.
Ich bin wirklich stolz auf die Tatsache, daß die G-7
vereinbart hat, einige dieser Probleme in dieser
Woche in Neapel ernsthaft anzusprechen.
Wir
werden erörtern, was wir innerhalb der G-7 tun
können, um nicht nur Wachstum, sondern auch mehr
Arbeitsplätze zu schaffen - weil ein Großteil der
wohlhabenden Länder feststellt, daß sie keine Arbeitsplätze hervorbringen können, selbst wenn ihre
Volkswirtschaft wächst. Und wenn sie das nicht
können, verlieren sie die Lobby zu Hause, um die
übrige Welt zu engagieren.
Wir werden darüber sprechen, wie wir eine wirtschaftliche Infrastruktur für das 21. Jahrhundert
aufbauen. Wie sieht diese neue Welthandelsorganisation aus, die wir im Rahmen des GATT gründen
werden? Und was sollten die Weltbank und der IWF
tun? Wir werden auch diskutieren, wie wir den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften helfen
können, wie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, und was wir mit den Volkswirtschaften tun
können, die sich nicht im Umbruch befinden oder in
die falsche Richtung gehen, um unsere gemeinsame
Verantwortung anzusprechen.

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�Dies ist in der Tat ziemlich einzigartig für die modernen Nationen der Welt. Und ich freue mich, daß
trotz der zahlreichen Wirtschaftsprobleme in vielen
Ländern diese bereit sind, ernsthaft darüber nachzudenken, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen sollten weit über die Wiederwahlchancen aller dort anwesenden Staats- und Regierungschefs hinaus. Bei
den Vorbereitungen der in Kairo anberaumten Bevölkerungskonferenz muß uns derselbe Ansatz leiten.
Die von uns unterstützte Politik muß auf dauerhaften
Werten basieren - Förderung stärkerer Familien,
vermehrte Verantwortung für den einzelnen Bürger,
Achtung der Menschenrechte, Vertiefung des Gemeinschaftsgefühls. Dort liegt die Zukunft in unserem Land und auf der ganzen Welt - angefangen bei
unseren Familien. Wenn sie intakt sind und funktionieren, sorgen sie für uns. Sie dienen als Modell.
Sie vermitteln Werte und gestatten den Menschen,
in Frieden zusammenzuleben und sich zusammen
für gemeinsame Ziele einzusetzen. Aus diesem
Grund ist dies das Wichtigste, was wir unternehmen
können.
Seit der Amtsübernahme dieser Administration
haben wir an der Förderung von Maßnahmen
gearbeitet, die den Familien eine Stärkung ihrer
Rolle im In- und Ausland gestatten. Ich habe die
sogenannte Mexiko-Stadt-Politik revidiert, weil
meiner Ansicht nach Ärzte und medizinisches
Personal weltweit in der Lage sein sollten, wirklich
etwas im Bereich der Familienplanung zu unternehmen und auf diesem Gebiet umfassende Informationen zu geben.
Seitdem haben wir trotz haushaltspolitischer Engpässe den Etat für Familienplanung und unterstützende
Dienstleistungen des Amts für internationale Entwicklung um ungefähr 50 Prozent erhöht. Zur Unterstützung der Familien hier im Land haben wir eine
beträchtliche Erhöhung des
Einkommensteuerfreibetrags bewilligt, um 15 Millionen Familien von
der Sozialhilfe unabhängig zu machen, aus der
Armut zu befreien und in die erwerbstätige Bevölkerung einzugliedern. Wir haben die Ernährungs- und
andere Programme von Head Start auf Zehntausende von Kindern ausgeweitet, Unterstützungszahlungen für straffällige Kinder drastisch reduziert und die
Impffonds erhöht, damit die Zahl der geimpften
Kinder um mehr als eine Million erhöht werden kann.
Wir bemühen uns um die Reduzierung außerehelicher Geburten und Schwangerschaften von Teenagern. Durch das Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ermöglichen wir es den Menschen, erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche Eltern zu sein eine äußerst wichtige Frage in einer Welt, in der
mehr und mehr Eltern berufstätig sind. Jede Gesellschaft, die die Menschen zu einer Entscheidung

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zwischen diesen beiden Möglichkeiten zwingt, ist zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Menschen keine
Alternative zur Berufstätigkeit haben - und für uns alle
ist es von Bedeutung, daß die Menschen weiterhin
Kinder bekommen - müssen alle Eltern erfolgreiche
Arbeitnehmer sein, und alle Arbeitnehmer müssen als
Eltern Erfolg haben.
Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich auf die Idee,
daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen
sein sollte. Aus diesem Grund müssen wir das
Konzept der Verantwortung unterstützen - der Eltern
für ihre Kinder, der Männer und Frauen füreinander,
und unserer derzeitigen Generation für künftige
Generationen.
Fortschritt bringt Freiheit, Freiheit erfordert mehr
Disziplin und Verantwortung. Und wir müssen unsere
jungen Menschen lehren, kluge Entscheidungen zu
treffen, und ihnen sagen, daß auch Enthaltsamkeit zu
ihren Auswahlmöglichkeiten gehören muß. Unsere
Politik war immer in den ethischen Prinzipien des
Mitgefühls, der Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte verwurzelt. Wir haben die Würde und
den Wert jedes einzelnen unterstützt und werden uns
auch weiterhin jeglicher Zwangsausübung bei der
Familienplanung widersetzen und sie verurteilen.
Die Verwirklichung dieser Prinzipien ist die Forderung, mit der Vizepräsident Gore im September nach
Kairo gehen wird. Niemand ist für diese Aufgabe
besser geeignet als er. Er hat sich für diese langfristigen Herausforderungen eingesetzt und in breitem
Kontext über sie nachgedacht, lange bevor sie
politisch unpopulär wurden oder auch nur Quelle
zahlreicher gegenwärtiger Diskussionen.
In Kairo schließen wir uns der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verfolgung eines neuen
Aktionsplans an, das Bevölkerungsproblem als Teil
des größeren Problems umweltverträglicher Entwicklung anzugehen. An erster Stelle unserer Tagesordnung wird unsere aktive Unterstützung für Investitionen in die Frauen dieser Welt stehen. Vielleicht wird
langfristig gesehen die wichtigste Forderung von
Kairo lauten, daß jede Nation Bestrebungen zur
Erziehung ihrer Kinder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unternimmt und der weitverbreiteten
Praxis Einhalt gebietet, die Mädchen vor den Jungen
von der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu zwingen.
Um sicherzustellen, daß sich die Nationen schneller
entwickeln können, wird jeder einzelne von uns
aufgerufen, die Arbeit und Entwicklung von Frauen
anzuerkennen und sie voll in die erwerbstätige
Bevölkerung zu integrieren. Dadurch werden den
Frauen umfassende Bürgerrechte garantiert, und die

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�Diskriminierung wird beendet, die noch nahezu
überall existiert und den Fortschritt hemmt.
In Kairo werden die Vereinigten Staaten auch gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft neue, qualitativ hochwertige und freiwillige
Familienplanungs- und Gesundheitsprogramme für
werdende Mütter ins Leben rufen. Es ist unser Ziel,
bis zum Beginn des kommenden Jahrhunderts diese
Programme allen Bürgern zugänglich zu machen.
Eltern müssen das Recht haben, frei und verantwortlich über die Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode
der Familienplanung. Wir respektieren jedoch die
vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme
jeglicher Zwangsausübung. Unsere Politik in den
Vereinigten Staaten vertritt die freie Wahl des
einzelnen, nicht das Diktat der Öffentlichkeit. Ich
habe bereits vielfach darauf hingewiesen, daß
Schwangerschaftsabbrüche sicher, legal und selten
sein sollten.
In anderen Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt. Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern
anschaut, muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen mit Verhütungsmitteln mehr als
alles andere zur Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen wird.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß wir
in Kairo dasselbe grundlegende Engagement zeigen
müssen, jedem Bürger der Welt eine Gesundheitsfürsorge anzubieten, wie wir das in den öffentlichen
Debatten in unserem Land getan haben. Unter den
Vertretern der 174 Teilnehmerstaaten der Kairoer
Konferenz besteht weniger Uneinigkeit als hier unter
den 535 Abgeordneten unseres Kongresses. Vielleicht können wir diesen Geist mit nach Hause
bringen.
Die Erfahrung lehrt, daß Investitionen in Gesundheitsfürsorge für Mütter, pränatale Dienstleistungen
und Vorsorgemaßnahmen bei Kindern nicht nur

•

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Leben retten, sondern den Menschen letztlich die
erforderliche Zuversicht geben, daß ihre Kinder
überleben werden. Und dadurch wird die Einstellung
gegenüber der Kindererziehung verändert. Jedes
Land hat sich zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge seiner Frauen und Kinder verpflichtet. Und
wer das wirklich getan hat, konnte ein absinkendes
Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand
beobachten.
Die Kairoer Konferenz kann daher viel zur Förderung
unserer Vision umweltverträglicher Entwicklung und
stabilen Bevölkerungswachstums unternehmen, um
die Vision einer Welt intakter Familien Realität
werden zu lassen, in der für jedes Mitglied gesorgt
wird - einer Welt, die mit Klugheit und Stärke die
Herausforderungen direkt angeht, anstatt über sie zu
sprechen und mit Worten die Menschen so zu
spalten, daß sie sich nicht wirklich mit ihnen befassen, eine Welt, die zu Chancengleichheit und Wohlstand für alle führt.
Als Präsident Roosevelt im Jahr 1945 starb, fand
man ein getipptes Manuskript seiner letzten Rede, in
dem nur ein Satz von ihm mit der Hand geschrieben
war. Es war der letzte Satz der letzten Rede Franklin
Roosevelts, die er nie gehalten hat. Sein handgeschriebener Satz lautete: "Die einzige Grenze
unserer Realisierung der Zukunft sind unsere heutigen Zweifel. Wir wollen mit Stärke und aktivem
Glauben Fortschritte erzielen." Angesichts so vieler
scheinbar hartnäckiger Probleme ist sicherlich die
Versuchung groß, diese Zweifel überhandnehmen zu
lassen.
Mir scheint jedoch, daß auch Sie heute abend mit mir
die Ansicht teilen, daß wir Lösungen suchen und
finden können, die kommenden Generationen helfen
werden. Präsident Roosevelt regierte zu einer Zeit,
in der Zweifel ein Luxus war, den sich das amerikanische Volk nicht erlauben konnte. Ich sage Ihnen
heute, daß Zweifel einen Luxus darstellt, den sich die
Welt nicht länger erlauben kann.
Ich begrüße ihr Mitgefühl und ihr Engagement und
rufe Sie auf, diesen Glauben in Taten umzuwandeln
und mir bei meiner Arbeit beizustehen, dasselbe zu
tun.

* * *

*

AMERIKA DIENST

�BEVÖLKERUNG

FAST ALLE LÄNDER SEHEN
NOTWENDIGKEIT ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Vizepräsidenten AI Gore zufolge ist sich nahezu jedes Land,
einschließlich des Vatikans, bewußt, daß die Stabilisierung der Weltbevölkerung ein legitimes Ziel darstellt.
Die Vereinigten Staaten erwarten, daß auf der vom 5.-13. September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung deutlich gemacht wird, daß jedes Land das Recht auf eigene Methoden auf freiwilliger Basis - zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hat.
Vizepräsident Gore wird bei der Kairoer Konferenz, an der Vertreter aus 180 Ländern teilnehmen, die
amerikanische Delegation leiten. Nachfolgend veröffentlichen wir die von AI Gore bei einer Pressekonferenz
am 25. August 1994 abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Heute möchte ich über Bevölkerung, umweltverträgliche Entwicklung und die Herausforderung
sprechen, sich auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die internationale Staatengemeinschaft von vielen Spaltungen der Vergangenheit befreit, und die Nationen
nähern sich - in wirtschaftlicher, ökologischer und
politischer Hinsicht - aneinander an. In dieser
Übergangszeit haben die Vereinigten Staaten und
alle anderen Nationen die Chance und Verantwortung, sich mit lange vernachlässigten, zukunftsweisenden Belangen zu befassen, die darüber
entscheiden, welche Welt wir unseren Kindern und
Enkeln hinterlassen.
Um diesen Übergang erfolgreich gestalten zu
können, müssen wir zunächst die entscheidend
veränderte Natur der Beziehung zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem Erde
akzeptieren und verstehen. Diese Beziehung wurde
durch drei Faktoren radikal gewandelt - einem
philosophischen und zwei physischen. Der philosophische Wandel steht in Zusammenhang mit unserer
Haltung gegenüber der Erde und unserer eigenen
Zukunft, insbesondere mit unserer Gewohnheit, die
Verantwortung für die langfristigen Konsequenzen

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unseres Handelns und Verhaltens zu leugnen. Ich
habe bei anderer Gelegenheit ausführlich darüber
gesprochen und möchte hier nicht ins Detail gehen.
Die beiden anderen Faktoren sind physischer Natur,
obwohl beide sich gemessen an geologischen
Zeitverhältnissen in nur einer Millisekunde ereigneten
und beide in diesem Jahrhundert einzigartig sind.
Der erste Faktor, auf den ich heute ebenfalls nicht
eingehen möchte, ist die dramatische und einzigartige
Revolution in Wissenschaft und Technologie, die sich
immer noch beschleunigt, unsere Lebensqualität
verbessert, uns aber auch die Macht zur Veränderung der lebenserhaltenden Systeme gibt, auf denen
unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und unser
Leben basieren. Der zweite Faktor ist natürlich das
schnelle Bevölkerungswachstum, ein Thema, das ich
heute im Zusammenhang mit umweltverträglicher
Wirtschaftsentwicklung ansprechen werde.
Beunruhigend sind nicht so sehr die empirischen
Daten, sondern die vorauszusehenden Konsequenzen eines solch schnellen Bevölkerungswachstums
für die Zukunft, was alle Amerikaner und alle Nationen mit einem Gefühl der Dringlichkeit erfüllt sowie
der Entschlossenheit, sich mit diesen beispiellosen
Entwicklungen zu befassen. Ich möchte hier nur
einige anführen:

Seite 1

�Im Bereich der Umwelt trägt rasches Bevölkerungswachstum natürlich oftmals zur Zerstörung natürlicher Ressourcen bei. Es ist aber wichtig hinzuzufügen, daß dies auch für das Konsumverhalten der
stabileren und wohlhabenderen Industrieländer gilt.
In wirtschaftlicher Hinsicht führt das Bevölkerungswachstum oft zu einer stärkeren Beschäftigung mit
den Herausforderungen dauerhaft niedriger Löhne,
Armut und wirtschaftlichem Gefälle. Obwohl unter
bestimmten Umständen schnelles Bevölkerungswachstum eine bestehende Nachfrage nach Arbeitskräften decken und somit zu einem positiven Faktor
werden kann, führt es in der Welt, in der wir leben,
fast ausschließlich zur Vergrößerung des Problems
von Niedriglöhnen und Armut.
Bevölkerungstrends fordern auch die Fähigkeit von
Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen,
die erforderlichen Investitionen in Humankapital und
Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends dazu geführt, daß Investitionen in
Kinder gering und ungerecht getätigt werden, insbesondere zum Nachteil der Mädchen.
Auf der Ebene des einzelnen stehen Bevölkerungswachstum und eine hohe Fruchtbarkeitsrate in
engem Zusammenhang mit mangelnder Gesundheitsfürsorge und schlechtem Befinden von mehreren Millionen Frauen, Kleinkindern und Kindern.
Der Bevölkerungsdruck enttäuscht oft die Hoffnung
auf Stabilität auf nationaler und internationaler
Ebene. Denken Sie beispielsweise an das Problem
der 20 Millionen Flüchtlinge, mit dem die Welt
fertigzuwerden versucht. Die Zunahme grenzüberschreitender Wanderbewegungen wird teilweise
durch das umweltschädigende Bevölkerungswachstum herbeigeführt.
Man kann nicht sagen, daß schnelles Bevölkerungswachstum an sich ein Grund für Instabilität in einer
Gesellschaft darstellt. Man sollte jedoch feststellen,
daß Ruanda im vergangenen Jahr in Afrika das
Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte war. Und
es ist auch nicht unwichtig, daß Somalia die schnellste Wachstumsrate der Bevölkerung in ganz Afrika
verzeichnete. Obwohl es keine direkte Beziehung
zwischen Ursache und Wirkung gibt, sagt der
gesunde Menschenverstand, daß schnelles, umweltschädigendes Bevölkerungswachstum es den
Gesellschaften und Nationen erschwert, mit den
politischen, wirtschaftlichen und anderen Problemen
umzugehen, denen sich alle Nationen gegenübersehen.

Seite 2

Die Auswirkungen müssen auf globaler, aber auch
auf kommunaler und nationaler Ebene angegangen
werden. Beispielsweise wurde in jüngster Zeit viel
über die Probleme Afrikas in Ländern wie Nigeria
geschrieben. Die nigerianische Bevölkerung hat sich
in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. Die
Probleme einer Gesellschaft wie der Nigerias haben
eine Vielzahl von Ursachen. Wenn sich jedoch die
Bevölkerung innerhalb von 40 Jahren verdreifacht,
wird die Lösung dieser Probleme für jede Gesellschaft bedeutend schwieriger. Nigeria - um noch
einmal dieses Beispiel anzuführen - befindet sich auf
dem besten Weg zu einer erneuten Verdreifachung
seiner Bevölkerung im Verlauf der nächsten 40 Jahre.
In 40 Jahren werden in diesem Land mehr Menschen
leben als in den fünfziger Jahren auf dem gesamten
afrikanischen Kontinent. Um ein weiteres Beispiel zu
nennen: Afghanistan ist das Land mit der schnellsten
Wachstumsrate der Welt und es sieht so aus, als
würde sich seine Bevölkerung in nur zehn Jahren
verdoppeln.
Diese Ausschnitte aus einer zunehmend komplexen
Welt führen uns eine Notwendigkeit vor Augen, die
meines Erachtens im Mittelpunkt der internationalen
Zusammenarbeit in der Zeit nach dem Kalten Krieg
stehen sollte: Die Verwirklichung der Vision umweltverträglicher Entwicklung. Mit Mut, Überzeugung,
Konsens und gemeinsamen Strategien können wir
zweifellos den großen Herausforderungen gerecht
werden, die Weltbevölkerung zu stabilisieren und
umweltverträgliche
Entwicklung herbeizuführen.
Erwiesenermaßen fällt es schwer, diese Herausforderungen zu akzeptieren, und nichts ist schwieriger
für den einzelnen und die Gesellschaft als eine
Veränderung der Denkweise. Und die vor uns
liegenden Fragen erfordern vor allem ein neues
Denken über unsere Welt und unser Verhältnis zu ihr.
Von den verschiedenen Faktoren, die diese neue
Situation herbeigeführt haben, bereitet keiner größere
Schwierigkeiten als das schnelle Bevölkerungswachstum. Es bewegt unsere Gedanken und steht auf
unserer Tagesordnung als die dritte große Weltbevölkerungskonferenz dieses Jahrhunderts, die im
kommenden Monat anberaumt ist. Vor zehn Jahren
fungierte die amerikanische Delegation bei der
zweiten Weltbevölkerungskonferenz in Mexico City
als unbeteiligter Zuschauer, was nicht nur für die
lange Geschichte der Vereinigten Staaten als Führungsmacht, sondern auch für Fortschritt und
Schwung der internationalen bevölkerungspolitischen
Bestrebungen während der achtziger Jahre ein
Rückschlag war.
Zehn Jahre später ist der Wandel gekommen; die
Vereinigten Staaten sind wieder aktiv, und Präsident
Clinton hat die amerikanische Führungsrolle bei den

AMERIKA DIENST

�entscheidenden Herausforderungen Bevölkerung
und umweltverträgliche Entwicklung wiederhergestellt. Die Kairoer oder internationale Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung, so der offizielle
Name - und ich möchte bei dieser Gelegenheit jedes
Mitglied der Presse vor der Abkürzung Bevölkerungskonferenz warnen - ist eine Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, und die untrennbare
Verbindung ist entscheidend für die Fähigkeit der
Welt, einen Konsens für die gemeinsame Bewältigung dieser beiden Herausforderungen zu bilden.
Diese Konferenz soll die interdependente Natur der
Welt unterstreichen sowie die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit aller Nationen, um die Weltbevölkerung merklich zu stabilisieren, Wirtschaft, Umwelt
und Entwicklung zu integrieren, dauerhafte Werte für
die Familie sowie die Verantwortung des einzelnen
und der Gemeinschaft zu bekräftigen und weltweiter
Bildung, Gesundheitsfürsorge und vermehrter Entscheidungsbefugnis für Frauen und alle Menschen
Priorität einzuräumen.
In der Presse wurde vielleicht nicht darüber berichtet, aber die Vorbereitungen für die Kairoer Konferenz waren von einem bemerkenswerten Konsens
über umfassende Strategien zur Realisierung dieser
Ziele gekennzeichnet. Während früher von einigen
behauptet wurde, Bevölkerungswachstum stelle kein
Problem dar, besteht jetzt tatsächlich Einigkeit über
die Notwendigkeit, daß alle Nationen Bevölkerung

und umweltverträgliche Entwicklung als Priorität
betrachten. Und die katholische Kirche, auf die ich
gleich zu sprechen komme, bezeichnet die Stabilisierung der Weltbevölkerung als legitimes Ziel.
Während früher diese Diskussion an der Nord-SüdGrenze scheiterte, besteht jetzt Einigkeit darüber,
daß Zusammenarbeit im Interesse aller Staaten des Nordens und des Südens - liegt. Während
früher Uneinigkeit darüber bestand, ob Familienplanung oder wirtschaftlicher Fortschritt eine Vorbedingung für Fortschritte auf diesen Gebieten sei,
wird jetzt allgemein anerkannt, daß beide an sich
bedeutend sind, jedoch am besten gleichzeitig
verfolgt werden sollten. Während man sich früher
engstirnig auf nur einen Aspekt einer globalen
Strategie konzentrierte, umfaßt das gemeinsame Ziel
jetzt Bestrebungen, die Bildung, Gesundheit, mehr
Entscheidungsfreiheit für Frauen und wirtschaftlichen
Fortschritt mit dem Traum eines besseren Lebens
für alle Menschen verbinden.
Man hat also zweifelsohne viel gelernt, seit vor 30
Jahren durch die Arbeit von John D. Rockefeiler III.
und anderen ernsthafte Besorgnis über das schnelle
Bevölkerungswachstum entstand. Diese Lektionen
charakterisieren den vielversprechenden, aber

AMERIKA DIENST

unvollständigen Aktionsplan, an dessen Vollendung
die Staaten in Kairo arbeiten werden. Ich möchte
über die Annäherung an einen Konsens im Entwurf
für das Kairoer Dokument zu Frauen, Kindern, der
Umwelt und anderem sprechen. Dieser dramatische
Fortschritt darf nicht von einer Frage überschattet
werden, die in tiefgreifenden moralischen, philosophischen und religiösen Unterschieden wurzelt - ich
meine natürlich den Schwangerschaftsabbruch.
In diesem Bereich erscheint umfassender Konsens
unwahrscheinlicher als auf jedem anderen Gebiet,
selbst unter Männern und Frauen, die mit Offenheit
und gutem Willen diese Frage erörtern. Wichtig ist,
daß die teilweise Übereinstimmung, die in greifbarer
Nähe liegen könnte, nicht von Mißverständnissen
vereitelt wird. Ich möchte mich klar ausdrücken und
sicherstellen, daß die Ansichten dieser Administration
eindeutig sind. Mein Freund Michael Novak zitierte
kürzlich John Courtney Murray, der feststellt, "nichts
ist schwieriger, als Uneinigkeit zu erzielen". Oftmals
ist Uneinigkeit in unpräziser Form gegenwärtig und
erscheint viel größer und furchteinflößender, als sie
wirklich ist.
Praktisch jeder Mensch in jedem Teil der Welt
möchte Schwangerschaftsabbruch zu einem seltenen
Vorkommnis machen. Das ist das Ziel der Vereinigten Staaten, von Frauengruppen, Umweltschützern, der katholischen Kirche und Vertretern aller
großen Religionen. Es ist tatsächlich das Ziel aller
mit dieser Frage Befaßten, obwohl viele von uns
dieses Ziel auf unterschiedliche Art und Weise
verfolgen. Beispielsweise bin ich der Ansicht, wenn
weniger Frauen einen Schwangerschaftsabbruch für
nötig halten, wird er auch seltener vorgenommen.
Und wenn Frauen ihn selten für notwendig halten,
wird er auch seltener. Dafür setzt sich unsere
Administration ein. Aber die heutige Situation sieht
anders aus. Schwangerschaftsabbruch ist nicht
selten. Weltweit werden jährlich über 25 Millionen
Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Und in
manchen Teilen der Welt ist es für eine Frau nicht
ungewöhnlich, im Laufe ihres Lebens sieben oder
acht Abtreibungen zu haben.
Es gibt tatsächlich Länder, beispielsweise Rußland,
in denen empfängnisverhütende Mittel nicht leicht und
überall zur Verfügung stehen und Frauen im Laufe
ihres Lebens durchschnittlich sieben oder acht
Abtreibungen vornehmen lassen. Aus einer Vielzahl
von Gründen sterben jedes Jahr weltweit 200.000
Frauen an medizinisch riskanten Schwangerschaftsabbrüchen. Wir können diese Tatsachen nicht unter
den Teppich kehren oder vortäuschen, sie existierten
nicht - und das versucht auch niemand.

Seite 3

�Eine der Fragen, die sich die Konferenzteilnehmer in
Kairo und alle Bürger der Welt stellen, lautet, was
wir dagegen unternehmen. Wie können wir Schwangerschaftsabbrüche seltener machen? Nach Ansicht
unserer Administration ist es wünschenswert, in den
Bereichen Gesundheit und reproduktive Gesundheit
möglichst viele Optionen anzubieten. Wir sind uns
jedoch bewußt, daß die Ansichten über einen
Schwangerschaftsabbruch unter Nationen ebenso
unterschiedlich sind wie unter Einzelpersonen.
Heute haben 173 Nationen Gesetze über die Umstände, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch
vorgenommen werden darf und unter denen er
eingeschränkt ist.
Unseres Erachtens sollte die Entscheidung darüber,
unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch akzeptabel ist, im Entscheidungsbereich
jeder einzelnen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze
und nationalen Gegebenheiten liegen. Aus diesem
Grund haben wir während der Verhandlungen eine
Sprachregelung und deren Einbeziehung unterstützt,
die dieses Prinzip für alle in Kairo abgegebenen
Empfehlungen klarstellt. Und wir erwarten in Kairo,
daß dieses Prinzip im Abschlußdokument bekräftigt
wird und werden darauf drängen. Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird.
Die Respektierung nationaler Souveränität bei dieser
Frage impliziert keine Neutralität. Wir sind der
Meinung, daß Schwangerschaftsabbrüche seltener
werden sollten. Sie sind keine Methode, mit der die
Nationen das Bevölkerungswachstum reduzieren
können oder sollten. Wir sind kein Befürworter von
Schwangerschaftsabbrüchen. Wir verabscheuen
und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch, ungeachtet dessen, ob der Zwang
dazu physischer, wirtschaftlicher, psychologischer,
politischer oder anderer Natur ist.
Es wurde behauptet, die Vereinigten Staaten hätten
im Zusammenhang mit der Bereitstellung von
Entwicklungshilfe über Gebühr ihren Einfluß gegenüber Nationen geltend gemacht, die nicht unsere
Bevölkerungspolitik und -programme unterstützen.
Das ist eindeutig und absolut falsch. Wir wissen,
daß einige diesbezügliche Behauptungen aufgestellt
wurden. Wir respektieren die Tatsache, daß Menschen guten Willens die Wahrheit mißverstehen
können und haben um spezifische Information
gebeten.
Kein vernünftiger Mensch würde ein
solches Verhalten unterstützen. Ich möchte folgendes sagen: Sollten Beweise für die Unterstützung
eines solchen Verhaltens bei den Vorbereitungen für

Seite 4

die Kairoer Konferenz, in Kairo oder danach auftauchen, werden wir sofort und entschieden Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Diese Anschuldigungen
sind ungeheuerlich. Sollten sie sich als wahr erweisen, würden wir die Regierung sofort umgestalten.
Wir halten einen Schwangerschaftsabbruch nicht für
eine Methode der Familienplanung. Er sollte auch
nicht als solche gesehen werden, obwohl er in
Ländern, in denen nicht ausreichend empfängnisverhütende Mittel vorhanden sind, tragischerweise
allzuoft aus diesem Grund vorgenommen wird. Und
wir betrachten einen Schwangerschaftsabbruch
zweifelsohne nicht als moralisches Äquivalent zur
Empfängnisverhütung. Alle Diskussionsteilnehmer
räumten ein, daß der Entscheidung für eine Option
eine bestimmte moralische Einstellung zugrundeliegt.
Ich möchte mit deutlich ausdrücken: Unsere Administration ist der Ansicht, daß die Verfassung der
Vereinigten Staaten jeder innerhalb unserer Grenzen
lebenden Frau mit wenigen und bestimmten Ausnahmen das Recht auf eine Entscheidung zusichert.
Wir sind diesem Prinzip unverändert verpflichtet. Wir
wollen jedoch direkt einem Mißverständnis vorbeugen. Die Vereinigten Staaten streben kein internationales Recht auf Schwangerschaftsabbruch an
und werden das auch in Zukunft nicht tun.
Die gerade von mir dargelegten Grundsätze repräsentieren die seit langer Zeit bestehende Position der
Administration und der Vereinigten Staaten in dieser
Frage. In seiner im Juni gehaltenen Grundsatzrede
vor der National Academy of Sciences erklärte der
Präsident:
"Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode der
Familienplanung. Wir respektieren jedoch die vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme jeglicher
Zwangsausübung. Unsere Politik in den Vereinigten
Staaten vertritt die freie Wahl des einzelnen, nicht
das Diktat der Öffentlichkeit. Ich habe bereits vielfach
darauf hingewiesen, daß Schwangerschaftsabbrüche
sicher, legal und selten sein sollten. In anderen
Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist
Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt.
Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern anschaut,
muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner
sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen
mit Verhütungsmitteln mehr als alles andere zur
Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen
beitragen wird."
Seit er diese Rede hielt, bevor er diese Rede hielt,
aber vor allem viele Male nachdem er diese Rede
gehalten hatte, hat der Präsident anderen und mir

AMERIKA DIENST

�*

gegenüber bei mehreren Gelegenheiten bekräftigt,
daß ein Schwangerschaftsabbruch, wenn er vorgenommen wird, sicher sein sollte. Jede Nation
sollte das festlegen. Wir lehnen Zwang ab. Wir
verabscheuen Zwang.
Und wir sollten andere
Maßnahmen zur Reduzierung der Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen ergreifen.
Ich wiederhole, wir wollen alles in unserer Macht
Stehende zur Verringerung von Abtreibungen
weltweit tun. Aus unserer Sicht ist der effektivste
Weg zur Reduzierung von Bevölkerungswachstum
und Abtreibungen eine umfassende globale Strategie, die Informationen über Familienplanung und
Möglichkeiten leicht zugänglich macht, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung fördert, Kindersterblichkeit und Analphabetentum verringert, die Gesundheit der Frauen verbessert, Familien stärkt und
sich auf Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frau konzentriert. Zu dieser Schlußfolgerung sind wir aufgrund schmerzlicher Erfahrungen
gelangt.
Im Verlauf der letzten Generation haben wir gelernt,
daß Familienplanung allein selten erfolgreich ist und
wirtschaftliche Entwicklung allein nicht automatisch
das Bevölkerungswachstum verringert.
Meiner Ansicht nach ist der wahre Hintergrund des
Vorbereitungsprozesses und der Konferenz selbst
das Ausmaß, in dem ein neuer weltweiter Konsens

um diese modernere, holistischere, umfassendere
Sichtweise Gestalt angenommen hat: Das Mittel, mit
dem die Welt den Bevölkerungszuwachs stabilisieren
kann, ist eine vielschichtige Strategie, die unter
bestimmten Umständen verfügbare Empfängnisverhütung unter Berücksichtigung der Kultur, in der
sie zur Verfügung gestellt wird, einbezieht, die
Betonung auf die Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen legt, damit sie an
Entscheidungen über die Größe der Familie sowie
umweltverträgliche und gerechte wirtschaftliche
Entwicklung teilnehmen können, die historisch mit
der demographischen Umgestaltung und der Stabilisierung des Bevölkerungswachstums einhergehen,
mit Betonung auf Verbesserung der Gesundheit von
Kindern und der Bekämpfung der Kindersterblichkeit
für die Entscheidung der Eltern über die Größe ihrer
Familie, denn wenn die Kinder überleben, ist der
Wunsch nach einer sehr viel größeren Familie
erheblich geringer.
Ich möchte Ihnen aus einem Brief vorlesen, den
Papst Johannes Paul II. im Frühjahr an Dr. Nafis
Sadik, den Generalsekretär der Kairoer Konferenz
geschrieben hat.

AMERIKA DIENST

"Es besteht weitgehende Übereinstimmung, daß
Bevölkerungspolitik nur Teil einer umfassenden
Entwicklungsstrategie ist. Entsprechend ist es von
Bedeutung, daß jede Diskussion über Bevölkerungspolitik die tatsächliche und prognostizierte
Entwicklung von Nationen und Regionen im Auge
behalten sollte. Gleichzeitig ist es unmöglich, das
Wesen dessen unberücksichtigt zu lassen, was
man unter dem Begriff "Entwicklung" versteht.
Jede dieses Namens werte Entwicklung muß
integral sein - das heißt, sie muß auf das Wahre
und Gute jeder Person sowie die ganze Person
ausgerichtet sein. Echte Entwicklung kann nicht
in der einfachen Anhäufung von Wohlstand und
der besseren Verfügbarkeit von Waren und
Dienstleistungen bestehen, sondern muß unter
wirklicher Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und geistigen Dimensionen des menschlichen
Wesens verfolgt werden. Entwicklungsprogramme
müssen auf Gerechtigkeit und Gleichheit aufbauen
und den Menschen ein Leben in Würde, Harmonie
und Frieden gestatten. Sie müssen das kulturelle
Erbe von Menschen und Nationen respektieren
sowie die sozialen Qualitäten und Tugenden, die
die von Gott gegebene Würde jeder einzelnen
Person widerspiegeln und den göttlichen Plan, der
alle Menschen zur Einheit auffordert. Am wichtigsten ist, daß alle Männer und Frauen aktive Mittler
ihrer eigenen Entwicklung sein müssen. Denn
Männer und Frauen als bloße Objekte in einem
Schema oder Plan zu behandeln, würde bedeuten, diese Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung
zu ersticken, die für das Gute des Menschen
grundlegend ist."
Wie wichtig ist es doch, daß die Welt diese Perspektive vernimmt. Und wie wichtig ist es, daß die
Welt hört, was die großen Weltreligionen über all die
uns konfrontierenden Themen zu sagen haben.
Die katholische Kirche hat ebenso wie andere christliche und nichtchristliche Religionen eine Mission, die
sich manchmal von der politischer Institutionen
unterscheiden muß. Die Kirchenvertreter versuchen,
eine moralisch strenge Haltung im Hinblick auf
materielle Güter und sozioökonomische Beziehungen
zu ermutigen. Der politischen Führung kommt die
Verantwortung zu, sorgfältig auf das zu hören, was
die Religionen zu sagen haben - selbst wenn sie es
nicht immer würdigen kann. Dieser Dialog ist äußerst
wichtig. Wir wollen Kairo zu einem Dialog statt einer
von vorneherein geplanten Konfrontation machen insbesondere, da bezüglich des Dokumentsentwurfs
so große Übereinstimmung besteht.
Wir teilen auch die Meinung von Papst Johannes
Paul II., daß diese Themen die wichtigsten des 21.
Jahrhunderts sind und die Zukunft der Menschheit

Seite 5

�I»

bestimmen. Ich habe in der Vergangenheit bereits
das Argument vorgebracht, daß trotz bestehender
Meinungsverschiedenheiten der umfassende Charakter und die Stärke der Übereinstimmung zu einem
natürlichen Bündnis zwischen den in der Regierung
Tätigen unter uns führt, die der Auffassung sind, daß
wir einerseits das Bevölkerungswachstum stabilisieren, die Umwelt schützen, umweltverträgliche Entwicklung fördern und eine für unsere Kinder und
Enkelkinder lebenswerte Zukunft schaffen müssen,
und die katholische Kirche andererseits trotz ihres
allseits bekannten Widerstands gegen Empfängnisverhütung historisch gesehen einer der stärksten
und effektivsten Befürworter der ganzen Welt von Alphabetisierungs- und Bildungsprogrammen, von
Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der
Kindersterblichkeit und anderer Schritte ist, die in der
Tat entscheidend für die Stabilisierung des Bevölkerungszuwachses und die Erarbeitung eines Musters
für umweltverträgliche Entwicklung sind.
Es geht darum, eine humane und umfassende
Strategie auf der Grundlage universellen menschlichen Strebens zu entwerfen. Als Teil dieser umfassenden Strategie ist ein Ziel in Kairo und darüber
hinaus die Stärkung der Fähigkeit prospektiv denkender Eltern, zu entscheiden, wieviele Kinder und
zu welchem Zeitpunkt sie haben wollen. Jedes Land
hat die Verantwortung, über die geeigneten Möglichkeiten zu entscheiden, die zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften, Gewährleistung geistiger
Gesundheit und Verringerung von Schwangerschaftsabbrüchen erforderlich sind. Jedes Land
sollte darauf hinarbeiten, die von ihm gewählten
Möglichkeiten für alle seine Bürger verfügbar zu
machen. Und in den Fällen, in denen eine Nation
sich für legalen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, sollte dieser medizinisch sicher sein.
Wenn wir die Lebenserwartung verlängern und die
Kindersterblichkeit verringern können, wenn wir das
Leben der Menschen durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen verbessern können, wenn wir
ihre Wünsche und ihren Horizont erweitern können,
dann können wir die Bevölkerungswachstum nährenden Kräfte abbauen. Wir erkennen jetzt, daß
Familienplanung, gerechte und umweltverträgliche
Entwicklung, vermehrte Entscheidungsbefugnis für
alle Bürger nicht konkurrierende Strategien, sondern
vielmehr entscheidende und sich gegenseitig verstärkende Elemente des umfassenden Ansatzes
sind, den unsere globale Zukunft fordert.
Dies ist der Rahmen, der uns beim Sondieren von
gemeinsamem Terrain in Kairo leitet. Wir können
uns nicht vorstellen, daß wir die Abtreibungsdiskussion je ad acta legen - die Meinungsverschiedenheiten sind zu tiefgreifend. Unseres Erachtens maxi-

Seite 6

•

miert unser Ansatz die Bandbreite des möglichen
Konsenses und verringert die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein erträgliches Maß.
Schließlich hat man sich bereits auf über 90 Prozent
der Sprachregelungen des Kairoer Dokuments
geeinigt - das ist weit mehr als bei vorherigen internationalen Konferenzen. Und viele der verbleibenden
Differenzen können mit harter Arbeit, respektvollem
Dialog und vernünftig begründeter Annäherung
beigelegt werden, die wir heute fordern.
Wir dürfen und sollten im Verlauf dieses Unternehmens nicht zu Gegnern werden. Wir müssen vielmehr Kollegen und Freunde bei diesem historischen
Unterfangen sein, eine Politik zu entwerfen, mit der
die Würde und der Wert jedes menschlichen Wesens
auf der Erde bekräftigt wird und einer Politik, die die
Bedeutung der Familie untermauert.
Unseres Erachtens ist die Familie die Keimzelle eines
verantwortungsbewußten Lebens in der Gesellschaft.
Wenn Sie beispielsweise eine umweltbewußte
Gesellschaft haben wollen, müssen Sie die Familie
stärken. Die Regierungen haben die Pflicht zur
Gewährleistung von politischer Freiheit zur Gründung
einer Familie und der Erziehung der Kinder im
Einklang mit der religiösen Überzeugung dieser
Familie. Alle Regierungen müssen die Stabilität der
Ehe und die Institution Familie sowie die Gesundheit
der Familie schützen. Die Betonung der Familie ist
unserer Ansicht nach entscheidend, weil Themen wie
die Gesundheit von Frauen und ihre Ausbildung in
vielen Ländern durch das Prisma der Familie in
Angriff genommen werden müssen.
In diesem Zusammenhang ist die Kairoer Konferenz
daher bemerkenswert für ihre Bestrebungen, eine
globale Tagesordnung der Hoffnung, Chancen und
Fortschritte zu definieren. Ungeachtet der nicht
vollständigen Übereinstimmung zu allen Themen ist
dies - bei weitem - das beste je erarbeitete Dokument
zu Bevölkerungsfragen. Und ich möchte hinzufügen,
daß diese Bestrebungen - und auch die Vereinigten
Staaten - in hohem Maße von dem Talent, der
Kreativität und sorgfältigen Anleitung von Tim Wirth,
unserem Staatssekretär im Außenministerium für
globale Angelegenheiten, profitiert haben. Dank Tims
Arbeit und der anderer wird diese Konferenz einen
historischen Schulterschluß zwischen der Notwendigkeit zur Integration wirtschaftlicher und umweltpolitischer Maßnahmen auf globaler Ebene und der
Anerkennung der Beziehung zwischen umweltverträglicher Entwicklung und Bevölkerungsstabilität
vornehmen.
Ich möchte auch im voraus Präsident Mubarak
danken, der als Gastgeber einen unschätzbaren

AMERIKA DIENST

�Beitrag zu dem erwartungsgemäß erfolgreichen
Ausgang der Konferenz in Kairo geleistet hat.
Ebenso wie der Erdgipfel in Rio erkennt diese
Konferenz die Bedeutung der Einbeziehung der
Bürger und nichtstaatlicher Organisationen an,
analysiert ihre Rolle und ihren Beitrag zum internationalen Dialog. Diese Konferenz geht für ihre
beispiellose Einbeziehung der Bürger - insbesondere
der Frauen, deren Beitrag historisch und außergewöhnlich war - in die Annalen der Geschichte ein.

Die Kairoer Konferenz trägt ferner der Tatsache
Rechnung, daß dies nicht nur Belange der armen
Länder sind. Sie betreffen auch die Bürger von
Industrienationen und beziehen sie ein. Wir sind

unseren Nachbarn durch Sorge und Mitgefühl verbunden. Rasches Bevölkerungswachstum ist eng mit
Armut, Ungerechtigkeit und menschlichem Leid
verbunden. Die Amerikaner stehen diesen Problemen nicht indifferent gegenüber.
Wir sind uns bewußt, daß die Herausforderungen
groß sind, und aus diesem Grund ist unser Engagement so tiefgreifend. Die Integration von Bevölkerung, Umwelt und Entwicklung ist ein Gebot für
Frieden und nationale Sicherheit, für menschliche
Gesundheit und menschliches Wohlergehen und für
die Qualität des Lebens auf Erden. Die ClintonAdministration ist entschlossen, diese Erfordernisse
zu erfüllen. Und bei der Bevölkerungs- und Entwicklungsproblematik sind wir entschlossen, eine Führungsrolle zu übernehmen.

* * * * *

AMERIKA DIENST

Seite 7

�BEVÖLKERUNG

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub
WASHINGTON - (AD) - Umweltverträgliche Entwicklung muß ein Eckpfeiler der neuen amerikanischen
Außenpolitik und der neu definierten nationalen Sicherheit für das 21. Jahrhundert sein, stellte der
Staatssekretär im Außenministerium für globale Angelegenheiten, Timothy Wirth, fest.
In seiner am 12. Juli 1994 im Nationalen Presseclub gehaltenen Rede erklärte Wirth, umweltverträgliche
Entwicklung bedeute im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten
Staaten - versuchen sollten, "die Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen
für künftige Generationen zu erfüllen".
Wirth zufolge ist umweltverträgliche Entwicklung "ein in der Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig verstärken".
Das größte Hindernis bei der Verfolgung umweltverträglicher Entwicklung sei die fehlgeleitete Überzeugung,
"daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft". Tatsache sei, so Wirth, daß "die
Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden ist und vollständig von ihr abhängt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Timothy Wirth im Wortlaut.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre lang die langfristige Sicherheit definierte, wird schnell zu einem
lange zurückliegenden Zeitalter. Statt dessen sehen
wir uns mit einem breiten Spektrum unbekannter
Herausforderungen in einer an sich schon so unbekannten Welt konfrontiert, daß sie fast nicht mehr zu
erkennen ist. Die Veränderungen und Entscheidungen, vor denen die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft jetzt stehen,
stellen ebenso große Anforderungen wie diejenigen,
die wir seit 1945 kannten. Aber die Natur, Vielfalt
und Geschwindigkeit, mit der die neuen Herausforderungen auftreten, gebieten dringende Bestrebungen zum Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer Außenpolitik und eine Neubewertung der Prioritäten für die amerikanische Führungsrolle bei der Bewältigung neuer Tests und
Gestaltung einer besseren Welt.
Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen

AMERIKA DIENST

Tendenzen, die diese Interessen in der Zukunft
bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der
Regierungsführung an unsere Kinder weitergeben.
Heute möchte ich den Vorschlag unterbreiten, daß
das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung die beim Erdgipfel in Rio formulierte hehre Idee - ein
Eckpfeiler der neuen amerikanischen Außenpolitik
und der neu definierten nationalen Sicherheit für das
21. Jahrhundert sein muß.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - versuchen sollten, die
Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt
kann die Idee umweltverträglicher Entwicklung die in
der Welt von heute aktiven, außerordentlich mächtigen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Kräfte
integrieren und harmonisieren. Es ist ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche

Seite 1

�und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig
verstärken.
Ökologische Systeme bilden die
Grundlage einer modernen Gesellschaft - in der
Wissenschaft, Landwirtschaft sowie bei sozialer und
wirtschaftlicher Planung. Langfristig von unserem
ökologischen Kapital zu leben, ist eine ruinöse
Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten Völker und Nationen nach Wirtschaftswachstum
sowie wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritten, die wiederum die unerläßlichen Bausteine des Umweltschutzes sind.
Bedauerlicherweise wurde die Sorge über die
Umwelt viel zu lange als peripheres, unerhebliches
Thema angesehen, das im Zusammenhang mit
Wohlstand als Luxus betrachtet werden kann. Viel
zu viele werden mit der Aussage zustimmen: "Ja,
ich bin für Umweltschutz - solange er nicht auf
Kosten der Arbeitsplätze geht." Und in eben dieser
Fehlanalyse stoßen wir auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung - umweltverträgliche
Entwicklung.
Das größte Hindernis beim Streben nach umweltverträglicher Entwicklung ist die fehlgeleitete Überzeugung, daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Tatsache ist,
daß die Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt
verbunden ist und vollständig von ihr abhängt.
Fünf biologische Systeme - Ackerland, Wälder,
Weiden, Ozeane und Süßwasser - unterstützen die
Weltwirtschaft. Mit Ausnahme von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle Rohmaterialien
für die Industrie und unsere gesamten Nahnmasmittel.
Ackerland liefen" Nahrungsmittel, Viehfutter und
eine unendliche Vielfalt von Rohmaterialien für
die Industrie wie etwa Fasern und pflanzliche
Öle.
Wälder sind eine Quelle für Brennstoffe, Holz,
Papier und zahlreiche andere Produkte.
Weiden sind der Ursprung für die P^^uWion vor.
Fleisch, Milch, Leder und Wolle.
Ozeane und Süßwasser produzieren N?hn,r&gt;nsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie.
Kurzum, das ist in etwa alles. Das is&gt; der Größte!
der Volkswirtschaft. Das ist die Grundlage für di?
gesamte Wirtschaftstätigkeit ••'"' ,j! le ArbdtepUrtee
Im Jargon der Wirtschaftswelt ist die vVirtschatt eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Umwelt
Alle Wirtschaftsaktivitäten hangen v o i der Umwelt

Seite 2

und der ihr zugrundeliegenden Ressourcenbasis ab.
Wenn die Umwelt schließlich einen Offenbarungseid
leisten muß, weil ihre Ressourcenbasis verschmutzt,
zerstört, verschwendet, unwiderruflich gefährdet
wurde, dann geht auch die Wirtschaft mit ihr bankrott.
Ist dies nur ein theoretisches Konzept?
nicht.

Natürlich

Es vollzog sich in Mittel- und Osteuropa, den Ländern, deren tiefgreifende Zerstörung der Wirtschaft
wir erst jetzt entdecken und verstehen. Es vollzieht
sich in der Tat auf der ganzen Welt, selbst in vielen
der heutigen Schlagzeilen machenden Krisenherde.
Knappe Ressourcen sind die Ursache gewalttätiger
Konflikte, die die bürgerliche Gesellschaft in Ruanda,
Haiti und Chiapas erschüttern.
Diese Konflikte
könnten sich intensivieren und ausweiten, während
die immer weiter zunehmende Bevölkerung um den
immer geringer werdenden Bestand an Land, Brennstoff und Wasser kämpft. Professor Tad Homer-Dixo
von der University of Toronto warnt, daß in den
kommenden Jahrzehnten die Verknappung der
Ressourcen sich "wahrscheinlich mit einer Geschwindigkeit, Komplexität und in einer Größenordnung
vollzieht, die in der Geschichte ihresgleichen suchen".
Derzeitige Konflikte sind ein bitterer Vorgeschmack
der Anarchie, die immer mehr Nationen erfassen
könnte, wenn wir nicht handeln.
In Ruanda vollzogen sich die unbeschreiblich
brutalen Massaker der jüngsten Monate vor dem
Hintergrund einer Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und ungleicher Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate ist mit die
höchste der Welt - über acht Kinder pro Frau.
Das einst reiche Agrarland der Nation ist so
gravierend erschöpft und zerstört, daß zwischen
1980 und 1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungszuwachses - die Nahrungsmittelproduktion
um 20 Prozent fiel.
Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind
Konflikte Ober die Ressourcen die Ursache für die
Aufstände im Süden. Ungleiche Verteilung des
l indes und rawcnes RevNkerungswachstum
haben die arnr-"&gt; R;.uern - vornehmlich die Urbevölkerung - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung des ökologisch gefährdeten
HochlarHo durchzuschlagen. Dieses Land kann
rasch 7«&gt;r&lt;&gt;tftrt worden und die zunehmende
Bevölkeruno noch weiter in Armut stürzen. Ein
IhnHchf 'rr.'ii^iskrpi&lt;5 konnte an so unterschiedlichen Orten wie den Philippinen, dem Himalaya,
der Sahelzone, Indonesien, Brasilien und El
c
-'vqdor beobachtet werr»«"i

AMERIKA DIENST

�In Haiti sind schwindende Ressourcen noch
ausschlaggebender für den Zusammenbruch der
Gesellschaft eines Inselstaats, der einst das
Kronjuwel des französischen Imperiums war.
Nahezu völlig entwaldet, das karge Ackerland mit
jeder Generation in kleinere und weniger produktive Parzellen unterteilt, werden diese Probleme
durch eine räuberische Regierung verschärft, die
die spärlichen Ressourcen des Landes erschöpft
und Investitionen in ihr Volk versäumt hat. Hinter
diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und
politischen Zusammenbruch wirft die Tatsache
bedrohliche Schatten, daß die bereits jetzt in
jeder Hinsicht zu hohe Bevölkerungsrate Haitis
von sieben Millionen sich in den nächsten 18
Jahren voraussichtlich verdoppeln wird.
Und in China - der Heimat von einem Fünftel der
Weltbevölkerung - bedrohen ernsthafter Wassermangel und Bodenerosion die Fähigkeit dieses
Landes zur Versorgung seiner Bevölkerung.
Zwischen 1957 und 1990 verlor China rund 35
Millionen Hektar Ackerland - ein Gebiet in der
Größe aller Bauernhöfe in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zusammengenommen. Dieser Raubbau bewirkt einen
Exodus aus dem verarmten Inland in die prosperierenden Küstenstädte, der sich mit den Erfordernissen der raschen Industrialisierung zu einem
Wall entwickelt, auf den die chinesische Volkswirtschaft bald mit aller Macht trifft.
Dies kann auch uns dort passieren, wo unsere
biologischen Systeme unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind. Mit ihrer fortgesetzten
Zerstörung verbrauchen wir unser Kapital. Dabei
unterhöhlen wir unseren Lebensstandard - ein
gefährlicher Drahtseilakt:
Die Wälder unseres pazifischen Nordwestens
wurden geplündert und die Flüsse, Fischgründe
und billige Energiequellen sind nicht weit davon
entfernt.
Wir aus dem amerikanischen Westen sollten auf
die Alarmglocken achten und hören, während wir
die Wasservorräte auf unseren Hochebenen
erschöpfen und - häufig mit Blindheit geschlagen
- auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang dieser bäuerlichen Gemeinden warten.
Vor unserer Türschwelle ist ein offensichtlich so
einfaches System wie die Austernbänke vor der
Chesapeake Bay, die das Wasser der gesamten
Bucht alle drei Tage filterten, jetzt so ausgebeutet, daß diese Filterung nur einmal pro Jahr
stattfindet und damit die Gesundheit und Produktivität dieses bemerkenswerten Lebenssystems

AMERIKA DIENST

drastisch verringert. Ist der totale Zusammenbruch noch weit entfernt?
Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach mit dem
Zählen von Bäumen, des Fischbestands oder der
Kornähren gemessen werden kann. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Müll reinigen,
Boden regenerieren und die Trinkwasservorräte
auffüllen.
Diese Systeme, die wir verspätet zu
verstehen begonnen haben, bilden die Grundlage des
Lebens auf Erden. Der Abbau der Ozonschicht,
Verlust der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache, daß die ökologischen Systeme des Planeten
einer großen Belastung ausgesetzt sind.
Unsere Defizitfinanzierung des Umweltkapitals hat
direkte, meßbare Auswirkungen auf die menschliche
Sicherheit. Mit einfachen Worten, die lebenserhaltenden Systeme auf dem gesamten Globus werden
in schnellem Tempo vernichtet - verdeutlichen unsere
Interdependenz mit der Natur und verändern unsere
Beziehungen zu dem Planeten. Unsere Sicherheit
als Amerikaner ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden.
Die Sicherheit unserer Nation und
unserer Welt hängt davon ab, ob wir ein dauerhaftes
Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen
und der Fähigkeit des Planeten zur Versorgung der
Menschen herstellen können.
Warum wurdo dieser neue Sicherheitsaspekt erst vor
kurzem erkannt? Zwei Tendenzen sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich
seit 1950 verdoppelt und beläuft sich jetzt auf 5,6
Milliarden. Jedes Jahr nimmt die Welt um 91 Millionen Einwohner zu - dem Äquivalent eines weiteren
New York jeden Monat, eines weiteren Mexiko jedes
Jahr und eines weiteren China in jedem Jahrzehnt.
95 Prozent dieses Wachstums finden in den verarmten Staaten der Entwicklungsländer statt, die
bereits um die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und
Versorgung ihrer Völker kämpfen.
Gleichzeitig hat die industrialisierte Welt die Fähigkeit
und Konsumkapazitiät zur Nutzung der Ressourcen
und der Produktion von Müll in einem Tempo entwikkelt, das in der menschlichen Geschichte seinesgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrieländer zwei Drittel aller Ressourcen und
verursachen vier Fünftel aller Schadstoffe und
Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche
Zwickmühle - die Weltbevölkerung wächst in einem
Tempo, mit dem nur unsere zunehmende Fähigkeit
zum Verbrauch von Ressourcen und der Produktion

Seite 3

�von Müll Schritt halten oder es übertreffen kann.
Dies ist ein absolut umweltschädlicher Kurs.
Ihre Frage wäre jetzt angebracht: "Nun, Sie wurden
alle gewählt, um den Laden zu schmeißen. Was tun
Sie dagegen?" Und die Antwort lautet: "Sehr viel."
Die Clinton-Administration hat die Herausforderung
von Wirtschaft und Umwelt angenommen - also die
Herausforderung umweltverträglicher Entwicklung.
Wir haben den ersten Teil richtig gemacht, in vieler
Hinsicht weit über das hinaus, was alle gehofft
hatten. Und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist
gut erklärt und erzählt worden. Wir arbeiten auch an
dem zweiten, die Umwelt betreffenden Teil der
Gleichung von umweltverträglicher Entwicklung, die
weniger gut verstanden, in vieler Hinsicht schwieriger, aber absolut unabdingbar ist, wenn wir unseren
Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen
wollen, die so produktiv ist oder nur annähernd so
aussieht wie die uns hinterlassene.
Die Wirtschaft ist eindeutig eine essentielle Grundlage dieser neuen Definition nationaler Sicherheit und
der vor uns liegenden Aufgaben. Aus diesem Grund
hat Präsident Clinton den Kurs für wirtschaftliche
Erneuerung in unserem Land sowie Partnerschaft
mit dem Ausland entworfen. Wie er vergangene
Woche erklärte, will er sich "kurzfristig auf globales
Wachstum konzentrieren und dann darüber nachdenken, wie die Welt im nächsten Jahrhundert
aussieht und was wir in dieser Hinsicht unternehmen
müssen".
Nach dem Ende des G-7-Gipfels in derverganoonon
Woche stellt sich die Frage, wie unsere Beziehungen
zu unseren Partnerländern in der industrialisierten
Welt (Großbritannien, Frankreich, Deutschland,
Italien, Japan und Kanada) aussehen. Die Zahlen
weisen auf eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte hin:
40 Prozent des gesamten Bruttoinlanr&lt;cor'H.jkt&lt;;
der G-7-Länder wurden in den Vereinigten Staaten produziert - im vergangenen Jahr entfielen
auf unser Land 75 Prozent r»es Wachstum«?
nahezu 100 Prozent der neugeschaffenen Ar.
beitsplätze, das Doppelte de&lt;r 'pvestifionen, e'ne
zweifache Steigerung der Exporte sowie d«r
höchste Produktivitätszuwachs.

befürwortet eindeutig einen offenen, stabilen
Weltmarkt als entscheidenden Faktor unseres
langfristigen Wohlstands und unserer nationalen
Sicherheit.
Die Tagesordnung dieser Administration ist jedoch
viel umfassender und ehrgeiziger - wir verwandeln
unsere Wirtschaftspläne und Hoffnungen in ein
umweltverträgliches Konzept, das eine würdige
Hinterlassenschaft für die Nachwelt darstellt. Im
Herbst vergangenen Jahres beschrieb der Präsident
in einer weitreichenden außenpolitischen Rede vor
der UN-Generalversammlung, wie sich die Vereinigten Staaten durch die Förderung umweltverträglichen
Wachstums für eine sichere Zukunft einsetzen. Und
vor zehn Tagen wiederholte er in einer Rede vor der
nationalen Akod orr ° rJer Wissenschaften, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums stehe auf seiner
Tagesordnung an oberster Stelle.
Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, trübt die
Bevölkerungsspirale jede Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Industriestaaten und verurteilt
jegliche umweltpolitische Anstrengung zum Scheitern.
Bevölkerung (und die 1994 in Kairo anberaumte
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung) muß
an oberster Stelle unserer Tagesordnung für umweltverträgliche Entwicklung stehen, und das ist auch der
Fall. Die Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
der internationalen Bevölkerungspolitik wurde wiederhergestellt, und wir haben an der Ausarbeitung
eines Plans für Kairo mitgewirkt, der einen Konsens
sowie einen umfassenden Ansatz für den Umgang
mit schnellen rfemoqraphischen Veränderungen ins
l eben ruft, nieder plan sieht universellen Zugang zu
Familienplanunq und Gesundheitsfürsorge für
Schwangere vor, fördert entscheidend die Ausbildung
von Mädchen und konzentriert sich auf die Reduzierung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des
Mannes, starke Familien sowie das Engagement von
Rasisnruppen " n d nichtstaatlichen Organisationen
piomentarer Bestandteil unserer Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Reci-"0 ,&lt;or P r 3 , j - •*•&gt; !?ero."ientlich wichtige
Poev/Mirt-urj &lt;iir War-S"!1 irn " o d ^^»tt'sr des Wandels.
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lahH'WinH.QrJ«?

erreicht weiden kann.
Das NAFTA wird umgesetzt, die Uruguay-Runde
wurde abgeschlossen und unsere Handelspolitik

Seite 4

-

wiegt für jede Generation die Kosten auf. Im komTionHon

Wir haben unser Haushaltsdefizit auf den zweitniedrigsten Stand gebracht und WÖBO &lt;^kommenden Jahr das niedrigste Defizit aller G-7
Staaten verzeichnen.

H.tepr

OiiQ'»i.

/'»Acpit'A DIENST

�In ähnlicher Weise ist die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge für die internationale Staatengemeinschaft eine kluge Investition, die zu relativ
niedrigen globalen Kosten getätigt werden kann. Die
Ausrottung von vier weit verbreiteten, leicht zu
verhütenden Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio - die Beseitigung von Jod- und
Vitamin A-Mangel sowie die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapie können Anfang des
kommenden Jahrhunderts erreicht werden. Eine
erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen würde
jährlich drei bis vier Millionen Menschenleben retten
und vielleicht die 20 Millionen Todesfälle unter
Kleinkindern - mit steigender Tendenz - verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden lindern und einen
bedeutenden Beitrag zur Verminderung der Belastung größerer Familien leisten.
Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist auch
eine größere Konzentration auf AIDS, da wir wissen,
daß eine Heilung zwar vielleicht erst in Jahrzehnten
gefunden wird, wir jedoch mit aggressiven Verhütungsstrategien in jenen Teilen der Welt Hilfe leisten
können, in denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig ausbreitet.
Eine dritte Priorität unserer Politik ist die Artenvielfalt
- ein breites Spektrum an Aufgaben zur Erhaltung
von Gottes Schöpfung, des biologischen Erbes, das
alles Leben enthält. Der große Reichtum genetischer Informationen ist langfristig für unsere Wirtschaft und Umwelt von entscheidender Bedeutung,
und wir müssen alles in unserer Macht Stehende zu
seinem Erhalt unternehmen. Die Clinton-Administration hat den Vertrag über die Artenvielfalt unterzeichnet, der nahezu einstimmig vom Senatsausschuß für auswärtige Beziehungen angenommen
wurde und diesen Sommer vom Plenum des Senats
ratifiziert werden sollte. Anschließend können wir
mit dem erforderlichen Elan an der ersten Konferenz
der Unterzeichnerstaaten teilnehmen, weltweite
Bestrebungen zur Erfassung, Erforschung und
dauerhaften Nutzung diesergroßartigen und großenteils unbekannten Informationsbibliothek ins Leben
zu rufen. Das kommende Jahrhundert wird mit
Sicherheit das Jahrhundert der Biologie, und wir
müssen uns für die umfassende Nutzung dieser
bemerkenswerten Chancen einsetzen, neue Nahrungsmittel, Brennstoffe, Fasern und Arzneimittel zu
entwickeln.
Die Integration umweltpolitischer und wirtschaftlicher
Imperative auf nationaler Ebene ist eine vierte vor
uns liegende Aufgabe. Die Nationen der Welt,
einschließlich der Vereinigten Staaten, können nicht
länger davon ausgehen, daß wir die Luft verschmutzen und die Ressourcen erschöpfen können, ohne
dafür einen Preis zu zahlen. Vielmehr müssen wir

AMERIKA DIENST

uns der Kosten bewußt sein und es dem Genie des
Marktes überlassen, die effektivsten Mittel für die
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele festzusetzen. Unter der Führung von Wirtschaftsminister Ron
Brown haben wir die ernste und schwierige Aufgabe
in Angriff genommen, "die Preise richtig festzusetzen", ein System für Rechenschaftspflicht zu entwickeln, das uns eine angemessene, objektive Einschätzung davon vermittelt, was in unserer Wirtschaft
tatsächlich geschieht.
An fünfter Stelle ist die Herausforderung einer Reform
unserer internationalen Institutionen zu nennen, um
umweltverträgliche Entwicklung besser fördern zu
können. Die Weltbank, der wichtigste öffentliche
Motor der Entwicklung, wird bei der Unterstützung
des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung
eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen härter daran
arbeiten, eine Veränderung der Praktiken bei der
Kreditvergabe zu ermutigen, um somit dem Versprechen nachzukommen, mehr Wert auf kleinere,
dezentralisierte Projekte zur Förderung einer alternativen Entwicklung zu legen, die Umwelt zu schützen,
die Rechte der Bevölkerung von Ort zu bewahren
und die Rolle entscheidender Bevölkerungsgruppen insbesondere der Frauen - im Entwicklungsprozeß
anzuerkennen.
Dieses Ziel institutioneller Reform ist Teil der sechsten und letzten Herausforderung - die ich als
Regierungsführung im 2 1 . Jahrhundert bezeichnen

möchte. Wir sind traditionsgemäß davon ausgegangen, daß unsere Beziehungen zu anderen Landern
wie Nabe und Speichen eines Rades sind: Wir in
Washington sind die Nabe, und die einzelnen Speichen reichen in alle Hauptstädte der Welt - nach
London, Delhi, Tokio oder Bogota. Diese traditionelle
Art des Umgangs mit unseren Angelegenheiten und
den Problemen der Welt verändert sich jetzt, während
wir uns auf umfassendere, kooperative internationale
Bündnisse und Organisationen zubewegen, bis zum
schnell wachsenden Netz privater, nichtstaatlicher,
freiwilliger Organisationen. Ich möchte das gerne
näher erläutern.
In dieser Zeit nach dem Kalten Krieg machen unsere
Probleme nicht vor traditionellen Grenzen halt. Die
weltweite Klimaveränderung, die Zerstörung der
Ozonschicht, die Artenvielfalt, Flüchtlinge, Drogen all diese Fragen sind zu Anliegen geworden, die eine
Herausforderung für uns alle darstellen und im
Rahmen stärkerer, multilateraler, kooperativer Organisationen behandelt werden müssen.
Präsident
Clinton hat in der vergangenen Woche mit unseren
Partnern in der G-7 die Frage aufgeworfen, ob es
nicht an der Zeit sei, unsere internationalen Institutionen erneut zu prüfen, damit sie den Aufgaben des
21. Jahrhunderts gewachsen sind. Das wird nicht

Seite 5

�einfach sein. Mauern können innerhalb eines Tages
niedergerissen werden. Das Bewußtsein des einzelnen zu verändern und unter Institutionen den Sinn
für eine gemeinsame Sache zu wecken, ist viel
schwieriger. Wir haben jedoch einen reichen, wenn
auch komplizierten Rahmen, auf dem wir aufbauen.
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDP, der Bevölkerungsfonds UNFPA, das WeltKinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtskommission - alle kreativ und fähig - müssen sich gemeinsam hinter allgemeine Themen stellen und ein
gemeinsames Zielbewußtsein entwickeln. Meines
Erachtens wird dieses Ziel im 21. Jahrhundert in
umweltverträglicher Entwicklung bestehen.
Diese Ideen werden von dem von der Administration
eingesetzten Team zur Verbesserung der Effizienz
von Entwicklungsprioritäten für die Vereinigten
Staaten und die Welt nicht nur unterstützt, sondern
verfochten. Dies ist die Herausforderung für die
Abteilung für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium und entsprechende Teams im Nationalen Sicherheitsrat und den Nachrichtendiensten. Es
ist die von Brian Atwood übernommene, wenig beneidenswerte und oftmals undankbare Aufgabe, das
Konzept umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren - den umfassenden Zugang der Menschen zu
den wirtschaftlichen, umweltpolitischen und politischen EntScheidungsprozessen in ihrem Land zu
fördern. Das ist die Aufgabe von Gus Speth beim
UNDP, der sich um die Verbesserung der Koordinierung der UNO im Bereich umweltverträglicher
Entwicklung und ihre Konzentration darauf bemüht,
wodurch die abstrakten Ziele umweltverträglicher
Entwicklung in Beziehung zu den Menschen und
ihrem Leben gebracht werden.
Die Herausforderung der Regierungsführung geht
weiter in Richtung Basis, zu der großen Masse der
Menschen, die sich weltweit organisieren, um ihr
Leben mitbestimmen zu können, und die schon
lange vor ihrer Regierung die HerauotoTderiing
umweltverträglicher Entwicklung erkannten. Der
phänomenale Anstieg nichtstaatlicher Organisationen
weltweit ist eine der herausragenden Charakteristika
unserer Zeit. Die OECD z£Me 1990 in ihren 2^
Mitgliedstaaten mehr als 2.500 nicttst;ieiliehe
Organisationen, im Vergleich zu 1.6CU ver einem
Jahrzehnt. Das ist jedoch gar nichts verdienen mit
den NGOs in den Entwicklungsländern. Roger
Ridden vom Institut für Entwicklung in Übersee
behauptet, in einem Staat Indiens. Tarrii Nadu
existierten mehr als 25.000 BasisorgariN
Die Helden des Erdgipfels von Hin war«n nich
Staatschefs, sondern die Agenda IM oe'inioren^en
und vorantreibenden NGOs. FrauengruDoen aus der
ganzen Welt spielten eine führende ROUP nai def

Seite 6

Organisation und Festsetzung der Tagesordnung der
jüngsten UN-Menschenrechtskonferenz in Wien; sie
retteten die Verpflichtung der UNO zur Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte. Die Vorbereitungen
für Kairo haben diese vorherigen Normen nicht nur
verstärkt, sondern übertroffen. Unsere Herausforderung besteht darin, das Feingefühl, die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität dieser Basisgruppen zur
Mitarbeit zu gewinnen und einzusetzen - eine neue
und äußerst vielversprechende Herausforderung für
die vermeintlich Regierenden.
Die Dynamik der Clinton-Administration und unter den
Bürgern reflektiert insgesamt die Einsicht, daß die
Sicherheit unserer Nation von mehr abhängt als nur
militärischer Macht und unsere Sicherheit eng mit
dem Wohlergehen unserer Nachbarn verknüpft ist.
Politische Grenzen sind durchlässig, Umweltzerstörung und Krankheiten machen nicht vor nationalen
Grenzen halt. Und durch die zunehmend globale
Wirtschaft sind die uns verknüpfenden Bande noch
enger geworden.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden.
Sicherheit des einzelnen fußt auf der Grundlage von
Frieden, politischer Stabilität, physischer Gesundheit
und wirtschaftlichem Wohlergehen. Die Hauptgefahr
für die Sicherheit des einzelnen ist vielleicht nicht so
einfach zu erkennen wie beispielsweise das Atomwaffenarsenal eines Feindes, ist jedoch nicht weniger
tödlich.
Diese Gefahren sind Resultat äußerster Armut, unter
der eine Milliarde der Weltbevölkerung leidet, des
Hungers, der 800 Millionen Männer, Frauen und
Kinder quält, der Verbreitung von HIV/AIDS, mit dem
sich bis zum Jahr 2000 30-40 Millionen Menschen
infiziert haben werden, der Kombination von Gewalt,
Armut und Urnweltzerstörung, die 20 Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Hier in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen
Welt verstenen wir in zunehmendem Maße die enge
Verbindung zwischen Armut, Umwelt, Wirtschaft und
Sicherheit. Diese historische Umwandlung erfordert,
daß wir uns selbst befreien - von überkommener
Politik veralteten Annahmen, starren Überzeugunaen, aie geste n noch trennende und charakteristische Linien unserer Politik zu sein schienen.
Krisenverhütung und umweltverträgliche Entwicklung
Gehören in den letzten janres Dieses und im Kommenden Jahrhundert zu den größten Herausforderungen Die Zeit ist gekommen, unseren Ansatz im
bereicn dei natic naien Siel erneit umzugestalten - in
der Erkenntnis, daß unsere wirtschaftliche und
imTAeitpoi. cns LUK-J. ft « \ una 3as:;&amp;'be sind.

AMERIKA DIENST

�Genau diese Herausforderungen werden die Zukunft
bestimmen, die wir unseren Kindern und Enkeln
hinterlassen.
Uns bleibt keine Wahl. Zum Abschluß bitte ich Sie,
sich folgendes Szenarium vorzustellen: Ein Mann
steht auf dem Fenstersims eines Hochhauses, und
Sie werden gebeten, ihn dazu zu überreden, nicht
hinunterzuspringen.

men, die Welt davon zu überzeugen, sich selbst
nicht schwer zu verletzen. Einige werden die Bedrohung bagatellisieren oder sagen, wir verfügten
derzeit nicht über genug Wissen, um zu handeln.
Andere, einschließlich vieler hier Anwesender, haben
bemerkt, daß der Mann auf dem Fensterbrett ein Seil
um sein Fußgelenk gebunden hat. Das andere Ende
des Seils ist an uns gebunden, und wenn er fällt,
fallen wir alle zusammen.

Genau dort stehen wir heute. Die Vereinigten
Staaten müssen die Führungsrolle dabei überneh-

* * * * *

AMERIKA DIENST

Seite 7

�BEVÖLKERUNG

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994
WASHINGTON - (AD) - Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen über die Weltbevölkerung zufolge sollten
die Frauen weltweit mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten, insbesondere die Entscheidungsgewalt
über die Größe der eigenen Familie.
Eine solche "Ausstattung der Frauen und Männer mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht" ist dem
Weltbevölkerungsbericht 1994 zufolge der "Schlüssel für soziale Entwicklung ... am Ende des 20. Jahrhunderts
und in den Jahren danach".
Der am 17. August 1994 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht weist auf "die zunehmende
Selbstbestimmung der Frauen über die Regulierung ihrer Fruchtbarkeit" hin.
"Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten
der Kinder ist ein Menschenrecht", wird in dem Bericht festgestellt. "Die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit
ist in allen gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg
geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zum Weltbevölkerungsbericht 1994 der Vereinten Nationen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

Eine Frage der Entscheidungsfreiheit
Der Schlüssel für soziale Entwicklung einschließlich
der Lösung des Bevölkerungsproblems liegt am
Ende des 20. Jahrhunderts und in den Jahren
danach in einer Ausstattung der Frauen und Männer
mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht sowie in
einer Befähigung der Familien und lokalen Gemeinwesen zu eigenem Handeln. In immer stärkerem
Maße zeigt sich heute, daß ein freier und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsversorgung,
Familienplanung und Bildung nicht allein als solcher
wünschenswert ist. Er ist auch ein praktischer
Beitrag zur Verwirklichung weiterer Ziele, zu denen
auch der Umweltschutz und die wirtschaftliche
Entwicklung gehören.

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In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine
besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger
als auch ihr potentieller zukünftiger Beitrag zur
menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die
Unsichtbarkeit der Individualität der Frau - im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter - wird
vielleicht schon bald beendet sein.
Von grundlegender Bedeutung für die hier angesprochene veränderte Problemwahrnehmung ist die
zunehmende Selbstbestimmung der Frauen über die
Regulierung ihrer Fruchtbarkeit. Handlungsfreiheit in
diesem Bereich verbessert den Gesundheitszustand
der Frauen und eröffnet ihnen Alternativen in bezug
auf ihre Bildung, ihren Familienstand, ihre Beschäftigung, ihre Wohnverhältnisse und eine mögliche
Entscheidung zur Migration. Diese Handlungsfreiheit
in bezug auf die persönliche Entwicklung birgt Ent-

Seite 1

�Wicklungsmöglichkeiten auch für die Gemeinwesen,
in denen die Frauen leben.
Persönliche Entscheidungsfreiheit und gemeinsame Verantwortung
Die persönliche Entscheidung über die Größe der
eigenen Familie und die Abstände zwischen den
Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht. Die
Erweiterung der Entscheidungsfreiheit ist in allen
gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben.
Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus
dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner
und das Bevölkerungswachstum langsamer sein.
Der Verhütung kann, so wird geschätzt, die Hälfte
des Rückgangs der Fertilität zugeschrieben werden.
Die freie Entscheidung des einzelnen in der Frage
der Größe seiner Familie könnte das Bevölkerungswachstum so weit verlangsamen, daß ein anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum wahrscheinlicher würde. Ein solcher Prozeß kann heute
überall in der Dritten Welt - am besten jedoch in den
sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften Asiens beobachtet werden.
Für die komplexe Problematik von Armut, Arbeitslosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Wasser und
Energie, übersteigertem Konsum, von Umweltschäden und sozialer Desintegration gibt es keine einfache Lösung. Sowohl die nationalen Regierungen
als auch die internationale Gemeinschaft müssen die
Probleme der Regierungskontrolle und der nationalen Institutionen ebenso angehen wie die externen
Faktoren Verschuldung, Handel, Technologieproblematik und internationale Finanzmittel, die für Entwicklung zur Verfügung stehen.
Ein langsameres Bevölkerungswachstum zu Beginn
des nächsten Jahrhunderts wird jedoch zur Entlastung in all diesen Bereichen führen. Es wird dann
Zeit gewonnen, und es können Lösungen gefunden
werden. In der Übergangsphase zu einer niedrigeren Fertilität kann schon ein Zeitgewinn von zehn
Jahren bemerkenswerte Auswirkungen auf die
Lebensqualität in den betreffenden Ländern haben,
wenn dort zum Beispiel Bildungsangebote gemacht,
qualifizierte Gesundheitsversorgung bereitgestellt
und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wachstum und Verteilung der Bevölkerung
Zur Mitte des Jahres 1994 zählt die Weltbevölkerung
5,66 Milliarden Menschen. Im Jahr 1998 werden es

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sechs Milliarden sein. Obwohl die Fertilitätsziffern
generell rückläufig sind, wächst die Weltbevölkerung
jährlich weiterhin um 94 Millionen. Dies ist der
höchste Zuwachs, den es jemals gegeben hat. Nach
dem Jahr 1997 werden die jährlichen Zuwächse
zurückgehen, um dann im Jahr 2020 85 Millionen zu
erreichen. Das Wachstum wird nahezu vollständig
auf Asien, Afrika und Lateinamerika und zu mehr als
der Hälfte davon wiederum auf Südasien und Afrika
entfallen, wo sich viele der ärmsten Länder der Welt
befinden.
Die neuesten Prognosen der Vereinten Nationen
sagen für das Jahr 2025 eine Weltbevölkerung von
8,5 Milliarden und für das Jahr 2050 von 10 Milliarden voraus. Diese langfristigen Prognosen gehen
von der Annahme einer weiterhin zurückgehenden
Fertilität aus. Trifft diese Annahme nicht zu, wird sich
das Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des
kommenden Jahrhunderts vermutlich erheblich
rascher vollziehen. Im Jahr 2025 wird dann eine Zahl
von 12,5 Milliarden erreicht sein. Der Unterschied
zwischen der hohen und der mittleren Prognosevariante beträgt 2,5 Milliarden, was der gesamten
Weltbevölkerung des Jahres 1950 entspricht.
Das Bevölkerungswachstum könnte jedoch auch
langsamer sein. Die niedrige Prognosevariante setzt
einen rascheren Rückgang der Fertilität voraus und
berechnet eine Bevölkerung von 7,8 Milliarden für
das Jahr 2050. Der Unterschied zwischen dem
mittleren und dem niedrigen Prognoseszenario liegt,
bezogen auf das Jahr 2050, bei 2,2 Milliarden.
Mit einer Rate von 2,9 Prozent pro Jahr hat Afrika die
am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.
Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas sind
jeweils um 1,8 Prozent, diejenige Nordamerikas um
rund 1,1 Prozent und die der früheren UdSSR um 0,5
pro Jahr gewachsen. Mit 0,3 Prozent lag die Wachstumsrate in Europa am niedrigsten. Die genannten
Wachstumsraten erklären die Verschiebungen in der
regionalen Verteilung der Weltbevölkerung seit den
fünfziger Jahren, als 55 Prozent in Asien, 16 Prozent
in Europa und 9 Prozent in Afrika lebten. Im Jahr
1993 lag der Anteil Asiens bei 60 Prozent, während
Afrika Europa vom zweiten Platz der Liste verdrängt
hatte. Die genannten Trends werden vermutlich bis
zum Jahr 2015 anhalten, wenn für Afrika 19 Prozent
und für Europa 6 Prozent der Weltbevölkerung
erwartet werden.
Diese Verschiebungen werden in allen Ländern
bedeutsame Auswirkungen auf die Politik nach sich
ziehen. Sie verändern die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse sowie den Bedarf an Wohnungsbau,
Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Dienstleistungen. Besonders aber werden sie Auswirkun-

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�gen auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitskräfte
haben. Schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen
werden zwischen den Jahren 1995 und 2020 zusätzlich auf die Arbeitsmärkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas drängen. Danach wird der Bedarf an
Arbeitsplätzen zurückgehen. In den heutigen Industrieländern dagegen wird der Anteil der Menschen,
die älter als 65 Jahre sind, stetig von 12,7 Prozent
auf 18,4 Prozent im Jahr 2025 ansteigen.
Migration
Innerhalb der einzelnen Länder erhöht die Abwanderung in die städtischen Zentren dort den Bedarf an
Wohnraum, Wasser, sanitärer Infrastruktur, Energie,
Gesundheitsversorgung, sozialen Dienstleistungen
und Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung
wird zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte der
Weltbevölkerung stellen. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Zahl der Städte in den Entwicklungsländern mit
mehr als einer Million Einwohner von heute 125 auf
300 gestiegen sein.
Im Jahr 1994 leben mehr als 125 Millionen Menschen - zum Teil freiwillig, zum Teil als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes. Der demographische
Druck, der zur grenzüberschreitenden Migration
beiträgt, - so wurde im letzten Jahr an dieser Stelle
berichtet - verstärkt sich weiterhin. Rund eine Million
Menschen verlassen jährlich ihre Heimat, um in ein
anderes Land zu gehen. Die grenzüberschreitende
Migration ist damit statistisch weit weniger gewichtig
als die Migration in die Städte innerhalb der einzelnen Länder. Dennoch zieht die grenzüberschreitende Migration soziale und wirtschaftliche Folgen nach
sich, die in einem deutlichen Mißverhältnis zu der
relativ geringen Zahl der Migranten stehen.
AIDS
Obwohl genaue Angaben nur schwierig zu erhalten
sind, wurde die Zahl aller Fälle von AIDS auf der
Welt für den Beginn des Jahres 1992 auf 2,7 Millionen geschätzt. 90 Prozent der Betroffenen waren
bereits gestorben. Die weltweite Verbreitung von
HIV-Infektionen - die von AIDS-Fällen zu unterscheiden sind - ist noch weitaus dramatischer. Es
wird geschätzt, daß heute zwischen 14 Millionen und
18 Millionen Erwachsene mit HIV infiziert sind. Dies
sind annähernd doppelt so viele wie im Jahr 1990,
als 9 Millionen HIV-Infektionen geschätzt wurden,
und die Verbreitung der HIV- bzw. AIDS-Seuche
verlangsamt sich keineswegs. Trotz erheblicher
Anstrengungen der AIDS-Vorbeugung weltweit gibt
es bislang nur wenige Anzeichen, daß die Politiken
und Programme zur Eindämmung der HIV-Infektionen einen spürbaren Einfluß gehabt hätten. Im Jahr
2000 werden wahrscheinlich 3,3 Prozent der auf der

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Welt verzeichneten Krankheitsfälle auf AIDS entfallen.
Mit 1,8 Millionen werden dann fast genauso viele
Menschen jährlich an AIDS sterben wie während der
ersten zehn Jahre seit Ausbruch der Epidemie
insgesamt.
Fälle von AIDS sind bisher aus 164 Ländern und
HIV-Infektionen aus praktisch allen Staaten und
Regionen der Welt mitgeteilt worden. Die Verbreitung von HIV ist eine alarmierende und sehr komplexe Erscheinung. Die weltweite Epidemie ist als
Summe tausender einzelner Epidemien, die auf der
ganzen Welt vorkommen, beschrieben worden.
Keine Region der Welt ist davon verschont geblieben,
wobei annähernd 15 Prozent aller HlV-Infizierten in
Nordamerika und im westlichen Teil Europas leben.
Zu Beginn des Jahres 1992 lag der Anteil der Lateinamerikaner unter den HlV-Infizierten bei mehr als 8
Prozent und derjenige der Südostasiaten bei 5
Prozent. Mehr als 68 Prozent aller kumulierten Fälle
von HIV bei Erwachsenen und Kindern entfallen - so
wird angenommen - auf Afrika südlich der Sahara.
Die sozio-ökonomischen Folgen von HIV in Afrika
werden sehr deutlich, wenn allein die Fälle der
erwachsenen HlV-Infizierten dort betrachtet werden.
In Afrika südlich der Sahara leben weniger als 9
Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, jedoch
66 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Erwachsenen. Viele von diesen Menschen befinden sich in
ihrer produktivsten Lebensphase.
Vorhersagen über den Einfluß von HIV bzw. AIDS auf
das Bevölkerungswachstum werden durch die Unsicherheiten erschwert, die den Daten über die HIVSeroprävalenz (Zahl der HIV-Positiven in einer Population oder Stichprobe, Red.) anhaften. Die meisten
Untersuchungen der Seroprävalenz basieren auf
kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben, die in gut
erreichbaren Gebieten genommen werden. Derzeit
wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten
Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der
einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für
solche Länder, in denen die HlV-Infektionsraten hoch
sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und
in großen Städten einiger Länder - insbesondere
Afrikas - wird sich als Folge der Krankheit vermutlich
ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen.
Wenn AIDS auch möglicherweise nur geringe Auswirkungen auf die Größe der Weltbevölkerung hat, so
gibt es doch keine Zweifel, daß die Epidemie in den
am härtesten betroffenen Gemeinwesen, Regionen
und Ländern auf Jahre hinaus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Diese werden sich in der
Gesundheitsversorgung, im sozialen Bereich und in
der Wirtschaft manifestieren. AIDS wird in diesen
Gebieten tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur hervorrufen. Die betroffenen Gesellschaften

Seite 3

�werden Erwachsene im jungen und mittleren Alter
verlieren, und eine wachsende Zahl von Kindern
wird zu Waisen werden. Die erhöhte Mortalität in
den jüngeren Altersgruppen deutet auch auf eine
Senkung der Lebenserwartung hin und gefährdet die
wirtschaftliche Entwicklung.
Wirtschaftswachstum und Armut
In den Entwicklungsländern hat die Rate des Wirtschaftswachstums zu Beginn der neunziger Jahre
über dem Niveau der achtziger Jahre gelegen.
Besondere Fortschritte in dieser Hinsicht machten
jeweils Teile Asiens und Lateinamerikas. Als Folge
der Bemühungen um Entwicklung ist in den Entwicklungsländern der Anteil der in absoluter Armut
lebenden Menschen zurückgegangen. In den 55
ärmsten Ländern sind in den vergangenen 25
Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden.
Die Lebenserwartung erhöhte sich hier von 53 auf
62 Jahre, und die Säuglingssterblichkeit ging von
110 auf 73 je 1000 Geburten zurück. Der Anteil der
an eine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung angeschlossenen Bevölkerung konnte von
33 auf 68 Prozent gesteigert werden.
Als Folge des Bevölkerungswachstums steigt die
Zahl der Armen jedoch weiter an. Rund 1,1 Milliarden Menschen - dies sind 30 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer - leben von rund einem
US-Dollar pro Tag. Obwohl die größte Zunahme an
Armut in Afrika zu verzeichnen war, leben mit einem
Anteil von 62 Prozent die meisten Armen der Welt in
Südasien. In der Vergangenheit lebten 75 Prozent
der Armen in den ländlichen Gebieten. Dieser Trend
kehrt sich jedoch mit der zunehmenden Slumbildung
und immer neuen wilden Ansiedlungen in den Städten um. Bemerkenswerte 54 Prozent des weltweiten
Bevölkerungswachstums entfallen auf Afrika und
Südasien.
Jene Länder, deren Versuche zur Verminderung der
Zahl der Armen und ihres Anteils an der jeweiligen
Bevölkerung erfolgreich waren, haben nicht nur ein
anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
mit Investitionen in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt. Sie haben
auch Wert auf die menschliche Entwicklung gelegt,
indem sie sich insbesondere in den Bereichen der
Bildung und der reproduktiven Gesundheitsversorgung engagierten und die Stellung der Frau
stärkten.
Bevölkerung und Umwelt
Das Wachstum und die räumliche Konzentration der
Weltbevölkerung stehen in engem Zusammenhang
mit dem lokalen und globalen Zustand der Umwelt.

Seite 4

So interagiert das Bevölkerungswachstum mit dem
Verbrauch und der Bereitstellung der natürlichen einschließlich der erneuerbaren - Ressourcen, mit der
Bevölkerungsverteilung sowie dem Druck, den die
Bevölkerungen auf ihre jeweilige Umwelt ausüben.
Der auf der Konferenz der Vereinten Nationen über
Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 verabschiedete Aktionsplan, die Agenda 21, sowie vorläufige Einschätzungen, die der Internationalen Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 vorliegen werden,
reflektieren die Komplexität dieser Zusammenhänge.
Eine direkte Verbindung besteht jeweils zwischen
wachsenden Bevölkerungen und dem Städtewachstum, zwischen der steigenden Nachfrage nach
Wasser und der Abwasserhygiene, zwischen Energie
und Landreserven sowie zwischen der zunehmenden
Luftverschmutzung und der ebenso zunehmenden
Bedrohung der natürlichen Ökosysteme bzw. der
Lebensräume wildlebender Tiere. Dem auf diese
Weise entstehenden Druck sind sowohl die Industrieais auch die Entwicklungsländer ausgesetzt. In den
Entwicklungsländern sind es das rasche Bevölkerungswachstum und die Armut, in den Industrieländern der massive Ressourcenverbrauch und die
Müllberge, die die Lage zusätzlich zuspitzen.
Veränderungen der Umwelt werden von den drei Einflußgrößen Bevölkerung, Konsumniveau und technologischer Entwicklungsstand bestimmt. Im Faktor
Konsumniveau kommt der Ressourcenverbrauch zum
Ausdruck. Der technologische Entwicklungsstand bestimmt die Menge der Ressourcen, die zur Herstellung einer Produkteinheit notwendig ist, sowie die
Abfallmenge, die nach dem Konsum in die Umwelt
gelangt. Bei einem gegebenen technologischen
Entwicklungsstand und einem ebenfalls gegebenen
Konsumniveau ist der Faktor Bevölkerung der Multiplikator, der das Ausmaß der Umweltveränderungen
bestimmt. Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das
Maß der Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß
auf die Umwelt.
Umweltprobleme machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Gelangt beispielsweise Methan oder
Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung
der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die
Industrieländer nach wie vor den größten Anteil
dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil
der Entwicklungsländer an dieser Art der Umweltverschmutzung bei steigenden Bevölkerungszahlen und
steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch
in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich
zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.

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�Die Zerstörung der tropischen Wälder - beim kommerziellen Holzeinschlag, bei Rodungen für die
landwirtschaftliche Nutzung der Flächen oder zur
Gewinnung von Brennholz - schreitet unvermindert
rasch voran. In neun tropischen Ländern, u.a. in
Brasilien, Myanmar (früher: Birma, Red.) und Indien,
nahm die Abholzung während der achtziger Jahre
um 50 Prozent zu und erreichte einen Jahresdurchschnitt von annähernd 17 Millionen Hektar.
Die Ausbreitung der Wüsten und die Bodenzerstörung werden in allen Gebieten beobachtet. Es ist
ein Teufelskreis entstanden, in dem Bevölkerungswachstum, Armut und die Beibehaltung herkömmlicher Technologien zur Verkleinerung der Wirtschaftsflächen und zu weiterem Bevölkerungswachstum führen. Das primäre Agens der Zerstörung ist
in der Nutzung von Grenzertragsflächen und im
Kahlschlag der Wälder zur Urbarmachung der
gerodeten Flächen zu sehen. Diese Nutzungen
resultierten in einer Zurückdrängung des tropischen
Waldes von 16 Millionen qkm zu Beginn dieses
Jahrhunderts auf rund 8 Millionen qkm im Jahr 1990.
In der Folge der Waldzerstörung kommt es zur
Bodendegradation sowie zu einer Verschlechterung
der Wasserversorgung und der Ernten. Dies wiederum stellt eine unheilvolle Entwicklung für die auf dem
Lande lebenden Familien dar.
Die Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung und
Wohnen
Wasser
Die Versorgung mit hygienisch unbedenklichem
Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit
einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Epidemien wie der Cholera sowie mit der
Kindersterblichkeit. Bis zum Jahr 1990 ist es gelungen, 75 Prozent der Weltbevölkerung mit hygienisch
unbedenklichem Trinkwasser zu versorgen und 71
Prozent an die Abwasserbehandlung anzuschließen.
Unterschiede bestehen jedoch weiterhin zwischen
den städtischen Zentren und den ländlichen Gebieten.
Während des letzten Jahrzehnts lag der
Schwerpunkt bei Neuanschlüssen an eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser eher auf
den ländlichen Gebieten denn auf den Städten.
Auch wurde mehr Augenmerk auf die Verbesserung
der Wasserversorgung als auf den Neubau von
Anlagen der Abwasserbehandlung gelegt. Dies gilt
sowohl für die Städte als auch für die ländlichen
Gebiete. Die Entwicklung der städtischen Infrastruktur hinkt in den meisten Entwicklungsländern weit
hinter dem Städtewachstum her. Zwischen 1990
und dem Jahr 2000 - so die Prognosen - wird die
Zahl der Menschen, die kein gesundheitlich unbedenkliches Wasser bekommen, erneut ansteigen.

AMERIKA DIENST

69 Prozent des Weltverbrauchs an Wasser geht auf
das Konto der Landwirtschaft. In einigen Ländern,
wie beispielsweise Afghanistan oder Sudan mit ihren
überwiegend ländlichen Bevölkerungen, kann dieser
Anteil jedoch bis zu 99 Prozent ausmachen. Im Jahr
1990 wurden 250 Millionen Hektar (620 Millionen
Morgen) Land im Bewässerungsfeldbau bewirtschaftet. Sie lieferten ein Drittel des Ernteertrags der Welt.
Zwischen 1950 und 1990 wuchs die bewässerte
landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Welt bei
wachsenden Bevölkerungszahlen und steigendem
Konsum pro Kopf um mehr als 100 Prozent. Die
Industrieländer benutzen den Großteil ihres Wassers
für industrielle und kommerzielle Zwecke. In einigen
Ländern, die sich auf der Schwelle zum Industrieland
befinden, steigt die Nachfrage nach Wasser mit
dieser Zweckbestimmung, obwohl ihre im ländlichen
Raum lebenden sowie ihre im landwirtschaftlichen
Sektor tätigen Bevölkerungen zur gleichen Zeit
wachsen.
Eine zunehmende Zahl von sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländern haben die Grenzen einer
nachhaltigen Nutzung ihrer eigenen erneuerbaren
Wasserreserven erreicht oder nähern sich diesen an.
Konkurrenz um die Wasservorräte wird zunehmend
als Ursache interner und internationaler Spannungen
wahrgenommen.
Nahrungsmittelversorgung
Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und
damit schneller als das Bevölkerungswachstum,
gestiegen. Diese Steigerung war jedoch räumlich
nicht gleichmäßig über die Welt verteilt: In Afrika
sank die Lebensmittelproduktion sogar um 5 Prozent,
während dort die Bevölkerung um 34 Prozent wuchs.
Die Weltproduktion an Getreide sank - nach Angaben
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen, (FAO) - im Jahr 1993 um 4
Prozent. Für das Jahr 1994 hat die FAO für 20
Länder die Möglichkeit ernster Lebensmittelknappheit
vorhergesagt. Bis zu 780 Millionen Menschen sind in
den Entwicklungsländern unterernährt.
Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es
keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt und daß es bei einer gerechten Verteilung
möglich sein müßte, auf absehbare Zeit die gesamte
Nachfrage zu decken. Nicht so sehr ein Mangel an
Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird
denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw.
Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die
trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national
und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen
Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und

Seite 5

�Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste
von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen.
Als Gegenmaßnahme schlägt die FAO hier eine umfassende Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors
vor. Nach wie vor sind in vielen Entwicklungsländern die meisten Arbeitskräfte in diesem Sektor
beschäftigt.
Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung
der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung
stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt.
Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter
Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung,
stellt einen wichtigen Schritt dar.
Wohnen
Die Notwendigkeit zur Bereitstellung ausreichenden
Wohnraums wächst mit steigenden Bevölkerungszahlen. Dies gilt insbesondere angesichts der
zunehmenden Urbanisierung sowie abnehmender
Landreserven, knapperer Baugelder und einer
geringeren Zahl neu fertiggestellter Wohnungen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Entwick-

lungsländer wird zum Ende des Jahrhunderts in den
Städten leben. Ein derartiges Wachstum überfordert
deren Möglichkeiten, Wohnraum und Dienstleistungen für alle Neuankömmlinge bereitzustellen. Besonders schwierig ist die Wohnungssuche in einigen
Ländern für weibliche Haushaltsvorstände. Dort
verbieten mitunter Gesetze den Frauen den Besitz
von Grundeigentum oder auch nur die Anmietung
einer Wohnung. Frauen dürfen in manchen Ländern
die notwendigen Kredite nicht aufnehmen, oder sie
werden nicht auf Wartelisten für Wohnungen aufgenommen. Diese Frauen und ihre Kinder sind gezwungen zu leben, wo immer es ihnen möglich ist.
Sie belegen den armseligsten Wohnraum und werden
leicht Opfer von Ausbeutung und Mißhandlung.
Die Mittel, die zur Linderung der Armut beitragen können, die die Lebensmittelversorgung verbessern, die
Unter- bzw. Fehlernährung beenden und zu einer
ausreichenden Wohnraumversorgung führen können,
sind die gleichen, die ein ausgeglicheneres Bevölkerungswachstum ermöglichen können. Mehr Beachtung ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsproblematik zu schenken. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen - insbesondere der Frau - muß
erweitert und die Chancengleichheit der Geschlechter
von Geburt an gewährleistet werden.

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�BEVÖLKERUNG

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gibt es zum ersten Mal seit 20
Jahren umfassende Einigung über eine Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion.
"Ich sehe kein Nord-Süd-Gefälle in den neunziger
Jahren", erklärte Sally Shelton, Stellvertretende
Leiterin für globale Programme beim Amt für internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID), bei einer Pressekonferenz am
19. August 1994.
Shelton räumte jedoch ein, bei der im September in
Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung werde es sicherlich einige Meinungsverschiedenheiten geben. Sie verwies insbesondere
auf Differenzen mit der römisch-katholischen Kirche
und vielleicht einigen muslimischen Kirchenvertretern
über Fragen wie die Rechte und Pflichten von
Familien und Einzelpersonen bei Geburtenkontrolle
und Schwangerschaftsabbruch.
Selbst katholische Länder wie Mexiko, Brasilien und
Kolumbien hätten effektive Programme zur Bevölkerungskontrolle verabschiedet, so Shelton. Auch
muslimische Länder wie Indonesien, Bangladesch
und Tunesien hätten Schritte unternommen.
Vor einer Generation hätten nur eine Handvoll
Länder Familienplanungsprogramme eingeführt und
jetzt seien es über 100, erläuterte Shelton. Studien
belegten, daß ungefähr 120 Millionen Männer und
Frauen auf der ganzen Welt lieber die Größe ihrer
Familie planen würden, aber keine Beratung erhalten.
In etwa 170 Ländern sei Schwangerschaftsabbruch
gestattet, manchmal nur in bestimmten Fällen,
manchmal großzügig gehandhabt, äußerte Shelton.
"Die Nachfrage nach Zugang zu Familienplanung
durch Männer und Frauen auf der ganzen Welt und

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die Nachfrage nach einer besseren Lebensqualität...
ist überwältigend. Sie reicht von der Basis bis zu
allen Schichten der Gesellschaft."
Shelton stellte fest, sie sei daher optimistisch, daß die
Kairoer Konferenz einen Konsens über konkrete
Programme erzielen wird, die jedes Land zur Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion einführen
könnte.
Nils Daulaire, politischer Berater für Bevölkerung und
Gesundheit beim AID, erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten den von der 12 Nationen umfassenden Europäischen Union - zu deren Mitgliedern die
katholische, eher traditionelle Gesellschaft Irlands und
auch die liberalen Niederlande zählen - unterbreiteten
Kompromißvorschlag zur Sprachregelung, um die
Schwierigkeiten zwischen dem Vatikan und dem
Großteil der Industrie- und Entwicklungsländer zu
überwinden.
Die Sprachregelung stellt in dem Kapitel über reproduktive Gesundheit eindeutig klar, daß jede bei
der Kairoer Konferenz veröffentlichte Erklärung keine
neuen Rechte für Familien oder Einzelpersonen
festsetzen wird, äußerte Daulaire in einem Interview
nach der Pressekonferenz.
Darüber hinaus würden alle in einer Erklärung
empfohlenen Programme den Gesetzen und Bestimmungen des Landes unterstehen, das die Vereinbarung unterzeichnet.
"Wir finden diese Sprachregelung sehr gut", bekräftigte Daulaire.
Während der Pressekonferenz verwies er darauf, daß
die Entwicklungsländer nicht die Haltung der Industrieländer geteilt hatten, die bei der ersten internationalen Bevölkerungskonferenz im Jahr 1974 die
Betonung auf eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums gelegt hatten.

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�Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre
später hatten die Entwicklungsländer das Gefühl,
nicht genug Fortschritte bei der Erweiterung ihrer
Volkswirtschaften zur Ernährung ihrer zunehmenden
Bevölkerung zu erzielen. Sie wollten die Familienplanungsprogramme verstärken, aber die 1984 in
den Vereinigten Staaten amtierende konservative
Administration lehnte diese Position ab.

"Die Differenzen sind ausgeräumt", so Daulaire. "Es
gibt keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten" zwischen den Entwicklungsländern und den
Vereinigten Staaten zum Thema Bevölkerung.

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�BEVÖLKERUNG

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz mit US AID-Vertretern
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge haben die meisten Industrie- und
Entwicklungsländer die Notwendigkeit einer Stabilisierung ihrer Bevölkerung erkannt, damit ihre Volkswirtschaften wachsen können.
Sally Shelton, Stellvertretende Leiterin für globale Programme sowie Unterstützung und Forschung vor Ort beim
Amt für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) räumte am 19. August
1994 bei einer Pressekonferenz ein, der Vatikan sowie einige römisch-katholische und muslimische Länder
widersetzten sich dem Beschluß von Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerung auf der vom 5. bis 13.
September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung.
Sie sprach die Hoffnung aus, daß die Delegierten aus über 100 Ländern die Differenzen beilegen, da ein
hohes, umweltschädigendes Bevölkerungsniveau zu Bürgerkriegen, Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden führen könne.
Nils Daulaire, hochrangiger politischer Berater für Bevölkerungs- und Gesundheitsfragen bei USAID erklärte,
im Vorfeld der Kairoer Konferenz bestünde mehr Einigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als je
zuvor bei solch umfassenden internationalen Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die bei der Pressekonferenz abgegebenen Eingangserklärungen von
Botschafterin Shelton und Dr. Daulaire.

Shelton: Die amerikanische Regierung ist der
Ansicht, daß sich die Bevölkerung als eine der
entscheidendsten Entwicklungsfragen abzeichnet,
mit denen die Welt in diesem Jahrzehnt und vielleicht in diesem Jahrhundert konfrontiert wird.
Unseres Erachtens erweist sich Erfolg oder Scheitern nationaler Entwicklung als Schlüsselfrage der
Zeit nach dem Kalten Krieg.

einen Konsens zu erzielen und ein entsprechendes
Dokument auszuarbeiten.

Bei der Kairoer Konferenz werden Vertreter staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen aus der
ganzen Welt zusammenkommen, was in diesem
Ausmaß eine einzigartige politische Maßnahme
darstellt. Die in den Bereichen Bevölkerung, reproduktive Gesundheit und Familienplanung als
Vorbereitung der Kairoer Konferenz geleistete Arbeit
ist enorm. USAID hat sich in den vergangenen 30
Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, und wir freuen
uns auf die Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer
Regierungen aus der ganzen Welt, um in Kairo

Viele von uns haben sich in den letzten Wochen mit
den tragischen Ereignissen in Ruanda, Somalia und
Haiti befaßt. Diese Geschehnisse bilden den Hintergrund der Kairoer Konferenz, denn diesen Tragödien
ist gemeinsam, daß umweltschädigendes Bevölkerungswachstum zu Konflikten innerhalb eines Landes
führt. Ferner sehen viele von uns Bevölkerungsfragen in einem größeren Kontext. Die Bevölkerung
beeinflußt die Fähigkeit der Regierungen, den Erwartungen ihrer Bürger gerecht zu werden. Sie beeinflußt entscheidend die Beschäftigungspolitik einer
Regierung und einer Gesellschaft. Sie ist ein wesent-

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Ich möchte noch betonen, daß das Thema dieser
Konferenz Bevölkerung und Entwicklung ist. Man hat
sich häufig auf die Bevölkerungsaspekte konzentriert
und meines Erachtens der Entwicklung nicht genug
Aufmerksamkeit gezollt.

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�licher Faktor für die Armut. Sie hat Auswirkungen
auf die Umwelt, die Verwaltung von Rohstoffen, die
Verschmutzung von Wasser und Luft. Sie steht in
engem Zusammenhang mit der Kindersterblichkiet.
Sie ist ein zentraler Faktor dabei, Frauen mehr
Entscheidungsgewalt zu geben.
Unserer Ansicht nach sind die auf der Tagesordnung
der Kairoer Konferenz stehenden Fragen für die
ganze Welt von Belang. Vor einigen Tagen kam ich
von einer Reise nach Indien und Indonesien zurück.
Während meiner ausführlichen Diskussionen in
diesen beiden Länderrn war ich betroffen von der
Allgemeingültigkeit der Anliegen, die meine Regierung in Kairo vorbringen wird. Die von Männern und
Frauen auf der ganzen Welt vorgetragene Forderung
nach Zugang zu Familienplanung sowie mehr
Lebensqualität im Hinblick auf Wirtschaftslage und
Umwelt ist überwältigend und reicht von der Basis
bis hinauf in alle Gesellschaftsschichten.
Ich möchte hier auch darauf hinweisen, daß sich die
Kairoer Konferenz mit einer Reihe über Bevölkerung
und Familienplanung hinausgehender Fragen
befassen wird: Der Stärkung der Familie, den
Bedürfnissen von Wanderarbeitern und Flüchtlingen,
reproduktiver Gesundheitsfürsorge für Frauen und
mit einer Frage, die meiner Meinung nach den
wichtigsten Tagesordnungspunkt darstellt - vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen. Meines
Erachtens ist es wirklich interessant zu beobachten,
wie sich in den letzten Monaten der Schwerpunkt
der Kairoer Konferenz von einer nahezu ausschließlichen Konzentration auf Familienplanung zu den viel
umfassenderen Fragen der vermehrten Entscheidungsgewalt für Frauen verlagerte, die durch diese
Erweiterung mit der Stärkung von Demokratien in
Zusammenhang stehen.
Für uns im Amt für internationale Entwicklung ist von
großer Bedeutung, der Rolle der Frau bei allen
Aspekten unserer Entwicklungsprogramme größere
Priorität einzuräumen. Aus diesem Grund ist es
unserer Überzeugung nach angemessen, daß der
Kairoer Konferenz im Herbst 1995 in Beijing eine
Konferenz über den Status der Frau folgt. Das ist
natürlich Teil einer kontinuierlichen Entwicklung Auf
der Kairoer Konferenz soll der vor 20 Jahre." zwischen den Regierungen erzielte Konsens bekräftigt
werden, daß alle Paare und Einzelpersonen in der
Lage sein sollten, frei und in eigener Verantwortung
über die Zahl ihrer Kinder und den Abstand zwischen den Geburten zu entscheiden. Ferner möchte
ich Betonung auf die Idee der Verantwortlichkeit
legen, auf die im Text der Konferenz besonderer
Wert gelegt wird. Es geht also nicht nur um die
Rechte aller Bürger, sondern auch um Pflichten.

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Wir bei USAID haben - wie bereits erwähnt - seit
mehr als 30 Jahren anderen Ländern bei der Entwicklung von Familienplanungsprogrammen geholfen,
ihren Familien mehr Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung geboten und dazu beigetragen, daß die
Nationen ihre Programme im Bereich der reproduktiven Gesundheit verbessern können. Verschiedene
Länder - Thailand, Indonesien, Kolumbien, Mexiko haben derartige Programme mit solchem Erfolg
entwickelt, daß sie jetzt praktisch unabhängig sind.
Ich war über eine einfache Tatsache erstaunt. Vor
einer Generation verfolgten nur wenige Länder eine
Bevölkerungspolitik, heute sind es mehr als 100
Staaten. Die meisten, aber nicht alle Länder der Welt
haben jetzt Maßnahmen verabschiedet, die eine
Stabilisierung der Bevölkerung als nationales Ziel
definiert. Daher sind wir der Auffassung, daß die
meisten Länder in Kairo einen beachtlichen Konsens
erzielen können. Wir hoffen, daß die nicht uneingeschränkt zustimmenden in der Lage sein werden,einige der verbleibenden Differenzen auf Verhandlungsbasis beizulegen, damit wir einen umfassenden
Konsens erreichen können.
Es bestehen noch Bedürfnisse beträchtlichen Ausmaßes, die nicht gedeckt sind. Unseren Schätzungen zufolge wünschen noch ungefähr 120 Millionen
Männer und Frauen weltweit, auch in den Vereinigten
Staaten, Zugang zu Empfängnisverhütung. Obwohl
wir schon viel unternommen haben, um den Männern
und Frauen bei der Bestimmung der Zahl ihrer Kinder
zu helfen, bleibt immer noch sehr viel zu tun.
Mit diesen kurzen Anmerkungen möchte ich meine
Ausführungen beenden und meinen Kollegen, Dr. Nils
Daulaire, vorstellen - einen Arzt mit langjähriger
Erfahrung in den Bereichen Gesundheitsfürsorge und
Familienplanung.
Daulaire: Vielen Dank, Frau Botschafterin. Besonders interessant für viele von uns im Bereich der
internationalen Entwicklung und der Gesundheit ist
die Tatsache, daß das Ergebnis von Kairo nicht nur
ein Dokument, nicht nur die Formulierung bestimmter
Prinzipien u^d Maßnahiren Ist, sondern ein konkretes
Aktionsprogramm. Und ich möchte die Tatsache
unterstreichen, daß wir hier über Aktionen sprechen.
Im gesantien SpeMruT' w&gt;. Bevölkerung und Gesundheit hat in den vergangenen 20 Jahren seit der
ersten Konferenz - der internationalen Bevölkerungskonferenz von Bukarest im Jahr 1974 - ein langer
und manchmal schwieriger Evolutionsprozeß stattgefunden.
Meines Erachtens soüte man sich im Kontext der
Besorgnis, die viele von Ihnen über die noch ausstehenden, bei deh Erörterungen der Vorkonferenz

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�nicht gelösten Fragen vernommen haben, vor Augen
führen, wie weit wir gekommen sind und wieviel
Konsens hier besteht.
Die erste internationale
Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest war von
einem enormen Gefälle zwischen Nord und Süd
gekennzeichnet. Zu jener Zeit hatte ein Großteil der
in Bukarest vertretenen Länder des Südens das
Gefühl, das Thema Bevölkerung sei zweitrangig oder vielleicht nicht nur zweitrangig, sondern sogar
unwichtig und eine Angelegenheit, die für den Westen von Bedeutung, aber im Kontext der nationalen
Entwicklung wirklich unerheblich war. 1974 war man
in dieser Frage völlig geteilter Meinung, und wie
Botschafterin Shelton festgestellt hat, bestehen diese
Meinungsverschiedenheiten nicht mehr. Im Vorfeld
von Kairo und bei den bereits geführten Verhandlungen zeichnete sich ein eindeutiger und breiter Konsens aus jedem Teil des Globus und seitens aller
betroffenen Parteien ab, daß rasches und umweltschädliches Bevölkerungswachstum ein entscheidendes Thema im Bereich der Entwicklung ist, und das
ist ein enormer Fortschritt.
Es hat 20 Jahre gedauert, sollte deswegen aber
nicht bagatellisiert werden.
Bei der Bevölkerungskonferenz in Mexiko 1984
wurden erneut große Fortschritte erzielt. Zu dieser
Zeit waren viele der Länder des Südens zu der
Schlußfolgerung gelangt, daß die Bevölkerungsfrage
in der Tat von großer Bedeutung ist. Und in mancherlei Hinsicht wendete sich das Blatt zwischen
1974 und 1984. Die Vereinigten Staaten kamen zu
der Konferenz von Mexiko mit einer äußerst aussagekräftigen politischen Tagesordnung, die in
gewisser Weise die Position von 1974 revidierte,
derzufolge Bevölkerung ein zweitrangiges Thema
verglichen mit Wirtschaftswachstum und Entwicklung
sei, und damals gab es auch eine gewisse Konfrontation zwischen Norden und Süden oder den
Vereinigten Staaten und den Entwicklungsländern.
Beeindruckend ist auch hier wiederum, daß die
Differenzen jetzt beigelegt sind und es zwischen
dem Norden und dem Süden, zwischen den Ländern
der G-77, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten über Bevölkerung und Entwicklung
keine maßgeblichen Meinungsverschiedenheiten
mehr gibt, und das ist außerordentlich erfreulich.
Dies ermöglicht ein Aktionsprogramm zum jetzigen
Zeitpunkt.
Zum Ergebnis von Kairo und zu dem im April in New
York erarbeiteten Dokumentsentwurf haben wir
bereits nahezu 90 Prozent Übereinstimmung über
die Punkte des Dokuments erzielt. Es ist sehr
ungewöhnlich, zu einer internationalen Konferenz mit
einem Dokument zu gehen, in dem 90 Prozent der

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Sprachregelungen nicht mehr eingeklammert sind.
Ich möchte also nochmals betonen, wie weit die
Dinge vorangekommen sind.
Wir haben einen klaren Konsens unter der großen
Mehrheit der Länder der Welt, daß dies ein enormer
Themenkomplex ist, der auf humane Weise angesprochen werden kann, wobei man sich nicht so sehr
auf die Frage der Kontrolle konzentriert, oder den
Menschen sagt, was zu tun ist, sondern vielmehr sie
- wie Botschafterin Shelton es formuliert hat - in die
Lage versetzt, das zu tun, was sie als ihr Eigeninteresse erkannt haben. Das ist der entscheidende
Punkt, der für mich außerordentlich aufregend war.
Ich war über 20 Jahre lang in Dörfern und Vierteln
der Dritten Welt tätig und habe Programme gesehen,
die von oben aufoktroyiert wurden, bei denen die
Regierungen sagten, Ihr müßt das tun, oder die
internationalen Geber sagten, Ihr müßt jenes tun. Sie
alle erfüllten nicht den Bedarf der Menschen. Sie
waren in gewisser Weise unverständlich. Sie erfaßten nicht, was die Menschen wollten, und infolgedessen gab es sehr häufig Diskrepanzen.
Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir eine Annäherung der Vorstellungen bezüglich dessen beobachten,
was die Menschen wollen und benötigen - die von
Botschafterin Shelton angeführten 120 Millionen
Paare auf der Welt - die jetzt Empfängnisverhütung
nur anwenden würden, wenn sie ihnen zur Verfügung
stünde, und die schätzungsweise

180

Millionen

weiteren Paare, die wahrscheinlich ebenfalls verhüten
würden, wenn sie sehen, wie ihre Freunde und
Nachbarn dies tun. Es gibt einen enormen Bedarf
und eine enorme Nachfrage auf der ganzen Welt,
und wir sind zum jetzigen Zeitpunkt in der Position,
diese Situation zu beheben.
Es wurde über einige der geäußerten Bedenken
gesprochen, die Vereinigten Staaten und der Westen
exportierten gewisse Werte und Ansätze, und meines
Erachtens muß man sich ganz klar vor Augen führen,
daß dies weder die Absicht noch die Sprachregelung
des Dokumentsentwurfs für Kairo ist. Ich möchte Sie
alle ermutigen, das Dokument zu lesen - es ist sehr
lang - und zwar Zeile für Zeile, weil es in der Tat ein
Dokument für die Familie ist, ein Dokument, das die
Bande der Gemeinde stärkt sowie den Bedarf und die
Rechte von Einzelpersonen und Paaren anerkennt.
Es ist ein Dokument mit im Konsens erzielten Sprachregelungen, das jetzt von der Europäischen Union
erarbeitet wurde und beide Seiten des Spektrums
repräsentiert, von den eher konservativen Ansichten
Irlands bis zu den progressiveren Hollands und
Dänemarks.
In der vorgeschlagenen Sprachregelung sind neue
Formulierungen enthalten, die von den Vereinigten

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�Staaten mit großem Enthusiasmus unterstützt werden, denen zufolge zum Thema reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte eindeutig klargestellt wird, daß die Formulierung und Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen, einschließlich
derjenigen im Zusammenhang mit reproduktiver
Gesundheit, das souveräne Recht jeder Nation im
Einklang mit nationalen Gesetzen und den internationalen Menschenrechtsnormen sind. Als Ergebnis von Kairo erwarten wir die Fähigkeit jedes
Landes und der Menschen jedes Landes, ihre
eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht
bestimmte Werte von außen aufoktroyieren zu
lassen, sei es von den Vereinigten Staaten oder
irgendeiner anderen Organisation mit einem bestimmten Standpunkt. Sie müssen in der Lage sein,
ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und wir
werden dann da sein, um diese Entscheidungen zu
unterstützen.

Das Amt für internationale Entwicklung ist der weltweit größte Geldgeber in den Bereichen Gesundheit
und Familienplanungsprogramme. Wir haben im
Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit eine
wichtige neue Initiative in die Wege geleitet, um diese
zu ergänzen, um den Menschen die Möglichkeiten
zur Verfügung zu stellen, die sie wirklich wollen, und
die ihnen kleinere und gesündere Familien ermöglichen und sie dazu ermutigen.
Von unserem Standpunkt und dem des Amts für
internationale Entwicklung aus ist dies eine enorme
Chance für Fortschritte in kühner und aufregender
Weise, und wir sehen ihnen erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�BEVÖLKERUNG

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen
WASHINGTON - (AD) - Nichtstaatliche Organisationen (NGOs) werden sowohl bei der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung als auch
bei den Folgetreffen eine entscheidende Rolle
spielen, erklärte eine hochrangige Vertreterin des
Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID).
"Wir legen besondere Betonung auf die Zusammenarbeit mit NGOs hier sowie den in Afrika und anderen Ländern tätigen, nicht nur, weil sie wichtige
Dienstleistungen bereitstellen, sondern weil sie
darüber hinaus Schlüsselelemente in den bürgerlichen Gesellschaften dieser Länder sind", stellte die
Stellvertretende Leiterin von USAID, Carol Lancaster, am 25. August 1994 in einer Fernsehsendung des US-Informationsamts (U.S. Information
Agency - USIA) fest.
Voraussichtlich werden Delegationen aus 180
Ländern an der von den Vereinten Nationen veranstalteten Konferenz teilnehmen, die vom 5. - 13.
September 1994 in Kairo stattfindet.
Lancaster brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, daß
die Kairoer Konferenz die Themen Familienplanung,
reproduktive Gesundheit, Ausbildung von Mädchen
und Bekämpfung der Kindersterblichkeit "gleichberechtigt auf die internationale Tagesordnung" setzen
und die Aktivitäten der NGOs ermutigen wird, diese
Themen auf der Tagesordnung der jeweiligen
Länder weiterzuverfolgen.
Lancaster ist der Überzeugung, die Aussichten für
zusätzliche Unterstützung der Geberländer zu
Planungsaktivitäten in den Bereichen Bevölkerungsund Familienplanung seien gut, unterstrich jedoch,
daß die Entwicklungsländer ihren Beitrag dazu
leisten müssen, indem sie den Programmen gegenüber aufgeschlossen sind.
An der Fernsehsendung nahm gemeinsam mit
Lancaster auch Belkis Giorgis teil, eine bei einer
nichtstaatlichen Organisation - dem Zentrum für

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Entwicklung und Bevölkerungsbelange
Spezialistin für Auswertung.

- tätige

Giorgis stellte fest, in einigen Teilen Afrikas sei der
Sozialisierungsprozeß zusammengebrochen und die
Familie übernehme nicht länger die traditionelle Rolle,
die Jugendlichen auf das Erwachsensein vorzubereiten. Infolgedessen sei ein dramatischer Anstieg an
ungewollten Schwangerschaften zu beobachten,
insbesondere unter den Heranwachsenden.
Giorgis zufolge lautet die Schlüsselfrage nicht, welche
Länder die meiste Unterstützung bei Bevölkerungsproblemen erhalten, sondern, wie Frauen größere
Entscheidungsbefugnis und die Fähigkeit verliehen
werden kann, anhand von Informationen über die
Anzahl und den zeitlichen Abstand zwischen ihren
Kindern zu entscheiden.
Giorgis erklärte, die NGOs könnten eine wichtige
Rolle bei der Veränderung der derzeitigen kulturellen
Perspektive der Eltern spielen, die glauben, die
Bereitstellung von Informationen über reproduktive
Gesundheit für Jugendliche ermutige sie, sexuell aktiv
zu sein. Genau das Gegenteil treffe zu angesichts
der hohen Zahl von Jugendlichen, die in Afrika und
anderen Ländern ungeschützten Geschlechtsverkehr
ausüben.
Sie verwies darauf, daß über 50 Prozent der Bevölkerung in den meisten Länder Afrikas südlich der
Sahara unter 15 Jahre alt sind.
Kontroversen im Vorfeld der Konferenz über die
Themen Schwangerschaftsabbruch und produktive
Gesundheitsfürsorge für Erwachsene würden von
einigen übertrieben, so Lancaster.
"Unsere Position ist ganz klar. Unseres Erachtens
sollte Schwangerschaftsabbruch sicher, legal und
selten und kein Mittel der Familienplanung sein. Wir
sollten Leistungen zur Familienplanung unterstützen,
die tatsächlich die Notwendigkeit einer Abtreibung
verhindern."

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten vertreten jedoch die Position, erläuterte Lancaster, daß die Gesundheitsprobleme der Frauen mit verpfuschten Abtreibungen
angesprochen werden müssen.
"Stümperhafte Abtreibungen, an denen pro Jahr
50.000 Frauen sterben, sind ein Zeichen, daß der

gesamte Bereich der Familienplanung verbessert
werden muß", betonte Lancaster.
Lancaster prognostiziert, daß "ein außerordentlich
hohes Maß an Konsens" unter der Mehrzahl der in
Kairo vertretenen Länder sowie unter der christlichen
und muslimischen Gemeinde erzielt werden.

* * * * *

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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. September 1994

35

BEVÖLKERUNG

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten

ARBEITSWELT

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt

BILDUNG

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente

VERFASSUNG

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST
GEFRAGTER NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 339 23 72
Fax: 0228 33 41 02

�BEVÖLKERUNG
7. September 1994

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten
KAIRO - (AD) - Die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums kann durch einen breitgetächerten Ansatz
erzielt werden, der wirtschaftliche Erfordernisse, Bildung, Gesundheitsfürsorge und Familienplanung anspricht,
erklärte Vizepräsident AI Gore den Teilnehmern der internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung am Eröffnungstag.
Die von den Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz wurde am 5. September 1994 in Kairo eröffnet und
soll bis zum 13. September dauern. Vizepräsident Gore, der die amerikanische Delegation anführt, stellte fest,
die Geschichte habe die Unzulänglichkeit isolierter Lösungen für das Bevölkerungsproblem gelehrt. Er drängte
auf Unterstützung eines ausgewogenen, vielseitigen Ansatzes, der die Betonung auf gerechte und
umweltverträgliche Entwicklung, Bildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Bekämpfung des
Analphabetentums, die Verfügbarkeit von Kontrazeptiva sowie eine gute Gesundheitsfürsorge legt. Konsequent
verfolgt würden diese Elemente zu niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einem stabilisierten
Bevölkerungswachstum führen, argumentierte der Vizepräsident.
Entsprechend sei die Lösung für das Problem der Armut "in einem umfassenden Ansatz (zu finden), einer
Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten, wenig Korruption, einer soliden
Umweltpolitik, freien und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu Märkten in den Industrienationen",
äußerte Gore.
Im Hinblick auf die kontroversen Empfehlungen der Konferenz zum Schwangerschaftsabbruch stellte der
Vizepräsident fest: "Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung eines neuen internationalen Rechts
auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte dieser nicht als Methode der Familienplanung
ermutigt werden. Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische Entscheidungen zu diesen Fragen im
Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie
im Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Vizepräsident Gore.
Es ist mir eine Ehre, gemeinsam mit Ihnen eine der
wichtigsten Konferenzen zu eröffnen, die je veranstaltet wurden.
Im Namen von Präsident Clinton und allen Amerikanern möchte ich zunächst dem Gastgeber, Präsident
Mubarak, danken. Seine Präsidentschaft ist gekennzeichnet von dem kontinuierlichen Engagement, eine
bessere Zukunft für sein Volk, diese Region und die
Welt aufzubauen. Diese Konferenz soll dazu beitragen, dieses Ziel zu verwirklichen. Ich kann mir
keinen besseren oder geeigneteren Ort als Kairo für
die heute von uns begonnene Arbeit vorstellen.

AMERIKA DIENST 35

Ich möchte auch Generalsekretär Boutros Boutros
Ghali und Dr. Nafis Sadik für ihre engagierte Führungsrolle bei der Umsetzung dieser Konferenz von
einer Idee zur Realität meinen Dank aussprechen.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Beiträge von
Ministerpräsidentin Brundtland und Ministerpräsidentin Bhutto zu den Bestrebungen der Welt, dieses
lebenswichtige Thema anzusprechen.
Vor allem möchte ich jedoch den enormen Beitrag
von Regierungsvertretern, Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen und Privatleuten zur Bewältigung
der größten Herausforderung - und größten Chance des kommenden Jahrhunderts würdigen. Wir alle
schulden den an diesem Prozeß Beteiligten großen
Dank.

Seite 1

�Wir wären heute nicht hier versammelt, wenn wir
nicht überzeugt wären, daß das rasche und umweltschädliche Wachstum der Weltbevölkerung ein
Problem von höchster Dringlichkeit ist. Es dauerte
10.000 Generationen, bis die Weltbevölkerung zwei
Milliarden Menschen zählte. Aber in den vergangenen 50 Jahren hatten wir ein Bevölkerungswachstum
von 2 Milliarden auf über fünfeinhalb Milliarden zu
verzeichnen. Und wir sind auf dem Weg zu einem
Zuwachs auf 9 oder 10 Milliarden in den nächsten
50 Jahren. 10.000 Generationen, um eine Bevölkerung von 2 Milliarden zu erreichen und dann explodiert die Bevölkerung in einem menschlichen
Leben - dem unseren - von 2 Milliarden auf 10
Milliarden.

zur präzisen Lokalisierung der Fische haben den
gesamten Fischbestand unseres Planeten in hohem
Maße ausgebeutet oder ernsthaft gefährdet. Aus
diesem Grund haben wir die Verwendung von Treibnetzen eingeschränkt.

Diese Zahlen sind kein Problem an sich. Aber das
erstaunliche neue Muster, das sie zeichnen, ist ein
Symptom einer sehr viel größeren und tief ergehenden, die Menschheit konfrontierenden Herausforderung. Werden wir unseren Beziehungen zueinander
Rechnung tragen oder nicht? Werden wir die
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen übernehmen oder nicht?
Können wir Wege der Zusammenarbeit finden, oder
werden wir darauf bestehen, selbstsüchtig die
Grenzen des menschlichen Stolzes zu erforschen?
Wie können wir es erreichen, in den Gesichtern der
anderen unsere eigenen Hoffnungen und Träume für
die Zukunft zu sehen? Warum ist es so schwer zu
erkennen, daß wir alle Teil eines größeren Ganzen
sind?

Wirtschaftlich gesehen trägt das rasche Bevölkerungswachstum häufig zu der Herausforderung bei,
niedrige Löhne, Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in Angriff zu nehmen.

Natürlich gibt es unendliche Fragen, die stets die
Menschheit bewegt haben. Heute erhalten sie
jedoch eine neue Dringlichkeit, eben weil wir ein
neues Stadium der menschlichen Geschichte erreicht haben - ein nicht nur durch das kometenhafte
Wachstum der Menschheit, sondern auch durch die
beispiellosen faustischen Kräfte der neuen Technologien definiertes Stadium, das wir in eben diesen 50
Jahren erreicht haben - Technologien, die uns nicht
nur neue Vorteile bringen, sondern auch die Konsequenzen jahrhundertealter Verhaltensmuster in
einem Extrem beleuchten, das allzuoft die Klugheit
übersteigt, die wir in unsere Entscheidung über ihren
Einsatz einbringen.
Kriegführung ist beispielsweise eine althergebrachte
menschliche Gewohnheit - aber die Erfindung von
Nuklearwaffen hat die Konsequenzen dieses Verhaltens so radikal verändert, daß wir gezwungen sind,
neue Denkmuster über die Beziehungen zwischen
Nuklearstaaten zu sondieren, um den Einsatz dieser
Waffen zu verhindern. Entsprechend waren die
Ozeane immer eine Quelle von Nahrungsmitteln,
aber neue Technologien wie 60 Kilometer lange
Treibnetze zusammen mit modernstem Sonargerät

Seite 2

Es wird jedoch zunehmend deutlich, daß unser
Bewegungsspielraum kleiner wird, während das
rapide Bevölkerungswachstum einhergeht mit einem
enormen und umweltschädigenden Konsumniveau in
den Industrienationen, mächtigen neuen Instrumenten
zur Ausbeutung der Erde und der Mitmenschen sowie
der entschiedenen Weigerung zur Übernahme der
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen.

Die Bevölkerungstrends stellen ebenfalls eine Herausforderung für die Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen dar, die erforderlichen Investitionen in Humankapital und Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends die Investitionen der Welt in ihre Kinder
- insbesondere Mädchen - auf einem inakzeptabel
niedrigen Niveau gehalten.
Für den einzelnen sind Bevölkerungswachstum und
hohe Geburtenraten eng mit schlechter Gesundheit
und verringerten Chancen für abermillionen Frauen,
Kleinkinder und Kinder verbunden.
Die Bevölkerungsexplosion schränkt häufig die
Hoffnungen für Stabilität auf nationaler und internationaler Ebene ein. Nehmen Sie zum Beispiel die
20 Millionen Flüchtlinge auf unserer Welt, die kein
Zuhause haben.
Die Delegierten dieser Konferenz haben dazu beigetragen, weithin Verständnis dieser neuen Realitäten herbeizuführen. Besonders bemerkenswert für
diese Konferenz ist jedoch nicht nur das beispiellose
Ausmaß an Konsens über das Wesen des Problems,
sondern auch das Ausmaß an Konsens über das
Wesen der Lösung.
In den vergangenen Jahren haben sich die Sichtweise und das Verständnis dieses Problems tiefgreifend gewandelt. Und diese Veränderung ist Teil
einer umfassenderen philosophischen Verlagerung
der Art und Weise, in der die meisten Menschen über
viele große Probleme nachzudenken begonnen
haben.

AMERIKA DIENST 35

�Es gab eine automatische Tendenz - insbesondere
in den Industrienationen - über den Prozeß des
Wandels im Kontext isolierter Ursachen nachzudenken, die isolierte Wirkungen erzeugen. Und daher
schien es bei der Suche nach dem Weg zur Lösung
eines speziellen Problems, wie groß es auch sein
mag, nur natürlich, nach der einzigen, am deutlichsten herausragenden "Ursache" des Problems zu
suchen und es dann entschieden anzugehen.
Zahlreiche kontroverse Argumente zwischen Gruppen waren die Folge, die unterschiedliche Gründe
als die "Hauptursache" ausmachten, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit verlangte.
Als deutlich wurde, daß neue medizinische Technologien einen dramatischen Rückgang der Sterbeziffern, aber nicht der Geburtenrate bewirkten, einigten
sich zahlreiche Pioniere der Bestrebungen zur
Bewältigung des Bevölkerungsproblems auf das
Konzept, der Mangel an Kontrazeptiva sei das
Hauptproblem und argumentierten, ihre weitgehende
Verfügbarkeit würde den von uns gewünschten
Effekt produzieren - die Beendigung des demographischen Übergangs mit niedrigen Geburten- und
Sterberaten.
Als jedoch deutlich wurde, daß Empfängnisverhütung
allein selten den von uns angestrebten Wandel
herbeiführt, widmete man anderen isolierten Ursachen das Hauptaugenmerk.
Bei der historischen Konferenz von Bukarest vor 20
Jahren, als denkende Menschen feststellten, daß die
Mehrzahl der Gesellschaften mit stabilisiertem
Bevölkerungswachstum wohlhabend, industrialisiert
und "entwickelt" waren, schien die Schlußfolgerung
beispielsweise logisch, daß - in der damals gängigen
Formulierung - "Entwicklung die beste Empfängnisverhütung ist".
In der Zwischenzeit wurde Erkenntnissen der Entwicklungsländer
unzureichend
Aufmerksamkeit
gewidmet. Einige afrikanische Politiker argumentierten zum Beispiel vor 30 Jahren, daß "das mächtigste
Mittel zur Empfängnisverhütung der Welt das Vertrauen der Eltern in das Überleben ihrer Kinder ist".
An Orten wie Kerala im Südwesten Indiens ließen
die örtlichen Behörden Frauen und Männer an der
wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben, indem sie
ihnen mehr Zugang zu Bildung gewährten, Alphabetisierungskampagnen in die Wege leiteten und
gleichzeitig gute Gesundheitsfürsorge für Mütter und
Kinder sowie Verhütungsmittel bereitstellten. Infolge
dieser Maßnahmen fiel die Wachstumsrate der
Bevölkerung fast auf Null.

AMERIKA DIENST 35

Die Welt hat von den Entwicklungsländern auch
gelernt, daß die falsche Art schneller wirtschaftlicher
Entwicklung - die ungerecht ist und die traditionelle
Kultur, Umwelt und Menschenwürde schädigt - zu
einer Desorientierung der Gesellschaft sowie einer
Verringerung der Fähigkeit zur Lösung aller Probleme
- einschließlich des Bevölkerungsproblems - führen
kann.
Hier in Kairo besteht jedoch ein neuer und weitverbreiteter Konsens, daß keine dieser Lösungen alleine
ausreicht, um den von uns angestrebten Wandel
herbeizuführen. Wir sind uns jetzt darüber einig, daß
sie zusammengenommen über einen ausreichenden
Zeitraum hinweg eine systematische Veränderung zu
niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums herbeiführen werden. Bei diesem neuen Konsens gehen
gerechte und umweltverträgliche Entwicklung sowie
eine Stabilisierung des Bevölkerungswachstums Hand
in Hand. Aufklärung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Alphabetisierungskampagnen,
die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und hochwertige Gesundheitsfürsorge sind Faktoren von
entscheidender Bedeutung.
Sie können nicht aufgeschoben werden, bis Entwicklung stattfindet, sondern müssen gleichzeitig mit ihr
einhergehen - und sollten als Teil des Prozesses
angesehen werden, durch den Entwicklung beschleunigt und wahrscheinlicher gemacht wird.
Dieses holistische Verständnis ist repräsentativ für
den Ansatz, den wir zur Lösung anderer drängender
Probleme wählen müssen. Beziehungen und wechselseitige Verbindungen anzuerkennen, ist hierzu ein
Schlüssel. Beispielsweise steht die Zukunft der
Industrienationen im Zusammenhang mit den Aussichten der Entwicklungsländer.
Teilweise aus
diesem Grund möchten wir in den Vereinigten Staaten diese Gelegenheit nutzen, um unmißverständlich
alle Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf
Entwicklung, zu bekräftigen.
Wir sollten eindeutig klarstellen, daß andauernde
große Armut auf unserer Welt den Hauptgrund für
menschliches Leiden, Umweltzerstörung, Instabilität und hohes Bevölkerungswachstum - darstellt.
Die Lösung ist jedoch - wie die Lösung des Bevölkerungsproblems - nicht in einer isolierten, vereinfachenden Antwort zu finden, sondern in einem
umfassenden Ansatz, einer Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten,
wenig Korruption, einer soliden Umweltpolitik, freien
und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu
Märkten in den Industrienationen.

Seite 3

�Ferner müssen wir - in den Entwicklungs- und
Industrieländern gleichermaßen - die Verbindung
zwischen der heutigen und zukünftigen Generationen anerkennen, die die Ergebnisse der heute von
uns getroffenen Entscheidungen erben werden. Ein
Großteil der intellektuellen Krise der modernen Welt
wurzelt in unserer halsstarrigen Weigerung, über
unsere direkten Bedürfnisse und Wünsche hinauszuschauen und in die Art von Zukunft zu investieren,
auf die unsere Enkelkinder ein Recht haben. Und
es sollte offensichtlich sein, daß wir diesen verlorenen Sinn für die Zukunft nicht durch bloße
Appelle an Verstand und Logik wiedergewinnen
können.
Ich persönlich bin davon überzeugt, daß der anzustrebende holistische Ansatz in dem Glauben an die
grundlegenden menschlichen Werte und das Engagement dafür verwurzelt ist, die in allen großen
religiösen Traditionen und Prinzipien zu finden sind,
denen Männer und Frauen auf der Welt in zunehmendem Maße anhängen:

Die Verfassung der Vereinigten Staaten sichert das
Recht jeder innerhalb unserer Grenzen lebenden
Frau, sich mit begrenzten und spezifischen Ausnahmen für einen Schwangerschaftsabbruch zu
entscheiden. Wir sind diesem Prinzip verpflichtet.
Ich möchte jedoch ein Mißverständnis ausräumen:
Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung
eines neuen internationalen Rechts auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte
dieser nicht als Methode der Familienplanung ermutigt werden.
Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische
Entscheidungen zu diesen Fragen im Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer
Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie im
Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten.
In diesem Zusammenhang verurteilen wir jeglichen,
im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbruch
oder anderen reproduktiven Fragen stehenden
Zwang.

Die zentrale Rolle der Familie,
die Bedeutung des Gemeinsinns,
die Freiheit des menschlichen Geistes,
die angeborene Würde jeder Frau, jedes Mannes
und jedes Kindes auf diesem Planeten,
politische, wirtschaftliche und religiöse Freiheit,
universelle und unveräußerliche Menschenrechte.
Entweder stützen wir uns bei unseren heutigen
Bestrebungen auf den Reichtum dieser gemeinsamen Prinzipien und Werte, oder wir lassen zu,
daß unsere Differenzen uns spalten. Und es ist
natürlich äußerst schwierig, einige dieser Differenzen
vollständig beizulegen.
Beispielsweise sind wir uns alle wohl bewußt, daß
die Ansichten zu einem Schwangerschaftsabbruch
zwischen Nationen und Einzelpersonen sehr unterschiedlich sind. Ich möchte die Position der Vereinigten Staaten zum Schwangerschaftsabbruch
deutlich machen, um Mißverständnissen vorzubeugen. Unserer Ansicht nach wird die Bereitstellung
hochwertiger Dienstleistungen bei Familienplanung
und Gesundheitsfürsorge gleichzeitig zu einer
Respektierung des Wunschs der Frau nach einer
Verhütung ungewollter Schwangerschaften, zu einer
Verringerung des Bevölkerungswachstums und der
Abtreibungsquote führen.

Wo ein Schwangerschaftsabbruch erlaubt ist, sollte er
unserer Meinung nach medizinisch sicher sein. Eine
medizinisch gefährliche Abtreibung ist ein Punkt bei
der Gesundheit der Frau, mit dem wir uns befassen
müssen.
Obwohl wir uns bewußt sind, daß auf einigen wenigen Gebieten eine vollständige Einigung schwer zu
erzielen ist, wollen wir uns um eine Respektierung
unserer Unterschiede bemühen und mit ihrer Überwindung das schaffen, was der Welt als der "Geist
von Kairo" im Gedächtnis bleiben wird - eine gemeinsame, unerschütterliche Entschlossenheit, die Weichen für eine Zukunft der Hoffnung und Verprechungen zu stellen.
Dies ist die Eröffnungssitzung. Jeder von uns kann
einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg dieses
historischen Unterfangens leisten. Eine entscheidende Voraussetzung hierfür ist unser Engagement für
sein Funktionieren.
Der schottische Bergsteiger W. H. Murray schrieb
Anfang dieses Jahrhunderts: "Bevor man sich
engagiert, gibt es Zögern, die Möglichkeit des Rückzugs, beständige Ineffektivität. Im Hinblick auf
jegliche Initiative ... gilt eine elementare Wahrheit,
deren Unkenntnis zahllose Ideen und hervorragende
Pläne zunichte macht: In dem Moment, an dem man
sich endgültig zu etwas verpflichtet, handelt auch die
Vorsehung."
Anfang dieses Jahres konnte ich mich im Süden
dieses Kontinents mit eigenen Augen von der Wahr-

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AMERIKA DIENST 35

�haftigkeit dieser Behauptung überzeugen, als ich
mein Land bei der Amtseinführung Nelson Mandelas
vertrat.
Als er seine Hand zur Ableistung des Amtseids
erhob, erinnerte ich mich plötzlich an einen Sonntagmorgen vor vier Jahren, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und mein damals siebenjähriger
jüngster Sohn gemeinsam mit mir die Berichterstattung im Fernsehen sah und fragte, warum die ganze
Welt zusah, wie diesem Menschen die Freiheit
wiedergegeben wurde.
Als ich ihm das nach bestem Vermögen erklärte,
fragte mein Sohn erneut "Warum?". Und nach
vielen "Warum" war ich etwas frustriert - erkannte
aber plötzlich auch, was für ein seltenes Privileg es
ist, einem Kind ein solch außergewöhnliches Ereignis zu erklären, wo ich doch wie so viele Eltern
oftmals mit der Belastung konfrontiert bin, ihm die
Existenz des Bösen sowie schreckliche Tragödien
und Ungerechtigkeit auf unserer Welt erklären zu
müssen.
Als Präsident Mandela seinen Amtseid abgelegt
hatte, beschloß ich, daß ich in den kommenden

*

AMERIKA DIENST 35

Tagen in Südafrika versuchen wollte zu verstehen,
wie diese wunderbare Entwicklung möglich wurde.
Was ich herausfand - neben dem wohlbekannten Mut
und der Vision von Mandela und De Klerk gleichermaßen - war das Schlüsselelement, das in der
Nachrichtenberichterstattung keinen Niederschlag
gefunden hatte: Männer und Frauen jedes ethnischen Hindergrunds aus allen Gesellschaftsschichten
hatten im Stillen beschlossen, die sie trennenden
Barrieren zu überwinden und Hand in Hand eine
Zukunft zu schaffen, die schöner ist als alles, was sie
sich je vorgestellt hatten.
Heute sehen wir uns derselben Wahl und denselben
Chancen gegenüber: Werden wir unseren Enkeln die
Last auferlegen, ihren Kindern zu erklären, warum
sich im Verlauf ihres Lebens unaussprechliche
Tragödien ereignen, die hätten vermieden werden
können?
Oder werden wir ihnen das Privileg und die Freude
verschaffen, ungewöhnlich positive Entwicklungen zu
erklären - deren Grundlagen zu dieser Zeit an diesem
Ort gelegt wurden? Wir haben die Wahl. Wir sollten
eine gute Wahl treffen.

* * *

*

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�ARB E I T S W E L T
7. September 1994

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich hat Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu aufgerufen, die Regierung beim
Wiederaufbau einer tragfähigen Mittelschicht zu
unterstützen, die in den letzten Jahren durch die
Entwicklungen am Arbeitsplatz zerfiel.
Bei einem Mittagessen des privaten Center for
National Policy erklärte Reich am 31. August 1994,
die Mitte der siebziger Jahre begonnenen Trends
hätten das Einkommens- und Sozialleistungsgefälle
zwischen den qualifizierten Arbeitnehmern und
denen ohne gute Bildung und Ausbildung vergrößert.
Im Laufe dieses Prozesses sei die alte Mittelschicht
in drei neue Gruppen aufgespalten worden: "Eine
vorwiegend in den Innenstädten gefangene Unterschicht, die zunehmend von den Wirtschaftszentren
isoliert ist, eine Oberschicht derjenigen, die den
Wandel in ihren Dienst stellen und dazwischen die
größte Gruppe, eine Gruppe ängstlicher Menschen,
die großenteils einen Arbeitsplatz haben, aber zu
Recht besorgt um ihre Stellung und um die Zukunft
ihrer Kinder sind."
Reich nahm diese Analyse nur fünf Tage vor dem
Feiertag Labor Day vor, der jedes Jahr zu Ehren der
Arbeitnehmer begangen wird.
Er untermauerte seine Behauptung mit Statistiken,
die besagen, daß die Kluft innerhalb der erwerbstätigen Bevölkerung immer größer wird. Im Zusammenhang mit dem Einkommen erklärte er, ein
männlicher Collegeabsolvent hätte 1992 im Durchschnitt 83 Prozent mehr verdient als ein High
School-Absolvent, verglichen mit einem Ungleichgewicht von nur 49 Prozent im Jahr 1979.
Ähnliche Trends zeichnen sich bei der Krankenversicherung, den Renten und bei der Möglichkeit ab,

AMERIKA DIENST 35

"überhaupt einen Arbeitplatz zu behalten", so Reich.
Die Arbeitslosenquote für High School-Abbrecher
stieg von 7 Prozent in den siebziger Jahren auf über
12 Prozent im Jahr 1993, während die Arbeitslosenquote für Arbeitnehmer mit einem Collegeabschluß
oder einem noch höherwertigen Abschluß ziemlich
stetig bei ungefähr 3 Prozent liegt.
Der bemerkenswerteste Wandel am Arbeitsplatz war
Reich zufolge "die ungestüme Ankunft des Computers" - eine Entwicklung, die "die Spaltung innerhalb
der amerikanischen Erwerbsbevölkerung zwischen
den Computerkundigen und ihren weniger geschulten
Kollegen vertieft hat".
Die Arbeitsplatzpolitik der Clinton-Administration
basiert auf "der erwiesenen Tatsache, daß Qualifikationen von Bedeutung sind und erworben werden
können", so Arbeitminister Reich. Er forderte die
Entwicklung eines "neuen Sozialpakts zwischen
amerikanischen Arbeitnehmern, Wirtschaft und
Regierung" zur Förderung von Ausbildung am Arbeitsplatz, die er als zunehmend erforderlich bezeichnete.
"Für amerikanische Unternehmen ist dieser neue
Sozialpakt nicht nur ein Gebot der Unternehmenspolitik gegenüber den Bürgern, sondern auch ihrer
eigenen langfristigen Interessen", erklärte er. Reich
bat die großen, einflußreichen Wirtschaftsverbände,
wie die amerikanische Handelskammer und die
nationale Produzentenvereinigung, diese Tatsache
anzuerkennen und ihre Mitglieder zu entsprechendem
Handeln zu veranlassen.
"Die Aussichten für Amerika sind vielversprechend",
so Reich. "Es gibt keine feste Zahl guter Arbeitsplätze, die aufgeteilt werden müssen, noch irgendwelche natürlichen Grenzen für die Erfindungsgabe des

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�menschlichen Geistes oder neue Produkte und
Dienstleistungen", die er hervorbringen kann.
In den letzten Jahren dieses Jahrhunderts, in der
von Hoffnungen und Ängsten gekennzeichneten Verwirrung nach dem Ende des Kalten Krieges, besteht
unsere wichtigste Aufgabe in der Wiederherstellung

der Hoffnung der von Angst erfüllten Schichten und
der Ermutigung der verzweifelten Unterschicht, um
mit Überzeugung zu bekräftigen, daß der Amerikanisehe Traum des weit verbreiteten Wohlstands für die
Mittelschicht Bestand hat", äußerte der Arbeitsminister.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 35

�BILDUNG
7. September 1994

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Bildungsminister Richard Riley möchte auf nationaler Ebene das
erreichen, was er während seiner Zeit als Gouverneur von South Carolina im Bereich des staatlichen
Bildungswesens erzielte. Er bemüht sich mit Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit um einen Konsens und strebt
eine grundlegende Reform an, die eine Veränderung des staatlichen Bildungswesens in den Vereinigten
Staaten herbeiführen soll.
Steven Piacente ist Korrepondent in Washington für Charleston (S.C.) Post and Courler und freiberuflicher
Schriftsteller.
Nachdruck aus Government Executive, Juni 1993. Copyright (c) 1993 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Government Executive,
1730 M Street, N.W., Washington, D.C. 20036.
Präsident Clinton wünschte, daß sein Kabinett die
Farben Amerikas widerspiegelt. Für die Farbe Grau
wählte der Dick Riley.
Dieser Farbton scheint dem amerikanischen Bildungsminister zu stehen. Der kleine Mann mit der
silberumrandeten Brille und dünnen grauen Haarsträhnen hat aufgrund von Wirbelsäulenproblemen
eine gebeugte Haltung. Er ist zurückhaltend und
bisweilen volkstümlich im Stil der Südstaaten.
Im Laufe der Jahre hat der jetzt 60jährige Riley sich
jedoch als so stark und standhaft erwiesen wie die
gewaltigen grauen Schlachtschiffe, die an den
Küsten des Bundesstaates South Carolina, dessen
Gouverneur er acht Jahre lang war, vor Anker
liegen.
Nachdem er kürzlich mit einigen Besuchern aus
seinem Heimatstaat über die gewaltigen Probleme
gescherzt hatte, denen er sich in seinem neuen Amt
gegenübersieht, machte er lässig eine Äußerung, die
sowohl erstaunlich akkurat als auch für seine Verhältnisse äußerst selbstgefällig ist: "Sie wissen sehr
gut - wenn ich etwas angefangen habe, gebe ich
nicht auf."

AMERIKA DIENST 35

Riley demonstrierte diese Zähigkeit schon vor zehn
Jahren, als er das staatliche Bildungswesen von
South Carolina fast ohne fremde Hilfe auf den Stand
des 20. Jahrhunderts brachte und die widerstrebende
Generalversammlung (die Teil der bundesstaatlichen
Legislative ist) zu Steuererhöhungen überredete.
Seine Leistungen wurden von seinem Amtskollegen,
Gouverneur Bill Clinton, sorgfältig verfolgt, der in
Riley einen Mentor sieht.
Nachdem Clinton ihm die Chance gegeben hat, sein
Werk auf nationaler Ebene fortzusetzen, wurde Riley
bei seinen ersten Begegnungen mit Bildungsexperten
in Washington für seine übertrieben gedehnte
Sprechweise bekannt.
Er beginnt folgendem»«ßon: "Man sagt, 'Wissen Sie,
Herr Minister, Sie haben viele Ideen zur Verbesserung des Bildungswesens und so weiter. Als
erstes müssen wir diese Schulden begleichen und
den bedürftigen Jugendlichen staatlich finanzierte
Stipendien (Pell Grants) zur Verfügung stellen.'"
Riley ruft aus: "Zwei Milliarden Dollar! Was soll das
heißen - zwei Milliarden Dollar? Ich habe Schulden
seit dem ersten Tag meiner Amtszeit. Das ist die
Wahrheit!"

Seite 1

�Wahr ist auch, daß Riley die Leitung einer in großen
Schwierigkeiten steckenden Behörde übernommen
hat. Obwohl Präsident Bushs zweiter Bildungsminister, der ehemalige Gouverneur von Tennessee
Lamar Alexander, erste Schritte unternahm, um der
Bundesregierung bei den nationalen bildungspolitischen Debatten eine prominente Stellung einzuräumen, reichte das nicht zur Neubelebung des Ministeriums aus. In einer Ende Februar gehaltenen Rede
erklärte Riley: "... die Moral war auf einem Tiefpunkt".
Der neue Bildungsminister scheint entschlossen,
dieses Problem anzugehen, aber der Haushaltsantrag in Höhe von 30,7 Milliarden Dollar für das
Haushaltsjahr 1994 weist verglichen mit 1993 nur
eine kleine Steigerung auf, und die personellen und
administrativen Beschränkungen werden eng bleiben. Riley wird alle Hände voll zu tun haben, wenn
er ein Ministerium neu beleben will, das einen Monat
vor der Amtsübernahme Bill Clintons Gegenstand
beißender und umfassender Kritik durch den Bundesrechnungshof war.
Riley war sich bei seiner Amtsübernahme in Washington vollkommen der Schwierigkeiten bewußt,
die öffentlichen Schulen wieder in Ordnung zu
bringen, weil er das bereits in South Carolina getan
hatte.
Der vielleicht schwierigste Teil dieser Aufgabe
bestand darin, die bundesstaatliche Legislative zu
einer Erhöhung der Umsatzsteuer um einen Cent zu
überreden, um damit die umfassende Schulreform
zu finanzieren. Dieses Meisterstück Rileys versetzte
politische Beobachter 1984 in Erstaunen. "Was er
in South Carolina erreichte, wurde allgemein für
unmöglich gehalten", so der Rechtsanwalt und
ehemalige Senator des Bundesstaates Heyward
McDonald. "Er überzeugte die Wirtschaftsvertreter.
Er organisierte öffentliche Diskussionsveranstaltungen.
Als die entsprechende Gesetzesvorlage
eingebracht und erörtert wurde, war die Lawine
bereits ins Rollen gekommen."
Die von ihm gezeigte Hartnäckigkeit entstand zur
Zeit des Unglücks. Riley lebte viele Jahre unter
Schmerzen, die 1956 begannen, als der junge
Leutnant an Bord eines Schiffs der US-Marine
niesen mußte und dabei einen Krampf im Rücken
verspürte. Dies war das erste Anzeichen für Spondylitis, eine qualvolle arthritische Wirbelsäulenerkrankung, die Riley während seiner 14jährigen Karriere
in der Legislativen South Carolinas und danach
quälte.
"Ich lernte, mit einem qualvollen Tag und einer
ebensolchen Nacht zu leben und weiterzumachen",

Seite 2

erklärte er. "Ich hatte 15 bis 20 Jahre lang entsetzliche Schmerzen und nahm nie Medikamente. Ich
habe in meiner schlimmsten Zeit nicht einmal Aspirin
genommen. Es ging nur darum, es durchzustehen.
Man sagte mir, das Leiden würde von selbst weggehen, und wenn ich meinen Rücken mehr oder weniger gerade halten könnte, würde es schließlich
nachlassen und der Schmerz aufhören. Man bleibt
verkrüppelt zurück, aber die Schmerzen und das
Fieber hatten schließlich ein Ende."
Als Ergebnis hat Riley einen Gang als würde er sich
ducken, um einem Regenguß auszuweichen. Riley
ist jetzt bereit, über seinen Zustand zu sprechen,
weigerte sich jedoch, als die Krankheit noch akut war.
"Es bestand eine Art von Übereinstimmung in der
Familie, daß ich die Krankheit ausschwitzen mußte,
und das tat ich auch."
Manche mögen sich fragen, warum sich Clinton für
einen ehemaligen Gouverneur als Bildungsminister
entschied, dessen Heimatstaat in den meisten
bildungspolitischen Statistiken ganz unten rangiert.
Auf die Frage, warum South Carolina bei Fragen wie
Gehältern für Lehrer und Eignungstests immer noch
so schlecht dastehe, antwortete Riley schlicht: "Wir
mußten einen längeren Weg gehen als die meisten
Bundesstaaten. Das ist kein Grund, sich zu schämen."
Der an der Furman University und der University of
South Carolina ausgebildete Riley, der als Rechtsberater für den ehemaligen Senator Olin Johnston
(Demokrat aus South Carolina) tätig war, übertreibt
nicht, wenn er von dem langen Weg spricht, den sein
Bundesstaat zurückzulegen hatte.
Obwohl die
Ergebnisse der Eignungsprüfungen in den Schulen
South Carolinas immer noch zu den schlechtesten
der Vereinigten Staaten gehören, erlebte kein Bundesstaat Mitte der achtziger Jahre größere Verbesserungen.
Unter Riley verzeichnete der Bundesstaat ferner
einen 7prozentigen Anstieg von High School-Absolventen, die direkt das College besuchen, eine
Verdoppelung der Zahl von High School-Studenten,
die ihr Examen vorzeitig ablegen, ein verstärktes
Interesse an Begabtenförderungsprogrammen sowie
einen Wettstreit mit einem anderen Bundesstaat um
den prozentual höchsten Anstieg bei den Lehrergehältern im Zeitraum von 1981 bis 1986.
Eckpfeiler dieser Reform - und was Clinton am
meisten beeindruckte - war das Bildungsförderungsgesetz South Carolinas aus dem Jahr 1984. Es
erhöhte die Anforderungen für den High SchoolAbschluß, führte eine Prüfung über Grundkenntnisse
für Zehntklässler und Sonderprogramme für begabte

AMERIKA DIENST 35

�sowie förderungsbedürftige Schüler ein, erhöhte die
Gehälter der Lehrer und forderte von jeder staatlichen Schule Jahresberichte über Verbesserungen.
Als Clinton ihn im Dezember 1992 als designierten
Bildungsminister vorstellte, wies er auch auf Rileys
Leistung hin, die Unterstützung von "Männern und
Frauen aus allen Lebensbereichen" für die einst
unvorstellbare Erhöhung der Umsatzsteuer um einen
Cent zu gewinnen, welche die Finanzgrundlage des
Gesetzes darstellte.
Heute verfügt South Carolina dem Präsidenten
zufolge wohl über "das beste System festzustellen,
ob die Menschen heute größere Leistungen bringen
als gestern". Und ein Großteil des Verdienstes
kommt Riley zu.
Riley gab sein Gouverneursamt 1987 auf. Als er
dem Ruf Clintons nach Washington folgte, hatte er
eine florierende Anwaltskanzlei, einen Sitz in mehreren bedeutenden Ausschüssen und Kommissionen
sowie eine Familie in South Carolina. Er zögerte
jedoch nicht. Bildung und Ausbildung interessieren
ihn persönlich, und zudem konnte er seinem alten
Freund, dem neuen Präsidenten, wohl kaum eine
Absage erteilen.
Im Dezember 1992, gerade als der Präsident Riley
als seine Wahl für das Amt des Bildungsministers
vorstellte, gab der Bundesrechnungshof seinen
38seitigen vernichtenden Bericht heraus, der entscheidende Mängel im staatlichen Bildungswesen im
allgemeinen und den Operationen des Bildungsministeriums im besonderen auflistete.
In dem Bericht des Bundesrechnungshofs heißt es:
Das staatliche Bildungswesen in den Vereinigten
Staaten "hält nicht Schritt mit den Erfordernissen des
wirtschaftlichen Wandels. Wir sind zu dem Schluß
gekommen, daß die Vereinigten Staaten keine
zusammenhängende Strategie verfolgen, unsere
Jugend auf das Arbeitsleben vorzubereiten, während
das in anderen Nationen der Fall ist. Unsere wichtigsten ausländischen Konkurrenten legen Wert
darauf, daß alle Jugendlichen auf die Arbeitswelt
vorbereitet werden und sich an Veränderungen am
Arbeitsplatz anpassen können."
Ferner befand der Bundesrechnungshof, das Bildungsministerium mache keinen effektiven Gebrauch
von seiner Belegschaft und warf ihm Unzulänglichkeiten bei der Einstellung, Ausbildung und
Führung von Mitarbeitern vor. Die "Effektivität des
Bildungsministeriums wird ferner durch zu starke
Zentralisierung des Entscheidungsfindungsprozesses
sowie den Ausschluß von Beamten aus Problemlö-

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sungsprozessen des Managements geschwächt",
fügte der Bundesrechnungshof hinzu.
Zwei Monate später erklärte Riley in einer Rede an
der University of North Carolina, die Neubelebung
des Ministeriums sei seine "erste große Aufgabe"
gewesen. Unter anderem werde er erstklassige
Assistenten einstellen, angefangen mit Madeline
Kunin, der ehemaligen Gouverneurin von Vermont,
als Stellvertretender Ministerin.
Ferner sind heute Marshall (Mike) Smith, Dekan der
pädagogischen Fakultät der Stanford University
(Kalifornien) als Staatssekretär und Sonderberater
Terry Peterson, der In South Carolina Rileys wichtigster Mitarbeiter im Bildungsbereich war, im Bildungsministerium tätig.
Auf Rileys Tagesordnung stehen sechs ehrgeizige
Ziele, deren Ursprünge beim vom damaligen Präsidenten Bush in Charlottesville (Virginia) einberufenen
Bildungsgipfel zu finden sind. An der Tagung nahmen mehrere Gouverneure teil, darunter Bill Clinton,
der eine wichtige Rolle bei der Konsensfindung über
nationale Bildungs- und Ausbildungsziele spielte. Zu
den Zielen gehören eine 90prozentige Quote von
Abgängern weiterführender Schulen, eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten in Mathematik und
Naturwissenschaften, Alphabetisierungskampagnen
für alle Erwachsenen, sichere und drogenfreie
Schulen, vermehrte Kompetenz bei schwierigen
Fächern sowie Lernbereitschaft bei jedem Schulanfänger.
Riley zufolge wurde sein Interesse am Bildungsministerium durch die erklärte Besorgnis Clintons
über Bildungsfragen erhöht sowie dessen Wunsch
nach behördenübergreifenden Lösungen für Bildungsund Ausbildungsfragen. Seit dem Tag der Amtseinführung des Präsidenten am 20. Januar 1993 hat
Riley viel Zeit mit Arbeitsminister Robert Reich und
Gesundheitsministerin Donna Shalala verbracht.
Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist das Gesetz Goals
2000 - Bildung für Amerika, ein von Riley vorgelegtes Gesetzespaket in Höhe von 420 Millionen
Dollar, um "im amerikanischen Bildungswesen eine
neue Partnerschaft für Lernen und Lehren von
Weltklasse zu bilden".
Das Gesetz sieht folgendes vor:
Einbeziehung der sechs Erziehungsziele und des
Gremiums für nationale Bildungsziele (National
Education Goals Panel) in nationale Politik und
Gesetzgebung. Das aus 18 Mitgliedern bestehende Gremium, dem im Haushaltsjahr 1994 3
Millionen Dollar zur Verfügung stehen, soll über
Fortschritte bei der Erreichung der Ziele berichten

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�und die Unterstützung der Öffentlichkeit mobilisieren. Dem Gremium sollen acht Gouverneure,
vier Kongreßabgeordnete, vier Mitglieder der
bundesstaatlichen Legislativen sowie zwei vom
Präsidenten ernannte Mitglieder angehören.

Klasse" verwendet werden. Der Newsweek-Kolumnist Robert J. Samuelson hat das Clintonschema als
"teure, bürokratische Praxis" bezeichnet, die nicht auf
höheren Standards und härterer Arbeit der Schüler
besteht.

Gründung eines Rates für nationale Bildungsnormen und Verbesserungen im Bildungswesen
(National Education Standards and Improvement
Council) zur Festsetzung von Normen zum Unterrichtsinhalt, zu den Lernmöglichkeiten (beispielsweise Prüfung der Qualität des Lehrplans) sowie
zu von den Bundesstaaten anzulegenden Kriterien bei der Wahl von Bezugspunkten für ihre
eigenen Normen. Das 20köpfige Gremium soll
vom Präsidenten ernannt werden; für das Haushaltsjahr 1994 sind 9 Millionen Dollar vorgesehen.

Clinton und Riley möchten ferner in den nächsten vier
Jahren ein Kreditprogramm für Studenten in die
Wege leiten, das die aus Rileys Sicht "komplizierten
und kostenintensiven" garantierten Kredite im Rahmen des Bundesbildungssystems für Familien ersetzen soll. Schätzungen des Ministeriums zufolge
könnte die Regierung durch die Abschaffung der
Mittelsmänner und die Vorteile niedrigerer Kosten für
Bundesanleihen bis zum Haushaltsjahr 1998 4,2
Milliarden Dollar sparen.

Einführung einer Struktur und eines Verfahrens,
um den Bundesstaaten bei der Entwicklung von
Plänen zur Verbesserung des Bildungswesens
beizustehen. Für Hilfe in den Bereichen Lehrerausbildung, Leistungsmaßstäbe für Schüler und
erhöhte Einbeziehung der Eltern auf kommunaler
Ebene sind insgesamt 393 Millionen Dollar vorgesehen.
Gründung eines Gremiums für die Festsetzung
nationaler Qualifikationsmaßstäbe (National Skills
Standards Board), um wichtige berufliche Fähigkeiten zu identifizieren und ein System von Normen, Bewertungen und Bescheinigungen auf
freiwilliger Basis zu schaffen. Die Idee besteht
darin, den Arbeitgebern bei der Einstellung
besser ausgebildeter Arbeitnehmer zu helfen und
Schülern, die nicht aufs College gehen wollen,
ein» bessere Idee der für hochbezahlte Arbeitsplätze erforderlichen Fähigkeiten zu geben; Dem
Gremium sollen 28 Mitglieder aus Wirtschaft,
Regierung, Gewerkschaften und verschiedenen
anderen Gruppen angehören. Das Ziel ist Reich
zufolge "ein nahtloser Übergang von Bildung zu
Ausbildung".
Einige Beobachter erachten den Clinton/Riley-Plan.
als schwach. Während Bush nationale Standards
und Prüfungen für Absolventen der Grund- und
weiterführenden Schulen vorgeschlagen hatte,
befürwortet Clinton nationale Standards, aber keine
nationalen Prüfungen. Die Bundesstaaten könnten
Standards "von vergleichbarer Strenge und Qualität"
zustimmen und ihre eigenen Prüfungen ausarbeiten,
Vergleiche von Bundesstaat zu Bundesstaat wären
jedoch schwierig. Darüber hinaus würde der Clintonplan verbieten, daß die Prüfungen der Bundesstaaten "für Entscheidungen über den Abschluß der
Schüler, das Überspringen oder Wiederholen einer

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Ebenfalls eingeführt wurde Clintons Plan für einen
nationalen Sozialdienst, dank dem Studenten ihre
Kredite für den Collegebesuch durch Gemeindearbeit
nach dem Collegeabschluß abzahlen können.
Clintons Haushaltsvorlage für 1994 sah 2,9 Millionen
Dollar für einen Bereich des Plans vor - das Programm für innovative Projekte der Gemeindearbeit.
(Clinton und Riley hatten beabsichtigt, das Pell GrantDefizit in Höhe von 2 Milliarden Dollar abzulösen und
ein Programm von 1 Milliarde Dollar für "bildende"
Sommerjobs in die Wege zu leiten, aber diese Pläne
wurden vereitelt, als die Republikaner im Senat das
Paket des Präsidenten zur Ankurbelung der Wirtschaft im April 1993 ablehnten).
in der Zwischenzeit haben Riley und Shalala gemeinsam ein Hauptziel des Bildungswesens angesprochen - die Sicherstellung, daß die Schüler die
Schule beginnen, wenn sie physisch, geistig und
emotional zum Lernen bereit sind - indem sie ein 157
Seiten umfassendes Handbuch herausgaben, das
den Gemeinden bei der besseren Koordinierung der
Bildungs-, Gesundheits- und Sozialdienstprogramme
behilflich sein soll.
Während Riley mit anderen Kabinettsmitgliedern
zusammenarbeitet, versucht er auch, eine beträchtliche Zahl von Herausforderungen im eigenen Hause
zu bewältigen.
Obwohl die US-Regierung nie große Finanzmittel für
Grund- und weiterführende Schulausbildung zur
Verfügung gestellt hat (sie zahlte im Jahr 1990
weniger als 6 Prozent der Kosten für das staatliche
Bildungswesen), ist der Aufgabenbereich des Bildungsministeriums dennoch äußerst umfangreich.
Dazu zählt das Aufzeigen wichtiger Themen und
Probleme, die Durchsetzung von Gesetzen gegen
Diskriminierung sowie die Formulierung von Maßnahmen im Zusammenhang mit den Ausgaben im

AMERIKA DIENST 35

�US-Bildungswesen. Ferner hat das Ministerium den
Auftrag, Daten über amerikanische Schulen in 57
Bundesstaaten und anhängigen Territorien zusammenzustellen und an Lehrkräfte und die Öffentlichkeit zu verteilen.
Die Notwendigkeit zum Abbau des Haushaltsdefizits
wird Riley davon abhalten, seinen Aufgabenbereich
zu erweitern. Als er am 21. Januar 1993 sein Amt
übernahm, hatte das Ministerium 4.910 Vollzeitbeschäftigte. Diese Zahl wird im Haushaltsjahr 1994
im Rahmen des von Clinton vorgelegten Etats auf
4.836 gekürzt. Die Haushaltsvorlage reagiert auf
Kritik des amerikanischen Bundesrechnungshofs
über ein Ungleichgewicht zwischen der Zunahme der
Arbeitsbelastung und einer Abnahme des Personalbestands mit der Aussage, das Ministerium "beabsichtigt, seine Leistung durch neues und besseres
Management und die Neuzuweisung von Ressourcen zu verbessern".
Die Kosten für Umbauten, neue Telefonsysteme und
die Erweiterung der Datenbank sind im Budget für
1994 enthalten.
Seine ungeheure Aktivität - Riley arbeitet häufig von
neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und jongliert Initiativen mit der Begeisterung eines Zirkuskünstlers - hat dem Sonderberater Peterson zufolge
das Ministerium bereits mit neuer Energie belebt.

Riley stellt fest: "Ich arbeite weiterhin mit den Beamten. Es heißt nicht 'wir' und 'sie'. Ich bin entschlossen, durch Zusammenarbeit Erfolg zu erzielen."
Das Endprodukt, hofft er, wird ein Bildungsministerium sein, das "die Zersplitterung verringern kann, die
Bundesbildungsprogramme plagt und die Isolierung
zwischen Vorschul-, Grundschul-, Hauptschul- und
weiterführender Bildung abbauen kann".

Riley will sein Büro auch dazu nutzen, die Beziehungen zwischen Washington und den Bundesstaaten
besser zu definieren. Er ist sich der Belastung der
Einmischung durch die US-Regierung bewußt und es
entspricht nicht seiner Art, dies in Streitigkeiten auf
kommunaler Ebene über die Wahl der Schule oder
die Verteilung von Kondomen anzubringen. South
Carolina war schließlich der erste Bundesstaat, der
sich zu Zeiten des Bürgerkriegs (1861 - 1865) von
der Union lossagte.
Gleichzeitig hat Riley das Gefühl, nur mit einer
grundlegenden Reform von oben nach unten sein Ziel
erreichen zu können.
Besucher verlassen das
Ministerium mit dem Gefühl, daß er erst angefangen
hat, seiner Tagesordnung Substanz zu verleihen.
"Man kann den nationalen Durchschnitt oder den
Prozentsatz von Studenten, die ein bestimmtes Ziel

"Es dauert lange, bis sich das bis unten auswirkt",

erreichen, nicht mit einigen wenigen Pilotprojekten

räumt er ein. "Wir müssen sehr viel tun, um der
Organisation zu helfen."

verändern, die durch Bundesvorschriften einigen
wenigen Schulen diktiert werden."

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Seite 5

�V E R F A S S U NG
7. September 1994

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST GEFRAGTER
NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"
WASHINGTON - (AD) - Während immer mehr
Nationen den Weg der Demokratie und Einbindung
in die Weltwirtschaft beschreiten, wird das erfolgreiche Modell für die Beziehungen zwischen der
Regierung und den Bürgern, das die Verfassung der
Vereinigten Staaten bietet, zu einem gefragten
Exportartikel, so der Juraprofessor und Autor Bernard Siegan.

sowie Gefahren und Übergriffe vor Ort zu schützen.
Sie darf niemals soviel Macht haben, daß sie die
Menschen unterdrücken oder ihre Klugheit und
Produktivität einschränken könnte." Aus diesem
Grund "müssen die Verfassungen der entstehenden
Staaten als herausragendstes juristisches Dokument
deren bestehende Verpflichtung zu einer freien
Gesellschaft widerspiegeln und fördern".

Siegan, der an der University of San Diego Wirtschaft und Verfassungsrecht lehrt, ist Autor des
Buchs "Drafting a Constitution for a Nation or Republic Emerging into Freedom", das kürzlich von der
George Mason University Press of Fairfax (Virginia)
publiziert wurde.

Sein Hauptziel als Verfassungsexperte sei es, den
früher kommunistischen politischen und wirtschaftlichen Regimen unterworfenen Ländern dabei zu
helfen, nach dem Zusammenbruch ihres wichtigsten
Modells, der Sowjetunion, wieder auf die Beine zu
kommen.

Er wurde eigenen Angaben zufolge zum Verfassen
dieses Handbuchs angeregt, nachdem er die Regierungen Argentiniens, Armeniens, Boliviens, Brasiliens, Kanadas, der ehemaligen Tschechoslowakei,
Perus, Polens und der Ukraine verfassungsrechtlich
beraten hatte. 1990 half er Bulgarien bei der Vorbereitung eines Verfassungsentwurfs.

In einer Weltwirtschaft, zu der sie nicht wirklich
gehörten, waren diese Länder Siegan zufolge wie
umhertreibende Schiffe. "Und der beste Weg für sie,
mit diesem Problem umzugehen", und wieder zurück
auf den Weg zu Freiheit und Wohlstand zu kommen,
ist die amerikanische Verfassung - das Dokument,
das für sie am besten geeignet ist, in die "moderne
Welt" integriert zu werden.

Der Wissenschaftler erklärte kürzlich vor Zuhörern
der Herltage Foundation - einer konservativen
Denkfabrik in Washington - die amerikanische
Verfassung habe eine Antwort auf die heutigen
Probleme der Welt: eine Zurücknahme der Regierung.
"Ich verkaufe die amerikanische Verfassung auf der
ganzen Welt ... weil sie im Hinblick auf den Schutz
der Freiheit einzigartig ist", erklärte Siegan. Dadurch
sei Amerika wohlhabend und sicher geworden anscheinend auch der größte Wunsch der dem
Autoritarismus entfliehenden Nationen.
In seinem Handbuch zur Verfassung schreibt Siegan, "die Regierung sollte genug Macht haben, um
die Bürger gegen ihre in- und ausländischen Feinde

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Siegan gibt folgende Ratschläge für den Erfolg in
einer modernen Gesellschaft:
Privatisierung und Schutz von Eigentumsrechten,
Schaffung eines wirtschaftlichen Umfelds, das
günstige Bedingungen für den Wettbewerb bietet
und in- und ausländische Investitionen ermutigt,
Kontrolle der Regierung über ihre Ausgaben und
Besteuerung sowie die Garantie, daß die Judikative - die Gerichte - "für die Durchsetzung von
Verträgen zur Verfügung stehen".
Die Herausforderung für die Nationen, die früher mit
der Planwirtschaft zu kämpfen hatten, insbesondere

Seite 1

�in Osteuropa, wo sich die meisten Unternehmen in
staatlichem Besitz befanden und vom Staat geführt
wurden, bestand darin, "die Wirtschaft vom öffentlichen zum Privatsektor zu führen".
Er räumte ein, er sei sich zum Zeitpunkt des Umsturzes der alten Systeme - Anfang der neunziger
Jahre - "des Umfangs der Aufgabe" nicht voll bewußt
gewesen.
Im Hinblick auf die Ukraine, wo der Verfassungsexperte als Berater tätig war, erklärte er: "Ich habe
mit vielen Führungskräften von Unternehmen gesprochen, die sich von der Welt des Wettbewerbs
keine Vorstellung machen konnten. Ihnen wurde
gesagt, was sie zu tun hätten und wie sie es mit
sehr wenig Initiative ihrerseits tun könnten."
Entscheidend für den Privatisierungsprozeß ist ein
Rechtssystem, das von einer Verfassung gewährleistet wird und als Grundlage der Rechte des
einzelnen und von Gruppen fungiert. Während
seiner Gespräche in Bulgarien äußerte Siegan
jedoch: "Ich mußte lernen, daß die Menschen dort
nicht so großen Respekt vor Richtern haben wie wir
in unserem Land."
Die Bulgaren fürchten, daß die Richter, die von
manchen lediglich als "Angestellte der Regierung"
betrachtet werden, die von der Nationalversammlung
verabschiedeten Gesetze für null und nichtig erklären könnten. "Die Idee eines aus einer ausgewählten Gruppe von Juristen bestehenden Verfassungsgerichts (wie des Obersten Bundesgerichts
der Vereinigten Staaten), das sich auf die Auslegung
der Verfassung beschränken sollte, baute einen
Großteil dieser Besorgnis ab."
Siegan erläuterte, die amerikanische Verfassung
hätte dem amerikanischen Volk auf dreierlei Weise
zu "Freiheit und Wohlstand" verholten:
Durch die Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Judikative,
,
durch die Einschränkung der Macht jedes Zweigs
der Regierung aufgrund gegenseitiger Kontrollen,
beispielsweise dem Vetorecht des Präsidenten
und der Überprüfung der Gesetzgebung durch
die Judikative,

durch den Schutz der Rechte des einzelnen vor
dem, was im 18. Jahrhundert als Unterdrückungspotential der Mehrheit bezeichnet wurde.
Die Gründerväter der amerikanischen Verfassung
waren der Überzeugung, daß die Regierung "eingeschränkt und minimal" operieren sollte und am besten
und erfolgreichsten funktionieren würde, wenn sie die
Menschen Gebrauch von der Freiheit machen ließe.
Dies ist Siegan zufolge immer noch der beste Weg,
die politischen und wirtschaftlichen Ziele einer Gesellschaft zu fördern.
Der Beweis dafür sei, "daß in den wohlhabendsten
Ländern die Regierung innerhalb von Beschränkungen arbeitet". Als Beispiel führte er die Slowakische
Republik an, deren Bürger immer noch an den
"wissenschaftlichen Sozialismus" glauben und wo die
Arbeitslosenquote bei 14 Prozent liegt - verglichen
mit 4 Prozent in der Tschechischen Republik. Der
Unterschied liege darin, daß die Tschechen "den
Kräften des Marktes ein Maximum an Freiheit einräumen".
Dem Wissenschaftler zufolge ist Osteuropa nicht die
einzige Region, die Vorteile aus der politischen und
wirtschaftlichen Liberalisierung gezogen hat.
In Argentinien lag vor der Wahl von Präsident Carlos
Menem im Juli 1989 und seiner wirtschaftlichen
Schocktherapie die Inflationsrate bei über 3.000
Prozent jährlich, teilte Siegan seinen Zuhörern mit.
Nach einer ernsthaft betriebenen Privatisierungskampagne und einer weiteren Zurücknahme der
Regierung von der Kontrolle der Wirtschaft beträgt
die Inflationsrate jetzt ungefähr 8 Prozent und die
jährliche Wachstumsrate ebenfalls 8 Prozent.
Siegan zufolge verkaufte Menem zu einem Zeitpunkt
"sogar die Straßen". Nachdem die staatliche Luftfahrtgesellschaft und andere große Industrien verkauft worden waren, wurden von den 211.000 Kilometern staatlicher Straßen 54.000 asphaltiert oder
ausgebessert und 10.000 Kilometer durch Konzessionen privatisiert. Privatunternehmen müssen die
Straßen instand halten und dürfen Straßenbenutzungsgebühren erheben. Die großen Schlaglöcher
sind verschwunden, ohne die Staatskasse zu belasten."
Die daraus für andere abzuleitende Botschaft ist
Siegan zufolge, daß "Menems Medizin - freie Märkte
- wirkt".

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Seite 2

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AMERIKA DIENST 35

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

14. September 1994

36

USA-DEUTSCHLAND

GORE BETONT AMERIKANISCHES
ENGAGEMENT FÜR DEUTSCHLAND UND
EUROPA
Rede des Vizepräsidenten

DER ABSCHIED

CHRISTOPHER ERINNERT AN DIE BERLINER
LUFTBRÜCKE VON 1948
Ansprache vor dem Luftbrückendenkmal

CHRISTOPHER WÜRDIGT LEISTUNGEN DER
ALLIIERTEN STREITKRÄFTE IN
DEUTSCHLAND
Rede im Berliner Schauspielhaus

BEVÖLKERUNG

KAIRO ERÖRTERT NORD-SÜD-PROBLEME
UND ETHIK-FRAGEN
Überwindung letzter Hindernisse

AMERIKANER FÜR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Die öffentliche Meinung in den USA

NORDKOREA

USA DRINGEN AUF DIALOG ZWISCHEN
NORD- UND SÜDKOREA
Gespräche zwischen Christopher und Han

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSVERBRECHEN

EIN TRIBUNAL FÜR DIE GERECHTIGKEIT
von John Shattuck

AMERIKAS STÄDTE

DER NEW YORKER STADTTEIL HARLEM
von Guy Halverson

�USA-DEUTSCHLAND
14. September 1994

GORE BETONT AMERIKANISCHES ENGAGEMENT
FÜR DEUTSCHLAND UND EUROPA
Rede des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Aus Anlaß des Abzugs der alliierten Truppen aus Deutschland unterstrich
Vizepräsident AI Gore das dauerhafte Engagement der Vereinigten Staaten für Deutschland und Europa. Gore
verwies auf den Verbleib von 100.000 Soldaten in Europa und erinnerte daran, daß sein Land der Sicherheit
und dem Wohlstand Europas unvermindert verpflichtet ist.
Der Vizepräsident sprach am 9. September 1994 über WorldNet, dem Satellitenfernsehsender des USInformationsamts (United States Information Agency - USIA), bei einer Konferenz hochrangiger Vertreter aus
Politik und Wirtschaft in Berlin.

Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Vizepräsidenten in wesentlichen Auszügen.

Ich möchte den Veranstaltern dieser wichtigen
Konferenz sowie den hochrangigen Vertretern aus
Wirtschaft und Politik meinen Dank aussprechen,
insbesondere Bundeskanzler Kohl, den ich sehr
bewundere und für dessen Freundschaft ich außerordentlich dankbar bin. Seine Rede war äußerst
beeindruckend. Ich weiß sein Verständnis dafür zu
schätzen, daß ich nicht persönlich in Berlin anwesend sein kann und bedauere sehr, daß ich nicht bei
dem großen Zapfenstreich gestern abend dabei sein
konnte. Offen gesagt, ich wünschte, das Basketballspiel, bei dem ich mir diese Verletzung zugezogen
habe, wäre verschoben worden.

p

Die Wunder der Technologie - Wunder, die wir
inzwischen als selbstverständlich hinnehmen erlauben es mir, zu Ihnen über Satellit zu sprechen.
Natürlich ist dies kein Ersatz dafür, persönlich bei
diesem besonderen Anlaß anwesend sein zu können. Heute morgen ging die Sonne über einem
neuen Zeitalter der deutschen Geschichte auf.
Gestern sind die alliierten Truppen nach nahezu 50
Jahren abgezogen. Sie kommen also in einem
Berlin zusammen, das wieder sich selbst und
Deutschland gehört. Die Tragweite dieses Augenblicks gebietet uns, innezuhalten und gemeinsam
über seine Bedeutung für Berlin, für Deutschland, für
Europa und das atlantische Bündnis nachzudenken.
Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Der
Abzug unserer Truppen aus Berlin bedeutet nicht,
daß die Vereinigten Staaten in irgendeiner Weise
der Sicherheit und dem Wohlstand Europas und der
strategischen Partnerschaft mit unseren europä-

AMERIKA DIENST 36

ischen Verbündeten weniger verpflichtet sind als zu
Zeiten der Berliner Luftbrücke oder als unsere
Soldaten unerschrocken in die Gewehre der Soldaten
des Warschauer Pakts am Checkpoint Charlie
blickten.
Amerikanische, britische und französische Truppen
haben Berlin gestern von Stolz erfüllt über ihre
beendete Mission verlassen. Sie hinterließen bessere Chancen für ein großartiges Zeitalter des
Friedens als zu jeder anderen Zeit in diesem Jahrhundert. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat
uns nicht eine freundliche neue Weltordnung präsentiert, die man nur annehmen mußte. Dieser Zerfall
hat vielmehr eine Periode tiefgreifender Umgestaltung
bewirkt, aus der entweder die Welt hervorgeht, für
deren Sicherstellung wir so hart gekämpft haben,
oder eine Welt neuer Alpträume. Wir befinden uns
inmitten eines Kampfes zu gewährleisten, daß die
Zukunft gut wird. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin
sicherzustellen, daß der von uns aufzubauende neue
Rahmen eine dauerhafte internationale Ordnung auf
der Grundlage von Demokratie, freien Märkten und
gegenseitiger Sicherheit aufrechterhalten kann.
Das Ausmaß der uns konfrontierenden Probleme ist
proportional zu dem enormen Ausmaß unserer
Chancen. Heute haben wir die Möglichkeit, nicht nur
unsere Streitkräfte abzuspecken, sondern auch unser
Bündnis neu zu definieren und am Ende die Definition der kollektiven militärischen Sicherheit an sich
neu zu formulieren. Gleichzeitig sehen wir uns der
Herausforderung gegenüber, Millionen Menschen in

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�die wirtschaftlichen und politischen Strukturen zu
integrieren, die ihnen bisher verwehrt waren. In
dieser Situation ist es unmöglich, unsere Interessen
zu schützen, wenn wir eine Veränderung unserer
grundlegenden Institutionen ablehnen. Jeder ist sich
bewußt, daß ein mit einer tiefgreifenden Veränderung der Bedrohung konfrontiertes Bündnis - der
Ursache seiner Gründung - entweder eine überzeugende neue Logik definieren muß oder überholt
ist. Jeder weiß, daß auf einen geteilten Kontinent
zugeschnittene wirtschaftliche und politische Organisationen sich jetzt an neue Gegebenheiten anpassen müssen, einschließlich der Aufnahme neuer
Mitglieder, oder sich als Bastion der Privilegien
darstellt.
Wir alle wissen, daß eine Generation junger Menschen, die keine Ziele findet, an die zu glauben es
wert ist, von Zynismus oder rassischem und ethnischem Haß geleitet, auf jeden Fall aber verloren
sein wird. Wir können also nicht so bleiben wie wir
waren. Diese Welt war vertraut, aber sie ist vergangen. Wir sollten ihrem Ende jedoch keinen
Augenblick lang nachtrauern. Die Sicherheiten, auf
die sie gegründet war, hingen letztlich von der
Unterdrückung und dem Leid der Menschen in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ab. Ihre
Befreiung schafft das Potential für etwas Beispielloses. Für die Amerikaner ist es eben die Welt, für die
wir in Europa gekämpft haben - eine demokratische
Welt, die Platz für Vielfalt schafft, in der die Staaten
ihre Beziehungen zueinander durch Verhandlungen
und Arrangements regeln, in denen die Menschen
sicher innerhalb der durch gewohnheitsmäßige
Toleranz geschaffenen und durch das Gesetz
untermauerten Regeln leben. Wir haben uns an
zwei Weltkriegen beteiligt, weil wir an die Möglichkeit
dieser Dinge glaubten. Wir wurden während des
Kalten Krieges ein Pfeiler der europäischen Verteidigung, um diese Möglichkeit zu schützen.
Glauben Sie mir, wir werden unsere Partnerschaft zu
Europa mit unvermindertem Engagement pflegen
und unterstützen, nun, da unsere beste Chance zur
Verwirklichung unserer Hoffnungen gekommen ist.
Der Abzug unserer Streitkräfte aus Berlin ist natürlich nicht das Ende der amerikanischen Präsenz in
Europa oder Deutschland. Präsident Clinton hat
eindeutig klargestellt, daß er 100.000 Soldaten in
Europa stationiert lassen will - den Großteil davon in
Deutschland. Sie besiegeln unser Engagement für
die NATO, sie sind das Symbol für unsere Entschlossenheit zur Unterstützung von Frieden und
Freiheit auf diesem Kontinent, eine Entschlossenheit,
die sich nie verringert hat, seit unsere Soldaten zur
Bekämpfung der Tyrannei im Zweiten Weltkrieg
entsandt wurden.

Seite 2

Obwohl unser Engagement für Europa ebenso wie
das unserer Bündnispartner ungeschmälert ist,
mußten wir die Bedeutung der europäischen Sicherheit an sich im Kontext völlig veränderter Gegebenheiten überdenken. Wo einmal ein mächtiges
gegnerisches Bündnis war, ist heute nichts mehr. Im
Gegenteil, die Staaten Mittel- und Osteuropas sahen
die NATO großenteils als die beste Hoffnung für
militärische Stabilität und Sicherheit in Europa an,
und einige von ihnen haben die Mitgliedschaft in der
NATO buchstäblich an oberste Stelle ihrer Prioritätenliste gesetzt.
Inzwischen erachtet die Russische Föderation,
obwohl ihre Haltung gegenüber der NATO sehr viel
komplexer ist, die NATO nicht länger als Organisation
von Gegnern. Rußland ist der Partnerschaft für den
Frieden beigetreten, und in dieser Woche fanden die
ersten amerikanisch-russischen Militärübungen auf
russischem Boden statt. Wir wollen, daß Rußland die
NATO zunehmend als Partner, nicht als Feind
ansieht. Wir wollen, daß alle Länder die NATO als
Instrument für kontinuierliche Stabilität und Sicherheit
auf dem Kontinent und vielleicht auch als Ressource
zur Bewältigung der Probleme außerhalb des herkömmlichen Rahmens der europäischen Sicherheit
sehen, wie der Friedenssicherung.
Beim NATO-Gipfeltreffen im Januar in Brüssel
entschieden sich die Staats- und Regierungschefs
des Bündnisses zur Erweiterung der Beiträge der
NATO zu diesen neuen Kooperationsmustern in
Europa. Diese erweiterte Kooperation wird viele
Formen annehmen. Die Partnerschaft für den
Frieden und der Nordatlantische Kooperationsrat
(NAKR) sind ein Forum für Konsultationen und
praktische Zusammenarbeit mit 22 Ländern, die zur
Zeit nicht Mitglied des Bündnisses sind. In diesem
Monat werden in Polen die ersten multilateralen
Übungen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden abgehalten. Mehrere Länder haben neben
dem Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden und
zum NAKR bereits ihren Wunsch auf Vollmitgliedschaft im Bündnis zum Ausdruck gebracht. Wir
werden unsere Gespräche über diese wichtige Frage
im Herbst aufnehmen.
Obwohl ich keinen Zeitplan für die Erweiterung der
NATO anbieten kann - diese Angelegenheit muß erst
in der NATO entschieden werden - möchte ich Sie an
Präsident Clintons Worte in Warschau vor wenigen
Monaten erinnern. Die Aufnahme neuer Mitglieder in
die NATO ist nicht länger eine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Die Erweiterung der NATO,
wenn sie vorgenommen wird, ist sogar für die Länder
von Nutzen, die nicht als erste beitreten werden. Ich
möchte betonen, daß die erweiterte NATO-Mitgliedschaft insbesondere die Sicherheit aller europäischen

AMERIKA DIENST 36

�Nationen verbessern wird - der neuen NATO-Mitglieder, der alten und der Nichtmitglieder gleichermaßen.
Instabilität in Zentraleuropa, der Ursprungsregion
europäischer Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht.
Aus diesem Grund sollte Stabilität in Zentraleuropa ein entscheidendes Ziel der erweiterten NATO nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion, sondern als wichtige Komponente der
regionalen Sicherheit angesehen werden. Daher
wird die Erweiterung der NATO ein transparenter
Prozeß sein, begleitet von umfassenden Konsultationen mit allen interessierten Parteien und ohne
Überraschungen.
Seit Beginn des westlichen
Bündnisses haben die Vereinigten Staaten die
Bedeutung des Aufbaus von Friedensstrukturen auf
der Grundlage der europäischen Einheit unterstrichen. Wir waren stets der Auffassung, daß Europa
am besten durch Integration und Einheit prosperieren könnte und würde. Die Europäische Union ist
unabdingbar für die Außenpolitik eines demokratischen Europa, ebenso wie für die wirtschaftliche
Kooperation. Wir begrüßen den Wunsch der europäischen Union, im kommenden Jahr vier neue
Mitglieder aufzunehmen. Wir hoffen, daß sich alle
vier für den Beitritt entscheiden und auch andere
folgen werden.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa hat mehr als zwei Jahrzehnte lang bei
dem Bemühen um europäische Sicherheit eine
Sonderrolle gespielt. Anstatt Verträge abzuschließen
und Organisationspläne aufzustellen, begann die
KSZE ihre Arbeit mit einer ausführlichen Erklärung
zu den Werten der westlichen Zivilisation, den
Grundsätzen zwischenstaatlicher Beziehungen sowie
der Behandlung des einzelnen durch die Regierung.
Wie in der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr
1975 formuliert, umfassen diese Grundsätze den
Verzicht auf die Androhung oder den Einsatz von
Gewalt, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die
territoriale Integrität der Staaten, die friedliche
Beilegung von Streitigkeiten, Nichteinmischung in
innere Angelegenheiten, Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der
Meinungs-, Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit. Die KSZE muß weiterhin Betonung auf die
Werte legen - sie definieren, kritisieren, testen,
lehren - wenn sie ihre Sonderrolle beibehalten will.
Als ich meine heutige Rede vorbereitete, war ich
beeindruckt von den Bildern zweier Städte, von
denen jede ein Symbol für das vergangene europäische Zeitalter der Konfrontation ist - Berlin und
Sarajevo. In Berlin herrscht, nachdem die dort
gekreuzten Schwerter jahrelang Schlagzeilen mach-

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ten, endlich Frieden. Sarajevo ist, nachdem es
jahrelang unbekannt und friedlich war, jetzt in Aufruhr. Eine 80 Jahre währende Konfrontation in
Europa hat gezeigt, daß die Menschheit technologische Fertigkeiten, einschließlich der Mittel zur Herstellung von immer zerstörerischeren Waffen, von
Generation zu Generation weitergeben kann. Jetzt
müssen wir von der Fremdenfeindlichkeit, den
Konflikten und Leiden in Europa während dieser 80
Jahre lernen, dauerhafte Gewohnheiten der Zusammenarbeit und des Friedens weiterzugeben.
Bosnien zeigt uns, wieviel Macht die Ideologien von
Haß und Angst noch haben, und wie gefährlich diese
Macht für den Frieden ist - nicht nur für einen bestimmten Teil Europas, sondern für Europa als
Ganzes. Es ist ein Warnsignal für jedes Land in
Osteuropa, da in jedem dieser Länder ethnische
Minderheiten leben. Wenn der Konflikt nicht gelöst
wird, stellt er eine fortgesetzte Bedrohung für Frieden
und Stabilität in der Region dar. Wenn er jedoch
nicht auf eine Art und Weise beigelegt wird, die im
Einklang mit den unseres Erachtens in Europa
anzuwendenden allgemeinen Grundsätzen steht, ist
der Frieden vielleicht nicht mehr als eine Pause vor
einem erneuten und erweiterten Konflikt.
Während Sarajevo die Macht der Ideologien von Haß
und Angst zeigt, demonstrieren die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands sowie die Ausbreitung
der Demokratie in Osteuropa und der ehemaligen
Sowjetunion, daß keine Regierung auf Dauer ihre
Bürger unterdrücken, einschüchtern und zu Schweigen und Unterwürfigkeit zwingen kann. Heute ist
Deutschland frei von der Bedrohung von außen, die
die Haltung und Aktionen des Landes gegenüber
seinen Nachbarn stark beeinflußte. Der Erfolg des
Engagements der Alliierten für Berlin und für die
demokratische Entwicklung in ganz Europa bedeutet,
daß Deutschland erstmals in der neueren Geschichte
von Freunden umgeben ist anstatt von Ländern, die
für Gegner gehalten werden. Deutschland und seine
Nachbarn sind geeint in ihrer Unterstützung von
Freiheit, Gerechtigkeit, freien Märkten und Demokratie.

All dies unterstreicht eindeutig eine zentrale Tatsache: Europa prüft die Behauptung, die Nationen
müßten nicht auf immer an ihre Vergangenheit
gebunden und im Bann der Anziehungskraft alter
Feindseligkeiten und Denkweisen sein. Vielmehr
können sich die Nationen von den alten Konfliktmustern befreien, um in neuen Formen der Zusammenarbeit sowie einer neuen, klaren Vision ihrer wahren
Aufgaben ein höheres Geschick zu finden. Wie Sie
wissen, bin ich fest davon überzeugt, daß ein Teil
dieses übergeordneten Geschicks darin liegt, die
Pflichten zu akzeptieren und zu erfüllen, die diese

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�Generation ihren Nachfahren im Hinblick auf die
weltweite Umweltkrise schuldet - eine Frage, bei der
Bundeskanzler Kohl weltweit eine wertvolle Führungsrolle übernommen hat. Der Zufall will es, daß
gerade diese Woche in Kairo bei der Konferenz der
Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung Fragen erörtert werden, die für die Zukunft der
Welt von fundamentaler Bedeutung sind.
Die
einzelnen europäischen Nationen sowie die Europäische Union leisteten einen entscheidenden Beitrag
zur intellektuellen Tragfähigkeit und politischen
Effektivität dieser Konferenz. Europa muß eine
bedeutende Rolle bei unseren gemeinsamen Bestrebungen spielen, die möglicherweise katastrophalen
Konsequenzen eines radikalen Wandels in den
Beziehungen zwischen der Menschheit und dem
Ökosystem der Erde zu beheben, einem Wandel,
der durch das schnelle Bevölkerungswachstum, die
Entwicklung extrem wirkungsvoller neuer Technologien sowie - am wichtigsten - dem Unwillen vieler
verursacht wurde, die Auswirkungen der von uns
getroffenen Entscheidungen zu akzeptieren.
Um diese neue Art von Problemen zu lösen, müssen
wir eine Entscheidung für den Frieden und gegen
den Krieg treffen, für umweltverträgliche Entwicklung
und gegen Armut und Verzweiflung. Es gibt guten
Grund zur Zuversicht, daß wir Erfolg haben können.
Heute strebt ganz Europa nach demokratischen
Regierungen und freier Marktwirtschaft - ein auf
diesem Kontinent einmaliger Vorgang. Berlin und
das demokratische und vereinigte Deutschland,
dessen Hauptstadt es wieder ist, liegen im Mittelpunkt dieser neuen, hoffnungsvollen Ära. Deutschlands stabile Grundlage in Europa und dem atlantischen Bündnis ist ein wichtiger Ausgangspunkt für
eine noch produktivere internationale Rolle dieses
Landes. Deutschland ist zum Motor des europäischen Integrationsprozesses geworden.
Die
deutsch-französische Freundschaft, die enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Großbritannien und die Beziehungen Deutschlands zu
ganz Europa werden jetzt fest verankert. Dieses
Engagement hat starke Einheit und Zusammenarbeit
hervorgebracht, die strategische Stabilität in Westeuropa sicherstellt und hoffentlich das übrige Europa
- insbesondere Zentraleuropa - inspiriert.
Aus
diesem Grund sind die deutsch-amerikanischen
Beziehungen von so überragender Bedeutung, und
aus diesem Grund sind die heutigen Gespräche
zwischen Amerikanern und Deutschen so wichtig.
Sicherheit, politische und wirtschaftliche Freiheit sind
von entscheidender Bedeutung für die Zukunft'
Europas in Selbstbestimmung. Wir müssen uns
jedoch bewußt sein, daß ihr Schutz von unserer
Fähigkeit abhängt, die sich bietenden Chancen für
die Verbesserung des Lebens der Bürger zu nutzen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die neuen

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Demokratien müssen unter Beweis stellen, daß sie
ihren Bürgern ein besseres Leben bieten können.
Obwohl Regierungen bei diesem Prozeß von Bedeutung sind, stellen Privatinvestitionen die wichtigste
Voraussetzung umweltverträglicher Wirtschaftsentwicklung dar, denn durch sie wird das für Wohlstand
erforderliche inländische und ausländische Kapital
bereitgestellt. Als Wirtschaftsvertreter sind Sie in
diesem Prozeß die Akteure. Innen- und Außenpolitik
sind eine Ergänzung privater Interessen bei Wirtschaft, Handel und Investitionen. Unsere Bestrebungen zur Integration der neugeschaffenen nationalen
Märkte Europas in das Weltwirtschaftssystem sowie
die Notwendigkeit, unsere eigene Wirtschaftsentwicklung voranzutreiben, werden nur solange von Erfolg
gekrönt sein, wie Kapital produktiv eingesetzt wird.
Aus dieser Perspektive sind die hochrangigen deutschen und amerikanischen Wirtschaftsvertreter nur
aus einem zwingenden Grund in Berlin: In diesem
vielversprechenden und kühnen neuen Zeitalter ist
die Wirtschaft für die Sicherheit aller in gewisser
Hinsicht ebenso wichtig wie die Regierung.
Bei dem Streben nach Frieden und Freiheit sind
Handel und Investitionen die neuen Grenzen und die
deutsch-amerikanischen Wirtschaftspartner die
Pioniere, die diese neuen Grenzen erforschen und
erweitem. Die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen gedeihen. Amerikanische Unternehmen
in Deutschland beschäftigen 600.000 Arbeitnehmer.
In den Vereinigten Staaten arbeiten bereits 500.000
Menschen bei deutschen Unternehmen. Deutsche
Guthaben in Amerika und amerikanische Guthaben in
Deutschland werden jeweils auf über 25 Milliarden
Dollar geschätzt.
So bemerkenswert diese Zahlen sind - unsere
Partnerschaft geht darüber hinaus. Ich bin stolz
darauf sagen zu können, daß wir die Amerikanische
Akademie zu Berlin gründen, was morgen offiziell
bekanntgegeben wird.
Dieses privat finanzierte
Unternehmen wird die Tradition der über 300jährigen
deutsch-amerikanischen Freundschaft fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten stehen für eine Zukunft, die auf
der Unabhängigkeit der Nationen und der Würde des
Menschen basiert. Das war der Hauptgrund für die
Anwesenheit der alliierten Streitkräfte in Berlin. Als
sie 1945 kamen, erwartete niemand, daß sie nahezu
ein halbes Jahrhundert bleiben würdem. Da Berlin
jedoch so oft das ideologische Schlachtfeld des
Kalten Krieges war, blieben die Amerikaner und ihre
Verbündeten dort. Wir waren 1948 zur Stelle und
versorgten durch die großangelegte Luftbrücke die
Berliner Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, als Stalin
die Westalliierten durch die Blockade aus der Stadt
zu verdrängen suchte. Wir waren 1961 zur Stelle,
um zu zeigen, daß Demokratie und der Wille des

AMERIKA DIENST 36

�Volkes jede Mauer, ungeachtet ihrer Größe, umgehen können. Wir waren 1987 zur Stelle, als Präsident Reagan forderte, die Mauer niederzureißen.
Und wir waren zur Stelle, als die Mauer endlich fiel.
Gestern verließen unsere Soldaten Berlin. Aber um
mit den vor drei Jahrzehnten geäußerten Worten
eines jungen Präsidenten zu sprechen, sind wir alle

immer noch Berliner. Unser Engagement bleibt so
stark wie zuvor. Und ich wiederhole heute die Worte
eines anderen jungen Präsidenten, der dieses Jahr in
Berlin erklärte: "Amerika steht an Ihrer Seite -jetzt
und für immer!"
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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Seite 5

�DER

ABSCHIED
14. September 1994

CHRISTOPHER ERINNERT AN DIE
BERLINER LUFTBRÜCKE VON 1948
Ansprache vor dem Luftbrückendenkmal
WASHINGTON - (AD) - Am 8. September 1994 würdigte US-Außenminister Christopher in einer Ansprache
vor dem Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof die Berliner Luftbrücke und die dadurch geschmiedeten
Bande zwischen Amerikanern und Deutschen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Außenministers im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, heute hier sein zu
dürfen. Wir sind zusammengekommen, um die
Berliner Luftbrücke zu würdigen, unsere Erinnerungen an dieses großartige Ereignis auszutauschen
und uns erneut seinem Geist zu verschreiben.
Wir alle kennen die Geschichte der Berliner Luftbrücke. Im Frühjahr 1948 begann Stalin seine
Kampagne, die Alliierten aus Berlin zu verdrängen.
Er wollte die Stadt unter kommunistische Kontrolle
bringen, indem er den Willen ihrer Bewohner zu
brechen versuchte. Am 24. Juni 1948 verhängte er
eine Blockade gegen Berlin.
Stalin hatte jedoch den Willen der Berliner, sich der
Einschüchterung zu widersetzen, sowie die Entschlossenheit der Alliierten, ihnen beizustehen,
unterschätzt. Am 25. Juni bat der amerikanische
General Lucius Clay den Bürgermeister von Berlin,
Ernst Reuter, in sein Büro. Zum Erstaunen aller
Anwesenden unterbreitete er den Vorschlag, die
Stadt durch die Luft mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Antwort des Bürgermeisters war eindeutig: Berlin war bereit, um der Freiheit willen
Opfer zu bringen.
Diese beiden mutigen führenden Persönlichkeiten
waren sich bewußt, was auf dem Spiel stand.
Andernorts waren die Meinungen jedoch geteilt. In
Washington empfahlen hochrangige Regierungsberater Vorsicht und Zurückhaltung. Die einzigen,
der amerikanischen Luftwaffe in Europa zur Verfügung stehenden Transportflugzeuge waren zweimotorige C-47, als "Gooney Birds" bekannte Maschinen, von denen wenige glaubten, sie könnten diese
Leistung erbringen. Präsident Truman verstand
jedoch ebenso wie Reuter und Clay die Bedeutung
dieser Aktion. Seiner Meinung nach würde die

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Luftbrücke funktionieren, weil sie erforderlich war. Er
gab die Anweisung zu ihrer großangelegten Durchführung.
Innerhalb weniger Tage kamen neue Flugzeuge aus
Alaska, Hawaii und der Karibik an, um sich an
diesem heroischen Unterfangen zu beteiligen. Mit
Hilfe der britischen Luftwaffe waren Hunderte von
Flugzeugen rund um die Uhr im Einsatz. Ihr allgegenwärtiges Dröhnen wurde Teil des täglichen
Lebens, eine Erinnerung daran, daß Berlin nicht allein
gelassen wurde. Tausende von Arbeitern - Alliierte
und Deutsche - unterstützten die Luftbrücke am
Boden. Als sich die beiden Flughäfen als unzureichend erwiesen, sprangen Berliner aus allen Lebensbereichen ein, um den Bau eines dritten Flughafens
zu beschleunigen. Arbeiter, Wissenschaftler, Lehrer
und Hausfrauen stellten den Flughafen Tegel zwei
Monate früher als geplant fertig.
Die technische Leistung der Luftbrücke war gewaltig.
Am 16. April 1949 wurde durch die "Osterparade", die
einen Rekord darstellte, genug Kohle bereitgestellt,
um 600 Eisenbahnwaggons zu füllen. Während der
gesamten Dauer der Luftbrücke wurden über zwei
Millionen Tonnen an Versorgungsgütern nach Berlin
transportiert.
Ebenso beeindruckend waren in den Augen der Welt
jedoch auch der Mut und die Widerstandskraft der
Berliner, die Hunger, Kälte und Dunkelheit trotzten,
um der Freiheit zum Sieg zu verhelfen.
Durch diese gemeinsam ertragenen Zeiten der Not
und des Triumphs regte die Berliner Luftbrücke den
Versöhnungsprozeß zwischen dem deutschen und
dem amerikanischen Volk an. Die Partnerschaft
zwischen den Alliierten und den Berlinern war nicht

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�nur auf den Flugplätzen sichtbar, sondern auch bei
zahllosen Gesten der Solidarität. Trotz der Entbehrungen gaben die Berliner den Piloten das Beste,
was sie hatten: Bücher, Feuerzeuge, Blumen und
Gebete. Und dieses ehrwürdige Denkmal zeugt
davon, daß die Piloten den Berlinern ihr Bestes
gaben.
Anfang 1952 fragte eine Berliner Zeitung ihre Leser:
"Woran erinnern Sie sich im Zusammenhang mit der
Luftbrücke?" Hunderte eingegangener Antworten
erzählen eine inhaltsreiche und ergreifende Geschichte. Viele erinnerten sich an die Großartigkeit
der Luftbrücke, das Donnergetöse der Maschinen,
die "Symphonie der Freiheit" am Himmel. Anderen
zufolge "sprachen" die Flugzeuge zu den Menschen
am Boden, die dröhnenden Maschinen "sprachen"
von Hoffnung und Beistand. Kinder hatten nicht die
winzigen Fallschirme vergessen, die mit Süßigkeiten
auf die Erde niedergingen - das Geschenk eines
Leutnants der Luftwaffe. Und viele Berliner erwähnten das neuentstandene Gefühl der Verbundenheit
mit den Alliierten.
Eine Fünfzehnjährige schrieb über die bei der
Luftbrücke Umgekommenen: "Ihr Opfer erinnert uns
daran, daß es auf dieser Welt Dinge gibt, die größer
sind als nationaler Egoismus, nämlich Menschlichkeit
und das Leben aller Menschen in Würde."

Als Bürgermeister Reuter am Ende der Blockade
General Clay seinen Dank aussprach, bekannte er
sich zu dieser gemeinsamen Sache: "Sie sind nicht
mehr als Feinde, sondern als Freunde zu uns gekommen", erklärte er. "Die Erfahrung dieser Monate hat
uns enger an Ihr Volk gebunden und Ihr Volk stärker
an uns. Das Denkmal, das wir ihm zu Ehren bauen,
wird bescheiden sein, aber es wird ein Denkmal für
den Frieden und nicht zur Verherrlichung der Leistungen im Krieg sein."
Amerikaner erinnern die Luftbrücke als die Brücke,
die uns als gleichgesinnte Nationen verband, die
bereit waren, der Tyrannei die Stirn zu bieten und die
mit der Verteidigung der Freiheit einhergehenden
Härten zu erdulden. Dieses Vermächtnis überdauerte
die Luftbrücke, die Teilung Deutschlands und schließlich den Kalten Krieg.
Freiheitsliebe und Menschenwürde sind keine nationalen Charakteristika, sondern der ganzen Menschheit eigen. Wir müssen den bei der Luftbrücke
gezeigten Geist der Entschlossenheit aufrechterhalten, während wir an der Überwindung alter Trennungen in Europa arbeiten und ehemalige Gegner in die
transatlantische Interessen- und Wertegemeinschaft
einbinden. Wir haben eindeutig Fortschritte erzielt,
aber es bleibt noch viel zu tun. Unsere auf den
Tragflächen der Luftbrücke geborene Partnerschaft
wird uns nicht scheitern lassen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 36

�DER

ABSCHIED
14. September 1994

CHRISTOPHER WÜRDIGT LEISTUNGEN DER
ALLIIERTEN STREITKRÄFTE IN DEUTSCHLAND
Rede im Berliner Schauspielhaus
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher hob am 8. September 1994 den von den
Streitkräften der Alliierten in Deutschland geleisteten Beitrag hervor.
Bei dem offiziellen Festakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß der Verabschiedung der alliierten Truppen
betonte er jedoch auch die Notwendigkeit, sich den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas zu
öffnen und in den dortigen jungen Demokratien Freiheit und Stabilität zu fördern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Christopher im Schauspielhaus gehaltene Rede im Wortlaut.
Es ist für mich eine große Ehre, Präsident Clinton
und die Vereinigten Staaten bei diesem historischen
und freudigen Ereignis vertreten zu dürfen.

Bundeskanzler eine Botschaft zu übermitteln. Gestatten Sie mir, aus seinem Brief an den Kanzler zu
zitieren:

Ich bin hier, um gemeinsam mit Ihnen die alliierten

"Nahezu 45 Jahre lang dienten unsere alliierten
Streitkräfte an den Frontlinien der Demokratie mit
der Entschlossenheit, für Europa eine Zukunft in
Sicherheit und Wohlstand innerhalb freier und
offener Gesellschaften sicherzustellen. Obwohl
seit dem wunderbaren Moment, als die Europa
spaltende Mauer fiel, immer mehr Zeit verstreicht,
dürfen wir nicht vergessen, was die alliierten
Streitkräfte für uns und unsere Kinder getan
haben. Sie waren die Garanten der Freiheit in
Europa. Sie verdienen unseren Dank."

Streitkräfte der Berlin Brigade zu ehren, die in dieser
Stadt während ihrer Teilung und Bedrohung Wache
standen. Nahezu ein halbes Jahrhundert lang
bildeten die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und Deutschland in Berlin eine besondere
Einheit. Gemeinsam bewahrten wir dort, auf diesem
Testgelände westlicher Entschlossenheit, die Freiheit
- wohl wissend, daß unser Mißerfolg dort die Freiheit
überall gefährden würde.
Vor 45 Jahren ging Amerika die Verpflichtung ein,
gemeinsam mit Ihnen den Widrigkeiten zu trotzen.
Vier Jahrzehnte lang hielten wir unter Administrationen der Demokraten und Republikaner gleichermaßen dieses Versprechen. Auch heute bleibt unser
Engagement für ein stabiles, sicheres und wohlhabendes Europa unvermindert. Selbst nach Abzug
unserer Truppen aus Berlin bleiben 100.000 amerikanische Soldaten in Europa.
Als Präsident Clinton dieser Stadt vor zwei Monaten
einen Besuch abstattete, sprach er von seiner Vision
eines integrierten Europa, in dem unsere Sicherheit
"auf dem Aufbau von Brücken, nicht von Mauern
beruht". Der Präsident bekräftigte das Engagement
Amerikas, das Beispiel Berlin als Grundlage dieser
Vision anzusehen und bat mich, Ihnen und dem

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Im Namen des amerikanischen Volkes möchte ich
auch die Berliner ehren, deren Durchhaltevermögen
und Mut diejenigen inspirierte, die sich für die Freiheit
auf der ganzen Welt einsetzten. Und ich möchte
heute den Millionen von Europäern in Leipzig, Dresden und zahllosen Städten und Dörfern in Ostdeutschland meine Hochachtung bezeigen, deren
beharrlicher Ruf "Wir sind das Volk" zum Fall der
grausamen Berliner Mauer beitrug.
Die Amerikaner wissen: Als Sie Ihre Freiheit erlangten, halfen Sie, unsere zu festigen. Wenn wir nicht
länger einen Dritten Weltkrieg fürchten, wenn wir ein
nicht länger von Unterdrückung oder Konflikten
zerrissenes Europa für möglich halten, dann ver-

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�danken wir das Ihrem Kampf sowie dem Ihrer Nachbarn in Gdansk, Vilnius und Prag.
Einst befahlen die kommunistischen Diktatoren
Europas ihren Bürgern, die Vergangenheit zu vergessen. Jetzt sind wir hier zusammengekommen,
um ihrer zu gedenken. Wir erinnern das Heldentum
und die Entschlossenheit zu Zeiten der Berliner Luftbrücke. Wir denken an die Berliner, die auf den
Trümmern des Krieges eine demokratische und
prosperierende Gesellschaft aufbauten.
Wir erinnern uns auch noch gut an die Tragödien.
Wir erinnern uns, wie die Mauer anwuchs - von einer
Reihe bewaffneter Männer und Stacheldraht zu einer
häßlichen Zementsperre, die Familien, eine Nation
und einen Kontinent teilte. Wir erinnern uns an das
erste Opfer, Rudolf Urban, der bei dem Versuch, in
die Freiheit zu gelangen, ums Leben kam - und wir
erinnern uns an das letzte Opfer, einen 20jährigen
Deutschen namens Chris Gueffroy. Diese Erinnerungen werden nicht verblassen.
Zu einem früheren Zeitpunkt war das Unglück
Berlins das Symbol für das Unglück Europas. Heute
ist die Stadt das Symbol für die sich Europa eröffnenden neuen Möglichkeiten. Wir sind hier Zeuge,
wie die aus der Zeit des Kalten Krieges stammende
Spaltung überwunden wurde. Und das geschieht
nicht nur hier: Vergangene Woche hielten amerikanische und russische Soldaten ihre ersten gemeinsamen Manöver auf russischem Boden ab. Und die
russischen Truppen sind aus den baltischen Staaten
abgezogen - ein Ziel, für das sich die Vereinigten
Staaten seit vielen Jahren eingesetzt haben.
Wir sind dankbar, daß wir jetzt in weniger gefährlichen Zeiten leben. Wir haben die wichtigste
Bedrohung unserer Freiheit überwunden. Als
Ergebnis unserer gemeinsamen Bestrebungen
brauchen diese Truppen in dieser Stadt nicht länger
unsere Sicherheit und unseren Wohlstand verteidigen. Wir haben jedoch noch große Pflichten. Was
uns hier beschert wurde, muß jetzt nach Osten
weitergetragen werden - zu den jungen Demokratien, die sich von 50 Jahren Diktatur und wirtschaftlichem Ruin erholen.
Während der vergangenen 50 Jahre haben mein
Land und Ihre Länder am Aufbau zahlreicher
Institutionen mitgewirkt, die unsere Sicherheit und

wirtschaftliche Stärke bewahrten: die NATO, das
GATT, die OECD und schließlich die Europäische
Union. Diese Institutionen trugen in Westeuropa zur
Schaffung der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen bei, unter denen freie Institutionen prosperieren können. Sie verliehen dem gemeinsamen
Unternehmen aller westlichen Demokratien - der
Förderung von Frieden und weltweitem Wirtschaftswachstum - Struktur, Legitimität und Stärke.
Unsere Aufgabe ist die Stärkung dieser grundlegenden Institutionen und ihre Öffnung für die neuen
demokratischen Nationen Mittel- und Osteuropas
sowie der ehemaligen Sowjetunion. Diesen Prozeß
haben wir mit der Partnerschaft für den Frieden, der
Uruguay-Runde des GATT und den neuen Partnerschaftsabkommen der Europäischen Union begonnen. Dies ist der beste Weg sicherzustellen, daß die
von uns während dieser Jahre genossene Stabilität
auch in einem erweiterten Europa Bestand hat.
Damit können wir gewährleisten, daß das von unseren Vorgängern - der Generation von Truman,
Churchill, Monnet und Adenauer - begonnene Werk
fortgesetzt wird.
Es erfordert Zeit, Institutionen wie die NATO und die
Europäische Union neuen Erfordernissen anzupassen
und gleichzeitig ihre Effektivität zu bewahren. Wir
müssen sichergehen können, daß unsere neuen
Partner die Fähigkeit zur Erfüllung der mit ihrer
Aufnahme einhergehenden Pflichten haben.
Gleichzeitig dürfen unsere Institutionen und Bestrebungen nicht an den veralteten Grenzen des Kalten
Krieges haltmachen. Es liegt nicht in unserem
Interesse, wenn irgendeine Nation in Europa isoliert
ist, denn Isolation ist die Brutstätte für Instabilität und Instabilität, nicht Invasion, ist die größte verbleibende Bedrohung der europäischen Sicherheit.
Aus diesem Grund müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um unseren ehemaligen
Gegnern zu helfen, in sicherheits- und handelspolitischer Hinsicht verläßliche Partner zu werden.
Wir müssen dem Ideal eine neue Bedeutung geben,
das die Architekten der europäischen Integration
inspirierte: In einem ungeteilten Europa darf es
überhaupt keine Mauern geben.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 36

�BEVÖLKERUNG
14. September 1994

KAIRO ERÖRTERT NORD-SÜD-PROBLEME
UND ETHIK-FRAGEN
Überwindung letzter Hindernisse
KAIRO - (AD) - Einige der wenigen Fragen, die bei
der Konferenz der Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung die Industriestaaten von den
Entwicklungsländern trennten, wurden in letzter
Minute durch einen geschickten Kompromiß gelöst.

unter Einbeziehung Algeriens als Vertreter der
Entwicklungsländer am 10. September zusammen
und legte einen Kompromiß vor.

Die Übereinkünfte über diese und andere ausstehende Angelegenheiten wurden am 12. September 1994
von einem aus Vertretern von 180 Ländern bestehenden Ausschuß angenommen.

Dieser besagte, daß die Staaten "die lebenswichtige
Bedeutung der Familienzusammenführung" anerkennen sollten, indem sie Gesetze verabschiedeten, die
legalen Wanderarbeitern das Mitbringen ihrer Familien gestatten. Einer Vielzahl von Entwicklungsländern reichte das jedoch nicht aus.

Es wird daher erwartet, daß die von den Vereinten
Nationen innerhalb von 20 Jahren veranstaltete dritte
Bevölkerungskonferenz die Arbeit des Ausschusses
offiziell billigt und sich termingerecht am 13. September, acht Tage nach Aufnahme ihrer Arbeit, vertagt.

Die Delegierten machten am Sonntag, den 11.
September einen Tag Pause. Als sie am Tag darauf
zusammenkamen, unterbreiteten Simbabwe und
Australien einen anderen Kompromißvorschlag, dem
die Vereinigten Staaten sofort zustimmten.

Die wichtigste, Industriestaaten und Entwicklungsländer spaltende Frage, lautete, ob Wanderarbeiter
ein grundlegendes "Recht" darauf haben, ihre
"Familie" in ihre Wahlheimat zu bringen.

Dieser Vorschlag stellt eine Ergänzung des vorigen
Kompromisses dar, da er sich auf einen Absatz der
Konvention über die Rechte des Kindes bezieht, der
jungen Menschen das Recht auf Zusammenführung
mit ihren Eltern einräumt.

Die Türkei war eines der führenden Entwicklungsländer, das die Verwendung des Begriffs "Recht"
forderte. Obwohl das von der Konferenz aufgestellte
"Aktionsprogramm" kein Vertrag und daher juristisch
nicht bindend ist, könnte dieser Terminus einen
Präzedenzfall schaffen, auf den Länder mit einer
großen Zahl von Emigranten bauen könnten.
Die zwölf Mitgliedstaaten der Europäischen Union,
die Vereinigten Staaten, Kanada und andere Industriestaaten vertraten die Ansicht, die Regierungen
des Gastlandes sollten das "Prinzip" der Familienzusammenführung anerkennen.
Als die Frage der Familienzusammenführung zu
Beginn der Konferenz erstmals auftauchte, konnte
hierüber keine Einigung erzielt werden, und die
Diskussion wurde vom 5. auf den 8. September
verschoben. Als eine Einigung immer noch in weiter
Ferne zu liegen schien, traf ein kleiner Ausschuß

AMERIKA DIENST 36

Dieser Kompromißvorschlag wurde schließlich von
der Arbeitsgruppe angenommen und dem Hauptausschuß der Konferenz übermittelt. "Der Unterausschuß gab seine Zustimmung, es bleibt jedoch
abzuwarten, was der Hauptausschuß unternehmen
wird", so ein Vertreter Australiens über den Ausschuß, in dem jede Delegation vertreten ist.
Der Hauptausschuß nahm tatsächlich vor Annahme
der Sprachregelung einige Ergänzungen vor, die
keine substantiellen Auswirkungen hatten.
Von Anfang an vermied die Konferenz jedoch eine
Definition des Begriffs "Familie", um einen noch
größeren Kampf darüber zu verhindern, welchen
Verwandten welche "Rechte" zustehen.
Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge schließt
das amerikanische Einwanderungsgesetz eine

Seite 1

�umfassende Definition der Familienzusammenführungsrechte aus, aber die Regierung hat sich zur
Familienzusammenführung verpflichtet.
Aus diesem Grund befürworteten die amerikanischen
Regierungsvertreter den Begriff "Prinzip" statt des
Begriffs "Recht" und verwiesen darauf, daß Einwanderer in die Vereinigten Staaten ihre Ehefrauen
und Kinder mitbringen können. Darüber hinaus
wurden 1993 über 530.000 Einwanderer aufgrund
familiärer Bande zu amerikanischen Staatsbürgern
und Bürgern mit ständiger Aufenthaltsgenehmigung
aufgenommen.
Die Frage der "Ethik" wurde erneut vom Vatikan und
seiner Handvoll Anhänger unter den streng römischkatholischen Ländern angeschnitten. Das Ergebnis
der diplomatischen Offensive ähnelte dieses Mal
jedoch stark derjenigen in der vergangenen Woche
im Hinblick auf die Sprachregelung zum Schwangerschaftsabbruch: Änderung' der Formulierungen,
inhaltlich jedoch praktisch unverändert.
"Dem Vatikan wurden alle möglichen Konzessionen
gemacht", erklärte Nicolaas Biegman, der Ständige
Vertreter der Niederlande bei den Vereinten Nationen und Stellvertretender Vorsitzender des Hauptausschusses bei einer Pressekonferenz am 12.
September 1994.
"Ich glaube nicht ... daß sie den Geist des Dokuments verändern konnten. Das Dokument legt
Betonung auf die Entscheidungsfreiheit des einzelnen sowie das Recht von Paaren und Einzelpersonen auf die Entscheidung über die Anzahl der
gewünschten Kinder und den Zeitpunkt der Geburt",
so Biegman.
Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz stellte er
fest: "Die Frauenbewegung könnte diesem Dokument eine ziemlich gute Note geben."
Biegman räumte bereitwillig ein, daß Doppeldeutigkeiten und unpräzise Formulierungen zu den angewandten Techniken gehörten, damit der Geist des
Dokuments erhalten blieb und gleichzeitig das
vorgeschlagene "Aktionsprogramm" abgeschwächt
wurde, um es dem Vatikan schmackhafter zu machen.

Seite 2

Er führte folgendes Beispiel an: Die Delegierten des
Vatikans fragten wiederholt, was unter der Formulierung "Fruchtbarkeitsregulierung" in Kapitel 7 des
Aktionsprogrammentwurfs zu verstehen sei, der in
den drei Jahren vor der Kairoer Konferenz ausgehandelt worden war. Der Entwurf stellte beispielsweise fest, daß Männer und Frauen das Recht auf
Zugang zu finanzierbaren Fruchtbarkeitsregulierungsmethoden haben. Dieser Satz könnte Schwangerschaftsabbruch beinhalten, so die Argumentation
des Vatikans.
Bei dem Versuch, einen Kompromiß zu erzielen,
entschied sich die Mehrheit der Delegierten, die
Formulierung "Fruchtbarkeitsregulierung" durch "die
Regulierung der Fruchtbarkeit" zu ersetzen, erläuterte
Biegman. Seiner Ansicht nach bestehe kein Unterschied in der Bedeutung der beiden Formulierungen.
Und was ist die Bedeutung?, so die rhetorische
Frage. "Was immer Sie wollen."
Auf die Frage eines Journalisten, ob er damit zum
Ausdruck bringen wolle, die Konferenz "umgeht
dieses Problem, indem sie bewußt einen doppeldeutigen Begriff verwendet", antwortete er mit Ja.
Die Reaktion des Vatikans auf die geänderte Sprachregelung wurde nicht unmittelbar bekannt.
Obwohl der Vatikan zahlenmäßig wenige Anhänger
hatte und bei dieser Frage leicht hätte überstimmt
werden können, haben Vertreter der Vereinigten
Staaten und der Vereinten Nationen erklärt, daß
große internationale Konferenzen traditionell versuchen, einen Konsens zu erzielen. Jeder Konferenzteilnehmer, der mit dem Endergebnis nicht
einverstanden ist, könnte seine Unterschrift unter das
Aktionsprogramm verweigern oder es mit Vorbehalten
unterschreiben.
Der Vatikan verweigerte seine Unterschrift unter das
Bevölkerungsprogramm der Konferenzen von 1974
und 1984.
Nachdem die wichtigsten strittigen Punkte gelöst
waren, arbeiteten die Delegierten am 12. September
bis spät abends, um das Aktionsprogramm fertigzustellen.

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�BEVÖLKERUNG
14. September 1994

AMERIKANER FÜR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Die öffentliche Meinung in den USA
WASHINGTON - (AD) - Eine von Time-CNN am Vorabend der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung durchgeführte Meinungsumfrage ermittelte erste Angaben über die Sichtweise der Amerikaner zu
Bevölkerungsfragen.
Obwohl 55 Prozent der Amerikaner zusätzliche Ausgaben der Vereinigten Staaten zur Eindämmung des
Bevölkerungswachstums in anderen Ländern befürworten, ist die Öffentlichkeit nicht geneigt, eine Führungsrolle
bei der Bewältigung des Problems zu übernehmen. Nachfolgend veröffentlichen wir die wichtigsten Ergebnisse
der Umfrage.

Meinungsspektrums sind nur 17 Prozent der Ansicht,
die Vereinigten Staaten sollten überhaupt keine Rolle
spielen. Diese Umfrageergebnisse stimmen mit der
Umfrage von Times Mirror vom vergangenen Jahr
überein, die eine Präferenz der amerikanischen

Zustimmung zu Hilfe für Familienplanung
Eine beträchtliche Mehrheit der Amerikaner (72
Prozent) stimmt im Prinzip staatlicher Unterstützung
der Vereinigten Staaten zu, "um Geburtenkontrolle
und Familienplanung" im Ausland leichter zugänglich

Öffentlichkeit für eine gemeinsame Führungsrolle der

zu machen. Eine kleinere Mehrheit (54 Prozent)
befürwortet die "maßgebliche Aufstockung" staatlicher Aufwendungen für diese Zwecke, die seit den
achtziger Jahren vorgenommen wurde.

Vereinigten Staaten mit anderen führenden Ländern
bei Fragen der Außenpolitik ermittelte. Im Gegensatz
dazu stand die Meinung der amerikanischen Führungsschicht, die eine ausgesprochen aktive Rolle
der Vereinigten Staaten in dieser Frage befürwortete.

Überbevölkerung als wichtiges Anliegen
Schwangerschaftsabbruch
Eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung (55
Prozent) beurteilt "Überbevölkerung" als "sehr
ernsthaftes Problem". Weitere 31 Prozent sehen
das Problem als "ziemlich gravierend". 79 Prozent
vertreten die Auffassung, das Problem werde eines
Tages auch die Vereinigten Staaten betreffen.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist in zwei ziemlich
gleichgroße Lager bezüglich "Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch" (46 Prozent) gegenüber
"Schwangerschaftsabbruch nur unter bestimmten
Umständen" (39 Prozent) gespalten. 13 Prozent sind
unter allen Umständen gegen Schwangerschaftsabbruch.

Gemäßigte Rolle der Vereinigten Staaten befürwortet

Empfängnisverhütung
68 Prozent der Öffentlichkeit möchte, daß die
Vereinigten Staaten gemeinsam mit anderen Ländern die Bewältigung des Problems der Überbevölkerung angehen, statt eine Führungsrolle zu übernehmen. Nur 12 Prozent sind der Meinung, die
Vereinigten Staaten sollten bei dieser Frage die
Führungsrolle übernehmen. Am anderen Ende des

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*

Eine beträchtliche Mehrheit der Öffentlichkeit (74
Prozent, einschließlich 70 Prozent der Katholiken)
stimmt nicht mit der Erklärung überein, "die Anwendung künstlicher Mittel zur Geburtenkontrolle ist
falsch".

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�NORD KOREA
14. September 1994

USA DRINGEN AUF DIALOG ZWISCHEN
NORD- UND SÜDKOREA
Gespräche zwischen Christopher und Han
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren
Christopher warnte am 7. September 1994, die
nordkoreanische Nuklearfrage könne erst gelöst
werden, "wenn Nordkorea einen substantiellen
Dialog mit der Republik Korea aufnimmt".
"Wir werden weiter mit der südkoreanischen Regierung an der Beilegung des Nuklearproblems zusammenarbeiten", erklärte Christopher im Beisein
des südkoreanischen Außenministers Han Sung Joo
vor Journalisten. Die beiden Minister führten im USAußenministerium ein über einstündiges Gespräch.
Anschließend ließ ein hochrangiger amerikanischer
Regierungsvertreter verlauten, die Gespräche hätten
das Ziel gehabt, im Hinblick auf diesen Monat
zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea
anberaumte Gespräche "die jeweilige Haltung der
beiden Länder zu sondieren und zu koordinieren".
Christopher bezeichnete das Nuklearprogramm
Nordkoreas als "die dringlichste Sicherheitsfrage in
der asiatisch-pazifischen Region" und stellte fest, sie
bedrohe die Sicherheit der wichtigsten amerikanischen Verbündeten, angefangen mit Südkorea.
"Dieses Nuklearproblem erhöht die Wahrscheinlichkeit eines destabilisierenden Rüstungswettlaufs in
Asien und unterminiert unser starkes Interesse an
der Beibehaltung wirksamer weltweiter Regime
gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Folglich ist es eine der obersten
Prioritäten der Clinton-Administration, diese Situation
unter Kontrolle zu bringen", teilte er mit.
Christopher und andere hochrangige Mitglieder der
Administration bemühten sich, den Besuch von
Außenminister Han zu einer Beschwichtigung der in
Seoul bestehenden Ängste vor einer Fortsetzung
des amerikanischen Dialogs mit Pjöngjang zu
nutzen.

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"Die Vereinigten Staaten und Südkorea stehen seit
über 40 Jahren Seite an Seite in einem Bündnis, das
sich im Laufe der Jahre noch vertieft hat", so der
amerikanische Außenminister. "Enge Beziehungen
zu Südkorea sind für die Förderung der großen und
dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im
asiatisch-pazifischen Raum von essentieller Bedeutung."
Amerikanische und nordkoreanische Regierungsvertreter sollen am 10. September in Pjöngjang und
Berlin Fachgespräche zur Vorbereitung der Wiederaufnahme des hochrangigen Dialogs in Genf am 23.
September führen.
Christopher stellte fest, die Vereinigten Staaten und
Nordkorea hätten bei den Genfer Gesprächen im
vergangenen Monat "gewisse Fortschritte bei der
Lösung der Nuklearfrage" erzielt, jedoch noch einen
weiten Weg vor sich. "Wir müssen unsere Erklärungen in Aktionen umwandeln, die zu einer Lösung des
Problems führen."
Im Mittelpunkt der amerikanisch-nordkoreanischen
Gespräche in Berlin soll der vorgeschlagene Übergang zu Leichtwasserreaktoren stehen, während es
in Pjöngjang um Fragen im Zusammenhang mit der
Einrichtung von Verbindungsbüros in der Hauptstadt
des jeweils anderen Landes geht.
"Als Teil des von uns und unseren südkoreanischen
Verbündeten verfolgten umfassenden und gründlichen Ansatzes zu der Nuklearfrage haben sich die
Vereinigten Staaten und Nordkorea auf das Streben
nach normalisierteren politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen geeinigt", erklärte Christopher. "Zu
diesem Zweck sind jedoch Fortschritte bei der
Nuklearfrage sowie Offenheit zur Verbesserung des
Verhältnisses zwischen Nord- und Südkorea erforderlich." Die Vereinigten Staaten werden dem Minister
zufolge weiterhin absolut starkes Engagement für die
Sicherheit Südkoreas zeigen.

Seite 1

�Außenminister Han teilte mit, er sei nach Washington gekommen, um als Vorbereitung der bevorstehenden Treffen zwischen den Vereinigten Staaten
und Nordkorea "unsere Strategie und Pläne zu
entwerfen. Wir haben die Bedeutung von Transparenz beim nordkoreanischen Nuklearprogramm
bekräftigt, nicht nur jetzt und in Zukunft, sondern
auch bei entsprechenden Aktivitäten in der Vergangenheit."
Han bekräftigte die Bereitschaft Südkoreas, nach der
Lösung der Nuklearfrage an dem Projekt zur Bereitstellung von Leichtwasserreaktortechnologie für
Nordkorea teilzunehmen und einen bedeutenden
Beitrag zu leisten.
Dem Außenminister zufolge hält Südkorea alle Türen
für Gespräche zwischen Nord- und Südkorea offen.
Er stellte jedoch fest, die Pläne für einen Gipfel am
25. Juli seien durch den Tod des nordkoreanischen
Präsidenten Kim Il-Sung zerschlagen worden.
"Jetzt besteht das Problem darin, daß die wichtigsten Ämter in der Partei und der Regierung Nordkoreas offiziell nicht besetzt sind", äußerte Han und
fügte hinzu, die hochrangigen Gespräche zwischen
Nord- und Südkorea müßten bis zur offiziellen
Übernahme der Macht durch Kims Sohn ausgesetzt
werden. "Wir wissen nicht, wann das sein wird",
teilte er mit.

Christopher wies auf die Bedeutung von "Sonderinspektionen" durch die Internationale AtomenergieOrganisation (IAEO) als Teil des Sicherheitsabkommens mit Nordkorea hin. Diese würden essentielle
Informationen über Pjöngjangs frühere Nuklearaktivitäten liefern.
Der amerikanische Außenminister wird Ende des
Jahres nach Seoul reisen, "um unsere gemeinsamen
Interessen zu fördern und die Gespräche mit unserem engen Verbündeten, der Republik Korea, fortzusetzen". Der Sprecher im US-Außenministerium,
Michael McCurry, teilte später bei einer Pressekonferenz mit, der Minister würde Korea wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Treffen des Forums
für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation Forum APEC) einen Besuch abstatten. Der APEC-Gipfel ist
für November in Indonesien anberaumt.
Der Sprecher teilte auf Anfrage mit, Han hätte "keine
Bedenken gegen die derzeit laufenden Gespräche"
zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea
geäußert. McCurry zufolge würden die USA "ohne
Zweifel jegliche Bestrebung Nord- und Südkoreas in
der Frage einer dauerhaften Friedensvereinbarung
unterstützen".

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�KRIEGSVERBRECHEN
14. September 1994

EIN TRIBUNAL FÜR DIE GERECHTIGKEIT
von John Shattuck
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel erschien auf Deutsch erstmals im Rheinischer Merkur vom
9. September 1994.
Der Verfasser ist Abteilungsleiter für Demokratie, Menschenrechte und Arbeitsfragen im US-Außenministerium.
Er kehrte vor kurzem von einer Reise nach Ruanda und Burundi zurück.

Eine der größten Herausforderungen, die sich der
Welt durch das Leiden in Ruanda stellt, ist die
Unterbrechung des Circulus vitiosus von Tod und
Vergeltung, die Milderung der demoralisierenden
Last kollektiver Schuld, die der ruandischen Gesellschaft auferlegt wurde, und das Aufzeigen von
Wegen zur Bestrafung dieses Genozids, um weitere
Genozide zu verhindern. Aus diesem Grund muß
die internationale Staatengemeinschaft unverzüglich
ein Kriegsverbrechertribunal für Ruanda einrichten,
das die für den Völkermord und andere Greueltaten
Verantwortlichen gegenüber ihren Opfern und der
internationalen Staatengemeinschaft zur Rechenschaft zieht.
Die Vereinigten Staaten arbeiten
zusammen mit anderen Nationen energisch auf die
Gründung eines solchen Tribunals hin.
Die dem Morden in Ruanda und ähnlichen Konflikten
zugrundeliegenden ethnischen Spaltungen haben
einige zu der Fehleinschätzung verleitet, es handele
sich um Stammesfehden, deren tiefe historische
Wurzeln außerhalb der Reichweite von Justiz und
Diplomatie liegen. Der Genozid in Ruanda wurde in
der Tat von politischen Akteuren aus politischen
Gründen ausgelöst und ausgeführt. Ihrem Zynismus
und ihrer Brutalität muß jetzt mit den Prinzipien der
Rechenschaftspflicht und Gesetze begegnet werden.
Ein ermutigender Schritt war das jüngste Schreiben
der ruandischen Regierung an UN-Generalsekretär
Boutros Boutros-Ghali, in dem sie auf die unverzügliche Einrichtung eines internationalen Kriegsverbrechertribunals drängte. Die ruandischen Behörden
haben ihre Absicht bekräftigt, die Verfolgung von
Kriegsverbrechern auf absehbare Zeit dem internationalen Tribunal zu unterstellen.

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Es muß rasch gehandelt werden. Die erfolgreiche
Strafverfolgung wird die Anstifter des Völkermords
vom Schauplatz verbannen, Selbstjustiz und Racheakte abschrecken sowie den Ruandern - und ihren
Nachbarn in Burundi - das Vertrauen zum Wiederaufbau geschundener Gesellschaften geben.
Der UNO-Sicherheitsrat hat bereits ein internationales
Tribunal für das ehemalige Jugoslawien eingerichtet,
das Hunderte von Zeugenaussagen sammelt und den
Prozeß vorbereitet. Das Kriegsverbrechertribunal für
das ehemalige Jugoslawien kann den Lauf der
Gerechtigkeit in Ruanda fördern, indem es administrative Ressourcen und Personal sowie die Fähigkeiten der bereits eingerichteten Ermittlungs- und
Berufungskammern zur Verfügung stellt.
Wenn
solche Strukturen bereits vorhanden sind, könnte das
Tribunal für Ruanda zügig arbeiten. Sowohl das
jugoslawische als auch das ruandische Tribunal
benötigen zur Durchführung ihrer Arbeit eine angemessene Finanzierung.
Im vergangenen Monat
berief der Sicherheitsrat ein Expertengremium ein,
um den Völkermord in Ruanda zu untersuchen.
Während der Ausschuß seine Ermittlungen fortsetzt,
sollte der Rat offiziell ein Tribunal ins Leben rufen.
Obwohl die diplomatischen Schritte in den Hauptstädten von der Realität der Schlachtfelder Ruandas
und der Flüchtlingslager Zaires weit entfernt scheinen, sind sie für die Überlebenden von großem und
direktem Belang. Die Flüchtlinge werden nur nach
Hause zurückkehren und ihr zerrüttetes Leben wieder
aufbauen, wenn sie das ohne Angst vor Vergeltung
tun können. Den Einschüchterungskampagnen und
falschen Informationen in den Flüchtlingslagern über
unrechtmäßige Racheakte kann nur mit verläßlichen
Rechenschaftsberichten über die Situation in Ruanda
begegnet werden sowie einer glaubwürdigen Ver-

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�pflichtung zu unparteiischer Gerechtigkeit, die
militärische Extremisten davon abhält, Gewalt zu
säen oder die leidenden Flüchtlingsmassen zu
terrorisieren.
Inzwischen muß die internationale Staatengemeinschaft Maßnahmen ergreifen, um in den ihrer Kontrolle unterstehenden Gebieten Beweismittel zu
sammeln und diejenigen festzunehmen, denen
glaubhaft eine Beteiligung am Völkermord nachgewiesen werden kann. Ferner besteht ein dringender Bedarf an Menschenrechtsbeobachtem. Die
US-Regierung hat bereits ihre Unterstützung zugesichert und fordert andere Nationen auf, ebenso
zu handeln.

Die größte Hoffnung auf eine Durchbrechung des
Teufelskreises von Genozid und Gewalt in Ruanda
liegt darin sicherzustellen, daß die Planer und Anführer dieses Gemetzels identifiziert, vor Gericht
gestellt und im Falle ihrer Verurteilung bestraft
werden. In einem Land so stark gespaltenen Land
wie Ruanda wird jedoch die Gerechtigkeit einer
Gemeinde wahrscheinlich als die Rache einer anderen betrachtet. Aus diesem Grund ist es die Aufgabe
der internationalen Staatengemeinschaft, unparteiische Urteile über Schuld und Unschuld der Hauptverantwortlichen des Völkermords zu sprechen, damit
das ruandische Justizwesen die Versöhnungsarbeit
fortsetzen kann.

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�AMERIKAS

STÄDTE
14. September 1994

DER NEW YORKER STADTTEIL HARLEM
von Guy Halverson
Der zum Bezirk Manhattan gehörende New Yorker Stadtteil Harlem war im Verlauf seiner Geschichte eine
Enklave für verschiedene ethnische Gruppen und Rassen. Heute befindet sich Harlem in einem Prozeß der
Erneuerung, und Geschäfte, das kulturelle Leben und die Gesellschaft florieren. Der nachfolgende Artikel blickt
auf drei Jahrhunderte der Geschichte Harlems zurück.
Der Verfasser ist Journalist beim Christian Science Monitor.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor.
Copyright (c) 1993 The Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Harlem verändert sich - schon wieder!
Die Gemeinde Nordmanhattan (Bezirk New York
City) - während eines Großteils dieses Jahrhunderts
das intellektuelle und kulturelle Zentrum des schwarzen Amerika - erlebt einen Zustrom von Hispanoamerikanern und einigen Weißen, die sich in den
Randbezirken niederlassen.
Die Kriminalität ist zurückgegangen. Im vergangenen Jahrzehnt haben sowohl die Schwarzen als
auch die Weißen ihren Wohlstand ausreichend
vermehrt, so daß amerikanische Unternehmen in der
Gegend Geschäfte eröffnet haben oder entsprechende Möglichkeiten sondieren. Neue Kultur- und
Kunstprogramme erleben eine Hochblüte.
Gemeindevertretern zufolge vollzieht sich in Harlem
ein tiefgreifenderer Wandel als je zuvor in der
jüngeren Geschichte, vielleicht seit den zwanziger
Jahren. Anwohner und Demographen stellen fest,
daß sich in den Außenbezirken von Harlem eine
Mehrheit von Hispanoamerikanern angesiedelt hat,
obwohl das Zentrum weiterhin schwarz ist. Auch
wenn sie nicht die Mehrheit bildet, ist die hispanoamerikanische Gemeinde groß genug, um die
politische und kulturelle Identität Harlems zu verändern. Auch einige Weiße ziehen wieder in die
Gegend.
An den Grenzen des Bezirks werden einige Appartmenthäuser in Eigentumswohnungen umgewandelt
oder von Eigentümerzusammenschlüssen aufgekauft.

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Die sich in Harlem vollziehenden dramatischen
Veränderungen "sind vielleicht keine Renaissance wie
in den zwanziger Jahren und Anfang der dreißiger
Jahre, aber es handelt sich zweifelsohne um eine
größere Umstrukturierung", erklärt Walter Stafford,
Professor für Stadtplanung an der Wagner School of
Public Policy der New York University. "Es gibt eine
neue Erkenntnis, was getan werden kann."
Im vergangenen Jahr haben beispielsweise Ben &amp;
Jerry's Ice Cream und die britische Kosmetikkette
The Body Shop Geschäfte auf der 125. Straße,
Harlems von Osten nach Westen verlaufender
Hauptgeschäftsstraße, eröffnet.
"Durch den Verkauf bauen wir etwas auf", erläutert
Robert Triefus, Sprecher von The Body Shop. Im
Rahmen einer speziellen Vereinbarung gehen 50
Prozent des von dem Geschäft in der 125. Straße
erzielten Gewinns an die Gemeinde. Der verbleibende Gewinn wird zur Eröffnung neuer Geschäfte in
Gegenden mit niedrigen Einkommen verwendet.
Zu den amerikanischen Unternehmen, die in Hartem
Geschäfte aufmachen oder Berichten zufolge eine
solche Möglichkeit sondieren, zählen die Supermarktkette Pathmark, die Kaufhäuser Caldor and K-mart
Corporation und das Schiffa.hrtsunternehmen CIrcle
Line Tours.
"Wir konzentrieren uns jetzt auf zunehmende Geschäftsaktivitäten" anhand der strategischen Nähe
Harlems zum Zentrum Manhattans sowie aufgrund
der neuen Betonung der Stadtverwaltung des New

Seite 1

�Yorker Bürgermeisters David Dinkins (der im Januar
1994 durch Rudolph Giuliani abgelöst wurde), die
Gegenden in den Innenstädten zu entwickeln, erklärt
Wallace Ford, Kommissar für Geschäftsdienstleistungen von New York.
"Im vergangenen Jahr war eine Zunahme kleinerer
Geschäfte und einiger Ketten zu verzeichnen. Wir
sehen das als sehr vielversprechend an", stellt ein
Sprecher der Handelskammer von Großharlem fest.
Für Millionen Amerikaner beschwört das Wort
"Harlem" ein Gefühl der Geschichte herauf sowie die
enormen Herausforderungen der Armut in zahlreichen städtischen Zentren.
Trotz seiner Geschichte hat Harlem immer noch
keine offiziellen Grenzen. Einigen Stadtplanem
zufolge beginnt Großharlem - und die angrenzende
Nachbarschaft - ungefähr bei der 96. Straße.
Andere sagen, an der 110. Straße. Die meisten
Experten stimmen jedoch überein, daß sich Harlem
von der 125. Straße nordwärts zwischen den Flüssen Hudson und Harlem bis in die Nähe der George
Washington-Brücke bei der 178. Straße erstreckt.
Viele der größten Bauprojekte hier werden von der
Stadtentwicklungsgesellschaft Harlem (Harlem Urban
Development Corporation - HUDC) ausgeführt, einer
Behörde des Bundesstaates New York. Mehrere
Komplexe schießen in ganz Harlem in die Höhe,
darunter Harlem-on-the-Hudson und das Gatewayto-Harlem-Projekt im Norden des Central Park. Für
Donald Cogsville von der HUDC steht die Erneuerung Harlems in direkter Verbindung zu der Zunahme neuer, multifunktionaler Erschließungsprojekte,
bei denen Wohnungen, Geschäfte und Büroräume
unter einem Dach untergebracht sind. Und die
Projekte und Arbeitsplätze bedeuten einen Zustrom
neuer Familien, von denen viele entschieden wohlhabender sind als die bisherigen Anwohner. Angesichts dieser Anhebung des Lebensstandards
unterstreicht Stafford die Notwendigkeit sicherzustellen, daß die seit Jahren in Harlem lebenden Menschen Zugang zu ordentlichen Wohnungen haben.
Die Geschäftsmieten entlang der 125. Straße
"steigen und steigen", äußert Chaesoo Kim, Direktor
des koreanisch-amerikanischen Wirtschaftsverbands
von Harlem. (Es befinden sich 40 bis 50 koreanische Geschäfte in der Gegend).
"Für die meisten Afroamerikaner ist es fast unmöglich, ein Haus in Harlem zu kaufen", stellt Horace
Carter fest, Präsident und Gründer der Emanuel
Pieterson Historischen Gesellschaft, einer Vereinigung zur Gebietserhaltung. Trotz all seiner Herausforderungen ist Harlem ein interessanter und aufre-

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gender Wohnort, so der seit langem ansässige
Carter.
Ursprünglich war "New Harlem" ein um 1600 von
Peter Stuyvesant, dem Gouverneur von New Amsterdam, gegründetes Dorf, das später New York
wurde. Nachdem die Briten Ende 1600 die Kontrolle
übernommen hatten, wurde Harlem eine Ansiedlung
von Bauernhöfen. Anfang des 20. Jahrhunderts war
Harlem vornehmlich von Deutschen und deutschen
Juden bewohnt, obwohl es einige Iren, Skandinavier
und, weiter im Osten, Italiener gab. In Ostharlem
hatte sich die größte Gemeinde von Italoamerikanem
in Nordamerika niedergelassen, die bis ungefähr
1930 dort ansässig blieb. Tausende Italoamerikaner
leben immer noch in Enklaven in der Nähe der 116.
Straße, Tür an Tür mit puertoricanischen und anderen hispanoamerikanischen Gemeinden.
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen viele Afroamerikaner erstmals in nördlich des Central Park gelegene
Gebiete, teilweise "wegen der großen Zahl zur
Verfügung stehender Wohnungen", so Frank Vardy,
Demograph in der Bevölkerungsabteilung der Stadtverwaltung von New York. (In Harlem gibt es immer
noch den meisten freien Wohnraum Manhattans). Zu
Beginn dieses Jahrhunderts war die Gemeinde der
Schwarzen in New York Vardy zufolge vorwiegend
auf der Westseite Manhattans angesiedelt. Die
Bewegung schwarzer Familien nach Norden wurde
zu einem Strom, als die wichtigen Kirchen für
Schwarze sich im Norden niederließen.
Die zwanziger Jahre waren für die in Harlem lebenden Afroamerikaner das Goldene Zeitalter, symbolisiert von Jazzstars wie Duke Ellington, Fletcher
Henderson und Cab Calloway. Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler wie Längsten Hughes, W. E. B.
DuBois und Paul Robeson lebten hier. Zu dieser Zeit
war die 125. Straße in rassischer und ethnischer
Hinsicht integriert.
"Die Straße war von Kinos und Varietötheatern
gesäumt, die vor allem von jüdischen Familien
besucht wurden, von guten Restaurants und zahlreichen Läden; die Nachtclubs wurden von vielen
Weißen aufgesucht", erinnert sich ein in den zwanziger Jahren in der 125. Straße wohnender Mann.
"Fast alle kamen gut miteinander aus. Die 125.
Straße war voller Leben."
Als die Afroamerikaner kamen, verließen die Weißen
die Gegend. "Das jüdische Harlem" verschwand
praktisch. Aber noch 1950 hatte Großharlem, einschließlich des Gebiets um die Columbia University,
eine 52prozentige Mehrheit weißer Einwohner. 1960
hatte sich das Blatt gewendet: In Harlem lebten 53
Prozent Schwarze sowie eine vorwiegend im Osten

AMERIKA DIENST 36

�Harlems angesiedelte hispanoamerikanische Minderheit von 18 Prozent. Die Gesamtbevölkerung
Harlems nahm stetig ab. Aber nicht nur die Weißen
gingen; Tausende von afroamerikanischen Familien
der Mittelschicht und akademischen Berufe zogen
aus Harlem weg, und die größte Gemeinde von
Schwarzen in New York ist jetzt in Brooklyn zu
finden.
"In den letzten 20 Jahren hat die Bevölkerung von
Harlem immer stärker abgenommen", so David
Reimers, Historiker an der New York University.
Inzwischen kommen aber Menschen jedes ethnischen Hintergrunds wieder zurück.
"Die Volkszählung von 1990 weist erstmals seit 1950
wieder einen Bevölkerungsanstieg in Harlem und
Umgebung aus", erklärt Cogsville von der HUDC. In
Teilen der oberen Westseite von Manhattan und in
Ostharlem ist der Anteil der Afroamerikaner auf 42
Prozent gesunken, der der Weißen von 14,5 Prozent
im Jahr 1980 auf 15 Prozent angestiegen, die
Asiaten ziehen fort. Die Wachstumsrate der Hispanoamerikaner schnellt jedoch in die Höhe.
"In einigen Jahren werden die Hispanoamerikaner in
Harlem und Umgebung eindeutig die Mehrheit
ausmachen", so Carter.
Einflußreiche Schwarze sind davon überzeugt, daß
Harlem auch in Zukunft hauptsächlich von Af roameri-

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AMERIKA DIENST 36

*

kanem bewohnt sein wird. Die demographische
Entwicklung läßt darauf schließen, daß das vielleicht
nur im innersten Kern von Harlem der Fall sein wird.
Selbst im Zentrum Harlems, wo die Schwarzen seit
den dreißiger Jahren die Mehrheit ausmachen, lassen
sich die Hispanoamerikaner in beträchtlicher Zahl
nieder.
Der Anstieg der hispanoamerikanischen Bevölkerung,
der auch viele Einwanderer aus der Karibik angehören, ist ein Faktor für den jüngsten Anstieg der Armut.
Ungefähr 30 Prozent aller in Harlem lebenden
Familien erhalten staatliche Unterstützung, so James
Davis von der HUDC. Dennoch ist das Einkommen
insgesamt angestiegen, was teilweise den allgemeinen Anstieg des Lebensstandards widerspiegelt. Im
Zentrum von Harlem erhöhte sich die Zahl der
Haushalte mit einem Einkommen zwischen 20.000
und 50.000 Dollar von 11,6 Prozent im Jahr 1980 auf
über 32 Prozent 1990; die Zahl der Familien mit
einem Einkommen über 50.000 Dollar nahm einem
Bericht der HUDC zufolge von einem Prozent 1980
auf 10 Prozent 1990 zu.
Die Verbrechensrate sinkt ebenfalls, insbesondere in
den von den Haupteinkaufszentren entfernt gelegenen Gebieten. Im 30. Polizeirevier an der 151.
Straße West fiel die Anzahl der Morde von 46 im
Jahr 1991 auf 26 im Jahr 1992. Raubüberfalle,
tätliche Angriffe und Autodiebstähle nahmen ebenfalls
ab.

*

*

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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16. September 1994

SONDERDIENST

USA - HAITI

DIE DESPOTEN IN HAITI MUSSEN
JETZT AUFGEBEN
Ansprache des Präsidenten an die Nation

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax:0228-33 4102

�USA-HAITI
16. September 1994

DIE DESPOTEN IN HAITI MÜSSEN JETZT AUFGEBEN
Ansprache des Präsidenten an die Nation
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton erklärte am 15. September 1994 in einer Ansprache an das
amerikanische Volk, "der Terror, die Verzweiflung und Instabilität", die Haiti in den Untergang treiben, würden
erst aufhören, wenn das Militärregime in Haiti entmachtet wird.
Wenn Generalleutnant Raoul Cedras und seine Anhänger nicht freiwillig aufgäben, so der Präsident, "wird die
internationale Staatengemeinschaft handeln", um "halsstarrige und grausame Diktatoren zu entmachten".
Der Präsident legte dar, welche militärischen Befehle er den vor Haiti liegenden Kriegsschiffen und den
Truppen erteilt habe.
"Die Botschaft der Vereinigten Staaten an die Diktatoren in Haiti ist eindeutig: Ihre Zeit ist abgelaufen.
Entweder Sie treten jetzt ab, oder wir werden Sie gewaltsam entmachten." Sollten sich die Diktatoren weigern,
würden sie von einer multilateralen Truppe der Vereinten Nationen unter Führung der Vereinigten Staaten
abgesetzt, um die Herrschaft physischen und psychologischen Terrors gegen das haitianische Volk zu
beenden, internationale Verpflichtungen einzuhalten und einen möglichen Flüchtlingsstrom von 300.000
Haitianern einzudämmen, die sich vor dem Militärregime versteckten, äußerte Präsident Clinton.
Die amerikanische Mission in Haiti wird dem Präsidenten zufolge "begrenzt und spezifisch" sein und aus zwei
Phasen bestehen: der Absetzung der Diktatoren sowie der Wiederherstellung von Recht und Ordnung.

Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Meine amerikanischen Mitbürger, am heutigen
Abend möchte ich mit Ihnen darüber sprechen,
warum die Vereinigten Staaten an der Spitze der
internationalen Bestrebungen zur Wiederherstellung
der Demokratie in Haiti stehen. Die Diktatoren Haitis
unter Führung von General Raoul Cedras kontrollieren das grausamste Regime in unserer Hemisphäre.
Seit drei Jahren lehnen sie jede von der internationalen Staatengemeinschaft unterbreitete friedliche
Lösung ab. Sie haben ein von ihnen abgegebenes
Versprechen zur Aufgabe der Macht gebrochen. Sie
haben ihr Volk brutal behandelt, die Volkswirtschaft
zerstört. Und jede von uns und anderen Nationen
im Verlauf der letzten drei Jahre ausgearbeitete
diplomatische Lösung stieß bei ihnen nur auf Ablehnung.

bewahren, die wir eingehen und die andere uns
gegenüber eingehen.

Jetzt müssen die Vereinigten Staaten ihre Interessen
schützen. Wir müssen die brutalen Greueltaten
stoppen, die Zehntausende von Haitianern bedrohen, unsere Grenzen schützen, in unserer Hemisphäre Stabilität erhalten und Demokratie fördern
sowie die Glaubwürdigkeit der Verpflichtungen

Ich möchte, daß das amerikanische Volk den Hintergrund der Situation in Haiti versteht, wie die Ereignisse dort unsere nationalen Sicherheitsinteressen
beeinflussen und warum ich der Ansicht bin, daß wir
jetzt handeln müssen. Vor nahezu 200 Jahren
befreite sich das haitianische Volk von der Sklaverei

SONDERDIENST

Ich habe heute Verteidigungsminister Perry angewiesen, die zur Unterstützung der amerikanischen
Truppen bei jeglicher Aktion in Haiti erforderlichen
Reservisten einzuberufen. Ferner habe ich zwei
Flugzeugträger, die USS Eisenhower und die USS
America, in die Region entsandt.
Diese Anordnungen habe ich nach umfassender
Prüfung dessen erteilt, was auf dem Spiel steht. Die
Botschaft der Vereinigten Staaten an die Diktatoren
in Haiti ist eindeutig: Ihre Zeit ist abgelaufen.
Entweder Sie treten jetzt ab, oder wir werden Sie
gewaltsam entmachten.

Seite 1

�und erklärte seine Unabhängigkeit. Unglücklicherweise wurde das Versprechen der Freiheit schnell
zunichte gemacht. Und seitdem hat Haiti mehr Leid
und Unterdrückung als Freiheit erlebt. In dieser Zeit,
da die Demokratie sich in unserer gesamten Hemisphäre ausbreitet, ist Haiti ins Hintertreffen geraten.

Vor einem Jahr brachten die Diktatoren den Justizminister um. Vergangenen Monat schössen sie Pater
Jean-Marie Vincent, einen Bauernführer und engen
Freund von Pater Aristide, nieder. Vincent wurde an
der Türschwelle seines Heims, eines Klosters,
exekutiert. Er hatte sich geweigert, sein Priesteramt
aufzugeben und wurde deshalb ermordet.

Vor erst vier Jahren veranstaltete das haitianische
Volk die seit der Erklärung seiner Unabhängigkeit
ersten freien und fairen Wahlen. Es wählte ein
Parlament und einen neuen Präsidenten, Pater
Jean-Bertrand Aristide, einen katholischen Priester,
der nahezu 70 Prozent der Stimmen erhielt. Acht
Monate später verwandelte sich der haitianische
Traum von Demokratie jedoch in einen Alptraum von
Blutvergießen.

Ich möchte eindeutig klarstellen: General Cedras und
seine Komplizen tragen die alleinige Verantwortung
für dieses Leiden und diese entsetzliche menschliche
Tragödie. Durch ihr Handeln haben sie Haiti isoliert.

General Raoul Cedras führte einen Militärputsch
durch, der Präsident Aristide stürzte, den Mann, der
Cedras an die Spitze der Armee gestellt hatte. Wer
Widerstand leistete, wurde geschlagen und ermordet. Die Diktatoren begannen eine schreckliche
Einschüchterungskampagne von Vergewaltigung,
Folter und Verstümmelung. Menschen verhungerten, Kinder starben, Tausende von Haitianern flohen
aus ihrer Heimat über die gefährliche See in die
Vereinigten Staaten. Damals erklärte Präsident
Bush, die Situation stelle "eine ungewöhnliche und
außerordentliche Bedrohung der nationalen Sicherheit, Außenpolitik und Wirtschaft der Vereinigten
Staaten" dar.

Weder die internationale Staatengemeinschaft noch
die Vereinigten Staaten suchen die Konfrontation.
Fast drei Jahre lang haben wir hart an einer diplomatischen Lösung gearbeitet. Die Vereinten Nationen,
die Organisation Amerikanischer Staaten, die karibische Staatengemeinschaft, die sechs Präsidenten
Mittelamerikas - alle haben sich für eine friedliche
Beilegung dieser Krise eingesetzt. Wir haben alles
versucht - Überredungskunst und Verhandlungen,
Vermittlung und Verurteilung. Abgesandte wurden
nach Port-au-Prince geschickt und abgewiesen.
Monatelang bemühten sich die Vereinten Nationen,
ein für alle Parteien akzeptables Abkommen auszuarbeiten. Letztes Jahr kam General Cedras selbst in
die Vereinigten Staaten und unterzeichnete auf
Governors Island in New York eine Übereinkunft, in
der er sich verpflichtete, gemeinsam mit den anderen
Diktatoren die Macht aufzugeben.

Cedras und seine bewaffneten Komplizen haben
eine Schreckensherrschaft ausgeübt, Kinder exekutiert, Frauen vergewaltigt, Priester umgebracht. Je
verzweifelter die Diktatoren wurden, desto brutaler
wurden die von ihnen verübten Greueltaten. Jüngste Berichte dokumentieren, daß die verbrecherische
Polizei haitianische Waisenkinder ermordete. Die
Diktatoren verdächtigten die Kinder anscheinend der
Sympathie für Präsident Aristide, weil dieser während seiner Tätigkeit als Priester ein Waisenhaus
führte. Die Kinder flohen aus den Waisenhäusern
auf die Straße. Jetzt können sie aus Angst nicht
mehr schlafen. Ein kleiner Junge sagte einem
Besucher: "Es ist mir egal, wenn die Polizei mich
umbringt, denn dann hat mein Leiden ein Ende."

Als jedoch der Zeitpunkt für die Umsetzung dieses
Plans gekommen war, weigerten sich die Diktatoren
abzutreten und verstärkten statt dessen die Brutalität,
mit der sie gewaltsam an der Macht festhalten.
Selbst da bemühten sich die Länder der Welt noch
um eine friedliche Lösung, während sie gleichzeitig
das von uns verhängte Embargo verschärften. Wir
schickten große Mengen humanitärer Hilfslieferungen
- Nahrungsmittel für eine Million Haitianer und Medikamente, um den Menschen zu helfen, während die
Diktatoren weiterhin die Wirtschaft plünderten. In
diesen Sommer verwiesen sie dann die internationalen Beobachter des Landes, die auf die durch das
Regime verübten grausamen Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht hatten.

Internationale Beobachter deckten grausame Vergewaltigungen von Frauen und Töchtern vermeintlicher politischer Dissidenten durch Soldaten und
Polizisten auf - von 13jährigen, 16jährigen. Die
Menschen werden umgebracht und verstümmelt und
ihre Körperteile als schreckliche Warnung für andere
zurückgelassen. Kinder werden gezwungen zuzusehen, wie die Gesichter ihrer Mütter mit Macheten
aufgeschlitzt werden.

Als Reaktion darauf verabschiedete der UN-Sicherheitsrat im Juli eine Resolution, die zum Einsatz aller
erforderlichen Mittel ermächtigt, einschließlich der
Gewalt, um die haitianischen Diktatoren zu entmachten und eine demokratische Regierung wiederherzustellen. Wir strebten immer noch eine friedliche
Lösung an, aber die Diktatoren wollten sich nicht
einmal mit dem Sondergesandten der Vereinten
Nationen treffen. Angesichts dieses fortgesetzten

Seite 2

SONDERDIENST

�Widerstands und der zunehmenden Greueltaten
stimmten die Vereinigten Staaten zu, eine multilaterale Truppe anzuführen, die den Willen der Vereinten Nationen durchsetzen soll.
Über 20 Nationen auf der ganzen Welt, einschließlich nahezu aller karibischen Länder und so weit
entfernt liegender Staaten wie Polen, das vor kurzem seine Freiheit erlangt hat, Israel und Jordanien,
die seit Jahrzehnten um den Erhalt ihrer Sicherheit
kämpfen, und Bangladesch, ein Land, das an der
Bewältigung seiner Wirtschaftsprobleme arbeitet,
folgen unserem Aufruf ebenso wie Belgien und
Großbritannien. Sie haben einem gemeinsamen
Vorgehen mit uns zugestimmt, weil sie der Auffassung sind, daß dieses Problem in unserer Nachbarschaft für ihre zukünftigen Interessen und ihre
Sicherheit von Bedeutung ist.
Ich weiß, daß die Vereinigten Staaten nicht der
Weltpolizist sein können und in der Tat auch nicht
sein sollten. Und ich weiß, daß in dieser Zeit nach
Beendigung des Kalten Krieges viele Amerikaner
zögern, militärische Ressourcen und unser Militär
über unsere Grenzen hinaus zu verpflichten. Aber
wenn brutale Akte vor unseren Küsten verübt
werden, betrifft dies unsere nationalen Interessen.
Und wir haben die Verantwortung, zu handeln.
Tausende Haitianer sind bereits in die Vereinigten
Staaten geflohen und haben ihr Leben dabei aufs
Spiel gesetzt, der Terrorherrschaft zu entfliehen.
Solange Cedras herrscht, werden die Haitianer
weiterhin Zuflucht in unserem Land suchen. In
diesem Jahr wurden in weniger als zwei Monaten
über 21.000 Haitianer von unserer Küstenwache und
Marine auf See gerettet. Heute leben mehr als
14.000 Flüchtlinge auf unserem Marinestützpunkt
Guantanamo. Die Amerikaner haben bereits nahezu
200 Millionen Dollar für ihre Unterstützung und zur
Aufrechterhaltung des Wirtschaftsembargos aufgebracht, und wenn wir nicht handeln, besteht die
Aussicht, daß jeden Monat Millionen und Abermillionen auf unbestimmte Zeit ausgegeben werden.
300.000 weitere Haitianer - 5 Prozent der Gesamtbevölkerung - verstecken sich im eigenen Land.
Wenn wir nicht handeln, könnten sie die nächste
Flüchtlingswelle vor unseren Küsten sein. Wir
werden uns weiterhin der Gefahr eines Massenexodus von Flüchtlingen und dieser konstanten
Bedrohung der Stabilität in unserer Region stellen
und unsere Grenzen kontrollieren.
Kein Amerikaner sollte überrascht sein, daß die
jüngste Welle von Migranten an unseren Ufern aus
Haiti und Kuba kommt. Schließlich sind diese
beiden Länder die einzigen Nationen der westlichen

SONDERDIENST

Hemisphäre, in denen eine demokratische Regierung
verweigert wird - die einzigen Länder, in denen es
Diktatoren gelungen ist, die Welle von Demokratie
und Fortschritt aufzuhalten, die unsere gesamte
Region erfaßt hat und die unsere Regierung seit
Jahren aktiv fördert und unterstützt.
Heute haben 33 von 35 Ländern auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent demokratisch gewählte
Führer. Und Haiti ist die einzige Nation in unserer
Hemisphäre, in der das Volk seine eigene Regierung
gewählt und sich für Demokratie entschieden hat, nur
damit Tyrannen die Macht an sich rissen.
Es steht außer Frage, daß das haitianische Volk
Demokratie wünscht. Wir wissen es, weil die Haitianer zu den Wahlurnen gegangen sind und es der
Welt mitgeteilt haben. Die Geschichte hat uns
gelehrt, daß der Erhalt der Demokratie in unserer
Hemisphäre Amerikas Sicherheit und Wohlstand
stärkt. Die Demokratien hier werden eher den
Frieden aufrechterhalten und unserer Region Stabilität bringen. Sei werden eher freie Märkte und
wirtschaftliche Chancen schaffen und starke, verläßliche Handelspartner werden. Und sie werden
ihren Bürgern eher die Chancen bieten, die sie zum
Verbleib in ihrem eigenen Land und zum Aufbau ihrer
eigenen Zukunft ermutigen.
Die Wiedereinsetzung der demokratischen Regierung
auf Haiti wird zu größerer Stabilität und mehr Wohlstand in unserer Region führen, ebenso wie unser
Vorgehen in Panama und Grenada dies bewirkte.
Neben den Menschenrechtsverletzungen, den Einwanderungsproblemen, der Bedeutung von Demokratie haben die Vereinigten Staaten auch ein starkes
Interesse daran, daß Diktatoren - insbesondere in
unserer Region - ihr Wort gegenüber den Vereinigten
Staaten und den Vereinten Nationen nicht brechen.
In der Welt nach dem Kalten Krieg werden wir die
Sicherheit und den Wohlstand der Vereinigten
Staaten mit unserer militärischen Stärke, unserer
Wirtschaftsmacht und unseren konstanten Bestrebungen zur Förderung von Frieden und Wachstum
gewährleisten. Aber wenn unsere nationalen Sicherheitsinteressen bedroht sind, werden wir wenn
möglich Diplomatie und wenn nötig Gewalt anwenden.
In Haiti haben wir einen Fall, bei dem die Rechtslage
klar ist, das fragliche Land in der Nähe liegt, bei dem
unsere eigenen Interessen offenkundig sind, die
Mission durchführbar und begrenzt ist und bei dem
die Nationen der Welt uns zur Seite stehen. Wir
müssen handeln.

Seite 3

�Abschließend möchte ich sagen, ich weiß, daß das
amerikanische Volk zu Recht besorgt darüber ist, ob
unsere Soldaten einem Risiko ausgesetzt werden.
Unsere Freiwilligenarmee ist die beste der Welt, und
ihre Verantwortlichen haben hart gearbeitet, um das
Risiko für all unsere Streitkräfte zu minimieren. Aber
es besteht ein Risiko, und wir müssen darauf vorbereitet sein.

Unsere Mission in Haiti wird ebenso wie in Panama
und Grenada begrenzt und spezifisch sein. Unser
Plan zur Absetzung der Diktatoren erfolgt in zwei
Phasen. Erstens werden die Diktatoren abgesetzt
und Haitis legitime, demokratisch gewählte Regierung wiedereingesetzt. Wir werden haitianische
Sicherheitskräfte unter ziviler Kontrolle ausbilden, die
das Volk schützen, statt es zu unterdrücken. Während dieser Periode werden Polizeibeobachter aus
allen Ländern der Welt mit den Behörden zusammenarbeiten, um die grundlegende Sicherheit und
bürgerliche Ordnung zu maximieren und Vergeltung
zu minimieren.

Ich kann Ihnen versichern, daß kein Präsident
Entscheidungen wie diese ohne tiefes Nachdenken
und Gebete trifft. Es ist jedoch meine Aufgabe als
Präsident und Oberbefehlshaber, diese Maßnahmen
zu ergreifen, die meines Erachtens unsere nationalen
Sicherheitsinteressen am besten schützen werden.

Das haitianische Volk sollte wissen, daß wir in
friedlicher Absicht kommen. Und Sie - das amerikanische Volk - sollten wissen, daß unsere Soldaten
nicht am Wiederaufbau Haitis oder seiner Wirtschaft
beteiligt sein werden. Die internationale Staatengemeinschaft muß durch Zusammenarbeit die für den
Wiederaufbau Haitis erforderliche wirtschaftliche,
humanitäre und technische Hilfe bereitstellen.

Ich möchte nochmals betonen, die Nationen der Welt
haben alle möglichen Wege erprobt, um die demokratisch gewählte Regierung Haitis friedlich wiedereinzusetzen. Die Diktatoren haben jede mögliche
Lösung abgelehnt. Der Terror, die Verzweiflung und
Instabilität werden nicht enden, bevor sie das Land
verlassen. Ich fordere sie nochmals auf, dies zu tun.
Sie können jetzt immer noch gehen und das Chaos
und die Unordnung verringern sowie die Sicherheit
und Stabilität erhöhen, in der diese Rückkehr zur
Demokratie erfolgen kann.

Wenn diese erste Phase abgeschlossen ist, wird die
große Mehrheit unserer Truppen nach Hause
zurückkehren - in Monaten, nicht Jahren. Ich
möchte, daß unsere Truppen und ihre Familien
wissen, daß wir sie so bald wie möglich wieder nach
Hause bringen.

Wenn sie jedoch das Land jetzt nicht verlassen, wird
die internationale Staatengemeinschaft zur Erfüllung
unserer Verpflichtungen handeln: Um der Demokratie eine Chance zu geben, nicht um sie zu garantieren; um halsstarrige und grausame Diktatoren zu
entmachten, nicht um eine Zukunft aufzuzwingen.

Dann, in der zweiten Phase, wird sich eine sehr viel
kleinere amerikanische Streitmacht mit den Streitkräften anderer Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen zusammenschließen. Und sie werden Haiti
nach den Wahlen im nächsten Jahr und der Amtsübernahme einer neuen haitianischen Regierung
Anfang 1996 verlassen.

Ich weiß, viele sind der Ansicht, daß wir dem haitianischen Volk nicht bei der Wiederherstellung von
Demokratie und dem Streben nach ihren hart erkämpften Freiheiten behilflich sein sollten und die
Haitianer die Gewalt und Unterdrückung als ihr
Schicksal akzeptieren sollten. Aber erinnern Sie sich:
Dasselbe wurde von einem Volk gesagt, das vor über
200 Jahren die Waffen gegen einen Tyrannen erhob,
dessen Truppen sein Land besetzt hatte. Es war
jedoch ein unbeugsamer Haufen, ein Volk, das für
seine Freiheit kämpfte und an all diejenigen appellierte, die an Demokratie und ihre Sache glaubten.
Und ihre Rufe wurden beantwortet, eine neue Nation
wurde geboren - eine Nation, die seit jenem Tag
glaubt, daß das Recht auf Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück niemandem verwehrt werden
sollte.

Heute abend kann ich bekanntgeben, daß Präsident
Aristide zugesagt hat, mit Ende seiner Amtszeit im
Einklang mit der Verfassung abzutreten, auf die er
geschworen hat. Er hat sich zur Aussöhnung aller
Haitianer verpflichtet und will ein historisches Beispiel setzen, indem er friedlich die Macht an einen
rechtmäßig gewählten Nachfolger übergibt. Er weiß
ebenso wie wir, daß beim Aufbau einer Demokratie
die zweite Wahl die wichtigste Wahl ist.
Präsident Aristide hat mir gesagt, daß er seine
Mission als erfüllt betrachtet, wenn er das Amt an
den nächsten demokratisch gewählten Präsidenten
Haitis übergibt - nicht wenn er wiedereingesetzt wird.
Er hat sich verpflichtet, die Entscheidung der haitianischen Wähler zu respektieren, die ihr Vertrauen in
den Wahlzettel setzen.

* *

Seite 4

Möge Gott das Volk der Vereinigten Staaten und die
Sache der Freiheit schützen.

* *

*

SONDERDIENST

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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. September 1994

37

USA-HAITI

CUNTON: MILITARMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums

BEVÖLKERUNG

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig

MENSCHENRECHTE

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore

TECHNOLOGIE

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-HAITI
21. September 1994

CLINTON: MILITÄRMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 19. September 1994
gehaltene Rede, in der er die Vereinbarung bekanntgab, die eine Invasion in Haiti verhindert hat.

Liebe Mitbürger, ich möchte bekanntgeben, daß die
Militärmachthaber in Haiti der Abdankung zugestimmt haben. Die Diktatoren haben erkannt, daß es
in ihrem besten Interesse und im besten Interesse
des haitianischen Volkes liegt, die Macht friedlich
aufzugeben, statt sich der bevorstehenden Aktion
der von uns angeführten Streitkräfte der multinationalen Koalition zu stellen.
Während der vergangenen drei Jahre lautete unser
Ziel, sicherzustellen, daß die Militärdiktatoren die
Macht aufgeben und die demokratisch gewählte
Regierung zurückkehrt. Diese Vereinbarung garantiert diese beiden Ziele.
Sie reduziert das Risiko für die amerikanischen
Streitkräfte und die Streitkräfte der 24 Nationen
umfassenden internationalen Koalition auf ein
Minimum.
Und die Koalition gewährleistet die
ordentliche Übergabe der Macht an Haitis demokratisch gewählte Regierung.
Es ist ein gutes Abkommen für die Vereinigten
Staaten und für Haiti. Die Militärmachthaber werden
gehen. Die Vereinigten Staaten und die Koalitionsstreitkräfte werden ab morgen unter Bedingungen
auf die Insel kommen, die weniger gefährlich, jedoch
nicht ohne Risiko sind.
Es wird sehr viel einfacher sein, die Menschenrechte
zu achten, und es besteht die echte Chance einer
ordentlichen und weniger gewalttätigen Machtübergabe. An die Anhänger von Präsident Aristide
gerichtet sage ich, daß er zurückkehren wird. Ich
bitte alle Haitianer, sich zu erinnern, was Präsident
Aristide noch vor wenigen Tagen gesagt hat: Keine
Rache, keine Gewalt, keine Vergeltung - dies ist die
Zeit für Frieden. Darauf werden die Vereinigten
Staaten zusammen mit ihren Koalitionspartnern
hinarbeiten.

AMERIKA DIENST 37

Wie Sie wissen, sind Präsident Carter, General Colin
Powell und Senator Sam Nunn erst gestern auf
meine Bitte nach Haiti gereist, um den Rücktritt der
Diktatoren zu bewirken. Ich habe in den vergangenen zwei Tagen ständig mit ihnen in Verbindung
gestanden. Sie haben unermüdlich fast 24 Stunden
am Tag gearbeitet, und ich möchte ihnen meinen
Dank dafür aussprechen, daß sie diese entscheidende Mission im Namen aller Amerikaner unternommen
haben.
Ich möchte auch allen Männern und Frauen der
Streitkräfte der Vereinigten Staaten danken. Ihre
Präsenz und ihre Vorbereitungen haben bei diesem
Abkommen eine bahnbrechende Rolle gespielt.
Im Rahmen dieser Vereinbarung stimmen die Diktatoren der Abdankung zu, sobald das haitianische
Parlament - wie im Abkommen von Governor's Island
gefordert - ein Amnestiegesetz erläßt. Auf jeden Fall
jedoch vor dem 15. Oktober.
Sie haben der unverzüglichen Ankunft von Truppen
der internationalen Koalition bereits ab morgen
zugestimmt.
Sie haben darüber hinaus uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Koalitionstruppen während der
friedlichen Machtübergabe zugesagt - wofür wir uns
sehr eingesetzt haben. Ich habe die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten angewiesen, die Entsendung
nach Haiti als Teil der UN-Koalition vorzunehmen,
und General Sheldon, unser Befehlshaber, wird
morgen dort sein.
Die Präsenz der 15.000 Soldaten umfassenden
multinationalen Streitmacht wird garantieren, daß die
Diktatoren die Bedingungen des Abkommens einhalten. Aus unseren Gesprächen mit der Delegation
wurde klar, daß dieses Abkommen nur wegen der
glaubwürdigen und unmittelbaren Bedrohung durch
die multinationale Streitmacht zustande kam. Es

Seite 1

�wurde in der Tat unterzeichnet, nachdem Haiti
Beweise hatte, daß Fallschirmjäger unserer in Fort
Bragg (North Carolina) stationierten 82. Luftlandedivision die Invasion eingeleitet hatten, die auf meine
Anweisung hin an diesem Abend beginnen sollte.
Zu dem Zeitpunkt, als das Abkommen erzielt wurde,
waren bereits 61 amerikanische Flugzeuge in der
Luft. Aufgrund dieser Vereinbarung werden die
Truppen der Vereinigten Staaten und der Koalitionsstreitmacht unter sehr viel günstigeren Bedingungen
nach Haiti gehen können, als wenn die Generäle
sich nicht für den Machtverzicht entschieden hätten.

Präsident Aristide wird nach Haiti zurückkehren, wenn
die Diktatoren die Insel verlassen. Am Donnerstagabend habe ich Ihnen gesagt, daß die Vereinigten
Staaten hier handeln müssen, um ihre Interessen zu
schützen und die brutalen Greueltaten zu beenden,
die Hunderttausende Haitianer bedrohen, um unsere
Grenzen zu schützen, Stabilität in unserer Hemisphäre zu erhalten und Demokratie zu fördern, um in den
Verpflichtungen, die wir anderen gegenüber eingegangen oder andere uns gegenüber eingegangen
sind, glaubwürdig zu bleiben. Dieses Abkommen
fördert all diese Ziele.

Ich möchte jedoch betonen, daß diese Mission
immer noch Risiken birgt, auf die wir vorbereitet sein
müssen. Haiti ist noch immer ein krisengeschütteltes Land, und die Möglichkeit von Gewaltakten
gegen amerikanische Truppen bleibt bestehen, aber
dieses Abkommen minimiert diese Risiken und
maximiert unsere Chance zum Schutz der Menschenrechte aller Haitianer, sowohl derjenigen, die
Präsident Aristide unterstützen, als auch derjenigen,
die ihn ablehnen. Und um ein Umfeld zu schaffen,
in dem Präsident Aristide zurückkehren kann - ohne
Gewalt, ohne Rache, ohne Vergeltung, wie er sagte.

Von Anfang an habe ich gesagt, daß die haitianischen Diktatoren gehen müssen. Heute kann ich
Ihnen sagen, daß sie gehen werden. Und an die
unter weniger risikoreichen Bedingungen auf den
Weg nach Haiti entsandten Truppen gerichtet sage
ich heute abend, ich bin zuversichtlich, daß Sie Ihre
Mission effektiv und professionell durchführen, wie sie
es bereits getan haben. Wir verlassen uns auf Sie,
daß Sie Ihre Arbeit morgen gut machen, so ausgezeichnet, wie Sie Ihre Arbeit heute und in den Wochen und Tagen davor geleistet haben, als Sie diese
Übung planten, sich auf sie vorbereiteten, und sie
dann auszuführen begannen.

Gemäß der Bestimmungen von Resolution 940 des
UN-Sicherheitsrats wird in Kürze eine 25 Nationen
umfassende internationale Koalition nach Haiti
entsandt, um die Aufgabe der Wiedereinsetzung
einer demokratischen Regierung in Angriff zu nehmen.

Ihnen allen möchte ich meinen Dank aussprechen
und sagen, Ihre Nation ist stolz auf Sie.
Gute Nacht. Gott schütze Amerika.

•

*

*

*

.

Seite 2

AMERIKA DIENST 37

�USA-HAITI
21. September 1994

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

WASHINGTON - (AD) - Das am 18. September 1994 in Port-au-Prince erzielte Abkommen zwischen dem
ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und den Militärmachthabern in Haiti hat folgenden
Wortlaut.

1. Der Zweck dieses Abkommens ist, Frieden auf
Haiti zu fördern, Gewalt und Blutvergießen zu
vermeiden, Freiheit und Demokratie zu fördern
und zwischen den Regierungen, der Bevölkerung
und den Institutionen Haitis und der Vereinigten
Staaten von Amerika dauerhafte Beziehungen
von beiderseitigem Vorteil zu schmieden.

1994 - je nachdem, was eher erfolgt. Die Parteien dieses Abkommens verpflichten sich zur
Zusammenarbeit mit dem haitianischen Parlament,
um dieses Vorgehen zu beschleunigen. Ihre
Nachfolger werden gemäß der haitianischen
Verfassung und des bestehenden Militärrechts
benannt.

2. Um diese Vereinbarung umzusetzen, werden das
haitianische Militär und die Polizeikräfte eng mit
der amerikanischen Militärmission zusammenarbeiten.
Diese in gegenseitigem Respekt
durohgeführte Zusammenarbeit dauert für die
Übergangsperide an, die für die Gewährleistung
tragfähiger Institutionen des Landes erforderlich
ist.

4. Die Militäraktionen der amerikanischen Militärmission werden mit dem haitianischen Obersten
Militärkommando koordiniert.

3. Um persönlich zum Erfolg dieses Abkommens
beizutragen, sind bestimmte Offiziere der haitianischen Armee bereit, im Einklang mit den UNOResolutionen 917 und 940 einem frühzeitigen
und ehrenhaften Ausscheiden aus dem Amt
zuzustimmen, wenn eine Generalamnestie vom
haitianischen Parlament als Gesetz verabschiedet
wird, oder spätestens bis zum 15. Oktober

5. Das Wirtschaftsembargo und die Wirtschaftssanktionen werden im Einklang mit den relevanten
UNO-Resolutionen unverzüglich aufgehoben und
die Erfordernisse der haitianischen Bevölkerung
so bald wie möglich erfüllt.
6. Die anstehenden Parlamentswahlen werden frei
und demokratisch abgehalten.
7. Es versteht sich, daß die obenstehende Vereinbarung von der Zustimmung der zivilen Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und
Haitis abhängig ist.

* * * *

AMERIKA DIENST 37

*

Seite 1

�USA-HAITI
21. September 1994

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem am 13. September 1994 veröffentlichten dritten Zwischenbericht des USAußenministeriums zufolge hat das haitianische Militärregime, das Präsident Jean-Bertrand Aristide vor drei
Jahren stürzte, das Land in einer Herrschaft des Terrors unterjocht, die der 30jährigen Diktatur der Familie
Duvalier vergleichbar ist.
Anläßlich der Vorlage des Berichts stellte John Shattuck, Abteilungsleiter im Außenministerium für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten, fest, das Ziel der haitianischen Militärmachthaber sei, "die
Rechtsstaatlichkeit durch eine Herrschaft der Angst zu ersetzen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht in wesentlichen Auszügen.

Dies ist der dritte vom US-Außenministerium für
1994 erstellte Zwischenbericht über die Menschenrechtssituation auf Haiti. Seit der Veröffentlichung
der jährlichen Länderberichte im Februar 1994 über
Menschenrechtspraktiken im Jahr 1993 hat das
Außenministerium im April und Juli 1994 zwei
Berichte über Haiti herausgegeben. Der nun vorliegende dritte Bericht ist detaillierter und umfassender als die beiden vorherigen. Er versucht, das
durch die Ausweisung der gemeinsam von den
Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten unterstützten Internationalen Zivilen
Mission entstandene Vakuum zu füllen, die zur
Beobachtung der Menschenrechtssituation auf Haiti
entsandt worden war.
Zusammenfassung
Die Menschenrechtssituation auf Haiti unter dem
unrechtmäßigen Regime von General Cedras ist der
Lage unter dem berüchtigten Regime von Frangois
"Papa Doc" Duvalier vergleichbar. Das Militärregime
und die De-facto-Regierung fördern Unterdrückung
und Terror, sanktionieren Attentate, Morde, Folter,
Schläge, Verstümmelung und Vergewaltigung. Die
Aktionen des Regimes sind eine flagrante Verhöhnung der internationalen Staatengemeinschaft, die
diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen
wiederholt verurteilt hat.
Die zunehmende Unterdrückung und die Terrorakte
auf Haiti werden auf verschiedenen Ebenen durch
das Militär, die Polizei und Zivilisten ausgeübt, die

AMERIKA DIENST 37

dem Cedras-Regime Bericht erstatten. Das Militär
kontrolliert die De-facto-Regierung, die Polizei, die
Polizeitattaches, die Chefs de Section und die nur
dem Namen nach unabhängige FRAPH, bekannt als
die Revolutionäre Front für Fortschritt auf Haiti oder
auch als Bewaffnete Revolutionäre Front des Haitianischen Volkes.
Obwohl die demokratisch verabschiedete Verfassung
von 1987 eine getrennt vom Militär operierende
Polizei fordert, haben die Streitkräfte die Kontrolle der
polizeilichen Aufgaben übernommen. Die Polizeiattachös sind quasi offizielle Agenten des Sicherheitsapparats, die die Bevölkerung verdeckt überwachen,
Repression ausüben und Wachmannschaften organisieren. Die Chefs de Section sind ein auf dem Land
operierender Zweig des Militärs, der dem Befehl der
Departementskommandeure der Armee untersteht.
Das Regime veranlaßt, ermutigt oder gestattet, daß
diese Organisationen und Einzelpersonen die Menschenrechte ungestraft verletzen.
Die Zentralbehörden geben den Ton an und erteilen
allgemeine Instruktionen für offizielle Terrorakte,
überwachen jedoch nicht unbedingt die Ausführung.
Die Repression erfolgt in der Tat dezentralisiert mit
der Folge, daß die unteren Ränge des Sicherheitsapparats ihre Positionen im allgemeinen als private
Sinekure betrachten. Sie mißbrauchen ihre Befugnis
regelmäßig, um die örtliche Bevölkerung zu erpressen, ihre eigene gesellschaftliche Position zu verbessern und für sich oder ihre Freunde alte Rechnungen
zu begleichen. Diese zu Zeiten von Francois Duva-

Seite 1

�Her häufig angewandte besondere Art von Terror auf
Haiti führte zur Gründung der berüchtigten Tonton
Macoutes. Wie der Fall von Militärkommandeur
Norelus Mandelus beweist, ist das Militär in der
Lage, der Gewalt Einhalt zu gebieten, ermutigt oder
erlaubt sie jedoch, weil sie ihren Zwecken dient.
Zur Überwachung der Menscherechtssituation der
De-facto-Regierung unterstützten die Vereinten
Nationen und die Organisation Amerikanischer
Staaten gemeinsam die Internationale Zivile Mission
(International Civilian Mission - ICM), die erstmals
1993 und erneut 1994 nach Haiti entsandt wurde.
Die ICM stellte von ihrer Ankunft bis Juli 1994
umfangreiche Beweise für gravierende Menschenrechtsverletzungen auf Haiti zusammen, bis die Defacto-Regierung behauptete, die Präsenz der ICM in
Haiti habe keine Rechtsgrundlage und sie auswies.
Jüngste Berichte über Menschenrechtsverletzungen
Obwohl es der Amerikanischen Botschaft nicht
möglich war, die ausgezeichnete Arbeit der nahezu
90 ICM-Beobachter, die sich vormals im Land
aufgehalten hatten, in gleichem Maße fortzusetzen,
ist die Überwachung der Menschenrechtssituation
seit der Ausweisung der ICM erheblich verstärkt
worden. Zusätzlich zu Ad-hoc-Berichten erstellt das
Botschaftsteam wöchentliche Berichte über die sich
verschlechternde Menschenrechtssituation.
Die Lage seit der Entmachtung von Präsident
Arlstlde
Das Cedras-Regime kam im September 1991 mit
einem Putsch gegen die damals seit acht Monaten
amtierende, demokratisch gewählte Regierung von
Präsident Jean-Bertrand Aristide an die Macht.
Unmittelbar nach dem Staatsstreich ermordete das
neue Regime mindestens 300 bis 500 Menschen,
wobei Aristide-Anhänger die Hauptzielgruppe waren.
Während der letzten drei Jahre hat sich die Menschenrechtssituation verschlechtert.
Um seine
Herrschaft aufrechtzuerhalten, hat das Regime durch
Attentate und Morde, Folterung, Verstümmelung,
Vergewaltigung und ständige Schikanierung ein
Klima der Angst geschaffen. Dem Dokument des
UN-Sonderberichterstatters für Haiti vom 7. Februar
1994 zufolge wurden bis zu 3.000 haitianische
Zivilisten, darunter viele Aristide-Anhänger, unter
dem Cedras-Regime ermordet. Andere Berichte
deuten an, daß noch mindestens einige hundert
mehr seit damals getötet wurden. Die derzeitige
Situation zeigt ein Ausmaß an Terror, das dem des
Duvalier-Regimes vergleichbar ist.

Seite 2

Die prominentesten jüngsten Fälle
Die Ermordung von Präsident Aristides Kollegen,
PaterJean-Marie Vincent, am 28. August 1994 ist der
jüngste Beweis der Entschlossenheit der De-factoRegierung, ihre Gegner zum Schweigen zu bringen.
Der Pater wurde von nicht identifizierten bewaffneten
Männern erschossen, als er zum Tor des Geländes
seines Ordens im Stadtteil Turgeau von Port-auPrince fuhr.
Mehrere andere politische Attentatsversuche scheiterten in den vergangenen Monaten. Der ehemalige
Senator Reynold Charles wurde durch Schüsse nicht
identifizierter Männer verwundet, entging jedoch dem
Tod. Bewaffnete Männer überfielen das Haus von
Senator Clarck Parent und seiner Schwester (der
Bürgermeisterin von Petionville), flüchteten jedoch,
als der blinde Senator in die Luft feuerte. Anstatt
glaubwürdige Ermittlungen in diesen Fällen anzustellen, tat die De-facto-Regierung sie als Versuche von
Leuten ab, das Regime zu diskreditieren.
Diese Attentate und Attentatsversuche sind nur die
jüngsten Vorfälle in einer langen Serie von Morden
an hochrangigen Oppositoinsvertretern. Im September 1993 wurde der prominente Aristide-Anhänger
und Aktivist Antoine Izmery getötet, als eine Gruppe
bewaffneter Männer ihn während eines Gottesdienstes angriff. Am 14. Oktober 1993 wurde der renommierte haitianische Rechtsanwalt und Justizminister
Guy Malary in der Innenstadt von Port-au-Prince
ermordet. Das Cedras-Regime hat nur geringes
Interesse an Ermittlungen in diesen Todesfällen
gezeigt.
Am 9. September 1994 berichtete die New York
Times über konkrete politische Terrorakte gegen
Waisenkinder, deren Eltern selbst häutig Opfer der
De-facto-Regierung geworden waren. Diese Ermordungen waren den Berichten zufolge häufig begleitet
von der Verfolgung der Mitarbeiter der Waisenhäuser,
was dazu führte, daß viele schließen mußten.
Die Herrschaft des Terrors
Die Menschenrechtsbilanz des Regimes demonstriert,
daß es seine Gegner nicht nur eliminieren, sondern
auch die gesamte Bevölkerung unterjochen sowie
eine mögliche Opposition unterdrücken und einschüchtern will. Schätzungen eines jüngsten Berichts
der Human Rights Watch zufolge sahen sich bis zu
300.000 Menschen veranlaßt, sich vor dem Regime
zu verstecken. Folterung, Vergewaltigung, Schläge
und die Beschlagnahme des Geldes von ohne Grund
Inhaftierten sollen die Öffentlichkeit einschüchtern
und demoralisieren.

AMERIKA DIENST 37

�Es gibt zahlreiche und konkrete Beweise für Einschüchterungsversuche. Eine Delegation der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (InterAmerican Commission for Human Rights - IACHR),
die Haiti vom 16. bis 20. Mai 1994 besuchte, stellte
fest, daß sich die Menschenrechtssituation auf Haiti
seit ihrem letzten Besuch im August 1993 "ernsthaft
verschlechtert" hat. Die Delegation konnte 133 Fälle
standrechtlicher Erschießungen zwischen Februar
und Mai 1994 nachweisen, und es besteht Grund zu
der Annahme, daß es außerhalb des Rahmens ihrer
Ermittlungen sehr viel mehr Fälle gab. Die Delegation fand auch heraus, daß das Regime schwer
verstümmelte Körper auf den Straßen liegen ließ,
nur um die Bevölkerung zu terrorisieren.
Die lAHCR-Delegation deckte auf, daß Frauen und
Verwandte von Regimegegnern vergewaltigt oder
anderweitig sexuell mißbraucht wurden. Sie machte
zahlreiche Fälle willkürlicher Verhaftungen, von
Verschleppung und Folterung aus. Die Delegation
wies den De-facto-Behörden die volle Verantwortung
für die sich verschlechternde Situation zu.
In einer Presseerklärung vom 27. Juli 1994 beschrieb die IACHR die Menschenrechtsverletzungen
auf Haiti als "flagrant und systematisch" und führte
sie auf die "andauernde unrechtmäßige Ausübung
der Macht durch das haitianische Militär und seine
Gefolgschaft" zurück.
Die Kommission verwies
ferner auf den Zusammenbruch der zuständigen
Regierungsinstitutionen und die "vollständige Unfähigkeit der Judikative oder anderer Mechanismen,
Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder zu
bestrafen" und stellte fest, daß die Menschenrechtsverletzer "offen ungestraft handeln".
Im Juli 1994 veröffentlichte die Human Rights Watch
einen Bericht, in dem Dutzende Vergewaltigungsfälle
belegt wurden, mit denen nicht nur die Regimegegner, sondern auch die Bevölkerung insgesamt
terrorisiert werden sollte. Die ICM ihrerseits berichtete von 66 Fällen politisch motivierter Vergewaltigungen durch das Militär und die paramilitärischen
Truppen in den ersten fünf Monaten des Jahres
1994 (vor der Ausweisung der ICM aus Haiti durch
das Militär).
Berichte des Menschenrechtsteams der Amerikanischen Botschaft seit Juli 1994
Nach der Ausweisung der Menschenrechtsbeobachter der Vereinten Nationen und der Organisation
Amerikanischer Staaten verstärkte die Amerikanische Botschaft ihre Berichterstattung über die
Menschenrechtssituation. Umfassende Ermittlungen
des Botschaftsteams seit Juli deckten eine dramatische Zunahme der Menschenrechtsverletzungen auf.

AMERIKA DIENST 37

Die Zentralprovinz (in der Nähe von Hinche) war seit
langem die Heimat von Bürgerrechtlern, bis sie durch
die brutale Unterdrückung des Regimevertreters vor
Ort, Oberst Gideon, zum Schweigen gebracht wurden. Nachdem der Oberst in die Südwestprovinz (in
der Gegend von Les Cayes) versetzt worden war,
nahm die Unterdrückung in dieser Region unverzüglich zu. Willkürliche Durchsuchungen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Berichten
zufolge wurden Menschen in der Region Les Cayes
verhaftet, nur weil sie die Sendungen von Voice of
America gehört hatten.
Im Sommer tauchte ein Militärbefehlshaber namens
Norelus Mandelus in einer Küstenstadt von Les
Cayes auf, der sich selbst als Saddam Hussein von
Haiti bezeichnete.
Neben anderen Greueltaten
schnitt Norelus einem Opfer während einem grausamen Verhör ein Ohr ab und zwang den Mann, es
zu essen, und ritzte dann seine Initialien in das
Fleisch des Opfers ein. Die Militärbehördern tolerierten dieses Verhalten, bis ein Priester und ein Seminarist, die zu den Opfern von Norelus willkürlichen
Schlägen zählten, sich als Verwandte eines höherrangigen Offiziers erwiesen. Norelus erhielt offensichtlich eine geringfügige Verwarnung, bevor er
versetzt wurde.
Ein flagrantes Beispiel willkürlicher Inhaftierung war
die Verhaftung des Aktivisten Gardy Lablanc aus
Lavalas durch die Behörden von Miragoane, der sich
angeblich über die neue paramilitärische zivile
Schutztruppe während ihres Drills lustig gemacht
hatte. Der diensthabende Beamte der Polizei von
Miragoane verweigerte den Angehörigen der Amerikanischen Botschaft Zutritt zu Leblanc. Der Beamte
erklärte, er habe Anweisung, nicht mit den Vertretern
der Botschaft zu sprechen, und Leblanc werde bis
auf weitere Anordnung seines Kommandeurs festgehalten. Nach wiederholten Anfragen der Botschaft
wurde Leblanc angeblich freigelassen.
Im vergangenen Monat fand das Botschaftsteam
heraus, daß Unterdrückung und Terror in der Küstenregion Aquin östlich von Les Cayes an der Tagesordnung sind. Viele Menschen wurden inhaftiert, und
alle wurden von den Behörden schikaniert. Eine dort
ansässige Nonne beschrieb der Botschaft einige der
Verletzungen, die sie an den von ihren Wächtern
gefolterten Gefangenen behandelt hatte.
In der westlich von Port-au-Prince gelegenen Stadt
Gressiers wurden mehrere Mordopfer in einem
flachen Grab gefunden. Die Körper waren teilweie
sichtbar und leicht zu entdecken.
Am Morgen des 1. August 1994 schlug die Polizei auf
mehrere Personen ein, die auf die Öffnung des

Seite 3

�Internationale Besorgnis

schreckliche Menschenrechtssituation auf Haiti
verantwortlich ist, und es wird zunehmend klarer, daß
die Militärmachthaber nicht die Absicht haben, mit der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Beilegung der Krise zusammenzuarbeiten.

Seit dem Putsch hat die internationale Staatengemeinschaft wiederholt das De-facto-Regime von Haiti
verurteilt. Die Reaktion der De-facto-Regierung war
eine zunehmende Isolierung von der internationalen
Staatengemeinschaft. Das Regime hat das Abkommen von Govemor's Island gebrochen und alle
Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft um eine friedliche Lösung der Krise zurückgewiesen. Noch in diesem Monat weigerte sich das
Regime, den Sondergesandten von UN-Genralsekretär Boutros Boutros-Ghali zu empfangen. Es ist seit
langem offenkundig, daß das Regime für die

Die Organisation Amerikanischer Staaten, die Vereinten Nationen und andere internationale Foren
widmen der eskalierenden Menschenrechtskrise auf
Haiti gezielte Aufmerksamkeit. Vor kurzem hat der
UN-Sicherheitsrat in Erkenntnis der Tatsache, daß
die Krise nicht auf diplomatischem Wege gelöst
werden konnte, Resolution 940 verabschiedet, mit der
die Entmachtung der De-facto-Regierung mit allen
erforderlichen Mitteln genehmigt wird. Seit der
Verabschiedung der Resolution arbeiten die Vereinigten Staaten auf die Bildung einer internationalen
Koalition zur Umsetzung der Resolution 940 hin.

amerikanischen Flüchtlingsauffanglagers in Port-auPrince warteten. Es gab keine Beweise dafür, daß
die Opfer dieses Vorgehen provoziert hatten.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 37

�BEVÖLKERUNG
21. September 1994

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig
KAIRO - (AD) - Die internationale Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 endete mit
Übereinstimmung bezüglich der Notwendigkeit eines
integrierten Programms zur Verlangsamung des
Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern
durch die Verbesserung des Status der Frau, Erweiterung der Familienplanungsprogramme und Bekämpfung der Armut.
"Zum ersten Mal wurde ein umfassenderer Ansatz
zur Bewältigung der durch die Bevölkerungsexplosion entstandenen Herausforderung befürwortet - in
Erkenntnis der Notwendigkeit, gleichzeitig, vordringlich und freiwillig die grundlegenden Aspekte der
Entwicklung anzusprechen", stellte Timothy Wirth,
Abteilungsleiter im US-Außenministerium für globale
Angelegenheiten, am 13. September 1994 zu dem
"Aktionsprogramm" fest, das bei der Konferenz im
Konsens verabschiedet wurde.
Als einzelne Aspekte nannte er "Bildung, grundlegende Gesundheitsfürsorge, Konsum und Umweltverschmutzung, Gleichheit, Gleichberechtigung und
vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frauen".
Bei einer Pressekonferenz bestätigte Wirth, es stehe
außer Frage, daß die Bevölkerungsexplosion eingedämmt werden müsse. "Insgesamt hat die Welt
zugestimmt, daß die Frage der Bevölkerungsstabilisierung und -entwicklung mit großer Dringlichkeit
angegangen werden muß", so Wirth.
Die Notwendigkeit zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums wurde auch bei der von Nafis
Sadik, Generalsekretärin der Konferenz und geschäftsführende Direktorin des Fonds der Vereinten
Nationen für Bevölkerungsaktivitäten, gegebenen
Abschlußpressekonferenz angesprochen.
Wenn die Empfehlungen des mehr als 100 Seiten
umfassenden Aktionsprogramms
angenommen
würden, nähme die Weltbevölkerung bis zum Jahr
2050 immer noch von gegenwärtig 5,66 Milliarden
auf 7,8 Milliarden zu. Hielten die derzeitigen Wachstumstrends jedoch unkontrolliert an, würde sich die

AMERIKA DIENST 37

Gesamtbevölkerung im Jahr 2050 auf 10 Milliarden
belaufen, warnte Sadik.
Die am 5. September 1994 eröffnete, von den
Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz ist die
dritte Bevölkerungskonferenz in 20 Jahren, aber die
erste, bei der Industrienationen und Entwicklungsländer uneingeschränkt über die Notwendigkeit zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums übereinstimmten.
Bei der ersten Konferenz 1974 in Bukarest (Rumänien) bekämpften die Entwicklungsländer die von der
industrialisierten Welt vorgebrachte Idee, daß Armut
durch eine Verringerung der Fertilitätsrate bekämpft
werden könnte. Die Entwicklungsländer argumentierten, Wirtschaftswachstum sei der Schlüssel zur
Stabilisierung der Bevölkerung und "Entwicklung die
beste Empfängnisverhütung".
Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre später
in Mexiko waren die meisten Entwicklungsländer zu
der Ansicht gelangt, daß rasches Bevölkerungswachstum ein Problem sei. Sie wurden in dieser
Meinung von der Mehrzahl der Industrienationen
unterstützt, nicht jedoch den Vereinigten Staaten.
Die Administration von Präsident Reagan lehnte
damals den Schwangerschaftsabbruch ab und kürzte
die finanzielle Unterstützung für Familienplanungsprogramme.
Wirth wiederholte bei seiner Abschlußpressekonferenz, daß diese Politik von der Clinton-Administration nicht übernommen wurde und die Ausgaben der
Vereinigten Staaten für Familienplanung drastisch
erhöht worden seien.
Die deutschen und französischen Delegierten sprachen bei ihrer Pressekonferenz auch über das
dramatische Umdenken bei Bevölkerungs- und
Entwicklungsfragen. "Die Länder sind seit damals
(der Konferenz von Mexiko) zu der Erkenntnis
gelangt, daß das Bevölkerungswachstum eine

Seite 1

�Bedrohung der realen Entwicklung darstellt", erklärte
Claude Harrel, ein französischer Diplomat.
Sadik wurde gefragt, was das Aktionsprogramm für
ein armes Mädchen im ländlichen Indien bedeuten
könnte. Wenn das Aktionsprogramm umgesetzt
würde, könnte das Mädchen damit rechnen, besser
ernährt zu werden, nicht jung zu sterben, eine
gewisse Bildung zu erhalten und einige Wahlmöglichkeiten in seinem Leben zu haben, erwiderte die
pakistanische Qynäkologin.
Sadik bezeichnete die Konferenz als Erfolg, weil das
Aktionsprogramm den Menschen - besonders den
Frauen - vermittelt, daß sie Wahlmöglichkeiten in
ihrem Leben haben.
"Meines Erachtens besteht die wichtigste Leistung
dieser Konferenz darin ... Frauen und Männern die
Möglichkeit einzuräumen, Entscheidungen über die
Größe der Familie und die Anzahl der Kinder zu
treffen", so Sadik.
Die Wahlmöglichkeit ist vor allem für Frauen entscheidend, weil sie in den Entwicklungsländern in
einem "Umfeld leben, das ihnen die eigene freie
Entscheidung häufig verwehrt".
Die meisten Frauen leben in einem Umfeld, das sie
"zu unerwünschten Kindern zwingt".
"Ihre Reproduktionsrolle wird so weit betont, daß sie
praktisch jede andere Rolle der Frau ausschließt.
Die Erkenntnis des Aktionsprogramms ist meiner
Ansicht nach, daß eine Frau eine Person mit eigenen Rechten ist, als solche anerkannt werden muß
und ihr alle Optionen geboten werden müssen",
stellte Sadik fest.
Sadik hat praktisch jede sich ihr bei der Konferenz
bietende Gelegenheit ergriffen um zu argumentieren,
daß das Bevölkerungswachstum nur verlangsamt
werden kann, wenn die Frauen in den Entwicklungsländern besseren Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge und Beschäftigung erhalten. Diese Idee
wurde in den dreijährigen Verhandlungen vor der
Konferenz entwickelt und in allen Teilen des Aktionsprogramms verankert.
Die Clinton-Administration und eine breite Koalition
amerikanischer nichtstaatlicher Organisationen
unterstützten diese Sichtweise in hohem Maße vor
und während der Konferenz.
Das Aktionsprogramm prognostiziert die Kosten für
die Bereitstellung von Familienplanung und reproduktiver Gesundheitsfürsorge für die Entwicklungsländer und Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjet-

Seite 2

union, die daran bis zum Jahr 2015 interessiert sind.
Darin enthalten sind Schätzungen der Vereinten
Nationen, daß es im Jahr 2015 21,7 Milliarden Dollar
kosten würde, die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen zu decken. Diese Zahl würde in folgenden
Stadien erreicht: 17 Milliarden Dollar bis zum Jahr
2000, 18,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2005 und
20,5 Milliarden Dollar bis 2010.
Das Aktionsprogramm überträgt dann den Entwicklungsländern und Republiken der ehemaligen Sowjetunion die Verantwortung zur Bereitstellung von zwei
Dritteln dieser Summe. Diese Länder bezahlen zur
Zeit ungefähr 80 Prozent der Dienstleistungen, und
die Industrienationen kommen für rund 20 Prozent
über ihre Hilfsprogramme auf. Das Aktionsprogramm
fordert eine Aufstockung des Anteils der Industrienationen auf 33 Prozent oder mehr in den ärmsten
Ländern, vor allem denen Afrikas.
Wirth wiederholte bei seiner Pressekonferenz, daß
die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland und
andere Industrienationen sich zu einer Erhöhung ihrer
Hilfsleistungen verpflichtet haben. Seiner Ansicht
nach werden die Ziele der Industrienationen erfüllt.
Die achttägige Konferenz war von zum Teil lebhaften
Debatten und der beharrlichen Weigerung des
Vatikans gekennzeichnet, den Terminus Schwangerschaftsabbruch in das Aktionsprogramm aufzunehmen. Nachdem mehrere Tage versucht wurde, einen
Kompromiß bei der Sprachregelung zu finden, wollte
die große Mehrheit der Länder nicht weiter gehen als
die Feststellung, die Entscheidung zur Frage des
Schwangerschaftsabbruchs bleibe jedem Land selbst
überlassen, er sei keine Methode zur Familienplanung und Frauen, die eine verpfuschte Abtreibung
erlebt hätten - auch wenn sie illegal war - verdienten
die geeignete medizinische Versorgung.
Die große Mehrheit forderte femer die Erweiterung
der Verwendung von Mitteln zur Familienplanung was ebenfalls von der römisch-katholischen Kirche
abgelehnt wird - um Frauen zu ermutigen, ungewollte
Schwangerschaften und damit eine Abtreibung zu
verhindern.
Bischof James McHugh stellte bei einer Pressekonferenz fest, der Vatikan fühle sich durch das Ergebnis
der Konferenz nicht "ausgegrenzt".
Er verwies darauf, daß eine Reihe muslimischer und
römisch-katholischer Länder ebenso wie der Vatikan
Vorbehalte bezüglich einiger Teile des Aktionsprogramms geäußert hatten.

AMERIKA DIENST 37

�Einer inoffiziellen Zählung zufolge brachten 19 der
183 bei der Konferenz vertretenen Länder Vorbehalte zu einigen Teilen des Programms zum Ausdruck.
Wirth nahm den Widerstand des Vatikans zur Kenntnis, stellte jedoch fest, der Vatikan habe zur Klärung

einiger Fragen und zur Verbesserung des Aktionsprogramms beigetragen.
"Als wir nach Kairo kamen, erwarteten wir keinen so
breiten Konsens. Praktisch alle sagen, sie stimmen
mit nahezu allen Teilen des Dokuments (des Aktionsprogramms) überein", äußerte Wirth.

* * * * *

AMERIKA DIENST 37

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�MENSCHENRECHTE
21. September 1994

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION
ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter im US-Außenministerium für Demokratie, Menschenrechte und
Arbeitsfragen, John Shattuck, zufolge belegt der Regierungsbericht über die Einhaltung der internationalen
Konvention über bürgerliche und politische Rechte, daß "sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich verbessert hat", jedoch noch zahlreiche Herausforderungen
und Probleme bestehen.
In der Einleitung zu dem 250 Seiten umfassenden Bericht stellt Shattuck fest, die Struktur der amerikanischen
Menschenrechtsgesetze "ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten
Staaten, einer ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von
Vision und Mut erzählt".
Shattuck äußerte am 13. September 1994 gegenüber Journalisten, das Außenministerium sei "sehr stolz" auf
den Bericht und der Ansicht, er "spiegele unsere gute Menschenrechtssituation sowie die Tatsache wider, daß
wir Fortschritte erzielen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zu dem Menschenrechtsbericht.

Ich freue mich, den von der Regierung der Vereinigten Staaten vorbereiteten Bericht über die
Einhaltung der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte vorstellen zu
können. Der Bericht wurde im Juli dem im Rahmen
der Konvention gegründeten UN-Menschenrechtsausschuß vorgelegt. Es ist auch der erste von den
Vereinigten Staaten im Einklang mit ihren Verpflichtungen unter einem internationalen Menschenrechtsvertrag übermittelte Bericht. Der gemäß der Vorgaben der Vereinten Nationen geschriebene und
gemeinsam vom amerikanischen Außen-, Justizsowie anderen Ministerien vorbereitete Bericht, der
Beiträge nichtstaatlicher Organisationen und betroffener Einzelpersonen enthält, steht für das Engagement der Regierung zu kreativer Interaktion mit dem
sich abzeichnenden globalen Rahmen internationaler
Menschenrechtsgesetze. Er soll der internationalen
Staatengemeinschaft ein umfassendes Bild der
Einhaltung von Menschenrechten in den Vereinigten
Staaten sowie des juristischen und politischen
Systems vermitteln, innerhalb dessen sich diese
Rechte entwickelt haben und geschützt werden.

AMERIKA DIENST 37

Die internationale Konvention über bürgerliche und
politische Rechte wurde 1966 abgeschlossen, trat 10
Jahre später in Kraft und wurde von den Vereinigten
Staaten 1992 ratifiziert. Die Arbeit an diesem Bericht
begann kurz nach der Ratifizierung. Bis heute sind
dem Vertrag insgesamt 127 Länder beigetreten.
Zusammen mit der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte und der internationalen Konvention
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
stellt dieser Vertrag die vollständigste und ausdrücklichste Formulierung der internationalen Menschenrechtsgesetze dar, die in den Jahren nach dem
Zweiten Weltkrieg entstand.

Die Vorläufer der heutigen Menschenrechtsgesetze
gehen weit in die Geschichte zurück - auf natürliche
Rechtstraditionen, die ethischen Lehren der großen
Weltreligionen im Osten wie im Westen, das griechisch-römische Recht sowie das bahnbrechende
philosophische Werk von Hugo Grotius und John
Locke. Das von politischen Theoretikern des 18.
Jahrhunderts entwickelte Konzept universeller Rechte
beeinflußte das Völkerrecht und ebnete den Weg

Seite 1

�zum amerikanischen Konstitutionalismus. Internationale Menschenrechtsgesetze und das konstitutionelle Recht der Vereinigten Staaten sind in
der Tat eng verwandt: Beide versuchen, die Befugnis der Staaten zur Einmischung in die unveräußerlichen Rechte jedes einzelnen ohne Diskriminierung
zu beschränken.
Die erste umfassendere Formulierung völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen erfolgte nach
dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit dem
gescheiterten Völkerbund, seinem System für den
Schutz von Minderheiten und der erfolgreicheren
Internationalen Arbeitsorganisation.
Es waren jedoch die schrecklichen Erfahrungen des
Totalitarismus in der Mitte des Jahrhunderts und der
Zweite Weltkrieg, die die siegreichen alliierten
Mächte veranlaßten, im Völkerrecht die umfassenderen Ziele zu verankern, die sich während des Krieges abgezeichnet hatten, wie Präsident Roosevelts
Vier Freiheiten. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, bei dem die besiegten Naziführer öffentlich
angeklagt und gemäß der Prinzipien des Völkerrechts verurteilt wurden, stellte einen Versuch zum
Entwurf einer neuen internationalen Ordnung dar,
die den Schutz der menschlichen Würde gewährleisten und in gewissem Maße das schreckliche Leid
der Opfer des Totalitarismus mildern würde.
Die Krönung dieser Bestrebungen war die Gründung
der Vereinten Nationen und die Verabschiedung
ihrer Charta, die Formulierung der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte und das Einleiten von
Bestrebungen, die zu den beiden wichtigsten Konventionen über internationale Menschenrechte
führten.
Während sich der Völkerbund praktisch ausschließlich auf die Rechte von Minderheiten und Selbstbestimmung konzentrierte, war die UN-Charta
umfassender und erlegte allen Mitgliedstaaten die
rechtliche und politische Verantwortung zum Schutz
und zur Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten ihrer Völker auf.
Die 1948 einstimmig von der UN-Generalversammlung verabschiedete Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte stellte eine ausdrückliche Formulierung der Rechte dar, zu deren Schutz und Förderung die Mitgliedstaaten im allgemeinen gemäß der
UN-Charta verpflichtet sind. Die Erklärung verbindet
die beiden Kategorien von Menschenrechten, die
aus dem internationalen juristischen Dialog hervorgingen - bürgerliche und politische Rechte einerseits
sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
andererseits. Es blieb der internationalen Staatengemeinschaft überlassen, diese einzelnen, jedoch

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in Verbindung zueinander stehenden Elemente zu
sondieren, um funktionierende Instrumente des
Völkerrechts zu scharfen.
Menschenrechte werden inzwischen als das universelle Geburtsrecht aller Menschen auf dieser Erde
angesehen. Dieser Glaube an die unveräußerliche
menschliche Würde bildet das Kernstück völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen. Sie haben
vielfältigen Ursprung und sind im Verlauf der Zeit in
unterschiedlicher Weise artikuliert worden. Ihre
Macht ist in nicht unerheblichem Maße auf ihren
breitgefächerten Ursprung zurückzuführen, sie sind
auch nicht in einem bestimmten philosophischen,
religiösen oder ideologischen Fundament verankert.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
erlangte die Inklusivität eben weil sie diese zeitlosen
Prinzipien nicht in ein bestimmtes und damit unweigerlich umstrittenes und parteiisches Programm
einbettete.
Die Konvention über bürgerliche und politische
Rechte leistet einen Beitrag zur Förderung der
internationalen Menschenrechte, indem sie die von
uns in den Vereinigten Staaten gewürdigten hehren
Prinzipien kodifiziert - politische Freiheit, Selbstbestimmung, Rede-, Meinungs-, Koalitions- und
Religionsfreiheit sowie der Schutz der Familie vor
Eingriffen der Regierung. Die bedauerliche Tatsache,
daß diese Prinzipien in vielen Ländern mißachtet
werden, schmälert in keiner Weise ihre zwingende
Autorität.
Als Nation wurden die Vereinigten Staaten auf dem
Prinzip unveräußerlicher Rechte des einzelnen
gegründet. Die Geschichte dieses Landes ist in
vieler Hinsicht die Geschichte eines andauernden
Kampfes um die Erfüllung dieser Konzeption von
Rechten, ein Kampf zur Überwindung alter und neuer
Ungerechtigkeiten in unserer eigenen Demokratie.
Als Teil dieses Kampfes engagieren sich die Vereinigten Staaten auch stark für eine verstärkte
Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten auf
der ganzen Welt.
Wie dieser Bericht belegt, sieht das Recht der
Vereinigten Staaten umfassenden Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch Regierungsbehörden
vor. Gemäß der amerikanischen Verfassung wird die
staatliche Gewalt durch die Gewaltenteilung auf die
drei Zweige der Regierung verteilt und entschärft.
Seit Anbeginn der Geschichte dieses Landes hat das
Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten von
dem Recht der richterlichen Nachprüfung Gebrauch
gemacht, um verfassungswidrige Maßnahmen der
Exekutive und Legislative zu prüfen.

AMERIKA DIENST 37

�Die Rede- und Religionsfreiheit sind gesetzlich
geschützt, die polizeiliche Gewalt unterliegt beträchtlichen verfassungsmäßigen Beschränkungen, und
die politische Führung der Vereinigten Staaten wird
auf allen Ebenen von den Bürgern zur Rechenschaft
gezogen.
Unsere Verfassung enthält einen Plan für die Auslegung und Umsetzung der Idee bürgerlicher und
politischer Rechte und Freiheiten, es erforderte
jedoch die Arbeit mehrerer Generationen aus allen
Sparten unserer Gesellschaft, um die Institutionen
aufzubauen, die das Versprechen dieser Rechte und
Freiheiten verkörpern. Dieser Prozeß erstreckte sich
über mehr als zwei Jahrhunderte und umfaßte viele
Kapitel unserer Geschichte - einige ruhmreich,
andere dunkel - und die Aufgabe dauert bis zum
heutigen Tag an.
Im Verlauf ihrer Menschenrechtsgeschichte haben
die Vereinigten Staaten Einbrüche bei diesem
andauernden amerikanischen Kampf um Gerechtigkeit erlebt, beispielsweise die Versklavung von
Afroamerikanern und den Entzug ihrer Bürgerrechte
sowie die faktische Zerstörung vieler indianischer
Zivilisationen in Amerika.

anderer Minderheiten in den Vereinigten Staaten
leiden unter Ungerechtigkeit. Die Vereinigten Staaten
sind vorwiegend eine Nation von Einwanderern. Wir
sind weiterhin Anziehungspunkt für Einwanderungswellen von Männern und Frauen aus der ganzen Welt
auf der Suche nach einem besseren Leben. Jedes
Jahr wandern mehr als 900.000 Menschen in die
Vereinigten Staaten ein.
Wie überall waren jedoch auch unsere Einwanderer
oftmals mit Diskriminierung und Widerstand konfrontiert, die mit der Migration einhergehende persönliche Belastungen noch erschweren. Die Offenheit unserer Gesellschaft hat mit der Zeit Mobilität
und Befreiung von Armut und Ausgrenzung gestattet.
In diesem Prozeß haben Gruppen von Einwanderern
unsere nationale Identität stark bereichert, während
der aus dem 19. Jahrhundert stammende Gedanke
des "Schmelztiegels" allmählich einer umfassenderen
Vision des Pluralismus Platz gemacht hat.

Die tiefgreifenden Ungerechtigkeiten gegenüber
Afroamerikanern wurden nach dem Bürgerkrieg
(1861-65) und dann ein Jahrhundert später durch die

Der andauernde Kampf um die volle Durchsetzung
der Rechte von Frauen ist das zentrale Charakteristikum des Menschenrechtsprozesses in Amerika:
Die Frauen in den Vereinigten Staaten bekamen erst
1920 das Wahlrecht, anderthalb Jahrhunderte nach
der Gründung der Republik. Mit zunehmender Stärke
haben die Frauen eine gleichberechtigte Position im
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Leben des Landes gefordert. In allen Bereichen des

Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und sechziger

amerikanischen

Jahre dieses Jahrhunderts nur zum Teil behoben eine Bewegung, die heroische Führung mit der
Organisation der Basis und einem unterschütterlichen juristischen Marsch durch Gerichte und Parlamente kombinierte, eine Bewegung, die an der
Auslegung und Umsetzung des Verfassungsrechts
mitwirkte um sicherzustellen, daß die Menschenrechte in der Praxis respektiert werden können.

unternommen, die Chancen der Frau zu vergrößern
und die noch bestehende Diskriminierung abzustellen.

Diese Bestrebungen, das bittere Vermächtnis der
Sklaverei aufzuheben, setzen sich bis in die heutige
Zeit fort. Die aus dem noch nicht beendeten Kampf
unserer Nation gegen die Rassendiskriminierung
gezogenen Lehren können an andere Mitglieder der
internationalen Staatengemeinschaft weitergegeben
werden. Mit anderen Worten: Unsere nationalen
Erfahrungen demonstrieren, daß rechtliche Garantien der Menschenrechte eine Voraussetzung für
sozialen Fortschritt sind und nicht umgekehrt.
Das Schicksal der Indianer ähnelt dem vieler Urbevölkerungen: Zerstörung und Vertreibung ihrer
Kulturen und Gesellschaften. Die aus dieser Ungerechtigkeit gezogenen Lehren und die daraus
resultierenden Pflichten der amerikanischen Bürger
sind ebenfalls ein zentrales Vermächtnis der amerikanischen Geschichte.
Auch die Angehörigen

AMERIKA DIENST 37

Lebens

werden

Bestrebungen

In der Vergangenheit und Gegenwart unseres Landes
sind zahlreiche andere Menschenrechtsprobleme zu
finden. Während wir uns bemüht haben, neue
Herausforderungen auszumachen, haben wir mit
unterschiedlichem Erfolg an der Stärkung der Fähigkeit unserer Institutionen zu ihrer Bewältigung gearbeitet.
Als offene Demokratie tendieren die Vereinigten
Staaten dazu, ihre schwierigsten und entscheidendsten Menschenrechtsfragen in der Öffentlichkeit und
vor Gericht zu behandeln. Die Folge sind eine
Anzahl herkömmlicher, auf Präzedenzien beruhender
Menschenrechtsfragen sowie zahlreiche neuere
Probleme, bei denen juristisches Neuland betreten
wird. Zu den ersteren gehören Religionsfreiheit,
Einwanderungs- und Flüchtlingsprobleme, Rassendiskriminierung und Meinungsfreiheit, die neueren
umfassen geschlechtsspezifische Diskriminierung,
Todesstrafe, Schwangerschaftsabbruch, Brutalität der
Polizei und die Rechte sprachlicher Minderheiten.

Seite 3

�Unsere Gesetze sehen vor, daß Verträge und Statuten im Einklang mit den Erfordernissen der Verfassung stehen müssen. Keine Vertragsbestimmung
erlangt Gesetzeskraft, wenn sie der Verfassung
zuwiderläuft. Im Fall der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte bietet die
Verfassung der Vereinigten Staaten größeren Schutz
der Redefreiheit als die Konvention. Bei diesen und
anderen Verfügungen der Konvention haben die
Vereinigten Staaten ihr Verständnis einer bestimmten Verfügung dargelegt oder erklärt, wie sie diese
Bestimmung oder dieses Unterfangen anzuwenden
gedenken.
Es hat wenig Zweck, auf internationaler Ebene
Grundsätze für den Schutz der Menschenrechte zu
verkünden, wenn sie im eigenen Land nicht sinnvoll
verwirklicht und durchgesetzt werden können. Um
mit den Worten des renommierten Menschenrechtsund Verfassungsexperten Louis Henkin zu sprechen:
"Völkerrechtliche Bestimmungen zu Menschenrechtsfragen sind Gegenstück und Ergänzung nationaler
Gesetze... ersetzen diese jedoch nicht, sondern sind
vielmehr von nationalen Institutionen abhängig."
Somit obliegt es den verschiedenen Organen auf
nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler
Ebene hier in den Vereinigten Staaten, diese internationalen Verpflichtungen zu verwirklichen.
Seit der große französische Denker und Staatsmann
Alexis de Tocqueville in den dreißiger Jahren des
19. Jahrhunderts sein klassisches Werk "Demokratie
in Amerika" niederschrieb, verfügen die Vereinigten
Staaten Beobachtern zufolge über ein erstaunlich
robustes Rechtssystem, das den Rahmen und das
Werkzeug für den rechtlichen Schutz von Menschenrechten bildet. Dieser Bericht der Vereinigten Staaten an den Menschenrechtsausschuß der Vereinten
Nationen konzentriert sich folglich auf die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Menschenrechte, die sich als Mischung aus Statuten und
Gewohnheitsrecht auf Bundesebene entwickelt
haben.
Die im Verlauf der amerikanischen Geschichte
entstandene umfassende Rechtsauffassung dient als

Grundlage für einen Großteil der internationalen
Menschenrechtsgesetze und setzte - ironischerweise,
aber zu Recht - den Maßstab, mit dem die Vereinigten Staaten von anderen Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft gemessen werden.
Obwohl sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich
verbessert hat, bestehen noch viele Herausforderungen und Probleme. Die in diesem Bericht enthaltene
ausgefeilte Struktur der Menschenrechtsgesetzgebung ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten Staaten, einer
ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von
Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von Vision und
Mut erzählt. Es ist ein besonderes Merkmal unseres
politischen und juristischen Systems, die ständige
Möglichkeit zur Anklage in das Muster einer konstitutionellen Demokratie einzuweben.
Indem wir diesen Bericht veröffentlichen und innerhalb des Landes verteilen, hoffen wir das Bewußtsein der Öffentlichkeit für den Schutz der Menschenrechte und die Erziehung hierzu in den Vereinigten Staaten zu schärfen. Wir hoffen, daß der
Bericht in Schulen und Universitäten, unter bürgerlichen und politischen Gruppen sowie interessierten
Bürgern eine breite Leserschaft findet.
Im Rahmen der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte sowie zusätzlichen
Menschenrechtsabkommen, denen die Vereinigten
Staaten angehören, werden wir Folgeberichte erstellen.
Hier wie andernorts ist die Durchsetzung der universellen Menschenrechte eine im Gange befindliche
Arbeit. Obwohl das amerikanische System mit der
Zeit viel zur Förderung und Verteidigung der Menschenrechte unternommen hat - wie dieser Bericht
zeigt - bleibt noch viel zu tun. Die Regierung der
Vereinigten Staaten begrüßt einen lebhaften Dialog
und Debatten über die Förderung der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten und der gesamten
internationalen Staatengemeinschaft, die sich am
Horizont des 21. Jahrhunderts abzeichnet.

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AMERIKA DIENST 37

�DATEN AUTOBAHN
21. September 1994

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Vizepräsident AI Gore über seinen
Aktionsplan für ein weltweites Informationssystem, das die örtlichen Netze der ganzen Welt zu einer globalen
Informationsinfrastruktur verbindet. Die Vereinigten Staaten werden auf bevorstehenden internationalen
Konferenzen die von Gore vorgeschlagenen fünf Prinzipien für weltweite Datenautobahnen fördern.
Die nachstehend erörterten Fragen sollen auf der für den 19. September 1994 in Kioto anberaumten Konferenz
der internationalen Fernmeldeunion sowie auf dem Telekommunikations-Workshop der OECD, dem
Ministertreffen des APEC, dem Gipfel amerikanischer Staaten, dem gemeinsamen Symposium des APEC und
der OECD über das globale Informationsnetz sowie der Ministerkonferenz der G-7 über dieses Thema
angesprochen werden.

Die Idee einer Welt, deren Bürger durch einen
umfassenden Austausch von Informationen und
Ideen verbunden sind, ist nicht neu. Neu ist jedoch,
daß wir jetzt über die Technologie zur Verwirklichung
dieses Traums verfügen.
Vor ungefähr 30 Jahren las ich in der High School
die folgende Passage: "Mit Hilfe elektronischer
Mittel ist die gegenständliche Welt ein großer Lebensnerv geworden, der Impulse über Tausende von
Kilometern in atemberaubender Geschwindigkeit
befördert. Der Globus ist ein riesiges, mit Informationen angefülltes Gehirn!"
Diese visionären Äußerungen wurden 1851 von
Nathaniel Hawthorne, einem der größten Schriftsteller Amerikas, gemacht, der von der Entwicklung des
Telegraphen inspiriert war.
Nahezu 150 Jahre lang haben die Menschen danach
gestrebt, Hawthornes Vision zu verwirklichen - den
gesamten Globus mit Kommunikationsverbindungen
zu umgeben und dadurch ein Netz des gesamten
menschlichen Wissens zu schaffen.
Wir können jetzt zumindest ein den Planeten umspannendes Informationsnetz schaffen, das in Lichtgeschwindigkeit Botschaften und Bilder von der
größten Stadt zum kleinsten Dorf auf jedem Kontinent übermittelt.

AMERIKA DIENST 37

Präsident Clinton und ich sind der Ansicht, daß die
Schaffung dieses Netzes der Netze eine essentielle
Vorbedingung für umweltverträgliche Entwicklung für
alle Mitglieder der menschlichen Familie darstellt. Zu
diesem Zweck müssen Gesetzgeber und Wirtschaftsvertreter eine globale Informationsinfrastruktur aufbauen und betreiben.
Diese Datenautobahnen - oder, genauer gesagt,
Netze verteilter Informationen - gestatten uns einen
Austausch von Daten sowie Kontakt und Kommunikation innerhalb der Weltgemeinschaft. Aus diesen
Verbindungen können wir stabilen und umweltverträglichen wirtschaftlichen Fortschritt herleiten, starke
Demokratien, bessere Lösungen für globale und
örtliche umweltpolitische Herausforderungen, verbesserte Gesundheitsfürsorge und - letztlich - ein besseres Bewußtsein unserer gemeinsamen Verantwortung für die Erhaltung unseres kleinen Planeten.
Wir rufen alle Regierungen dazu auf, diese globale
Informationsinfrastruktur auf ihrem nationalen Hoheitsgebiet und in internationaler Zusammenarbeit
aufzubauen. Die Vereinigten Staaten werden hierzu
ihren Teil leisten.
Die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
muß durch Kooperation zwischen Regierungen und
Völkern erfolgen. Sie kann nicht von einem einzigen

Seite 1

�Land diktiert oder aufgebaut werden, sondern muß
eine demokratische Bestrebung darstellen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann das Funktionieren der Demokratie fördern, indem sie die
Beteiligung der Bürger an Entscheidungsfindungsprozessen beträchtlich erhöht. Und sie wird die
Fähigkeit von Nationen zur Zusammenarbeit untereinander stark vergrößern.

Sie soll aus Hunderten verschiedener Netze bestehen, von mehreren Unternehmen unter Einsatz
unterschiedlicher Technologien betrieben werden, die
alle zu einem "Netz der Netze" verbunden sind und
nahezu jedem Amerikaner Telefon und interaktives
Digitalvideo bereitstellen.
Unser Plan basiert auf fünf Prinzipien:
Förderung von Privatinvestitionen,

Die globale Informationsinfrastruktur wird auf nationaler und internationaler Ebene zum Schlüssel für
Wirtschaftswachstum werden. Bei uns in den Vereinigten Staaten bedeutet die Informationsinfrastruktur für die Wirtschaft in den neunziger Jahren bereits
soviel wie die Verkehrsinfrastruktur für die Wirtschaft
in den zwanziger Jahren. Die Integration von Computer- und Informationsnetzen in die Wirtschaft
erhöht die Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und
Anpassungsfähigkeit amerikanischer Fertigungsunternehmen an sich verändernde Gegebenheiten
und wird dasselbe auch für die Volkswirtschaften
anderer Nationen leisten.
Dieselben Technologien ermöglichen auch das
Wachstum der amerikanischen Dienstleistungssektoren, ihre Vergrößerung und Produktivitätssteigerung sowie eine Erweiterung ihrer Produktpalette und der Fähigkeit, auf Verbraucherwünsche zu
reagieren. Ungefähr 60 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer sind von "Wissen" abhängig.
Die digitale Telekommunikationstechnologie, die
Glasfaseroptik sowie neue Hochleistungssatellitensysteme verändern das Telekommunikationswesen.
Ein einziges Glasfaserkabel kann pro Sekunde
Tausende von Telefongesprächen übermitteln.
Diese Entwicklungen senken entscheidend die
Kosten für den Aufbau der globalen Informationsinfrastruktur. In der Vergangenheit wären dazu
Jahre benötigt worden. Heute können ein Satellit
und ein Dutzend Bodenstationen innerhalb weniger
Monate installiert werden - zu viel geringeren Kosten.
Die Wirtschaftlichkeit von Informationsnetzen hat
sich so radikal verbessert, daß ein konkurrenzfähiger, privater Markt einen Großteil der globalen
Informationsinfrastruktur bauen kann. Das hängt
natürlich von einer vernünftigen Steuerung ab.
Innerhalb der Vereinigten Staaten streben wir den
Aufbau und die Aufrechterhaltung unserer Datenautobahnen durch den Privatsektor an - die nationale Informationsinfrastruktur.

Ermutigung von Wettbewerb,
Schaffung eines flexiblen Steuerungsrahmens, der
mit schnellen Veränderungen von Technologie
und Märkten Schritt halten kann,
offener Zugang zum Netz für alle Informationslieferanten sowie
Sicherstellung universeller Dienstleistungen.
Sind diese Prinzipien einzigartig in den Vereinigten
Staaten? Kaum. Viele sind anerkannte internationale Grundsätze. Meines Erachtens können diese
Prinzipien die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur fördern und dafür erforderliche Informationen liefern.
Erstens schlagen wir vor, daß Privatinvestitionen und
Wettbewerb die Grundlage für die Entwicklung der
globalen Informationsinfrastruktur darstellen.
In den letzten Jahren entschieden sich viele Länder,
insbesondere in Lateinamerika, für die Privatisierung
ihrer staatlichen Telefongesellschaften, um Vorteile
und Anreize für Privatunternehmen zu schaffen einschließlich Innovation, erhöhten Investitionen,
Effizienz und Verantwortungsgefühl - damit sie auf
die Erfordernisse des Marktes reagieren.
Privatisierung reicht jedoch nicht aus. Auch Wettbewerb ist erforderlich.
In der Vergangenheit waren Telekommunikationsmonopole sinnvoll, weil in vielen Fällen die Technologie sowie Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerung bedeuteten, daß der Bau von mehr als
einem Netz ineffizient war. Heute macht es die
Vielfalt der technologischen Optionen nicht nur
möglich, sondern wünschenswert, daß verschiedene
Unternehmen konkurrierende - aber miteinander
verbundene - Netze betreiben, weil Wettbewerb den
besten Weg darstellt, den Telekommunikationssektor
effizienter, innovativer und profitabler zu gestalten.
Zur Förderung von Wettbewerb und Investitionen im
weltweiten Telekommunikationswesen benötigen wir

Seite 2

AMERIKA DIENST 37

�eine kostenorientierte Beschaffung und Buchhaltung,
die die Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur beschleunigen würden.
Ferner sind internationale Normen erforderlich, um
Verbindungen untereinander und Durchführbarkeit
sicherzustellen. Nationale Netze müssen wirksam
mit anderen verknüpft werden, um die einfache
Vision umzusetzen, Schulen, Krankenhäuser,
Unternehmen und Privatleute in der globalen Informationsinfrastruktur miteinander zu verbinden. Hand
in Hand mit der Notwendigkeit von Privatinvestitionen und Wettbewerb geht die Erfordernis von einem
autorisierten Steuerungsgremium
entwickelter,
angemessener und flexibler Steuerungsmechanismen.
Damit der Privatsektor investieren kann und Marktöffnungsinitiativen erfolgreich sind, muß eine Steuerung erfolgen, die Wettbewerb und Privatinvestitionen einerseits, und die Verbraucherinteressen
andererseits fördert und schützt.
In den Vereinigten Staaten haben wir der unabhängigen Bundesbehörde für das Fernmeldewesen beträchtliche Steuerungsbefugnis übertragen. Dieses
Expertengremium ist gut dafür ausgerüstet, schwierige technische Entscheidungen zu fällen und sich
verändernde Marktbedingungen zu überwachen.
Wir benötigen auch ein flexibles, effektives System
zur Lösung internationaler Fragen - das mit dem
immer schneller werdenden Tempo des technologischen Wandels Schritt halten kann.
Unser viertes Prinzip ist offener Zugang. Die Betreiber von Telefon- und Videonetzen sollten einen
angemessenen Preis für den Zugang zu ihrem Netz
verlangen.
Staaten und Unternehmen sind nicht in der Weltwirtschaft konkurrenzfähig, wenn sie keinen Zugang zu
neuesten Informationen haben und nicht sofort mit
Kunden auf dem gesamten Globus kommunizieren
können. Leichter Zugang zu Informationen ist auch
für die Ausbildung von in Spitzentechnologieindustrien benötigten qualifizierten Arbeitnehmern erforderlich.
Im 21. Jahrhundert werden die Staaten prosperieren,
die eine Telekommunikationspolitik und Urheberrechtsgesetze haben, welche ihren Bürgern Zugang
zu einer Vielzahl von Informationsdienstleistungen
verschaffen. Der Schutz geistigen Eigentums ist
hierzu von essentieller Bedeutung.
Das letzte und wichtigste Prinzip besteht darin, eine
universelle Dienstleistung zu garantieren, damit die

AMERIKA DIENST 37

globale Informationsinfrastruktur allen Mitgliedern
unserer Gesellschaften zur Verfügung steht.
Hunderte in der Erdumlaufbahn stationierte Satelliten
könnten schon bald jedem Punkt der Erde Telefonund Datendienstleistungen anbieten. Solche Systeme könnten universelle Dienstleistungen sowohl
praktisch als auch erschwinglich gestalten.
Eine andere Dimension der universellen Dienstleistungen ist die Erkenntnis, daß die Ökonomie der
Märkte nicht die einzige Determinante für die Reichweite der Informationsinfrastruktur sein sollte.
Präsident Clinton und ich haben in den Vereinigten
Staaten effektive Maßnahmen gefordert, damit die
globale Informationsinfrastruktur bis zum Ende des
Jahrhunderts jedes Klassenzimmer, jede Bibliothek,
jedes Krankenhaus und jede Klinik in unserem Land
erfaßt.
Schulen und Bibliotheken jedes Landes sollten an
Internet, das weltweit größte Computernetz angeschlossen werden, damit eine globale digitale Bibliothek eingerichtet werden kann.
Sie würde es Millionen von Schülern, Studenten,
Lehrkräften und Unternehmern gestatten, die benötigten Informationen zu finden, sei es in Albanien
oder Ecuador.
Die Macht der globalen Informationsinfrastruktur wird
beeinträchtigt, wenn wir nicht große Teile der Weltbevölkerung erreichen können.
Von manchen wird behauptet, der Mangel wirtschaftlicher Entwicklung beeinträchtige das Telekommunikationswesen. Meines Erachtens ist es genau umgekehrt.
Ein primitives Telekommunikationssystem
behindert die Wirtschaftsentwicklung.
Wir dürfen folglich nicht gleichgültig gegenüber den
Einkommensungleichgewichten zwischen einzelnen
Nationen sein, sei es gemessen daran, wieviele
Telefone den Menschen zur Verfügung stehen und
ob sie solch neue Technologien wie Hochgeschwindigkeitscomputernetze oder Videokonferenzen haben.
Die Vereinigten Staaten bemühen sich engagiert um
eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern in dieser
Angelegenheit.
Wie können wir zusammenarbeiten, um der Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur im Wege
stehende Hindernisse zu beseitigen - einschließlich
der Finanzierung und Ausbildung? Die Industrieländer können hierzu folgendes unternehmen:

Seite 3

�Wir können die globale Informationsinfrastruktur
für die technische Zusammenarbeit zwischen
Industriestaaten und Entwicklungsländern einsetzen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann die für
Entwicklung zuständigen Behörden unterstützen,
Fachleute aus jeder Nation in Kontakt miteinander zu bringen und sie zur Lösung gemeinsamer Probleme zu befähigen.
Multilaterale Institutionen wie die Weltbank
können den Nationen bei der Finanzierung der
Telekommunikationsinfrastruktur helfen.
Die Vereinigten Staaten haben einen Beitrag zur
Bereitstellung von technischem Know-how geleistet, das zur Aufstellung und Nutzung dieser
neuen Technologien benötigt wird. Das Amt für
internationale Entwicklung sowie amerikanische
Unternehmen haben dem Institut für Ausbildung
im Telekommunikationswesen Beistand bei der
Ausbildung von über 3.500 Telekommunikationsexperten aus den Entwicklungsländern geleistet.
Andere Nationen und internationale Organisationen können ebenfalls solche Programme einrichten.

Um die globale Informationsinfrastruktur in den Dienst
des Schutzes und Erhalts der globalen Umwelt zu
stellen, könnten Satelliten und persönliche Kommunikationstechnologien zur Schaffung eines globalen Netzes von Umweltinformationen eingesetzt
werden.
Die globale Informationsinfrastruktur kann uns die für
eine dramatische Verbesserung der Lebensqualität
auf der Erde erforderlichen Informationen liefern.
Durch die Vernetzung von Kliniken und Krankenhäusern soll sie sicherstellen, daß die behandelnden
Ärzte optimalen Zugang zu Informationen über
Krankheiten und Behandlungsmethoden erhalten.
Durch Frühwarnsysteme bei Naturkatastrophen wie
Vulkanausbrüchen oder Taifunen kann das Leben
Tausender von Menschen gerettet werden.
Und durch die Vernetzung von Städten und Dörfern
wird den Menschen die Organisation und Zusammenarbeit bei der Lösung örtlicher und regionaler Probleme erleichtert - von der Verbesserung der Wasserqualität bis zur Verhinderung der Abholzung.
Um Freiheit und Demokratie zu fördern, zu schützen
und zu bewahren, müssen wir die Entwicklung des
Telekommunikationswesens zu einem integralen
Bestandteil der Entwicklung jeder Nation machen.

* * * *

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AMERIKA DIENST 37

�TECHNOLOGIE
21. September 1994

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit
WASHINGTON - (AD) - Als Gewinner der höchsten
Auszeichnung des Landes im Technologiebereich
wurden vier Einzelpersonen und zwei Firmen für
Erfindungen benannt, die von Fenstern für die
Raumfähre bis zu einer Maschine reichen, die große
Stoffmengen maßgerecht zuschneidet.
Die Empfänger der nationalen Technologiemedaille
1994 wurden am 14. September von Wirtschaftsminister Ronald Brown in Anerkennung herausragender Leistungen auf dem Gebiet technologischer
Innovation und Vermarktung bekanntgegeben.
Präsident Clinton, der die endgültige Zustimmung zu
allen Auszeichnungen gab, wird die Medaillen im
Oktober während einer Feierstunde im Weißen Haus
überreichen. Anfang des Monats wurden acht
Empfänger der nationalen Wissenschaftsmedaille
benannt.
Brown äußerte bei einer Pressekonferenz, daß
Millionen Menschen von den Erfindungen der
Medaillengewinner profitieren werden, und jeder
Gewinner besondere Anerkennung "als Vorbild für
die neue amerikanische Wirtschaft" verdiene.
"Neue Technologien haben unsere Arbeit im Fertigungs- und Dienstleistungssektor, im Labor und
Büro sowie in der Fabrik revolutioniert", erklärte
Brown.

Wissenschaftler des biotechnologischen Unternehmens Amgen werden beispielsweise für die Entdekkung von zwei Medikamenten ausgezeichnet, die
schwerkranken Patienten mit Krebs- oder Nierenleiden entscheidend geholfen haben, und Corning Inc.
wird für Erfindungen geehrt, die völlig neuen internationalen Industriezweigen für Beleuchtung, Fernseh- und optische Kommunikation den Weg geebnet
haben.
Die in Thousand Oaks (Kalifornien) ansässige Firma
Amgen wird als erstes biotechnologisches Unternehmen mit der Technologiemedaille ausgezeichnet.
Amgen brachte ein durch Genmanipulation erzeugtes
menschliches Protein auf den Markt, das die Produktion der roten Blutkörperchen anregt und bei Dialysepatienten angewandt wird, die unter schwerer Anämie
leiden. Dank des neuen Präparats mußten sich diese
Patienten nicht länger wiederholten Bluttransfusionen
unterziehen.
Amgen-Wissenschaftler entdeckten ferner ein Protein,
das die Produktion der Infektionen bekämpfenden
weißen Blutkörperchen anregt.
Dies führte zur
Herstellung des Medikaments Neupogen, das vorwiegend zur Verhinderung von Infektionen im Rahmen von Chemotherapie bei verschiedenen Krebsarten und Knochenmarkstransplantationen verwendet
wird. Heute wird Neupogen über 200.000 Krebspatienten in den Vereinigten Staaten und mehr als
400.000 weltweit verabreicht.

"Ob wir auf dem globalen Markt oder andernorts
konkurrieren - Technologie ist der entscheidende
Faktor", fügte er hinzu. "Die Nationen, die am
besten von der Macht der Technologie profitieren,
sind führende Länder, die sich neuen Wohlstands,
Wirtschaftswachstums und der Vollbeschäftigung
erfreuen."

Corning, eine Glaswaren-Firma in Corning (New
York), blickt auf eine lange Reihe technologischer
Errungenschaften zurück, die basierend auf der
Erfindung des elektrischen Lichts durch Thomas
Edison 1879 mit der Herstellung der Glühbirne
begann.

Regierungsvertretern zufolge führen die technologischen Errungenschaften der als Gewinner vorgeschlagenen Einzelpersonen und Firmen zu Fortschritten in der Medizin, wirtschaftlichem Wohlstand
und einem höheren Lebensstandard für die Menschen auf der ganzen Welt.

Inzwischen hat Corning die erste kommerziell nutzbare optische Faser zur Verwendung im Telekommunikationsbereich entwickelt und einen Großteil der
rund 50 Millionen Kilometer Glasfasern geliefert, die
heute den Globus umspannen. Das Unternehmen
hat darüber hinaus ein chemisch stabiles Flachglas

AMERIKA DIENST 37

Seite 1

�für LCDs eingeführt und wurde zum weltweit führenden Flachglas-Lieferanten für Produkte wie LaptopComputer, Video-Camcorder und tragbare Fernsehgeräte sowie der Fenster für alle amerikanischen
Weltraummissionen seit Gemini in den sechziger
Jahren.
Joel Engel, Abteilungsleiter für Technologie bei der
Ameritech Corporation, und Richard Frenkie, pensionierter Ingenieur bei AT&amp;T Consumer Products,
werden für ihre gemeinsame Arbeit an der Entwicklung des zellularen Mobilfunksystems geehrt, das
einen Durchbruch gegenüber den Einschränkungen
des Mobiltelefons darstellt.
Vor dem Zellularfunk gestatteten die begrenzt zur
Verfügung stehenden Kanäle nur wenigen hundert
Menschen die Benutzung von Autotelefonen in einer
Stadt normaler Größe. Indem die Stadt in viele
kleine "Zellen" genannte Bereiche unterteilt wird und
die Anrufe während der Weiterfahrt von Zelle zu
Zelle weitergeleitet werden, wird dank des neuen
Systems die Kapazität der Kanäle multipliziert und
der weltweite Mobilfunk revolutioniert.
Irwin Jacobs, Geschäftsführer von Qualcomm Inc.,
wird ebenfalls für seine Pionierarbeit im Bereich der
drahtlosen Kommunikation gewürdigt.
Jacobs
entwickelte die Codemu Itiplexzugriff-Technologie
(Code Division Multiple Access Technology CDMA), die eine Kapazitätserweiterung um 1.000 bis
2.000 Prozent verglichen mit bestehenden Zellularsystemen bedeutet und einen leichten Übergang
von analogen zu digitalen Systemen gestattet.

Die CDMA-Technologie wird im Rahmen des sogenannten drahtlosen Anschlußleitungssystems (Wireless Local Loop System) in Ländern auf der ganzen
Welt eingeführt, mit dem Hunderte Millionen Menschen an das Telefonnetz angeschlossen werden, die
bisher keinen Teilnehmeranschluß haben. Mit dem
neuen System kann ein Land praktisch sofort ein
riesiges Gebiet mit Telefonanschlüssen abdecken,
indem ein einziger Turm und eine Bodenstation
errichtet werden, ohne teure Kabel verlegen oder
eine komplizierte Telefon-Infrastruktur entwickeln zu
müssen.
Der letzte Gewinner ist H. Joseph Gerber, Gründer
und Präsident von Gerber Scientific Inc., der eine
Maschine entwickelte, die große Stoffmengen schnell
und maßgerecht zuschneidet. Gerbers Erfindung
veränderte die Textilindustrie. Heute kann Gerbers
automatisierte Textilverarbeitungseinheit 3.500 Stücke
für 50 Herrenanzüge maßgerecht in weniger als drei
Minuten zuschneiden und wird in 38 Länder verkauft.
Gerber, der Inhaber von 600 Patenten ist, entwickelte
ferner eine Reihe integrierter Systeme, mit denen die
Produktion in der Möbel-, Koffer-, Schuh-, Luftfahrtund Automobilindustrie automatisiert wird.
Die Gewinner der Technologiemedaille, die erstmals
1985 verliehen wurde, werden von einem Sonderausschuß ausgewählt, der vorwiegend aus Vertretern
der Privatindustrie besteht. Das Programm wird von
einer gemeinnützigen Stiftung unterstützt, die aus
Führungskräften der High-tech-lndustrie besteht.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 37

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Haiti&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Militärmachthaber danken ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Haiti-Abkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Vereinbarung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Militärjunta nicht besser als Duvaliers Regime&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beschlüsse der Kairoer Konferenz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei Menschenrechtssituation zu verzeichnen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Einleitung zum Menschenrechtsbericht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Datenautobahn&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Globales Informationssystem fördert Entwicklung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Technologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brown gibt Gewinner der nationalen Technologiemedaille bekannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28. September 1994

38

AUSSENPOLITIK

AUFRUF ZU WELTWEITER ZUSAMMENARBEIT
Rede Präsident Clintons vor der
UN-Generalversammlung

USA-EUROPA

URSACHEN FÜR KONFLIKTE NACH DEM
KALTEN KRIEG
Rede von Abteilungsleiter Holbrooke

DIE HERAUSFORDERUNG DER GESCHICHTE
Rede von John Kornblum

USA-DEUTSCHLAND

REDMAN: IN DEUTSCHLAND HABEN WIR
EINEN VERLÄSSLICHEN PARTNER
Anhörung vor Senatsausschuß

NICHTVERBREITUNG

CTB-VERTRAG "UNABDINGBAR" ZUR
EINDÄMMUNG DER NUKLEAREN
WEITERVERBREITUNG
Erklärung des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-334102

�AUSSENPOLITIK
28. September 1994

AUFRUF ZU WELTWEITER ZUSAMMENARBEIT
Rede Präsident Clintons vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer am 26. September 1994 vor der 49. UN-Generalversammlung
gehaltenen Rede machte Präsident Clinton den Vorschlag für einen ersten Schritt zur endgültigen Beseitigung
einer tödlichen globalen Bedrohung - den weltweit 85 Millionen gegen lebende Ziele gerichteten Landminen.
Clinton forderte seine Zuhörer auf, "gemeinsam mit uns ein Abkommen zur Reduzierung der Anzahl und
Verfügbarkeit dieser Minen abzuschließen".
Das Ende des Kalten Krieges und die Explosion von Technologie, Handel und Wirtschaft hätten ein "Zeitalter
der Hoffnung" eingeleitet, aber in dieser neuen Welt sähen sich die Länder "mit einem Kampf zwischen Freiheit
und Tyrannei" konfrontiert.
Der Präsident gab ferner bekannt, die Vereinigten Staaten würden im Geiste von Versöhnung und
Wiederaufbau alle unilateralen Sanktionen gegen Haiti aussetzen mit Ausnahme derjenigen, die die
Militärmachthaber und ihre direkten Anhänger betreffen.
Er stellte fest, die Situation in Bosnien habe sich verbessert, in dem Gebiet um Sarajevo jedoch in den letzten
Wochen beträchtlich verschlimmert. Zur Rettung Sarajevos sei eine neue Entschlossenheit der Vereinten
Nationen zur Durchsetzung ihrer Resolutionen erforderlich. Die NATO sei zum Handeln bereit.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons vor der UN-Generalversammlung im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, meine Damen
und Herren Abgeordneten. Zunächst möchte ich
Ihnen, Herr Präsident, meine Glückwünsche zu ihrer
Wahl als Präsident der 49. Generalversammlung
aussprechen. Das amerikanische Volk sieht einer
Zusammenarbeit mit Ihnen bei der Begehung des
50. Jahrestages der Gründung der Vereinten Nationen erwartungsvoll entgegen.
Wir treffen heute in einer Zeit großer Hoffnungen
und großer Veränderungen zusammen. Das Ende
des Kalten Krieges, die Explosion in den Bereichen
Technologie, Handel und Wirtschaft haben den
Menschen auf der ganzen Welt eine neue Chance
gegeben, ihre Träume zu verwirklichen und ihr von
Gott gegebenes Talent zu entfalten. Dies ist ein
Zeitalter der Hoffnung.
In dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und

AMERIKA DIENST 38

Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie, zwischen
Wissen und Unkenntnis, zwischen Offenheit und
Isolation. Es ist ein Kampf zwischen denen, die freie,
von Gesetzen regierte Gesellschaften aufbauen
wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt
durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte
Kampf in einer Welt, die stärker als jemals zuvor von
Spitzentechnologie bestimmt ist, sich schneller als je
zuvor verändert und chaotischer und vielfältiger als je
zuvor ist, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen
Hoffnung und Angst.
Dreimal in diesem Jahrhundert - von den Schützengräben an der Somme über die japanische Insel Iwo
Jima zur gefallenen Berliner Mauer trugen die Kräfte
der Hoffnung den Sieg davon. Die Sieger des Ersten
Weltkriegs vergeudeten jedoch ihren Triumph als sie
sich zurückzogen, eine weltweite Depression herbeiführten und dann den Aufstieg des Faschismus mit
der Folge eines erneuten Weltkriegs zuließen.

Seite 1

�I

Nach dem Zweiten Weltkrieg beherzigten die Alliierten die Lektionen der Geschichte. Angesichts einer
neuen totalitären Gefahr und der atomaren Bedrohung kehrten die großen Nationen der Herausforderung des Augenblicks nicht den Rücken zu. Vielmehr beschlossen sie, andere einzubeziehen, den
Wiederaufbau voranzutreiben und eine Führungsrolle
zu übernehmen. Sie entschieden sich für die
Gründung der Vereinten Nationen und hinterließen
uns eine stärkere, sicherere und freiere Welt.
Unsere Generation hat eine schwierige Aufgabe:
Der Kalte Krieg ist vorüber, wir müssen den Frieden
sichern. Uns fällt die Aufgabe zu, die nach dem
Ersten Weltkrieg gezeigte Selbstgefälligkeit zu
vermeiden, ohne daß - wie nach dem Zweiten
Weltkrieg - ein Antrieb in Form einer direkten Bedrohung unserer Sicherheit gegeben wäre. Wir
müssen dafür sorgen, daß diejenigen, die kämpften
und den Mut zur Beendigung des Kalten Krieges
zeigten - die freiheitsliebenden Menschen im Osten
und Westen - sich nicht umsonst eingesetzt haben.
Unsere geheiligte Aufgabe besteht darin, eine neue
Welt für unsere Kinder zu schaffen - mit mehr
Demokratie, mehr Wohlstand und größerer Freiheit
vor überholtem Haß und modernen Massenvernichtungsmitteln. Schließlich sind die Mauern, die
selbst in dieser Kammer die Nationen spalteten,
gefallen. Mehr Nationen als jemals zuvor haben
sich für die Demokratie entschieden, mehr für freie
Märkte und wirtschaftliche Gerechtigkeit, für die
Werte Toleranz, Freiheit und bürgerliche Gesellschaft, die es uns gestatten, das Beste aus unserem
Leben zu machen.
Aber obwohl die Ideale der Demokratie und freien
Marktwirtschaft Auftrieb erhalten haben, ist das nicht
alles. Schreckliche Beispiele für Chaos, Unterdrückung und Tyrannei sind ebenfalls ein Charakteristikum unserer Zeit. Das 20. Jahrhundert hat
bewiesen, daß die Kräfte der Freiheit und Demokratie auch angesichts großer Widrigkeiten Bestand
haben. Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, daß
diese Kräfte im 21. Jahrhundert den Sieg davontragen.
Die uns konfrontierenden Gefahren sind nicht so
stark, aber viel diffuser als während des Kalten
Krieges. Sie sind jedoch immer noch furchterregend: Ethnische Konflikte, die Millionen Menschen
aus ihrer Heimat vertreiben; Despoten mit dem
Willen zur Unterdrückung ihrer eigenen Völker oder
Eroberung ihrer Nachbarländer; die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen; im Besitz
tödlicher Waffen befindliche Terroristen; Verbrechersyndikate, die diese Waffen oder Drogen verkaufen
oder die Institutionen schwacher Demokratien infil-

Seite 2

trieren; eine Weltwirtschaft mit großen Versprechungen aber auch tiefsitzender Unsicherheit und vielerorts verringerten Chancen; Krankheiten wie AIDS, die
Nationen zu dezimieren drohen; die kombinierten
Gefahren Bevölkerungsexplosion und wirtschaftlicher
Niedergang, die die internationale Staatengemeinschaft bei der Kairoer Konferenz zu einem bemerkenswerten Konsens führten; globale und lokale
Gefahren für die Umwelt, die erfordern, daß umweltverträgliche Entwicklung Bestandteil des Lebens der
Menschen auf der ganzen Welt wird und schließlich in vielen unserer Länder - starker Drogenmißbrauch,
eine hohe Verbrechensrate und der Zusammenbruch
von Familien mit seinen schrecklichen Folgen. Das
sind die uns heute konfrontierenden Gefahren.
Wir müssen uns diesen Bedrohungen unserer Zukunft stellen. Glücklicherweise bietet das Ende des
Kalten Krieges uns die Möglichkeit, sie gemeinsam
anzugehen.
Im Rahmen unserer Bestrebungen
werden verschiedene Nationen sich in verschiedenen
Situationen vielleicht unterschiedlich verhalten. Ihre
Beweggründe müssen jedoch im Einklang mit der
Freiheit stehen und ihre Vorgehensweise dem
Völkerrecht entsprechen.
Jede Nation wird ihre besonderen Stärken - wirtschaftliche, politische oder militärische - in unsere
gemeinsame Aufgabe einbringen. Natürlich besteht
die oberste Pflicht jedes Mitgliedstaates der Vereinten
Nationen gegenüber seinen eigenen Bürgern, deren
Sicherheit, Wohlergehen und Interessen. Als Präsident der Vereinigten Staaten habe ich als erstes eine
Verpflichtung gegenüber den Bürgern meines Landes. Wenn unsere nationalen Sicherheitsinteressen
bedroht sind, werden wir wenn möglich gemeinsam
mit anderen, wenn nötig im Alleingang handeln. Wir
werden wenn möglich Diplomatie, wenn nötig Gewalt
einsetzen.
Die Vereinigten Staaten sind sich auch ihrer besonderen Verantwortung bei diesen gemeinsamen
Bestrebungen bewußt - eine Verantwortung, die mit
großer Macht sowie unserer langen Geschichte von
Demokratie und Freiheit einhergeht.

Wir möchten

dieser Verantwortung in Zusammenarbeit mit anderen
Ländern entsprechen. Zusammenarbeit erhöht die
Wirkung und Rechtmäßigkeit jeder unserer Aktionen,
und eine Verteilung der Lasten verringert die Belastung für den einzelnen. Wir wollen nicht der Weltpolizist sein, werden jedoch alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um bürgerlichen Gesellschaften bei der Befreiung von Unterdrückung
beizustehen, gefährdete Demokratien zu unterstützen
und weitere freie Märkte zu schaffen - und natürlich
die uns alle bedrohenden zerstörerischen Kräfte
einzudämmen.

AMERIKA DIENST 38

�In jedem Teil der Welt - von Südafrika über Asien,
Mittel- und Osteuropa, den Nahen Osten und Lateinamerika und jetzt bis zu einer kleinen Karibikinsel streben die Bürger danach, ihre eigene Zukunft
aufzubauen. Es ist die große Chance unserer
Generation, uns für ihre Sache einzusetzen - und
das müssen wir gemeinsam tun.
Eine Koalition für die Demokratie ist auch für Amerika von Vorteil. Denn Demokratien sind stabiler und
weniger geneigt, Krieg zu führen. Sie stärken eine
bürgerliche Gesellschaft. Sie können den Menschen
wirtschaftliche und politische Chancen bieten, in ihrer
Heimat eine Zukunft aufzubauen, anstatt aus ihr zu
fliehen.
Unsere Bestrebungen zum Aufbau von mehr Demokratien werden uns alle sicherer, wohlhabender und
erfolgreicher machen, während wir versuchen,
dieses Zeitalter tiefgreifenden Wandels zu unserem
Freund anstatt zu unserem Feind zu machen.
In unserem Land gibt es wie in allen Ihren Ländern
viele Menschen, die sich verständlicherweise gegen
solche Bestrebungen sträuben, denn oftmals ist die
Entfernung zu diesen Völkern groß und ihre Kultur
sehr verschieden. Es gibt guten Grund für die von
diesen Menschen gezeigte Vorsicht. Oftmals sind
die Aussichten auf Erfolg oder die möglichen Kosten
nicht abzusehen. Und natürlich steckt in jeder
gemeinsamen Bestrebung auch die Möglichkeit ihres
Scheiterns oder des Verlusts kostbarer Menschenleben. Und trotzdem hat unser Volk - wie wir bei der
bemerkenswerten internationalen Reaktion auf die
schreckliche Krise in Ruanda gesehen haben - den
aufrichtigen Wunsch, seinen Nachbarn auf der
ganzen Welt zu helfen und einen Beitrag zu unserer
gemeinsamen Sache zu leisten.
Wir haben auch gesehen, daß Fortschritte gemacht
werden können. Das Problem lautet, darüber zu
entscheiden, wann wir reagieren und wie wir unser
Widerstreben überwinden. Das ist nie leicht, und es
gibt kein einfaches Rezept. Wir alle treffen diese
Entscheidungen, teilweise aufgrund der Entfernung
des Problems von unseren Küsten, aufgrund der
Interessen unserer Nation, der Erfolgschancen, der
erforderlichen Kosten oder der Gefahr für unsere
eigenen Bürger bei diesem Unterfangen. Es bleiben
jedoch schwierige Fragen bestehen, die nicht nach
einem einfachen Schema beantwortet werden
können.
Wir sollten jedoch zuversichtlich sein, daß diese
Bestrebungen zum Erfolg führen können, seien es
Bestrebungen zur Rettung von Menschenleben
angesichts einer entsetzlichen Tragödie wie in
Ruanda oder zur Vermeidung einer Tragödie wie am

AMERIKA DIENST 38

Hörn von Afrika oder zur Förderung von Entwicklungen, die buchstäblich die Zukunft von Millionen
Menschen verändern. Die Geschichte ist auf unserer
Seite.
Wir sollten hierbei Zuversicht zeigen. Denken Sie an
den Vormarsch der Freiheit allein im vergangenen
Jahr. Wer hätte noch vor einem Jahrzehnt gewagt,
die erstaunlichen Veränderungen in Südafrika, im
Nahen Osten, in Irland vorauszusagen, den bemerkenswerten Triumph von Demokratie und Mehrheitsentscheidungen, die Erfüllung von Nelson Mandelas
Lebenszweck, die mutigen Bestrebungen Israels und
seiner arabischen Nachbarn zum Aufbau von Brükken des Friedens zwischen ihren Völkern, das
ernsthafte Streben der Menschen Nordirlands,
Großbritanniens und Irlands nach der Beendigung
jahrhundertealter Spaltung und jahrzehntelangen
Terrors. In jedem Fall ist es das Verdienst der
führenden Persönlichkeiten dieser Nationen und ihrer
couragierten Völker. Aber in jedem Fall genossen die
Vereinigten Staaten und andere Nationen das Privileg, in dieser Sache Beistand leisten zu können.
Die wachsende Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation
sollte für uns alle ebenfalls Anlaß zu großer Zuversicht sein. Diese Partnerschaft wurzelt in der Demokratie, diese Partnerschaft funktioniert, diese Partnerschaft basiert nicht auf vollständiger Übereinstimmung, sondern auf echtem gegenseitigem Respekt.
Nach vielen Jahren atomaren Schreckens unternehmen unsere beiden Nationen dramatische Schritte
zur Lockerung der Spannungen auf der ganzen Welt.
Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg sind Mittel- und
Osteuropa nicht von ausländischen Truppen besetzt,
die baltischen Staaten sind frei, russische und
amerikanische Raketen sind nicht länger gegen das
jeweils andere Volk gerichtet. Drei der vier im Besitz
von Atomwaffen befindlichen Mitgliedstaaten der
ehemaligen Sowjetunion haben sich auf einen Abzug
aller Atomwaffen von ihrem Gebiet geeinigt. Und wir
arbeiten an Abkommen zur Einstellung der Produktion spaltbaren Materials für Nuklearexplosionen, zum
offenen und irreversiblen Abbau nuklearer Gefechtsköpfe und zur weiteren Verringerung unserer Atomwaffen in Trägersystemen.
Die Vereinigten Staaten und Rußland sind sich ferner
bewußt, daß wir bei der Kontrolle der wachsenden
Bedrohung durch Terroristen zusammenarbeiten
müssen, die Nuklearmaterial schmuggeln.
Um
Nuklearmaterial am Produktionsort in sichere Verwahrung zu nehmen, haben wir uns mit Rußland auf
eine Einstellung der Plutoniumproduktion bis zum
Jahr 2000 geeinigt, auf den Bau einer Lagerstätte für
spaltbares Material, den Aufkauf von Vorräten waffen-

Seite 3

�fähiger Brennstoffe sowie die Bekämpfung von
Verbrechern, die Materialien für Nuklearexplosionen
schmuggeln wollen.
Unsere beiden Nationen und Deutschland haben
ihre Zusammenarbeit verstärkt und beteiligen sich an
gemeinsamen Ausbildungsmaßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus. Wir werden in Kürze unter
Führung des FBI in Europa eine Akademie für die
Ausbildung von Polizeibeamten einrichten, in der
Polizisten die wirksamere Bekämpfung des Handels
mit atomwaffenfähigem Material, des Drogenhandels,
des organisierten Verbrechens und der Geldwäsche
erlernen.
Fördern werden die Vereinigten Staaten ferner eine
umfassende Tagesordnung zur Nichtverbreitung,
eine globale Konvention zur Einstellung der Produktion spaltbaren Materials, Bestrebungen zur Eindämmung der nuklearen Ambitionen Nordkoreas,
transparente Verfahren zum Abbau nuklearer Gefechtsköpfe sowie unsere Arbeit an einem Verbot
von Atomversuchen und der Ausweitung des Nichtverbreitungsvertrags.
Heute schlage ich einen ersten Schritt zur endgültigen Beseitigung einer weniger sichtbaren, aber
dennoch tödlichen Bedrohung vor: der weltweit 85
Millionen gegen lebende Ziele gerichteten Landminen - eine für je 50 Menschen auf der Erde. Ich rufe
alle Nationen dazu auf, gemeinsam mit uns ein
Abkommen zur Reduzierung der Anzahl und Verfügbarkeit dieser Minen abzuschließen. Die Befreiung
der Welt von diesen versteckten Waffen wird helfen,
in den kommenden Jahren das Leben Zehntausender von Männern, Frauen und unschuldigen Kindern
zu retten.
Die von uns im letzten Jahr erzielten Fortschritte
geben auch Anlaß zur Zuversicht, daß wir in den
Jahren nach dem Kalten Krieg internationale Institutionen anpassen und schaffen können, die
weltweit die Sicherheit erhöhen und Wirtschaftswachstum fördern.
Seit ich hier im vergangenen Jahr eine Rede hielt,
sind 22 Nationen der Partnerschaft für den Frieden
beigetreten. Es wurden erste gemeinsame Manöver
veranstaltet, die Europa die Chance geben, ein
geeinterer Kontinent zu werden, auf dem demokratische Nationen in sicheren Grenzen leben. In Asien
werden die Gespräche über Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu mehr Stabilität
führen. Indem die Ängste der Nationen bezüglich
ihrer Grenzen abgebaut und sie in die Lage versetzt
werden, weniger Geld für ihre Verteidigung auszugeben, kann unsere Koalition für die Demokratie den
Nationen zu einem Übergang verhelfen - und damit

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zu der Chance, ihren Bürgern neue Freiheiten und
Möglichkeiten zu bieten.
Es ist an der Zeit, erneut über die Struktur dieser
Weltwirtschaft nachzudenken - Nationen trennende
Mauern niederzureißen, anstatt sich hinter ihnen zu
verstecken.
Auf dem diesjährigen Treffen der G-7 in Neapel
haben wir uns dieser Erneuerung verschrieben, der
erneuten Überprüfung der Wirtschaftsinstitutionen, die
uns in der Vergangenheit so gute Dienste geleistet
haben. Im Interesse gemeinsamen Wohlstands sind
die Vereinigten Staaten ein aktiverer Förderer offener
Märkte. Obwohl das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) noch in seinen Kinderschuhen
steckt, hat es den Handel zwischen den Vereinigten
Staaten und Mexiko bereits dramatisch erhöht und
allein in den Vereinigten Staaten schätzungsweise
200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Es bietet
den Nationen auf dem gesamten amerikanischen
Kontinent ein Modell, auf dem wir hoffentlich aufbauen können.
Diese Woche werde ich dem Kongreß ein Gesetzeswerk zur Umsetzung des GATT vorlegen, der größten
Handelsvereinbarung der Geschichte. Das GATT
und sein Nachfolger, die Welthandelsorganisation
WTO, bergen für uns alle das Versprechen gesteigerter Exporte, höherer Löhne und eines verbesserten
Lebensstandards. In den kommenden Monaten und
Jahren werden wir uns für die Erhöhung der Reichweite offener Märkte einsetzen, angefangen mit dem
Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit und dem Gipfel der amerikanischen
Staaten Ende dieses Jahres.
Hier bei den Vereinten Nationen müssen wir einen
konkreten Plan zur Bewältigung der Herausforderungen der kommenden 50 Jahre erarbeiten, während
wir das 50jährige Bestehen der UNO feiern. Meines
Erachtens sollten wir den nächstes Jahr anstehenden
50. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen
nicht nur zu einem Jahr der Feierlichkeiten, sondern
auch zu einem Jahr der Erneuerung erklären. Wir
bitten den Generalsekretär um die Bildung einer
Arbeitsgruppe, damit wir bei unserer Sitzung im
kommenden Jahr über einen konkreten Aktionsplan
zur erneuten Belebung der Pflichten der Vereinten
Nationen verfügen, um die vor uns liegenden wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen
Herausforderungen angehen zu können - Pflichten,
die wir alle bereitwillig erfüllen müssen.
Unsere Ziele sollten auch einsatzbereite, effiziente
und fähige UN-Friedenstruppen umfassen. Ich freue
mich berichten zu können, daß die Vereinigten
Staaten - wie von mir im letzten Jahr zugesagt und

AMERIKA DIENST 38

�dank der Unterstützung durch den amerikanischen
Kongreß - 1,2 Milliarden Dollar für diese entscheidende Aufgabe zur Verfügung gestellt haben.
Wir müssen uns ferner verpflichten, die Reform der
Vereinten Nationen voranzutreiben, damit wir mit
weniger Mitteln mehr erreichen. Und wir müssen
unsere Fähigkeit verbessern, schnell auf dringende
Erfordernisse zu reagieren. Es ist für die Mitglieder
der Generalversammlung an der Zeit, ernsthaft den
von Präsident Menem unterbreiteten Vorschlag zur
Schaffung einer schnellen zivilen Reaktionsfähigkeit
auf humanitäre Krisen zu prüfen.
Nicht aus den Augen verlieren dürfen wir die besondere Rolle, die Entwicklung und Demokratie bei der
Verhütung von Konflikten spielen können, nachdem
der Frieden einmal geschaffen wurde.
Die Vereinten Nationen befanden sich noch nie in
einer besseren Position, die demokratischen Ziele
unserer Gründerväter zu erreichen. Das Ende des
Kalten Krieges hat uns von Jahrzehnten lähmender
Teilungen befreit, und wir alle wissen, daß multilaterale Zusammenarbeit angesichts der neuen Bedrohungen nicht nur notwendig ist, sondern auch
zum Erfolg führen kann.
Die von uns in Haiti gemeinsam unternommenen
Bestrebungen sind ein vorzügliches Beispiel. Unter

Einklang damit beabsichtige ich, zügig im Rahmen
der Resolutionen 917 und 940 des Sicherheitsrats
vorzugehen, damit wir Gesundheitsfürsorge, Wasserund Elektrizitätsversorgung wiederherstellen und
Material für humanitäre Bestrebungen, das Kommunikationswesen, Landwirtschaft und Erziehung
bereitstellen können.
Ferner gebe ich heute bekannt, daß die Vereinigten
Staaten alle unilateralen Sanktionen gegen Haiti
aussetzen werden, mit Ausnahme der die Militärmachthaber und ihre Anhänger betreffenden. Dazu
zählen der Linienverkehr, nachdem Luftunterstützung
verfügbar wurde, Finanztransaktionen und Reisebeschränkungen. Ich fordere alle anderen Nationen
dringend dazu auf, ebenso zu handeln.
In Haiti haben die Vereinigten Staaten demonstriert,
daß sie eine multinationale Streitmacht führen würden, wenn unsere Interessen offensichtlich, die
Sache richtig, die Mission durchführbar und die
Unterstützung der Nationen der Welt gewiß ist. Die
Haitianer werden jedoch Energie und Geduld an den
Tag legen müssen, um den Weg der Freiheit zu
gehen. Sie müssen das für sich selbst tun. Jede
neu entstehende demokratische Nation steht auf
tönernen Füßen, aber der Tag wird kommen, an dem
die auf Haiti lebenden Menschen ihr Streben nach
Freiheit erfüllt sehen und sie erneut tatsächliche
wirtschaftliche Fortschritte machen.

der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen geben

amerikanische Streitkräfte, jetzt unterstützt von einer
wachsenden internationalen Koalition aus mehr als
zwei Dutzend Nationen, den Menschen in Haiti ihre
Chance auf Freiheit.
Kreative Diplomatie, der
Einfluß wirtschaftlicher Macht, glaubwürdige militärische Drohung - sie alle haben die derzeitigen
Chancen herbeigeführt.
Die unentbehrliche zivile Ordnung wird wiederhergestellt. Menschenrechtsverletzungen wird Einhalt
geboten. Am heutigen Tag kehren bereits die ersten
Flüchtlinge zurück. Die Militärmachthaber werden
abtreten, eine demokratische Regierung wird wiederhergestellt. Präsident Aristide wird zurückkehren.
Die multilaterale Mission wird ihre Verantwortung an
eine Mission der Vereinten Nationen übergeben, die
1995 in Haiti bleibt, bis ein neuer Präsident gewählt
worden ist. Während dieses Zeitraums werden
durch multilaterale Entwicklungsbemühungen über
eine Milliarde Dollar zu Verfügung gestellt, um den
Haitianern beim Wiederaufbau ihres Landes zu
helfen.
Im Geiste der Versöhnung und des Wiederaufbaus
forderte Präsident Aristide gestern die sofortige
Lockerung der Sanktionen, damit die Wiederaufbauarbeit unverzüglich aufgenommen werden kann. Im

AMERIKA DIENST 38

Die Aktionen der Vereinten Nationen in Bosnien
bezeugen ebenso wie die in Haiti, daß Fortschritte
gemacht werden können, wenn eine Koalition ihre
Diplomatie mit militärischer Macht untermauert. Die
NATO hat seit unserer Zusammenkunft im vergangenen Jahr überhaupt zum ersten Mal außerhalb des
Territoriums ihrer Mitgliedstaaten eine militärische
Aktion durchgeführt. Die Drohung mit der Luftmacht
der NATO hat zur Errichtung der Sperrzone um
Sarajevo geführt und zur Beendigung der Frühjahrsoffensive der bosnischen Serben gegen Gorazde
beigetragen. Das von der NATO im Februar gestellte
Ultimatum unterstützte unsere Vermittlungsbemühungen, die zur Beendigung des Krieges zwischen der
bosnischen Regierung und den bosnischen Kroaten
beitrugen und eine Föderation zwischen diesen
beiden Gemeinschaften bildeten.
Die Situation in Bosnien hat sich bis zu diesem Grad
verbessert. In den letzten Wochen hat sich die
Situation um Sarajevo jedoch beträchtlich verschlechtert, und die Stadt ist wieder in Gefahr,
eingekesselt zu werden. Jetzt ist eine erneute
Entschlossenheit der Vereinten Nationen zur Durchsetzung ihrer Resolutionen erforderlich, um Sarajevo
zu retten. Die NATO ist zum Handeln bereit.

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�Die Situation in Bosnien erinnert uns erneut an die
größte Ironie in diesem auslaufenden Jahrhundert:
Dieses so von Hoffnung und Chancen erfüllte
Jahrhundert war auch ein Zeitalter tiefgehender
Zerstörung und Verzweiflung.
Wir müssen an die Millionen von Menschen denken,
die während der beiden Weltkriege ihr Leben gaben
und an den ein halbes Jahrhundert währenden
Kampf der Männer und Frauen in Ost und West, die
sich schließlich im Namen den Freiheit behaupteten.
Wir müssen aber auch an unsere Kinder denken und
die Welt, die wir ihnen im 21. Jahrhundert hinterlassen.
*

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Die Geschichte hat uns eine sehr seltene Gelegenheit beschert - die Chance, auf dem großartigsten
Vermächtnis dieses Jahrhunderts aufzubauen, ohne
seine dunklen Kapitel noch einmal zu durchleben.
Und wir haben demonstriert, daß wir das uralte
Streben der Menschheit nach Freiheit fortsetzen
können: den Aufbau einer Welt, in der die Demokratie keine Grenzen kennt, die Nationen aber wissen,
daß ihre Grenzen immer sicher sind, einer Welt, die
allen Menschen die Chance zur Entfaltung und zur
Verwirklichung ihrer Träume bietet.

* * * *

AMERIKA DIENST 38

�USA-EU ROPA
28. September 1994

URSACHEN FÜR KONFLIKTE
NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede von Abteilungsleiter Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Der Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im
Außenministerium, Richard C. Holbrooke, stellte in einer Rede vor dem Unterausschuß für Europa und den
Nahen Osten des Auswärtigen Ausschusses des Repräsentantenhauses am 20. September 1994 fest: "Die
Berliner Mauer ist gefallen, aber unsichtbare Mauern bestehen weiter - Mauern der Ignoranz, Intoleranz und
des Neides."
In seinen Ausführungen über die Entwicklungen in Europa äußerte Holbrooke: "Fortschritte für den von uns
angestrebten dauerhaften Frieden werden nur erzielt, wenn wir die Ursachen der Konflikte in Angriff nehmen",
insbesondere in Zentraleuropa. Nachdem diese Länder die Übel des Faschismus und Kommunismus, des
heißen und Kalten Krieges erduldet haben, seien sie frei, so Holbrooke, "doch sie benötigen unsere Hilfe".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Abteilungsleiter Holbrooke.

Es ist mir eine Ehre, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen. Ich danke Ihnen für die Gelegenheit darzulegen, wie diese Administration die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten in einem Europa
fördert, in dem sich tiefgreifende Veränderungen
vollziehen.
Am 8. September 1994 - einem meiner letzten Tage
als amerikanischer Botschafter in Deutschland verließen die amerikanischen Truppen Berlin in
einem Triumphzug, nachdem sie über 49 Jahre lang
die Freiheit und Sicherheit dieser Stadt erfolgreich
verteidigt hatten.
Der Abzug der Truppen war vielleicht die letzte
symbolische Erinnerung an das Ende des Kalten
Krieges. Er bedeutet jedoch nicht das Ende unseres
aktiven Engagements in Europa.
Der Fall der Berliner Mauer, der Zusammenbruch
des sowjetischen Imperiums und das Entstehen
neuer Demokratien bieten den Vereinigten Staaten
eine beispiellose Chance, einen Beitrag zu einem
freien und ungeteilten Europa zu leisten. Das Ende
des Kalten Krieges hat die Europäer und Amerikaner
von der Notwendigkeit der ausschließlichen Konzentration auf eine gemeinsame Bedrohung von außen
befreit. Wir sind jetzt frei, über das Gleichgewicht
des Schreckens des Kalten Krieges hinauszugehen,
um einen dauerhafteren Frieden und Sicherheit
aufzubauen, die auf der Stärke unserer Gesellschaf-

AMERIKA DIENST 38

ten und Institutionen gründen. Wir können jetzt
nachhaltiger andere gemeinsame Ziele verfolgen Förderung von Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit
im Inland, Menschenrechten, Freiheit und Marktreformen im Ausland.
Gemeinsam können wir unsere ehemaligen Gegner
zu beständigen Partnern machen. Wir können ein
Europa aufbauen, das in Demokratie vereinigt ist; ein
Europa, dessen Sicherheit auf dem Bau von Brücken,
nicht Mauern, basiert; ein Europa, das als unser
globaler Partner bei gemeinsamen Bestrebungen zur
Erweiterung von Frieden und Wohlstand dienen kann.
Aber wenn wir diese historische Chance ergreifen
wollen, ist es unerläßlich, daß wir auch die vor uns
liegenden Herausforderungen verstehen und bewältigen. Anstelle des Wettkampfs zwischen Totalitarismus und Demokratie im Europa des Kalten Krieges
ist eine andere Form des Wettstreits getreten zwischen den Kräften der Integration, Toleranz und
Einbeziehung und denen der Zersplitterung, Intoleranz und Ausgrenzung.
In dem Maße, in dem wir uns von der gefährlichsten
Konfrontation in der Geschichte der Menschheit
entfernt haben, werden wir Zeuge des schlimmsten
Ausbruchs von Gewalt und Blutvergießen in Europa
seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Seite 1

�Die Berliner Mauer ist gefallen, aber unsichtbare
Mauern bestehen weiter - Mauern der Ignoranz,
Intoleranz und des Neides. Heute entstehen die
Sicherheitsherausforderungen für Europa ebensosehr durch Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Bedürfnisse und ethnischen Haß wie durch militärische
Aggression. Fortschritte für den von uns angestrebten dauerhaften Frieden werden nur erzielt, wenn wir
die Ursachen der Konflikte in Angriff nehmen, die
sich durch Mauern und Waffen manifestieren.
Dies ist eine enorme Herausforderung, insbesondere
für die riesigen und jahrtausendealten Gebiete in
Zentraleuropa. Sie haben entsetzlich unter den
Übeln des Faschismus und Kommunismus, des
heißen und Kalten Krieges gelitten. Heute sind sie
frei - doch sie benötigen unsere Hilfe.
Einige stellen die Frage, warum es uns etwas
angeht, was in diesen anscheinend so weit entfernten Regionen geschieht. Es wird das Argument
vorgebracht, nun, da die Tyrannei abgeschafft sei,
seien unsere Ziele in Europa erreicht und wir könnten uns abwenden.
Diese Administration teilt diese Sichtweise nicht.
Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind die Gebiete Mittel- und Ostmitteleuropas weiterhin anfällig für viele der althergebrachten Probleme - ethnische Konflikte, Gebietsstreitigkeiten, falschen Nationalismus, rassische
Vorurteile und institutionell verankerte Korruption.
Wenn eines dieser Übel triumphiert - wie es bereits
in Teilen des Balkans der Fall ist - besteht erneut ein
Risiko für die Stabilität Europas. Wenn diese Übel
triumphieren, könnte die Tragödie in Bosnien ein
häßlicher Vorläufer einer neuen Ära europäischer
Unsicherheit sein, gekennzeichnet durch virulente
ethnische und nationalistische Animositäten, Massenmigration, Fremdenfeindlichkeit und wirtschaftliche Unsicherheit.
Dreimal in diesem Jahrhundert mußte Europa
erleben, was solche Instabilität kostet - und jedes
Mal wurden die Vereinigten Staaten benötigt, um
das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Der mörderische Konflikt im ehemaligen Jugoslawien
führt uns vor Augen, daß Streitkräfte in der heutigen
Welt nach wie vor relevant sind. Er enthüllt auch die
Schwierigkeiten des Einsatzes von Streitkräften bei
Konflikten in einem Staat und zwischen Staaten.
Und er lehrt uns, daß frühzeitiges Handeln das beste
Mittel zur Verhinderung von Konflikten ist, die wir
später vielleicht nicht mehr kontrollieren können.

Blutvergießens auf dem Balkan herbeizuführen, die
Ausweitung der Kämpfe zu einem größeren Konflikt
zu verhindern, der sowohl unsere Verbündeten als
auch die Stabilität der neuen demokratischen Staaten
bedrohen könnte, und um den destabilisierenden
Flüchtlingsstrom einzudämmen.
Während wir auf die Lösung dieser Tragödie und die
Milderung des Leidens seiner Opfer hinarbeiten,
müssen wir auch unsere Sicherheitsinstitutionen
verändern, damit sie derartige Konflikte besser
bewältigen und die europäische Integration fördern
können. Viele Institutionen werden eine Rolle spielen, darunter die Europäische Union, die Westeuropäische Union, der Europarat, die KSZE und die
Vereinten Nationen. Aber die NATO - das erfolgreichste politisch-militärische Bündnis der Geschichte
- ist von zentraler Bedeutung.
100.000 amerikanische Soldaten werden in Europa
stationiert bleiben. Wie Vizepräsident Gore vor
kurzem feststellte, sind sie ein Zeichen unseres
Engagements für die NATO, sie sind das Symbol für
unsere Entschlossenheit zur Unterstützung von
Frieden und Freiheit auf diesem Kontinent. Diese
Truppen bilden eine solide Basis für die Beteiligung
der Vereinigten Staaten an multinationaler Ausbildung
und bewahren unsere Fähigkeit zur Abschreckung
von und Reaktion auf größere Bedrohungen in
Europa sowie gegebenenfalls zur Unterstützung von
NATO-Operationen "out of area".
Unser Engagement für die Sicherheit Europas bleibt
unerschütterlich. Das Ende des Kalten Krieges
bedeutet jedoch, daß wir die Bedeutung der europäischen Sicherheit an sich überdenken müssen.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Umgestaltung der NATO, damit sie den neuen
Sicherheitsherausforderungen Europas gerecht
werden kann.
Unser Ansatz zur europäischen Sicherheit gründet
sich auf Kooperation und Einbeziehung. Sowohl der
Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR) als auch die
Initiative Partnerschaft für den Frieden sind einbeziehende Sicherheitsarrangements der Zeit nach
dem Kalten Krieg, die gewohnheitsmäßige Kooperation und die demokratische Verwaltung der Sicherheit
aufbauen. Beide leisten einen Beitrag zu unserer
Strategie der europäischen Integration durch die
Erweiterung unserer Sicherheitszusammenarbeit auf
22 Länder, die zur Zeit nicht Mitglieder des Bündnisses sind. In der vergangenen Woche wurden in
Polen die ersten multilateralen Manöver im Rahmen
der Partnerschaft für den Frieden erfolgreich abgehalten.

Wir engagieren uns insbesondere in der Kontaktgruppe aktiv mit unseren Partnern, um ein Ende des

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AMERIKA DIENST 38

�Aufbauend auf der Partnerschaft für den Frieden und
dem NAKR haben mehrere Länder bereits ihren
Wunsch zum Ausdruck gebracht, Vollmitglieder des
Bündnisses zu werden. Wie Präsident Clinton im
Sommer in Warschau erklärt hat, ist die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO eine Frage des Wann
und Wie, nicht des Ob. Vizepräsident Gore hat
diesen Ansatz am 10. September bekräftigt und
angedeutet, daß wir die Gespräche über diese
wichtige Frage im Herbst aufnehmen werden.
Ein essentielles Ziel der Partnerschaft für den Frieden, des NAKR und nicht zuletzt einer erweiterten
NATO ist die Stabilität in Zentraleuropa. Die Erweiterung der NATO wird - wenn sie erfolgt - die Sicherheit und Stabilität der gesamten Region fördern. Wir
müssen die Gewohnheiten militärischer Zusammenarbeit, ziviler Kontrolle des Militärs und der Transparenz der Verteidigungshaushalte, wie wir sie in der
NATO kennen, erweitern - nicht weil wir eine neue
Bedrohung von einem Land oder einer Kombination
von Ländern ausmachen, sondern weil die Ausdehnung des Einflußbereichs der NATO die Erweiterung eines Rahmens bedeutet, der zur Konsolidierung der Demokratie und Förderung größerer Einheit
auf dem gesamten europäischen Kontinent beitragen
kann. Von einer Erweiterung der NATO werden
sogar die Länder profitieren, die nicht als erste
Gruppe beitreten werden, weil eine erweiterte
NATO-Mitgliedschaft die Sicherheit für alle europäischen Nationen verbessern wird.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) ist zu einem wichtigen Bestandteil
der europäischen Sicherheit geworden, indem sie
sich den Prinzipien verschrieben hat, die die Beziehungen zwischen Regierungen sowie zwischen
Regierungen und ihren Bürgern regeln sollten. Sie
spielt eine wichtige und innovative Rolle bei Konfliktverhütung und demokratischer Entwicklung. Die
Aufrechterhaltung der an Werten orientierten Grundlage der KSZE wird bei der Bewahrung ihrer Sonderrolle von Bedeutung sein. Die Folgekonferenz und
das Gipfeltreffen in Budapest im Dezember sollten
der Arbeit der KSZE neuen politischen Auftrieb
verleihen. Gleichzeitig sollte die KSZE nicht eine
Koordinierungsfunktion für andere Gremien - wie die
NATO - übernehmen, die sich bewährt haben.
Wie ich in meiner Anhörung vor dem Senat im
vergangenen Monat erklärt habe, beabsichtige ich,
den Ländern Zentraleuropas höchste Priorität einzuräumen, damit sie sich der Demokratie erfreuen
können, die ihnen so lange verwehrt war. Der Erfolg
dieser demokratischen und marktwirtschaftlichen
Reformen bewirkt mehr Sicherheit für uns alle. Sie
sind die beste Antwort auf den aggressiven Nationalismus und ethnischen Haß, der durch das Ende des

AMERIKA DIENST 38

Kalten Krieges freigesetzt wurde. Zur Unterstützung
dieses Ansatzes nehmen wir als ersten Schritt
organisatorische Veränderungen im Büro für europäische Angelegenheiten vor. Die erste Tat ist
sowohl einfach als auch grundlegend: Ab dieser
Woche schaffen wir die Bezeichnung "Osteuropa" für
den betreffenden Teil des Büros ab. Dieses Vermächtnis aus der Zeit der künstlichen Trennung
Europas nach 1945 hat im Europa nach dem Kalten
Krieg keinen Platz mehr, und wir werden jetzt als
Organisationstitel dieselben Namen wie die Länder
Zentraleuropas wählen.
Das Büro für europäische und kanadische Angelegenheiten wird auch eng mit Jim Collins und seinen
Kollegen im Büro für die neuen unabhängigen
Staaten zusammenarbeiten sowie mit dem Stellvertretenden Außenminister Stöbe Talbott, um sicherzustellen, daß wir Brücken über das gesamte freie und
ungeteilte Europa schlagen.
Unseren Beziehungen zu Europa kommt weiterhin
eine entscheidende strategische Komponente zu. Sie
ruhen jedoch auch in gleichem Maße auf anderen
Pfeilern - insbesondere Wirtschaft und Handel,
Wissenschaft und Kultur sowie familiären Banden.
Um die Bedeutung unserer Beziehungen zu Universitäten, Unternehmen, nichtstaatlichen Organisationen
und Parlamenten bei unserem neuen Ansatz zu
Europa zu unterstreichen, beabsichtige ich eine
Umstrukturierung unseres Büros für Öffentlichkeitsarbeit.
Damit reagieren wir auf Außenminister
Christophers Forderung nach einem "Amerikabüro"
im Außenministerium, indem wir systematisch Arbeitsbeziehungen zu den zahlreichen Personen und
Organisationen im Privatsektor herstellen, die bereits
das Rückgrat unserer Verbindungen zu Europa
darstellen. Unsere geographischen Büros werden
ermutigt, die Talente der Experten von nichtstaatlichen Organisationen besser zu nutzen.
Ein wichtiger Pfeiler unserer Strategie für Europa ist
die Wirtschaft. Offene und prosperierende Volkswirtschaften in Europa bedeuten mehr Arbeitsplätze für
Amerikaner im Inland und Investitionschancen im
Ausland. Aus diesem Grund unterstützen wir den in
der Europäischen Union (EU) verankerten Integrationsprozeß uneingeschränkt und streben eine
Vertiefung unserer Partnerschaft mit der EU an.
Darüber hinaus engagieren wir uns für intensiveren
bilateralen Handel mit den Nichtmitgliedstaaten der
EU und Investitionen in diesen Ländern. Wir arbeiten
mit unseren westeuropäischen Partnern auf die
Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung
langfristigen Wachstums hin, indem wir auf die
Ergebnisse der Arbeitsplatzkonferenz von Detroit und
das Gipfeltreffen der G-7 in Neapel aufbauen.

Seite 3

�Diese Administration unterstützt ferner tatkräftig die
Marktreformen in den neuen Demokratien Europas.
Letztlich wird der Erfolg der Marktreformen in diesen
Ländern mehr von Handel als von Wirtschaftshilfe
abhängen. Eine unserer Prioritäten ist daher der
Abbau von Handelshemmnissen in den ehemals
kommunistischen Staaten.
Natürlich ist Europa nicht der einzige wichtige Teil
der Welt für die Vereinigten Staaten, aber wir teilen
auch regionale und globale Interessen, die für die
nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und das
Wohlergehen der Amerikaner von zentraler Bedeutung sind. Ob das Problem regionale Instabilität,
ethnische Konflikte, nukleare Weiterverbreitung, die
Zukunft der demokratischen Marktreformen in den
ehemals kommunistischen Staaten, Umweltverschmutzung oder rasches Bevölkerungswachstums
ist - es gibt wahrscheinlich keine Region in der Welt,
die unsere regionalen und globalen Interessen in
dem Maße teilt wie Europa. Die Nationen Europas
besitzen auch die Mittel, zahlreiche dieser globalen
Probleme in Angriff zu nehmen. Darüber hinaus ist
die Unterstützung unserer europäischen Partner
entscheidend für die Förderung eines offenen Handels- und Investitionssystems, das wiederum unerläßlich für Weltwirtschaftswachstum und Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten ist. Wie haben ein
reiches gemeinsames Erbe an Menschen, Ideen und
Kultur.
Präsident Clinton hat eindeutig klargestellt, wo die
Zukunft Europas aus der Sicht der Vereinigten
Staaten liegen sollte. Seine Definition der europäischen Sicherheit gründet sich auf den festen Glauben an die Leistungen der vergangenen 50 Jahre.
Einheit und Demokratie sind die Schlüsselbegriffe im
amerikanischen Vokabular. Wir erarbeiten eine

*

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neue Definition der Sicherheit, in der gesunde Gesellschaften entscheidender für die Chancen des Friedens sind als der Umfang ihrer Verteidigungsapparate.
Die Vereinigten Staaten werden aus einem einfachen
Grund ein aktiver Beteiligter an europäischen Angelegenheiten sein - unser Eigeninteresse erfordert es.
Erfolg bei der Umsetzung einer gemeinsamen Tagesordnung mit gleichgesinnten Staaten ist der beste
Weg zum Schutz der Sicherheit und des Wohlstands
der Vereinigten Staaten. Der Erfolg unserer eigenen
innenpolitischen Tagesordnung erfordert die aktive
Verfolgung unserer Tagesordnungen im In- und
Ausland. Wenn die Vereinigten Staaten und ihre
europäischen Partner sich nicht nach außen wenden,
nicht weiterhin gemeinsam Handel treiben, in dem
jeweils anderen Land investieren und gemeinsam an
der Beseitigung neuer Hindemisse für Frieden und
Wohlstand arbeiten, werden unsere jeweiligen
Bestrebungen zur innenpolitischen Erneuerung nicht
von Erfolg gekrönt sein.
Während wir diesen Kurs verfolgen, sehe ich der
engen Zusammenarbeit mit den Mitgliedern dieses
Ausschusses und dem Kongreß erwartungsvoll
entgegen. Die Förderung unserer nationalen Interessen in Europa erfordert kontinuierliches amerikanisches Engagement, das von der breiten, überparteilichen Unterstützung des amerikanischen Volkes und
ihrer Vertreter im Kongreß getragen ist. Ich möchte
hinzufügen, wie stolz ich darauf bin, wieder im
Außenministerium tätig zu sein und mit den ausgezeichneten Mitarbeitern des Auswärtigen Dienstes
zusammenzuarbeiten, die sich die Förderung der
Interessen unseres Landes in Europa zur Aufgabe
gemacht haben. Ich danke Ihnen nochmals für die
Gelegenheit, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen.

* * * *

AMERIKA DIENST 38

\
*

�USA-EUROPA
28. September 1994

DIE HERAUSFORDERUNG DER GESCHICHTE
Rede von John Kornblum
KNOKKE-HEIST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Stellvertretenden Abteilungsleiter für
europäische und kanadische Angelegenheiten, John Kornblum, bei der 10. Jahreskonferenz der Amerikanischen Botschaft über strategische Studien am 16. September 1994 gehaltene Rede.

Wenn wir uns die transatlantische Welt der neunziger Jahre betrachten, sind wir häufig von dem
tiefgreifenden Wandel überwältigt. Überall neue
Probleme, neue Konflikte und neue Chancen. Es ist
zur Gewohnheit geworden, die Notwendigkeit für
radikal veränderte Strategien zur Bewältigung
nahezu revolutionärer Entwicklungen zu erörtern.

wenn man sich nur auf genügend Streitkräfte und
genügend Verhaltensregeln einigt, könnten diese
Konflikte beendet werden. Wir haben das in den
zwanziger Jahren mit einer Reihe von Verträgen und
Erklärungen getan, die sich mit demselben Problem
befassen sollten. Wir kennen das Ergebnis dieser
Bestrebungen, Krieg als unrechtmäßig zu erklären.

Ein genauerer Blick enthüllt eine weitere wichtige
Tatsache. So neu die uns konfrontierenden Herausforderungen auch sein mögen, in vielen Fällen
entstehen sie durch eine Wiedergeburt der Geschichte. Statt radikal neu entworfener Verhaltensmuster in Europa scheint die durch den Kalten Krieg
bewirkte künstliche Stabilität viele der Trennlinien
eingefroren zu haben, die zu den vergangenen 80
Jahren der Konflikte geführt haben.

Dann gibt es die Rolle der Ost-West-Konfrontation an
sich. Wir fangen jetzt an zu erkennen, daß das durch
diese Konfrontation erzeugte Gefühl der Bedrohung
Zusammenhalt hervorbrachte, nicht nur für internationale Unternehmungen, sondern auch für die
politische Dynamik im Inland. Eine Versammlung von
Wissenschaftlern gelangte beispielsweise kürzlich zu
der Schlußfolgerung, daß die amerikanische Präsidentschaft in hohem Maße - negativ - durch diesen
Mangel an Dringlichkeit beeinflußt wurde. Politische
Botschaften müssen anders auf dieses neue Zeitalter
zugeschnitten werden.

Wenn wir die Zukunft der transatlantischen Beziehungen am Ende dieses Jahrhunderts erörtern,
müssen wir daher sowohl zurück als auch nach
vorne blicken. An der Schwelle zu dem neuen
Jahrtausend existieren neue Realitäten.
Viele
historische Muster sind jedoch noch gültig. In den
kommenden Jahren besteht eine der größten Herausforderungen für Politiker darin, das richtige
Gleichgewicht zwischen Altem und Neuem zu finden.
i

Ich möchte ein Beispiel anführen: Ethnische Konflikte erschüttern mehrere Teile Europas. In vielen
Fällen entstehen die Konflikte aus jahrhundertealten,
nie gelösten Streitigkeiten. Das Ende des von der
Sowjetunion ausgeübten Drucks deckte Spannungen
auf, die längst behoben schienen. Es ist wichtig,
Schritte zur schnellstmöglichen Überwindung dieser
Differenzen zu unternehmen.
Aber was tun wir? Es herrscht große Verwirrung
zwischen Lösungen der Vergangenheit und Hoffnungen für die Zukunft. Viele scheinen zu glauben,

AMERIKA DIENST 38

Die Lektionen der Geschichte scheinen eindeutig.
Europa ist immer noch belastet von innenpolitischen
ethnischen und kulturellen Konflikten, die die demokratische Zukunft vieler Teile des Kontinents bedrohen. Aber die Erkenntnisse des neuen Zeitalters
sollten ebenso klar sein. Alte Appelle zu Solidarität
oder die Notwendigkeit neuer Strukturen zur Bewältigung der Herausforderungen werden nicht funktionieren.
Statt dessen benötigen wir eine umfassende Strategie, die eine Verbindung zwischen Sicherheitsherausforderungen und den praktischen Erfordernissen von
Gesellschaften herstellt. Militärische Sicherheit muß
einhergehen mit Bestrebungen zur Inangriffnahme
der Ursachen von Konflikten. Dazu zählen die
Respektierung der Menschenrechte, Bemühungen zur
politischen und sozialen Entwicklung der neuen
demokratischen Staaten und Fortschritte zu einem

Seite 1

�System freier Marktwirtschaft. Vor allem müssen die
Mittel und Methoden des Strebens nach Sicherheit
an die heutigen Zeiten angepaßt werden.
Dies erfordert auch konzertierte Anstrengungen zur
Anpassung unserer Institutionen an neue Aufgaben.
Innovationen wie die Partnerschaft für den Frieden
oder die Programme für demokratische Entwicklung
der KSZE und des Europarats oder die Arbeit der
zahlreichen nichtstaatlichen Organisationen sind
heute ebenso Bestandteil unserer Sicherheitspolitik
wie die nukleare Planung der NATO in der Vergangenheit.
Mit anderen Worten - wir müssen eifrig an einer
neuen Definition der Sicherheit arbeiten, die die
Fortschritte der vergangenen 50 Jahre beinhaltet,
aber nicht bei traditionellen Lösungen haltmacht.
Dabei müssen wir über die während des Kalten
Krieges erarbeiteten institutionellen und geographischen Definitionen hinausgehen. Wir müssen uns
an neue Realitäten anpassen und gleichzeitig die
historischen Wurzeln unserer Ziele und unseres
Verhaltens verstehen.
Seit ihrer Amtsübernahme war dies das Ziel der
Clinton-Administration. Die drei Bezugspunkte des
Präsidenten für die amerikanische Außenpolitik
militärische Stärke,
wirtschaftliche Stärke,
Menschenrechte
sind in der Tat eine völlig neue Definition der Sicherheitspolitik, die die scharfen militärischen und
politischen Spaltungen der Zeit des Kalten Krieges
aufheben.
Statt unsere Sicherheit unter dem Aspekt der Bedrohung und der Reaktion darauf zu sehen, schlägt
Präsident Clinton eine Tagesordnung für den Frieden vor, die Macht und Einfluß der Vereinigten
Staaten beim Streben nach mehreren miteinander

Mit der Festsetzung vereinbarter Verhaltensnormen
im Bereich der Menschenrechte wurde die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa eine
ebenso gefährliche Bedrohung für das kommunistische System wie die gesamten Streitkräfte der
NATO-Partner.
Unser unblutiger Sieg über den
sowjetischen Totalitarismus sollte nicht nur Grund
zum Feiern sein. Er kann uns auch die Richtung bei
unseren Bestrebungen zur Bewältigung der Herausforderungen der Welt nach dem Kalten Krieg weisen.
Wenn neue Konflikte eher interne denn externe
Ursachen haben, müssen wir unsere Mittel zur
Bewältigung solcher Herausforderungen entsprechend anpassen. Außer wenn wir zu einer dauerhaften militärischen Besetzung bereit sind, wird
Militärmacht allein weder die Probleme im ehemaligen Jugoslawien noch in Berg-Karabach lösen. Und
wenn wir nicht neue Methoden für den Aufbau einer
Gesellschaft und zur Konfliktvermeidung erlernen,
werden alle Erklärungen der Welt nur wenig Wirkung
zeigen.
Von besonderer Bedeutung in dieser neuen Ära ist
die Auffassung von Macht und ihrer Ausübung. Das
sowjetische System ist von innen heraus zerfallen,
zum Teil deswegen, weil es selbst für einen durch
und durch totalitären Staat unmöglich ist, die Gedanken und das Verhalten seiner Bürger zu kontrollieren.
In dem neuen Zeitalter werden Macht und Einfluß in
zunehmendem Maße von der internen Dynamik einer
Gesellschaft anstatt von ihrer Au ßenpolitik abhängen.
Halten Sie sich den zunehmenden Einfluß der
ostasiatischen Staaten vor Augen, die allesamt die
traditionellen Aspekte militärischer Machtpolitik
vermeiden. Probleme wie Migration oder organisiertes Verbrechen können selbst Großmächte in die
Knie zwingen.
Für die transatlantischen Beziehungen haben diese
Entwicklungen mehrere Auswirkungen:
Erstens. Wir müssen uns bewußt werden, was in

verbundenen Zielen zu nutzen versucht.

unseren Beziehungen eine Konstante darstellt und

Diese Ziele sollen über die sterile Ost-West-Teilung
hinausgehen, die wir aus dem Kalten Krieg geerbt
haben. Sie überbrücken auch den Unterschied
zwischen innenpolitischem und außenpolitischem
Verhalten.

was wir verändern müssen. Die drei Bezugspunkte
Präsident Clintons stellen eine Bestrebung zur klaren
Definition der Konstanten dar. Unser Glaube an die
dynamische Rolle der NATO in Europa - in Gesamteuropa - ist ein Beispiel für das Verschmelzen einer
traditionellen Struktur mit neuen Herausforderungen.

Eine der wesentlichen Leistungen des Westens in
den späteren Jahren des Kalten Krieges war die
Feststellung der Tatsache, daß das innenpolitische
Verhalten eines Landes ebenso wichtig für die
internationale Sicherheit ist wie seine außenpolitischen Maßnahmen.

Die Vereinigten Staaten sind weiterhin der Auffassung, daß die Sicherheit aller am besten durch die
Kombination einer amerikanischen Sicherheitsverpflichtung im Rahmen der NATO mit einer soliden
Grundlage von Zusammenarbeit und Integration in
ganz Europa garantiert werden kann. Diese Struktu-

Seite 2

AMERIKA DIENST 38

�ren müssen offen sein und alle einbeziehen. Die
Ablehnung neuer Grenzen in Europa bedeutet
jedoch nicht, daß jede Struktur jeden einbeziehen
muß. Innovative Methoden wie Freihandelszonen
oder die Partnerschaft für den Frieden können
dasselbe leisten.
Zweitens. Wir dürfen nicht an den alten Definitionen
unserer Politik festhalten.
Die grundlegendste
Neudefinition muß die von Europa selbst sein.
Präsident Clinton erntete einiges Stirnrunzeln, als er
Anfang des Jahres in seiner in Brüssel gehaltenen
Rede die Einigung ganz Europas als grundlegenden
Aspekt des Friedens forderte. Einige waren der
Ansicht, diese Definition bedeute, die Vereinigten
Staaten gäben ihre Unterstützung einer engeren
Integration der bestehenden Europäischen Union
auf.
Das entspricht jedoch absolut nicht der Wahrheit.
Unsere Unterstützung für die Ziele der Europäischen
Union braucht nicht wiederholt zu werden. Die alte
Definition des Westens von "Europa" als dem
Europa der NATO oder der Europäischen Union ist
jedoch nicht mehr gültig. Wenn wir in Europa
wirklichen Frieden wollen, müssen wir jeden, der für
die europäische Sicherheit eine Rolle spielt, in
unsere Zusammenarbeit einbeziehen. Das bedeutet
nicht, derzeitige Bestrebungen aufzugeben, stellt
jedoch offensichtlich eine Einbeziehung der Nationen
Mitteleuropas dar - und bezieht Rußland ein.
Die Definitionen von Europa, die unsere westlichen
Institutionen mit dem Europa der Zukunft auf die
gleiche Stufe stellen, sind völlig sinnlos.
Drittens. Die Nationen Europas werden schnell auf
andere Art und Weise mit der Rückkehr der Geschichte konfrontiert. Der mit dem Kalten Krieg
einhergehende Schutz vor Verantwortung - auf
lokaler und globaler Ebene - besteht nicht mehr.
Europa wird nicht nur mit dem Wandel konfrontiert,
sondern wird auch mehr Verantwortung für den
Umgang damit übernehmen müssen. Wenn manche
Europäer sich über das ärgerten, was sie für amerikanische Vormachtstellung hielten, sollten sie sich
jetzt nicht beklagen, wenn wir nicht länger automatisch Lösungen bereitstellen.
Viertens. Wir müssen das vorherrschende Gleichgewicht der Sicherheit verstehen. In Akademiker- und
Journalistenkreisen wurde in den letzten Monaten
viel über die verschiedenen Herausforderungen an
unsere Sicherheit geschrieben. Viele dieser Argumente beruhen weiterhin auf sicherheitspolitischen
Faktoren, die nicht länger gültig sind.

AMERIKA DIENST 38

Warum machen wir uns beispielsweise weiterhin so
viele Sorgen über die zukünftige Orientierung
Deutschlands? Der Grund liegt zum Teil in der
dramatischen Geschichte Deutschlands in diesem
Jahrhundert.
Ein anderer Grund ist jedoch die Tatsache, daß wir
immer noch mit den Konzepten der Vergangenheit
operieren.
Deutschland muß fest in Europa verankert sein.
Wenn aber nicht in Europa, wo sonst? Dieser Satz
bedeutet in Wirklichkeit, daß Deutschland ermutigt
werden sollte, mit seinen Partnern zusammenzuarbeiten, anstatt sie zu dominieren. Aber gibt es
irgendeinen Hinweis darauf, daß Deutschland nicht
die Absicht zur Zusammenarbeit hat?
Deutschland darf nicht zwischen seiner europäischen
und atlantischen Zugehörigkeit hin und her gerissen
sein. Diese Behauptung deutet jedoch auf einen
Widerspruch zwischen diesen beiden Elementen hin.
Eine der Lektionen der Geschichte ist die, daß die
atlantische und europäische Welt immer identischer
werden. Amerika ist ein Teil Europas, und Europa
wird zunehmend ein integraler Bestandteil der amerikanischen Realität. Hier besteht für keine atlantische
Nation ein Widerspruch.
Kroatien
Am erstaunlichsten waren die gegen Deutschland
erhobenen Beschuldigungen, als dieses Land sich für
die Anerkennung eines unabhängigen Kroatien
einsetzte. Wir können uns über die Substanz einer
Frage uneinig sein, aber aus der Vergangenheit
übernommenes Streben nach Vorherrschaft zu
vermuten demonstriert, wie sehr diese alten Dämonen noch am Leben sind.
Deutschland darf nicht den Versuchungen der Machtpolitik in Mittel- und Osteuropa erliegen. Was sind
das jedoch für Versuchungen? Das heutige Deutschland ist nicht nur demokratisch, sondern zum ersten
Mal in seiner Geschichte von demokratischen Partnern umgeben, die ihm kein Gefühl der Bedrohung
vermitteln.
Ähnliche Argumente werden oft angeführt, um eine
dynamische Entwicklung der NATO zu verhindern.
Einige fürchten, wenn die derzeitige Machtstruktur
verändert werde, könnte die alte Instabilität wieder in
West- und Mitteleuropa Einzug halten. Es scheint,
als würde die NATO mit denselben überholten
Kriterien beurteilt, die oft auf Deutschland angewandt
werden. Die Situation der NATO hat sich - ebenso
wie die Deutschlands - grundlegend geändert. Die
Betrachtung der NATO vor dem Hintergrund traditio-

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�neller Politik ist ebenso falsch und schädigend wie
die Anwendung dieser Kriterien auf Deutschland.
Dies führt mich zu meinem fünften Punkt. Die
Institutionen müssen angepaßt werden, wenn sie
überleben sollen. Weder die NATO noch die EU
können in den Mustern des Kalten Krieges gefangen
werden, die sich auf die alte Definition des Westens
bezogen.
Die in diesem Jahrhundert geführten Kriege waren
Folge von Spannungen im Herzen des Kontinents.
Wie ich bereits vorher gesagt habe, erfordert der
Umgang mit der Gefahr eines Wiederauflebens
dieser Spannungen eher kreative als statische
Ansätze. Zweifellos sollte es im Interesse jeden
Landes, einschließlich Rußlands, liegen, sich unserer
westlichen Institutionen zu bedienen, um die Angst
vor Instabilität in Mitteleuropa zu beseitigen.
Eine Rolle der NATO und der EU in Mitteleuropa
stellt folglich keine Bedrohung für den Frieden oder
die Interessen Rußlands dar, sondern fördert diese.
Aber - und das ist mein sechster Punkt - wenn
unsere Institutionen ihre Rolle ausbauen sollen,
dürfen die Hauptakteure in Europa sie nicht als auf
bestimmte Länder beschränkt betrachten.
Die
Erweiterung der Mitgliedschaft der NATO und der
EU wird nicht über Nacht geschehen. Und es ist
nicht möglich vorherzusagen, wer beitreten wird und
wann.
Wie Vizepräsident Gore jedoch kürzlich in einer nach
Berlin übertragenen Rede erklärte, wird die Erörterung dieser Möglichkeit bald beginnen. Es ist von
Bedeutung, daß diese Diskussion von einer Verständigung darüber begleitet wird, wie alle interessierten Parteien in den Prozeß der Erarbeitung
einer neuen Definition von Sicherheit in Europa
eingeschlossen werden können.
Die Erweiterung der bestehenden Institutionen ist
kompliziert. Während der Fortsetzung der Gespräche ist es von Bedeutung, alle uns zur Verfügung
stehenden Mittel einzusetzen - den Nordatlantischen
Kooperationsrat (NAKR), die Partnerschaft für den
Frieden, die KSZE und unsere bilateralen Beziehungen, um ein Konzept eines gemeinsamen Sicherheitsraums in Europa zu definieren. Wir müssen in
ganz Europa einen Gemeinschaftssinn entwickeln,
wie es im Westen nach den Römischen Verträgen
geschehen ist.

*

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*

Eine solche Gemeinschaft darf nicht innerhalb der
Grenzen einer einzigen Organisation gesehen werden. Sie muß nicht auf einem Vertrag basieren oder
eine formale Organisation haben. Vielmehr sollte sie
ein wachsendes Gefühl unter allen relevanten Staaten repräsentieren, daß wir gemeinsame Ziele und
Methoden haben, um einen dauerhaften und gerechten Frieden in Europa zu sichern.
Ich möchte betonen, daß dieses Ziel eines gemeinsamen Sicherheitsraums über die Lage Europas
hinausgeht, so wichtig diese auch sein mag. In einer
mit neuen Problemen behafteten Welt - Problemen im
Bereich der Umwelt und der grundlegenden Menschenrechte - ist es wichtig, daß die wohlhabenden
Kontinente Europa und Nordamerika ein gemeinsames Versprechen für Engagement eingehen und
gemeinsame Anliegen haben.
Beide Kontinente unternehmen bereits sehr viel.
Aber solange Europa von Konflikten belastet wird
oder - wie Präsident Clinton es formulierte - solange
Amerika seine eigenen Sozialinstitutionen nicht
erneuert hat, werden wir weder die Energie noch die
Ressourcen für erweiterte Aufgaben haben.
Somit wird - wie in der Vergangenheit - die Sicherheit
Europas ein Indikator für das Gefühl der Sicherheit
auf der ganzen Welt. Die Aufgabe des Wiederaufbaus nach dem Kalten Krieg ist ebenso groß wie die
nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Vereinigten Staaten werden sich aus einem
einfachen Grund weiterhin für diese Aufgabe einsetzen: Es liegt in unserem Interesse. Die Energie
für die Entwicklung eines neuen Europa muß jedoch
aus Europa selbst stammen. Ressourcen, Ideen und
Engagement sollten aus den direkt betroffenen
Ländern kommen.
Aus diesem Grund werden wir uns weiterhin für eine
möglichst umfassende Definition unserer gemeinsamen Sicherheit einsetzen. Sicherheit muß jetzt als
die Aufgabe von Gesellschaften betrachtet werden.
Die Völker Litauens, der Slowakischen Republik und
Rumäniens beispielsweise tragen eine ebensolche
Verantwortung für den Erfolg unserer Mission wie die
Vereinigten Staaten oder Deutschland.
Es gibt guten Grund zu Optimismus, daß wir Erfolg
haben werden. Unsere Arbeit wird beschleunigt,
wenn wir die Rolle des Alten und des Neuen verstehen. Die Herausforderungen der Geschichte sind
heute ebenso wichtig wie zu jedem anderen Zeitpunkt
in diesem Jahrhundert.

*

*

AMERIKA DIENST 38

�USA-DEUTSCHLAND
28. September 1994

REDMAN: IN DEUTSCHLAND HABEN WIR
EINEN VERLÄSSLICHEN PARTNER
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Der von Präsident Clinton zum Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland
nominierte Charles E. Redman erklärte am 21. September 1994 in seiner Anhörung vor dem Auswärtigen
Ausschuß des Senats: "In Deutschland haben wir einen verläßlichen Partner, dessen Wirtschaftsmacht und
geographische Lage im Herzen Zentraleuropas das Land zu einem unerläßlichen Mitspieler bei diesem
historischen Unternehmen macht."
Redman fügte hinzu: "Eine starke deutsch-amerikanische Partnerschaft wird für die erfolgreiche Integration
der Nationen des ehemaligen Warschauer Pakts in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Westens
von entscheidender Bedeutung sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Anhörung von Botschafter Redman vor dem Senatsausschuß.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
es ist ein Privileg, heute als designierter Botschafter
der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik
Deutschland vor Ihnen sprechen zu dürfen. Diese
Ernennung durch Präsident Clinton ist eine große
Ehre, ganz besonders für einen Karrierediplomaten.
Ich bin mir vollkommen der Verantwortung bewußt,
die den so entscheidenden Beziehungen zwischen
Amerika und Deutschland zukommt, und im Falle
meiner Bestätigung werde ich alles in meiner Macht
Stehende tun, um das Vertrauen zu erfüllen, das der
Präsident mit dieser Ernennung in mich gesetzt hat.
Während meiner zwanzigjährigen Tätigkeit im
Auswärtigen Dienst habe ich gelernt, daß häufige
und offene Konsultationen mit dem Kongreß durch
nichts ersetzt werden können. Diese Kontakte
waren während meiner jüngsten Aufgabe als Gesandter für das ehemalige Jugoslawien unschätzbar,
und ich sehe der erneuten Zusammenarbeit mit
Ihnen in meiner neuen Funktion im Falle meiner
Bestätigung erwartungsvoll entgegen.
Herr Vorsitzender, die ausgezeichneten Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Bundesrepublik Deutschland sind einer der entscheidenden Faktoren, die in der letzten Hälfte
dieses Jahrhunderts Freiheit und Wohlstand in
Westeuropa herbeigeführt und garantiert haben. Der
Kalte Krieg ist vorüber, und wir befinden uns jetzt im
Prozeß der Anpassung unserer Partnerschaft an die

AMERIKA DIENST 38

Herausforderungen des sich abzeichnenden neuen
Europas.
In Deutschland haben wir einen verläßlichen Partner,
dessen Wirtschaftsmacht und geographische Lage im
Herzen Zentraleuropas das Land zu einem unerläßlichen Mitspieler bei diesem historischen Unternehmen
macht. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die
Bundesrepublik aus den Ruinen der Tyrannei und
Niederlage erhoben, um sich demokratischen Werten
zu verpflichten, wirtschaftlich zu prosperieren und
eine Schlüsselrolle in den entscheidenden Institutionen Europas zu übernehmen - NATO, KSZE und der
Europäischen Union. Für Deutschland war es eine
radikale Umgestaltung, die das Land in nahezu
einzigartiger Weise dafür qualifiziert, sie anderen zu
vermitteln, die ebensolchen Wohlstand, diese Freiheit
und Stabilität anstreben. Eine starke deutsch-amerikanische Partnerschaft wird für die erfolgreiche
Integration der Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Westens von entscheidender Bedeutung
sein.
Herr Vorsitzender, während dieser Zeit des Übergangs für Europa und Deutschland müssen wir auf
den Leistungen der Vergangenheit aufbauen, während wir gleichzeitig auf die neuen Realitäten reagieren. Das erfordert Phantasie und Flexibilität. Am
wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß wir Deutschland
unseres andauernden Engagements für die Sicherheit
Europas und die strategische Partnerschaft mit

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�unseren europäischen Verbündeten versichern
müssen, selbst wenn wir den Umfang unserer
militärischen Präsenz auf ein der veränderten
europäischen Sicherheitssituation angemessenes
Niveau verringern. Dennoch wird eine beträchtliche
Zahl amerikanischer Soldaten als greifbarer Beweis
unserer Entschlossenheit zur Unterstützung von
Frieden und Freiheit durch das transatlantische
Bündnis in Europa - die Mehrzahl in Deutschland stationiert bleiben. Nachdem ich im NATO-Hauptquartier in Brüssel und als ehemaliger Direktor des
Büros im Außenministerium tätig war, das sich mit
der NATO und europäischer Sicherheit befaßt, hoffe
ich, meine Erfahrung in diesen entscheidenden
Aspekt der deutsch-amerikanischen Beziehungen
einbringen und ihm Glaubwürdigkeit verleihen zu
können.

Die Sicherheitsdimension ist jedoch nur ein Aspekt
des vielschichtigen Geflechts der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Im Falle meiner Bestätigung
als Botschafter werde ich meine Energien und die
Ressourcen der Botschaft der Erweiterung der
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Deutschland widmen sowie neue Wege
zur Förderung persönlicher Kontakte und der Vertiefung des Verständnisses zwischen unseren beiden
Nationen sondieren. Auch hier können wir auf eine
starke Grundlage bisheriger Erfahrungen aufbauen,
aber das sich wandelnde internationale Umfeld
fordert kontinuierliche Innovationen.
Zweifelsohne bietet diese Position viele Herausforderungen und Chancen. Ich hoffe, sie mit Ihrer
Zustimmung und Unterstützung antreten zu können.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 38

�NICHTVERBREITUNG
28. September 1994

CTB-VERTRAG "UNABDINGBAR" ZUR EINDÄMMUNG
DER NUKLEAREN WEITERVERBREITUNG
Erklärung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty CTB) "ist unabdingbar für unsere Bestrebungen zur Eindämmung der Weiterverbreitung und Weiterentwicklung
von Nuklearwaffen sowie zur Gewährleistung einer Welt mit mehr Sicherheit und Frieden", stellte die
Pressesprecherin des Weißen Hauses, Dee Dee Myers, in einer schriftlichen Erklärung am 22. September
1994 fest.
Myers fügte hinzu: Die Genfer Abrüstungskonferenz "hat mit Tatkraft auf den Appell ... reagiert, den CTBVertrag zum frühestmöglichen Zeitpunkt abzuschließen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Erklärung.

Bei einem gestern im Weißen Haus veranstalteten
Informationsgespräch für hochrangige Regierungsvertreter berichtete Botschafter Stephen Ledogar,
der Vertreter der Vereinigten Staaten bei den Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot,
von den vor kurzem bei der Genfer Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritten. Die Konferenz hat mit
Tatkraft auf den Appell der Vereinigten Staaten und
anderer Nationen reagiert, den CTB-Vertrag zum
frühestmöglichen Zeitpunkt abzuschließen.
Die Administration ist sich bewußt, daß die Gefahren
der nuklearen Weiterverbreitung auch nach dem
Ende des Kalten Krieges eine große Bedrohung für
unsere Nation sowie unsere Freunde und Verbündeten auf der Welt darstellen. Ein CTB-Vertrag ist
unabdingbar für unsere Bestrebungen zur Eindämmung der Weiterverbreitung und Weiterentwicklung
von Nuklearwaffen sowie zur Gewährleistung einer
Welt mit mehr Sicherheit und Frieden. Botschafter
Ledogar lobte den Vorsitzenden des Verhandlungsauschusses, Botschafter Miguel Marin Bosch aus
Mexiko, und seine Kollegen für ihre harte Arbeit.

Die Administration vertritt die Auffassung, es sei an
der Zeit für eine Beschleunigung dieser entscheidenden Verhandlungen und ist erfreut, daß der Ad-hocAusschuß für ein Atomtestverbot auf Drängen der
Administration und anderer die Entscheidung zur
Wiederaufnahme dieser wichtigen Arbeit gegen Ende
des Jahres getroffen hat.
Die Administration fordert alle an diesen entscheidenden Verhandlungen beteiligten Nationen auf, ihre
Anstrengungen zu verdoppeln und die erforderlichen
Ressourcen zum Abschluß eines CTB-Vertrags
bereitzustellen. Sie fordert darüber hinaus China auf,
gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern das derzeitige Moratorium für Atomexplosionen einzuhalten, um die Verhandlungen zu erleichtern.
Im nächsten Jahr blicken wir auf ein 50jähriges
Atomzeitalter zurück, das mit dem ersten Atomtest in
Alamagordo in New Mexico begann. Es sollte auch
das Ende aller Atomtests für alle Zeiten sein.

* * * * *

AMERIKA DIENST 38

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