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                    <text>AMERIKA DIENST

•
2 1 . O k t o b e r 1987

37

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan lobt amerikanische Bundesbank und internationale Kooperation
- Erklärung des Präsidenten zu den Finanzmärkten Reagan: Operation der Vereinigten Staaten "überlegte und gemäßigte
Antwort* an den Iran
- Erklärung des Präsidenten zum amerikanischen Vergeltungsschlag
im Golf Shultz: Friedenspläne müssen in Nicaragua verwirklicht werden
- Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses Rowny: SDI "kein Verhandlungsgegenstand"
- Rede vor Ehemaligen des National War College -

HINTERGRUNDMATERIAL
Rüstungskontrolle wichtigstes Thema bei Shultz-Besuch in Moskau
- Informationsgespräch mit Botschafter Nitze Begrenzungen von Atomwaffentests
- Übersicht des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung -

* * * * * *

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Embassy of the United States of America

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Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
r/

u

•""-

Dokumentation

Ä&lt;

21. Oktober 1987

37

REAGAN LOBT AMERIKANISCHE BUNDESBANK UND INTERNATIONALE KOOPERATION
- Erklärung des Präsidenten zu den Finanzmärkten -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan sprach sowohl der amerikanischen
Zentralbank als auch hochrangigen bundesdeutschen und japanischen Regierungsvertretern am 20. Oktober sein Lob aus für ihre feste Zusage, sich auf den Finanz- und Devisenmärkten für Stabilität einzusetzen.
Er befürwortete ferner Diskussionen mit den Führern beider
Kongreß über eine Paketlösung zum Abbau des Haushaltsdefizits.

Parteien

im

Nachfolgend veröffentlichen wir diese Erklärung im Wortlaut:

Ich möchte Ihnen meine Stellungnahme verlesen.
ich denke, Sie alle
wissen, daß die Börse mit einem Zuwachs von 102,27 Punkten schloß und
604 Millionen Aktien gehandelt wurden.
Ich komme gerade von einem
Treffen
mit meinen Finanzberatern,
und wir haben die Entwicklungen der
letzten Tage auf den Finanzmärkten
sowie die bisher von uns unternommenen Aktionen und Optionen für zusätzliche Maßnahmen eingehend geprüft.
Wir standen in ständigem Kontakt
mit den Wirtschaftspolitikern beider

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Länder, den Börsen der Welt und ihren
Teilnehmern.
Trotz anhaltender Besorgnis freue ich mich, daß die von
der Bundesbank unternommenen Maßnahmen einen heilsamen Effekt auf die
Börsen hatten.
Die Zinssätze sind
allgemein gefallen.
Ich freue mich
ebenfalls über die heute von zwei
Banken
unternommenen
wichtigen
Schritte zur Senkung ihrer PrimaRaten.
Ich bin der Ansicht, daß auf den
Märkten noch Spielraum für einen weiteren Rückgang der Zinssätze besteht

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Telex: 8-85432

�und ich bin besonders erfreut darüber, daß der Rentenmarkt fest und
die Devisenkurse stabil sind.
Gestern
haben
Finanzminister
Baker und sein bundesdeutscher Kollege Stoltenberg erneut unsere Übereinkunft mit der Bundesrepublik bestätigt, zur Schaffung nicht-inflationären Wachstums und stabiler Wechselkurse die Wirtschaftspolitik zu koordinieren.
Finanzminister
Miyazawa
gab eine Erklärung in gleichem Sinne
ab, in der er die Absicht Japans bekräftigte, mit anderen Industrieländern wirtschaftlich zusammenzuarbeiten und eine Wirtschaftspolitik zu
verfolgen, die ein anhaltendes Wachstum der japanischen Wirtschaft hervorbringen wird.
In einem Telefongespräch mit dem
designierten japanischen Ministerpräsidenten Takeshita hat dieser heute
morgen erklärt, seine höchste Priorität sei die Erhaltung stabiler Wirtschaftsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich weiterhin auf das
Louvre-Abkommen, und heute habe ich
die erste Sequestrationsverfügung unter dem Gramm-Rudman-Hollings-Gesetz
unterzeichnet.
Trotzdem glaube ich, daß es vorzuziehen ist, wenn sich nach Möglichkeit die Exekutive und die Legislative über eine Paketlösung zum Abbau
des Haushaltsdefizits einigen.
Demgemäß verfüge ich, daß zu diesem
Zweck Gespräche mit den Führern beider Parteien im Kongreß unternommen
werden.
Die wirtschaftliche
Basis
dieses Landes bleibt solide, und unsere Bürger sollten nicht in Panik
verfallen. Ich habe großes Vertrauen
in die Zukunft.
* * * * *

�AMERIKA DIENST
-4-

^

Ä«

Dokumentation
21. Oktober 1987

37
REAGAN: OPERATION DER VEREINIGTEN STAATEN
"ÜBERLEGTE UND GEMÄSSIGTE ANTWORT" AN DEN IRAN

- Erklärung des Präsidenten zum amerikanischen Vergeltungsschlag im Golf WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan zufolge sind die am 19. Oktober 1987
gegen eine zu militärischen Zwecken genutzte iranische Bohrinsel im Persischen
Golf gerichteten Operationen der Vereingten Staaten "eine überlegte und zugleich gemäßigte Antwort" auf die "rechtswidrige Anwendung von Gewalt gegen
die Vereinigten Staaten und auf zahlreiche Verletzungen der Rechte anderer
friedlicher Nationen" durch den Iran.
In einer vom Weißen Haus veröffentlichten Erklärung verwies der Präsident
darauf, daß die unverfrorenen Attacken des Iran... auf unter amerikanischer
Flagge fahrende Schiffe "trotz zahlreicher Botschaften seitens der Regierung
der Vereinigten Staaten an die Regierung Irans, in denen vor den Konsequenzen
gewarnt wurde", erfolgte.
Nachfolgend bringen wir die Erklärung Präsident Reagans im Wortlaut.
Kraft meines Amtes als Oberbefehlshaber
der
Streitkräfte
haben
amerikanische Kriegsschiffe um 7.00
Uhr Washingtoner Ortszeit einen Angriff auf eine zu militärischen Zwekken genutzte iranische Bohrinsel
in
internationalen
Gewässern
im Persischen Golf ausgeführt. Diese Bohrinsel ist zu mehreren iranischen Angriffen gegen die nicht am Krieg beteiligte Schiffahrt genutzt worden.
Die durch keinerlei Provokation ausgelösten Anschläge auf amerikanische
und andere Schiffe friedlicher Nationen und insbesondere das vorsätzliche

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Legen von Minen und Abfeuern von Seidenraupen-Raketen, die unter amerikanischer
Flagge
fahrende
Schiffe
trafen, erfolgten trotz zahlreicher
Botschaften seitens der Regierung der
Vereinigten Staaten an die Regierung
Irans, in denen vor den Konsequenzen
gewarnt wurde.
Die Operation gegen die zu militärischen Zwecken genutzte iranische
Bohrinsel erfolgte im Anschluß an Beratungen mit führenden Kongreßabgeordneten und befreundeten Regierungen. Sie ist eine überlegte und an-

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�gemessene Antwort auf die rechtswidrige Anwendung von Gewalt gegen die
Vereinigten Staaten und auf zahlreiche Verletzungen der Rechte anderer
friedlicher Nationen. Sie ist die im
Einklang mit dem Gesetz stehende Ausübung des Rechts auf Selbstverteidigung, das in Artikel 51 der Charta
der Vereinten Nationen verbrieft ist
und in diesem Sinne haben wir den
Präsidenten des Weltsicherheitsrates
informiert.
Die Vereinigten Staaten wünschen
keine militärische Konfrontation mit
dem Iran, die Regierung Irans sollte
sich jedoch keinen Illusionen bezüglich unserer Entschlossenheit und Fähigkeit, unsere Schiffe und Interessen gegen nicht provozierte Angriffe
zu schützen, hingeben. Wir haben die
Regierung Irans von unserem Wunsch
nach einer unverzüglichen Beendigung
der Spannungen in der Region und der
Beendigung des Krieges zwischen Iran
und Irak durch die unverzügliche Anwendung von Resolution 598 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
informiert.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

21. Oktober 1987

37

SHULTZ:

FRIEDENSPLXNE MÜSSEN IN NICARAGUA VERWIRKLICHT WERDEN

- Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses -

WASHINGTON - (AD) - Außenminister Shultz zufolge müssen die Vereinigten
Staaten "sicherstellen, daß der Wright-Reagan-Friedensplan und die Vereinbarung von Guatemala" in Nicaragua verwirklicht werden. Dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses gegenüber erklärte Shultz am 13. Oktober 1987
ferner, es dürfe "keine sowjetische oder kubanische Militärpräsenz in Nicaragua geben" und das Land solle "keine militärische oder subversive Bedrohung
für seine Nachbarn oder die Region darstellen.
Nachfolgend geben wir den Wortlaut der Rede wieder.

Ich bin froh über diese Gelegenheit zu einer gemeinsamen kritischen
Würdigung der Entwicklungen in Mittelamerika.
Bevor ich mich jedoch
den Einzelheiten widme, möchte ich
unsere Botschaft klar zum Ausdruck
bringen. Es ist eine eindeutige und
einfache Botschaft:
- Die Vereinigten Staaten befürworten Frieden
und Demokratie in
Mittelamerika.
Präsident Reagan
hat sich dort entschlossen und
sehr geschickt für Frieden und
Demokratie eingesetzt.
Und als

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Embassy of the United States of America

Ergebnis haben wir einige bemerkenswerte
Fortschritte
festgestellt.
Im August wurde in Guatemala von
den fünf Präsidenten Mittelamerikas eine Vereinbarung getroffen.
Diese Vereinbarung eröffnet eine
Chance für weitere Fortschritte.
Es besteht immer noch eine Bedrohung für die Demokratie, und unsere nationalen Sicherheitsinteressen sind weiterhin sehr groß.
Deshalb ist es umso wichtiger,
daß wir zur Durchführung dieser

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�Vereinbarung einen
trag leisten.

soliden

Bei-

- Die bis heute erzielten Fortschritte wurden erreicht, weil
die Diplomatie auf stärke beruhte.
Heute steht sie an vorderster Front. Wenn wir jedoch weiterhin Fortschritte machen wollen, dann ist es wichtig, den
Druck und die Anreize, die uns
überhaupt erst so weit gebracht
haben, aufrecht zu erhalten.

Fortschritte in Mittelamerika
Manchmal frage ich mich, wieviele
Menschen sich noch daran erinnern,
daß in den Jahren 1980/81 die meisten
Experten der Meinung waren, es sei zu
spät, um die Gewalt in El Salvador
und den Aufruhr in Nicaragua zu beenden. Die Sowjetunion und Kuba zogen
direkten Nutzen aus diesen, unseren
Gestaden so nahen Konflikten.
Meinungen wurden laut, die Vereinigten
Staaten
könnten
letztlich vor die
Wahl gestellt werden, entweder Truppen einzusetzen, um den Kommunismus
in Mittelamerika zu stoppen - oder
die Sowjetunion nach und nach zur beherrschenden
Macht zwischen Panama
und Mexiko werden zu lassen.
Diese Geschichte
und Gegenbehauptungen
hörungen vor diesem
send dokumentiert.
damals gedacht wurde
stehen.

von Behauptungen
ist mit den AnAusschuß umfasSie zeigt, wie
und wo wir heute

Der Präsident verstand, der Kommunismus könne Mittelamerika genauso
wenig Freiheit oder Wohlstand bringen, wie er dies in Kuba vermochte.
Deshalb beschloß er, die Mittelamerikaner zu unterstützen, die willens
waren, für Demokratie und Menschenwürde zu arbeiten und, falls nötig,
- 2

zu kämpfen.
Durch unsere Unterstützung der Bemühungen
Mittelamerikas
zur Erlangung von Freiheit und Wohlstand würden wir auch unsere eigene
Sicherheit schützen.
Diese Entscheidung war der erste
Schritt, um das Steuer in Mittelamerika herumzuwerfen.
Ein Land nach
dem anderen erlebte zu Beginn dieses
Jahrzehnts eine bemerkenswerte Erholung aus fast katastrophalen Verhältnissen.
Heute bieten
demokratisch
gewählte Regierungen in El Salvador,
Honduras und unlängst in Guatemala
ihren Bürgern die Aussicht auf eine
bessere Zukunft. Costa Rica genießt
weiterhin Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, wie dies schon seit Jahrzehnten der Fall ist.
Wir können auf die Rolle unseres
Landes bei diesen Fortschritten stolz
sein. Und ich meine genau dies: Die
Amerikaner insgesamt, Demokraten und
Republikaner, können stolz auf die
Beiträge unseres Landes sein. Unsere
Strategie bestand darin, Reformen und
Freiheit zu unterstützen, sie genoß
bedeutende überparteiliche Unterstützung, und sie hat funktioniert.
Denken Sie an das, was in El Salvador
geschehen
ist:
Konfrontiert
mit der Guerrilla-Offensive des Jahres 1981 hat diese Administration die
amerikanische Militärhilfe erhöht
aber wir haben ebenso die amerikanische Unterstützung für die Initiativen der Carter-Administration zur
Förderung der Landreform und der Menschenrechte fortgeführt.
Wir haben
Entwicklung,
Demokratie,
Diplomatie
und Verteidigung als Teile eines zusammenhängenden
Ganzen
unterstützt.
Viele Probleme bleiben bestehen, aber
heute wissen die salvadoranischen Demokraten, daß sie auf die politische
und materielle Unterstützung der Vereinigten Staaten zählen können.

�Die
Nationale
Überparteiliche
Kommission hat dieses umfassende Konzept für ganz Mittelamerika weiterentwickelt.
In den letzten Jahren
haben überparteiliche Mehrheiten im
Kongreß konsequent die erhöhten Mittel bewilligt, die für das Funktionieren dieser demokratischen Entwicklung unabdingbar waren.

Hinter den Friedensmaßnahmen
Vor
diesem allgemeinen Hintergrund haben drei Entwicklungen eine
bedeutende Chance für den Frieden
hervorgebracht.

Während die Vereinigten Staaten
und ihre Nachbarn ihre Zusammenarbeit
für die Demokratie aufnahmen, wurde
es zunehmend augenfällig, daß Nicaragua an einer Zusammenarbeit nicht interessiert war. Der Grund war damals
derselbe wie heute:
Die kommunistischen Sandinisten bilden bei diesem
demokratischen Trend eine eklatante
Ausnahme.
Als Somoza im Jahr 1979 floh,
wurde in intensiven Verhandlungen unter Mitwirkung der OAS eine Koalitionsregierung gebildet, die der Demokratie verpflichtet war. Aber die
Demokraten Nicaraguas sahen sich bald
einer neuen Diktatur ausgesetzt, die
dieses Mal von einer bewaffneten kommunistischen
Minderheit
gesteuert
wurde. Heute ist die Hilfe des Ostblocks an die nicaraguanischen Kommunisten höher als die gesamte amerikanische Hilfe an ganz Mittelamerika
und zehn mal so hoch, wie die amerikanische
Hilfe an
den
nicaraguanischen Widerstand.
Die Geschichte verzeichnet also
Fortschritte wie auch anhaltende Gefahr. Die mittelamerikanischen Demokratien haben an Zusammenhalt und
Entschlossenheit
zugenommen.
Aber
Nicaragua bleibt ein Hindernis für
die Einheit Mittelamerikas, ein Hemmschuh für die regionale Entwicklung
und ein Mittel, um die Rivalität zwischen Ost und West auf das amerikanische Festland zu tragen.
- 3 -

- Die erste besteht im Erfolg der
demokratischen Kräfte des nicaraguanischen
Widerstandes.
Seit
Januar sind sie durch ihre verbesserte militärische Leistungsfähigkeit zu einer ernsten Herausforderung für die Kommunisten
geworden. Im Mai wurde durch ihre erweiterte politische Führung
bestätigt, daß sie eine Kraft für
wahre
Demokratie
in
Nicaragua
sind.
- Die zweite ist der Wright-ReaganFriedensplan.
Am
5.
August
stellten Präsident Reagan und der
Sprecher des Repräsentantenhauses
Wright
klar, die
grundlegenden
amerikanischen
Sicherheitsziele
in Mittelamerika seien keine Angelegenheit parteilicher Auseinandersetzungen.
Sie
stimmten
überein, daß die amerikanischen
Interessen ein demokratisches Nicaragua erfordern, das keine militärische Bedrohung seiner Nachbarn oder eine Basis für sowjetische und kubanische Aktivitäten
darstellt, die der Sicherheit unseres Landes abträglich sind.
- Die dritte ist die Vereinbarung
von Guatemala. Am 7. August trafen sich die Präsidenten Arias
von Costa Rica, Azcona von Honduras, Cerezo von Guatemala und
Duarte von El Salvador mit Nicaraguas Präsident Ortega in Guatemala,
um
über
ein
regionales
Friedensabkommen
zu
sprechen.
Gedrängt durch den Konsens unter
seinen Nachbarn und die Realitäten der
sich
verschlechternden

�inneren Lage Nicaraguas unterzeichnete Ortega zusammen mit den
demokratischen Präsidenten.

Die Vereinbarung von Guatemala
Die Vereinbarung
von Guatemala
verleiht einer auf Freiheit gegründeten Vision regionalen Friedens Ausdruck. Diese Vision hängt entscheidend von der gleichzeitigen Durchführung einer Reihe gegenseitiger Verpflichtungen ab.
Wie Präsident Reagan am 7. Oktober vor der OAS sagte, ist "Demokratie die Grundlinie" dieser Verpflichtungen.
Die Vereinbarung von Guatemala verpflichtet
die fünf Unterzeichnerstaaten Mittelamerikas, einschließlich Nicaraguas, innerhalb von
90 Tagen nach der Unterzeichnung, also bis zum 7. November, zur Demokratisierung.
Ihr zufolge muß Demokratisierung
vollständige
Pressefreiheit, vollständigen politischen Pluralismus und die Aufhebung jedweder
Ausnahmezustände enthalten.
Jede Regierung muß gleichermaßen
alle notwendigen Schritte zur Erlangung
eines
wirksam
ausgehandelten
Waffenstillstands und des Prozesses
der nationalen Aussöhnung unternehmen.
Jede Regierung muß ein Amnestiegesetz erlassen, das sich auf bewaffnete und unbewaffnete politische
Oppositionsgruppen erstreckt.
Die
Unterzeichner
verpflichten
sich, die Nutzung ihres nationalen
Territoriums zur militärischen Versorgung von Streitkräften zu verweigern, die andere Regierungen zu destabilisieren trachten.
Die Unterstützung irregulärer Truppen ist zu
beenden, mit Ausnahme der für die Umsiedlung der Kombattanten und die
freiwillige Rückführung von Flüchlin-

gen erforderlichen Hilfsleistungen.
Die Einhaltung der Vereinbarung
ist von einer internationalen Kommission zu überprüfen (die aus den Generalsekretären der Organisation Amerikanischer Staaten und der Vereinten
Nationen sowie den Außenministern der
fünf
Mittelamerikanischen
Nationen
und den acht Nationen der CONTADORAund der Unterstützungsgruppe zusammengesetzt ist). Die endgültige Entscheidung bleibt jedoch Mittelamerika
selbst vorbehalten.
Die im Friedensplan festgelegten
Schlüsseldaten sind der 7. November
1987, an dem der Demokratisierungsprozeß und die Feuereinstellung vollständig in Kraft treten sollen und
der 7. Januar 1988, an dem deren Ergebnisse ausgewertet werden sollen.
Die Vereinbarung
von Guatemala
besteht nicht aus einer Reihe isolierter unilateraler Verpflichtungen,
sondern ist vielmehr ein Regionalplan
mit überlappenden und sich gegenseitig verstärkenden bindenden Zusagen.
Um zu gewährleisten, daß deren Anwendung sich nicht einseitig vollzieht,
sind diese Verpflichtungen von allen
Vertragsparteien gleichzeitig durchzuführen.
Wenn ein Teil scheitert,
bricht die gesamte Struktur zusammen.
Wenn kein Waffenstillstand ausgehandelt und keine umfassende Amnestie
erlassen wird, bleiben alle anderen
Maßnahmen in der Schwebe. Wenn der
Plan erfolgreich verwirklicht werden
soll müssen wir sicher sein, daß für
die komplexen Prozesse der Demokratisierung und der nationalen Aussöhnung
feste aber durchführbare
Kriterien
bestehen, die Fortschrittsbestrebungen zeitlich ernsthaft begrenzt werden und das Bewußtsein für die Kosten
eines Scheiterns der Vereinbarung geschärft wird.

�Mit anderen Worten, die Vereinbarung von Guatemala ist ein sehr ehrgeiziges Dokument.
Ihr Erfolg ist
nicht
von
vorneherein
garantiert.
Aber sie ist ein kühner Schritt in
die richtige Richtung.

Diplomatische Bemühungen der Vereinigten Staaten
Können
die Vereinigten
Staaten
zur Verwirklichung der Vereinbarung
von Guatemala beitragen? Die Antwort
darauf ist, daß es zweifelsohne in
unserem
Interesse
liegt, zumindest
den Versuch zu unternehmen. Wir werden und müssen diese Vereinbarung in
vollem Umfang und mit aller Kraft unterstützen.
Als Demokratien haben wir und die
freien
Nationen
Mittelamerikas
gleichgerichtete
SicherheitSinteressen. Gemeinsam sehen wir uns der Bedrohung des Kommunismus auf dem Kontinent ausgesetzt.
Die Vereinbarung
von Guatemala behandelt diese strategischen Sicherheitsbelange nicht ausdrücklich.
Aber wir dürfen nicht
vergessen, daß das
nicaraguanische
Regime von der Sowjetunion bewaffnet
wird, daß seine Sicherheit im Inland
von
Tausenden militärischer, nachrichtendienstlicher und polizeilicher
Berater aus Kuba und den Ostblockstaaten abhängt und Nicaragua nur 900
Meilen von unserer südlichen Grenze
und 300 Meilen vom Panamakanal entfernt liegt.
Die sowjetischen und
kubanischen
militärischen
Verflechtungen mit Nicaragua - militärische
Einrichtungen, Berater, Hilfsleistungen, Entwicklungsstand der Waffen sind Themen von vordringlichem und
direktem Interesse für uns, und sie
müssen bewältigt werden.
Politische Demokratie in Nicarague würde unsere Besorgnis fast gänz-

lich ausräumen, da keine wirklich demokratische Regierung ihre Nachbarn
angreifen oder die militärische Nutzung ihres Territoriums durch die Sowjetunion gestatten würde. Wir können jedoch unsere strategischen Interessen nicht in der bloßen Hoffnung
aufs Spiel setzen, daß sich in Nicaragua ein positiver innenpolitischer
Wandel vollziehen wird.
Es liegt in
unserer Verantwortung, sicherzustellen, daß der Wright-Reagan-Friedensplan und die Vereinbarung von Guatemala verwirklicht werden, daß die sowjetische oder kubanische Militärpräsenz in Nicaragua abgebaut wird und
Nicaragua
keine
militärische
oder
subversive Bedrohung für seine Nachbarn oder die Region darstellt.
Zur Unterstützung der Vereinbarung von Guatemala und des WrightReagan-Plans haben wir unsere diplomatischen Konsultationen in Mittelamerika intensiviert.
Der Präsident
hat Botschafter Morris Busby, einen
herausragendeden
Karierrediplomaten
im Auswärtigen Dienst zum Sondergesandten für die Region ernannt.
In
Zusammenarbeit mit dem Staatssekretär
für Inneramerikanische Angelegenheiten, Elliot Abrams, steht er in ständigem Kontakt mit den Hauptbeteiligten dieser Verhandlungen.
Zur Gewährleistung
der
in der
Vereinbarung
geforderten
demokratischen Reformen haben wir ferner eine Reihe diplomatischer Verbindungen
in Lateinamerika und Europa geknüpft.
Ich bin bei der Vollversammlung der
Vereinten Nationen mit meinen Kollegen aus Lateinamerika zusammengekommen.
In den kommenden Wochen sind
mehrere hochrangige bilaterale Besuche vorgesehen.
Die Generalversammlung der Organisation Amerikanischer
Staaten wird im nächsten Monat tagen.
Und wenn die Zeit gekommen ist, werden sie auch mich in Mittelamerika

- 5 -

�und als er sich weigerte, zu gehen, wurde er inhaftiert.

sehen.

Überwachung des Demokratisierungsprozesses

- Vor zwei Sonntagen, am 27. September 1987, wurden 18 meist jugendliche Mitglieder der Christlich-Sozialen Partei von der regimetreuen Polizei auf dem Weg zu
einer Feier anläßlich des Jahrestages der Parteigründung verhaftet.
Die Polizei erklärte, sie
seien wegen "Umgehung des Militärdienstes"
in
Haft
genommen
worden, aber der ehemalige Präsident von Venezuela, Luis Herrera,
bezeichnete es als einen "offenkundigen Akt politischer Verfolgung".

Die Sandinisten tragen die Verantwortung für die rapide Ausbreitung
des bewaffneten Widerstands, da sie
dem nicaraguanischen Volk nicht gestatteten, in Frieden zu leben. Dies
ist das Kernstück der Realität, die
es zu verändern gilt. Wenn es Frieden und Demokratie in Nicaragua und
regionale Stabilität und Ruhe in Mittelamerika geben soll, müssen alle
Nicaraguaner
in politischer, wirtschaftlicher und religiöser Freiheit
leben können.
Daß eine Umkehrung dieser Größenordnung ohne Kampf stattfindet, ist
unwahrscheinlich.
Das Regime in Nicaragua hat keinerlei Verständnis dafür gezeigt, daß Proteste und aktive
politische Organisierung und Mitgliederwerbung normale Bestandteile dessen sind, was eine Demokratie ausmacht.
Diejenigen, die sich in Nicaragua für die Demokratie einsetzen,
gehen damit ein persönliches Risiko
ein, wie der nachfolgenden Chronologie von Ereignissen entnommen werden
kann.
- Am 15. August 1987, nur acht Tage
nach der Unterzeichnung der Vereinbarung
von Guatemala, löste
die Polizei des Ortega Regimes
einen friedlichen Marsch in Managua auf.
Dr. Alberto Saborio,
Präsident
der
nicaraguanischen
Anwaltskammer wurde verhaftet und
mißhandelt, weil er gegen den
Einsatz von Polizeihunden gegen
die Marschierer protestiert hatte. Dr. Lino Hernandez, dem Leiter
der unabhängigen Menschenrechtskommission wurde ein Viehtreiberstock in den Magen gerammt

- Und dann dürfen wir das Erbe der
Vergangenheit
nicht
vergessen.
Im Juni 1985 wurde der Generalsekretär der Sozialdemokratischen
Jugendorganisation eines absurden
Vergehens bezichtigt:
Er allein
habe gleichzeitig 16 Männer der
Polizei
Ortegas
angegriffen.
Nach
seiner Verurteilung
durch
ein politisches Gericht befindet
er sich zur Verbüßung einer dreijährigen Haftstrafe immer noch im
Gefängnis.
Das Risiko der Verfolgung und
noch schlimmerer Verbrechen ist nicht
auf aktive Politiker beschränkt. Ich
möchte nur zwei von all denen nennen,
die es gewagt haben, eine führende
Rolle bei der Unterstützung der Vereinbarung von Guatemala zu übernehmen:

- 6 -

- Pablo Antonio Cuadra, im Jahr
1912 in Managua geboren, ist seit
mehr als 50 Jahren einer der führenden
Dichter
Nicaraguas
und
spielt seit 30 Jahren eine Rolle
als Förderer
jüngerer Schriftsteller.
Unter Somoza wurde er
zweimal in Haft genommen.

�viel Tamtam wieder in den Äther
ging. Sein Sender ist jedoch in
solch einem schlechten zustand,
daß der Ton fast überall in Managua nicht gehört werden konnte,
ganz zu schweigen vom übrigen
Land.

- Bismarck Carballo ist ein 1950 in
der Provinz Masaya geborener nicaraguanischer
Priester,
der
Sprecher der Erzdiözese von Managua war und zum ersten Mal an die
Öffentlichkeit trat, als er von
der Entscheidung der Bischofskonferenz las, Angehörige einer proSomoza Kundgebung im Jahr 1977 zu
exkommunizieren.

- Oder sie kann auch in Form eines
falschen Eindrucks von Offenheit
auftreten. Wieviel Wahrheit enthält die Überschrift "Regierung
läßt politische Häftlinge frei",
wenn die Regierung, wie im heutigen Nicaragua, noch immer neunoder zehntausend politische Gefangene
festhält?
Und
welche
Auswirkungen hat dies auf die Demokratie, wenn die Regierung immer noch das Recht für sich in
Anspruch nimmt, sie willkürlich
wieder gefangen zu nehmen?

Das
Ortega-Regime
verweigerte
diesen beiden Männenr ihre Stimme in
der Öffentlichkeit:
Cuadra, als La
Prensa, deren Mitherausgeber er war,
geschlossen wurde: und Carballo, als
er öffentlich diskredidiert und gezwungen wurde, mehr als ein Jahr im
Exil zu leben.
Seit dem 1. Oktober 1987 schreibt
Cuadra wieder - beflügelt von dem
neuerwachten Geist der Freiheit, die
er für sein geliebtes Nicaragua erhofft.
Auch Carballo ist zurück und
leitet Radio Catolica.
Daß diesen
beiden Männern nun die Freiheit gewährt worden ist, zu publizieren und
zu
senden
ist
ein
entschiedener
Schritt nach vorne.
Einzelne Schritte wie diese sind
jedoch leicht rückgängig zu machen,
besonders in einem totalitären System, in dem Gewalt viele Formen annimmt:
Sie kann in der Form auftreten,
daß die Anführer einer Organisation in Freiheit belassen, aber
ihre Anhänger inhaftiert werden.
Wie im Falle der Unabhängigen Liberalen Partei, deren Hauptanführer frei, 200 der aktiven Parteimitglieder aber im Gefängnis sind.
- Sie kann in Form der verdeckten
Zensur auftreten. Wie es mit Radio Catolica geschehen ist, das
am 2. Oktober 1987 mittags mit

Das Verhalten des Ortega-Regimes
bei der Erfüllung seiner Verpflichtung zur Freiheit
kann nicht nur
daran gemessen werden, was mit einigen wenigen geschieht, unabhängig davon, wie prominent sie sind.
Die
Einhaltung der Verpflichtungen muß an
der
Rückkehr
18
ausgewiesener
Priester
gemessen werden und zwar
nicht
nur
der
bekanntesten,
wie
Carballo; an der Freilassung aller
der Tausenden Nicaraguaner, die aus
politischen Gründen inhaftiert sind,
nicht nur Hernandez und saborio. Bis
dies geschieht, steht das Regime in
Nicaragua nur an zweiter Stelle hinter Kuba, was Niederträchtigkeit und
die Verweigerung der Freiheit für
seine Bürger anbetrifft.
in der Tat
befinden sich, abgesehen von Kuba, in
Nicaragua mehr
Menschen aus politischen Gründen im Gefängnis als in
allen anderen Ländern der westlichen
Hemisphäre zusammengenommen.
Wenn die Bereitschaft des OrtegaRegimes ernst gemeint ist, muß sie an

- 7 -

�der Abschaffung jeglicher Zensur und
jeglichen auf Radio, Fernsehen und
gedruckte Medien ausgeübten versteckten Drucks, nicht nur bei der bekannten Zeitung
La Prensa
und
Radio
Catolica, gemessen werden. Es reicht
nicht aus, das Recht auf Widerspruch
den Buchstaben nach zu bestätigen:
das Regime muß auch die Störung von
Radiosendungen beenden, neue Lizenzen
an Radiostationen und Zeitungen vergeben, die darum ersuchen und den Erwerb oder Import von Druckmaschinen,
Papier, Druckerschwärze und anderen
zur Ausübung der Meinungsfreiheit unerläßlichen Materialien erlauben.
In der
Vergangenheit
hat
das
Ortega-Regime all diese grundlegenden
Notwendigkeiten
des
demokratischen
Lebens durch anhaltende Unterdrückung
in Gestalt von Legalismus und Bürokratie direkt oder indirekt verweigert.
Das Risiko besteht nunmehr
darin, daß das Regime diese verstekkte Kontrolle dazu benutzt, die Unklarheiten im Zeitplan für den Frieden, im amerikanischen Haushalt und
im Sitzungskalender
des Kongresses
auszunutzen, in dem Versuch, den Widerstand
zu vernichten, ohne eine
echte Hinwendung zur Demokratie in
Nicaragua zuzulassen.

Nationale Aussöhnung
Der entscheidende Prüfstein der
Vereinbarung von Guatemala wird daher
in der Bereitschaft des Ortega-Regimes bestehen, den Widerstand und die
politischen
Oppositionsparteien
in
einen Dialog einzubeziehen, der zu
einer unumstößlichen politischen Öffnung führt, die nicht willkürlich zunichte gemacht werden kann.
Die Vereinbarung
von Guatemala
ist vernünftigerweise von der Erkenntnis getragen, daß zwei Voraus-

setzungen erfüllt werden müssen, um
die Kämpfe zu beenden und bewaffnete
Gegner in friedliche politische Rivalen zu verwandeln: ein ausgehandelter
Waffenstillstand und eine vollständige Amnestie. Beides gemeinsam garantiert den Rebellen garantiert, daß
sie in ihre Heimat zurückkehren und
am demokratischen politischen Leben
ihrer Länder teilnehmen können. Aus
diesem Grund forderte La Prensa in
einem am Tag ihres Wiedererscheinens
(1. Oktober) veröffentlichten Leitartikel eine
"vollständige Amnestie,
Aussöhnung durch einen Dialog mit den
bewaffneten
Rebellen
und
uneingeschränkte Aufhebung des Ausnahmezustands,
der
seit
1982
im
Lande
herrscht".
Um der Vereinbarung von Guatemala
Folge zu leisten, haben Präsident
Duarte und Präsident Cerezo direkte
Verhandlungen mit den Führern der Rebellen in deren Ländern aufgenommen.
Die in dieser Woche in Spanien stattfindenden Gespräche sind seit Jahren
die ersten offiziellen Kontakte zwischen der Regierung Guatemalas und
den Rebellen. in El Salvador hat die
Regierung gemeinsam mit den Guerillas
zwei gemischte Kommissionen gebildet.
In einer von ihnen soll der Waffenstillstand
ausgehandelt werden, in
der anderen wird über Anmestie und
nationale Aussöhnung diskutiert.
Am vergangenen Dienstag erklärte
Präsident Duarte nach einem persönlichen zusammentreffen mit den Führern der salvadorianischen Guerilla,
ein zentraler Gedanke der Vereinbarung von Guatemala bestehe darin, daß
die Länder Mittelamerikas ihre Meinungsverschiedenheiten
unter
sich
beilegen.
"Wir Salvadorianer dürfen
nicht als Entschuldigung für fehlende
Gespräche mit den Rebellen in El Salvador anführen, es sei besser, mit
Kuba oder der Sowjetunion zu verhan-

�Macht zur Unterstützung der
Diplomatie

dein", stellte er fest.
Präsident Duarte erklärte weiter,
"darüber hinaus sollte Nicaragua keine Entschuldigungen der Art vorbringen, das Land werde nur mit den Vereinigten Staaten verhandeln und nicht
mit den nicaraguanischen Rebellen,
die in Nicaragua kämpfen... Die Entscheidung liegt nicht bei den Vereinigten Staaten... Die Nicaraguaner
müssen
die
Entscheidung
treffen.
Deshalb
fordere
ich
(Präsident
Ortega) auf, einen Dialog mit allen
Nicaraguanern aufzunehmen".
Wenn Präsident Ortega bereit ist,
die Vereinbarung von Guatemala sowohl
mit Worten als auch mit Taten zu verwirklichen, sollte er eine vollständige Anmestie gewähren; er sollte direkt mit der Widerstandsbewegung einen Waffenstillstand aushandeln; und
er sollte mit seinen Politikern vertrauensbildende Maßnahmen entwerfen,
damit
der
Waffenstillstand
einer
vollständigen und friedlichen politischen Wiedereingliederung des Widerstands in ein freies Nicaragua den
Weg bahnen kann.
Die Vereinbarung
von Guatemala
fordert
Waffenstillstand,
Amnestie
und
Demokratie
als
gleichzeitig
durchzuführende Maßnahmen.
In einfachen Worten bedeutet dieser komplizierte Prozeß, daß
Kugeln
eingetauscht werden, aber nur gegen verbriefte politische Rechte und Wahlen.
Wenn die Regierung Ortega es dem Widerstand nicht ermöglicht, auf offenem Wege nach Nicaragua zurückzukehren und sich frei zur Teilnahme an
der Politik zusammenzuschließen, dann
bedeuten
gleichzeitig
anzuwendende
Maßnahmen auch, daß Nicaraguas Nachbarn nicht verpflichtet sind, dem Widerstand militärische und politische
Unterstützungsaktivitäten
in
ihren
Ländern zu verweigern.

Vor weniger als einem Jahr bewilligte der
Kongreß dem
nicaraguanischen Widerstand 100 Millionen Dollar an Hilfsleistungen.
Durch vorsichtige und wohlüberlegte Verwendung
dieser Gelder - unter Aufsicht des
Kongresses und insbesondere der beiden Geheimdienstausschüsse - hat die
Widerstandsbewegung
erhebliche
Vorteile erlangt.
ihre Kampfeinheiten
sind in der Lage, auf der gesamten
nicaraguanischen Landfläche zu operieren. Sie haben die Verwundbarkeit
dieses
angeschlagenen
Regimes
und
seiner modernen sowjetischen Ausrüstung demonstriert.
Die öffentliche
Unterstützung ist für die Guerillas
in manchen Gebieten so groß, daß das
Regime ganze Dörfer gewaltsam umgesiedelt hat, um sie an der Unterstützung der Widerstandsbewegung zu hindern.
Der Widerstand hat die Vereinbarung von Guatemala begrüßt und ist
bereit, einen Waffenstillstand auszuhandeln.
Das Ortega-Regime hat sich
bis
jetzt
geweigert
und
versucht
statt dessen, die Kämpfer mit ihren
politischen
Führern
zu
entzweien.
Wenn
der
Waffenstillstand
Wirkung
zeigen soll, kann er nicht einfach
ausgerufen
werden;
die
Kämpfenden
selbst müssen sich über die Bedingungen einigen.
Aber die Regierung Ortega stellt
nicht das einzige Hindernis für eine
wirksame Durchführung der Vereinbarung von Guatemala dar. Der Zeitplan
ist ein weiteres Problem.
Die Vereinbarung
fordert die Durchführung
des Waffenstillstandes und der Regelungen für den Demokratisierungsprozeß im November, die Auswertung der
Ergebnisse soll hingegen erst im kommenden Januar erfolgen. Wenn der Wi-

- 9 -

�derstand keine neuen Gelder erhält,
wird dieser Zeitplan zugunsten der
Kommunisten
arbeiten.
Irgendwann
wird sich die Widerstandsbewegung einem modernen sowjetischen Waffenarsenal und kubanischen Beratern gegenübersehen und gleichzeitig seine Ressourcen erschöpft haben.
Wenn dies
geschieht, werden die von den Sowjets
weiterhin in wachsender Zahl gelieferten Kampfhubschrauber, Raketenwerfer, Langstreckenartillerie und Minen
die Hoffnung auf Demokratie zerstören
und den Kommunisten einen militärischen Sieg sichern.
Deshalb sind fortdauernde Hilfsleistungen an die
Freiheitskämpfer
der
Schlüssel
zur
Demokratisierung
und vollständigen Verwirklichung der
Vereinbarung von Guatemala.
Unsere
Unterstützung der Widerstandsbewegung
hat die Vereinbarung erst möglich gemacht.
Ihre weitere Verfügbarkeit
dieser Mittel ist ebenso unerläßlich,
um sicherzustellen, daß die Vereinbarung von Guatemala auf eine Art und
Weise durchgeführt wird, die einen
ausgehandelten
Waffenstillstand
und
eine Hinwendung zur Demokratie in Nicaragua sichert.
Aus diesen Grunde wird der Präsident vor dem Erntedankfest eine Abstimmung über zusätzliche Hilfsleistungen für die Widerstandsbewegung
fordern. Diese Hilfe, die über einen
Zeitraum von 18 Monaten hinweg gewährt und 270 Millinonn Dollar betragen soll, ist zur Unterstützung des
Abkommens und zur Sicherung seiner
Dauerhaftigkeit notwendig.
Wie der
Präsident am 7. Oktober vor der OAS
erklärte, wird "diese Hilfe fortgeführt, bis die Sandinisten in Verhandlungen mit den Freiheitskämpfern
eine Übereinkunft für einen Waffenstillstand erzielen und in Nicaragua
echte Demokratie
hergestellt ist".
Die Form unserer Hilfe wird aus-

schließlich von den Ereignissen bei
der Durchführung der Vereinbarung abhängen. Wenn die Vereinbarung erwartungsgemäß funktioniert, wird sie auf
die
friedliche
Wiedereingliederung
des Widerstands in ein freies Nicaragua abzielen; wenn nicht, wird sie
die Fortdauer des Kampfes für die
Freiheit bis zu seinem Erfolg fortzuführen.

Zusammenfassung
Die Vereinigten Staaten haben es
in der Vergangenheit allzu häufig
versäumt, sich mit den Hoffnungen der
Menschen in Mittelamerika auf Freiheit und ein besseres Leben zu identifizieren.
Allzu häufig schien unsere Regierung gleichgültig, wenn demokratische Werte auf dem Spiel standen.
Jetzt ist ein Prozeß gegenseitiger Maßnahmen in Gang gesetzt worden,
der das Ortega-Regime zu einem tiefgreifenden sozialen und politischen
Wandel
in
Nicaragua
verpflichtet.
Wir wissen jedoch noch nicht, ob Erwartungen realistisch sind, daß sich
dieser Wandel vollzieht.
Aber wir
werden ganz entschieden unseren Teil
dazu betragen.
Wir müssen zweifeln
und Unsicherheit an der Fähigkeit und
dem Engagement der Vereinigten Staaten ein Ende machen, die durch die
wiederkehrende Folge wechselnder politischer
Entscheidungen
und durch
zögerliche und uneinige Debatten noch
verschärft werden.
Es liegt nicht in unserem nationalen
Interesse,
aufgrund
einer
bloßen Hoffnung oder Vermutung dem
durch eine glaubwürdige Widerstandsbewegung auf die Regierung Ortega
ausgeübten Druck ein Ende zu bereiten.
Es wäre unverantwortlich, der
Demokratisierung in Nicaragua Tür und

- 10 -

�Tor zu öffnen und dann zuzulassen,
daß diese wieder zugeschlagen werden.
Wir können Nicaragua nicht ohne die
notwendigen Mittel für einen friedlichen politischen Kampf gegen seine
kommunistischen Gegner überlassen.
Wenn in Nicaragua eine Demokratisierung stattfindet, so deshalb, weil
tapfere Nicaraguaner es wagten, sich
der Sache der Freiheit zu verpflichten.
Wir haben ihre Sache unterstützt; sie ist auch zu unserer Sache
geworden. Wenn das Regime in Nicaragua seinen Verpflichtungen im Hinblick auf eine Demokratisierung nicht
in gutem Glauben nachkommt, müssen
wir sicherstellen, daß unsere Freunde
sich selbst überlassen bleiben. Unsere
anhaltende
Unterstützung
ist
notwendig, wenn Diplomatie Erfolg haben soll.
Deshalb sollten wir über alle
Parteigrenzen hinaus die vollständige
Durchführung
der
Vereinbarung
von
Guatemala fordern, und wir sollten
tun, was wir tun müssen, um die existentiellen Interessen in dieser Region zu schützen.
Laßt uns nach
Frieden und Freiheit streben, und wir
wollen denen, die dafür in Nicaragua
kämpfen, unsere anhaltende Unterstützung gewähren, bis ihr Kampf zu Ende
ist. Wir wollen unsere Macht hi ter
die Diplomatie der Demokratie in Nicaragua stellen, damit unsere Sicherheitsinteressen
und unsere moralischen und politischen Zielsetzungen
sich in diesem Resultat vereinigen.

* * * * *

- 11 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

37

21. Oktober 1987

ROWNY:

SDI "KEIN VERHANDLUNGSGEGENSTAND"

Rede vor Ehemaligen des National War College

COLORADO SPRINGS - (AD) - Dem amerikanischen Berater für Rüstungskontrollfragen, Edward Rowny, zufolge können Fortschritte bei der Reduzierung offensiver Atomwaffen erzielt werden, "sobald die Sowjets einsehen, daß die Bestrebungen der Freien Welt zum Schutz vor einem Angriff mit ballistischen Raketen
kein 'Verhandlungsgegenstand' sind".
Vor ehemaligen Studenten des National
War College in Colorado Springs erklärte Rowny am 16. Oktober 1987, der sowjetische Außenminister Schewardnadse habe unlängst vorgeschlagen, den ABM-Vertrag strikt einzuhalten. "Dies würde tatsächlich bedeuten, daß wir SDI aufgrund jeglicher von den Sowjets gewählten Interpretation des ABM-Vertrages begrenzen müßten."
Nachfolgend bringen wir Rownys Äußerungen im Wortlaut:
Während das Treffen zwischen den
Außenministern
Shultz
und
Schewardnadse in der kommenden Woche
immer näher rückt bietet sich dieser
Zeitpunkt an, um eine Bestandsaufnahme des Erreichten und noch zu Erreichenden in der Rüstungskontrolle vorzunehmen. Meiner Meinung nach haben
wir mit harter Arbeit bereits viel
erreicht.

ersten Mal eine ganze Kategorie von
Atomwaffen nicht nur begrenzen, sondern wirklich beseitigen würde. Nach
seiner Fertigstellung wird dieses Abkommen eine bedeutende politische und
diplomatische Errungenschaft darstellen, wenn wir seine Endphase mit den
gleichen realistischen Leitprinzipien
angehen, die uns zu dem derzeitigen
Stand geführt haben.

Durch amerikanische Entschlossenheit, unterstützt von der Solidarität
der Verbündeten, ist ein INF-Abkommen
in greifbare Nähe gerückt, das zum

Auf dem Weg zur Fertigstellung
eines INF-Abkommens können wir uns
auf beide Enden der Rüstungskontrollskala konzentrieren.
Selbst während

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�wir noch an einem INF-Abkommen arbeiten, müssen wir unsere Bemühungen zur
Beseitigung des konventionellen Ungleichgewichts verdoppeln.
Außerdem
genießen
erhebliche
Verringerungen
der strategischen Offensivwaffen weiterhin unsere höchste Priorität.

Verstärkte Aufmerksamkeit für konventionelles Ungleichgewicht
Das
konventionelle
Ungleichgewicht bildet weiterhin eine wichtige
Quelle der militärischen Instabilität
zwischen Ost und West. In Mitteleuropa haben die Sowjets 30 Divisionen
in vorgeschobenen Stellungen stationiert, die mit Panzern, Artillerie
und gepanzerten Fahrzeugen für offensive
Operationen
vorgesehen
sind.
Das konventionelle Ungleichgewicht in
Europa leitet sich nicht allein von
großen
quantitativen
Vorteilen
in
Schlüsselbereichen der Kampffähigkeit
der Sowjets und des Warschauer Pakts
her,
sondern
ebenso
von
geographischen Asymmetrien; die Streitkräfte des Warschauer Pakts können
leicht durch Truppen aus der Sowjetunion verstärkt werden.
Die
massive
Aufrüstung
der
Streitkräfte der Sowjetunion und des
Warschauer Pakts, durch die Westeuropa bedroht wird, läßt sich weder
durch politische noch durch militärische Gründe rechtfertigen. Die Sowjets behaupten, daß zwischen Ost und
West
ein
stabiles
konventionelles
Gleichgewicht herrscht.
In besonderen Gebieten und bei bestimmten Waffensystemen
genießt der Warschauer
Pakt jedoch eine Überlegenheit von
bis zu 3:1 gegenüber den konventionellen Streitkräften des Westens.
Keine Handlung der Sowjets könnte
eine skeptische Welt mehr von einer
Xnderung
der
sowjetischen
strate-

gischen ziele überzeugen als erhebliche Reduzierungen dieser massiven
Streitkräfte und ernsthafte Bemühungen der Sowjets, auf unsere Besorgnisse bezüglich der konventionellen
Stabilität einzugehen.
Im Bemühen um konstruktive Verhandlungen
über
konventionelle
Streitkräfte hat die NATO vor kurzem
die Einrichtung zweier Verhandlungen
ausschließlich
über
konventionelle
Sicherheit gefordert, die im Rahmen
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa
stattfinden
sollen.
Eine dieser Verhandlungen,
an der alle 35 KSZE-Teilnehmerstaaten
beteiligt sein sollen, würde die Arbeit der Stockholmer Konferenz über
sicherheits- und
vertrauensbildende
Maßnahmen
fortsetzen.
Die andere,
auf die 23 Mitgliedsstaaten von NATO
und Warschauer Pakt begrenzte, würde
die Schaffung eines stabileren konventionellen Gleichgewichts zwischen
den beiden Bündnissystemen zum Ziel
haben. Sie würde die Beendigung destabilisierender
militärischer
Ungleichgewichte sowie die Verringerung
der Fähigkeit zu Überraschungsangriffen und ausgedehnten Offensivoperationen anstreben.
Die Reaktion der NATO auf die
Herausforderung durch die konventionelle Macht der Sowjets und des Warschauer Pakts muß darin bestehen, ihre konventionelle Verteidigungsfähigkeit zu stärken und zu verbessern.
Zu diesem Zweck hat das Bündnis eine
Initiative zur Verbesserung der konventionellen Verteidigung (CDI) unternommen.
Falls
diese
energisch
verfolgt wird, könnte CDI ebenso wie
die Strategische Verteidigungsinitiative der Vereinigten Staaten zu erheblichen Verbesserungen der Verteidigungsfähigkeit durch technologische
Entwicklungen führen.

�Der Westen
besitzt mit seinem
freien Ideenaustausch und der Mobilität von Kapital und Facharbeitskräften einen unübertroffenen vorteil.
Koordinierte
und
höchst
effektive
Forschungs- und
Entwicklungsanstrengungen könnten die Wirksamkeit der
konventionellen Streitkräfte der NATO
revolutionieren.
Ohne eine wesentliche Erweiterung der Personalstärke
- der teuersten Komponente der westlichen Streitkräfte - könnten solche
Anstrengungen uns bei der Beseitigung
des gegenwärtig bestehenden konventionellen Ungleichgewichts unterstützen.

Die Bedeutung eines START-Abkommens
Bei den Verhandlungen über die
Verringerung strategischer Rüstungen
(START) besteht nunmehr die Möglichkeit, offensive strategische Nukleararsenale einschneidend zu verringern.
Bei ihrer Zusammenkunft im vergangenen Monat bestätigten die Außenminister Shultz und Schewardnadse erneut ihren Einsatz für einen 50prozentigen Abbau strategischer Waffen.
Dieser Problemkreis hat für Präsident
Reagan höchste Priorität und wurde
von Generalsekretär Gorbatschow als
"Kernproblem"
der
Rüstungskontrolle
bezeichnet.
Wenn diese Bestätigung in ein
wirkungsvolles
START-Abkommen
umgesetzt werden soll, müssen die Sowjets
bei zwei wichtigen Punkten Entgegenkommen zeigen.
Erstens im Bereich der Untergrenzen.
Ein Abkommen über einen einschneidenden Abbau strategischer Offensivwaffen um 50 Prozent allein das heißt, 1 600 Trägersysteme und
6 000 Gefechtsköpfe - wird kein stabiles strategisches Verhältnis garantieren. Demgemäß enthält der von

uns in Genf zu START vorgelegte Vertragsentwurf zusätzlich zu der Gesamtgrenze von 6 000 Gefechtsköpfen
drei Untergrenzen.
Mit diesen Maßnahmen würde die Gesamtzahl der Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
auf 4 800 begrenzt, Gefechtsköpfe auf
ICBMs auf 3 300, und es gäbe 1 650
Gefechtsköpfe
auf erlaubten ICBMs,
außer
denen
auf
silo-gestützten
leichten
und
mittleren
ICBMs
mit
sechs oder weniger Gefechtsköpfen.
Diese Untergrenzen würden den gegenwärtig
bestehenden,
bedeutenden
Vorteil der Sowjets bei ballistischen
Raketen verringern, besonders bei den
bei
einem
Erstschlag
wirkungsvoll
einsetzbaren großen ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen.
Die Untergrenzen
würden nach den Verringerungen bei
den Streitkräften ein Gleichgewicht
herstellen.
Darüber hinaus würden
sie zukünftige nachteilige Veränderungen beim Aufbau der Streitkräfte
verhindern.
Der wichtigste Faktor ist, daß
Untergrenzen benötigt werden, um sicherzustellen, daß Verringerungen bei
strategischen
Waffen
stabilisierend
sind und zu verhindern, daß bei den
Arsenalen der Zukunft eine Konzentration auf ballistische Raketen erfolgt.
Als Reaktion auf unsere geplanten Untergrenzen haben die Sowjets vorgeschlagen, jeden Bereich
der Triade auf 60 Prozent des Gesamtumfangs abzubauen.
Aber ohne eine
zusätzlich Obergrenze auf Gefechtsköpfe ballistischer Raketen ist diese
Methode in höchsten Maße unangemessen.
Damit würde den Sowjets nach
generellen 50prozentigen Verringerungen bei START die Beibehaltung strategischer Streitkräfte gestattet, die
sich ausschließlich aus ballistischen
Raketen zusammensetzt.
Darüber hinaus würde damit der Sowjetunion die
Beibehaltung einer hohen Konzentra-

- 3 -

�tion von Gefechtsköpfen auf mit Mehrfachgefechtsköpfen
ausgestatteten
ICBMs erlaubt. Ein Vertrag, der solche eine Zusammensetzung der Streitkräfte nach erfolgten Verringerungen
zuläßt, würde nicht die strategische
Stabilität stärken.

Warum SDI nicht eingetauscht werden
sollte
Ein zweiter Bereich sowjetischer
Unnachgiebigkeit gegen wirkungsvolle
Verringerungen bei strategischen Rüstungen ist das sowjetische Beharren
auf einem Junktim. Sie bestehen weiterhin darauf, ein mögliches STARTAbkommen zum Faustpfand für eine amerikanische Zustimmung zur Beschränkung unserer Erforschung von Systemen
zur Verteidigung gegen einen Angriff
ballistischer
Raketen
zu
machen.
Diese Kopplung ist ungerechtfertigt.
Sie macht die Abschaffung oder zumindest die ernsthafte Beschneidung
der amerikanischen Strategischen Verteidigungsinitiative zu einer Bedingung für ein START-Abkommen.
Trotzdem ziehen sowohl wir als auch die
Sowjets großen Nutzen aus einem wohlformulierten Abkommen mit 50prozentigen Verringerungen bei START.
Bei
50prozentigen
Verringerungen
würden
wir die strategischen Nuklearwaffen,
die den Sowjets Anlaß zur Besorgnis
geben, abbauen. Sie müßten dann ihre
ICBM-Streitkräfte, die uns Grund zur
Sorge bieten, verringern.
Da damit
beide Seite einen Vorteil erzielen
würden, gibt es keinen Grund, ein
START-Abkommen
als
Faustpfand
für
Einschränkungen unseres SDI-Programms
zu benutzen.
Bei der Zusammenkunft im September stellte uns der um "Flexibilität"
bestrebte Außenminister Schewardnadse
vor zwei Alternativen.
Wir könnten
entweder zehn Jahre lang am ABM-Ver-

trag
"strikt
festhalten", wie
er
"1972 unterzeichnet und ratifiziert"
worden sei oder einer Anzahl von Vorrichtungen zustimmen, die nicht in
den Weltraum gebracht würden, wenn
sie
bestimmte
"Leistungsparameter"
überschritten, wir sind besorgt darüber, daß die Sowjets hier alten Wein
in neue Schläuche gegossen haben.
Obwohl wir den sowjetischen Vorschlag
noch nicht eindeutig beurteilen können, können wir keine Alternative akzeptieren, die uns auf ein SDI-Programm nach sowjetischen Bedingungen
beschränken würde.
Ebensowenig können wir unsere Forschung in höchstem
Maße restriktiven und nicht-verifizierbaren Beschränkungen unterwerfen,
die enger gefaßt sind als der ABMVertrag,
in diesem
Vertrag
wird
"Forschung" weder erwähnt noch eingeschränkt.
Bei den Problemen der strategischen Offensivwaffen und der Verteidigung gegen ballistische Raketen
ist die Politik Präsident Reagans
eindeutig. Wir müssen weiterhin bei
den Sowjets darauf dringen, daß einschneidende Verringerungen bei strategischen
Offensivwaffen,
besonders
bei den am meisten destabilisierenden, Vorteile in sich bergen.
Die
Sowjetunion würde gern über bestimmte
Beschränkungen bei der SDI-Forschung
im Austausch gegen ein START-Abkommen
verhandeln.
Wenn wir uns auf solch
ein Manöver mit den Sowjets einlassen, gingen wir das Risiko ein, SDI
zu lähmen.
SDI ist und bleibt ein zielgerichtetes Programm, mit dem das Problem der Verteidigung gegen ballistische Raketen untersucht wird, das
die Basis für einen gemeinsamen Übergang
zu
einem
stabileren
strategischen Verhältnis liefern könnte.
Wir müssen die Sowjets von dem Irrtum
befreien, daß sie ihr Ziel erreichen

�können.
Wir sollten nicht vergessen, daß
es zusammen mit der Entschlossenheit
der NATO zu INF SDI war, das die Sowjets im Januar 1985 wieder zurück zu
den Verhandlungen über Nuklearwaffen
gebracht hat, nachdem sie den Verhandlungstisch im Dezember 1983 verlassen hatten. Lassen sie uns klarstellen, daß SDI kein Verhandlungsgegenstand ist, sondern ein Programm,
zu dessen Fortsetzung wir fest entschlossen sind.
Als solches bietet
es den Sowjets einen starken Anreiz,
einschneidenden
Verringerungen
bei
strategischen
Waffen
zuzustimmen.
Sogar wenn die jetzt bei START zur
Verhandlung
stehenden
SOprozentigen
Reduzierungen erzielt sind, wird SDI
ein wesentlicher Anreiz für die Sowjets
sein, weitere Verringerungen
vorzunehmen.
Darüber
hinaus würde
SDI die Integrität neuer Rüstungsabkommen unterstreichen, indem es den
Sowjets
den
Anreiz
zur
Täuschung
nimmt.
Wir wollen auch die Funktion von
SDI als Absicherung gegen das starke
sowjetische Engagement bei ihrer eigenen
strategischen
Verteidigung
nicht außer acht lassen.
Wenn wir
ihnen das Monopol bei der Verteidigung lassen, würde damit der Frieden
und die Freiheit des Westens durch
Aushöhlung der Glaubwürdigkeit unserer Abschreckung bedroht.
Entgegen
sowjetischer Propaganda sollte klar
sein, daß es keine Wahl gibt zwischen
einer Welt mit oder ohne strategische
Verteidigungssysteme.
Die freie Welt
muß sich entscheiden, ob sie den Sowjets gestatten will, die einzige
Macht mit einer Verteidigung gegen
ballistische Raketen zu sein.

Wie kann eine genaue Verifizierung
der Reduzierung von INF grantiert
werden?
Die Sowjets sind Meister von Verhandlungen kurz vor Toresschluß. Im
Verlauf der kommenden Wochen könnten
sie mit dem Versuch enormen Druck
ausüben, uns zu einem voreiligen Verzicht auf die noch ausstehenden Einzelheiten eines INF-Vertrages und dabei insbesondere der bedeutenden Verifizierungsbestimmungen zu bringen.
Sie werden den Versuch unternehmen,
uns zu einem Kompromiß unserer Position zu bewegen, um den "Prozeß" in
Gang zu halten.
Wir werden unser Möglichstes tun,
damit sich diese Erwartung für die
Sowjets nicht erfüllt.
Einer der
schlüssigsten Grundsätze der Außenpolitik Präsident Reagans besagt, daß
jedes Rüstungskontrollabkommen wirksam verifizierbar sein muß, wenn es
die Stabilität verbessern und einen
anhaltenden Beitrag zu Frieden und
Sicherheit leisten soll.
Der Präsident hat eindeutig klargestellt, daß
er sich nicht mit weniger begnügen
wird.
Die Vereinigten Staaten verfolgen
bei der Verifizierung eines INF-Rüstungsbegrenzungsabkommens
drei
grundlegende Ziele:
Erstens, Vertrauen
men zu gewährleisten.

in das Abkom-

Zweitens, die Sowjets von Verletzungen des Vertrages abzuhalten, indem die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung solcher Vertragsverletzungen
erhöht wird.
Drittens, schnelle und eindeutige
Aufdeckung
jeglicher
sowjetischer
Verletzungen zu gestatten und damit
die frühzeitige Warnung vor einer

- 5 -

�möglichen oder tatsächlichen Bedrohung der Sicherheit der Vereinigten
Staaten und der Verbündeten zu verbinden.

- Detaillierter und - falls erforderlich
aktualisierter
Austausch von Daten über den Standort der Raketenunterstützungseinrichtungen und Raketenstellungen
sowie die Anzahl der Raketen und
Abschußvorrichtungen
auf
diesen
Einrichtungen und Stützpunkten.

Am 14. September 1987 haben wir
in Genf ein Inspektionsprotokoll mit
den Einzelheiten der von uns für die
Verifizierung der wirksamen Einhaltung eines INF-Vertrages für notwendig erachteten Vorgehensweise vorgelegt, eine Übereinkunft, die den Abbau aller amerikanischen und sowjetischen INF-Raketen vorsieht - die
"weltweite
doppelte
Null-Lösung".
Unser
Verifizierungsvorschlag
würde
die
überzeugendsten
Vorbeugungsmaßnahmen gegen Täuschungsversuche
in
der Geschichte der Rüstungskontrolle
verwirklichen.
Die Sowjets haben ihre Zustimmung
zu unserem Verifizierungsplan einschließlich der bisher nie dagewesenen Vor-Ort-Insepktion in groben Zügen
erklärt.
Aber
bekanntlich
"steckt der Teufel im Detail".
im
weiteren Verlauf der
Verhandlungen
werden wir darauf bestehen, daß sich
die Sowjets zu wirksamen, in allen
Einzelheiten und schriftlich vorgelegten
Verifizierungsmaßnahmen
verpflichten.
Selbst mit einem Abkommen über
den
vollständigen weltweiten Abbau
der
INF-Raketen
verlangen
Vorbeugungsmaßnahmen
gegen
Täuschungsversuche eine anspruchsvolle Serie von
Verifizierungsmaßnahmen.
Lassen Sie
mich Ihnen die Kernstücke des in Genf
vorgelegten Plans nennen:
- Die Voraussetzung, daß alle INFRaketen und Abschußvorrichtungen
geographisch in vereinbarten Gebieten
stationiert würden oder
sich während des Abzugszeitraums
auf dem Transport zwischen diesen
Gebieten befinden.

- Ankündigung
der Transporte
von
Raketen und Abschußvorrichtungen
zwischen
den
bekanntgegebenen
Einrichtungen.
- Eine grundlegende Vor-Ort-Inspektion zur Verifizierung der Anzahl
von Raketen und Abschußvorrichtungen auf bekanntgegebenen Raketenunterstützungseinrichtungen
und Raketenstellungen.
-

Vor-Ort-Inspektion zur Verifizierung der Vernichtung von Raketen
und Abschußvorrichtungen.
- Nachfolgende,
kurzfristig
anberaumte Inspektion der bekenntgegebenen Einrichtungen während des
Reduzierungszeitraums zur Verifizierung
restlicher
Systeme bis
zum vollständigen Abbau aller Raketen.

- Kurzfristig
anberaumte, obligatorische
ad-hoc-Inspektion
bestimmter
Einrichtungen
in
den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, auf denen vertragswidrige Raketenaktivitäten durchgeführt werden könnten.
- Voraussetzung einer unabhängigen
"Abschlußinspektion" zur Gewährleistung, daß in der Tat alle mit
INF-Raketen verbundenen Aktivitäten beendet worden sind, wenn ein
Standort stillgelegt und von der
Liste der bekanntgegebenen Einrichtungen gestrichen worden ist.

�Sobald die Sowjets erkennen, daß
das amerikanische Volk fest hinter
einer wirksamen Verifizierung steht,
werden wir meiner Meinung nach rasch
ein Ende der Verzögerungstaktik in
letzter Minute seitens der Sowjets
beobachten können. Die Verifizierung
ist der endgültige Prüfstein dafür,
ob die sowjetische Seite sich einem
lohnenden INF-Abkommen wirklich verpflichtet fühlt.

Schlußfolgerung
Wir nähern uns der nächsten entscheidenen Phase in unserer Beziehung
zur Sowjetunion in der klaren Erkenntnis unserer grundlegenden ziele.
Wir haben umfassenden Einblick in die
sowjetischen
Verhandlungspraktiken
gewonnen und sind uns bewußt, daß wir
die Risiken und Möglichkeiten sorgfältig gegeneinander abwägen müssen.
Vielleicht werden wir tatsächlich ein
Abkommen erzielen können, das zu einer stabileren, weniger gefährlichen
Welt führt. Aber selbst wenn wir so
erfolgreich zusammenkommen, muß unser
Volk verstehen, daß dies kein Grund
zur Euphorie ist.
Angesichts eines
fast
fertigen INF-Abkommens
dürfen
wir die Hände nicht in den Schoß legen. Wir befinden uns erst am Anfang
unserer Aufgabe, die sowjetische militärische Bedrohung abzubauen - es
gilt noch ein großes Stück Arbeit zu
bewältigen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

21. Oktober 1987

37

RÜSTUNGSKONTROLLE WICHTIGSTES THEMA BEI SHÜLTZ-BESÜCH IN MOSKAU
- Informationsgespräch mit Botschafter Nitze -

WASHINGTON - (AD) - Bei seinem Treffen mit dem sowjetischen Außenminister
Schewardnadse in Moskau am 22. und 23. Oktober 1987 wird Außenminister Shultz
hauptsächlich "die gesamte Skala der Rüstungskontrollfragen" ansprechen. Botschafter Paul Nitze zufolge werden Menschenrechtsfragen sowie bilaterale und
regionale Probleme weitere Themen sein.
Der Sonderberater von Präsident
Reagan und Shultz in Rüstungskontrollfragen erklärte am 14. Oktober
im
amerikanischen
Außenministerium
ausländischen Journalisten gegenüber,
die amerikanischen und sowjetischen
Delegationen arbeiteten in Genf an
der Vervollkommnung eines vereinbarten Vertragsentwurfs zu INF (Mittelstreckenraketen).
Die
Unterhändler
hofften, bis zum Besuch von Außenminister Shultz in Moskau ihre Meinungsverschiedenheiten über die vorgeschlagene Sprachregelung des Vertrages "weitgehend ausgeräumt" zu ha-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

ben. Die große Hoffnung, so erklärte
Nitze, "bestünde darin, daß sie bis
dahin gänzlich ausgeräumt werden können" .
Auf
Fragen
zur Struktur
eines
INF-Abkommens sagte er, dieses würde
den Haupttext und mehrere Zusatzprotokolle umfassen, wovon eines die
Frage
der
Verifizierung
behandeln
würde.
Nitze
räumte
ein,
daß
die
Pershing lA-Raketen der Bundesrepublik Deutschland eine der Fragen sei-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�en, die von den Unterhändlern noch
gelöst werden müßten.
Dazu gehöre
insbesondere die Erzielung einer Vereinbarung
"über das Verfahren zur
endgültigen Vernichtung der INF-Raketen" auf amerikanischer und sowjetischer Seite, erklärte der Botschafter, sowie auch "der Gefechtsköpfe,
die wir gegenwärtig für die deutschen
Pershing 1A bereit halten".
Was den "zeitlichen Rahmen" zur
endgültigen Beseitigung der Wiedereintrittsflugkörper (RVs) auf beiden
Seiten, einschließlich der RVs für
die deutschen Pershing IA-Raketen angehe, so versuchten beide Seiten "die
definitiven Einzelheiten der Durchführung" zu erarbeiten, erklärte er.
Die Sowjets seien nicht der Ansicht,
die Pershing IA-Raketen bildeten ein
"unüberwindliches
Problem",
fügte
Nitze hinzu.
Die Sprachregelung des Vertrages
wird auf die Beseitigung der amerikanischen
Gefechtsköpfe
verweisen,
"einschließlich
der
amerikanischen
Gefechtsköpfe
für
die
deutschen
Pershings, jedoch nur dann, wenn die
von Bundeskanzler Kohl genannten Bedingungen erfüllt sind".
Falls noch verbleibende Fragen zu
INF während des kommenden Treffens in
Moskau zu lösen seien, erklärte der
Botschafter, so hoffe man, daß diese
"schnell" gelöst würden, so daß eine
Vereinbarung über Zeit und Ort eines
Gipfeltreffens Reagan-Gorbatschow erreicht werden kann. Dies würde dann
den Weg für die beiden politisch Verantwortlichen
ebnen, um
sich
auf
Fortschritte für ein START-Abkommen
zu konzentrieren.
Botschafter Nitze, der den Außenminister in die Sowjetunion begleiten
wird, erklärte, "Wenn wir das INF-Abkommen bald abhandeln, könnten wir

uns auf die verbleibenden Probleme
konzentrieren, bei denen wir im Hinblick auf die Erlangung eines STARTAbkommens
unterschiedlicher
Meinung
sind". Auf die Frage, ob ein STARTAbkommen
vor
Ende
der
Regierung
Reagan
geschlossen
werden
könnte,
antwortete Nitze: "Daran glaube ich.
Genau daran arbeiten wir".
Nitze verwies darauf, "die nächste größere Aufgabe ist die Erlangung
eines START-Abkommens" und fügte hinzu, "die Sowjets stimmen zu, daß dies
wichtig ist". Er erklärte, er glaube
nicht daran, daß die verbleibenden
Probleme "unlösbar" sind.
Beim
Treffen
von
Shultz
und
Schewardnadse vom 15. bis 17. September in Washington stimmten die Sowjets laut Nitze dem 50prozentigen
Abbau vom gegenwärtigen Stand der
Wurfgewichte auf ihren schweren Raketen zu. Die Vereinigten Staaten warten jedoch noch darauf, daß sie dies
formell in einem Brief oder einer Erklärung vorlegen.
Nitze verwies auf drei Bereiche,
in denen zwischen der Sowjetunion und
den Vereinigten Staaten unterschiedliche Auffassungen bestehen. Die Sowjets glauben Nitze zufolge zum Beispiel nicht daran, daß Untergrenzen
bei Gefechtsköpfen
notwendig
sind.
Die Haltung der Vereinigten Staaten
fordert eine Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, mit Untergrenzen
von
4 800
Gefechtsköpfen
auf
ballistischen Raketen.
Innerhalb dieser Untergrenze von
4 800 haben die Vereinigten Staaten
weiterhin 3 300 Gefechtsköpfe auf Interkontinentalraketen
vorgeschlagen
sowie eine weitere Untergrenze von
1 650 "auf die erlaubten Gefechtsköpfe von schweren Raketen und solchen
Systemen mit mehr als sechs Gefechts-

- 2 -

�köpfen", erklärte Nitze. Die Vereinigten Staaten e*rachten solche Untergrenzen als "notwendig, um sicherzustellen, daß ein Abbau wirklich zunehmende Stabilität nach sich zieht".
Obwohl sich die beiden Supermächte im Prinzip über Regelungen zur Verifizierung einig sind, müssen sie
dennoch, so betonte der Botschafter,
"Details ausarbeiten, wie diese auf
eine Art und Weise konzipiert werden
können, so daß man überzeugt sein
kann, daß beide Seiten die Durchführung des Abkommens mit großem Vertrauen überwachen können".
Die im September in Washington
abgehaltenen Gespräche gaben den Sowjets eine Möglichkeit, ihre Haltung
im Hinblick auf die strategische Verteidigung
und den ABM-Vertrag von
1972 eindeutig darzulegen, erklärte
Nitze, aber es gab keinen Fortschritt
bei "einer Lösung unserer Meinungsverschiedenheiten".
Da die Sowjets
weiterhin ein START-Abkommen mit Problemen der Verteidigung im Weltraum
koppeln,
"bestehen zwischen
beiden
Seiten Meinungsverschiedenheiten".
Nach den Gesprächen in Moskau
wird
Außenminister
Shultz
nach
Brüssel reisen, um mit den Mitgliedern des Nordatlantischen Bündnisses
zusammenzutreffen, wie er es auch in
der Vergangenheit nach einer wichtigen Zusammenkunft getan hat.
Nitze
nannte dies einen Prozeß der Konsultationen, nicht eine Bestrebung, die
Zustimmung
der NATO-Verbündeten
zu
INF zu erlangen. Nitze fügte hinzu,
"die Folge von Konsultationen zwischen den Mitgliedern des Nordatlantischen Bündnisses war äußerst hilfreich und stellt ein wichtiges Element der Stärke des Bündnisses dar".
* * * * *

- 3 -

�AMERIKA DIENST
^7

Hintergrundmaterial

C&amp;

21. Oktober 1987

37

BEGRENZUNGEN VON ATOMWAFFENTESTS
Übersicht des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung

- (AD) - In den vergangenen vier Jahrzehnten hat ein starkes nukleares Abschreckungspotential die Sicherheit der Vereinigten Staaten garantiert und dazu beigetragen, die Freiheit ihrer Verbündeten und Freunde zu erhalten. Solange die Vereinigten Staaten sich zu ihrer Sicherheit auf Atomwaffen verlassen müssen, müssen sie gewährleisten, daß diese Waffen betriebssicher, geschützt, verläßlich, wirksam und überlebensfähig sind - mit anderen Worten:
daß das Abschreckungspotential der Vereinigten Staaten glaubwürdig ist. Dies
erfordert ein gewisses Maß an unterirdischen Tests.
Insbesondere und in Übereinstimmung mit bestehenden Verträgen führen die
Vereinigten Staaten solche Tests zu folgenden Zwecken durch:
- Um die Wirksamkeit unseres nuklearen Abschreckungspotentials sicherzustellen.
Durch Tests wird
die Fortführung unseres Programms
zur Modernisierung dieser Waffen
ermöglicht, die aufgrund der andauernden Ausweitung und Verbesserung sowjetischer strategischer
Offensivsysteme und der Tatsache
erforderlich ist, daß die älteren
strategischen Waffen der Vereinigten Staaten das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben.
- Um deren Verläßlichkeit

aufrecht

United States Information Service
Embassy of the United States of America

zu
erhalten.
Atomwaffentests
sind notwendig, um Verschlechterungen oder andere Probleme zu
erkennen, die bei gelagerten Waffen auftreten können.
zum Beispiel wurde es den Vereinigten
Staaten durch Tests ermöglicht,
Probleme beim Gefechtskopf
der
von Polaris-U-Booten abgefeuerten
ballistischen
Raketen
auszumerzen, die unser seegestütztes Abschreckungspotential
neutralisiert haben könnten, wenn wir sie
nicht behoben hätten. Tests von
gelagerten Waffen sind erforder-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�lieh, um zu bestätigen, daß die
Waffen, auf die wir zur Erhaltung
des
Friedens
angewiesen
sind,
weiterhin
ein verläßliches und
glaubwürdiges Abschreckungspotential bilden.
- Um die Uberlebensfähigkeit zu sichern. Atomwaffentests gestatten
es den Vereinigten Staaten, ihre
militärischen und Führungsmittel
echter atomarer Wirkung auszusetzen. Dies ermöglicht es den Vereinigten Staaten, die Uberlebensfähigkeit
ihrer
Ausrüstung
zu
verbessern und damit die Glaubwürdigkeit ihrer Abschreckung zu
erhöhen.
- Um Betriebssicherheit und Schutz
zu
verbessern.
Atomwaffentests
gestatten
es
den
Vereinigten
Staaten, die Charakteristika bezüglich
Betriebssicherheit
und
Schutz weiter zu verbessern, die
Explosionen aus Versehen oder die
unbefugte Anwendung von Atomwaffen
verhindern.
Beispielsweise
haben
Atomwaffentests
zu
Konstruktionen geführt, die modernste Vorrichtungen gegen die Benutzung durch Terroristen beinhalten sowie gegen die Verseuchung durch radioaktives Material
im unwahrscheinlichen Fall eines
Unfalls.
Ein Umfassendes Testverbot (CTB)
bleibt das langfristige Ziel der Vereinigten Staaten.
Solange die Vereinigten Staaten und ihre Freunde und
Verbündeten sich jedoch zur Abschrekkung von Aggressionen auf Atomwaffen
verlassen müssen, wird weiterhin ein
gewisses Maß an Atomwaffentests erforderlich sein.
Wir glauben, daß
ein solches Verbot im Kontext einer
Zeit gesehen werden muß, in der wir
uns nicht auf die atomare Abschrekkung verlassen müssen, um die welt-

weite Sicherheit und Stabilität zu
garantieren und in der wir breite,
einschneidende und verifizierbare Rüstungsreduzierungen,
erheblich
verbesserte
Verifizierungsfähigkeiten,
erweiterte vertrauensbildende Maßnahmen und ein stabileres Gleichgewicht
bei den konventionellen Streitkräften
erreicht haben werden.
Die vordringlichste Priorität der
Vereinigten Staaten bei der Begrenzung von Atomwaffentests gilt den
notwendigen
Verbesserungen
bei der
Verifizierung des nichtratifizierten
Schwellenvertrags (TTBT) und des Vertrags über Atomexplosionen zu friedlichen Zwecken (PNET) . In den vergangenen Jahren hat der Präsident die
folgenden Initiativen in die Wege geleitet, um dieses Ziel zu verwirklichen:
- Im Jahr 1983 versuchen die Vereinigten Staaten mehrmals erfolglos, die Sowjetunion in Gespräche
zur
Verbesserung
grundlegender
Verifizierungsverfahren von TTBT
und PNET einzubinden.
- September
1984.
Der
Präsident
schlägt direkte Messungen der Explosionskraft amerikanischer und
sowjetischer Atomwaffentests vor
Ort, d.h. in den jeweiligen Testgebieten, vor.
- Juli 1985.
Der Präsident lädt
sowjetische Experten - ohne Vorbedingungen - ein, das amerikanische Testgelände zu besuchen
und dort die Sprengkraft eines
amerikanischen
Tests zu messen
und zu diesem Zweck beliebige Instrumente mitzubringen, die der
UdSSR zur Erfüllung dieser Aufgabe erforderlich erscheinen.
- Dezember
1985.
Der
Präsident
schlägt ein Treffen technischer

�Experten
vor, um
amerikanische
und sowjetische Ansätze zum Thema
Verifizierung zu diskutieren.
- März 1986.
Der Präsident lädt
die Sowjets ein, das Testgebiet
in Nevada zu besuchen, um mit
amerikanischen Experten die Verifizierung zu diskutieren, CORRTEX
- ein direktes, hydrodynamisches
System zur Messung der Sprengkraft vor Ort, das von den Vereinigten Staaten vorgezogen wird
- zu prüfen und um einen Test zu
beobachten.
Seit Juli 1986 haben amerikanische und sowjetische Experten in
Genf sechs Sitzungsrunden zu Fragen
in Zusammenhang mit Atomwaffentests
abgehalten, die letzte fand vom 13.
bis 20. Juli 1987 statt.
In diesen
Expertentreffen
zu
Atomwaffentests
haben die Vereinigten Staaten ihre
Sorgen zur Verifizierung von TTBT und
PNET vorgetragen.
Wir haben ferner
die CORRTEX-Technik und ihre Anwendung für Sprengkraftmessungen vor Ort
beschrieben. Die UdSSR hat ihre Ansichten zu einem umfassenden Verbot
von Atomwaffentests unii zu seismischen Techniken der Sprengkraftschätzung vorgetragen.
Unlängst hat sie
ihren Vorschlag für gemeinsame Experimente in Atomtestgebieten zur Verbesserung der Verifizierung vorgetragen.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich für wirkungsvolle und verifizierbare Abkommen mit der Sowjetunion über die Begrenzung von Atomwaffentests, mit deren Hilfe die Sicherheit
aller Nationen verbessert
werden könnte. Aus diesem Grunde hat
der Präsident einen praktischen stufenweisen Prozeß vorgeschlagen.
Er
schlug vor, die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion sollten unmittelbar Verhandlungen
über Atomwaffen-

tests aufnehmen, um zunächst Probleme
der Verifizierung von zwei bestehenden, aber nicht ratifizierten Verträgen, dem Schwellenvertrag
und dem
Vertrag
über
Atomexplosionen
zu
friedlichen zwecken, zu lösen. Wenn
unser Anliegen der Verifizierung berücksichtigt wird und die Verträge
zur Ratifizierung
gelangen, werden
die Vereinigten Staaten vorschlagen,
daß wir gemeinsam mit der Sowjetunion
in Verhandlungen über Möglichkeiten
zur Durchführung eines stufenweisen
gleichlaufenden Programms - zusammen
mit einem Programm zum Abbau und der
letztlichen Abschaffung aller Nuklearwaffen zur Begrenzung und als
Endziel der Beendigung von Nukleartests eintreten.
Beim Abschluß der Zusammenkünfte
vom 15 bis 17. September erklärten
Außenminister Shultz und der sowjetische
Außenminister
Schewardnadse:
"Die amerikanische
und die sowjetische
Seite sind übereingekommen,
vor dem 1. Dezember 1987 umfassende
stufenweise Verhandlungen über Atomwaffentests aufzunehmen, die in einem
einzelnen Forum durchgeführt werden.
Als ersten Schritt werden sich beide
Seiten bei diesen Verhandlungen auf
wirksame Verifizierungsmaßnahmen einigen, die eine Ratifizierung
des
amerikanisch-sowjetischen
Schwellenvertrages von 1974 und des Vertrages
über Kernexplosionen zu friedlichen
Zwecken
von
1976
ermöglichen
und
daranzugehen, weitere mittelfristige
Begrenzungen über Atomtests auszuhandeln, die dann zur endgültigen Zielsetzung
einer
völligen Abschaffung
von Atomtests als Teil eines wirkungsvollen Abrüstungsprozesses führen.
Mit diesem Prozeß würde unter
anderem als erste Priorität das Ziel
eines Abbaus von Nuklearwaffen und
letztlich deren Abschaffung verfolgt.
Zum zweck der Ausarbeitung verbesserter Verifizierungsmaßnahmen für die

- 3 -

�amerikanisch-sowjetischen
Vertrage
von 1974 und 1976 beabsichtigen beide
Seiten die Konzeption und Durchführung gemeinsamer Experimente zur Verifizierung auf dem Testgelände der
jeweils anderen Seite. Diese Verifizierungsmaßnahmen werden in angemessenem Maße bei nachfolgenden Abkommen
über die Begrenzung von Atomwaffentests angewandt werden."

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan lobt amerikanische Bundesbank und internationale Kooperation&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zu den Finanzmärkten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Operation der Vereinigten Staaten "überlegte und gemäßigte&lt;br /&gt;Antwort" an den Iran&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zum amerikanischen Vergeltungsschlag im Golf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Shultz: Friedenspläne müssen in Nicaragua verwirklicht werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rowny: SDI "kein Verhandlungsgegenstand"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor Ehemaligen des National War College &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rüstungskontrolle wichtigstes Thema bei Shultz-Besuch in Moskau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Informationsgespräch mit Botschafter Nitze&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Begrenzungen von Atomwaffentests&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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WZ**'
42

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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21. Oktober 1992

53OO Bonn 2

WAHLEN '92

IRAK WICHTIGES THEMA BEI DRITTER
FERNSEHDEBATTE DER DREI
PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Letzte Debatte von Bush, Clinton und
Perot - Auszüge

REKORDZAHL VON KANDIDATINNEN
BEI WAHLEN '92
Dramatischer Zuwachs im Kongreß erwartet

ZAHLREICHE "DRITTE" PARTEIEN TRETEN
BEI AMERIKANISCHEN WAHLEN AN
Wenige finden Anklang beim Wähler

JUGENDLICHE UND STUDENTEN ZIELGRUPPEN FÜR POLITISCHE PARTEIEN
Organisationen aktiv in Colleges

KONGRESS

KONGRESS BEENDET 102. LEGISLATURPERIODE
Gesetze zu Auslandshilfe und Rüstungskontrolle verabschiedet

UMWELT

USA RATIFIZIEREN ALS ERSTER INDUSTRIESTAAT DIE KLIMASCHUTZKONVENTION
Regierungsvertreter kritisiert europäische
und japanische Haltung

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�WAHLEN

'92
21. Oktober 1992

IRAK WICHTIGES THEMA BEI DRITTER FERNSEHDEBATTE DER DREI PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Letzte Debatte von Bush, Clinton und Perot - Auszüge
EAST LANSING (MICHIGAN) - (AD) - Bei der dritten und letzten Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten Bush, Clinton und Perot am 19. Oktober 1992 spielte die Politik gegenüber dem Irak eine wichtige Rolle.
Dabei erklärte Präsident Bush, es gebe "nicht die Spur eines Beweises" dafür, daß die Iraker durch Entscheidungen der amerikanischen Regierung zu r Zusammenarbeit mit Saddam Hussein amerikanische Waffen erlangt
hätten.
Zunächst kritisierten der unabhängige Kandidat Ross Perot und danach der demokratische Herausforderer Bill
Clinton Bush wegen seines Umgangs mit dem irakischen Präsidenten vor der Invasion Kuwaits.
In einer landesweit ausgestrahlten Fernsehdebatte an
der Michigan State Universrty in East Lansing griff
Perot Bush scharf an und erklärte: "Wenn Sie Saddam
Hussein über 10 Jahre lang mit dem Einsatz von
Milliarden Dollar an amerikanischen Steuergeldern
erst geschaffen haben, dann treten Sie vor und erklären Sie, daß es ein Fehler war. Wenn Sie Noriega mit
Steuergeldern erst geschaffen haben, dann treten Sie
vor und erklären Sie, daß es ein Fehler war." Er
beschuldigte die Bush-Administration, sie habe Saddam Hussein wissen lassen, die Vereinigten Staaten
würden sich nicht in seinen Grenzkonflikt mit Kuwait
einmischen und forderte den Präsidenten auf, die
Papiere der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die
man vor den Operationen Wüstenschild und Wüstensturm der amerikanischen Botschafterin im Irak, April
Glaspie, gegeben habe. "Wir haben ihm (Saddam
Hussein) gesagt, er könne den Norden von Kuwait
einnehmen, und als er das Ganze nahm, drehten wir
durch", stellte Perot fest.

Bush fuhr fort: "Es ist schwierig, einen Konsens
herzustellen. Wir gingen zu den Vereinten Nationen.
Wir brachten dort historische Resolutionen hervor, die
ganze Welt war vereint. Unser Kongreß zögerte.
Gouverneur Clinton erklärte, 'Nun, ich hätte bei der
Minderheit sein können, laßt die Sanktionen wirken,
aber wahrscheinlich hätte ich mit der Mehrheit gestimmt'. Ein Präsident kann das nicht tun."
Perot kam im weiteren Verlauf der Debatte auf dieses
Thema zurück und wiederholte seine Beschuldigungen: "Wir gaben Botschafter Glaspie schriftliche Instruktionen. Das ist eine Tatsache. Wir haben es dem
Kongreß und dem Auswärtigen Ausschuß, dem Geheimdienstausschuß des Senats niemals gestattet,
sie zu sehen. Das ist eine Tatsache.

Botschafter Glaspie hat unmittelbar nach dem 25. Juli
viel geredet - und das ist eine Tatsache, und es steht
in allen Zeitungen, aus denen Sie das alles entnehmen
können - was ich getan habe -, und es ist ziemlich klar,
Bush antwortete: "Damit wird die nationale Ehre in was sie und Kelly und all die anderen wichtigen damit
Frage gestellt. Ross, wir haben Saddam Hussein nicht befaßten Personen sich dabei dachten.
gesagt, 'Du kannst den Norden von Kuwait nehmen'.
Dann, am Ende des Krieges, als sie dazu aussagen
Das ist völlig absurd - Glaspie hat ausgesagt - und
mußten, waren ihre Geschichten völlig anders als das,
Glaspies Papiere wurden dem Senat der Vereinigten
was sie im August, September und Oktober erklärt
Staaten vorgelegt."
hatten. Ich sage Ihnen deshalb, daß alles ganz einfach
Bush verwies ferner darauf, man habe vergeblich ist: Saddam Hussein hat, wie Sie wissen, ein Tonband
versucht, Saddam Hussein "in die Staatenfamilie ein- veröffentlicht, von dem er behauptete, es enthalte die
zubeziehen. Er hatte die viertgrößte Armee. Aber als Aufzeichnung ihres Treffens, bei dem sie gesagt habe,
er gegen Kuwait vorging, habe ich erklärt, dies wird 'Wir werden uns in Ihren Grenzstreit nicht einmischen',
und daß er im Endeffekt den Norden des Landes
nicht Bestand haben."
einnehmen könne.
AMERIKA DIENST 42

Seite 1

�Später erklärten wir dann, 'Nein, das stimmt nicht'. Ich
sagte, 'Nun, das ist einfach. Wie lauteten ihre schriftlichen Instruktionen?' Wir hüten sie sprichwörtlich wie
die Geheimnisse der Atombombe.

Vor der Debatte gingen zahlreiche politische Beobachter davon aus, es werde für Bush die letzte Gelegenheit sein, sich landesweit zu profilieren und Schwungkraft für die letzten beiden Wahlkampfwochen zu
gewinnen. Den Meinungsumfragen zufolge liegt ClinJetzt sage ich, wessen Land ist dies eigentlich? Dies ton landesweit und in den meisten Bundesstaaten vor
ist unser Land. Wem wird es schaden, wenn wir diese dem Präsidenten. Die drei neuesten landesweiten
Papiere auf den Tisch legen? Das schlimmste daran Umfragen sehen Clinton um etwa 18 Prozent vorne.
ist, daß es - wieder- ein Fehler ist. Niemand hat es mit Perot liegt mit weitem Abstand auf dem dritten Platz.
bösen Absichten getan. Ich wehre mich nur gegen die
Tatsache, daß wir Dinge bemänteln und verheimli- Wie bei den beiden vorausgegangenen Präsidentchen, ob es sich um Iran-Contra, Irakgate oder was schaftsdebatten wurde auch dieses Mal umfassend
immer Sie wollen, handelt. Es ist ein ständiger Strom." über Wirtschaft, Führungsqualitäten und Glaubwürdigkeit gestritten.
Zum gleichen Thema meinte Clinton: "Nehmen wir
Herrn Bush doch heute beim Wort. Er hat recht. Wir Der aggressiver auftretende Bush attackierte Clinton
haben zumindest keine Beweise dafür, daß unsere mit der Behauptung, er habe bei Themen wie freiem
Regierung Saddam Hussein gesagt hat, er könne Handel und dem Wehrdienst während des Vietnamdiesen Teil Kuwaits haben, und wir sollten ihm die kriegs stets 'Versucht, es allen recht zu machen".
gebührende Anerkennung für die Organisation von Nachdem Clinton erklärt hatte, die Vereinigten Staaten
Wüstenschild und Wüstensturm zukommen lassen. befänden sich wirtschaftlich im Niedergang, behauptete Bush, Clintons Heimatstaat Arkansas stehe dabei
Es war ein bemerkenswerter Vorgang.
"absolut an letzter Stelle". Bush erklärte: "In nahezu
Schauen wir uns jedoch an, wo meines Erachtens der jeder Kategorie hinken sie hinterher. Ich werde Ihnen
wirkliche Fehler lag. Als im Jahr 1988 der Krieg ein Beispiel geben:
zwischen Irak und Iran endete, wußten wir, daß Saddam Hussein ein Tyrann war. Wir pflegten Umgang mit Er spricht über all die Arbeitsplätze, die er in einem
ihm, weil er gegen den Iran war. Der Feind meines oder zwei Jahren geschaffen hat. In den letzten zehn
Feindes ist vielleicht mein Freund.
Jahren seit er Gouverneur ist, liegen sie um 30 Prozent
- 30 Prozent - unter dem Landesdurchschnitt, bei der
In Ordnung. Der Krieg ist vorbei. Wir wissen, daß er Bezahlung von Lehrern, bei all diesen Kategorien, ist
seine eigene Bevölkerung mit Senfgas bombardiert. Arkansas ganz nah am Bodensatz. Ich habe dies
Wir wissen, daß er gedroht hat, halb Israel in Schutt Ihnen gegenüber bisher noch nicht erwähnt, aber wir
und Asche zu legen. Mehrere unserer Ministerier.
sind jetzt in der entscheidenden Phase, und es ist
mehrere - besaßen Informationen, denen zufolge er meines Erachtens jetzt an der Zeit um zu beginnen, die
unsere Hilfe für militärische Zwecke nutzte und ver- Dinge in die richtige Perspektive zu rücken, und das
suchte, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, aber werde ich tun. Das ist kein schmutziger Wahlkampf,
Ende '89 unterzeichnete der Präsident eine geheime rter.fs o. ^pi U K L;crQi»s seit einem halben Jahr oder seit
Maßnahme, wonach wir weiterhin versuchen würden, 11 Mofuienüütti meine Bilanz. Wir müssen das also
die Beziehungen mit ihm zu verbessern, und wir haben tun. Ich muß es in die richtige Perspektive rücken.
ihn am Vorabend seiner Invasion in Kuwait wissen
lassen, daß wir immer noch bessere Beziehungen Was ist sein Fehler? Geben Sie es zu, Arkansas
wünschten.
schneidet nach allen Maßstäben überaus schlecht ab,
in der Umwelt, bei der Unterstützung von PolizeibeamWas meines Erachtens falsch war - und ich erweise ten, was immer es auch ist."
Ehre, wem Ehre gebührt, aber der Fehler war, Saddam
Hussein zu verhätscheln, als dafür kein Grund bestand Dies zog ein energisches Dementi des Gouverneurs
und hochrangige Vertreter unserer Regierung wußten, nach sich, der dieses Amt bereits seit fünf Amtszeiten
bekleidet. Clinton verwies darauf, Zahlen des Bundesdaß er versuchte, abscheuliche Dinge zu tun."
amts für Arbeitsstatistik zufolge liege "Arkansas dieBush wiederum verwies auf den Erfolg seiner Politik, ses Jahr bei der Schaffung von Arbeitsplätzen landesindem er feststellte: "Wir haben die viertgrößte Armee weit an erster Stelle, an vierter Stelle bei den Arbeitszerstört, und das Schlachtfeld wurde durchsucht, und plätzen in der Produktion, an vierter Stelle beim Abbau
nicht die Spur eines Beweises wurde gefunden, daß der Armut, an vierter Stelle beim Einkommenszusich irgendwelche amerikanische Waffen auf diesem wachs. In den vergangenen zehn Jahren haben wir im
Schlachtfeld befanden", erklärte er. "Und die Nuklear- Verarbeitungsbereich wesentlich schneller Arbeitsplätfähigkeit (des Irak) wurde von den Vereinten Nationen ze geschaffen als im Bundesdurchschnitt. In den
durchleuchtet, uns es gab nicht den Anschein eines vergangenen fünf Jahren lag der Einkommensanstieg
Beweises dafür, daß amerikanische Technologie dabei bei uns über dem Bundesdurchschnitt. Wir haben die
eingesetzt wurde."
zweitniedrigste Steuerlast im Land. Wir haben die

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'
•

�niedrigsten Staats- und Gemeindeausgaben im Land.
Wir geben wenig aus und haben eine niedrige Steuerlast. Wir erhöhen drastisch die Investitionen, und
unsere Arbeitsplätze wachsen. Ich wünschte, Amerika hätte diese Art von Bilanz vorzuweisen, und meines
Erachtens wünschen sich die meisten Menschen, die
uns heute abend zuschauen, daß wir mehr Arbeitsplätze und niedrigere Staatsausgaben hätten."

Clinton stellte fest, er befürworte das NAFTA unter
Bedingungen. Dies, so Bush, sei "typisch" für Clintons
Umgang mit wichtigen Themen. Clinton erklärte,
"Bush war sehr dankbar, als ich zu den Demokraten
gehörte, die feststellten, er solle die Vollmacht haben,
ein Abkommen mit Mexiko auszuhandeln. Weder ich,
noch irgend jemand anders hat ihn, soviel ich weiß,
dazu ermächtigt zu sagen, was für die Arbeitnehmer
dieses Landes und die Interessen dieses Landes das
Zu diesem Thema meinte Perot, der Staat Arkansas Besteist.... Ich sage, daß es (NAFTA) im großen und
sei "ein ziemlich ländlicher Staat. Seine Bevölkerung ganzen mehr Gutes als Schlechtes anrichtet, wenn ist kleiner als die von Chicago oder Los Angeles... wenn - wir einen gewissen Schutz der Umwelt erreiMeines Erachtens machen wir also einen Fehler, wenn chen können, damit die Mexikaner ihre eigenen
wir Abend für Abend die Zukunft der Nation an einer Umwertnormen einhalten müssen, ihre eigenen arsolch kleinen Einheit messen."
beitsrechtlichen Normen und wenn wir eine aufrichtige
Verpflichtung erreichen, die amerikanischen ArbeitBush und Clinton kritisierten gegenseitig ihre Wirt- nehmer fortzubilden und umzuschulen, die ihre Arschaftspläne, und Perot meinte, keiner von beiden beitsplätze verlieren und wenn wir in diese Wirtschaft
Plänen würde funktionieren. Bush verwies darauf, die erneut investieren. Ich habe eine realistische Haltung
wirtschaftliche Bilanz seiner Regierung sei nicht so zum Handel. Ich möchte mehr Handel, und ich weiß
schlecht, und viele Amerikaner profitierten von niedri- daß dieses Abkommen einige gute Elemente enthält,
gen Zinssätzen und niedriger Inflationsrate. Der Prä- aber es kann sicherlich noch verbessert werden."
sident erklärte, Clinton werde im Falle seiner Wahl "der
Mittelschicht Saures geben", und der Gouverneur von In ihren Abschlußbemerkungen baten die drei KandiArkansas antwortete darauf, er werde "die Steuern für daten zum Ende einer Serie von drei Fernsehdebatten
die Mittelschicht nicht erhöhen", während der Präsi- in nur acht Tagen das amerikanische Volk um seine
dent selbst einer großen Steuererhöhung zugestimmt Unterstützung. Clinton erklärte, erbiete "einen neuen
und dann "sein Veto gegen Steuererleichterungen für Ansatz. Kein Ansatz einer Wirtschaft, die auf den
die Mittelschicht dieses Jahr eingelegt" habe. Clinton Sickereffekt setzt. Er ist 12 Jahre lang versucht
stellte darüber hinaus fest, Bush befürworte eine Wirt- worden und gescheitert. Mehr Menschen arbeiten
schaftspolitik des "Durchsickems", die der Mittelschicht härter für weniger Geld, monatlich verlieren 100.000
schade.
Menschen ihre Krankenversicherung, die Arbeitslosigkeit steigt, unsere Konjunktur verlangsamt sich. Wir
können es besser machen. Und dabei handelt es sich
nicht um eine Wirtschaftspolitik höherer Steuern und
Staatsausgeben. Es geht um Investitionen und Wachstum, die Menschen sollen in den Mittelpunkt gestellt,
die Kosten im Gesundheitswesen kontrolliert und eine
medizinische Grundversorgung für alle Amerikaner
sichergestellt werden, wir müssen ein Bildungssystem
haben, das keinem anderen nachsteht, und wir müssen die Privatwirtschaft wiederbeleben. Das ist meine
Verpflichtung Ihnen gegenüber. Es ist die Art von
Wandel, der zu Beginn des letzten Jahrzehnts dieses
Jahrhunderts und auf dem Weg in das 21. Jahrhundert
eine ganz neue Wert von Chancen für Amerika eröffnen kann. Ich möchte ein Land, in dem Menschen, die
hart arbeiten und sich an die Spielregeln harten, belohnt und nicht bestraft werden. Ich möchte ein Land,
in dem die Menschen über die Grenzen von Rasse,
Bush entgegnete, es gebe bereits heute erhebliche Religion und Einkommenzueinanderfinden. Ich weiß,
Lohnunterschiede zwischen Mexiko und den USA. wir können es besser machen. Es wird keine Wunder
Bush zufolge werde "der Freihandel unsere Arbeits- erfordern, und es wird nicht über Nacht stattfinden,
marktchancen verbessern". Es seien "die Exporte, die aber wir können es viel, viel besser machen, wenn wir
uns gerettet haben, als wir in einer weltweiten Wirt- den Mut zu Veränderungen haben."
schaftsflaute steckten, einer weltweit verflochtenen
Flaute, einer Rezession in einigen Ländern. Und es ist Bush stellte fest, Arbeitsplätze seien "Priorität Numder freie Handel, der faire Handel, der unser Marken- mer 1, und ich gehe davon aus, daß mein Programm
zeichen sein muß, und wir benötigen mehr Freihan- zur Ankurbelung von Investitionen, zur Förderung kleiner
und mittlerer Unternehmen, eines brandneuen Ansatdelsabkommen, nicht weniger."

Zum Thema eines Freihandelsabkommens mit Mexiko und Kanada (NAFTA) erklärte Bush, er sei dafür,
während Perot angab, er lehne es ab, weil man in
Mexiko "den Leuten einen Dollar pro Stunde bezahlt,
es keine Krankenversicherung gibt, keine Renten,
keine Kontrollen gegen Umweltverschmutzung, et cetera,
et cetera, et cetera." Dies werde dazu führen, daß
Arbeitsplätze "gerade zu einem Zeitpunkt aus diesem
Land (USA) abgezogen werden, an dem wir das Steueraufkommen benötigen, um die Schulden zu bezahlen und die Zinsen auf die Schulden zu begleichen und
unser Haus wieder in Ordnung zu bringen." Die
Experten hätten ihm gesagt, so Perot, die Löhne in
Mexiko würden "schließlich auf 7,50 Dollar pro Stunde
steigen, und unsere werden schließlich auf 7,50 Dollar
pro Stunde fallen. Da führt Ihr Euch doch wirklich gut,
wenn Ihr das hört, nicht wahr?"

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Seite 3

�zes im Bildungswesen, einer Stärkung der amerikanischen Familie und - ja - Schaffung zusätzlicher Exporte
der richtige Weg ist. Ich glaube nicht an einen Staat,
der auf den Sickereffekt vertraut. Ich glaube nicht an
höhere Steuern und mehr Staatsausgaben.

Frage lautet in Wahrheit, wen wollen Sie im Weißen
Haus? Nun, Sie müssen aufhören, diesen Leuten zu
gestatten, Ihnen zu sagen, wen Sie wählen sollen. Sie
müssen aufhören, diesen Presseleuten zu gestatten,
Ihnen zu sagen, Sie würden ihre Stimme verschwenden. Sie müssen beginnen, selbst Ihren Kopf zu
Einige meinen, Außenpolitik sei irrelevant. Ich glaube benutzen. Dann lautet die Frage, können wir regieren?
das nicht. Wir leben in einer miteinander verflochtenen Ich liebe diese Frage. Wir, das sind Sie und ich. Sie
Welt. Die ganze Welt steckt in wirtschaftlichen Schwie- können Ihren Hut darauf verwetten, daß wir regieren
rigkeiten. Die Vereinigten Staaten schneiden besser können, denn wir werden zusammen dabei sein. Und
ab als viele andere.
wir werden herausfinden, was zu tun ist, und Sie
werden ein Patt nicht länger akzeptieren. Sie werden
Aber wir können es noch wesentlich besser machen. keine divergierenden Interessen mehr tolerieren, und
Und wenn eine Krise auftritt, dann frage ich, wer besitzt Sie werden keine nicht vorhandenen Leistungen mehr
die Urteilskraft und Erfahrung - und auch den Charak- akzeptieren. Und, glauben Sie mir: Jeder, der mich
ter -, um die richtige Entscheidung zu treffen? Und kennt, weiß, daß meine Toleranzschwelle für nicht
zuletzt, am gestrigen Abend hat Gouverneur Clinton vorhandene Leistungen äußerst dürftig ist. Gemeinzum Thema Charakter erklärt, es gehe nicht um den sam können wir alles schaffen.
Charakter des Präsidenten, sondern um den Charakter der Präsidentschaft. Meine Auffassung ist der Der Präsident erwähnte, daß Sie in einer Krise die
seinigen diametral entgegengesetzt. Horace Greely richtige Person brauchen. Nun Leute, wir haben eine,
hat einmal gesagt, das einzig Dauerhafte sei der und diese Krise ist eine Finanzkrise. Ganz einfach,
Charakter. Und ich glaube, es war Richter Black, der wer ist die am besten qualifizierte Person hier oben auf
gesagt hat, daß große Nationen wie große Männer zu der Bühne um Arbeitsplätze zu schaffen? Treffen Sie
ihrem Wort stehen müssen. Die Frage lautet also, wer Ihre Entscheidung und wählen Sie am 3. November.
wird diese Nation bewahren? Wer wird unsere Bevöl- Ich schlage vor, Sie ziehen jemanden in Erwägung, der
kerung und unsere Kinder schützen? Ich brauche Ihre Arbeitsplätze geschaffen hat. Zweitens, wer ist die
Unterstützung. Ich bitte um Ihre Stimme. Und möge beste Person, um mit Geld umzugehen? Ich schlage
Gott die Vereinigten Staaten von Amerika schützen." vor, Sie wählen jemanden, der erfolgreich mit Geld
In seiner abschließenden Erklärung versprach Perot,
dies sei "heute abend nur der Anfang. In den nächsten
beiden Wochen werden wir mit Volldampf weitermachen um zu gewährleisten, daß Sie eine Stimme
bekommen und daß Sie Ihr Land zurückbekommen..."
"Die Frage lautet nun, können wir gewinnen? Ganz
sicher können wir gewinnen, denn es ist Ihr Land. Die

umgegangen ist. Wer ist die beste Person, um Resultate zu erzielen und nicht Gerede? Schauen Sie sich
die Bilanz an und treffen Sie Ihre Entscheidung. Und
schließlich, wem würden Sie Ihren Pensionsfonds und
Ihre Ersparnisse zur Verwaltung anvertrauen? Und
zuletzt, wem würden Sie Ihr Vermögen und Ihre Kinder
anvertrauen, wenn Ihnen etwas zustoßen sollte?"

* * * * *

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'92
21. Oktober 1992

REKORDZAHL VON KANDIDATINNEN BEI WAHLEN '92
Dramatischer Zuwachs im Kongreß erwartet
WASHINGTON - (AD) - Mehr amerikanische Frauen
als je zuvor streben ein Wahlamt an, und es wird
erwartet, daß Kandidatinnen für Sitze im Kongreß bei
den am 3. November stattfindenden Wahlen Rekordgewinne erzielen.

der größten Gewinne" in 20 Jahren, stellt Smeal fest.
"Dieses phänomenale Durchbruchs-'Jahr der Frau'
wird die Starthilfe für ein 'Jahrzehnt der Frauen' sein,
in dem das Ziel von 50 Prozent Frauen im Kongreß bis
zum Jahr 2000 verwirklicht wird."

Die großen Parteien haben 11 Frauen für den Senat
und 108 Frauen für das Repräsentantenhaus nominiert. Damit wurden neue Rekordmarken für beide
parlamentarische Gremien erzielt, und viele der Kandidatinnen gehen als Favoriten in die Wahlen.

Die Studievon Feminist Majority zeigt, daßdie Zahl der
Bewerberinnen in den Kongreßwahlen 1992 64 Prozent höher liegt als 1990. Der Bericht verweist auf die
steigende Zahl der Frauen, die von Republikanern und
Demokraten nominiert wurden oder sich als unabhängige Kandidatinnen bewerben.

"Noch bevor in der Wahlnacht die Stimmen ausgezählt
werden, wissen wir, daß Frauen große Gewinner sein
werden", erklärt Eleanor Smeal, Präsidentin des Fonds
für die feministische Mehrheit (Fund for the Feminist
Majority), der kürzlich eine landesweite Untersuchung
über weibliche Kandidaten veröffentlicht hat.

An den Kongreßwahlen nehmen doppelt so viele Frauen bei den Demokraten wie bei den Republikanern teil,
nämlich 71 gegenüber 37. Die Demokraten haben 10
Frauen für den Senat nominiert, und bei den Republikanern bewirbt sich eine Frau um einen Sitz im Senat.
Drei Frauen - eine Republikanerin und zwei Demokratinnen - wurden für drei der 12 neu zu besetzenden
Gouverneursposten nominiert.

Smeal prognostiziert, daß im Repräsentantenhaus mit
seinen 435 Sitzen mindestens 50 Frauen vertreten
sein werden. Gegenwärtig gibt es dort 29 weibliche
Abgeordnete. Sie geht ferner davon aus, daß im Die politischen Chancen von Frauen haben sich dieses
Senat, in dem zur Zeit zwei Frauen vertreten sind, bis Jahr aus einer Reihe von Gründen verbessert. Darunter fallen der Ruf nach "Veränderungen" auf allen
zu sechs Frauen einen Sitz erringen können.
Regierungsebenen, die ablehnende Haltung der Wähler
Frauen halten gegenwärtig 18 Prozent der Sitze in den gegenüber Abgeordneten, die mit dem Skandal um die
Parlamenten der Bundesstaaten, und Smeal zufolge Hausbank des Kongresses und anderen Affären in
könnte dieser Anteil nach den Wahlen im November Verbindung gebracht werden, die Ablehnung einer
auf über 20 Prozent steigen. Einige Bundesstaaten, Begrenzung des Rechts auf Abtreibung sowie die
darunter zum Beispiel Washington, könnten ihr zufol- Neueinteilung von Wahlkreisen, die aufgrund bei der
ge in ihren Parlamenten ein Gleichgewicht zwischen Volkszählung im Jahr 1990 festgestellter demographiden Geschlechtern erlangen.
scher Veränderungen im Rahmen des Wahlrechtsgesetzes vorgenommen wurde.
Im Jahr 1992 werden Frauen "der gläsernen Wand in
der Politik den ersten großen Sprung zufügen", erklärt Ein weiterer Faktor ist Smeal zufolge "das VermächtSmeal in Anspielung auf ein Phänomen, das als un- nis von Anita F. Hill", der Juraprofessorin aus Oklahosichtbare und unüberwindbare Barriere charakterisiert ma, deren im Jahr 1991 gegen den für das Oberste
worden ist, die verhindert, daß Frauen in höchste Bundesgericht nominierten Clarence Thomas erhobeberufliche Positionen aufrücken.
ne Beschuldigungen der sexuellen Belästigung zu
"Wir werden den prozentualen Anteil von Frauen im langwierigen Anhörungen durch den Justizausschuß
US-Kongreß verdoppeln - von fünf Prozent auf zehn des Senats führten, die landesweit im Fernsehen
Prozent, der erste jemals verzeichnete erhebliche übertragen wurden. Politische Beobachter gehen
Anstieg - und doppelt so hoch wie der Zuwachs in den davon aus, daß weibliche Kandidaten, besonders die
Parlamenten der Bundesstaaten, mit dem Ergebnis Bewerberinnen um einen Sitz im nahezu völlig aus

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Sehe 1

�Männern bestehenden Senat, durch die bittere Kontroverse über den Umgang des Senats mit den Beschuldigungen von Hills einen starken Schub bekommen
haben.

beide Senatssitze aufgestellt wurden. Zum ersten Mal
nominierten die Kalifornier Kandidaten für die gleichzeitige Besetzung von zwei Senatssitzen, und die
Tatsache, daß beide demokratische Nominierungen
an Frauen gingen, ist ein einzigartiger Vorgang in der
Hills "mutige Haltung hat den Frauen überall geholfen, amerikanischen Politik.
die dringende Notwendigkeit weiterer Frauen in öffentlichen Amtern zu verstehen... Zahlreiche Frauen auf "Für uns alle waren die historischen Kampagnen von
allen Ebenen entschlossen sich aufgrund der Exklusi- Dianne Feinstein und Barbara Boxer für den US-Senat
vität und nicht vorhandenen Sensibilität des nur aus phantastisch, aber die kalifornischen Frauen haben
Männern bestehenden Justizausschusses des Senats dieses Jahr auch die Zahl von Bewerberinnen für das
zu einer Bewerbung", meint Smeal.
Parlament dieses Bundesstaates gegenüber 1990 um
enorme 80 Prozent gesteigert. Dies ist ein direktes
Die Jungpolitikerin Lynne Yeakel von der Demokrati- Ergebnis der intensiven Rekrutierung von Kandidatinschen Partei kandidierte in der Vorwahl des Staates nen, die vom Fund forthe Feminist Majority angeführt
Pennsylvania, weil sie sich über die aggressive Befra- wurde", erläutert Smeal.
gung Anita Hills durch Senator Arien Specter bei der
Anhörung geärgert hatte. Yeakel, die Mitbegründerin "In vielen Staaten", so fügt sie hinzu, "haben die
und Präsidentin von Women'sWay ist, einer Organisa- Feminist Majority, die National Organization for Women
tion, die Spenden für Frauenanliegen sammelt, errang und andere Gruppen, die für die Rechte der Frau
in der Vorwahl im vergangenen April einen aufsehen- eintreten, feministische Frauen rekrutiert, um die
erregenden Sieg. Heute liefert sie sich ein Kopf-an- Wahlliste zu überfluten und sich um öffentliche Ämter
Kopf-Rennen mit Senator Specter.
zu bewerben. Diese Kampagnen zur Feminisierung
der Macht haben - in Bundestaaten wie Kalifornien,
In Illinois machte die Demokratin Carol Moseley Braun, New York, Oregon, Tennessee, Florida und South
die Grundbuchbeamtin des Cook County, Geschichte, Carolina - mit Erfolg die politische Landschaft veränals sie in der im März veranstalteten Vorwahl ihres dert."
Bundesstaates den Senator Alan Dixon schlug. Sie
kandidierte teilweise wegen Dixons Stimme für die Smeals zufolge ist der "Durchbruch" von Frauen in der
Bestätigung von Thomas. Brauns Sieg katapultierte Politik im Jahr 1992 "die Folge all der gescheiterten
sie in das nationale Rampenlicht und machte sie über Versuche ein gesetzlich verankertes Recht auf AbtreiNacht außerhalb von Illinois bekannt. Damit wurde der bung durchzusetzen, den Verfassungszusatz über
Weg für ihre mögliche Wahl zur ersten schwarzen Gleichberechtigung, das Gasetz über Familien- und
Senatorin der Vereinigten Staaten frei.
Krankenurlaub sowie Maßnahmen gegen sexuelle
Belästigung zu verabschieden, um nur wenige zu
Eine Bewerberin in den Kongreßwahlen in Iowa, die nennen".
Demokratin Elaine Baxter, hat wahrscheinlich landesweit mit die besten Chancen, einen Amtsinhaber aus Sie nrnonostiziert, daß dieses "Jahr der Frau" zum
dem Rennen zu werfen. Baxter, die zur Zeit Staatsse- "Jahrzehnt der Frauen" werden wird, weil die Technikretärin in Iowa ist, kandidiert gegen den republikani- ken zur Rekrutierung von Frauen immer wirkungsvolschen Amtsinhaber Jim Lightfoot in einem neu einge- ler werden und sich die Infrastruktur zur Unterstützung
teilten Wahlkreis. Lightfoot schnitt bei der Neueintei- von Kandidatinnen überproportional verbessert hat.
lung schlechter ab als alle anderen Republikaner im
Land: lediglich 13 Prozent der Bevölkerung in seinem Neben Boxer, Feinstein, Braun und Yeakel wurden
neuen Wahlkreis sind mit der des alten identisch, und dieses Jahr folgende Frauen von der Demokratischen
der Großteil des neuen Wahlkreises liegt in einer Me- Partei für ein Mandat im Senat nominiert: die Amtsindienregion, in der Lightfoot kaum bekannt ist. In haberin Barbara Mikulski aus Maryland, Jean LloydLightfoots neuem Wahlkreis gibt es darüber hinaus Jones (Iowa), Gloria O'Dell (Kansas), Geri Rothmanwesentlich mehr demokratische Wähler als in seinem Serot (Missouri), Ciaire Sargent (Arizona) und Patty
Murray (Washington).
alten.
Die Kampagnen zur "Feminisierung der Macht" sind
eine weitere Kraft, die Smeal zufolge die politischen
Aussichten von Frauen in diesem Jahr gestärkt haben.
Sie verweist darauf, daß ein schlagendes Beispiel
dafür in Kalifornien zu finden ist, wo die Kongreßabgeordnete Barbara Boxer und die ehemalige Bürgermeisterin von San Francisco, Dianne Feinstein, - beides
Demokratinnen - bei den Vorwahlen am 2. Juni für
* *

Seite 2

Charlene Haar aus South Dakota ist die einzige für den
Senat nominierte Republikanerin.
Die für Gouvemeursposten aufgestellten Kandidatinnen sind die Republikanerin Elizabeth Leonard in
Rhode Island sowie die Demokratinnen Dorothy Bradley in Montana und Deborah Arnie Arnesen in New
Hampshire.
* *

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�WAHLEN

'92
21. Oktober 1992

ZAHLREICHE "DRITTE" PARTEIEN TRETEN BEI
AMERIKANISCHEN WAHLEN AN
Wenige finden Anklang beim Wähler
Die im Jahr 1971 gegründete Libertarian Party geht
von der Überzeugung aus, das Ziel des Staates bestehe darin, allen Bürgern ein Höchstmaß an Freiheit zu
gewähren. Ihr Präsientschaftskandidat Andre Marrou,
ein ehemaliger Abgeordneter im Parlament von Alaska, vertritt Positionen, die von der Abschaffung sämtlicher Beschränkungen des Rechts auf Abtreibung bis
zur Freigabe von Drogen reichen. Einem ihrer Kandidaten für den Kongreß zufolge glaubt die Partei an eine
größtmögliche persönliche Wahlfreiheit für jeden Bürger, solange man "weder Gewalt noch Betrug gegen
Die Apathy Party, die Looking Back Group, die Prohi- andere anwendet".
bition Party, die Take Back America Party und die New
Party (letztere von der National Organization for Women Die 1979 von dem marxistischen Psychotherapeuten
gegründet) gehören laut Presseberichten zu den Fred Newman in New York gegründete New Alliance
Gruppen, die Kandidaten aufstellen und dem Wähler Party befürwortet die Senkung der VerteidigungsausPositionen, Maßnahmen und Versprechungen anbie- gaben und die Garantie des Rechts auf Krankenversicherung und Wohnung für alle Bürger. Daneben
ten.
unterstützt die NAP unter anderem die Rechte von
In dem Zweiparteiensystem, das sich in den Vereinig- Arbeitern, Frauen, Minderheitengruppen und Homoten Staaten entwickelt hat, sind dritte Parteien, die eine sexuellen. Sie geht davon aus, daß die traditionelle
solch große Herausforderung wie Ross Perot im Jahr Partei der Linken, die Demokraten, nicht progressiv
1992 darstellen können, äußerst selten. Dritte Partei- genug ist. Präsidentschaftskandidatin der NAP ist
en sind jedoch stets Bestandteil der amerikanischen Lenora Fulani, ebenfalls eine Psychotherapeutin aus
Szene gewesen, und wie Perot haben sie bisweilen New York.
einen wesentlichen Beitrag zum politischen Dialog
ihrer Zeit geliefert, wie etwa Theodore Roosevelts Bull Die U.S. Taxpayers Party wurde 1990 von KonservaMoose Party im Jahr 1912 oder die gegen die Sklaverei tiven gegründet, die der Meinung waren, daß der
eingestellte Free Soil Party in der Mitte des 19. Jahr- Reagan-Bush-Flügel der Republikanischen Partei zu
gemäßigt ist. Ihr Gründer und Präsidentschaftskandihunderts.
dat Howard Phillips, ein ehemaliger Mitarbeiter von
Im allgemeinen war ihr Einfluß jedoch stets sehr be- Präsident Richard Nixon, befürwortet die Reduzierung
scheiden. Die Notwendigkeit zur Bildung separater der Bundesausgaben, Beseitigung der EinkommenOrganisationen in jedem Bundesstaat erfordert häufig steuer und Einstellung staatlicher Unterstützung für
mehr Geld und Personal als diese Gruppen für sich Schwangerschaftsabbrüche sowie den Austritt der
gewinnen können. Einige haben mehr Erfolg als Vereinigten Staaten aus multilateralen Organisationen
andere. Nachfolgend eine Liste kleinerer Parteien, die wie der UNO.
im Jahr 1992 Präsidentschaftskandidaten ins Rennen
schicken und es geschafft haben, auf den Stimmzet- Die 1992 gegründete Natural Law Party leitet ihre
teln in einer relativ großen Anzahl von Bundesstaaten Philosophie von den Lehren des in Indien geborenen
Gurus Maharishi Mahesh Yogi her und befürwortet den
zu erscheinen:

WASHINGTON - (AD) - Obwohl sie nahezu die
gesamte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erhalten,
sind Präsident Bush, Bill Clinton und Ross Perot
dieses Jahr weder die einzigen Präsidentschaftskandidaten, noch sind die Republikanische und die Demokratische Partei die einzigen antretenden Parteien.
Auf den Stimmzetteln zahlreicher Bundesstaaten erscheinen Bill Kimberling von der Bundeswahlkommission zufolge in diesem Wahljahr rund 24 Präsidentschaftskandidaten kleinerer Parteien.

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�staatlichen Einsatz der transzendentalen Meditation
zur Schaffung einer friedlichen Atomsphäre sowie
elektronische Gehirnuntersuchungen für alle Kandidaten,umeine"Gehirnkarte"zuerstellen,dieeinegesunde oder kranke Hirnfunktion anzeigt. Der Präsidentschaftskandidat der Partei ist John Hagelin, ein in
Harvard ausgebildeter Physiker.
Die Populist Party unterstützt die "Werte und Überzeugungen der Mehrheit aus der Mittelschicht". Im Jahr
1988 war der ehemalige Ku-Klux-Klan-Führer David
Duke Präsidentschaftskandidat der Partei. Ihr derzeitiges Programm lehnt Gleichstellungsprogramme und

"Rassismus gegen Weiße" ab. Der 53jährige James
"Bo" Gritz aus Nevada, ein ehemaliges Mitglied der
"Green Berets" ist Präsidentschaftskandidat der Partei
im Jahr 1992.
Das National Democratic Pcücy Committee, das Pres
sebericfrten zufolge unter der Führung von Lyndon
LaRouche gegen die von der englischen Königsfamilie
angeführte weltweite Drogenverschwörung kämpft,
Kernenergie und Weltraumaktivitäten befürwortet, warnt
ferner vor einem bevorstehenden weltweiten wirtschaftliehen Zusammenbruch.

* * * *

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92
21. Oktober 1992

JUGENDLICHE UND STUDENTEN ZIELGRUPPEN
FÜR POLITISCHE PARTEIEN
Organisationen aktiv in Colleges
WASHINGTON - (AD) - Republikaner und Demokraten durchkämmen im ganzen Land die Colleges, um
nichtgebundene Studenten für die Abstimmung bei der
Präsidentschaftswahl am3. November zu registrieren.

Committee - AIPAC)" und ähnliche Gruppen mit Organisationen auf Universitätsebene. Als ein Mittel, um
Studenten für politisches Engagement zu gewinnen,
wurden "Demonstrationen veranstaltet", bei denen in
Zusammenarbeit mit "Leuten in Hollywood bekannte
"Die Stimmen der Jungwähler stellen ein erstaunliches Stars zu Colleges im ganzen Land reisten", um für das
Potential dar", erklärt die Pressesprecherin des von Programm der Demokraten Wahlpropaganda zu
den College-Demokraten ins Leben gerufenen Pro- machen.
jekts "Vote for Change", Julie Brof. "Es gibt über 7
Millionen Studenten zwischen 18 und 24 Jahren, aber "Unsere nächste Veranstaltungsrunde", erklärt Brof,
im Jahr 1988 gingen nur 48 Prozent davon zur Wahl." "wird darauf ausgerichtet sein, in die Gemeinden hinDas Mindestalter der Wählerregistrierung liegt in den einzugehen, da wir unter den Studenten selbst einen
solchen Elan festgestellt haben, daß wir der ÜberzeuVereinigten Staaten bei 18 Jahren.
gung sind, wir können ihre Bemühungen in der Ge"Wir hoffen, die Registrierung um 10 Prozent zu stei- meinde verbreiten, in der sie angesiedelt sind."
gern und damit die Zahl der Wähler auf rund 60 Prozent
zu erhöhen", fügt Brof hinzu. "In Meinungsumfrage auf Auch die Republikaner bemühen sich intensiv um die
Meinungsumfrage stellen wir fest, daß sich die Stu- Registrierung von Jungwählern. Der nationale Judenten über viele Fragen Sorgen machen - nur haben genddirektor der Kampagne Bush-Quayle '92, Bill
sie in vielen Fällen noch nicht die Verbindung zwischen Spadea, verweist darauf, daß das College Republican
diesen Problemen und wahlpolitischen Maßnahmen in National Committee "landesweit über 110.000 MitglieAmerika hergestellt. Wir versuchen, für sie diese der" hat und an über 1.100 Colleges "in allen 50
Verbindung zu schaffen, indem wir ihnen vor Augen Bundesstaaten organisiert" ist.
führen, daß Wählen für sie die leichteste Möglichkeit
darstellt, um ihre Meinung zu verdeutlichen, wenn sie Die Studenten sind laut Spadea "die Fußsoldaten des
Wahlkampfs für den Präsidenten an der Basis". Die
auf nationaler Ebene Einfluß nehmen möchten."
College-Republikaner seien "aktiv unter den anderen
Brof zufolge hat die Demokratische Partei Ortsvereine College-Studenten und jungen Leuten in ihren Ge"an über tausend Universitäten landesweit". Ihr wich- meinden", um Bushs Botschaft von "niedrigen Steuern
tigstes Anliegen war dieses Jahr die Wählerregistrie- und weniger Staat" zu vermitteln.
rung. Obwohl dies bei Studenten, die häufig weit
entfernt von ihrem heimatlichen Wahlkreis auf dem Die Bemühungen umfaßten "themenspezifische BriefUniversitätsgelände wohnen und Anträge auf Brief- und Telefonaktionen" und richteten sich an "junge
wahl einschicken müssen, eine zeitraubende Aufgabe Leute, (jüngere) Collegeabsolventen, zur Wahl regisein kann, verweist Brof darauf, daß ihre Organisation strierte Schüler von High Schools und Schüler im
300.000 Studenten für die diesjährige Präsidenten- Collegealter, die nicht unbedingt ein College besuchen
müssen und hauptsächlich durch Werbeaktionen und
wahl registriert hat.
Verteilung von Literatur in lokalen Einkaufszentren, bei
"Als Teil dieses Projekts arbeiten wir mit anderen Veranstaltungen der Republikanischen Partei und bei
Gruppen zusammen, darunter etwa die UmweKorgani- Jahrmärkten angesprochen werden. Wir verbringen
sation Greenvote, die Nationale Liga für das Recht auf den Großteil des Sommers damit, bei diesen JahrAbtreibung (National Abortion-Rights League - NA- märkten auf Kreis- und Bundesstaatsebene Leute zur
RAL), das Komitee für amerikanisch-israelische öf- Wahl einzuschreiben, und dies ist Teil unserer Wahlfentliche Angelegenheiten (American-Israel Public Affairs kampfstrategie."
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Seite 1

�Wie die Demokraten schickt auch Spadea seine ehrenamtlichen Helfer aus, um "bei all den anderen Koalitionsgruppen mitzuarbeiten - der Koalition der Afroamerikaner, der jüdischen Koalition, der katholischen
Koalition und Koalitionen der Bush-Kampagne, die
verschiedene Gruppen ansprechen wollen". Darüber
hinaus seien "Republikaner im Teenagealter landesweit" in 50 Bundesstaaten organisiert, während sich
die Organisation "Young Republicans" an Jungakademiker richte.

"Der Grund, warum so viele junge Leute nicht wählen",
erklärt Spadea, "ist, daß es keine strukturierte Kampagne-wie wirsie jetzt führen-gegeben hat, umsiedafür
zu werben. Wir bemühen uns um die NichtWähler, weil
wir bei jungen Leuten vielfach die Erfahrung gemacht
haben, daß sie an der Seite festhalten, die zu ihnen
durchdringt - die ihnen die Ideen liefert und sie für ein
Team gewinnt. Wenn man jemanden rekrutiert, der
18,19, 20 Jahre alt ist, dann wird er im allgemeinen
sein Leben lang Republikaner bleiben."

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�KONGRESS
21. Oktober 1992

KONGRESS BEENDET 102. LEGISLATURPERIODE
Gesetze zu Auslandshilfe und Rüstungskontrolle verabschiedet
WASHINGTON - (AD) - Die 102. Legislaturperiode
des Kongresses ging am 9. Oktober 1992 zu Ende. In
dem verstrichenen Jahr wurden alle wesentlichen
parlamentarischen Vorhaben abgeschlossen, obwohl
Konflikte mit Präsident Bush Fortschritte bei einer
Reihe wichtiger Wirtschaftsthemen verhinderten.
Die Parlamentarier verabschiedeten alle Bewilligungsgesetze für die 13 Ressorts der amerikanischen Regierung, einschließlich eines Verteidigungshaushalts,
der eine weitere Modernisierung des Militärs bei gleichzeitiger zahlenmäßiger Reduzierung vorsieht. Sie
genehmigten dringend benötigte humanitäre Hilfe für
Rußland und andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion, verabschiedeten ein allgemeines Auslandshilfegesetz, ratifizierten einen epochalen Vertrag zur
Reduzierung strategischer Kernwaffen und konzipierten ein Gesetz für eine unabhängige Energieversorgung.
Die Überparteilichkeit hörte jedoch bei innenpolitischen Fragen auf, eine Entwicklung, die von den
Randerscheinungen des Skandals um die Kongreßbank und der wachsenden Ablehnung der gegenwärtigen Amtsinhaber seitens der Wähler noch verschärft
wurde, die in den bevorstehenden Wahlen am 3.
November zahlreiche Kongreßmitglieder abzuwählen
drohen.

Die erste Konfrontation ergab sich, als der Kongreß
Bushs Wirtschaftsplan die Zustimmung verweigerte.
Daraufhin legte Bush sein Veto gegen einen im März
vom Kongreß verabschiedeten Plan ein. Bei der
Ablehnung des Bush-Pakets hatten die Demokraten
einen Gegenvorschlag präsentiert, der viele von Bushs
Vorschlägen enthielt, jedoch Steuersenkungen für
Bezieher mittlerer Einkommen auf Kosten von Steuererhöhungen für die Reichen vorsah.
Bush und seine Verbündeten im Kongreß machten
Ende März einen weiteren Wirtschaftsvorschlag der
Demokraten zunichte, als sie im Repräsentantenhaus
eine Maßnahme ablehnten, die Gelder aus vorgesehenen Einsparungen im Verteidigungshaushalt in innenpolitische Sozialprogramme umleiten sollte. Bush
hatte darauf bestanden, daß sogenannte "Feuerschneisen" zwischen den Ausgabenkategorien gemäß dem
Haushaltsgesetz von 1990 die erforderliche Haushaltsdisziplin gewährleisteten. Alle 162 abstimmenden Republikaner standen einstimmig hinter Bush als
das Repräsentantenhaus den Änderungsvorschlag
ablehnte.
Bemühungen zur Verabschiedung einer noch gewichtigeren Veränderung der Haushaltsverfahren - durch
Annahme eines Zusatzes zur US-Verfassung, der
einen ausgeglichenen Haushalt vorschreibt - scheiterten im Juni und Juli.

Das parlamentarische Jahr begann mit Präsident Bushs
Bericht zur Lage der Nation, in dem er seine Pläne zur
Ankurbelung der lethargischen amerikanischen Wirtschaft skizzierte, die eine während seiner gesamten
Präsidentschaft vergeblich angestrebte Senkung der
Kapitalertragssteuer vorsahen.

Bush hatte bis zu den letzten Tagen der Legislaturperiode eine makellose Vetobilanz vorzuweisen. Während seiner Präsidentschaft hatte er 35 Gesetze abgelehnt, davon 10 in diesem Jahr, ohne jemals überstimmt zu werden. Die Demokraten im Kongreß
durchbrachen schließlich dieses Muster als zunächst
Die demokratische Führung im Kongreß antwortete, der Senat und danach das Repräsentantenhaus am 3.
sie werde die außenpolitischen Bemühungen des Oktober genug Stimmen aufbrachten, um gegen den
Präsidenten unterstützen, während seine Wirtschafts- Widerstand des Präsidenten ein populäres Gesetz
initiativen einer genauen Prüfung unterzogen würden. durchzubringen, das die Regulierung der KabelfernAlternativpläne für Wirtschaftswachstum und eine sehindustrie wiedereinführt.
Steuerreform erwiesen sich als Stoff für ständige
Auseinandersetzungen, die das gesamte Jahr über Trotz der Anzeichen für ein Patt in vielen Bereichen
andauerten - und bei Beendigung der Legislaturperio- wurden 1992 wichtige außenpolitische und Verteidide waren diese Probleme weiterhin ungelöst.
gungsgesetze verabschiedet.

AMERIKA DIENST 42

Sehe 1

�Der Senat ratifizierte den historischen Vertrag zur
Reduzierung strategischer Kernwaffen (START) und
machte damit für die Vereinigten Staaten und die
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion den
Weg frei, um Tausende von strategischen Kernwaffen
zu demontieren. Die Senatoren ratifizierten darüber
hinaus einen Vertrag, der Bergbau und Ölbohrungen in
der Antarktis für mindestens 50 Jahre untersagt und
andere Aktivitäten reguliert, die deren empfindliche
Umwelt beeinträchtigen könnten.

rungsfonds abzudecken sowie weitere 10 Milliarden
Dollar für Kreditbürgschaften, um Israel bei der Ansiedlung von Einwanderern zu helfen. Das Gesetz
sieht zusätzliche Kürzungen des Verteidigungshaushalts vor und zweigt Mittel für Wirtschaftshilfe ab.

Die Abgeordneten verabschiedeten ein allgemeines
Auslandshilfegesetz über 13,9 Milliarden Dollar. Das
Gesetz für 1993 enthält weitere Verpflichtungsermächtigungen über 12,3 Milliarden Dollar, um die amerikanische Quotenerhöhung für den Internationalen Wäh-

Aufgrund der Rekordzahl von Parlamentariern, die in
den Ruhestand treten, in Vorwahlen besiegt wurden
oder ein anderes Amt anstreben - und der erwarteten
Abwahl von Amtsinhabern bei den allgemeinen Wahlen am 3. November, werden bei Eröffnung der 103.

Der Kongreß hat für das Haushaltsjahr 1993 274,5
Milliarden Dollar für Verteidigungszwecke bewilligt.
Dabei ist bis zum Jahr 1996 eine Verringerung der
amerikanischen Truppen in Europa auf 100.000 vorgesehen. Das Gesetz stellt für das Haushaltsjahr 1993
Darüber hinaus ratifizierten sie das beim UN-Umwelt- 4,050 Milliarden Dollar für die Strategische Verteidigipfel in Rio im Juni ausgehandelte Klimaschutzab- gungsinitiative (SDI) bereit. Es verändert das Gesetz
kommen. Es schreibt allen Unterzeichnern der Kon- über Raketenverteidigung (Missile Defense Act), um
vention vor, nationale Register vom Menschen verur- ein landgestütztes System zur Abwehr von versehentsachter Emissionen anzulegen und Programme zur lichen oder begrenzten Raketenangriffen zu betonen,
während ursprünglich ein weltraumgestütztes SDIMilderung der Klimaveränderung durchzuführen.
System zur Abwehr massiver Angriffe vorgesehen
Der Kongreß verabschiedete femer ein wichtiges Gesetz, war. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen gedas Ru ßland und den anderen Republiken der ehema- währt das Gesetz der Luftwaffe insgesamt 20 Tarnligen Sowjetunion Millionen Dollar an Hilfe für humani- bomber B-2.
täre und Zwecke der Nichtverbreitung von Kernwaffen
gewährt. Das Gesetz sieht 410 Millionen Dollar für Der Vermittlungsausschuß von Senat und Repräsenbilaterale humanitäre Hilfe und Bemühungen für markt- tantenhaus einigte sich auf eine Erhöhung der Exportwirtschaftliche Reformen vor sowie 790 Millionen Dollar subventionen für amerikanische Unternehmen um 24
für Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von Prozent. Das Gesetz wird die Beihilfen der ExportWaffen. Darüber hinaus ist der Einsatz amerikani- Import-Bank der Vereinigten Staaten (Eximbank) von
scher IWF-Kredite von bis zu 3 Milliarden Dollar einge- 612 Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1992 auf 757
plant, um einen Währungsstabilisierungsfonds für den Millionen Dollar im Jahr 1993 anheben. Es schreibt
Rubel in Höhe von 6 Milliarden Dollar zu unterstützen. den Betrieb der Bank bis zum 30. September 1997 fort
und fordert eine Obergrenze von 15,5 Milliarden Dollar
Das Rußlandhilfegesetz legt ferner 11 Kriterien fest, für Direktkredite, Kreditbürgschaften und Versicherunnach denen der Präsident Hilfslieferungen an die gen im nächsten Jahr. Das Gesetz reduziert die Liste
ehemalige Sowjetunion beurteilen muß. Dazu gehö- der Länder, denen keine Leistungen der Eximbank geren Fortschritte beim Aufbau demokratischer Institu- währt werden dürfen, auf sechs: Vietnam, Kambodtionen und Marktwirtschaften, die Wahrung der Men- scha, Nordkorea, China, Kuba und Laos.
schenrechte und des Völkerrechts, Zusammenarbeit
bei der Lösung ethnischer und regionaler Konflikte, die MzzY. ftaitaMM r.vc!j5hrigen häufig kontrovers geführDurchführung einer verantwortungsbewußten Sicher- ten Debatten verabschiedete der Kongreß ein umfasheitspolitik, Schritte zum Schutz der Umwelt, die Ver- sendes Gesetz zur Sicherung der Energieversorgung
sagung von Unterstützung für internationale terroristi- mit dem Ziel, die wachsende Abhängigkeit der Vereische Akte, die Begleichung von Schulden gegenüber nigten Staaten von ölimporten abzubauen. Das Gesetz
amerikanischen Firmen, Zusammenarbeit bei der Suche enthält steuerliche Anreize zur Steigerung der effiziennach Unterlagen über amerikanische Kriegsgefange- ten Energieausnutzung in Wohnhäusern und Büros,
ne sowie die Einstellung der Unterstützung für Kuba. Förderung des Einsatzes alternativer Treibstoffe,
Ausdehnung von Forschung und Entwicklung im BeDem Gesetz zufolge wird die Hilfe an die Staaten der reich sauberer Kohle und erneuerbarer Energien sowie
früheren Sowjetunion eingestellt, wenn diese nicht die Steigerung des Wettbewerbs bei der StromgewinMenschenrechte einhalten, ihren Rüstungskontroll- nung.
verpflichtungen nachkommen oder Waffen beziehungsweise Technologien zur Massenvernichtung oder die Der Kongreß gewährte weiterhin Mittel für den supraFähigkeiten zur Herstellung von Kernwaffen weiterge- leitenden Teilchenbeschleuniger. Damit kann dieses
ben - oder, im Falle Rußlands, wenn das Land keine kontroverse Projekt fortgeführt werden, nachdem es
Fortschritte beim Abzug seiner Truppen aus den bal- zu Beginn des Jahres vom Kongreß nahezu beseitigt
tischen Staaten macht.
worden wäre.

Seite2

AMERIKA DIENST 42

�Legislaturperiode am 4. Januar zahlreiche neue Ge- Ergebnisse der Abstimmung des Wahlmännergremiums
sichter im Kongreß erwartet. Ihre erste Amtshandlung über die Wahl des Präsidenten und des Vizepräsidenwird am 6. Januar stattfinden, wenn der Präsident des ten bekanntgibt.
Senats in einer Sitzung beider Häuser offiziell die

* * * *

AMERIKA DIENST 42

*

Seite 3

�UMWELT
21. Oktober 1992

USA RATIFIZIEREN ALS ERSTER INDUSTRIESTAAT
DIE KLIMASCHUTZKONVENTION
Regierungsvertreter kritisiert europäische und japanische Haltung
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten haben
Vertretern der Regierung Bush zufolge als erster Industriestaat den Vertrag zur Kontrolle von Gasemissionen unterzeichnet, die das Erdklima radikal verändern
könnten.

Bush weigert sich, eine solche Taktik einzuschlagen,
erklärte Deland.

Der Vertrag legt als Ziel eine Begrenzung der Emissionen von Treibhausgasen auf dem Niveau von 1990 bis
zum Jahr 2000 fest. Die Vereinigten Staaten waren
der einzige große Industriestaat, der eine rechtlich
verbindliche Verpflichtung zu einer Stabilisierung von
Emissionen in dem Vertrag ablehnte, und ihr Erfolg in
dieser Frage zieht weiterhin harte Kritik von amerikanischen Umweltgruppen und deren Verbündeten im
Kongreß nach sich.

Der amerikanische Senat verabschiedete den Vertrag
Anfang Oktober und billigte einen Bericht seines Auswärtigen Ausschusses, der feststellte, daß jegliche
Vereinbarung für eine Hinzufügung verbindlicher Ziele
und Zeitpläne für Treibhausgasemissionen der Aushandlung eines neuen Vertrag gleichkämen. Ein Mitarbeiter des Ausschusses erklärte, diese Sprachregelung werde gewährleisten, daß dieses Thema im Senat
behandelt würde, wenn eine neue Administration
beschließen sollte, verbindliche Stabilisierungsverpflichtungen eingehen zu wollen.

Deland verwies ferner auf anfängliche Äußerungen
japanischer Vertreter, sie würden den vorgesehenen
Stabilisierungswert durch den Bau von 132 Kernkraftwerken
- die keine Treibhausgase freisetzen - bis zum
Der amtierende ständige Delegierte der Vereinigten
Jahr
2000
erreichen. Diese Schätzung wurde seither
Staaten bei den Vereinten Nationen, Alexander Watauf
40
Kernkraftwerke
bis zum Jahr 2020 korrigiert.
son, hat am 15. Oktober 1992 die Ratifikationsurkunde
Auf
die
Frage,
ob
Japan
diesen kleineren aber trotzzur Klimaschutzkonvention der UNO beim Hauptquardem
ehrgeizigen
Plan
werde
verwirklichen können,
tier der Vereinten Nationen in New York hinterlegt.
entschuldigten sich die Vertreter des Landes und
In einer begleitenden Erklärung forderte Präsident erklärten, sie müßten an einer Besprechung teilnehBush die anderen 148 Unterzeichnerstaaten der Kon- men, teilte Deland mit.
vention auf, den Ratifizierungsprozeß rasch abzuschließen. Die Vereinigten Staaten haben die Konven- "Wenn wir über Japan sprechen, sollten wir meines
tion als erster Industriestaat und insgesamt als viertes Erachtens vorsichtig sein und zwischen Rhetorik und
Realität unterscheiden", erklärte er.
Land ratifiziert.

Der Vorsitzende des vom Präsidenten eingesetzten
Rates für Umweltqualität, Michael Deland, griff das
Argument in einer Debatte am 15. Oktober auf, in der
er - wie auch bereits andere Regierungsvertreter behauptete, die europäischen Regierungen seien mit
Ausnahme der Niederlande nicht ernsthaft an einer
Stabilisierung der Treibhausgasemissionen interessiert.
Europäische Regierungsvertreter seien während der
Verhandlungen überden Vertrag an ihn herangetreten
und hätten argumentiert, die Vereinigten Staaten sollten die Stabilisierung der Emissionen zusagen, es
jedoch späteren Administrationen überlassen Wege
zu finden, wie dies erreicht werden könne. Präsident
AMERIKA DIENST 42

Alle Länder, die den Vertrag ratifizieren, müssen eine
Aufstellung der Treibhausgasemissionen anfertigen
und Pläne zu deren Begrenzung konzipieren. Die
Industriestaaten müssen noch weiter gehen und die
Maßnahmen detailliert angeben, die sie zur Begrenzung der Gase vornehmen werden und wie diese sich
Klimaveränderungen anpassen würden.
Präsident Bush hat dieses Jahr bereits angekündigt, er
werde den Entwicklungsländern 25 Millionen Dollarzur
Verfügung stellen, um ihnen bei der Schaffung nationaler Pläne zu helfen, Klimaveränderungen abzuschwächen oder sich an sie anzupassen.
* * *
Seite 1

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wahlen '92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Irak wichtiges Thema bei dritter Fernsehdebatte der drei Präsidentschaftskandidaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Letzte Debatte von Bush, Clinton und Perot - Auszüge&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rekordzahl von Kandidatinnen bei Wahlen'92&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dramatischer Zuwachs im Kongreß erwartet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zahlreiche "dritte" Parteien treten bei amerikanischen Wahlen an &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wenige finden Anklang beim Wähler&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jugendliche und Studenten Zielgruppen für politische Parteien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Organisation aktiv in Colleges&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kongress beendet 102. Legislaturperiode&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gesetze zu Auslandshilfe und Rüstungskontrolle verabschiedet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA ratifizieren als erster Industriestaat die Klimaschutzkonvention&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Regierungsvertreter kritisiert europäische und japanische Haltung&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. Oktober 1998

21

G7

G 7 SETZEN SICH FÜR DIE FÖRDERUNG
VON TRAGFÄHIGEM WACHSTUM EIN
Rede von Lawrence Summers

USA-EUROPA

EINE EUROATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede von Abteilungsleiter Grossman

ELEKTRONISCHER HANDEL

DIE WAHRHEIT ÜBER DIE AMERIKANISCHE
VERSCHLÜSSELUNGSPOLITIK
Rede von Staatssekretär David Aaron

WELTGERICHTSHOF

AMERIKAS INTERESSE AN FRIEDEN,
SICHERHEIT UND GERECHTIGKEIT
von David J. Scheffer

MENSCHENRECHTE

MENSCHENRECHTE UND AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafter John C. Kornblum
VEREINIGTE STAATEN VERURTEILEN
UNTERDRÜCKUNG DER MEDIEN UND DER
BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT DURCH
DIE SERBISCHE REGIERUNG
Erklärung von James B. Foley

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�G 7
21. Oktober 1998

G 7 setzen sich für die Förderung
von tragfähigem Wachstum ein
Rede von Lawrence Summers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Stellvertretende
Finanzminister Lawrence Summers am 1. Oktober 1998 vor dem Weltkongreß für Wirtschaftsentwicklung
gehalten hat.

Im vergangenen Oktober traf sich die internationale
Staatengemeinschaft bei den Jahrestagungen der
Weltbank und des IWF in Hongkong und erörterte den
Zusammenbruch des thailändischen Bäht und das
mögliche Übergreifen der Finanzprobleme auf ganz
Ostasien. Ein Jahr später finden diese Gespräche in
Washington statt, und die Sorgen haben globalen
Charakter.
Die Probleme Thailands breiteten sich schnell auf die
benachbarten ostasiatischen Volkswirtschaften und in
den letzten Monaten auf Rußland und in gewissem
Ausmaß auf Lateinamerika aus. Die Situation verschlechterte sich weiter und wurde durch eine Verschlimmerung der Lage in Japan noch gravierender,
das gerade ein drittes Quartal in Folge negatives
Wachstum erlebt und dessen Bankensektor mit den
größten Problemen konfrontiert ist, die eine Volkswirtschaft in der jüngeren Geschichte je erlebt hat.
Heute möchte ich den Großteil meiner Zeit dazu
verwenden, den Ansatz, den wir bei diesen Krisen
gewählt haben, und unser Streben nach Fortschritten
zu überprüfen - im Einklang mit den Anhörungen von
Finanzminister Rubin, dem Vorsitzenden des Zentralbankrats Greenspan und mir, die in den letzten
Wochen im Kongreß stattfanden.
I. Gründe für die Krise
Ökonomen werden sich noch auf Jahre hinaus mit den
Gründen für diese Krisen befassen. Aber es besteht
breite Übereinstimmung über die wichtigsten Faktoren:

AMERIKA DIENST 21

Finanzsysteme, die das Kapital nicht effizient
in die richtigen Kanäle leiteten, unzureichend
reguliert waren und ein falsches Gefühl der
Sicherheit hervorriefen, das letztlich nicht
aufrechterhalten werden konnte.
Wechselkursregime, die Kapital anzogen,
aber nicht von angemessenen makroökonomischen Maßnahmen begleitet waren und
Raum für spekulativen Druck ließen.
Ein sich insbesondere in Asien verschlechterndes globales wirtschaftliches Umfeld
aufgrund der offensichtlichen Wirtschaftsprobleme in Japan.
Schwierigkeiten in einigen Ländern - insbesondere Indonesien und Rußland - bei der
Durchführung
grundlegender
staatlicher
Funktionen, beispielsweise Steuereintreibung
und Bankenregulierung.
Substantieller Vertrauensverlust, während
Investoren sich zunehmend darüber Gedanken machen, was andere Investoren denken,
und weniger darüber, was die Grundprinzipien
sind.
Die Tendenz des Marktes zur Übertreibung besteht
schon seit Jahrhunderten. Die Übertragungsmechanismen jedoch nicht. Wenn die Krise des mexikanischen Peso die erste Finanzkrise des 21. Jahrhunderts war, hat die zweite noch deutlicher den
Spielraum der neuen Informationstechnologien und
Finanzinstrumente unter Beweis gestellt, mit einzig-

Seite 1

�artiger
Geschwindigkeit
und
Stärke
vorzugehen. Wenn wir den Kapitalabzug von mehr als
zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in verschiedenen asiatischen Volkswirtschaften und die mindestens
doppelt so starke Ausbreitung von Wertpapieren in
vielen verschiedenen Märkten beobachten, ist es
schwer zu glauben, daß die Ansteckungseffekte und
die generalle Flucht vor dem Risiko nicht übertrieben
sind.
Die Eindämmung dieser Krisen ist für die Kerninteressen der Vereinigten Staaten von entscheidender
Bedeutung: Es geht um den Erhalt amerikanischer
Arbeitsplätze, amerikanischer Spareinlagen und der
nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Die Exporte in die Krisenländer sind bereits
um nahezu ein Drittel gesunken, und Jahresprognosen und private Voraussagen deuten
darauf hin, daß infolge der Krisen unser
derzeitiges Leistungsbilanzdefizit um einen
halben oder einen Prozentpunkt ansteigen
könnte.
In den letzten Wochen haben wir eine substantielle Abnahme des Zugangs zahlreicher
Unternehmen zu den Wertpapier- und Schuldenmärkten und Beweise dafür gesehen, daß
die Kreditvergabe der Banken abnimmt.
Derzeit gehört der Markt für "Schundanleihen"
glücklicherweise der Vergangenheit an.
Und wir wurden an die möglichen sicherheitspolitischen Konsequenzen der gravierenden
Finanzprobleme in Übersee erinnert. Man
muß sich nur die möglichen Auswirkungen
einer anhaltenden Finanzkrise in Rußland vor
Augen halten um zu sehen, daß die Eindämmung dieser Probleme - und der Kampf
gegen ihre Ausweitung - die Vorneverteidigung unserer Kerninteressen darstellt.
Das Ziel ist klar: Die Eindämmung dieser Krise und die
Wiederherstellung von Wachstum und Stabilität in den
bereits betroffenen Volkswirtschaften. Lassen Sie
mich jetzt über die Mittel sprechen.

Haushaltsüberschüssen und damit die Verringerung des Drucks auf die globalen Kapitalmärkte und auf unser eigenes Handelsdefizit.
Die Chinesen haben erkannt, daß ihr fortgesetztes Engagement für die Bewältigung der
Probleme ihres Finanzsektors und den Erhalt
einer stabilen Währung ebenfalls von großer
Bedeutung sein werden.
Und Japan, auf das sogar heute noch mehr
als zwei Drittel der asiatischen Wirtschaft
entfallen, kommt eine besonders entscheidende Rolle zu. Sofortige und effektive Maßnahmen zur Stärkung des Finanzsystems und
entschlossene steuerliche Maßnahmen, die
substantielle und nachhaltige wirtschaftliche
Anreize geben, sind in Japan dringend erforderlich, um die starke, von der eigenen
Wirtschaft ausgehende Erholung fortzusetzen,
die das Land benötigt und auf die die Welt seit
langem wartet.
Zweitens. Obwohl das äußere Umfeld wichtig ist und
internationale Unterstützung einen Unterschied
bewirken kann, sind die Länder für ihr eigenes wirtschaftliches Schicksal verantwortlich. Eine starke
Reaktion der betroffenen Länder ist der absolut erste
Schritt zur Wiederherstellung von Stabilität - weil jede
finanzielle Unterstützung, die in eine Wirtschaft
einfließt, sofort wieder abgezogen wird, wenn unsolide
Maßnahmen ergriffen werden und die Regierungen
nicht glaubwürdig sind.
Drittens. Gebundene internationale Finanzhilfe kann
eine wichtige Rolle spielen, wenn die Politiker sich zu
Reformen verpflichten, für deren Umsetzung aber
finanziellen Freiraum benötigen. Finanzkrisen können
zum Teil auch herbeigeredet werden, wie durch einen
Run auf die Banken: Jeder erwartet einen Mißerfolg
oder jeder erwartet, daß alle anderen einen Mißerfolg
erwarten, was dazu führt, daß jeder der erste sein will
und der Mißerfolg eintritt. Zeitlich begrenzte, gebundene Hilfe baut den Ländern eine Brücke zur Überwindung dieses Herbeiredens einer Krise und trägt zur
Wiederherstellung von Stabilität bei. Und hier kommt
dem IWF eine wichtige Rolle zu.

II. Der Ansatz der Vereinigten Staaten
Unsere Reaktion auf diese Situation ruht auf drei
Säulen.
Erstens. Kein Land wird sich vor dem Hintergrund
regionaler Deflation und schwacher Nachfrage erholen. Erforderlich sind verstärkte Maßnahmen in den
wichtigsten Volkswirtschaften der Region, um Wachstum und Vertrauen zu stärken:
Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin das
Ihre tun, insbesondere durch den Erhalt von

Seite 2

Bei dieser Krise ist noch alles in Bewegung. Und die
am stärksten betroffenen Länder spüren enormes
wirtschaftliches und soziales Elend. Das ist angesichts
des erfolgten massiven Abzugs von Privatkapital
unvermeidlich. Aber es ist ermutigend, daß es in
diesen Ländern, die als erstes betroffen waren und die
entschiedensten Maßnahmen ergriffen haben, Anzeichen für eine Eindämmung gibt.
Länder, die konsequent die vom IWF befürworteten
und geförderten Maßnahmen ergreifen - insbesondere
die Philippinen, Korea und Thailand - sehen bereits

AMERIKA DIENST 21

�erste Anzeichen für eine Wiederherstellung der
Stabilität. In Korea und Thailand fand im Allgemeinen
eine Stabilisierung der Währungen statt, der Nominalzinssatz liegt wieder etwa zwischen 13 und 15, und die
Realzinssätze sind auf das Niveau von vor der Krise
gefallen. Gleichzeitig setzen sich diese Länder jetzt für
eine Ausweitung ihrer Finanzpolitik ein, um den durch
ihre soliden Maßnahmen geschaffenen Raum für eine
möglichst schnelle Rückkehr zum Wachstum zu
nutzen.
Bei der Erörterung dieser Krisen ist es entscheidend,
die Therapie nicht mit der Krankheit zu verwechseln.
Die Notlage in Asien ist keine Folge der Politik oder
Finanzierung des IWF. Vielmehr sind dies Versuche,
die wahre Ursache für das Elend zu bemänteln: Den
Kapitalabzug und den Vertrauensverlust, der zu
diesem Abzug führte. In Ländern wie Indonesien und
Rußland, deren Regierungen ihre Programme nicht
voll umsetzten, werden Inflation, Zinssätze und
Verluste an Output zweifelsohne weitaus höher sein und die Wiederherstellung von Vertrauen liegt damit in
weiter Ferne.
Während diese Länder sich für Maßnahmen entscheiden und der IWF beschließt, welche Programme
er finanziell zu unterstützen bereit ist, werden zweifelsohne schwierige Fragen des Gleichgewichts aufgeworfen, die erhitzte Debatten zur Folge haben:

Diese Fragen des Gleichgewichts werden zweifelsohne auch in Zukunft erörtert, und es gibt keine Garantie
dafür, daß der IWF jedes Mal richtig mit ihnen umgeht.
Aber allein das Ausmaß an Unstimmigkeit unter den
Kritikern über die gemachten Fehler gibt Anlaß zur
Zuversicht, daß das Gleichgewicht in den meisten
Fällen hergestellt wurde. Ich habe keinen Zweifel
daran, daß die Situation während des vergangenen
Jahres ohne die Programme des IWF und seine
Finanzhilfe weitaus schlimmer gewesen wäre - mit
mehr Abwertungen, mehr Zahlungsrückständen, mehr
Ansteckungseffekten und mehr Handelsverzerrungen.
III. Der vor uns liegende Weg
Sogar in Hongkong stellten wir fest, daß sich die in
Asien spürbaren finanziellen Belastungen ausweiten
und weitreichende Konsequenzen für das übrige
Weltfinanzsystem haben könnten.
Zweifelsohne
haben sich die finanziellen Belastungen in den vergangenen Wochen erhöht - bis zu einem Punkt, an dem
sie das darstellen könnten, was Präsident Clinton als
eine der gravierendsten finanziellen Herausforderungen bezeichnet hat, mit denen sich die Weltgemeinschaft seit 50 Jahren konfrontiert sieht. In diesem
Kontext zeigten die Ausführungen des Präsidenten
letzten Monat in New York und die gleichzeitig herausgegebene Erklärung der G 7-Finanzminister und
Zentralbankvorsitzenden deutlich, wie unsere gemeinsamen Anstrengungen vorangetrieben werden sollten:

Einerseits besteht die legitime Ansicht, daß

strukturelle Mängel von Volkswirtschaften, die
mit kapitalistischer Vetternwirtschaft in Zusammenhang stehen, behoben werden müssen. Andererseits hat man festgestellt, daß
allzu starker Druck auf Umstrukturierung in
großem Stil das Risiko heftiger Reaktionen im
Inland beinhaltet.

Erstens arbeiten wir in Anbetracht der Tatsache von
niedrigen oder sinkenden Inflationsraten in den
meisten Teilen der Welt und der daraus resultierenden
Risikoverlagerung in der globalen Wirtschaft mit
unseren G 7-Partnern verschärft auf die Umsetzung
von Maßnahmen zur Förderung von nachhaltigem
globalem Wachstum hin.

Einerseits macht man sich Sorgen um die
Stabilität der Wechselkurse angesichts dessen, was passieren kann, wenn der Verfall
einer Währung außer Kontrolle gerät. Andererseits werden viele auf die potentiellen
Kosten einer starken Zinserhöhung zu einem
Zeitpunkt hinweisen, an dem die Banken- und
Finanzsysteme im Allgemeinen großen Belastungen ausgesetzt sind.

Es ist von entscheidender Bedeutung, daß
Japan unverzüglich unter angemessenen
Bedingungen öffentliche Gelder in beträchtlichem Umfang in sein Bankensystem einfließen läßt. Unserer Auffassung nach ist das
der einzige Weg, um gleichermaßen Stabilität
zu bewahren und in den nächsten Jahren für
Wachstum zu sorgen.

Einerseits besteht die dringende Notwendigkeit, zu einem Zeitpunkt Vertrauen zu schaffen, an dem Ansteckungseffekte auf den
aufstrebenden Märkten zu einem massiven
Kapitalabzug und einer Erhöhung der Zinssätze führen könnten. Andererseits machen
sich viele berechtigte Sorgen über moralische
Risiken und unverantwortliches Verhalten von
Investoren und Regierungen infolge dieser
Unterstützung.

AMERIKA DIENST 21

Die Länder der Europäischen Union müssen,
nachdem sie sich gerade erst von einer
langen Periode relativ geringen Wachstums
und hoher Arbeitslosigkeit erholen, ihrerseits
ebenfalls die Initiative ergreifen und mit gezielt
auf kräftiges Wachstum der europäischen
Nachfrage
ausgerichteten
Maßnahmen
regionales und globales Wachstum unterstützen.
Zweitens arbeiten wir auf die Verbesserung der
Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft hin,

Seite 3

�Finanzmittel für Länder bereitzustellen, die eine solide
Politik verfolgen und dennoch von dem Ansteckungseffekt bedroht sind. Wo Ansteckung ein ernsthaftes
Problem ist, muß die Betonung auf dem Sondieren
neuer Wege zur Schaffung von Liquidität und Wiederherstellung des Vertrauens liegen, die keine
ungebührlichen moralischen Risiken zur Folge haben.
Die angemessene Finanzierung des IWF ist bei diesen
Bestrebungen entscheidend. Dennoch befinden sich
die Ressourcen des IWF heute auf einem historischen
Tiefstand. Und Maßnahmen, die zusätzliche Finanzmittel sicherstellen würden, warten immer noch auf die
Genehmigung durch den Kongreß. Ich möchte zu
einer Zeit, in der die Märkte danach Ausschau halten,
ob die internationale Gemeinschaft die Fähigkeit zur
Bewältigung dieser Krisen hat, nochmals wiederholen,
daß die andauernde Verzögerung ein Risiko ist, das
sich die Vereinigten Staaten kaum leisten können.
Drittens suchen wir zusammen mit den internationalen
Finanzinstitutionen und den Ländern in der Region
nach Wegen zur Beschleunigung des Tempos einer
umfassenden Unternehmens- und Finanzumstrukturierung in Ländern, in denen es ein systemimmanentes
Problem gibt - vor allem in Asien, wo die gravierende
Verschuldung sowohl der Finanzsysteme als auch der
Unternehmen eine große Hürde für die Erholung
darstellt und wo die Inangriffnahme des Überhangs der
Inlandsverschuldung von entscheidender Bedeutung
ist.
Viertens arbeiten wir auch mit den multilateralen
Entwicklungsbanken an einem besseren sozialen
Sicherheitsnetz für die Krisenländer zusammen, um
den am meisten benachteiligten Menschen in diesen
Ländern zu helfen, die Härten erdulden müssen.
Präsident Clinton stellte in der vergangenen Woche
fest: "Wenn wir von diesen Ländern erwarten, Schwieriges zu tun, dann müssen wir die am leichtesten
Verwundbaren der Gesellschaft schützen und wir
müssen Menschen schützen, die verletzt werden, auch
wenn sie gar nichts falsch gemacht haben."
Und schließlich müssen wir sehr ernsthaft darüber
nachdenken, wie das globale Finanzsystem und seine
Institutionen im Hinblick auf die Verhinderung und
Reaktion auf Krisen wie diese funktionieren. Das war
seit dem Gipfeltreffen in Neapel 1994 eine große
Sorge und enthält als entscheidendes Element die
Zusammenführung der traditionellen und neuen
Akteure auf der internationalen Finanzbühne.
Unter der Führung von Präsident Clinton haben wir
diese Anstrengungen im vergangenen Jahr intensiviert, indem wir im April ein Treffen einer umfassenderen Gruppe von 22 Ländern einberufen haben,
darunter drei wichtige Entwicklungs- und Schwellen-

Seite 4

länder. Bei diesem Treffen richteten die Finanzminister und Notenbankchefs Arbeitsgruppen ein, die
Anfang nächster Woche konkrete Vorschläge unterbreiten werden. Finanzminister Rubin hat heute
Morgen in einer Rede in New York einige der wichtigsten Prioritäten dargelegt:
Verbesserte Transparenz und Offenlegung,
beispielsweise durch die Umsetzung internationaler Transparenzstandards durch die
Regierungen und die Einhaltung neuer internationaler Abkommen über bessere Rechenschaftspflicht und Offenlegungsstandards
durch private Firmen.
Gestärkte inländische Finanzsysteme. Wie
Finanzminister Rubin erörterte, ist der Schlüssel hierbei, den Regierungen gleichermaßen
die besten zu befolgenden praktischen Standards zur Verfügung zu stellen und ihnen die
angemessene Unterstützung und Anreize zu
bieten, diese Standards umzusetzen.
Effektivere Arrangements für Lastenteilung bei
der Reaktion auf finanzielle Schwierigkeiten,
insbesondere indem die Zahl einzelner Insolvenzen durch bessere Schuldner-Gläubigersowie Insolvenzregime in Schwellenländern
verringert wird, damit sie nicht zu systemimmanenten Bankrotten werden.
Die entscheidende Reform der internationalen
Finanzinstitutionen. Der IWF muß bei seinen
Maßnahmen und Programmen transparenter
und rechenschaftspflichtiger werden. Er muß
in einer Position sein, um sich mit dieser
neuen Art von Finanzkrisen zu befassen, die
sich eher aus Kapitalkonten- als aus Verkaufskontenproblemen ergeben. Seine Programme
müssen Wachstum zur Priorität machen. Und
er muß sich auf Themen konzentrieren, die
Auswirkungen auf die Sicherheit und Tragfähigkeit von Kapitalflüssen haben.
In Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft haben wir in den vergangenen Jahren Fortschritte an allen diesen Fronten gemacht. Die Veröffentlichung der drei Berichte der Arbeitsgruppen wird
uns noch weiter auf dem Weg zu unserem langfristigen
Ziel voranbringen: Einem stärkeren, stabileren internationalen Finanzsystem. Und auf unserem Weg nach
vorne werden die Anstrengungen weiter verstärkt und
erweitert. Die Zahl und Vielfalt von Vorschlägen für
eine Reaktion auf die uns konfrontierenden kurz- und
langfristigen Herausforderungen steht nicht in Frage.
Was jetzt sorgfältig erwogen werden muß, ist ihre
Effektivität und Dauerhaftigkeit auf lange Sicht.

AMERIKA DIENST 21

�USA-EUROPA

21. Oktober 1998

Eine euroatlantische Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
Rede von Abteilungsleiter Grossman

HOUSTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Marc Grossman, am 1. Oktober 1998 vor dem World
Affairs Council in Houston (Texas) gehalten hat.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Es ist mir
ein echtes Vergnügen, heute vor Ihnen über die
Zukunft der amerikanisch-europäischen Beziehungen
zu sprechen. Besonders dankbar bin ich Lincoln
Jones und dem World Affairs Council in Houston für
die Einladung, Ihnen einige unserer Ideen vortragen zu
dürfen.
Ich möchte heute über Europa und darüber sprechen,
warum die Vereinigten Staaten fast ein Jahrzehnt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin ein vitales
nationales Interesse nicht nur am Erhalt, sondern
sogar an der Ausweitung ihrer Zusammenarbeit in und
mit Europa haben.
Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen, die mir in
meiner Eigenschaft als Abteilungsleiter für europäische
Angelegenheiten oft gestellt wird: Warum sollten die
Vereinigten Staaten zu einer Zeit so engagiert in
Europa bleiben, in der der alte Kontinent wohlhabender
und sicherer erscheint als zu jedem anderen Zeitpunkt
in der jüngeren Geschichte?
Meine Antwort besteht aus drei Teilen. Erstens ist es
unser offensichtlichstes vitales Interesse sicherzustellen, daß Europa in Frieden lebt und frei von der
Beherrschung durch irgendeine Macht oder Kombination von Mächten ist, die den Vereinigten Staaten
feindlich gesinnt sind. Heute wird Europa durch keine
feindliche Hegemonie bedroht. Das ist eine sehr gute
Nachricht. Wir haben ein grundlegendes nationales
Sicherheitsinteresse daran, daß das so bleibt.

Im Laufe dieses Jahrhunderts mußten wir mühsam
lernen, daß die Interessen der Vereinigten Staaten mit
der Sicherheit und dem Wohlstand Europas verknüpft
sind. Wenn wir die für den Schutz dieser Interessen
erforderlichen Investitionen nicht tätigen, werden wir
letzten Endes immer einen höheren Preis zahlen.
Ein demokratischer Frieden hat auf dem Großteil des
Kontinents Fuß gefaßt, aber er wird weiterhin durch
Spannungen, reale und potentielle Konflikte bedroht.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten die
Führung bei der NATO-Erweiterung, der Gründung der
Partnerschaft für den Frieden und der Einbeziehung
von Ländern wie Rußland und der Ukraine übernommen. Und aus diesem Grund engagieren wir uns
dafür, in Bosnien Frieden zu schaffen und den Konflikt
im Kosovo zu entschärfen und einzudämmen.
Zweitens haben wir auch ein vitales Interesse daran,
was für ein Europa sich in Zukunft entwickelt. Wir
möchten ein Europa, das offen für amerikanische
Waren und amerikanische Investitionen ist und die
amerikanischen Werte teilt. Wir möchten ein starkes,
selbstbewußtes und nach außen gerichtetes Europa kein schwaches, isoliertes oder protektionistisches.
Ein stärkeres, geeinteres Europa, das gleichermaßen
nach außen gerichtet ist und seine Nachbarn einbezieht, liegt eindeutig im amerikanischen Interesse.
Aus diesem Grund ist diese Administration ein so
entschiedener Befürworter der europäischen Integration.
Außenministerin Albright sagt gerne, es gebe in der
Politik eine wichtige Regel, die sich auch auf die

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�Außenpolitik erstreckt: Schütze deine Basis. Europa
ist Amerikas geopolitische Basis. Stellen Sie sich vor,
wie die amerikanische Außenpolitik aussähe, wenn
Europa zu einem Zeitpunkt instabil würde, an dem wir
andernorts auf der Welt mit großen Herausforderungen
konfrontiert sind.
Drittens möchten die Vereinigten Staaten ein Europa,
das sowohl im Alleingang als auch kollektiv eine Reihe
von Herausforderungen partnerschaftlich mit uns
angeht, die kein Land - nicht einmal die Vereinigten
Staaten - alleine bewältigen kann. So wichtig die
Stabilisierung eines größeren und umfassenderen
Europas auch ist - unsere Interessen und Ziele können
nicht darauf beschränkt sein. Wir müssen ehrgeiziger
sein: Wir müssen eine Partnerschaft aufbauen, bei der
wir und unsere europäischen Verbündeten in zunehmendem Maße gemeinsam an bestimmten Fragen
arbeiten - sowohl in Europa als auch darüber hinaus.
Die Vereinigten Staaten sind die einzige verbliebene
Supermacht auf der Welt. Aber wir können und sollten
nicht alleine handeln, wenn es um die Verteidigung der
gemeinsamen Werte und Interessen des Westens
geht. In der heutigen, zunehmend interdependenten
Welt brauchen wir solide, verläßliche und effektive
Partner zur Erlangung unserer außenpolitischen Ziele.
Das erfordert Arbeit. Niemand weiß besser als ich, wie
schweres manchmal sein kann, sich auf eine gemeinsame Politik zu einigen. Aber Europa ist in vieler
Hinsicht der beste Partner, den wir haben. Unsere
Partnerschaft mit Europa könnte vielleicht mehr als die
mit jedem anderen Teil der Welt als "bereichernde
Beziehung" bezeichnet werden. Damit meine ich, daß
die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam eine
mächtige Kraft für Fortschritt auf nahezu allen Gebieten sein können. Wenn wir jedoch verschiedener
Meinung sind, ist keiner von uns so effektiv.
Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg ist zwar vorbei,
die Notwendigkeit einer Partnerschaft und eines
Bündnisses mit Europa besteht jedoch fort. Heute ist
unser Schicksal nicht weniger eng verbunden als vor
50 Jahren. Wenn Europa in Frieden lebt, ist Amerika
sicherer. Wenn es Europa gut geht, geht es auch
Amerika gut. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat
beide Seiten des Atlantiks gelehrt, daß wir eine
Partnerschaft benötigen, in der Europa auf uns zählen
kann und wir auf Europa. Diese Lektion müssen wir
für das 21. Jahrhundert ebenfalls lernen.
Im Gegensatz zu den Gründervätern der transatlantischen Beziehungen haben wir das Glück, dies zu einer
Zeit relativen Friedens und relativer Sicherheit zu tun
anstatt während einer größeren Krise. Gleichzeitig
bürdet uns das eine besondere Last auf, dem amerikanischen Volk unsere Politik darzulegen und zu
erklären.

Seite 2

Wir können die historischen Errungenschaften der
letzten 50 Jahre am besten würdigen, indem wir eine
ebenso ehrgeizige Vision unserer Partnerschaft für die
nächsten 50 Jahre vorlegen - und eine praktische
Anleitung zur Erlangung dieses Ziels.
1994 legte Präsident Clinton seine Vision von einem
freien, ungeteilten und integrierten Europa dar, das
eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten pflegt.
Auf der Grundlage dieser Vision hat diese Administration die Führung bei der Erweiterung und Wiederbelebung der NATO und beim Aufbau neuer, umfassenderer Beziehungen zur Europäischen Union übernommen. Wir haben neue kooperative Beziehungen zu
Rußland geknüpft und bei der Umwandlung der KSZE
in eine operationale Organisation - die OSZE - geholfen, um demokratische Normen zu fördern und einen
Krisenverhütungsmechanismus in den Teilen Europas
zu fördern, in denen die Wurzeln der Demokratie noch
nicht tief oder Angriffen ausgesetzt sind.
Wir sind jetzt bereit, die nächsten logischen Schritte zu
unternehmen. Im Mai lud Präsident Clinton in Berlin
unsere europäischen Partner ein, sich uns bei der
Definition einer solchen Vision und dem Aufbau einer
euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert
anzuschließen. Das Ziel dieser Partnerschaft ist
einfach und dauerhaft: Schutz der Sicherheit, des
Wohlstands und der demokratischen Verankerung
ihrer Mitglieder. Aber die Herausforderungen und das
Umfeld, mit dem wir jetzt konfrontiert sind, unterscheiden sich von denen des Kalten Krieges. Eine
neue euroatlantische Partnerschaft kann diese Ziele
am besten erlangen, indem sie in den kommenden
Jahrzehnten drei entscheidende strategische Herausforderungen angeht:
Unsere erste Herausforderung liegt in Europa:
Die Sicherstellung der weiteren Integration
des Kontinents durch die Erweiterung der
NATO und der EU. Ferner müssen wir den
Aufbau neuer Partnerschaften mit Rußland
und der Ukraine fortsetzen, um unsere Ziele
von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie
weiter nach Osten auszuweiten. Um Außenministerin Albright zu zitieren, müssen wir
Krieg und Konflikt in der östlichen Hälfte des
Kontinents ebenso undenkbar machen, wie
sie es im westlichen Teil geworden sind.
Die zweite Herausforderung besteht zwischen
Europa und Amerika: Die Vertiefung der
Bande über den Atlantik hinweg, um die
Grundlage dieser Beziehungen als positive
Kraft für Wandel auf der Welt zu stärken.
Die dritte Herausforderung geht über Europa
und Amerika hinaus: Die Verbesserung unserer Zusammenarbeit über Europa hinaus und
die Suche nach gemeinsamen Lösungen für

AMERIKA DIENST 21

�gemeinsame Bedrohungen andernorts auf der
Welt - seien sie politischer, militärischer,
wirtschaftlicher, krimineller oder umweltpolitischer Natur - denen keiner von uns im
Alleingang wirksam entgegentreten kann.
Diese Ziele verstärken sich gegenseitig: Ein Europa
mit mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand kommt
eher als globaler Partner Amerikas in Frage. Und ein
nach außen gerichtetes Europa kann eher mit den
starken Kräften des Wandels umgehen, die Stabilität,
Wohlstand und Demokratie auf dem europäischen
Kontinent in Frage stellen könnten.
Das kommende Jahr - 1999 - bietet uns mehrere
Gelegenheiten, eine solide Grundlage für diese
euroatlantische Partnerschaft für das 21. Jahrhundert
zu legen. Unsere führenden Politiker werden bei
Gipfeltreffen von drei Schlüsselinstitutionen zusammentreffen, die einzeln und zusammen zu unseren
gemeinsamen Zielen von Sicherheit, Wohlstand und
Demokratie beitragen: Die NATO, die OSZE und die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union. Wir möchten nicht, daß
diese Gipfel zu Feierstunden für die Leistungen der
Vergangenheit oder einfach den letzten erfolgreichen
Gipfeln des 20. Jahrhunderts werden. Wir möchten,
daß sie die ersten erfolgreichen Gipfel des 21. Jahrhunderts werden.
Die NATO
Lassen Sie mich zuerst über die NATO sprechen. Im
kommenden April werden wir die Ehre haben, in
Washington einen Gipfel aus Anlaß des 50. Jahrestages des Nordatlantischen Bündnisses zu veranstalten.
Unser Ziel für den NATO-Gipfel lautet, daß wir über die
NATO des 21. Jahrhunderts sprechen wollen - ein
größeres, flexibleres Bündnis, das sich der kollektiven
Verteidigung verpflichtet und ein breites Spektrum von
Herausforderungen für die Interessen des Bündnisses
bewältigen kann.
Die Notwendigkeit für eine solche Diskussion wurde
uns allen während der Debatte über die Ratifizierung
der NATO-Erweiterung im Senat im Frühjahr deutlich.
Eine überwältigende Mehrheit der Senatoren beider
Parteien stimmte für die Ratifizierung der Aufnahme
neuer Mitglieder.
Fast ein Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer
beschloß das amerikanische Volk, sein Engagement
für die Sicherheit Europas nicht nur fortzusetzen,
sondern noch auszuweiten.
Gleichzeitig warf die Debatte im Vorfeld dieser Entscheidung viele ernsthafte Fragen über die zukünftigen
Ziele der NATO auf. Amerikaner interessieren sich für
die zukünftige Aufgabe der NATO ebenso wie für ihre
Zusammensetzung. Sie freuen sich, daß in Brüssel

AMERIKA DIENST 21

die Flaggen fähiger neuer Verbündeter im Wind
wehen. Sie wollen aber auch, daß Amerikaner und
Europäer bei der Beseitigung realer Bedrohungen
unserer Sicherheit gemeinsam vorgehen.
Die kollektive Verteidigung in Europa ist und bleibt der
Grundstein des Bündnisses. Wir dürfen das nie
vergessen oder zulassen, daß irgendetwas geschieht,
das unsere Fähigkeit gefährdet, diese unwiderrufliche
Verpflichtung zur Bewältigung gemeinsamer Risiken
und Übernahme gemeinsamer Pflichten zu erfüllen.
Darum ging und geht es bei der NATO.
Wenn die NATO im 21. Jahrhundert effektiv bleiben
will, muß auch sie sich weiterhin wandeln. Amerikaner
haben eine sehr pragmatische und vernunftbestimmte
Einstellung zur NATO. Aus diesem Grund ist es
unseres Erachtens an der Zeit, die Grundprinzipien,
die das Bündnis in der Vergangenheit so erfolgreich
machten, auf die neuen Bedrohungen auszudehnen,
die gemeinsame transatlantische Interessen betreffen.
Wir haben bei der Schaffung eines ungeteilten und
freien Europas bereits viel erreicht. Zentraleuropa
befindet sich auf dem Weg zu Integration und Stabilität.
Wir haben eine glaubwürdige Politik der offenen Tür
mit einer klaren Perspektive für andere Länder eingeführt, die eine Mitgliedschaft anstreben, und unser
Engagement in Nordost- und Südosteuropa verstärkt.
Und wir haben neue, kooperative Beziehungen zu
Rußland angeknüpft, was nach Ansicht vieler Kritiker
nicht mit der NATO-Erweiterung vereinbar war.
Damit soll nicht bestritten werden, daß wir heute in
Europa immer noch mit Bedrohungen konfrontiert sind.
Die Realität ist jedoch, daß Europa als Ganzes
sicherer ist als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
jüngeren Geschichte. Es gibt jedoch Gründe, warum
das Bündnis seinen strategischen Horizont erweitern
sollte.
Bedrohungen des Territoriums eines Mitgliedstaates die unter Artikel 5 des Nordatlantikvertrags fallen, dem
zufolge ein bewaffneter Angriff gegen eine oder
mehrere Parteien als ein Angriff gegen alle Parteien
angesehen wird - können aus neuen Quellen kommen.
Ein potentieller Angriff mit ballistischen Raketen unter
Einsatz von Massenvernichtungswaffen
gegen
irgendeine große europäische Hauptstadt durch einen
verbrecherischen Staat oder eine terroristische
Vereinigung ist eine Bedrohung, der die NATO gewachsen sein muß.
Die Vereinigten Staaten und Europa könnten sich auch
neuen Herausforderungen der Verteidigung der
gemeinsamen transatlantischen Interessen außerhalb
des Kontextes von Artikel 5 gegenübersehen. Wenn
man fragt, wo amerikanische und europäische Truppen im kommenden Jahrzehnt mit Konflikten kon-

Seite 3

�frontiert werden können, muß die Antwort Szenarien
außerhalb der NATO-Grenzen beinhalten.
Tatsächlich haben wir immer die Option gehabt, die
Stärke der NATO außerhalb unserer Grenzen zur
Verteidigung unserer Interessen und zur Gewährleistung einzusetzen, daß Konflikte nie unsere Grenzen erreichen. Wenn gemeinsame Militäraktionen je
zum Schutz der vitalen Interessen Amerikas und
Europas erforderlich sind, sollte die NATO die Institution unserer Wahl sein.
Es liegt stark im amerikanischen Interesse, die NATO
in diese Richtung zu bewegen. Während des Kalten
Krieges war es für die Europäer sinnvoll, sich auf die
Bedrohung ihres eigenen Territoriums zu konzentrieren und für die Amerikaner, die Hauptverantwortung
für die Verteidigung der gemeinsamen transatlantischen Interessen andernorts zu übernehmen. Ein
solches Arrangement ist jedoch dann weniger sinnvoll,
wenn die territoriale Bedrohung Europas abgenommen
hat und neue Bedrohungen unserer gemeinsamen
Interessen von außerhalb der NATO-Grenzen kommen können.
Es darf keinen Zweifel daran geben: Wir sind bereit zur
Übernahme unseres Teils der Lasten und bleiben das
auch. Wir sollten sie jedoch nicht alleine übernehmen
müssen. Unsere Fähigkeit, effektiv zu sein, hängt in
zunehmendem Maße von unserer Fähigkeit ab, mit
unseren Verbündeten und Partnern zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu teilen. Dies ist ein
Grund, warum wir so hart an der Förderung der
europäischen Verteidigungsfähigkeit arbeiten, Macht
zu projizieren und mit einem größeren Spektrum
möglicher zukünftiger Gefahren fertigzuwerden. Ich
möchte unsere uneingeschränkte Unterstützung für
den Aufbau einer europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität im Einklang mit dem vom
Bündnis vor zwei Jahren in Berlin Beschlossenen
bekräftigen.
Ich weiß, daß manche behaupten, wir hätten die
Absicht, den ursprünglichen Zweck des Nordatlantikvertrags zu ändern oder eine Art von neuer "globaler
NATO" zu schaffen. Das ist dummes Geschwätz. Wir
sprechen über die Anwendung der Grundprinzipien,
auf denen die NATO gründet, auf die neuen Realitäten
der Zeit nach dem Kalten Krieg und auf die neuen
Bedrohungen unserer gemeinsamen transatlantischen
Sicherheit.
Präsident Clinton erklärte in Berlin: "In der Vergangenheit schützte die NATO unsere Grenzen vor direkter
militärischer Invasion. In Zukunft muß das Bündnis
unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor
Bedrohungen unserer Sicherheit schützen, die von
jenseits der Grenzen kommen: Der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen, ethnischer Gewalt,
regionalen Konflikten."

Seite 4

USA-EU
Seit mehr als 50 Jahren streben wir die Schaffung
eines sicheren, demokratischen, wohlhabenden und
integrierten Europas an. Wir wissen, daß der Teil
Europas, der unsere Werte teilte, ein entscheidender
Partner bei der Bewältigung der Herausforderungen
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war. Jetzt, wo es
neue globale und regionale Herausforderungen gibt,
trifft das ebenso zu. Wir möchten eine Partnerschaft
mit Europa entwickeln, die dessen Fähigkeiten bei der
Verteidigung unserer gemeinsamen Werte und
Interessen nutzt.
Geräuschlos, hier in den Vereinigten Staaten fast
unbemerkt, entsteht ein neues, integriertes Europa.
Das neue Europa hat nicht nur Auswirkungen auf
unseren Wohlstand, sondern auch auf unsere Sicherheit. Wenn irgendwann im nächsten Jahrhundert
der Prozeß der Erweiterung der Europäischen Union
abgeschlossen ist, wird diese einen Großteil des
europäischen Kontinents von der Arktis bis zum
Mittelmeer und zum Atlantik in eine demokratische und
wohlhabende Gemeinschaft eingliedern.
Dieses
Gebilde wird zunehmend durch enge politische Bande
verbunden sein und auf demokratischen Werten
gründen. Und es wird eine wirtschaftliche Einheit mit
einer Bevölkerung von einer halben Milliarde Menschen sein. Ein beträchtlicher Teil dieser Wirtschaftsgemeinschaft wird eine einheitliche Währung haben etwas, das es in ähnlichem Ausmaß in Europa seit
1.500 Jahren nicht mehr gegeben hat.
Unser Wohlstand ist mit Europa verknüpft. Jeder
zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist bei einem der
4.000 europäischen Unternehmen in den Vereinigten
Staaten beschäftigt. Unser Handel mit der europäischen Union übersteigt unseren Handel mit Japan und
Kanada zusammengenommen. Wir investieren in der
EU mehr als andernorts auf der Welt, und unsere
Unternehmen beschäftigen drei Millionen Europäer.
Die Hälfte aller weltweit hergestellten Waren und
Dienstleistungen werden in den Vereinigten Staaten
oder der Europäischen Union produziert. Wenn die
Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam handeln,
können sie die Tagesordnung für globalen Wohlstand
festsetzen. Geschieht das nicht, riskieren wir Stillstand
und Unsicherheit. Die Europäische Union ist ohne
Zweifel der Wirtschaftspartner, den wir im nächsten
Jahrhundert brauchen. Aber sie ist weit mehr: Die EU
kann unser Partner beim Umgang mit den globalen
Problemen von Verbrechen und Umweltzerstörung,
regionalen und humanitären Krisen sein.
Wir haben durch den Einsatz der sogenannten Neuen
Transatlantischen Agenda (New Transatlantic Agenda
- NTA) viel erreicht. Dieser Prozeß hat für die Menschen hier und im Ausland viele Vorteile. Ohne die
von den Vereinigten Staaten und der Europäischen
Union übernommene Führungsrolle hätten wir keine

AMERIKA DIENST 21

�bedeutenden multilateralen Handelsabkommen über
Telekommunikations- und Informationstechnoiogie im
Wert von mehreren Milliarden Dollar erreicht. Wir
haben uns geeinigt, die Regulierungskosten für unsere
Exporteure zu senken, wodurch Handel im Wert von
57 Milliarden Dollar freigesetzt wird. Ferner haben wir
gemeinsame Projekte zur Eindämmung der nuklearen
Weiterverbreitung in Korea, zur Schließung unsicherer
Nuklearreaktoren in der Ukraine und zur Beendigung
des Handels mit osteuropäischen Frauen durch
Zuhälterringe in die Wege geleitet.
Diese echten Vorteile beinhalten auch Zusammenarbeit im Bereich humanitärer Hilfe. 90 Prozent aller
weltweiten humanitären Hilfsleistungen kommen
entweder aus den Vereinigten Staaten oder der
Europäischen Union. Die Ressourcen der EU ermöglichen einige unserer wichtigsten außenpolitischen
Initiativen. Das Hilfspaket der EU für den Nahen Osten
in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar ist grundlegend für
den Friedensprozeß. Und die 1,7 Milliarden Dollar
Hilfe für Osteuropa - einschließlich Bosniens - übersteigen unsere eigenen Hilfsleistungen.
Eine engere Partnerschaft mit der EU kann uns jedoch
bei der Bewältigung aller drei von mir eben erwähnten
Herausforderungen helfen - die friedliche und demokratische Integration Europas, engere Bande zwischen
Europa und Amerika zur Förderung des Wohlstands
unserer Völker und gemeinsame weltweite Aktionen
über Europa hinaus zur Bewältigung globaler und
regionaler Herausforderungen.
Nachfolgend eine Liste für die Neue Transatlantische
Agenda:
Erstens werden wir die Erweiterung der Europäischen
Union und ihre weitere Integration fördern. Die
Aussicht, der demokratischen und wohlhabenden EU
anzugehören, bietet einen mächtigen Anreiz für die
Fortsetzung demokratischer und marktwirtschaftlicher
Reformen in Zentral- und Osteuropa. Zweifelsohne
werden wir sicherstellen, daß unsere Interessen in
diesem Erweiterungsprozeß gewahrt werden - aber
Erweiterung ist definitiv der Schlüssel zu unserer
eigenen Agenda für die Region.
Zweitens möchten wir, daß die Vereinigten Staaten
und die Europäische Union in für die Weltwirtschaft
schwierigen Zeiten als Säulen für Wachstum und
wirtschaftliche Stabilität dienen. Daher unterstützen
wir die Einführung einer gemeinsamen europäischen
Währung. Wir werden mit Europa zusammenarbeiten
um sicherzustellen, daß die globalen Märkte offen
bleiben und das globale Wachstum weiter zunimmt.
Unser großes Projekt besteht darin, alles in unserer
Macht Stehende zu unternehmen, um noch in diesem
Jahr Verhandlungen mit der EU über eine transatlantische Wirtschaftspartnerschaft einzuleiten, die die
Handelshemmnisse in einigen der am schnellsten

AMERIKA DIENST 21

wachsenden Sektoren der Weltwirtschaft beseitigt. Wir
werden diesen Ansatz auf die globalen Handelsgespräche ausweiten, die im kommenden Jahr
beginnen. Wenn Europa und Amerika in der Welthandelsorganisation gemeinsam handeln, können wir
die Agenda für offene Märkte auf der ganzen Welt
festsetzen.
Drittens werden wir Wege finden, um unsere politische
Partnerschaft mit Europa effektiver zu machen. Allzu
häufig waren wir unfähig, gemeinsam zu handeln, bis
Blut vergossen wurde oder wir uns mit einer humanitären Katastrophe konfrontiert sahen. Wir möchten mit
der EU zusammenarbeiten, um unsere Fähigkeit zu
gemeinsamem Handeln zu verbessern, damit wir
unverzüglich die sich schnell ausbreitenden Krisen in
Europa und darüber hinaus meistern können. Das
erfordert Zeit, aber wir sehen die Chance, einen echten
Partner bei der Bewältigung regionaler Krisen zu
gewinnen, als großen Vorteil für uns.
Viertens möchten wir mit der EU zusammenarbeiten,
um die täglichen Bedrohungen der Menschen zu
bekämpfen, die sich auf der Welt nach dem Kalten
Krieg abzeichnen. Wir schulden es den Bürgern auf
beiden Seiten des Atlantiks, uns bei der Bekämpfung
von Menschenhandel, internationalem organisierten
Verbrechen, Drogenhandel, internationalem Terrorismus und Kinderpornographie im Internet besser zu
organisieren. Wir führen ferner eine fruchtbare
Diskussion mit der EU, die die Entwicklung neuer,
flexibler Mechanismen zur Bekämpfung des globalen
Klimawandels zur Folge hat.
Fünftens möchten wir diese Partnerschaft über die
Regierungsebene hinausbringen. Sie benötigt auch
die Unterstützung von Parlamentariern, Nichtregierungsorganisationen und des Privatsektors. Persönliche Kontakte sind die Zukunft. Zuerst haben wir den
transatlantischen Wirtschaftsdialog zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmern eröffnet, der
bereits Chancen für Firmen auf beiden Seiten des
Atlantiks geschaffen hat. Jetzt folgen wir demselben
Modell, damit Arbeitnehmer, Umweltgruppen und
Verbraucher die Regierung mit ihrem Rat und ihrer
Energie besser erreichen können.
Unsere europäischen Partner wissen, daß wir ihre
Ideen zu einer tieferen und gleichwertigeren Partnerschaft willkommen heißen, um die Verbreitung von
Demokratie, Wohlstand und Sicherheit in Europa und
weltweit im nächsten Jahrhundert sicherzustellen. Wir
möchten während der beiden Gipfeltreffen, die der
Präsident 1999 mit der EU hat, konkrete Ergebnisse
hervorbringen.
Die OSZE
Abschließend möchte ich ein paar Worte über die
OSZE - die Organisation für Sicherheit und Zusam-

Seite 5

�menarbeit in Europa - sagen. In vieler Hinsicht ist sie
die am wenigsten bekannte der drei heute von mir
erörterten euroatlantischen Institutionen. Ein Großteil
ihrer Arbeit findet außerhalb des Rampenlichts statt.
Aber sie ist eine der Institutionen, deren stille Erfolge
entscheidend sind, wenn wir bei der Schaffung einer
alle einbeziehenden und nach außen gerichteten
Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und
einem ungeteilten und freien Europa Erfolg haben
wollen.
Die OSZE ist die internationale Organisation, auf die
wir weiterhin als Institution unserer Wahl für die
Förderung von Demokratie, Menschenrechten und
Rechtsstaatlichkeit in der ganzen euroatlantischen
Gemeinschaft blicken werden. Es ist die Institution, an
die wir uns wenden, wenn wir Wahlen beobachten,
Polizeikräfte als Teil der Friedenslösung vor Ort
einsetzen oder internationale Experten zusammen
bringen müssen, um beim Aufbau der sich vom Krieg
erholenden Gesellschaften behilflich zu sein. Wie
Außenministerin Albright es kürzlich formulierte,
möchten wir, daß die OSZE "den Platz zwischen
Diplomatie und Gewalt einnimmt... Menschen in den
krisengeschüttelten Regionen einsetzt und sie dort aus
dem konkreten Grund der Förderung demokratischer
Ideale und Institutionen beläßt".

haben eine Führungsrolle dabei übernommen, unter
den europäischen Politikern Unterstützung für diese
Initiative zu gewinnen. In der Tat haben wir bereits den
ersten Schritt getan: Die Entscheidung zur Einrichtung
von OSZE-Büros in allen zentralasiatischen Staaten.
Drittens möchten wir, daß die OSZE effektiv mit
anderen europäischen und euroatlantischen Institutionen wie der EU, OECD und NATO zusammenarbeitet. Äußerst vielversprechend ist das "Plattformkonzept" der OSZE, das die OSZE-Missionen im Land
als Plattform nutzen würde, die andere Demokratie
aufbauenden Organisationen - Regierungsbehörden,
internationale Gruppen und Nichtregierungsorganisationen - wiederum als ihre eigene Basis für Operationen nutzen könnten. Das Ergebnis wären weniger
Duplizität und effizientere Hilfsprogramme.
Außenministerin Albright hat auch das am besten
formuliert: "Wir möchten, daß sich die OSZE weiter zu
einer Organisation entwickelt, die mehr tut als redet.
Wir möchten, daß sie eine Organisation wird, die nicht
Berichte, sondern Ergebnisse hervorbringt... Wir
müssen neue Rollen für die OSZE bei internationalen
Bestrebungen sondieren, um Konflikte zu lösen und
Demokratie zu fördern."
Schlußbemerkung

Die OSZE muß in der neuen euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert eine Schlüsselrolle
spielen. Unsere Politik zielt darauf ab, sie in dreierlei
Weise zu stärken:
Erstens möchten wir, daß die OSZE bereit ist, sich
effektiv mit Konfliktverhütung und -bewältigung zu
befassen. Über die Menschliche Dimension der OSZE
möchten wir Menschenrechte und Demokratie fördern
und den gemeinsamen Raum für Rechtsstaatlichkeit
und gewählte Regierungen erweitern. Und durch den
Einsatz der Wirtschaftlichen Dimension der OSZE
müssen wir gleichermaßen an den wirtschaftlichen
Ursachen von Konflikten arbeiten und das bürgerliche,
Handels- und Strafrechtssystem fördern.
Zweitens möchten wir auch den Horizont der OSZE
erweitem.
Obwohl wichtige Aufgaben bestehen
bleiben, hat die OSZE - mit der bemerkenswerten
Ausnahme des Balkan - ihre Mission im Zentrum
Europas im Großen und Ganzen erfüllt. Während sie
sich weiterhin auf den Balkan und Problemfälie wie
Belarus konzentriert, sollte die Organisation jetzt
Schritte unternehmen, um die Zone von Stabilität,
Sicherheit, Wohlstand und Zusammenarbeit auf die
neuen unabhängigen Staaten des Kaukasus und
Zentralasiens auszuweiten. Außenministerin Albright
und der amtierende Vorsitzende der OSZE, Geremek,

* *

Seite 6

Ich weiß, daß ich Ihnen eine lange Antwort auf die
kurze Frage gegeben habe, warum Europa und die
amerikanisch-europäischen Beziehungen für Amerika
immer noch so wichtig sind. Aber ich hoffe, es ist mir
einigermaßen gelungen, Ihnen nicht nur die Bedeutung
dieser Beziehungen zu vermitteln, sondern auch die
bestehenden Chancen, dank derer sie unseren
gemeinsamen Zielen und Werten besser dienen
können.
Während Amerikaner und Europäer auf das 2 1 .
Jahrhundert blicken, werden wir bessere Partner
finden, mit denen wir das künftige internationale
System in positiver Weise effektiv gestalten können.
Der Aufbau dieser neuen Partnerschaft wird nicht leicht
sein oder sich über Nacht vollziehen. Er wird dieselbe
Art von Engagement und Glauben an ein gemeinsames Schicksal erfordern, die die erstaunlichen
Erfolge der vergangenen 50 Jahre hervorgebracht hat.
Aber das ist es wert. Es ist eine spannende Zeit in den
amerikanisch-europäischen Beziehungen. Für mich ist
es eine wirkliche Ehre, unserem Land in dieser
historischen Zeit als Abteilungsleiter für europäische
Angelegenheiten dienen zu dürfen und heute die
Chance zu einem Gespräch mit Ihnen zu haben.

* *

*

AMERIKA DIENST 21

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
21. Oktober 1998

Die Wahrheit über die amerikanische
Verschlüsselungspolitik
Rede von Staatssekretär David Aaron

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für internationalen Handel im USWirtschaftsministerium, David Aaron, am 13. Oktober 1998 vor dem Deutschen Industrie- und Handelstag in
Bonn gehalten hat.

Politik und den Gründen dafür beginnen und mich
dann im einzelnen mit diesen Vorwürfen befassen.

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute mit Ihnen
zusammenzutreffen. Ich werde heute über Kryptographie sprechen, die ein wesentlicher Bestandteil des
elektronischen Handels (e-Commerce) der Zukunft ist.
Ich möchte Ihnen die "Wahrheit" über die amerikanische Verschlüsselungspolitik sagen, weil es während
der vergangenen Monate in der deutschen Öffentlichkeit eine entmutigende Anzahl von Verzerrungen und
Mißverständnissen über unsere Politik gegeben hat.
Einige greifen die Integrität der amerikanischen
Regierung an. Es ist besonders traurig und überraschend, solche Dinge von Regierungsvertretern eines
Landes zu hören, das unser engster Freund und
Verbündeter ist. Diese Behauptungen müssen richtig
gestellt werden, bevor sie sich negativ auf unsere
bilateralen Beziehungen auswirken.

Als amerikanischer Sondergesandter für Kryptographie hatte ich das Vergnügen, mit einer großen Zahl
führender amerikanischer und ausländischer Wirtschaftsvertreter zusammenzutreffen. Sie alle haben
mich eindringlich auf die entscheidende Bedeutung
einer schwer entschlüsselbaren Kryptographie für die
Zukunft ihrer Unternehmen und die Sicherung des
elektronischen Handels hingewiesen. Die US-Regierung ist ebenfalls der Ansicht, daß eine schwer
entschlüsselbare Kryptographie zum Schutz der
Privatsphäre und der Wirtschaft ein Muß ist.

Ich habe die Reden deutscher Regierungsmitglieder
und Politiker gelesen, die vor Ihnen gehalten wurden.
Ich habe dieselben Überschriften gelesen wie Sie:
"Die amerikanische Verschlüsselungspolitik ist der
Versuch, den globalen Kryptographiemarkt zu beherrschen." "Die Schlüssel für amerikanische Kryptoprodukte in Deutschland müssen in den USA hinterlegt
werden." "Key-Recovery-Produkte sind Hintertür für
amerikanische Nachrichtendienste." "Amerikanische
Kryptoprodukte verstoßen gegen deutsche Gesetze."
Alle diese Behauptungen sind nicht wahr.

Starke Verschlüsselung beinhaltet jedoch auch
ernsthafte Gefahren für die öffentliche Sicherheit. Der
Einsatz elektronischer Überwachung durch die
Strafverfolgungsbehörden war und ist bei der Terrorismusbekämpfung und bei vielen strafrechtlichen
Ermittlungen ein wichtiges Instrument. Kryptographie
beinhaltet die Gefahr eines Entzugs dieses Instruments - indem sie nicht nur die gerichtlich autorisierte
Überwachung, sondern auch häufigere gesetzmäßige
Durchsuchungen und die Beschlagnahme von Computern mitsamt ihren Dateien verhindert.

Ich bin heute hier, um Ihnen die Wahrheit zu sagen,
damit Sie selbst entscheiden können, welche Produkte
Sie für den Schutz Ihrer Privatsphäre, die Sicherung
Ihrer elektronischen Transaktionen und die Speicherung Ihrer wertvollen Geschäftsunterlagen benutzen.
Ich möchte mit einer kurzen Beschreibung unserer

Das amerikanische Justizministerium und die Drogenbekämpfungsbehörden haben bereits wichtige Beispiele dafür gefunden, daß sich Terroristen, Drogenhändler, Kinderpornographen und andere Verbrecher
der Kryptographie bedienten. Beispielsweise nutzte
Ramzi Yousef, eine Schlüsselfigur des Bomben-

AMERIKA DIENST 21

Die amerikanische Verschlüsselungspolitik

Seite 1

�anschlags auf das World Trade Center und ein
Mitarbeiter von Osama bin Laden, die Datenverschlüsselung, um seine Pläne für Bombenanschläge
auf elf amerikanische Verkehrsflugzeuge in Südostasien zu verheimlichen.
Wir erwarten, daß die kriminelle Nutzung nicht zu
entschlüsselnder Kryptographie zunimmt, während
diese immer stärker verfügbar wird und einfach
einzusetzen ist. Für ein Land wie Deutschland, das
Zielscheibe der ausländischen Mafia ist und Schauplatz zahlreicher terroristischer Zwischenfälle war,
beinhaltet die Abschaffung jedes möglichen Einsatzes
gesetzmäßiger polizeilicher Überwachung große
Gefahren.
Zweifelsohne muß ein Gleichgewicht zwischen den
Bedürfnissen der Unternehmen und Verbraucher und
dem Schutz der Gesellschaft als Ganzes hergestellt
werden. Was ist die Antwort? Unseres Erachtens liegt
die Antwort in Kryptosystemen, die vertrauenswürdige
Sicherheitsdienste mit gesetzmäßigem Zugang kombinieren. Mit gesetzmäßigem Zugang meine ich eine
Reihe von Technologien, die bei verschlüsselten
Daten und Mitteilungen die Wiederherstellung des
Klartextes im Rahmen einer gerichtlichen Verfügung
oder anderer rechtlicher Mittel zulassen, die bürgerliche Freiheiten schützen.
Wir haben uns nicht einem einzigen technologischen
Ansatz verschrieben. Die Infrastruktur für Schlüsselmanagement, -hinterlegung und weitere entschlüsselbare Produkte, die gesetzlichen Zugang bieten, sind
einige der Wege zur Herstellung eines vernünftigen
Gleichgewichts. Unseres Erachtens stellen marktorientierte Lösungen unter Führung der Industrie den
besten Ansatz zur Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden dar.
Zur Förderung einer solchen Zusammenarbeit forderte
Vizepräsident Gore im März einen intensiven Dialog
zwischen der amerikanischen Regierung und der
Industrie, den Strafverfolgungsbehörden und privaten
Vereinigungen. Dieser Dialog hat sich als produktiv
erwiesen und zu verschiedenen politischen Entwicklungen geführt, die zum Vorteil aller Beteiligten sind,
einschließlich ausländischer Unternehmen, die sich für
den Erwerb einer schwer entschlüsselbaren amerikanischen Kryptographie interessieren.
Im September gaben wir die folgenden Schritte
bekannt:
Kryptographie jeder Verschlüsselungsstärke, jeder
Schlüssellänge, mit oder ohne Schlüsselhinterlegung
darf jetzt mit Ausnahmen in verschiedene Sektoren
exportiert werden, darunter das Banken- und Versicherungswesen, medizinische und Gesundheitsorganisationen und online-Händler in Westeuropa, Japan und
Australien. Der Export zu Endverbrauchern oder

Seite 2

Zielen außerhalb dieser Bestimmungsorte wird von
Fall zu Fall geprüft. Die neuen Richtlinien gestatten
auch Verschlüsselungshardware und -Softwareprodukte mit einer Schlüssellänge von bis zu 56-bit
DES (Data Encryption Standard - Datenverschlüsselungsstandard) oder einem Äquivalent, das ohne
Lizenz an alle Nutzer mit Ausnahme der sieben
terroristischen Länder (Iran, Irak, Libyen, Syrien,
Sudan, Nordkorea und Kuba) exportiert wird. Nach
den neuen Richtlinien ist für diese DES-Produkte keine
Schlüsselhinterlegung erforderlich.
Zur Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden
werden wir weiterhin die Entwicklung von KeyRecovery-Produkten fördern, indem wir unsere
Bestimmungen für solche Produkte lockern.
Unsere Politik der Ermutigung dieses Marktes funktioniert ganz offensichtlich: Sowohl amerikanische als
auch ausländische Unternehmen entwickeln als
Reaktion auf Kundennachfragen Verschlüsselungsund Entschlüsselungsprodukte.
Beispielsweise
möchte kein Unternehmen, daß ein verärgerter
Mitarbeiter seine Dateien auf Dauer verschließen
kann.
In diesem Zusammenhang müssen Exporteure vor
dem Export nicht länger zusätzliche Informationen
über die Verläßlichkeit eines Key-Recovery-Agenten
hinterlassen. Wenn Sie sich für ein amerikanisches
Key-Recovery-Produkt entscheiden und dieses
Merkmal wählen, interessiert es uns überhaupt nicht,
bei wem Sie die Schlüssel hinterlegen.
Unsere Key-Recovery-Politik ist klar. Es ist keine
Schlüsselhinterlegung bei einem Dritten. Wir verlangen nicht und haben auch nie verlangt, daß jeder
seine Schlüssel bei der US-Regierung hinterlegen muß
oder daß der Schlüssel überhaupt bei einem Dritten
hinterlegt werden muß. Wir sagen nicht, daß die
Schlüssel in den Vereinigten Staaten bleiben müssen.
Das war trotz gegenteiliger Behauptungen einiger
deutscher Regierungsgvertreter schon immer so.
Tatsächlich haben wir verschiedene Exporte genehmigt, bei denen ausländische User, einige davon hier
in Deutschland, den Schlüssel bei sich selbst hinterlegen. Der vor kurzem von uns unternommene Schritt
zur Abschaffung der Überprüfung von Key-RecoveryAgenten sollte alle denkbaren Mißverständnisse unter
den Mitgliedern Ihrer Regierung beseitigen.
Schließlich unterstützten wir auch den Export von
Produkten, die wir als "entschlüsselbar" bezeichnen.
Diese Produkte befassen sich mit der Entwicklung
örtlicher oder flächendeckender Netzwerke und der
Übermittlung von E-Mail und anderen Daten über
Netze.
Diese sogenannten "entschlüsselbaren"
Produkte gestatten die Entschlüsselung eines Textes

AMERIKA DIENST 21

�durch einen System- oder Netzwerkadministrator ohne
die Zusammenarbeit des Users.
Wir werden den Export dieser Produkte an Wirtschaftsunternehmen in den meisten großen Ländern, einschließlich Westeuropas, Japans und Australiens, für
geschäftsinterne Zwecke gestatten.
Deutschland
gehört dieser Gruppe natürlich an.
Was bedeutet das alles? Es bedeutet, daß es jeder
einzelnen ausländischen Regierung obliegt, über ihre
Politik hinsichtlich gesetzmäßigem Zugang, Schlüsselhinterlegung und ähnlichem zu entscheiden. Und
jedes ausländische Unternehmen, das amerikanische
Kryptoprodukte verwendet, kann im Rahmen dieser
Gesetze tun, was ihm beliebt.
Das heißt nicht, daß wir keine Verschlüsselung mehr
fördern, die gesetzmäßigen Zugang bietet - insbesondere im Inland, aber auch im Ausland. Abgesehen von Exportkontrollen werden wir weiterhin die
staatliche Kaufkraft nutzen. Die US-Regierung wird
starke Verschlüsselung mit Schlüsselhinterlegung für
ihre interne Kommunikation und die mit der Öffentlichkeit nutzen.
Zur Standardisierung staatlicher Beschaffung hat das
Wirtschaftsministerium einen technisch-industriellen
Beratungsausschuß ins Leben gerufen, der einen
bundesweiten Standard für die Key-Recovery ausarbeitet. Die Arbeit des Ausschusses sollte bald
abgeschlossen sein.
Wir haben die praktische Anwendbarkeit der Schlüsselhinterlegung im Rahmen von zehn Pilotprojekten
der US-Regierung erfolgreich unter Beweis gestellt.
Jetzt wollen wir einige dieser Projekte umsetzen.
Beispielsweise befaßt sich ein Pilotprojekt mit der
elektronischen Anmeldung von Patentanwendungen
beim amerikanischen Patentamt über das Internet, was
eine digitale Signatur und Verschlüsselung beinhaltet.
Ferner fassen wir neue Pilotprojekte ins Auge.
Es ist keine leichte Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft, dem Schutz
der Privatsphäre und der öffentlichen Sicherheit
herzustellen. Bei der Umsetzung dieser Politik planen
wir eine enge Zusammenarbeit mit allen Akteuren - der
Industrie, dem Kongreß, den Strafverfolgungsbehörden, privaten Vereinigungen und den nationalen
Sicherheitsbehörden, um die Effektivität unserer
Aktionen in diesem sich wandelnden Medium ständig
zu evaluieren und neu zu bewerten. Wir werden
weiterhin enge Konsultationen mit ausländischen
Regierungen führen, um das Wachstum sicheren
globalen elektronischen Handels zu ermutigen, ohne
unseren Kampf gegen den internationalen Terrorismus
und das internationale Verbrechen aufs Spiel zu
setzen.

AMERIKA DIENST 21

Entkräftung der Mythen
Vor diesem Hintergrund möchte ich kurz einige der
Mythen widerlegen, die über unsere Politik verbreitet
werden. Um offen zu sein, halte ich einige dieser
Behauptungen nicht nur für falsch, sondern auch für
schwer verständlich.
Vielleicht ist das alles ein
Mißverständnis, aber wir führen seit mehr als zwei
Jahren einen intensiven Dialog mit deutschen Regierungsmitgliedern, und meine Kollegen und ich sind bei
zahlreichen Gelegenheiten mit Vertretern der Bundesregierung und der Industrie zusammengetroffen, um
unsere Politik zu erörtern und Ihre Fragen zu beantworten. Wir haben uns große Mühe gegeben, um
Transparenz und ein Verständnis unserer Politik zu
erreichen. Diese Botschaft wurde nicht nur auf
Arbeitsebene übermittelt, sondern auch auf höchster
Ebene der Bundesregierung. Wir sind zur Fortsetzung
dieses Dialogs bereit.
Obwohl die Gründe für diese jüngsten Behauptungen
schwer zu finden sind, werde ich weiterhin versuchen,
unsere Position zu erklären. Unsere Beziehungen
sind zu wichtig und zu produktiv, als daß diese Mißverständnisse unser Verhältnis vergiften dürften. Während meines Besuchs werde ich mit Vertretern der
deutschen und der amerikanischen Wirtschaft, möglichen Mitgliedern der neuen Bundesregierung und der
Presse in dem dauerhaften Bestreben zusammentreffen, diese Mythen zu entkräften.
Mythos Nr. 1: "Die amerikanische Verschlüsselungspolitik ist der Versuch, den globalen Kryptographiemarkt zu beherrschen."
Diese Kritik habe ich oft gehört. Denken Sie eine
Minute darüber nach. Wenn sie berechtigt wäre,
würden wir einfach unsere Exportkontrollen abschaffen
und dem Export Tor und Tür öffnen. Man braucht nur
einige Webseiten unserer Kryptographiehersteller oder
Wirtschaftszeitschriften wie Wired zu lesen um zu
sehen, daß die amerikanischen Hersteller der Ansicht
sind, daß wir sie auf dem Weltmarkt ernsthaft benachteiligen.
Die amerikanische Softwareindustrie fühlt sich besonders durch die Tatsache behindert, daß sie im
Gegensatz zu einigen ihrer Konkurrenten 128-BitVerschlüsselung nicht frei exportieren darf. Tatsächlich haben manche ausländischen Unternehmen,
einige mit Sitz in Deutschland, die amerikanischen
Exportkontrollen für Kryptographieprodukte für ihre
Vermarktungskampagnen benutzt. Dieser Verwurf ist
angesichts dieser Tatsachen einfach lächerlich.
Mythos Nr. 2: "Die Schlüssel für amerikanische
Verschlüsselungsprodukte in Deutschland müssen in
den USA hinterlegt werden."

Seite 3

�Einer der ersten und überraschendsten Kritikpunkte
lautet, das Hauptziel der amerikanischen Verschlüsselungspolitik liege darin, die Vereinigten Staaten zum
Hinterlegungsort aller Kryptographieschlüssel zu
machen. Ich habe den deutschen Behörden wiederholt gesagt - und sage das auch heute - daß das
absolut nicht zutrifft.
Unsere Exportvorschriften
gestatten explizit die Schlüsselhinterlegung im Ausland
sowie die Selbsthinterlegung durch Unternehmen und
User.
Mythos Nr. 3: "Die Vereinigten Staaten unterstützen
Key-Recovery-Produkte als Hintertür für die amerikanischen Nachrichtendienste."
Dies steht in engem Zusammenhang mit dem vorherigen Vorwurf und ist besonders verletzend. Ich möchte noch einmal betonen: Die Vereinigten Staaten
haben nicht verlangt und verlangen nicht, daß Schlüssel in den Vereinigten Staaten hinterlegt werden und
die US-Regierung darauf Zugriff hat. Wie ich bereits
erwähnte, wurde unsere Politik in jüngster Zeit dergestalt geändert, daß jegliche staatliche Überprüfung
der Key-Recovery-Agenten abgeschafft wurde. Statt
dessen beschlossen wir, daß andere Regierungen
entscheiden können, ob ihre Key-Recovery-Agenten,
wenn sie existieren, verläßlich sind.
Das war der einzige Grund dafür, daß wir eine solche
Überprüfung überhaupt gefordert haben. Jeder, der
weiterhin solche Vorwürfe erhebt, sollte dafür Beweise
erbringen. Sonst kommt man unweigerlich zu der
Schlußfolgerung, daß diese Behauptungen um des
wirtschaftlichen Vorteils willen aufgestellt werden.
Mythos Nr. 4: "Amerikanische Kryptoprodukte verstoßen gegen deutsche Gesetze."
Offen gesagt, verblüfft mich diese Behauptung weiterhin. Die Enquetekommission des Bundestags veröffentlichte kürzlich einen Bericht, dem zufolge die
amerikanischen Vorschriften im Widerspruch zu
deutschen Gesetzen wie dem Grundgesetz, dem
Strafgesetzbuch, dem Datenschutzgesetz und dem
Telekommunikationsgesetz stehen könnten.
Es
wurden jedoch keine Beweise oder Argumente
vorgelegt, die diese Behauptung untermauern.
Es ist zweifelsohne nicht unsere Absicht, gegen
deutsche Gesetze zu verstoßen. Tatsächlich kann
man sich schwer vorstellen, wie dies angesichts der
Flexibilität unserer Politik der Fall sein könnte. Wie ich
bereits erklärte und so oft wie nötig wiederholen
werde, hat die US-Regierung nicht verlangt und
verlangt auch jetzt nicht, daß Schlüssel in den Vereinigten Staaten hinterlegt werden und die US-Regierung darauf Zugriff hat - falls dies Ihre Sorge ist.

Seite 4

Was die Hinterlegung von Schlüsseln im Ausland
anbelangt, liegt es beim Kunden oder User und der
betreffenden ausländischen Regierung zu entscheiden, wo der Schlüssel hinterlegt wird. Wie bei jeder
strafrechtlichen Ermittlung, die unsere beiden Länder
betrifft, werden die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden im Rahmen der bestehenden bilateralen Abkommen zusammenarbeiten, um Beweismaterial und
Informationen, einschließlich möglicher Schlüssel oder
Zugriff auf Klartext, auszutauschen - jedoch nur in dem
Ausmaß, wie die Bundesregierung dem zustimmt.
Die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit
Es ist klar, daß weder weit verbreitete Verschlüsselungssysteme noch eine erfolgreiche nationale Politik
ohne internationale Zusammenarbeit möglich sind. Als
US-Sondergesandter ist mein Ziel ein internationaler
Konsens über die Entwicklung des Schlüsselmanagement und einen Hinterlegungsrahmen, der große und
verläßliche Sicherheit für die globale Informationsinfrastruktur bietet und gleichzeitig die öffentliche und
nationale Sicherheit schützt. Drei Schlüsselthemen für
die Zusammenarbeit zeichnen sich ab: Die Notwendigkeit harmonisierter Exportkontrollmaßnahmen, die
Entwicklung kompatibler Infrastrukturen und die
Notwendigkeit der Zusammenarbeit unter den Strafverfolgungsbehörden. Dies sind die realen Fragen, mit
denen wir uns befassen müssen - nicht die Mythen.
Wir planen eine Zusammenarbeit mit Ihrer Regierung
in den entsprechenden internationalen Foren, während
wir Fortschritte machen.
Zusammenarbeit und Verständigung zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten sind entscheidend für den Umgang mit einer Vielzahl von
Gefahren nach dem Ende des Kalten Krieges - von der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis
zur Bekämpfung von Terrorismus und Verbrechen.
Gesetzmäßiger Zugang zu Kryptographie ist ein
wesentliches Element in diesem Kampf. Das heißt
nicht, daß es keinen Raum für ehrliche Meinungsverschiedenheiten über Kryptographie zwischen unseren
beiden Ländern gibt. Und ohne Zweifel hat Deutschland das Recht auf die Ausarbeitung seiner eigenen
Politik - tatsächlich zieht die amerikanische Politik das
besonders in Betracht.
Es ist jedoch an der Zeit, die irrtümlichen Mythen und
Verdächtigungen hinter uns zu lassen, die unsere
Zusammenarbeit auf diesem Gebiet behindern. Ich bin
zuversichtlich, daß sowohl der Tenor als auch die
Stärken unserer traditionellen Zusammenarbeit
wiederhergestellt werden können, wenn wir uns auf die
Fakten konzentrieren.

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�WELTGERICHTSHOF
21. Oktober 1998

Amerikas Interesse an Frieden,
Sicherheit und Gerechtigkeit
von David J. Scheffer

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Sonderbotschafters für Kriegsverbrechen betreffende
Fragen, David J. Scheffer, der erstmals in Das Parlament vom 279. Oktober 1998 erschien.

Auf der ganzen Welt haben die Vereinigten Staaten die
Führungsrolle bei den Bestrebungen übernommen, die
des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Kriegsverbrechen Beschuldigten vor
Gericht zu bringen. Wir fördern und unterstützen
uneingeschränkt internationale Tribunale, um die
weitverbreitete Verletzung der Menschenrechte im
ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda zu bestrafen,
und wir unterstützen seit langem die Einrichtung eines
entsprechenden Internationalen Strafgerichtshofs.
Warum haben die Vereinigten Staaten dann gegen die
im vergangenen Monat in Rom erzielte Vereinbarung
gestimmt, einen ständigen Gerichtshof einzurichten?
Weil das Abkommen die lebenswichtigen Interessen
der Vereinigten Staaten und anderer aufs Spiel setzt,
internationalen Frieden und Sicherheit zu fördern,
während die für die schlimmsten Greueltaten Verantwortlichen straffrei ausgehen könnten. Ein solches
Ergebnis liegt kaum im Interesse der Gerechtigkeit.
Die Geschichte lehrt uns, daß die beste Hoffnung auf
Frieden und Gerechtigkeit dann gegeben ist, wenn
beides gemeinsam verfolgt wird. Die Nürnberger
Prozesse wären nicht möglich gewesen, wenn die
Alliierten das Nazi-Regime nicht besiegt hätten. Als
die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und anderer
NATO-Verbündeter Anfang 1996 in Bosnien eintrafen,
war nur ein Angeklagter in Gewahrsam genommen
worden - heute sind es 33. In der Praxis sind kollektive Aktionen häufig das einzige Mittel zur Schaffung der
Grundlage, auf der Gerechtigkeit beginnen kann.
Daher ging die amerikanische Delegation unter meiner
Leitung mit zwei parallelen Zielen nach Rom: Fortsetzung der Fortschritte zu internationaler Gerechtigkeit

AMERIKA DIENST 21

bei gleichzeitigem Schutz der entscheidenden Rolle
der Vereinigten Staaten und anderer verantwortungsvoller Mitglieder der internationalen Gemeinschaft bei
der Bewahrung von Frieden und Sicherheit durch
humanitäre Aktionen, Friedenssicherung und - falls
erforderlich - kollektive militärische Aktionen.
Wir wollten einen Gerichtshof, dem vom Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen Befugnisse für die Verfolgung
der für abscheuliche Verbrechen Verantwortlichen
verliehen werden, wer immer und wo immer sie sind,
aber auch einen Gerichtshof, dessen Fähigkeit, ohne
ein Mandat des Sicherheitsrats zu handeln, so gestaltet wäre, daß Schutz vor einer fehlgeleiteten Ausübung
von Autorität geboten würde, die legitimen nationalen
und internationalen Interessen schaden könnte.
Das war ein vernünftiger Ansatz, der ursprünglich von
einem UN-Team internationaler Rechtsexperten
unterbreitet worden war. In Rom signalisierten wir
unsere Bereitschaft zu Flexibilität bei der Übertragung
der Fälle an den Gerichtshof, hatten jedoch das
Gefühl, es sei unerläßlich, das Recht einer Regierung
zur Einschätzung der Fairneß und Unparteilichkeit des
Weltgerichtshofs anzuerkennen, bevor zugelassen
wird, daß Menschen der Zuständigkeit des Gerichtshofs in Abwesenheit einer Überweisung durch den
Sicherheitsrat unterstellt werden.
Dieser Ansatz
garantierte die Fähigkeit verantwortungsvoller Regierungen, lebensrettende Missionen ohne Angst durchzuführen, daß ihre Truppen vor ein Tribunal gezerrt
würden, das sich mit der Zeit erst noch bewähren
müßte.
Bedauerlicherweise erarbeitete eine kleine Gruppe von
Ländern während der letzten Tage der Konferenz in

Seite 1

�Rom hinter verschlossenen Türen einen kompromißlosen Text mit gravierenden Mängeln, der eine
Anleitung für die Politisierung des Gerichtshofs bietet
und das Risiko beinhaltet, verantwortungsvolle
internationale Aktionen zur Förderung von Frieden und
Sicherheit abzuschrecken. Am problematischsten ist
die außergewöhnliche Art und Weise, auf die in letzter
Minute die Zuständigkeit des Gerichtshofs formuliert
wurde. Ein Land, dessen Streitkräfte Kriegsverbrechen begehen, könnte dem Vertrag beitreten,
jedoch der strafrechtlichen Verfolgung seiner Bürger
entgehen, indem es sich für den Zeitraum von sieben
Jahren für die Nichtteilnahme an der Zuständigkeit des
Gerichtshofs für Kriegsverbrechen entscheidet. Im
Gegensatz dazu könnte ein Land, das dem Vertrag
nicht beitritt, jedoch zur Wiederherstellung von internationalem Frieden und Sicherheit seine Soldaten ins
Ausland entsendet, der Geltendmachung der Gerichtsbarkeit für die Taten dieser Soldaten ausgesetzt sein.
Im Rahmen des Vertrags darf der Gerichtshof bei
einem Verbrechen richten, wenn entweder das
Herkunftsland des Angeklagten oder das Land, in dem
das mutmaßliche Verbrechen begangen wurde,
Vertragspartei ist oder zustimmt. Somit beinhaltet der
Vertragstext, daß der Gerichtshof - selbst wenn der
Irak dem Vertrag nicht beitritt - lediglich aufgrund der
Zustimmung eines Saddam Hussein über amerikanische oder andere Soldaten Recht sprechen darf, die
an internationalen humanitären Aktionen im Nordirak
beteiligt sind, der Gerichtshof Saddam Hussein aber
nicht aus eigenem Antrieb wegen der Massaker an
seinem eigenen Volk zur Rechenschaft ziehen kann.
Diese und andere Probleme bei dem bestehenden
Vertragstext erschweren die Zusammenstellung
effektiver Koalitionen für internationale Friedenssicherung und Implementierungsmaßnahmen. Die
Schwierigkeiten werden noch erhöht, wenn der Ge-

* *

Seite 2

richtshof, wie im Vertrag vorgesehen, über einen
"Angriffskrieg" richten will, für den die Delegierten in
Rom noch nicht einmal eine Definition finden konnten.
Ausländische Regierungsmitglieder und Vertreter
nichtstaatlicher Organisationen bemühten sich in Rom,
uns zu versichern, daß in den Vertrag eingebaute
Sicherheitsklauseln - von denen viele erfolgreich von
den Vereinigten Staaten angestrebt wurden - bedeuteten, daß es für amerikanische Soldaten kein plausibles
Risiko gibt. Wir konnten eine solche optimistische
Einstellung zur Unfehlbarkeit einer noch nicht erprobten Institution nicht teilen.
Die Vereinigten Staaten bleiben der Bewältigung der
Herausforderungen von Gerechtigkeit, Frieden und
Sicherheit uneingeschränkt verpflichtet. Wir hoffen,
daß andere Regierungen die Vorteile einer potentiellen
amerikanischen Beteiligung an dem Vertrag von Rom
erkennen und seine Mängel korrigieren. Die Vereinigten Staaten können nur dann entscheidenden
Einfluß auf die Fähigkeit und Bereitschaft widerstrebender Regierungen zur Zusammenarbeit mit dem
Gericht ausüben, wenn der Gerichtshof nicht diejenigen in Gefahr bringt, die die Verantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit übernehmen.
In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
weiterhin die Bestrebungen anführen, diejenigen vor
Gericht zu stellen, die die grausamsten Verbrechen
begangen haben und in einigen Fällen immer noch
begehen. Wir vertrauen darauf, daß unsere Freunde
und Verbündeten bei der Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen ebensoviel Entschlossenheit
zeigen wie bei der Gründung eines zukünftigen
Weltgerichtshofs. Unseres Erachtens steht für internationalen Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit zu viel
auf dem Spiel, als daß irgendetwas anderes akzeptiert
werden könnte.

* *

*

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�MENSCHENRECHTE
21. Oktober 1998

Menschenrechte und Außenpolitik
Rede von Botschafter John C. Kornblum

NÜRNBERG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Botschafters der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei der Menschenrechtstagung in Nürnberg vom 9. Oktober 1998, die vom Gesandten Michael C. Polt gehalten wurde.

Während wir darüber nachdenken, wie die internationalen Beziehungen im neuen Jahrtausend aussehen sollen, sind wir mit einer Dichotomie konfrontiert. Einerseits haben unsere Nationen mehr
Chancen zum Aufbau eines demokratischen Friedens
als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Andererseits scheint es, daß die aus den zahlreichen
Veränderungen entstehenden Herausforderungen oft
nicht zu bewältigen und manchmal sogar nicht zu
definieren sind. Chancen gehen oft in der Kakophonie
der Dispute unter.
Die Welt schreit nach Antworten. Wie gehen wir mit
Konflikten oder den humanitären Konsequenzen von
Krieg und Konfrontation um? Welche Rolle haben die
Konzepte von nationaler Souveränität oder militärischer Sicherheit, wenn nationale Grenzen immer mehr
an Bedeutung verlieren? Wie legitim ist die Verteidigung der nationalen Kultur oder Religion als Ursache
für militärische Aktionen? Was sind die neuen Methoden für den Umgang mit internationalen Konflikten?
Keine dieser Fragen kann mit Standardlösungen für
internationale Probleme beantwortet werden. Keine
kann mit traditionellen diplomatischen Methoden
bewältigt werden. Und vor allem gibt es noch kein
Leitprinzip für die Entscheidung, wie auf Konflikte
reagiert werden sollte, die durch solche Dispute
entstehen, insbesondere im Fall von Aggression gegen
den Einzelnen.
Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges
müssen wir mit der Definition der Standards beginnen,
die uns bei der Suche nach Antworten auf diese
Fragen behilflich sein können. Wenn es uns mit dem

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Aufbau einer demokratischen Basis für Frieden auf der
Welt ernst ist, müssen wir sicherstellen, daß die
Prinzipien der Demokratie gut verstanden werden. Wir
müssen Leitlinien definieren, die einem mündigen
internationalen Bürger behilflich sind, ebenso wie
unsere Gesetze und Verfassungen uns bei informierten Entscheidungen zur Unterstützung der Demokratie
im Inland behilflich sind.
Eine Zeit der Chancen
Heute möchte ich über die zunehmende praktische
Bedeutung von Menschenrechtsstandards bei der
Suche nach Lösungen für diese neuen Herausforderungen sprechen. Ich möchte Perspektiven für
die Entwicklung eines mündigen Bürgers erörtern, der
die uns konfrontierende Konfusion erfolgreich meistern
kann. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir die
Chance, ein neues Paradigma für die Beziehungen
zwischen Nationen und Völkern zu definieren. Wir
können harten Wettbewerb und militärische Gewalt
durch demokratische Werte als Leitprinzipien des
internationalen Lebens ersetzen.
Das ist eine große Herausforderung. Um Erfolg zu
haben, müssen Regierungen und Völker zu einer
besseren Definition der vor ihnen liegenden Herausforderungen gelangen. Wir müssen die praktische
Anwendung von Menschenrechtsstandards ebenso
praktizieren wie wir während der vielen vergangenen
Jahrhunderte Verhandlungen und Krieg praktiziert
haben. Und vor allem müssen wir das Streben nach
Menschenrechten neu definieren. Diese Disziplin
sollte nicht länger Idealisten und Weltverbesserern
überlassen bleiben, wie es immer noch allzu häufig der
Fall ist. Sie sollte als das zentrale Element einer

Seite 1

�wirklich realistischen Friedenspolitik anerkannt werden.
Vor diesem Jahrhundert gehörten Menschenrechte
eher in eine philosophische als eine praktische
Kategorie menschlichen Strebens.
Die großen
Gelehrten der Aufklärung definierten eine bislang
unbekannte Kategorie - die Idee von Gerechtigkeit als Element des öffentlichen und privaten Lebens. Die
Ideen universeller Rechte waren die Grundlage der
amerikanischen Verfassung und der französischen
Revolution. Sie entstanden in England und andernorts, fehlten aber im internationalen Leben fast völlig.
Das Leben der Nationen schien über den normalen
menschlichen Standards zu liegen. Während die
Kriege immer zerstörerischer wurden, wurden die von
den Menschen gebrachten Opfer bei internationalen
Konflikten immer größer.
Das 20. Jahrhundert war Zeuge der entsetzlichsten
Beispiele für menschliches Leid, das die Menschheit
kennengelernt hat. Krieg und politische Konflikte
forderten während der letzten 90 Jahre mehr als 100
Millionen Menschenleben. Vor 50 Jahren entwarf die
internationale Gemeinschaft einen Kodex der Menschenrechte - die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte - der heute die Grundlage für internationales und nationales Verhalten gegenüber dem
Einzelnen darstellt.

Respektierung von Menschenrechten etwas zu
bewirken. Der explosionsartige Zuwachs des Internet
bedeutet, daß Informationsverweigerung für unterdrückerische Regime immer schwieriger wird. Allgemein - und das ist die größte Hoffnung - haben wir
einzigartige Chancen, die Prinzipien umzusetzen, die
die Gründerväter der universellen Werte geschaffen
haben.
Diese Leistung resultierte aus einem der wichtigsten
konzeptionellen Durchbrüche des vergangenen
Jahrhunderts. Sie gehört zu Dekolonisierung und
Rüstungskontrolle als wirklich innovativen Schritten zu
einer friedlicheren Welt. Die Akzeptanz der zentralen
Bedeutung von Menschenrechten für die Bewahrung
von Frieden bedeutet, daß die Verletzung von Menschenrechten auch eine legitime Basis für internationales Handeln ist, einschließlich militärischer
Intervention, falls nötig. Die Ereignisse im Kosovo
verdeutlichen uns diese Prinzipien heutzutage.
Die Definition einer werteorientierten Außenpolitik
Dies ist ein wahrhaft aufregender Zeitpunkt, sich dafür
zu engagieren, Menschenrechte auf den zentralen
Platz in den internationalen Beziehungen zu bringen.
Wir haben eine große Chance, zur Bereitstellung der
Ressourcen beizutragen und eine werteorientierte
Außenpolitik in die Praxis umzusetzen.

Ich spreche von Verhalten gegenüber dem Einzelnen,
weil das Konzept der Menschenrechte mit der Souveränität und Unantastbarkeit jedes einzelnen Menschen
beginnt. Es ist die Pflicht der Staaten und führenden
Politiker, ihr Verhalten gegenüber diesen unveräußerlichen Menschenrechten zu definieren, und nicht
umgekehrt. Der Staat dient den Interessen des
Einzelnen; nicht der Einzelne den Bedürfnissen des
Staates. Dieses Grundprinzip bleibt weiterhin der
Rahmen für jedes menschliche und politische Verhalten. Obwohl es oft verletzt wird, kann es kein
UNO-Mitglied ignorieren. Es ist das Gesetz unseres
Planeten.

Insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges
wurden die Bestrebungen, Menschenrechtsprinzipien
auf praktische Weltprobleme anzuwenden, bis zur
Unkenntlichkeit erweitert. Es gibt gute Gründe für
diese dramatische Verlagerung.
In einer durch
internationale Konfrontation erstarrten Welt reduzierten
sich die so genannten "menschlichen" Anliegen der
Außenpolitik oftmals darauf, den Notleidenden zu
helfen. Tieferliegende Fragen der menschlichen
Lebensbedingungen und Konflikte waren unter der
Decke der Ost-West-Konfrontation verborgen.

Auf dieser Basis bewegt sich die internationale
Gemeinschaft kontinuierlich auf eine funktionellem
Definition von demokratischen Werten und Außenpolitik zu. Die Standards des internationalen humanitären Rechts werden auf die drängenden Erfordernisse
des Zeitalters nach dem Kalten Krieg angewandt. Wir
haben Menschenrechte zu einem legitimen Diskussionsthema bei den zwischenstaatlichen Beziehungen
gemacht. Und mit offensichtlichem Erfolg.

Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei erkannten Ost und West, daß eine
weitere Verschärfung der Spannungen zu einer
Katastrophe führen könnte. Im vorausgegangenen
Jahrzehnt war in Berlin und Kuba nahezu der Krieg
ausgebrochen. Beide Seiten waren zu einer Entschärfung der Situation bereit.

Die systematische Verletzung der Menschenrechte ist
in großen Gebieten dieses Globus eingeschränkt oder
abgeschafft worden - wobei die ehemalige Sowjetunion das beste Beispiel darstellt. Nichtregierungsorganisationen finden neue Chancen, um beim Aufbau
von Strukturen und Institutionen auf der Grundlage der

Seite 2

Das Tauwetter begann Anfang der siebziger Jahre.

Die ersten Schritte wurden hier in Deutschland gemacht. Beide Seiten einigten sich auf eine Verringerung der Spannungen in Berlin. Die Viermächteverhandlungen über Berlin waren wahrhaftig humanitäre Gespräche. Der Hauptgegenstand dieser Verhandlungen war, die Bedingungen für Ostberliner zu
verbessern und Reisen von Berlin in den Westen zu
erleichtern. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die

AMERIKA DIENST 21

�Berliner Verhandlungen eine neue Ära der Außenpolitik einläuteten. Zum ersten Mal in der Geschichte
schluckten Großmächte ihre Meinungsverschiedenheiten und schufen eine auf Verträgen gründende
Struktur humanitärer Verbesserungen als Mittel zur
Verringerung der Spannungen.
In den darauf folgenden Jahren gab es ähnliche
Bemühungen, die Normen des internationalen humanitären Rechts auf die ganze Bandbreite der Beziehungen zwischen Nationen und - was noch dramatischer
war - innerhalb der Nationen selbst anzuwenden.
Der Fortschritt kam nicht über Nacht. Es dauerte mehr
als zehn Jahre, bis man übereinkam, daß humanitäre
Gesichtspunkte ein legitimer Aspekt internationalen
Lebens sind. Der wesentliche Durchbruch kam mit der
Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte beim Gipfel von
Helsinki im August 1975.
Dieses Dokument legte nicht nur das Menschenrechtskonzept des Westens fest; es bildete auch ein direktes
Bindeglied zwischen militärischer Sicherheit, wirtschaftlichem Austausch und der Einhaltung anerkannter Normen der Menschenrechte. Die "Operationalisierung" der Menschenrechte, wie wir es in Amerika
nennen würden, war beispiellos.
Wissenschaftler, die das Geheimnis des Zusammenbruchs des Totalitarismus zu enthüllen versuchen,
können durchaus die Schlußakte von Helsinki als
befreiendes Dokument bezeichnen. Sie sandte ein
Schauern durch die sowjetische Welt. Binnen einer
Woche nach der Veröffentlichung der Schlußakte in
Neues Deutschland erhöhte sich beispielsweise die
Zahl der Ausreiseanträge aus der DDR um 200.000.
Verlagerung des Konflikts
Als in den frühen neunziger Jahren der Zerfall der
Sowjetunion begann, zollte sogar der russische
Außenminister Andrej Kosyrew der KSZE und ihrer
Botschaft der Menschenrechte Anerkennung für den
Zusammenbruch des Kommunismus. Als das neue
Jahrzehnt begann, bestand die Hoffnung, daß das
Ende des Kalten Krieges schließlich auch das Ende
der Konflikte auf der ganzen Welt bringen würde.
Tragischerweise wurde der Konfliktschwerpunkt
verlagert. Ohne die Furcht vor nuklearer Vernichtung
fühlten sich Gruppierungen auf der ganzen Welt
ermutigt, lang unterdrückten Groll wiederzubeleben.
Das Resultat steht uns nur zu deutlich vor Augen.
Plötzlich begannen Gruppierungen und Nationen, alte
Rechnungen zu begleichen, Grenzlinien neu zu ziehen
und Vorteile einzufordern, von denen sie meinten, daß
sie ihnen seit langem zustünden.
Es war, als habe der Kalte Krieg die Welt in dem
Glauben hypnotisiert, die Geschichte sei tatsächlich an

AMERIKA DIENST 21

einem Endpunkt angelangt. Sein Ende brach den
Bann. Die Opfer waren nicht die Großmächte. Es
waren die Menschen in weit entfernten, oft entlegenen
Teilen der Welt, die den Schmerz spürten.
Präsident Bush sprach 1989 mutig von der "Neuen
Weltordnung". Keine zwei Jahre danach wurde
schmerzhaft klar, daß die Welt bei weitem nicht bereit
war für die neue Freiheit nach dem Kalten Krieg. Ein
neuer Begriff tauchte auf - die internationale Gemeinschaft. Dieser Terminus, der nicht im entferntesten
klar definiert war, signalisierte eher Hilflosigkeit als
Macht, eher Konfusion als Entschlossenheit. Von
Bosnien bis Somalia, von Afghanistan bis Tschetschenien spielten humanitäre Belange eine zentrale
Rolle.
Auf der Suche nach Antworten
Es ist wichtig zu beachten, daß die internationale
Gemeinschaft angesichts dieser Herausforderungen
nicht untätig geblieben ist. Sowohl bei den Vereinten
Nationen als auch von regionalen Organisationen wie
der NATO, OSZE, der Organisation Amerikanischer
Staaten und der Organisation für Afrikanische Einheit
wurden zahlreiche Instrumente geschaffen, um mit
dieser neuen Art von Konflikt umzugehen. Humanitäre
Organisationen waren ebenfalls kreativ bei der
Anpassung an die neue Situation. Nichtregierungsorganisationen haben in vielen Bereichen unerschrocken humanitäre Diplomatie betrieben, wo
Regierungen nicht tätig werden konnten.
Die Erfahrungen sind gemischt. Auf jeden Erfolg, wie
etwa in El Salvador oder Bosnien, kamen auch
Niederlagen. Neue Instrumente werden oft von denen
abgelehnt, für deren Hilfe sie gedacht waren. Und
bedauerlicherweise verhindern häufig die Zänkereien
zwischen größeren Mächten die Lösungen für die, die
sie am meisten brauchen.
Ein Großteil des Problems besteht in der Definition.
Nachdem wir mehr als ein Jahrzehnt darauf verwendet
haben, humanitäre Belange als legitime Aspekte
internationaler Beziehungen anzuerkennen, werden
wir nun mit einer explosionsartig zunehmenden Zahl
von Herausforderungen konfrontiert. Ein Großteil ist
kaum definiert.
Die humanitäre Arbeit von Nichtregierungsorganisationen steht zunehmend mit ethnischen oder regionalen Konflikten im Zusammenhang.
Massenmorde in Bosnien
waren sowohl Verbrechen als auch humanitäre Krisen. Der Krieg in Tschetschenien wurde
von Rußland als innere Angelegenheit bezeichnet. Dasselbe behauptet Belgrad vom
gegenwärtigen Konflikt im Kosovo. Zunehmend werden humanitäre Hilfsleistungen

Seite 3

�durch militärische
beeinträchtigt.

Auseinandersetzungen

Als OSZE-Hochkommissar für nationale
Minderheiten hat Max van der Stoel hervorragende Arbeit geleistet. Aber er wird oft
an der Einreise in ein Land mit Minderheitenproblemen gehindert, weil die Landesregierung diese Definition des Problems ablehnt.
So ist das Erreichen eines Konsenses über
die Natur ethnischer und religiöser Konflikte
eine weitere wesentliche Aufgabe.
Gleiches gilt auch für Flüchtlinge. Ein krasses
Beispiel ist die Weigerung Kroatiens, aus der
Krajina geflohene Serben weder als Flüchtlinge noch als Vertriebene zu definieren. Die
Situation in Zentralafrika entzieht sich jeglichem Verständnis.
Langsam geht man daran, dieses Problem der gemeinsamen Definitionsfindung zu lösen. Nach einem
fast zehn Jahre dauernden Konflikt über Nagorny-Karabach scheinen die beteiligten Parteien bereit,
eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu akzeptieren. Trotz seiner Behauptung, der Tschetschenien-Konflikt sei eine innere Angelegenheit,
gestattete Rußland der OSZE, eine Vermittlerrolle zu
spielen.
Es werden Instrumente erarbeitet. Die OSZE hat bei
der Weiterentwicklung von Methoden der Konfliktprävention und des Krisenmanagements eine Führungsrolle übernommen. Ihre Konfliktpräventionsmissionen erfüllen in mehr als zehn Ländern wichtige
Aufgaben. Ihre Rolle in Bosnien beinhaltete die
Veranstaltung von Wahlen, die Durchführung von
Rüstungskontrollverhandlungen und die Etablierung
von
Standards
für
Menschenrechte.
Die
UN-Hochkommissarin für Flüchtiingsfragen ist gleichfalls kreativ gewesen, was den Einsatz ihrer Möglichkeiten für positive Zwecke betrifft.
Die Rolle der Friedenssicherung
Im Zuge der Intensivierung dieser Konflikte waren die
Parteien bestrebt, sich zum Erhalt der Ordnung auf das
Militär zu stützen. Traditionelle Konzepte der Friedenssicherung entwickelten sich rasch zu einer
Vielzahl militärischer Aufgaben. Die meisten davon
sind neu. Unsere führenden Militärs sind noch nicht
mit ihnen vertraut und zögern, sich auf nicht erprobte
Missionen einzulassen. Die derzeitigen Rollen der
Friedenssicherung variieren - von normaler Beobachtung und Präsenz zu konkreten Kampffunktionen.
Es gab mehrere wichtige Erfolge. Die IFOR/SFOR in
Bosnien, die UN-Truppen in Kambodscha und El
Salvador sowie die Albanien-Mission unter Leitung

Seite 4

Italiens zeigten, wie die wohlüberlegte Anwendung
militärischer Stärke einen wichtigen Beitrag leisten
kann.
Es gab jedoch auch deutlich sichtbare Fehlschläge.
Obwohl die Entsendung der UNPROFOR nach
Jugoslawien von wohlmeinenden Absichten getragen
war, erwies sie sich als unbefriedigend sowohl für die
Schutzbedürftigen als auch für die Beschützer selbst.
Obwohl die UNPROFOR aus Streitkräften zusammengesetzt war, war ihre Struktur nicht auf die Erfüllung
einer Militärmission ausgerichtet. Das Ergebnis war
Konfusion und im Falle von Srebrenica eine Tragödie.
Wenn eine Streitmacht erst einmal entsandt ist, stellt
sich die Definition der laufenden Mission als sehr
schwierig dar. Wir hatten keine genauen Informationen über die militärische Bedrohung und die Einsatzbedingungen. Die IFOR-Mission begann mit der
konkreten Arbeit der Truppenentflechtung. Sie ging
schnell zu Aufgaben im Bereich der öffentlichen
Ordnung und des Schutzes von Flüchtlingen über. Im
September 1996 konnte die IFOR eine zentrale Rolle
bei den Wahlen in Bosnien übernehmen, die vom
Daytoner Abkommen vorgeschrieben wurden. Die
Rolle der SFOR beinhaltet in zunehmendem Maße
auch allgemeine wirtschaftliche und humanitäre
Aufgaben.
Dennoch ist ihre Rolle weiterhin umstritten. Die
legitime Funktion der SFOR im Hinblick auf Kriegsverbrecher war kompliziert und kontrovers. Die jüngsten
Erfolge zeigen, daß solche Aufgaben ebenfalls erfüllt
werden können - jedoch nur, wenn sie militärisch
möglich sind.
Die Frage der Kriegsverbrecher veranschaulicht eine
der ständigen Debatten über die Friedenssicherungstruppen. Die führenden Politiker finden es oft nützlich,
die Streitkräfte für verschiedene Aufgaben einzusetzen. Es ist jedoch nicht vertretbar, das Militär zu
Aufgaben heranzuziehen, die nicht innerhalb seiner
Richtlinien erfüllt werden können. Ich weiß, daß
humanitäre Organisationen sich oft eine noch umfassendere militärische Unterstützung wünschen. Ich
kann nicht vorhersagen, wie sich die Rolle des Militärs
entwickeln wird. Wir können von unseren Truppen
jedoch keine Dinge erwarten, die nicht ihren von ihnen
definierten Fähigkeiten entsprechen.
Die zunehmende Integration militärischer und diplomatischer Bestrebungen wirft auch Fragen über die
Legitimität der Truppenentsendung auf. Wann stellen
militärische Aktivitäten, die den Schutz von Menschenrechten vorgeben, tatsächlich eine Aggression
dar? Die serbische Militärintervention in Bosnien und
jetzt im Kosovo war nackte Aggression unter dem
Deckmantel des Schutzes von Menschenrechten. Und
wann hat die internationale Staatengemeinschaft das

AMERIKA DIENST 21

�Recht zurückzuschlagen,
unerträglich wird?

wenn

die

Aggression

Wie die Diskussion dieser Woche beweist, sind die
Vereinigten Staaten der festen Überzeugung, daß die
serbische Verletzung des internationalen humanitären
Rechts im Kosovo eine militärische Reaktion eindeutig
rechtfertigt. Und es ist nicht legitim zu behaupten, die
NATO könne nicht zur Bewahrung der Menschenrechte intervenieren, weil andere dieselbe Entschuldigung
für eine weniger noble Intervention benutzen könnten.
Wenn wir 1948 auf dieses Argument gehört hätten,
hätte es keine Berliner Luftbrücke gegeben. Die
Verpflichtung der NATO zu Demokratie sollte sie über
Vergleiche mit anderen erheben, wie laut deren
Forderungen auch vorgebracht werden mögen.
Oder was ist mit der Anwendung oder Androhung von
Gewalt durch die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und andere Verbündete, einschließlich Deutschlands,
während der Konfrontation mit Saddam Hussein im
letzten Winter? Es ist offenkundig, daß die Diplomatie
manchmal nur erfolgreich ist, wenn sie vom Einsatz
von Gewalt begleitet wird.
Und hier schließt sich der Kreis. Die Verbindung
zwischen Demokratie und Sicherheit wurde in der
Schlußakte von Helsinki festgelegt. Die Prinzipien der
Demokratie sollten unsere Standards sein. Der
Umgang mit so genannten verbrecherischen Staaten
ist eine Aufgabe für alle Demokratien. Starkes Vorgehen gegen andere ist jedoch nur dann gerechtfertigt,
wenn diese Demokratien bei den von ihnen in solchen
Konflikten angelegten Maßstäben selbst Vorsicht
walten lassen. Unsere Legitimierung als Verteidiger
des internationalen humanitären Rechts ergibt sich
nicht nur aus unserer militärischen oder wirtschaftlichen Macht, sondern auch aus unserem eigenen
Streben nach diesen Prinzipien.
Das ist ein wichtiger Grund, warum die Vereinten
Nationen nach der Tragöde in Bosnien ein Kriegsverbrechertribunal zur Untersuchung und Bestrafung der
verübten Verbrechen eingerichtet haben. Das Mandat
wurde später auf Zentralafrika ausgeweitet. Die Arbeit
des Tribunals ist grundlegend, um diese entsetzlichen
Geschehnisse aufzuklären.
Der internationale Strafgerichtshof
Das 20. Jahrhundert hat viele Bestrebungen zur
Einführung offizieller Mechanismen zur Konfliktschlichtung gesehen. Es gibt sie jetzt bereits in einer
Vielzahl von Organisationen.
Der Internationale
Gerichtshof in Den Haag und die Konfliktschlichtungsmechanismen der OSZE in Genf sind vertraglich
festgelegte Instrumente, die praktisch nie genutzt
werden.

AMERIKA DIENST21

Das bedeutet nicht, daß wir es nicht versuchen sollten.
Die internationalen Kriegsverbrechertribunale in Den
Haag und Arusha erfüllen eine wesentliche Funktion.
Die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofs
stellt eine Priorität der Clinton-Administration dar. Ich
bin mir bewußt, daß es zwischen den Vereinigten
Staaten und ihren europäischen Partnern unterschiedliche Ansichten zur Funktionsweise des Strafgerichtshofs gibt. Dies zeigte sich beim Abschluß der
Konferenz von Rom im Juni. Die Vereinigten Staaten
sind überzeugt, daß die im Konzept von Rom enthaltenen Mängel gravierend sind. Es besteht die Gefahr,
daß dieser Rahmen von Menschenrechtsverletzern
zur Unterstützung ihrer negativen Ziele benutzt werden
könnte. Aber Meinungsverschiedenheiten über die
Einzelheiten des Projekts schmälern nicht die Bedeutung des Ziels. Die Vereinigten Staaten hoffen, in der
Zukunft mit ihren Partnern zusammenarbeiten zu
können, um Änderungen der umstrittenen Bestimmungen des Vertrags von Rom vorzuschlagen. Wir hoffen,
daß andere Regierungen in den kommenden Jahren
die Vorteile einer möglichen amerikanischen Beteiligung an der Verbesserung der derzeitigen Version
erkennen.
Auf dem Weg zu einer neuen Friedensdisziplin
Ich habe zu beweisen versucht, daß es keine einfache
Antwort auf die Herausforderungen gibt, die ich an den
Anfang dieses Vortrags gestellt habe.

Wir sind am

Beginn einer neuen Friedensdisziplin, die die Instrumente der traditionellen Diplomatie mit Standards
von Demokratie und freien Marktwirtschaften kombiniert. Das ist kein idealistischer Vorschlag - es ist
harte Realität. Die Geschichte hat klargestellt, daß
Offenheit und Toleranz die einzigen sicheren Methoden für Frieden und Wohlstand sind. Aber die Institutionen zur Erlangung einer werteorientierten
Friedensdisziplin stecken noch in den Kinderschuhen.
Das öffentliche Bewußtsein konzentriert sich noch auf
die traditionellen Instrumente der Machtpolitik. Nationen in Schwierigkeiten möchten nicht immer durch
Methoden unterstützt werden, die politische Macht
unterminieren könnten. Aber die Demokratie gewinnt.
Die jüngsten Wahlergebnisse in der Slowakei demonstrieren die Macht der demokratischen Methode.
Die Definition dieser neuen Friedensdisziplin ist eine
Aufgabe für die ganze Welt, aber die Vereinigten
Staaten sind häufig am stärksten mit den Auswirkungen dieses neuen Paradigmas konfrontiert. Wir
werden als die einzige Supermacht der Welt bezeichnet. Man erwartet von uns oft, die Rolle eines Polizisten zu spielen, während gleichzeitig die speziellen
Empfindlichkeiten der beteiligten Länder berücksichtigt
werden sollen. Wenn Verhandlungen scheitern, sind
wir es, von denen man die Wiederherstellung der
Ordnung erwartet. Aber unsere militärische Rolle wird

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�häufig von eben den Ländern kritisiert, die unseren
Schutz genießen.
Ein Großteil dieser Konfusion ist verständlich. Sie
besteht auch in den Vereinigten Staaten. Sie ist ein
normales Ergebnis einer Periode raschen Wandels.
Aber unseren Interessen ist nicht gedient, wenn die
stärkste Macht der Welt sich wiederholt Konflikten und
Widersprüchen über ihre stabilisierende Rolle gegenübersieht. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten
Staaten wird nicht lange Maßnahmen unterstützen, die
nirgendwohin zu führen scheinen. Und selbst unsere
stärksten Bündnisse können durch Unterschiede in der
Wahrnehmung geschwächt werden, wie wir sie in
jüngster Zeit auf dem Balkan und am Persischen Golf
beobachtet haben.
Das ist ein Grund, warum die Vereinigten Staaten
führend darin sind, Konzepte und Strukturen zu
entwickeln, die sowohl Frieden garantieren als auch
Instrumente zur Konfliktbewältigung bieten.
Die
Entwicklung der NATO in den vergangenen zehn
Jahren war dramatisch. Neben dem Erhalt seiner
militärischen Strukturen ist das Bündnis zunehmend
darauf ausgerichtet, Sicherheit und Kooperation auf die
ehemals kommunistischen Gebiete Europas zu
übertragen. Konsultationen, gemeinsame Manöver und
Friedensmissionen spielen eine wesentliche Rolle bei
der Definitionsproblematik, die ich vorhin erwähnte.
In Europa fällt der OSZE eine Schlüsselrolle zu. Ihre
Kreativität bei der Entwicklung von Instrumenten zur
Konfliktprävention habe ich bereits erwähnt. Die
Konsultationsmechanismen sind ganz wichtig, um die
Kommunikation aufrechtzuerhalten. Die OSZE ist aber
häufig Druck ausgesetzt. Ihre Hilfe wird von denen
abgelehnt, die sie am dringendsten benötigen. Andere
dagegen streben danach, sie zu einem formellen
Durchsetzungsmechanismus zu machen und berauben sie so ihrer lebenswichtigen flexiblen, politischen
Grundlagen.
Die Vereinigten Staaten vertreten hierzu einen von
Prinzipien geleiteten Standpunkt. Organisationen wie
die UNO und die NATO haben formelle Durchsetzungsbefugnisse. Die OSZE formuliert die wesentlichen Standards und Wertegrundlagen, die so interpretiert werden können, daß sie individuellen Bedürfnissen entsprechen. Sie sorgt für einen Entwicklungsprozeß, der durch regelmäßige Durchsetzungsrevisionen überprüft werden kann.
Oft hört man Forderungen nach mehr Macht für die
OSZE. Gleichzeitig wird aber das mächtigste Instrument überhaupt - die Vision der Freiheit - oftmals
ignoriert. Dieses Problem betrifft insbesondere eine
Reihe europäischer Länder, sowohl im Osten als auch
im Westen, die dieses neue Zeitalter noch nicht
verstanden haben. Unsere Suche nach einer neuen
Friedensdisziplin muß mit grundlegenden Prinzipien

Seite 6

beginnen. Komplexe Strukturen, Verträge oder sogar
militärische Mittel können nicht mit dem Wunsch
konkurrieren, ein selbstbestimmtes Leben zu definieren. Die Sowjetunion hatte diese Lektion zu spät
gelernt.
Eine aus dieser neuen Ära gewonnene Einsicht ist in
dieser Debatte festgehalten. Wie Präsident Clinton
erklärt hat, bewegen wir uns rasch von Rückgriff auf
enforcement auf eine Vision von empowerment als
Grundlage unserer demokratischen Weltordnung zu.
Der mündige Bürger kann nicht auf Verträge und
Resolutionen zurückgreifen, um die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts zu erklären. Es ist ein
Gefühl gemeinsamer Verantwortung für die Herausforderungen des neuen Zeitalters, das die Unterstützung für Demokratie hervorbringt. Menschen, die
Unterdrückung erdulden mußten, können nicht durch
rechtliche Argumente gezwungen werden, ihre Träume
aufzugeben. Aber die Schaffung eines Gefühls von
persönlichem empowerment und gemeinsamer
Verantwortung kann zur Gewährleistung von Toleranz
und Frieden beitragen. Eine neue Friedensdisziplin
muß den Bedürfnissen der Völker gerecht werden, die
diese definieren. Diese Bedürfnisse sind nicht immer
friedlich oder demokratisch. Sie führen oft zu Konflikten. Aber sämtliche Bestrebungen, eine Beilegung
dieser Konflikte zu erzwingen, sind zum Scheitern
verurteilt.
Empowerment ist für viele Europäer ein kompliziertes
Wort. Der Begriff hat etwas leicht Subversives, als ob
Kontrollstrukturen angegriffen würden. Empowerment
bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe, was an Aktivitäten an der
Basis denken läßt und daran, wie Bürger entdecken,
daß sie auch auf den Gebieten ein Mitspracherecht
haben, die vorher der politischen Elite vorbehalten
schienen. Empowerment beinhaltet auch, daß die
Sicherheit nicht mehr ausschließlich von den einflußreichen Staaten bestimmt wird. Jeder Bürger und
jeder Staat hat ein Interesse und ein Mitspracherecht
an unserer gemeinsamen Zukunft. Ein mündiger
Bürger muß erkennen, daß ihm eine legitime Rolle in
den internationalen Diskussionen zukommt.
Moderne Technologie und Kommunikation haben
Durchsetzung in dem Sinn unmöglich gemacht, daß
Ideen nicht kontrolliert und Währungstransfers an
Grenzen nicht gestoppt werden können sowie Nachrichten und Kultur zu jeder Zeit überall verfügbar sind.
Die Gesellschaften, die eine Definition von Kultur oder
Gesellschaft durchzusetzen versuchen, werden
zwangsläufig scheitern.
Eine Landkarte für die Zukunft
Vertrauen, empowerment, mündige Bürger und vor
allem die Fähigkeit, Chancen zur Förderung von
Menschenrechten zu erkennen, sollten wichtige
Elemente sein, während wir versuchen, eine Landkarte

AMERIKA DIENST 21

�für die Zukunft der Menschenrechte zu entwerfen. Es
reicht nicht aus, einfach nur auf Krisen zu reagieren,
nachdem sie entstanden sind. Und wir sollten uns
auch nicht damit zufriedengeben, universelle Prinzipien anzusehen wie wunderschöne Sterne - Dinge, die
bewundert werden, aber außerhalb der Reichweite des
Menschen liegen. Unsere in diesem Jahrhundert
gemachten Fortschritte sollten jede Auffassung
widerlegen, daß es absolute Grenzen für den Schutz
der Menschenrechte gibt.
Die Anpassung der Macht unserer Ideale an praktische außenpolitische Themen kann auch eine Botschaft der Hoffnung für ein verwirrte Welt definieren.
Bei all dem Gerede über den Kampf der Kulturen, bei
all den uns konfrontierenden komplexen Fragen, bei all
den Debatten über Methoden der Konfliktverhütung ist
es wichtig, sich daran zu erinnern, daß es einen
universellen Standard gibt, der alle Völker vereint. Ich
habe diese Frage kürzlich mit Professor Samuel
Huntington diskutiert, dessen weithin gelesenes Buch
das Thema von Trennlinien zwischen Kulturen erörtert.
Professor Huntington unterstrich seine Überzeugung,
daß der einzige einigende Faktor auf der Welt die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und ihre
Konzentration auf die Rechte des Einzelnen ist. Das
ist nach wie vor die mächtigste Botschaft auf der Welt.

*

AMERIKA DIENST 21

In der Tat beinhaltet meine wichtigste Botschaft an Sie
heute, Menschenrechte als Verfassung für eine
demokratische Welt zu begreifen. Als einzelne Bürger
nutzen wir die in unserer Verfassung niedergelegten
Rechte und Privilegien. Wir übernehmen die Verantwortung für unser Land. Warum können dieselben
Impulse nicht unser Verhalten in der internationalen
Staatengemeinschaft leiten? Ein Schlüssel ist, wie ich
bereits betonte, die Einführung dieser Prinzipien zu
Hause, um mündige und engagierte Bürger hervorzubringen, die sich für dieses wichtigste Element der
internationalen Beziehungen interessieren - die
Verpflichtung der Regierungen gegenüber ihren
eigenen Bürgern.
Erfolg bei diesen Bestrebungen wird bisher ungekannte Energien und Aktionen in den Beziehungen zwischen
Nationen
freisetzen.
Die
elektronische/technologische Revolution ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie die Werte der Offenheit die
Welt verändern können. Ein die Beziehungen zwischen Völkern leitendes neues Paradigma zeichnet
sich bereits ab. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin,
ihm Bestand zu verleihen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
21. Oktober 1998

Vereinigte Staaten verurteilen Unterdrückung der
Medien und der bürgerlichen Gesellschaft
durch die serbische Regierung
Erklärung von James B. Foley

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 9. Oktober 1998 abgegebene Erklärung des
Stellvertretenden Sprechers des US-Außenministeriums, James B. Foley, zur staatlichen Unterdrückung der
unabhängigen Medien und Menschenrechtsorganisationen in Serbien.

Die Vereinigten Staaten verurteilen aufs Schärfste die
gegen die serbischen unabhängigen Medien und
Menschenrechtsorganisationen
ausgesprochenen
Drohungen, darunter die Androhung von physischer
Gewalt, sowie die von Präsident Milosevic und der
Belgrader Führung unternommenen Aktionen, dissidierende Professoren der Universität Belgrad zu entlassen. Ferner unterstreichen wir, daß wir von Serbien
zugleich die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit
dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige
Jugoslawien erwarten. Das Vorgehen der serbischen
Regierung gegen die serbische bürgerliche Gesellschaft zeigt offen die wahre Agenda des Regimes.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Belgrad
die internationale Staatengemeinschaft ersucht, seine
im Kosovo unternommenen positiven Schritte zur
Kenntnis zu nehmen. Serbische Politiker drohten
Mitgliedern von Menschenrechtsgruppen und den
unabhängigen Medien öffentlich physische Gewalt an.
Infolge der staatlichen Einschüchterung mußten die
unabhängigen Medien die Übertragung ausländischer
Radio- und Fernsehsendungen 48 Stunden lang
einstellen.
Es ist schockierend, welchen Druck
Belgrad auf die Medien ausübt.

In der Zwischenzeit gefährden politisch motivierte
Entlassungen an der juristischen Fakultät der Universität Belgrad die akademische Freiheit und beinhalten das Risiko weiterer politischer Unterdrückung. Die
serbische Regierung sollte die entlassenen Professoren wieder einstellen, gewährleisten, daß keine
weiteren Entlassungen erfolgen und die Gesetze
außer Kraft setzen, die diese Entlassungen fordern.
Die für die Greueltaten im Kosovo Verantwortlichen
müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Der UNSicherheitsrat hat die Zuständigkeit des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien für die
Kriegsverbrechen im Kosovo bestätigt. Wir erwarten
von Serbien uneingeschränkte Zusammenarbeit und
arbeiten mit dem Tribunal und den Vereinten Nationen
an Maßnahmen zur Erlangung dieses Ziels.
Das Vorgehen Belgrads im Kosovo ist nur ein Symptom für das übergeordnete politische Problem in
Serbien.
Langfristig können nur demokratische
Institutionen und die Respektierung der grundlegenden
Menschenrechte die Basis dafür schaffen, daß Serbien
seinen rechtmäßigen und friedlichen Platz in Europa
einnimmt.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. G7&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;G7 setzen sich für die Förderung von tragfähigem Wachstum ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Lawrence Summers&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Eine euroatlantische Partnerschaft für das 21.Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Abteilungsleiter Grossman&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;3. Elektronischer Handel&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Die Wahrheit über die amerikanische Verschlüsselungspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär David Aaron&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Weltgerichtshof&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikas Interesse an Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von David J. Scheffer&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;5. Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Menschenrechte und Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Vereinigte Staaten verurteilen Unterdrückung der Medien und der bürgerlichen Gesellschaft durch die serbische Regierung&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Erklärung von James B. Foley&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;</text>
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2 1 . November 1972

Inhalt
WIRTSCHAFT:
Umfassende US-Vorbereitungen auf neue GATT-Verhandlungsrunde
Von Eugene Brake
Amt für Ost-West-Handel im US-Handelsministerium
Die Frage der amerikanischen Lohn-und Preiskontrollen
Von unserem Wirtschaftskorrespondenten
Sowjetisches Erdgas für amerikanische Wohnungen?
Von John Holway
INFORMATION:
Ausstellung "Pumpen, Kompressoren und Ventile"
I
HINTERGRUNDMATERIAL:
Überangebot an Akademikern in den USA
Von Thomas H. Elliston

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
APOLLO 17: Farbfernsehsendungen aus dem Raumschiff
APOLLO 17: Seismische Untersuchungen auf dem Mond
Affen nehmen Röntgenstrahlen wahr

B E I L A G E
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
-Der Standpunkt der USA-

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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47/1972

UMFASSENDE US-VORBEREITUNGEN AUF NEUE GATT-VERHANDLUNGSRUNDE
Von Eugene Brake
NEW YORK --(AD)-- Die Vereinigten Staaten werden sich auf die für Ende
1973 vorgesehene neue GATT-Runde von Handelsverhandlungen eingehend vor«

bereiten und hierzu die vielleicht umfassendsten Erhebungen durchführen, die jemals vorgenommen worden sind.
Dies kündigte der amerikanische Handelsminister Peter G. Peterson
dieser Tage auf dem amerikanischen Außenhandelskonvent in New York an.
Über die einzelnen legislativen Maßnahmen hierzu, so sagte Peterson,sei
noch nicht entschieden. Die Regierung habe jedoch die Pflicht, alles
für die Vorbereitung auf diese Verhandlungsrunde Erforderliche zu tun
und auch den Kongreß, wo nötig, einzuschalten.
Die Mitgliedstaaten des Allgemeinen Zoll-und Handelsabkommen (GATT)
haben auf ihrer am 14. November beendeten zweiwöchigen Tagung beschlossen, Ende 1973 eine neue Runde von Handelsverhandlungen aufzunehmen.
Ferner soll ein Vorbereitungsausschuß eingesetzt werden, der allen Mit-

-1-

�Mitgliedsstaaten wie auch allen interessierten Entwicklungsländern, die nicht
GATT-Mitglied sind, offen steht. Im September kommenden Jahres wird eine weitere GATT-Ministertagung stattfinden, die den Bericht des Vorbereitungsausschusses prüfen, einen Verhandlungsausschuß einsetzen und Verhandlungsrichtlinien verabschieden soll.
Der Sonderbeauftragte Präsident Nixons für Handelsverhandlungen, Botschafter William D. Eberle, hat die Ergebnisse der GATT-Tagung bereits in einer
ersten Stellungnahme begrüiit und als einen weiteren Schritt in Richtung auf
die von Präsident Nixon angekündigte Ära der Verhandlungen bezeichnet. Er rechne damit, so sagte der Botschafter, daß die neue GATT-Verhandlungsrunde innerhalb von 60 Tagen nach Abschluß der Ministerkonferenz im September 1973 beginnen werde. Und es sei durchaus realistisch, wenn man als Ziel für das Ende
dieser Verhandlungen das Jahr 1975 annehme.
. Peterson wies in seinen Ausführungen vor dem Außenhandelskonvent darauf
hin, daß die Vereinigten Staaten zu lange mit einem System von Prioritäten gelebt hätten, in dem politischen und Sicherheitsfragen Vorrang gegeben wurde,
während der Handel nur eine untergeordnete Rolle gespielt habe. Die gegenwärtige, weltweite Abkehr von einem Sichverlassen auf militärische Macht sei zu einem
großen Teil auf Präsident Nixons Friedensinitiativen zurückzuführen, durch die
erst wirtschaftliche Fragen mehr in den Vordergrund rücken konnten.
Man werde in immer stärkerem Maße jetzt feststellen, so führte Peterson
aus, daß Wirtschaftspolitik mit anderen Zielsetzungen Hand in Hand gehe. Handelspolitik sei sowohl Außen-wie auch Sicherheits-, Innen- und Energiepolitik,
und nur durch Integration ließen sich die Ziele erreichen, die im nationalen
Interesse der USA liegen.
Aufgabe

-2-

�Aufgabe der Industriestaaten, so forderte Peterson, müsse es

sein, sicher-

zustellen, daß das internationale Wirtschaftssystem auch für die Entwicklungsländer Prosperität gewährleistet. Die Vereinigten Staaten würden weiterhin zu
ihrer Zusage stehen, im Rahmen ihrer Handelsgesetze auf ein System allgemeiner
Präferenzen für die Entwicklungsländer hinzuarbeiten. Allerdings müßten solche
Präferenzen mit einem offenen Weltsystem, nicht einem Blocksystem, zu vereinbaren sein.
Peterson wie auch der Staatssekretär im US-Finanzministerium, Paul A.
Volcker, sprachen sich in diesem Zusammenhang äußerst kritisch über die Präferenzabkommen zwischen der Europäischen Gemeinschaft und einigen Entwicklungsländern aus. Insbesondere wandten sie sich gegen die Bestimmungen der Abkommen,
wonach die Entwicklungsländer Importen aus der Europäischen Gemeinschaft bevorzugten Zugang gewähren müssen. Dies stelle eine Diskriminierung der Exporte aus
den USA sowie anderen, nicht der EWG angehörenden Ländern dar.
Volcker, der sich in seiner Ansprache vorwiegend mit Währungsfragen befaßte,
betonte!; daß die Verhandlungen über eine Reform des internationalen Währungssystems auch in die bevorstehenden Handelsverhandlungen greifen würden und umgekehrt. Nach Auffassung der USA sollte in die Bestimmungen über Anpassungsverfahren bei Zahlungsungleichgewichten auch ein Anreiz zu einer weitergehenden
Handelsliberalisierung aufgenommen werden. So könnten es Überschußländer oftmals für angebrachter halten, Zölle oder sonstige Beschränkungen abzubauen,
statt die gesamte Anpassung über die Wechselkurse vorzunehmen. Auch vom Standpunkt der anderen Länder könne dies oftmals sehr erwünscht sein.

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AMT FÜR OST-WEST-HANDEL IM US-HANDELSMINISTERIUM

NEW YORK --(AD)-- Das amerikanische Handelsministerium wird ein gesondertes
Amt für Ost-West-Handel einrichten, das auch die gegenwärtige Abteilung für
Exportkontrollen umfassen wird.
Dies hat der stellvertretende Unterstaatssekretär im US-Handelsministerium, Steven Lazarus, auf der Tagung des amerikanischen Außenhandelskonvents in New York mitgeteilt.
Neben der Abteilung für Exportkontrollen wird das neue Amt eine Abteilung für Handelsanalysen haben, die Informationen über das Handelspotential
der osteuropäischen Länder sammeln, Diagnosen und Voraussagen geben und
alle einschlägigen Statistiken und Informationen für den Ost-West-Handel
zusammentragen soll.
Weiter ist ein Handelssekretariat vorgesehen, das die Durchführung von
Handelsabkommen, wie die jetzt mit der Sowjetunion und mit Polen geschlossenen Vereinbarungen, überwachen soll.
Und

-1-

�I

Und drittens ist eine Abteilung zur Entwicklung des Ost-West-Handels geplant, die im besonderen die Förderung des Exports amerikanischer Güter betreiben soll. Sie wird zwei Unterabteilungen umfassen: eine für Handelsmessen
und Ausstellungen, die auch Handelsmissionen nach den osteuropäischen Ländern
entsenden wird, und eine zweite, die amerikanischen Geschäftsleuten bei der
Abwicklung von Geschäften mit den osteuropäischen Ländern helfend zur Seite
stehen soll.

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DIE FRAGE DER AMERIKANISCHEN LOHN-UND PREISKONTROLLEN
-Einstellung oder Modifizierung ?Von unserem Wirtschaftskorrespondenten

WASHINGTON --(AD)-- Nach einjährigen Erfahrungen mit dem für Friedenszeiten
ungewöhnlichen Schritt, Lohn-und Preiskontrollen zu verfügen, steht die amerikanische Regierung jetzt vor der vielleicht schwierigsten Entscheidung, der
sich die Vereinigten Staaten in den nächsten vier Jahren gegenübersehen werden. Was soll geschehen, wenn das Gesetz über die derzeitigen Kontrollen ausläuft. Sollen die Lohn-und Preiskontrollen weiter bestehen bleiben, sollen sie
aufgehoben oder sollen sie in modifizierter Form fortgesetzt werden? Von seiten
der US-Regierung war bisher lediglich zu vernehmen, daß dieser ganze Fragenkomplex gegenwärtig Gegenstand einer eingehenden Überprüfung ist.
Die Öffentlichkeit hat ganz allgemein den Kontrollen ihre Unterstützung
gegeben, die offiziell am 14. November 1971, nachdem man die Preise schon vorher 90 Tage lang eingefroren hatte, eingeführt worden waren. Obwohl die Lebensmittelpreise,die nicht unter die Kontrollen fielen, schneller als erwünscht
gestiegen sind, stimmen die meisten Amerikaner mit dem Vorsitzenden der Preis-

-1-

�Preiskommission, Jackson Grayson, darin überin, daß die Kontrollen das Tempo
des Preisauftriebs wirklich verlangsamt haben. Grayson hatte am 15. November vor
einem Kongreßausschuß betont, daß die Preisauftriebsrate aufgrund der Lohn-und
Preiskontrollen in den letzten 12 Monaten um rund zwei Prozent gesenkt werden
konnte. Die Verbraucherpreise, die seit November vergangenen Jahres um 3,2 Prozent angezogen haben, wären also ohne die Kontrollen um 5,2 Prozent gestiegen.
Die Folge ist, daß zahlreiche andere Länder die Vereinigten Staaten um ihre gegenwärtige Preisauftriebsrate beneiden.
Der Erfolg der amerikanischen Bemühungen um eine Eindämmung des Preisauftriebs wird nach Ansicht maßgebender amerikanischer Wirtschaftsexperten auch Auswirkungen auf andere Länder haben. Sie werden zu einer Stärkung des amerikanischen Dollar und zu einer vermehrten Stabilität des internationalen Währungssystems führen. Und es mag vielleicht wie Ironie klingen, daß gerade die Regierungj die seinerzeit nur sehr zögernd die Kontrollen eingeführt hatte, für ihr
Programm jetzt völlig unerwartet Unterstützung nicht nur von demokratischen
Wirtschaftlern, sondern auch aus Kreisen der Wirtschaftsmanager erhalten hat.
So erklärte der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirates des verstorbenen Präsidenten
Kennedy, Walter Heller, die Kontrollen hätten wesentlich dazu beigetragen, den
Auftrieb bei Löhnen und Preisen niedrig zu halten; sie sollten daher beibehalten
werden, bis die Arbeitslosenrate auf 4 Prozent heruntergedrückt sei. Die Regierung sehe sich allerdings einer schweren Aufgabe gegenüber, die Vollbeschäftigung ohne Preisauftrieb zurückzugewinnen. Würden die Kontrollen aufgehoben, so
meinte Heller, dann werde die Haushalts-und Währungspolitik diese Aufgabe ganz
allein bewältigen müssen.
Und der Sprecher der amerikanischen Handelskammer, Carl H. Madden, sprach
sich vor dem gleichen Ausschuß ebenfalls für eine Fortsetzung der Lohn- und
Preiskontrollen aus. Gerade angesichts der 1973 bevorstehenden Lohnverhandlungen
in wichtigen Industriesektoren, die leicht zu einem erneuten Aufleben des Lohn-

-2-

�Lohn-und Preisauftriebs führen könnten, komme einer Fortführung der Kontrollen
besondere Bedeutung zu.
Die Gewerkschaften allerdings haben das Kontrollprogramm in der Vergangenheit verschiedentlich scharf kritisiert, weil es die Löhne, aber nicht Preise und
Gewinne einfriere, und George Meany hatte zusammen mit anderen Gewerkschaftsführern den Lohnausschuß verlassen. Trotzdem haben die Gewerkschaften das Kontrollprogramm stillschweigend geduldet, und tatsächlich sind seit Einführung des Programmes Löhne und Wochenarbeitszeit schneller als die Preise gestiegen, so daß
das Realeinkommen der Arbeitnehmer einen Nettozuwachs zu verzeichnen hatte. Und
auch nicht alle Wirtschaftskreise haben die Kontrollen uneingeschränkt unterstützt. Die Wirtschaftszeitschrift Dun*s berichtet über eine Befragung von 300
Wirtschaftsführern, daß die meisten ein Ende der Kontrollen wünschten oder zumindest eine Modifizierung. .Als Begründung wird angeführt, daß Leistung und gutes
Management bestraft und die Wiedererholung der Wirtschaft durch Beschneiden der
Gewinne beeinträchtigt würden.
So haben die Kontrollen ihre Anhänger und ihre Gegner, aber bei weitem am
größten ist die Zahl derer, die ein Beibehalten modifizierter Kontrollen befürworten. Der demokratische Senator William Proxmire möchte die kleineren Betriebe
mit einem Jahresumsatz von weniger als 100 Millionen Dollar ausgenommen wissen.
Stattdessen soll den Großbetrieben schärfer auf die Finger gesehen werden. Auch
der Gewerkschaftsverband AFL/CIO würde eine Verschärfung der Kontrollen für die
Industrie, besonders der Zinsen, Dividenden und Gewinne, gerne sehen. Professor
Heller und andere sprechen sich für eine Aufhebung der Kontrollen bei Renten und
Einzelhandelsumsätzen aus, während der republikanische Senator Jacob Javits für
die Beibehaltung der Kontrollen in diesen Bereichen und die Einbeziehung der
Lebensmittelpreise in das Kontrollsystem eintritt. Dem widerspricht jedoch Preiskommissar Grayson, der gegen eine Kontrolle der Lebensmittelpreise ist, da dies
höchstens zu schwarzen Märkten führen würde. Dann, so sagte er, sei es aber nicht
mehr weit bis zur Rationierung. Grayson möchte das Problem lieber dadurch anpacken, daß das Warenangebot vergrößert wird.
Das

-3-

�Das gegenwärtige Kontrollprogramm will gerade den durch steigende Kosten
ausgelösten Preisauftrieb bekämpfen. In Wirtschaftskreisen bezweifelt man es
daher, ob die derzeitigen Kontrollen auch bei einem von der Nachfrage getragenen
Preisauftrieb wirken würden. So hat Präsident Nixon denn auch zugesagt, bei den
Regierungsausgaben kurzzutreten, damit eine zu hohe Nachfrage nicht, wie Ende
der sechziger Jahre, wieder zur Ursache des Preisauftriebs wird.
Wann aber sollten nun die Preiskontrollen aufhören? Die Regierung hat es
bisher abgelehnt, einen genauen Zeitpunkt hierfür zu nennen. Der Vorsitzende des
Wirtschaftsbeirates Präsident Nixons, Herbert Stein, hat betont, daß die Kontrollen zwar erfolgreich gewesen seien, aber nicht auf unbegrenzte Zeit fortgesetzt werden könnten. Im Laufe der Zeit, so meint er, würden sie immer mehr an
Wirkung verlieren. Auf der anderen Seite könne die Regierung sie nicht auf einen
Schlag einstellen und wieder zu freiwilligen Leitzahlen zurückkehren. Dies würde
nur zu einem Wiederaufleben des starken inflationistischen Druckes führen, wie
er in den Jahren 1965 bis 1968 bestand.

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47/1972

SOWJETISCHES ERDGAS FÜR AMERIKANISCHE WOHNUNGEN ?
Von John Holway

WASHINGTON --(AD)-- Das Erdgas, mit dem die amerikanischen Wohnungen beheizt werden, wird eines Tages vielleicht aus der Sowjetunion kommen. Dies
dürfte die Folge des wohl größten Erdgasgeschäftes sein, über das gegenwärtig sechs amerikanische und mehrere japanische Gesellschaften mit der
Sowjetunion Verhandlungen zwecks Erschließung und Nutzung der sowjetischen
Erdgasvorkommen in Sibirien führen. Das unter der sibirischen Tundra liegende Erdgas soll in Pipeline über Tausende von Kilometern an die Küste
gepumpt, dort verflüssigt und dann in Tankern nach Japan und den Vereinigten Staaten gebracht werden.
Amerikanische Verhandlungskreise warnen jedoch vor zu optimistischen
Erwartungen, daß diese Pläne sich bereits bald realisieren lassen würden.
Es seien, so wird betont, noch zahlreiche Hürden zu nehmen. Dies gelte
vor allem für die Finanzierung des Vorhabens, so daß es noch Jahre dauern
dürfte, bis sich diese Pläne verwirklichen ließen.
Die

-l-

�Die Pläne sind sowohl für die Sowjetunion als auch für die Vereinigten
Staaten sehr attraktiv. Für die USA ließe sich so die ständig bedrohlicher werdende Energiekrise leichter meistern. Darüberhinaus könnten durch das Erdgasgeschäft tausende neuer Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten geschaffen
werden. Aber auch für die Sowjetunion brächten die Pläne zahlreiche Vorteile.
Moskau braucht dringend ausländische Devisen, die das Erdgasgeschäft, wenn
erst einmal die Investitionskosten nach rund 10 Jahren bezahlt sind, erbringen
würde. Daher ist die Sowjetunion an einem schnellen Abschluß interessiert, zumal nach Ansicht zahlreicher Experten im Jahre 2 000 der Atomstrom Erdgas als
Energiequelle verdrängen dürfte. So wollen die Sowjets ihre riesigen Erdgasvorkommen möglichst bald nutzen.
Doch bis zur Verwirklichung dieses Projekts gilt es noch beträchtliche
Schwierigkeiten zu überwinden. In den Vereinigten Staaten fragt man sich, ob
es richtig ist, auf dem Energiesektor in eine zu starke Abhängigkeit von sowjetischen Lieferungen zu geraten. Wenn die sibirischen Erdgaslieferungen erst
einmal laufen, werden sie etwa 6 Prozent des gesamten Energiebedarfs der USA
decken. Auf der anderen Seite glaubt man in Washington nicht, daß die Sowjets
etwa die Lieferungen stoppen würden, da die dafür erlösten Devisen für Moskau
lebenswichtig sind.
GroQe Schwierigkeiten wirft auch das Finanzierungsproblem auf. In Sibirien
müßten bis nach Murmansk, rund 2 400 Kilometer weit, Pipelines verlegt werden.
Dort müßten dann Verflüssigungsanlagen errichtet, und schließlich müßten rund
20 Tanker für den Transport des verflüssigten Erdgases nach den USA gebaut werden, von denen jeder rund 10 Millionen Dollar kosten dürfte. Die Gesamtkosten
würden sich also auf rund 6 Milliarden Dollar stellen.

Bei

-2-

�Bei Beteiligung Japans an dem Projekt würden sich die Gesamtkosten sogar
auf etwa 10 Milliarden Dollar belaufen. Es müßte eine Pipeline über eine Entfernung von 3 200 Kilometern nach Wladiwostok gebaut und dort müßten Verflüssigungsanlagen geschaffen werden. Japan würde etwa ein Drittel des Erdgases erhalten, so daß eine Tankerflotte von 11 bis 16 Schiffen benötigt würde.
Wie das benötigte Kapital aufgebracht werden kann, ist noch nicht geklärt.
Berichten zufolge will sich die Sowjetunion an die amerikanische Export-Importbank wenden und um eine Finanzierung von 5 Milliarden Dollar der Gesamtkosten
nachsuchen. In amerikanischen Wirtschaftskreisen hält man dies jedoch für unrealistisch, denn die größte ausstehende Anleihe der Bank - an Japan - beläuft
sich auf nur 1,3 Milliarden Dollar. Es sei daher äußerst unwahrscheinlich, so
wird erklärt, daß die Bank so kurzfristig 5 Milliarden Dollar der Sowjetunion
zur Verfügung stellen werde, zumal keine amerikanischen Firmen kapitalmäßig beteiligt werden sollen, sondern das von ihnen investierte Geld in Form von Erdgaslieferungen zurückgezahlt werden soll.
Moskau hat bereits angekündigt, daß im kommenden Jahr eine sowjetische
Delegation nach den USA fliegen wird, um dort die Finanzierungsmöglichkeiten zu
sondieren sowie andere Möglichkeiten für eine Ausweitung des amerikanischsowjetischen Handels zu erörtern. So bestände beispielsweise die Möglichkeit,
daß die Sowjetunion die amerikanischen und japanischen Investoren mit Gold auszahlt. Doch zögert Moskau, dies zu tun, da es das Gold für Getreidekäufe benötigt. Eine andere Möglichkeit wäre die Gründung einer amerikanisch-sowjetischen
Börse
Gesellschaft, deren Aktien an der New Yorker/zugelassen würden. Und schließlich
könnte auch eine Anleihe zur Deckung der Kosten des Projekts auf dem amerikanischen Markt aufgelegt werden.

Nach

-3-

�Nach amerikanischer Ansicht muß die Finanzierung auf jeden Fall multinational erfolgen, wobei etwa aufzulegende Papiere eine Laufzeit von bis zu 20 Jahren haben könnten. Außerdem, so wird erklärt, müsse sich die Sowjetunion selbst
wesentlich stärker an der Finanzierung beteiligen, als sie dies gegenwärtig
scheinbar will.
Trotz aller dieser Schwierigkeiten gibt man sich auf amerikanischer Seite
optimistisch. Drei amerikanische Gesellschaften hoffen sogar, bereits im
Februar kommenden Jahres zumindest eine prinzipielle Einigung bekanntgeben zu
können. Dagegen hält der amerikanische Handelsminister Peterson Berichte über
eine endgültige Einigung entschieden für verfrüht. Die amerikanischen Gesellschaften, so meint er, müßten erst einmal genaue Kalkulationsgrundlagen erstellen, wie teuer das sibirische Erdgas wirklich kommen

wird. Sie müßten ferner

feststellen, ob die Verwirklichung der Projekte technisch auch durchführbar
ist.

Die amerikanische Regierung hat inzwischen eine sogenannte Erdgasgruppe
eingesetzt, die den gesamten Fragenkomplex prüfen soll.

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AUSSTELLUNG "PUMPEN,KOMPRESSOREN UND VENTILE"
— ( A D ) — Rund 35 amerikanische Hersteller zeigen vom 4.-7.Dezember 1972
im US-Handelszentrum in Frankfurt am Main ein breit gestreutes Ausstellungsprogramm über den Einsatz von Pumpen, Kompressoren und Ventilen
in den verschiedensten Industriezweigen.
Zwei Drittel der ausstellenden Firmen zeigen ihre Produkte zum ersten
Mal in Deutschland oder in Europa; sie sind besonders an Verbindungen zu
Lizenznehmern bezw. Vertriebsgesellschaften interessiert.
Parallel zur Ausstellung wird am 5. und 6. Dezember eine Vortragsreihe veranstaltet, auf der deutsche und amerikanische Fachleute zu aktuellen Fragen auf dem Pumpen-und Ventilsektor Stellung nehmen.
Informationen und AusStellungsprogramm können über das US-Handelszentrum, 6000 Frankfurt am Main, Bockenheimer Landstraße 2-4, angefordert
werden.

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47/1972

ÜBERANGEBOT AN AKADEMIKERN IN DEN USA
Von Thomas H.Elliston

WASHINGTON —(AD)-- Die Vereinigten Staaten sehen sich auf ihrem Arbeitsmarkt vor ein Problem gestellt, das es bisher in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben hat: Es gibt mehr akademisch vorgebildete Arbeitskräfte als Arbeitsplätze für sie.
Eine der wichtigen Fragen für die Zukunft wird es sein, wie dieses
Problem gelöst und wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden kann. Es werden Mittel und Wege gefunden werden müssen, wie die jungen Menschen, die alljährlich die Universitäten und Colleges verlassen, ihre Ausbildung und erworbenen Fähigkeiten auf ihren Fachgebieten zu ihrem und zum Nutzen der Gesellschaft einsetzen können.
Dieses Überangebot macht sich vor allem auf den Gebieten der Bildung
und Erziehung, der Technik und der Wissenschaften bemerkbar. Und dieses
Problem ist erst in den letzten Jahren aufgetreten, denn früher war gerade
auf den genannten Gebieten die Zahl der offenen Stellen sehr viel höher als

�als die Zahl der qualifizierten Bewerber.
In Regierungskreisen hegt man die Hoffnung, daß sich die Situation wieder
einpendeln wird - wobei die Experten sich nicht ganz einig sind. Manche sind
überzeugt, daß der Ausgleich noch in diesem Jahrzehnt kommen wird, während
andere glauben, daß es noch etwa zwanzig Jahre dauern wird, bis sich die Verhältnisse wieder normalisiert haben. Wer recht hat, wird die Zukunft zeigen.
Fest steht, daß dem Problem große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Erst
kürzlich sind in Publikationen des amerikanischen Arbeitsministeriums zwei bedeutsame Artikel zu diesem Thema erschienen;

der eine, "Akademisch gebildete

Arbeitskräfte und die Wende auf dem Arbeitsmarkt" in der von der Abteilung für
Arbeitsstatistik herausgegebenen Monatsschrift "Monthly Labor Review", und
der andere "Akademisch gebildete Arbeitskräfte und nationale Ziele" in dem
Magazin "Manpower".
Die Wurzeln des Problems sind in zwei verschiedenem Dekaden zu finden.
Zunächst wurden in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg sehr viel mehr Kinder
geboren als in den Kriegsjähren. Und dann kam Ende der fünfziger Jahre der
gewaltige Aufschwung der Weltraumtechnologie.
Diese Entwicklung führte dazu, daß die große Zahl der Neueinschulungen
Anfang der fünfziger Jahre eine starke Nachfrage nach Lehrkräften auslöste und
damit den Lehrerberuf für viele junge Amerikaner s'ehr attraktiv werden ließ.
Als dann Mitte der sechziger Jahre diese zahlenmäßig starken Schuljahrgänge das Collegealter erreicht hatten, bestand auf technischem und wissenschaftlichem Gebiet eine große Zahl offener Stellen und damit ein Anreiz, diese Studieneinrichtungen einzuschlagen.
Infolgedessen

-2-

�Infolgedessen stieg die Zahl der Studenten an den Colleges und Universitä
ten gewaltig an. Bezeichnend dafür ist, daß die Gesamtzahl der an den amerikanischen Hochschulen im Jahre 1970 erteilten akademischen Abschlußdiplome im Jahre
1970 mit 1 0f)5 • 91 Graduierten mehr als doppelt so groß war wie die im Jahre
1960, in dem die Hochschulen 476 704 Diplome erteilten.
Anfang 1970 erreichte die Zahl der technischen und akademischen Berufe in
den Vereinigten Staaten eine Rekordhöhe von etwas über 11 Millionen und begann
dann im Jahre 1971 wieder zu sinken.
Eine Reihe von Faktoren war für dieses Absinken maßgeblich

Einmal ging

die Zahl der Neueinschulungen zurück und verringerte damit den Bedarf an Grundund Mittelschullehrern. Zum anderen führten Einsparungen bei den Forschungsprojekten der Regierung - vor allem auf dem Gebiet des Verteidigungswesens und der
Raumfahrttechnik zu einer geringeren Nachfrage nach wissenschaftlich und technisch hoch qualifizierten Arbeitskräften.
Wie aus den Publikationen der Abteilung für Arbeitsstatistik hervorgeht,
ergibt sich für den akademischen Nachwuchs bis tu den achtziger Jahren jedoch
wieder ein optimistischeres Bild. Schätzungen zufolge werden die Hochschulen
in der Zeit bis 1980 rund 13,o Millionen Qiplome verleihen, aber nur 9,2 Millionen der Graduierten werden in das Berufsleben eintreten. Die Nachfrage nach aka
demisch vorgebildeten Kräften wird in ^ s e r Zeit jedoch wieder steigen, einmal
weil ganz allgemein für viele Berufe, die man bislang auch ohne Hochschulabschluß einschlagen könne -, in Zukunft ein akademischer Grad erforderlich sein
wird, und zum andern weil mit einem weiteren Anwachsen der Zahl offener Stellen für den akademischen Nachwuchs gerechnet werden kann.

Diese

3-

�Diese Faktoren werden statistischen Untersuchungen zufolge bis 1980 9,6
Millionen Stellen schaffen, für die ein Hochschulabschluß erforderlich ist. Daraus ergibt sich, daß das ungefähre Gleichgewicht zwischen der Zahl der Stellen
und der vorhandenen Bewerber wieder hergestellt sein wird.
In jedem Falle - so geht aus den Untersuchungen hervor - wird in Zukunft
die Forderung nach einer hochqualifizierten Ausbildung eher zunehmen als geringer werden,und es wird keine Gefahr bestehen, daß eine Art akademisches Proletariat entsteht, für das es keine seiner Ausbildung entsprechenden Stellen gibt.

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APOLLO 17:

FARBFERNSEHSENDUNGEN AUS DEM RAUMSCHIFF

--(AD)— Die NASA veröffentlichte einen vorläufigen Zeitplan für die Farbfernsehsendungen, die während des Fluges aus dem Raumschiff APOLLO 17 und
während des dreitägigen Aufenthaltes der Astronauten Cernan und Schmitt auf
dem Mond aus dem Landegebiet vorgesehen sind. Die unten angegebenen Sendezeiten hängen jedoch von der Einhaltung des vorgesehenen Starttermines
(7. Dezember 1972, 3.53 Uhr MEZ) und vom Flugverlauf ab. Sollte der Start
in der Nacht zum 7. Dezember nicht möglich sein, gäbe es noch Startmöglichkeiten am 8. Dezember 1972 und am 5. Januar 1973.
Folgende Sendungen sind geplant:

Tag

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�Iä£

Dauer

7. Dezember

20 Min.

Beginn(MEZ)

Programm

7.59 Uhr

Wenden und Ankoppeln nach Einschuß in
Flugbahn zum Mond. Aufnahmen aus dem
Fenster der Kommandokapsel, während
die Astronauten das Raumschiff um
18o Grad drehen und dann mit der
Spitze der AMERICA an der Mondfähre
CHALLENGER festmachen. Anschließend
wird die gesamte Kombination von
der Oberstufe S-IV B der SATURN VTrägerrakete abgesetzt, um eine
Kollision zu vermeiden. Die S-IV B
stürzt drei Tage später auf den
Mond. Die

Seismometer an vier frühe-

ren APOLLO-Landeplätzen können die
Bodenerschütterungen registrieren.
12.Dezember

5 Std.
30 Min.

1 43 Uhr

Sendung aus dem Taurus-Littrow-Landegebiet, 70 Minuten nach Beginn der
ersten Exkursion von Cernan und Schmitt
Installation der automatischen Meßstation ca.100 m westlich der Landefähre und,ca.300 m davon entfernt,
der Radio-Bodensonde SEP; Auslegen
kleiner Sprengkapseln für spätere
seismische Experimente auf der Fahrt
zu einer Kratergruppe im Südosten,
Einsammeln von Bodenproben.
12.

-2-

�»

Tag

Dauer

Beginn(MEZ)

12.Dezember

6 Std.
30 Min.

23.23 Uhr

Programm
2. Exkursion in südwestlicher Richtung zu Kratern am Fuße eines Zweitausenders und zu einer langgestreckten Felswand.

13.Dezember

6 Std.
30 Min.

22.53 Uhr

3.Exkursion in weitgezogenem Bogen
nach Norden und Osten in ein Gelände
mit vier größeren und zahlreichen
kleinen Kratern.

14.Dezember

25 Min.

23.41 Uhr

Rückstart vom Mond, aufgenommen von
der am Rover Fahrzeug montierten Fernsehkamera. Sie wird von Houston aus
gesteuert.

15.Dezember

6 Min.

1.08 Uhr

Rendezvous mit dem APOLLO-Mutterschiff. Aufnahmen aus der Kommandokapsel.

15.Dezember

5 Min.

1.31 Uhr

Ankoppeln am Mutterschiff. Aufnahmen
aus der Kommandokapsel.

17.Dezember

30 Min.

0.46 Uhr

Aufnahmen vom Mond nach Einschießen
des APOLLO-Raumschiffes in die Rückkehrbahn zur Erde.

17.

�17.Dezember

1 Std.

21.19 Uhr

Ausstieg von Ron Evans. Der Pilot der
Kommandokapsel begibt sich zum rückwärtigen Teil des APOLLO-Raumschiffes,
um Kassetten mit Fotos und Aufzeichnungen zu bergen.
i

18.Dezember

30 Min,

24.00 Uhr

Pressekonferenz der APOLLO 17-Besatzung
mit Journalisten in Houstonwährend des
Rückfluges zur Erde.

�. a m e r i k a dienst
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Wissenschaft
und
Technik

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0 8 - 8 54 32

47/1972

APOLLO 17:
SEISMISCHE UNTERSUCHUNGEN AUF DEM MOND
--(AD)-- Ein wichtiges Verfahren zur Sondierung des Mondkörpers ist das
Studium des Verhaltens von Druckwellen beim Durchgang durch den Untergrund.
Den vier Seismometern, die im Landegebiet von APOLLO 12,14,15 und 16 installiert wurden und noch immer zuverlässig arbeiten, verdankt die Wissenschaft bereits sehr aufschlußreiche Meßdaten. Die Instrumente erfassen
Dauer und Stärke von Bodenvibrationen, die durch Druckwellen von Mondbeben
oder von natürlichen und "künstlichen" Meteoriten beim Einschlag auf dem
Mond und deren Reflexion an Grenzschichten unter der Oberfläche ausgelöst
werden. Außerdem ist es jetzt mit Hilfe der ALSEP-Stationen auf der Nordund Südhalbkugel des Mondes in den meisten Fällen durch Triangulation möglich, den Bebenherd zu lokalisieren.
Wie schon bei den früheren APOLLO-Flügen werden auch bei der letzten
Expedition im Rahmen dieses Programmes die Oberstufe der Trägerrakete
SATURN V und die Oberstufe der Landefähre als künstliche Meteorite benutzt.
Noch vor der Landung von Cernan und Schmitt zerschellt die S-IV B-Oberstufe
auf der Vorderseite. Nach der Rückkehr des Landeteams zum Mutterschiff läßt
man auch die Fähre auf den Mond stürzen. Ferngelenkt aus Houston wird die

-l-

�die 2 200 kg schwere

Aufstiegsstufe etwa acht Stunden, nachdem die Astronauten

den Mond verlassen haben, nur ca. neun Kilometer vom APOLLO 17-Landeplatz entfernt niedergehen. Die Wucht des Aufsturzes an einem Berghang entspricht der
Sprengkraft von ca. 720 kg TNT.
Die auf dem zurückgelassenen Rover-Fahrzeug montierte Fernsehkamera wird
zuvor - ebenfalls von Houston aus - in Richtung des Aufschlagpunktes gedreht.
Man will versuchen, den Ablauf des Ereignisses nicht nur auf Grund von Bodenerschütterungen, die das neu installierte Seismometer erfaßt, sondern auch opti
zu beobachten. Wenn es gelingt, wäre dies das erste Mal. Die Besatzungen von
APOLLO-Raumschiffen in der Mondumlaufbahn bemühten sich bisher vergeblich, den
Aufsturzort auszumachen. Die Entfernung von mehr als 100 km zur Mondoberfläche
ist dafür einfach zu groß.
An die Auswirkungen des Einschlags natürlicher Meteorite kommt aber weder
das Experiment mit der Mondfähre noch mit der fast neunmal schwereren S-IV/BRaketenstufe heran. So erwies sich der Aufsturz eines Meteoriten im Mai 1972
auf der Mondvorderseite als ein Ereignis besonderer Art. Die Einschlagenergie
entsprach der Sprengkraft von 200 Tonnen TNT, die Druckwellen wurden noch aus
mehr als 1 000 km Tiefe reflektiert. Ein zweiter Meteoritentreffer im Juli 1972
auf der Rückseite des Erdtrabanten alarmierte jedoch die gesamte wissenschaftliche Welt - die Druckwellen mußten, da sie von den Stationen auf der Vordersei
registriert wurden, den ganzen Mondkörper durchlaufen haben. Die Auswertungsergebnisse dürften somit auch Hinweise auf den - vielleicht flüssigen - Mondkern
geben.
Von dem bei APOLLO 17 erstmalig angewandten Sprengkapsel-Experiment sind
allerdings nur Aufschlüsse über oberflächennahe Schichten zu erwarten. Auf den
Rover-Fahrten wird Astronaut Schmitt insgesamt acht Sprengkapseln verschiedener
Größe auslegen. Sie werden in 500 bis 3 500 m Abstand von vier Geophonen plaziert, die ihrerseits an den Eckpunkten eines gleichseitigen Dreiecks von

-2-

�von 90 m Seitenlänge und in der Dreiecksmitte zu installieren sind. Erst nach
der Rückkehr zur Erde sollen durch Funkkommandos aus Houston die Sprengkapseln
gezündet werden.
Die Betriebsenergie für die Instrumente der Meß-und Experimentierstation
liefert wiederum eine Radionuklidbatterie, die die Zerfallswärme eines künstlichen Radioisotops in elektrischen Strom umwandelt. Die Lebensdauer einer solchen "Atombatterie" überrascht selbst die Fachleute. Ein Jahr hatte man der
Stromquelle der ALSEP-Stationen gegeben - aber der Radionuklidgenerator an der
APOLLO 12-Station ist nun schon drei Jahre in Betrieb, und nichts läßt darauf
schließen, daß er in absehbarer Zeit ausfallen könnte.

++++

•3-

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47/1972

AFFEN NEHMEN RÖNTGENSTRAHLEN WAHR
--(AD)-- Daß manche Tiere für Schallwellen sehr hoher Frequenz, für die
der Mensch taub ist, sehr empfindliche Aufnahmeorgane haben, ist unter
anderem durch Forschungen mit Fledermäusen und, seit etwa eineinhalb Jahrzehnten, mit Meeressäugetieren hinreichend bekannt geworden. Ähnlich krasse
Unterschiede bestehen vielfach zwischen menschlichem und tierischem Sehund Riechvermögen. Bei Experimenten mit Affen wies nun Dr. Thomas Chaddock
von der Staatsuniversität Florida nach, daß diese Röntgenstrahlungen wahrnehmen können, und zwar sowohl mit den Augen als auch mit der Nase.
Als erstes wurde der Geruchssinn von Affen für Röntgenlicht getestet,
wobei sich die Tiere in einer hell erleuchteten, echofreien Kammer befanden.
Sie reagierten sofort auf jeden Blitz von Röntgenlicht, bis durch einen operativen Eingriff der Geruchssinn ausgeschaltet worden war. Dann führte Chaddock
die Experimente in einer total abgedunkelten Kammer weiter, wobei innerhalb
eines bestimmten

Versuchsabschnitts das Sehvermögen durch vorübergehende

Fixierung der Augenlider beeinträchtigt wurde. Die Tiere reagierten nur, wenn
sie die Lider öffnen konnten. Schließlich stellte Chaddock durch weitere Experimente, bei denen er das Farbensehen testete, fest, daß "Blau" die Farbe
ist, in der den Affen das Röntgenlicht erscheint.

+-H-t-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Umfassende US-Vorbereitungen auf neue GATT-Verhandlungsrunde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Eugene Brake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amt für Ost-West-Handel im US-Handelsministerium&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Frage der amerikanischen Lohn- und Preiskontrollen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von unserem Wirtschaftskorrespondenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sowjetisches Erdgas für amerikanische Wohnungen?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Holway&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ausstellung "Pumpen, Kompressoren und Ventile"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Überangebot an Akademikern in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Thomas H. Elliston&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;APOLLO 17: Farbfernsehsendungen aus dem Raumschiff&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;APOLLO 17: Seismische Untersuchungen auf dem Mond&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Affen nehmen Röntgenstrahlen wahr</text>
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21. November 1^84

INHALT

DOKUMENTATION
"Menschliche Katastrophe" i n Afghanistan
- Rede von UN-Botschafterin Jeane K i r k p a t r i c k -

WIRTSCHAFT
Die W i r t s c h a f t s p o l i t i k Reagans i n seiner zweiten Amtsperiode
- Vortrag des S t e l l v e r t r e t e n d e n US-Finanzministers i n Amsterdam

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Raumtransporter auf Bergungsfahrt
- Zweiter DISCCVERY-Flug e r f o l g r e i c h beendet -

Um Ubcr/cndung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�'ZI. November l^tin

"MENSCHLICHE KATASTROPHE" IN AFGHANISTAN
Rede von UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick -

New York -(AD)- In einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten
Nationen sagte die amerikaniscne UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick arn
14. November, dali auch nach fünf Jahren sowjetischer Besetzung und allen
Appellen der Vereinten Nationen zum [ ruppenrückzug die Lage in Afgnanistan geblieben sei, was sie von Anfang an war - "eine menschliche Katastrophe und eine militärische Sackgasse".
Die Rede der Botschafterin hat folgenden Wortlaut:

Das Ende des fünften Jahres der Besetzung Afghanistans rückt näher.
In zahlreichen Sondersitzungen und Debatten hat die Vollversammlung der
Vereinten Nationen immer wieder ein Ende der Besetzung dieses schönen,
alten Landes der Karawanen gefordert.

Immer wieder haben wir gefordert, dab die Streitkräfte, die dort
einmarschiert sind, wieder abrücken und dab das Recht des afghanischen
Volkes, selbst über seine Zukunft zu bestimmen, respektiert wird. ADer
auch nach fünf Jahren und all diesen Bemühungen ist die Lage praktisch

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Lage praktisch immer noch das, was sie schon im ersten Jahr der Besetzung
war - eins menschliche Katastrophe und eine militärische Sackgasse.

Der Krieg der Sowjets gegen das afghanische Volk, gegen die afghanische Nation, dauert nun schon länger als der Zweite Weltkrieg, aber noch
immer sind die Afghanen nicht unterworfen.

Auch nach fünf langen und schwierigen Jahren dauert der Kampf in Afghanistan an. Der üurchhaltewille und die Entschlossenheit aer Afghanen
sollte uns nicht allzu sehr überraschen. Zumindest seit den Tagen Alexanders des Groben nat das afghanisctie Volk immer wieder seine unerschütterliche

Entschlossenheit

unter

Beweis

gestellt,

Eindringlingen,

ganz

gleich, woher sie kamen, langen und bitteren Widerstana zu leisten unu
dabei Entbehrungen und Opfer auf sich zu nehmen. Die Afghanen bilden eine
nationale Befreiungsbewegung im wonl wahrsten und bedeutsamsten Sinne des
Wortes. Sie werden ihren Kampf um die Befreiung ihres Volkes fortsetzen.

Was ist in Afghanistan während dieser fünf tragischen Jahre geschehen ? Das Regime Babrak Karmals, das von den Sowjets bei ihrem Einmarsch
im DezemLer 1919 eingesetzt wurde, nachdem der amtierende, ebenfalls kommunistische Ministerpräsident Hafizullah Amin mit seiner gesamten Familie
umgebracht worden war, ist nach wie vor unbelieut, schwach und in sich
gespalten. Es hat weder mehr landesweite Unterstützung finden noch den
Gehorsam der Afghanen sicherstellen können.

Als Babrak Karmal die Führung der Regierungsgeschäfte in Kabul übernahm, schien seine Strategie darin zu bestehen, all das Schlimme, das den
Afghanen widerfahren war, der fruneren Regierung anzulasten, um so die
Sympathie der Öffentlichkeit zu gewinnen, er wurde jedoch vom afghanischen Volk und seinen Führern zunehmend abgelehnt. Er versuchte auch, die
verfeindeten Parcham- und Khalk-Fraktionen innerhalb der Demokratischen
Volkspartei Afghanistans auszusöhnen, einen versöhnlichen innenpolitischen Kurs einzuschlagen, viele politische gefangene freizulassen und aie
politische Unterdrückung abzumildern, die Rolle der sowjetischen Streitkräfte und Berater herunterzuspielen, die afghanische Armee zu stärken
und die Grundlagen für eine Umgestaltung des afghanischen Gesellschafts- 2 -

�afghanischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zu schaffen, indem er
das Erziehungswesen des Landes sowjetisierte und afghanische Austauschschüler zur Ausbildung in die Sowjetunion schickte. Das ziel hinter all
dem bestand augenscheinlich darin, Afghanistan zu einem fügsamen Staat
unter der Vormundschaft der Sowjetunion zu machen.
Was ist in den vergangenen fünf Jahren in Afghanistan geschehen ?
Ganz allgemein kann man sagen, daß die Besatzungstruppen und ihr Marionettenregime ihr Ziel nicht erreicht haben und dab diese Regierung bei
ihren Unternehmungen in den seltensten Fällen iigenuwelcne Lrfolge verzeichnen konnte. Die meisten waren völlige Fehlschläge. Das Regime Babrak
Karmals ist heute eher mehr als weniger verhabt. Die überwältigende Mehrheit des afghanischen Volkes lehnt das ihr fremde System ab, das er ihr
aufzuzwingen versucht. Die Kräfte des Widerstands wachsen weiter an.
Die Demokratische Volkspartei Afghanistans, die politische Fassade,
hinter der die Sowjetunion die Herrschaft auszuüben versucht, bleibt in
Fraktionen gespalten. Das politische Leben in Kabul bleibt von Einschüchterung und Mord gekennzeichnet. Solche Vorfälle werden oft der Widerstandsbewegung angelastet, um das Unvermögen der Parteispitze zur Aussöhnung der beiden Fraktionen und zur effektiven Führung der Regierungsgeschäfte zu kaschieren.

Für welche innenpolitischen Maunahmen sich die Regierung auch entscheidet: durchsetzen kann sie sie nur in Kabul und in einigen wenigen
anderen Städten. Kabul selbst befindet sich trotz der enormen Iruppenmassierungen dort praktisch immer noch im Belagerungszustand. Der Arm der
afghaniscnen Regierung reicnt über ihre wenigen tsastionen einfach nicht
hinaus. Berichten zufolge ist es sogar so, dab der Gouverneur einer der
größeren Städte in einem gepanzerten Mannschaftstransportwagen mit begleitschutz zu seinem Büro fahren mub, wenn er dort einige Stunden lang
seine Dienstgeschäfte verrichten will.

Nach der Freilassung einiger politischer Gefangener in den ersten Monaten des Jahres 19öU hat sich die Unterdrückung wieder verschärft, heute
ist die Zahl der politischen Gefangenen höher als je zuvor. Die Geheimpo- 3 -

�Die Geheimpolizei KHAÜ ist allgegenwärtiy. Die Rolle der sowjetischen derater in allen Bereichen der afghanischen Regierung hat in einem solchen
Mabe an Bedeutung gewonnen, dab offenbar jede gröbere Entscheidung von
ihnen und nicht von den Afghanen getroffen wird.

Während der schweren Kämpfe im Sommer 1984 sahen sich die sowjetischen Streitkräfte gezwungen, selbst immer stärker in Erscheinung zu treten, hauptsachlicn, weil die Linsatzbereitschaft der afgnanischen Armee
infolge von Gehorsamsverweigerung, Fahnenflucht, Überlaufen zum Feind und
Disziplinlosigkeit auf den Nullpunkt gesunken ist.

Was ist in Afghanistan geschehen ? Seine Wirtschaft ist so gut wie
zerstört. Nach dem Putsch vom Mpril 1978 war sie bereits in Stagnation
verfallen, aber was Afghanistan seitdem erlebt hat, war ein schmerzhafter
Prozeü des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der Zerstöruny.
Vor zwei Jahren räumte Ministerpräsident Sultan Ali Kashman auf einem
WLrtschaftsseminar in Kabul ein, daio das Land bereits Schäden in höhe von
24 Milliarden Afghani oder rund 43Z Millionen Dollar erlitten habe. Das
entspricht der Hälfte der uesamtaufwendungen für die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans in den 2U Jahren vor dem April 1978. Die landwirtschaftlicne Produktion ist ebenfalls gesunken, so dab grobe Mengen von
Getreide eingeführt werden mubten. In verschiedenen Gebieten Afghanistans
besteht akuter Nahrunysmittelmangel, teilweise deshalb, weil Ernten und
Viehbestände vorsätzlich verbrannt und vernichtet worden sind. Die meisten der gebildeten und fachlich qualifizierten Kräfte Afghanistans naden
sich den Millionen ihrer Landsleute angeschlossen, die ihre Wohnorte verlassen haben, um nach Pakistan, in den iran oder in weniger gefährdete
Landesteile Afghanistans zu fliehen.

Die Täler und uörfer sind verödet, Faoriken stehen leer, und die
landwirtschaftliche Infrastruktur, die sich über Jahrhunderte entwickelt
hat, ist schwer angeschlagen. Die Auswirkungen dieser Zerstörungen machen
sich nun im ganzen Land bemerkbar.

Die

Wohlfahrtsorganisation

"Afghanische hilfe" veröffentlichte un- 4 -

�veröffentlichte

unlängst die Lrgebnisse ihrer Untersuchung von mehr als

5 ÜOO Kindern in 30 Provinzen des Landes. Nach in dem Bericht enthaltenen
Schätzungen ist eine halbe Million Afghanen unmittelbar vom hungertod bedroht.

Nach Dr. Frances ü'Souza, die die Untersuchung leitete, haben sich
die Bedingungen in den entwickelten Landesteilen gravierend verschlechtert, der Lebensstandard der meisten Afghanen ist drastisch gesunken, und
Unterernährung ist ein weitverbreitetes Phänomen. Dennoch haben die Afghanen ihren Kampf für die Befreiuny ihres Landes von der Fremonerrschaft
immer noch nicht aufgegeben.

Die Lage der Menschen ist genauso verheerend wie uie aer Wirtschaft,
wenn nicht schlimmer. Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Das Regime versucht nach wie vor, den Informationsflut und jede politische Lebensäuüerung zu kontrollieren. Es treibt seine Bestrebungen
zur Sowjetisieruny des politischen Lebens und der Sozialstruktur Afghanistans rücksichtslos voran.

Die allgegenwärtigen Sicherheits- und Polizeioryane

bedienen

sich

auch weiterhin der Mittel der willkürlichen Verhaftung, Verschleppung und
Folter. Für Personen, die politischer Verbrechen beschuldiyt werden, yibt
es keinerlei ordentliches Gerichtsverfahren. Häuser werden von bewaffneten Soldaten ohne entsprechende gerichtliche Vollmacht durchsucht und
ausgeraubt. Zwangsrekrutierungskommandos durchkämmen die Straben auf der
Suche nach Nachwucns für die afghanische Armee, Während des Sommers erlebte Kabul eine neue Welle von Hinrichtungen von Personen, die man verdächtigte, zu den Mujahedin zu gehören.

Auf oem Lande gehen die Sowjets immer mehr zu Vergeltungsaktionen gegen Dörfer über, in denen angeblich Kämpfer der Mujanedin Zuflucht gefunden haben. Berichte über Akte der Brutalität an normalen Zivilisten und
selbst an Kindern liegen in Fülle vor.

Was ist in Afghanistan geschehen ? Informationen sind schwer erhältlich. Humanitären Organisationen wird nicht erlaubt, in Afghanistan tätig
- b -

�Afghanistan tätig zu werden. Dem Internationalen Komitee des Roten M e u zes ist seit 198z der Zugang nach Kabul versperrt. Nur ausgewählte Journalisten, die wohlwollend über die Sowjetunion und das afghanische Regime
berichten, dürfen sich im Lande betätigen. Anderen Journalisten gehst es
schlechter. Sie werden gefangengesetzt und eingesperrt, ohne daio man auf
sie die üblichen internationalen Normen anwendet, nach denen ihnen ein
Gerichtsverfahren und Kontakt zu den Konsularvertretungen ihrer Länder
zusteht. Der Fall des französischen Journalisten Abouchar hat unlängst
gezeigt, wie gefährlich es ist, unter solchen Bedingungen journalistisch
zu arbeiten. Zwei anderen französischen Journalisten sagte man erst im
letzten Monat in Islamabad: "Wir warnen Sie und mit ihnen alle ihre journalistischen Kollegen. Hören Sie auf, mit den sogenannten Guerilleros
nach Afghanistan einzudringen. Von jetzt an werden die Banditen und die
sogenannten Journalisten in ihrer Begleitung getötet."

Seit dem vergangenen Frühjahr haben sowjetische Streitkräfte in allen
Landesteilen GroBoperationen eingeleitet. Ende April wurde die sechste
GroBoffensive im Hanjsher-Tal eingeleitet, wänrenu der erstmals seit oem
Zweiten Weltkrieg von Maschinen, die von Luftwaffenstützpunkten in der
Sowjetunion starteten, Flächenbomoardements aus yrober hone durchgeführt
wurden. Dies hatte zur Folge, daB die Bewohner vertrieben und die Täler
entvölkeic wurden, während die Flüchtlingsströme anschwollen.
Was ist in Afghanistan geschehen ? 1983 lebten eineinhalb Millionen
afghanischer Flüchtlinge im Iran. Weitere vier Millionen waren nach Pakistan geflohen, und schätzungsweise weitere zwei Millionen waren innerhalb
Afghanistans aus ihren Heimatorten vertrieben worden, innerhalb von fünf
Jahren hat also ungefähr die Hälfte der Bevölkerung aus ihren Wohnorten
flüchten und innerhalb oder auberhalb der Landesgrenzen Zuflucht suchen
müssen.

Wie erklärt sich dieser Massenexodus, den ein Mitglied des internationalen Rettungskomitees eine "Flüchtlingsbewegung ohne Beispiel in der
Geschichte" nannte 'i Lr erklärt sich aus den Geschehnissen in Afghanistan. Überall im Lande kommt es fortlaufend zu Kampfeinsätzen und Aktionen

schwerbewaffneter

Besatzunystruppen
- 6 -

yegen

praktisch

unbewaffnete

�praktisch unbewaffnete Zivilisten.

Aber ungeachtet der sowjetischen Luftüberlegenheit und des zunehmenden Einsatzes sowjetischer Truppen ist der Durchhaltewille der Mujahedin
ungebrochen. Während des ganzen Sommers tobten schwere Kämpfe. Besucher,
die vor kurzem in Kandahar, der zweitgrößten Stadt Afghanistans, gewesen
sind, beschreiben sie als einen lebenden Friedhof. Harat ist nach inren
Berichten eine Geisterstadt.

Aber nirgendwo ist die Stärke und die üurchnaltekraft des ufynanischen Widerstands augenfälliger als in Kabul, wo die Mujahedin im September und im Oktober den Sowjets die herrschatt über die afgnanische Hauptstadt, die praktisch ein einziges Militärlager ist, zunehmend streitig
machten.

Die Entwicklung in Afyhanistan gibt den Staatsphilosophen recht, die
erkannt haben, daü gewaltsame Eroberung keine stabile Grundlage für die
Inhabe und Ausübung politischer Macht

abgibt. Kousseau

sayte einmal:

"Selbst der stärkste Mensch ist niemals so stark, daß er immer der Herr
sein kann, es sei denn, er setzt seine Macht in Hecht und Gehorsam und
Pflicht um."

Eroberung beruht auf Macht und Gewalt, auf Armeen in Waffen, auf Einmarsch und Besetzung, während die Umsetzung von Macht in Hecht nur auf
dem Wege der Überzeugung zu leisten ist, d.h., dadurch, daß man die Menschen von der Rechtmäßigkeit eines Herrschaftsanspruchs überzeugt.

In Afghanistan erleben wir erneut, daß herrscher zwar aurch Gewalt
Macht erlangen können, daß aber der reine Besitz von Macht nicht unbedingt Unterwerfung bewirkt, sondern im Gegenteil sehr wohl zum Widerstand
herausfordern kann. Das afghanische Volk leistet Widerstand - obwohl sein
Land erobert, überrannt und besetzt worden ist und obwohl seine Bürger
hingemordet werden. Dieser Widerstand ist zu einer Legende der Neuzeit
geworden. Man will Afghanistan dem sowjetischen Machtbereich angliedern
und einverleiben und das Land säkularisieren, aber die Afghanen weigern
sich, sich mit der Zerstörung ihrer Gesellschaft, Kultur und nationalen
- 7 -

�und nationalen Identität abzufinden.

tos ist in Afghanistan geschehen 'i

Warum wurde dieses entsetzliche

Leid über die Afghanen gebracht ? Warum sind die Sowjets überhaupt in Afghanistan einmarschiert V Schließlich stellten das Volk und die Regieruny
Afghanistans ganz offenkundig

keine Bedrohung

für die Sicherheit der

UdSSR dar. Es fällt wirklich schwer, sich vorzustellen, in welcher Weise
ein unabhängiges Afghanistan die Sowjetunion hätte bedrohen können.

Seit Jahrzehnten waren die sowjetisch-afghanischen Beziehungen ein
Musterbeispiel für die friedliche Koexistenz zweier Staaten mit unterschiedlichem politischem und gesellschaftlichem System. Afghanistan gehörte der Bewegung der Blockfreien an und hatte keinerlei Bindungen zu
anderen Regierungen, die Moskau hätten Sorge bereiten können. Es ernielt
keine Waffenlieferungen von den Gegnern der Sowjetunion und wollte auch
keine. Es versuchte auch nicht, unter den Nachbarvölkern im Sinne des
fundamentalistisch-revolutionären Islam zu missionieren. Soweit es in Afghanistan Gewalttätigkeit und Anarchie gab, stellte sie keine Bedronung
des Friedens in der Region dar.

Tatsächlich gab es in Afgnanistan keine unrunen bis zum z7. Hpril
1978, als es zu einem gewaltsamen Putsch kam. Er bildete den Auftakt zu
den folgenden Versuchen, dem afghanischen Volk eine fremüländiscne xdeologie und eine seinem Wesen nicht entsprechende Lebensform aufzuzwingen.

Als die Sowjets einrückten, hatte sie niemand dazu aufgefordert, und
sie waren auch nicht von der afghanischen Regierung zu Hilfe gerufen worden, von einer Regierung, deren überhaupt von den einrückenden Truppen
ermordet wurde. Das afghanische Volk hieß die Eindringlinge nicht willkommen, und fünf Jahre später waren die Besatzungstruppen immer noch
nicht wieder abgezogen worden.

Warum sind die Sowjets dann in Afghanistan einmarschiert 'i Vielleicht
läßt sich das am besten aus der Geschichte erklären. Diejenigen, die
glauben, daß die Politik der Sowjetunion im Grunde eine zeitgenössische
Verkörperung der traditionellen russischen Ziele ist, sehen die Ereignis- ö -

�die Ereignisse in Afghanistan in diesem Licht. Sie sagen, dab die Herrscher über Rußland schon seit der Zarenzeit von einem Warmwasserhafen am
Indischen Ozean träumen.

Die Herrschaft über Afghanistan ist daher von wesentlicher Bedeutung
für die Erfüllung dieser historischen territorialen Ambitionen. Schon vor
einem Jahrhundert waren sich die Afgnanen dieser Ambitionen üewubt. Aüdur
Rahman, der Amir von Afghanistan, schrieb damals: "Die russische Politik
in Asien läuft darauf ninaus, die islamiscnen Königreiche auf jeden fall
hinwegzufegen - sei es zu Recht oder zu Unrecht, auf gütlichem oder
feindschaftlichem Wege, mit friedlichen oder kriegerischen Mitteln ..."

Kenn, wie einige Leute glauben, die Sowjets unserer Tage in Afghanistan seit alters her bestehende Impulse ausleben, so yilt gleiches auch
für die Afghanen unserer Tage. Wenn sie sich heute der Eroberung widersetzen, so handeln sie im Einklang mit uiesen historischen Erwartungen
ihres Volkes.

Vor hundert Jahren schrieb Rahman über sein Volk: "Üb sie nun ausgebildete Soldaten oder nur einfache Bauern sind, sie würden alle bis auf
den letzten Blutstropfen und bis auf den letzten Mann für ihren Uott, ihren Propheten, ihre Religion, ihre Heimat, ihre familien, ihre Nation,
ihre freiheit und ihre Unabhängigkeit kämpfen ..." Tagtäglich erleüen die
Armeen der Eroberer der Gegenwart nun, wie sich die Prophezeiung Rahmans
erfüllt, wie sie von Tag zu Tag von den zeitgenössischen Afghanen wahrgemacht wird.

Seit fünf Jahren stellen die Afyhanen, die sicherlich zu den rnutiysten und unabhängigsten Nationen der Welt zählen, ihre Entschlossenheit
unter Beweis, ein Volk zu üleiüen. Was können wir anderen aus uiesen harten Erfahrungen lernen ? Wir können den unglaublichen Mut und das Uurchhaltevermögen der Afghanen zur Kenntnis nehmen und stets im Gedächtnis
behalten. Wir können ihnen bestätigen, dab sie die Schlacht noch nicht
verloren naben, dab ihr Kampf weitergeht - in den Bergen und Tälern Afghanistans und innerhalb dieser Weltorganisation.
Die dieser
- 9 -

�Die dieser Versammlung vorliegende Entschliebuny und ihr zu erwartendes Votum bezeugen, wie wir alle die fortdauernden Schandtaten in Afghanistan sehen. Was können wir tun, um zu helfen .'

Wir können uns dessen erinnern, was die Afghanen, die afghanischen
Flüchtlinge in Pakistan brauchen.

Wir können uns dessen erinnern, was die pakistanische Regierung zur
Linderung der Not dieser Flüchtlinge getan hat.

Wir können der humanitären Arbeit unseren Beifall zollen, die vom
Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinysfragen, vom Welternährungsprogramm und von freiwilligen privaten Hilfsorganisationen geleistet wird, die unermüdlich bestrebt sind, den Millionen von Flüchtlingen
zu helfen. Wir können diese Anstrengungen unterstützen.
Wir können zur Kenntnis nehmen und anerkennen, was all diese Freiwilligen, die pakistanische Regierung, die Vereinten Nationen unu andere
Körperschaften für das Überleben der afghanischen Flüchtlinge leisten,
die in Lagern an der Frenze zusammenyepfercnt sind.

Wir können für die Entschließung stimmen, die diesem Gremium vorliegt.

Es ist gar nicnt so schwer, sich eine Lösung der Probleme Afghanistans vorzustellen. Tatsächlich ist die Grundlage für die Lösung, die uns
vorschwetc , in der Lntschlieioung enthalten, über die wir in diesem Uremium abstimmen werden. Die Vereinigten Staaten unterstützen die uns heute
vorliegende

Resolution.

Wir meinen, dab

ihre

vier hauptelemente

als

Grundlage für eine Verhandlungslösung dienen könnten, die gerecht und
dauerhaft wäre und die die legitimen Sicherneitsinteressen aller Beteiligten wahren würde.

Diese Elemente sind der sofortige Abzug der ausländischen Truppen,
die Bewahrung der Souveränität, territorialen Unversehrtheit, politischen
Unabhängigkeit und Blockfreiheit Afghanistans, das Recht des afghanischen
Volkes, seine Regierungsform selbst zu bestimmen und sein wirtschaftli- 1U -

�sein wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches System frei von
äußerer Intervention und Unterwanderung wie von äuberem Druck und Zwang
zu wählen, und Herstellung der notwendigen Bedingungen für eine freiwillige Heimkehr der afghanischen Flüchtlinge.

Wir halten dies für eine Grundlage für eine ehrenhafte Lösung, die
den Interessen aller Beteiligten dienen würde.

Was können wir sonst noch tun V Wir können den stetiyen und unermüdlichen Anstrengungen des Generalsekretärs und seines persönlichen Vertreters, Herrn Diego Lordovez, unsere Unterstützung leihen. Sie haben beim
Entwurf einer Regelung und der Mittel und Wege, wie sie herbeigeführt
werden könnte, Fortschritte erzielt.
Wie Präsident Reagan am z4. September dieses Jahres in seiner Rede
vor diesem Gremium sagte, unterstützen die Vereinigten Staaten auf das
nachdrücklichste die Bemühunyen des Generalsekretärs und seines persönlichen Vertreters. Wir begrüßen die Bekanntgabe der Wiederaufnahme dieser
Bemühungen im Jahre 1VÖ5.
Wir unterstützen auch die groben Anstrengungen, die die pakistanische
Regierung auf der Suche nach einer Lösung durch Vermittlung der Vereinten
Nationen unternommen hat. Wir glauben, dab diese Anstrengungen zu der
Hoffnung

berechtigen, dab eine politische

Verhandlungslösung

gefunden

werden kann, die dem schrecklichen Krieg gegen das afghanische Volk ein
Ende bereitet.

Wir glauben, dab eine solche Friedensreyelung den Völkern Afghanistans, Pakistans und der Sowjetunion sehr zum Nutzen gereichen würde.

Wir hoffen sehr, dab das, was nier in der Vollversammlung getan werden kann, uns diesem Ziel näherbringt.

- 11 -

�Wift/c
United States Information Service
Embassy of the United States of America

21. November l^bA

47

DIE WIRTSCHAFTSPOLITIK REAGANS IN SEINER ZWEITEN AMTSPERIODE
- Vortrag des Stellvertretenden US-Finanzministers in Amsterdam -

AMSTERDAM - (AD) - Präsident Reagan wird nach den Worten des Stellvertretenden amerikanischen Finanzministers, R. T. McNamar, in seiner
zweiten Amtsperiode die Anstrengungen fortsetzen, auf dem Gebiete der
Wirtschaftspolitik den Nachdruck vom Regierungssektor auf den Privatsektor

zu

verlagern.

Damit

solle

ein

anhaltendes

Wirtschaftswachstum

sichergestellt werden, sagte der Stellvertretende Finanzminister am 13.
November auf einem Symposium in Amsterdam.

Der Vortrag McNamars hat in Auszügen folgenden Wortlaut:

Die Wahl liegt nun hinter uns, und der Präsident hat von Seiten des
amerikanischen Volkes ein klares Mandat zur Fortsetzung der Politik erhalten, die in den vergangenen vier Jahren zu einer stärkeren und pulsierenden Wirtschaft der Vereinigten Staaten geführt hat...

Ich möchte behaupten, daß für die wichtigen Industrienationen und für
ganz Europa

die historische

Unterscheidung

zwischen

nationaler

Wirt-

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�nationaler

Wirtschaftspolitik

praktisch nicht mehr besteht.

und

internationaler

Wirtschaftspolitik

Das ist heute ein und dasselbe...

Und die

sich beschleunigende Integration der Volkswirtschaften der industrienationen und der Entwicklungsländer der Welt läßt auf eine noch engere
Abhängigkeit

in der Zukunft schließen.

Die Reagan-Administration ist

sich dieser Tatsache durchaus bewußt...

Verpflichtungen der Interdependenz

...Es ist wichtig zu erkennen, daß die Interdependenz bedeutsame Möglichkeiten und Chancen bietet, aber auch wichtige Verpflichtungen und
Verantwortungen mit sich bringt.

Um unsere gemeinsame Sicherheit zu gewährleisten, bedarf es eines realen Einsatzes der Ressourcen - der finanziellen wie der anderen...

Es

ist wichtig, daß Europa erkennt, daß ein Teil der Gründe für das zu erwartende Haushaltsdefizit der Vereinigten Staaten aus der Verpflichtung
dieser Administration herrührt, die gemeinsame Sicherheit
leisten.

zu gewähr-

Wie auch auf anderen Gebieten der Interdependenz ist es in

zunehmendem Maße für alle betroffenen Partner wichtig, menr Ressourcen
einzusetzen, damit ein stabiles und sicheres Umfeld weiterhin bestehen
bleibt.

Auf dem Felde der Handelspolitik müssen wir alle zusammenarbeiten, um
einen Protektionismus zu verhindern.

Wie uns allen bekannt ist, hindert

der Protektionismus auf lange Sicht gesehen ein weltweites Wachstum und
schließt einen wirksamen Einsatz der Ressourcen in der Welt aus.
auch die amerikanische Bilanz in diesem Zusammenhang

Wenn

nicht vollkommen

ist, so haben die Vereinigten Staaten während der letzten vier Jahre doch
zahlreiche Anstrengungen unternommen, um den Protektionismus abzubauen
und ihre Grenzen für den internationalen Handel zu öffnen...

Um einen Maßstab der Führungsrolle der Vereinigten Staaten gegen den
Protektionismus anzulegen:

Die Gesamtimporte

der Vereinigten Staaten

stiegen im Jahr 1984 um 34 Prozent an, wooei sich die Importe an Texti- 2 -

�an Textilien um 55 Prozent und die an Stahl um 70 Prozent sich erhöhten.
In den nächsten vier Jahren

werden die Vereinigten Staaten den Nachdruck

weiterhin auf einen Abbau des Protektionismus legen und sich auf faire
und freie Handelsabmachungen zwischen den einzelnen Ländern konzentrieren.

Unglücklicherweise

ist

das

Bild

der

nicht nur von Fortschritt gekennzeichnet.

internationalen

Handelsfront

Insbesondere gibt es eine Rei-

he hartnäckiger, seit langem anstehender Fragen auf dem Gebiete des Handels

zwischen

den

Vereinigten

Staaten

und

der

Europäischen Gemein-

schaft. ..

Die Tatsache, daß diese Fragen noch nicht gelöst werden konnten, bedeutet für mich, daß angemessene Maßnahmen seit langem überfällig sind.
Wir sind der Ansicht, daß sich verbessernde wirtschaftliche Verhältnisse,
wie wir sie in den Vereinigten Staaten und in Europa erleben, der beste
Anlaß sind, sich einigen dieser Handelsfragen zuzuwenden...
Durch die neue Ordnung der Interdependenz kommt den wirtschaftlichen
Prioritäten der Reagan-Administration

während der nächsten vier Jahre

eine starke Bedeutung und ein beträchtliches Interesse zu.

Die Bemühun-

gen unserer Administration, sich mit zahllosen wirtschaftlichen und politischen Situationen zu befassen, haben eine Auswirkung, die weit über
die Grenzen meines Landes hinausreicht.

Die Wirtschaftspolitik Reagans

Nachdem diese Administration ihr Amt angetreten hatte, entwickelte
sie einen wirtschaftlichen "Schlachtplan", der weit über einzelne Programme hinausging.

Während der vergangenen vier Jahre hat die Admini-

stration viel von dem erreicht, was sie angekündigt hatte.

Im Verlaufe

der nächsten vier Jahre wird diese Administration auf diesem Programm
weiter aufbauen, und ich bin zuversichtlich, daß wir noch viel mehr der
auf unserer Tagesordnung stehenden Punkte verwirklichen werden...

Die Wirtschaftspolitik Präsident Reagans basierte damals und basiert

�und basiert auch noch heute auf einen 1981 verkündeten Vier-Punkte-Programm. Die miteinander zusammenhängenden Elemente dieses Programmes sind:

1. Eine straffe Haushaltspolitik, die Mittel für den privaten Sektor,
für Investitionen und Wachstum freisetzt;

2.eine Anreiz bietende Politik der Steuersenkung, um aas Angebot zu
steigern und die Arbeits- und Kapitalkosten zu senken und dadurch Arbeitsleistung, Ersparnisse und Investitionen zu fordern;

3. eine nichtinflationäre Währungspolitik, die der Inflation Einhalt
gebieten und die hohen Zinssätze und andere hemmende Faktoren abbauen
soll, die aus dem Zusammenwirken von Inflation und Steuersätzen entstanden sind;
4. eine Reform der Bestimmungen und Verordnungen, um die gewaltigen
Hemmnisse und Kosten zu vermindern, die der Produktion im Wege stehen und
die Preise erhöhen.

Unser Ziel war es, die amerikanische Wirtschaft wieder zu dem lohnendsten Bereich zu machen, um zu arbeiten, zu sparen und zu investieren
und ihr wieder die Anreize und Flexibilität zu verleihen, die Ende der
sechziger und dann in den siebziger Jahren verloren gegangen waren.

Unser Rezept war richtig für die Heilung der amerikanischen Wirtschaft.

Im Gegensatz zu den Voraussagen der meisten Wirtschaftler, die

nur einen langsamen Wiederaufschwung erwarteten, stieg das reale Bruttosozialprodukt in den ersten sieben Quartalen der gegenwärtigen Expansion
mit einer Jahresrate von 6,4 Prozent an - schneller als in jeder anderen
Wiederaufschwungsphase seit dem Korea-Krieg in den fünfziger Jahren.

Im

dritten Quartal dieses Jahres hat sich das Wachstum etwas verlangsamt,
aber wir sind der Ansicht, daß dies eine natürliche Konsequenz des raschen Tempos von 8,5 Prozent in der ersten Hälfte des Jahres war.

Die

Zahl der Beschäftigten ist im gegenwärtigen Wiederaufschwung um 6,5 Millionen gestiegen, während die Arbeitslosenrate von 1U,7 Prozent Ende 1982
auf 7,4 Prozent gesunken ist und der Anteil der arbeitsfähigen Bevö'lke- 4 -

�arbeitsfähigen Bevölkerung, der einen Arbeitsplatz hat, einen nahezu einmaligen Höchststand erreicht hat.

Die Expansion fand unter Verhältnissen einer außergewöhnlich niedrigen Inflation statt.

Die Inflation ist in Verbraucherpreisen gemessen,

von fast 13 Prozent in den Jahren 1979/8Ü auf etwa vier Prozent in diesem
Jahr zurückgegangen.

Unsere Erzeuger- und Großhandelspreise sind in drei

aufeinanderfolgenden Monaten gesunken und steigen jetzt nur mit einer Rate von 1,5 Prozent (von Januar bis Oktober).

Die Kurve des Produktivitätswachstums, die wichtig ist für die Steigerung des Lebensstandards und für die Eindämmung der Inflation, zeigt
nach oben.

Nach praktisch einem Nullwachstum in den vergangenen fünf

Jahren stieg die Produktivität auf dem nichtlandwirtschaftlichen Sektor
im Jahr 1983 um vier Prozent und auch in der ersten Hälfte dieses Jahres
auf eine Jahresrate von vier Prozent.

Die Fortschritte, die wir in den vergangenen vier Jahren erzielt haben, machen deutlich, daß die Grundlagen für ein langfristiges Wachstum
in den Vereinigten Staaten gegeben sind.

Wie der Präsident bei verschie-

denen Gelegenheiten erklärt hat, haben wir viel erreicht, doch wir sind
der Meinung, daß noch wichtige Maßnahmen ergriffen werden müssen, um ein
beständiges, langfristiges und nichtinflationäres
leisten. Um dieses

Wachstum

zu gewähr-

Ziel zu erreichen, können Sie damit rechnen, daß der

Präsident sich erneut und mit neuer Energie und Überzeugung auf die vier
Elemente des Programmes von 1981 konzentrieren wird.

Die Ausgaben der Bundesregierung

Zunächst einmal werden wir unsere Bemühungen um eine Senkung der Zuwachsrate bei den Bundesausgaben erneuern.
schen Warte aus gesehen, sind

Von einer mehr philosophi-

wir der Meinung, daß es notwendig ist, daß

dem Privatsektor eine größere Rolle zukommt, wenn wir ein beständiges
nichtinflationäres

Wachstum erreichen wollen.

Und

praktisch gesehen,

glauben wir, daß dies ohne Frage die beste Möglichkeit ist, um die Haus-

�die Haushaltsdefizite abzubauen.

Diese Administration ist genauso wie die Regierungen in Europa und
wie viele Kreise in den Vereinigten Staaten sehr besorgt über die Haushaltsdefizite.

Sie sind ein Zeichen dafür, daß die Regierung zuviel

ausgibt und zu viele der knappen Mittel für sich in Anspruch nimmt.

Es

sind die Ausgaben der Regierung, die die Privatwirtschaft beeinträchtigen, Auswirkung auf die Währungspolitik haben und die Erwartungen der
Verbraucher und der Investoren beeinflussen.

Dies führt wieder zu hohen

Zinssätzen, die sich auf den Wechselkurs und den Handel und damit auch
auf ein beständiges nichtinflationäres und

reales

Wirtschaftswachstum

auswirken.

Um die Einstellung meiner Regierung zur Finanzpolitik richtig zu verstehen, muß man sie im Zusammenhang mit den klassischen mikro-ökonomischen Begriffen sehen.

Im wesentlichen stellen die Regierungsausgaben

die eigentliche Steuerbelastung dar.

Sie ziehen

Arbeit, Kapital und

Leistung vom privaten Sektor auf den öffentlichen Sektor ab, gleichgültig, ob dies durch Steuern oder Anleihen finanziert wird.

Eine Verminde-

rung der Regierungsausgaben wirkt anregend, weil sie dem Privatsektor reale und finanzielle Ressourcen zurückgibt.

Über diese mehr phisolophische Betrachtungsweise hinaus zeigt eine
Analyse der heutigen Situation in den Vereinigten Staaten, daß Regierungsausgaben, nicht Steuersenkungen die Ursache des Defizits sind.

Wir

rechnen damit, daü sich die langfristigen Regierungseinnahmen im Rahmen
unserer Voranschläge zwischen 1983 und 1989 auf etwa 19,5 Prozent des
Bruttosozialproduktes belaufen werden.

Diese Zahl liegt um etwas höher

als in den Jahren von 1964 bis 1979.

Praktisch waren, wenn man vergan-

genen Rezessionen ausschließt, Einkünfte in Friedenszeiten selten höher.
Und dennoch liegen die Ausgaben weit über dem früheren Niveau.

Die Bun-

desaugaben beliefen sich von 1964 bis 1974 auf 19,8 Prozent und von 1975
bis 1979 auf 22 Prozent des Bruttosozialproduktes.
Anteil fast 25 Prozent.

1983 betrug dieser

Wenn wesentliche Haushaltskürzungen vorgenommen

werden sollen, dann müssen sie bei den Ausgaben, nicht bei den Steuern
erfolgen.

Wir müssen einfach einige sehr schwierige Entscheidungen hin- 6 -

�Entscheidungen hinsichtlich der Ausgabenhöhe treffen, wobei wir uns darüber im klaren sein müssen, daß die Mittel der Regierung kurzfristig gesehen, begrenzt sind.

Wir werden also einen weiteren Abbau der Zuwachsrate bei den Regierungsausgaben vorschlagen.

Es ist jedoch wichtig zu verstehen, daß unser

politisches System im Gegensatz zu dem Ihrigen, beträchtliche Schwierigkeiten bereitet, wenn es darum geht, vom Präsidenten empfohlene Ausgabensenkungen durchzusetzen.

In unserem System sind die Zuständigkeit für

den Haushalt zwischen der Exekutive und der Legislative aufgeteilt.

An-

ders als in den parlamentarischen Systemen Europas hat der Präsident keine Kontrolle über die Stimmen seiner Partei im Kongreß.

Darüber hinaus

gibt es bei uns keine Tradition einer starken Parteidisziplin mehr, wie
sie für eine parlamentarische Regierung charakteristisch ist.

In unserem

Kongreß ist jedes Mitglied bei der Stimmabgabe unabhängig - auf der
Grundlage

örtlicher

Gegebenheiten

in

den

Wahlkreisen

und

bestimmter

Einflüsse.

Ich möchte jedoch mit Nachdruck klarstellen, daß wir uns voll und
ganz verpflichtet fühlen, die Wachstumsrate der Ausgaben und damit auch
die Defizite zu senken.

Wir rechnen damit, dies schon bald erreichen und

- während wir in diesem Prozeß stehen - strukturelle Möglichkeiten schaffen zu können, die für die Zukunft angemessene Ausgabenkontrollen sicherstellen.

Zwei der wichtigsten Mittel, die der Präsident vorgeschlagen

hat, sind die Gesetzesänderung für einen ausgeglichenen Haushalt sowie
das selektive Vetorecht.

Der Haushaltsausgleichszusatz soll sicherstel-

len, daß Programme einzelner Wählerschichten nicht auf Kosten der Gesamthaushaltsbegrenzungen verabschiedet werden.

Das selektive Veto soll

dem Präsidenten die Vollmacht geben, Einzelkomponenten eines Ausgabengesetzes zu überprüfen, damit gewährleistet ist, daß sich die Ausgaben in
Übereinstimmung mit der Fähigkeit der Regierung befinden, die notwendigen
Einnahmen zu erzielen.

Nur auf diese Weise können wir sicherstellen, daß

das alte Muster einer Regierungspolitik des einfach Einnehmens und wieder
Ausgebens, des Gasgebens und Bremsens in Amerika nicht wieder zum Tragen
kommt und die Weltwirtschaft wie auch unsere eigene Wirtschaft belastet.

Steuerpolitik

- 7-

�Steuerpolitik

Zweitens wird die Administration die Einkommenssteuer weiter senken,
um so zusätzliche Anreize zum Arbeiten und Sparen sowie für Produktivität
und Investitionen zu schaffen.

Die 1981 verfügten Steuersenkungen hatten einen erneblichen Einfluß
auf den Konjunkturaufschwung in unserem Lande. Im Verlaufe von drei Jahren wurden die Grenzsteuersätze um rund zi&gt; Prozent verringert, und zwar
von 14 auf 11 Prozent für die unterste und von 70 auf 50 Prozent für die
höchste Einkommensgruppe. Außerdem werden ab 1985 die Steuerklassen an
die Inflation angepaßt bzw. indexiert, um in Zukunft zu vermeiden, daß
Steuerzahler inflationsbedingt in eine höhere Gruppe geraten. Während der
letzten vier Jahre konnten wir auch die Abschreibungsfristen für Unternehmensinvestitionen verkürzen und so durch verbesserte Rentabilität nach
Steuern eine investitionsbelebende Wirkung erzielen.

Unser Steuersystem begünstigt jedoch immer noch in starkem Maße Kreditaufnahme und Verbrauch und hemmt somit die Bildung von Sparrücklagen.
Dies erschwert unsere Bemühungen, das Kapital anzusammeln, das für ein
anhaltendes

und

nichtinflationäres

Wirtschaftswachstum

notwendig

ist.

Angesichts dieser unserem Steuersystem innewohnenden Tendenz ist es nicht
verwunderlich, daß die Sparquote in den Vereinigten Staaten niedriger
liegt, als in anderen Ländern.

In ihrer zweiten Amtszeit wird diese Administration inre Aufmerksamkeit der Frage zuwenden, wie die Steuern durch eine Verbreiterung der
Bemessungsgrundlagen weiter gesenkt werden können, und zwar so, aaß ein
stärkerer Anreiz zum Investieren und Bilden von Sparrücklagen geschaffen
wird. Das Finanzministerium

arbeitet zur Zeit Empfehlungen über eine

Erweiterung und Vereinfachung des Steuersystems aus, deren Wirkung auf
die Steuereinnahmen neutral sein sollte. Unser Ziel besteht mit anderen
Worten darin, einerseits die Höhe der Steuereinnahmen unverändert zu
halten und andererseits bei gleichzeitiger Verbreiterung der Bemessungsgrundlagen die Steuersätze weiter zu senken, um zusätzliche Anreize für
die produktive Wirtschaft zu schaffen.
Wir
- 8-

analysieren

�Wir analysieren vier mögliche Steuerarten: eine Einheitssteuer, eine
modifizierte Einheitssteuer, Verbrauchssteuern wie etwa eine Umsatz- oder
Mehrwertsteuer und eine Verbrauchsanteils-Einkommensteuer. Wir erwarten,
daß wir die Ergebnisse unserer Untersuchungen dem Präsidenten im Dezember, also noch vor seinem für Ende Januar vorgesehenen Bericht über die
zur Lage der Nation, zur Begutachtung vorlegen können. Ich persönlich
glaube, daß eine modifizierte Einheitssteuer mit niedrigeren Sätzen, aber
verminderten Absetzungsmöglichkeiten empfohlen werden wird. Jede der von
uns in Betracht gezogenen Möglichkeiten hat ihre Vor- und Nachteile, aber
das Konzept einer modifizierten Einheitssteuer erscheint am besten geeignet , unsere grundsätzlichen Ziele und die Probleme der Einführung eines
neuen Systems in Einklang zu bringen.

Nach der Durchführung der Steuerreform dürfte das Steuersystem eher
Anreize zum Sparen im Verhältnis zum Verbrauch bieten und die Ansammlung
des zur Finanzierung eines langfristigen Wirtschaftswachstums notwendigen
Kapitals erlauben. Wir sind der Meinung, daß das zweite der im Programm
des Präsidenten genannten Ziele durch die Steuersenkungen von 19öl in
Kombination mit einer solchen Reform unseres Steuersystems verwirklicht
werden kann.

Abbau struktureller Verkrustungen

Das dritte Element des Programms des Präsidenten bezieht sich auf die
Einleitung eines weitreichenden Programms zur Beseitigung bürokratischer
Hemmnisse. Wir - und dabei schließe ich sowohl die Demokraten als auch
die Republikaner ein - haben erkannt, daß hochgradig reglementierte WLrtschaftsbetriebe in der modernen Welt einfach nicht mehr wettbewerbsfähig
sind. Sie verlieren die Fähigkeit zur flexiblen Anpassung an Veränderungen; eine Eigenschaft, die zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit auf den
Weltmärkten mit ihren dynamischen Entwicklungsprozessen von grundlegender
Bedeutung ist.

Daher ist die Regierung bestrebt, der Privatindustrie mehr Freiraum

�mehr Freiraum zu schaffen. Der Trend, Reglementierungen und Entscheidungen immer mehr nach Washington zu verlagern, wird umgekehrt. Dies steht
natürlich in scharfem Gegensatz zu den Trends, die in der jüngeren Vergangenheit in Europa zu beobachten waren ...

Wenn man die letzten Jahre, ja sogar den Zeitraum bis Ende der Zwanziger Jahre überblickt, so stellt man fest, daß bei der Beseitigung bürokratischer Hemmnisse bemerkenswerte Erfolge erzielt werden konnten ...

Während der nächsten vier Jahre werden wir uns weiterhin bemühen, bürokratische Hindernisse in bestimmten Industriezweigen abzubauen und auch
die Aktivitäten des Staates in anderen zurückzudrängen ...

Auch auf die Gefahr hin, auf Widerspruch zu stoßen, möchte ich die
politisch Verantwortlichen in Europa als Freund darauf aufmerksam machen,
daß sich die Verbesserung der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der
amerikanischen Wirtschaft für uns bereits eindeutig auszahlt und langfristig erhebliche Auswirkungen auf Europa haben wird. In einer Welt einheitlicher und homogener werdender Märkte werden wir die Europäer langfristig auch weiterhin überflügeln, wenn die Vereinigten Staaten erhebliche Wettbewerbsvorteile gegenüber den strukturell stärker verkrusteten
und überreglementierten europäischen Volkswirtschaften haben.

Im wesentlichen geht es darum, daß die marktwirtschaftliche Allokation der Ressourcen schneller und effektiver ist und zu einem höheren
Lebensstandard führt, als ein dirigistischer Allokationsprozeß. Die in
einer rapiden Industrialisierung begriffenen Nationen Asiens sind eindeutig dem Beispiel Japans und der Vereinigten Staaten gefolgt und haben
sich für eine marktwirtschaftliche Steuerung entschieden. Wenn Europa auf
dem Weltmarkt wettbewerbsfähig bleiben will, wäre es vielleicht an der
Zeit, daß die EG und die einzelnen Staaten diejenigen Aspekte ihrer Politik einer Überprüfung unterziehen, die gegenwärtig die Initiativkraft und
Anpassungsfähigkeit Europas und daher auch sein Wirtschaftswachstum behindern.

Geldpolitik
- 10 -

�Geldpolitik

Bei dem letzten Element des Programms des Präsidenten geht es um die
Bekräftigung der Entschlossenheit dieser Administration, in Zusammenarbeit mit der Zentralbank eine Geldpolitik zu betreiben, die eine stabile
Währung und einen gesunden Geldmarkt gewährleistet. Aus einer Reihe von
Gründen lag die Zentralbank zwischen Januar 1981 und Januar 1984 nur während 54 von insgesamt 156 Wochen innerhalb der angestrebten Bandbreite
für Geldmenge M 1. Das Ziel besteht in einem gemäßigten und stetigen
Geldmengenwachstum, dessen Tempo im Einklang mit den Erfordernissen der
Preisstabilität stehen muß.

Während der ersten Amtsperiode der Reagan-Administration haben wir
beständig darauf gedrängt, daß die Zentralbank
gleichmäßiges

Geldmengenwachstum

sorgt. Dies

für ein langsames und

ist

ein

geldpolitischer

Ansatz, der denkbar wenig tagespolitisch ausgerichtet oder inflationsfördernd und für die Vereinigten Staaten daher unseres Erachtens der beste
ist.

Wir fühlen uns zwar berechtigt, die Zentralbank zu einem größeren
Geldmengenwachstum zu drängen, wenn sie zu lange an einer zu restriktiven
Politik festhält, bzw. sie zum Abbremsen des Geldmengenwachstums zu drängen, wenn wir glauben, daß sie übermäßig lange eine Politik zu hoher Zuwachsraten verfolgt, aber unser Ziel besteht in möglichst wenig Inflation
bei anhaltendem und möglichst hohem

Wirtschaftswachstum. Es ist zwar

leicht, an den in der Vergangenheit von der Zentralbank erzielten Ergebnissen herumzumäkeln, aber unter dem Strich sind wir mit der bisherigen
Politik der Zentralbank zufrieden und gehen davon aus, daß wir auch mit
ihren zukünftigen Leistungen zufrieden sein werden. Alles in allem stehen
für die zweite Amtszeit der Reagan-Administration keine größeren Veränderungen in der Geldpolitik der Vereinigten Staaten zu erwarten.

Schlußfolgerungen

All diese geschilderten politischen Maßnahmen der Vereinigten Staaten
- 11 -

�Vereinigten Staaten und die daraus folgenden Fortschritte haben bewirkt,
daß wir weiterhin allmählich zu einem Land und Volk werden, das hinsichtlich der Sicherung eines anhaltenden Wirtschaftswachstums auf die Kräfte
der Privatwirtschaft vertraut. Die Haushaltsdefizite, gemessen als prozentualer Anteil am Bruttosozialprodukt werden durch Wirtschaftswachstum
und eine rücksichtslose Verminderung des Ausgabenzuwachses heruntergedrückt werden. Die Steuern werden gesenkt und nicht erhöht werden, um die
Wirtschaftstätigkeit anzukurbeln. Außerdem wird diese Administration auch
weiter bemüht sein, die Einflußnahme des Staates auf das Wirtschaftsgeschehen zu vermindern und dafür zu sorgen, daß er der Wirtschaft die Unterstützung bietet, die sie benötigt.

In den Wahlen der vergangenen Woche hat das Volk seine Billigung der
Wirtschaftspolitik der Reagan-Administration zum Ausdruck gebracht. Das
war sehr wichtig für uns. Ich freue mich, Ihnen versichern zu können, daß
es ein neues Gefühl des Vertrauens in die wirtschaftliche Zukunft der
Vereinigten Staaten und eine neue Welle von unternehmerischem Optimismus
gibt. Wir alle haben guten Grund, der Zukunft mit Zuversicht entgegenzusehen.

Unser Motto im Wanlkampf lautete: "Amerika ist wieder auf den Beinen
- stolzer, stärker und leistungsfähiger." Am 6. November hat das amerikanische Volk dem offenkundig beigepflichtet. Ich möchte dem lediglich hinzufügen, daß wir auch klüger geworden sind, und die Welt sieht daher besser aus.

- 12 -

�47

21. November 1984

RAUMTRANSPORTER AUF BERGUNGSFAHRT
- Zweiter DISCOVERY-Flug

erfolgreich deenoet -

- (AD) - Absoluter Höhepunkt des zweiten Einsatzes der Raumfähre
DISCOVERY (8. - 16. November 1984) war die Bergung von zwei Nachrichtensatelliten aus dem Weltraum.

Infolge technischer Fehler am Triebwerk wa-

ren sie bei ihrem Start im Februar 1984 in falsche Bahnen geraten und
deshalb für den vorgesehenen Zweck nicht verwendbar.

Die Verwirklichung

der Idee, diese Satelliten bei einem späteren

Raumtransporterflug wieder einzufangen und zur Erde zurückzubringen, erforderte überaus diffizile Vorbereitungen.

Die Daten von neun Beobach-

tungsstationen rund um die Erde, über mehrere Monate hinweg gesammelt,
lieferten die Berechnungsgrundlagen zur Durchführung von Hunderten von
komplizierten Manövern, mit denen PALAPA 2 und WESTAR VI schließlich zum
Rendezvous mit der am 8. November gestarteten DISCOVERY geführt wurden.
Am 12. und 14. November konnten die Irrläufer schließlich eingeholt werden.

Die Ladebucht

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Ladebucht war frei zur Aufnahme der oeiden je i&gt;4Ü ky schweren
Fernmeldesatelliten, nachdem schon in den ersten Tagen des Unternehmens
zwei neue Nachrichtensatelliten von Bord der DISCOVERY gestartet worden
waren - der erste im Auftrag von Telesat Canada, der zweite im Auftrag
der Firma Hughes Communication Services.

Letzterer, SYNLCM IV, ist als

zweites Gerät einer neuen, ausschließlich für den Start aus einem Raumtransporter konzipierten Serie vom amerikanischen Verteidigungsministerium gemietet und soll weltweit Nachrichtenverbindungen zwischen Schiffen,
Flugzeugen und Küstenstationen ermöglichen.

Insgesamt fünf solcher Gerä-

te werden auf erdsynchroner Bahn in fast 36 000 km Höhe über dem Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean stationiert.

Schon einmal, im April dieses Jahres, hatten amerikanische Astronauten einen Satelliten (SOLARMAX) eingefangen.

Nach seiner Reparatur an

Bord der Raumfähre wurde der Sonnenforschungssatellit wieder abgesetzt
und arbeitet seitdem einwandfrei.

Bergung und Rücktransport von PAuAPA z

und k£STAR VI erforderte, wie die fünfköpfige DISCOVERY-Besatzung noch
aus dem Orbit berichtete, erheblich mehr Vorbereitungen und auch mehrere
neue Ausrüstungen sowohl in Form von Werkzeugen für die Astronauten als
auch für den Frachtraum der Raumfähre.

Gebraucht wurde u.a. ein harpu-

nenähnlicher, 1,8 m langer Stab mit vier abgefederten "Fingern" am Ende.
Sie öffneten sich nach dem Einführen des Fangstabes in die Brenndüse des
Satelliten und gaben so dem frei schwebenden Astronauten die Möglichkeit,
den Satelliten zu halten. Mittels der Kaltgasdüsen am Astronauten-Manövriergerät gelang es schließlich auch, ihn in seiner Rotation zu stoppen.
An jedem der so eingefangenen Nachrichtensatelliten (Länge 2,7 m, Durchmesser 2,1 m) wurde an der Unterseite ein Montagering (Gewicht:
angebracht.

249 kg)

Gebraucht wurden ferner Montageplattformen im Laderaum, um

beide Geräte für den Rücktransport zur Erde sicher zu verstauen.

Beim ersten Bergungsmanöver, als PALAPA von Astronaut Joseph Allen
eingeholt wurde, gab es Schwierigkeiten mit der Greifhalterung am Ende
des Orbiter-Krans.

Gardner montierte daraufhin von der Mrbeitsplattform

aus, auf der er angeseilt war, einen Adapterring an der Unterseite des
Satelliten. Dies dauerte über 90 Minuten - die Zeit entsprach einem vollen Umlauf um die Erde.

Während der ganzen Prozedur war Allen gezwungen,
- 2 -

�Allen gezwungen, den Satelliten zu halten.

Aber nur aurch den Adapter

wurde es möglich, ihn schließlich in Halterungen der Plattform im Laderaum einzupassen.

Nach etwas über sechs Stunden war die Aufgabe beendet,

die beiden Astronauten konnten über die Druckschleuse in die Orbiter-Kabine zurückkehren.
Problemlos verlief dagegen die Bergung von WESTAR Vi zwei Tage später.

Sie nahm ca. vier Stunden in Anspruch.

Nach insgesamt fünf Stunden

und 42 Minuten hatten Allen und Gardner alle Außenarbeiten abgeschlossen.

Dieses Mal manövrierte sich Gardner an den Satelliten heran, der

etwa zehn Meter über dem Orbiter schwebte.

Die Fernsehkameras an Bord

zeigten in eindrucksvollen Bildern, wie Gardner das fast drei Meter lange
Objekt im All faßte, sich selbst ebenfalls an die "Harpune" ankoppelte,
den Satelliten mit Hilfe seines Manövriergeräts stabilisierte und die
Kombination Mensch/Apparat auf Allen zu dirigierte.

Dieser erwartete sie

schon auf der Arbeitsplattform am Ende des Krans, auf der er hoch über
dem offenen Frachtraum fixiert war. Er faßte den Satelliten an einer seiner Antennen und hielt ihn fest, bis Gardner die Harpune aus aer Brennkammer wieder gelöst und an der Onterseite eine Halterung montiert hatte.

Dies war die kritischste Phase der Prozedur, weil nur eine wirklich
feste Montage des Ringes die Voraussetzung schuf, um den Satelliten auf
der Plattform im Laderaum für den Rücktransport zur Erde fest zu verstauen.

Zur Vorbereitung des Rendezvous mit den beiden Satelliten zündeten

Kommandant Hauck und Kopilot Walker die Manövriertriebwerke und Steuerungsdüsen der DISCOVERY ca. 40 mal, um die Fähre in die richtige Position für die Bergung zu bringen.
forderlich" , sagte Walker.

"Dazu sind ganz sanfte Bewegungen er-

"Es ist ein langer, sehr langsamer Vorgang -

eher dem Manövrieren mit einem Schiff als dem mit einem Fluggerät vergleichbar."

Überaus beeindruckt zeigten sich die Astronauten von der Vielseitigkeit und Wendigkeit ihres Raumtransporters.

Schließlich waren ja die

beiden geborgenen Satelliten in keiner Weise dafür ausgerüstet, wieder
eingefangen und für gründliche Überholung und Neustart (voraussichtlich
im Juli 1985) zur Erde zurückgebracht zu werden.
- 3 -

Bei vielen künftig zu

�künftig zu startenden Satelliten wird dies anders sein.

Sie werden mit

Koppelstut-zen ausgerüstet, was die gesamte Bergung vereinfacht.

Allen hält aufgrund seiner Erfahrungen den Aufbau von großen Strukturen im Weltall für durchaus möglich.

Sie könnten dort, ebenso wie große

Montage-Konstruktionen auf der Erde, von Arbeitern zusammengefügt werden.
Auch sei nun erwiesen, daß Astronauten im Weltraum mit relativ großen
Mengen recht gut fertig werden.

"Bisher waren wir keineswegs sicher, ob

dies überhaupt zu bewältigen ist" , sagte Gardner.

"Aber wir hatten nicht

die geringste Schwierigkeit, die großen Satelliten mit der Hand zu dirigieren und festzuhalten.
ßen verankert ist.

Man muß nur darauf achten, daß man mit den Fü-

Nur so kann man die eigenen Körperbewegungen steuern

und damit auch den Satelliten unter Kontrolle halten." Allen und üardner
hatten vor dem Flug diese Manöver immer wieder in Wassertanks geübt nicht selten über mehrere Stunden am Tag.

Kristallwachstum unter Schwerelosigkeit

Mit einem Experiment aus der organischen Chemie war die amerikanische
Firma "3 M" beim jüngsten DISCOVERY-Flug vertreten.

Es ging um die Züch-

tung von gleicnmäßigen großen und hochreinen Kristallen aus organischen
Substanzen, die spezielle Verwendungszwecke in der Elektronik, Optik und
Filmtechnik haben werden.

Bei der ersten von 70 vorgesehenen Experimen-

tierserien wurden u.a. Harnstoff und Cyaninoxonol auskristallisiert. Dies
geschah in komplizierten Apparaturen - Keaktoren mit verschiedenen Kammern aus rostfreiem Stahl mit elektrisch gesteuerten Ventilen, die eine
turbulenzfreie Zufuhr der Stoffkomponenten zum Reaktionsraum regelten.
Ventile und Heizung wurden über einen Computer an Bord gesteuert.

Die in

der Lösung wachsenden Kristalle fallen nicht zu Boden, sondern bleiben im
schwerelosen Zustand in der Schwebe, so daß sie sich größer und gleichmäßiger als in einem Reaktor auf der Erde ausbilden können.
suchsserien sollen Anfang nächsten Jahres erfolgen.

* * * * *

- 4-

Weitere Ver-

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Menschliche Katastrophe" in Afghanistan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wirtschaftspolitik Reagans in seiner zweiten Amtsperiode&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vortrag des Stellvertretenden US-Finanzministers in Amsterdam -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Raumtransporter auf Bergungsfahrt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Zweiter DISCOVERY-Flug erfolgreich beendet -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Amerika Dienst&#13;
&#13;
U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
&#13;
21. November 1990&#13;
&#13;
46&#13;
&#13;
BUSH IN PRAG&#13;
&#13;
BUSH SAGT DER TSCHECHOSLOWAKEI&#13;
WIRTSCHAFTSHILFE ZU&#13;
Rede vor dem Parlament&#13;
&#13;
GOLFKRISE&#13;
&#13;
BAKER SIEHT BREITE UNTERSTÜTZUNG&#13;
FÜR BUSHS GOLFPOLITIK&#13;
Pressekonferenz des Außenministers&#13;
&#13;
GATT&#13;
&#13;
USA: EG MUSS BEI FEHLSCHLAG DER&#13;
GATT-RUNDE HOHEN PREIS ZAHLEN&#13;
Pressekonferenz von&#13;
Landwirtschaftsminister Yeutter und&#13;
der US-Handelsbeauftragten Hills&#13;
YEUTTER: BESSER KEIN GATT-ABKOMMEN&#13;
ALS EIN SCHLECHTES&#13;
Rede beim Royal Institute of International Affairs&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Postfach 20 03 00&#13;
D 5300 Bonn 2&#13;
&#13;
Tel.:0228-339 23 66&#13;
Telex: 8-85432&#13;
&#13;
�B U S H IN P R A G&#13;
21. November 1990&#13;
&#13;
BUSH SAGT DER TSCHECHOSLOWAKEI&#13;
WIRTSCHAFTSHILFE ZU&#13;
Rede vor dem Parlament&#13;
PRAG -(AD)- Amerika ist bereit, der Tschechoslowakei "uneingeschränkten Zugang" zu seinen Märkten,&#13;
Investitionen und Technologie zu gewähren, erklärte Präsident Bush am 17. November 1990 im tschechoslowakischen Parlament.&#13;
In seiner Rede zum ersten Jahrestag der Rückkehr des Landes in die Freiheit erklärte Bush, er werde den&#13;
Kongreß auffordern, einen tschechoslowakisch-amerikanischen Unternehmensfonds im Umfang von 60 Millionen Dollar zu bewilligen.&#13;
Bush verkündete ferner die Eröffnung eines US-Konsulats in Bratislava in der slowakischen Republik und&#13;
erklärte, man habe ein Grundstück für die Errichtung des neuen Kulturzentrums in Prag gefunden.&#13;
An diesem entscheidenden Augenblick in der tschechoslowakischen Geschichte, erklärte Bush: "Amerika wird&#13;
hinter Ihnen stehen".&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.&#13;
&#13;
Präsident Havel, ich danke Ihnen für die überaus&#13;
herzliche Begrüßung. Ihnen, Herr Vorsitzender Dubcek, möchte ich ebenfalls für die sehr herzliche und&#13;
freundliche Einführung danken. Ich möchte an dieser&#13;
Stelle auch die Ministerpräsidenten der tschechischen&#13;
und slowakischen Republiken, die Abgeordneten dieses Parlaments und vor allem das tschechoslowakische Volk grüßen.&#13;
Es ist mir als erstem Präsidenten der Vereinigten&#13;
Staaten, der jemals Ihr Land besucht, eine Ehre, Ihnen&#13;
an diesem ersten Jahrestag der Rückkehr Ihres Landes zur Freiheit die Grüße des amerikanischen Volks&#13;
zu übermitteln.&#13;
Heute vor einem Jahr kamen die Bewohner Prags, erst&#13;
in kleinen Gruppen, dann zu Tausenden in einer kalten&#13;
Herbstnacht zusammen. In Gedanken an den Frühling vor 20 Jahren hatte die sanfte Revolution in ihren&#13;
Köpfen bereits begonnen. Die Revolution siegte, ohne&#13;
daß ein einziger Schuß fiel. Ihre Waffen waren all den&#13;
Waffen aus dem Arsenal des Staats überlegen. Angesichts der Gewalt haben Sie die Macht der Prinzipien&#13;
gegen eine Wand aus Lügen eingesetzt. Sie haben die&#13;
Wahrheit verbreitet. Mit Tausenden mutiger Taten&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
erhoben sich Tschechen und Slowaken mit einer Stimme. Ihre Botschaft: die Zeit ist reif, um in der&#13;
Tschechoslowakei wieder Freiheit einkehren zu lassen.&#13;
Ihre Revolution war auch eine Erneuerung, eine Erneuerung der tief verwurzelten Prinzipien, die mein&#13;
Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, mit ihrem&#13;
Land verbinden, Prinzipien, die in Ihrer Unabhängigkeitserklärung verankert sind, die 1918 in den Vereinigten Staaten von Ihrem ersten Präsidenten Tomas&#13;
Masaryk und dem stolzen slowakischen Patrioten Milan&#13;
Stefanik veröffentlicht wurde - Prinzipien, die von den&#13;
nachhaltigen Worten unseres Thomas Jefferson vor&#13;
mehr als zweihundert Jahren inspiriert waren.&#13;
In meiner Heimat wurden diese Prinzipien mit der&#13;
Verabschiedung unserer Verfassung und der Bill of&#13;
Rights in die Tat umgesetzt. Und ich habe gestern&#13;
abend auf unserem Flug von Washington nach Prag&#13;
Kopien davon mitgebracht, die Ihnen heute hier ausgehändigt wurden. In diesem historischen Augenblick,&#13;
da Sie über die Einführung Ihres eigenen föderalen&#13;
Systems und ihrer Bill of Rights beraten, biete ich Sie&#13;
Ihnen in Freundschaft an, für die gemeinsamen PrinSeite 1&#13;
&#13;
�zipien und Bande, die unseren Völkern seit langem&#13;
gemein sind.&#13;
&#13;
großangelegter Investitionen in die Zukunft einer freien Tschecholowakei sein.&#13;
&#13;
Generationen von Amerikanern, Tschechen und Slowaken haben diese gemeinsamen Bande in ihrem&#13;
Kampf gegen die Nazi-Diktatur bewiesen. Amerika hat&#13;
den Freiheitskampf der mutigen tschechischen und&#13;
slowakischen Partisanen unterstützt. In den langen&#13;
dunklen Jahrzehnten nach 1948 haben wir uns ebenso&#13;
wie Sie geweigert, die Teilung Europas zu akzeptieren.&#13;
Mit Radio Freies Europa und der Stimme Amerikas&#13;
haben wir das Ideal der Freiheit hochgehalten und eine&#13;
gemeinsame Sprache der Hoffnung gesprochen. Und&#13;
schließlich wurde der Zugriff der Diktatoren schwächer, und die Tschechoslowakei ergriff ihre Chance,&#13;
aufzustehen und ihr Recht als freies Volk und souveräne Nation einzufordern.&#13;
&#13;
Wir erwarten, daßder IWF als Reaktion auf die ernsten&#13;
Energieprobleme dieser Region auf unsere Anregung&#13;
hin 1991 Mittel-und Osteuropa bis zu 5 Milliarden&#13;
Dollar Kredite gewähren wird. Die Weltbank wird&#13;
darüber hinaus in den nächsten drei Jahren neun&#13;
Milliarden Dollar bereitstellen. Zusätzlich zu diesen&#13;
Wirtschaftsinitiativen wollen wir den freien und offenen&#13;
Austausch fördern, der unseren Völkern so viele Jahre&#13;
lang verwehrt worden ist.&#13;
&#13;
Ich freue mich, die Wiedereröffnung des amerikanischen Konsulats in Bratislava, in der slowakischen&#13;
Republik zu verkünden. Und erst gestern wurde ein&#13;
Platz für die Errichtung unseres neuen Kulturzentrums&#13;
in Prag gefunden. Unser neu geschaffener InternatioHeute teilen wir - beide Bürger frei gewählter Regierun- naler Medienfonds verspricht den freien und unabhängen - die Früchte unserer gemeinsamen Entschlos- gigen Medien Ihres Landes Know-how und Ermutisenheit. Europa, Ost und West, stehen an der Schwel- gung. Und ich bin dankbar, daß Ihre Regierung und&#13;
le einer neuen Ära, einer Ära von Frieden, Freiheit und das amerikanische Institut für Ost-West-SicherheitsSicherheit, die in der Geschichte diese Kontinents studien bald ein europäisches Studienzentrum eröffeinmalig ist. Heute geht die lange Teilung Europas zu nen werden, eine wichtige intellektuelle Partnerschaft&#13;
Ende. Heute ist die Tschechoslowakei endlich frei. Die zwischen Wissenschaftlern in Europa und Amerika.&#13;
Revolution in der Tschechoslowakei ist vorbei, aber&#13;
Ich möchte noch einmal betonen, daß Prag Sitz des&#13;
der Neuanfang findet gerade statt.&#13;
ständigen Sekretariats der Konferenz über Sicherheit&#13;
Ihre und unsere Arbeit ist noch nicht beendet. Ihre und Zusammenarbeit in Europa werden sollte. Ich bin&#13;
Nationen sehen sich ebenso wie Ihre Nachbarn im zuversichtlich, daß ich in Paris einhellige UnterstütNorden und im Süden mit der einmaligen Aufgabe zung für diese Initiative erhalten werde. Es ist nur recht&#13;
konfrontiert, auf den Ruinen des Totalitarismus eine und billig, daß diese Stadt, die einst an der Trennlinie&#13;
stabile demokratische Ordnung in einer wohlhaben- des kalten Kriegs und der damit einhergehenden Konflikte&#13;
den Marktwirtschaft zu errichten. Ich bin heute hier- lag und sich heute im Herzen des neuen und vereinten&#13;
hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß wir Ihnen in Europas befindet, eine zentrale Rolle spielt, da sich die&#13;
diesem entscheidenden Augenblick zur Seite stehen KSZE um den Ausbau der Freiheit in Europa bemüht.&#13;
&#13;
werden. Amerika wird hinter Ihnen stehen.&#13;
&#13;
Amerika ist bereit, der Tschecholowakei bei der Verwirklichung von Fortschritt und Wohlstand zu helfen,&#13;
die nunmehr greifbar nahe sind. Heute werden unsere&#13;
beiden Länder Abkommen schließen, die der Tschechoslowakei uneingeschränkten Zugang zu amerikanischen Märkten, amerikanischen Investitionen und&#13;
amerikanischer Technologie einräumen. Um die Kreativität und Dynamik des tschechoslowakischen Volkes&#13;
&#13;
Beim Pariser KSZE-Gipfel werden die Staaten Nordamerikas und Europas historische Dokumente unterzeichnen - einen Vertrag über einschneidende Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte in Europa,&#13;
eine KSZE-Gipfelerklärung, mit der die künftige Rolle&#13;
der KSZE bei der Überwindung der europäischen&#13;
Spaltung umrissen wird. Das Atlantische Bündnis, das&#13;
Fundament der europäischen Stabilität, hat sich&#13;
demselben Ziel verschrieben. Durch Zusammenarbeit&#13;
&#13;
zu fördern, werde ich den Kongreß auffordern, einen&#13;
&#13;
können wir das Ziel eines Europas verwirklichen, das&#13;
&#13;
tschechoslowakisch-amerikanischen Unternehmens- seiner demokratischen Bestimmung gerecht wird, eines&#13;
fonds im Umfang von 60 Millionen Dollar zu bewilligen. Europas, das wirklich ungeteilt und frei ist. Die Aussöhnung dieses Kontinents ist jedoch nur Teil einer&#13;
Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten, um umfassenderen Vision von unserer Welt, einer Vision,&#13;
beim Aufbau des Privatsektors zu helfen, wirtschaftli- die ich Sie bitte, mit mir zu teilen.&#13;
che Soforthilfe über die gegenwärtig an Mittel- und&#13;
Osteuropa für das nächste Jahr bewilligten 370 Millio- Ich möchte dabei auf Leben und Werk des Herrn&#13;
nen Dollar hinaus gewähren. Ferner begrüßen wir die zurückgreifen, der rechts hinter mir sitzt, nämlich&#13;
aktive Beteiligung des amerikanischen Privatsektors. Präsident Havel. Ich möchte darauf zurückgreifen, um&#13;
Und ich freue mich, daß Ihre Regierung gestern ein meinen Punkt zu verdeutlichen.&#13;
vielversprechendes Joint Venture über viele Millionen&#13;
Dollar mit Bell Atlantic und US West geschlossen hat, Vor einigen Jahren schrieb Präsident Havel über die&#13;
um das Kommunikationsnetz Ihres Landes zu moder- Besucher aus dem Westen, die anreisten, um Ihre&#13;
nisieren. Ich bin sicher, dies wird die erste vieler sogenannten "Dissidenten" zu besuchen und sie zu&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�fragen, wie sie deren Ziele am besten unterstützen&#13;
könnten. Er wunderte sich über diese Frage, er fragte&#13;
sich, warum die Besucher aus dem Westen nicht&#13;
erkannten, daß die Ziele dieser Dissidenten auch ihre&#13;
eigenen waren. Havel schrieb: Sind nicht meine&#13;
schwachen Aussichten, meine Hoffnungen auch seine&#13;
schwachen Aussichten und Hoffnungen? Ist nicht die&#13;
Zerstörung von Menschen in Prag eine Zerstörung&#13;
aller Menschen? Ist die Gleichgültigkeit gegenüber&#13;
den Geschehnissen hier nicht Vorbereitung für ebensolches Elend andernorts?"&#13;
&#13;
heit. Wir möchten die Sowjetunion ermutigen, ihre&#13;
Reformen voranzutreiben, so schwierig dieser Kurs&#13;
auch erscheinen mag. Unsere Gemeinschaft wird sie&#13;
bereitwillig aufnehmen und ihr helfen, wenn auch sie&#13;
sich diesem Staatenbund der Freiheit anschließen&#13;
möchte.&#13;
&#13;
Der Dissident, heute Präsident Havel, sprach damals&#13;
von einem gemeinsamen Schicksal, von einem sicheren Gefühl dafür, daß das Schicksal der gesamten&#13;
Menschheit miteinander verknüpft ist. Tschechen und&#13;
Slowaken verstehen diese Vision und diese Herausforderung. Innerhalb eines halben Jahrhunderts wurde Ihr Kampf um Freiheit nicht durch eine, sondern&#13;
durch zwei der grausamsten Diktaturen in der Geschichte geprägt. Sie wissen, was es heißt, unter&#13;
&#13;
Jede weitere Nation, die sich diesen gemeinsamen&#13;
Werten verschreibt, jedes weitere Land, das sich in&#13;
diesen Staatenbund der Freiheit einreiht, bringt uns&#13;
einen Schritt näher an eine neue Weltordnung heran,&#13;
eine Welt, in der der Einsatz von Gewalt durch die&#13;
gemeinsame Achtung des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit abgelöst wird. Diese neue Weltordnung wäre&#13;
ohne eine Vision, die über die Grenzen Europas hinausreicht, unvollständig. Heute, da die Einheit Europas in greifbare Nähe gerückt ist, ist nicht der Zeitpunkt, unsere Vision des Wandels auf diesen Kontinent zu beschränken. Die Prinzipien, von denen&#13;
unsere beiden Nationen geleitet werden, die Prinzipien, die in unseren Revolutionen lebendig sind, sind&#13;
&#13;
Regimen zu leben, deren Vision der Weltordnung&#13;
&#13;
nicht tschechisch oder slowakisch oder amerikanisch,&#13;
&#13;
keinen Platz für Freiheit enthält.&#13;
&#13;
diese Prinzipien sind universell und wurzeln in der&#13;
Liebe für Freiheit und Menschenrechte.&#13;
&#13;
Als Erben von Jan Hus, dessen Standbild nur ein paar&#13;
Straßen weiter errichtet wurde, als Landsleute von&#13;
Comenius, jenen Sohn Mährens, dessen Name Ihre&#13;
große Universität in Bratislava ziert, haben Sie stets&#13;
über den Tellerrand hinausgeblickt, um Ihre Position&#13;
aus universellen Prinzipien abzuleiten. Als kleine&#13;
Nationen, deren Existenz andauernder Bemühungen&#13;
bedarf, haben Sie stets verstanden, daß Ihre Zukunft&#13;
nicht nur auf Ihren eigenen heldenhaften Aktionen hier,&#13;
sondern auf den übergeordneten Prinzipien beruhen,&#13;
von denen die Welt, in der Sie leben, bestimmt wird.&#13;
Wir müssen erkennen, daß kein Volk, kein Kontinent&#13;
für sich allein sicher stehen kann. Unsere Schicksale,&#13;
unsere Zukunft sind miteinander verflochten. Und das&#13;
ist der Grund, warum Europas Freudenfest der Freiheit&#13;
nun, da die Demokratie ihre Macht bewiesen hat, neue&#13;
Verantwortung mit sich bringt.&#13;
Europa hat sowohl die Chance als auch die Herausforderung, mit uns gemeinsam die Führung zu übernehmen, mit uns zur Erlangung dieses gemeinsamen Ziels&#13;
eines neuen Staatenbunds der Freiheit zusammenzuarbeiten. Diese Bund beruht auf gemeinsamen&#13;
Prinzipien, auf vier Eckpfeilern, die unsere gemeinsamen Werte bilden: ein unerschütterlicher Glaube an&#13;
Würde und Rechte des Menschen, die Überzeugung,&#13;
daß eine gerechte Regierung ihre Macht vom Volke&#13;
ableitet, der Glaube, daß Männer und Frauen überall&#13;
frei sein müssen, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen&#13;
und daß das Verhalten der Staaten von Rechtsstaatlichkeit geprägt sein muß.&#13;
Die Vereinigten Staaten begrüßen die neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa in diesem Staatenbund der Freiheit, einer moralischen Gemeinschaft,&#13;
vereint durch ihr Engagement für die Ideale der Frei-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
Und heute, nach vier Jahrzehnten des Konflikts und&#13;
kalten Krieges treten wir in ein Zeitalter wahrhaft&#13;
großartiger Aussichten ein. Trotzdem wird unsere&#13;
Freiheit, die Freiheit der Menschen überall, weiterhin&#13;
von Regimen bedroht, denen Menschenrechte und&#13;
Rechtsstaatlichkeit nichts bedeuten. Und deshalb ist&#13;
unsere Antwort auf die Herausforderung am Persischen Golf von solch entscheidender Bedeutung. Die&#13;
gegenwärtige Krise ist eine Warnung an die Vereinigten Staaten und Europa, daß wir uns nicht nach innen&#13;
wenden und vom Weltgeschehen isolieren können.&#13;
Die brutale Aggression des Irak gegen Kuwait bringt&#13;
uns rüde in Erinnerung, daß niemand in Sicherheit&#13;
leben kann, wenn Aggressionen nicht eingedämmt&#13;
werden.&#13;
Ich fühle es in meinem Herzen, daß keine Völker&#13;
besser verstehen können, was am Golf auf dem Spiel&#13;
steht als Tschechen und Slowaken. Aus eigener&#13;
bitterer Erfahrung wissen Sie, daß die Welt ihre Augen&#13;
vor Aggressionen nicht verschließen darf. Sie wissen&#13;
um die Sinnlosigkeit und die vergebliche Hoffnung&#13;
einer Beschwichtigungspolitik gegenüber Aggressoren. Sie kennen die tragischen Folgen, wenn sich&#13;
Nationen angesichts von Aggressionen einreden wollen, dies gehe sie nichts an, es handele sich nur um&#13;
einen Streit in einem weit entfernten Land, zwischen&#13;
Menschen, von denen wir nichts wissen.&#13;
Auch wir Amerikaner haben gelernt. Wir kennen den&#13;
Preis, den unser Isolationismus nach dem Ersten&#13;
Weltkrieg uns selbst und ganz Europa abgefordert hat.&#13;
Wir wissen, daß die Vereinigten Staaten der Versuchung widerstehen müssen, unser Werk als vollendet&#13;
zu betrachten. Wir müssen dem widerstehen, und wir&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�müssen uns weiterhin für die Sache der Freiheit in der heute besonders stolz darauf, mit der TschechoslowaWelt engagieren.&#13;
kei zusammen dieses Jahr der Freiheit zu feiern. Ich&#13;
beglückwünsche Sie zu Ihrem Mut und Ihrer Vision, zu&#13;
Und zunehmend demonstriert auch die Sowjetunion allem, was Sie durchgestanden haben und zu allem,&#13;
ihr Engagement, als konstruktive Kraft für die interna- was zu erlangen Ihnen bestimmt war.&#13;
tionale Stabilität zu wirken. Zunehmend funktionieren&#13;
die Vereinten Nationen so, wie ihre Gründer beabsich- Und ich fordere Sie auf, da Sie Ihren rechtmäßigen&#13;
tigten, frei von ideologischen Konfrontationen, mit denen Platz in der Mitte Europas einnehmen, über die Grengemeinsame Maßnahmen vereitelt und die friedenssi- zen dieses Kontinents hinauszublicken und sich mit&#13;
chernde Funktion dieses Gremiums zur Untätigkeit Ihren Nachbarn in Europa und Nordamerika zusamverurteilt wurde.&#13;
menzuschließen, um einen wahren Bund der Freiheit&#13;
aufzubauen, damit der von Ihnen angestrebte Frieden&#13;
Diese erste Krise im Zeitalter nach dem kalten Krieg und Wohlstand, der von uns allen geteilte Frieden und&#13;
birgt in sich eine historische Chance, die Chance, aus Wohlstand, der Frieden und der Wohlstand der geder großen und wachsenden Stärke des Bundes der samten Menschheit sein wird.&#13;
Freiheit zu schöpfen und für alle Nationen eine neue&#13;
Weltordnung zu schaffen, die bei weitem stabiler und Ich danken Ihnen nochmals für diese herzliche Begrüsicherer ist als alle, die wir bisher kannten. Ich bin ßung. Gott segne das Volk der Tschechoslowakei.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�GOLFKRISE&#13;
21. November 1990&#13;
&#13;
BAKER SIEHT BREITE UNTERSTÜTZUNG&#13;
FÜR BUSHS GOLFPOLITIK&#13;
Pressekonferenz des Außenministers&#13;
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus erklärte Außenminister Baker am 14.&#13;
November 1990, daß "sich die von Präsident Bush in der Golfregion verfolgte Politik immer noch breiter&#13;
Unterstützung durch das amerikanische Volk und den Kongreß erfreut". Darüber hinaus verwies Baker auch&#13;
auf die breite Unterstützung für Bushs Politik durch die internationale Koalition, die bei der Abschreckung der&#13;
irakischen Aggression am Golf zusammenarbeitet.&#13;
"Es besteht vollständige Übereinstimmung, daß wir unsere Geschlossenheit bewahren sollten", erklärte Baker.&#13;
"Wir sind uns einig, daß uns Erfolg beschieden sein muß. Es bestehen unterschiedliche Ansichten darüber, wie&#13;
dieser Erfolg erzielt werden sollte, aber wir müssen bei der uneingeschränkten Durchführung der Resolutionen&#13;
des UN-Sicherheitsrats Erfolg haben", die als Reaktion auf die irakische Aggression in Kuwait verabschiedet&#13;
wurden.&#13;
Im Hinblick auf die bevorstehende Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) erklärte&#13;
Baker, "die Zusammenkunft in Paris verkörpert in einem Mikrokosmos das neue Europa, das noch im Enstehen&#13;
&#13;
begriffen ist - seine jeweiligen Akteure, Institutionen und Anliegen. ... Wir sind sicher, daß die politische und&#13;
institutionelle Stärkung dieser Organisation in Paris den Tag beschleunigen wird, an dem alle Völker Europas&#13;
ihren lang gehegten Traum von Menschenrechten, politischer Freiheit, Wohlstand und Frieden verwirklichen&#13;
werden."&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminsiter Baker im Wortlaut.&#13;
&#13;
Meine Damen und Herren, ich weiß, daß Sie Fragen&#13;
bezüglich der Lage am Golf und der gerade beendeten&#13;
Sitzung mit der Führung des Kongresses haben. Ich&#13;
werde diese Fragen gerne beantworten. Zunächst&#13;
möchte ich jedoch über die bevorstehende Reise des&#13;
Präsidenten sprechen und einige Anmerkungen dazu&#13;
machen.&#13;
Der Präsident wird an dem vom 19. - 21. November&#13;
1990 in Paris anberaumten Gipfeltreffen teilnehmen.&#13;
Er und seine Amtskollegen aus Europa, der Sowjetunion und Kanada kommen zusammen, um ein neues&#13;
Zeitalter der europäischen Beziehungen einzuläuten.&#13;
In Paris wird der Präsident drei Dokumente von weitreichender Bedeutung für die Zukunft Europas unterzeichnen, die dazu beitragen werden, die Errungenschaften des vergangenen dramatischen Jahres im&#13;
Bereich von Sicherheit und Menschenrechten zu&#13;
konsolidieren.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
Erstens werden der Präsident und die Staats- und&#13;
Regierungschefs von NATO und Warschauer Pakt&#13;
einen Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa unterzeichnen - den ersten Vertrag über konventionelle Rüstungen der Nachkriegszeit. Die Vereinigten&#13;
Staaten haben den Abschluß eines Abkommens über&#13;
konventionelle Rüstungen zur Bedingung für ihre Teilnahme an diesem Pariser Gipfeltreffen gemacht, weil&#13;
wir ihn als unabdingbare Grundlage für erweiterte&#13;
europäische Zusammenarbeit erachten. Die Durchführung des Vertrags wird die Schaffung einer stabileren und rechtmäßigen politischen und militärischen&#13;
Ordnung in Europa beschleunigen.&#13;
Zweitens wird der Präsident eine Nichtangriffserklärung zwischen den Mitgliedstaaten der NATO und des&#13;
Warschauer Pakts unterzeichnen, mit der sozusagen&#13;
das Kriegsbeil des kalten Kriegs begraben wird. Mit&#13;
dieser Erklärung wird eine bedeutende Initiative des&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�NATO-Gipfeltreffens vom vergangenen Sommer in&#13;
die Praxis umgesetzt und die Anpassungsfähigkeit&#13;
des Bündnisses an die veränderten Gegebenheiten&#13;
unter Beweis gestellt.&#13;
Drittens werden der Präsident und die Staats- und&#13;
Regierungschefs der Signatarstaaten der Schlußakte&#13;
von Helsinki ein Dokument über die Zukunft der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa&#13;
- KSZE - verabschieden. Paris steht als Symbol für das&#13;
zweite Gipfeltreffen in der Geschichte der KSZE und&#13;
ist in der Tat ein Meilenstein für den KSZE-Proze ß. Mit&#13;
diesem Dokument soH dieser Prozeß so gestärkt werden,&#13;
daß er die Arbeit der NATO und der Europäischen&#13;
Gemeinschaft weiter untermauert.&#13;
Die Zusammenkunft in Paris verkörpert in einem Mikrokosmos das neue Europa, das noch im Enstehen&#13;
begriffen ist - seine jeweiligen Akteure, Institutionen&#13;
und Anliegen. Es ist eine transatlantische Konstellation von Politikern, die etablierte Demokratien vertreten, ein vereinigtes Deutschland, die neu enstehenden&#13;
Demokratien Mittel- und Osteuropas und natürlich die&#13;
reformwillige Sowjetunion.&#13;
Zum ersten Mal seit 40 Jahren wird Europa zusammenkommen und ohne die künstliche, Fortschritt&#13;
hemmende Trennung zwischen Ost und West diskutieren und planen. Zum ersten Mal in der Geschichte&#13;
des KSZE-Prozesses werden alle KSZE-Mitgliedstaaten von der vereinbarten Grundlage demokratischer&#13;
und marktorientierter Prinzipien ausgehen. In den&#13;
letzten Jahrzehnten des kalten Kriegs war die KSZE&#13;
die Triebfeder dafür, den Austausch von Menschen,&#13;
Gedanken und Informationen zwischen Ost und West&#13;
zu erleichtern.&#13;
In dieser Zeit nach dem kalten Krieg verköpert die&#13;
KSZE den gemeinsamen Boden, auf dem die Nationen&#13;
Europas sowie Kanada und die Vereinigten Staaten&#13;
zusammenkommen können, um Menschenrechte,&#13;
militärische Sicherheit sowie wirtschaftliche, umweltpolitische und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu&#13;
fördern. Auf der Grundlage der von der NATO beim&#13;
Londoner Gipfeltreffen im Sommer dieses Jahres&#13;
unterbreiteten Vorschläge wird das Pariser Dokument&#13;
hochrangige politische Konsultationen der KSZE-Mitgliedstaaten institutionalisieren, die Signatarstaaten&#13;
zu regelmäßigen Folgekonferenzen alle zwei Jahre&#13;
verpflichten, das erste Ständige Sekretariat der KSZE&#13;
mit Sitz in Prag gründen, das Austauschprogramme&#13;
auf hoher politischer Ebene erleichtern soll, ein zumindest für den Anfang in Wien angesiedeltes Konflikverhütungszentrum ins Leben rufen, das militärische&#13;
Berechenbarkeit, Transparenz und Vertrauen fördern&#13;
und die Beilegung von Differenzen erleichtern soll und&#13;
schließlich ein Büro für freie Wahlen gründen, das die&#13;
Wahlbeobachtung und das generelle Vorgehen beim&#13;
Aufbau demokratischer Institutionen vereinfachen soll.&#13;
Während wir diese Organisation in der obengenannten&#13;
Art und Weise politisch und institutionell stärken, len-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
ken wir den KSZE-Prozeß erneut auf die Förderung&#13;
grundlegender Freiheiten. In den Jahren, in denen die&#13;
Aussichten für ein ungeteiltes und freies Europa in der&#13;
Tat düster waren, war die KSZE ein Symbol der&#13;
Hoffnung für die Menschen hinter der Berliner Mauer.&#13;
In diesen ereignisreichen Zeiten eröffnet die KSZE&#13;
neue Möglichkeiten für eine Zukunft von Demokratie&#13;
und Zusammenarbeit. Wir sind sicher, daß die politische und institutionelle Stärkung dieser Organisation&#13;
in Paris den Tag beschleunigen wird, an dem alle&#13;
Völker Europas ihren lang gehegten Traum von Menschenrechten, politischer Freiheit, Wohlstand und&#13;
Frieden verwirklichen werden.&#13;
Frage: Herr Außenminister, ist der Präsident besorgt&#13;
über die bröckelnde Unterstützung seines Unternehmens am Golf im Kongreß und seitens des amerikanischen Volkes? Und warum hält er sich nicht an die&#13;
Verfassung, die...&#13;
Antwort: Natürlich hält er sich an die Verfassung. Es&#13;
besteht keine FrageFrage: Aber er hat sich heute nicht festgelegt.&#13;
Antwort: Diesbezüglich. Das hängt davon ab, was&#13;
die Verfassung vorschreibt und er wird...&#13;
Frage: Sie schreibt keine Konsultationen sondern&#13;
eine Erklärung vor.&#13;
Antwort: Er wird sich in der Tat an die Verfassung&#13;
halten und meine Antwort lautet, Nein, ich glaube nicht,&#13;
daß er besorgt ist. Meines Erachtens erfreut sich die&#13;
von Präsident Bush in der Golfregion verfolgte Politik&#13;
immer noch breiter Unterstützung durch das amerikanische Volk und den Kongreß. Ich möchte auch auf die&#13;
breite Unterstützung für Bushs Politik durch die internationale Koalition verweisen. Es besteht vollständige&#13;
Übereinstimmung, da ß wir weiterhin unsere Geschlossenheit bewahren sollten.&#13;
Wir sind uns einig, daß uns Erfolg beschieden sein&#13;
muß. Es bestehen unterschiedliche Ansichten darüber, wie dieser Erfolg erzielt werden sollte, aber wir&#13;
müssen bei der uneingeschränkten Durchführung der&#13;
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats Erfolg haben Erfolg in dem Sinne, daß wir keine Teillösungen akzeptieren.&#13;
Frage: Herr Außenminister, der Präsident hat heute&#13;
sowohl selbst als auch über seinen Sprecher versucht,&#13;
die Befürchtungen des Kongresses bezüglich weiterer&#13;
Truppenentsendungen nach Saudi-Arabien mit den&#13;
Worten zu zerstreuen, daß unsere Politik nach wie vor&#13;
im Einklang mit den UN-Resolutionen zu Sanktionen&#13;
steht. Unterminiert die bloße Tatsache, daß solche&#13;
Versicherungen abgegeben werden, nicht die Glaubwürdigkeit der militärischen Option, die der Präsident&#13;
zu beweisen versucht?&#13;
Antwort: Keineswegs. Wie ich im Laufe meiner Reise&#13;
in der vergangenen Woche versucht habe zu erklären,&#13;
können wir die Option der Anwendung von Gewalt&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�nicht ausschließen, und es ist daher wichtig, die entscheidende politische und militärische Basis für diese&#13;
Option zu schaffen. Das heißt nicht, daß diese Vorgehensweise oder Option gewählt wurde. Aber wenn die&#13;
Option tatsächlich glaubwürdig sein soll, müssen wir&#13;
eine angemessene Basis dafür schaffen. Genau&#13;
darum bemühen wir uns im Augenblick.&#13;
Frage: Was wird für die politische Seite dieser Basis&#13;
erforderlich sein, Herr Außenminister? Wird dazu eine&#13;
Debatte und eine Abstimmung im Kongreß erforderlich?&#13;
Antwort: Die politische Seite wird insbesondere deutlich&#13;
in der einmaligen Unterstützung durch die Vereinten&#13;
Nationen und die Koalition, die es sich zum Ziel gesetzt&#13;
haben, die Durchführung der Resolutionen zu verwirklichen. Die Frage einer gestern hier vorgeschlagenen&#13;
Sondersitzung des Kongresses wurde auf höchster&#13;
Ebene erörtert, und es bestand allgemeine Übereinstimmung zwischen der Exekutive und Legislative,&#13;
daß die Zeit dafür noch nicht reif ist. Dazu werden also&#13;
wie am heutigen Tag noch weitere Konsultationen&#13;
stattfinden.&#13;
Frage: Herr Außenminister, können Sie zum Arabischen Gipfel Stellung nehmen? Sind Sie dagegen?&#13;
Antwort: Wir sind für alle diplomatischen Ansätze, die&#13;
zu einer politischen und friedlichen Lösung dieses&#13;
Problems führen. Aber wir sind nicht für diplomatische&#13;
oder politische Ansätze, die Teillösungen fordern. Wenn&#13;
also der Vorwurf laut wird, wir würden die diplomatischen Aspekte dieses Problems nicht hervorheben,&#13;
weisen wir ihn zurück. Letzte Woche waren es acht&#13;
Tage - es scheint mir erst gestern gewesen zu sein -,&#13;
seitdem wir diplomatische Ansätze betont haben. Aber&#13;
eins werden wir nicht unterschreiben und nicht akzeptieren, und das sind diplomatische Ansätze, die zu&#13;
Teillösungen führen würden.&#13;
Frage: Nochmals zum Gipfel - meine Frage lautete, ob&#13;
die Vereinigten Staaten einen Arabischen Gipfel befürworten oder dagegen sind?&#13;
Antwort: Ich habe bereits erklärt, daß wir bereit sind,&#13;
alle diplomatischen Bestrebungen zur Lösung dieses&#13;
Problems zu unterstützen, die keine Teillösungen fordern und auch nicht dazu führen. Wir können Teillösungen nicht akzeptieren.&#13;
Frage: Herr Außenminister, Senator Mitchell hat&#13;
darauf verwiesen, seiner Ansicht nach sei es klar, daß&#13;
der Präsident kraft der Verfassung verpflichtet ist, die&#13;
Genehmigung des Kongresses einzuholen, bevor er&#13;
eine militärische Offensive anordnet. Sie haben erklärt, der Präsident gedenke die Verfassung zu befolgen. Würden Sie uns erklären, was Sie meinen, wenn&#13;
Sie von der Verpflichtung der Regierung sprechen, im&#13;
Falle einer militärischen Offensive den Kongreß zu&#13;
konsultieren? Woran denken Sie dabei?&#13;
Antwort: Was dieses Thema angeht, so sollten Sie&#13;
keine Hypothesen aufstellen. Der Präsident vertritt&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
ganz klar die Auffassung - wie frühere Präsidenten&#13;
auch -, daß er eindeutig die Verpflichtung hat, amerikanische Bürger zu schützen. Und es gibt viele&#13;
Umstände und Situationen, in denen Anschläge auf&#13;
US-Bürger verübt oder amerikanische Interessen verletzt&#13;
werden könnten, wo eine unmittelbare und substantielle Reaktion erforderlich ist. Die Verfassung sieht vor,&#13;
daß der Kongreß den Krieg erklärt, und dies ist eine&#13;
Bestimmung der Verfassung, von der ich weiß, daß&#13;
der Präsident und die Exekutive sie respektieren.&#13;
Beantwortet das Ihre Frage?&#13;
Frage: Nein, eigentlich nicht. Ich möchte nicht von&#13;
Ihnen wissen, welche Absichten Sie in jedem einzelnen Moment verfolgen. Aber es könnte doch sein, daß&#13;
die Zeit verstrichen ist, wo Sanktionen etwas bewirken&#13;
können und die Zeit gekommen sein könnte, eine&#13;
Offensive zu starten - das hat der Präsident selbst&#13;
gesagt, als er die Aufstockung der Streitkräfte ankündigte, darauf hat sich Senator Mitchell bezogen und&#13;
darauf zielte auch meine Frage ab.&#13;
Antwort: Das ist rein hypothetisch und deshalb werde&#13;
ich darauf nicht eingehen. Ich habe erklärt, wir wollen&#13;
eine Basis schaffen, die uns in die Lage versetzt, eine&#13;
glaubwürdige Option zur Anwendung von Gewalt zu&#13;
haben. Aber das ist etwas anderes, als wenn man&#13;
sagt, der Präsident hat die Entscheidung in diese&#13;
Richtung getroffen.&#13;
Wir möchten, daß hier ein ganz klares und unmißverständliches Signal gesetzt wird. Wenn der Präsident&#13;
erklärt, er kann diese Option nicht ausschließen, werden wir die Option nicht nur nicht ausgeschlossen,&#13;
sondern als glaubwürdige Option in der Hinterhand&#13;
haben.&#13;
Frage: Herr Außenminister, es ist hier und im ganzen&#13;
Land bekannt, daß der Präsident das Recht hat,&#13;
amerikanische Menschenleben in Notsituationen zu&#13;
verteidigen. Wollen Sie sagen, daß Sie in allen anderen Fällen die Zustimmung des Kongresses einholen&#13;
würden...?&#13;
Antwort: Nein, das will ich nicht damit sagen. Ich will&#13;
lediglich damit ausdrücken, daß ich nicht mitspiele,&#13;
wenn es darum geht, was unter bestimmten hypothetischen Umständen passieren könnte. Wir sind noch&#13;
nicht soweit. Aber im Hinblick auf dieses Problem&#13;
wissen Sie - und wir sollten offen und ehrlich darüber&#13;
reden, wie wir es soeben im Kabinett getan haben -,&#13;
daß eine echte und aussagekräftige Debatte zwischen&#13;
Exekutive und Legislative dieser Regierung stattfindet.&#13;
Das ist seit einiger Zeit der Fall, etwa darüber, ob das&#13;
War Powers Act verfassungsmäßig ist oder nicht.&#13;
Unserer Ansicht nach enthält es Bestimmungen, die&#13;
eindeutig verfassungswidrig sind.&#13;
Aber eine der Gesetzesbestimmungen sieht interessanterweise vor, daß der Präsident für einen Zeitraum&#13;
von 90 Tagen Truppen aufstellen kann. Und meiner&#13;
Ansicht nach könnte man das Argument anführen was ich nicht tun werde -, daß der Kongreß, zumindest&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�bei der Verabschiedung des Gesetzes den Präsidenten ermächtigt hat, lediglich 90 Tage lang zu handeln.&#13;
Es gibt in diesem Gesetz viele Dinge, die wir nicht&#13;
akzeptieren können und für verfassungswidrig halten.&#13;
Frage: Dieser 90-Tage-Bestimmung zufolge muß&#13;
jedoch garantiert sein, daß diese Menschen nicht&#13;
unmittelbar in Gefahr sind. Ist das richtig?&#13;
Antwort: Nein, das trifft nicht zu.&#13;
Frage: Herr Außenminister, Jesse Helms hat heute&#13;
erklärt, Saddam Hussein müßte vor Freude Purzelbäume schlagen über die Debatte hier in diesem Land,&#13;
ob der Präsident um vorherige Zustimmung für eine&#13;
Kriegserklärung ersuchen muß. Hat Ihrer Ansicht&#13;
nach die Debatte der letzten Tage Uneinigkeit hervorgebracht und den Präsidenten ins Abseits gedrängt?&#13;
Antwort: Meiner Ansicht nach tragen Exekutive und&#13;
Legislative gemeinsam die Verantwortung, im Namen&#13;
der Nation, des amerikanischen Volkes und der bereits&#13;
entsandten Streitkräfte keine mißverständlichen Signale auszusenden. Und darüber bestand heute&#13;
Übereinstimmung beim Treffen der Parteiführungen.&#13;
Frage: Denken Sie denn, daß mißverständliche Signale ausgesandt wurden?&#13;
Antwort: Ich hoffe nicht. Ich denke auch nicht, daß sie&#13;
nach diesem Treffen so gedeutet werden. Das ist&#13;
meine Auffassung. Aber jemand hat einmal gesagt,&#13;
daß Demokratie manchmal ein Durcheinander sein&#13;
kann. Und das stimmt wohl.&#13;
Und meiner Ansicht nach ist es in Situationen wie&#13;
dieser unter Umständen einfacher, als Diktator handeln zu können. Aber wir sollten in diesem Land&#13;
demokratische Debatten führen, insbesondere bei so&#13;
grundsätzlichen Fragen wie den gegenwärtig anstehenden. Im Laufe dieser Debatte sollten wir jedoch&#13;
alles in unserer Macht Stehende tun, um ein kontinuierliches und unmißverständliches Signal auszusenden.&#13;
Frage: Herr Außenminister, wie wollen Sie diese&#13;
Politik neu beleben und verwirklichen? Ich stelle diese&#13;
Frage, weil die Umfragen geringere Unterstützung&#13;
zeigen, je mehr die Möglichkeit der Anwendung von&#13;
Gewalt in Betracht gezogen wird.&#13;
&#13;
Antwort: Meiner Ansicht nach kann man nicht auf der&#13;
Basis von Meinungsumfragen agieren - wenn ich das&#13;
sagen darf.&#13;
Frage: Ich gehe davon aus - Ihre Reise hat es gezeigt&#13;
und Sie haben uns letzte Woche in Paris erklärt, daß&#13;
innerhalb der Koalition die Meinungen geteilt sind, wie&#13;
gut die Sanktionen schon gegriffen haben, auch darüber, wann und wie Sie entscheiden könnten, daß sie&#13;
versagt haben und die Option der Gewaltanwendung&#13;
zum Zuge käme. Offensichtlich bestehen immer noch&#13;
Meinungsverschiedenheiten über eine UN-Resolution.&#13;
Wie sehen Sie Ihre nächsten Schritte zur Lösung&#13;
dieses Problems?&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Antwort: In kontinuierlichen und eingehenden Konsultationen mit Mitgliedern unserer Koalition wie auch&#13;
mit Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats. Und ich freue&#13;
mich, dies am Samstag und Sonntag in Europa fortsetzen zu können. Ich möchte insbesondere die Gelegenheit wahrnehmen, mit meinen Amtskollegen aus&#13;
Zaire, Cöte d'lvoire und Äthiopien zu sprechen, die&#13;
gegenwärtig im Sicherheitsrat vertreten sind. Ich habe&#13;
im Laufe meiner Reise bereits darauf verwiesen, daß&#13;
wir nach einer Woche oder zehn Tagen imstande sein&#13;
werden, Ihnen bessere Prognosen zu geben.&#13;
Frage: Herr Minister, greifen die Sanktionen?&#13;
Antwort: Ja. Die Sanktionen greifen. Die eigentliche&#13;
Frage lautet jedoch, funktionieren sie im Hinblick auf&#13;
das Ziel, so daß wir die Sicherheit hätten, die Ziele der&#13;
UN-Resolutionen zu verwirklichen? Ich glaube nicht,&#13;
daß wir heute mit Sicherheit davon ausgehen können.&#13;
Wir wissen, daß sie zu greifen beginnen, insbesondere in bestimmten Bereichen. Wir wissen, daß wir ihre&#13;
Ölexporte abgeschnitten und finanzielle Transaktionen des Irak in der ganzen Welt unterbunden haben.&#13;
Wir wissen, daß der Strom von Einkünften im Grunde&#13;
versiegt ist und daß größtenteils auch die Importe,&#13;
wenn nicht vollständig unterbrochen, so doch erheblich reduziert wurden. Das heißt jedoch nicht, daß er&#13;
bereit ist, sich bedingungslos aus Kuwait zurückzuziehen, was ja der Hauptzweck der Sanktionen ist.&#13;
Frage: Der Präsident versichert jetzt der Führung des&#13;
Kongresses, daß er funktionierende Sanktionen möchte, und meine Frage lautet nun: Betrachtet man die&#13;
erwiesene Fähigkeit Saddam Husseins, sich über diese&#13;
Sanktionen hinwegzusetzen, gehen Sie und die&#13;
Administration dann im Grunde davon aus, daß sie&#13;
greifen können?&#13;
Antwort: Während meiner Reise habe ich festgestellt,&#13;
daß seitens unserer Koalitionspartner unterschiedliche Meinungen über die korrekte Antwort auf Ihre&#13;
Frage bestehen. Meines Erachtens läßt sich heute&#13;
nicht mit absoluter Sicherheit sagen, daß sie funktionieren werden, aber man kann auch nicht das Gegenteil behaupten. Das ist einfach nicht möglich. Und&#13;
wenn ich "funktionieren" sage, dann meine ich die&#13;
vollständige Verwirklichung der UN-Resolutionen.&#13;
Frage: Der Präsident ist mit seiner öffentlichen Ankündigung, er ziehe offensive Operationen zur Durchführung der UN-Sanktionen in Erwägung, politische&#13;
Risiken eingegangen. Kennen Sie, vielleicht abgesehen von Großbritannien, irgendwelche anderen Koalitionspartner, die öffentlich erklären konnten, daß sie&#13;
bereit sind, das Leben ihrer Männer und Frauen aufs&#13;
Spiel zu setzen, um Krieg gegen den Irak zu führen und&#13;
ihn dadurch aus Kuwait zu vertreiben?&#13;
Antwort: Von öffentlichen Ankündigungen weiß ich&#13;
nichts. Ich weiß, daß es...&#13;
Frage: Wenn nicht, warum nicht?&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�Antwort: Nochmals: Ich möchte keine Spekulationen&#13;
über die mögliche Anwendung von Gewalt anstellen.&#13;
Ich habe bereits alles zu diesem Thema gesagt. Da wir&#13;
sie nicht als Option ausschließen können, möchten wir&#13;
zumindest in der Lage sein, sie als glaubwürdige&#13;
Option zu haben. Das ist wirklich alles, was ich zu&#13;
diesem Thema sagen kann.&#13;
&#13;
Antwort: Das hängt vielleicht mit der politischen Lage&#13;
in einer Vielzahl verschiedener Länderzusammen. Ich&#13;
wollte jedoch sagen, daß ich weiß, daß eine Reihe&#13;
unserer Koalitionspartner uns Zusicherungen in dieser&#13;
Hinsicht gegeben haben.&#13;
Frage: Aber Herr Minister, das sind private Zusicherungen, und private Zusicherungen sind nicht so riskant und können nicht so für bare Münze genommen&#13;
werden wie öffentliche Zusicherungen. Auf unserer&#13;
Reise konnten wir nicht viele öffentliche Zusicherungen erkennen, und das sind doch die einzigen, die&#13;
offene Verpflichtungen mit einschlägigen politischen&#13;
Risiken darstellen.&#13;
&#13;
Frage: Herr Minister, Sie haben vom War Powers Act&#13;
gesprochen. Entspricht es der Haltung der Administration, daß die 90 Tage erst dann beginnen würden,&#13;
nachdem Truppen wirklich in Kampfhandlungen verwickelt werden und nicht nur Stellungen bezogen&#13;
haben?&#13;
&#13;
Antwort: Aber wir haben öffentliche Aktionen erlebt,&#13;
wenn ich so sagen darf, und zwar seitens anderer&#13;
Koalitionspartner außer Großbritannien, Aktionen in&#13;
Form von Truppenentsendungen zur Unterstützung&#13;
der multinationalen Bemühungen - Land-, Luft- und&#13;
Seestreitkräfte.&#13;
&#13;
Antwort: Nein. Das ist nicht der Punkt, auf den ich&#13;
hinauswollte. Sehen Sie sich noch einmal an, was ich&#13;
gesagt habe. Sie werden sicherlich feststellen, daß ich&#13;
erklärt habe, dieses Gesetz sei etwas, mit dem wir&#13;
nicht übereinstimmen. Ich habe es nur als Beispiel für&#13;
einen Fall verwendet, in dem der Kongreß nicht im&#13;
voraus Maßnahmen ergriffen hat. Ich spiele also in&#13;
keiner Weise auf den von Ihnen genannten Punkt an.&#13;
&#13;
Frage: Darf ich dazu noch eine Frage stellen? Herr&#13;
Minister, der Präsident wird sich mit den arabischen&#13;
Staatschefs treffen. Gehen Sie davon aus, daß er mit&#13;
den arabischen Staatschefs über die Möglichkeit eines&#13;
Krieges sprechen und dies seine Entscheidung beeinflussen wird?&#13;
&#13;
Frage: Dazu eine Zusatzfrage, Herr Minister. Bei der&#13;
bereits erfolgten Verlegung von Truppen nach dort&#13;
sind diese 90 Tage bereits verstrichen, und es scheint&#13;
nicht...&#13;
&#13;
Antwort: Er wird sich während seines Aufenthalts in&#13;
der Region mit mindestens zwei unserer wichtigsten&#13;
Koalitionspartner treffen - Saudi-Arabien und Ägypten&#13;
&#13;
Antwort: Auf einige trifft das zu, und dem Gesetz&#13;
zufolge vielleicht auf alle. Ich möchte aber wiederholen, daß unserer Meinung nach das Gesetz verfassungswidrigist. Wir haben damit große Probleme. Ich&#13;
habe es Ihnen gegenüber zu einem völlig anderen&#13;
Zweck erwähnt.&#13;
&#13;
- und unsere Konsultationen mit ihnen fortsetzen.&#13;
&#13;
Frage: Wenn man davon ausgeht, daß Sie den&#13;
Wunsch hatten, eine politische Grundlage für den&#13;
möglichen Einsatz von Gewalt zu schaffen, warum&#13;
wurde dann beschlossen, daß zum jetzigen Zeitpunkt&#13;
keine Sondersitzung erforderlich ist? Wäre es nicht&#13;
nützlich, eine Entschließung des Kongresses zu haben, mit der die Handlungsfähigkeit des Präsidenten&#13;
unterstützt wird?&#13;
&#13;
Frage: Herr Minister, viele Menschen sind besorgt&#13;
darüber, daß ein Krieg dort Tausende amerikanischer&#13;
Menschenleben kosten wird und daß wir, selbst wenn&#13;
der Krieg vorbei und Saddam geschädigt ist, andere&#13;
Probleme schaffen werden. Wir werden eine destabilisierte Region und die Lage wirklich kaum verbessert&#13;
haben. Ist diese Befürchtung übertrieben?&#13;
&#13;
Antwort: Die Führung hat keine Sondersitzung vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde von einzelnen&#13;
Senatoren gemacht. Bei dem vor wenigen Minuten&#13;
beendeten überparteilichen Treffen der Führung herrschte auf Seiten der Teilnehmer aus der Legislative allgemeiner Konsens, daß dies zur Zeit nicht angebracht&#13;
wäre. Wir sollten die Konsultationen fortsetzen, und&#13;
das werden wir auch tun.&#13;
&#13;
Antwort: Ich möchte dazu erklären, daß meines&#13;
Erachtens die Region heute bereits ziemlich destabilisiert ist, wenn Ereignisse möglich sind, wie das was&#13;
Kuwait soeben widerfahren ist. Wenn es eine Militärmacht wie den Irak mit seiner im Vergleich zu den&#13;
Nachbarstaaten völlig unverhältnismäßigen militärischen Fähigkeit gibt, wenn man sich über das Ausmaß&#13;
seiner chemischen Fähigkeit bewußt ist und auch der&#13;
kurzfristigen Wahrscheinlichkeit, daß er Fähigkeiten&#13;
zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen entwickeln wird, die noch schrecklicher sind.&#13;
&#13;
Frage: Sind Sie der Meinung, daß der Präsident, sollte&#13;
er handeln müssen, die notwendige Unterstützung&#13;
hat, zumindest bis er die Mitglieder des Kongresses&#13;
konsultieren kann? Mit anderen Worten: ist seine&#13;
Unterstützung breit und eingehend genug, um einseitig Maßnahmen zu ergreifen?&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�GATT&#13;
21. November 1990&#13;
&#13;
USA: EG MUSS BEI FEHLSCHLAG DER GATT-RUNDE&#13;
HOHEN PREIS ZAHLEN&#13;
Pressekonferenz von Landwirtschaftsminister Yeutter und&#13;
der US-Handelsbeauftragten Hills&#13;
BONN -(AD) - Den Vereinigten Staaten zufolge wird die Europäische Gemeinschaft - sowohl politisch als auch&#13;
wirtschaftlich - einen sehr hohen Preis zahlen müssen, wenn die Uruguay-Runde der Gespräche über den&#13;
Welthandel erfolglos bleibt, weil die Gemeinschaft keine weitreichenden Reformen in der Agrarhandelspolitik&#13;
akzeptiert.&#13;
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am 14. November 1990 in Bonn wiesen die US-Handelsbeauftragte&#13;
Carla Hills und Landwirtschaftsminister Yeutter darauf hin, daß die Sackgasse bei Fragen des Agrarhandels die&#13;
Verhandlungen zum Scheitern bringen könnte, die im Dezember mit einem Ministertreffen in Brüssel enden&#13;
sollen. Ein Protokoll der Pressekonferenz wurde in Washington herausgegeben.&#13;
Yeutter bezweifelte Behauptungen, daß die von den Vereinigten Staaten und anderen wichtigen Agrarexporteuren geforderten Reformen in der Landwirtschaftspolitik die meisten europäischen Landwirte in den Ruin treiben&#13;
würden. Hills fügte hinzu, daß die europäische Wirtschaft mit einer erfolgreichen Runde von Handelsgesprächen, die lediglich bestehende Zölle und Handelsschranken um ein Drittel kürzt, in zehn Jahren einen&#13;
Aufschwung um mehr als eine Billion Dollar erzielen könnte.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz im Wortlaut.&#13;
&#13;
Yeutter: Wenn Sie gestatten, möchte ich den Anfang&#13;
machen. Eigentlich sollten Damen den Vortritt haben,&#13;
aber Botschafter Hills wird Ihnen einen größeren&#13;
Überblick über die Uruguay-Runde geben, und ich&#13;
werde mich dem engeren Thema der Landwirtschaft&#13;
zuwenden und eine kurze Einführung geben.&#13;
Ich möchte zunächst darauf verweisen, wie ungeheuer&#13;
stolz wir alle darauf sind, was Deutschland im letzten&#13;
Jahr mit seiner Wiedervereinigung erreicht hat. Noch&#13;
vor dreizehn Monaten hätte niemand das Ergebnis&#13;
dieser Bestrebungen vorhersagen können. Das deutsche Volk und die Bundesregierung haben eine wunderbare Leistung vollbracht, und wir in den Vereinigten&#13;
Staaten freuen uns, Ihnen zu diesem hervorragenden&#13;
Ergebnis gratulieren zu dürfen. Ich sage dies als&#13;
Einleitung zu meinen Ausführungen, weil wir hoffen,&#13;
daß Deutschland die gleiche Führungskraft in der&#13;
Uruguay-Runde im allgemeinen und in der Landwirtschaft im besonderen an den Tag legt. Ich hoffe,&#13;
Botschafter Hills und ich können in einem Jahr hierher&#13;
zurückkehren und sagen, daß wir mit Hilfe deutscher&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
und amerikanischer Führungskraft in der UruguayRunde insgesamt Erfolge erzielt und einen wichtigen&#13;
substantiellen Schritt hin zur Reform der Agrarpolitik&#13;
auf der ganzen Welt einschließlich der Landwirtschaftspolitik in Europa unternommen haben.&#13;
Nachdem das gesagt ist, möchte ich kurz auf die&#13;
Vorschläge der Vereinigten Staaten und der CairnsGruppe eingehen, die sich für die Landwirtschaft ähneln&#13;
und dann auf den europäischen Vorschlag zu sprechen kommen. Wir haben bei der Formulierung unserer Vorschläge tatsächlich versucht, wichtige Reformen in der Landwirtschaft zu erzielen, die unserer&#13;
Ansicht nach seit langem überfällig sind. Das GATT&#13;
besteht seit 40 Jahren, die Gemeinsame Agrarpolitik&#13;
gibt es seit 30 Jahren. Die Verzerrungen im Welthandel sind teilweise auf die Gemeinsame Agrarpolitik,&#13;
teilweise auf unsere eigene Politik in den Vereinigten&#13;
Staaten und zum Teil auch auf die Politik anderer&#13;
Länder zurückzuführen. Die Verzerrungen sind mit&#13;
den Jahren schlimmer geworden und haben zunehmend nachteilige Auswirkungen für die weniger ent-&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�wickelten Länder der Welt. Wir müssen uns diesem&#13;
Problem unbedingt stellen. Es ist in bisherigen Verhandlungsrunden ohne Erfolg behandelt worden. Es&#13;
ist an der Zeit, daß wir einen Erfolg hervorbringen.&#13;
Wenn wir in dieser Runde scheitern, wird uns dieses&#13;
Thema noch etwa zehn Jahre lang bis in die nächste&#13;
Runde der GATT-Verhandlungen begleiten, und dann&#13;
wird es schwieriger zu lösen sein als heute. Wir haben&#13;
die Reformen im Agrarhandel lange genug herausgezögert. Wir müssen sie auf den Weg bringen. Das&#13;
bedeutet mehr Disziplin bei Exportsubventionen. Wir&#13;
hätten es lieber, wenn im Hinblick auf den Agrarhandel&#13;
Exportsubventionen vom Erdboden verschwänden,&#13;
wie es im Rahmen des GATT bereits mit den Subventionen für industrielle Exporte geschehen ist. Wir&#13;
wünschen uns erhebliche Verbesserungen beim Marktzugang auf der ganzen Welt, weil wir in der Landwirtschaft genauso konkurrieren sollten wie bei Industriegütern, und wir sollten keinen Unterschied zwischen&#13;
beiden machen, weil dieser Unterschied künstlich ist.&#13;
Wenn Wettbewerb bei Industriegütern funktioniert,&#13;
dann funktioniert er auch in der Landwirtschaft. Wenn&#13;
Wettbewerb bei Dienstleistungen funktioniert, dann&#13;
auch in der Landwirtschaft. Und ich bin nicht davon&#13;
überzeugt - man wird mich auch nie davon überzeugen&#13;
können -, daß es einen Unterschied zwischen beiden&#13;
gibt. Handel ist Handel...&#13;
Wir müssen darüber hinaus Reformen bei den nationalen Fördermaßnahmen erwirken, das heißt bei dem&#13;
Ausmaß der Preisstützung, die noch in vielen Ländern&#13;
der Welt besteht. Sehr starke Preisstützungen haben&#13;
in einer Reihe von Ländern - einschließlich der Europäischen Gemeinschaft - und von Zeit zur Zeit auch in&#13;
den Vereinigten Staaten - zu der Generation von&#13;
Überschüssen geführt, die auf irgendeine Art und&#13;
Weise vom Markt aufgefangen werden müssen - im&#13;
allgemeinen durch Exportsubventionen. Japan hat&#13;
Reispreise, die acht- bis neunmal über den Weltmarktpreisen liegen. Japan hat Getreidepreise, die etwa&#13;
sieben- oder achtmal höher sind als die Preise auf&#13;
dem Weltmarkt, und die Europäische Gemeinschaft&#13;
stützt die Preise der meisten ihrer Agrarerzeugnisse,&#13;
so daß sie drei- bis viermal teurer sind als auf dem&#13;
Weltmarkt. Wir halten all dies für unhaltbar und für die&#13;
Ursache von Schwierigkeiten, nicht nur im Hinblick auf&#13;
Handelsgepflogenheiten in der ganzen Welt, sondern&#13;
auch im Hinblick auf die Schädigung der Umwelt, die&#13;
leicht vermieden werden könnte.&#13;
Dazu möchte ich noch sagen, daß weder der Vorschlag der Vereinigten Staaten noch das Angebot der&#13;
Cairns-Gruppe Landwirte irgendwo in den Ruin treibt.&#13;
Immer wieder lese ich Berichte in der Presse Westeuropas, denen zufolge sie die Vorschläge der Vereinigten Staaten oder der Cairns-Gruppe nicht akzeptieren&#13;
können, weil dadurch zwei Drittel der Landwirte oder&#13;
soundsoviel tausend Landwirte verloren sind. Weder&#13;
der Vorschlag der Vereinigten Staaten noch der Vorschlag der Cairns-Gruppe enthält irgendeinen Punkt,&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
der besagt, daß ein einziger europäischer Landwirt&#13;
seinen Betrieb verlieren würde. Denn es gibt Wege,&#13;
mit denen die Europäische Gemeinschaft die gemeinsame Landwirtschaftspolitik so umstrukturieren kann,&#13;
daß all ihre Landwirte - jeder einzelne - ihre Betriebe&#13;
erhalten können, wenn die Gemeinschaft das will.&#13;
Diese Entscheidung wird von der Gemeinschaft zu&#13;
fällen sein, aber es ist ungerecht zu behaupten, unser&#13;
Vorschlag würde die europäischen Landwirte in den&#13;
Ruin treiben.&#13;
Was schließlich den Vorschlag der Europäischen&#13;
Gemeinschaft selbst anbetrifft, kann ich darauf näher&#13;
eingehen, wenn ich Ihre Fragen beantworte, aber&#13;
wenn man diese drei Bereiche betrachtet, stellen wir&#13;
bei dem Vorschlag wichtige Mängel fest. Die drei&#13;
Bereiche sind: Exportsubventionen, Marktzugang und&#13;
nationale Fördermaßnahmen. Einzeln betrachtet, gibt&#13;
es einmal den Vorschlag zum Abbau der nationalen&#13;
Unterstützung um 30 Prozent in einem Zeitraum von&#13;
zehn Jahren, von 1986 an gerechnet. Davon ist die&#13;
Hälfte bereits erreicht, was bedeutet, daß der EGVorschlag die Hälfte betrifft -15 Prozent in den kommenden fünf Jahren. Nichts von 1996 bis Ende des&#13;
Jahrhunderts. Zu den Exportsubventionen enthält der&#13;
EG-Vorschlag rein garnichts. Das ist keine Beschränkung der Exportsubventionen, die wir als am meisten&#13;
belastende Praxis von allen empfinden, und auch zum&#13;
Marktzugang enthält der europäische Vorschlag nichts.&#13;
Für alle konkreten Fälle bietet er uns oder irgendeinem&#13;
Land keinen zusätzlichen Marktzugang. Wenn man&#13;
also 15 Prozent zusätzliche Reduzierung bei nationalen Fördermaßnahmen vorschlägt und überhaupt nichts&#13;
in den beiden anderen Bereichen Exportsubventionen&#13;
und Marktzugang, finden wir diesen Vorschlag nicht&#13;
besonders attraktiv.&#13;
Hills: Es ist keine Frage, daß Landwirtschaft der&#13;
Schlüssel für einen erfolgreichen Abschluß dieser&#13;
Handelsgespräche ist, die jetzt seit vier Jahren laufen.&#13;
Es gibt unter den 100 Ländern, mit denen wir verhandeln - wir repräsentieren 85 Prozent des Welthandels&#13;
- solche, die lediglich grundlegende Reformen in der&#13;
Landwirtschaft als Ergebnis wollen. Und sie werden&#13;
nicht länger Exportsubventionen tolerieren, die sie als&#13;
wirtschaftliche Kriegführung empfinden, die lediglich&#13;
ihre Landwirte aus dem Markt drängt. Nur allzuviele&#13;
von ihnen haben nur die Landwirtschaft zum Leben.&#13;
Das heißt, wenn ihnen die Märkte versperrt bleiben,&#13;
wenn Europa in der Landwirtschaft eine Festung gleicht,&#13;
dann haben die Entwicklungsländer keine Möglichkeiten, ihre wirtschaftlichen Hoffnungen zu verwirklichen.&#13;
Minister Yeutter hat es deutlich gesagt: Landwirtschaft&#13;
ist der Schlüssel.&#13;
Muß also die Gesprächsrunde scheitern, weil wir nicht&#13;
den politischen Willen haben, uns um die Landwirtschaft zu kümmern? Ich hoffe nicht. Wir würden eine&#13;
Gelegenheit in der Weltwirtschaft aufgeben, in den&#13;
nächsten zehn Jahren Wachstum im Umfang von 4&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�Billionen Dollar zu erzielen. Das ist das gleiche, als&#13;
wenn man jeder vierköpfigen Familie in Deutschland&#13;
einen Scheck in Höhe von 17 000 Dollar ausstellt. Es&#13;
gibt nichts, was unsere Regierungen tun könnten, um&#13;
Wirtschaftswachstum zu erzielen, wie es hier in Deutschland, in jedem Land Europas und in den Vereinigten&#13;
Staaten stattfindet. Indem wir ganz einfach unser Ziel&#13;
der Reduzierung tarifärer und nichttarifärer Handelshemmnisse um ein Drittel erreichen, wie bei der Zwischenbilanz vereinbart, kann die Wirtschaft hier in&#13;
Europa in den nächsten zehn Jahren Wachstum im&#13;
Umfang von 1 Billion Dollar erzielen. Darüber hinaus&#13;
können wir Vorschriften für Dienstleistungen erarbeiten, die wir jetzt noch nicht haben. Deutschland allein&#13;
hat im vergangenen Jahr Dienstleistungen im Wert von&#13;
40 Milliarden Dollar exportiert.&#13;
Wir können Vorschriften zum Schutz geistigen Eigentums erarbeiten, indem wir uns auf internationale Regeln&#13;
für Patente, Warenzeichen und Copyrights einigen. Im&#13;
letzten Jahr haben wir in unserem Land 60 Milliarden&#13;
Dollar durch Diebstahl geistigen Eigentums verloren,&#13;
weil wir keine weltweit gültigen Vorschriften für Patente, Warenzeichen und Copyrights haben. Ich bin&#13;
sicher, das gilt auch in Deutschland.&#13;
Wir können all dies leisten, wenn wir über den politischen Willen verfügen, Fortschritte in der Landwirtschaft zu machen. Die Zeit dafür ist reif. Seit dreißig&#13;
Jahren haben wir diesen wichtigen Sektor vernachlässigt. Ich spreche nicht nur über die Wirtschaft, weil wir&#13;
zweifellos alle noch wohlhabender sein werden, wenn&#13;
wir eine erfolgreiche Runde zu Ende bringen, die&#13;
Landwirtschaft umfaßt, aber ich spreche hier auch von&#13;
geopolitischer Stabilität. Wenn wir keinen Erfolg haben, dann werden überall auf der Welt Spannungen&#13;
entstehen, weil Deutschland ebenso wie die Vereinigten Staaten ein Welthandelsland ist. Im Hinblick auf&#13;
etwa 1,5 Billionen Dollar Welthandel pro Jahr befinden&#13;
wir uns im Dschungel. Im Dschungel, weil keine&#13;
Gesetze gelten und Spannungen auftreten, insbesondere in der Landwirtschaft, bei Dienstleistungen, Investitionen, geistigem Eigentum und unzureichenden&#13;
Vorschriften bei industriellen Subventionen. All das&#13;
kann gelöst werden, wenn wir nur den politischen&#13;
Willen haben, jetzt vorwärts zu gehen. Ich hoffe, daß&#13;
wir das tun werden. Die Zeit ist sehr kurz, aber wir&#13;
haben genug Zeit, wenn unsere Regierungen auf&#13;
höchster Ebene beim Gipfel in Houston alles in ihrer&#13;
Macht Stehende tun, sich persönlich engagieren, der&#13;
Uruguay-Runde für 1990 höchste Priorität im Handel&#13;
einräumen und grundlegende Reformen in den drei&#13;
Bereichen erzielen, die wir in der Landwirtschft benötigen: Exportsubventionen, Marktzugang und nationale Fördermaßnahmen. Ich hoffe, daß wir das schaffen.&#13;
Jetzt möchten wir zu Ihren Fragen kommen.&#13;
Yeutter: Sie können die Fragen an einen von uns oder&#13;
an beide zusammen richten.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
Frage: An Sie beide. In Deutschland hat man in den&#13;
letzten Wochen viel davon gehört, daß man Amerika&#13;
etwas schulde, weil Amerika im Gegensatz zu anderen&#13;
Ländern die deutsche Einheit von Anfang an unterstützt hat. Haben Sie bei Ihren heutigen Gesprächen&#13;
Anzeichen wahrgenommen, daß die Deutschen einen&#13;
Teil dieser Schuld zurückzahlen wollen?&#13;
Yeutter: Dazu möchte ich zuerst Stellung nehmen,&#13;
weil ich schon etwas länger in Bonn bin als Botschafter&#13;
Hills. Ich möchte die Frage dahingehend beantworten,&#13;
daß ich mir deutsche Unterstützung für die UruguayRunde im allgemeinen oder deren landwirtschaftliche&#13;
Aspekte nicht auf der Basis irgendwelcher geopolitischen Verpflichtungen wünsche, die unter Umständen&#13;
gegenüber den Vereinigten Staaten bestehen. Ich&#13;
hoffe, Deutschland tut dies aus Eigeninteresse, und&#13;
meiner Meinung nach liegt es sehr wohl im Interesse&#13;
Deutschlands, in diesem Bereich Schritte nach vom zu&#13;
unternehmen. Botschafter Hills hat darauf verwiesen,&#13;
daß alle Länder das Gesamtergebnis der UruguayRunde betrachten und entscheiden müssen, ob das&#13;
letztlich dabei herauskommende Maßnahmenpaket&#13;
für sie Vorteile bringt. Wir hoffen, daß Deutschland&#13;
dies tun wird. Wir sind davon überzeugt, daß Ihre&#13;
Regierungsvertreter genau das tun werden, und meiner Meinung nach liegt dies sehr wohl im Interesse&#13;
aller Länder, Deutschland eingeschlossen. Ich entnehme zum Beispiel einer vor einigen Jahren erstellten&#13;
Untersuchung - nicht aus den Vereinigten Staaten,&#13;
sondern von anderswo -, daß Deutschland bei einer&#13;
umfassenden Reform des Agrarhandels etwa eine&#13;
Million neue Arbeitsplätze gewinnen würde. Das bezog&#13;
sich auf die Zeit vor der Wiedervereinigung, aber auch&#13;
in Deutschland ist eine Million Arbeitsplätze die Mühe&#13;
wohl wert. Und es gibt darüber hinaus noch andere&#13;
Vorteile. Ich hoffe also, es wird aus Eigeninteresse&#13;
getan. Wir hoffen, daß Deutschland die harte Arbeit zu&#13;
schätzen weiß, die die Vereinigten Staaten bei einigen&#13;
von Ihnen genannten geopolitischen Fragen geleistet&#13;
haben, aber wir fordern dafür keine Gegenleistungen.&#13;
Wir versuchen gute Weltbürger zu sein und hoffen,&#13;
daß andere das auch tun. Unserer Ansicht nach gibt&#13;
es abgesehen davon genug Gründe für eine erfolgreiche Uruguay-Runde.&#13;
Hills: Ich stimme Minister Yeutters Äußerungen zu.&#13;
Ich denke,. Deutschlands besonderes Interesse an&#13;
seiner Vereinigung zeigt die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit. Das unterstreicht unter anderem den Wert der Uruguay-Runde.&#13;
Sicherlich werden wir eine Grundlage für erweiterte&#13;
internationale Zusammenarbeit haben, wenn es nicht&#13;
zu Reibungen aufgrund von Handelskriegen oder einer&#13;
Spaltung in Handelsblöcke kommt. Sie haben ein&#13;
besonderes Interesse an jenen osteuropäischen Ländern, die wir alle-bewundern, weil sie die Kommandowirtschaft abgeschüttelt haben und sich von kommunistischen Diktaturen zu aufstrebenden Demokratien&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�entwickeln. Wie tragisch wäre es jedoch, wenn die&#13;
reichsten Staaten wie etwa Deutschland, die Vereinigten Staaten und Ihre Partner hier in Europa nicht den&#13;
politischen Willen besäßen, Marktschranken abzubauen, diese aufstrebenden Demokratien daran hinderten, die versprochenen wirtschaftlichen Erfolge zu&#13;
verwirklichen und damit zu ihrer Ablösung durch weniger&#13;
stabile Regime beitragen würden. Es ist also sicherlich&#13;
ermutigend, wenn wir in der Uruguay-Runde ein Welthandelssystem aufbauen, das eine solide Grundlage&#13;
für die internationale Zusammenarbeit liefert, die für&#13;
Fragen wie Wiedervereinigung, die Sicherheit in Osteuropa oder die weltweite Zusammenarbeit gegen&#13;
Saddam Hussein in gleicher Weise Gültigkeit hat.&#13;
Frage: (unverständlich) haben Sie bei Ihren Gesprächen mit der Bundesregierung wirklich Anzeichen einer&#13;
konkreten Reaktion auf diese Argumente feststellen&#13;
können?&#13;
Hills: Wir haben noch Zeit. Ich war nicht lange genug&#13;
hier, um solche Anzeichen feststellen zu können. Wir&#13;
hoffen, daß dies in der Zukunft der Fall sein wird.&#13;
Yeutter: Ich möchte dem noch etwas hinzufügen.&#13;
Meines Erachtens besteht seitens der Bundesregierung ein starkes Engagement für einen erfolgreichen&#13;
Abschluß der Uruguay-Runde, und wir hoffen, dieses&#13;
Engagement schlie ßt auch die Landwirtschaft ein. Ich&#13;
wollte jedoch noch etwas zur Wiedervereinigung sagen, nämlich, daß die Vereinigung der beiden deutschen Staaten unweigerlich eine Neuorientierung der&#13;
Agrarpolitik innerhalb Deutschlands erfordern wird eine Umstrukturierung, da sich die heutige Struktur der&#13;
ostdeutschen Landwirtschaft grundlegend von der in&#13;
Westdeutschland unterscheidet. Wenn also eine&#13;
Umstrukturierung erforderlich ist - und dies ist meines&#13;
Erachtens der Fall -, warum sollte man dieser nicht&#13;
eine bestimmte Richtung geben, damit das Ergebnis&#13;
mit dem internationalen Umfeld harmonisiert. Meines&#13;
Erachtens kann die Bundesregierung dies kreativ&#13;
durchführen. Sie kann die Art von Agrarstruktur verwirklichen, die zu einer besseren internationalen&#13;
Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in diesem Bereich führen und darüber hinaus die Reibungen mit den&#13;
Vereinigten Staaten, den Entwicklungsländern und&#13;
vielen anderen abbauen würde. Bei richtiger Planung&#13;
und Durchführung ist all dies erreichbar.&#13;
Frage: Kann der Dezember-Termin noch eingehalten&#13;
werden?&#13;
Hills: Wenn der politische Wille vorhanden ist, dann&#13;
können wir meines Erachtens in sehr kurzer Zeit große&#13;
Fortschritte erzielen. Ob wir die Fähigkeit besitzen,&#13;
wirklich Anfang Dezember ein endgültiges Abkommen&#13;
zu unterzeichnen, bleibt abzuwarten. Es könnte ein&#13;
paar Tage länger dauern, aber es ist möglich, dies im&#13;
Dezember abzuschließen, wenn der politische Wille&#13;
vorhanden ist.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Frage: Herr Minister, eine Frage an Sie beide. Wie&#13;
würden Sie im Lichte Ihres Besuchs die deutsche&#13;
Position bei den bevorstehenden Handelsgesprächen&#13;
beurteilen?&#13;
Yeutter: Wie ich soeben erklärt habe, engagiert sie&#13;
sich für einen erfolgreichen Abschluß der UruguayRunde. Ich habe in meinen heutigen Gesprächen&#13;
nichts vernommen, was dies in irgendeiner Weise&#13;
widerlegen könnte. Ich habe zahlreiche Kommentare&#13;
gehört, die das bekräftigen. Wir haben jedoch nicht im&#13;
Detail darüber gesprochen, was letztlich in den Agrargesprächen oder den Gesamtverhandlungen auf uns&#13;
zukommen könnte. Das fällt nicht in meinen Verantwortungsbereich, das obliegt Botschafter Hills und den&#13;
Unterhändlern der Europäischen Gemeinschaft sowie&#13;
anderer Staaten. Wir haben uns also nicht auf einzelne&#13;
strittige Fragen konzentriert. Wenn man jedoch nur&#13;
Haltung und Engagement bewertet, so bin ich befriedigt über das heute Gehörte, aber dies muß noch in&#13;
konkrete Schritte am Verhandlungstisch umgesetzt&#13;
werden. Ohne sehr erfolgreiche Maßnahmen im&#13;
Agrarbereich werden wir dieses begrüßenswerte Ziel&#13;
einfach nicht erreichen. Mit anderen Worten: es reicht&#13;
nicht aus, nur zu sagen, daß wir eine erfolgreiche&#13;
Uruguay-Runde haben wollen. Wir müssen etwas tun,&#13;
um dies zu erreichen. Zusammen mit anderen Ländern, einschließlich der Vereinigten Staaten, wird&#13;
Deutschland den politischen Willen haben und die&#13;
geistige Energie aufbringen müssen, um dies in den&#13;
nächsten drei Wochen zu verwirklichen. Und die Zeit&#13;
ist knapp.&#13;
Frage: Können Sie sagen, daß Sie nach Ihren Treffen&#13;
oder bei Ihren Gesprächen mit Minister Haussmann&#13;
Bewegung festgestellt haben? Daß die Bundesregierung in der Lage sein könnte, etwas Druck in Brüssel&#13;
auszuüben, um den Brüsseler Vorschlag zur Landwirtschaft zu erweitern oder in der nächsten Woche einen&#13;
neuen Vorschlag zu formulieren?&#13;
Yeutter: Ich kann wirklich nicht für Herrn Haussmann&#13;
sprechen. Sie sollten diese Frage an ihn richten.&#13;
Frage: Nun, was war Ihr Eindruck?&#13;
Yeutter: Sicherlich wird er nicht in der Presse verhandeln wollen, und er hat auch nicht mit mir verhandelt,&#13;
denn sein Verhandlungspartner ist Botschafter Hills.&#13;
Wie Sie wissen, engagiert er sich jedoch schon seit&#13;
langem für eine erfolgreiche Uruguay-Runde, und das&#13;
galt schon für meine früheren Kontakte mit ihm, als ich&#13;
noch das Amt des US-Handelsbeauftragten innehatte.&#13;
Es besteht also eine sehr positive Einstellung. Die&#13;
Verhandlungsführer der Europäischen Gemeinschaft&#13;
sitzen jedoch in Brüssel. Die Haltung von Herrn&#13;
Haussmann und anderen muß deshalb in Vorschläge&#13;
am Verhandlungstisch umgesetzt werden, die von den&#13;
Vertretern der Europäischen Gemeinschaft unterbreitet werden, und das ist zweifelsohne noch nicht geschehen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�Frage: Wie war Ihr Verhältnis zu Herrn Kiechle?&#13;
Yeutter: Er und ich sind seit langem befreundet. Wir&#13;
hatten ein sehr angenehmes Mittagessen und eine&#13;
sehr fruchtbare Diskussion über die Fragen. Natürlich&#13;
stimmen seine Ansichten über viele Agrarprobleme&#13;
nicht mit meinen überein. Diese Meinungsverschiedenheiten könnten sich mit den Jahren verfestigen.&#13;
Unser Ansatz in der Agrarpolitik ist grundverschieden.&#13;
Das heißt jedoch nicht, daß diese Meinungsverschiedenheiten in einem Abkommen im Rahmen der Uruguay-Runde unüberwindlich sind. Weder Herr Kiechle&#13;
noch ich sind Verhandlungsführer, und keiner von uns&#13;
hat einen Verhandlungsauftrag. Wir können unsere&#13;
Meinungen zum Ausdruck bringen, aber die Verhandlungen werden von Botschafter Hills und ihren Kollegen in der Europäischen Gemeinschaft sowie Vertretern der anderen GATT-Mitgliedstaaten geführt. Ich&#13;
gehe davon aus, daß sowohl Herr Kiechle wie auch ich&#13;
uns für ein positives Ergebnis bei der Landwirtschaft&#13;
engagieren, denn wir erkennen die Nachteile eines&#13;
negativen Ergebnisses, und das sollte vielleicht an&#13;
diesem Punkt erwähnt werden. Bei einigen meiner&#13;
Kontakte in Europa, und das gilt nicht nur für Herrn&#13;
Kiechle, sondern auch für andere, vermittelt mir die&#13;
Gemeinschaft das Gefühl, daß bei diesen Agrarverhandlungen ein Erfolg schmerzhafter sein würde als&#13;
ein Scheitern. Mit anderen Worten: die Gemeinschaft&#13;
würde einen politischen Preis bei den europäischen&#13;
Landwirten bezahlen. Ich antworte darauf zunächst,&#13;
daß meines Erachtens dieser Preis nicht unbedingt&#13;
gezahlt werden muß. Ich habe bereits früher darauf&#13;
verwiesen, daß kein EG-Landwirt in diesem Prozeß&#13;
aufgeben muß. Zweitens, was noch wichtiger ist,&#13;
würde es ohne eine erfolgreiche Uruguay-Runde im&#13;
Bereich Landwirtschaft nicht nur in der ganzen Welt zu&#13;
enormen Erschütterungen im Handel kommen, wir&#13;
würden darüber hinaus im Agrarbereich ein auf Konfrontation ausgerichtetes Umfeld erhalten, das unser&#13;
aller Ausgaben sehr stark erhöhen würde. Mit anderen&#13;
Worten: der Preis der Gemeinsamen Agrarpolitik&#13;
müßte dabei von allen entrichtet werden.&#13;
Frage: Sie erwähnten früher, daß die Verhandlungen&#13;
bis Dezember verschoben werden könnten. Erwarten&#13;
Sie eine Verschiebung bis ins nächste Jahr? Ist dies&#13;
möglich?&#13;
Hills: Ich habe nicht vorgeschlagen, daß sie verschoben werden sollten. Ich würde von nun an gerne rund&#13;
um die Uhr verhandeln, um sie zum Abschluß zu&#13;
bringen. Wir haben vom 3. - 7. Dezember ein Ministertreffen in Brüssel anberaumt. Wenn es stattfindet, und&#13;
ich sage "wenn" ausschließlich deshalb, weil sich der&#13;
Generaldirektor des GATT so pessimistisch über das&#13;
gegenwärtige Patt in der Landwirtschaft geäußert hat,&#13;
und zwar dahingehend, daß er überdenkt, ob Brüssel&#13;
zu diesem Zeitpunkt wirklich nützlich ist. Ob die&#13;
Verhandlungen nun in Brüssel oder Genf fortgesetzt&#13;
werden, alles was wir jetzt benötigen, ist wie bereits&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
gesagt, der politische Wille, eine Entscheidung über&#13;
Exportsubventionen, Marktzugang und Stützungsmaßnahmen im Inland zu fällen. Wie Minister Yeutter&#13;
erklärte, sagen wir nicht, daß die Regierungen ihren&#13;
Landwirten überhaupt nichts zahlen sollen. Kein Bauer&#13;
muß im Regen stehen bleiben. Alles was wir sagen,&#13;
ist, daß die Beihilfen für die Landwirte nicht handelsverzerrend wirken dürfen und der Wirtschaftskrieg, der&#13;
Grenzen überschreitet und die wirtschaftliche Existenz einer anderen Nation zerstört, aufhören muß.&#13;
Darüber hinaus wäre es klug, wenn die Wettbewerbsmaßnahmen, die Deutschland in bezug auf Industriegüter so energisch verfolgt, auch auf Agrargüter angewendet würden. Nach Verwirklichung dieser Maßnahmen könnten wir meines Erachtens den erfolgreichen&#13;
Abschluß der Runde in Angriff nehmen, der uns allen&#13;
mehr Geld, mehr Arbeitsplätze, ein breiteres Spektrum von Möglichkeiten sowie Frieden und Wohlstand&#13;
bis ins 21. Jahrhundert einbringen wird. Wie kann man&#13;
dies ablehnen?&#13;
Frage: Wie tun sie dies?&#13;
Hills: Wie Minister Yeutter erläuterte, verhandle ich&#13;
mit der EG-Kommission gemäß den Römischen Verträgen, und die Regierungsvertreter der 12 EG-Staaten geben ihre Meinung dazu ab, und bei den letzten&#13;
Treffen des Ministerrats haben wir einige Auseinandersetzungen erlebt. Ich gehe dennoch davon aus,&#13;
daß die Staats- und Regierungschefs in Houston eine&#13;
eindeutige Verpflichtung abgegeben haben, daß sie&#13;
sich weiter engagieren und diese Verhandlungen voranbringen würden, weil sie die Vorteile für alle beteiligten Staaten erkannten. Und das müssen wir sehen.&#13;
Ich bin gerade erst eingetroffen und habe noch mit&#13;
keinem Regierungsvertreter gesprochen, und deshalb&#13;
kann ich Ihnen meine Eindrücke nicht schildern. Ich&#13;
möchte jedoch über die Medien, also durch Sie, noch&#13;
einmal energisch darauf verweisen, daß diese Verhandlungen für unseren künftigen Wohlstand und die&#13;
weltweite Stabilität äußerst wichtig sind.&#13;
Yeutter: Ich möchte dem noch etwas hinzufügen. Ich&#13;
habe hier in Europa ein paar Reaktionen mit dem&#13;
Tenor vernommen: Nun, ihr Amerikaner sorgt mit&#13;
Eurem Gerede ja für eine gute Show in der Landwirtschaft. Ihr klingt hart, aber wir wissen, daß Ihr am Ende&#13;
mit den Augen zwinkern werdet. Deshalb müssen wir&#13;
unsere jetzige Position nicht aufgeben. Wir, die Europäische Gemeinschaft, müssen nicht von unserer&#13;
gegenwärtigen Haltung abrücken, und wenn wir es&#13;
tun, dann muß das nur symbolisch sein. Ich möchte&#13;
genau den gegenteiligen Eindruck hinterlassen, von&#13;
dem ich voll und ganz überzeugt bin, nämlich, da ß dies&#13;
eine gefährliche, zum Scheitern verurteilte Strategie&#13;
ist. Die Vereinigten Staten und die Cairns-Gruppe das sind vierzehn der wichtigsten Agrarhandelsstaaten der Welt - haben sehr gute Gründe für die Notwendigkeit von Agrarreformen, und ich glaube nicht, daß&#13;
irgendeiner von uns am Ende klein beigeben wird.&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�Frage: Ist der europäische Vorschlag (unverständlich)...&#13;
Yeutter: Vielleicht sollte ich das tun, weil es sich um&#13;
ein Agrarproblem handelt, und Botschafter Hills kann,&#13;
falls sie dies wünscht, vom Standpunkt des Verhandlungsführers noch ergänzend dazu Stellung nehmen.&#13;
Wir haben von Anfang an erklärt, daß dieses von uns&#13;
als Entkoppelung von Zahlungen bezeichnete Verfahren, also nicht direkt mit der Produktion verbundene&#13;
Zahlungen an die Landwirte, eine befriedigende Maßnahme sind. Mit anderen Worten: Wir betrachten sie&#13;
nicht als handelsverzerrend, sie fallen in die von uns so&#13;
bezeichnete "grüne" Kategorie, wenn wir zwischen&#13;
grün, gelb und rot unterscheiden. Denn obwohl sie für&#13;
die Landwirte hilfreich wären, und das wäre offensichtlich der Fall, sind sie nicht an die Produktion gebunden.&#13;
Der Landwirt muß also nicht eine bestimmte Menge&#13;
Mais oder eine bestimmte Menge Weizen erzeugen,&#13;
um Einkommensbeihilfen erlangen zu können. Der&#13;
andere diesem vergleichbare Bereich, der meines&#13;
Erachtens wesentlich mehr Beachtung verdient als er&#13;
bis heute in Europa erhalten hat, betrifft Maßnahmen&#13;
zum Schutz der Umwelt. Ich gehe davon aus, daß es&#13;
der Europäischen Gemeinschaft ein leichtes wäre,&#13;
einen bedeutenden Beitrag zur Reform der Landwirtschaft zu leisten, wenn sie einige ihrer umweltbelasteten Rächen stillegen würde, sie zu Wiesen werden&#13;
ließe oder mit Bäumen bepflanzen würde. Bestimmte&#13;
Bauern können durchaus für den Nutzungsausfall in&#13;
diesen Bereichen entschädigt werden.&#13;
In den Vereinigten Staaten haben wir im Rahmen des&#13;
sogenannten Conservation-Reserve-(Naturschutzreserve)-Programms über dreißig Millionen Morgen Land&#13;
stillgelegt. In Europa ist praktisch kein Land zu diesem&#13;
Zweck stillgelegt worden. Man könnte mit diesem&#13;
Verfahren einen erheblichen Beitrag zum Umweltschutz in Westeuropa und damit auch zur Agrarreform&#13;
leisten. Ob es sich nun also um direkte entkoppelte&#13;
Zahlungen oder naturschutzbezogene Programme&#13;
handelt, entweder das eine oder andere oder eine&#13;
Kombination von beiden, so könnte dies enorm hilfreich sein, wenn - wie Botschafter Hills bereits ausführte - jemand in der Gemeinschaft nur den politischen Willen demonstriert, diese Schritte zu ergreifen,&#13;
die unseres Erachtens sehr logisch sind.&#13;
Frage: Sie haben heute morgen mit Minister Haussmann gefrühstückt, und er erklärte anschließend, er&#13;
sei über den technischen Aspekt der Gespräche und&#13;
die derzeitige Lage der Landwirtschaft beeindruckt&#13;
gewesen. Seines Erachtens könnte es technische&#13;
Gespräche geben, die nicht direkt mit den Vorschlägen&#13;
der Europäischen Gemeinschaft, der Vereinigten Staaten&#13;
und der Cairns-Gruppe in Zusammenhang stehen.&#13;
Was meinen Sie dazu?&#13;
Yeutter: Ich bin mir nicht sicher, wie der Begriff&#13;
"technisch" hier zu verstehen ist. Natürlich freuen wir&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
uns, zu jeder Zeit mit allen möglichen Gesprächspartnern über lohnende Themen zu sprechen. Die Frage&#13;
des politischen Willens trifft jedoch nicht den Kern des&#13;
Problems. Mit anderen Worten - man kann über&#13;
Einzelheiten nur bis zu einem bestimmten Punkt diskutieren. Letztlich muß eine Demonstration des politischen Willens auf höchster Regierungsebene stattfinden, um diese Reformen voranzutreiben. Die technischen Experten können die Reformen ausmachen und&#13;
vielleicht an bereits eingebrachten Vorschlägen herumdoktern, aber um bedeutende Schritte nach vorne&#13;
zu machen, bedarf es Anweisungen von Politikern auf&#13;
höchster Regierungsebene. Carla, möchten Sie dem&#13;
etwas hinzufügen?&#13;
Hills: Ich vermute, Minister Haussmann bezog sich&#13;
auf die vorhergehende Frage, die lautete: Wie verfahren Sie mit Zahlungen an Landwirte, die nicht mit&#13;
Produktionsanreizen in Verbindung stehen? Zu diesem Thema haben wir von Anfang an gesagt, daß wir&#13;
keine Einwände haben, wenn ein souveräner Staat&#13;
seine Landwirte subventioniert. Wir wollen schlicht&#13;
und einfach keine Produktionsanreize, wie Minister&#13;
Yeutter bereits gesagt hat. Aber diese technischen&#13;
Erörterungen, wie die Zahlungen vorgenommen werden sollen, und welche Art von Umweltprogrammen&#13;
Stützungsmaßnahmen im Inland ersetzen könnten,&#13;
befassen sich nicht mit den Exportsubventionen, die&#13;
Chancen anderer Länder auf dem Agrarsektor zunichte machen oder Marktschranken verschleiern, auf die&#13;
sich die Agrarhandelsgespräche der Uruguay-Runde&#13;
vor vier Jahren konzentrierten. Dies erfordert politischen Willen.&#13;
Frage: Botschafter Hills, Sie sagten, der Gesamtgewinn bei (unverständlich) beliefe sich auf 4 Billionen&#13;
Dollar, wenn der gesamte Handel (unverständlich) um&#13;
eine Drittel reduziert würde.&#13;
Hills: Ich möchte das etwas korrigieren. Ich habe&#13;
gesagt, durch den Abbau von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen um ein Drittel würde die&#13;
Weltwirtschaft in einem Jahrzehnt in einer Grö ßenordnung von über 4 Billionen Dollar expandieren.&#13;
Frage: Ein 33prozentiger Abbau des Handels verzerrt&#13;
also (unverständlich) die magische Zahl, selbst in der&#13;
Landwirtschaft?&#13;
Hills: Natürlich muß der Agrarsektor seinen Beitrag&#13;
leisten, aber wir sprechen hier vornehmlich über unsere in Montreal definierten Ziele, die sich mit Marktzugang befaßten, der über die Reformen hinausgeht, auf&#13;
die wir uns im Hinblick auf die Landwirtschaft konzentriert hatten. Bei den derzeit stattfindenden Verhandlungen über den Marktzugang halten die Vereinigten&#13;
Staaten an einem Vorschlag fest, der einem ungefähr&#13;
49prozentigen Abbau der tarifären und nichttarifären&#13;
Handelsschranken entspricht. Wenn man nur ein&#13;
Drittel der Vorschläge erhielte, die alle hundert Nationen einbringen könnten, würde dies solche Auswirkun-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�gen auf die Weltwirtschaft haben. Natürlich hoffe ich,&#13;
daß der Agrarsektor einen Teil dessen bildet, denn&#13;
auch hier gibt es einige Nationen, die schlicht und&#13;
einfach, wenn sie ihre Chancen auf dem Agrarsektor&#13;
nicht ergreifen, nicht an den Verhandlungen über&#13;
Marktzugang, Dienstleistungen, geistiges Eigentum&#13;
oder all die anderen Bereiche teilnehmen werden, in&#13;
denen die Industrienationen Handelsreformen wünschen.&#13;
Yeutter: Ich darf hinzufügen, daß es im Agrarbereich&#13;
keine magischen Zahlen gibt. 33 Prozent sind keine&#13;
magische Zahl. Wie Sie wissen, läge diese Zahl weit&#13;
unter dem derzeitigen amerikanischen Vorschlag, der&#13;
sich auf 75 Prozent für zwei dieser drei Komponenten&#13;
beläuft, und auf 90 Prozent für die anderen. 33 Prozent&#13;
würden aus meiner Sicht also nicht für eine zufriedenstellende Agrarreform stehen. Wie Sie ferner wissen,&#13;
liegen die 33 Prozent weit über der jetzt von der EG&#13;
vorgeschlagenen Zahl, die wir als völlig unangemessen erachten.&#13;
Frage: Auf welchen Bereich beziehen sich die 90&#13;
Prozent?&#13;
Hills: Exportsubventionen für einen Zeitraum von 10&#13;
Jahren.&#13;
Frage: Der zweite Bereich ist die Frage der nichttarifären Handelshemmnisse. Könnten Sie sich vorstellen, einem Vorschlag bezüglich der Fleischproduktion&#13;
mit hormonbehandelten Tieren oder einem Verbot&#13;
bestimmter, von einem Land angewandter Gentechnologien zuzustimmen?&#13;
Hills: Ich könnte mir eher vorstellen, daß wir uns als&#13;
Gruppe zivilisierter Nationen einigen, eine wissenschaftliche Grundlage für solche Restriktionen zu finden, die wir gegen den Handel mit Nahrungsmitteln&#13;
verhängt haben. Falls ein solches Vorgehen nicht&#13;
wissenschaftlich fundiert ist und letztlich nicht zum&#13;
Schutz des Verbrauchers dient, die Restriktion jedoch&#13;
zur Einschränkung des Handels verhängt wurde, dann&#13;
sollte man meines Erachtens dagegen einschreiten.&#13;
Frage: Botschafter Hills, wäre der (unverständlich)&#13;
Bereich wiederum betroffen, wenn die Verhandlungen&#13;
platzen (unverständlich)?&#13;
Hills: Wir möchten die Probleme im Zusammenhang&#13;
mit dem Airbus behoben sehen, und wir verhandeln im&#13;
Vertrauen auf eine Lösung. Wir lehnen es vehement&#13;
ab, Marktwirtschaft und Subventionen für Kursschwankungen unter einen Hut zu bringen, wobei der Preis in&#13;
jeder Wettbewerbswirtschaft den Ausschlag gibt - und&#13;
das ist genau das, was Sie beim Airbus machen und&#13;
mit Ihrem Vorschlag zum Agrarhandel versuchen. Es&#13;
handelt sich um zwei völlig unterschiedliche und getrennte Bereiche, aber das Vorgehen ist in beiden&#13;
Fällen zu verurteilen. Und wir möchten dem ein Ende&#13;
setzen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
Frage: Der Airbus scheint in den letzten Monaten eher&#13;
aus den Schlagzeilen verschwunden zu sein, und jetzt&#13;
wollen Sie ihn wieder in die Schlagzeilen bringen?&#13;
Hills: Wir wollen über keine unserer Verhandlungen&#13;
Schlagzeilen, aber gelegentlich gelingt es Ihnen herauszufinden, worüber wir verhandeln. Wie bereits&#13;
gesagt, verhandeln wir jedoch im Vertrauen auf eine&#13;
Lösung des Airbus-Problems. Entweder finden wir&#13;
eine Lösung oder nicht, und wenn nicht, werden wir die&#13;
geeigneten Schritte unternehmen.&#13;
Frage: (unverständlich) einen bedeutenden Fortschritt, den Sie heute erzielt haben?&#13;
Yeutter: Es ist unmöglich, das zu beurteilen. Ich&#13;
möchte Ihnen jedoch eine ernsthafte Anwort geben.&#13;
Fortschritte bei Handelsgesprächen sind oft wenig&#13;
greifbar und machen sich sehr häufig erst zu einem&#13;
späteren Zeitpunkt bemerkbar als in der unmittelbaren&#13;
Zukunft. Ob wir also heute Fortschritte erzielt haben&#13;
oder nicht, wird sich wahrscheinlich durch die von der&#13;
Europäischen Gemeinschaft im Dezember demonstrierten Verhaltensweisen beurteilen lassen. Im&#13;
Dezember werden wir die Antwort auf Ihre Frage&#13;
wissen, aber nicht heute.&#13;
Frage: Botschafter Hills, sind Fortschritte in Bereichen wie geistiges Eigentum, Dienstleistungen, (unverständlich) Fortschritte bei den Agrarverhandlungen&#13;
wegen des Agrarkonflikts zu einem Stillstand gekommen?&#13;
Hills: Meines Erachtens befinden sie sich in dem&#13;
Sinne in einem Patt, daß wir ein weltweites Handelssystem aufbauen wollen, an dem 100 Nationen beteiligt&#13;
sind, und wenn wir nicht den politischen Willen demonstrieren, uns mit dem Agrarbereich zu befassen, werden die Verhandlungen durch eine beträchtliche Anzahl von Nationen aufgerieben. Dann werden wir nicht&#13;
nur im Agrarbereich keine Fortschritte erzielen, denn&#13;
per definitionem ist dies der Bereich, der die Zermürbung herbeigeführt hat, sondern die übrigen Nationen&#13;
werden auch nicht anwesend sein, um sich mit den&#13;
Problemen zu befassen, die Sie aufgezählt haben,&#13;
nämlich Dienstleistungen, geistiges Eigentum, usw.&#13;
Es wird mir versichert, daß Deutschland und die Vereinigten Staaten beim Schutz geistigen Eigentums nur&#13;
geringfügige Probleme haben. Diese bestehen eher&#13;
mit den Entwicklungsländern, eben den Ländern, die&#13;
den Verhandlungen nicht mehr beiwohnen werden,&#13;
wenn der Agrarbereich nicht angemessen behandelt&#13;
wird. Wir haben es also weniger mit einem Verhandlungspatt zu tun als vielmehr einem Zerstören der&#13;
Runde, weil die entscheidenden Teilnehmer nicht&#13;
anwesend sind. Wir benötigen hundert Nationen, um&#13;
ein weltweites Handelssystem aufzubauen. Wir benötigen daher alle am Tisch, und wenn 50 den Verhandlungstisch verlassen, so bleibt nur ein Torso, aber wir&#13;
haben nicht die Gruppe, mit der wir so häufig große&#13;
&#13;
Seite 7&#13;
&#13;
�Probleme bei den sogenannten neuen Bereichen haben,&#13;
in denen wir internationale Handelsregeln aufstellen&#13;
müssen.&#13;
Frage: Und die Vereinigten Staaten sind nicht daran&#13;
interessiert, an diesen Gesprächen teilzunehmen&#13;
(unverständlich)?&#13;
Hills: Die Vereinigten Staaten streben ein umfassendes weltweites Handelssystem an, und wir würden es&#13;
sehr begrüßen, wenn sich beispielsweise der Schutz&#13;
geistigen Eigentums auch auf Ostasien, Lateinamerika und die Entwicklungsländer erstrecken würde. Ich&#13;
möchte nochmals wiederholen, wir haben mit Deutschland weniger Probleme bezüglich Patentschutz und&#13;
Warenzeichen als mit Ostasien, Lateinamerika und&#13;
einigen der Entwicklungsländer. Es wird uns also&#13;
wenig bringen, einen Elitekodex mit den Industrienationen in einigen der Bereiche aufzustellen, in denen&#13;
unser vorrangiges Ziel darin besteht, ein Handelssystem aufzubauen, das den Welthandel regeln soll.&#13;
Ebenso wie Sie sind wir ein im internationalen Handel&#13;
tätiges Land, und deswegen benötigen wir Regeln mit&#13;
allen 100 Nationen, nicht nur einigen wenigen.&#13;
Frage: Welche Haltung nehmen Sie gegenüber der&#13;
EG ein?&#13;
Hills: Meines Erachten hat das Patt im Agrarbereich&#13;
die Verhandlungen äußerst negativ beeinflußt. Es hat&#13;
die europäischen Unterhändler beeinflußt, weil sie aus&#13;
meiner Sicht nicht daran interessiert sind, Fortschritte&#13;
in anderen Bereichen zu erzielen und befürchten, daß&#13;
sich das Augenmerk verschärft auf das Patt im Agrarbereich richten wird. Es kann sein, daß sie bewußt&#13;
oder unbewußt die Probleme in den anderen 14 Verhandlungsbereichen nicht klären. Darüber hinaus&#13;
betrifft das Scheitern der Agrarverhandlungen zweifelsohne auch unsere anderen Handelspartner, denn&#13;
es gibt viele, die sich schlicht und einfach geweigert&#13;
haben, über Marktzugang zu verhandeln, weil sie&#13;
ausschließlich eine Agrarreform wollen, die Marktzugang einbezieht, und da die Europäer hierzu kein&#13;
Angebot unterbreitet haben, sind sie nicht bereit, in&#13;
anderen Bereichen zu verhandeln. Wie ich bereits&#13;
gesagt habe, ist der Agrarbereich der Schlüssel. Er ist&#13;
in der Tat der Schlüssel für alle Teilnehmer, und dieses&#13;
Patt muß unbedingt aufgehoben werden, wenn wir&#13;
einen erfolgreichen Abschluß dieser Runde von Handelsgesprächen erzielen wollen, die uns im Hinblick&#13;
auf Wirtschaftswachstum, Wohlstand, Frieden und&#13;
Stabilität in den kommenden Jahren so viel geben&#13;
könnte.&#13;
Frage: Aber die Zeit wird jetzt wirklich knapp, und die&#13;
Frist läuft, glaube ich, in drei Wochen ab. Warum&#13;
haben Sie so lange gewartet, Druck auf die Europäer&#13;
auszuüben?&#13;
&#13;
Seite 8&#13;
&#13;
Hills: Wie Minister Yeutter bereits deutlich gesagt hat,&#13;
befinden sich meine Verhandlungspartner in Brüssel,&#13;
und ich treffe mich ziemlich regelmäßig mit ihnen. Die&#13;
Zeit ist knapp, aber wir nutzen sie gut. Ich habe diese&#13;
Reise in der Absicht angetreten, daß ich nicht auf diese&#13;
Verhandlungen zurückblicken will und sagen muß, ich&#13;
hätte nicht alles in meiner Macht Stehende versucht.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben mehr Vorschläge unterbreitet, sich im Hinblick auf die Liberalisierung des&#13;
Handels weiter aus dem Fenster gelehnt als jedes&#13;
andere an den Verhandlungen beteiligte Land, und wir&#13;
sind sehr für einen erfolgreichen Abschluß dieser&#13;
Runde von Handelsgesprächen - aber wir können es&#13;
nicht alleine schaffen.&#13;
Yeutter: Wie Sie wissen, ist die Frist zum Einbringen&#13;
der Handelsvorschläge am 15. Oktober abgelaufen.&#13;
Bedauerlicherweise hat die EG ihren Vorschlag jedoch&#13;
erst vor wenigen Tagen unterbreitet, und somit hatten&#13;
wir keine Möglichkeit, den Vorschlag zu erörtern, bevor&#13;
er in endgültiger Version vorlag.&#13;
Frage: Botschafter Hills, was bieten Sie neben dem&#13;
Airbus noch als Anreiz für einen erfolgreichen Abschluß der Gespräche für die Hauptstädte der EG?&#13;
Hills: Ich sehe den Airbus nicht als Anreiz. Es handelt&#13;
sich hierbei um ein bilaterales Problem zwischen Europa&#13;
und den Vereinigten Staaten, und unseres Erachtens&#13;
wirkt es in dem Sinne handelsverzerrend, daß Subventionen an das Airbus-Konsortium fließen und dies&#13;
umso mehr, seitdem man weiß, wie profitabel der A321 ist. Es scheint, daß hier kein Anlaß für weitere&#13;
Subventionen besteht. Mit all unseren Handelspartnern gibt es jedoch gewisse bilaterale Probleme. Ein&#13;
erfolgreicher Abschluß der Runde wird gelegentliche&#13;
Handelsdifferenzen nicht ausschließen - wir wollen&#13;
jedoch einen Mechanismus zur Beilegung von Differenzen schaffen, der ordentlich und prompt funktioniert, und dies ist eines unserer Ziele bei der UruguayRunde. Es wird sowohl dazu beitragen, unsere bilateralen Differenzen beizulegen als auch ein Handelssystem aufzubauen, so daß wir die Spielregeln kennen&#13;
und entsprechend vorgehen können.&#13;
Yeutter: Meines Erachtens bestehen im Agrarbereich&#13;
noch manifeste Probleme, nicht nur für die Vereinigten&#13;
Staaten sondern die ganze Welt. Meiner Einschätzung der Lage zufolge wird die EG international einem&#13;
sehr hohen politischen Preis bezahlen müssen, wenn&#13;
die Agrarverhandlungen scheitern, da praktisch die&#13;
gesamte übrige Welt geschlossen hinter Agrarvorschlägen steht, die zu einer bedeutsamen, substantiellen Agrarreform führen. Die EG wird sich also den Zorn&#13;
zahlreicher Nationen, insbesondere der Entwicklungsländer zuziehen, wenn die Agrarverhandlungen scheitern.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�Ich nehme an, dessen ist man sich hier in Westeuropa&#13;
bewußt. Wie ich bereits gesagt habe, wird dafür auch&#13;
ein sehr hoher wirtschaftlicher Preis zu bezahlen sein,&#13;
weil die daraus resultierenden Kontroversen ebenfalls&#13;
für alle mit Kosten verbunden sein werden, einschließlich der Europäischen Gemeinschaft.&#13;
Ich danke Ihnen und hoffe, Ihre Fragen wurden zufriedenstellend beantwortet.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
»&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
Seite 9&#13;
&#13;
�Ich nehme an, dessen ist man sich hier in Westeuropa&#13;
bewußt. Wie ich bereits gesagt habe, wird dafür auch&#13;
ein sehr hoher wirtschaftlicher Preis zu bezahlen sein,&#13;
weil die daraus resultierenden Kontroversen ebenfalls&#13;
für alle mit Kosten verbunden sein werden, einschließlich der Europäischen Gemeinschaft.&#13;
Ich danke Ihnen und hoffe, Ihre Fragen wurden zufriedenstellend beantwortet.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
/&#13;
&gt;&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
Seite 9&#13;
&#13;
�GATT&#13;
21. November 1990&#13;
&#13;
YEUTTER: BESSER KEIN GATT-ABKOMMEN&#13;
ALS EIN SCHLECHTES&#13;
Rede beim Royal Institute of International Affairs&#13;
LONDON - (AD) - US-Landwirtschaftsminister Clayton Yeutter zufolge würden die Vereinigten Staaten "kein&#13;
GATT-Abkommen einem schlechten vorziehen". Wie die meisten anderen Länder strebten sie jedoch ebenfalls&#13;
ein gutes Abkommen an.&#13;
In seiner Rede beim Royal Institute of International Affairs am 13. November 1990 fuhr Yeutter fort: "Wenn es&#13;
uns nicht gelingt, in Brüssel durchgreifende Agrarreformen zu erreichen, dann wird es nicht zu einer guten&#13;
Vereinbarung kommen, und überall, auch in den Vereinigten Staaten, wird sich der protektionistische Druck&#13;
verstärken. Handelskonflikte werden um sich greifen, und wie die Geschichte lehrt, gibt es in solchen Situationen&#13;
keine Gewinner: Wir alle werden die Verlierer sein, nur werden einige mehr verlieren als andere."&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Landwirtschaftsministers im Wortlaut:&#13;
&#13;
Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Ich freue&#13;
mich, heute hier sein zu können. Es ist für mich immer&#13;
ein Genuß, London zu besuchen - eine der wahrhaft&#13;
großen Städte der Welt. Besonders aber freue ich&#13;
mich darüber, daß diese Europareise auch die Gelegenheit bietet, bei einem solch hochkarätigen Forum&#13;
wie dem Royal Institute of International Affairs zu&#13;
sprechen. Ich möchte dem Institut für seine Einladung&#13;
zu einem Vortrag danken, denn sie kommt zu einem&#13;
entscheidenden Zeitpunkt.&#13;
Die Tunnelvision&#13;
In der britischen Presse wurde in den vergangenen&#13;
Wochen viel über den Bau des Kanaltunnels geschrieben. Vor weniger als 50 Jahren überquerten die&#13;
alliierten Truppen den Kanal, um die Strände der&#13;
Normandie zu erstürmen. Schon bald werden Franzosen, Deutsche, Niederländer - alle Bewohner Europas&#13;
- durch diesen Tunnel fahren. Ich weiß, daß dies nicht&#13;
jeden erfreut, aber ich jedenfalls bin beeindruckt von&#13;
der Vorstellungskraft derjenigen, die diesen Tunnel&#13;
erdacht haben: Dies ist einer der wenigen Fälle, in&#13;
denen sich die "Tunnelvision" als gut erweist. Zumindest ist der Symbolgehalt in diesem beginnenden&#13;
Zeitalter der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung angebracht.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
In den vergangenen 18 Monaten wurde die Welt von&#13;
außergewöhnlichen geopolitischen Umwälzungen&#13;
erschüttert: die Stimmen der Studenten in China, die&#13;
für die Freiheit demonstrierten - und starben - klingen&#13;
und noch in den Ohren. Die Gesichter der verarmten&#13;
und unterdrückten, für Freiheit und Demokratie kämpfenden Menschen in Polen, der Tschechoslowakei und&#13;
anderen Staaten Osteuropas haben sich in unser&#13;
Gedächtnis eingegraben. Und in Namibia, Panama,&#13;
Nicaragua - in einem Land nach dem anderen auf dem&#13;
ganzen Erdball - erlebt der Geist von Demokratie,&#13;
Freiheit des einzelnen und neuen Chancen einen&#13;
Aufschwung.&#13;
Aus jeder Stimme in all diesen Nationen - unabhängig&#13;
von der jeweiligen Landessprache - vernehmen wir&#13;
einen umißverständlichen Appell, der keiner Übersetzung bedarf: einen Schrei nach Frieden und Wohlstand, nach demokratischen Freiheiten und wirtschaftlichen Möglichkeiten, nach den Wesensmerkmalen&#13;
des Westens - der Visitenkarte Amerikas.&#13;
Und doch muß ich mich heute - hier in London - der&#13;
Tatsache erinnern, daß die Saat von Demokratie und&#13;
wirtschaftlicher Freiheit hier in Großbritannien gelegt&#13;
wurde, der Heimat einiger der größten politischen,&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�sozialen und wirtschaftstheoretischen Denker: Thomas Hobbes und John Locke, Edmund Burke und&#13;
John Stuart Mills, Adam Smith und John Maynard&#13;
Keynes sowie Winston Churchill und natürlich Margaret Thatcher.&#13;
Im Grunde ihres Herzens besaßen diese Männer und&#13;
Frauen - und dies gilt für alle großen Männer und&#13;
Frauen in der Geschichte - ein Verständnis dafür, daß&#13;
der einzelne Teil einer größeren Gemeinschaft ist,&#13;
einer Weltgemeinschaft, die durch gemeinsame Ziele&#13;
und gemeinsame Anliegen für den einzelnen, die Familie&#13;
und die Nation miteinander verbunden ist.&#13;
Über dieses geistige Bindeglied hinaus sind die Nationen im eigentlichen Sinne des Wortes durch Flugzeuge, Züge, Telefon und Post miteinander verbunden.&#13;
Wir sind wirtschaftlich miteinander verknüpft, da ganze&#13;
Volkswirtschaften aufgrund von Weizen in Kansas, ö l&#13;
im Nahen Osten, Unruhen in Afrika oder Südamerika&#13;
aufsteigen oder fallen. Und heute - und dies hat den&#13;
größten Symbolgehalt - werden Großbritannien und&#13;
Frankreich durch den Kanaltunnel miteinander verbunden. Wäre er heute bei uns, so würde John Donne&#13;
vielleicht sagen: "Keine Nation ist eine Insel, die ganz&#13;
für sich ist. Wir sind jeder ein Teil des wirtschaftlichen&#13;
Ganzen, ein Stück des Kontinents Mensch."&#13;
Wie visionär diese Worte heute klingen, da Nation auf&#13;
Nation danach strebt, den wirtschaftlichen und politischen Erfolg der Demokratien in der Welt nachzuahmen. Da sie genug von politischer Unterdrückung und&#13;
wirtschaftlicher Aushungerung haben, fordern sie heute&#13;
die Mitgliedschaft in der Weltgemeinschaft des Friedens und Wohlstands.&#13;
Wir befinden uns an einem Punkt in der Geschichte,&#13;
einem Zeitpunkt im Schicksal der Menschheit - wenn&#13;
ich Churchill einmal locker paraphrasieren darf -, an&#13;
dem große Dinge in Bewegung geraten sind und wir&#13;
lernen, daß wir geistig - über Raum und Zeit hinweg miteinander verbunden sind und wir - ob wir wollen&#13;
oder nicht - einem Ruf zur Erfüllung einer gemeinsamen Pflicht folgen müssen.&#13;
Dies ist die Zeit für Klarheit im Denken und globale&#13;
Perspektiven, für demokratische Initiative und wirtschaftliche Einbeziehung. Als diejenigen, die die Ramme der Demokratie und wirtschaftlicher Möglichkeiten&#13;
entzündet und gehütet haben, müssen wir uns fragen:&#13;
Können wir den weniger entwickelten Nationen und&#13;
den neu entstehenden Demokratien helfen, da wir uns&#13;
selbst noch helfen müssen?&#13;
Die Antwort lautet: Ja. Und die Lösung liegt direkt vor&#13;
uns. Sie heißt Uruguay-Runde des Allgemeinen ZoHund Handelsabkommens. Und wenn wir nicht der&#13;
"Tunnelvision" - der unerwünschten Art - erliegen,&#13;
dann können wir Erfolg haben.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
"Laissez Faire" • fair genug?&#13;
Daß die Freiheit des einzelnen und wirtschaftliche&#13;
Chancen auch heute lebendig sind, um den Impuls&#13;
dafür zu geben, haben wir zu einem großen Teil einem&#13;
anderen großen Briten zu verdanken: dem Schotten&#13;
Adam Smith. Vor 224 Jahren schrieb Smith ein Werk,&#13;
das zu einem der größten Dokumente des menschlichen Fortschritts geworden ist: sein epochales Traktat&#13;
über Nationalökonomie mit dem Titel The Wealth of&#13;
Nations. Smith verlieh den Gefühlen französischer&#13;
Kaufleute des 17. Jahrhunderts Ausdruck, die auf die&#13;
Frage des französischen Finanzministers Cotbert - der&#13;
eine Vorliebe für komplexe staatliche Vorschriften und&#13;
Bürokratien hatte -, was er für sie tun könne, angeblich&#13;
antworteten: "Laissez-nous faire", lassen Sie uns in&#13;
Ruhe.&#13;
Auf der anderen Seite des Ozeans machte sich eine&#13;
Handvoll aufstrebender, um ihre Existenz kämpfender&#13;
Kolonien Adam Smiths Konzept der wirtschaftlichen&#13;
Freiheit zunutze, fügten ihm gleiche Anteile von&#13;
Demokratie und individuellen Freiheiten hinzu und wie man so sagt, der Rest ist Geschichte. Vom&#13;
Standpunkt der Vereinigten Staaten betrachtet, war&#13;
die Verbindung dieser beiden großen Ideen äußerst&#13;
erfolgreich.&#13;
Und doch entstammt ein großer Teil des wirtschaftlichen Erfolgs der Vereinigten Staaten dem internationalen Handel. Dasselbe gilt für Großbritannien, Deutschland und Frankreich, wo Importe und Exporte zusammengenommen jeweils 38,3, 44,7 und 34,7 Prozent&#13;
des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Das gilt auch&#13;
für die Europäische Gemeinschaft als Ganzes, denn&#13;
der Anteil des Handels am Bruttoinlandsprodukt der&#13;
EG betrug im Jahr 1988 46,17 Prozent.&#13;
Ein Großteil dieses Handels vollzieht sich mit weniger&#13;
entwickelten Ländern. Deshalb ist es für die Industriestaaten von entscheidender Bedeutung, daß Entwicklungsländer und neu entstehende Industriestaaten stark&#13;
bleiben. Das heißt, daß sie den gleichen Zugang zu&#13;
den internationalen Märkten haben müssen, um ebenso zu wachsen wie Europa und die Vereinigten Staaten.&#13;
Es sollte also auf der Hand liegen, daß wir alle ein&#13;
entscheidendes Interesse am Erfolg der GATT-Verhandlungen haben. Und wir können einen erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde erzielen, wenn die&#13;
GATT-Unterhändler dies gestatten.&#13;
Leider läuft die Zeit ab. In nur drei Wochen treten die&#13;
GATT-UnterhäncHer erneut in Brüssel zusammen, um&#13;
einen endgültigen Beschluß zur Uruguay-Runde zu&#13;
fassen. Die Aussichten sind nicht rosig. Warum nicht?&#13;
Das hat eine Vielzahl von Gründen. Zum Teil haben&#13;
über die Jahre hinweg die mit dem Tunnel vision befa ß-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�ten Interessengruppen das GATT als Möglichkeit zur&#13;
Durchsetzung ihres eigenen Programms betrachtet,&#13;
und ausländerfeindliche Kräfte haben die öffentliche&#13;
Mißbilligung der weltweiten Zusammenarbeit für ihre&#13;
eigenen engstirnigen und selbstsüchtigen Ziele ausgeschlachtet.&#13;
Aber vor allem die Europäische Gemeinschaft hat&#13;
einen egoistischen und zögerlichen Ansatz bei den&#13;
Agrarverhandlungen des GATT verfolgt, und dies stellt&#13;
nun eine Bedrohung für die gesamte Uruguay-Runde&#13;
dar. Die Welt braucht aussagekräftige Reformen im&#13;
Agrarhandel, aber das hat die EG noch nicht erkannt.&#13;
Welche Signale sendet der jüngste europäische Vorschlag nun den Vereinigten Staaten? Eine oder mehrere&#13;
der folgenden Möglichkeiten: 1. vielleicht halten die&#13;
EG-Unterhändler die Vereinigten Staaten und andere&#13;
Länder im Hinblick auf Reformen im Agrarhandel nicht&#13;
für ernstzunehmend, 2. vielleicht hält die EG die europäische Landwirtschaft nicht für reformbedürftig, 3.&#13;
vielleicht ist es für die EG kein Beinbruch, wenn gar&#13;
kein neues GATT-Abkommen geschlossen wird.&#13;
Gestatten Sie mir, mein Weltuntergangsszenarium zu&#13;
Ende zu führen: für jeden, der eine oder mehrere der&#13;
obengenannten Annahmen zugrundelegt, wird es ein&#13;
böses Erwachen geben.&#13;
Täuschen wir uns nicht - die Verzerrungen im EGAgrarhandel sind sehr real und sehr kostenträchtig - für&#13;
die Vereinigten Staaten, viele Länder der dritten Welt&#13;
und die europäischen Verbraucher und Steuerzahler.&#13;
Nehmen wir zum Beispiel Getreide. Variable Importsteuern verteuern ausländisches Getreide in Europa&#13;
gegenüber EG-Getreide, Preisstützungen weit über&#13;
Weltmarktniveau regen zu Überproduktion an, und&#13;
dank dieser Stimulierung hat die EG-Getreideerzeugung jährliche Zuwachsraten zu verzeichnen, die 10&#13;
Prozent über der anderer Getreideexporteure liegen bei erheblicher Gefährdung der Umwelt. Exportsubventionen - mehr als 10 Milliarden Dollar in diesem Jahr&#13;
- bringen EG-Überschüsse auf den Weltmarkt und&#13;
unterbieten Konkurrenten.&#13;
Die Gesamtkosten dieser handelsverzerrenden Landwirtschaftspolitik für Steuerzahler und Verbraucher&#13;
der Industrieländer hat nunmehr 250 Milliarden Dollar&#13;
jährlich erreicht. Erzeuger in Entwicklungsländern&#13;
verlieren ganze 26 Milliarden Dollar Einkommen jährlich. Welch eine Verschwendung.&#13;
Und zu welchem Preis für den europäischen Verbraucher. Aufgrund von Verzerrungen im Handel kostet ein&#13;
Dutzend große Eier in Washington 1,11 Dollar, in Rom&#13;
2,02 Dollar, ein Kilo Cheddarkäse ist in Washington für&#13;
7,76 Dollar, in Bonn für 9,20 Dollar zu haben, ein Kilo&#13;
Grillhähnchen ist in Washington zum Preis von 2,23&#13;
Dollar erhältlich, in Paris kosten sie 6,49 Dollar. USFarmer berechnen 3,63 Dollar pro Scheffel Getreide&#13;
ab Schiff in Rotterdam, aber europäische Mühlenbesit-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
zer müssen aufgrund der EG-Importsteuern 8,75 Dollar&#13;
dafür zahlen.&#13;
Diese handelsverzerrenden Praktiken haben ernsthafte Auswirkungen für amerikanische Farmer. Eine&#13;
gierige EG-Politik hat die EG von einem der größten&#13;
Getreideimporteure - bei dem sich die Importe 1976&#13;
auf nahezu 30 Millionen Tonnen beliefen - zum zweitgrößten Getreideexporteur der Welt gemacht, der&#13;
1990 schätzungsweise 20 Millionen Tonnen exportieren wird.&#13;
Damit wurden in den letzten zwölf Jahren etwa 200&#13;
Millionen Tonnen ausländischer Getreideexporte - zu&#13;
einem großen Teil amerikanische - verdrängt. An&#13;
diesem Geschäft wurden nichteuropäische Landwirte&#13;
- die bereit wären, zu einem niedrigeren Preis zu&#13;
verkaufen - nicht beteiligt. US-Farmern entstanden&#13;
dabei Kosten in Milliardenhöhe. Das ist ein Verlust,&#13;
den wir nicht weiter hinnehmen können.&#13;
Dennoch hat die EG erst in der letzten Woche, nach&#13;
wochenlangen Debatten, ein Papier zur Landwirtschaft&#13;
vorgelegt, das einen Rückschritt von der 30prozentigen Reduzierung gegenüber dem Stand von 1986&#13;
bedeutet, den wir bereits früher vehement abgelehnt&#13;
haben. Ist das Fortschritt? Ist dies ernsthaftes Engagement für Reformen im Handel? Ist das die Art und&#13;
Weise, mit der die Uruguay-Runde zum Erfolg geführt&#13;
wird?&#13;
Amerika ist nicht der Wald von Nottingham, unsere&#13;
Farmer - und auch nicht die in Argentinien, Malaysia,&#13;
Ungarn, Kanada und andere Mitglieder der CairnsGruppe - sind keine Feudalherren, die die Armen der&#13;
Welt an den Bettelstab bringen. Wir werden und&#13;
können nicht tatenlos zusehen, wie unsere Farmer&#13;
aufgrund unfairer Handelsschranken und unhaltbarer&#13;
nationaler Subventionen internationale Märkte und&#13;
ihren Anteil am weltweiten Wohlstand verlieren.&#13;
Um ein letztes Mal Churchill anzuführen - niemals in&#13;
der Geschichte der Handelsgespräche hat es solch&#13;
eine Gelegenheit für so wenige gegeben, so vielen zu&#13;
helfen. Es ist deshalb nahezu grotesk, daß in diesen&#13;
letzten Verhandlungen so viele mit so großem Zeitaufwand so wenig ereicht haben.&#13;
Unsere Vorschläge für die Uruguay-Runde&#13;
Wenn die EG einen Mißerfolg der Uruguay-Runde und unnötige Konflikte in der Weltwirtschaft - vermeiden will, dann muß sie sich die Vorschläge der Vereinigten Staaten und der Cairns-Gruppe für die Landwirtschaft zu Herzen nehmen. Unser Vorschlag ist&#13;
sehr einfach: 1. Progressiver Abbau der Marktschranken um 75 Prozent in den nächsten zehn Jahren, 2.&#13;
Abbau der handelsverzerrenden nationalen Förderungen um 75 Prozent in den nächsten zehn Jahren, 3.&#13;
Abbau der Exportsubventionen um 90 Prozent in den&#13;
nächsten zehn Jahren und 4. Aufstellung von Gesund-&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�heitsnormen Und -Vorschriften - die oftmals lediglich&#13;
schlecht verschleierte Handelsschranken sind - auf&#13;
der Basis wissenschaftlicher Verfahren und Beweise.&#13;
Die Gerneinschaft hält dies für unrealistiisch, aber nur&#13;
Japan, das seine Importembargos für Reis aufrechterhalten will, scheint diese Auffassung zu teilen. Der&#13;
Rest der Welt demonstriert eindeutig die Bereitschaft,&#13;
Verpflichtungen in diesem Umfang - oder mit geringfügen Abweichungen - zur Liberalisierung im Handel&#13;
einzugehen.&#13;
Verlierer an alten Fronten&#13;
Ich habe bereits darauf verwiesen, und ich möchte&#13;
nochmals wiederholen, daß die Vereinigten Staaten&#13;
kein GATT-Abkommen einem unserer Ansicht nach&#13;
schlechten GATT-Abkommen vorziehen. Wir wollen&#13;
ebenso wie die meisten anderen Länder ein gutes&#13;
GATT-Abkommmen. Wenn es uns nicht gelingt, in&#13;
Brüssel durchgreifende Agrarreformen zu erreichen,&#13;
dann wird es nicht zu einer guten Vereinbarung kommen, und überall, auch in den Vereinigten Staaten,&#13;
wird sich der protektionische Druck verstärken. Handelskonflikte werden um sich greifen, und wie die&#13;
Geschichte lehrt, gibt es in solchen Situationen keine&#13;
Gewinner: Wir alle werden die Verlierer sein, nur&#13;
werden einige mehr verlieren als andere.&#13;
Wir sind noch nicht auf die hoffnungslose Lage eingegangen, in der sich die aufstrebenden Demokratien&#13;
und die Entwicklungsländer befinden würden. Diese&#13;
Länder müssen Handel treiben, wenn sie wachsen&#13;
&#13;
wollen und würden kaum ernsthafte lang andauernde&#13;
Handelskonflikte zwischen den Industrieländern überstehen. Da es sich um Käufer von Produkten der&#13;
Industrieländer handelt, würde jede Rezession in den&#13;
Entwicklungsländern die gegenwärtige Rückläufigkeit&#13;
in der Weltwirtschaft weiter verschärfen.&#13;
Ist dies lediglich eine angsteinflößende Taktik der&#13;
Vereinigten Staaten? Nein, es ist eine realistische&#13;
Bilanz der Uruguay-Runde, können wir etwas tun, um&#13;
einen solchen Alptraum in der Weltwirtschaft zu umgehen? Ja, wenn wir in der Uruguay-Runde ein Abkommen schließen, von dem wir alle profitieren. Was ist&#13;
dazu notwendig? Ein besserer Vorschlag der EG zur&#13;
Landwirtschaft.&#13;
Ohne durchgreifende Reformen In der Landwirtschaft&#13;
- die erheblich über den gegenwärtigen Vorschlag der&#13;
EG hinausgehen - wird es kein GATT-Abkommen&#13;
geben.&#13;
Aber mit Reformen in der Landwirtschaft und mit einem&#13;
neuen GATT-Abkommen, das auch andere Elemente&#13;
der Liberalisierung im Handel umfaßt, sind die Aussichten für Wachstum und Wohlstand auf beiden Seiten gesichert.&#13;
Ich hege die Hoffnung, daß klare Köpfe und eine&#13;
langfristige Betrachtungsweise der Weltwirtschaft hier&#13;
in Europa den Sieg davontragen werden, daß EGKommissare echte Reformen in der Landwirtschaft&#13;
ihrer Länder erreichen und daß wir alle vom Handel&#13;
zwischen unseren Ländern profitieren.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 46&#13;
&#13;
�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bush in Prag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush sagt der Tschechoslowakei Wirtschaftshilfe zu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor dem Parlament&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker sieht breite Unterstützung für Bushs Golfpolitik&lt;br /&gt;Pressekonferenz des Außenministers&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA: EG muss bei Fehlschlag der GATT-Runde hohen Preis zahlen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Landwirtschaftsminister Yeutter und der US-Handelsbeauftragten Hills&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Yeutter: besser kein GATT-Abkommen als ein schlechtes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim Royal Institute of International Affairs&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

21. Dezember 1983

51
INHALT

DOKUMENTATION
Reagan:

USA suchen keine Konfrontation im Nahen Osten

- Auszüge aus der Pressekonferenz vom 14. Dezember 1983
Amerikas Streben nach Frieden
- Ansprache des US-Gesandten Hans N. Tuch in Hamburg -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die amerikanischen Friedensanstrengungen im Nahen Osten 1967-1983
- Chronologie -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Zehn Raumtransporter-Flüge im Jahr 1984 geplant
Amerika und seine Nobelpreisträger
- Das besondere Forschungsklima für eine internationale Elite

Um Übcr/cn Jung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�51

21. Dezember 1983

REAGAN: USA SUCHEN KEINE KONFRONTATION IM NAHEN OSTEN
Auszüge aus der Pressekonferenz vom 14. Dezember 1983

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 14. Dezember 1983
betont, daß die amerikanischen Truppen im Libanon das Feuer erwidern werden,
wenn sie angegriffen würden. Gleichzeitig stellte der amerikanische Präsident auf einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz jedoch klar, daß
Washington keine Konfrontation in diesem Raum wolle.
Die wichtigsten Fragen und Antworten der Pressekonferenz haben folgenden Wortlaut:
FRAGE: Herr Präsident, Ihr Verteidigungsminister hat erklärt, daß
Syrien den Angriff auf die Soldaten des amerikanischen Marinekorps im Oktober
gefördert und dirigiert habe. Und viele Regierungsvertreter sprechen privat
davon, daß der Iran hinter den Angriffen in Kuwait und im Libanon stand. Meine
Frage ist: Werden wir Vergeltung üben gegen die Regierung Syriens und des
Iran?
ANTWORT:

Nein.

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�*

ANTWORT:

Nein.

Unsere Politik ist, daß wir nicht dort sind, um als

erster zu schießen oder in Kampfhandlungen einzutreten.

Aber ich werde un-

sere Soldaten niemals irgendwo hinschicken, wo es ihnen nicht erlaubt wäre,
sich zu verteidigen.
Und es ist auch unsere Politik gewesen, daß sie sich im Falle eines
Angriffes verteidigen.

Wir haben diese Fälle ja erlebt, und wir haben so eng

wie nur möglich gegen diejenigen zurückgeschlagen, von denen der Angriff wirklich ausging.

Wir wollen keinen Konflikt mit Syrien, und ganz gewiß sind

wir nicht dort, um in einen Krieg einzutreten.

Wir sind weiterhin um Kommu-

nikations- und Verhandlungsmöglichkeiten bemüht, um sie wissen zu lassen,
daß es keinerlei Probleme zwischen uns geben wird, wenn sie die Schießereien
auf uns einstellen.
FRAGE:

Aber wenn die iranische Regierung, der Ayatollah, hinter einigen

dieser Sachen steht, wie wollen wir dann den Iran davon überzeugen, dies einzustellen?
ANTWORT:

Man kann natürlich nicht vor Gericht gehen und sagen, daß Khomeni

dies angeordnet habe.

Wir wissen allerdings, daß eine Gruppe, die für diese

Angriffe die Verantwortung übernommen hat und dies auch im Hinblick auf zahlreiche andere Angriffe behauptet, ziemlich umfangreich zu sein scheint und
definitiv Verbindung zum Iran hat.

Ob da nun eine Verbindung zur Regierung

besteht oder ob es sich nur um Iraner handelt - nun, sie sagen Dinge, die
darauf hinweisen, daß sie an einer Art heiligem Krieg interessiert sind.

Sie

stellen eine Sekte in der islamischen Welt dar.
FRAGE:

Sie haben in Ihrer Rundfunkansprache vom vergangenen Samstag

gesagt, daß die Marinesoldaten im Libanon bleiben würden, bis das Land über
eine innere Stabilität verfügt.

Ist das nicht eine Verpflichtung ohne Ende,

bedeutet das nicht, daß dort immer mehr Soldaten sterben und daß Amerika
über viele Jahre hinweg dort involviert bleibt?
ANTWORT:

Nein.

�ANTWORT:

Nein.

Ich meine, wir machen dort größere Fortschritte, als

dies nach außen hin aussieht.

Das ursprüngliche Ziel war der Abzug der frem-

den Truppen und dann die Wiedereinsetzung der libanesischen Regierung, der
wir dann helfen - wie dies ja schon der Fall ist -, eine Streitmacht aufzustellen und auszubilden, die die Kontrolle über das eigene Territorium ausüben
kann...

Dieses Ziel besteht weiterhin, und wir sind bemüht, es zu verwirk-

lichen.
Es hat Fortschritte in Genf gegeben, wo die einzelnen opponierenden
Gruppen des Landes die Regierung Gemayel anerkannten und Einigung in bezug
auf diese Regierung erzielten.

Was nun die multilaterale Friedenstruppe an-

geht, so gibt es zwei Wege, um ihren Abzug zu erreichen.
wir unser Ziel verwirklichen können.

Der eine wäre, wenn

Der zweite wäre natürlich ein solcher

Zusammenbruch der Ordnung, daß man mit absoluter Sicherheit eine Lösung des
Problems ausschließen könnte.

Dann gäbe es keinen Grund mehr, daß diese

Truppe dort noch verbleibt.
FRAGE:

Wollen Sie damit sagen, Herr Präsident, daß Sie einen Abzug

der Marinesoldaten in Erwägung ziehen würden, wenn es so aussieht, als ob
die Regierung Gemayel ihre Autorität nicht über Beirut hinweg ausdehnen und
keine wie auch immer geartete Lösung anbieten könne?
ANTWORT:

Das ist eine hypothetische Frage.

Ich sage lediglich:

Wenn

es dort einen völligen Zusammenbruch gäbe und keine Möglichkeit für die Wiederherstellung der Ordnung bestünde, dann hätte die multinationale Friedenstruppe keinen Sinn mehr.

Ich möchte Sie jedoch darauf hinweisen, daß nicht

nur wir, sondern auch alle anderen in dieser Friedenstruppe vertretenen Länder
erst kürzlich ihre Überzeugung bekräftigt haben, daß unser Auftrag dort sinnvoll ist und daß wir alle dort bleiben werden.
FRAGE: Herr Präsident, gibt es nicht für Sie einen wachsenden politischen Druck, unsere Soldaten dort recht bald abzuziehen, und haben wir
nicht unsere Rolle als Friedensstifter verloren; sind wir nicht in die Rolle

- 3 -

�.

die Rolle der eskalierenden Gewalt geraten?

Meine Frage bezieht sich auf

Berichte, wonach Sie die Truppen vor dem Beginn der Nationalkonvente (der
Republikaner und der Demokraten) im kommenden Sommer abziehen werden?
ANTWORT:

Ich habe diese Berichte auch gesehen - keine Quellenangabe.

Aber jetzt haben Sie eine Quelle, und ich sage Ihnen eines:

Keine Entschei-

dung, die ich in dieser Hinsicht treffen werde, hängt mit der Wahl zusammen
oder mit den Konventen oder einer parteipolitischen Frage.

Ich habe im Ka-

binett immer wieder betont, daß ich von irgendwelchen parteipolitischen Verästelungen in so wichtigen Fragen nichts hören möchte.

Und was nun diese

Frage anbetrifft, so möchte ich sagen, daß es keine schwierigere Aufgabe
gibt, als unsere Soldaten an Orten einzusetzen, wo sie gefährdet sein könnten.

Und was wir in diesem Zusammenhang tun, stützt sich ganz gewiß nicht

auf parteipolitische Erwägungen.
FRAGE: Herr Präsident, eine Frage zur Rüstungskontrolle. Werden Sie
irgendetwas tun, irgendeine positive Maßnahme ergreifen, um die Sowjets an
den Verhandlungstisch zurückzubringen?
ANTWORT: Ja, wir versuchen, mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Und
ich muß annehmen, daß sie zurückkommen werden, weil dies zu ihrem Vorteil
ist. Durch ihre Rückkehr an den Verhandlungstisch können sie doch nur gewinnen. Wir sind also weiterhin zu einer Rüstungsverminderung entschlossen,
insbesondere bei den Kernwaffen. Und ich bin büerzeugt, daß wir bei konsequenter Verfolgung dieses Weges zu der Erkenntnis kommen werden, daß diese
Waffen weltweit ein für allemal geächtet werden sollten.
FRAGE:
ANTOWRT:

Wird es 1984 vielleicht zu einem Gipfeltreffen kommen?
Wollen Sie damit fragen, ob ich 1984 sehr beschäftigt sein

werde oder nicht?
nach dem Zeitpunkt.

Wenn die Zeit als solche reif ist, dann fragt man nicht
Wenn es die Chance und die Hinweise gibt, daß wir etwas

erreichen können, daß es eine Tagesordnung gibt, mit der für beide Seiten

- 4 -

�beide Seiten etwas herauskommt, dann haben Sie eine Gipfelkonferenz.

Aber

man setzt ein solches Treffen nicht an, nur um dann sagen zu können, wir
hatten eine Gipfelkonferenz, weil dann zu viele Leute enttäuscht wären.

r

- 5 -

�Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

51

21. Dezember 1983

AMERIKAS STREBEN NACH FRIEDEN
Ansprache des US-Gesandten Hans N. Tuch in Hamburg •

HAMBURG - (AD) - Der Gesandte an der amerikanischen Botschaft in Bonn,
Hans N. Tuch, Botschaftsrat für öffentliche Angelegenheiten, hat am 12. Dezember 1983 die Bemühungen der Vereinigten Staaten um den Frieden unterstrichen
und betont, daß der Frieden in Europa und Amerika kein Zufallsprodukt der Geographie, einer bestimmten Nationalität oder irgendeines sonstigen zufälligen
Faktors sei. Er sei vielmehr das Ergebnis einer bewußten, gezielten und erfolgreichen Politik der Länder des Atlantischen Bündnisses, sagte der Gesandte
in einer Ansprache im Haus Rissen.
Die Ansprache hat folgenden Wortlaut:
Wenn wir die heutige Welt betrachten, dann scheint der Frieden ein ferner Traum zu sein.

Im Nahen Osten liegt der Libanon in den Wehen eines schreck-

lichen Bürgerkrieges, und der Iran und der Irak liegen seit Jahren in einem
tödlichen Kampf.

In Afrika überzieht der fanatische Oberst Gadhafi alles mit

Terror und Subversion.
ungelöst.

Der Namibia- und der Angola-Konflikt sind noch immer

Die Hunderttausende von hungernden Flüchtlingen in Somalia spüren

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Somalia spüren vom Frieden nichts.
zung Afghanistans an.
ohne Frieden.

In Asien dauert die Invasion und Beset-

In Kampuchea leben die Menschen seit über 15 Jahren

In Mittelamerika werden Länder wie El Salvador und Nicaragua

von Leidenschaft und Terror vpn links und rechts heimgesucht.

Europa und

Nordamerika sind praktisch die einzigen Gebiete der Welt, wo es so etwas wie
Frieden gibt.

In der Tat:

In einer Welt, in der Aufruhr an der Tagesordnung

ist, erfreuen wir uns seit über 35 Jahren eines stabilen Friedens.
Frieden ist keine Politik,

sondern das Ziel der Politik.

Der Frie-

den in Europa und Amerika ist kein Zufallsprodukt der Geographie, einer bestimmten Nationalität oder irgendeines sonstigen zufälligen Faktors.

Er ist

das Ergebnis einer bewußten, gezielten und, ich möchte sagen, erfolgreichen
Politik der Länder des Atlantischen Bündnisses.

Wir haben nicht nur den

Frieden bewahrt, sondern es ist uns auch gelungen, unsere demokratischen
Systeme und unsere persönlichen Freiheiten zu erhalten.

Das ist eine der

großen Leistungen unserer Zeit.
Keine Nation kann diesen Erfolg für sich allein beanspruchen. Während
der letzten drei Jahrzehnte haben alle Mitglieder des Bündnisses ihren Beitrag geleistet. In letzter Zeit hört man jedoch immer mehr Stimmen, die behaupten, die Vereinigten Staaten hätten einen Kurs der Konfrontation eingeschlagen, der die Erhaltung des Friedens gefährde. Man spricht von einer
expansionistischen Politik Amerikas, von einer verantwortungslosen Politik,
sowie davon, daß wir uns in unseren nationalen Ambitionen und Praktiken als
Supermacht nicht sehr von der Sowjetunion unterscheiden.
Als Vertreter meines Landes in der Bundesrepublik Deutschland und als
jemand, der sich fast 35 Jahre lang mit dem deutsch-amerikanischen Verhältnis befaßt hat, halte ich es für meine Pflicht, dazu beizutragen, daß man
hier die amerikanische Außenpolitik kennen- und verstehen lernt, vor allem
in der jüngeren Generation der Deutschen, die die neue Führungsschicht in
Ihrer Gesellschaft bilden, und dadurch klarzustellen, für wie wichtig wir
unsere Partnerschaft für die Erhaltung von Frieden und Freiheit in unseren

- 2 -

�in unseren beiden Ländern betrachten.

Ich möchte daher heute abend über

das Streben Amerikas nach Frieden sprechen.
Ich bin mir zweier Faktoren bewußt, die meine Aufgabe erschweren:
Der erste ist, daß ich gelernt habe, daß es fast unmöglich ist, persönliche
Erfahrungen von einer Generation an die andere weiterzugeben.

Meine Genera-

tion fand es ebenso schwierig, Ereignisse und Entwicklungen zu begreifen, die
wir

nicht wie unsere Eltern persönlich erlebt hatten.

In ähnlicher Weise

fällt es der heutigen Generation junger Amerikaner und Deutscher schwer, Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau Deutschlands, die
Berliner Luftbrücke 1948 und 1949, den Aufstand in Ostdeutschland 1953 oder
den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO - um nur einige wenige
Beispiele zu nennen - so zu "verspüren", wie meine Zeitgenossen und ich dies
taten, die das persönlich

erlebt und erfahren haben.

Wir müssen das als

gegebene Tatsache akzeptieren und dürfen nicht unsere Enttäuschung über die
jungen Menschen wegen derer Interesselosigkeit und Unerfahrenheit in den
Fragen, mit denen sie sich in ihrer Zeit nicht auseinandersetzen mußten,
die Oberhand gewinnen lassen.
Jede Generation muß sich jedoch den Fragen und Problemen ihrer Zeit
stellen, muß versuchen, mit ihnen fertig zu werden, und sie nach ihren besten
Fähigkeiten lösen, wenn sie ihren Hoffnungen und Idealen gerecht werden will.
Ich bin überzeugt, daß die jungen Menschen der heutigen Generation das tun
wollen.

Ich bin gleichermaßen überzeugt, daß sie ihre eigenen Fragen und

Probleme leichter lösen könnten, wenn sie zurückblickten und sich mit dem
vertraut machten, was vor ihnen geschehen ist; wenn sie Ursachen und Wirkungen vergangener Ereignisse analysieren, die sie heute noch berühren - nicht,
daß sie Lösungen von gestern übernehmen sollten, sondern sie sollten aus
ihnen lernen.

Ich lehne die Theorie ab, daß man aus der Geschichte nichts

lernen könne - eine Theorie, die auch von einigen jungen amerikanischen Aktivisten Ende der sechziger Jahre eine kurze Zeit lang vehement vertreten
wurde.

Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber wir können aus ihr

lernen, und wir tun uns einen schlechten Gefallen, wenn wir uns den Lehren

- 3 -

�den Lehren verschließen, die sie uns vermitteln kann.
Ich habe, ganz offen gesagt, den Eindruck, daß viele intelligente
junge Menschen nicht ausreichend bedacht haben, was die Geschichte uns
lehren kann; und sie haben nicht genügend geistige Anstrengung darauf verwandt, Lehren aus der Geschichte zu ziehen.
Die zweite Schwierigkeit, die meine Aufgabe erschwert, ist die, daß
viele junge Menschen, mit denen ich gesprochen habe, entweder wenig über
die Vergangenheit Amerikas wissen oder ein verzerrtes Bild von den Zielen
und der Politik Amerikas haben, weil sie die amerikanische Geschichte
nicht richtig kennen.
Wenn wir also die Vereinigten Staaten für die Europäer von heute verständlich machen wollen, dann ist es meiner Meinung nach nützlich, einmal
zu untersuchen, was uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind.
Die Geschichte Amerikas ist relativ kurz. Es ist weniger als 190
Jahre her, daß der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
George Washington, nach Ablauf seiner Amtszeit im Jahre 1796 die neue Nation vor "verstrickenden Bündnissen" warnte - mit anderen Worten, wir sollten uns aus Europa heraushalten und uns auf die Entwicklung unseres eigenen gewaltigen Territoriums konzentrieren. Und - auch das sollte man
nicht vergessen - es gab 1923 die sogenannte Monroe-Doktrin, die Europa
warnen sollte, sich aus Amerika herauszuhalten. Fast das ganze 19. Jahrhundert überwog diese Isolation von Europa und Asien, und die amerikanische
Außenpolitik bestand im wesentlichen darin, keine Außenpolitik zu haben.
Das war auch - und das sollte man ebenso wenig vergessen - die Periode der
europäischen Expansion und des Kolonialismus in Afrika, Mittel- und Südostasien und die Zeit, als Armenien, Georgien, Aserbeidschan, Kasachstan,
Kirgisien, Turkestan und Usbekistan dem russischen Reich einverleibt wurden.
Der relative

�Der relative Mangel an einem Interesse Amerikas an den Geschicken
anderer Länder erklärt auch die Tatsache, daß die meisten amerikanischen
Präsidenten im 19. Jahrhundert - nach John Adams, Thomas Jefferson und
John Quincy Adams - wenig Erfahrungen in der Außenpolitik und Diplomatie besaßen.

Das war auch keine erforderliche Qualifikation für amerikanische

Präsidenten, die sich hauptsächlich Anliegen im Innern zuwandten, also der
Ausdehnung und Entwicklung der Vereinigten Staaten innerhalb ihrer eigenen
Grenzen.

Und das mag auch erklären, warum selbst in diesem Jahrhundert

viele der Männer, die zum Präsidenten gewählt wurden, vor ihrem Amtsantritt
wenig Erfahrung in der Außenpolitik hatten.
Unsere Tradition des Isolationismus wurde erstens bei Anbruch des
Ersten Weltkrieges unterbrochen - und dann nur kurz.

Woodrow Wilson, Ame-

rikas erster Präsident mit einer echten internationalen Perspektive - wie
man heute sagen würde - sah seinen Traum zerstört - den Traum einer internationalen Organisation, die Streitfälle beilegen und in der Zukunft solche
Ausbrüche der Gewalt verhindern würde, wie sie Europa fast vernichtet hatten.

Amerika war noch immer nicht bereit, seine isolationistische Tradition

aufzugeben.

Es gibt viele Menschen in meinem Lande, die heute noch diese

isolationistische Haltung in den zwanziger und in den dreißiger Jahren zumindest zum Teil für die Blindheit der westlichen Demokratien gegenüber dem
raschen und erfolgreichen Aufstieg der nationalsozialistischen Diktatur
Hitlers verantwortlich machen.
Aus dem Zweiten Weltkrieg gingen die Vereinigten Staaten als mächtigste Nation hervor.

Sie verfügten über ein gewaltiges militärisches Po-

tential; ihre Industrie war vom Krieg unbeschadet, und sie allein besaßen
die Atombombe.

Wenn die Vereinigten Staaten expansionistische Ambitionen

gehabt hätten, wenn sie nach der Weltherrschaft gestrebt hätten, dann hätte

sie niemand aufhalten können. Es ist wichtig, daß die heutige Generation

junger Europäer sich über diese Tatsache im klaren ist. Wir dachten weder
an Weltherrschaft noch wollten wir unsere Ideologie irgend jemandem aufzwingen.

Das gehörte damals nicht zum amerikanischen Wesen, noch gehört

es heute dazu.
Wenn wir

�Wenn wir solche Ambitionen gehabt hätten, dann hätten die Vereinigten
Staaten nicht ihre Streitkräfte bis 1948 auf ein Zehntel der Stärke von 1945
reduziert.

Und ebenso wenig hätten wir angeboten, unser Atommonopol aufzu-

geben und es einer strikten internationalen Kontrolle zu unterstellen, wie
wir das 1946 getan haben.

Ich bitte meine jungen europäischen Freunde, die

die Motive und Handlungen der beiden Supermächte gleichsetzen möchten, über
diese wichtige Tatsache nachzudenken und sie mit der Handlungsweise der Sowjetunion gegenüber den Völkern Litauens, Lettlands, Estlands, Polens, Ungarns,
der Tschechoslowakei, Rumäniens und ihren 17 Millionen Mitbürgern in der DDR
zu vergleichen.

Und ich bitte Sie um Verständnis dafür, daß viele Amerikaner

über die Stimmen aus Europa beunruhigt sind, die die Vereinigten Staaten der
Rücksichtslosigkeit und des Imperialismus beschuldigen und die Motive eines
Landes schmälern, das zweimal gekommen ist, um die Freiheit in Europa wiederherzustellen und heute in der Verpflichtung hier steht, diese Freiheit bewahren zu helfen.
Die Einsicht der amerikanischen Öffentlichkeit, daß die Vereinigten
Staaten eine große Verantwortung für eine neue Weltordnung übernehmen mußten - wie sie mit der Gründung der Vereinten Nationen ins Auge gefaßt wurde und daß sie den Mantel einer großen Weltmacht auf ihre Schultern nehmen mußten kam nicht über Nacht. Noch hat sich Amerika in diesem Mantel gefallen das gilt bis zum heutigen Tage. Wir haben viele Fehler gemacht und machen
heute noch welche, denn der Status einer Supermacht ist für viele meiner Mitbürger noch lange keine Selbstverständlichkeit. Lassen Sie mich nur ein Beispiel zitieren von dem, was ich hier meine. Wir Amerikaner müssen in vielen
Sachen die Haltung der Europäer besser begreifen. Es ist mir klar, daß wir
die anhaltenden Auswirkungen des zerstörerischen Zweiten Weltkrieges auf die
Haltung der jungen Europäer, und insbesondere junger Deutscher, manchmal
nicht richtig zu würdigen wissen. Eine Generation von Deutschen, der beigebracht wurde, der deutsche Militarismus und die deutsche Aggression hätten
Ihrem Lande Zerstörung, Schande und die anhaltende Teilung beigebracht, reagiert auf eine Nachrüstung mit verständlicher Bestürzung. Wir Amerikaner
müssen in solchen Fragen Einführungsvermögen und Nachsicht an den Tag legen.

- 6 -

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Zusammenarbeit
einiger kluger und entschlossener Männer und Frauen im amerikanischen Kongre
eine neue überparteiliche Außenpolitik für die Vereinigten Staaten, die der
neuen Position Amerikas als Weltmacht entsprach. Diese Außenpolitik besteht
aus fünf Hauptelementen:

Erhaltung des Friedens in der Welt,
Stärkung der Freiheit der Völker und der persönlichen Menschenrechte,
- Verhütung der

�- Verhütung der Kriegsdrohung durch nukleare Rüstungskontrolle und
Abrüstung,
- Widerstand gegen sowjetische Aggression und Expansion mittels Gewalt
oder Subversion,
- Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung jener, die sie brauchen
und wollen.
Ich darf wohl behaupten, daß diese fünf Konzepte unsere kontinuierliche Politik seit 35 Jahren sind.

Sie waren Richtschnur jeder Administra-

tion und standen im Mittelpunkt des amerikanischen Engagements in diesem
Zeitraum - sei es in Berlin, Korea, Santo Domingo, El Salvador, Grenada, im
Libanon, ja sogar, meine Damen und Herren, in Vietnam, wo wie ein Trauma wegen unseres eigenen Versagens davontrugen.
Natürlich hat sich die Welt in diesen 35 Jahren geändert, auch wir
haben uns geändert.

Die Drohung der Kernwaffen ist mit den Forschritten in

der Technologie gewachsen.

Die relative wirtschaftliche und militärische

Stärke der Staaten dieser Welt sowie unsere Fähigkeit zur Beeinflussung der
Entwicklungen in anderen Teilen der Welt haben sich verändert.

Aber was

sich nicht geändert hat, sind die Motive und Ziele der Vereinigten Staaten.
Heute abend würde ich gerne - im geschichtlichen Rahmen der amerikanischen Außenpolitik - kurz auf einen Aspekt dieser Politik näher eingehen:
Unsere Anstrengungen, den Frieden durch die Kontrolle der Atomwaffen und
durch Abrüstung zu bewahren.
Wie ich bereits erwähnte, besaßen die Vereinigten Staaten am Ende des
Zweiten Weltkrieges ein Monopol bei den Kernwaffen. Im Bewußtsein der furchtbaren Bedrohung, die die Atomwaffen für die Stabilität der Welt bedeuten
konnten, boten die Vereinigten Staaten im Jahr 1946 über den sogenannten
Baruch-Plan an, die Gewalt des Atoms unter internationale Kontrolle zu stel- 8 -

�Kontrolle zu stellen.

Die Vereinigten Staaten schlugen die Schaffung einer

Internationalen Atomenergie-Entwicklungsbehörde vor, die die Vollmacht erhalten sollte, ihre Vertreter in Staaten zu entsenden, um dort umfassende Inspektionen hinsichtlich der Verletzung des Vertrages durchzuführen.

Entschei

düngen der Behörden sollten nicht dem Veto im Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen unterworfen sein.

Dieser Vorschlag zu einer ersten und umfassenden

Kontrolle der Kernwaffen wurde von der Sowjetunion zurückgewiesen.
Präsident Eisenhower fühlte sich gleichfalls der Kontrolle der Kernwaffen verpflichtet.

Im April 1953 schlug er vor, daß die Staaten Grenzen

hinsichtlich jenes Anteils an der Gesamtproduktion von strategischen Materialien setzen sollten, der für militärische Zwecke vorgesehen war.

Er machte

außerdem den Vorschlag, daß die sich daraus ergebenden Einsparungen einem
Fonds zugute kommen sollten, der für Welthilfe und Wiederaufbau gedacht war.
Schließlich präsentierte er am 8. Dezember 1953 der Vollversammlung
der Vereinten Nationen seinen Plan "Atome für den Frieden", der die Schaffung einer internationalen Atomenergiebehörde forderte, die Beiträge von
solchen Staaten erhalten sollte, die Nuklearmaterial besaßen, die sie dann
zu friedlichen Zwecken verwenden sollte.
Bei einem Zusammentreffen mit den Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens und der UdSSR in Genf im Juli 1955 unterbreitete Präsident
Eisenhower seinen Vorschlag der "Offenen Himmel", der dazu dienen sollte,
die Staaten vor militärischer Aufrüstung und vor Überraschungsangriffen zu
schützen.

Er schlug vor, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten

übereinkommen sollten, sofort Kopien ihrer militärischen Anlagen auszutauschen und einander Möglichkeiten zur Luftaufklärung zur Verfügung zu stellen - als Sicherheit für beide Seiten gegen einen Überraschungsangriff.
Diesem Vorschlag fügte er im März 1956 eine Erklärung hinzu, wonach die
Vereinigten Staaten bereit waren, mit anderen Staaten die entsprechenden
Schutzvereinbarungen auszuarbeiten, damit die künftige Produktion von spaltbarem Material - gleich, an welchem Ort der Welt - nicht mehr dazu benützt

- 9 -

�dazu benutzt werden könnte, die Arsenale an Sprengmaterial zu vergrößern.
Präsident Kennedy verfolgte die amerikanischen Bemühungen um die
Rüstungskontrolle weiter.

Im September 1961 legte er den Vereinten Natio-

nen einen neuen amerikanischen Plan für eine allgemeine und vollständige
Abrüstung vor.

Der Präsident forderte erstens die sofortige Unterzeichnung

eines Teststoppvertrages, unabhängig von anderen Abrüstungsverhandlungen;
zweitens die Einstellung der Produktion von Kernwaffen und Verhinderung
ihrer Weitergabe an Nichtnuklearstaaten; drittens die Verhinderung eines
Transfers der Kontrolle von Kernwaffen an Nichtnuklearstaaten; viertens
ein Verbot von Kernwaffen im Weltraum; fünftens die schrittweise Vernichtung der vorhandenen Kernwaffen und die Übergabe des Nuklearanteils zur
friedlichen Verwendung; sechstens Einstellung der Erprobung und der Herstellung von Trägern für strategische Kernwaffen und schrittweise Zerstörung
der vorhandenen; und siebtens die Benennung nationaler Streitkräfte zur Abberufung durch die Vereinten Nationen, um die friedensbewahrenden Pflichten der Vereinten Nationen zu erfüllen und die Funktionsweise der friedenserhaltenden Maschinerie der Weltorganisation zu verbessern.
Meine Damen und Herren, ich könnte mit der Liste dessen, was geschichtliche Tatsachen sind, noch lange fortfahren - eine Liste, die zeigt, wie
Amerika immer wieder für die Kontrolle und die Verringerung der Atomwaffen
eingetreten ist. Und ich kann auch auf eine Reihe bedeutsamer Abkommen mit
der Sowjetunion verweisen: Das begrenzte Teststoppabkommen von 1963; das
amerikanisch-sowjetische Abkommen über einen Heißen Draht des Jahres 1963;
der Nichtweiterverbreitungsvertrag vom Juli 1968, wobei sich die Ratifizierung durch die Vereinigten Staaten wegen der sowjetischen Invasion der
Tschechoslowakei im August 1968 bis zum März 1969 verzögerte; SALT I im
Jahr 1972; das Abkommen über die Abwehr ballistischer Raketen von 1972; und
der "ertrag über die Begrenzung von unterirdischen Atomwaffenversuchen im
Jahr 1974.
Gegen Ende

- 10 -

�Gegen Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre sahen die
Vereinigten Staaten tatsächlich eine Chance zur Begrenzung der immer stärker
zunehmenden Kernwaffenarsenale.

Wir waren der Ansicht, eine neue Ära der

Nachkriegsgeschichte erreicht zu haben - eine Ära, in der die beiden Supermächte doch noch ein Übereinkommen hinsichtlich des Umfangs der Rüstungen
abschließen würden, in der die Atomwaffenversuche eingestellt würden und womöglich sogar mit einer Verringerung des Rüstungsniveaus begonnen würde.
Aber es war gerade in den siebziger Jahren, daß die Sowjetunion sich auf
einen Weg der beschleunigten Aufrüstung bei Kern- wie konventionellen Waffen begab - der massivsten militärischen Aufrüstung, die es je in der Geschichte gab.
Ich möchte hier nicht all die möglichen Motive untersuchen, die als
Gründe für das sowjetische Verhalten genannt worden sind. Lassen Sie mich
nur drei nennen, die meiner Ansicht nach zu den wahrscheinlichsten gehören:
- Erstens, die Geschichte der Expansion des russischen Kaiserreiches
während des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich auch nicht unter den
neueren sowjetischen Regierungen beändert hat;
- zweitens, die Dogmen des internationalen Kommunismus, die eine Verbreitung der kommunistischen Ideologie

mit allen Mitteln - ein-

schließlich militärischer Gewalt und Subversion - fordern; und
- drittens, eine Angst - die meiner Meinung nach übertrieben ist und
ans Paranoische grenzt - vor Angriffen und dem daraus resultierenden
Wunsch nach absoluter Sicherheit, der die Sicherheitsbedürfnisse anderer ignoriert und die Form exzessiver Aggressivität annimmt, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet.
Gleich, welche dieser Motive - oder welch andere - für das sowjetische
Handeln man akzeptiert oder verwirft, so gibt es doch Tatsachen, die man in
Erwägung ziehen muß:
Es wird
- 11 -

�Es wird Jahre dauern, bevor wir mit der Dislozierung der MX beginnen,
unserer ersten neuen Interkontinentalrakete seit 16 Jahren; aber seit der
Unterzeichnung des SALT I-Abkommens im Jahr 1972 haben die Sowjets drei neue
Typen von ballistischen Interkontinentalraketen entwickelt und disloziert die SS-17, SS-18 und SS-19 - die alle die Fähigkeit zu einem Erstschlag haben.
Die Indienststellung des ersten amerikanischen TRIDENT-Unterseeboots
im Jahr 1982 markierte das Ende eines Zeitraums von 15 Jahren, innerhalb
dessen die Vereinigten Staaten nicht ein einziges neues Unterseeboot mit
ballistischen Raketen bauten;die UdSSR jedoch hat seit 1972 Unterseeboote
in vier neuen oder verbesserten Klassen hergestellt, die Raketen abfeuern
können.
Seit 1977 haben die Sowjets 369 neue nukleare Mittelstreckenraketen
des Typs SS-20 mit über 1100 Gefechtsköpfen und mehr als 150 moderne Bomber
gebaut, die die Fähigkeit zu einem interkontinentalen Angriff haben. In
demselben Zeitraum ist nicht eine einzige vergleichbare amerikanische Rakete
und auch kein einziger Bomber disloziert worden.
Dies ist natürlich nur die Spitze des Waffeneisbergs, den die Sowjetunion geschaffen hat. Die Beweise - sowohl bei der konventionellen wie bei
der nuklearen Aufrüstung - sind deutlich und werden auch von der UdSSR nicht
abgestritten. Sie stellen eine beständig sich ausweitende sowjetische Militarisierung während eines Zeitraums dar, da die Verteidigungsausgaben einen
immer kleiner werdenden Anteil des Gesamthaushaltes der Vereinigten Staaten
ausmachten - eine Zeit, da sich die Vereinigten Staaten Zurückhaltung bei
der Entwicklung und Dislozierung neuer Waffen auferlegten - in der Hoffnung,
am Verhandlungstisch weitere Erfolge zu erzielen. Tatsächlich wurde das
von den Vereinigten Staaten unterhaltene nukleare Arsenal gegenüber seinem
Umfang im Jahr 1967 um ein Drittel verringert.
Natürlich bin ich mir der Tatsache bewußt, daß die Frage, die sich
jedermann am dringlichsten stellt, jene der Dislozierung neuer amerikanischer

- 12 -

�neuer amerikanischer nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa ist, mit der
eben begonnen wurde.

Ich weiß auch, daß alle hier Anwesenden völlig mit den

Gründen für diese Dislozierung vertraut sind, genau wie mit den Umständen,
unter denen sie zustande kam.

Seit 1979, als der Doppelbeschluß vom NATO-

Bündnis einstimmig angenommen wurde, haben wir uns darum bemüht, eine Verhandlungslösung für das bestehende Ungleichgewicht bei diesen Systemen zu
erreichen.

Unsere einzige Absicht war es, dieses Ungleichgewicht zu besei-

tigen, vorzugsweise,

indem alle Raketen dieser Klasse eliminiert werden.

Wir haben den Sowjets - und, wie ich hinzufügen möchte, unseren Kritikern
in Europa - immer wieder gesagt, daß der Weg zur Verhinderung der Dislozierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa der ist, daß
die Sowjets einer Beseitigung ihrer Raketen, der SS-20, zustimmen, die auf
europäische Ziele gerichtet sind.

Da dies nicht zu erreichen war, strebten

wir eine Zwischenlösung an, die als Ergebnis den niedrigstmöglichen Umfang
von nuklearen Mittel Streckenwaffen auf beiden Seiten gehabt hätte.
Sowjets lehnten alle diese Vorschläge ab.

Die

Die Haltung der Sowjetunion blieb

im wesentlichen während der ganzen Verhandlungen stets die gleiche:

"Die

Halb-Null-Lösung" - eine große Anzahl - ein Monopol - von SS-20 für die sowjetische Seite; keine vergleichbaren Raketen - Null - für die NATO.
Wir bedauern zutiefst den einseitigen sowjetischen Abbruch der INFVerhandlungen in Genf.

Während des gesamten Verhandlungszeitraums der ver-

gangenen zwei Jahre setzten die Sowjets die Dislozierung der SS-20 fort.
Wir haben den Verhandlungstisch nicht verlassen.

Ihr Verhandlungsabbruch

zu Beginn der NATO-Dislozierung ist völlig ungerechtfertigt.

Unsere Bereit-

schaft, am Verhandlungstisch zu bleiben, steht in Einklang mit der Geschichte
unserer Rüstungskontrollanstrengungen.
Präsident Reagan hat jüngst bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt,
daß "ein Atomkrieg niemals gewonnen werden kann und nie geführt werden darf."
Der kürzliche Abschuß eines unbewaffneten koreanischen Zivilflugzeuges mit
seinen 269 Passagieren und die anhaltende Aggression von über 100 000 sowjetischen Soldaten in Afghanistan sind nur zwei Beispiele, die erneut die Dring-

- 13 -

�die Dringlichkeit bestätigen, ausgewogene und verifizierbare Rüstungskontroi 1abkommen mit der Sowjetunion zu erreichen.

Die Sowjets haben sich als die

wirklich "Schießwütigen" dieser Welt erwiesen - als diejenigen, die zu Gewalt und Zwang greifen.

Nach dem Vorfall mit der koreanischen Maschine ver-

sicherte Präsident Reagan der Welt, daß seine Rüstungskontrollinitiativen bei START, INF und in anderen Foren
wortungslosen Verhaltens der Sowjets.
kundig.

weitergehen werden - trotz des verantDie Notwendigkeit hierfür ist offen-

Wir wollen die Gefahr einer nuklearen Konfrontation verhindern, wenn

die Sowjets das nächstemal beschließen, erst zu schießen und dann Fragen zu
stellen.
Präsident Lincoln sagte einmal: "Wir können der Geschichte nicht entrinnen. Wir... werden auch trotz unserer selbst in Erinnerung bleiben. Keinerlei Bedeutsamkeit oder Bedeutungslosigkeit des einzelnen wird diesen oder jenen von uns davon ausnehmen. Die Feuerprobe, durch die wir gehen, wird uns
in Ehre oder Ehrlosigkeit bis zur letzten Generation verfolgen. Wir, sogar
wir hier, haben die Macht und tragen die Verantwortung." Viele, einschließlich jener, die gegen die Kernwaffen demonstrieren, sind Widerhall dieser
Worte, wenn sie sagen, sie wollen nicht die Fehler ihrer Großväter wiederholen, die die drohenden Warnungen vor dem kommenden Unglück ignorierten.
Manche Menschen in unseren beiden Ländern meinen, der Weg zur Wahrung des
Friedens sei der, die drohende Aufrüstung der Sowjetunion zu ignorieren.
Auch wir fürchten die Kernwaffen und ihr schreckliches Potential für die
Menschheit. In dem Film "The Day After" (Der Tag danach) ist es nicht eine
europäische Stadt, sondern meine Heimatstadt Kansas City, die in einem nuklearen Holocaust zerstört wird. Hätten wir die Wahl, so würden wir es vorziehen, weder in Europa noch sonstwo neue Raketen stationieren zu müssen, ja
wir würden vorziehen, daß es überhaupt keine dieser Waffen gäbe. Aber wir
stehen nicht vor dieser Wahl. Unsere Aufgabe besteht darin, einen Weg auf
dem schmalen Grat zu finden, auf dem wir gehen, damit wir auf keiner Seite
in den Abgrund stürzen - weder in den Abgrund der nuklearen Zerstörung, noch
in den Abgrund der Unterdrückung und des Totalitarismus. Wir wollen den
kommenden Generationen weder eine Welt in Furcht vor der nuklearen Zerstörung noch eine Welt ohne Freiheit übergeben.
Die Sicherheitspolitik
- 14 -

�Die Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten ist über fast 40 Jahre
hinweg sowohl unter demokratischen als auch republikanischen Regierungen
konstant geblieben.

Sie stützte sich fest auf zwei Elemente:

Erstens kon-

zentrierten wir uns darauf, eine glaubwürdige Abschreckung aufrechtzuerhalten.

Dies bedeutet, daß unsere Gegner erkennen und begreifen, daß ein An-

griff auf die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sofortige Vergeltung
nach sich ziehen würde und daß daher ein Erstschlag scheitern müsse. Zweitens haben wir unsere Energien in aufrichtiger Weise darauf verwendet, nukleare Rüstungskontrolle herbeizuführen, die die Stabilität fördern und die Aussichten auf echte Abrüstung verbessern würden.
Diese Politik hat dem amerikanischen Volk schwere Lasten auferlegt.
Wir haben Milliarden für Verteidigung und Abschreckung ausgegeben; wir mußten amerikanische Truppen Tausende von Meilen von ihrer Heimat entfernt unterhalten, und wir mußten - wie Sie - lernen, mit den Gefahren und Bedrohungen
zu leben, die gegen uns gerichtet sind, während wir für die Verteidigung
der Werte einstehen, die wir gemeinsam haben: nämlich, unsere Menschenrechte als Einzelmenschen, unsere Herrschaft des Rechts als demokratische Gesellschaften und unsere Freiheit als Nationen.

Und wenn wir mit jenen

sprechen, die gegen die Strategie der nuklearen Abschreckung demonstrieren
und sich für einseitige Abrüstung einsetzen, dann tun wir gut daran, sie
daran zu erinnern, daß unsere Politik den Frieden und die Freiheit für uns
alle im Atlantischen Bündnis nahezu zwei Generationen lang erfolgreich gewährleistet hat.
Erlauben Sie mir, mit etwas zu schließen, was für mich eine grundsätzliche Frage ist:

nämlich das Problem des Vertrauens.

Die Frage der Kern-

waffen zur Massenvernichtung ist teilweise eine emotionale Frage, eine Frage
der tiefverwurzelten Angst. Viele Menschen haben auch Angst, sich auf die
Vereinigten Staaten zu verlassen.

Wir können das nicht bestreiten.

läßt sich nie ganz rational erklären.

Das müssen wir einsehen.

Angst

Auch Ver-

trauen ist kein rationales Konzept, aber es kann eher rational erklärt und
begründet werden.

Die Grundfrage, die sich Deutsche heute stellen müssen,

- 15 -

�stellen müssen, ist die - wem sie vertrauen wollen. Auf der einen Seite
haben Sie einen Partner, die Vereinigten Staaten und das amerikanische Volk,
zu dem Sie 35 Jahre lang enge und beiderseits vorteilhafte Beziehungen hatten; der Ihnen geholfen hat, nach dem Zweiten Weltkrieg Ihr Land wieder aufzubauen; der die Bevölkerung von Berlin gerettet hat, die sonst zwischen
Verhungern oder Unterwerfung zu wählen gehabt hätte; der rund 250 000 Soldaten auf Ihrem Boden unterhält als Beweis für seine Verpflichtung zur gemeinsamen Verteidigung Europas; der durch dick und dünn Ihr Freund und Verbündeter war. Auf der anderen Seite haben Sie einen Staat, der einen großen
Teil Europas, darunter 17 Millionen Ihrer Landsleute, unterworfen hat; der
die Weltrevolution predigt, aber alle einkerkert, die frei reden oder beten
wollen; ein Staat, der in wehrlose Nachbarländer einmarschiert und Ihr Land
mit einer verheerenden Rüstung bedroht.
Selbstverständlich kann nur das deutsche Volk als freie Einzelmenschen
und kollektiv als Nation darüber entscheiden, wem es vertrauen will, wer
seine Freunde sind. Die Bundesrepublik Deutschland hat ihre Wahl getroffen,
sich uns in einem Bündnis anzuschließen, das in dem Grundziel des Friedens
in Freiheit vereint ist - und wir sind stolz, die Bundesrepublik Deutschland
als gleichen und souveränen Partner zu haben.
Wenn unsere beiden Völker sich jetzt dem Ende des Jahres nähern, in
dem wir der Beziehungen unserer beiden Völker nicht nur seit 35 Jahren,
sondern seit 300 Jahren gedachten, dann sollten wir einen Moment innehalten
und an die historische Bedeutung dieser Beziehung denken. Diese Verbindung seit 300 Jahren kann nicht allein rational erklärt werden. Es geht hier
auch um eine gefühlsmäßige Erfahrung - eine Erfahrung, die uns in Verwandtschaft und Freundschaft fest verbindet. Wollen wir uns darauf besinnen, daß
wir unseren Kindern und Kindeskindern die Erhaltung dieser Beziehung schulden.
Erlauben Sie mir, mit einem Satz aus der Heiligen Schrift zu schließen
"Wo keine Vision ist, wird das Volk untergehen".
Wollen wir
- 16 -

�Wollen wir in gemeinsamer Vision uns u n ^ v ^
schreiben. « , c h derE r h a l t u n g von
^
tion und die kommenden Generationen.

+ + + + +

17 -

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Genera

�21. Dezember 1983

51

DIE AMERIKANISCHEN FRIEDENSANSTRENGUNGEN IM NAHEN OSTEN 1967-1983
Chronologie

WASHINGTON - (AD) - Jede amerikanische Regierung seit 1948 hat sich aktiv um einen Frieden zwischen Israel und den arabischen Staaten bemüht. Die
nachfolgende Chronologie zeigt anhand wichtiger Ereignisse, Erklärungen und
Dokumente diese Bemühungen seit dem Krieg vom Juni 1967.
Juni 1967: Präsident Lyndon B. Johnson legt Prinzipien für einen Frieden im Nahen Osten fest:

Nach Abschluß des Sechstagekrieges zwischen Israel

und seinen arabischen Nachbarn (5. bis 11. Juni 1967) hatten israelische Truppen ein doppelt so großes Gebiet besetzt wie das innerhalb der Vorkriegsgrenzen Israels - die gesamte Sinai-Halbinsel bis zum Suezkanal, den Gaza-Streifen,
das Gebiet am Westufer
Höhen.

des Jordan (West Bank), Ostjerusalem und die Golan-

Während des Konflikts hatten sich die Vereinigten Staaten in den Ver-

einten Nationen um einen Waffenstillstand bemüht und legten am 8. Juni im
Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf vor, in dem Gespräche der Beteiligten
durch die Heranziehung eines Drittlandes oder der Vereinten Nationen gefordert wurde, um einen stabilen und dauerhaften Frieden im Nahen Osten herbeizuführen.

In einer Rede am 19. Juni zeigte Johnson die Grundlagen für einen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�für einen solchen Frieden auf:

Anerkennung der nationalen Existenz, freie

Durchfahrt durch den Suezkanal, Begrenzung des Wettrüstens und Achtung der
politischen Unabhängigkeit und territorialen Integrität.
Juli 1967: Botschafter Arthur Goldberg gibt vor der Vollversammlung der
Vereinten Nationen eine Erklärung zur Jerusalem-Frage ab.
Am 28. Juni 1967 hatte Israel die Schaffung einer vereinten zentralen
Verwaltung für die Stadt Jerusalem bekanntgegeben.

Das amerikanische Außen-

ministerium gab sofort eine Erklärung heraus, in der darauf hingewiesen wurde,
daß einseitige Handlungen nicht den zukünftigen Status der Stadt präjudizieren könnten.

Bei der Abstimmung über Resolutionen, die auf der Sondersit-

zung der Vollversammlung der Vereinten Nationen eingebracht und in denen die
Handlungen Israels verurteilt wurden, enthielten sich die Vereinigten Staaten
wegen Differenzen über Formulierungen der Stimme.

In der Begründung der Stimm-

enthaltung durch Botschafter Goldberg am 14. Juli wurde eine Reihe amtlicher
amerikanischer Stellungnahmen zusammengefaßt.

Die Vereinigten Staaten, so er-

klärte er, seinen nicht der Auffassung, daß das Jerusalem-Problem für sich allein und getrennt von den anderen Elementen einer friedlichen Lösung im Nahen
Osten behandelt werden könne.

Dieser Standpunkt wurde von der Nixon- und der

Carter-Administration bekräftigt.
August-September 1967: Die Konferenz der arabischen Staatschefs in
Khartum (29. August bis 1. September) verabschiedet eine Resolution.

Während

sich die Großmächte weiterhin um eine Resolution des Sicherheitsrates bemühten, die einen Abzug Israels im Rahmen der Anerkennung und des Friedens vorsehen sollte, faßten mehrere arabische Staatschefs in Khartum den Beschluß:
Keinen Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels und keine Verhandlungen
mit Israel.
November 1967: Am 22. November 1967 wird die Sicherheitsresolution
Nr. 242 einstimmig verabschiedet.

Sie ist die Krönung von sechsmonatigen

Verhandlungen unter den Großmächten, Israel und mehreren arabischen Staaten

- 2 -

�arabischen Staaten und ein ausgewogener Kompromiß.

Die Vereinigten Staaten

hatten am 7. November einen Resolutionsentwurf eingebracht, der jedoch nicht
die erforderliche Unterstützung fand; daher unterstützten sie dann den britischen Resolutionsentwurf.

Die Resolution 242 fordert unter anderem den Ab-

zug Israels aus den im jüngsten Konflikt besetzten Gebieten und Einstellung
aller kriegerischen Ansprüche und des Kriegeszustandes sowie die Anerkennung
der Souveränität, der territorialen Integrität und der politischen Unabhängigkeit aller Staaten des Gebietes.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen

ernannte den schwedischen Diplomaten Gunnar Jarring zum Sonderbeauftragten für
die Erfüllung der Resolution.
Juli 1969:

In der Jerusalem-Frage stimmen die Vereinigten Staaten für

die Sicherheitsratsresolution Nr. 267.
Nach weiteren israelischen Maßnahmen zur Eingliederung Ostjerusalems
stimmten die Vereinigten Staaten für die am 3. Juli einstimmig verabschiedete
Resolution und bekräftigten den nach dem Juni-Krieg von der Johnson-Administration eingenommenen Standpunkt. In der Resolution werden alle Maßnahmen für
eine Änderung des Status der Stadt verurteilt und Israel aufgefordert, alle
getroffenen Maßnahmen aufzuheben.
Dezember 1969: Außenminister Rogers legt einen Friedensplan vor.
Im Frühjahr 1969 traten die Vereinigten Staaten in vierseitige Verhandlungen mit Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion sowie in bilaterale Verhandlungen mit der Sowjetunion ein, um eine vereinbarte Auslegung
der Resolution 242 zu finden, die der Sonderbeauftragte Gunnar Jarring benutzen könnte. Die Rede von Außenminister Rogers vom 9. Dezember 1969 ließ die
amerikanische Haltung in dieser Verhandlung erkennen und bot Formeln für eine
Lösung des ägyptisch-israelischen Teils des Streits.
Rogers erklärte: "Unsere Politik ist es, die Araber zu ermutigen,
einen ständigen Frieden auf der Grundlage bindender Abkommen zu akzeptieren

- 3 -

�zu akzeptieren und die Israelis zum Abzug aus den besetzten Gebieten aufzufordern, wenn die territoriale Integrität im Sinne der Resolution des Sicherheitsrates gewährleistet ist."
August 1970:

Das Waffenstillstands/Stillhalteabkommen:

Die Kämpfe am

Suezkanal nahmen im Frühjahr 1970 wieder rasch zu, als Ägypten sowjetische
Boden-Luft-Raketen installierte und Israel eine Reihe weit in ägyptisches Gebiet hineinreichende Luftangriffe durchführte.

Im Juni ergriffen die Vereinig-

ten Staaten eine Friedensinitiative, die auf einen Waffenstillstand und die
Wiederaufnahme der Jarring-Gespräche abzielte.

Ende Juli nahmen die Vereinig-

ten Arabische Republik, Jordanien und Israel den amerikanischen Vorschlag an;
das WaffenstilIstandsabkommen trat am 7. August 1970 in Kraft.
Februar 1971: Die Jarring-Mission: Die Wiederaufnahme der JarringGespräche verzögerte sich um einige Monate, da sich Israel und Ägypten gegenseitig Verletzungen des Waffenstillstands/Stillhalteabkommens vorwarfen.
Schließlich konnte Jarring im Januar 1971 seine Mission wieder aufnehmen,
und am 8. Februar übermittelte er der israelischen und der ägyptischen Regierung gleichlautende Aide-Memoires, in denen parallele und gleichzeitige
Verpflichtungen bezüglich des Friedens, des Abzuges und anderer Fragen verlangt wurden, um den toten Punkt zwischen beiden Seiten zu überwinden. Die
Antwort Ägyptens vom 15. Februar ließ zum erstenmal eine Bereitschaft erkennen, unter bestimmten Bedingungen ein Friedensabkommen mit Israel abzuschließen. Am 26. Februar teilte Israel mit, daß es die meisten Bestimmungen des
Jarring-Memorandums akzeptiere, bedang sich jedoch aus, sich auf sichere,
anerkannte und vereinbarte in einem Friedensvertrag festzulegende Grenzen
zurückzuziehen und nicht auf die Grenzen von vor dem 5. Juni 1967. Nach diesen Mitteilungen kam Jarring weiter mit den Parteien zusammen, konnte aber
die Verhandlungen nicht voranbringen.
Februar 1971: Amerikanische Friedensbemühungen:

Präsident Nixon be-

kräftigte in einem außenpolitischen Bericht an den Kongreß die amerikanischen
Grundsätze für einen Frieden im Nahen Osten und faßte die Friedensbemühungen
der Vereinigten Staaten und der Vereinten Nationen zusammen.
- 4 -

"Die Suche nach

�"Die Suche nach Frieden - vor allem eine arabisch-israelische Regelung - und
das Streben nach einem stabilen amerikanisch-sowjetischen Verhältnis, das zur
Erhaltung der Unabhängigkeit und Integrität

jeder Nation

in diesem Gebiet

beiträgt, werden unsere oberste Priorität bleiben".
Oktober 1973: Der Oktober-Krieg und die Sicherheitsresolution 338:
Am 6. Oktober 1973 führte Ägypten einen Überraschungsangriff über den
Suezkanal hinweg gegen israelische Streitkräfte an der Bar Lev-Linie. Gleichzeitig griff Syrien israelische Stellungen auf den Golan-Höhen an.

Während

der Kämpfe bemühten sich die Vereinigten Staaten in den Vereinten Nationen um
einen Waffenstillstand und flogen militärische Nachschubgüter nach Israel,
nachdem die Sowjetunion begonnen hatte, solchen Nachschub nach Syrien und
Ägypten einzufliegen. Außenminister Henry Kissinger besuchte am 20. Oktober
Moskau, und am folgenden Tag brachten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gemeinsam im Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf ein, in dem ein
Waffenstillstand und die Verwirklichung der Resolution 242 gefordert wurde.
Am 22. Oktober wurde der Entwurf als Resolution 338 angenommen.
November 1973: Ägyptisch-israelisches Waffenstillstandsabkommen:
Trotz der Annahme der Sicherheitsresolution 338 gingen die Kämpfe an
der ägyptisch-israelischen Front weiter. Außenminister Kissinger arbeitete
auf seinen Reisen nach Kairo und Jerusalem am 7. und 8. November die Einzelheiten eines Waffenstillstandes aus. Das in dem Schreiben Kissingers an den
Generalsekretär der Vereinten Nationen enthaltene Abkommen

wurde am 11. No-

vember von Vertretern Israels und Ägyptens am Kilometer 101 der Straße entlang des Suezkanals unterzeichnet.
Dezember 1973: Die Genfer Friedenskonferenz:
Am 21. November 1973 schlug Außenminister Kissinger eine Friedenskonferenz für den folgenden Monat vor, an der die Vereinigten Staaten, die Sowjet-

- 5 -

�die Sowjetunion sowie Vertreter der kriegführenden Parteien und der Generalsekretär der Vereinten Nationen teilnehmen sollten.

Die Konferenz sollte

die Differenzen zwischen den Parteien einengen, um eine Verwirklichung der
Resolution 242 zu ermöglichen.
in Genf.

Die Konferenz begann am 21. Dezember 1973

Vertreten waren die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Israel,

Ägypten, Jordanien und die Vereinten Nationen; Syrien weigerte sich teilzunehmen.

Man einigte sich auf Gespräche über ein Auseinanderrücken der is-

raelischen und ägyptischen Truppen am Suezkanal.
Januar 1974: Das erste ägyptisch-israelische Entflechtungsabkommen:
Zwischen dem 11. und 17. Januar 1974, reiste Außenminister Kissinger
zwischen Assuan und Jerusalem hin und her und erreichte ein ägyptisch-israelisches Abkommen über ein Auseinanderrücken der Streitkräfte.

Zwischen

die Truppen sollte eine Friedensstreitmacht der Vereinten Nationen rücken.
Die Vereinigten Staaten übernahmen die Rolle des Nahost-Friedensvermittlers.
Mai 1974: Das israelisch-syrische Entflechtungsabkommen:
Zwischen dem 28. April und 30. Mai 1974 reiste Außenminister Kissinger
zwischen Damaskus und Tel Aviv hin und her und erreichte ein israelischsyrisches Abkommen über ein Auseinanderrücken ihrer Streitkräfte auf den Golan
Höhen. Am 31. Mai 1974 unterzeichneten Vertreter Israels und Syriens das formelle Abkommen, in dem die Sicherheitsresolution 338 als Grundlage für einen
Frieden anerkannt wurde. Dies wurde als erste indirekte syrische Anerkennung
der Resolution 242 angesehen. Die Zerstörung der Stadt Kuneitra durch die
Israelis vor dem Abzug verschärfte jedoch das ohnehin gespannte Verhältnis
zwischen beiden Staaten.
Oktober 1974: Die Gipfelkonferenz der Arabischen Liga unterstützt die
PLO (Kommunique vom 29. Oktober):
Das Interesse

�Das Interesse daran, ein Abkommen über ein Auseinanderrücken entlang
der israelisch-jordanischen Front zu erzielen, führte dazu, daß sich die Aufmerksamkeit auf die Frage einer palästinensischen Repräsentation bei möglichen
Verhandlungen konzentrierte.

In Rabat erklärten die arabischen Führer, daß

die Palästinensische Befreiungsorganisation "der einzige legitime Vertreter
des palästinensischen Volkes" sei. Einige Wochen später bekräftigte Außenminister Kissinger erneut die amerikanische Position hinsichtlich der PLO.
Der Außenminister erklärte:

"Es ist den Vereinigten Staaten unmöglich, Ver-

handlungen mit der PLO zu empfehlen, solange die PLO nicht die Existenz Israels als eines legitimen Staates akzeptiert.

Solange die PLO-Vorschläge,

in welcher Form auch immer, die Zerstörung Israels beinhalten, sehen wir nicht
viel Hoffnung für Verhandlungen mit der PLO."
September 1975: Zweites ägyptisch-israelisches Truppenentflechtungsabkommen:
Während die Genfer Verhandlungen hinsichtlich der Frage der Repräsentation der Palästinenser in der Schwebe blieb, leiteten die Vereinigten Staaten eine größere Anstrengung in die Wege, um zwischen Ägypten und Israel ein
zweites Entflechtungsabkommen zu erreichen. Außenminister Kissinger besuchte zwischen dem 10. und 15. Februar 1975 sowie zwischen dem 8. und 23. März
1975 den Nahen Osten. Präsident Gerald Ford traf sich am 1. Juli in Salzburg mit Präsident Anwar Sadat und später im Monat mit Premierminister Yitzhak
Rabin in Washington. Außenminister Kissinger traf auch weiterhin mit israelischen Regierungsvertretern zusanmen und begann am 20. August eine weitere Mission in den Nahen Osten. Arr 1. September wurde ein zweites Entflechtungsabkommen angekündigt, am 4. September wurde das Abkommen förmlich unterzeichnet. Unter anderem sah das Abkonmen eine freie Durchfahrt für Israel
durch den Suezkanal, die Rückgabe der Sinai-Ölfelder und aller strategischen
Pässe an Ägypten, eine Verpflichtung zur Einhaltung des Friedens für drei Jahre sowie die Errichtung eines FrühwarrSystems im Sinai vor. Am 16. September wurden die Texte von drei bislang t^heimen Dokumenten im Zusammenhang mit
den Abkommen veröffentlicht. Diese umfaßten Vereinbarungen zwischen den Ver-

- 7 -

�den Vereinigten Staaten und Israel hinsichtlich der Ölversorgung und die vorgeschlagene Wiederaufnahme der Genfer Konferenz sowie Zusicherungen der Vereinigten Staaten gegenüber Israel und Ägypten.

Am 16. Oktober nahm der Kongreß

eine Gemeinsame Resolution an, die die Stationierung amerikanischer Techniker
bei der Frühwarnstation im Sinai genehmigte.
Dezember 1975:

Forderung nach Wiederaufnahme der Genfer Friedenskonfe-

renz:
Am 8. November 1975 schlug die Sowjetunion die Wiederaufnahme der Genfer
Konferenz unter voller Beteiligung der Palästinensischen Befreiungsorganisation vor.

Die amerikanische Antwort vom 1. Dezember empfahl, ein vorbereiten-

des Treffen abzuhalten, auf dem eine mögliche PLO-Beteiligung an einer späteren Konferenz diskutiert werden könnte, wobei hierfür die Zustimmung aller
Parteien nötig sein würde und eine Beteiligung auf der Grundlage der Resolution 242 und 338 des Sicherheitsrates zu erfolgen hätte.

Am 18. Dezember

lehnte die Sowjetunion formell den amerikanischen Vorschlag ab.
Januar 1976:
Frieden:

Anstrengungen zur Überprüfung der Grundlagen für den

Am 12. Januar begann der UN-Sicherheitsrat mit seinen Erörterungen
der arabisch-israelischen Frage und erlaubte per Abstimmung der Palästinensischen Befreiungsorganisation die Teilnahme an der Debatte. Am 26. Januar
legten die Vereinigten Staaten ihr Veto gegen einen Vertragsentwurf ein, der
praktisch die Resolution 242 als Grundlage für eine Lösung des Nahostproblems
ersetzt hätte.
März 1977:

Unterstützung Carters für ein palästinensisches "Heimat-

land":
In einer Ansprache Präsident Carters in Clinton, Massachusetts, am
16. März 1977 war die erste Unterstützung eines amerikanischen Präsidenten

- 8 -

�amerikanischen Präsidenten für ein palästinensisches "Heimatland" enthalten.
Carter wies am 12. Juli 1977 darauf hin, daß er es persönlich vorzöge, "daß
dieses palästinensische'Gebilde'... an Jordanien angebunden und nicht unabhängig sein sollte."
Dezember 1977: Die PLO weist die Sadat-Initiative zurück:
Der aufsehenerregende Besuch von Präsident Sadat in Jerusalem vom 19.
bis 21. November 1977 änderte den Verlauf der Friedensbemühungen. Das amerikanische Interesse an einem Neuzusammentritt der Genfer Konferenz wurde durch
die Anstrengungen ersetzt, den Friedensprozeß auf der Grundlage der SadatInitiative voranzutreiben. Die PLO und ablehnende arabische Staaten trafen
sich vom 2. bis 5. Dezember in Tripolis.um die Initiative zu verwerfen. Die
während des Treffens am 4. Dezember veröffentlichte PLO-Erklärung verurteilte
nicht nur den Sadat-Besuch, sondern lehnte auch die Resolutionen 242 und 338
als Grundlage für Verhandlungen ab.
September 1978: Die Camp-David-Abkommen:
Nach Monaten der erfolglosen amerikanischen Bemühungen, zwischen
Ägypten und Israel eine Grundlage für eine Einigung zu erreichen, ludt Präsident Carter Ministerpräsident Begin und Präsident Sadat ein, sich mit ihm
in Camp David, Maryland, dem Wochenendsitz des Präsidenten, zu treffen.

Vom

5. September 1977 an trafen sich 12 Tage lang ägyptische, israelische und
amerikanische Regierungsvertreter in aller Heimlichkeit.

Am späten Abend

des 17. September flogen die drei Staatsmänner ins Weiße Haus zurück, um
zwei Rahmenabkommen zu unterzeichnen, die während der Verhandlungen erarbeitet worden waren.

Eine Reihe von Begleitschreiben zeigte die amerikanischen

Positionen hinsichtlich mehrerer Fragen auf - einschließlich der Sinai-Regelungen, der Jerusalem-Frage, der Sinai-Flugplätze und eines umfassenden Friedens.
Die beiden Abkommen hießen "Rahmenbedingungen für den Frieden im Nahen
Osten, vereinbart in Camp David" und "Rahmenbedingungen für den Abschluß
- 9 -

�den Abschluß eines Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel."
März 1979:

Der ägyptisch-israelische Friedensvertrag:

Die Verhandlungen für den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag begannen am 12. Oktober 1978 in Washington und dauerten mit Unterbrechungen
die nächsten fünfeinhalb Monate an.

Während dieser Zeit unternahmen Außen-

minister Cyrus Vance und andere hohe amerikanische Regierungsvertreter mehrere Reisen in den Nahen Osten; im Bemühen, ein Abkommen zu erreichen, wurde
auch in Camp David ein Ministertreffen abgehalten.
Nach dem Scheitern dieses Treffens in Camp David schaltete sich Präsident Carter noch einmal persönlich in den Friedensprozeß ein.

Durch eine

Reihe von Gesprächen zwischen Carter und Begin in Washington, zwischen Carter
und Sadat in Kairo sowie zwischen Carter und Begin in Jerusalem gelang es,
aus der Verhandlungssackgasse herauszukommen.

Am 26. März 1979 wurde in

Washington der Friedensvertrag unterzeichnet.

Auch hier begleitete eine Reihe

erklärender Schreiben und ergänzender Memoranda den Abschluß des grundlegenden Abkommens.
Mai 1979: Palästinensische Autonomiegespräche:
Am 25. Mai 1979 trafen sich ägyptische und israelische Regierungsvertreter in Beersheba in Israel, um Gespräche über eine palästinensische Autonomie zu beginnen, wie dies in einem Briefwechsel vorgesehen war, der dem
ägyptisch-israelischen Friedensvertrag beigefügt war. Jordanien lehnte eine
Einladung zur Teilnahme an den Gesprächen ab. Außenminister Cyrus Vance
nahm an der Eröffnungssitzung teil. Die Autonomiegespräche dauerten mit Unter
brechungen die nächsten zwei Jahre an, brachten jedoch keinen nennenswerten
Fortschritt.
Juni 1981:

Israelische Flugzeuge bombardieren einen irakischen Reaktor:
Am 7. Juni
- 10 -

�Am 7. Juni zerstörten israelische Kampfflugzeuge "Osirak", den Kernreaktor des Irak in der Nähe von Bagdad.

Auch die Vereinigten Staaten gehör-

ten zu den Ländern, die diesen Angriff verurteilten, desgleichen die Sowjetunion und Frankreich, das dem Irak den Reaktor verkauft hatte.

Israel wies

die Kritik aus Sicherheitsgründen zurück.
August 1981: Multinationale Streitkräfte und Beobachter im Sinai:
Im Frühjahr 1981 lehnten es die Vereinten Nationen ab, die zur Aufrechterhai tung des Friedens nötigen Truppen bereitzustellen, die - laut
Forderung des ägyptisch-israelischen Vertrages - im Sinai zwischen den
ägyptischen und israelischen Streitkräften staioniert werden sollten.

Dar-

aufhin organisierten die Vereinigten Staaten die multinationalen Streitkräfte
und die entsprechenden Beobachter.

Am 3. August 1981 unterzeichneten der

ägyptische und der israelische Botschafter in den Vereinigten Staaten das
Protokoll - von den Vereinigten Staaten als Zeuge gleichfalls unterzeichnet -.mittels dessen die Sinai-Streitmacht aufgestellt wird.

Dadurch wurde

der Weg für den abschließenden Rückzug Israels aus dem Sinai am 25. April
1982 geebnet.
Dezember 1981:

Israel annektiert die Golan-Höhen:

Die Regierung von Ministerpräsident Begin stimmte am 14. Dezember einem
Gesetz zu, durch das die 1967 besetzten Golan-Höhen Syriens annektiert wurden.
Begin erklärte seinen Entschluß, seine seit langem bestehende Absicht auszuführen, damit, daß Syrien in jüngster Zeit eine immer "extremistischere" Position eingenommen habe.

Die Reagan-Administration erklärte sofort, die

Annektierung verletze die Camp-David-Vereinbarungen.
Juni 1982:

Die israelische Invasion des Libanon:

Am 6. Juni begann die Invasion der israelischen Streitkräfte im Libanon,
nachdem dieser Artilleriegefechte mit der PLO in den südlichen Grenzgebieten

- 11 -

�südlichen Grenzgebieten vorausgegangen waren;rasch stießen die Truppen nordwärts vor, um Beirut zu belagern.

Ziel war, die PLO und Truppen der Syrer

aus dem südlichen Libanon zu vertreiben.

Innerhalb einer Woche hatte Israel

praktisch die Kontrolle über die südlichen 40 Prozent des Landes.

Am 11.

Juli handelte Botschafter Philip Habib, Präsident Reagans Sonderbotschafter,
einen Waffenstillstand aus - den ersten in einer ganzen Reihe bis hin in den
August.
August 1982: Abzug der PLO wird ausgehandelt:
Gegen Ende August endete die israelische Belagerung von Beirut mit
der Evakutierung der PLO aus der Stadt gemäß einem von Botschafter Habib
ausgehandelten Abkommen.

Eine multinattionale Streitmacht (MNF) aus amerika-

nischen, französischen, italienischen und britischen Truppenkontingenten überwachte die Evakuierung.
September 1982:

Die Friedensinitiative Präsident Reagans:

Die israelische Invasion des Libanon im Juni lenkte die amerikanischen
Friedensbemühungen auf das Ziel, einen Waffenstillstand für dieses Land zu
erreichen und einen Truppenabzug zu vereinbaren. Die Friedensinitiative von
Präsident Reagan, in einer Rede am 1. September 1982 dargelegt, konzentrierte
ihre Bemühungen auf eine umfassende Regelung. Indem er auf einen Neubeginn
bei den Friedensverhandlungen drängte, erklärte der Präsident, die folgenden
Punkte seien von zentraler Bedeutung: Selbstverwaltung der Palästinenser im
Westjordanland und im Gazastreifen in Assoziation mit Jordanien; Einfrieren
der Siedlungspolitik der Israelis; Garantien für die Sicherheit Israels; ein
ungeteiltes Jerusalem, wobei dessen endgültiger Status auf dem Verhandlungsweg zu entscheiden sei. Obgleich alle an dem Disput beteiligten Parteien
positive Elemente in der Initiative erblickten, wurde sie dennoch bislang
nicht als Grundlage von Verhandlungen akzeptiert. Die israelische Regierung
wies die Initiative mit dem Argument zurück, sie stehe im Widerspruch zu den
Camp David-Vereinbarungen. Auf dem Gipfeltreffen der Arabischen Liga eine Woche

- 12 -

�eine Woche später in Fes wurde kein Kommentar dazu abgegeben.

König Hussein

von Jordanien akzeptierte die Vorstellungen von einem gemeinsamen palästinensisch-jordanischen Ausschuß als einen Schritt in Richtung auf eine künftige formelle Beziehung zwischen dem Westjordanland und Jordanien.
September 1982:

Die Gipfelkonferenz der Arabischen Liga billigt Frie-

densplan:
Die Gipfelkonferenz der Arabischen Liga in Fes in Marokko kündigte am
9. September einen 8-Punkte-Friedensplan an, der an den erinnerte, den der
ehemalige saudische Kronprinz (und jetzige König) Fahd im August 1981 vorgelegt hatte.

Zu den Grundlagen des Planes gehörte der Abzug der israelischen

Streitkräfte aus allen 1967 besetzten Gebieten, Beseitigung der nach 1967
auf arabischen Territorien errichteten Siedlungen, Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates und Friedensgarantien des Sicherheitsrates
"für alle Staaten der Region."
September 1982:

Massaker in den Beiruter Flüchtlingslagern und erneuter

Einsatz der multinationalen Friedenstruppe:
Die multinationale Friedenstruppe hatte ihren Abzug aus dem Libanon
nach der Evakuierung der PLO gerade beendet, als sich die Lage sofort verschlechterte.

Am 14. September wurde der zum Präsidenten des Libanon gewähl-

te Bashir Gemayel ermordet,und schon am nächsten Tag marschierten israelische
Truppen in Beirut ein.

Angehörige der Christlichen Milizen stürmten in die

Flüchtlingslager von Sabra und Shatila und töteten vom 16. bis zum 18. September Hunderte der Bewohner.

Auf entsprechende Bitten hin sandte Präsident

Reagan am 20. September amerikanische Truppen in den Libanon zurück, um dabei
zu helfen, die vor einer Woche abgezogene multinationale Friedenstruppe wieder einzusetzen.
Oktober 1983:

Mandat der UN-Truppen wird verlängert:
Der Sicherheitsrat
- 13 -

�Der Sicherheitsrat verlängerte das Mandat der UN-Interims-Friedenstruppe (UNIFIL) im Libanon für weitere sechs Monate.

Die Truppe wurde im

März 1978 nach der ersten israelischen Invasion des Libanon aufgestellt, um
den Abzug der Israelis zu überwachen und der libanesischen Regierung dabei
behilflich zu sein, ihre Autorität auch wieder auf den Süden auszudehnen.
November 1983:

Das Mandat für die UN-Beobachter wird erneuert:

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erneuerte das Mandat der
UN-Beobachter für die Entflechtungsmaßnahmen (UNDOF) für weitere sechs Monate bis zum 31. Mai 1984.

Eingesetzt im Jahr 1974, überwachen diese den

Waffenstillstand und das Entflechtungsabkommen zwischen Israel und Syrien
auf den Golan-Höhen.

+ + + + +

- 14

�Wi//en/chcift
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America
21. Dezember 1983

51

ZEHN RAUMTRANSPORTER-FLÜGE IM JAHR 1984 GEPLANT

- (AD) - Die amerikanische Behörde für Luft- und Raumfahrt (NASA) plant
für 1984 zehn Flüge mit Raumtransportern, von denen dann bereits drei Geräte
zur Verfügung stehen werden.

Wie James M. Beggs, der Administrator der NASA,

jetzt in Washington vor Journalisten erklärte, sei im Herbst der zweite Einsatz
des europäischen Weltraumlabors SPACELAB vorgesehen.
Eine wichtige Aufgabe sei, so Beggs, das Rendezvous mit dem Forschungssatelliten SOLARMAX, der im Jahr 1980 zur Beobachtung von Gas- und Strahlungsausbrüchen auf der Sonne gestartet wurde, jedoch funktionsunfähig geworden ist.
Er soll von einem Astronauten, der sich mit Hilfe eines mit kleinen Rückstoßraketen arbeitenden Manövriergeräts zu dem Satelliten begibt, stabilisiert und
dann mit dem Robotarm des Space Shuttle an Bord geholt werden.

Nach der Reparatur

der eingetretenen Schäden wird das Forschungsgerät vermutlich wieder im Weltraum
abgesetzt.

Bei SOLARMAX handelt es sich wegen der neuen Untersuchungen zu

Problemen der Sonnenaktivität um einen sehr wichtigen Satelliten.

Bei dem

Ausstiegsmanöver wird sich der Astronaut zum ersten Mal völlig frei bewegen
und nicht am Raumtransporter "angehängt" sein.

Wie schon mehrfach geschehen,

werden auch im nächsten Jahr wieder Nachrichtensatelliten mit dem Raumtransporter
in eine Erdumlaufbahn transportiert und dort zur Stationierung an ihrem Standort
im Weltraum abgesetzt.

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Sechs der acht Astronautinnen im Team der NASA nehmen an einigen der
Flüge teil.

So wird beispielsweise im August Dr. Sally Ride, die bereits im

Juni 1983 bei STS-7 dabei war, gemeinsam mit ihrer Kollegin Kathryn Süllivan,
einer Geologin, ein Spezialverfahren zum Auftanken von Satelliten erproben.
Bei diesem Einsatz soll K. Süllivan als erste Frau ein Außenbordmanöver
unternehmen.
Für den nächsten Raumtransporterflug, der Ende Januar 1984 starten soll,
sieht Beggs trotz des Ausfalls von zwei der fünf Computer beim COLUMBIASPACELAB-Einsatz im Dezember 1983 und des Brandes an einem Hilfstriebwerk bei
der Landung nicht die Gefahr einer Terminverschiebung.

Der Brand sei offenbar

die Folge des Aussickerns von Hydrazin-Treibstoff an einem der drei Hilfstriebwerke gewesen, die hydraulischen Druck erzeugen.

Bei einem Computer wird

das Versagen auf einen Programmierfehler zurückgeführt, beim zweiten ist man
sich über die Ursache noch nicht im klaren.
In den nächsten 25 Jahren beabsichtige die NASA, so Beggs, eine Reihe von
Projekten in erdnahen Umlaufbahnen durchzuführen, die u.a. meteorologische
Probleme und die Emission von Schadstoffen betreffen. Man wisse beispielsweise,
daß große Mengen von Kohlendioxid in die Erdatmosphäre gelangen, jedoch sei über
die langfristigen Auswirkungen von CO2 sehr wenig bekannt. Auch fürchte man,
daß die Zerstörung der Regenwälder durch den Menschen der Atmosphäre schadet.
Zwischen den längeren Perioden in der Sonnenaktivität und dem Wettergeschehen
auf der Erde scheine eine enge Beziehung zu bestehen. Verstünde man diese
besser, seien auch genauere Wettervorhersagen zu erwarten.
Für Astronomie-Forschungen möchte die NASA künftig Instrumente einsetzen,
die sehr detaillierte Untersuchungen zulassen und rund um die Uhr die Sterne
beobachten.

Beggs erwähnte,daß inzwischen mindestens 50 Sterne mit einem

eigenen Planetensystem bekannt seien.
Anfang 1984

�Anfang 1984 beabsichtigt die US-Regierung, Richtlinien über die Zulassung
von Nicht-Astronauten zu Raumflügen zu veröffentlichen.

Diese Personen sollen

als Beobachter an Space-Shuttle-Unternehmen teilnehmen können.

In der weiteren

Zukunft werde man auf Raumstationen als Startplattform für Unternehmen zur
genaueren Erforschung der Planeten, zunächst des Mars, nicht verzichten können.
Die Industrie zeigt immer mehr Interesse an einer Beteiligung an Raumfahrtprojekten, erklärte Beggs. Die NASA unternehme ihrerseits große Anstrengungen,
einen Technologie-Transfer von der Raumfahrttechnik in die Privatwirtschaft zu
erleichtern.

Gegenwärtig halte sie jeden Monat Konferenzen mit Industriever-

tretern ab, auf denen die wissenschaftlichen Studien erörtert werden, die die
NASA durchführt.

+ + + ++

- 3

�21. Dezember 1983

51

AMERIKA UND SEINE NOBELPREISTRÄGER
Das besondere Forschungsklima für eine internationale Elite -

- (AD) - Am 10. Dezember 1983 nahmen in Stockholm fünf Amerikaner Nobelpreise entgegen - Barbara McClintock den Preis für Medizin, William Fowler
und Subrahmanyan Chandrasekhar den Preis für Physik, Henry Taube den Preis für
Chemie und Gerard Debreu den Preis für Wirtschaftswissenschaften.

Als ein

paar Monate zuvor bekannt wurde, wer 1983 ausgezeichnet wird, nahmen viele
Amerikaner mit Stolz zur Kenntnis, daß alle Nobelpreise für wissenschaftliche
Leistungen an Forscher in den Vereinigten Staaten gefallen waren.

Auch wurde

auf die Tatsache verwiesen, daß drei von ihnen, nämlich Chandrasekhar, Taube
und Debreu, keine gebürtigen Amerikaner sind.
Schon einige Jahrzehnte lang bedarf es kaum mehr irgendwelcher Spekulationen, ob Nobelpreise in die USA vergeben werden.

Seit 1950 gingen 23

Preise für Physik, 15 für Chemie und 26 für Medizin oder Physiologie an Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten.
Bürger der USA.

Viele von ihnen sind naturalisierte

Der erst 1969 geschaffene Preis für Wirtschaftswissenschaften

wurde inzwischen an 12 Amerikaner verliehen.

Auch von diesen Laureaten sind

einige keine gebürtigen Amerikaner - drei erwarben erst nach Abschluß ihres

Postfach 20 03 00 Tel 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Abschluß ihres Studiums im Ausland die amerikanische Staatsbürgerschaft, der
vierte war als Kind in die Vereinigten Staaten gekommen.
Der Erfolg von 1983 belebte erneut die Diskussion um zwei Fragen:

Wie

kommt es, daß so häufig Amerikaner mit dieser hohen Auszeichnung bedacht werden?

Und weshalb sind unter den ausgezeichneten Wissenschaftlern so viele

naturalisierte Bürger der USA?
Obleich es kaum präzise Antworten dazu geben kann, sind doch die meisten
überzeugt, daß Amerika eine "Atmosphäre" besitzt, in der Wissenschaftler ihr
Bestes geben können, und in der man ihre Anstrengungen zu würdigen weiß und
unterstützt.
In einer vor kurzem vom "Wall Street Journal" durchgeführten Untersuchung
wurde festgestellt, daß Forschen in den Vereinigten Staaten weniger durch hochmoderne Apparaturen und Laboratorien - auf die die USA ohnehin kein Monopol
haben -, sondern durch den offenen Wettbewerb um Forschungsgelder, die verhältnismäßig geringe bürokratische Kontrolle und die Bereitschaft amerikanischer
Wissenschaftler, auch gegenüber Vorgesetzten abweichende Meinungen zu vertreten, erleichtert wird.
Dies alles dürfte zu dem beitragen, was wohl ein Schlüssel für Innovationen ist - d.h. zu einer geistigen Umwelt, die Forscher anregt, sich voll
und ganz neuen und erregenden Problemen zu widmen, welche eigentlich erst bei
offenem Ideenaustausch zutage treten. Die Zeitung zitiert einen Wissenschaftler aus der Bundesrepublik, der in den Vereinigten Staaten arbeitet und ein
attraktives Angebot aus Europa ablehnte, weil, wie er sagte, "nur Amerika die
richtige Atmosphäre gibt, um gute wissenschaftliche Forschung zu betreiben".
Andere in dem "Wall Street Journal"-Artikel zitierten Wissenschaftler
sehen diese Atmosphäre als eine Folge der Aufgeschlossenheit in den Departments
von Universitäten, im interuniversitären Bereich und im Austausch zwischen akademischer und industrieller Forschung. So empfand es der französische Wissen-

9
-

i-

�\

^

französische Wissenschaftler Guy Mayer regelrecht als "Schock" bei seinem
ersten Besuch in den Vereinigten Staaten, als berühmte Autoritäten nicht
nur bereit waren, einen Besucher zu empfangen, sondern ihm sogar freie Zeit
für zwanglose Gespräche zu widmen.
Der Wirtschaftswissenschaftler John Kendrick (George Washington-Universität) spricht davon, wie wichtig eine geistig anregende Atmosphäre, aber
auch die Tatsache sei, "daß wir uns herausfordern lassen und selbst herausfordern".

Eine solche Atmosphäre werde zielbewußt durch die häufigen Zusam-

menkünfte, Tagungen und Seminare gefördert, wo Gelehrte und Forscher Ideen
austauschen können.

Das "National Bureau of Economic Exchange" in New York

sei speziell zur Unterstützung eines solchen Austauschs ins Leben gerufen
worden.

"Es gibt eine gewisse kritische Masse (von Ideen)", meint Kendrick,

"die für den Fortschritt notwendig ist, und die amerikanische Institutionen
bewußt zu schaffen suchen".
Dr. Arno Penzias, Vizepräsident für Forschung der AT &amp; T Bell-Laboratorien, zeigt einen weiteren Aspekt auf:

Penzias, selbst Nobelpreisträger

für Physik, beschränkt sich nicht auf die Forschungsarbeit in den Bell-Laboratorien.

Er nimmt auch Lehraufträge an der Harvard-Universität und der

Princeton-Universität, an der Universität von Pennsylvanien und der Staatsuniversität New York in Stony Brook wahr.

Seine Tätigkeit ist ein Beispiel

für den Brückenschlag zwischen der Welt der Universitäten und der Welt der
Industrie.
In einem Interview, das Penzias kürzlich einem Journalisten vom USInformationsamt (USIA) gab, verwies er darauf, daß der besondere Vorteil
dieses Brückenschlages darin liege, dem Wissenschaftler die Möglichkeit zur
Auseinandersetzung mit neuen Ideen und neuen Meinungen zu geben.

Der Austausch

zwischen Universität und Industrie sei von sehr praktischer Bedeutung, denn
durch ihn werden "die Dinge gemischt", und er verhindere die Isolierung des
Wissenschaftlers.

"Was in Universitäten und in der Industrie gebraucht wird,

sind Ideen", meinte er.

Diese Tatsache habe man in der pragmatischen ameri-

kanischen Weise erkannt; schließlich sei Pragmatismus ein weiterer Schlüssel
- 3 -

�!

weiterer Schlüssel für das, was Amerika erreicht habe.

Der Wissenschaftler-

austausch zwischen Universitäten und Industrie werde durch diesen Pragmatismus ermöglicht, weil in einem solchen Umfeld "nicht das zählt, was man in der
Vergangenheit war oder getan hat, sondern was man jetzt ist und jetzt tun
kann".
Auch entspreche die angebliche Spannung zwischen Grundlagenforschung
und angewandter Forschung nicht den Tatsachen, erklärt Penzias, und e s sei
tödlich, die beiden voneinander scheiden zu wollen.

Amerikaner Pragmatismus

habe die Scheidung verhindert, weil er erkenne, daß das wirklich Wichtige in
der Wissenschaft weniger in der Lösung von Problemen liegt, sondern darin,
die richtigen Probleme zu finden, an denen gearbeitet werden muß.

Die Wissen-

schaftler in Amerika sehen in reiner und angewandter Forschung eher ein weiterführendes Ganzes als etwas Gegensätzliches, und die Tätigkeit von Wissenschaftlern einmal auf dem einen und einmal auf dem anderen Gebiet, ja ihre oft gleichzeitige Arbeit in beiden Gebieten, trage dazu bei, vielversprechende Probleme
ausfindig zu machen.

Und daraus entsteht laut Penzias eine erregende For-

schungsatmosphäre.
Nobelpreisträger Arno Penzias wurde in Deutschland geboren und kam als
Kind in die Vereinigten Staaten.

Auf die Frage, weshalb unter Nobelpreis-

trägern so viele naturalisierte Bürger zu finden seien, nennt er zwei Gründe:
Entwurzelung, und Entfaltungsmöglichkeiten.

Schmerzlich sei die "Entwurzelung".

Einwanderer ließen, so sagt Penzias, vieles zurück - Heimat, viele ihrer Traditionen, ihren Platz in einer anderen Gesellschaft, und sogar ihre Muttersprache.

So konzentrierten sie wohl eher ihre Kräfte auf Gebiete, wo es keine

Sprach- oder Kulturschranken gebe, und hier seien die physikalischen Wissenschaften ein ideales Feld.

Ähnlich mag auch das Bewußtsein, entwurzelt zu

sein, manche Einwanderer veranlassen, noch härter zu arbeiten, um Hervorragendes zu leisten, als sie es sonst tun würden.

Gegenwärtig scheine sich bei

den Flüchtlingen aus Südostasien diese Erfahrung, die früher Flüchtlinge aus
Europa, insbesondere jüdische Flüchtlinge, gemacht haben, zu wiederholen.
Aber es
- 4 -

�I

Aber es gebe auch einen positiven Aspekt, meint Penzias - und zwar die
Chancen, die Amerika den Flüchtlingen bot.

Dem Streben der Einwanderer nach

Erfolg kamen die Möglichkeiten, Erfolg zu haben, entgegen.

Da war z.B. das

System der öffentlichen Schulen, und da waren Universitäten, die allen offenstanden.
Auch Nobelpreisträger Dr. Eugene Paul Wigner ist überzeugt, daß die
amerikanische Gesellschaft selbst, nicht nur die darin lebenden Wissenschaftler, eine wichtige Rolle spielen. Professor Wigner, der an der PrincetonUniversität lehrt, stammt aus Ungarn, studierte in Deutschland und ging 1930
in die Vereinigten Staaten. Im Jahr 1963 erhielt er den Nobelpreis für Physik.
Auf die Frage, weshalb seiner Meinung nach Amerikaner und Einwanderer im Besonderen in der Forschung so erfolgreich seien, erwähnt er die geistige Anregung durch amerikanische Universitäten und die - betrübliche - Tatsache,
daß Einwanderer, von ihren Familien und früheren Bindungen getrennt, mehr
Zeit hätten, sich der Forschung zu widmen. Aber laut Wigner sei geistige Anregung in vielen Ländern zu finden. In seinem Fall zumindest sei ein besonders wichtiger Punkt die soziale Gleichberechtigung gewesen. "Gleichberechtigung inspiriert - Gleichberechtigung und Freiheit... die Freiheit, das zu tun,
was man tun möchte", sagt Wigner.
Die Überzeugung, daß wissenschaftliche Leistungen letztlich auch aus
der Gesellschaft als Ganzem, nicht nur aus den Kreisen der Wissenschaft
kommen, teilt auch der Soziologe Michael Novak.

In seinen Augen ist "prak-

tische Kreativität" ein Grundziel der amerikanischen Kultur.

Das Geheimnis

liege darin, daß die amerikanische Gesellschaft um Kreativität aufgebaut sei,
vor allem um jene Art von Kreativität, die sofort dem Menschen zugute komme.
Dies bedeute Anziehungskraft für Millionen von Menschen, in die Vereinigten
Staaten zu kommen, wo sie Ermutigung und Chancen für ihre eigene Kreativität
sehen.

+ + + + +

- 5 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: USA suchen keine Konfrontation im Nahen Osten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus der Pressekonferenz vom 14. Dezember 1983 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikas Streben nach Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ansprache des US-Gesandten Hans N. Tuch in Hamburg -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Friedensanstrengungen im Nahen Osten 1967-1983&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Chronologie -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zehn Raumtransporter-Flüge im Jahr 1984 geplant&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerika und seine Nobelpreisträger&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Das besondere Forschungsklima für eine internationale Elite -&lt;/em&gt;</text>
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Al

ERIKA DIENST

2 1 . Dezember 1988

47
INHALT

INFORMATION
Tower bringt Sachkenntnis In Rüstungskontrollfragen Ins Pentagon
- Porträt des designierten Verteidigungsministers -

Bush nominiert Yeutter als Landwirtschaftsminister
- Porträt von Clayton Yeutter -

Kemp für das Wohnungsbauressort nominiert
- Porträt des designierten Wohnungsbauministers -

HINTERGRUNDMATERIAL
Gorbatschows Reduzierungen stellen die NATO vor Herausforderungen
- Von Senator Sam Nunn -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Klimaveränderung;

Ein Hauptproblem unserer Zeit

- Überschwemmungskatastrophen, LandVerlust, Dürre und Hunger
können die Folge sein -

Wir wünschen unseren Beziehern ein
frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
und ein
friedliches und erfolgreiches Neues Jahr

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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�^DST-,

VON

AMERIKA DIENST
Information

4

21. Dezember 1988

47

TOWER BRINGT SACHKENNTNIS IN RÜSTUNGSKONTROLLFRAGEN INS PENTAGON
- Porträt des designierten Verteidigungsministers -

WASHINGTON - (AD) - Der neu ernannte Verteidigungsminister John Goodwin
Tower bringt umfangreiche Sachkenntnis in Fragen der Verteidigung und Rüstungskontrolle mit ins Pentagon.

Auf Präsident Reagans Wunsch leistete Tower 1988 beim Ratifizierungsprozeß des INF-Vertrages im Kongreß
informelle Hilfestellung.
Tower diente ferner von 1985 bis
1986 als Reagans Unterhändler bei den
mit der Sowjetunion abgehaltenen Genfer Verhandlungen über Verteidigung
im Weltraum, wo er während seiner 14monatigen Amtszeit den Rang eines
Botschafters bekleidete und vordringlich mit
technischen Einzelheiten
strategischer Waffen befaßt war.
Der frühere Senator war ebenfalls
vier Jahre lang Vorsitzender des einflußreichen
Streitkräfteausschusses
im Senat (1981-1985).
Tower ist ein unabhängiger Bera-

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Embassy of the United States of America

ter in Fragen der Verteidigung und
nationalen Sicherheit. Er gehört dem
nachrichtendienstlichen Beratungsausschuß des Präsidenten an und sitzt im
Aufsichtsrat zweier wichtiger Verlagshäuser, die Schriften zur Verteidigung herausgeben.
Towers Nominierung durch den neu
gewählten Präsidenten Bush am 16. Dezember erfolgte lange nach Gerüchten
über ihn als wahrscheinlichen Kandidaten. Bei seiner ersten Zusammenkunft mit Bush im November legte der
designierte Verteidigungsminister ein
Fünf-Punkte-Programm zur Lösung der
Probleme im Pentagon vor.
Die Nominierung wurde aufgeschoben, während das FBI eine Untersuchung seiner persönlichen und finan-

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Telex: 8-85432

�ziellen Verhältnisse durchführte.
Er wurde trotz Berichten über Widerstand gegen ihn seitens einiger
dem Vizepräsidenten nahestehender Berater ernannt. Der Widerstand beruhte zum Teil auf der Annahme, Tower
könne unfähig sein, im Pentagon Ausgabenkürzungen vorzunehmen, nachdem
er als Mitglied des Streitkräfteausschusses zahlreiche Waffenprogramme
unterstützt hat.
Dennoch hat Tower vor vier Jahren
noch als Ausschußvorsitzender der
Reagan-Administration zu einem Kompromiß mit dem Kongreß über den Verteidigungshaushalt geraten.
Obwohl
Tower sich gegen Verschwendung und
Betrug im Pentagon ausgesprochen hat,
erklärte er doch, die Summe dessen
sei "bemerkenswert niedrig".
Einwände wurden auch über Towers
enge Verbindungen zu wichtigen Rüstungsfirmen laut. Er ist Mitglied
im ^ufsichtsrat von Unternehmen wie
etwa British Aerospace, und seine eigene Beraterfirma hat Verbindungen zu
Luftfahrtgiganten wie Rockwell International und Martin-Marietta. Obwohl
diese Praxis durchaus üblich ist, besteht angesichts von Beschaffungsproblemen im Pentagon im Zusammenhang
mit Nominierungen für das Kabinett
größere Sensibilität im Hinblick auf
solche Verbindungen und ethische Fragen.
Sowohl Tower als auch Bush sind
Texaner, und aus ihrer langjährigen
Freundschaft resultiert auch Towers
Beraterrolle zu »nilitärischen Fragen
im Wahlkampf von Bush und Quayle.
Der Wahlsieg in Texas wird ihm ebenfalls als Verdienst angerechnet.
Angesichts der Möglichkeit eines
niedrigeren
Verteidigungshaushaltes
hat Tower in diesem Herbst angedeutet, daß die Beseitigung von Waffensystemen nicht angemessen sei und er
Kürzungen bei Einsätzen, Wartung,
Personal sowie Forschung und Entwicklung anstrebe.

Tower erklärte, die neue Administration solle "unsere nationalen
Zielsetzungen definieren" und solche
Elemente wie Waffensysteme und die
Streitkräftestruktur untersuchen
"mit einem Blick auf ihre Rollen und
Aufgaben sowie darauf, welche Rollen
und Aufgaben für die Durchführung der
Strategie entscheidend sind, wonach
dann die Ausgaben gewichtet werden
müssen".
"Ferner muß entschieden werden,
ob die Rollen und Aufgaben, die diese
Streitkräfte
und Systeme erfüllen
sollen, auch für die erarbeitete
Strategie zur Verfolgung der selbstgewählten Zielsetzung relavant sind",
so Tower.
Die Kandidatur des 63jährigen
Tower als Verteidigungsminister hatte
die einhellige Unterstützung des neuen Vizepräsidenten Dan Quayle. Die
Freundschaft
zwischen
Tower
und
Quayle reicht in die Zeit zurück, als
Quayle Mitglied im Streitkräfteausschuß war und Tower dort den Vorsitz
führte.
Tower übertrug Quayle die
Leitung einer Arbeitsgruppe über die
Reform des Beschaffungswesens.
Tower unterstützte Quayle in der
schwierigen Zeit, nachdem Bush ihn zu
seinem VizepräsidentSchaftskandidaten
ausgewählt hatte.
Gegen Ende des
Konvents der Republikaner im August
wurde er mit der Aufgabe betraut, der
Wahl von Quayle eine positive Wendung
zu geben.
Obwohl er in den politischen
Kreisen der Republikaner Erfolg hätte
haben können, war Tower ursprünglich
Demokrat. Seit 1948 ist er Republikaner konservativen Zuschnitts. 1962
schrieb er ein Buch mit dem Titel A
Program for Conservatives, das einen
ausgewogenen Bundeshaushalt als Mußvorschrift fordert. Tower nahm 1968
aktiv am Wahlkampf für Richard Nixon
teil.
Die Washington Post beschrieb
Tower als "verdienten Kämpfer und
klassischen Konservativen". Die New

�York Times nannte ihn einen "rhetorisch starken Redner". Er ist für
seine
Neigung
bekannt
Winston
Churchill zu zitieren.
Der stellvertretende Führer der
Republikanischen
Partei,
Senator
Allan Simpson, beschreibt Tower als
"hartnäckig" und "ein wahrer Bulldog
bei den Dingen, an die er glaubt."
Auf dem Capitol Hill hatte er aufgrund seiner Fähigkeit, mehr Durchhaltevermögen bei Verhandlungen an
den Tag zu legen als seine Gegner,
den Spitznamen "Iron-butt".
Der 1,63 m große Tower lockert
die Atmosphäre gern mit folgendem
Wortspiel auf: "Mein Name ist Tower
(Turm) - aber Sie sehen ja, daß ich
Sie nicht überrage."
Präsident Reagan hat ihn im November 1986 mit der Bildung einer
Sonderkommission betraut, die nach
dem geheimen Verkauf von Waffen an
den Iran - der im Gegensatz zur offiziellen Politik der Vereinigten Staaten stand - und der Umleitung der
daraus abgezweigten Gewinne an die
Contras in Nicaragua die Operationen
des Nationalen Sicherheitsrats untersuchen sollte. Der am 26. Februar
1987 von der Tower-Kommission veröffentlichte Bericht kam zu dem Schluß,
daß Präsident Reagan keinerlei Kenntnis "von einer solchen Umleitung" besaß.
Senator Malcolm Wallop hat einmal
erklärt, Tower habe sich in außenpolitischen Fragen den Ruf "von Klugheit und Vernunft" erworben.
Als Senator traf er häufig mit
ausländischen Politikern zusammen und
unternahm ausgedehnte Reisen in Länder wie die Türkei, Israel, Oman, Libanon, Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien. Tower wurde von der Republik
Tunesien mit dem Verdienstorden sowie
von der Bundesrepublik Deutschland
mit dem Großen Verdienstkreuz mit
Stern des Verdienstordens ausgezeichnet.

Er lehnte den Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Libanon sowie
den War Powers Act ab, mit dem das
Recht des Präsidenten zur Entsendung
von Truppen nach Übersee beschnitten
werden sollte.
Tower unterstützt die Strategische Verteidigungsinitiative.
Schon
in den sechziger Jahren befürwortete
er eine begrenzte Abwehr gegen feindliche Raketen und erklärte, diese
werde benötigt, um sich gegen einen
irrationalen Angriff einer Nicht-Supermacht und gegen einen sowjetischen
Angriff aus Versehen zu verteidigen.
Ferner ist er für den B 1-Bomber und
die Interkontinentalrakete MX.
Während sich Tower im Kongreß den
Ruf eines Anwalts der meisten militärischen Ausgabenprogramme für große
Waffensysteme erwarb, war er im Hinblick auf Regierungsbehörden weniger
großzügig. In seiner ersten Amtszeit
als Senator zum Beispiel brachte er
mit seiner Stimme eine Aufstockung
der Mittel für die US-Informationsbehörde zu Fall. Er lehnte einen Gesetzeszusatz ab, mit dem das US-Amt
für Rüstungskontrolle und Abrüstung
Forschungsaufgaben im Abrüstungsbereich übernehmen sollte und stimmte
ein Gesetz zur Schaffung einer Abrüstungsbehörde im amerikanischen Aussenministerium nieder.
Der Senator wurde im Jahr 1925 in
eine Methodistenfamilie in Houston
(Texas) geboren.
Sein Vater war
Pfarrer, und seine beiden Großväter
waren ebenfalls Geistliche. Er besuchte die High School in Beaumont,
die er im Jahr 1942 abschloß.
Tower ging danach ein Jahr lang
aufs College und meldete sich dann
freiwillig zum Dienst in der Marine.
Während des Zweiten Weltkriegs diente
er drei Jahre lang im Westpazifik als
Obermaat auf einem Landungsboot.
Nach dem Marinedienst besuchte er
die
Southwestern
University
in
Georgetown (Texas) und studierte dort
in den Hauptfächern Politische Wis-

- 3 -

�senschaften und Theaterwissenschaften. Im Jahr 1948 legte er sein Abschlußexamen ab.
Nach dem Examen war er zunächst
als Ansager für Rundfunkstationen in
Beaumont und Taylor (Texas) tätig.
Zwei Jahre später arbeitete Tower
kurz als Versicherungsvertreter.
Im Jahr 1951 ging er zurück an
die Universität und wurde Dozent für
Politische Wissenschaften an der Midwestern University In Wichita Falls
(Texas).
Seine eigene Bildung vervollkommnete er gleichzeitig an der
Southern
Methodist
University
in
Dallas. Im Jahr 1952 ging er zu weiterführenden Studien an die London
School of Economics, wo er die Organisation der Konservativen Partei
Großbritanniens untersuchte.

Die Politik entwickelte eine magische
Anziehungskraft
auf
ihn.
Tower kandidierte in einer Sonderwahl
für den Senat und nahm im Jahr 1961
seinen Sitz dort ein, den vor ihm der
zum Vizepräsidenten der Vereinigten
Staaten ernannte Lyndon Johnson gehalten hatte. Mit 35 war Tower der
erste republikanische Senator, der
seit den siebziger Jahren des 19.
Jahrhunderts eine solche Abstimmung
in Texas gewonnen hatte. Er behielt
seinen Senatssitz 24 Jahre lang.
Der designierte Minister hat drei
Töchter - Penelope, Marian und Jeanne
- aus seiner ersten Ehe mit Josa Lou
Bullington, von der er 1976 geschieden wurde.
Seine zweite Ehe mit
Lilla Burt Cummings, der Schwester
des
internationalen
Waffenhändlers
Sam Cummings, endete ebenfalls mit
einer Scheidung.
* * * * * *

�^eos^

AMERIKA DIENST
Information

21. Dezember 1988

47

BUSH NOMINIERT YEUTTER ALS LANDWIRTSCHAFTSMINISTER
- Porträt von Clayton Yeutter -

WASHINGTON - (AD) - Als der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses des
amerikanischen Repräsentantenhauses, E. de la Garza, erfuhr, daß Clayton
Yeutter vom Amt des Handelsbeauftragten der Reagan-Administration unter der
Präsidentschaft von Bush in das Landwirtschaftsressort Überwechseln würde,
verlieh er seiner Hoffnung Ausdruck, daß Yeutter weiterhin die Verantwortung
für die internationalen Verhandlungen über Agrarprodukte ausüben werde. Es
Ist allerdings wenig wahrscheinlich, daß die Verhandlungspartner der anderen
Länder - insbesondere aus der Europäischen Gemeinschaft - den Wunsch de la
Garzas teilen.

Im Kongreß gilt Yeutter (dessen
Name sich im Englischen mit "Fighter"
- Kämpfer - reimt) als Befürworter
des freien Handels im allgemeinen und
der amerikanischen Agrarexporte im
besonderen. Bei internationalen Konferenzen ist Yeutter als Verhandlungspartner bekannt, der sich unerbittlich für die letztliche Beseitigung aller, den Handel mit Agrarprodukten verzerrender Subventionen einsetzt, ein Ziel, das von den Europäern ebenso hartnäckig abgelehnt wird.
Jedenfalls erklärte der gewählte
Präsident Bush in seiner Ankündigung
vom 14. Dezember 1988, der zufolge er
Yeutter im Januar für das Amt des
Landwirtschaftsministers
nominieren
werde, die HauptVerantwortung für die
internationalen Verhandlungen werde

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weiterhin dem Handelsbeauftragten obliegen.
Es wird jedoch erwartet, daß
Yeutter - wie auch der gegenwärtige
Landwirtschaftsminister - weiterhin
großen Einfluß auf die Gestaltung der
amerikanische Handelspolitik bei Agrarprodukten nehmen wird.
Der 58jährige Yeutter sowie die
für das Amt des Handelsbeauftragten
nominierte Carla Hills benötigen die
Bestätigung durch den Senat. Senator
Patrick Leahy, der Vorsitzende des
Landwirtschaftsausschusses
des Senats, der die Anhörungen zu Yeutters
Nominierung durchführen wird, nannte
ihn "einen Mann, den ich respektiere".
Seit seinem Amtsantritt als Han-

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�delsbeauftragter im Jahr 1985 widersetzte sich Yeutter einigen Versuchen
des Kongresses, bestimmte Importe zu
beschränken, wie etwa Textilien und
Schuhwerk.
Andererseits
bereist
Yeutter unermüdlich solche Länder,
die ihre Märkte gegen amerikanische
Produkte abschotten.
Ein Grund dafür, daß der hochgewachsene, breitschultrige Yeutter zur
Leitung des Agrarressorts sowie davor
zum für den industriellen Bereich zuständigen Handelsbeauftragten berufen
wurde, ist sein landwirtschaftlicher
Hintergrund.
In seinem Heimatstaat
Nebraska besitzt der promovierte Agrarökonom eine 100-Hektar-Ranch für
Viehzucht und Maisanbau.

Er trat im Jahr 1970 in das Landwirtschaftsministerium ein und wurde
vier Jahre später zum Abteilungsleiter für internationale Angelegenheiten ernannt. Von 1975 bis 1977 war
er
Stellvertretender
Handelsbeauftragter der Vereinigten Staaten.
Im Jahr darauf wurde er Leiter
der Chicagoer Warenbörse, des größten
Markts für den Handel mit Waren und
Rohstoffen sowie für Termingeschäfte.
Mit seiner Frau Jeanne hat
vier Kinder und lebt in Virginia.

* * * * * *

er

�AMERIKA DIENST
'VoN

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4

47

21. Dezember 1988

KEMP FÜR DAS WOHNUNGSBAURESSORT NOMINIERT
- Porträt des designierten Wohnungsbauministers -

WASHINGTON - (AD) - Die Wahl des tatkräftigen, lebhaften Kongreßabgeordneten Jack Kemp zum designierten Minister für Wohnungs- und Städtebau signalisiert sowohl ein starkes Gefühl der Sicherheit seitens des neu gewählten Präsidenten George Bush als auch einen einschneidenden Wandel im Arbeitstempo des
betreffenden Ministeriums.
Der nach 18 Jahren aus dem Kongreß ausscheidende konservative Kemp
war einer von Bushs erfolglosen Rivalen im Kampf um die diesjährige Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner.

Was jedoch die Gegenwart angeht,
so hat Kemp sich verpflichtet, ein
loyales - und wie es seinem Verhalten
in der Vergangenheit entspricht innovatives - Mitglied des Bush-Teams zu
sein.

Als einzigem der von Bush bis
heute benannten Kabinettsmitglieder
werden dem 53jährigen Kemp eine unabhängige Wählerschaft sowie weiterbestehende Hoffnungen auf ein nationales Wählermandat zugeschrieben. Er
hat nichts unternommen, um diese Ansicht zu zerstreuen, als er während
einer am 19. Dezember 1988 abgehaltenen gemeinsamen Pressekonferenz, bei
der seine Ernennung von Bush verkündet wurde, auf Fragen von Reportern
erklärte, daß "ich nicht ausgeschlossen habe, mich eines Tages um ein Amt
zu bewerben".

Bush hat seinerseits erklärt, er
werde sich freuen, wenn Kemp seine
Kritikerrolle, wie ein Reporter es
ausdrückte, nicht abstreifen würde.
"Ich möchte sein objektives Urteil
hören. Und wie ich Jack kenne, wird
er es mir nicht vorenthalten," meinte
Bush.

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Kemps dynamischer Stil, der seiner Vorliebe für die Entwicklung neuer Ideen entspricht, wird dem Wohnungsbauministerium gewiß neue Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, das
während der Reagan-Ära als eine Art

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�Elfenbeinturm
wurde.

im Kabinett

angesehen

Der gegenwärtige Minister Samuel
Pierce Jr. hielt sich angesichts der
während seiner Amtszeit vorgenommenen
scharfen Einschnitte in den Wohnungsbauprogrammen auf Bundesebene in der
politischen Diskussion zurück.
Bei den Bundesmitteln für die Sanierung der Innenstädte und die Bewältigung des Obdachlosenproblems erwartet Kemp keine bedeutende Aufstokkung
und
befürwortet
diese auch
nicht. In der Theorie hat er sich
stets als Anwalt von Lösungen profiliert, die - wo immer möglich - auf
freies Unternehmertum gegründet waren. In der Praxis ist er sich der
Grenzen bewußt, die durch das enorme
Defizit
im Bundeshaushalt gezogen
sind.
Er unterstützt deshalb Bush bei
seiner Forderung nach einer "Partnerschaft zwischen öffentlichem und privatem Sektor". Einer seiner marktwirtschaftlich
orientierten
Lieblingsvorschläge für die Innenstädte
ist die Schaffung von "unternehmerischen Zonen", in denen die Gründung
neuer Unternehmen durch Steuererleichterungen und weitere Anreize gefördert werden soll.
Ferner setzte er sich für ein
Programm zur Schaffung "städtischer
Heimstätten" ein, mit dem, wie er
kürzlich vor dem Institut des Nationalen Städteverbandes erklärte, "den
Mietern von Sozialwohnungen dadurch
zur Selbstbestimmung über ihre Zukunft verholfen würde, daß sie ihre
Wohungen erwerben und ihre Gemeinden
selbst verwalten".
Kemp stellte jedoch ebenso deutlich fest, daß er weitere zum Ausgleich des Haushalts vorgenommene
Kürzungen bei aus Bundesmitteln geförderten Wohnungsbauprogrammen nicht
kampflos hinnehmen wird.
"Ich bin
nicht der Auffassung, daß wir den
Haushalt durch Kürzungen beim Wohnungsbau ausgleichen werden", erklärte er bei der Pressekonferenz. "Ich

glaube nicht, daß wir den Haushalt
durch einen Anstieg der Arbeitslosigkeit ausgleichen können. Ich glaube,
wir
können
die
Haushaltsprobleme
nicht lösen, wenn wir keine gesunden
Innenstädte haben. Ich möchte betonen, daß man den Haushalt nicht auf
dem Rücken der Armen ausgleichen
kann," erklärte er.
Diese Sorge um die Armen und insbesondere um Minderheiten ging während der gesamten Karriere Kemps
stets einher mit einer äußerst konservativen außenpolitischen Haltung
und innovativen - manche würden sagen
nonkonformistischen - wirtschaftlichen Ideen.
In der Außenpolitik war er der
Liebling der konservativen Republikaner, die ihn allgemein als legitimen
Nachfolger Reagans ansahen. Als er
im April 1987 seine Bewerbung um die
Nominierung als Präsidentschaftskandidat ankündigte, wollte er die Präsidentschaftswahl zu einem nationalen
Referendum über die von Reagan vorgeschlagene Strategische Verteidigungsinitiative machen.
Er war ein energischer Befürworter der Hilfe an die Contras in Nicaragua und hat sich für Guerilla-Bewegungen auf der ganzen Welt eingesetzt, wenn diese dazu beitragen
konnten, kommunistisch beherrschten
Ländern "die Freiheit wiederzugewinnen".
In der Wirtschaftspolitik war er
einer der ersten und energischsten
Anwälte
des
"angebotsorientierten"
Konzepts von niedrigen Steuern und
starkem Wirtschaftswachstum, das ein
Hauptbestandteil
der
sogenannten
Reagan-Revolution wurde.
Sein im
Jahr 1979 erschienenes Buch American
Renaissance:
A Strategy for the
1980s enthielt die Grundlagen dessen, was später als Reaganomics bekannt wurde.
Zusammen mit dem republikanischen
Senator William Roth kämpfte Kemp an
vorderster Front für die Einkommensteuerreform von 1981, die das Kern-

- 2 -

�stück von Reagans Programm darstellte. Als in den darauffolgenden Jahren die Haushaltsdefizite schwindelnde Höhen erreichten, erregte er Aufsehen mit der Behauptung, die Defizite seien nicht besonders wichtig.
Ein weiterer seiner umstrittenen
Vorschläge in der Wirtschaftspolitik
war folgender: Er befürwortete die
Rückkehr zu einer größeren Rolle des
Goldes bei der Festlegung der Wechselkurse.
Kemp zog seine Bewerbung um die
Präsidentschaftskandidatur
im
März
nach schlechten Resultaten in den ersten Vorwahlen zurück und war später
der erste von Bushs besiegten Konkurrenten, die seine Nominierung unterstützten. Er machte bei seinem Rückzug deutlich, daß er ein Angebot für
die Vizepräsidentschaft begrüßen würde. Diese Rolle fiel dann jedoch Senator Dan Quayle zu.

Wie er Reportern gegenüber erklärte, hat Bush ihm versichert, daß
seine Stimme im Kabinett gehört werde,
"zur
Binnenwirtschaftspolitik
ebenso wie zu Wohnungsbau und Stadtentwicklung.
Ich werde also ein
mannschaftsdienlicher Spieler sein,
nicht nur im Kabinett, sondern auch
in meiner neuen Position."
Der in Los Angeles geborene Kemp
legte im Jahr 1957 sein Abschlußexamen am Occidental College ab. Danach
unternahm er weiterführende Studien
in Pädagogik und Politischen Wissenschaften an der Long Beach University
und an der California Western University.
Als noch aktiver Football-Spieler
war er im Jahr 1967 Sonderberater des
damaligen Gouverneurs von Kalifornien, Ronald Reagan.
Mit seiner Frau Joanne hat Kemp
zwei Söhne und zwei Töchter.

Kemps Annahme des weniger bedeutenden Wohnungsbauressorts kommt angesichts seines Hintergrunds etwas
überraschend.
* * * * * *

Über 13 Spielzeiten als professioneller Football-Spieler war er
Quarterback
seiner Mannschaft und
hatte damit die wichtigste Position
inne. Auch während seiner neun Amtszeiten als Kongreßabgeordneter aus
dem Staat New York war er sein eigener Herr.

- 3 -

�^°s?&lt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

21. Dezember 1988

47

GORBATSCHOWS REDUZIERUNGEN STELLEN DIE NATO VOR HERAUSFORDERUNGEN
- Von Senator Sam Nunn -

(Der Autor ist demokratischer Senator aus Georgia und Vorsitzender des Streitkräfteausschusses. )

WASHINGTON - (AD) - Generalsekretär Gorbatschows Ankündigung weitreichender Reduzierungen in den sowjetischen Streitkräften hat die politische Landschaft verändert, auf deren Grundlage die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in den kommenden Monaten und Jahren das militärische Konzept der NATO
sowie RUstungskontrollvorschläge formulieren müssen.

Dabei bestehen sicherlich Ungewißheiten und Risiken:
- Kann Gorbatschow seine Entscheidung umsetzen oder werden seine
Gegner sie erfolgreich verwässern
oder sogar rückgängig machen können?
- Wird der chinesisch-sowjetische
Gipfel im nächsten Jahr zu erheblichen zusätzlichen Reduzierungen
der Streitkräfte an ihrer gemeinsamen Grenze führen?
Wenn das
der Fall
ist:
werden diese
Streitkräfte
dann
verschrottet
oder als Bedrohung der NATO erneut stationiert?
- Werden die Reduzierungen auf ehrliche Art und Weise erfolgen das heißt, mit proportionalen Re-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

duzierungen
von
Streitkräften,
die jetzt nahe der Grenze zwischen Ost und West (insbesondere
in der DDR) vorne stationiert
sind, oder werden sie bei den
rückwärtigen Einheiten erfolgen?
Wo werden die 10 000 Panzer,
8 500
Stück
Artillerie,
800
Kampfflugzeuge und Sturmeinheiten
zur Uberquerung von Flüssen neu
stationiert werden?
Wird Gorbatschow "starken Produktionszweigen", die jetzt 3 400
moderne sowjetische Panzer pro
Jahr fertigen, Grenzen setzen?
Wird der Westen in der Lage sein,
die Reduzierungen in der Zentralregion trotz der Tatsache zu verifizieren,
daß
die
Sowjets

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�gleichzeitig die größte Reorganisation der Roten Armee seit dem
Zweiten Weltkrieg durchführen?
Eine angemessene Analyse der Initiative Gorbatschows erfordert ferner
eine offene Selbsteinschätzung des
gegenwärtigen
Einsatzkonzeptes
der
NATO:
- Aufgrund des starken Ungleichgewichts im konventionellen Bereich
vertraut die NATO auf die Bedrohung mit dem frühzeitigen Einsatz
von Kernwaffen, um einen nichtnuklearen Angriff des Warschauer
Paktes abzuschrecken.
- Das NATO-Bündnis steuert keinen
Kurs der Verbesserungen konventioneller Streitkräfte, mit denen
die nukleare Schwelle auf bedeutende
Weise
angehoben
werden
könnte und dennoch wird der Widerwillen der Öffentlichkeit gegen
Nuklearwaffen
jedes
Jahr
stärker.
- Die Glaubwürdigkeit der Androhung
eines Ersteinsates der NATO wird
dadurch unterlaufen, daß die Nuklearwaffen längerer Reichweite
des Bündnisses gemäß dem INF-Vertrag verschrottet werden und die
öffentliche Meinung im Westens
sich auf die in Mitteleuropa verbleibenden nuklearen Kurzstrekkenwaffen konzentriert.
- Das entscheidende Interesse der
NATO, sich vom Vertrauen auf den
frühzeitigen Ersteinsatz von Nuklearwaffen abzuwenden, ohne die
Abschreckung zu verringern, kann
erheblich verbessert werden, wenn
der NATO zusätzliche Vorwarnzeit
vor einer möglichen Großoffensive
des Warschauer Paktes zugesichert
wird.
Gegenwärtig vertritt die NATO die
Auffassung, daß die in Osteuropa vorne stationierten sowjetischen Streitkräfte ausreichende Fähigkeiten haben, um mit sehr geringer Warnung
einen Großangriff von einem unbeweglichen Startpunkt aus durchzuführen.

uberschlägige
Vorausberechnungen
deuten darauf hin, daß die von
Gorbatschow
angekündigten
Reduzierungen bedeuteten, daß die Sowjets
wahrscheinlich keinen solchen Angriff
versuchen würden, ohne die verbleibenden Streitkräfte zu verstärken.
Die Bewegung der 5 000 Panzer und ihrer
Besatzung,
die
dem
Plan
Gorbatschows zufolge zurück auf ihre
Position vorne abgezogen würden, würde etwa eine Woche dauern.
Gorbatschows Reduzierungen könnten der NATO sieben zusätzliche Tage
verschaffen, um sich auf einen sowjetischen Angriff mit kurzer Vorwarnzeit vorzubereiten - vorausgesetzt
die Kürzungen werden vollständig und
ehrlich durchgeführt.
Damit meine
ich, daß Gorbatschow auf das sowjetische Militär einwirken kann, um sicherzustellen, daß der Effekt der Reduzierungen nicht durch geschickte
Maßnahmen verwässert wird.
Die Bedeutung von sieben Tagen
zusätzlicher Vorwarnzeit für die NATO
sollte nicht unterschätzt werden.
Zum Beispiel würde zusätzlich Zeit
gewonnen, damit:
-

Belgien und die Niederlande ihre
im Inland stationierten Brigaden
nach vorn zu ihren vorbestimmten
Positionen in die Norddeutsche
Tiefebene bringen - das wahrscheinliche Terrain für einen Angriff des Warschauer Paktes - und
damit die in der Bundesrepublik
stationierten
amerikanischen,
britischen
und
bundesdeutschen
Streitkräfte vorrücken können;

- unsere Verbündeten ihre Reserven
mobilisieren können und Frankreich und Großbritannien ihre im
Inland stationierten Streitkräfte
nach vorn vorrücken lassen können
- und damit der Verteidigungsfront der NATO das Äquivalent von
weiteren sechs Divisionen hinzugefügt werden kann;
- die Ingenieure der NATO Minenfelder installieren und andere Hindernisse zur Verteidigung errichten können;

�- die amerikanische Luftwaffe 500
Kampfflugzeuge auf Flugfelder in
Westeuropa bringen kann - eine
Verstärkungsflotte, die etwa den
Umfang der Hälfte unseres in den
Vereinigten Staaten stationierten
wiederstationierbaren Flugzeuginventars hat;
- die amerikanischen Streitkräfte
die Leitstaffel der Verstärkungsdivisionen schicken kann, um das
voreingelagerte Gerät
zu entnehmen;
- Die Armeen der NATO empfindliches
Gerät
schützen,
Munition
und
Nachschub verteilen und ihre Logistik und FUhrungs- und Kommunikationseinrichtungen
auf
den
Kriegsfall einrichten können.
Mit anderen Worten: Gorbatschows
Ankündigung
könnte
die
Bedrohung
durch einen möglichen Angriff des
Warschauer Paktes mit kurzer Vorwarnzeit merklich verringern. Gleichzeitig muß die NATO erkennen, daß
Gorbatschows Vorschlag eine erhebliche Herausforderung für das westliche Bündnis darstellt.
Selbst wenn die Einschnitte vollständig und energisch ausgeführt würden, bliebe im Bereich der konventionellen Streitkräfte immer noch ein
Vorsprung von 2 : 1 zugunsten des
Warschauer Paktes bestehen. Darüber
hinaus wird eine aufrichtige Durchführung des Plans von Gorbatschow die
politische Wirkung haben, die Interessen der NATO bei der Förderung verstärkter Beiträge zur Verteidigung
auf Seiten zahlreicher Verbündeter
und die Modernisierung der atomaren
Streitkräfte der NATO erheblich zu
komplizieren.
Bei der Erwiderung der außergewöhnlichen
Herausforderungen,
die
Gorbatschows Rede aufwirft, muß die
NATO mehr als nur fest zusammenhalten: sie muß Ideen entfalten. Ein
grundsätzliches überdenken des Einsat zkonzepts des Bündnisses und seiner Haltung in der Rüstungskontrollfrage ist dringend notwendig.

Auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle sollte die NATO einen frühen
Austausch von Daten zu allen relevanten Streitkräften der NATO und des
Warschauer Paktes anstreben.
Dies
muß der Ausgangspunkt für die bevorstehenden Gespräche über konventionelle Stabilität
und gleichzeitig
eine wesentliche Voraussetzung für
die Beantwortung der Frage sein, ob
Gorbatschows einseitige Reduzierungen
auch energisch durchgeführt werden.
Zweitens sollte die NATO Zwischenübe rprüfungen vor Ort vorschlagen, die von Inspektionsteams an allen militärischen Mobilisierungszentren, wie beispielsweise auf Flugplätzen,
an
Eisenbahnknotenpunkten
und sogar in militärischen Hauptquartieren durchgeführt werden.
Drittens sollten wir eine Serie
von Pilotprojekten über Verifizierungsexperimente vorschlagen, die gegebenenfalls von den gleichen Inspektionsteams vorgenommen werden, die
auch
vor
Überraschungsangriffen
schützen. Diese Pilotprojekte sollten rechtzeitig ins Leben gerufen
werden, um die Durchführung der einseitigen Reduzierungen durch die Sowjets in den kommenden zwei Jahren zu
überprüfen.
Viertens muß die NATO auf militärischem Gebiet eine verstärkte Spezialisierung der Rolle und des Auftrags jeder Nation anstreben. Jedes
Mitglied des Bündnisses sollte das
Instrument spielen, das es am besten
beherrscht, statt zu versuchen, eine
ganze Symphonie
aufzuführen.
Die
NATO muß ferner bedenkliche konventionelle Lücken beseitigen und fortschrittliche Technologien entwickeln,
mit denen der erhebliche Vorsprung
bei sowjetischen Panzern hinfällig
wird, der auch nach Durchführung der
vorgesehenen Truppenreduzierungen erhalten bleibt.
Schließlich muß die NATO einen
Plan zur dauerhaften und nachdrücklichen Information der Öffentlichkeit
entwerfen. Hierzu gehören auch deutliche Erklärungen unserer militär-

- 3 -

�ischen Notwendigkeiten und der Grundlagen unserer Rüstungskontrollpolitik. Ohne ein weit verbessertes öffentliches Verständnis über das Verhältnis zwischen Lücken im konventionellen Bereich und dem Vertrauen der
NATO auf den frühen Erstschlag mit
nuklearen Waffen kann das Bündnis
nicht erwarten, die notwendige öffentliche Unterstützung
für einen
vernünftigen Ansatz bei der Beseitigung der Asymmetrien hervorzurufen,
die nach Abschluß der sowjetischen
Reduzierungsmaßnahmen im Jahr 1991
erhalten bleiben.
Die westeuropäische Öffentlichkeit muß verstehen und akzeptieren,
daß ihr Gebiet im Falle eines sowjetischen Angriffs mit konventionellen
Waffen ohne den Gebrauch nuklearer
Waffen in den ersten Tagen eines
Krieges nicht verteidigt werden kann,
wenn weder die Rüstungskontrolle noch
die eigenen Anstregungen der NATO bei
der Verbesserung ihrer konventionellen Streitkräfte zu dem Erfolg führen, die weiterhin bestehenden Lücken
bei der Vorneverteidigung des Bündnisses zu schließen.

•

-4

Vielleicht wird ja sogar das sowjetische Militär unter Gorbatschows
neuer Doktrin der "Verteidigung auf
ausreichendem Niveau" einsehen, daß
Sicherheit und Stabilität kein Nullsummen-Spiel ist. In einem Zeitalter
wachsamer, intelligenter und mutiger
sowjetischer Führung muß das sowjetische Militär bereit sein, eine
schwierige Frage zu beantworten: Wie
soll die Sicherheit der Sowjetunion
erhöht werden, wenn eine bedrohliche
Offensivstrategie
aufrechterhalten
wird, die die sowjetische Wirtschaft
ausblutet, Spannungen bei den Nachbarn hervorruft und die NATO ständig
kurz vor dem Abzug eines nuklearen
Krieges hält?

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
"VON

Wissenschaft und Technik

4

47

21. Dezember 1988

KLIMAVERÄNDERUNG:

EIN HAUPTPROBLEM UNSERER ZEIT

- Überschwemmungskatastrophen, Landverlust, Dürre und Hunger
können die Folge sein -

WASHINGTON - (AD) - Ein Teil der Meßdaten des jüngsten Wetterbeobachtungssatelliten der amerikanischen Behörde für Meeres- und Atmosphärenforschung,
NOAA-11, liefert täglich ein komplettes "Ozonbild" unseres Planeten. Der Satellit, der die Erde auf nahezu polarer Umlaufbahn umkreist, hat ein Instrument an Bord, das die von der Erdatmosphäre reflektierte ultraviolette Strahlung quantitativ erfaßt und so Rückschlüsse auf die Ozonkonzentration in der
Stratosphäre zuläßt.
Daß die Ozonschicht durch die von
Menschen verursachten Schadstoffemissionen bereits angegriffen ist, steht
außer Zweifel. Nach Ansicht der Experten bedeutet die im September/Oktober 1988 gemessene "Ausdünnung" der
Ozonschicht über der Antarktis von 15
Prozent gegenüber 50 Prozent im Jahr
1987 keine Entwarnung. Diese Schwankung in der Größe des sogenannten
Ozonloches mache nur deutlich, daß
die stratosphärische Ozonkonzentration nicht ausschließlich von chemischen Stoffen wie Chlorfluorkohlenwasserstoffen
und
Stickstoffoxyden
beeinflußt werde, sondern auch von
dynamischen Vorgängen in der höheren
Atmosphäre.
Das
Ausmaß
des Ozonverlustes
dürfte Dr. Jerry Mahlman von der Uni-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

versität Princeton zufolge auch davon
abhängen, wie ruhig - und das heißt
wie kalt - die Hochatmosphäre über
den Polen ist. "Polare Stratosphärenwolken", kurz als PSC bezeichnet,
wirken an der Ozonzerstörung mit,
weil an der Oberfläche der Eiskristalle aktives Chlor aus den in der
Luft vorhandenen Schadstoffen freigesetzt wird. Sie entstehen in Höhen
zwischen 18 und 25 km, wenn die Temperaturen über den Schnee- und Eisflächen der Antarktis im Winter und
am Frühjahrsanfang minus 80° C und
darunter erreichen.
Und wegen der
Beschaffenheit der Erdoberfläche in
dieser weiten Region sind strömungsdynamische Veränderungen in der Atmosphäre, die einer Bildung oder Erhaltung von PSCs entgegenwirken könnten,
viel seltener und weniger stark aus-

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�geprägt als zum
Nordpolargebiet.

Beispiel

über dem

Dennoch kann es auch dort zu einem Ozonloch kommen - dann nämlich,
wenn die PSC die Erwärmung der unteren Erdatmosphäre
verstärkt.
Sie
wird
von Gasen wie Kohlendioxyd
(CO2, Methan und wiederum den halogenierten Kohlenwasserstoffen verursacht, weil sie Infrarotstrahlung (=
Wärme) absorbieren und das Abstrahlen
von Wärme in den Weltraum blockieren.
Dr. Donald Wuebbles (Lawrence Livermore National Laboratory, Kalifornien) , der sich mit der Ausarbeitung
von Klimamodellen befaßt, sieht bei
Erwärmung der unteren Atmosphäre eine
dramatische Abkühlung der Stratosphäre voraus, in der sich zwischen 12
und 50 km Höhe die Ozonschicht befindet. Diese Ozonschicht ist aufgrund
ihrer Fähigkeit, die gefährlichen Anteile der UV-Strahlung von der Sonne
zu absorbieren, ungemein wichtig für
alles Leben auf der Erde. Und da die
Freisetzung von Gasen, die den Treibhauseffekt hervorrufen, in erster Linie auf der Nordhalbkugel erfolgt,
scheint ein "nördliches Ozonloch" nur
noch eine Frage der Zeit zu sein.
Die Warnungen der Wissenschaftler
auf Konferenzen, die unter Teilnahme
von Politikern und Ökologen jetzt nahezu ständig stattfinden, hört man
wegen der wirtschaftlichen Auswirkung
von geforderten Produktions- und Verbrauchseinschränkungen bei den "inkriminierten" Chemikalien nicht gerne. Noch immer wird die nach wie vor
sehr schwierige Beweisbarkeit für die
komplexen Abbauvorgänge als Vorwand
benutzt, wirksame Gegenmaßnahmen vorläufig zu verzögern oder abzuschwächen.
Mit Delegierten aus Nord- und
Zentralamerika, der Karibik, aus Europa und Asien hielt das "Climate Institute" in Washington vom 6. bis 8.
Dezember seine zweite internationale
Konferenz ab. Dies ist eine gemeinnützige Organisation, der Wissenschaftler, Politiker und Ökologen angehören.
Auch sie forderte, wie

schon einen Monat zuvor die die Internationale
Klima-Kommission
in
Genf, Maßnahmen, die über das am 1.
Januar 1989 in Kraft tretende Protokoll von Montreal noch hinausgehen.
Die "Internationale Klima-Kommission" setzt sich aus Vertretern der
WMO (UN-Organisation für Meteorologie) und von UNEP (UN-Umweltschutzprogramm)
zusammen.
Klimatologen,
Wissenschaftler anderer Disziplinen
und Regierungsvertreter waren sich
einig, daß "einzelne Nationen angesichts der Probleme, die die ganze
Welt angehen, nichts ausrichten können" . Das im vergangenen Jahr unterzeichnete
Protokoll
von
Montreal
schreibt vor, im Verlauf von zehn
Jahren die Mengen an Chlorfluorkohlenwasserstoffen, von denen zum Zeit
ca. zwei Millionen Tonnen freigesetzt
werden, zu halbieren. Wichtigste Anwendungsgebiete sind Kühlmittel, geschäumte Kunststoffe, Reinigungsmittel in der Mikroelektronik und Treibmittel.
"Wir wissen noch nicht, ob oder
wann ein wesentliches Ansteigen der
Mengen von Treibhausgasen zu einer
irreversiblen
Erwärmung
der
Erde
führt", erklärte der amerikanische
Unterstaatssekretär
vom
amerikanischen Außenministerium
in Genf,
"oder welche Konsequenzen sich daraus
ergeben. Aber die potentiellen Konsequenzen sind so einschneidend, daß
wir die Möglichkeit der Erwärmung
einfach nicht ignorieren dürfen."
Senator Rudy Boschwitz (Minnesota) wird in der nächsten Sitzungsperiode des amerikanischen Kongresses
Gesetzesvorlagen zu Umweltfragen einbringen, die einer Vielzahl von Quellen gelten, welche zur weltweiten Erwärmung beitragen. Dabei stützt er
sich auf ein bereits gültiges Gesetz,
das in den Vereinigten Staaten praktisch die Eliminierung von halogenen
Kohlenwasserstoffen bis zum Jahr 2000
und die Verringerung der Emission von
CO2 um 35 Prozent bis zum Jahr 2010
vorsieht. Die ganze Welt sollte zusammenarbeiten, um gegen die Auswir-

- 2 -

�kung der Wäldervernichtung etwas zu
tun, und Neuanpflanzungen fördern.
Nobel Brown, der Vertreter der USA
bei der UNEP-Organisation, setzte
sich für verstärkte Investitionen
ein, um den Nutzeffekt bei der Energieverwendung merklich zu verbessern.
Der Treibhauseffekt dürfte nicht
nur dazu führen, daß durch Abschmelzen der Polkappen der Meeresspiegel
ansteigt und weite KUstenregionen in
der ganzen Welt bedroht werden, sondern es werden auch Dürreperioden
verursacht, die die Welternährung bedrohen.
Einer Studie der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA zufolge wäre zum Beispiel zu erwarten,
daß bei einem Temperaturanstieg um
wenige Grad bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts allein die Vereinigten Staaten 18 200 Quadratkilometer Küstengebiete
verlieren und
Ernteeinbußen von 25 Prozent zu verzeichnen hätten.

Die Komplexität des Systems Erde
lasse zwar auch Spielraum für Entwicklungen mit weniger dramatischen
Folgen, erklärte ein Wissenschaftler
für Planetenforschung von der Harvard-Universität.
Aber die heute
noch gar nicht- übersehbare Vielfalt
von Wechselwirkungen der Prozesse in
der Atmosphäre, in den Meeren, den
Eiskappen, der festen Erde und der
Biosphäre, die zu Klimaveränderungen
beitragen, verlange, die Erde als ein
Ganzes zu sehen und die Probleme unter diesem Aspekt anzugehen.

�</text>
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                    <text>cimGrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

50

21. Dezember 1994

INNENPOLITIK

CLINTON SCHLAGT STEUERSENKUNGEN
FÜR MITTELSCHICHT VOR
Rede des Präsidenten an die Nation

ABRÜSTUNG

DIE NICHTVERBREITUNGSPOLITIK DER USA
Rede von Lynn Davis

NATO

DIE DEMOKRATISCHE KONTROLLE DER
STREITKRÄFTE
von Charlie Rose

MENSCHENRECHTE

UNO-GREMIUM MISSBILLIGT
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
Verabschiedung von Resolutionen

AIDS

NEUES UN-PROGRAMM ZUR BEKÄMPFUNG
DER EPIDEMIE
Versuchsreihen für Impfstoff

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax: 0228 -33 41 02

�INNENPOLITIK
21. Dezember 1994

CLINTON SCHLÄGT STEUERSENKUNGEN
FÜR MITTELSCHICHT VOR
Rede des Präsidenten an die Nation
WASHINGTON - (AD) - Als Reaktion auf die durch den Wahlsieg der Republikaner im November entstandene
Herausforderung hat Präsident Clinton einen Reihe steuerlicher Maßnahmen und Anreize vorgeschlagen, die
den wirtschaftlichen Druck auf einen Großteil der amerikanischen Bevölkerung mildern sollen.
Präsident Clinton bezeichnete seinen Plan als "die Bill of Rights der Mittelschicht" und erklärte, der Schritt sei
notwendig, denn "obwohl die Wirtschaftsstatistiken einen Aufschwung verzeichnen, steigt unser Lebensstandard
nicht.
Der vierteilige Plan räumt Familien mit einem unter der festgesetzten Grenze liegenden Einkommen
Steuerfreibeträge bis zu 10.000 Dollar pro Jahr für Collegegebühren und einen Steuerfreibetrag von 500 Dollar
pro Kind für Familien ein, die weniger als 75.000 Dollar pro Jahr verdienen, lockert die Restriktionen für Bezüge
aus der privaten Altersversorgung und führt Voucher für die Berufsausbildung von Arbeitslosen ein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 15. Dezember 1994 landesweit im Fernsehen übertragene Rede des
Präsidenten.

Guten Abend. Liebe Mitbürger, wir leben in einem
großartigen Land, auf das wir stolz sein können. In
der Weihnachtszeit weiß jedoch jeder, daß mit
Amerika nicht alles in Ordnung ist, Millionen Amerikaner leiden, frustriert, enttäuscht, sogar verärgert
sind.
In dieser Zeit enormer Veränderungen stellt sich uns
eine politische und persönliche Herausforderung.
Zugegeben, sie betrifft die Regierung, geht aber weit
über die Regierung hinaus an den Kern dessen, was
für die meisten von uns von Bedeutung ist. Die
Frage lautet, was werden wir tun?
Ich möchte mit der Wirtschaftslage beginnen. Ich
habe mich um die Präsidentschaft beworben, um
den Amerikanischen Traum wiederherzustellen und
das amerikanische Volk darauf vorzubereiten, sich in
der neuen amerikanischen Wirtschaft dem Wettbewerb zu stellen und zu gewinnen. Zu lange
haben zu viele Amerikaner für stagnierende Löhne
und weniger Sicherheit gearbeitet. Seit zwei Jahren
verfolgen wir eine Wirtschaftsstrategie, die zur
Schaffung von über 5 Millionen neuen Arbeitsplätzen
beigetragen hat. Aber obwohl die Wirtschaftsstatistiken einen Aufschwung verzeichnen, steigt unser
Lebensstandard nicht. Es sieht fast so aus, als ob
die Amerikaner für ihre Produktivität in dieser neuen

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Volkswirtschaft bestraft würden. Das müssen wir
ändern. Mehr Arbeitsplätze sind nicht genug. Wir
müssen die Einkommen erhöhen.
Vor fünfzig Jahren führte ein amerikanischer Präsident die G.l. Bill of Rights ein, die aus dem Zweiten
Weltkrieg zurückgekehrten Veteranen die Möglichkeit
einräumte, das College zu besuchen, ein Haus zu
kaufen und Kinder aufzuziehen. Damit wurde unser
Land aufgebaut. Heute abend schlage ich eine Bill of
Rights für die Mittelschicht vor.
Diese Bill of Rights gründet sich auf vier zentrale
Gedanken: Erstens sollen die Collegegebühren
steuerlich absetzbar werden. Ebenso wie Hypothekenzinsen steuerlich abzugsfähig sind, weil wir
wollen, daß die Amerikaner ein Eigenheim haben,
sollten Collegegebühren absetzbar sein, weil wir
wollen, daß die Amerikaner das College besuchen.
Im einzelnen schlage ich vor, daß alle Studiengebühren - für das College, das Gymnasium, die Berufsschule, berufliche Ausbildung oder Umschulung nach
der High School - steuerlich uneingeschränkt geltend
gemacht werden können und zwar in Höhe von
10.000 Dollar pro Jahr für Familien mit einem Einkommen von bis zu 120.000 Dollar pro Jahr.
Schließlich hat Ausbildung größere Auswirkungen auf

Seite 1

�die Einkommen und die Arbeitsplatzsicherheit als je
zuvor. Wir wollen also die Früchte der Gesundung
von heute in die Chancen von morgen investieren.
Zweitens ist die Erziehung eines Kindes harte Arbeit
in dieser Volkswirtschaft. Wir sollten also den
Familien der Mittelschicht bei der Erziehung ihrer
Kinder behilflich sein. Wir haben letztes Jahr mit der
Verabschiedung des Gesetzes über Urlaub aus
familiären Gründen, günstigeren Krediten für die
Collegeausbildung und durchschnittlichen Steuererleichterungen von über 1.000 Dollar pro Jahr für
15 Millionen amerikanische Familien mit Einkommen
von 25.000 Dollar im Jahr oder weniger einen guten
Anfang gemacht.
Ich möchte jetzt einen Steuerfreibetrag für jedes
Kind unter 13 Jahren in Höhe von 500 Dollar einführen. Diese Steuererleichterung gilt für alle
Familien mit einem Einkommen von weniger als
75.000 Dollar.
Drittens sollten wir Menschen mit einem mittleren
Einkommen beim Sparen behilflich sein, indem jede
amerikanische Familie mit einem Einkommen unter
100.000 Dollar einen steuerlich abzugsfähigen
Betrag von 2.000 Dollar in eine private Altersversorgung einzahlen kann. Aber ich möchte, daß Sie
dieses Geld für ihren Lebensunterhalt, nicht nur für
die Rente benutzen können. Dieses Konto können
Sie - steuerfrei - für die Finanzierung der Ausbildung, medizinische Versorgung, den Kauf eines
ersten Eigenheims oder die Versorgung der Eltern
verwenden.
Da jeder Amerikaner die für das Prosperieren in der
neuen Volkswirtschaft erforderlichen Qualifikationen
benötigt - und die meisten von Ihnen werden von
Zeit zu Zeit den Arbeitsplatz wechseln - sollten wir
viertens die von der Regierung jetzt für Dutzende
verschiedener Ausbildungsprogramme aufgewendeten Milliarden Dollar Ihnen geben, damit Sie Ihre
Ausbildung bezahlen können, wenn Sie Ihren
Arbeitsplatz verlieren oder einen besseren anstreben.
Wir können diese Bill of Rights für die Mittelschicht
finanzieren, indem wir weiterhin die Staatsausgaben
einschließlich Subventionen an mächtige Interessengruppen reduzieren, die sich mehr an Einfluß als an
Erfordernissen orientieren. Wir können ganze
Betriebe verkaufen, die die Regierung nicht länger
unterhalten muß, und Dutzende von Programmen
den Bundesstaaten und Gemeinden übergeben, die
am besten wissen, wie sie ihre Probleme lösen
können.

Seite 2

Mit meinem Plan werden Einsparungen in Milliardenhöhe beim Energieministerium vorgenommen, das
Transportministerium verkleinert sowie im Ministerium
für Wohnungsbau und städtische Entwicklung 60
Programme auf vier gekürzt. Unsere von Vizepräsident Gore angeführte Initiative zur Umstrukturierung
der Regierung hat bereits zum Abbau von Bürokratie
beigetragen und Gelder zum Abtragen des Defizits
und für Investitionen in unser Humankapital freigesetzt. Wir haben bereits Budgets zur umfassendsten
Verkleinerung der Bundesregierung seit 30 Jahren
und zum Abbau des Defizits um 700 Milliarden Dollar
verabschiedet. Das sind über 10.000 Dollar für jede
amerikanische Familie.
In den nächsten Tagen werden wir mehr Einzelheiten
unserer Vorschläge bekanntgeben. Und ich habe
den Vizepräsidenten angewiesen, jedes einzelne
Programm der Ministerien auf weitere Kürzungen hin
zu prüfen.
Wir haben hart gearbeitet, um dieses Defizit unter
Kontrolle zu bringen, nachdem die Staatsverschuldung rn den 12 Jahren vor meiner Amtsübernahme
viermal gestiegen ist. Das ist eine große Belastung
für Sie. Ungefähr fünf Prozent Ihrer Einkommensteuer wird für die Finanzierung von Sozialleistungen
und Auslandshilfe benötigt, aber 28 Prozent für die
Tilgung der Zinsen der zwischen 1981 und dem Tag,
an dem ich Präsident wurde, aufgelaufenen Schulden. Ich fordere den neuen Kongreß zur Zusammenarbeit mit mir bei der Verabschiedung der Gesetzesvorlage über eine Bill of Rights für die Mittelschicht
auf, ohne das Defizit zu vergrößern und ohne neue
Kürzungen von Sozialleistungen oder Medicare
vorzunehmen.
Ich weiß, daß einige die Regierung einfach blind
verkleinern wollen, und ich weiß, daß das jetzt
populär ist. Aber ich werde es nicht tun. Ich möchte
eine schlankere, keine schlechtere Regierung, die
wieder an der Seite der hart arbeitenden Amerikaner
steht. Eine neue Regierung für die neue Volkswirtschaft - kreativ, flexibel, hochqualifiziert, kostengünstig, dienstleistungsorientiert - wie unsere innovativsten Privatuntemehmen.
Ich werde mit der republikanischen Mehrheit und den
Demokraten im Kongreß zusammenarbeiten, um eine
neue amerikanische Volkswirtschaft aufzubauen und
den Amerikanischen Traum wiederherzustellen. Es
wir nicht leicht sein. Glauben Sie mir, die Interessengruppen verstecken sich nicht, nur weil im November
Wahlen waren. In der Tat sind sie stärker als je
zuvor. Und deswegen benötigen wir mehr denn je
eine Reform des Lobbyismus, eine Reform der
Wahlkampffinanzierung und eine Reform des Kon-

AMERIKA DIENST 50

�gresses, damit er die Gesetze befolgt, die er anderen auferlegt.

besser machen. Wir müssen wieder eine Gemeinschaft werden.

Gemeinsam können wir eine funktionierende Sozialund Gesundheitsreform verabschieden. Ich werde
in meinem Bericht zur Lage der Nation im Januar
mehr über meine Zusammenarbeit mit dem neuen
Kongreß sagen.

Ja, einige Menschen nutzen die übrigen aus - indem
sie Gesetze brechen, das Sozialsystem ausbeuten
und unsere Einwanderungsgesetze umgehen. Das
ist falsch, und ich arbeite daran, dem ein Ende zu
bereiten. Die Wahrheit ist jedoch, daß die meisten
Menschen in diesem Land - unabhängig von ihrer
Rasse, Religion, ihrem Einkommen oder ihrer Position zu kontroversen Themen - jeden Tag aufstehen,
zur Arbeit gehen, die Gesetze befolgen, ihre Steuern
zahlen und ihre Kinder so gut sie können erziehen.
Und die meisten von uns sehen sich den gleichen
echten Herausforderungen in dieser neuen Volkswirtschaft gegenüber. Wir werden diese Herausforderungen sehr viel besser meistern, wenn wir zusammenarbeiten und aus unserer Vielfalt Einheit und Stärke
gewinnen.

Aber folgendes werde ich nicht tun. Ich werde keine
Ideen unterstützen, die gut klingen, aber nicht
bezahlbar sind - Ideen, die die von uns in den
vergangenen zwei Jahren für die arbeitenden
Familien erzielten Fortschritte schwächen. Ideen,
die armen Menschen schaden, die das Menschenmögliche zur Erziehung ihrer Kinder tun und versuchen, sich zur Mittelschicht hochzuarbeiten.
Ideen, die unseren Kampf gegen Verbrechen, für
eine saubere Umwelt, bessere Schulen oder für die
Stärke und das Wohlergehen unserer Streitkräfte in
der Außenpolitik unterminieren. Mit anderen Worten,
wir müssen ehrlich mit dem amerikanischen Volk
über die wirklichen Konsequenzen aller Haushaltsentscheidungen sein.
Meine Testfrage lautet: Verbessert eine Idee die
Einkommen und Chancen der Mittelschicht? Fördert
sie Werte wie Familie, berufliche Verantwortung und
Gemeinschaft? Trägt sie zur Stärkung unserer
neuen Volkswirtschaft bei? Wenn ja, dann bin ich
dafür, egal, wer den Vorschlag unterbreitet. Und ich
hoffe, der Kongreß wird mit meinen Ideen ebenso
verfahren. Es geht darum, Fortschritte zu machen,
egal, wem das Verdienst gebührt.
Aber unsere Arbeit in Washington ist nicht genug.
Hier sind Sie angesprochen. Dies alles beginnt mit
Ihnen. Wir können Steuern senken und Chancen
verbessern, aber die Regierung kann nicht Ihre
Kinder erziehen, für Sie in die Schule gehen, Ihren
Angestellten, die es verdient haben, eine Gehaltserhöhung geben oder Probleme in Ihrer Nachbarschaft lösen, die Ihr persönliches Engagement
erfordern. Kurzum, die Regierung kann nicht Ihre
Staatsbürgerpflicht wahrnehmen. Es funktioniert
anders herum.
Die Probleme dieser neuen Welt sind kompliziert,
und wir alle müssen lernen. Das bedeutet, die
Bürger müssen gleichermaßen zuhören und sprechen. Wir brauchen weniger Rhetorik und mehr
offene Konversation, weniger Bosheit und mehr
Nächstenliebe. Wir müssen die Politik der persönlichen Zerstörung und Dämonisieaing beiseite lassen,
die unsere Debatte zu sehr beherrscht hat. Die
meisten von uns sind gute Menschen, die versuchen, es besser zu machen. Und wenn wir uns
gegenseitig alle so behandelten, würden wir es

AMERIKA DIENST 50

Wir haben mehr gemeinsam, mehr, das uns verbindet
als trennt. Und wenn wir beginnen, so zu handeln,
können wir der Zukunft voller Vertrauen entgegensehen. Ich bin immer noch fest davon überzeugt,
daß in Amerika nichts so kaputt ist, daß es nicht mit
dem repariert werden könnte, was heil ist. Hier geht
es nicht um Alltagspolitik. Wie ich seit Jahren sage,
geht es nicht darum, sich nach links oder rechts zu
bewegen, sondern nach vorne. Es geht nicht darum,
ob eine Regierung schlecht oder gut ist, sondern
darum, mit welcher Art von Regierung wir unser von
Gott gegebenes Potential am besten nutzen können.
Und es geht auch nicht um die nächsten Wahlen.
Das liegt in Ihrer Hand.
In der Zwischenzeit werde ich das tun, was ich als
richtig erachte. Meine Regel für die nächsten beiden
Jahre lautet: An erster Stelle steht das Land, und
Alltagspolitik an allerletzter Stelle. Ich hoffe, der neue
Kongreß wird dieselbe Regel befolgen. Und ich
hoffe, Sie auch.
Dieses Land funktioniert am besten, wenn es zusammenarbeitet. Jahrzehntelang seit dem Zweiten
Weltkrieg haben wir immer mehr Amerikanern die
Chance gegeben, ihren Traum auszuleben. Ich weiß,
wovon ich spreche - ich bin einer von ihnen.
Als ich geboren wurde, war meine Mutter bereits
Witwe und die Einnahmen meines Bundesstaates
lagen um die Hälfte unter dem nationalen Durchschnitt. Ich war der erste in unserer Familie, der
einen Collegeabschluß machte mit Mitteln, die meine
Eltern nicht aufbringen konnten - Stipendien, Krediten
und einem halben Dutzend Jobs. Es bricht mir das
Herz, wenn ich Menschen sehe, deren Träume für
ihre Zukunft und die ihrer Kinder wie Seifenblasen
platzen. Und ich werde alles in meiner Macht Ste-

Seite 3

�hende tun, um es zu ändern. Aber ich brauche Ihre
Hilfe. Wir können es schaffen.

sehr viel, für das wir dankbar sein müssen. Das
sollten wir uns vor Augen führen.

Mit all unseren Problemen ist dies immer noch das
großartigste Land der Welt - das vor den größten
Tagen seiner Geschichte steht. Es gibt immer noch

Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage. Gott schütze
Amerika.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 50

�ABRÜSTUNG
21. Dezember 1994

DIE NICHTVERBREITUNGSPOLITIK DER USA
Rede von Lynn Davis
WASHINGTON - (AD) - Die Verbreitung von nuklearen und konventionellen Massenvernichtungswaffen sei eine
der kritischsten Sicherheitsbedrohungen der Zeit nach dem Kalten Krieg, erklärte die Staatssekretärin für
internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle im US-Außenministerium, Lynn Davis, in einer Rede über die
Nichtverbreitungspolitik der Clinton-Administration am 8. Dezember 1994 vor dem Atlantic Council.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext.

Verhinderung der Verbreitung gefährlicher Waffen
Einleitung
Es ist mir eine große Ehre, heute nachmittag vor
diesem erlesenen Publikum reden zu dürfen. Wenn
ich mir die vielfältigen Aktivitäten des Atlantic Council
betrachte, bin ich beeindruckt über die Konzentration
auf die Herausforderung der Nichtverbreitung in
Ihren Programmen über kollektive Sicherheit, Mittelund Osteuropa, atlantische Zusammenarbeit und
Ost-West-Studien.
Die Clinton-Administration mißt der Nichtverbreitung
hohe Priorität in der amerikanischen Sicherheits- und
Außenpolitik bei. In den vergangenen zwei Jahren
konnten wir einige bemerkenswerte Erfolge verzeichnen.
Ich möchte zunächst diese Erfolge
beschreiben, mich dann den entscheidenden Elementen zuwenden, auf die sie zurückzuführen sind,
und mit einer kurzen Erläuterung der vor uns liegenden Aufgaben schließen.
I. Wichtige Erfolge bei der Nichtverbreitung
Die Ukraine, Belarus und Kasachstan sind dem
Nichtverbreitungsvertrag (NW) beigetreten. Sie
haben dem Transfer der nuklearen Gefechtsköpfe
auf ihrem Territorium zur Zerlegung nach Rußland
und der Zerstörung ihrer strategischen Raketensysteme zugestimmt. Diese Schritte haben den Weg
für das Inkrafttreten des START I-Vertrags in dieser
Woche geebnet.
Rußland und die Vereinigten
Staaten haben sich zur Ratifizierung des START IIVertrags in der ersten Hälfte des Jahres 1995 sowie

AMERIKA DIENST 50

zur Fortsetzung der Gespräche über mögliche weitere
Reduzierungen und Begrenzungen verpflichtet.
Im September vereinbarten die Präsidenten Clinton
und Jelzin zwei wichtige neue Maßnahmen bei der
Umsetzung der von START zwingend vorgeschriebenen Reduzierungen.
Die Verteidigungsminister
werden jetzt alle drei Monate Informationen über
strategische Systeme austauschen, die beseitigt oder
deaktiviert wurden. Sobald der START Il-Vertrag
ratifiziert ist, werden die Vereinigten Staaten und
Rußland alle im Rahmen der Vereinbarung zu reduzierenden strategischen Trägersysteme deaktivieren,
indem ihre Gefechtsköpfe entfernt oder andere
Schritte unternommen werden, um sie zu entschärfen.
Rußland hat der Einstellung des Transfers von
Technologie zur Raketenherstellung nach Indien
zugestimmt und hält jetzt die Richtlinien des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology
Control Regime - MTCR) ein. Rußland hat die
Schließung seiner Plutonium produzierenden Reaktoren zugesagt und Schritte zur Verbesserung der
Sicherheit für die enormen Nukleararsenale unternommen. Im September 1994 versprach Präsident
Jelzin die Einstellung weiterer Waffenverkäufe an den
Iran.
Die Ukraine hat sich jetzt zur Einhaltung des MTCR
verpflichtet. Kasachstan hat bei dem Transport von
600 kg hochangereichertem Uran in die Vereinigten
Staaten zur Lagerung gemäß der Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) kooperiert. Ein internationales Wissenschaftszentrum in Moskau beschäftigt Tausende

Seite 1

�ehemaliger sowjetischer Atomwaffenspezialisten für
friedliche Forschungsvorhaben.
Nordkorea hat einem Rahmenabkommen über die
Einstellung seines gefährlichen Nuklearprogramms
zugestimmt.
Inzwischen hat Nordkorea seine
atomaren Aktivitäten eingefroren. Die IAEO ist für
die Verifizierung verantwortlich. Die Demokratische
Volksrepublik Korea hat auch die lAEO-Sicherheitsvorschriften in vollem Umfang angenommen und sich
zu einem Dialog mit Südkorea über die Verwirklichung der gemeinsamen Vereinbarung zur Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel verpflichtet.

Staaten versuchen, Massenvernichtungswaffen,
Raketen und moderne konventionelle Waffen aus
Sorge um ihre Sicherheit zu beschaffen. Diese
Besorgnis ist auf akute regionale Bedrohungen,
wirtschaftliche Unsicherheit oder den Wunsch nach
militärischer Hegemonie und Macht zurückzuführen.
Staaten wollen gefährliche Waffen primär aus ökonomischen Gründen verkaufen. Wenn wir Erfolg haben
wollen, müssen wir uns sowohl mit dem Angebot als
auch der Nachfrage befassen. Dies erfordert die
genaue Abstimmung unserer Reaktionen auf den
individuellen Fall im Rahmen globaler Normen.
Sicherheitszusagen

China hat dem globalen Exportverbot aller BodenBoden-Raketen mit vom MTCR kontrollierten Fähigkeiten zugestimmt. Das Land hat ferner seine
frühere Verpflichtung zur Einhaltung der MTCRRichtlinien auf dem Stand von 1991 bekräftigt. Dank
dieses Abkommens konnten wir die China für den
Transfer von Raketentechnologie nach Pakistan
auferlegten Sanktionen aufheben.
II. Die amerikanische Führungsrolle
In allen diesen Fällen haben die Vereinigten Staaten
vor dem Hintergrund der internationalen Unterstützung für die im NW und MTCR verankerten Nichtverbreitungsnormen eine zentrale Rolle gespielt.
Aktive Diplomatie seitens der Vereinigten Staaten
war der Schlüssel. Im Fall des russischen und
chinesischen Raketenhandels übten die Vereinigten
Staaten direkten Druck zur Unterbindung der gefährlichen Raketenverkäufe aus. Die Vereinigten Staaten haben als Vermittler zu Rußland fungiert und
waren bei den Vorbereitungen für die Verlegung von
Nuklearwaffen aus der Ukraine, Kasachstan und
Belarus behilflich. Die Vereinigten Staaten haben im
Namen des UN-Sicherheitsrats das Rahmenabkommen mit der Demokratischen Volksrepublik Korea
ausgehandelt.

Entscheidend für die Bereitschaft der Ukraine, von
Belarus und Kasachstan, Partei des NW zu werden,
war die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Rußlands zur Gewährung von Sicherheitszusagen. Diese Sicherheitszusagen bekräftigen, daß die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und Rußland im Falle des Aktes oder der Androhung
einer nuklearen Aggression Hilfe des UN-Sicherheitsrats beantragen; auf den Einsatz von Nuklearwaffen
gegen diese Staaten verzichten, solange sie keinen
Angriff im Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchführen; die Unabhängigkeit und Souveränität dieser
Staaten respektieren; auf die Androhung wirtschaftlichen Drucks und den Einsatz militärischer Gewalt
gegen sie verzichten und Konsultationen mit ihnen
führen, falls eine Frage bezüglich der Erfüllung dieser
Verpflichtungen auftritt. Die Bereitschaft Rußlands
zur Gewährung dieser Zusagen war von größter
Bedeutung, aber die Vereinigten Staaten und Großbritannien erleichterten die russische Unterstützung
durch ihre eigenen Zusagen. Die Vereinigten Staaten
haben als Teil des Rahmenabkommens zugesagt,
Nordkorea vorbehaltlich seiner uneingeschränkten
Einhaltung des NW Sicherheitszusagen zu gewähren.
Wirtschaftliche und andere Formen der Hilfe

IM. Elemente der Nichtverbreitungspolitik der
Administration
Maßnahmen
Ich möchte mich jetzt den Elementen dieser erfolgreichen Nichtverbreitungsmaßnahmen zuwenden
und mit einer Anmerkung beginnen: Nichtverbreitung ist kein abstraktes Prinzip. Erfolgreiche Nichtverbreitungsmaßnahmen erfordern die Konzentration
auf die Motive von Staaten zur Beschaffung gefährlicher Waffen und die Gründe, warum Staaten diese
Waffen verkaufen wollen.

Seite 2

Ein weiteres entscheidendes Element unserer Nichtverbreitungsmaßnahmen war unsere Fähigkeit,
verstärkten Handel und Technologietransfer mit
Staaten zu fördern, die Nichtverbreitungsnormen
einhalten. Wir haben die Bereitstellung wirtschaftlicher und anderer Formen der Hilfe erfolgreich angewandt, um Staaten Anreize zur Einstellung des
Handels mit gefährlichen Waffen oder deren Beschaffung zu bieten.
Die Ukraine erhält nukleare Brennstäbe zur Energieerzeugung aus Rußland als Kompensation für die
Nuklearwaffen, die das Land nach Rußland zurückverlegt.
Die koreanische Energie-Entwicklungsorganisation (KEDO) wird Nordkorea Öl als Ersatz für

AMERIKA DIENST 50

�die durch die Einstellung seines aktuellen Atomreaktorprogramms verlorene Energie liefern, sowie
Leichtwasserreaktoren als Ersatz für die bisherigen
Graphitreaktoren.
Unser Nunn-Lugar-Programm wird bei der Zerlegung
strategischer Raketen und der Konversion von
Rüstungsindustrien in der Ukraine, Belarus und
Kasachstan entscheidende Hilfestellung leisten. Die
Vereinigten Staaten haben die Zusammenarbeit mit
dem russischen und dem ukrainischen Weltraumprogramm im Anschluß an die Zusage dieser beiden
Staaten aufgenommen, die MTCR-Richtlinien einzuhalten. Im Gegenzug zu der Zustimmung der
beiden Länder zum Abtransport des hochangereicherten Urans aus Kasachstan wird die kasachische
Regierung direkte Entschädigungsleistungen und
technische Hilfe erhalten.
Alle diese Hilfspakete sind auf die individuellen
Bedürfnisse dieser Staaten zugeschnitten. Gelegentlich wurden diese Hilfspakete als Belohnung für
"schlechtes Nichtverbreitungsverhalten" in der
Annahme kritisiert, daß verantwortungsbewußtes
Verhalten keiner Anreize bedürfe. Ohne diese
bescheidene Hilfe hätte wir jedoch wahrscheinlich
unsere umfassenderen Nichtverbreitungsziele nicht
erreicht. Unter dem Strich ist diese Art von Hilfe
sehr viel besser als die mit den Alternativen verbundenen Kosten.

Erfolgreiche Nichtverbreitungsmaßnahmen müssen
auch in unsere außenpolitischen und wirtschaftlichen
Maßnahmen integriert werden. Dies erfordert häufig
harte Entscheidungen zwischen konkurrierenden
Zielen: Verhinderung der Waffenverbreitung, Förderung kommerzieller Interessen und Aufrechterhaltung
guter politischer Beziehungen zu anderen Ländern.
Die internationale Ablehnung des Handels mit Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen wird
generell akzeptiert. Viele der für den Bau dieser
Waffen erforderlichen Technologien und Einzelteile
haben jedoch sowohl zivile als auch militärische
Verwendung.
Deshalb müssen Exportbeschränkungsmaßnahmen für Mehrzweckgüter definiert
werden, und diese betreffen kommerzielle Interessen.
Konventionelle Waffen haben eine legitime Rolle bei
der Gewährleistung von Sicherheit, sie stellen jedoch
auch eine Gefahr dar, wenn sie an die falschen
Länder verkauft werden.
Beschränkungen des
Handels

mit konventionellen Waffen können die

regionale Stabilität verbessern, aber gleichzeitig
sowohl der Rüstungsindustrie im Inland schaden als
auch ein Instrument zur Förderung politischer Zusammenarbeit mit einzelnen Ländern beseitigen. Bei
den konkurrierenden Nichtverbreitungszielen - kommerziellen Interessen und Aufrechterhaltung politischer Beziehungen zu ausländischen Regierungen unterscheidet sich^die Art und Weise, in der die
Vereinigten Staaten hier das Gleichgewicht halten,
häufig von der unserer wichtigsten Partner.

Abschreckungsmittel, Sanktionen
Eine glaubwürdige Nichtverbreitungspolitik muß auch
den Preis für ein sich nicht mit unseren Zielen dekkendes Verhalten erhöhen. Wirtschaftssanktionen
bieten der internationalen Staatengemeinschaft mehr
Entscheidungsspielraum als die Entscheidung zwischen Diplomatie und militärischer Gewalt.
Die Aussicht auf gemäß den amerikanischen Nichtverbreitungsgesetzen erforderliche Sanktionen
spielte eine wichtige Rolle bei unserem erfolgreichen
Abschluß der Verhandlungen über Raketenexporte
mit Rußland und China. Diese Aussicht könnte jetzt
wiederum eine Rolle bei unseren Bestrebungen zur
Einstellung der Waffenverkäufe an den Iran durch
Rußland und andere Länder spielen. Man muß sich
jedoch vor Augen führen, daß Sanktionen schwierig
anzuwenden und bei der Erlangung der von uns
angestrebten Ziele nicht immer erfolgreich sind.
Unser Scheitern, im Sommer Konsens der Ständigen
Mitglieder des UN-Sicherheitrats zu Sanktionen
gegen Nordkorea zu erzielen, schränkte unseren
Verhandlungsspielraum ein. Und Sanktionen können unseren eigenen Unternehmen schaden.
Abwägen konkurrierender Ziele

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Beim Handel mit Parias liefern die westlichen Staaten
diesen Ländern keine Nukleartechnologie, Waffen
oder Militärtechnologie. Rußland und China verkaufen aber immer noch moderne konventionelle
Waffen und Atomreaktoren an den Iran. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten wünschen die
Mitgliedstaaten der Europäischen Union kein Verbot
von Lieferungen sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie an zivile Abnehmer in Ländern wie dem
Iran, ungeachtet der Tatsache, daß der Iran den
internationalen Terrorismus unterstützt und weiterhin
den Friedensprozeß im Nahen Osten behindert.
Es sind wichtige Ziele der Clinton-Administration,
Rußland in die politischen und sicherheitspolitischen
Institutionen des Westens zu integrieren und die
Politik russischer Waffenverkäufe mit der des Westens in Einklang zu bringen. Die Vereinigten Staaten streben die Zustimmung der Russen zur Einstellung aller Waffenverkäufe an den Iran als Gegenleistung für die Unterstützung der Mitgliedschaft des
Landes im Nachfolgeregime des COCOM durch
Amerika an. Im Unterschied dazu waren die Europäer bereit, Rußland in das neue Regime aufzunehmen
in der Hoffnung, seine Waffenverkäufe an den Iran
würden eingestellt.
Die Aufrechterhaltung ihrer

Seite 3

�politischen Beziehungen zu Rußland und ihr Widerstreben, den Iran gesondert zu behandeln, waren
ihnen wichtiger als ihre Nichtverbreitungsziele. Da
die Russen jetzt einer Einstellung weiterer Waffenverkäfife zugestimmt haben, wobei sie auf der
Einhaltung abgeschlossener Verträge bestehen,
drängen die Europäer die Vereinigten Staaten,
Rußland die Mitgliedschaft zu gewähren. Die Vereinigten Staaten bemühen sich hingegen noch
sicherzustellen, daß die unter die laufenden Verträge
fallenden Waffenverkäufe innerhalb vernünftiger
Grenzen gehalten werden.
IV. Präzedenzfälle
Ich möchte kurz auf die Frage der Präzedenzfälle
eingehen, die durch unsere verschiedenen Nichtverbreitungsmaßnahmen geschaffen werden. Unsere
Maßnahmen sind auf die jeweilige sicherheitspolitische, wirtschaftliche und politische Situation eines
Landes zugeschnitten. Sie alle sind von ihrer Auslegung oder ihrem Ergebnis her gesehen nicht
identisch, und keine ist ein Präzedenzfall, wenn wir
nicht zulassen, daß sie ein solcher wird.
Das Rahmenabkommen zwischen den Vereinigten
Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea ist hierfür ein gutes Beispiel. Ich
möchte zunächst die wichtigsten Errungenschaften
dieses Abkommens nennen: 1. Nordkorea darf nicht
ungerechtfertigt oder ohne entsprechende Konsequenzen von dem Nichtverbreitungsvertrag zurücktreten. 2. Es liegt weiterhin im Verantwortungsbereich der Internationalen Atomenergie-Organisation,
die Bestimmungen für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften festzulegen; dies ist nicht dem
jeweiligen Land überlassen. 3. Nordkorea akzeptierte Einschränkungen, die über das von den Parteien
des Nichtverbreitungsvertrags verlangte Maß hinausgehen: keine Wiederaufbereitung von Brennelementen, keine Wiederaufbereitung von Brennstäben aus dem 5-MW-Experimentierreaktor, Entsorgung benutzter Brennelemente außerhalb Nordkoreas und Austausch der Graphitreaktoren durch
Leichtwasserreaktoren. Wir erreichten unser Ziel,
einen Prozeß in Gang zu setzen, der das nordkoreanische Nuklearprogramm durch geduldige, aber
entschlossene Diplomatie beendet.
Von einigen Kritikern wird vorgebracht, der Zeitraum
bis zur vollständigen Einhaltung der Sicherheitsvorschriften durch Nordkorea und bis zu den genehmigten Sonderinspektionen der IAEO würde vom
Iran zur Rechtfertigung von Verletzungen des N W
benutzt. Wir sind nicht dieser Ansicht.
Nordkorea genoß bei den Verhandlungen einzigartige Vorteile. Mit seinem eigenen Nuklearpro-

Seite 4

gramm könnte das Land ohne jegliche Hilfe aus dem
Ausland jährlich Hunderte von Kilos an Nuklearmaterial herstellen. Seine Isolation bedeutete, daß es
nicht sehr empfindlich gegenüber wirtschaftlichem
Druck von außen war, und die Streitkräfte Nordkoreas bedrohten Südkorea.
Bis zum Ende der Verhandlungen war Nordkorea
nicht bereit, Sonderinspektionen zuzulassen. Das
amerikanisch-nordkoreanische Rahmenabkommen
fordert jedoch die Durchführung umfassender Sicherheitsvorkehrungen, wenn auch erst in einigen
Jahren. Ferner bietet das Abkommen die Möglichkeit
zur Überwachung des Einfrierens und der Einhaltung
des Vertrags. Und es werden keine Nuklearkomponenten für Leichtwasserreaktoren bereitgestellt, bis
die Forderungen der IAEO nach umfassenden
Schutzvorrichtungen erfüllt sind.
Der Iran ist ein ganz anderer Fall. Das Land hat sich
stark darum bemüht, eigene atomare Fähigkeiten zu
entwickeln, die jedoch nicht so fortgeschritten sind
wie in Nordkorea. Jeglicher Rücktritt vom N W oder
die Weigerung, lAEO-lnspektionen zuzulassen,
werden zur sofortigen Einstellung von Nuklearhilfe an
den Iran führen, vor allem durch Rußland und China.
Diese Schritte würden dazu führen, daß der Iran erst
in vielen Jahren zur Herstellung von Nuklearwaffen in
der Lage ist.
Unsere Aufgabe ist es, nicht zuzulassen, daß irgendein Land den N W ausnutzt. Wir ermutigen die IAEO
zur Durchführung von Sonderinspektionen, damit sie
alltäglicher werden und nicht aufgrund ihrer Einzigartigkeit derartige Abwehrreaktionen hervorrufen.
Ferner werden wir uns bereits im Vorfeld bemühen,
unter den Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats
Einigung über Schritte im Falle von Verletzungen des
Vertrags zu erzielen.
V. Zukünftige Aufgaben
Wir haben im Bereich der Nichtverbreitung bereits
einige wichtige Errungenschaften zu verzeichnen,
aber es liegen noch viele Aufgaben vor uns, die alle
hohe Priorität haben. Ich möchte einige davon
ansprechen, wobei ich mir bewußt bin, daß ich viele
andere ebenfalls anführen könnte.
Die Gewährleistung der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des N W ist vielleicht die
wichtigste vor uns liegende Aufgabe auf dem Gebiet
der Nichtverbreitung. Der vor 25 Jahren unterzeichnete N W ist der Grundstein internationaler Bestrebungen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen. Im
kommenden Frühjahr wird der Vertrag überprüft.
Derzeit bemühen wir uns auf dem Wege der Diplomatie um weltweite Unterstützung.

AMERIKA DIENST 50

�Wir waren besonders erfreut darüber, daß auf dem
diese Woche in Budapest stattfindenden KSZEGipfel die 52 Teilnehmerstaaten eine unbegrenzte
Verlängerung des N W unterstützten und sich für
den Abschluß eines Vertrags über das Verbot der
Herstellung spaltbaren Materials aussprachen. Wir
haben mit Rußland zusammengearbeitet, um das im
N W niedergelegte Ziel eines Abbaus von Nuklearwaffen durch die Atommächte zu erreichen. Derzeit
ist eine bedeutende Verringerung strategischer
Nuklearwaffen im Gang. Rußland und die Vereinigten Staaten zerlegen zusammen jährlich über 2.000
Atomwaffen.
Über den N W hinaus streben wir ein erweitertes
Mandat von den NW-Mitgliedstaaten für unsere
Nichtverbreitungsbestrebungen an. Ein Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive
Test Ban Treaty - CTBT) wird die Weiterverbreitung
von Nuklearwaffen zusätzlich unterbinden. Die
Vereinigten Staaten sind der Vorreiter bei dem
Streben der Atommächte nach einem Moratorium für
Atomtests sowie bei der nachdrücklichen Forderung
nach einem internationalen Vertrag über das gesetzliche Verbot aller Atomtests. Wir wollen den N W
nicht als Druckmittel für den Abschluß eines Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot einsetzen,
stimmen aber mit anderen Ländern darin überein,
daß Fortschritte beim CTBT das Klima für eine
unbegrenzte Verlängerung des N W verbessern.
Wie der Präsident in seiner jüngsten Rede vor der
UN-Generalversammlung erklärte, streben die Vereinigten Staaten ein weltweites Verbot der Produktion spaltbaren Materials für Nuklearwaffen oder
außerhalb internationaler Sicherheitsvorschriften an.
Wir hoffen, daß die Verhandlungen über diesen
Vertrag Anfang 1995 in Genf aufgenommen werden.
Wir bemühen uns auch ernsthaft um Vereinbarungen
über Transparenz und Zurückhaltung beim Transfer
hochentwickelter konventioneller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie. Anders
als bei Raketen und Massenvernichtungswaffen
existieren für konventionelle Waffen keine internationalen Vereinbarungen. Wir haben eine weitreichende Strategie vorgeschlagen, um Rußland und
die anderen Mitgliedstaaten des ehemaligen Warschauer Pakts an einem neuen, globalen Mandat zu
beteiligen.
Die jüngsten Schritte des Irak zur Anerkennung des
Existenzrechts von Kuwait sind noch keine vollständige Einhaltung der UN-Resolutionen. Die UNSonderkommission verfügt - fast vier Jahre nach
dem Golfkrieg - noch nicht über umfassende Informationen über die biologischen und chemischen
Waffenprogramme des Irak. In Erwartung einer

AMERIKA DIENST 50

Aufhebung der UNO-Sanktionen treffen einige Länder
bereits Vorkehrungen für eine Wiederaufnahme des
Handels. Damit wird Baghdad ein falsches Zeichen
gegeben. Der Irak muß alle relevanten Resolutionen
befolgen, bevor der UN-Sicherheitsrat eine Aufhebung des Verbots von Erdölverkäufen in Erwägung
ziehen kann.
Die Umsetzung des amerikanisch-nordkoreanischen
Rahmenabkommens wird wahrscheinlich ein langer,
schwieriger Prozeß. Zudem müssen wir bei anderen
Fragen unsere Bestrebungen verstärken, unter
anderem dabei, den nordkoreanischen Handel mit
Mittelstreckenraketen zu beenden.
Besonders
besorgt sind wir über die fortgesetzte Lieferung von
Raketen und ihren Trägersystemen durch Nordkorea
an den Iran und Syrien. Wir haben deutlich gemacht,
daß die Vereinigten Staaten erst dann zur Erweiterung diplomatischer Beziehungen bereit sind, wenn
dieser Handel eingestellt wird. Ferner müssen wir
uns mit der Bedrohung Südkoreas durch Nordkorea
mit konventionellen Waffen befassen.
Die Verhinderung des Schmuggels von Nuklearmaterial hat hohe Priorität, da die Menge überschüssigen
spaltbaren Materials durch den Abbau strategischer
Nuklearwaffen dramatisch ansteigt. Die Gewährleistung eines gesicherten Nachweises für diese
Nuklearmaterialien und ihre sichere Lagerung stellen
im Bereich der Rüstungskontrolle eine hohe Priorität
dar.
Eine gemeinsame amerikanisch-russische Arbeitsgruppe wird Anfang 1995 Gespräche darüber aufnehmen, wie der Abbau nuklearer Gefechtsköpfe
irreversibel gestaltet werden kann. Wir streben einen
Austausch von Informationen über Atomwaffenarsenale, Lagerstätten für spaltbare Materialien sowie
deren Sicherheitseinrichtungen an. Wir werden
die gegenseitigen Inspektionen von Plutoniumlagerstätten als Teil unseres Abkommens über eine
Einstellung der Plutoniumherstellung für Atomwaffen
fortsetzen.
In Südasien werden wir mit der vielleicht ernsthaftesten Herausforderung konfrontiert. Indien und Pakistan könnten beide innerhalb kurzer Zeit eine kleine
Anzahl von Atomwaffen bauen. Jedes Land kauft
oder entwickelt Raketen, die Massenvernichtungswaffen in die Ballungszentren des jeweils anderen
Landes tragen können. Nachdem bereits drei Kriege
geführt wurden, könnte jeder künftige Konflikt schnell
zu einem Atomkrieg eskalieren.
Wir verfolgen einen schrittweisen Ansatz zur Begrenzung, Reduzierung und letztlichen Zerlegung der
Massenvernichtungswaffen und Trägersysteme für
ballistische Raketen in Südasien. Das beinhaltet

Seite 5

�ballistische Raketen in Südasien. Das beinhaltet
folgende Forderungen an die beiden Länder:
1. Verzicht auf Ersteinsatz ballistischer Raketen.
2. Verzicht auf die Herstellung spaltbaren Materials
für Atomwaffen als Schritt zu einer internationalen
Konvention über das Verbot spaltbaren Materials
und 3. Verzicht auf Atomtests vor Abschluß eines
Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot. Wir
haben auf regionaler Ebene den Vorschlag für ein
multilaterales Verfahren unterbreitet, um konventionelle und nichtkonventionelle regionale Sicherheitsfragen anzugehen. Auf globaler Ebene sprechen wir
mit beiden Ländern im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz, um ihre Unterstützung für einen
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und
eine Beendigung der Herstellung von spaltbarem
Material zu erwirken.

*

Seite 6

VI. Schlußbemerkung
Die Vereinigten Staaten erachten Nichtverbreitung als
den Schlüssel für Sicherheit in der Welt nach dem
Kalten Krieg. Wir können jedoch nicht im Alleingang
Erfolg haben. Wir legen weiterhin Wert auf einen
multilateralen Ansatz, insbesondere bei dem Bestreben, Rußland und China zu einer verantwortungsbewußten Nichtverbreitungspolitik zu veranlassen.
Dieses Bestreben ergänzt die Arbeit anderer Mitglieder des Bündnisses, erfordert von den Vereinigten
Staaten jedoch eine Führungsrolle, die wir bereits
übernommen haben und in Zukunft fortsetzen werden.

* * *

*

AMERIKA DIENST 50

�NATO
21. Dezember 1994

DIE DEMOKRATISCHE KONTROLLE
DER STREITKRÄFTE
von Charlie Rose
Der Verfasser war Leiter der Delegation des Repräsentantenhauses bei der Nordatlantischen Versammlung.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in der Oktoberausgabe von NATO-Brief. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von NATO-Brief, Nr. 5, Oktober 1994.

Ende August 1994 nahmen 55 Parlamentarier und
Mitarbeiter von Verteidigungs- und Sicherheitsausschüssen 14 mittel- und osteuropäischer Parlamente
an einem zehntägigen Lehrgang über die Verteidigung in Demokratien teil, der gemeinsam von der
Nordatlantischen Versammlung und dem MarshallZentrum für Sicherheitsstudien organisiert wurde.
Der Lehrgang diente in erster Linie dazu, solche
Informationen, Sachkenntnisse und Erfahrungen auf
den Gebieten Organisation, Verwaltung und Grundsätze der Verteidigung auszutauschen, die dazu
beitragen könnten, die Beteiligung der Parlamente
an der Entwicklung und Durchführung der jeweiligen
nationalen Verteidigungspolitik sowie den parlamentarischen Einfluß auf diese Prozesse durchzusetzen.
Der Lehrgang ergab sich als logische Folge aus dem
von der Versammlung beschlossenen Programm der
Zusammenarbeit mit den Parlamenten Mittel- und
Osteuropas, das als Rose-Roth-Initiative bezeichnet
wird. Er erweiterte zudem die Arbeit des MarshallZentrums mit den Regierungen und der jeweiligen
militärischen Führung mittel- und osteuropäischer
Staaten um eine wichtige parlamentarische Dimension.
Beide Projekte stellen auf ihre Weise einen wesentlichen Beitrag zur NATO-Initiative der Partnerschaft
für den Frieden (Partnership for Peace - PFP) dar.
Bei der Entwicklung engerer Beziehungen zwischen
der NATO und ihren Kooperationspartnern wird die
PFP eine stärkere Zusammenarbeit in verteidigungsrelevanten Bereichen betonen und dabei zu verstärkter Konvergenz und Kompatibilität führen sowie
in bezug auf einige Staaten die Voraussetzungen für
eine spätere Mitgliedschaft schaffen. Unter den
Zielen des PFP-Rahmendokumentes sind folgende
von besonderer Bedeutung: Förderung der Trans-

AMERIKA DIENST 50

parenz bei nationalen Verfahren der Verteidigungsplanung und der Aufstellung des Verteidigungsetats
sowie dauerhafte demokratische Kontrolle der Streitkräfte. Der Lehrgang würdigte die Rolle, die Parlamentarier bei der Erreichung dieser Ziele und insbesondere bei der Gewährleistung einer demokratischen Kontrolle der Streitkräfte spielen können und
spielen sollten.
Unter dem Ausdruck "demokratische Kontrolle des

Militärs" wird allgemein die Unterordnung der Streitkräfte unter demokratisch gewählte politische Gremien verstanden; er bedeutet, daß alle Beschlüsse
bezüglich der Landesverteidigung von denjenigen zu
fassen sind, denen durch Wahlen die Verantwortung
für die Angelegenheiten des jeweiligen Landes
übertragen wurde.
Obwohl allgemeines Einverständnis bezüglich der Bedeutung dieses Ausdruckes
herrscht, ist man sich jedoch kaum darin einig, wie
dieses Ziel erreicht werden sollte, welche Strukturen
und Verfahren erforderlich sind und - was für diesen
Beitrag am wichtigsten ist - welche Rolle von den
Parlamenten gespielt werden sollte.
Warum das Primat der Politik?
In den meisten westlichen Staaten ist das Prinzip der
demokratischen Kontrolle der Streitkräfte so fest
verankert, daß die Gründe für seine Bedeutung
häufig übersehen oder als selbstverständlich betrachtet werden. Der wichtigste Grund ergibt sich aus den
wesentlichen Merkmalen von Streitkräften, durch die
sie in jeder Gesellschaft zu einer Bedrohung werden
können. Die besonderen Umstände, die in den
meisten mittel- und osteuropäischen Staaten infolge
ihrer kommunistischen Vergangenheit vorherrschen
und die Kontrolle und Leitung der Streitkräfte beeinflussen, lassen verstehen, warum dieses Problem in

Seite 1

�der PFP besondere Bedeutung erlangt hat. Streitkräfte werden zum Schutz der Gesellschaft ihres
Staates aufgebaut; ihre Aufgabe besteht darin, der
Bevölkerung, aus der sie sich rekrutieren, zu dienen
und diese zu verteidigen. Um diese Aufgabe wahrnehmen zu können, müssen sie jedoch in unserer
Gesellschaft eine besondere Stellung einnehmen,
vor allem als diejenigen, die sich in erster Linie im
Besitz von Waffen und sonstigen Rüstungsgütem
befinden. Ferner stellt das Militär in jedem Land
eine straff organisierte, disziplinierte Gruppe dar, die
durch Traditionen, Sitten und Arbeitsgewohnheiten
zusammengehalten wird. Hauptsächlich wird sie
jedoch dadurch zusammengehalten, daß ihre Mitglieder zusammenarbeiten und sich in Krisenzeiten
und Konflikten aufeinander verlassen können müssen, was zu einer gegenseitigen Abhängigkeit führt,
die buchstäblich über Leben und Tod entscheiden
kann. Eine derartige Abhängigkeit schafft starke
Bande und Loyalitätsgefühle und erfordert einen
Grad von Zusammenhalt und Geschlossenheit, den
nur wenige andere Berufsgruppen für sich beanspruchen können. Diese Eigenschaften - Disziplin,
unbedingter Einsatz und Loyalität - kennzeichnen
das Militär und unterscheiden es in mancher Hinsicht
von der übrigen Gesellschaft.
Die Grundhaltung oder der Stil des Militärs kann
diese Unterschiedlichkeit noch verstärken. Der
organisierte, vorhersehbare Ablauf des Lebens im
Militär führt häufig zu einem einfach strukturierten
Weltbild, das im Widerspruch zu der komplexeren
und vergleichsweise offenbar häufig undurchsichtigen Welt der Politik steht. Theoretisch sollte es eine
klare Trennung zwischen dem politischen und dem
militärischen Zuständigkeitsbereich geben. In der
Praxis sind die Grenzen jedoch oft fließend, und die
beiden Welten überschneiden sich unweigerlich.
Grauzonen der Zuständigkeit können zu Spannungen führen, insbesondere in Krisen und Konflikten,
wenn politische und militärische Ziele möglicherweise voneinander abweichen, z. B. bei der Festlegung
der Einsatzrichtlinien. Unter den sich verändernden
Bedingungen der heutigen Zeit könnte sich dieses
Ineinandergreifen der Aufgaben in dem Maße
verstärken, wie neue Missionen, z. B. friedenssichernde Operationen, vom Militär eine politischere
Rolle verlangen und die Tendenz zu einem höheren
Bildungsstand im Militär ein stärkeres politisches
Bewußtsein fördert.
Es gibt eine Vielzahl von Umständen, unter denen
die Eigenheiten des Militärs besondere Bedeutung
erlangen können. Unter Bedingungen innerstaatlicher Instabilität und innenpolitischer Auseinandersetzungen oder Unruhen kann das Militär ein Element
der relativen Stabilität und eine Quelle der Ordnung
darstellen. Die Geschichte ist voll von Beispielen für

Seite 2

Fälle, in denen das Militär die Macht übernommen
oder die wichtigsten Posten besetzt oder aber gedroht hat, sich gegen die jeweilige Regierung aufzulehnen. Die meisten westlichen Länder haben in
ihrer Geschichte irgendwann einmal als "Unruhestifter" auftretende General gehabt; Beispiele sind die
Curragh-Meuterei der britischen Armee, die Revolte
der französischen Generale in Algerien, die Interventionen des griechischen und des türkischen
Militärs oder auch die Dominanz des Militärs in
Spanien und Portugal während der Diktatur.
Unter diesen Umständen ist die Loyalität der Streitkräfte von entscheidender Bedeutung. Grundsätzlich
wird davon ausgegangen, daß die Streitkräfte der
jeweiligen demokratisch gewählten Regierung Loyalität bezeigen. Verfassungsregelungen lassen jedoch
manchmal einen gefährlichen Grad an Unklarheit
erkennen. In jedem System besteht die Möglichkeit,
daß sich das Militär als Einrichtung begreift, die für
eine höhere Autorität - für die Nation oder die Verfassung - und nicht für eine auf begrenzte Zeit
gewählte politische Autorität steht, und daß es dann
versucht ist, seine besondere Sicht des nationalen
Interesses durchzusetzen. Im Laufe der Zeit sind
solche Ansichten schon von einer Vielzahl führender
Militärs geäußert worden. Die Bemerkungen von
General MacArthur zu dieser Frage sind bekannt; vor
kurzem brachte, was noch beunruhigender ist, der
Kommandeur der 14. Armee Rußlands im Gebiet
östlich des Dnjestr, General Lebed, ähnliche Vorstellungen zum Ausdruck. Solche Ansichten sind
natürlich mit einer Demokratie unvereinbar.
Heute hat keine der westlichen Demokratien in
diesem Bereich ernste Probleme, denn die jeweiligen
Aufgaben des Militärs und der Zivilisten sind fest
verankert und werden voll und ganz akzeptiert.
Unsere demokratischen Strukturen sind robust genug,
um ein gelegentliches Aufbegehren hochrangiger
Offiziere aufzufangen, die mit ihren politischen Herren
unzufrieden sind. Die Bedeutung einer demokratischen Kontrolle liegt heutzutage darin, daß zu
gewährleisten ist, daß den Streitkräften und ihren
Erfordernissen in unserer Prioritätenliste der ihnen
gebührende Platz zukommt, daß sie keinen zu hohen
Anteil des Staatshaushalts beanspruchen und auch
die politische Entwicklung nicht über Gebühr beeinflussen.
Die Staaten Mittel- und Osteuropas befinden sich in
einer anderen Lage. Die Erblast der zivil-militärischen Beziehungen aus der Zeit der kommunistischen Herrschaft hat die Entwicklung von Strukturen,
Verfahren und vor allem von Ansichten verhindert, die
für eine wirksame demokratische Kontrolle aller
Aspekte des Streitkräftebereichs erforderlich sind.

AMERIKA DIENST 50

�Während der Herrschaft des Kommunismus gab es
durchaus eine Kontrolle des Militärs durch die Politik,
aber sie hatte eine besondere Form angenommen.
Die vorherrschende Rolle der kommunistischen
Partei und die Identifizierung der Partei mit den
Streitkräften nahm dem Begriff jeden demokratischen
Inhalt. Zudem verfügte das Militär über ein Machtund Informationsmonopol im Bereich der Verteidigungspolitik, ein Monopol, das meistens jede öffentliche Diskussion im Keim erstickte. Die Verteidigungspolitik konnte praktisch nicht in Frage gestellt
werden. Dies bedeutet, daß in diesen Staaten die
Art des Sicherheitsumfelds, die in westlichen Staaten
vorherrscht, genauso fehlt, wie erfahrene Zivilisten
für die Arbeit mit dem Militär fehlen, und daß das
Militär mit dem Begriff einer zivilen Kontrolle nicht
vertraut ist und ihm gleichgültig gegenübersteht.
Wir müssen bestrebt sein, sicherzustellen, daß das
Militär fest in der Gesellschaft verankert bleibt, und
zwar als Teil der Gesellschaft insgesamt und nicht
getrennt von ihr, daß es der Nation dient und keine
Vormachtstellung einnimmt und daß die Streitkräfte
auf der Grundlage entsprechender Verfassungsbestimmungen nur auf ausdrücklichen und direkten
Befehl der demokratisch gewählten Staatsführung
eingesetzt werden und Gewalt anwenden können.
Es gibt kein allgemeingültiges System, um diese
Ziele zu erreichen und zu gewährleisten, daß die
Streitkräfte den ihnen zustehenden Platz in der
Gesellschaft erhalten. Je nach der Geschichte, der
Kultur und den Verfassungsregelungen der einzelnen Länder können sich die Formen der politischen
Kontrolle in hohem Maße voneinander unterscheiden.
In den meisten Ländern wird die demokratische
politische Kontrolle durch das Zusammenspiel von
Prozessen, Strukturen und Überzeugungen gesichert. Obwohl es kein allgemeingültiges System
gibt, lassen sich mehrere grundlegende Elemente
anführen: Ein klarer rechtlicher und verfassungsmäßiger Rahmen, die Rechenschaftspflicht des
Militärs gegenüber der jeweiligen Regierung, die
durch einen zivilen Verteidigungsminister gewährleistet wird, sachkundige Zivilisten, die mit dem
Militär bei der Festlegung der Verteidigungserfordernisse und der Vereinbarung der Verteidigungspolitik
und des Verteidigungsetats zusammenarbeiten, die
klare Trennung zwischen dem zivilen und dem
militärischen Zuständigkeitsbereich, die wirksame
Beaufsichtigung und Überprüfung durch das Parlament.

Zu häufig wird unter dem Ausdruck "politische Kontrolle" die Kontrolle durch Regierungsbeamte im
Namen der Exekutive verstanden. Soll eine politische Kontrolle jedoch wirklich demokratisch sein, so
muß das Parlament eine wesentliche Rolle spielen.
Welcher Art diese Rolle ist und wie umfassend sie ist,
unterscheidet sich von Parlament zu Parlament.
Allgemein gesagt lassen sich die parlamentarischen
Aufgaben vier Oberbegriffen zuordnen: Rechenschaftspflicht, Einfluß, Transparenz und Bindeglied
zur Gesellschaft insgesamt.
Im Hinblick auf die Verteidigungspolitik können die
Parlamente von der Regierung insofern Rechenschaft
verlangen, als sie den nötigen Ausgaben zustimmen
müssen. Der Verteidigungshaushalt bietet die beste
Übersicht über die Forderungen der Militärs und stellt
gleichzeitig den Beitrag dar, der vom Steuerzahler
verlangt wird, d. h. von den Wählern insgesamt,
denen gegenüber die Parlamentarier am unmittelbarsten verantwortlich sind. Bei der Vorlage des Verteidigungsetats muß jede Regierung die geplanten
Ausgaben rechtfertigen und begründen.
Abgesehen von dieser allgemeinen Rolle beeinflussen jedoch manche Parlamente mit Hilfe von
Ausschüssen und Anhörungen auch direkt die
verteidigungspolitische Beschlußfassung und die
Aufstellung des Verteidigungsetats. Sie setzen den
Prozeß in Gang, anstatt lediglich das Endprodukt zu
bestätigen. Das beste Beispiel hierfür ist der Kongreß der Vereinigten Staaten, der durch seine genaue und äußerst eingehende Prüfung des amerikanischen Verteidigungsetats dessen endgültige Gestalt
erheblich beeinflußt. Manche europäischen Parlamente wie der Bundestag und sein Haushaltsausschuß haben ebenfalls einen unmittelbaren Einfluß
auf Beschlüsse, noch bevor sie gefaßt werden.
Andere Parlamente wie das britische Unterhaus
spielen eine weniger entscheidende Rolle und
reagieren eher auf bereits gefaßte Beschlüsse.
Selbst wenn das Parlament die Beschlußfassung
nicht direkt beeinflußt, kann es jedoch indirekt durch
seine Berichte Einfluß ausüben. Bei der Verteidigungsplanung handelt es sich schließlich um einen
Prozeß, in dessen Verlauf die Vorstellungen der
Parlamentarier auf vielerlei Weise in das Denken der
Exekutive Eingang finden können.
Eine dritte Aufgabe für die Parlamente besteht darin,
für mehr Transparenz zu sorgen; durch ihre Debatten, Anhörungen und Berichte können die Gesetzgeber die Verteidigung transparenter machen und das
öffentliche Bewußtsein schärfen.

Die Rolle der Parlamente
Schließlich spielen Parlamente auf dem eher allgemeinen Gebiet der zivil-militärischen Beziehungen
eine wichtige Rolle, da sie als Bindeglied zwischen

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

�dem Militär und der Gesellschaft dienen, der gegenüber sie verantwortlich sind. Parlamentarier sind
insbesondere in Ländern mit allgemeiner Wehrpflicht
durch besondere Beziehungen mit den Streitkräften
verbunden und setzen sich häufig dafür ein, innerhalb der Streitkräfte angemessene Lebens- und
Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.
Darüber
hinaus ergeben sich auch andere Berührungspunkte,
wie z. B. durch die Ansiedlung von Militärstützpunkten, militärischen Einrichtungen oder Rüstungsbetrieben in den verschiedenen Wahlkreisen.
Ferner haben Parlamentarier die Aufgabe, der
Öffentlichkeit die Notwendigkeit von Verteidigungsanstrengungen und -ausgaben zu erläutern sowie
den Streitkräften das Verständnis und die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern. In den
meisten Ländern wird das Militär von der Bevölkerung unterstützt, aber diese Unterstützung geht nicht
immer so weit, daß die Bürger bereit sind, die
erforderlichen Mittel bereitzustellen. Diese Aufgabe
ist so wichtig wie eh und je. In allen NATO-Staaten
sinken die Verteidigungsausgaben. Obwohl sich aus
dem neuen Sicherheitsumfeld ein ganz neues
Spektrum von Gefahren ergibt, droht dieses neue
Umfeld jedoch ebenso hohe Ansprüche an die
militärischen Potentiale zu stellen wie die alte
Ordnung; man denke nur an den gestiegenen Bedarf
an Kapazitäten für den Bereich friedenserhaltender
und humanitärer Maßnahmen unter der Ägide der
Vereinten Nationen. Diese neuen Aufgaben führen
zu einer weiteren Funktion der Parlamente. Parlamentarier müssen nicht nur überzeugen, sondern
auch zuhören können.
Die Unterstützung der
Öffentlichkeit für neue Aufgaben, die mit der Gefahr
eines Verlustes an Menschenleben in weit entfernten
Gebieten verbunden sind, ist in allen unseren
Staaten nach wie vor mit einem großen Fragezeichen versehen.
Zwischen den Aufgaben der einzelnen Parlamente
im Verteidigungsbereich und dem Grad ihres Einflusses bestehen große Unterschiede.
Jedes
Parlament hat entsprechend den Gegebenheiten in
seinem Land seine eigene Strategie entwickelt. Die
Rolle des Kongresses der Vereinigten Staaten ist
beispielsweise die Folge der besonderen amerikanischen Bedingungen, insbesondere der Verfassung
und der Gewaltenteilung. Die jeweiligen Erfahrungen und Methoden können nutzbringend verglichen
werden, aber da sie häufig landesspezifisch sind,
lassen sie sich nicht problemlos auf andere Staaten
übertragen. Bei den Bemühungen um eine Beeinflussung der Verteidigungspolitik muß jedes Parlament seinen eigenen Weg finden.
Wie auch immer die Beteiligung aussieht und
welchen Grad sie erreicht hat, die Effektivität der

Seite 4

Parlamente ist davon abhängig, daß die Parlamentarier gut informiert und sachkundig sind. Der Verteidigungsbereich unterscheidet sich jedoch von
anderen Domänen der Regierungsverantwortung auf
eine Weise, die den Erwerb der erforderlichen
Kompetenz problematisch macht. Bei Verteidigungsfragen lassen sich sowohl Geheimhaltung als auch
Exklusivität leicht rechtfertigen. Die Bereitstellung
ausreichender Informationen ist häufig aus Gründen
der nationalen Sicherheit eingeschränkt worden.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wird dieser
Faktor ein weniger großes Hindernis darstellen, aber
aufgrund der gebotenen Vertraulichkeit wird nach wie
vor die Tendenz bestehen, die Versorgung mit
wesentlichen Informationen auf einige wenige Zuständige zu begrenzen.
Ein bedeutenderes Hindernis für eine wirksame
Beteiligung der Parlamente besteht im Wesen der
Verteidigung selbst: Sie unterscheidet sich von
anderen Bereichen der Regierungsarbeit, weil das
Militär durch eine starke Gruppenidentität gekennzeichnet ist und seine Aufgabe darin besteht, sich auf
Konflikte und die Möglichkeit eines Verlustes an
Menschenleben vorzubereiten. Dadurch wird es zu
einer heiklen Frage, ob sich Personen, die nicht den
Streitkräften angehören, mit Verteidigungsfragen
befassen sollen. Manch einer tendiert zu der Ansicht,
daß militärische Angelegenheiten auch am besten
den Militärs überlassen werden sollten. Sicherlich
gehört ein Großteil dieser militärischen Aufgaben zu
Recht in die Domäne der militärischen Fachleute, die
ihr Leben damit verbringen, die Kriegführung zu
untersuchen und zu vervollkommnen. Ab einem
gewissen Stadium müssen diese militärischen Aktivitäten jedoch von der politischen Führung überprüft
werden, d. h. von den Vertretern der Wähler, in deren
Namen sie durchgeführt und mit deren Mitteln sie
bezahlt werden. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, daß die militärischen Erfordernisse fest in einem politischen Rahmen verankert
sind und die politischen Ziele und Schwerpunkte
eines Landes widerspiegeln.
Die parlamentarische Beteiligung an der Organisation
und Kontrolle der Streitkräfte erfordert, daß diese
Besonderheiten anerkannt werden, aber sie verlangt
vor allem ein gewisses Verständnis für militärische
Angelegenheiten, wenn nicht sogar eine direkte
fachliche Kompetenz. Wenn das Militär das Primat
der Politik anerkennt, dann kann es auch berechtigterweise annehmen, daß die Politiker ihre Verantwortung ernst nehmen.
Der Erwerb fachlicher Kompetenz und die Entwicklung von Verständnis erfordern jedoch Zeit und
Engagement. Der zivile und der militärische Fachmann verfügen über beides; dies gilt aber nicht

AMERIKA DIENST 50

�unbedingt für Parlamentarier, die sich mit vielen
Problemen gleichzeitig befassen müssen. Es ist
also kein Zufall, daß der Lehrgang des MarshallZentrums für staatliche und militärische Bedienstete
fünf Monate dauert, während für Parlamentarier ein
zehntägiger Sommerkurs abgehalten wurde.
Angesichts dieser Sachzwänge und der Einschränkungen, die sich aus dem Wesen der parlamentarischen Arbeit selbst ergeben, läßt sich eine wirksame
Beteiligung der Parlamente an Verteidigungsfragen
am besten durch eine unterstützende Infrastruktur
erreichen. Eine derartige Infrastruktur sollte folgendes umfassen: Qualifiziertes Personal, das in bezug
auf Regierungsvorlagen eine verläßliche und sachkundige Beratung sicherstellen kann, Forschungsabteilungen und unabhängige Forschungsinstitute für
eine eingehende und objektive Erforschung und
Analyse der jeweiligen Fragen sowie gründlich
recherchierende Medien.
Die parlamentarische
Arbeit im Verteidigungsbereich sollte einen wichtigen
Teil eines allgemeinen Sicherheitsumfelds bilden, in
dem der Sicherheitsbereich demokratisiert wird. Das
bedeutet, daß Sicherheitsfragen ungehindert öffentlich erörtert werden können und nicht mehr die
ausschließliche Domäne einiger weniger darstellen.
Interparlamentarische Organisationen sind ein wichtiges Element einer derartigen unterstützenden Infrastruktur. Die Nordatlantische Versammlung spielt
als interparlamentarischer Arm der NATO seit
langem eine wichtige Rolle, wenn es darum geht,
den Gesetzgebern in ihren jeweiligen nationalen
Parlamenten zu mehr Wirksamkeit bei der Beeinflussung der nationalen Verteidigungspolitik zu
verhelfen. Die Nordatlantische Versammlung ist seit
jeher ein transatlantisches Forum für den Dialog
zwischen Parlamentariern und dient dem Austausch
von Kenntnissen, Informationen und Erfahrungen.
Seit 1989 erstreckt sich diese Aufgabe auch auf die
Staaten Mittel- und Osteuropas. Der Status eines
assoziierten Mitglieds ermöglicht 14 Parlamenten
eine uneingeschränkte Beteiligung an der Arbeit der
Versammlung. Hinzu kommt ein Programm von

*

AMERIKA DIENST 50

*

Fachseminaren über Fragen von besonderem thematischem oder regionalem Interesse sowie ein Ausbildungsprogramm für Parlamentsmitarbeiter.
Diese Maßnahmen zielen darauf ab, unser Bekenntnis zu dem derzeitigen Demokratisierungsprozeß in
den mittel- und osteuropäuschen Staaten und zu ihrer
künftigen Eingliederung in die westliche Staatengemeinschaft unter Beweis zu stellen; ferner sollen sie
auf praktischer Ebene durch die Weitergabe sowohl
unserer positiven als auch unserer negativen Erfahrungen als Gesetzgeber den Demokratisierungsprozeß stärken.
Die letzte Voraussetzung für die Effektivität der
Parlamente besteht in der Zusammenarbeit mit der
Exekutive. Die wenigsten Regierungen schätzen die
Überprüfung und Beaufsichtigung durch das Parlament, denn allzu häufig wird dies als störend empfunden. Die parlamentarische Kontrolle kann daher
zu einer gewissen Spannung zwischen der Legislative und der Exekutive führen. Es gilt jedoch sicherzustellen, daß diese Spannung so kreativ wie möglich
ist. Ein erfolgreiches Zusammenspiel zwischen den
drei Elementen der zivilen Kontrolle - den Zivilisten,
den militärischen Fachleuten und den Parlamentariern - ist davon abhängig, daß die verschiedenen
Gruppen die fachliche Kompetenz der jeweils anderen respektieren.
Die demokratische politische Kontrolle der Streitkräfte
ist daher mehr als eine bloße Festlegung von Gesetzen und Verfahrensweisen; sie ist ein Prozeß, an
dem die Parlamentarier wesentlich beteiligt sind. Das
PFP-Programm und seine zahlreichen Aktivitäten
werden auf der Regierungsebene die nötigen Voraussetzungen für eine Annäherung der Staaten in
diesem entscheidenden Bereich schaffen.
Die
Nordatlantische Versammlung wird ihrerseits weiterhin ihren Teil dazu beitragen, daß die Parlamentarier
sich aktiv und konstruktiv an der Erarbeitung der
Verteidigungspolitik beteiligen und sicherstellen
können, daß die politische Kontrolle auch auf wirklich
demokratische Weise erfolgt.

*

*

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
21. Dezember 1994

UNO-GREMIUM MISSBILLIGT
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
Verabschiedung von Resolutionen
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der dritte Ausschuß
der UN-Generalversammlung verurteilte am 13.
Dezember 1994 ausdrücklich den Irak für seine
"massiven Menschenrechtsverletzungen gravierendster Art" mit Massenexekutionen, politischen Attentaten in der kurdischen und schiitischen Region,
systematischer Folter sowie Dekreten, in denen
grausame und ungewöhnliche Strafen vorgeschrieben werden.
Der Ausschuß, der sich mit sozialen, humanitären
und kulturellen Themen befaßt, verabschiedete mit
überwältigender Mehrheit die scharf formulierte
Resolution nach Prüfung eines Berichts des Sonderberichterstatters der UN-Menschenrechtskommission, Max van der Stoel, der den Irak seit mehreren
Jahren nicht besuchen durfte.
Der Ausschuß billigte diese und andere Maßnahmen
am 13. und 14. Dezember, darunter Resolutionen
über Menschenrechtspraktiken in Irak, Sudan und
Birma.
Die Abstimmung über die Irak-Resolution erfolgte mit
105 zu 3 Stimmen bei 45 Enthaltungen. Die einzigen Länder, die gemeinsam mit dem Irak gegen
die Maßnahme entschieden, waren Libyen und der
Sudan.
Der Sudan unterliegt aufgrund seiner
Menschenrechtsbilanz selbst internationaler Prüfung.
Die Abstimmung des Ausschusses, zu dem Vertreter
aller UN-Mitgliedstaaten gehören, ist im allgemeinen
ein Indikator für die Abstimmung über die Resolution
im Plenum der Generalversammlung, die für nächste
Woche anberaumt ist.
Die Resolution mißbilligte ferner die Weigerung von
Bagdad zur Zusammenarbeit mit dem UN-Sicherheitsrat beim Verkauf von Öl im Wert von 1,6
Milliarden Dollar als Bezahlung für die dringend
benötigte humanitäre Hilfe, wodurch der irakischen
Bevölkerung angemessene Nahrungsmittel- und
medizinische Versorgung verwehrt wird. Die Resolution brachte "besondere Bestürzung" über die
repressiven Praktiken der Regierung gegen die
Kurden zum Ausdruck, die Auswirkungen auf das

AMERIKA DIENST 50

Leben der gesamten irakischen Bevölkerung haben,
und forderte die Regierung zur unverzüglichen
Beendigung der Austrocknung der Marschen im
Süden sowie ihrer militärischen Aktivitäten gegen die
in den Marschen lebenden Araber auf.
In seinem Bericht stellte van der Stoel fest, die
Menschenrechtssituation im Irak habe sich im vergangenen Jahr verschlechtert, als das Regime in
Bagdad Folter, Terror sowie die Verweigerung von
Nahrungsmitteln und Gesundheitsfürsorge zur Kontrolle des Volkes einsetzte. Van der Stoel verwies
auch auf ein neues Dekret, unter dem Dieben die
Amputation ihrer Ohren und Füße angedroht und ein
"x" auf ihre Stirn gebrandmarkt wird. Dem Sonderberichterstatter zufolge betreffen diese Dekrete auch
große Teile der Bevölkerung und sind durch die
Gerichtsbarkeit der Republik Irak anwendbar. "Damit
stellen sie eine Form der Folter dar."
Van der Stoel erklärte, "Agenten des Irak zugeschriebene politische Attentate charakterisieren die Menschenrechtssituation im Irak", und durch diese Form
des Terrors unterdrücke die Regierung die Opposition.
"Jedes Zeichen von Opposition - selbst das kleinste
Anzeichen, daß eine Person nicht vollständig mit der
Regierung übereinstimmt - kann zu Folter, Inhaftierung oder sogar zum Verlust des Lebens führen", so
van der Stoel.
In einer getrennten Resolution forderte der Ausschuß
ferner die kubanische Regierung zur Einhaltung
internationaler Menschenrechtsnormen und zur
Beendigung der Bestrafung von politischen Gegnern
auf.
Die Resolution, die an Havanna appelliert, den
Besuch des Sonderberichterstatters in Kuba zu
gestatten, wurde mit 62 zu 22 Stimmen bei 64
Enthaltungen verabschiedet. Die meisten lateinamerikanischen Staaten mit Ausnahme von Argentinien enthielten sich der Stimme, aber Rußland und
die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, die

Seite 1

�während des Kalten Krieges enge Beziehungen zu
Kuba unterhielten, stimmten zugunsten der Resolution.
Die Resolution "bedauert ausdrücklich die zahlreichen unbestrittenen Berichte über Verletzungen von
Grundrechten und -freiheiten", die im Dokument des
Sonderberichterstatters Carl-Johan Groth enthalten
sind, der das Land nicht besuchen durfte. Die
Resolution fordert die Regierung darüber hinaus auf,
mit Groth zusammenzuarbeiten sowie ihm uneingeschränkten und freien Zugang zu Regierungsvertretern und Bürgern in ganz Kuba zu gestatten.
In seinem Bericht machte Groth politische Unterdrückung und die Wirtschaftspraktiken der Regierung
für die Probleme Kubas mit der Feststellung verantwortlich, die zugrundeliegenden Ursachen seien
vornehmlich institutioneller und innenpolitischer
Natur.
"Die gängige politische Repression verhindert die
Suche nach Lösungen der Probleme einer Gesellschaft in einer ernsthaften Krise und verursacht
gleichzeitig tragische Situationen beim einzelnen und
der gesamten Bevölkerung", erläuterte der Sonderberichterstatter in seinem 22seitigen Dokument. Er
führte gravierende Probleme und Verletzungen von
Menschenrechtsnormen bei Rede- und Koalitionsfreiheit auf, dem Recht zur Gründung und dem
Beitritt zu Gewerkschaften, Pressefreiheit, dem
Recht auf Aus- und Einreise, Haftbedingungen sowie
dem Genuß wirtschaftlicher, sozialer und kultureller
Rechte.
Obwohl wirtschaftliche Unzulänglichkeiten nicht
zwangsläufig Menschenrechtsverletzungen darstellen, sind diese Mängel Groth zufolge "ein Hindernis für jede Art von Reformen, die Menschenrechtsverletzungen beseitigen oder zumindest mildem
sollen".
Der Ausschuß brachte auch seine "tiefe Besorgnis
über die ernsthaften und andauernden Menschenrechtsverletzungen im Sudan zum Ausdruck, darunter Massenexekutionen, Inhaftierungen ohne
ordentliches Gerichtsverfahren, Zwangsumsiedlungen, Folter und Zwangsarbeit".
Bei der Annahme der Resolution mit 93 zu 13
Stimmen bei 47 Enthaltungen forderte der Ausschuß
die Regierung des Sudan zur unverzüglichen Einstellung aller Luftangriffe auf zivile Ziele im südlichen
Sudan auf. Der Ausschuß appellierte ferner an die
Regierung und die anderen kriegführenden Parteien,
einem sofortigen Waffenstillstand zuzustimmen, ihre
Anstrengungen zu einer Beilegung der Streitigkeiten
zu verdoppeln und humanitären Organisationen die

Seite 2

Lieferung der dringend benötigten Hilfe für die
Zivilbevölkerung zu gestatten.
Die Resolution gründete sich auf das letzten Monat
von Sonderberichterstatter Gaspar Biro vorgelegte
Dokument, in dem Biro besondere Aufmerksamkeit
auf willkürliche Luftangriffe der Regierung auf die
Zivilbevölkerung, den Einsatz von Kindern als Soldaten durch alle Parteien, die andauernde Einmischung aller Parteien in die Verteilung humanitärer
Hilfslieferungen und den zunehmenden Einsatz von
Landminen lenkte.
Biro stellte fest, alle von den Sicherheitskräften der
Regierung Verhafteten riskierten "schlechte Behandlung" und die geheime Inhaftierung in als "Geisterhäusern" bezeichneten Zentren. Er erwähnte den
Fall von Vater Aliaba James Surer, einem in Khartum
lebenden Politiker, der offensichtlich im Mai verhaftet,
geprügelt und gefoltert wurde, weil er 1993 mit Biro
gesprochen hatte.
Obwohl Biro die Volksbefreiungsarmee des Sudan
(SPLA) für die Plünderung der Hilfslieferungen
verantwortlich machte, ging er besonders hart mit der
Regierung ins Gericht und beschuldigte sie einer
willkürlichen Politik, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen den Zugang zu bestimmten Gebieten zu verweigern, insbesondere Fluggenehmigungen in Zonen,
in denen von ernsthaften Menschenrechtsverletzungen der Regierung berichtet wird, oder Zonen wie die
Nubaberge, die von der SPLA kontrolliert werden.
"Frauen und Kinder sind weiterhin die verletzlichsten
Gruppen, die mutwillig von Agenten zum Ziel gemacht werden, die für die Regierung des Sudan und
in ihrem Namen handeln", äußerte Biro, der auch die
Aufmerksamkeit auf die Studenten lenkte, die "zunehmend Opfer der Unterdrückung durch die Sicherheitsund Polizeikräfte werden".
In der einstimmig angenommenen Resolution zu
Birma mißbilligte der Ausschuß die andauernden
Menschenrechtsverletzungen in diesem Land und
forderte Rangun zur unverzüglichen und bedingungslosen Freilassung der Nobelpreisträgerin Aung San
Suu Kyi auf.
Die Resolution appelliert an Birma, die Menschenrechte einzuhalten und Zwangsarbeit, Folter, Mißbrauch von Frauen, Verschleppung und Massenexekutionen zu beenden. Die Vereinten Nationen
und Menschenrechtsgruppen haben über Zwangsarbeit bei Bahnarbeiten und Bauprojekten ohne
Bezahlung, Nahrungsmittel oder medizinische Versorgung berichtet. Das Militär wurde der Vergewaltigung von Frauen beschuldigt und es gab Berichte,

AMERIKA DIENST 50

�daß die Zahl von zur Prostitution nach Thailand
verkauften Frauen zunimmt.
Die verglichen mit den Resolutionen vorheriger

Jahre gemäßigter formulierte Resolution begrüßt die
jüngsten Treffen zwischen der Regierung und Aung
San Suu Kyi sowie die Gespräche der Regierung mit
Generalsekretär Boutros-Ghali.

* * * * *

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

�AIDS
21. Dezember 1994

NEUES UN-PROGRAMM ZUR BEKÄMPFUNG
DER EPIDEMIE
Versuchsreihen für Impfstoff
GENF - (AD) - Der Direktor des neuen gemeinsamen AIDS-Programms der Vereinten Nationen
erklärte bei einer Pressekonferenz am 16. Dezember
1994, er beabsichtige einen vielschichtigen Ansatz
zur Bekämpfung der Epidemie, der Entwicklung und
Menschenrechte fördert sowie sich auf die Auswirkungen der Krankheit für den einzelnen, die
Gemeinden und Gesundheitsämter konzentriert.
"Bereits vor fünf oder zehn Jahren wurde klar, daß
diese Krankheit alle Schichten und alle Aspekte der
Gesellschaft und des menschlichen Lebens betrifft",
stellte Dr. Peter Piot fest. "Bei der Vorbeugung
gegen AIDS und der Kontrolle der Epidemie gibt es
kein Patentrezept oder nur einen allgemeingültigen
Ansatz."
"Die Herausforderung" des neuen behördenübergreifenden Programms bestehe darin, "das richtige
Gleichgewicht zu finden", so Piot.

"Wir betreten mit der Zusammenführung der sechs
Behörden in dieser Art Neuland, aber ich bin zuversichtlich, daß wir es aufgrund der Natur des Problems
schaffen, das Behörden ebenso verbinden kann wie
es Menschen verbindet".
In vieler Hinsicht wird das gemeinsame Programm
"eine Art Testfall oder Experiment" für die behördenübergreifende Zusammenarbeit der Vereinten Nationen bei anderen globalen Themen", fügte Piot hinzu.
Seit 1987 wurden die internationalen Bestrebungen
zur Bekämpfung der AIDS-Epidemie vom Globalen
AIDS-Programm der WHO (Global Program on AIDS
- GPA) koordiniert. Das WHO-Programm wird seine
Arbeit unter der Leitung von Dr. Michael Merson bis
Ende 1995 fortsetzen, wenn einige seiner Komponenten Piot zufolge von dem neuen behördenübergreifenden Programm übernommen werden.
Sitz des Programms wird Genf sein.

Das Programm der Vereinten Nationen kombiniert
die Maßnahmen zur AIDS-Bekämpfung sechs
unterschiedlicher Programme: Des Kinderhilfswerks
der Vereinten Nationen (UNICEF), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), der
Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung,
Wissenschaft und Kultur (UNESCO), des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNPF), der
Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation
(WHO).
Am 12. Dezember 1994 ernannte UN-Generalsekretär Boutros-Ghali Piot, einen 45jährigen belgischen
Arzt, der seit über einem Jahrzehnt auf dem Gebiet
der AIDS-Forschung und -Bekämpfung tätig ist, zum
Leiter des neuen Programms. Das Ziel der gemeinsamen Bestrebungen, erläuterte Boutros-Ghali, sei
die "Harmonisierung unserer Bemühungen, Koordinierung unserer Aktionen und Verringerung von
Duplizität".
Piot stellte fest, er gebe sich "keinen Illusionen
bezüglich der bevorstehenden Herausforderungen
hin".

AMERIKA DIENST 50

Am Anfang versuchte die internationale Staatengemeinschaft, AIDS als reines Gesundheitsproblem zu
bewältigen, erklärte Piot, aber "im Lauf der Jahre
haben wir gesehen, daß das nicht genug ist".
Das neue Programm wird sich auch eingehender mit
den Auswirkungen der Krankheit auf den einzelnen,
die Gemeinden und Gesundheitsämter befassen, so
Piot.
Die WHO wird medizinisches und technisches Fachwissen für das Programm zur Verfügung stellen und
die Anfang dieses Jahres unterbreiteten Pläne für
Versuchsreihen mit Impfstoffen in die Praxis umsetzen.
Die WHO erteilte ihre Zustimmung zu umfassenden
Versuchsreihen mit gentechnisch manipulierten
Impfstoffen bei einem Treffen vom 13.-14. Oktober
1994. Der WHO zufolge erwiesen sich die Impfstoffe
bei kleinen Versuchsreihen am Menschen als sicher
und haben erwiesenermaßen Schimpansen vor der

Seite 1

�Infektion mit den humanen Immunschwächeviren
(HIV) geschützt, die AIDS verursachen.
Die Vorbereitungen für die großangelegten Versuchsreihen mit zwei Impfstoffen sind jetzt im
Gange, so Piot, aber die tatsächlichen Versuchsreihen werden wegen der Pilotstudien und der noch
zu leistenden Vorbereitungsarbeit erst in zwei Jahren
beginnen.
*

Seite 2

*

Zwei Länder - Thailand und Brasilien - haben ihr
Interesse für eine Teilnahme an den Versuchsreihen
zum Ausdruck gebracht, und es wurde ein Gesamtplan entworfen. Der genaue Umfang der umfassenden Testreihen wurde noch nicht festgelegt, könnte
sich aber auf 3.000 bis 20.000 Menschen erstrecken,
äußerte Piot.

*

*

AMERIKA DIENST 50

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