<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=102&amp;sort_field=added" accessDate="2026-11-04T14:51:53+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>102</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2353" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2364">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/0eac471c08d56caeb1c8d5adda9d7504.pdf</src>
        <authentication>e5198da16f27f858062920c93b4954f4</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12102">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

1. Juni 1994

21

AUSSENPOLITIK

USA HABEN DIE CHANCE ZUR VERBREITUNG
VON DEMOKRATIE
Rede von Präsident Clinton vor der Naval
Academy

NATO

ANPASSUNG DER NATO AN NEUE ÄRA
ERFORDERT KONTINUIERLICHE
AUFMERKSAMKEIT
Rede von Verteidigungsminister Perry

RÜSTUNGSKONTROLLE

TRANSPARENZ WICHTIG FÜR GLOBALE
SICHERHEIT
Rede von ACDA-Direktor Holum

SPORT

"LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN
UND
DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (I)
von John R. Eidson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
1. Juni 1994

USA HABEN DIE CHANCE ZUR
VERBREITUNG VON DEMOKRATIE
Rede von Präsident Clinton vor der Naval Academy
ANNAPOLIS - (AD) - Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Vereinigten Staaten Präsident Clinton
zufolge die Chance "zur Verbreitung von Demokratie und wirtschaftlichem Fortschritt in ganz Europa und bis
in die entlegensten Teile der Welt".
In einer Rede bei der Abschlußfeier an der U.S. Naval Academy in Annapolis stellte der Präsident am 25. Mai
1994 fest: "Der erste Schritt dieser Mission besteht in der Bewahrung der Sicherheit unserer eigenen Nation,
und Sie werden durch Ihren heutigen Abschluß dazu beitragen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.
Es ist mir eine große Ehre, mit Ihnen zusammen
diesen feierlichen Augenblick zu begehen. Ich freue
mich, am Vorabend des 150. Jahrestages der
Akademie wieder hier sein zu können.
Seit 1845 hat die U.S. Naval Academy für unsere
Marine, unsere Marineinfanteristen und unsere
gesamte Nation eine herausragende Führungsrolle
übernommen, und ich kann mir keinen wertvolleren
Beitrag vorstellen.
Nächste Woche werde ich die ehrenvolle Pflicht
haben, unsere Nation in Europa bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Invasion in der Normandie zu vertreten. Der Zweite Weltkrieg markierte den
Wendepunkt in unserem Jahrhundert, als wir uns mit
unseren Verbündeten zusammenschlössen, um ein
dunkles Kapitel der Diktatur, der Aggression und des
Terrors abzuschließen und Demokratie und Freiheit
den Weg zu ebnen, die sich bis zum heutigen Tag
in der Welt ausbreiten.
Der Zweite Weltkrieg steht auch für ein Zeitalter der
Opfer, die in unserer gesamten Geschichte ihresgleichen suchen. Nahezu 400.000 unserer Landsleute verloren ihr Leben. Über eine halbe Million
weitere wurden verwundet.
An die Angehörigen des Abschlußjahrgangs 1994
gerichtet, möchte ich sagen: Die Generation meiner
Eltern und Ihrer Großeltern hat ihre Arbeit nicht mit
der Befreiung Europas und dem Sieg im Pazifik

AMERIKA DIENST 21

beendet. Sie kamen zurück, um zu Hause Wunder
zu vollbringen. Sie entwarfen das Gl-Gesetz, damit
die Helden der Freiheit wieder ins bürgerliche Leben
zurückkehren, Erfolg haben und starke Familien und
starke Gemeinden gründen konnten. Sie bauten
unser Autobahnnetz auf. Sie machten unsere
Volkswirtschaft zu einem weltweiten Wunder. Sie
schmiedeten die Instrumente für internationale
Sicherheit und Handel, mit denen die Länder unserer
früheren Verbündeten und unserer ehemaligen
Feinde wiederaufgebaut werden und wir schließlich
den Kalten Krieg gewinnen konnten. Wir erlebten
Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um Ihren
Abschluß an dieser Akademie und Ihr Offizierspatent
für die US-Marine und das Marineinfanteristenkorps
zu feiern. Dabei stellt sich Ihnen die Frage, ob Ihre
Generation ebenso viel leisten wird wie die Generation des Zweiten Weltkriegs.
In letzter Zeit wurden einige Bücher über Ihre Generation geschrieben, in denen festgestellt wird, so viele
Ihrer Altersgruppe seien fatalistisch und zynisch, es
sei eine Art Generation X, die glaubt, die besten
Tage Amerikas lägen hinter uns und es gäbe keine
großen Taten mehr zu vollbringen. Nun, dieser
Jahrgang ist ein Gegenbeweis für Zyniker jeglichen
Alters.
Ich respektiere Ihre Entscheidung zutiefst, unserer
Nation zu dienen. Ihr Dienst kann in den kommen-

Seite 1

�den Jahren vielfältige Formen annehmen - das
Kommando über Schiffe im Kampf, die Ausbildung
von Kampfpiloten, die Leitung eines Unternehmens,
und vielleicht sitzt einer von Ihnen eines Tages
sogar im Oval Office. Unabhängig von ihrem
bisherigen Verlauf wird Ihre Karriere Opfer verlangen, Zeit, die nicht mit den Angehörigen verbracht
werden kann, und die Möglichkeit bergen, den
Dienst im Angesicht von Gefahr verrichten zu
müssen. Wo immer Ihre Laufbahn Sie hinführen
mag - zweifelsohne verstehen Sie das Gebot der
Bürgerpflicht. Es gibt keinen besseren Weg als den
von Ihnen gewählten und den Eid, den Sie ablegen
werden.
Die Herausforderung für Ihre Generation lautet, sich
der Taten Ihrer Vorgänger zu erinnern und jetzt auf
ihre Arbeit in einer neuen und völlig veränderten
Welt aufzubauen. Die Weltkriege sind vorüber, der
Kalte Krieg wurde gewonnen. Jetzt ist es unsere
Aufgabe, den Frieden zu gewinnen.
Ich bin heute hierhergekommen, weil ich Amerika
wissen lassen möchte, daß es keine bessere Marine
in der Welt als die US-Marine und keine bessere
Ausbildungsstätte für Führungspersonal der Marine
gibt als die United States Naval Academy. Sie
haben mein Vertrauen, und Sie haben das Vertrauen
Amerikas.
Dies ist eine Zeit der Herausforderungen für Angehörige der Marine, weil wir uns in einem neuen
Zeitalter der internationalen Angelegenheiten befinden. Als dieser Jahrgang im Juni 1990 in die
Akademie eintrat, waren Israel und die PLO zutiefst
verfeindet, Südafrika lebte unter dem Apartheidregime, Moskau, Kiew und Riga gehörten noch zur
Sowjetunion, und die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion hatten ihre Nuklearwaffen noch immer
in massiver Anzahl gegeneinander gerichtet. Aber
jetzt ist Nelson Mandela Präsident von Südafrika. Im
Nahen Osten werden zwischen Israel und der PLO
sowie den anderen Parteien echte Fortschritte
erzielt. Wo der Kreml einstmals seinen Willen
aufzwang, ringt eine Reihe neuer freier Staaten jetzt
mit der Last der Freiheit. Und die Vereinigten
Staaten und Rußland haben endlich ihre Nuklearwaffen nicht mehr gegeneinander gerichtet.
Diese erstaunlichen Veränderungen machen unsere
Nation sicherer. Sie gestatten uns auch, mehr
Ressourcen für die tiefgreifenden Herausforderungen
freizusetzen, mit denen wir uns hier im Inland
konfrontiert sehen - von der Bereitstellung von
Arbeitsplätzen für unsere Mitbürger über bessere
Bildung und Ausbildung für alle bis zu größerer
Sicherheit auf unseren Straßen, der Gewährleistung
von medizinischer Versorgung für alle unsere Bürger

Seite 2

und letztlich dem Aufbau einer Volkswirtschaft, die
weit bis ins 21. Jahrhundert wettbewerbsfähig ist und
Erfolg haben kann.
Die Veränderungen der Wert können jedoch auch
Unsicherheit für diejenigen enthalten, die ihre Karriere
dem Militärdienst verschrieben haben. Sie können in
der Tat Unsicherheit für die Vereinigten Staaten
schaffen. Und in diesen Zeiten der Unsicherheit sind
einige versucht, unseren Verteidigungshaushalt zu
stark zu kürzen.
Am Ende des Kalten Krieges war es richtig, unsere
Verteidigungsausgaben zu senken. Wir sollten uns
jedoch vor Augen führen, daß dieses neue Zeitalter
vielfältige Gefahren birgt. Wir haben die Bedrohung
des Kalten Krieges - eine Welt in einer nuklearen
Pattsituation - durch eine neue Welt ersetzt, die von
Instabilität und sogar hoffnungslosem Chaos bedroht
ist, die in den mit dem Übergang vom Kommunismus
zu Marktwirtschaften einhergehenden wirtschaftlichen
Erschütterungen wurzeln; in religiösen und ethnischen Konflikten wurzeln, die lange von jetzt abgesetzten autoritären Regimes unterdrückt wurden; in
Kämpfen zwischen einzelnen Stämmen wurzeln und
durch Umweltkatastrophen, grausame Hungersnöte
sowie Massenmigration über nationale Grenzen
hinweg verschärft werden. Und obwohl drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion jetzt atomwaffenfrei
werden und die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland über Nuklearfragen
abnehmen, dürfen wir immer noch nicht vergessen,
daß die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen
in dem andauernden Disput anhält, den wir über
Korea haben und andernorts mit Ländern, die entweder versuchen, solche Waffen zu entwickeln, zu
verkaufen oder zu kaufen.
Wir müssen es also besser machen. Damit diese
Generation die Freiheit vergrößern kann, müssen wir
Amerika stets von Gefahren fernhalten.
Eine Verteidigung richtigen Umfangs kostet weniger,
aber sie kostet immer noch ziemlich viel. Aus diesem
Grund habe ich Versuchen widerstanden, unserem
Verteidigungshaushalt weitere Kürzungen aufzuzwingen.
Ich möchte, daß Sie dies voll und ganz verstehen.
Es ist wichtig für Ihre Generation und Ihre Kinder,
diese schreckliche Verschuldung abzubauen, die wir
in den vergangenen Jahren angehäuft haben. Ich
habe den Kongreß gebeten, über 100 Programme
völlig zu streichen und weitere 200 zu kürzen. Wir
haben einen Haushaltsentwurf vorgelegt, der die
verfügbaren Mittel zum ersten Mal seit 1969 verringert. Damit haben wir zum ersten Mal, seit Harry
Truman direkt nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident

AMERIKA DIENST 21

�der Vereinigten Staaten war, drei aufeinanderfolgende Jahre des Defizitabbaus. Aber wir sollten die
Verteidigungsausgaben nicht weiter kürzen. Ich
danke dem Kongreß, daß er in dieser Woche den
Rufen danach widerstanden hat.
Wir arbeiten auf die Gewährleistung der Qualität des
wichtigsten Verteidigungspotentials überhaupt hin Sie und die über eine Million anderen Männer und
Frauen in Uniform, die über unsere Sicherheit wachen. Heute sind unsere Streitkräfte ohne Zweifel
das am besten ausgebildete, am besten ausgerüstete, am besten vorbereitete und am höchsten motivierte Militär auf der ganzen Welt. Solange ich
Präsident bin, wird dies weiterhin der Fall sein.
Die Frage unserer Sicherheit in diesem Zeitalter
hängt letztlich immer noch von unserer Entscheidung
ab, wo wir unsere militärische Macht zum Einsatz
bringen. Dies ermöglicht unserer enormen wirtschaftlichen Stärke, sich im In- und Ausland zu
behaupten. Und es gibt keine Entscheidung, die ein
Präsident ernster nimmt als die Entscheidung,
Amerikaner in Gefahr zu entsenden.
Die Geschichte lehrt uns, es gibt weder ein Patentrezept noch sollte sich ein Präsident je auf eine
solche Gratwanderung begeben, daß wir den Einsatz unseres Militärs unter Umständen völlig ausschließen würden, die sich später als wichtig erweisen könnten. Schließlich ist die bloße Möglichkeit
des Einsatzes von Gewalt durch die Vereinigten
Staaten an sich schon eine mächtige Waffe auf der
ganzen Welt. Eines ist jedoch klar: Wir müssen
zuerst zur Verteidigung unseres Landes und unserer
Menschen zum Kampf bereit sein. Aus diesem
Grund haben wir mit dem Einsatz von Gewalt
reagiert, als wir das irakische Komplott zur Ermordung des ehemaligen Präsidenten Bush aufdeckten.
Und die von uns an jenem Tag abgeschossenen
Tomahawk-Raketen wurden von der Marine abgefeuert.
Wir müssen zum Schutz unserer vitalen Interessen
zu kämpfen bereit sein. Aus diesem Grund habe ich
eine Verteidigungsstrategie verabschiedet, dank der
zwei größere regionale Konflikte nahezu gleichzeitig
gewonnen werden können. Wir müssen zum Schutz
unserer Verbündeten zu kämpfen bereit sein. Aus
diesem Grund haben wir Patriot-Raketen in Südkorea stationiert, und zusammen mit anderen müssen
wir zum Einsatz von Gewalt bereit sein, wenn
andere amerikanische Interessen bedroht sind. Und
aus diesem Grund haben wir uns für eine stärkere
Rolle der NATO in Bosnien eingesetzt.
Die härtesten Fälle sind die zahlreichen ethnischen
und religiösen Konflikte, die in unserem Zeitalter

AMERIKA DIENST 21

ausgebrochen sind. Das Ende des Gleichgewichts
des Schreckens hat seit langem schwelenden Haß
zur Eruption gebracht. Nun blutet das gesamte
globale Terrain von solchen Konflikten - von Ruanda
bis Georgien. Wir können nicht jeden dieser Ausbrüche bürgerlichen Hasses oder militanten Nationalismus einfach durch die Entsendung unserer Streitkräfte lösen. Wir können ihnen auch nicht den
Rücken kehren. Aber unsere Interessen stehen bei
vielen dieser Konflikte nicht ausreichend auf dem
Spiel, um eine Verpflichtung unserer Männer und
Frauen zu rechtfertigen.
Als die größte Macht der Welt haben wir jedoch die
Verpflichtung zu einer Führungsrolle und manchmal
zum Handeln, wenn genug von unseren Interessen
und Werten auf dem Spiel steht.
Betrachten Sie sich das Beispiel des ehemaligen
Jugoslawien. Seit Jahrhunderten markierte dieses
Land eine spannungsgeladene und häufig gewalttätige falsche Trennlinie zwischen Imperien und Religionen. Das Ende des Kalten Krieges und der Zerfall
dieses Landes in so viele neue Republiken brachte
all diese alten Spannungen wieder an die Oberfläche
und löste die serbische Aggression, ethnische Säuberungen und den brutalsten Konflikt in Europa seit
dem Zweiten Weltkrieg aus.
Ob wir uns in einem der ethnischen Konflikte der
Welt engagieren, muß letztlich von dem Gesamtgewicht der amerikanischen Interessen abhängen, die
auf dem Spiel stehen. Heute haben wir in Bosnien
eindeutig ein Interesse an der Verhinderung einer
Ausweitung der Kampfhandlungen zu einem größeren
europäischen Krieg, an der Gewährleistung, daß die
NATO im Zeitalter nach dem Kalten Krieg weiterhin
eine glaubwürdige Kraft für Frieden sein kann, an
diesem allerersten Engagement der NATO in bündnisfremdem Gebiet, an der Eindämmung des durch
diesen Konflikt verursachten unglaublich destabilisierenden Flüchtlingsstroms und an der Beendigung des
Abschlachtens Unschuldiger.
Diese Interessen rechtfertigen nicht unser einseitiges
Engagement, sollen jedoch den Weg zu einem
durchführbaren Friedensabkommen ebnen, falls dies
zustandekommt. Und wenn dies der Fall ist, werden
wir zu seiner Umsetzung beitragen. Unsere Administration ist verpflichtet, bei der Herbeiführung einer
solchen Revolution behilflich zu sein, indem sie mit
anderen wie der NATO, den Vereinten Nationen und
Rußland zusammenarbeitet.
Diese Bemühungen waren weder leicht noch unkompliziert, aber wir haben Ergebnisse hervorgebracht.
Durch die Durchsetzung der Flugverbotszone über
Bosnien durch die NATO haben wir eine Eskalation

Seite 3

�den Krieges in der Luft verhindert. Wir haben den
Abwurf humanitärer Hilfsgüter in die Wege geleitet
und uns an der längsten humanitären Luftbrücke der
Geschichte beteiligt. Wir haben die Durchsetzung
der Schutzzonen um Sarajevo und Gorazde durch
die NATO sichergestellt, und infolgedessen haben
die Menschen in Sarajevo mehr als drei Monate
relativer Ruhe erlebt, und Gorazde wird nicht länger
beschossen. Durch die Verstärkung unseres diplomatischen Engagements haben wir mit anderen an
einem Abkommen zwischen den Kroaten und
Bosniern zusammengearbeitet, das einen Durchbruch bewirkt hat, hier in Washington unterzeichnet
wurde und meines Erachtens schließlich zu einer
umfassenderen Lösung führen wird.
Einer der Träume des Zweiten Weltkriegs war, daß
die Vereinigten Staaten nach dem Krieg im Rahmen
der Vereinten Nationen und in anderer Weise mit
anderen zusammenarbeiten könnten, um die schwierigsten Probleme unseres Zeitalters zu lösen ohne
das Leben unserer eigenen Soldaten einzusetzen,
wo sie nicht eingesetzt werden sollten, und immer
noch eine positive Rolle spielen zu können. Aus
diesem Grund versuchen wir, in Bosnien eine
Lösung zu finden. Und wenn dies gelingt, werden
wir einen Teil dieses unglaublichen Chaos meistern
können, das drohte, die Welt zu verschlingen, in der
Sie Ihre Kinder aufziehen wollen.
Zu jeder Zeit haben wir darauf hingearbeitet, die
Parteien dort zu einer durchführbaren Friedenslösung zu bewegen. Dies ist einer der Konflikte, die
nur am Verhandlungstisch, nicht auf dem Schlachtfeld, enden können. Sie können weitere 100 Jahre
kämpfen und werden ihn nicht auf dem Schlachtfeld
lösen. Zu jeder Zeit haben wir die Notlösung zu
stark vereinfachender Ideen verworfen, die gut auf
Autoaufklebern klingen, aber tragische Konsequenzen gehabt hätten. Die neueste lautet, wir sollten
einfach einseitig das Waffenembargo der Vereinten
Nationen gegen Bosnien und die anderen ehemals
jugoslawischen Staaten brechen.
Ich unterstütze das Waffenembargo nicht und habe
das nie getan. Wir haben mit unseren Verbündeten
zusammengearbeitet und versucht, sie alle von der
Beendigung des Embargos zu überzeugen. Einige
argumentieren jetzt, wir sollten das Embargo unsererseits brechen, weil es von Anfang an eine
schlechte Idee gewesen sei. Täten wir dies, würde
der Friedensprozeß im Keim erstickt, würden sich
unsere Beziehungen zu unseren europäischen
Verbündeten in der NATO und den Vereinten
Nationen verschlechtern, würde die Partnerschaft
unterminiert, die wir mit Rußland in einem breiten
Spektrum von Bereichen aufzubauen versuchen,
würden unsere Bemühungen zur Durchsetzung der

Seite 4

von uns befürworteten UN-Embargos wie gegen
Saddam Hussein, Oberst Gadhafi und General
Cedras in Haiti vereitelt.
Wir dürfen uns einfach nicht für Optionen und Aktionen entscheiden, die simpel, schmerzlos und gut
klingen, aber in diesem Zeitalter der Interdependenz
nicht funktionieren, in dem es von Bedeutung ist, daß
wir den amerikanischen Einfluß ausüben und Führungsstärke beweisen, indem wir unsere Fähigkeit zur
Zusammenarbeit mit anderen unter Beweis stellen,
insbesondere wenn für die anderen mehr und unmittelbarer auf dem Spiel steht und sie bereit sind,
ihre Soldaten in die Gefahr zu entsenden.
Unsere Administration wird sich dem bosnischen
Konflikt nicht entziehen. Aber wir werden keine
Lösungen befürworten, die falsch sind. Wir beabsichtigen, den von uns eingeschlagenen Kurs fortzusetzen - den Preis für diejenigen zu erhöhen, die Aggression ausüben, Hilfslieferungen für die Leidenden
bereitzustellen und mit unseren Partnern in Europa
zusammenzuarbeiten, um die Parteien von einem
durchführbaren Abkommen zu überzeugen. Es geht
nicht schnell, es ist nicht einfach, und es ist nicht
bequem. Aber ich bin überzeugt, daß es in einer
Welt der Interdependenz, in der wir durch die Zusammenarbeit mit anderen eine Führungsrolle
übernehmen müssen, der richtige Weg ist. Es ist der
Weg, der unsere Führungsrolle sichert, unser Gut
bewahrt und unsere Streitkräfte in der richtigen Weise
verpflichtet.
Die erschütterndsten Konflikte der Welt in Bosnien
und andernorts entstehen nicht an einem Tag. Und
eine der frustrierendsten Erfahrungen, mit der man
leben muß, ist, daß viele dieser Konflikte selten mit
raschen Lösungen beizulegen sind. Führen Sie sich
jedoch folgendes vor Augen: Es dauerte Jahre nach
der Invasion in der Normandie, bis der Krieg beendet
und ein dauerhafter Frieden aufgebaut wurde. Es
erforderte Jahrzehnte der Geduld, Stärke und Entschlossenheit, um im Kalten Krieg zu überdauern.
Ebenso wie die Generationen vor uns müssen wir
häufig bereit sein, den Preis der Zeit - manchmal den
schmerzlichsten Preis überhaupt - zu bezahlen. Es
gibt keine bessere Quelle des Muts und der Beständigkeit unserer Nation für unsere Führungsrolle in
diesem Zeitalter als diese Akademie und unsere
Streitkräfte. Diese Akademie hat Sie auf die Führung
dieser Streitkräfte vorbereitet. Wenn Sie Ihren Platz
in der Marine und im Marineinfanteristenkorps einnehmen, denken Sie stets an den Heroismus, die
Opfer und die Führungsstärke derjenigen, die vor
Ihnen gedient haben.

AMERIKA DIENST 21

�Ein großartiges Land muß immer der Opfer der
Vorfahren gedenken, die unsere Freiheit ermöglichten. Noch größere Leistungen liegen jedoch vor
uns, wenn Sie diese erbringen. Vergessen Sie nie:
Wenn unsere Erinnerungen unsere Träume übersteigen, haben wir angefangen, alt zu werden. Es
ist das Schicksal Amerikas, für immer jung zu sein.
Als die Wächter der Freiheit Ihrer Generation und
unserer Zukunft wissen Sie vielleicht nie genau,

*

AMERIKA DIENST 21

wessen Leben Sie gerettet, wessen Zukunft Sie
verbessert haben. Sie mögen vielleicht nie ihren
Dank vernehmen oder ihre Hand schütteln. Aber sie
werden dort draußen sein. Wir alle werden dort
draußen sein - im Bewußtsein Ihres Mutes, beeindruckt von Ihrem Pflichtgefühl und dankbar für Ihren
Dienst für Gott und das Vaterland. Sie können
Amerika für immer jung erhalten.
Viel Erfolg. Gott segne Sie.

* * * *

Seite 5

�NATO
I.Juni 1994

ANPASSUNG DER NATO AN NEUE ÄRA
ERFORDERT KONTINUIERLICHE AUFMERKSAMKEIT
Rede von Verteidigungsminister Perry
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von US-Verteidigungsminister Perry am 24. Mai bei der
Frühjahrstagung 1994 des Verteidigungsplanungsausschusses der NATO gehaltene Rede. Verteidigungsminister Perry ging auf die beim jüngsten NATO-Gipfeltreffen in die Wege geleiteten drei wichtigen Initiativen
ein: Partnerschaft für den Frieden, alliierte Streitkräftekommandos sowie die NATO-Nichtverbreitungsinitiative.

Für das Atlantische Bündnis war der NATO-Gipfel
vom Januar 1994 ein Wendepunkt. Unsere Staatsund Regierungschefs unternahmen eine Reihe
dramatischer Schritte zur Umgestaltung unseres
Bündnisses. Vier Monate nach diesem historischen
Ereignis ist es angebracht, Bilanz zu ziehen. Ich
möchte kurz auf die bei dem Gipfeltreffen eingeleiteten drei wichtigen Initiativen eingehen: Partnerschaft
für den Frieden (Partnership for Peace - PFP),
alliierte Streitkräftekommandos (Combined Joint
Task Forces - CJTF) sowie die NATO-Nichtverbreitungsinitiative.
Partnerschaft für den Frieden
Ich möchte mich zunächst der Partnerschaft für den
Frieden zuwenden. Diese Initiative wird die Grundlage für ein neues europäisches Sicherheitssystem
legen, dessen Kernstück die NATO bildet.
Wir können mit den in nur wenigen Monaten erzielten Fortschritten zufrieden sein. Wir müssen jedoch
weiter nach vorne drängen, um Fortschritte zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren neuen Partnern zu machen.
Manöver
Ein Bereich kontinuierlicher Aufmerksamkeit sind
Manöver. Wir beglückwünschen die Niederlande,
die als erstes Land eine gemeinsame PFP-Gefechtsübung veranstalten und sind erfreut über den Vorschlag des Obersten Alliierten Befehlshabers Atlantik
zu einem PFP-Seemanöver. Die Vereinigten Staaten werden diese beiden Aktivitäten unterstützen und
an ihnen teilnehmen.
Darüber hinaus vertreten die Vereinigten Staaten die
Auffassung, daß die Veranstaltung von PFP-Manö-

AMERIKA DIENST 21

vern in Partnerländern wichtig ist. Polens Angebot
zur Abhaltung einer solchen Übung ist genau das,
was wir zur Vervollständigung des Programms für
1994 benötigen. Die NATO sollte rasch handeln, um
dieses Angebot anzunehmen und die erforderliche
Planung beschleunigen. Ich kann Ihnen versichern,
daß dieses Unternehmen die uneingeschränkte
Unterstützung der Vereinigten Staaten genießen wird.
Gleichzeitig müssen wir über das PFP-Manöverprogramm für 1995 und darüber hinaus nachdenken.
Die NATO und ihre Partner sollten die Vervollständigung eines ehrgeizigeren Manöverprogramms für
1995 bis Ende dieses Jahres anstreben. Ich schlage
vor, mindestens zwei Gefechtsübungen in PFPMitgliedstaaten abzuhalten.
Verteidigungsplanung
Wir sollten ebenfalls mit der Erarbeitung eines
Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozesses
beginnen wie im Rahmendokument der Partnerschaft
für den Frieden gefordert. Verteidigungsplanung
sollte eine Schlüsselaktivität der Partnerschaft für den
Frieden sein. Sie kann die Grundlage zur Erfüllung
des langfristigen PFP-Ziels der Entwicklung von
Streitkräften sein, die zu gemeinsamen Operationen
mit denen der NATO besser geeignet sind.
Dieser Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß sollte folgendes umfassen:
Möglichst parallele erprobte NATO-Verteidigungsplanungsverfahren,
Berücksichtigung der besonderen Erfordernisse
und Fähigkeiten von Partnern und Verbündeten,
die derzeit nicht an der NATO-Verteidigungsplanung beteiligt sind,

Seite 1

�besondere Konzentration auf die Erfordernisse
der im Rahmen des PFP-Programms vorgesehenen Missionen und Operationen sowie
Förderung von Transparenz und Wechselseitigkeit maximalen Ausmaßes.
Wir sind uns bewußt, daß die vollständige Entwicklung und Umsetzung dieses Prozesses Zeit erfordert.
Wir sollten jedoch frühzeitige Einigung auf die Verfahren anstreben und uns dem Ziel verpflichten, eine
erste, vereinfachte Überprüfung der Verteidigungspläne interessierter Partner vor dem Ministertreffen
im Herbst 1994 vorzunehmen.
Beziehungen zwischen den Verteidigungsministerien

Die Vereinigten Staaten engagieren sich weiterhin für
die Stärkung einer europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität durch die Einrichtung von
CJTF-Kommandos.
In diesem Zusammenhang unterstütze ich die Bestrebungen der Koordinierungsgruppe für vorläufige
Maßnahmen bei der Erarbeitung der politischen
Richtlinien für die Zusammensetzung und Entwicklung
der alliierten Streitkräftekommandos, einschließlich
der Verfeinerung der Strukturen und Verfahren zur
Handhabung der politischen Richtlinien, Planung
sowie Vorbereitung auf Krisenmanagementmissionen
des Bündnisses.

Wir müssen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden auch eine stabilere Kooperation zwischen
den Verteidigungsministerien aufbauen. Ein solcher
Austausch wäre eine nützliche Ergänzung unserer
Kooperation zwischen den Militärs.

Im Hinblick auf diese Strukturen und Verfahren
müssen wir die Fähigkeiten der integrierten MilitärStruktur nutzen und uns weiterhin einem einzigen
Bündnis verpflichten - nicht einem für Artikel 5 und
einem für andere Zwecke. Jede Strukturanpassung
muß von dem uneingeschränkten Engagement aller
16 Nationen in allen geeigneten Gremien für das
Krisenmanagement begleitet sein.

Ich schlage vor, daß unsere Ständigen Vertreter
prüfen, wie die NATO eine zunehmend kooperative
Rolle der Verteidigungsministerien unterstützen
kann. Zu den Optionen sollten regelmäßige Treffen
der NATO-Verteidigungsminister mit ihren Kollegen
aus den PFP-Mitgliedstaaten, eventuell auf jährlicher
Basis, zählen.

Wir sollten darüber hinaus Schritte unternehmen, um
enge Beziehungen zwischen den alliierten Streitkräftekommandos und der Partnerschaft für den
Frieden sicherzustellen und unsere PFP-Partner
durch Ausbildung, Übungen und andere Aktivitäten in
die Einrichtung von CJTF-Kommandozentralen
einzubeziehen.

Finanzierung der Partnerschaft für den Frieden

Das Tempo der Fortschritte bei der CJTF-Initiative
ruht mehr auf den Schultern der Europäer als der
Amerikaner. Die Europäer werden sehr viel mehr
von der Entwicklung eines Mechanismus profitieren,
der uns die Nutzung des NATO-Potentials für ausschließlich europäische Eventualfälle gestattet.

Wir müssen ferner prüfen, wie wir die angemessene
Finanzierung der Partnerschaft für den Frieden
sicherstellen können.
Wir sollten uns an das generelle Prinzip halten, daß
jede Partnernation ihre eigene Beteiligung an den
PFP-Aktivitäten finanziert. Es ist jedoch bereits klar,
daß einige Partner, die sich aktiv beteiligen wollen,
dies nicht ohne eine gewisse Unterstützung tun
können. Es wäre eine Tragödie, wenn die PFP
aufgrund mangelnder Unterstützung nicht ihr volles
Potential entfalten könnte.
Wir sollten unsere bilaterale Sicherheitsunterstützung
der Partner unter dem Aspekt der Erleichterung ihrer
Beteiligung an der Partnerschaft für den Frieden
besser koordinieren, und das Bündnis sollte beraten,
wie es einen Teil seines gemeinsamen Budgets zur
Unterstützung der PFP umdirigieren kann.
Alliierte Streitkräftekommandos
Die zweite Initiative des Gipfeltreffens ist das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos (CJTF).

Seite 2

Nichtverbreitung
Beim Gipfeltreffen im Januar haben wir auch eine der
Hauptbedrohungen der Sicherheit des Bündnisses in
der Zeit nach dem Kalten Krieg angesprochen: Die
andauernde Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme.
Das Bündnis muß gewährleisten, daß es die Mittel
zum Schutz vor durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen entstandenen militärischen
Bedrohungen zur Verfügung hat, sollten unsere
anfänglichen Präventionsversuche scheitern. Aus
diesem Grund bin ich sehr erfreut über die Fortschritte, die von den beiden beim Gipfeltreffen
eingesetzten Gremien bei der Bewältigung der
Herausforderung der Weiterverbreitung erzielt wurden.

AMERIKA DIENST 21

�Der von der Hochrangigen Politisch-Militärischen
Gruppe erarbeitete Gesamtrahmen wird die Natur
des Weiterverbreitungsproblems veranschaulichen
und die entscheidende Rolle der NATO widerspiegeln.
Die Verantwortung für die Entscheidung, welche
Fähigkeiten zur Abwehr der Bedrohung durch die
Weiterverbreitung erforderlich sind, obliegt der
Hochrangigen Verteidigungsgruppe für Weiterverbreitung (Senior Defense Group on Proliferation DGP). Die Verantwortung sicherzustellen, daß die
NATO entsprechend dieser Empfehlungen handelt
und tatsächlich die benötigten Fähigkeiten disloziert,
wird uns - den NATO-Verteidigungsministern übertragen.
Der von der DGP entworfene Arbeitsplan verfolgt
einen ehrgeizigen Kurs. Ich bin zuversichtlich, daß
die DGP die richtigen Leute zur richtigen Zeit mit
dem richtigen Auftrag zusammenbringt, um einen
Aktionsplan hervorzubringen, der die künftige Si*

AMERIKA DIENST 21

cherheit des Bündnisses und seiner Mitglieder
maßgeblich verbessert.
Schlußbemerkung
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wir große
Anstrengungen unternehmen, um die NATO an eine
neue Ära anzupassen und den Herausforderungen
der Zukunft zu begegnen. Wir haben die Grundlage
für dieses Unternehmen beim Gipfeltreffen im Januar
gelegt und seitdem viel geleistet. Aber es ist ein
langwieriges Unternehmen, das unsere kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordert.
Vor uns liegt die historische Chance zum Aufbau
eines neuen transatlantischen Sicherheitssystems,
das bis weit ins nächste Jahrhundert Frieden und
Stabilität in ganz Europa gewährleisten wird. Wenn
wir unsere Bemühungen zur Umgestaltung des
Atlantischen Bündnisses fortsetzen können, bin ich
zuversichtlich, daß wir Erfolg haben werden.

* * * *

Seite 3

�RÜSTUNGSKONTROLLE
1. Juni 1994

TRANSPARENZ WICHTIG FÜR GLOBALE SICHERHEIT
Rede von ACDA-Direktor Holum
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede beim National Press Symposium über Offenheit (Transparenz) und
Geheimhaltung erklärte der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 19. Mai 1994, je mehr die Staatsoberhäupter von Nationen
wüßten, desto weniger wahrscheinlich würden sie in einen Krieg stolpern. Aus diesem Grund müßten die
Nationen "die feste Einbeziehung von Transparenz und anderen vertrauensbildenden Maßnahmen in das
Gefüge der globalen Sicherheit" anstreben, um den Frieden in der Zukunft zu sichern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Holums im Wortlaut.
Wenn wir über jemanden sagen: "Er ist leicht zu
durchschauen", meinen wir, er ist wie ein offenes
Buch für uns und wir verstehen seine Motive." Der
tägliche Gebrauch des Begriffs veranschaulicht,
warum man unter anderem folgende drei Definitionen für "Transparenz" im Wörterbuch findet: "Klar
und lichtdurchlässig", "leicht verständlich oder
festzustellen" und "arglos, offen und freimütig".
Im Bereich der Rüstungskontrolle versteht man unter
Transparenz Schritte, die Länder unternehmen, um
ihre Karten auf den Tisch zu legen - wenn auch
häufig in sehr kontrollierter und in der Tat kalkulierter
Weise - um sich gegenseitig zu versichern, daß ihre
Absichten nicht feindlich gesinnt sind, wenn sie
bestimmte miilitärische Maßnahmen ergreifen oder
Vorbereitungen treffen.
Sorgfältig abgestimmt
können solche Maßnahmen außerordentlich präventiv wirken. In Zeiten der Unsicherheit können sie die
Eskalation von Spannungen zu einem bewaffneten
Konflikt verhindern.
Transparenz kann unsere Vorstellungen des
schlimmstmöglichen Falls beruhigen.
Was
aussah wie der bedrohliche Griff nach einer Pistole
in der Westentasche, entpuppt sich statt dessen als
harmloses Herausnehmen der Autoschlüssel. Wie
Nietzsche es (in einem seiner lichteren Momente)
formulierte: "Eine Sache, die uns klarwird, hört auf,
uns zu beunruhigen."
Der beste Weg zum Verständnis des Werts von
Transparenz ist zu prüfen, was in ihrer Abwesenheit
geschieht. Viele Historiker haben argumentiert, daß
es 1914 der Nebel der Mißverständnisse - und die
Ermangelung von Kommunikationswegen - gewesen

AMERIKA DIENST 21

seien, die eine automatische Eskalation auf beiden
Seiten hervorriefen, nachdem die deutschen Streitkräfte nach der Ermordung von Erzherzog Ferdinand
mit der Mobilisierung begonnen hatten.
In der Welt von heute haben wir unsere internen und
internationalen Kommunikationsfähigkeiten drastisch
verbessert. Die technischen Mittel zur Erlangung von
Transparenz (bildlich gesprochen, unsere Ferngläser
und unsere Telefone) sind besser als je zuvor - wenn
wir klug genug sind, sie zu nutzen. Aber wir haben
auch das destruktive Potential unserer Waffenarsenale drastisch erhöht. Dabei haben wir die Vorwarnzeit
manchmal auf weniger als die Reaktionszeit verkürzt.
Mit den moderneren Waffen von heute und dem
komprimierteren Zeitrahmen müssen wir alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel nutzen - einschließlich
der Transparenz - um die automatische Ausweitung
zu einem Konflikt zu verhindern.
Dies wurde durch die Eskalation der Spannungen, die
im Frühjahr 1990 beinahe zu einem Krieg zwischen
Indien und Pakistan geführt hätten, nur zu lebhaft
veranschaulicht. Der Vorläufer der Krise war ein
großes indisches Manöver in der Nähe der pakistanischen Grenze.
Auf dem Höhepunkt der Krise entsandte Präsident
Bush den Stellvertretenden CIA-Direktor Robert
Gates in die Region zur Beruhigung der Spannungen.
Gates meisterte diese Aufgabe, indem er in seine
Rolle die Glaubwürdigkeit einbrachte, die er bei
beiden Seiten als erfahrener Experte im Nachrichtendienst erworben hatte. Er konnte direkt verifizieren,
daß die indischen Einheiten, einschließlich Indiens
berühmtem Angriffskorps, mit der Beendigung des

Seite 1

�Manövers befaßt waren. Diese Information wurde
der pakistanischen Führung unverzüglich übermittelt.
In den nächsten Tagen zogen beide Heere ihre
Truppen von der Grenze ab, und ihre Außenminister
nahmen Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen auf. Ende Juni 1990 war die Krise vorüber.
Obwohl dieser Zwischenfall nicht die schrecklichen
Konsequenzen von 1914 hatte, dient er nicht als
Modell. Einerseits gibt es viele Orte auf der Welt, an
denen die Vereinigten Staaten nicht die Rolle spielen
können, die sie 1990 bei der Entschärfung der Krise
in Südasien übernommen haben. Andererseits war
die von uns in die Situation eingebrachte Transparenz ein Zufall im Nachhinein, nicht ein international in die regionale Sicherheitsarchitektur
eingebauter Aspekt.
Offen gesagt, wir waren gut - aber wir hatten auch
Glück. An einem anderen Ort und zu einer anderen
Zeit könnte dies nicht der Fall sein. Zweifelsohne
sollte unser Ziel darin bestehen, die feste Einbeziehung von Transparenz und anderen vertrauensbildenden Maßnahmen in das Gefüge der globalen
Sicherheit anzustreben.
Ich möchte auf die Anfänge dieser bewußten Bemühungen zur Einbeziehung von Transparenz in die
Rüstungskontrolle zurückgehen und einige der bis
heute erzielten Leistungen darlegen.
Der den Kalten Krieg betreffende Teil dieser Geschichte beginnt zutreffenderweise mit dem Antarktis-Vertrag. Dieses 1961 in Kraft getretene Abkommen verbot die Einrichtung militärischer Stützpunkte
und die Erprobung jeglicher Waffen in der Antarktis.
Das ACDA drängte darauf, den Vertrag ernst zu
nehmen - und ignorierte anfängliche Witze über eine
"Pinguin-Verifizierung". Meines Wissens haben wir
bei unseren Inspektionen der sowjetischen Einrichtungen in der Antarktis nie etwas von militärischer Bedeutung gefunden. Von Bedeutung bei
diesem Vertrag war jedoch der Präzedenzfall, den er
für lnspektionen vor Ort schuf: Dank der eingeleiteten Überprüfungen gewöhnten die Russen und wir
uns an die Inspektion der Einrichtungen des anderen
- und im Gegenzug der eigenen. Der AntarktisVertrag ebnete daher den Weg für spätere internationale Abkommen, die den Rüstungswettlauf
maßgeblich begrenzten.
Während der Kuba-Krise im Jahr 1962 schätzte
Präsident Kennedy die Chancen eines Krieges mit
der Sowjetunion auf "zwischen eins zu drei und 50
zu 50" ein. Angesichts drohender apokalyptischer
Auswirkungen gab es für die Staatsoberhäupter der
beiden Supermächte der Welt kein Mittel zuver-

Seite 2

lässiger und direkter gegenseitiger Kommunikation
miteinander. Diese Krise führte zum Vertrag über
den heißen Draht - offiziell als Abkommen über
direkte Kommunikation bezeichnet - das die Gefahren
eines Krieges aufgrund von Fehlern oder Mißverständnissen mildern, zur Entschärfung von Konflikten
beitragen und die Eskalation einer Krise aufgrund von
Fehleinschätzungen verhindern sollte. Das System
hat seine Arbeit geleistet, und wir haben es mehr als
einmal modernisiert.
Sie haben vielleicht einmal die treffende Formulierung
gehört: "Je mehr die Staatsoberhäupter von Nationen wissen, desto weniger wahrscheinlich tun sie
etwas Dummes". Obwohl direkte Kommunikationsverbindungen an sich keine Informationen auf den
Tisch legen, gestatten sie den Staatsoberhäuptern
von Nationen, sie anderen in entscheidenden Momenten mitzuteilen.
Ähnliche Aspekte - mit dem Tenor "Laßt uns miteinander reden, wenn es Probleme gibt" - sind Bestandteil einer Reihe weiterer Rüstungskontrollverträge. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist das Abkommen über Nuklearunfälle von 1971. Diese Vereinbarung sieht unverzügliche Kommunikation vor, wenn
die Gefahr eines Nuklearkriegs aus dem zufälligen
oder unberechtigen Einsatz von Atomwaffen oder der
Aufspürung nicht identifizierter Objekte auf Frühwarnsystemen entstehen sollte. Sie sieht femer die
vorherige Benachrichtigung bestimmter geplanter
Raketenabschüsse vor.
Die Abkommen über Nuklearunfälle, den heißen
Draht und ähnliche Maßnahmen (wie das Abkommen
über Zwischenfälle auf See) verringern zusammen
das Risiko, daß eine Krise zu einer Eskalation führt,
die keine Seite will.
Einige unserer bekannteren Verträge des Kalten
Krieges mit den Sowjets enthielten bereits erste
Anfänge von Transparenz schaffenden Maßnahmen.
Ein solches Abkommen ist der ABM-Vertrag - der
Grundlagenvertrag, der strategische Verteidigungssysteme landesweit verbietet und uns seit über 20
Jahren gute Dienste leistet. Der ABM-Vertrag fordert
die Parteien auf, sich nicht in die technischen Verifikationsmittel der anderen Nation einzumischen und
nicht absichtlich Verschleierungsmaßnahmen zu
ergreifen. Diese Bestimmungen an sich legen
ebenfalls keine Informationen auf den Tisch, enthalten jedoch die Aussage: "Wir versprechen, nichts zu
verstecken, wenn Ihr überprüft."
Die frühen Rüstungskontrollverträge enthielten bereits
einige Aspekte späterer Maßnahmen, die sich sehr
viel eingehender mit Vertrauensbildung im allgemeinen und Transparenz im besonderen befaßten. Ich

AMERIKA DIENST 21

�möchte einige der herausragenden Leistungen des
modernen Zeitalters im Bereich der internationalen
Transparenz hervorheben.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) hat eine Reihe von Maßnahmen
erarbeitet, die das Risiko eines militärischen Überraschungsangrifs in Europa verringern sollen.
Solche Maßnahmen gehen auf die Schlußakte von
Helsinki aus dem Jahr 1975 zurück, mit der die
KSZE gegründet wurde. Die ersten Maßnahmen
forderten die obligatorische Benachrichtigung 21
Tage vor großen Manövern mit über 25.000 Soldaten, freiwillige Benachrichtigung über andere
Manöver und die freiwillige Einladung von Beobachtern zu diesen Manövern.
Diese Maßnahmen wurden seitdem verbessert zunächst im sogenannten Stockholmer Dokument und dann im Wiener Dokument kodifiziert. Um der
Transparenz willen verhalten sich potentielle Gegner
merkwürdig. Zur Zeit benachrichtigen sie sich
gegenseitig 42 Tage vor militärischen Aktivitäten mit
250 Panzern oder mindestens 3.000 amphibischen
oder luftgestützten Truppen. Für zahlreiche militärische Aktivitäten sind jetzt Beobachter erforderlich.
Einige Manöver sind zahlenmäßig begrenzt und
werden allen Mitgliedstaaten in einem Jahreskalender mitgeteilt. Diese Staaten genehmigen Vor-OrtInspektionen. Sie stellen auch gegenseitig jährliche
Informationen über die Verteidigungsplanung (einschließlich der Verteidigungspolitik, Streitkräfteplanung und Haushaltsvorlagen) zur Verfügung.
Besuche bei Luftwaffenstützpunkten finden in
Friedenszeiten alle fünf Jahre statt. Im Jahr 1993
wurde eine erweiterte Liste vorgeschlagener militärischer Kontakte (einschließlich Austauschprogrammen auf Arbeitsebene und Besuchen) sowie der
vorgeschlagenen militärischen Kooperation (einschließlich Manövern und Ausbildung) verabschiedet.
Zusätzliche Maßnahmen zur Risikoverringerung
wurden eingeführt - wie die Konsultations- und
Kooperationsmechanismen über ungewöhnliche und
ungeplante Aktivitäten der Streitkräfte, und in jedem
Mitgliedstaat wurde ein Kommunikationsnetz eingerichtet, das rund um die Uhr in Betrieb ist.
Im Jahr 1992 wurde das Forum für Sicherheitskooperation unter der Schirmherrschaft der KSZE
gegründet. Das Forum strebt die weitere Verfeinerung und Verbesserung der im Wiener Dokument
verankerten Maßnahmen an. Es arbeitet ferner an
der Einführung eines "Verhaltenskodex" für politischmilitärische Aspekte der Sicherheit und an verbesserter Transparenz durch den jährlichen Austausch
globaler militärischer Informationen durch die KSZEMitgliedstaaten.

AMERIKA DIENST 21

Diese KSZE-Maßnahmen verbessern die europäische
Sicherheit, indem sie durch Offenheit Vertrauen
schaffen. Sie erweitem die Stabilität, indem den
Staaten die Beobachtung gestattet wird, daß ihre
Nachbarstaaten keine bedrohende militärische
Kräfteverteilung vornehmen. Und sie vertiefen auch
das Verständnis, weil kooperative Beziehungen
zwischen militärischen und Regierungsvertretem
unterschiedlicher Länder geknüpft werden.
Geographisch ist der Vertrag über Offene Himmel die
bis heute weitreichendste Bestrebung zur Förderung
von Offenheit über Streitkräfte und militärische
Aktivitäten. Er öffnet das Gebiet von Wladiwostok bis
Vancoucer für Inspektionen aus der Luft. Er räumt
allen Teilnehmerstaaten eine direkte Beteiligung beim
Sammeln von Informationen über Streitkräfte und
Aktivitäten ein, die ihnen Anlaß zur Sorge bereiten.
Und wer weiß - vielleicht könnte er eines Tages von
Valparaiso in Chile bis zum Vaaltal in Südafrika
erweitert werden.
Offene Himmel gestattet jedem Signatarstaat die
Beschaffung von Kopien von während der Überwachungsflüge gemachten Filmen oder Tonbändern,
wobei die Kosten geteilt werden. Jedem Teilnehmerstaat wird eine Quote von Flügen über andere
Staaten zugewiesen, die er einhalten muß.
Offene Himmel und die von mir erwähnten KSZEMaßnahmen verstärken sich gegenseitig. Sie erschweren es den Teilnehmerstaaten, die Vorbereitungen für einen Überraschungsangriff oder eine raumgreifende Offensive zu verheimlichen. Offene Himmel tut dies, indem es den Blick auf Streitkräfte und
militärische Einrichtungen aus der Vogelperspektive
gestattet. Und die KSZE-Maßnahmen tun es durch
die direkte Weitergabe von Militärplänen und Informationen.
Zusammengenommen verringern diese
Maßnahmen das Risiko der Art von reflexiver Eskalation erheblich, die zum Ersten Weltkrieg führte. Im
besten Falle demonstrieren sie, was internationale
Transparenzmaßnahmen im Szenarium nach dem
Kalten Krieg bewirken können. Und sie werden die
Rückkehr zu den alles umfassenden Spannungen
dieser Ära verhindern helfen.
In jüngster Zeit haben die Vereinigten Staaten die
Anwendung des Transparenzansatzes - vor allem bei
unseren Gesprächen mit den Russen - bei dem
traditionell undurchsichtigsten Teil unseres nationalen
Sicherheitsumfeldes angestrebt: den Nuklearwaffenprogrammen. Aufbauend auf dem von den Präsidenten Clinton und Jelzin im Januar erzielten Abkommen haben wir Gespräche mit den Russen darüber
aufgenommen, wie konkrete Schritte zur Verbesserung der Transparenz für beide Seiten bei unseren
Verfahren und Einrichtungen für die Handhabung,

Seite 3

�Lagerung und Berechnung des spaltbaren Materials
ergriffen werden können, das aus den zerlegten
Waffen gewonnen wurde.
Kurzfristig hoffen wir ein Abkommen über gemeinsame Besuche der Einrichtungen jeder Seite erlangen
zu können, in denen aus zerlegten Nuklearwaffen
entnommenes spaltbares Material gelagert wird. Auf
längere Sicht hoffen wir, ein Abkommen über ein
Regime aushandeln zu können, mit dem die Bestände von spaltbarem Material aus zerlegten Waffen
jeder Seite bestätigt werden.
Wie ich bereits bei der Erörterung der Situation
zwischen Indien und Pakistan im Jahr 1990 andeutete, sind es die spannungsgeladensten Regionen der
Welt, die Transparenz am dringendsten benötigen und sie allzu häufig am wenigsten herbeiführen.
Dies ist ein Grund, warum ich von den Gesprächen
im Rahmen der Arbeitsgruppe für Rüstungskontrolle
und regionale Sicherheit im Nahen Osten ermutigt
bin, die unter der Schirmherrschaft der Vereinigten
Staaten und Rußlands geführt werden. 14 Parteien
aus der Region erörtern vertrauensbildende Schritte
wie Deklarierungsmaßnahmen, ein Krisenverhütungszentrum, Informationsaustausch und das erste
regionale Kommunikationsnetz.
Die Fortschritte dieser Arbeitsgruppe werden offensichtlich vom Tempo der Ereignisse im Gesamtfriedensprozeß beeinflußt. Eine dramatische Errungenschaft steht nicht unmittelbar bevor. Aber durch
die Förderung konstruktiver Gespräche zwischen
historischen Gegnern hat diese Arbeitsgruppe
bereits die positive Rolle unter Beweis gestellt, die
Transparenz bei der Unterstützung von regionaler
Sicherheit leisten kann.
Ich möchte damit nicht implizieren, daß Transparenzmaßnahmen formalisiert werden müssen, um wertvoll zu sein. Wir haben auch die Weitergabe von
Informationen mit den Russen außerhalb des Kontextes von offiziellen Abkommen angestrebt. Ich
möchte zwei Beispiele anführen.
Während des Kalten Krieges boten wir der Sowjetunion Informationen über PAL-Vorrichtungen - wie
elektromagnetische Schlösser - an, die unsere
Nuklearwaffen vor zufälligem oder unbefugtem
Einsatz schützen. Die Sowjets lehnten unser Angebot offiziell ab. Bemerkenswert finde ich jedoch, daß
wir es unterbreitet haben - und so unsere Sicherheit
zu erhöhen versuchten, indem wir die Fähigkeit der
Sowjets zur Kontrolle ihrer Waffen verbesserten.
An ein zweites Beispiel haben wir uns alle gewöhnt
und vergessen dabei, was für eine wichtige Innovation dies war, als Verteidigungsminister McNamara

Seite 4

es unter der Kennedy-Administration einführte. Die
Erklärung zum Einsatzkonzept beinhaltet eine umfassende Beschreibung der Entwicklung unserer
Militärdoktrin und einer Reihe von Streitkräfteerfordemissen sowie detaillierte Beschreibungen unserer
Militärprogramme. Diese Erklärung wurde in dem
Bestreben verfaßt, das Verständnis dessen in der
amerikanischen Öffentlichkeit - und der Welt einschließlich der Sowjetunion - zu vertiefen, was die
Vereinigten Staaten mit ihren Militärprogrammen
beabsichtigten und was nicht.
Meines Erachtens haben diese Berichte - und der
durch die relativ detaillierten und genauen Beschreibungen unserer militärischen Absichten gesetzte
Standard - einen maßgeblichen Beitrag zu dem
sicheren Kurs durch den Kalten Krieg geleistet.
Die Grenzen der Offenheit
Da unser Bedürfnis nach Geheimhaltung zum großen
Teil auf diesem mit der Sowjetunion geführten Kalten
Krieg beruhte, hat das Ende dieser Ära und dieser
Union natürlich bei vielen zu der Frage geführt,
warum wir überhaupt Geheimhaltung benötigen. Die
kurze Antwort lautet, daß die Welt nicht über Nacht
sicher geworden ist und nicht jedes hierzu erforderliche Abkommen bereits verwirklicht wurde.
Trotz all der positiven Dinge, die ich über Transparenz und Offenheit sagen mußte, möchte ich nicht
implizieren, sie seien ohne jede Einschränkung gut.
Ich möchte kurz auf die Grenzen von Offenheit und
Transparenz bei der Rüstungskontrolle eingehen.
Zunächst eine Tatsache: Selbst bei einem System,
das bei vertrauensbildenden Maßnahmen so weit
fortgeschritten ist wie die KSZE, sind die Länder eher
geneigt, den Austausch militärischer Informationen
auf Regierungsebene zu halten, anstatt ihn an die
Öffentlichkeit zu tragen. Das zwischen Regierungen
und Militärs aufgebaute Vertrauensverhältnis erstreckt
sich nicht auf die Öffentlichkeit oder die Presse.
Wenn wir also die Regeln nicht befolgten und beispielsweise unsere Videokassetten von Überflügen im
Rahmen des Offenen Himmels der Öffentlichkeit
zugänglich machten, würden wir ein Abkommen
unterminieren, das einen beträchtlichen Beitrag zur
weltweiten Sicherheit leistet.
Einfach ausgedrückt: Wenn wir von anderen Regierungen erhaltene vertrauliche Informationen nicht
vertraulich behandeln könnten, würden wir sie auch
nicht erhalten.
Verhandlungen sind ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld, auf dem Offenheit eingegrenzt werden muß.
Woodrow Wilson sprach sich für "durch Offenheit

AMERIKA DIENST 21

�erlangte offene Verträge" aus, und diese Formulierung klingt noch immer großartig. In Wahrheit
bestehen jedoch grundlegende Beschränkungen
dieser offenen Verhandlungen.
Wenn ein Verhandlungspartner mir einen vertraulichen Vorschlag unterbreitet, kann er ihn wieder
zurücknehmen, wenn ich ihn überzeugen kann, daß
es sich um keine gute Idee handelt oder er nicht die
notwendige Unterstützung erhält. Wenn er ihn
jedoch in der Öffentlichkeit vorlegt, schafft er dadurch eine Verpflichtung, der sich seine Regierung
vielleicht nicht ohne Gesichtsverlust wieder entziehen kann. Das ist ein Grund dafür, warum Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit oft funktionieren, wohingegen das bei öffentlichen Verhandlungen nicht der Fall war.
Eine in Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit eingesetzte Technik ist das nicht zu Papier
Gebrachte, nicht in einen Vorschlag Gekleidete, nicht
bei einem Treffen Unterbreitete. Hierbei handelt es
sich um Entwürfe, Vorschläge oder Treffen, die auf
der Übereinkunft basieren, daß sie nie an die Öffentlichkeit getragen werden und offiziell nicht existieren.
Somit können sie jederzeit in Abrede gestellt werden.
Nicht Existierendes kann ein äußerst nützliches
Werkzeug für die Verbreitung versuchsweiser Ideen

mit dem Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot vertrauliche Konsultationen ab. Unsere Bestrebungen zum Abschluß eines Vertrags über ein
umfassendes Atomtestverbot - "so bald wie möglich",
wie der Präsident anordnete - würden einen schweren Schlag erleiden, wenn selbst diese Verhandlungen unter den fünf Atommächten öffentlich stattfinden
müßten.
Der dritte und offensichtlichste Grund dafür, unsere
Verhandlungsposition geheimzuhalten, ist der, der
anderen Seite nicht unsere Grenzen aufzuzeigen.
Ich brauche nicht auf diese Regel eingehen. Sie zu
mißachten, wäre gleichbedeutend damit, ein gebrauchtes Auto zu kaufen und dabei seinen Kontostand offenzulegen.
Diese Einschränkungen beziehe ich nicht nur auf den
internationalen Kontext. Ich weiß aus eigener Erfahrung, welchen Schaden das Durchsickern von Informationen und andere unangemessene Bekanntmachungen in der Öffentlichkeit einer guten Regierungsführung und der Formulierung einer soliden
Politik zufügen können. Der Formulierung einer
endgültigen Haltung der Administration vorausgehende politische Differenzen sind meines Erachtens nicht
für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt, bis die
Angelegenheit abgeschlossen ist und die Historiker
ihre Forschungen aufnehmen. Wenn die Politiker
damit rechnen müssen, daß solche Differenzen

sein, um zu sondieren, ob ihre Entwicklung zu

ständig

offiziellen Vorschlägen lohnend ist. Wenn sie durch
die Erfordernis ihrer vollständigen Enthüllung eingeschränkt werden, wird die Flexibilität bei den Verhandlungen verringert - und Abkommen über heikle
Rüstungskontrollfragen wären noch schwieriger zu
erlangen als ohnehin schon der Fall.

werden sie nicht mehr aufrichtig sein.

Die Notwendigkeit derartiger Flexibilität und Geheimhaltung ist vielleicht sogar noch größer in den
multilateralen Verhandlungen, die unsere Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungstagesordnung beherrschen werden. Ich habe in Genf aus erster Hand
erlebt, welche Geschicklichkeit multilaterale Diplomatie erfordert und war beeindruckt davon, in welchem
Ausmaß dieses Verfahren neben direkten Verhandlungen auch aus Inszenierung besteht.
Die diese Woche in Genf wiederaufgenommenen
Verhandlungen über einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot sind öffentlich. Die Abrüstungsverhandlungen finden öffentlich statt. Angesichts der in vielen öffentlichen Foren vertretenen
Haltung werden Sie auch nicht überrascht sein zu
hören, daß ein Großteil dieser bedeutenden Arbeit
außerhalb der öffentlichen Bühne geleistet wird.
Beispielsweise halten die fünf Staaten, die den
Besitz von Atomwaffen angeben, im Zusammenhang

AMERIKA DIENST 21

der

Öffentlichkeit

preisgegeben

werden,

Ich habe keine Probleme mit dem umfassenden
Grundsatz der Regierungsführung 'im Sonnenlicht'.
Als Beteiligter an den heiklen Rüstungskontrollverträgen spreche ich mich jedoch für eine kontrollierte
Lichtzufuhr aus. Wenn man eine Pflanze, die nur mit
wenig Licht gedeiht, auf das Fensterbrett stellt, wird
sie von der Mittagssonne verbrannt. Ihr Absterben
bedeutet nicht, daß sie keine gesunde Pflanze war
oder das Sonnenlicht schlecht ist. Es bedeutet, daß
sie einen schlechten Gärtner hatte.
An die Experten des Gesetzes über das Recht auf
Information gerichtet kann ich meine Vorbehalte kurz
zusammenfassen. Meines Erachtens besteht die
Ausnahme im Bereich nationale Sicherheit und
Verhandlungen aus gutem Grund - und sollte nicht
abgeschafft werden.
Schlußbemerkung
Es gibt wichtige Einschränkungen. Es sind jedoch
keine Ausnahmen, die die Regel außer Kraft setzen.
Offenheit und Transparenz sind nicht nur von Vorteil
für den ersten Zusatzartikel zur Verfassung, für
Körper oder Seele des Staates. Meine gesamte

Seite 5

�heutige Rede zielte darauf ab, daß sie - weltweit
angewandt - Spannungen abbauen und unser aller
Leben sicherer machen können.
Diese ermutigende Moral ist meines Erachtens von
zunehmender Bedeutung, denn viele der heutigen
Schlagzeilen könnten uns entmutigen.
Die Barbarei in Bosnien und Ruanda unterscheidet
sich von dem Blutvergießen früherer Jahre vorwiegend dadurch, daß sie Schlagzeilen machen
kann. Allein 1992 fanden 29 Kriege statt (die als
Feindseligkeiten unter Einbeziehung einer oder
mehrerer Regierungen definiert werden und jährlich
den Tod von mehr als 1.000 Menschen verursachen). Und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges
kamen in über 150 Kriegen weltweit insgesamt mehr
als 23 Millionen Menschen ums Leben.
Wir scheinen von Beweisen dafür umgeben zu sein,
daß die Technologie der Zerstörung weitere Fortschritte gemacht hat, die menschliche Natur jedoch
nicht. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß politische Institutionen diese Lücke füllen.
Wenn man sich die Welt sorgfältig anschaut, sieht
man Anlaß zu großer Ermutigung. Denken Sie an
Rabin und Arafat im Nahen Osten - Erzfeinde
wurden entschlossene Partner für den Frieden.
Halten Sie sich Mandela und De Klerk in Südafrika
vor Augen: Der Gefangene wurde zum Präsidenten,
der Gefängniswärter zum Befreier.
In beiden Fällen dieses bemerkenswerten Umschwungs begann sich die Situation zu verbessern,
als die Menschen sich füreinander öffneten. Oftmals
bedurften sie dazu eines Vermittlers. In beiden
Fällen dauerte es Jahrzehnte.
*

Seite 6

*

Das in beiden Fällen für einen Neuanfang erforderliche Vertrauen wäre nicht ohne eine gewisse Öffnung
entstanden, ohne zaghafte Transparenz. Erstmals
wurde gemeinsam eine Wahrheit anerkannt - ein
erster Lichtstrahl - und die hinter dem Glas sichtbare
Figur reagierte auf menschliche Art und Weise - und
der Initiator bekam das Gefühl, er könne seinem
Gegenüber bei einem weiteren Schritt ebenfalls
trauen.
Auf diese mühevolle Weise wird Geschichte gemacht.
Auf diese Weise wird Schatten zu Licht. Auf diese
Weise wird Friede gewonnen.
Transparenz kann uns bei der Anpassung politischer
Institutionen an überkommene Feindschaften und
neue Bedrohungen gleichernmaßen helfen. Sie ist
gleichzeitig eine Technik zur Rüstungskontrolle und
eine lebendige Metapher - verständlich auf individueller, menschlicher Ebene - für das Verhalten, das die
Nationen zunehmend an den Tag legen sollten.
Shakespeare schrieb: "Kein Vermächtnis ist so reich
wie die Ehrlichkeit." Transparenz ist der Ertrag der
Klugheit, der Beginn von Vertrauen und die Hoffnung
auf Frieden.
Ich habe bereits früher meiner Hoffnung Ausdruck
verliehen, daß eines Tages die Länder nicht aufgrund
ihrer Waffen beurteilt werden, sondern aufgrund der
von ihnen eingehaltenen Verpflichtungen und der von
ihnen verteidigten Werte. Der Aufbau einer solchen
Welt liegt in unserem ureigensten Interesse.
Lassen Sie uns alle zur Verfügung stehenden Mittel
dafür einsetzen.
Und lassen sie uns mit der Transparenz beginnen.

*

*

AMERIKA DIENST 21

�SPORT
1. Juni 1994

LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN UND DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (I)
von John R. Eidson
Der nachfolgende Essay, den wir in leicht gekürzter Fassung in dieser und der nächsten Ausgabe des Amerika
Dienst veröffentlichen, behandelt kulturhistorische Wurzeln und gesellschaftlichen Kontext des Sports in den
Vereinigten Staaten und geht dabei auf "typisch amerikanische" Sportarten wie Baseball, Football und
Basketball ein.
John R. Eidson ist Professor für Kulturanthropologie.
Universität Leipzig.

Er lehrt am Institut für Kulturwissenschaften der

Copyright (c) 1994 John R. Eidson.

Wir können viel über die Vereinigten Staaten erfahren, indem wir die Spiele analysieren, an denen sich
die Amerikaner aktiv - und als Zuschauer - beteiligen. Die Vereinigten Staaten sind eine Weltmacht,
aber in gewisser Hinsicht bilden sie auch eine
kulturelle Provinz. Trotz heldenhafter Versuche
einiger kosmopolitischer Geister, stehen die meisten
Amerikaner dem Fußball gleichgültig gegenüber,
dem Spiel, das weltweit die Leidenschaften in
Wallung bringt. Die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 1994 werden von einer Werbekampagne begleitet, mit der Fußball in Amerika "verkauft" werden soll. Trotzdem scheinen die Amerikaner weiterhin ihre eigenen Spiele zu bevorzugen,
insbesondere die drei populärsten Sportarten Baseball, Football und Basketball. Natürlich beteiligen
sich die Amerikaner aktiv und als Zuschauer auch
an anderen Disziplinen, darunter, um nur einige zu
nennen, Leichtathletik, Turnen, Tennis, Golf; aber
Baseball, Football und Basketball nehmen - vielleicht
mit Ausnahme von Eishockey - im Pantheon des
amerikanischen Sports einen besonderen Platz ein.
In ihrer heutigen Form sind Baseball, Football und
Basketball ureigene amerikanische Traditionen, die
sich ihren angestammten Platz im Jahreszyklus

AMERIKA DIENST 21

festlicher Ereignisse gesichert haben. Für viele
Amerikaner beginnt der Frühling mit dem ersten
Spieltag der Baseball-Saison, an dem der amerikanische Präsident symbolisch den ersten Ball wirft. Im
amerikanischen Gefühlsleben ist Baseball ebenso
eng mit dem Sommer verknüpft wie Wärme und
Sonnenschein, und das unbescheiden als "World
Series" bezeichnete Baseballfinale markiert ebenso
das Ende der Jahreszeit wie der Saison. Wenn sich
im Herbst die Blätter goldgelb färben, die Luft kühler
wird und die Marschmusikkapellen ihre Instrumente
ertönen lassen, hat die Footballsaison begonnen. Mit
Einbruch des Winters versammeln sich die Fans in
den Sporthallen - oder vor dem Fernsehgerät - um
den Anpfiff der Basketballsaison zu erleben. Für jede
Jahreszeit gibt es eine Sportart, und damit ist im
amerikanischen Kosmos alles okay.
In den Vereinigten Staaten ist der Sport aufs engste
mit einer Reihe von weltlichen und religiösen Feiertagen verbunden. Besondere Ereignisse wie der erste
Spieltag, Ausscheidungsrennen, die World Series, die
Finalspiele im Collegefootball ("Bowls"), die Superbowl, "March Madness" (ein Turnier der NCAA) und
die Ausscheidungsspiele sowie die Meisterschaft der
amerikanischen Basketballiga bilden eigenständige

Seite 1

�Feste. Darüber hinaus werden Feiertage, die an
sich nichts mit dem Sport zu tun haben, durch
besondere Sportveranstaltungen geehrt (oder
heimgesucht), die man, vom Standpunkt der Fans
betrachtet, "nicht verpassen darf". Infolgedessen
feiern viele Amerikaner den Neujahrstag, indem sie
sich vor den Fernsehgeräten versammeln, um die
Footballspiele dieses Feiertages zu verfolgen.

Die gesellschaftlichen Wurzeln des Baseball,
Football und Basketball
So ist es heute, aber als die ersten Wellen von
Einwanderern im 17. Jahrhundert an den Küsten
Amerikas landeten, gab es weder Baseball noch
Football oder Basketball. Die Indianer spielten eine
Vielzahl von Ballspielen, darunter einige, die man als
frühe Vorformen des Lacrosse bezeichnen könnte;
aber die Sportarten, die uns in diesem Zusammenhang interessieren, entwickelten sich aus europäischen Vorbildern, die von den Siedlern mitgebracht
wurden. Dazu gehörten das von Kindern gespielte
Schlagballspiel und verschiedene Arten des Fußball,
die jedoch im Lauf des 19. Jahrhunderts umgestaltet
und verfeinert wurden.
Sporthistoriker sind sich einig, daß Baseball ein
Derivat englischer Ballspiele wie "rounders" ist. Die
entscheidende Metamorphose vollzog sich durch
eine Klasse von jungen Männern, die Charles
Alexander als die ersten "Yuppies" bezeichnet. In
den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen in Boston, New York und Philadelphia Angehörige der gebildeten Mittelschicht, die gerade ihre
Laufbahn in den modernen Berufen des Rechtswesens, der Medizin, in Wirtschaft und Bankwesen
aufgenommen hatten, ihre Freizeitaktivitäten auf eine
Art und Weise zu gestalten, die zu ländlichen Arten
des Zeitvertreibs wie Pferderennen oder Hahnenkämpfen in scharfem Gegensatz stand. Sie gründeten Clubs, entwarfen Regeln und verbrachten ihre
Abende und Wochenenden bei einem neuen Spiel,
das sie in städtischen Parks oder auf Wiesen in den
Vororten betrieben. An die Spiele schloß sich häufig
ein Picknick oder eine Party an, zu denen die
Frauen oder Freundinnen eingeladen wurden.
Einige moderne Autoren möchten im Baseball eine
Art von ländlicher Idylle sehen, die sich von dem
industriellen Charakter des Football und Basketball
abhebt. Baseball hat jedoch seit seinen Anfängen
seinen eigenen urbanen Charakter, der auf die
modernen Bedingungen des Zeitmanagements
zugeschnitten ist. In den amerikanischen Städten
des Nordostens herrschten zwar starke britische
Einflüsse, aber Kricket, das über einen Zeitraum von
mehreren Tagen gespielt wird, wurde zugunsten

Seite 2

eines Spiels verworfen, das an einem einzigen
Nachmittag begonnen und beendet wurde.
Das Footballspiel wurde von den Studenten der
sogenannten "Ivy League"-Colleges und -Universitäten geprägt. Dieser Oberbegriff für die ältesten
und renommiertesten Institutionen akademischer
Bildung in den Vereinigten Staaten - Harvard, Yale,
Princeton, Columbia, Pennsylvania, Cornell, Dartmouth und Brown - leitet sich charakteristischerweise
von der Sportliga ab, an der sich diese Institutionen
beteiligen. Heute bildet die Ivy League eine Sportliga
unter vielen anderen, aber in jenen Tagen spielte sie
gewissermaßen die erste Geige. Infolgedessen hatte
der Football anfänglich einen Hauch von Exklusivität:
Es war das Spiel, das junge Männer von Elitecolleges
unter sich spielten. Eines der ersten überlieferten
Footballspiele fand 1869 zwischen Princeton und
Rutgers statt.
Baseball und Football waren ursprünglich Freizeitaktivitäten junger Angehöriger der städtischen Eliten
des Nordostens. Aufgrund der nachgewiesenen
Tendenz des Menschen, den Lebensstil gesellschaftlicher Eliten nachzuahmen und wegen der Modernisierung der amerikanischen Gesellschaft um die
Jahrhundertwende erfaßten diese Sportarten rasch
auch andere soziale Schichten, Regionen und
ethnische Gruppen.
Basketball hatte seinen Ursprung einige Zeit später,
nachdem Baseball und Football bereits von ihren
elitären Wurzeln in andere gesellschaftliche Gruppen
hineingewachsen waren. Das Spiel wurde von
James Naismith vom Christlichen Verein Junger
Männer (CVJM) 1891 in Springfield (Massachusetts)
erfunden, um die Jungen in der Winterpause zwischen der Football- und der Baseballsaison zu
beschäftigen. Der 1844 in London gegründete CVJM
war ursprünglich eine Institution der Mittelschicht, die
das Ziel verfolgte, junge Angestellte und Arbeiter, von
denen viele Neuankömmlinge in der großen Stadt
waren, zu unterstützen, fortzubilden, zu leiten oder zu
beaufsichtigen. Beim CVJM handelte es sich nicht
um eine exklusive Institution wie die ersten Baseballclubs und die Colleges der Ivy League. Gleichwohl
wurde er von der angelsächsischen Mittelschicht
geleitet und diente als wichtiger Mechanismus zur
Verbreitung der angelsächsischen Kultur.

Der Sport und der Aufstieg der modernen amerikanischen Kultur
In den Jahrzehnten nach der Gründung der ersten
Baseballclubs riefen die Facharbeiter der Städte im
Nordosten der USA ihre eigenen Clubs ins Leben
und begannen, die Oberschicht in ihren angestamm-

AMERIKA DIENST 21

�ten Spielen zu schlagen. Regeländerungen, die mit
der Verbreitung des Baseballspiels einhergingen zum Beispiel die Flugballregel von 1858 - spiegeln
die männlichen Tugenden der Arbeiterklasse und die
Vitalität eines Spieles wider, das schon bald in
Rochester, Buffalo, Baltimore, Washington und sogar
in New Orleans gespielt wurde. Der Sieg des industrialisierten Nordens im Bürgerkrieg beschleunigte
die Ausbreitung des Baseballspiels, das ländliche
Freizeitaktivitäten wie Reiten, Angeln und Jagen
immer rascher in den Hintergrund drängte. Mit der
Gründung der ersten Profiligen in den siebziger
Jahren des 19. Jahrhunderts war Baseball bereits
zum "nationalen Zeitvertreib" geworden.
Zu Beginn des Jahrhunderts strömten mit der
zweiten Welle industrieller Entwicklung Landarbeiter
und Einwanderer aus Süd- und Osteuropa in die
Städte des Nordostens und des Mittleren Westens.
Gleichzeitig wurden Provinzstädte durch die neuen
Massenmedien, neue Massenverkehrsmittel und die
Standardisierung der Lehrinhalte an den öffentlichen
Schulen mit den urbanen Ballungsgebieten verbunden. Im Zuge dieser Entwicklung wurde der
Sport für die Vielzahl der Volksgruppen in den
Vereinigten Staaten ein wichtiges Instrument zur
Beteiligung an der nationalen Kultur, in der sich
gerade die Traditionen festigten, die von den Fans
heute als sakrosankt betrachtet werden. Die World
Series of Baseball, eines der wenigen großen
amerikanischen Spektakel, wurde zwischen 1903
und 1905 etabliert.
Bis zu den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts
hatte sich der College-Football über die Ivy League
hinaus auf Staatsuniversitäten bis hin nach Texas
ausgebreitet.
Die neuen Collegemannschaften
organisierten sich rasch in Ligen und kämpften um
Teilnahmeplätze in den nach der Saison veranstalteten "Bowls", die 1902 mit der Rose Bowl in Pasadena (Kalifornien) begannen. Die ersten professionellen Footballmannschaften waren aus ehemaligen
Collegespielern zusammengewürfelt, die nach dem
Ersten Weltkrieg in den Industriestädten Westpennsylvanias und des Mittleren Westens ihr Publikum
fanden. Zu diesen Mannschaften zählten eine Reihe
spektakulärer Spielerpersönlichkeiten, darunter
insbesondere Jim Thorpe und Red Grange, standen
jedoch bis zu den Boomjahren nach dem Zweiten
Weltkrieg organisatorisch auf unsicheren Füßen.
Kurz nach seiner Erfindung im Jahr 1891 verbreitete
sich Basketball innerhalb des CVJM und in den
Einwandererclubs von New York und anderen
Städten des Nordostens und Mittleren Westens. Die
halbprofessionellen Mannschaften, die aus dem
CVJM entstanden, wiesen durch ihre Namen häufig
offen auf ihren ethnischen Hintergrund hin - die

AMERIKA DIENST 21

Hebrew All-Stars, die Detroit Pulaskis, die Brooklyn
Visitations und die Buffalo Germans. Es gibt kaum
ein besseres Beispiel für diese besondere amerikanische Mischung des "Schmelztiegels" und der multikulturellen Gesellschaft als die Konfrontation und der
Zusammenhalt zwischen diesen Mannschaften, die
ein neues Spiel spielten und die Regeln dafür gleichsam nebenher entwickelten.
Nachdem das Spiel seinen Ruf, ein "unmännlicher"
Sport ohne Körperkontakt zu sein, verloren hatte,
breitete sich Basketball ebenfalls über das gesamte
amerikanische Universitätsnetz aus. Eine 1934 im
New Yorker Madison Square Garden veranstaltete
Demonstration mit zwei Spielen, an der Mannschaften der New York University, von Notre Dame, dem
Westminster College und der St. John's University
teilnahmen, trug dazu bei, dieses Collegespiel
populär zu machen. Schon bald darauf wurden die
ersten nationalen College-Basketballwettbewerbe,
das NIT (National Invitational Tournament) und das
NCAA-Turnier (National Collegiate Athletic Association) ins Leben gerufen. Die ersten professionellen
Basketballigen wurden Ende der dreißiger Jahre in
den Industriestädten des Mittleren Westens gegründet.
Die Entwicklung, die wahrscheinlich am nachdrücklichsten auf die Durchdringung der amerikanischen
Gesellschaft mit diesen drei neuen Sportarten einwirkte, war die landesweite Einführung des Schulsports an den weiterführenden Schulen der USA in
den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Dazu
gehören Programme, in deren Rahmen nachmittags,
abends oder am Wochenende ausgewählte Schulmannschaften gegeneinander antreten. Die meisten
Schulen fördern eine Vielzahl von Schulmannschaften, aber die Sportarten, die unweigerlich den Stellenwert der Schule in einer Gemeinde ausmachen, sind
nahezu ausnahmslos Football, Basketball und Baseball. Um die Mitte dieses Jahrhunderts schlössen
sich die High Schools in Kreis- und Regionalligen
zusammen, die einen regulären Spielplan und Spiele
zum Saisonabschluß organisieren, deren Höhepunkt
das Endspiel um die Meisterschaft des jeweiligen
Bundesstaates ist. Auf diese Weise wurde das
Spektakel des Profi- und Collegesports auf einer
niedrigeren, aber auch greifbareren Ebene nachgeahmt, auf der Spieler, Trainer, Einpeitscher, PomPom Girls und Mitglieder der Marschmusikkapellen
allesamt in der Gemeinde bekannt sind.
Bis zu den dreißiger Jahren war der Sport zu einem
festen Bestandteil im Erfahrungsschatz nahezu jeden
Amerikaners geworden.
Während Mädchen oft
Volleyball oder Feldhockey spielten, wuchsen die
meisten Jungen mit Baseball, Football und Basketball
auf. Einige schlössen sich in außerschulischen Ligen

Seite 3

�zusammen, aber die meisten spielten in ihrer Freizeit
mit Freunden und Nachbarn in einem Hinterhof, auf
der Straße oder auf dem Schulhof. Durch Reportagen in Radio und Presse konnten Sportfans aller
Altersstufen die Taten ihrer Lieblingsmannschaften
im Collegesport, bei den Halbprofis oder Profis miterleben, und in der Schule beteiligten sich junge
Leute im Sportunterricht an den Spielen, machten in
den Schulmannschaften mit und demonstrierten
ihren Einsatz für die Schule durch den Besuch von
Spielen der Schulmannschaften.
Für eine wachsende Zahl von Studenten hatte sich
der Sport bis zu den dreißiger Jahren zu einem
integralen Teil ihres Collegelebens entwickelt. "Auf
das College gehen", bedeutet in den Vereinigten
Staaten mehr als studieren und ein Examen ablegen. Es ist vielmehr eine "Erfahrung", ein kollektiver
Initiationsritus für eine neue und anspruchsvollere
Welt, der sich in der Periode zwischen den Weltkriegen zu gleichen Teilen aus Hollywoodfilmen,
Swingmusik und Football zusammensetzte. So, wie
die High-School-Mannschaft zum Repräsentanten
der Heimatstadt geworden war, entwickelte sich die
Collegemannschaft zum Instrument, um eine neue
Gemeinschaft unter Klassenkameraden herzustellen
und, nach dem Examen, die Bindungen zwischen
den "Ehemaligen" aufrechtzuerhalten. Die Rolle des
Football in den weiterführenden Bildungseinrichtungen Amerikas wird wirkungsvoll in Buster Keaton's
satirischem Film "College" dargestellt.

gesellschaftlichen Schichten nach neuen Identitäten
und neuen Ausdrucksformen, die denen entsprachen,
die sie in ihren Heimatstädten oder während ihrer
Collegejahre gekannt hatten. Über die Loyalität
gegenüber der "Heimmannschaft" ließen sich Bindungen nicht nur zu neuen Nachbarn und Kollegen
sondern auch zwischen Einwohnern aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und ethnischen Gruppen
herstellen, die ansonsten sehr wenig gemeinsam
hatten. In der Bundeshauptstadt zum Beispiel bietet
die Footballmannschaft der Washington Redskins
Massen von Neuankömmlingen - seien es Mitglieder
einer neuen Administration, Mitarbeiter von Verbänden oder Migranten der Arbeiterschicht aus North
Carolina - eine gemeinsame Leidenschaft und ein
stets willkommenes Gesprächsthema. Mitglieder des
amerikanischen Kongresses stehen vor dem Dilemma, ihre Loyalität gegenüber den Profimannschaften
ihres Wahlbezirks zu bewahren, die Fans in großen
Bundesstaaten, bei denen sie oder ihre politischen
Freunde um Stimmen werben, nicht zu verprellen und
gleichzeitig "Hail to the Redskins" zu brüllen - eine
Aufgabe, der die meisten gewachsen zu sein scheinen.

Sport und die amerikanische Demokratie

Der Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg
brachte Tausende von Menschen aus der Provinz in
die großen Städte und half bei der Finanzierung der
enormen Infrastruktur, die erforderlich war, um ihre
Freizeitbedürfnisse zu befriedigen. Schon bald
wälzten sich Blechlawinen über die neuen Highways,
um Zuschauer in die neugebauten Stadien zu bringen. Die aufstrebende Luftverkehrsindustrie ermöglichte es den Profiligen, zum ersten Mal bis zur
Pazifikküste zu expandieren: Football erreichte
Kalifornien Ende der vierziger Jahre, Baseball Ende
der fünfziger Jahre und Basketball zu Beginn der
sechziger Jahre. Mit dem aufkommenden Fernsehen steigerten sich die Zahl der Zuschauer und die
Summe der für College-Sportprogramme und Profiligen zur Verfügung stehenden Gelder dramatisch,
und Baseball, Football und Basketball wurden zu
den viele Millionen Dollar umsetzenden Industrien,
wie wir sie heute kennen.

Der Sport stellt vorgefertigte Traditionen zur Verfügung, die zur Integration von Neuankömmlingen
besonders gut geeignet sind, und für das bunte
Völkergemisch Amerikas sind die neuen Spiele zu
einem zwar unvollkommenen, aber auch sehr realen
Teil des demokratischen Prozesses geworden. Als in
den vierziger Jahren die Footballmannschaften der
"Fighting Irish" von Notre Dame auf die der Ivy
League trafen, so bedeutete dies, daß nun katholische Jungs gegen die Söhne der Yankee-Elite
spielten, und ein Sieg einer Staatsuniversität aus dem
Mittleren Westen war auch ein Sieg der in dieser
Region vertretenen gesellschaftlichen Gruppen,
darunter insbesondere die Nachkommen von Einwanderern aus Nord-, Mittel- und Osteuropa. Amerikaner in der zweiten Generation und Mitglieder
ethnischer Minderheiten nehmen in den ersten
Jahrzehnten des College- und Profisports einen
bedeutenden Platz unter den Spielern und Trainern
ein, wie ein Querschnitt von Spielernamen verdeutlichen mag - Knute Rockne, Bronko Nagurski, Adolph
Rupp, George Mikan, Casey Stengel, Roy Campanella.

Sport wurde zum "Big Business", aber er war - und
ist - ein Geschäft, das die Wünsche der Kunden
erfüllt. In den wachsenden städtischen Ballungsgebieten im Amerika der Nachkriegszeit erfüllten die
professionellen Baseball-, Football- und Basketballmannschaften das Bedürfnis von Angehörigen aller

Um das Spiel zu gewinnen, muß man sich an die
Regeln halten, und die Aufnahme der neuen amerikanischen Sportarten durch ländliche Bevölkerungsgruppen, Einwanderer und Minderheiten erforderte
ein nicht unbeträchtliches Maß an Konformismus.
Die Anpassung der vielfältigen Bevölkerungsgruppen

Seite 4

AMERIKA DIENST 21

�Amerikas an sportliche Normen hat jedoch auch zur
Modifizierung von Regeln und Vervielfältigung von
Stilen und Werten beigetragen, und zwar nicht nur
auf dem Spielfeld, sondern auch jenseits der Auslinien und in den Kabinen der Reporter. Zugleich mit
den Helden bestimmter ethnischer Gruppen hat der
Sport auch den Aufstieg von Trainern oder Managern von bäuerlichen oder plebejischen Ursprüngen
zu einer Art Prophetenstatus gefördert. Spieler und
Trainer können darüber hinaus zu Übermittlem
origineller Redensarten wie auch zu Verbreitem von
Binsenweisheiten werden.
Die Einstellung des
ehemaligen Werfers der St. Louis Cardinais, Dizzy
Dean, als Radioreporter könnte mehr zur Einführung
umgangssprachlicher Redensarten in die amerikanische Hochsprache beigetragen haben als Mark
Twains Huckleberry Flnn, und der ehemalige
Fänger der New York Yankees, Yogi Berra, - der
uns unter anderem klargemacht hat, daß ein Spiel
"erst zu Ende ist, wenn es zu Ende ist" - gehört zu
den meistzitierten Amerikanern. Deshalb bietet der
Sport nicht nur ein Forum für tollkühne Taten,
sondern auch für die Darbietung andernfalls stigmatisierter kultureller Stile, die in diesem besonderen
Umfeld salonfähig werden.

Basketballspieler Schwarze.
In dieser Zeit der
neuerlichen Rassenspannungen und neuer Diskussionen über die Rassenbeziehungen bedürfen diese
Statistiken einer Erklärung.
Die traditionell populären rassisch begründeten
Erklärungen für den Erfolg schwarzer Athleten sind
von vornherein von der Hand zu weisen. Zusammengenommen bedeutet der relative Charakter rassischer
Grenzen und die kulturelle Mediation unseres genetischen Erbes, daß wir wahrscheinlich nie in der Lage
sein werden, menschliches Verhalten einzig als
Ausdruck biologischer Merkmale zu interpretieren.
Bessere Erklärungen für die Vorherrschaft der
Afroamerikaner im College- und Profisport sind in
einer Mischung aus sozialen, kulturellen und historischen Faktoren zu suchen.
Die Professionalisierung des Sports führte notwendigerweise zum Aufstieg der weißen Arbeiterschichten,
und in einem ethnisch so vielfältigen Land wie den
Vereinigten Staaten hatte dies auch die Einbeziehung
von Minderheitengruppen zur Folge - schwarzen und
weißen.

Jede Erörterung des Verhältnisses zwischen dem
Sport und der amerikanischen Demokratie muß der
Rolle der Afroamerikaner besonderes Augenmerk
schenken.
Ursprünglich durch die berüchtigten
Rassenschranken von den populärsten sportlichen
Wettbewerben ausgeschlossen, dominiert die
Präsenz schwarzer Athleten heute in den organisierten College- und Profisportarten. Die Rassenintegration im Profisport war Teil der Demokratisierungswelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanische Gesellschaft erfaßte und ihren Höhepunkt mit
der Bürgerrechtsbewegung der späten fünfziger und
frühen sechziger Jahre erreichte. 1947 sorgten die
Brooklyn Dodgers für eine Sensation, als sie Jackie
Robinson in die Mannschaft aufnahmen, und innerhalb weniger Jahre wurden auch in die National
Basketball Association (NBA) und die National
Football League (NFL) die ersten schwarzen Spieler
aufgenommen.

Angehörige von Minderheiten versuchen ihr Glück
aus einer Reihe unterschiedlicher Gründe im Sport.
Da er keine künstlich aufgerichteten Hindernisse wie
Rassenschranken aufweist, bietet der Sport wirkliche
Chancengleichheit, so daß die Leistungen des
talentierten Einzelnen ohne Ansehen seiner sozialen
Herkunft voll anerkannt werden. Der finanzielle und
symbolische Lohn für den erfolgreichen Athleten ist
darüber hinaus sehr hoch. Gleichzeitig sind Angehörige von Minderheiten häufig benachteiligt, wenn sie
in anderen Bereichen Spitzenpositionen anstreben:
Zu den Hindernissen auf dem Weg zum Erfolg zählen
Armut, Rassenvorurteile, die schlechtere Qualität der
Schulen in von Minderheiten bewohnten Stadtvierteln,
mangelnde Unterstützung durch Familie und PeerGruppen sowie die Entfremdung von den stillschweigenden Werten der etablierten Mittelschicht. Außerdem kommen Wettkampfsportarten häufig auch den
männlichen Werten entgegen, die unter einigen
Minderheiten besonders im Vordergrund stehen.

Heute beherrschen schwarze Spieler die professionellen Football- und Basketballmannschaften in
einem Ausmaß, das in keinem Verhältnis zu dem
prozentualen Anteil der Schwarzen an der amerikanischen Gesamtbevölkerung steht. Während 13 %
der US-Bevölkerung Schwarze sind, stellen die
Afroamerikaner 18% aller Baseballprofis, 60% aller
Footballprofis und 75% aller professionellen Basketballspieler. Auch die Collegestatistiken sind in vielen
Fällen ebenso asymmetrisch: An der University of
California in Los Angeles (UCLA) waren 1991 7%
der Studenten, 44% der Footballspieier und 53% der

Das Bild von dem schwarzen Jugendlichen, der aus
bescheidenen Verhältnissen kommt und durch den
Sport erfolgreich wird, könnte irreführend sein, und
jede Erörterung dieses Themas läuft Gefahr, in
Klischees zu verfallen. Nicht alle Schwarzen leben in
Armut (neueren Schätzungen zufolge gehören 26-45
Prozent der Afroamerikaner zur Mittelschicht, je nach
Definition des Begriffs "Mittelschicht") und nicht alle
schwarzen Jugendlichen sind aufstrebende - oder
auch nur gute - Athleten. Athleten sind in allen
Formen, Größen, Hautfarben, Geschlechtern und
gesellschaftlichen Schichten vertreten, aber trotzdem

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�ist offenkundig, daß eine große Zahl männlicher
Schwarzer, von denen einige aus sozial schwachen
oder bescheidenen Verhältnissen stammen, sich auf
den Sport konzentrieren und davon träumen, Stars
in der NFL oder NBA zu werden.
Der jüngste Rückgang des Anteils der Schwarzen im
Profibaseball ist wahrscheinlich auf die Eigenheiten
in der Organisation dieses Sports zurückzuführen.
Seit der Gründung der Little League im Jahr 1939
wurde der Jugendbaseball hauptsächlich durch
außerschulische Organisationen gefördert. Wohlfahrtsprogramme des Bundes unterstützten in den
sechziger Jahren ähnliche Initiativen in ärmeren
Stadtvierteln, aber der Mangel an öffentlichen Mitteln
hat in den letzten beiden Jahrzehnten die Einstellung
solcher Programme zur Folge gehabt. Dagegen
werden Football und Basketball im schulischen
Rahmen organisiert und stehen deshalb unabhängig
von sozialem oder finanziellem Status der Eltern
allen Kindern offen. Als wichtigste Collegesportarten
bieten Football und Basketball darüber hinaus mehr
Stipendien für mittellose Studentensportler, die
entweder einen Collegeabschluß oder ein Sprungbrett in die Profiliga anstreben.
Baseball hat auch unter der zunehmenden Popularität des Basketball bei schwarzen Jugendlichen und
in der amerikanischen Jugendkultur insgesamt
gelitten. Für den derzeitigen Basketballboom gibt es
handfeste Gründe: Der Sport erfordert die geringste
persönliche Ausrüstung, und er läßt sich alleine oder
in Gruppen von zwei bis zehn Personen spielen.
Der wichtigste Grund für die wachsende Popularität
des Basketball liegt wahrscheinlich in der Möglichkeit
begründet, die sie dem einzelnen für die Zurschaustellung seiner Virtuosität bietet. Das Potential des
Basketballspiels als Showbühne für extravagante
Vorstellungen einzelner Spielerpersönlichkeiten
wurde am erfolgreichsten von den großen Stars der
letzten Jahrzehnte ausgeschöpft - Julius Erving ("Dr.
J") in den siebziger Jahren, Earvin "Magic" Johnson
in den achtziger Jahren und Michael Jordan in den
achtziger und neunziger Jahren. Diese drei Spieler allesamt Afroamerikaner - haben größere Berühmtheit erlangt als die meisten Wirtschaftskapitäne,
Politiker oder Wissenschaftler je erhoffen können,
und wie die großen Helden des Sports in der Vergangenheit haben sie dazu beigetragen, viele aufstrebende junge Menschen auf den Weg in die NBA
zu führen.
Profi-Basketball ist zu einem wichtigen Platz für die
ausdrucksstarke Kultur des schwarzen Amerika
geworden, aber von den vielen Sportlern, die eine
Karriere in der NBA anstreben, haben nur wenige
Erfolg. Was geschieht mit denen, die scheitern?
Einige spielen in zweitrangigen ausländischen Ligen,

Seite 6

andere finden Arbeit in ortsansässigen Unternehmen
in den Städten, in denen sie noch als High School
oder College-Sporthelden bekannt sind, und andere
wiederum geraten völlig in Vergessenheit. Aus
diesem Grund beschuldigen viele Kritiker den Collegesport, er beute die jungen Athleten um des
eigenen Vorteils willen aus. Ein siegreiches Basketballteam hebt das Ansehen einer Universität, macht
sie attraktiver für mögliche (Studiengebühren zahlende) Studenten und veranlaßt ehemalige Studenten,
die nostalgisch an ihre Studentenzeit zurückdenken
und deren Formen der Geselligkeit häufig über
Vereine von Ehemaligen und Sportveranstaltungen
organisiert werden, zu freiwilligen Spenden. Deshalb
möchten viele Colleges und Universitäten ein konkurrenzfähiges Sportprogramm, auch wenn dies
bedeutet, Spieler anzuwerben, die nicht unbedingt
auch gute Studenten sind.
Vom Standpunkt des Spitzenathleten betrachtet,
bedeutet der Besuch einer Universität mit einem
hervorragenden Sportprogramm hauptsächlich die
Chance, an vom Femsehen übertragenen Spielen
teilzunehmen. Ein Spitzenspieler, der "viel Fernsehzeit bekommt", ist in einer wesentlich besseren
Verhandlungsposition, wenn er am Ende seiner
Collegekarriere Profi werden möchte. Stars helfen
ihren Mannschaften nicht nur, indem sie zum Sieg
beitragen, sondern auch dadurch, daß sie zahlende
Fans anziehen. Deshalb kann ein medienwirksamer
Collegestar mehr Geld fordern, wenn er von einer
Profimannschaft angeworben wird.
Nicht alle Collegesportprogramme sind gleich: Einige
sind berüchtigt, weil sie es Spielern erlauben, drei
oder vier Jahre ein College zu besuchen ohne
wirklich zu studieren, während andere das Ideal des
"Studentensportlers" aufrechterhalten. Allzu häufig
schaffen Collegespieler jedoch keinen Abschluß. Mit
einer Examensquote von 56% schneiden die Studentensportler jedoch insgesamt besser ab als der
landesweite Durchschnitt aller Studenten, der bei
48% liegt. Wenn man jedoch Football und Basketball
- die Sportarten, die viel Geld einbringen - von
Leichtathletik, Tennis, Golf und Turnen trennt, verschlechtert sich das Bild: Lediglich 43% aller Collegebasketballspieler schließen mit dem Examen ab.
Das bedeutet, daß viele Studentensportler, insbesondere Angehörige von Minderheiten, am Ende weder
einen Collegeabschluß noch eine NBA-Karriere vorweisen können.
Trotzdem ist der Traum unwiderstehlich. Denn Erfolg
im Profisport bedeutet persönliche Bestätigung,
Berühmtheit und natürlich Reichtum. Das durchschnittliche Jahresgehalt in der NBA stieg von
275.000 Dollar im Jahr 1983 auf 1,2 Millionen Dollar
1992. Vor seinem Rücktritt 1993 verdiente Michael

AMERIKA DIENST 21

�Jordan 3 Millionen Dollar jährlich sowie zusätzlich 25
bis 40 Millionen Dollar pro Jahr aus seinen verschiedenen Werbeverträgen. Als Jordan sich aus der
Liga zurückzog, unterschrieb Larry Johnson, ein
Ersatzspieler bei den Charlotte Hornets, einen
Zwölfjahresvertrag über 84 Millionen Dollar. Tatsächlich deuten alle Anzeichen darauf hin, daß die
Höhe der Spielergehälter in neue und beispiellose
Dimensionen klettert und daß ein Ende dieser
Spirale nicht abzusehen ist.
Die meisten Fans schütteln den Kopf über die neuen
Gehälter im Profisport, aber viele scheinen auch zu
denken, daß Spielerstars, die sich zermürbenden
Terminplänen unterwerten, das Risiko eingehen,
durch Verletzung zum Krüppel zu werden und ihr
Privatleben opfern ebenso das Recht haben, überhöhte Gehälter zu beziehen wie Topmanager oder
Filmschauspieler und -Spielerinnen. Eine Ironie ist
jedoch die Tatsache, daß Erfolg im Sport inzwischen
als die Quintessenz der amerikanischen Demokratie
und der Chancengleichheit betrachtet wird. Viele
Kommentatoren schwärmen immer wieder von dem
Mann aus dem ländlichen Louisiana, der es "so weit
gebracht" hat; in Wirklichkeit jedoch ist sein Erfolg
lediglich eine symbolische Geste - eine Dramatisierung unserer demokratischen Ideale, die andererseits häufig von der Erfahrung widerlegt werden.
Sicherlich weist der Erfolg schwarzer Athleten auf
eine unterschwellige Realität hin, nämlich den sich
wandelnden Status der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft in den vergangenen 150 Jahren.

*

AMERIKA DIENST 21

Ebenso klar ist jedoch, daß der phänomenale Erfolg
einiger Weniger keinen Ersatz für die Verbesserung
des Loses der überwältigenden Mehrheit bieten kann.
In den letzten Jahrzehnten sind viele Schwarze in die
Mittelschicht aufgestiegen, doch jüngeren Schätzungen zufolge bezieht ein Drittel der Schwarzen immer
noch ein Einkommen, das unter dem allgemein
festgelegten Minimum liegt. Darüber hinaus sind
Schwarze nicht nur im Profisport, sondern auch in
den Gefängnissen überproportional vertreten, während sie trotz der Verbesserungen in neuerer Zeit in
den akademischen Berufen unterrepräsentiert sind.
Trotzdem neigen die führenden Vertreter von Minderheiten dazu, erfolgreiche Athleten zu feiern,
während sie auch in anderen Lebensbereichen auf
Veränderungen hinarbeiten. Sporthelden werden
nicht nur als erfolgreiche Persönlichkeiten, sondern
auch als Vorbilder angesehen, die oft zu Programmen beitragen, die junge Menschen ermutigen, ihre
Lebenschancen nicht durch Sport sondern durch
Bildung zu verbessern. Ebenso wichtig sind die
neueren Versuche zahlreicher Stars aus Minderheiten, ihren Erfolg im Sport in geschäftlichen Erfolg
umzumünzen, und zwar nicht nur dadurch, daß sie
ein Restaurant mit berühmtem Namen eröffnen,
sondern insbesondere durch Besitz und Führung von
Sport-Franchiseunternehmen. Nahezu fünfzig Jahre
nachdem Jackie Robinson seinen rechtmäßigen Platz
auf dem Spielfeld einnahm, scheinen Angehörige von
Minderheiten immer häufiger auch in Vorstandsetagen Einzug zu halten.

* * *

*

Seite 7

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12097">
                <text>01.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12098">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12099">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12100">
                <text>Amerikadienst 01.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12101">
                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA haben die Chance zur Verbreitung von Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton vor der Naval Academy&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Anpassung der NATO an neue Ära erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Transparenz wichtig für globale Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Sport&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Liebe ist wie ein Baseballspiel":&lt;br /&gt;Zuschauersportarten und die amerikanische Kultur (I)&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John R. Eidson&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2354" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2365">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/baae3f9983fe60492abac5045b532db0.pdf</src>
        <authentication>632b692b04a6c60c7efebc35090f164b</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12108">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^r,

D

N ^

Z 12462 C

8. Juni 1994

22

D-DAY

CLINTON RUFT AMERIKANER
ZUM
GEDENKEN AN DIE LEHREN DES ZWEITEN
WELTKRIEGS AUF
Gedenkbotschaft des Präsidenten
CLINTON FORDERT DEN GEIST DER
LANDUNG IN DER NORMANDIE FÜR DIE
HEUTIGEN HERAUSFORDERUNGEN
Erklärung des Präsidenten vor Euröpareise
CLINTON EHRT DIE GEFALLENEN
Ansprache an Bord der USS
Washington

George

AUSSENPOLITIK

DIE AMERIKANISCHE VISION:
EIN
INTEGRIERTES EUROPA VOM ATLANTIK
ÜBER GANZ RUSSLAND
WorldNet-Interview mit Außenminister Christopher
- Auszüge

USA-CHINA

USA
UNTERSTÜTZEN
WELTWEIT
DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE
Ansprache von Außenminister Christopher

NORDKOREA

USA NEHMEN KONSULTATIONEN ÜBER
SANKTIONEN GEGEN NORDKOREA AUF
Gespräche mit UNO und Verbündeten

BOSNIEN

DER
BOSNIEN-VERTRAG
RETTETE
MENSCHENLEBEN
Rede von Botschafter Galbraith in Zagreb

SPORT

"LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL:
ZUSCHAUERSPORTARTEN
UND DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (II)
von John R. Eidson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 339 23 72
Fax: 0228 334102

�D - DAY
8. Juni 1994

CLINTON RUFT AMERIKANER ZUM GEDENKEN AN
DIE LEHREN DES ZWEITEN WELTKRIEGS AUF
Gedenkbotschaft des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat die Amerikaner dazu aufgerufen, sich angesichts der
bevorstehenden Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie
erneut mit den aus diesem verhängnisvollen Konflikt zu ziehenden Lehren zu befassen und die Werte des
menschlichen Anstands zu bekräftigen.

In einer am 2. Juni 1994 veröffentlichten Gedenkbotschaft erinnerte Präsident Clinton daran, daß diejenigen,
die den Krieg führten und gewannen den Amerikanern das Recht sicherten, "dem Land der Freiheit
anzugehören. Es ist daher angemessen und erforderlich, daß wir ihrer gedenken und ihnen danken."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Botschaft des Präsidenten im Wortlaut.

Vor fünfzig Jahren befand sich diese Nation im
Krieg.
Vor fünfzig Jahren kämpften die Amerikaner Seite an
Seite mit Männern und Frauen aus 32 anderen
Ländern - geeint im Kampf gegen die klar definierten
Kräfte des Bösen und der Tyrannei.
Vor fünfzig Jahren hatten diejenigen, die zurückblieben und den Krieg an der Heimatfront kämpften,
keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit unserer Sache
und zeigten sich der Lage ohne Zögern gewachsen.
Jeder einzelne - von den Vertretern unserer Wirtschaft bis zu unseren Müttern und Schwestern, die
sich über Nacht dem Bataillon der Fabrikarbeiterinnen anschlössen - engagierte sich für eine Welt,
deren Rettung der Mühe wert war, für Werte, die zu
erhalten sich lohnte.
Vor fünfzig Jahren führten und gewannen die Amerikaner diesen Krieg. Und als unsere Männer und
Frauen nach Hause zu denjenigen zurückkehrten,
die diesen Krieg mit ihnen gekämpft hatten, wurden
sie als Helden gefeiert - die nicht um ein Imperium
oder einen Schatz gekämpft hatten, sondern um die
Freiheit und das Gute und gegen das Böse.

AMERIKA DIENST 22

Das Böse waren Hitler und der Blitzkrieg, sein
wahnsinniger Eroberungskrieg. Das Böse waren die
Konzentrationslager und die vorsätzliche Ausrottung
von Millionen Menschen. Das Böse waren die
Angriffe auf Pearl Harbor, die Todesmärsche auf den
Philippinen und die Versklavung wehrloser Nationen.
Das Gute waren der Glaube der freien Welt an den
Geist und die Freiheit des Menschen und das einfache Konzept menschlichen Anstands.
Es gibt eine amerikanische Tradition, die aus dem
Ackerland des Südens, dem offenen Land des
äußersten Westens, den Städten des Ostens und den
Industriegebieten des Mittleren Westens stammt - die
Tradition, sich für menschlichen Anstand einzusetzen.
Genau darum ging es im Zweiten Weltkrieg. Das ist
sein Vermächtnis, und ich hoffe, daß bei dem Gedenken an den 50. Jahrestag der Beendigung dieses
Krieges und an den Sieg sich alle Amerikaner erneut
mit den aus diesem verhängnisvollen Konflikt zu
ziehenden Lehren befassen und die Werte des
menschlichen Anstands bekräftigen.
In den kommenden zwei Jahren werden meine Frau,
Tipper und AI Gore und ich hoffentlich mit Ihnen allen
an den Gedenkfeiern aus Anlaß des 50. Jahrestages
der Beendigung des Zweiten Weltkriegs teilnehmen.
Ich habe den Verteidigungsminister gebeten, die aus

Seite 1

�diesem Anlaß abgehaltenen Veranstaltungen aufeinander abzustimmen und rufe alle Veteranen-, Regierungs-, zivilen, wirtschaftlichen und sozialen Organisationen dazu auf zu demonstrieren, daß eine
dankbare Nation im Gedenken geeint ist.

Diejenigen, die vor uns die Stellung hielten, haben
uns das Recht gesichert, dem Land der Freiheit
anzugehören. Es ist angemessen und erforderlich,
daß wir ihrer gedenken und ihnen danken,

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 22

�D - DAY
8. Juni 1994

CLINTON FORDERT DEN GEIST DER LANDUNG IN DER
NORMANDIE FÜR DIE HEUTIGEN
HERAUSFORDERUNGEN
Erklärung des Präsidenten vor Europareise
WASHINGTON - (AD) - Angesichts der die Vereinigten Staaten im In- und Ausland konfrontierenden neuen
Herausforderungen kommen die Erfolge Präsident Clinton zufolge nicht mit großer Geschwindigkeit. "Wir
müssen unsere Schlachten jedoch zu einem guten Ende bringen."
Vor dem Aufbruch zu seiner achttägigen Europareise, auf der er an den Gedenkfeierlichkeiten aus Anlaß des
50. Jahrestages der Landung in der Normandie teilnimmt, verglich der Präsident die derzeitige Situation mit
der Militäraktion in der Normandie und zitierte die Äußerung Präsident Franklin Roosevelts vom 6. Juni 1944:
"Der Erfolg wird nicht mit großer Geschwindigkeit kommen. Wir werden jedoch wieder und wieder
zurückkehren."
Nachfolgend veröffentlichen wir die offizielle Version der von Präsident Clinton vor seiner Abreise abgegebenen
Erklärung.

Vielen Dank, Colonel Nechey, für Ihre einleitenden
Worte, Ihre Ausführungen und Ihren heroischen
Einsatz für Ihr Land. General Sullivan, General
Talbott, Herr Stanton.

Ich werde gleich zu der historischen Europareise aus
Anlaß des 50. Jahrestages der Landung der Alliierten
in der Normandie und anderer entscheidender
Schlachten des Zweiten Weltkriegs aufbrechen.

Wir stehen heute im Schatten von Winged Victory,
der Statue zuoberst des Monuments der Ersten
Infanteriedivision, der Big Red 1. Das Motto spricht
für sich: "Kein Auftrag ist zu schwierig, kein Opfer
zu groß, die Schönheit steht an erster Stelle". Die
Nummer Eins ist nicht nur im Namen Ihrer Division
enthalten, sondern demonstriert auch, welches
Vertrauen Ihr Land schon seit langer Zeit in Sie
setzt.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um dem
Verteidigungsministerium und dem Ausschuß für das
Gedenken an den Zweiten Weltkrieg für die bei der
Organisation dieser Feierlichkeiten geleistete harte
Arbeit zu danken. In Europa werden wir der Opfer
der Generation gedenken, die diesen großen Krieg
geführt hat. Sie hat uns zu 50 Jahren der Freiheit
und starken nationalen Souveränität verholten,
Generationen junger Amerikaner hervorgebracht und
uns die Chance gegeben, gemeinsam mit anderen
Ländern den Kalten Krieg zu beenden und das 21.
Jahrhundert vorzubereiten.

Sie standen seit Beginn Ihres Bestehens im Kampf
an erster Stelle: Die ersten in Paris im Ersten
Weltkrieg, die ersten an der Küste der Normandie,
die erste Armeedivision in Vietnam, die ersten, die
bei der Operation Wüstensturm die irakischen
Verteidigungsstellungen durchbrachen.

AMERIKA DIENST 22

Bevor wir abreisen um jener zu gedenken, die im
Zweiten Weltkrieg kämpften und starben, sollten wir
meines Erachtens hier auf amerikanischem Boden
ein Wort über diejenigen sagen, die während des
Krieges zu Hause blieben und ebenfalls Helden sind.

Seite 1

�Sie leisteten einen Beitrag: Die Frauen, die Flugzeuge bauten oder Bandagen rollten, die Landwirte,
die Nahrungsmittel für die Truppen anbauten,
Männer in meinem Bundesstaat und in vielen
anderen, die 16 Stunden in den Kohlenbergwerken
arbeiteten, den Kohlenstaub einatmeten und ihre
Körper schunden, um unsere Produktionsmaschinerie in Gang zu halten, oder die Kinder, die Schrott
und Gummi für die Produktion sammelten. Die
Heimatfront, die Armee der Demokratie, die sich um
ihre Lieben in Übersee sorgte, behielt den Glauben
an die nach dem Krieg zu erntenden Früchte bei,
wodurch die Landung in der Normandie und der
Sieg ermöglicht wurden.
Unter der starken Führung Präsident Roosevelts
weckten diese Menschen das schlummernde Genie
der riesigen amerikanischen Industrie. 1940 besaß
unsere Marine nicht ein Landungsboot. 1944 waren
es mehr als 25.000. 1940 produzierten die Vereinigten Staaten monatlich nicht einmal 500 Flugzeuge. 1941 forderte Franklin D. Roosevelt die Produktion von über 4.000 monatlich an, worauf ihn jeder
füi ein wenig übergeschnappt hielt. Am Tag der
Landung der Alliierten in der Normandie produzierten
die Fabrikarbeiterinnen Amerikas und ihre Kolleginnen andernorts doppelt soviele Flugzeuge, wie
Roosevelt gefordert hatte.
Nach dem Krieg setzte dieselbe Generation ihre
Energie für die Schaffung neuen Wohlstands ein.
Sie baute Schulen und Autobahnen und schuf durch
das Gl-Gesetz, die Wohnungsbauinitiativen und
anderes einen Sinn für das gemeinsame Ziel, der
das Land wieder auf den normalen Weg führte und
zum Entstehen der stärksten Mittelschicht in der
Geschichte des Menschen führte.
Am Tag der Landung der Alliierten in der Normandie
versammelten sich die Amerikaner vor den Radios
und stimmten in Präsident Roosevelts Gebet ein.
"Der Erfolg", äußerte er, "kommt vielleicht nicht mit
großer Geschwindigkeit. Wir werden jedoch wieder

*

Seite 2

*

und wieder zurückkehren. Und wir wissen, daß durch
Deine Gnade und die Rechtmäßigkeit unserer Sache
unsere Söhne triumphieren werden."
Heute werden wir im In- und Ausland mit neuen
Herausforderungen konfrontiert. Wir wissen heute
wie damals, daß der Erfolg sich nicht mit großer
Geschwindigkeit einstellt.
Wir müssen unsere
Schlachten jedoch zu einem guten Ende bringen.
Ebenso wie vor 50 Jahren am Tag der Landung in
der Normandie wird Amerika auch am Montag, den 6.
Juni bei der Arbeit sein. Sie werden an diesem
Montag vielleicht einen Moment in der Arbeit innehalten und jenes Tages vor 50 Jahren gedenken, an
dem die Männer und Frauen Amerikas die Demokratie in Europa retteten und den Lauf der Weltgeschichte veränderten.
Wo immer Sie sich an diesem Tag befinden, werden
Sie hoffentlich etwas Zeit finden, den Feierlichkeiten
zuzuschauen. Ich hoffe, daß Sie sich Gedanken
darüber machen, wie wir das Vermächtnis ehren,
indem wir es fortführen. Das ist die größte Ehrbezeugung überhaupt.
Eines der größten Privilegien, die ich als Präsident
genieße, besteht darin, unser gesamtes Land bei der
Ehrung derjenigen zu vertreten, die den Zweiten
Weltkrieg gewannen. Diese Woche wollen wir alle vom Präsidenten bis zu jedem einzelnen Bürger unser Bestes geben, um einfach Danke zu sagen.
Danke für das von Euch Geleistete. Danke für das
von Euch durch Euer Opfer, Euren Mut und Eure
Entschlossenheit gegebene Beispiel.
Es ist angebracht, daß wir an diesem Ort damit
beginnen - im Schatten dieses großartigen Monuments der Ersten Armeedivision. Wir alle, alle
Amerikaner, sollten diese Woche in Dankbarkeit,
Nachdenklichkeit und mit Entschlossenheit verbringen.
Gott segne Sie alle und Gott schütze Amerika.

*

*

AMERIKA DIENST 22

�D - DAY
8. Juni 1994

CLINTON EHRT DIE GEFALLENEN
Ansprache an Bord der USS George Washington
Colleville-sur-Mer - (AD) - In einer feierlichen Zeremonie im Morgengrauen an Bord der USS George
Washington vor der Küste der Normandie ehrte US-Präsident Clinton am 6. Juni 1994 die vor 50 Jahren am
Tag des Einmarsches der Alliierten in der Normandie Gefallenen.
"Wir versammeln uns heute in der Stille kurz nach Sonnenaufgang, um jenes schicksalsschweren Morgens zu
gedenken, des Dreh- und Angelpunktes des Krieges und vielleicht sogar des 20. Jahrhunderts", erklärte der
Präsident.
"Wir sollten jedoch nie vergessen, daß zu diesem Zeitpunkt am 6. Juni 1944 für die an der Invasion Beteiligten
der Sieg alles andere als sicher war... und diese Wasser sind auf ewig durch ihr Opfer geweiht."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Vielen Dank, Herr Rockwell, Herr Minister, Herr
Admiral, Kapitän Sprigg, verehrte Mitglieder des
Kongresses, des Kabinetts, der Streitkräfte, verehrte
Veteranen, Familienangehörige und Freunde. Diese
neue, dem historischen Tag entsprechende Morgendämmerung ruft uns das Morgengrauen vor 50
Jahren ins Gedächtnis, den Anbruch eines neuen
Zeitalters, als sich Tausende von Kriegsschiffen zur
Befreiung Europas versammelten. Von den Kriegsschiffen der Alliierten abgegebene Geschützsalven
trafen auf die Strände der Normandie, während der
Himmel ein helles Grau annahm. Eine Unzahl
junger Männer in Landungsbooten machte sich an
die Eroberung dieser Strände.
Nach mehr als einjähriger hervorragender Planung
General Eisenhowers und seines aus Mitgliedern der
Alliierten bestehenden Stabs und derjenigen, die
sogar schon früher hier waren und nach einer
quälenden, wetterbedingten Verzögerung brach
endlich der D-Day an - heute vor exakt 50 Jahren.
Wir versammeln uns heute in der Stille kurz nach
Sonnenaufgang, um jenes schicksalsschweren
Morgens zu gedenken, des Dreh- und Angelpunktes
des Krieges und vielleicht sogar des 20. Jahrhunderts.
Wir sollten jedoch nie vergessen, daß zu diesem
Zeitpunkt am 6. Juni 1944 für die an der Invasion

AMERIKA DIENST 22

Beteiligten der Sieg alles andere als sicher war. Das
Wetter war bedrohlich, die See aufgewühlt, der Feind

hatte feste Stellung bezogen. Selbst wenn die Pläne
in allen Einzelheiten vorliegen, kann das Chaos der
Schlacht die besten Pläne über den Haufen werfen,
und bei einigen unserer Einheiten liefen die Pläne
schief. General Eisenhower hatte sogar schon eine
Erklärung für den Fall vorbereitet, daß die Operation
scheitern sollte.
Als die Stunde kam, war jeder an der Invasion
Beteiligte gezwungen, sich auf seine Art darauf
vorzubereiten. Wir wissen heute, daß einige Soldaten und Seeleute Briefe an ihre Frauen schrieben,
oder an ihre Kinder, die sie nie in den Armen gehalten hatten. Einige machten Würfelspiele und hofften
auf eine Glückssträhne. Andere versuchten zu lesen,
wieder andere beteten. Ein jüdischer Offizier, Kapitän Irving Gray, bat den Kaplan seines Landungsbootes, ein Gebet zu sprechen: "An den Gott, an
den wir alle glauben, seien wir Protestanten, Katholiken oder Juden, daß unsere Mission gelingen möge
und wir wieder sicher nach Hause zurückkehren."
Als die Nachricht von der Invasion die zu Hause
gebliebenen Amerikaner erreichte, wandten sie sich
an Gott. In einer Schiffswerft in Brooklyn knieten die
Schweißer auf den Decks ihres Freiheitsschiffes
nieder und beteten zusammen das Vater Unser. Die

Seite 1

�Soldaten, die in Utah und auf Omaha Beach landeten, brauchten diese Gebete, denn sie fanden ein
schreckliches Gemetzel vor. Tausende kehrten nie
mehr nach Hause zurück. Denjenigen, die überlebten, halfen ihr Glaube an die Gnade ihres Schöpfers und an ihre eigenen Fähigkeiten, den Tag zu
überstehen. Und auch schierer Mut, Freiheits- und
Vaterlandsliebe.

Flagge. Als er davonschwamm, flatterte unsere
Fahne in der Meeresbrise. Der Untergang der Corry
war keine Niederlage. Heute liegt das Wrack dieses
Schiffes direkt unter uns - ein unsichtbares Monument für diejenigen, die zum Sieg in diesem großen
Krieg beitrugen. Dreizehn Mitglieder der Besatzung
der Corry liegen ebenfalls hier, und diese Wasser
sind auf ewig durch ihr Opfer geweiht.

Eine der bewegendsten Geschichten, die über DDay erzählt werden, und die der Marineminister
bereits angesprochen hat, ist die Geschichte der
USS Corry. Die von Minen zerrissene Corry, die
feindliche Positionen auf der Utah Beach attackierte,
begann zu sinken. Einer blieb jedoch an Bord. Er
erkletterte das Heck, nahm die Flagge ab, schwamm
und kletterte zum Hauptmast. Dort hißte er die

Vor fünfzig Jahren beendete General Eisenhower
seinen Tagesbefehl mit den Worten: "Wir wollen alle
den Allmächtigen Gott um seinen Segen für dieses
großartige und edle Unterfangen anflehen." Zu
Beginn dieses Gedenktages wollen wir ebenfalls den
Segen Gottes erbitten: Für alle, die vor 50 Jahren im
Dienste der Freiheit gefallen sind, und für die Amerikaner, die ihr nobles Werk fortsetzen. Gott segne
sie, und Gott segne Amerika.

* *

Se

'te

2

*

*

AMERIKA DIENST 22

�AUSSENPOLITIK
8. Juni 1994

DIE AMERIKANISCHE VISION: EIN INTEGRIERTES
EUROPA VOM ATLANTIK ÜBER GANZ RUSSLAND
WorldNet-Interview mit Außenminister Christopher - Auszüge
WASHINGTON - (AD) - Am Vorabend seiner gemeinsamen Europareise mit Präsident Clinton aus Anlaß der
Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Landung in der Normandie erklärte US-Außenminister Christopher:
"Natürlich ist der Beginn der Reise ein Blick zurück in die Vergangenheit und ein großartiges Gefühl wegen
der Landung in der Normandie. Das wichtigste bei dieser Reise ist für mich jedoch in vielerlei Hinsicht der
Blick in die Zukunft.
In einem WorldNet-Interview mit Teilnehmern aus Bonn, Moskau und Warschau erklärte Außenminister
Christopher am 31. Mai 1994: "Unsere Vision, unser Traum ist der eines integrierten Europas, das sich vom
Atlantik über ganz Rußland erstreckt. Wenn wir das erreichen können, wird die Welt meines Erachtens
sicherer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Auszug aus dem per Satellit übertragenen WorldNet-Interview des USInformationsamts (United States Information Service - USIA).

Ansager:

eine

daß nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine

internationale Telekonferenz. Live aus unseren
Studios in der amerikanischen Bundeshauptstadt
Washington meldet sich jetzt Jim Harriott.

WorldNet

präsentiert

Dialog,

Anzahl von Institutionen geschaffen wurden, die für
uns gängige Begriffe geworden sind: Die NATO, das
Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT, die
Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung OECD. Aufgrund der Spannungen aus
der Zeit des Kalten Krieges waren wir jedoch nie in
der Lage, die Vorteile dieser wichtigen Institutionen
auf Mittel- und Osteuropa auszudehnen. Folglich
haben der Präsident und ich die Vorstellung, daß jetzt
die Zeit gekommen ist, die Vorteile dieser Organisationen auch dem Osten zugute kommen zu lassen.

Harriott: Ich begrüße Sie zu unserer WorldNetSendung Dialog. Es ist uns eine große Ehre,
Außenminister Christopher bei uns willkommen zu
heißen.
Christopher: Guten Morgen, Jim.
Harriott: Wir freuen uns immer, sie hier bei uns zu
Gast zu haben. Gleich werden die europäischen
Teilnehmer aus Deutschland, Rußland und Polen
zugeschaltet.
Herr Außenminister, Sie reisen
morgen nach Europa und werden an mehreren
Ministerkonferenzen teilnehmen. Könnten Sie bitte
kurz einige der Ziele der Administration bei diesen
Treffen umreißen?
Christopher: Ich werde morgen zusammen mit
dem Präsidenten aufbrechen. Natürlich ist der
Beginn der Reise ein Blick zurück in die Vergangenheit und ein großartiges Gefühl wegen der Landung
in der Normandie. Das wichtigste bei dieser Reise
ist für mich jedoch in vielerlei Hinsicht der Blick in
die Zukunft. Für mich ist die Tatsache interessant,

AMERIKA DIENST 22

Ich werde - soweit ich weiß am 8. Juni - in Paris an
dem Treffen der OECD teilnehmen.
Präsident
Clinton hat sich persönlich dazu verpflichtet, die
Vorteile der OECD den mitteleuropäischen Ländern
wie beispielsweise Ungarn, der Tschechischen
Republik, Polen und der Slowakischen Republik
zugänglich zu machen. Und ich werde bei unseren
Zusammenkünften in Paris darauf drängen. In Paris
soll auch ein bedeutendes Abkommen zwischen der
OECD und Rußland abgeschlossen werden, das
meines Erachtens ein bedeutender Schritt vorwärts
ist, damit Rußland einige der aus einer Mitgliedschaft
in der OECD resultierenden Vorteile genießen kann.

Seite 1

�Anschließend werde ich zu dem NATO-Treffen nach
Istanbul reisen, einer unserer regelmäßigen Zusammenkünfte. Wir werden dort weitere Fortschritte
an unserem Konzept einer Partnerschaft für den
Frieden machen. Es bestärkt uns außerordentlich
zu sehen, daß zum Zeitpunkt dieses Treffens bereits
20 Nationen einen Antrag auf Mitgliedschaft in der
Partnerschaft für den Frieden gestellt haben. Es
handelt sich hier um ein sehr wertvolles Konzept.
Alle Nationen werden an der Partnerschaft für den
Frieden als gleichberechtigte Partner teilhaben.
Keine erhält einen Sonderstatus. Natürlich sehen
wir der Teilnahme Rußlands an der Partnerschaft
erwartungsvoll entgegen. Wir werden im Rahmen
der Partnerschaft für den Frieden sehr wichtige
Beziehungen zu Rußland unterhalten. Gleichzeitig
werden wir jedoch auch außerhalb dieser Partnerschaft Kontakte zu Rußland pflegen, da dieses Land
über einzigartige Eigenschaften verfügt. Dies sind
für unsere Arbeit äußerst bedeutende Zusammenkünfte. Das allgemeine Konzept habe ich bereits
angesprochen - es ist einfach, aber solide und
enthält die Möglichkeit, die von uns nach dem
Zweiten Weltkrieg geschaffenen Institutionen nach
Osten hin zu erweitern. Ich danke Ihnen, Jim.
Harriott: Vielen Dank, Herr Minister. Wir begrüßen
jetzt unseren ersten Teilnehmer aus Bonn, Klaus
Prömpers vom Zweiten Deutschen Fernsehen. Sie
haben das Wort.
Frage: Herr Außenminister, um mit dem ersten Teil
Ihrer Europareise, dem OECD-Treffen in Paris zu
beginnen: Die Europäische Union versucht, Staaten
wie Polen, die Tschechische und die Slowakische
Republik, Ungarn und andere einzubeziehen.
Würden die Vereinigten Staaten Ihrer Ansicht nach
eine Aufnahme dieser Staaten in die Europäische
Union in, sagen wir, fünf oder zehn Jahren begrüßen?
Christopher: Das würden wir. Die Vereinigten
Staaten halten das für einen weiteren Aspekt der
Öffnung der Grenzen nach Osten um sicherzustellen, daß die Nationen Mittel- und Osteuropas in
diese wertvollen Organisationen integriert werden.
Natürlich bleibt die Geschwindigkeit und Methode
dieser Aufnahme der Europäischen Union überlassen. Vom Standpunkt der Vereinigten Staaten
aus handelt es sich hier jedoch um eine äußerst
wünschenswerte Entwicklung.
Frage: Gestatten Sie mir eine Frage zur Konferenz
der NATO-Außenminister in Istanbul? Vergangene
Woche ließ der Ausschuß für Verteidigungsplanung
in Brüssel wissen, daß Herr Gratschow Sonderwünsche hinsichtlich der Teilnahme Rußlands an dem
Programm einer Partnerschaft für den Frieden habe.

Seite 2

Sind Sie der Ansicht, daß Ihr russischer Amtskollege
Kosirew einen genaueren Zeitplan dazu vorlegen
wird, was die Russen als besonderer Partner in dem
Programm wünschen und ob sie als besondere
Supermacht außerhalb bleiben?
Christopher: Ich sehe den Gesprächen mit Andrej
Kosirew über den Beitritt Rußlands zur Partnerschaft
für den Frieden erwartungsvoll entgegen. Ich weiß
nicht genau, wann diese Gespräche stattfinden
sollen, aber wir sprechen bereits seit Monaten über
das allgemeine Konzept. Wenn Rußland der NATO
beitritt - und ich war sehr erfreut über die Äußerung
Verteidigungsminister Gratschows, daß an den Beitritt
keine Bedingungen geknüpft werden sollen - wäre
das Land ein Mitglied wie jedes andere, auf der
Grundlage der Gleichberechtigung.
Natürlich werden wir aufgrund der Größe und Bedeutung Rußlands auch außerhalb der Partnerschaft für
den Frieden weiterhin Beziehungen besonderer Art
zu diesem Land unterhalten. Meines Erachtens sind
die atomaren Fähigkeiten des Landes eindeutig ein
Gebiet, auf dem wir wegen dieser einzigartigen
Befähigung Kontakte zu Rußland pflegen sollten.
Innerhalb der Partnerschaft für den Frieden ist es
meiner Meinung nach jedoch äußerst wichtig, daß
alle Nationen gleichberechtigt sind. Natürlich hat jede
dieser Beziehungen, jedes der Abkommen zwischen
der NATO und den Mitgliedstaaten einen besonderen
Charakter. Sie sind auf das besondere Land zugeschnitten. Im allgemeinen bin ich jedoch sicher, daß
uns die Ausarbeitung einer zufriedenstellenden
Grundlage für die Teilnahme Rußlands an der
Partnerschaft für den Frieden gelingen wird, und wir
werden ferner die Beziehungen aufrechterhalten, die
wir mit dem Land außerhalb der Partnerschaft
pflegen.
Frage: Im Oktober vergangenen Jahres brachten die
Vereinigten Staaten das Programm einer Partnerschaft für den Frieden zur Sprache, und viele Menschen hier in Europa, insbesondere in Deutschland,
hatten den Eindruck, daß dieses Programm darauf
abzielt, die Polen, Tschechen und Slowaken aus der
NATO herauszuhalten. Das Problem könnte für die
Vereinigten Staaten und Rußland gleichermaßen
sein, daß ein Beitritt zur NATO für Polen, die Slowakische Republik, die Baltischen Staaten und andere
ein dringliches Problem darstellt, jedoch nicht dem
Wunsch der Russen entspricht. Ist es jetzt nicht der
Wunsch der Vereinigten Staaten, diesen Ländern
etwas mehr Demokratie und Marktwirtschaft zu
bringen, damit sie - in einigen Jahren - der NATO als
vollwertiges Mitglied beitreten können?
Christopher: Präsident Clinton war meines Erachtens sehr präzise, als er vor nicht allzulanger Zeit

AMERIKA DIENST 22

�äußerte, die Frage, ob Staaten wie Polen NATOMitglied würden, sei beantwortet worden. Die wirkliche Frage ist, wann und wie sie Mitglied werden, ob
sie tatsächlich bereit zu einem Beitritt sind, denn in
dieser Situation ist der Vorteil beiderseitig. Daher ist
meines Erachtens diese zeitliche Abstimmung - die
Möglichkeit einer Teilnahme an der Partnerschaft für
den Frieden - eine ideale Grundlage, auf der diese
Länder ihre Fähigkeit zu einem Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden demonstrieren können. Wir
erwarten in Kürze gemeinsame Übungen. Wie Sie
vielleicht bereits wissen, wurde in Mons ein Gebäude
für die Partnerschaft für den Frieden bereitgestellt, in
dem die Länder ihre Beziehungen zur NATO pflegen
können. Wir geben somit sehr aktiv den an der
Partnerschaft teilnehmenden Ländern die Möglichkeit, ihre Fähigkeit zur Vollmitgliedschaft in der
NATO unter Beweis zu stellen.
Ich kann heute keine zeitlichen Prognosen abgeben,
aber um noch einmal auf die Erklärung des Präsidenten zurückzukommen: Es ist nicht eine Frage
ob, sondern nur wann und wie die Länder beitreten.
Frage: Auf dem Brüsseler Gipfel im Januar definierte der Präsident nicht näher seine Äußerung, die
Länder sollten bereit sein. Könnten Sie vielleicht
näher darauf eingehen, was damit gemeint ist.
Beispielsweise Polen - wann ist das Land bereit?
Wenn es 10, 12, 20 oder 100 gemeinsame Übungen
mit Deutschland, Dänemark und anderen abgehalten
hat, oder wenn seine Truppenstruktur jener der
NATO vergleichbar ist oder wenn sein Kommunikationssystem mit unserem in der NATO verglichen
werden kann - oder wann?
Christopher: Meines Erachtens kann in dieser
Situation nicht eine Reihe spezifischer, mathematisch genauer Kriterien angelegt werden. Wichtig ist
sich vor Augen zu halten, daß die NATO eine aus
16 Mitgliedern bestehende Organisation ist, die
ähnliche Zukunftsvorstellungen haben. Die Frage
ist, wann ihrer Ansicht nach Polen für eine Mitgliedschaft bereit ist - denn es muß eine einmütige
Entscheidung sein. Die Frage wird meiner Meinung
nach sein, ob beide Seiten Vorteile genießen, ob
Polen seinen aus einer Mitgliedschaft resultierenden
Pflichten nachkommen kann. Wir sind kein Wohl-

*

AMERIKA DIENST 22

tätigkeitsverein, sondern ein emstzunehmendes
Militärbündnis, das von einem potentiellen Mitglied
Stärke und Engagement verlangt. Aus diesem Grund
ist die Partnerschaft für den Frieden so genial, weil
sie beitrittswilligen Mitgliedern die Chance gibt, den
Mitgliedern zu beweisen, daß sie einen Beitrag
leisten können. Natürlich kann die NATO zu ihnen
sehr viel beitragen. Und ich sehe dem als evolutionäre Entwicklung der kommenden Monate und Jahre
erwartungsvoll entgegen, in denen die NATO-Mitglieder einen solchen Beitritt immer stärker befürworten und Länder wie Polen und andere die Chance zur
Teilnahme an gemeinsamen Übungen und gemeinsamer Planung haben sowie zur Präsenz in Mons, um
das Funktionieren der NATO und die Bedeutung
einer Mitgliedschaft verstehen zu lernen.
Frage: Darf ich noch einmal auf den Beginn Ihrer
Reise zu sprechen kommen. Sie werden mit Präsident Clinton in die Normandie reisen und an den
Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der
Landung in der Normandie teilnehmen. Es war in
den Vereinigten Staaten überall Kritik daran zu hören
- beispielsweise auch von Seiten der Nichte Dwight
D. Eisenhowers - daß Deutschland und Rußland
dabei nicht vertreten sind. Wird der Präsident in
Frankreich in seinen Reden hierauf eine Antwort
geben?
Christopher:
Das muß wohl dem Präsidenten
überlassen bleiben. Ich möchte dem Präsidenten
natürlich nicht zuvorkommen.
Aufgrund meiner
jüngsten Gespräche mit ihm kann ich Ihnen jedoch
zweierlei mitteilen: Der Präsident ist sich durchaus
des großen Beitrags der Russen zum Sieg der
Alliierten im Zweiten Weltkrieg bewußt und mißt
meines Erachtens auch der derzeit von Deutschland
gespielten Rolle eine große Bedeutung zu - dem
Beitrag des Landes zur NATO und seiner Bedeutung
in Europa. Ich bin sicher, daß wir dem in der kommenden Woche oder den kommenden zehn Tagen
Rechnung tragen werden. Wie Sie wissen, sind die
Vereinigten Staaten in Frankreich nicht der Gastgeber. Wir sind ein stolzer Teilnehmer. Ich möchte nur
darauf hinweisen, daß ich persönlich den von Rußland zu den Bestrebungen der Alliierten geleisten
Beitrag würdige sowie die ernormen Anstrengungen
Deutschlands und die Rolle dieses Landes im heutigen Europa.

* * *

*

Seite 3

�USA-CHINA
8. Juni 1994

USA UNTERSTÜTZEN WELTWEIT
DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE
Ansprache von Außenminister Christopher
NEW YORK - (AD) - Mit dem Hinweis darauf, daß sich die Vereinigten Staaten für Demokratie und
Menschenrechte auf der ganzen Welt engagieren, erklärte US-Außenminister Christopher: "Wir zwingen
anderen kein amerikanisches Modell auf. Wir unterstützen den universellen Impuls für die Freiheit."
Christopher hielt am 27. Mai 1994 eine Ansprache vor der Asia Society in New York - einen Tag, nachdem
Präsident Clinton die Meistbegünstigungsklausel für China verlängert hatte - und betonte gleichzeitig das
fortgesetzte amerikanische Engagement für die Verbesserung der Menschenrechtssituation in diesem Land.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede Außenminister Christophers.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Es ist
mir eine Ehre, vor Amerikas herausragender Organisation zu sprechen, die sich dem Aufbau von Beziehungen über den Pazifik hinweg widmet.
Wir verfolgen ein gemeinsames Ziel: Den Aufbau
einer neuen pazifischen Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit unseren Partnern und Freunden.
Unser Engagement in Asien ist von entscheidender
Bedeutung für die Sicherheit und das Wohlergehen
des amerikanischen Volkes sowie unserer Freunde
in der Region.
Während der vergangenen 16 Monate haben wir die
asiatisch-pazifische Region in den Mittelpunkt der
außenpolitischen Tagesordnung der Vereinigten
Staaten gerückt. Und wir haben gegenüber unseren
asiatischen Partnern demonstriert, daß unser Land
seine zentrale Führungsrolle in der asiatisch-pazifischen Region ausüben wird.
Der Präsident hat einer umfassenden Vision Ausdruck verliehen und sie mit bedeutenden Initiativen
untermauert: Veranstaltung des Treffens der führenden Politiker des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation Forum - APEC) in Seattle im November vergangenen Jahres, Förderung des erstmaligen regionalen Dialogs über Sicherheitsfragen
unter Einbeziehung von Vietnam, Rußland und
China, Einleitung einer Reihe von Rahmengesprächen mit Japan zur Wiederbelebung unserer Wirt-

AMERIKA DIENST 22

schaftsbeziehungen sowie die entschlossene Unterstützung für die Entstehung eines demokratischen
Kambodscha. Ferner haben wir unsere vornestationierte Militärpräsenz aufrechterhalten, die einen
Schlüssel für die strategische Stabilität der Region
und eine Grundlage für ihren fortgesetzten wirtschaftlichen Erfolg darstellt.
Die Schlagzeilen dieser Woche illustrieren auf dramatische Weise unsere Verpflichtung zu einem umfassenden Engagement in Asien und zum Aufbau
einer neuen pazifischen Gemeinschaft. Wir haben
uns mit Japan auf eine Fortsetzung der Verhandlungen über ein Rahmenabkommen geeinigt. Wir haben
den Vorschlag einer dritten Verhandlungsrunde über
die Nuklearfrage mit Nordkorea unterbreitet. Wir
haben uns mit Vietnam auf die Einrichtung von
Verbindungsbüros in Hanoi und Washington geeinigt,
wodurch eine stärkere Grundlage für die Bemühungen geschaffen wird, das Schicksal der vermißten
Amerikaner zu klären. Und am gestrigen Tag traf der
Präsident eine bedeutsame Entscheidung hinsichtlich
unserer Politik gegenüber China.
Jede der Entwicklungen dieser Woche ist an sich
wichtig. Sie sollten jedoch nicht einzeln betrachtet
werden. Das Zusammenspiel dieser bedeutenden
Entwicklungen spiegelt die Vielfalt unseres umfassenden Engagements in Asien wider. Unser Ansatz ist
auf die Vielschichtigkeit dieser dynamischen Region
abgestimmt.

Seite 1

�Die Stabilität der asiatisch-pazifischen Region liegt
im ureigensten Interesse der Vereinigten Staaten.
Seit 50 Jahren wissen wir bereits, daß das Entstehen einer dominanten feindlichen Macht in Asien
eine Gefahr für unsere wichtigen Verbündeten und
letztlich für Amerika selbst darstellen würde. Instabilität und Konflikte in Asien würden die Aussichten auf ein Wachstum der Weltwirtschaft unterminieren, Demokratien bedrohen und zur Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen ermutigen.
Im vergangenen halben Jahrhundert sind Zehntausende von Amerikanern bei der Verteidigung unserer
Interessen in Asien gestorben. Wir haben starke
Bündnisse mit Japan, Südkorea, Australien, den
Philippinen und Thailand aufgebaut, einem demokratischen Kern, der eine feste Grundlage für die Abschreckung von Aggression darstellt. 37.000 amerikanische Soldaten stehen mutig an Koreas 38.
Breitengrad auf Wacht - an der gefährlichsten
Bruchstelle der Welt.
Amerikas seit langer Zeit bestehende Sicherheitsbindungen zu der Region finden ihre Entsprechung
in unseren explosionsartig wachsenden wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen. Die am schnellsten
wachsenden Volkswirtschaften der Welt sind in
Asien. Mehr als 40 Prozent des Handels der Vereinigten Staaten wird mit Asien abgewickelt, wodurch
nahezu 2,5 Millionen Arbeitsplätze erhalten werden.
Millionen Amerikaner asiatischer Herkunft haben
weiterhin ein besonderes Interesse an der Heimat
ihrer Vorfahren.
Alle Amerikaner haben auch ein Interesse an der
Förderung von Demokratie und Menschenrechten in
Asien, weil diese im Einklang mit den Werten
unseres Volkes und den Interessen unserer Nation
stehen. Staaten, die im eigenen Land die Rechtsstaatlichkeit respektieren, sind auch eher zur Beachtung des Völkerrechts im Ausland bereit - und es
ist weniger wahrscheinlich, daß sie Terrorismus
praktizieren oder Flüchtlinge über Grenzen abschieben.
Unser Engagement für Demokratie und Menschenrechte ist weder westlich noch zufällig. Wir zwingen
anderen kein amerikanisches Modell auf.
Wir
unterstützen den universellen Impuls für die Freiheit.
Im vergangenen Jahr hat dieser Impuls die Menschen in Kambodscha inspiriert, wo Bauern, Mönche
und ehemalige Soldaten das Risiko von Gewaltanwendung eingingen, um zu wählen. Diese authentischen Stimmen Asiens unterstützen keine ihnen
fremde Überzeugung, sondern machen ihre Menschenwürde geltend.

Seite 2

Meiner Meinung nach steht die Geschichte auf der
Seite der Freiheit. Es besteht eine mächtige Tendenz zur Öffnung von Märkten und Gesellschaften.
Die wirtschaftliche Entwicklung hängt vom freien
Informationsfluß ab; Computer sind das neue Medium
politischer Äußerungen. Die Software der Freiheit
wird sich letztlich gegenüber der Hardware der
Unterdrückung durchsetzen.
Asien befindet sich derzeit inmitten einer bemerkenswerten Umgestaltung. Es existiert ein wachsendes
Netz konstruktiver Beziehungen zwischen den
wichtigsten Staaten der Region; explosionsartiges
Wirtschaftswachstum; die Ausweitung der Freiheit des
Menschen und neue Bestrebungen zur Förderung
von Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und
Sicherheit. Diese Leistungen sind auf die Fertigkeiten, den Fleiß und die Entschlossenheit der Menschen dieser Region zurückzuführen. Das Engagement der Vereinigten Staaten kann sogar eine noch
bessere Zukunft ermöglichen. Es ist für den regionalen Frieden, den Wohlstand und die Freiheit von
essentieller Bedeutung.
Unsere vornestationierte militärische Präsenz ist
entscheidend für ein stabiles Kräftegleichgewicht in
der Region. Da wir keine Ambitionen zur Vergrößerung unserer Macht haben, sind wir ein vertrauenswürdiger Partner. Unsere Technologie, unser Kapital
und riesiger Markt machen uns zu einem Magneten
für die Volkswirtschaften Asiens. Und die von uns
verkörperten universellen Werte - Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit - lassen uns zu einem
Leitstern für alle Völker der Region werden.
Praktisch alle asiatischen Länder begrüßen unser
aktives Engagement und drängen darauf.
Sie
wissen, daß ein Mangel an Engagement unsererseits
diese vielversprechenden Zukunftsaussichten gefährden und ihren und unseren Interessen schaden
würde.
Bei drei drängenden Fragen ist das dringliche Engagement der Vereinigten Staaten eindeutig von zentraler Bedeutung: der Evolution in China, dem
Atomwaffenprogramm Nordkoreas sowie der Verbesserung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu Japan.
Die Lösung jeder dieser Fragen hat einen direkten
Einfluß auf Sicherheit und Wohlstand der Vereinigten
Staaten.
Mehr als jeder andere Faktor wird die politische,
wirtschaftliche und soziale Umgestaltung Chinas
entscheiden, ob Asien seine verheißungsvollen
Aussichten verwirklicht. Wie Sie wissen, hat der
Präsident gestern bekanntgegeben, daß die Vereinigten Staaten den Meistbegünstigungsstatus für
China erneuern und gleichzeitig eine umfassende

AMERIKA DIENST 22

�Strategie zur Förderung von Menschenrechten in
China verfolgen werden.
Die Entscheidung des Präsidenten reflektiert eine
weitgefaßte amerikanische Strategie des Engagements und der Führung im asiatisch-pazifischen
Raum. Sie zielt auf die Einbeziehung Chinas in die
internationale Staatengemeinschaft, nicht auf den
Ausschluß des Landes ab. Sie ermutigt die chinesische Mitwirkung beim Aufbau einer neuen regionalen und internationalen Ordung auf der Grundlage
von Frieden und Sicherheit. Und sie fördert die
friedliche Entwicklung einer demokratischeren und
humaneren Gesellschaft.
Unsere Beziehungen zu China sind für alle Amerikaner von Bedeutung. China hat weltweit die größte
Armee, ein Atomwaffenarsenal und - nicht unbedeutend - ein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat. Die
Vereinigten Staaten und China haben ein gemeinsames zwingendes Interesse an einem stabilen und
sicheren Asien und einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel. China kann einen bedeutenden
und verantwortungsvollen Beitrag zur Lösung globaler Fragen leisten, beispielsweise Umweltschutz und
Drogenhandel. China hat die am schnellsten wachsende und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Über
150.000 amerikanische Arbeitsplätze hängen von
unseren Exporten nach China ab, und die Zahl wird
mit den Jahren noch ansteigen.

Empfehlungen an den Präsidenten das Verhalten
Chinas weder erfinden noch übertrieben darstellen.
Und das habe ich auch nicht getan. Obwohl einige
Verbesserungen zu beobachten waren, finden in
China weiterhin gravierende Menschehrechtsverletzungen statt, darunter Verhaftung und Festnahme
von Personen, die friedlich ihre Meinung äußern, die
Einschränkung der Religionsfreiheit und die Unterdrückung von Religion und Kultur Tibets.
Der Präsident traf im vergangenen Jahr mit seinem
Präsidialerlaß die richtige Entscheidung. Eine Anzahl
chinesischer Dissidenten ist heute teilweise aufgrund
des von uns ausgeübten Drucks in Freiheit. Wie der
Präsident jedoch gestern erklärte, hat die Bindung
der Meistbegünstigung an die Menschenrechtsfrage
uns so weit gebracht wie möglich. Es ist unwahrscheinlich, daß sie zu weiteren Fortschritten bei den
Menschenrechten führt.
China ist nicht länger ein isoliertes Land. Heute
haben zwei Millionen Chinesen Zugang zu westlichem Radio und Fernsehen. Millionen sind in einem
wachsenden und dynamischen Privatsektor am
Handel mit anderen Nationen beteiligt. Dieser Trend
muß ermutigt werden. Nur wenige sind der Ansicht,
eine völlige Aufhebung der Meistbegünstigungsklausel würde die Menschenrechtsbilanz Chinas
verbessern. Wir müssen unser Engagement mit
China intensivieren und erweitern, wenn wir den
Wandel fördern wollen.

Beim Amtsantritt Präsident Clintons existierte nicht
mehr der breite Konsens hinsichtlich unserer Politik
gegenüber China, der nahezu zwei Jahrzehnte
bestanden hatte. Im vergangenen Jahr stellte der
Präsident diesen Konsens durch einen Präsidialerlaß
mit breiter Unterstützung beider Parteien wieder her.
Seitdem haben wir die Menschenrechtsfrage entschieden auf unsere Tagesordnung mit China
gesetzt und gleichzeitig konstruktiv an der Lösung
weiterer Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse gearbeitet.
Der Präsidialerlaß und unsere Strategie des diplomatischen Engagements haben positive Ergebnisse
gezeitigt. Wir haben mit China einen echten Dialog
über Menschenrechtsfragen begonnen. Und China
hat die vorgeschriebenen Bedingungen für eine
Erneuerung der Meistbegünstigungsklausel erfüllt,
insbesondere die im Zusammenhang mit der Emigration und dem Export von Waren, die von Zwangsarbeitern hergestellt wurden.
Im Hinblick auf die fünf anderen, im Präsidialerlaß
festgelegten Kriterien stellen die von China erzielten
Fortschritte keine "insgesamt wesentlichen Fortschritte" dar, wie im Erlaß anvisiert. Vor Monaten
habe ich bereits versprochen, ich würde in meinen

AMERIKA DIENST 22

Ich möchte deutlich machen, daß wir uns nicht allein
auf die unsichtbare Hand der Ökonomie verlassen,
um Fortschritte im Menschenrechtsbereich zu erzielen. Wirtschaftliche Freiheit kann politische Freiheit
fördern, sie allein reicht jedoch nicht aus. Aus
diesem Grund hat der Präsident ein neues nachhaltiges Programm zur Förderung von Menschenrechten
und Demokratie in China bekanntgegeben.
Wir werden gemeinsam mit Vertretern der chinesischen Wirtschaft Grundsätze auf freiwilliger Basis zur
Verbesserung der Arbeitsbedingungen entwickeln.
Wir werden durch Voice of America und Radio Free
Asia die internationalen Rundfunkübertragungen
nach China ausweiten. Wir werden uns zur Gewohnheit machen, mit einem breiten Spektrum chinesischer Bürgerzusammenzutreffen, mit nichtstaatlichen
Organisationen zusammenzuarbeiten und diese zu
unterstützen. Wir werden andere Nationen und die
Vereinten Nationen an unseren Bestrebungen zur
Förderung von Menschenrechten beteiligen. Wir
werden die von uns nach dem Massaker auf dem
Platz des Himmlischen Friedens verhängten Wirtschaftssanktionen beibehalten. Und wir werden den
Import von Munition aus China aufgrund mangelnder
"wesentlicher Fortschritte" bei der Menschenrechts-

Seite 3

�Politik verbieten. Im vergangenen Jahr gelangte fast
eine Million billiger halbautomatischer Gewehre aus
China in die Vereinigten Staaten. Durch die Politik
des Präsidenten wird ihre Einfuhr in unser Land
verhindert.
Wir haben größere Aufmerksamkeit auf die Menschenrechtspraktiken in China gelegt. Diese Prüfung
wird fortgesetzt und unser Dialog über Menschenrechtsfragen mit China intensiviert.
Unterdrückung ist kein Mittel gegen Instabilität.
Langfristig muß politische Demokratie - die Wei
Jingsheng als Chinas "fünfte Modernisierung" bezeichnete - mit wirtschaftlicher Demokratie einhergehen, wenn Chinas großes Experiment von Erfolg
gekrönt sein soll.
Meiner Überzeugung nach bietet unsere Strategie
eines umfassenden Engagements die beste Möglichkeit, Einfluß auf die Entwicklung Chinas zu nehmen.
Auf diese Weise werden wir Sicherheit, Wohlstand
und Werte unseres Landes fördern.
Das drängendste Sicherheitsproblem des asiatischpazifischen Raumes - an dem wir mit der chinesischen Regierung zusammenarbeiten - ist das Atomwaffenprogramm Nordkoreas. Pjöngjangs Streben
nach Nuklearwaffen stellt eine Vielzahl von Gefahren
dar: Es ist eine direkte Bedrohung der Sicherheit
derwichtigsten Verbündeten unseres Landes, erhöht
dramatisch die Wahrscheinlichkeit eines destabilisierenden Rüstungswettlaufs in Asien und beschwört
das Gespenst einer Weitergabe nuklearen Materials
an verbrecherische Regimes wie den Iran herauf.
Bei unserer Zusammenarbeit mit der internationalen
Staatengemeinschaft besteht unser Ziel in der
Eindämmung und Umkehrung des nordkoreanischen
Nuklearprogramms und der Schaffung von Bedingungen für ein stabiles Nordostasien in den kommenden Jahren. Gemeinsam mit unseren südkoreanischen und japanischen Verbündeten und mit
Unterstützung Chinas und anderer Länder der
Region haben wir den Vorschlag unterbreitet, daß
Nordkorea mit uns umfassende und eingehende
Gespräche über zwischen uns ausstehende Fragen
führt. Diese Gespräche würden die Möglichkeit
eröffnen, die Atomwaffenfrage als Teil eines Prozesses der Verbesserung wirtschaftlicher und politischer
Kontakte zu lösen und uns normalen bilateralen
Beziehungen näherbringen.
Bei uns besteht ein entschiedener Konsens über die
von uns unternommenen Bestrebungen zur Herbeiführung einer friedlichen Lösung der Kernwaffenfrage.
Sollte Nordkorea diese Verhandlungen
ablehnen, wird unsere Strategie der Konsensfindung

Seite 4

unsere Fähigkeit stärken, die internationale Staatengemeinschaft für härtere Maßnahmen zu mobilisieren, falls diese erforderlich sein sollten. Dieser
Kurs - internationale Sanktionen - verurteilt Nordkorea
zu fortgesetzter Isolation, wirtschaftlichen Härten und
dem Status eines Paria. Er würde verhindern, daß
die Nordkoreaner die Früchte des derzeitigen dramatischen wirtschaftlichen Fortschritts in Asien ernten
können.
Mittlerweile stehen amerikanische Streitkräfte Seite
an Seite mit denen unseres Verbündeten - Südkorea
- zur Abschreckung und Abwehr jeglicher Aggression
von Seiten Nordkoreas. Konfrontation ist entschieden
nicht der von uns bevorzugte Weg. Wenn Nordkorea
auf eine atomare Zukunft verzichtet und nicht auf
andere Weise den Frieden in Nordostasien unterminiert, hat es von uns oder von Südkorea nichts zu
fürchten. Vielmehr hat das Land durch die Teilnahme
an der internationalen Staatengemeinschaft viel zu
gewinnen.
Unsere Bestrebungen im Zusammenhang mit Nordkorea unterstreichen erneut die weiterhin entscheidende Bedeutung der amerikanisch-japanischen
Beziehungen für dauerhafte Stabilität und Sicherheit
im asiatisch-pazifischen Raum. Unsere Partnerschaft
stellte während des Kalten Krieges den Kern der
amerikanischen Bemühungen dar, den sowjetischen
Expansionismus einzudämmen. Heute steht diese
Partnerschaft im Zentrum unserer Bestrebungen , die
Herausforderungen und Gefahren des Zeitalters nach
dem Kalten Krieg zu bewältigen.
Unser Militärbündnis ist stärker als je zuvor. Wir
haben gemeinsam am Aufbau von Demokratie in
Kambodscha mitgewirkt. Wir arbeiten im Rahmen
der APEC gemeinsam am Ausbau von Wirtschaftsbeziehungen in der gesamten Region. Und wir
haben kühne neue Abkommen über globale Fragen
wie Umwelt und AIDS abgeschlossen.
Unsere wirtschaftlichen Bande zu Japan müssen
ebenso stark werden wie die anderen Bereiche
unserer Beziehungen. Anfang dieser Woche haben
wir uns im Rahmen des amerikanisch-japanischen
Rahmenabkommens für wirtschaftliche Partnerschaft
auf die Wiederaufnahme von Verhandlungen geeinigt.
Wir bemühen uns weiterhin um eine Verbesserung
dieser Beziehungen.
Als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt spielt
Japan bei der Förderung von regionalem und globalem Wohlstand eine entscheidende Rolle. In dem
Rahmenabkommen wird Japan zu einer Ausweitung
des Zugangs zu seinem Markt sowie zu Schritten für
eine Erhöhung seines heimischen Wachstums
aufgerufen. Durch die Verpflichtung zu klaren Zielen

AMERIKA DIENST 22

�für unter diesem Rahmenabkommen ausgehandelte
Übereinkünfte haben die Vereinigten Staaten und
Japan den Weg für Fortschritte geebnet.
Jetzt müssen wir diesen Weg durch den Abschluß
solider Abkommen über spezifische Industriezweige
und Angelegenheiten gehen. Ministerpräsident Hata
gewann meinen Respekt, als wir beide als Außenminister tätig waren. Mein erstes Treffen mit Außenminister Kakizawa zeigt mir, daß er zu einem konstruktiven Ansatz bei der Beilegung unserer Differenzen im Bereich der Wirtschaft entschlossen ist. Vor
dem Hintergrund unserer grundlegend starken
Beziehungen freuen wir uns auf eine Zusammenarbeit mit Japan zur Förderung von Wirtschaftswachstum für unsere Völker und die Welt.
Heute beherrschen die Entwicklungen in Beijing,
Pjöngjang und Tokio unsere Schlagzeilen. Diese
Ereignisse haben tiefgreifende Auswirkungen auf
Amerika, die asiatisch-pazifische Region und tatsächlich die ganze Welt. Auf jedem dieser Gebiete
verfolgt die Clinton-Administration eine vielschichtige
Strategie des Engagements, die das gesamte Spektrum der amerikanischen Interessen am effektivsten
fördert.
*

AMERIKA DIENST 22

Gleichzeitig verfolgen wir ungeachtet der Schlagzeilen dieser Woche eine langfristige Tagesordnung für
die ganze Pazifikregion. Im Juli werde ich zur
Ministerkonferenz des Verbands Südostasiatischer
Nationen (Association of South-East Asian Nations ASEAN) nach Bangkok reisen, um unsere Bindung
zu Südostasien weiter zu stärken. Ferner werde ich
im regionalen Forum der ASEAN am Dialog über
regionale Sicherheit teilnehmen - eine wichtige Übung
in präventiver Diplomatie. Im kommenden Herbst
werden die Minister und führenden Politiker der
APEC erneut zusammentreffen, dieses Mal in Indonesien, um den Kurs für eine Erweiterung der Wirtschaftsbeziehungen im gesamten asiatisch-pazifischen Raum zu planen.
Die Führung der Vereinigten Staaten kann beim
Aufbau einer hoffnungsvolleren Zukunft für alle Völker
der asiatisch-pazifischen Region eine Hilfe sein. Sie
kann die Wahrscheinlichkeit eines Krieges und einer
Weiterverbreitung von Atomwaffen verringern helfen.
Sie kann dazu beitragen sicherzustellen, daß Amerika
Anteil am Wohlstand der Region und die Asiaten
Anteil an der weltweiten Freiheitsbewegung haben.

* * *

*

Seite 5

�NORDKOREA
8. Juni 1994

USA NEHMEN KONSULTATIONEN ÜBER SANKTIONEN
GEGEN NORDKOREA AUF
Gespräche mit UNO und Verbündeten
WASHINGTON - (AD) - Die Botschafterin der
Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, bezeichnete den Bericht der
Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO)
über Nordkorea an die Vereinten Nationen als
"alarmierend" und gab am 3. Juni 1994 bekannt, die
Vereinigten Staaten würden Gespräche mit anderen
Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats über "zeitliche
Abstimmung, Taktik und Inhalt" der Resolution über
Sanktionen aufnehmen.
Nach ihrem Treffen hinter verschlossenen Türen mit
dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation, Hans Blix, äußerte Albright vor
Journalisten: "Wir haben Nordkorea gewarnt, daß
diese Angelegenheit erneut im Sicherheitsrat behandelt würde, wenn das Land weiterhin die Beweise
früherer Reaktoroperationen vernichtet, und unsere
Warnungen wurden offensichtlich ignoriert. Ich muß
leider feststellen, daß Nordkorea sich entschieden
hat, gegen den Willen der internationalen Staatengemeinschaft und des Sicherheitsrats zu handeln."
Albright zufolge kommt der von Blix vorgelegte
Bericht nicht unerwartet, ist aber "dennoch alarmierend".
"Aufgrund unserer Gespräche ist klargeworden, ...
daß es sich um eine ernste Angelegenheit handelt,
und die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, das
Gehörte erfordere eine ernsthafte Antwort des UNSicherheitsrats", teilte die UNO-Botschafterin mit.
Albright fügte hinzu, die Vereinigten Staaten würden
am Wochenende weiterhin ihre Konsultationen in
Washington mit "jenen Ländern der Region" fortsetzen, "für die bei dieser Angelegenheit am meisten
auf dem Spiel steht".
"Meine Regierung wird in Kürze Konsultationen mit
anderen Mitgliedern des Sicherheitsrats über zeitli-

AMERIKA DIENST 22

che Abstimmung, Taktik und Inhalt der Resolution
über die Sanktionen aufnehmen", fügte sie hinzu. Sie
lehnte es ab, Einzelheiten eines gegen Pjöngjang zu
verhängenden möglichen Sanktionspakets bekanntzugeben.
In einem Brief an den Sicherheitsrat vom 2. Juni
1994 erklärte lAEO-Generaldirektor Blix, auf der
Grundlage der von den I AEO-Inspekteuren in Nordkorea erhaltenen Informationen sei die Behörde zu dem
Schluß gekommen, "die verbleibende begrenzte
Möglichkeit der Internationalen Atomenergie-Organisation, Brennstäbe für spätere Messungen im Einklang mit den Maßstäben der Organisation auszuwählen, zu isolieren und in sichere Verwahrung zu
nehmen, ist verloren".
"Der Grund ist, daß alle hierfür benötigten wichtigen
Teile des Reaktorkerns entfernt wurden", so Blix.
Folglich hat die IAEO nicht länger die Fähigkeit,
zuverlässig festzustellen, ob in der Vergangenheit
aus dem Reaktor abgezweigtes Nuklearmaterial
ebenfalls verloren gegangen ist."
Blix erklärte ferner: "Jede zukünftige Messung an
diesen Brennstäben wäre ohne praktischen Wert, weil
sie auf der Grundlage von Betreiberberichten stattfände, die nicht nachzuprüfen sind und weil es nicht
möglich ist, die Konfiguration der Brennstäbe im Kern
zu rekonstruieren".
"Die aus dieser Entnahme aus dem Reaktorkern
resultierende Situation ist unumkehrbar", fügte Blix
hinzu.
Während einer 1992 durchgeführten Inspektion zeigte
die Analyse der IAEO Widersprüche zwischen den
Angaben Nordkoreas über sein Nuklearmaterial und
den Erkenntnissen der Internationalen AtomenergieOrganisation, was den Schluß zuließ, Nordkorea
habe mehr Plutonium hergestellt - ob in der Größenordnung von Gramm oder Kilogramm ist nicht be-

Seite 1

�kannt - als es der IAEO gegenüber angab. Somit ist
es Generaldirektor Blix zufolge von essentieller
Bedeutung, daß die IAEO Zugang zum Kern des
Versuchsreaktors erhält um feststellen zu können, ob
Brennstäbe wiederaufbereitet werden konnten.
Diplomaten zufolge konzentrierten sich mehrere der
von Mitgliederndes UN-Sicherheitsrats, insbesondere den Vereinigten Staaten und China, an Blix
gerichteten Fragen darauf, ob eine Möglichkeit zur
Rettung des Überprüfungsprozesses besteht.
Um prüfen zu können, ob Pjöngjang kein Nuklearmaterial abgezweigt hat, muß die IAEO ihrem
Generaldirektor zufolge Zugang zu allen Sicherheitsinformationen und -orten erhalten, und dazu ist die
umfassende Kooperationsbereitschaft Nordkoreas
erforderlich.
Am 30. Mai hatte der UN-Sicherheitsrat eine Erklärung abgegeben, in der Nordkorea eindringlich
aufgefordert wurde, seine Operationen nur im
Einklang mit den Erfordernissen der IAEO fortzusetzen.
Als Reaktion auf den Bericht des IAEO Generaldirektors erklärte Robert Gallucci, der Vorsitzende des
hi chrangigen politischen Lenkungsausschusses der
Ci nton-Administration für Korea, Nordkorea sei
wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die
Ni. klearfrage letztlich nicht gelöst werden könne,
ohne daß über die Plutoniumherstellung Nordkoreas
in Jer Vergangenheit Rechenschaft abgelegt werde.
Grllucci traf am 3. Juni einzeln mit Vertretern
Südkoreas und Japans zusammen, und die drei
Parteien sollen am 4. Juni gemeinsame Gespräche
beginnen.
Seit Aufnahme der Verhandlungen zwischen den
Vereinigten Staaten und Nordkorea im Juni vergangenen Jahres hat Amerika Gallucci zufolge
darauf hingewiesen, die Anwesenheit von Vertretern
der IAEO beim Auswechseln der Brennelemente in
dem 5-Megawatt-Reaktor sei eine unverzichtbare
Grundlage für die Fortsetzung des Dialogs. Dies sei
erforderlich, weil Messungen dieser Brennelemente
nötig seien um festzustellen, wieviel Plutonium
hergestellt worden sei.
Nordkorea widersetzte sich Gallucci zufolge jedoch
jeder von der IAEO vorgeschlagenen Methode für
den Erhalt der technischen Möglichkeit, in Zukunft
die Brennelemente zu erfassen und setzte die
absichtliche Vernichtung von Beweismaterial über
seine vergangenen nuklearen Aktivitäten fort.

Seite 2

Im vergangenen Jahr hätten sich die Vereinigten
Staaten ihm zufolge "mit Geduld und taktischer
Flexibilität um eine Lösung auf dem Verhandlungsweg bemüht".
Bei den jüngsten inoffiziellen Gesprächen mit Nordkorea hätten die Vereinigten Staaten das Angebot
einer dritten Runde hochrangiger Gespräche für
Anfang Juni vorgelegt, "um eine umfassende Lösung
nuklearer und anderer Fragen im größeren Kontext
einer Normalisierung der Beziehungen zu erörtern".
Als Grundlage für eine solche umfassende Lösung
hätten die Vereinigten Staaten auf dem Erhalt der
technischen Möglichkeit einer Messung von Brennstäben des Reaktors bestanden.
Nordkorea hatte seine Bereitschaft bekundet, Messungen als Teil einer politischen Lösung zu gestatten,
sich jedoch geweigert, eine dritte Verhandlungsrunde
anzuberaumen, falls die Vereinigten Staaten nicht auf
diese Forderung verzichteten. Das Land begann
jedoch Gallucci zufolge den schnellen Abzug von
Brennstäben mit der Behauptung, es existierten keine
Sicherheitseinwände.
Gallucci wies auf die Feststellung von lAEO-Generaldirektor Blix hin, eine der drei Möglichkeiten zur
Rekonstruktion der Betreibergeschichte des Reaktors
sei "grundlegend und unwiderruflich zerstört" worden.
Ferner machte er vor Fragestellern deutlich, es stehe
mehr auf dem Spiel als die Abzweigung von Brennstäben aus dem Reaktor.
"Wir streben eine atomwaffenfreie koreanische
Halbinsel an. Wir wünschen einen vollständigen
Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag (NW). Wir
bemühen uns um umfassende Sicherheitsvorkehrungen, die Bereitschaft zu Sonderinspektionen und die
Umsetzung der Nord-Süd-Erklärung über die Entnuklearisierung, die ein Verbot jeglicher Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen auf der koreanischen
Halbinsel umfaßt."
Internationale Sanktionen würden Gallucci zufolge
nicht notwendigerweise die Grundlage für eine
Beilegung der Angelegenheit zerstören, "wären
jedoch ein Schritt in die richtige Richtung, weil sie
den Nordkoreanern klarmachen würden, daß es in
diesem Bereich Grenzen dafür gibt, was sie tun
können und was die internationale Staatengemeinschaft toleriert".
Gallucci warnte, die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft würden sich von
der Behauptung Nordkoreas "nicht einschüchtern
lassen", Sanktionen würden als Kriegshandlung
angesehen. "Die derzeit von Nordkorea abgegebe-

AMERIKA DIENST 22

�nen Erklärungen sind vollkommen unangemessen",
so der Botschafter.
"Wir werden bewußt unsere Konsultationen mit
Südkorea, Japan und anderen Staaten der Region
sowie anderen Mitgliedern des Sicherheitsrates
fortsetzen und tun, was angemessen erscheint und
unseren Pflichten entspricht", betonte er.
Gallucci zufolge ist es "äußerst wichtig", daß andere
Nationen, die die Entwicklung von Kernwaffen anstreben, verstehen, "daß man sich nicht ungestraft
den Verpflichtungen im Rahmen des NW entziehen
und Sicherheitsvorschriften mißachten kann".

Die Vereinigten Staaten haben ihm zufolge ihre
Besorgnis über die nuklearen Absichten Libyens,
Iraks und Irans - die alle dem NW angehören ausgedrückt.
Gallucci betonte erneut die Sorge der Vereinigten
Staaten über das ballistische Raketenprogramm
Nordkoreas, das - in Verbindung mit nuklearen
Fähigkeiten - "eine Bedrohung ganz Asiens darstellt",
wenn diese Raketen entwickelt werden - und über die
Raketenexporte dieses Landes nach Iran und Syrien,
die "eine Gefahr für Frieden und Stabilität im Nahen
Osten sind".
Im Hinblick auf die Sicherheit Südkoreas betonte er,
die Vereinigten Staaten hätten das gute Gefühl, das
Notwendige unternommen zu haben, um Südkorea
eine Abschreckung und eine Verteidigung bieten zu
können, "falls es soweit kommen sollte".

* * * * *

AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�BOSNIEN
8. Juni 1994

DER BOSNIEN-VERTRAG RETTETE MENSCHENLEBEN
Rede von Botschafter Galbraith in Zagreb
Zagreb - (AD) - In einer am 2. Juni 1994 in Zagreb vor der kroatischen Gesellschaft für politische Wissenschaft
gehaltenen Rede erklärte der amerikanische Botschafter in Kroatien, Peter W. Galbraith, das in Washington
geschlossene bosnisch-kroatische Abkommen (durch das eine Föderation zwischen bosnischen Kroaten und
der bosnischen Regierung sowie eine Konföderation zwischen den Regierungen Bosniens und Kroatiens
geschlossen wurde) habe, was auch immer es sonst noch bewirken möge, "Menschenleben gerettet".
Nachfolgend veröffentlichen wir die in der Fakultät für politische Wissenschaften der Universität Zagreb
gehaltene Rede, der mehr als 200 Zuhörer, darunter Wissenschaftler, Vertreter der kroatischen Regierung und
der westlichen Medien beiwohnten.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Ich
freue mich, hier sein zu dürfen und zu meinen
Professorenkollegen und den Studenten dieser
Fakultät sprechen zu können.
Ich hielt zum letzten Mal am 17. Februar eine Rede
über die amerikanisch-kroatischen Beziehungen. An
diesem Tag lief das Kroatien vom UN-Sicherheitsrat
für den Abzug seiner Truppen aus Bosnien gestellte
Ultimatum aus, und die Möglichkeit einer Verhängung von Sanktionen rückte bedrohlich näher. In
Bosnien litt Sarajevo unter den Nachwirkungen des
Massakers auf dem Zentralmarkt und wir alle wußten
nicht, wie die Serben auf das NATOUItimatum
reagieren würden. Andernorts in Bosnien fanden
viele Kämpfe zwischen den bosnischen Kroaten und
den Muslimen statt, und in einigen Fällen arbeitete
jede dieser Parteien tatsächlich mit den bosnischen
Serben zusammen gegen die andere Seite.
Angesichts der drohenden Verhängung von Sanktionen gegen Kroatien und des zwischen drei Parteien
geführten bosnischen Krieges schien es, daß das
frühere Jugoslawien einer endlosen Zukunft von
Krieg, Isolation, Armut und Hoffnungslosigkeit
entgegensah. Kurz gesagt, die ohnehin schon
düstere Lage schien immer trüber zu werden.
Glücklicherweise wurde dieses Szenarium nicht
Wirklichkeit.
Die kroatische Regierung traf die
Entscheidung, sich gemeinsam mit den Vereinigten
Staaten für eine Beendigung der Kämpfe zwischen

AMERIKA DIENST 22

Muslimen und Kroaten in Bosnien einzusetzen und
auf eine umfassende Friedenslösung hinzuarbeiten.
Kroatien traf eine sehr inhaltsschwere, und meines
Wissens für viele Kroaten äußerst schwierige Entscheidung.
Insbesondere stimmte Kroatien zu, die Idee einer
separaten kroatischen Republik in einem Teil Bosniens aufzugeben und beschloß statt dessen, die
territoriale Integrität, Unabhängigkeit und Einheit
dieses souveränen Landes voll zu unterstützen.
Durch diese Entscheidung stellte sich Kroatien
deutlich auf die Seite des Völkerrechts und der
Gerechtigkeit. Die kroatische Entscheidung war der
Schlüssel zum Washingtoner Abkommen, einem
politischen Arrangement für eine Föderation zwischen
Muslimen und Kroaten mit einer Regierungsstruktur,
die jeder Volksgruppe ein beträchtliches Maß an
Selbstverwaltung zubilligt und gleichzeitig die politischen und Menschenrechte dieser Gruppen umfassend schützt.
Trotz einer Vielzahl von Hindernissen, einschließlich
der Tatsache, daß der Großteil des von Muslimen
und Kroaten bewohnten Gebietes vom Feind belagert
wird, wurden bei der Umsetzung des Abkommens
über eine Föderation beträchtliche Fortschritte erzielt.
Die Kantonsgrenzen wurden definiert. Ein Präsident
und ein Vizepräsident für die Föderation wurden
ausgewählt. Eine Verfassung wurde entworfen und
angenommen. Das wichtigste Ergebnis des BosnienVertrags war jedoch die fast sofortige Beendigung der

Seite 1

�sinnlosen Kämpfe zwischen den beiden Volksgruppen, die Opfer der serbischen Aggression sind. Was
auch immer das Washingtoner Abkommen sonst
noch bewirken mag, es hat Menschenleben gerettet.

ein Wissenschafts- und Technologieabkommen, und
erst kürzlich empfing Kroatien hier zur Umsetzung
des Abkommens eine große amerikanische Delegation.

Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß das
Abkommen eine solide Grundlage für eine umfassende Lösung in Bosnien-Herzegowina darstellt.
Im Idealfall würden die Serben auch ihr Interesse an
einer Teilnahme an der Föderation bekunden, einem
politischen Arrangement, das ihre Rechte schützt
und gleichzeitig einen in wirtschaftlicher, politischer
und militärischer Hinsicht lebensfähigen Staat
schafft.

Wichtig in finanzieller Hinsicht ist unsere Zusammenarbeit mit multilateralen Institutionen - der Weltbank
und dem IMF - um bisher insbesondere aus politischen Gründen zurückgehaltene Darlehen freizusetzen.

Leider betrachten die derzeitigen Führer der bosnischen Serben ihre Interessen nicht in diesem Licht.
Ich könnte noch beiläufig hinzufügen, daß man nur
schwerlich eine Verbindung zwischen der von der
serbischen Führung eingenommenen Position und
den Interessen der bosnischen Serben sehen kann.
Sie haben sich zur Ablehnung einer Föderation
entschlossen. Wir haben jedoch die Hoffnung, daß
das Abkommen über eine Föderation die Verhandlungsbasis für eine andere Art von politischem
Arrangement zwischen der Föderation der Muslime
und Kroaten sowie der serbischen Seite in Bosnien
darstellen könnte.
Mit anderen Worten hoffen wir, daß die Föderation
der erste Schritt zu einer umfassenden Lösung sein
wird. Selbst wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, hat
das Abkommen dennoch ein Bündnis zwischen zwei
Opfern der serbischen Aggression geschlossen und
diese beiden Opfer besser in die Lage versetzt, in
diplomatischer, politischer und militärischer Hinsicht
mit dieser Aggression umzugehen.
Um es noch einmal zu wiederholen: Das Abkommen über eine Föderation wäre nicht möglich
gewesen ohne eine von der kroatischen Regierung
unternommene grundlegende Kursänderung. Als wir
mit Kroatien über die Möglichkeit sprachen, im
Friedensprozeß unser Partner zu werden, erklärten
wir auch, daß wir mit Kroatien als unserem Partner
seine möglichst baldige Integration in die politischen,
wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen
anstreben würden. Und, wie Vizepräsident Gore
Präsident Tudjman bei der Unterzeichnung des
Washingtoner Abkommens mitteilte: "Der heutige
Tag markiert den Beitritt Kroatiens zum Westen."
Nach der Unterzeichnung schlössen wir im Bereich
landwirtschaftlicher Produkte ein Abkommen über 10
Millionen Dollar im Rahmen des Austausches
"Nahrungsmittel gegen Frieden". Wir haben die Zahl
der zwischen unseren beiden Ländern ausgetauschten Fulbright-Stipendiatenverdoppelt. Wirschlossen

Seite 2

Die Clinton-Administration hat sich immer für die
Unabhängigkeit und territoriale Integrität Kroatiens
eingesetzt, und unsere höchste Priorität ist unser
Wunsch, eine friedvolle Wiedereingliederung der von
den Vereinten Nationen errichteten Schutzzonen in
Kroatien zu erreichen. Der Bosnien-Vertrag, der dem
Friedensprozeß neuen Schwung verlieh, schuf auch
eine neue Chance zur Erreichung dieses Ziels. An
dem Morgen, an dem ich mit Präsident Tudjman von
der Unterzeichung des Abkommens zurückkehrte,
ging ich vom Flughafen aus direkt zur Russischen
Botschaft und leitete die erste Phase aus drei Stufen
bestehender Verhandlungen zur Lösung der KrajinaFrage ein.
Nach zwei Nachtsitzungen schlössen wir ein Abkommen über einen Waffenstillstand. Mit einigen Verzögerungen ist der Waffenstillstand jetzt großenteils
in Kraft getreten. Die Schießereien in Kroatien
betragen derzeit weniger als ein Prozent der Vorfälle
vor dem April. Die Infanterie hat sich zurückgezogen
und die schweren Waffen wurden abgezogen. Neben
dem Schutz von Leben und Sachwerten sollte der
Waffenstillstand Kroatien bei der Wiederbelebung
seiner Tourismusbranche helfen und Ressourcen
vom Militär abziehen und den wichtigen Aufgaben
beim Aufbau einer Nation zuführen. Der Waffenstillstand ist an sich schon eine bedeutende Leistung,
stellt jedoch nur den ersten Schritt eines auf die
Wiedereingliederung der UN-Schutzzonen abzielenden dreistufigen Prozesses dar.
Die zweite Phase der Verhandlungen steht im Zusammenhang mit wirtschaftlichen und vertrauensbildenden Maßnahmen. Unser Ziel ist nicht nur die
Verbesserung des Lebens der Menschen, sondern
auch die Einigung auf Schritte, welche die gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Teile Kroatiens
unter Beweis stellen. Diese Gespräche konzentrieren
sich auf die Öffnung von durch die UNO-Schutzzonen
laufenden Verkehrsverbindungen, die Wiedereröffnung der Erdölpipeline, die Versorgung Zadars mit
Wasser, der Krajina mit Strom sowie auf die Versorgung der in den Schutzzonen lebenden Menschen. Sowohl Kroaten als auch Serben werden aus
diesen Schritten Nutzen ziehen. Da die Wirtschaft
dort jedoch dermaßen am Boden liegt, wird der

AMERIKA DIENST 22

�Gewinn für die Bewohner der Schutzzonen vergleichsweise größer sein.

nischen Bundesstaaten, der kanadischen Provinzen
oder der Kantone in Bosnien-Herzegowina.

Wie Sie wissen, haben wir Schwierigkeiten bei der
Aufnahme dieser Wirtschaftsverhandlungen. Ich
habe jedoch aus einem einfachen Grund die Hoffnung, daß sie beginnen. Das pro-Kopf-Einkommen
der in den UNO-Schutzzonen lebenden Menschen
gehört zu den niedrigsten der Welt. Das Einkommen beträgt monatlich etwa 20 Mark. Der Lebensstandard der Menschen dort liegt unter dem in
Bangladesh, was im Herzen Europas kaum vorstellbar ist. Welche Zukunft haben die Menschen dort,
insbesondere die jungen Leute? Sie haben keine
Zukunft, und deshalb werden sie dieses Gebiet
verlassen. Bisweilen behaupten die Serbenführer in
der Krajina, Kroatien habe den Wiedergewinn von
Territorium zum Ziel, jedoch ohne die Serben. In
Wirklichkeit besteht die Politik der Krajina-Serben in
selbstauferlegter Isolation von Kroatien, das die
Serben wahrscheinlich aus den UNO-Schutzzonen
vertreiben wird. Die Wiedereingliederung dieser
Zonen in Kroatien stellt die vielversprechendste
Lösung dar, den serbischen Charakter der Krajina zu
bewahren.

Autonomie umfaßt mit Sicherheit das Recht auf eine
Wahl der Legislative, eine Kontrolle über das Bildungswesen, die Erhebung von Steuern, Gewalt über
das Polizeiwesen und Einfluß auf die Kultur. Sie
kann auch symbolische Elemente enthalten. Die
amerikanischen Bundesstaaten haben ihre eigene
Flagge. Gibt es einen Grund, warum eine autonome
Region, ein autonomer Kanton oder Bundesstaat
nicht auch seine eigene Fahne haben sollte, wenn
die Menschen dies wünschen?

Unser oberstes Ziel besteht darin, jedem aus seiner
Heimat Vertriebenen die Rückkehr nach Hause zu
ermöglichen. Wir hoffen, in der zweiten Verhandlungsphase Übereinkünfte zu erzielen, die Serben
und Kroaten gleichermaßen die Rückkehr in zumindest einige Dörfer auf der jeweils anderen Seite
der Waffenstillstandslinie ermöglichen.
Die dritte Phase der Verhandlungen befaßt sich mit
dem politischen Status. Alle in Kontakt zu den
Krajina-Serben stehenden Diplomaten - die Russen,
Botschafter der Europäischen Union und meine
Person - haben eindeutig gesagt, daß eine unabhängige "Serbenrepublik Krajina" niemals akzeptiert oder anerkannt wird, und diese Gebiete niemals
als Teil Serbiens akzeptiert oder anerkannt werden.
Von den 190 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen
unterstützt nicht ein einziger eine unabhängige
"Serbenrepublik Krajina" oder ihre Bestrebungen,
Teil Serbiens zu werden.
Die endgültigen politischen Arrangements zwischen
den in den UNO-Schutzzonen lebenden Serben und
dem übrigen Kroatien müssen auf dem Verhandlungsweg gelöst werden. Obwohl die Unterhändler
keinen speziellen Plan empfehlen, müssen einige
Elemente eindeutig Bestandteil einer funktionierenden Lösung sein. Eine Lösung muß den mehrheitlich von Serben bewohnten Gebieten ein beträchtliches Maß an Autonomie gewähren. Was
bedeutet ein beträchtliches Maß an Autonomie? Es
gibt verschiedene Modelle, darunter die der amerika-

AMERIKA DIENST 22

Um es deutlich zu machen: Ich gebe hier keine
Empfehlung für die eine oder andere Lösung.
Hierüber müssen die kroatische Regierung und die
Serben in den UNO-Schutzzonen auf dem Verhandlungswege entscheiden. Ich breite vor Ihnen heute
keine amerikanische Formel aus. Dies sind lediglich
die Beobachtungen eines an den Verhandlungen
Beteiligten hinsichtlich einerfunktionierenden Lösung.
Im Rahmen einer ausgehandelten Lösung werden die
Serben ihre Hoffnung auf einen unabhängigen Staat
aufgeben müssen. Kroatien wird vielleicht wider
Willen politische Arrangements akzeptieren müssen.
Betrachten Sie sich jedoch die Alternativen: Fortgesetzte Spaltung des Landes oder Krieg. Es wird
viel über eine militärische Option gesprochen. Selbst
im Falle ihres Erfolgs hätte sie verheerende Konsequenzen für Kroatien. Und es besteht unter den
gegenwärtigen Umständen die nicht zu unterschätzende Möglichkeit, daß die militärische Option
scheitert und Kroatien sich in einer noch schlechteren
Position befindet als derzeit bereits der Fall.
Zum Schluß möchte ich noch einen Punkt ansprechen. Im Verlauf der Verhandlungen ist es für
Kroatien von essentieller Bedeutung, alles in seiner
Macht Stehende zu unternehmen, um zu einem Ort
zu werden, der für die Serben zum Leben akzeptabel
oder sogar erstrebenswert ist.
Die Jahre des Kommunismus und insbesondere der
Krieg haben Bitterkeit hervorgerufen. Folglich war
eine Diskriminierung der Serben im staatlich kontrollierten Teil Kroatiens zu beobachten. Den Serben
wurden ihre Arbeitsplätze gekündigt, sie wurden aus
ihren Wohnungen vertrieben und - was noch betrüblicher ist - mehrere tausend ihrer Häuser wurden in die
Luft gesprengt.
Soweit mir bekannt ist, wurde
niemand wegen dieser Verbrechen verhaftet oder
verurteilt.
Wenn Kroatien den Serben nicht das Gefühl vermittelt, daß Kroatien in jeder Hinsicht ihr Land ist,
besteht keine Aussicht darauf, daß die in den UNO-

Seite 3

�Schutzzonen lebenden Serben jemals in Kroatien
leben wollen. Somit ist der umfassende Schutz der
Rechte der Serben und aller anderen politischen und

Menschenrechte für unser gemeinsames Ziel einer
friedlichen Wiedereingliederung in die UNO-Schutzzonen von essentieller Bedeutung.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 22

�SPORT
8. Juni 1994

"LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN UND DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (II)
von John R. Eidson
Nachfolgend veröffentlichen wir den zweiten Teil des Essays von Professor John R. Eidson.

Der Sport und die amerikanische Vorstellungskraft
Der Sport durchdringt die amerikanische Gesellschaft in solchem Ausmaß, daß praktisch jeder
gezwungen ist sich zu entscheiden, ob er ihn mag,
toleriert oder ablehnt. Intellektuelle definieren sich
häufig im Gegensatz zur Vulgarität des Sports, aber
vom Elfenbeinturm läßt sich das Getöse des Stadions kaum übertönen. Der Collegesport hat bereits
seit den Anfängen des Football die Feindseligkeit
mancher Gelehrter hervorgerufen, und diese Feindseligkeit findet von Zeit zu Zeit literarischen Ausdruck in dem traditionellen amerikanischen Genre
der Jeremiade. Einen hohen moralischen Standpunkt einnehmend, brandmarken hochgestochene
Kritiker die Sportindustrie geradezu als Inkarnation
des amerikanischen Sündenfalls. Einige Intellektuelle - ob in einem Anfall von Populismus oder einem
Zustand hoher ästhetischer Sensibilität - nehmen
den Baseball jedoch von diesem allgemein über den
Sport gefällten strengen Urteil aus. Einer der
bekanntesten Vertreter dieser Kategorie ist der
unlängst verstorbene A. Bartlett Giamatti, der Englischprofessor, der seinen Posten als Rektor der
Yale University aufgab, um Beauftragter für Baseball
zu werden. Giamattis Buch Take Time for Paradise
(Summit Books 1989) gehört zu dem Genre, das die
idyllischen Tugenden des Baseball preist und zu
dem auch politische Kolumnisten, Naturwissenschaftler und Sportjournalisten mit literarischen
Ambitionen ihren Beitrag leisten.
Für die meisten Amerikaner bedeutet der Sport nicht
nur eine Serie von Festen, sondern auch ein Thema,
das das Leben in einem Ausmaß begleitet und
durchdringt, das für den Außenstehenden nahezu
unbegreiflich ist. Die "Heimmannschaft" ist integraler

AMERIKA DIENST 22

Bestandteil lokaler Identität, und ihr Erfolg oder
Scheitern bringt die Leidenschaften ganzer Gemeinden in Wallung. In den siebziger Jahren des 19.
Jahrhunderts machten ortsansässige Förderer
Provinzstädte des Mittleren Westens dadurch bekannt, daß sie die ersten professionellen Baseballmannschaften gründeten, während heute Städte wie
Charlotte, Orlando, Phoenix und Denver um Profimannschaften buhlen und vor Bürgerstolz platzen,
wenn ihre Wünsche erfüllt werden. Die Bürger von
Green Bay (Wisconsin) gründeten eine Aktiengesellschaft, um die traditionsreiche, jedoch abstiegsbedrohte Mannschaft der Packers zu retten, während
die Einwohner von Washington immer noch den
Verlust ihrer geliebten Senators zu Beginn der
siebziger Jahre betrauern. Der meistgehaßte Mann
Baltimores ist immer noch Bob Irsay, der vor vielen
Jahren die Colts nach Indianapolis umziehen ließ. In
Indiana hat der Basketballsport auf High-SchoolEbene regionalen Kultstatus erlangt - eine Tatsache,
die in dem Hollywoodfilm "Hoosiers" von 1986
thematisiert wurde. Dasselbe gilt für Football in
Westtexas, wie Ross Perot feststellen mußte, als er
als Vorsitzender einer Kommission zur Reform des
staatlichen Bildungswesens eine Vorschrift einführen
wollte, derzufolge die Teilnahme am High-SchoolSport von einem bestimmten Mindestnotendurchschnitt abhängen sollte.
Einige Mannschaften fesseln die Phantasie des
ganzen Landes und werden zum Symbol einer
ganzen Ära. In den siebziger Jahren wurden die
Dallas Cowboys zu der Mannschaft, die aufgrund
ihrer aufregenden Spielweise und des von ihr kultivierten Images in ganz Amerika entweder geliebt
oder inbrünstig gehaßt wurde. In der Frühzeit des
College- und Profisports taten die Fans ihre Präferenz für die eine oder andere Mannschaft durch das

Seite 1

�Schwenken von Fähnchen oder das Tragen von
Kappen ihrer Mannschaften kund. Mit der phänomenalen Zunahme der Vermarktung des Sports ziehen
sich Fans heute Kostüme an, die mit den Visionen
Hollywoods von verschwenderischer orientalischer
Pracht konkurrieren können.

größtmögliche Freiheit, ihm eine Bedeutung anzudichten. Der Sport verkörpert eine solch große
Anziehungskraft, weil im Gegensatz zu spezielleren
dramaturgischen Formen jede Vorstellung mehrere
verschiedene Interpretationen für ein einziges zugrundeliegendes Drehbuch zuläßt.

Die Diversifizierung von Waren, die weit über den
Wettbewerb selbst hinausreicht - Schuhe, Kleidung,
"offizielle" Ausrüstung, Literatur, Sammelkarten etc. weist auf das Ausmaß hin, in dem der Sport zu
einem riesigen und äußerst profitablen Industriezweig geworden ist. Die Popularität des Sports
jedoch lediglich als Reflex von Marketingstrategien
zu interpretieren, hieße die Rolle des Zuschauers zu
unterschätzen. Wie der Begriff "Fan" andeutet, ist
das Zuschauerdasein eine Aktivität, und "dem Spiel
zuschauen", bedeutet für den Sportfan eine totale
Erfahrung, die ebenso kostbar ist wie Prousts Abend
in der Oper.

Im Zuschauersport ist die Besetzung auf Antagonisten, Protagonisten und Nebenrollen beschränkt, aber
diese Figuren treten in allen Formen und Dimensionen auf. Wenn der Unparteiische anpfeift, beginnt
das Drama, und jede Rolle bietet ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Variationen. Da sind die
stoischen Spieler, die selbst im Triumph keine
Gefühlsregung zeigen, jungenhafte Spieler, die mit
derselben Spontaneität Freude und Mißfallen bekunden sowie die extravaganten Spieler, die mit wunderbar einstudierter Prahlerei spielen, Spaße machen
und feiern. Da sind Trainer, die wie Bankiers aussehen, Trainer, die vor jedem Spiel zum Gebet
niederknien und Trainer, die von einem Verliererteam
zum nächsten wechseln. Einige Clubbesitzer tragen
Tweed und breite Krawatten, andere sehen aus wie
Gangster aus den zwanziger Jahren; einige Clubbesitzer bleiben in ihren Logen der Masse entrückt,
während andere die Aufgaben ihrer Trainer und
Manager usurpieren. Unter den Reportern sind
Meister des Understatements, Reporter, die überjede
neue sportliche Höchstleistung ins Schwärmen
geraten und Reporter, die dem Trainer ständig
ungebetene Ratschläge erteilen. Einige Fans feuern
die Heimmannschaft an, andere bleiben passiv und
wieder andere applaudieren jedem guten Spielzug
ungeachtet dessen, welcher Mannschaft der Spieler
angehört. Es gibt Fans, die in ausgefallenen Kostümen erscheinen, Fans, die sich mit Statistiken
beschäftigen, und Fans, die über dem Anstehen nach
Bier und Erdnüssen das Spiel verpassen. Zehntausende von Fans drängen sich in den Stadien, während weitere Millionen vor den Fernsehgeräten
hocken. Dazu gehören Gruppen von Freunden
ebenso wie einsame Zuschauer, die sich schon
darauf freuen, das Spiel später im Büro bei einer
Tasse Kaffee mit den Kollegen zu analysieren.

Sportveranstaltungen lassen sich tatsächlich am
besten verstehen, wenn man sie als eine Art von
Gesamtkunstwerk betrachtet, in dessen Rahmen die
Fans ebenso wichtig sind wie all die anderen Beteiligten, darunter Spieler, Trainer, Manager, Talentsucher, Clubbesitzer, Unparteiische oder Schiedsrichter, Reporter und Kameraleute. Der Zuschauersport unterscheidet sich vom Theater nicht nur darin,
daß er zu mehr Publikumsbeteiligung ermutigt,
sondern auch dadurch, daß er den eigentlichen
Konflikt des gesamten Dramas auf eine simple
dualistische Form reduziert, in der die Beziehung
zwischen Protagonisten und Antagonisten reversibel
ist. Jedes Spiel ist eine Schlacht zwischen Doppelgängern, ein Krieg zwischen zwei Thronprätendenten, von denen beide zugleich den Helden, den
Schurken und den dummen August repräsentieren.
Deshalb hat jedes Spiel einen guten "Plot" oder, wie
Northrop Frye in Anlehnung an die literarische Form
des romantischen Abenteuerromans geschrieben
hat, den guten "Plot". Der "Abenteuerroman" - der
Triumph des "Underdog" - ist jedoch nur eine
Möglichkeit für den Verlauf, den das Spiel nehmen
kann. Je nach Regie, Handlungsverlauf und Blickwinkel des Zuschauers kann der athletische Wettbewerb auch ein Epos, eine Tragödie oder eine
Parodie sein, durch die eine gerechte Ordnung
bestätigt, wiederhergestellt oder auf den Kopf gestellt
wird. Die dramatische Form des Sports kann zu
Recht als "primitiv" bezeichnet werden, unter der
Voraussetzung, daß dieser Begriff in der Bedeutung
"undifferenziert" und als grundsätzlich verschwommen verstanden wird. Durch die Simplifizierung der
Handlung, das Auf und Ab in der Beziehung zwischen Protagonisten und Antagonisten sowie die
Vervielfachung der Aspiranten auf Haupt- und
Nebenrollen, verleiht der Sport seinem Publikum die

Seite 2

Die Fans beurteilen die Leistungen der Spieler nicht
nur nach messbaren Maßstäben, sondern auch
aufgrund weithin geteilter, aber auch sehr unterschiedlicher Kriterien für sportliches Verhalten, Mut,
Finesse, trickreiches Spiel und Stil. Der Held des
einen ist der Schurke des anderen, und was die
Bewunderung des einen hervorruft, ist für den anderen verachtenswert. Es gibt jedoch auch besondere
Momente, in denen von allen Beteiligten verlangt
wird, unantastbaren Konventionen ihre Reverenz zu
erweisen, insbesondere während der Zeremonien vor
und nach dem Spiel. Am Ende jedes Basketballspiels schütteln sich die Trainer oberflächlich die

AMERIKA DIENST 22

�Hand, dann geben sie gemeinsam mit den Spielern
Fernsehinterviews, die immer die gleichen bohrenden Fragen enthalten, dieselben hölzernen Antworten und dasselbe peinliche Sammelsurium von Fans,
die in Beifallsrufe ausbrechen oder im Hintergrund
Grimassen schneiden. In jenen seltenen Augenblicken, in denen Sportreporter um Worte verlegen
sind, verfallen sie häufig auf pathetische Phrasen,
indem sie die wohltätigen Aktivitäten eines Spielers,
seine Liebe zu seiner Mutter oder seine Achtung vor
den Mitmenschen ansprechen.
Die Verletzung
dieses Kodex' ist strikter Zensur unterworfen, wie
man an den Reaktionen der Fans auf unsportliches
Verhalten oder der unlängst erfolgten Rüge durch
den Präsidenten ablesen kann, nachdem eine
bekannte Komikerin versucht hatte, zu Beginn eines
Baseballspiels die Nationalhymne zu karikieren.

Right Thing (1989) aufs Korn nahm. Natürlich
spiegeln die Unterstellungen der Fans nicht unbedingt
die Haltung von Spielern und Management wider, und
es mutet wie Ironie an, daß die Mannschaft, die
sowohl den ersten schwarzen Spieler als auch den
ersten schwarzen Trainer einstellte, zum Ventil für
den latenten Rassismus derjenigen Fans werden
sollte, denen die dominierende Rolle schwarzer
Athleten ein Dorn im Auge ist. Andere Fans stellen
ihre liberale Einstellung zur Schau, indem sie Stars
aus anderen ethnischen Gruppen unterstützen als
der, der sie selbst angehören. Die phänomenale
Popularität schwarzer Stars unter Jugendlichen aller
ethnischen Gruppen demonstriert die fortdauernde
Stärke einer ganz und gar amerikanischen Tradition die Jugend macht sich die Kulturen der Minderheiten
zu eigen.

Vor dem Anpfiff und nach dem Schlußpfiff bietet der
Sport unerschöpflichen Stoff für Kommentare und
Spekulationen. Wer wird die Schlacht der Titanen
gewinnen? Wird der neue Spieler gut einschlagen?
Wie wird ein alterndes oder von Verletzungen
geplagtes Team auf eine Herausforderung reagieren? Warum ist ein Spieler an einem Tag "brandheiß" und am nächsten "ausgebrannt"? Wie hat es
der Underdog geschafft, einen Überraschungscoup
zu landen? Eine Analyse der Beiträge von Kommentatoren und der Gespräche von Fans würde den
Sport als eine Domäne "ungezähmten Denkens"
entlarven, wo nichts zufällig geschieht, wo alles
irgendeine Bedeutung hat und wo jede Bedeutung
mit 100 anderen verbunden ist - kurzum, wo Amerikaner von heute in einer Art und Weise denken, die
Anthropologen bisweilen primitiven Völkern zuschreiben. Die Spieler selbst sind notorisch abergläubisch, aber eine nähere Betrachtung des Verhaltens der Fans würde genug diagnostische und
prognostische Konventionen aufdecken, um eine
Enzyklopädie des Volkstums zu füllen.

Aus diesem Grund bietet der Sport sowohl eine
umfassende Erfahrung als auch ein Symbol, das in
die Welt außerhalb des Stadions hineinwirkt. Die
Häufigkeit, mit der Amerikaner entdecken, daß "der
Sport ist wie das Leben", wird lediglich von der
Trivialität dieser Entdeckung übertroffen. Metaphern
aus dem Sport sind besonders in den Bereichen
Politik und Wirtschaft sowie in den Beziehungen
zwischen Mann und Frau anzutreffen. Während der
Präsidentschaftskampagne von Ross Perot im Jahr
1992 beschwerte sich ein Mitglied seiner "Mannschaft" über die politische Unertahrenheit und den
ineffektiven Stil seines Chefs. In einem anonymen
Hintergrundgespräch mit Journalisten führte der
Berater Perots "Zurückfallen" in den Meinungsumfragen auf dessen Weigerung zurück, Fernsehwerbung
einzusetzen, aber er tat diese Äußerung auf typisch
amerikanische Weise: "Das ist so, als ob wir einen
Receiver völlig ungedeckt am anderen Ende des
Spielfelds hätten und der Quarterback immer wieder
den Fullback mit dem Ball durch die Mitte schickt."
Selbst der uniformierte Leser wird diese Erklärung
als Kritik verstehen, aber eine vollständige Interpretation erfordert ein nicht geringes Maß an Insiderwissen vom Footballspiel - ein Wissen, das nahezu
jeder Amerikaner besitzt. Mit dem Ball zu laufen, ist
der traditionelle und meistens weniger aufregende
Weg, um dieses Spiel zu spielen - "drei Yards und
eine Staubwolke", wie man zu sagen pflegt. Die
Entwicklung des "Paßspiels" hat dramatische Umkehrungen des Spielglücks ermöglicht und erheblich zur
wachsenden Popularität des Football beigetragen.
Wenn der "Receiver völlig ungedeckt am Ende des
Spielfelds steht", dann wirft ihm der Quarterback (der
"Spielmacher") die "Bombe" zu und erzielt hoffentlich
einen "Touchdown" - die plötzliche Wendung, die der
Wahlkampfberater durch Fernsehwerbung zu erzielen
hofft. Aber Perot erreichte niemals einen "Touchdown". Statt dessen wurde er von Bush aus dem

Der Sport stellt bisweilen das Rohmaterial für einen
unbewußten Diskurs zur Verfügung, in dem man
Wünschen, Vorurteilen und Schuldgefühlen freien
Lauf lassen kann, die ansonsten unterdrückt werden.
Die vom Fernsehen übertragenen Bilder scheinen
häufig die Teamarbeit zwischen Schwarzen und
Weißen zu betonen, aber die Reaktion der Fans auf
bestimmte Spieler und Mannschaften könnte auch
auf unterschwellige Rassenspannungen hindeuten.
Als die Boston Celtics in den achtziger Jahren gegen
die Los Angeles Lakers spielten, identifizierten sich
viele weiße Fans außerhalb Bostons mit CelticsStars wie Larry Bird, Kevin McHale und Danny
Ainge, während die Sympathien schwarzer Jugendlicher im ganzen Land "Magic" Johnson, James
Worthy und Kareem Abdul-Jabbar galten - eine
Tatsache, die Spike Lee in seinem Film Do the

AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�Feld geschlagen, und Clinton gewann, obwohl er in
den Debatten keinen "K.O." landen konnte.
Nach bescheidenen Anfängen als volkstümliche
Propheten gehen einige berühmte Sportler heute mit
einer "Siegesphilosophie" hausieren, die auf Analogien zwischen Sport und dem Leben anspielt. In
den sechziger Jahren machte Vince Lombardi, der
enorm erfolgreiche Trainer der Green Bay Packers,
eine Filmserie, die Schulkindern sowie Männern und
Frauen aus der Wirtschaft im ganzen Land die
tiefgründigeren Lehren des Football näherbringen
sollte. Die in der Evolution am höchsten entwickelte
Spezies ist dieser Abstammungslehre zufolge der
erfolgreiche Athlet oder Trainer, der Führungskräften
der Wirtschaft als "Motivationsredner" dient. Die
zugrundeliegende Voraussetzung lautet, daß das
Geschäftsleben wie der Sport von Wettbewerb
geprägt wird und daß amerikanische Führungskräfte
die Konkurrenz im In- und Ausland "schlagen"
können, wenn sie den richtigen "Trainer" haben, der
die "Mannschaft" motivieren kann. Ein Beispiel für
einen Motivationsredner aus der Welt des Sports ist
der unlängst verstorbene Jim Valvano, der als
Trainer der North Carolina State University einen der
größten Überraschungserfolge in der Geschichte des
Collegebasketballs erzielen konnte. 1983 erreichte
Valvanos niedrig eingeschätzte Mannschaft das
Endspiel der NCAA und schlug die University of
Houston mit dem afrikanischen Superstar Hakeem
Olajuwon. Valvano leitete seine Vorträge vor
Wirtschaftsvertretern für gewöhnlich damit ein, daß
er ein Videoband der letzten fünf Minuten des
Sieges von North Carolina State über Houston
abspielte - denn, wissen Sie, das Leben ist wie ein
Basketballspiel.
Metaphern aus dem Sport werden besonders häufig
auf die Beziehung zwischen Mann und Frau angewandt. Viele Amerikaner erinnern sich noch an den
populären Schlager mit dem Titel "Love is just like a
baseball game" vor zwanzig Jahren, und jeder weiß,
daß einige Männer ihre sexuellen Erfolge bei Frauen
mit Begriffen aus dem Baseball wie "zur 'first base'
vordringen", zur "second base", zur "third base" oder
einen "home run" erzielen, beschreiben. Die Einführung des Begriffs "scoring" (im Sport "einen
Treffer erzielen", hier, eine Frau ins Bett bringen,

* *

Seite 4

Anm. d. U.) in die Sphäre der Sexualität wird zweifellos den Verdacht mancher Leser bestätigen, der
Sport sei eine der letzten Bastionen des Patriarchats.
Tatsächlich ergehen sich einige Kritiker in Interpretationen von Footballspielen als einer Art von
wollüstigem Passionsspiel, das zur Bekräftigung
archaischer Geschlechterrollen dient. Trotzdem
scheint die Konfrontation zwischen Sport und Feminismus in den meisten Fällen eher reformistische als
abolitionistische Positionen hervorzubringen.
Wie bereits im Fall der Beziehungen zwischen
sozialen Schichten und Rassen, wird der Sport zu
einer symbolischen Arena, in der neue Einstellungen
zu Sexualität und Geschlecht geformt werden. Eine
der ersten geschlechtsspezifischen Reformen war die
Gründung getrennter aber (nicht ganz) gleichwertiger
Collegesportprogramme für Frauen. Nur selten sind
Schritte unternommen worden, um Schulmannschaften oder Profiteams selbst zu integrieren, aber
kürzlich gab die erste Spielerin ihr Debüt in der
National Hockey League - als Torwart! Die größten
Fortschritte wurden vielleicht bei der Integration des
Sportjournalismus und bei der Veränderung oder
Erweiterung der Sportkommentierung erzielt, um ein
breiteres Publikum zu erreichen. Reporterinnen sind
in die Domänen des Baseball, Football und Basketball eingebrochen, und der Zutritt von Frauen zu den
Umkleidekabinen der Männer hat ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie die Berufung der
ersten Frau in das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten. Obwohl das Publikum von Sportveranstaltungen in erster Linie aus Männern besteht,
gilt dies keineswegs ausschließlich. Einige Beobachter betrachten die neue Konzentration des Sportjournalismus auf die familiäre Situation der Spieler und
andere Aspekte ihres Privatlebens als Versuch, das
Spiel zu feminisieren und damit seine Anziehungskraft zu verstärken.
Eine der neuesten Episoden in dieser unvollendeten
Revolution trug sich am "ersten Spieltag" 1993 zu, als
Hillary Rodham Clinton, eine begeisterte Anhängerin
der Baseballmannschaft der Chicago Cubs, den
Anbruch des Frühlings in Amerika verkündete - und
die Baseballsaison eröffnete - indem sie den ersten
Ball warf. Wenn man sie schon nicht besiegen kann,
muß man eben mit den Wölfen heulen.

*

*

AMERIKA DIENST 22

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12103">
                <text>08.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12104">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12105">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12106">
                <text>Amerikadienst 08.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12107">
                <text>&lt;strong&gt;1. D-Day&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton ruft Amerikaner zum Gedenken an die Lehren des Zweiten Weltkriegs auf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gedenkbotschaft des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Clinton fordert den Geist der Landung in der Normandie für die heutigen Herausforderungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten vor Europareise&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Clinton ehrt die Gefallenen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache an Bord der USS George Washington&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Vision: ein integriertes Europa vom Atlantik über ganz Russland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;WorldNet-Interview mit Außenminister Christopher - Auszüge&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-China&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA unterstützen weltweit Demokratie und Menschenrechte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Außenminister Christopher&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nordkorea&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA nehmen Konsultationen über Sanktionen gegen Nordkorea auf &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gespräche mit UNO und Verbündeten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Bosnien-Vertrag rettete Menschenleben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Galbraith in Zagreb&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Sport&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Liebe ist wie ein Baseballspiel:"&lt;br /&gt;Zuschauersportarten und die amerikanische Kultur (II)&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John R. Eidson&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2355" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2366">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/d65d4498ff2deb4f63e63cd3005ef041.pdf</src>
        <authentication>0ca80d0a3e2caea434cdfea076184da8</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12114">
                    <text>^e2of^&gt;

cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Juni 1994

23

USA-EUROPA

USA UND EUROPA MÜSSEN GEMEINSAME
FRIEDENSSTRATEGIE VERFOLGEN
Rede Präsident Clintons vor der
französischen Nationalversammlung

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN

CHRISTOPHER: PARTNERSCHAFT FÜR DEN
FRIEDEN IST BEMERKENSWERTE LEISTUNG
Rede des Außenministers vor dem
Nordatlantikrat

WIRTSCHAFT

DIE
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Ron Brown vor der
American Chamber of Commerce

ARBEITSWELT

REICH FORDERT
INTERNATIONALE
ARBEITSNORMEN
Ansprache von Arbeitsminister Reich
vor der IAO

««

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�USA-EUROPA
15. Juni 1994

USA UND EUROPA MÜSSEN GEMEINSAME
FRIEDENSSTRATEGIE VERFOLGEN
Rede Präsident Clintons
vor der französischen Nationalversammlung
PARIS - (AD) - Präsident Clinton zufolge müssen die Vereinigten Staaten und Europa eine gemeinsame
Strategie für den Frieden verfolgen, die den gesamten europäischen Kontinent durch drei Bande integriert:
"Erstens Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik, zweitens Marktwirtschaft, drittens Demokratie."
Das schwierigste europäische Sicherheitsproblem stelle Bosnien dar, äußerte Präsident Clinton am 7. Juni
1994 vor der französischen Nationalversammlung, und obwohl es nicht gelöst worden sei, "wurden
entschlossene und bislang erfolgreiche Bestrebungen zur Beschränkung des Konflikts auf Bosnien
unternommen, damit er sich nicht zu einem größeren Balkankrieg ausweitet".
"Heute sehen sich die ehemals kommunistischen Staaten einer beängstigenden Übergangszeit gegenüber...
Es muß unser Ziel sein, ihnen zum Erfolg zu verhelfen - durch die Förderung marktwirtschaftlicher Reformen,
gezielte Hilfe bei der Privatisierung, Verstärkung unserer Bande in den Bereichen Handel und Investitionen."
Der Präsident bezeichnete die Demokratie als den "Klebstoff, der Wirtschaftsreformen und sicherheitspolitische
Zusammenarbeit verkitten kann" und äußerte, trotz einiger "Entwicklungen mit Hindernissen" in den ehemals
kommunistischen Staaten habe es auch ermutigende Ergebnisse gegeben, einschließlich neuer Verfassungen
und der Gründung unabhängiger Fernsehstationen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Weißen Haus freigegebene Rede des Präsidenten in Paris.

Es ist mir eine große Ehre, gemeinsam mit meiner
Frau und unserer verehrten Botschafterin Pamela
Harriman hierher eingeladen worden zu sein.
Zwischen unseren beiden Völkern besteht eine
besondere Verwandtschaft, denn schließlich wurden
unsere beiden Republiken im Abstand von nur
wenigen Jahren gegründet. Wir setzten die Regeln
von Königen außer Kraft und ersetzten sie durch
gemeinsame Ideale, Gleichheit, Freiheit, Gemeinschaft und Menschenrechte.
Zwei Jahrhunderte lang haben unsere Nationen
einander großzügig gegeben. Frankreich vermittelte
unseren Gründervätern die Ideale von Montesquieu
und Rousseau. Lafayette und Rochambeau halfen,
diese Ideen in die Realität unserer eigenen Unabhängigkeit umzuwandeln. Denn ebenso wie wir
bei der Befreiung Ihres Landes 1944 halfen, halfen

AMERIKA DIENST 23

Sie bei der Befreiung unseres Landes vor zwei
Jahrhunderten.
Während dieser ganzen Zeit haben Ihre Kunst und
Kultur zahllose Amerikaner inspiriert - von Benjamin
Franklin bis zu John und Jacqueline Kennedy. Wir
wiederum liehen Ihnen das revolutionäre Genie
Thomas Jeffersons, den feurigen Geist Thomas
Paines und das Leben so vieler junger Männer, als
die Freiheit Europas am stärksten in Gefahr war.
Diese Woche haben Sie uns ein weiteres großartiges
Geschenk in Form der wunderbaren Gedenkfeiern
aus Anlaß der Landung der Alliierten in der Normandie gemacht. Ich danke Präsident Mitterand und dem
ganzen französischen Volk für diese großzügige
Gastfreundschaft. Mein Dank gilt insbesondere den
Tausenden französischer Familien, die unseren
Veteranen ihr Heim geöffnet haben.

Seite 1

�Die gestrigen Bilder werden mich den Rest meines
Lebens begleiten - die eindrucksvollen Cliffs von
Pointe du Hoc, die Parade unserer Alliierten Streitkräfte am Utah Beach, die tödlichen Felsufer an der
blutigen Omaha Beach, die endlosen Reihen von
Grabsteinen auf unserem Friedhof bei Colleville.
D-Day war der Wendepunkt des 20. Jahrhunderts.
Er setzte die Befreiung Europas in Gang. Auf
vielerlei Weise bewies der Sieg der Alliierten, wie
der Glaube der Demokratie an den einzelnen die
Demokratie selbst rettete. Von der tapferen französischen Resistance bis zum Erfindungsreichtum der
Soldaten an der Omaha Beach bewies er, was freie
Nationen erreichen können, wenn sie gemeinsam
hinter einer großen und edlen Sache stehen.
Die bemerkenswerte Einigkeit der Alliierten während
des Zweiten Weltkriegs spiegelte die lebensbedrohliche Gefahr für die Freiheit wider. Demokratien freier
und oftmals ungestümer Völker werden angesichts
einersolchen Gefahr eherzusammenhalten. Unsere
Herausforderung besteht jetzt jedoch darin, unser
Volk um die Chancen für den Frieden zu einen, wie
sich unsere Vorfahren angesichts der Gefahren des
Krieges einten.
Wie Ihr Präsident so beredt formulierte, konnten wir
einmal in diesem Jahrhundert - nach dem Ersten
Weltkrieg - nicht diesem Gebot folgen. Nach dem
Waffenstillstand waren viele Amerikaner der Ansicht,
es beständen keine Gefahren mehr für uns. Amerika zog sich zunehmend von der Welt zurück, wodurch hohen Zöllen, Handelskriegen, dem Anstieg
des Faschismus und einem weiteren Weltkrieg
innerhalb von 20 Jahren Tor und Tür geöffnet
wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg machten Amerika,
Frankreich und die anderen Demokratien es besser.
Unter der Führung von weitblickenden Staatsmännern wie Truman, Marshall, De Gaulle, Monnet und
anderen bauten wir unsere Bündnisse und die
Länder unserer ehemaligen Feinde - Deutschland,
Italien und Japan - wieder auf und stellten uns der
Gefahr einer sowjetischen Expansion und Nuklearmacht.
Gemeinsam gründeten wir die NATO,
setzten den Marshallplan, das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen GATT sowie weitere Motoren
wirtschaftlicher Entwicklung in Gang. In einem
großartigen historischen Akt der Versöhnung reichte
Frankreich die Hand zur Bildung der deutsch-französischen Partnerschaft - der Grundlage von Einheit
und Stabilität im modernen Westeuropa.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben
in der Tat einen Akt politischer Alchimie begangen,
ein Zauberkunststück, das Schutt in Erneuerung,

Seite 2

Mißtrauen in Sicherheit und Feinde in Verbündete
verwandelte.
Jetzt sind wir am dritten Scheideweg dieses Jahrhunderts angelangt. Der Kalte Krieg ist vorüber.
Prag, Warschau, Kiew, Riga, Moskau und viele
andere sind Hauptstädte demokratischer Länder mit
vom Volk gewählten Politikern. Wir bauen das
Atomwaffenarsenal ab, und Amerika und Rußland
richten nicht mehr ihre Atomwaffen gegeneinander.
Unsere Arbeit ist jedoch noch lange nicht beendet.
Um diesen Frieden zu sichern, müssen wir unseren
Blick auf einen strategischen Stern richten. Hier, wo
die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten so hart
um die Rettung dieser Welt gekämpft haben, sollte
dieser Leitstern für uns beide - Amerikaner und
Europäer gleichermaßen - die Integration und Stärkung eines umfassenden Europas sein. Dies ist eine
gewaltige Herausforderung, die Ressourcen erfordert.
Sie wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte benötigen.
Sie wird von uns etwas für Demokratien sehr Schwieriges erfordern - unser Volk zu einen, wenn es sich
nicht mit der direkten Gefahr konfrontiert sieht,
entfernteren Bedrohungen begegnen zu müssen und
schwierige und aufregende Chancen zu ergreifen.
Dennoch sprechen die geheiligten Grabsteine, die wir
gestern ehrten, eine deutliche Sprache. Sie definieren den Preis des Scheiterns in Friedenszeiten. Sie
bekräftigen die Notwendigkeit, jetzt zu handeln.
Wir können bereits die grausame Alternative sehen.
Militanter Nationalismus ist im Ansteigen begriffen
und verwandelt den gesunden Stolz von Nationen,
Volksstämmen, religiösen und ethnischen Gruppen in
tödliche Vorurteile, die Staaten unterminieren und ihr
Volk abhängig von den politischen Schmerzstillern
Gewalt und Demagogie machen, die anderen die
Schuld an ihren Problemen geben, wenn sie sich
eigentlich der harten Arbeit widmen sollten, durch
Versöhnung, Gewaltenteilung und umweltverträgliche
Entwicklung wirkliche Antworten auf diese Probleme
zu finden.
Anzeichen dieser Krankheit sind von dem willkürlichen Gemetzel in Bosnien bis zu der wahllosen
Gewalt der Skinheads in allen unseren Ländern zu
beobachten. Wir sehen sie an dem mit der Geschichte getriebenen aufwiegelnden Mißbrauch sowie
an dem Antisemitismus und dem Irredentismus
einiger ehemals kommunistischer Staaten. Und
jenseits von Europa sehen wir die dunkle Zukunft
dieser Trends an massenhaftem Abschlachten,
ungezügeltem Terrorismus, verheerender Armut und
völliger Zerstörung von Umwelt und Gesellschaft.

AMERIKA DIENST 23

�Unser transatlantisches Bündnis ist eindeutig an
einem kritischen Punkt angelangt. Wir müssen die
für diese Zeit erforderlichen Bande zwischen Nationen schmieden, wie wir das nach dem Zweiten
Weltkrieg taten. Wir müssen das jedoch zu einer
Zeit tun, in der unsere Sicherheit nicht direkt bedroht
ist - wie nach dem Ersten Weltkrieg.
Für diese Generation führender Politiker lautet die
Frage, ob wir den Willen, die Vision und die Geduld
hierzu aufbringen. Ich möchte die Position der
Vereinigten Staaten deutlich darlegen. Amerika wird
sich weiterhin in Europa engagieren. Das gesamte
transatlantische Bündnis zieht Nutzen, wenn wir Europa und Amerika - stark und engagiert sind.
Amerika wünscht sich ein starkes Europa, und
Europa sollte sich die Zusammenarbeit mit einem
starken Amerika wünschen.
Um sicherzustellen, daß unser Land ein starker
Partner bleibt, leisten wir zu Hause harte Arbeit, um
einen neuen Geist der amerikanischen Erneuerung
zu schaffen, unser Haushaltsdefizit abzubauen,
unsere Wirtschaft neu zu beleben, den Handel zu
erweitern, unsere Straßen sicherer vor Verbrechern
zu machen und die Grundpfeiler unserer Stärke
wiederherzustellen - Arbeit, Familie, Gemeinschaft
sowie die Aufrechterhaltung unserer defensiven
Präsenz in Europa.
Wir wünschen uns auch ein starkes Europa. Aus
diesem Grund unterstützt Amerika die von Europa
unternommenen Schritte für stärkere Einigung - die
Europäische Union, die Westeuropäische Union
sowie die Entwicklung einer europäischen Verteidigungsidentität. Wir müssen jetzt eine gemeinsame Strategie verfolgen - den Frieden und Wohlstand
eines umfassenderen Europas zu sichern. Diese
Strategie hängt von der Integration des gesamten
Kontinents durch drei Bande ab: Erstens Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik, zweitens Marktwirtschaft und drittens Demokratie.
Zunächst einmal müssen wir in einem Zeitalter stark
und sicher bleiben, das noch viele Gefahren birgt.
Zu diesem Zweck sind unsere Sicherheitsinstitutionen an neue Gebote anzupassen. Die Vereinigten
Staaten haben den Umfang ihrer Militärpräsenz in
Europa reduziert, wir werden hier jedoch weiterhin
eine starke Streitmacht aufrechterhalten.
Die Europäische Union, die Westeuropäische Union,
die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa sowie andere Organisationen müssen alle
eine größere Rolle spielen. Ich war erfreut darüber,
daß die NATO kürzlich einen amerikanischen Vorschlag annahm, ihre Aktivposten der WEU zugänglich zu machen. Zur Förderung größerer sicherheits-

AMERIKA DIENST 23

politischer Zusammenarbeit in ganz Europa müssen
wir auch die NATO an dieses neue Zeitalter anpassen.
Beim NATO-Gipfel im Januar einigten wir uns auf die
Schaffung einer Partnerschaft für den Frieden, um die
Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik zwischen
den Mitgliedstaaten der NATO und den anderen
europäischen Staaten zu fördern - den ehemaligen
Warschauer Pakt-Staaten, den Staaten der früheren
Sowjetunion und den aus anderen Gründen nicht der
NATO angehörenden Staaten. Nur sechs Monate
später ist diese Partnerschaft für den Frieden Realität. 19 Nationen sind ihr bereits beigetreten, und
weitere befinden sich auf dem Weg dazu. Auch
Rußland hat Interesse an einem Beitritt bekundet.
Die Partnerschaft wird ihre ersten Militärübungen im
kommenden Herbst durchführen. Stellen Sie sich
diese Veränderung vor: Truppen, die sich einst durch
den Eisernen Vorhang getrennt gegenüberstanden,
arbeiten jetzt auf europäischem Gelände zusammen.
Wir haben Verständnis für die historisch begründeten
Ängste Mittel- und Osteuropas. Die Sicherheit dieser
Staaten ist für unsere eigene Sicherheit von Bedeutung. Und wir sind der Erweiterung der NATO
verpflichtet. Solange wir die Chance haben, überall
in Europa zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
beizutragen, sollten wir diese Möglichkeit nirgendwo
verspielen.
Es gibt Anzeichen dafür, daß ein solches Ergebnis
möglich ist. Die Ukraine, Kasachstan und Belarus
haben sich jetzt zur Beseitigung aller auf ihrem
Territorium stationierten Atomwaffen verpflichtet. Bis
August haben sich möglicherweise erstmals seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs alle russischen Truppen
aus Osteuropa und dem Baltikum zurückgezogen.
Sind diese Entwicklungen eine Garantie dafür, daß
wir alle ehemals kommunistischen Staaten in die
friedliche Zusammenarbeit einbinden können? Das
ist nicht der Fall. Wir würden jedoch unserer Generation und unseren Nachfahren gegenüber versagen,
wenn wir nicht den Versuch unternähmen.
Bedeuten diese Absprachen, daß wir alle Probleme
lösen können? Nein, zumindest nicht direkt. Das
schwierigste europäische Sicherheitsproblem und das
herzzerreißendste humanitäre Problem stellt natürlich
Bosnien dar. Wir haben dieses Problem nicht gelöst,
es ist jedoch wichtig anzuerkennen, was bereits
getan wurde, denn Frankreich, die Vereinigten
Staaten, Großbritannien und andere haben im
Rahmen der Vereinten Nationen und der NATO
zusammengearbeitet. Schauen Sie auf das, was
getan wurde. Erstens wurden entschlossene und

Seite 3

�bislang erfolgreiche Bestrebungen zur Beschränkung
des Konflikts auf Bosnien unternommen, damit er
sich nicht zu einem größeren Balkankrieg ausweitet.
Zweitens hat die massivste Luftbrücke mit humanitären Gütern in der Geschichte Tausende von Menschenleben gerettet - ebenso wie die UNPROFORMission, bei der Frankreich einen großen Truppenbeitrag leistete.
Wir haben eine Ausweitung des Krieges auf den
Luftraum verhindert.
Es wurde ein Abkommen
zwischen den bosnischen Muslimen und den Kroaten geschlossen. Es wurden Fortschritte gemacht.
Was bleibt noch zu tun? Heute haben die Vereinten
Nationen durch ihren Beauftragten Akaschi einen
Vorschlag über die Einstellung der Kampfhandlungen für mehrere Monate vorgelegt. Die Vereinigten
Staaten unterstützen dieses Programm. Frankreich
unterstützt diesen Vorschlag. Wir müssen alles in
unserer Macht Stehende tun, um beide Seiten zu
seiner Annahme zu veranlassen.
Die Kontaktgruppe arbeitet an einer Landkarte, die
die Grundlage einer vollständigen und endgültigen
Einstellung der Kampfhandlungen dort darstellen
kann. Wir müssen alles uns Mögliche tun, um
dieses Abkommen zu sichern.
Letztlich dürfen wir auch nicht vergessen, was diese
Wahrscheinlichkeit erhöht hat: Rußland wurde in
den Prozeß zur Lösung dieser schrecklichen Krise
eingeschaltet, was bisher sehr positiv verlief und den
Weg zu einer Zukunft weist, in der wir vielleicht alle
zusammen eine Zeitlang an der Lösung von Problemen wie diesem arbeiten.
Wir brauchen Geduld. Wir müssen verstehen, daß
wir keine vollständige Kontrolle über die Ereignisse
in jeder Nation haben. Wir haben jedoch in Bosnien
Fortschritte erzielt und müssen das weiterhin tun:
Mit Geduld und Festigkeit weiterarbeiten, bis die
Arbeit getan ist. Das wird gelingen, wenn wir
zusammenbleiben und zusammenarbeiten können.
Die beste Möglichkeit zur Beibehaltung dieser Art
von Kooperation stellt die Unterstützung der allgemeinen europäischen Entwicklung dar. Diese
muß auch eine wirtschaftliche Dimension haben.
Wir müssen den Ländern Osteuropas bei ihrer Arbeit
beistehen, sich in den Kreis der prosperierenden
marktwirtschaftlichen Demokratien zu integrieren.
Das führt mich zum zweiten Element unserer Integrationsstrategie. Integration erfordert den erfolgreichen Übergang zu starken Volkswirtschaften in ganz
Europa.
Heute sehen sich die ehemals kommunistischen
Staaten einer beängstigenden Übergangszeit gegen-

Seite 4

über. Es muß unser Ziel sein, ihnen zum Erfolg zu
verhelfen - durch die Förderung marktwirtschaftlicher
Reformen, gezielte Hilfe bei der Privatisierung,
Verstärkung unserer Bande in den Bereichen Handel
und Investitionen. Dieses Verfahren verläuft unweigerlich langsam und natürlich nicht ohne Hindernisse.
Es hängt teilweise davon ab, was in diesen Ländern
geschieht. Wir waren Zeuge, wie Wähler in ehemals
kommunistischen Staaten ihre Stimme gegen Reformen und ihre Härten abgaben. Solange diese
Staaten jedoch demokratische Prozesse respektieren,
sollten wir nicht zu beunruhigt reagieren. Die Reformarbeit wird Jahre und Jahrzehnte erfordern.
Trotz einer Vielzahl von Problemen waren die Wirtschaftsreformen in Osteuropa immer noch beeindruckend. Mittlerweile sind 40 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Rußlands im Privatsektor beschäftigt, und 50 Millionen Russen haben Aktienanteile an im Privatbesitz befindlichen Unternehmen.
Im vergangenen Januar habe ich in Prag erklärt, der
Westen müsse solche Reformen durch die weitestgehende Öffnung unserer Märkte für solche Reformen
unterstützen. Denn wenn unsere neuen Freunde ihre
Produkte nicht exportieren können, exportieren sie
statt dessen vielleicht Instabilität, selbst gegen ihren
Willen.
Wir können auch andere Reformen unterstützen,
indem wir das Weltwirtschaftswachstum fördern. In
den vergangenen Jahren war einer der wichtigsten
Schritte zu diesem Ziel das neue GATT-Abkommen.
Es schafft Millionen Arbeitsplätze. Frankreich spielte
beim erfolgreichen Abschluß dieser Gespräche eine
absolute Schlüsselrolle. Ich bin mir bewußt, daß
diese Angelegenheit für Ihr Land sehr schwierig war.
Ich weiß, daß sie Staatskunst erforderte. Und ich
versichere Ihnen, daß diese Frage auch für die
Vereinigten Staaten nicht einfach war.
Es bleiben noch Fragen zu regeln. Nachdem wir
jedoch die Tür zu der weitreichendsten Handelsvereinbarung der Geschichte geöffnet haben, müssen
wir die Sache abschließen. Mein Ziel ist die Ratifizierung des GATT-Ankommens durch den amerikanischen Kongreß in diesem Jahr sowie im Rahmen
der G-7 eine Politik zur Belebung unserer Volkswirtschaften.
Wir haben uns in den G-7-Staaten darauf verständigt,
einander die schwierigen Fragen zu stellen: Was
können wir zur Förderung von Wirtschaftswachstum
und der Schaffung von Arbeitsplätzen unternehmen?
Welche Handelspolitik ist der Erwerbsbevölkerung
unserer Länder gegenüber fair? Wie können wir
Wirtschaftswachstum auf eine Weise fördern, die in
den ärmeren Ländern der Welt umweltverträgliches
Wachstum fördert, so daß sie nicht ihre Ressourcen

AMERIKA DIENST 23

�verschwenden und letztlich alle diese Bestrebungen
zum Scheitern verurteilt sind? Dies sind Fragen von
größter Bedeutung. Sie werden erstmals in einem
multilateralen Forum gestellt, was von großer Tragweite ist.
Ungeachtet dessen, wie wir mit Sicherheits- oder
Wirtschaftsfragen umgehen, muß unsere Mission
denselben Kern haben wie die vor einem halben
Jahrhundert an den Küsten der Normandie durchgeführte. Das ist Demokratie. Denn letztlich ist
Demokratie der Klebstoff, der Wirtschaftsreformen
und sicherheitspolitische Zusammenarbeit verkitten
kann. Aus diesem Grund muß unser drittes Ziel die
Konsolidierung der jüngsten demokratischen Errungenschaften Europas sein.
Dieses Ziel steht im Einklang mit den grundlegenden
Idealen unserer beiden Republiken. Schließlich
haben wir so angefangen. Es dient auch unseren
fundamentalen Sicherheitsinteressen, denn Demokratie ist ein machtvolles Abschreckmittel, das die
dunklen Ambitionen der Möchtegern-Tyrannen und
-Aggressoren eindämmt und die vielversprechenden
Hoffnungen freier Bürger respektiert.
Unsere beiden Nationen und andere Länder haben
gemeinsam große Anstrengungen zur Förderung der
Demokratie in den ehemals kommunistischen
Staaten unternommen. Der Fortschritt kommt nicht
über Nacht. Es wird Entwicklungen mit Hindernissen
geben, aber wir können bereits ermutigende und
bisweilen atemberaubende Resultate ausmachen.
Wir waren Zeuge, wie unabhängige Fernsehstationen gegründet wurden, wo früher nur die staatliche
Version der Wahrheit übertragen wurde. Wir sahen,
wie Tausende von Menschen aus der ehemals
kommunistischen Welt - Studenten, Bankiers,
Politiker - in unsere Länder kamen, um etwas über
die Ideen und den Umgang mit der Freiheit zu
lernen.
Wir konnten beobachten, wie neue Verfassungen
geschrieben und neue Staaten auf der Grundlage
der Prinzipien gegründet wurden, die unsere Republiken bei ihrer Geburt inspirierten. Letztlich müssen
wir demokratische Bande fördern - nicht nur innerhalb dieser ehemals kommunistischen Staaten,
sondern auch zwischen ihren und unseren Staaten.

*

AMERIKA DIENST 23

Die Nationen spechen in der Sprache der Demokratie
miteinander. Sie zeigt sich an der Art und Weise, in
der wir unsere Differenzen überbrücken, mit den
Bürgern anderer Länder umgehen und das Erbe der
anderen in Ehren halten. Es ist die Sprache, in der
unsere beiden Republiken seit mehr als 200 Jahren
miteinander sprechen. Es ist die Sprache, in der die
westlichen Alliierten während des Zweiten Weltkriegs
miteinander sprachen.
Jetzt haben wir die Chance, die Sprache der Demokratie auf diesem gesamten Kontinent zu hören.
Wenn wir dieses Ziel erreichen können, werden wir
denen aus unseren beiden Ländern einen großartigen
und dauerhaften Tribut zollen, die vor fünfzig Jahren
für die Freiheit kämpften und starben.
Nahezu 25 Jahre nach dem D-Day kehrte ein amerikanischer Veteran, der bei dieser Invasion als Stabsarzt tätig war, in die Normandie zurück. Er schlenderte die Omaha Beach entlang, an der er im Juni
1944 gelandet war, und ging dann zum nächstgelegenen Dorf. Dort klopfte er an eine ihm vertraut erscheinende Tür.
Eine Französin öffnete ihm, drehte sich dann plötzlich
um und rief ihrem Mann zu: "Er ist zurückgekommen. Der amerikanische Doktor ist wieder da."
Einen Augenblick später kam ihr Mann, in der Hand
eine mit Staub und Spinnweben bedeckte Weinflasche. "Willkommen, Herr Doktor!", rief er. "1944
haben wir diese Flasche für Ihre Rückkehr aufgehoben. Jetzt wollen wir feiern."
Dieses freudige Wiedersehen und feierliche Gedenken fand diese Woche überall statt - bei geplanten
und ungeplanten Begegnungen.
Während unser Volk alte Bande erneuert, wollen wir
die zeitlose Arbeit wiederaufnehmen, die uns hierhergebracht hat und unsere Vorfahren vor 200
Jahren zusammenführte - die Stärkung der Grundlagen der Freiheit und den Aufbau eines dauerhaften
Friedens für kommende Generationen.
Meines
Erachtens können wir das tun. Es ist der einzige und
letzte Tribut, den wir der aus dem Zweiten Weltkrieg
und den Ereignissen in der Normandie gelernten
Lektion zollen können.

* * *

*

Seite 5

�PARTNERSCHAFT

FÜR

FRIEDEN
15. Juni 1994

CHRISTOPHER: PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN
IST BEMERKENSWERTE LEISTUNG
Rede des Außenministers vor dem Nordatlantikrat
ISTANBUL - (AD) - Außenminister Christopher bezeichnete die Partnerschaft für den Frieden als
"bemerkenswerte Leistung" und fügte hinzu, der Vorschlag Präsident Clintons habe sich in nur fünf Monaten
"von einem bloßen Konzept zu einer funktionierenden Realität" gewandelt.
In einer Rede vor der Ministertagung des Nordatlantikrats am 9. Juni 1994 in Istanbul erklärte Christopher:
"Die Partnerstaaten engagieren sich aktiv im NATO-Hauptquartier in Brüssel und werden in Kürze im
Partnerschaft-Koordinationszentrum in Mons Seite an Seite mit den Militärplanern der NATO zusammenarbeiten."
Mit der Feststellung, die Friedenssicherungsmanöver der Partnerschaft für den Frieden würden in diesem Jahr
aufgenommen, erläuterte der Außenminister: "Stellen Sie sich vor - Truppen, die sich im Kalten Krieg ein
halbes Jahrhundert feindlich gesinnt gegenüberstanden, kommen jetzt bei gemeinsamen Manövern
zusammen."
Christopher verwies ferner darauf, daß der Rat die Beziehungen der NATO zu den Nationen im Osten erörtere
und dabei "Rußland eine prominente Rolle in unseren Überlegungen spielen" wird. Die Zusammenarbeit
zwischen der NATO und Rußland bei der Eindämmung von nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen
würde unsere gemeinsamen Interessen voranbringen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Ich danke Ihnen. Es ist eine Freude, wieder im
Nordatlantikrat zusammenzukommen. Ich möchte
unseren türkischen Gastgebern unseren Dank für
diesen beeindruckenden Tagungsort am Ufer des
Bosporus aussprechen und auch unseren verehrten
Stellvertretenden Generalsekretär Sergio Balanzino
nicht unerwähnt lassen, der die Diskussion leiten
wird.
Unsere Gedanken weilen heute auch bei Generalsekretär Wörner. Präsident Clinton und ich übermitteln
unsere besten Wünsche für Manfreds vollständige
und rasche Genesung. Seine Stärke, Widerstandskraft und sein Mut sind uns allen ein Beispiel. Sein
Beitrag zur Erneuerung dieses Bündnisses war
bemerkenswert.
In der vergangenen Woche hat Präsident Clinton - in
Italien, Großbritannien und Frankreich - erneut das
unerschütterliche Engagement der Vereinigten
Staaten für Europa unterstrichen. Am Dienstag hat
Präsident Clinton vor der französischen Nationalversammlung unsere gemeinsame strategische Heraus-

AMERIKA DIENST 23

forderung beim Aufbau eines stärkeren und besser
integrierten Europa auf der Grundlage von Sicherheitszusammenarbeit, Marktwirtschaften und demokratischen Institutionen dargelegt.
Der Präsident wird seine Vision eines umfassenderen
Europa bei seinen Reisen nach Italien, Deutschland
und Polen im nächsten Monat bekräftigen. Während
das hoffnungsvollste Kapitel der europäischen
Geschichte geschrieben wird, werden die Vereinigten
Staaten weiterhin Seite an Seite mit den Menschen
eines ungeteilten, demokratischen Kontinents stehen.
In der vergangenen Woche erneuerte Präsident
Clinton sein beim Gipfeltreffen in Brüssel abgegebenes Versprechen zur Beibehaltung von rund 100.000
amerikanischen Soldaten in Europa. Er bekräftigte,
daß unser politisches Engagement weiterhin durch
unsere militärische Präsenz verstärkt wird. Unsere
Präsenz ist nach wie vor zum Schutz der vitalen
amerikanischen und europäischen Interessen erforderlich.

Seite 1

�Das NATO-Bündnis wird weiterhin das Kernstück
des amerikanischen Engagements in Europa und
der europäischen Sicherheit bilden. Seit dem
Ministertreffen im Juni letzten Jahres in Athen haben
wir unsere Bestrebungen zur Verstärkung der transatlantischen Bande erneuert, die von der NATO
verkörpert werden. Während wir die beim Gipfel
getroffenen bahnbrechenden Entscheidungen umsetzen, gestalten wir das Bündnis um, damit die Sicherheitserfordernisse der Welt nach dem Kalten
Krieg bewältigt werden können.
Die Bedrohung heute ist nicht eine Invasion aus dem
Osten, sondern Instabilität im Osten. In Mitteleuropa
konsolidieren neue demokratische Marktwirtschaften
die Freiheit und zeigen vielversprechende Anzeichen
von Wirtschaftswachstum. Aber in vielen aus dem
sowjetischen Imperium hervorgegangenen Ländern
steht die Demokratie noch auf tönernen Füßen.
Demagogen setzen auf ethnische Spaltung und
Vertreibung ethnischer Minderheiten, um Aggression
zu schüren. Unkontrolliert werden diese Spannungen die Fortschritte der Region zu Reformen vereiteln und letztlich die umfassendere Sicherheit
Europas gefährden.
Wie Präsident Clinton in seiner Rede im Januar in
Brüssel feststellte: "Diese Zeit entscheidet vielleicht,
ob die Nachfolgestaaten der Sowjetunion in das
Gefüge des transatlantischen Wohlstands und der
Sicherheit eingegliedert oder aber isoliert und im
Stich gelassen werden." Wir müssen die sich uns
bietende Chance ergreifen, damit die Demokratien
stabile Partner bei der Sicherheit und im Handel
werden können.
Beim Gipfeltreffen in Brüssel setzte das Bündnis
zwei zentrale, sich gegenseitig verstärkende Ziele
fest. Das erste war der Entwurf flexiblerer Kommandostrukturen und die Inangriffnahme neuer
Sicherheitsbedrohungen wie die Weiterverbreitung
von Waffen. Das zweite historische Ziel war die
Vertiefung unserer Bande mit den aufstrebenden
Demokratien im Osten. Wir haben sie zur Beteiligung an einem breiten Spektrum politischer und
militärischer Aktivitäten mit Mitgliedern des Bündnisses eingeladen, wodurch der Weg zu einer möglichen Erweiterung des Bündnisses geebnet wird.
Wir haben bei diesen beiden Zielen Fortschritte
gemacht. 1994 war in der Tat ein Jahr von enormer
Bedeutung für das Bündnis.
Zur Erlangung des ersten Ziels verbesserter Effektivität hat die NATO wichtige Entscheidungen zur
Unterstützung der Bestrebungen der Verbündeten
getroffen, um eine fähigere europäische Sicherheitsund Verteidigungsidentität zu entwickeln. Diese

Seite 2

Identität sollte die öffentliche Unterstützung in Europa
für die Erfüllung der europäischen Verpflichtungen
und Verantwortungsbereiche aufrechterhalten und
erweitern und unsere kollektive Fähigkeit zur Reaktion auf künftige Sicherheitserfordernisse stärken.
Sie sollte auch die transatlantischen Beziehungen
verstärken. Wir blicken weiterhin auf unsere Verbündeten für eine ausgewogenere Aufteilung der
Verantwortung.
Eine weitere wichtige beim Gipfeltreffen getroffene
Entscheidung zur Verwirklichung des ersten Ziels war
die Gründung alliierter Streitkräftekommandos (Combinded Joint Task Forces - CJTF). Wir haben bei der
Umsetzung dieses innovativen Konzepts einen
vielversprechenden Anfang gemacht. Unser Ziel ist
nach wie vor die Erneuerung des Bündnisses und die
Stärkung der Westeuropäischen Union (WEU). Wir
hoffen, daß die Bestrebungen in der NATO und der
WEU uns zu konkreten Entscheidungen über die
alliierten Streitkräftekommandos beim Ministertreffen
im Dezember in die Lage versetzen.
Als Teil der Förderung des Ziels, die Effektivität des
Bündnisses zu verbessern, unternehmen wir wichtige
Schritte zur Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme. Die
NATO muß diese Bedrohung in Angriff nehmen,
sowohl um andere internationale Bestrebungen zu
ergänzen als auch um unser feierliches Versprechen
einzulösen, die Sicherheit der Bündnispartner zu
schützen.
Ich bin erfreut über die rasche Arbeit der infolge
dieser Initiative gegründeten Hochrangigen PolitischMilitärischen und Verteidigungsgruppen. Wir werden
diese Fortschritte heute durch die Verabschiedung
des politischen Rahmens des Bündnisses für Nichtverbreitung konsolidieren. Dieser Rahmen bildet die
politische Grundlage für die Verbesserung der
Fähigkeiten des Bündnisses zum Schutz vor der
Androhung oder dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen.
Die Verteidigungsgruppe hat der
Prüfung der Bedrohungen, der Verteidigungsplanung,
militärischen Doktrin und Fähigkeiten zugestimmt.

Zur Erlangung des zweiten Ziels war die beim NATOGipfel erzielte bedeutendste Entscheidung die Schaffung der Partnerschaft für den Frieden. Die von
Präsident Clinton vorgeschlagene und vom Bündnis
verabschiedete Partnerschaft für den Frieden bezieht
den Osten mit ein, um die neuen Demokratien zu
kräftigen und die europäische Sicherheit zu stärken.
In nur fünf Monaten konnten wir eine bemerkenswerte Entwicklung beobachten: Die Partnerschaft hat
sich von einem bloßen Konzept zu einer funktionierenden Realität, einer Reihe konkreter Beziehungen
gewandelt. 20 Länder sind beigetreten. Ich möchte

AMERIKA DIENST 23

�zwei der zahlreichen von uns bisher für das Funktionieren der Partnerschaft unternommenen Schritte
besonders hervorheben.
Erstens engagieren sich die Partnerstaaten aktiv im
NATO-Hauptquartier in Brüssel und werden in Kürze
im Partnerschaft-Koordinationszentrum in Mons Seite
an Seite mit den Militärplanern der NATO zusammenarbeiten. Das bisher Unvorstellbare wird allmählich zur Routine.
Zweitens werden wir den beim Gipfeltreffen geäußerten Appell zur Aufnahme von Friedenssicherungsmanövern im Jahr 1994 erfüllen. Diese Manöver stehen für einen bemerkenswerten Umbruch.
Stellen Sie sich vor - Truppen, die sich im Kalten
Krieg ein halbes Jahrhundert feindlich gesinnt
gegenüberstanden, kommen jetzt bei gemeinsamen
Manövern zusammen.
Im kommenden Herbst werden die Niederlande eine
Geländeübung veranstalten und Polen wird auf dem
Boden eines Partnerlandes das erste Manöver
abhalten. Der Oberste Alliierte Befehlshaber Atlantik
(SACLANT) veranstaltet im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden eine maritime Übung, die vor
Ende des Jahres stattfinden wird. Darüber hinaus
werden die Vereinigten Staaten sowie andere Verbündete und Partner bereits geplante Manöver zur
Förderung der Ziele der Partnerschaft für den
Frieden nutzen. Wir erwarten mindestens 14 derartige Aktivitäten vor Ende des Jahres. Wir entwikkeln ferner einen umfangreichen Manöverplan für
1995.
Diese Übungen von NATO-Einheiten mit ihren
ehemaligen Gegnern werden eine deutliche Botschaft aussenden, daß die alte Ost-West-Teilung
Europas tot ist. Dies sind reale, konkrete Schritte zu
dem integrierten und gestärkten Europa, das Präsident Clinton beim Gipfeltreffen und erneut in der
vergangenen Woche forderte.
Wir werden die Partner auch in zahlreiche Ausschuß- und Trainingsaktivitäten der NATO einbeziehen. Die Mitglieder des Bündnisses und die Partner
werden gemeinsam praktische Mittel für die Bewältigung der neuen Bedrohungen der regionalen Sicherheit entwickeln. Nichtmitgliedstaaten der NATO
können sich mit gewohnheitsmäßiger Kooperation
wie Verteidigungsplanung vertraut machen, die der
Lebensnerv des Bündnisses ist.
Wir verpflichten uns zur Erweiterung der NATO.
Effektive Kooperation ist ein entscheidender Schritt
bei der Vorbereitung der Partner für die NATOMitgliedschaft. Ich möchte heute unterstreichen, was
der Präsident den osteuropäischen Staats- und

AMERIKA DIENST 23

Regierungschefs gegenüber im Januar in Prag
äußerte: "Die Partnerschaft verändert die gesamte
Diskussion innerhalb der NATO über die Erweiterung
der NATO-Mitgliedschaft. Die Frage lautet jetzt nicht
länger, ob das Bündnis neue Mitglieder aufnehmen
wird, sondern vielmehr wann und wie."
Herr Stellvertretender Generalsekretär, bei unserer
Erörterung der Beziehungen der NATO zu den
Nationen im Osten wird Rußland eine prominente
Rolle in unseren Überlegungen spielen. Rußland
vollzieht einen schwierigen Übergang, der tiefgreifende Auswirkungen für die gesamte Welt haben wird.
Welchen Kurs die innenpolitische Evolution auch
nehmen wird - Rußland ist und bleibt ein lebenswichtiger Akteur bei europäischen Sicherheitsbelangen. Es liegt in unserem - und Rußlands - Interesse,
eine umfassende und konstruktive Interaktion zwischen der NATO und Rußland zu entwickeln. Die
Partnerschaft für den Frieden ist von zentraler
Bedeutung für diesen Prozeß.
Wir begrüßen Verteidigungsminister Gratschows
jüngste Äußerung, daß Rußland sich ohne Einschränkungen an der Partnerschaft für den Frieden beteiligen wird. Wie die NATO erklärt hat, wird jeder
Partner das gleiche Rahmenabkommen unterzeichnen. Aber jeder Partner wird sein eigenes Präsentationsdokument erarbeiten und jeder sein eigenes,
unabhängiges Partnerschaftsprogramm entwickeln.
Zweifelsohne hat Rußland beachtliche Fähigkeiten

und inhärente Stärken, auf die wir bei der Erarbeitung
eines Partnerschafts-Kooperationsprogramms zurückgreifen können, das den Interessen der Partnerschaft
für den Frieden dient und die Sicherheit Europas
erweitert.
Gleichzeitig bieten Rußlands Größe, umfassende
Interessen, Ressourcen und militärische Fähigkeiten
die Grundlage für produktive Beziehungen zur NATO
zusätzlich zu der Partnerschaft für den Frieden.
Entsprechend gestaltet und umgesetzt, können diese
Beziehungen den Interessen aller europäischen
Länder dienen. Vor kurzem haben wir Minister
Gratschow im NATO-Hauptquartier zu einer außerordentlich fruchtbaren Sitzung begrüßt. Wo Rußland
einen konstruktiven Beitrag leisten kann und will,
wären periodische Konsultationen und praktische
Zusammenarbeit außerhalb der Partnerschaft für den
Frieden natürlich und von gegenseitigem Vorteil.
Die nuklearen Fähigkeiten Rußlands bilden beispielsweise eine offensichtliche Grundlage für einen Dialog
über Nukleartragen wie die sichere und geschützte
Zerlegung von Waffen. Die Kooperation zwischen
der NATO und Rußland zur Eindämmung der Verbreitung von nuklearen und anderen Massenver-

Seite 3

�nichtungswaffen würde unsere gemeinsamen Interessen voranbringen.
Die europäischen Staaten könnten natürlich auch
Interessen oder Fähigkeiten besitzen, die "Sechzehn-plus-Eins"-Konsultationen oder die Zusammenarbeit mit ihnen außerhalb der Partnerschaft für den
Frieden gegebenenfalls rechtfertigen. Wir sollten
diese Möglichkeiten befürworten.
Bilaterale Beziehungen zwischen Rußland und den
einzelnen Verbündeten ergänzen Rußlands Beziehungen zur NATO. Die Vereinigten Staaten und die
anderen Verbündeten entwickeln eine bilaterale
politische und militärische Zusammenarbeit, die die
Arbeit des Bündnisses ergänzen wird.
Ich möchte mich jetzt kurz zwei bedeutenden Fragen
zuwenden, die weitreichende Konsequenzen für die
Beziehungen Rußlands zur NATO und den generellen Kurs der europäischen Sicherheit haben.
Erstens hängt die Stabilität Europas von der Respektierung der Souveränität, Unabhängigkeit und
territorialen Integrität aller Staaten ab, die aus dem
sowjetischen Imperium hervorgegangen sind. Wir
sind uns Rußlands berechtigter Sorgen in dieser
Region bewußt, haben jedoch klargestellt, daß kein
Land das Recht zur Übernahme einer Rolle hat, die
nicht mit den internationalen Normen in Einklang
steht.
Ein zweites Schlüsselelement der Stabilität und
Sicherheit Europas ist der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa. Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich zur Aufrechterhaltung der Integrität
des Vertrags auf lange Sicht. Wir begrüßen die
Erörterung aller Fragen bezüglich der Implementierung unter den Signatarstaaten des KSE-Vertrags in
dem von dem Vertrag geschaffenen Forum - der
Gemeinsamen Wiener Konsultativgruppe.
Ein bedeutender Bereich, in dem Rußland und die
Mitglieder des Bündnisses produktiv zusammengearbeitet haben, ist die Herbeiführung von Frieden
im ehemaligen Jugoslawien. Dieses Bündnis - in
der Tat alle mit der Zukunft Europas und den Normen der humanitären Würde befaßten Nationen sind weiterhin zutiefst besorgt über die andauernden
Kämpfe in Bosnien. Dieser brutale und tragische
Konflikt - die grausamsten Kämpfe in Europa seit
1945 - schreit nach einer Lösung.
Wir sind nach wie vor der Überzeugung, daß dieser
Konflikt nur durch Verhandlungen gelöst werden
kann. Wir wissen, daß die NATO keine Lösung
aufzwingen kann. Seit unserem letzten Treffen hat
die NATO die Bestrebungen der Vereinten Nationen
unterstützt, Frieden für das ehemalige Jugoslawien

Seite 4

herbeizuführen. Unsere Bemühungen haben zweifelsohne das Ausmaß an Gewalt und Zerstörung
verringert. Das NATO-Ultimatum vom 9. Februar hat
den Beschuß Sarajevos beendet. Wir haben die
Flugverbotszone über Bosnien durchgesetzt. Die
Entscheidung der NATO vom 22. April beendete die
brutalen Angriffe auf Zivilisten in Gorazde. Wir alle
erkennen die Führungsrolle der italienischen Regierung bei der Bereitstellung von Stützpunkten für
Operationen der Alliierten bei diesem lebenswichtigen
Unternehmen an.
Diese und frühere Aktionen der NATO - einschließlich
der Durchsetzung von Sanktionen - demonstrieren
unsere Fähigkeit, als 16 Verbündete schwierige
Entscheidungen zu treffen.
Die entschlossenen
Aktionen der NATO beweisen, wie Präsident Clinton
es formulierte, daß das Bündnis "in der Zeit nach
dem Kalten Krieg immer noch eine glaubwürdige
Kraft für Frieden sein kann". Diese Aktionen bieten
den Vereinten Nationen weiterhin entscheidende
Unterstützung und retten das Leben Unschuldiger.
Die NATO hat in Bosnien unter Beweis gestellt, daß
sie die einzige internationale Institution mit dieser
Fähigkeit ist.
Wir befinden uns jetzt an einem entscheidenden
Punkt unserer Bemühungen um eine Verhandlungslösung. Gemeinsam haben die Europäische Union,
die Vereinten Nationen, Rußland und die Vereinigten
Staaten gute Fortschritte bei der Zusammenstellung
eines territorialen Vorschlags erzielt, der unseres
Erachtens als vernünftige Basis für eine Lösung
dienen könnte. Unsere Hoffnung ist, daß dieser
Vorschlag von beiden Seiten akzeptiert wird und das
gestrige Waffenstillstandsabkommen ein Schritt zur
landesweiten Einsteilung der Feindseligkeiten ist.
Wenn diese Bestrebungen Erfolg haben, können wir
unsere Aufmerksamkeit und Ressourcen der Aufgabe
zuwenden, ein Friedensabkommen durchzusetzen
und das vom Krieg erschütterte Bosnien wiederaufzubauen. Wir müssen jedoch davon ausgehen, daß
die für den Frieden erforderlichen Kompromisse nicht
leicht erzielt werden. Das Bündnis muß wie bisher
zur Unterstützung des diplomatischen Prozesses
bereit stehen. Und die NATO muß sich weiterhin für
diese Bestrebungen engagieren.
Die internationale Staatengemeinschaft - und insbesondere die NATO - sind mächtige Kräfte, die zur
Lösung dieses Konflikts beitragen. Wir müssen
dabeibleiben, bis die Arbeit vollendet ist. Wir können
den Konflikt eindämmen. Wir können die Gespräche
erleichtern. Wir können bei der Erarbeitung von
Lösungen behilflich sein. Wir können die zur Verwirklichung des endgültigen Abkommens erforderlichen Streitkräfte bereitstellen.
Und ich möchte
ausdrücklich die Verpflichtung der Vereinigten Staa-

AMERIKA DIENST 23

�lebenswichtigen

Ländern zu intensivieren. Die OECD unterzeichnete
auch ein Kooperationsabkommen mit Rußland.

Der Krieg in Bosnien ist weiterhin eine schwerwiegende Bedrohung unseres Ziels eines integrierten
Europa. Er droht andere, noch instabile Demokratien in einen größeren Krieg einzubeziehen. Und
gewalttätiger Nationalismus unterminiert die Sicherheit aller europäischen Nationen.

Wir setzen uns für die Ausweitung der Wirtschaftsinstitutionen nach Osten ein, weil wir uns bewußt
sind, daß das Streben nach Sicherheit in Europa
nicht allein den Sicherheitsinstitutionen überlassen
werden kann. Es muß auch auf dem politischen und
wirtschaftlichen Wiederaufbau der neuen demokratischen Nationen ruhen.
Unsere Erfahrungen in
Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg lehrten uns,
daß wirtschaftliche Integration unabdingbar zur
Verankerung der Stabilität in Nationen ist, die sich im
Wiederaufbau befinden. Aus diesem Grund müssen
wir die verbliebenen Handelsschranken abbauen, die
Exporte des Ostens und sein Potential für dauerhaftes Wachstum behindern.

ten zur Beteiligung an dieser
Aufgabe bekräftigen.

Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zu größerer
Integration aller europäischen Demokratien - Ost und
West. Wir sind entschlossen, die Vorteile - und
Pflichten - der gleichen liberalen Handels- und
Sicherheitsordnung auf den Osten auszuweiten, die
Säulen der Stärke für den Westen waren. Dies ist
der beste Weg zur Sicherstellung der Vorteile der
Demokratie im Osten. Dies ist der beste Weg zu
gewährleisten, daß niemals wieder ein größerer
Krieg Europa verschlingt.
Gestern waren viele von uns anwesend, als die
OECD in Paris die Entscheidung zur Aufnahme der
Verhandlungen über die Mitgliedschaft mit den
Visegrad-Ländern traf. Wir beschlossen, die OECDAktivitäten in anderen mittel- und osteuropäischen

*

AMERIKA DIENST 23

Mit dem Ende des Kalten Krieges müssen die Türen
des Westens offen für offene Gesellschaften und
offene Märkte im Osten sein. Mit der größeren
Reichweite der NATO und von Organisationen wie
der OECD, EU und dem GATT werden wir den
Wohlstand eines ungeteilten Europa mehren und die
Sicherheit stärken, die dieses Bündnis weiterhin
erhält.

* * *

*

Seite 5

�WIRTSCHAFT
15. Juni 1994

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Ron Brown vor der American Chamber of Commerce
Düsseldorf - (AD) - Am 9. Juni 1994 bezeichnete der amerikanische Wirtschaftsminister Ron Brown in
Düsseldorf vor der American Chamber of Commerce in Germany die Förderung von Wirtschaftswachstum
"in den neunziger Jahren und im 21. Jahrhundert" als Grundlage der Wirtschaftsstrategie der ClintonAdministration. Brown nannte Deutschland den wichtigsten Markt für die Stärkung der amerikanischen
Wirtschaftspräsenz in Europa und die Initiative Showcase Germany die Vorhut eines dramatischen
Wachstums amerikanischer Wirtschaftsaktivitäten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Wirtschaftsminister Brown.

Meine Damen und Herren, es ist mir eine Freude
und eine Ehre, hier sein zu dürfen. Die American
Chamber of Commerce in Germany spielt bei der
Stärkung der engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
eine führende Rolle.
Im Rahmen dieser engen Beziehungen besteht
jedoch ein starker und andauernder Wettbewerb, bei
dem es um Millionen von Arbeitsplätzen und Milliarden Dollar geht. Die Gesundheit, die Wettbewerbsfähigkeit und der Wohlstand multinationaler Unternehmen sind für eine gesunde Binnenwirtschaft
unserer beiden Nationen von grundlegender Bedeutung.
Ich werde heute darüber sprechen, wie die USRegierung meiner Ansicht nach - im Gefolge von
vielleicht erfahreneren Handelsnationen wie beispielsweise Deutschland - enger mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten kann um sicherzustellen,
daß amerikanische Unternehmen effizienter arbeiten
und auf der internationalen Bühne mehr Erfolg
haben.
Zunächst einmal möchte ich betonen, daß es für
mich keine Frage ist, daß Sie - als Mitglieder der
amerikanischen und deutschen Wirtschaft - Vertreter
der wettbewerbsfähigsten, fortschrittlichsten und
erfolgreichsten Unternehmen der Welt sind.

AMERIKA DIENST 23

Diese Attribute alleine garantieren noch keinen
Absatz und Wachstum.
Ein günstiges Umfeld und die aktive Unterstützung
des öffentlichen Sektors können selbst den wettbewerbsfähigsten Unternehmen enormen Auftrieb
geben.
Der öffentliche Sektor kann niemals den Privatsektor
verdrängen. Wir können und sollten jedoch Ihr
Partner werden: Eine kräftige Stimme für freien und
fairen Handel, ein Partner bei der strategischen
Planung, der Trends verzeichnet und entstehende
Sektoren und Märkte anvisiert und ein wirklicher
Fürsprecher, wenn Fürsprache hilfreich sein könnte.
Zur Zeit wird die Aufgabe, amerikanische Unternehmen hier und auf der ganzen Welt zu unterstützen, durch eine politische Auseinandersetzung in
unserem Land über die Abkommen der UruguayRunde erschwert. Ich bin zuversichtlich, daß wir die
Zustimmung erhalten. Besorgt bin ich jedoch angesichts einer Parallele zwischen dieser Debatte und
derjenigen, die die Annahme des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zu einem so
mühsamen Unterfangen machte: Wohin man schaut,
rüsten sich die Gegner zum Kampf.
Man sieht jedoch nicht, daß diejenigen, die um die
Bedeutung einer Annahme des aus der UruguayRunde hervorgegangenen Abkommens wissen,

Seite 1

�ebenfalls Vorbereitungen treffen, um zurückzuschlagen.
Im vergangenen Jahr exportierten amerikanische
Unternehmen Güter und Dienstleistungen im Wert
von 19 Milliarden Dollar nach Deutschland - und im
Wert von 120 Milliarden Dollar nach Europa als
Ganzes. Zwei Millionen amerikanischer Arbeitsplätze hängen vom Handel mit Europa ab - und zwei
Millionen Familien benötigen das GATT, um die
Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren und ihre
Hypotheken abzahlen zu können. Allein der Absatz
von in Deutschland angesiedelten Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen bewegt sich
jährlich in der Größenordnung von nahezu 200
Milliarden Dollar. Hierher stammen die Milliarden
Dollar an Dividenden aus Aktienbesitz, die Rentenfonds oder die F&amp;E-Ausgaben, die die nächste
Produktgene ratio n und Profite hervorbringen.
Es steht viel auf dem Spiel. Wir brauchen Ihre Hilfe,
um unserer Botschaft Gehör zu verschaffen.
Die Wirtschaftsstrategie der Clinton-Administration
beruht auf einer einzigen, einfachen Annahme: Die
Förderung von Wirtschaftswachstum in den neunziger Jahren und im 21. Jahrhundert bedeutet, uns
den immer schnelleren Wandel in der uns umgebenden Welt zu eigen zu machen, anstatt sich ihm zu
widersetzen.
Dieses Jahr führten mich meine Dienstreisen in ein
kapitalistisches Rußland, zur Amtseinführung eines
Präsidenten schwarzer Hautfarbe nach Südafrika,
und nach den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50.
Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie in ein geeintes Deutschland, das in Kürze
die Präsidentschaft der Europäischen Union übernehmen wird. Das ist atemberaubend. Diese
Ereignisse demonstrieren, daß es nicht nur nutzlos,
sondern sogar schädlich ist, sich gegen Wandel zu
sträuben.
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert finden bei
den deutsch-amerikanischen Beziehungen dramatische Veränderungen statt. Der ehemalige Grundstein eines multinationalen, auf die Eindämmung des
Kommunismus abzielenden Militärbündnisses muß
jetzt Mittelpunkt multinationaler Handelsbeziehungen
werden, welche die Vorteile des Kapitalismus ganz
Europa zugänglich machen.
Das US-Wirtschaftsministerium erfüllt unsere Bestrebungen in den neuentstehenden großen Märkten China, Indien, Polen und Türkei - mit neuem Leben.
Deutschland mit seinen engen Beziehungen zu
Mittel- und Osteuropa sowie Rußland und den
Neuen Unabhängigen Staaten (NUS) kann und muß

Seite 2

bei der Unterstützung des Übergangs dieser Nationen
zu Demokratie und Marktwirtschaft eine Schlüsselrolle
spielen.
Wir in den Vereinigten Staaten bemühen uns um ein
Gleichgewicht zwischen unserem Streben nach
Innovation und erneuter Konzentration auf den
Handel - ebenso wie Europa und Japan, die heute
den Großteil des Welthandels abwickeln.
In Zeiten beschleunigten Wandels und der Unsicherheit ist eine starke und verläßliche Partnerschaft
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
gleichermaßen ermutigend und vorteilhaft. Unsere
Regierungen und unsere Unternehmen sind - aufgrund langjähriger Erfahrung und Bündnisse - in der
Lage, über vorübergehende Unstimmigkeiten hinaus
langfristig zu handeln, um eine für beide Seiten
vorteilhafte Freundschaft zu stärken und zu vertiefen.

*

Meines Erachtens wird eine wachsende Superstruktur
von Lizensierungen, Joint Ventures und F&amp;D-Abkommen zwischen amerikanischen und deutschen
Unternehmen beide Nationen stärker in die Lage
versetzen, die Chancen des 21. Jahrhunderts auf
diesen neuentstehenden und im Übergang befindlichen Märkten zu ergreifen.
Trotz einer rezessionsbedingten Wachstumslücke bei
unserer bilateralen Handelsbilanz war Deutschland
der fünftgrößte Handelspartner der Vereinigten
Staaten und unser zweitgrößter Partner in Europa.
Der Handel zwischen unseren beiden Ländern belief
sich 1993 auf 48 Milliarden Dollar. Die Vereinigten
Staaten und Deutschland wetteifern jährlich um den
Titel der größten Exportnation der Welt.
Deutschland wurde tatsächlich als wichtigster Markt
für die Stärkung der amerikanischen Wirtschaftspräsenz in Europa ausgewählt. Ich möchte jetzt kurz
auf das Modell Showcase Germany eingehen.
Showcase Germany wird hier und in ganz Europa
die Vorhut eines dramatischen Wachstums amerikanischer Wirtschaftsaktivitäten bilden.
Eine der Säulen von Showcase Germany ist die
Wiedereröffnung des amerikanischen Generalkonsulats als American Business Center. Das Dusseldorfer American Business Center wird sich auf
Wirtschaftsaktivitäten und die Förderung des Handels
konzentrieren, insbesondere auf den wachsenden
Messen in Köln, Essen und Düsseldorf.
Düsseldorf, die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens, ist
der Anker einer Region, in der ein Fünftel des gesamten deutschen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet
wird.

AMERIKA DIENST 23

'

�Dieses Gebiet fördert die Aktivitäten von 600 amerikanischen Unternehmen. Ferner ist dort die zweithöchste Konzentration japanischer Firmen außerhalb
Japans zu finden, und somit wurden der Generalkonsul und seine Stellvertreterin teilweise aufgrund
ihrer Asienerfahrungen sowie ihres europäischen
Hintergrunds ausgewählt.
Angesichts des geplanten Umzugs der US-Botschaft
nach Berlin hält die Wiedereröffnung des Konsulats
die amerikanische Präsenz in einer wirtschaftlich
lebenswichtigen Region aufrecht und betont erneut
die Bedeutung, die wir den deutsch-amerikanischen
Beziehungen in der Zeit nach dem Kalten Krieg
beimessen.

nische Präsenz bei den großen deutschen Messen aufbauen und eine größere Zahl europäischer
Käufer anziehen, die auf dem Messegelände
Kontakt zu den amerikanischen Ausstellern
knüpfen.
In Zusammenarbeit mit dem deutschen Wirtschaftsminister errichten wir mehrere Handelsund Investitionsmissionen in den neuen Bundesländern - einer Region, die von amerikanischen
Wirtschaftsvertretern oftmals übersehen wird.

Angesichts der Bedeutung dieser Aufgabe haben wir
den neuen Generalkonsul aus den Reihen der
Handelsabteilung im US-Wirtschaftsministerium
(Foreign Commercial Service - FCS) ausgewählt:
Wir entschieden uns für Thomas "Lee" Boam.

Im September veranstaltet Botschafter Holbrooke
in Berlin eine Konferenz "Neue Traditionen", an
der ich gerne teilnehmen möchte. Vertreter der
deutschen und amerikanischen Wirtschaft werden
die Zukunft der bilateralen Geschäfts- und Wirtschaftsbeziehungen erörtern. Die für den 8. bis
10. September anberaumte Konferenz fällt zeitlich
mit den Feierlichkeiten aus Anlaß des Abzugs der
Berlin Brigade zusammen.

Lee hat viel Zeit in Deutschland verbracht, und viele
von Ihnen haben ihn sicher während seiner zehnjährigen Tätigkeit für den Foreign Commercial Service
in Stuttgart, Frankfurt und Berlin kennengelernt. Wir
haben ihn gebeten, seinen derzeitigen Posten in
Hongkong frühzeitig zu verlassen, um diese Herausforderung anzunehmen.

Wir gestalten die Präsenz der US-Regierung in
Europa effektiver, um Ihnen stärkere Unterstützung
anbieten zu können. Botschafter Holbrooke hat alle
Mitarbeiter der US-Botschaft angewiesen, wie Wirtschaftsbeamte zu handeln und zu denken und Hand
in Hand mit den acht Büros des Foreign Commercial
Service in Deutschland zu arbeiten.

Ein neues American Business Center ist jedoch
nur ein Teil unserer umfassenden Bemühungen um
eine Partnerschaft. Showcase Germany wird auf
zwei Gleisen Fortschritte machen:

Marktchancen als Ergebnis politischer Initiativen: Auf den Gebieten, auf denen durch die
Liberalisierung des deutschen und europäischen
Marktes und die Deregulierung protektionistische
Hemmnisse abgebaut werden, unterstützen wir
amerikanische Unternehmen durch Frühwarnprogramme und Fürsprache für amerikanische
Bewerber bei größeren Projektausschreibungen.
Für Deutschland scheinen Telekommunikation,
Energie und Umwelt die vielversprechendsten
Sektoren zu sein.

Erstens wollen wir das Profil amerikanischer Unternehmen verbessern, die in Deutschland tätig werden
wollen - wir machen amerikanische Verkäufer und
deutsche Abnehmer miteinander bekannt und
überlassen ihnen alles weitere.
Zweitens unterstützen wir amerikanische Unternehmen durch eine Vielzahl von Dienstleistungen,
Daten und Empfehlungen.
Wir haben eine Reihe von Initiativen zur Förderung
von Kontakten zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmen eingeleitet:
Die Initiative Hauptkunden wird deutsche Abnehmer mit einer größeren Auswahl amerikanischer Technologie bekannt machen, insbesondere mit dem Angebot kleinerer, in Deutschland
noch nicht so bekannter Unternehmen.
Ferner haben wir großes Interesse an der Initiative Showcase Germany auf Handelsmessen, durch die wir auf die bereits starke amerika-

AMERIKA DIENST 23

Im Januar wurde in Frankfurt das erste gemeinsame Business Information Center des Foreign
Commercial Service und des US-Informationsamts
(United States Information Service - USIS) eröffnet, um an einem Ort erleichterten Zugang zu
Wirtschafts- und Handelsdienstleistungen zu
gewähren. Weitere Business Information Centers existieren in Berlin, Köln, Hannover und
München; für Hamburg, Leipzig und Stuttgart ist
ihre Eröffnung geplant.
Wirtschaftsförderung durch die Konsulate:
Konsularbeamte in Deutschland fördern jetzt
durch ihre Kontakte mit Antragstellern für Wirtschafts- und Investitionsvisa die Wirtschaftsinteressen der Vereinigten Staaten. In den Konsular-

Seite 3

�abteilungen in Bonn, Berlin, Frankfurt, Hamburg
und München wurden Business InformationStellen eingerichtet.
Im September konsolidiert die US-Regierung ihre
Unterstützung im landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich in Hamburg. Wir hoffen,
daß die gemeinsame Ansiedlung von Wirtschaftsund Landwirtschaftsbeamten einen synergetischen Effekt bei der Erhöhung von Exporten in
dieser bedeutenden norddeutschen Stadt haben
wird.
Das Programm Showcase Germany ist jedoch in
vielerlei Hinsicht nur die Spitze des Eisbergs - ein
kleiner Teil der politischen Initiativen der ClintonAdministration zur Förderung von Geschäftsabschlüssen und Exporten.
Wir haben das Haushaltsdefizit unter Kontrolle
gebracht, unsere feste Entschlossenheit demonstriert, unsere internationale Position verbessert und
die Zinssätze niedrig gehalten.
Wir haben das Exportkontrollregime gelockert und
die Lizenzverfahren für amerikanische Hochtechnologieunternehmen vereinfacht, was der Regierung
erlaubt, sich stärker auf die wirklich gefährlichen
Nationen und Technologien zu konzentrieren. Unser
neuer Ansatz gestattet beispielsweise die Ausweitung des Verkaufs von Satellitenaufnahmen sowie
den Export von Fernerkundungssystemen.
Diese Politik sollte in Europa tätigen amerikanischen
Luftfahrtunternehmen die Chance zu effektiverem
Wettbewerb auf einem 400 Millionen Dollar-Weltmarkt eröffnen - einem Markt, der bis zum Jahr 2000
auf mehr als 2 Milliarden Dollar anwachsen könnte.
Der Markt für geographische Informationssysteme für Bilder, die demographische oder technische
Daten mit digitalen Karten verbinden - könnte zur
Jahrhundertwende zwischen 5 und 15 Milliarden
Dollar betragen.
*

Seite 4

*

Wir haben das NAFTA angenommen und die Uruguay-Runde nahezu zum Abschluß gebracht.
Wir wurden unermüdliche Fürsprecher der Geschäftswelt, angefangen mit Präsident Clinton. Und
die Ergebnisse sind bereits sichtbar - Düsenflugzeuge
und Telekommunikationsmittel für Saudi Arabien, eine
Verschiebung und möglicherweise Aufhebung massiver Zollerhöhungen in Rußland, Joint Ventures und
neue Initiativen in Südafrika.
Der Zweck ist jedoch in jedem Bereich der gleiche:
Eine effektivere Zusammenarbeit mit der amerikanischen Wirtschaft in einer im Wandel begriffenen Welt.
Bill Clinton wurde zum Präsidenten gewählt, um in
Amerika Arbeitsplätze zu schaffen.
Früher konnte das durch alleinige Konzentration auf
die Binnenwirtschaft getan werden. Aber die von uns
geschaffenen drei Millionen Arbeitsplätze - und die
steigenden Unternehmensgewinne, die diese Einstellungen begleiteten - waren hauptsächlich das
Ergebnis eines weltwirtschaftlichen Ansatzes.
In Deutschland, ganz Europa, in allen Mitgliedstaaten
der Uruguay-Runde wird sich die Geschwindigkeit
des Wandels weiter beschleunigen, der Wettbewerb
zunehmen und die nationale Sicherheit enger an die
wirtschaftliche Leistung gebunden. Nur durch die
Kombination der Ressourcen des öffentlichen und
privaten Sektors können die Vereinigten Staaten den
Wohlstand und die Sicherheit erreichen, die sie
anstreben. Die Clinton-Administration ist Ihr Fürsprecher und Ihr Partner.
Wenn die Regierung und der Privatsektor weiterhin
effektiv zusammenarbeiten und langfristige Ziele im
Auge behalten, können wir sowohl den amerikanischen Familien als auch den Familien in ganz Deutschland und Westeuropa zu einem neuen Maß an
Wohlstand verhelfen.

*

*

AMERIKA DIENST 23

�ARB E I T S W E L T
15. Juni 1994

REICH FORDERT INTERNATIONALE ARBEITSNORMEN
Ansprache von Arbeitsminister Reich vor der IAO
GENF - (AD) - Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich forderte die Annahme "grundlegender
Arbeitsnormen", die jedes Land der Welt einhalten sollte.
In seiner am 9. Juni 1994 bei der 81. Sitzung der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) gehaltenen Rede
äußerte Reich, solch grundlegende Normen sollten das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit bei der
Herstellung kommerzieller Produkte beinhalten sowie ein Ende der Einschränkung der Koalitionsfreiheit der
Arbeitnehmer oder des Rechts von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf Tarifverhandlungen.
Reich erklärte ferner, er werde Präsident Clinton die Ratifizierung einer wichtigen Konvention der IAO durch
den Senat empfehlen und teilte mit, derzeit würde eine zweite Konvention ausgehandelt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Arbeitsminister Reich.

Es ist mir eine Ehre, an dieser 81. Sitzung der
Internationalen Arbeitsorganisation teilnehmen zu
dürfen. Ich gratuliere Charles Gray zu seiner Wahl.
Ferner entbiete ich IAO-Generaldirektor Michel
Hansenne meine Glückwünsche zu seinem anregenden Bericht an diese Konferenz. Es handelt sich um
ein vorausschauendes Dokument, das einen wertvollen Rahmen für die Debatte über die Integration von
Arbeitsnormen und handelspolitischen Tagesordnungen darstellt.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich das
dauerhafte Engagement der Vereinigten Staaten für
die Belange der IAO bekräftigen und die pragmatischen Bestrebungen dieser Organisation zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf der ganzen Welt
begrüßen.
Mit Stolz kann ich berichten, daß sich die ClintonAdministration der Ratifizierung der wichtigsten
Konventionen der IAO verpflichtet hat. Vor meiner
Reise nach Genf habe ich dem Präsidenten empfohlen, die Ratifizierung von Konvention 150 durch den
Senat anzustreben, und wir beteiligen uns an den
trilateralen Gesprächen über Konvention 111.
Wir befinden uns an einem besonders angemessenen Punkt in der Geschichte, um die von der IAO
geleistete Arbeit zu würdigen. Dieses Jahr markiert
nicht nur den 75. Jahrestag der Gründung der IAO,
sondern auch den 50. Jahrestag der Erklärung von

AMERIKA DIENST 23

Philadelphia, dem bislang vielleicht ehrgeizigsten
Versuch, einer internationalen Position zu Arbeitsnormen Ausdruck zu verleihen. Heute hat die Frage
internationaler Arbeitsnormen jedoch zusätzliche
Betonung erhalten, was in Marrakesch durch die
Anerkennung symbolisiert wurde, daß Arbeitsnormen
bei der Formulierung der Aufgaben der neuen
Welthandelsorganisation (World Trade Organization WTO) in Betracht gezogen werden müssen.
Wir sind aus der konzeptuellen Sackgasse herausgekommen, welche die internationale Staatengemeinschaft so lange belastet hat. Nur wenige sind bereit
öffentlich zu behaupten, Arbeitsnormen seien zwar
hervorragend, jedoch rein innenpolitische Belange.
Es gibt auch nur wenige unvoreingenommene Befürworter des anderen Extrems, die Normen müßten in
jedem Land identisch sein. Wir haben die unerläßliche Voraussetzung eines Abkommens erreicht - den
Konsens, einen Mittelweg zu suchen.
Während wir ihn noch ausarbeiten, möchte ich die
Rechtmäßigkeit einer Definition absoluter Normen
geltend machen, deren Einhaltung von jedem Land
erwartet wird. Einige Praktiken am Arbeitsplatz
schließen manche Länder einfach aus der Gemeinschaft zivilisierter Nationen aus. Wie können diese
grundlegenden Arbeitsnormen definiert werden? Hier
müssen wir zunächst auf die Internationale Arbeitsorganisation blicken, deren Arbeit eine solide Grundlage für alle Bestrebungen zur Entwicklung von Listen

Seite 1

�verbotener Praktiken bietet. Jede dieser Listen
umfaßt zweifellos durch Zwangs- oder Sklavenarbeit
hergestellte Waren. Einige Formen der Kinderarbeit
- beispielsweise die Arbeit sehr kleiner Kinder verstoßen ebenfalls gegen die universellen Normen,
selbst in den ärmsten Ländern. Armut ist auch kein
stichhaltiger Vorwand für die Einschränkung der
Versammlungs- und Koalitionsfreiheit oder des
Rechts von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf
Tarifverhandlungen.
Über die kurze Liste grundlegender Arbeitsnormen
hinaus müssen die Urteile stärker von den jeweiligen
Bedingungen abhängig gemacht werden.
Die
internationale Staatengemeinschaft kann keinesfalls
den Versuch unternehmen, Arbeitszeit, Mindestlöhne, Sozialleistungen, Gesundheits- oder Sicherheitsnormen zu diktieren, die jenen in den Vereinigten Staaten oder anderen Industrienationen
entsprechen. Die Überzeugung, daß die Entwicklungsländer reicher werden müssen, um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern - und
zu diesem Zweck Handel treiben müssen - ist
fundiert. Diese Beobachtung enthält jedoch das
implizite Zugeständnis, daß Normen nicht statisch
sein sollten, daß die Fähigkeit eines Landes, seinen
Bürgern bessere Arbeitsbedingungen anzubieten, mit
dem zunehmendem Grad seiner Entwicklung steigt
und internationale Erwartungen ebenfalls entsprechend steigen könnten.
Obwohl es weder fair noch realistisch ist darauf zu
bestehen, daß Arbeitsnormen in Entwicklungsländern
mit denen in den reicheren Ländern identisch sein
sollten, kann man zu Recht erwarten, daß sich die
Arbeitsnormen mit zunehmendem Entwicklungsgrad
verbessern.
Diese Erwartung spiegelt sowohl
moralische als auch materielle Interessen wider.
Länder mit einem steigenden Lebensstandard für die
Massen bieten auch einen Markt für die Exporte
anderer Staaten. Somit haben alle Länder ein
ökonomisches Interesse an verbreitetem Wohlstand
im Ausland. Freier Handel ist hierzu das Mittel, nicht
der Zweck. Das Ziel ist ein höherer Lebensstandard
weltweit. Wenn ein Land jedoch eine Politik verfolgt,
die auf die Einfrierung des Lebensstandards auf
niedrigem Niveau und die Beschränkung der Vorteile
des Handels auf eine kleine Elite abzielt, wird das
Versprechen offenen Handels verkehrt und seiner
logischen Grundlage beraubt.
Wenn die Welt zu Recht erwarten kann, daß Wachstum in der Dritten Welt mit verbesserten Arbeitsbedingungen einhergeht, welche Kriterien - die über
die Verletzung absoluter Normen hinsichtlich
Zwangs-, Sklaven- und Kinderarbeit sowie offenkundige Beschränkungen der Versammlungs- und
Koalitionsfreiheit hinausgehen - könnten dann einen

Seite 2

Leitfaden dafür bieten, worauf die internationale
Staatengemeinschaft ihre Aufmerksamkeit richten
sollte?
Ich möchte einen aus zwei Teilen bestehenden Test
vorschlagen. Der erste betrifft demokratische Institutionen, der zweite Trends.
Arbeitsbedingungen werden sowohl von wirtschaftlichen als auch von politischen Faktoren bestimmt, und
die Auswirkungen sind schwer auseinanderzuhalten.
Die Existenz demokratischer Institutionen - Pluralismus, Rede- und Pressefreiheit, saubere Wahlen geben Anlaß zu der Überzeugung, daß niedrige
Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen mit ökonomischen Beschränkungen in Verbindung stehen. Je
weniger demokratisch ein Land ist, desto größerer
Anlaß besteht zu Mißtrauen, daß Arbeitsnormen
unterdrückt werden, um engstirnigen kommerziellen
Interessen oder einem irregeleiteten merkantilistischen Impuls der Eliten zu dienen.
Im Falle einigermaßen gefestigter demokratischer
Institutionen können wir demnach vermuten, daß
Arbeitsnormen ein Spiegelbild dessen sind, was sich
ein Land angesichts seines Entwicklungsstandes
leisten kann. Was gilt jedoch für Länder mit schwachen oder nicht vorhandenen demokratischen Institutionen?
Ungleichheit ist eine weitere Meßlatte. Das Leben
schlechtbezahlter Arbeitnehmer sollte sich verbessern, nicht verschlechtern, wenn Handel und Investitionen das Volkseinkommen erhöhen. Die Kluft
zwischen reich und arm sollte mit zunehmendem
Entwicklungsgrad schmaler, nicht breiter werden.
Wenn ein Land nicht über demokratische Institutionen
verfügt und nicht allen die Vorteile des Wachstums
zukommen läßt, könnten andere Länder zu Recht
den Schluß ziehen, daß Arbeitsnormen nicht auf die
Armut an sich zurückzuführen sind, sondern auf
politische Entscheidungen, die Entwicklung und die
Wirtschaftsstruktur verzerren.
Der von mir umrissene vorläufige Rahmen befaßt
sich nur mit der Diagnose, nicht mit dem Rezept.
Welche Antwort sollte die internationale Staatengemeinschaft auf Maßnahmen geben, welche die von
ihr artikulierten Nuimen verletzen?
In diesem Zusammenhang möchte ich mich auf drei
allgemeine Prinzipien beschränken. Erstens sollte
jede Intervention vorzugsweise multilateral genehmigt
und durctigeführt werden, um die Expertise globaler
Organisationen auszunutzen und die Chance zu
erhöhen, daß diese intervention wirksam ist.

AMERIKA DIENST 23

�Zweitens sollte es eine Reihe potentieller Antworten
auf den Mißbrauch von Arbeitsnormen je nach deren
Natur und Schwere geben. Diese könnten technische Hilfe zur Förderung von Verbesserungen
umfassen, Vorschriften zum Aufdecken von Mißbrauch, eine Verweigerung des Anspruchs auf
internationale Kredit- und Darlehensprogramme
sowie gezielte handelspolitische Maßnahmen.
Das dritte Prinzip, das den beiden anderen Auftrieb
verleiht, ist Pragmatismus. Der Zweck jeder Intervention muß in der Herbeiführung von Wandel in
den die Normen verletzenden Nationen liegen.
Eingehende Untersuchung und Analyse auf jeder
Stufe müssen die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Verbesserung von Arbeitsnormen durchsetzen. Und wir dürfen nicht die

* *

AMERIKA DIENST 23

Tatsache aus den Augen verlieren, daß der Handel
an sich - durch die Öffnung der Wirtschaft für externe
Einflüsse und Ermöglichung eines breiteren Spektrums innenpolitischer Interessen - ein Katalysator für
progressiven Wandel sein kann.
Die Entwicklung eines detaillierten Programms für die
Förderung internationaler Arbeitsnormen wird uns bis
zum Ende dieses Jahrhunderts und vielleicht sogar
darüber hinaus beschäftigen. Wir dürfen bei der
Fortsetzung, Ausweitung und praktischen Umsetzung
der Kernaufgaben der IAO keine Zeit verschwenden.
Wir hoffen und erwarten, daß sich die Welthandelsorganisation das herausragende Wissen und die
Expertise der IAO zunutze machen wird, während sie
die Rolle angemessener Arbeitsnormen in einer
zunehmend integrierten Weltwirtschaft erörtert.

*

*

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12109">
                <text>15.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12110">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12111">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12112">
                <text>Amerikadienst 15.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12113">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Europa müssen gemeinsame Friedensstrategie verfolgen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Präsident Clintons vor der französischen Nationalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Partnerschaft für Frieden&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher: Partnerschaft für den Frieden ist bemerkenswerte Leistung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Außenministers vor dem Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ron Brown vor der American Chamber of Commerce&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Arbeitswelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reich fordert internationale Arbeitsnormen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Arbeitsminister Reich vor der IAO&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2356" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2367">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/0a705fb6aac3dbb2092396d2c9c30290.pdf</src>
        <authentication>3a406e95836a6dae1ac2ca979092658d</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12120">
                    <text>^jy^

cimcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

24

WIRTSCHAFT

22. Juni 1994

FLUCHT VOR DER GLOBALEN AUSBEUTUNG
von Robert B. Reich

G-7 ÜBERPRÜFEN HILFSPAKET FÜR
RUSSLAND
Hintergrundinformation für Wirtschaftsgipfel in
Neapel

USA-OSTASIEN

NEUE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE USA
IM PAZIFISCHEN RAUM
Rede von Abteilungsleiter Charles Freeman

USIA

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT
UND
ZEITALTER DER DEMOKRATIE
von Penn Kemble

AIDS

FRAUEN UND AIDS
von Jennifer Sutton

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

DAS

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�WlRTSCHAFT
22. Juni 1994

Flucht vor der globalen Ausbeutung
von Robert B. Reich
WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist der amerikanische Arbeitsminister. Der nachfolgende Artikel wurde
in leicht gekürzter Version am 22. Juni 1994 im Handelsblatt veröffentlicht.

In welchem Maße sollten die Arbeitsnormen eines
Landes von einem anderen Land überprüft und
beurteilt werden? Diese Frage hat plötzlich erheblich an Dringlichkeit gewonnen. Bei dem jüngsten
Treffen in Marrakesch einigten sich 124 Nationen auf
weitere Schritte zur Öffnung des Handels und die
Gründung einer neuen Welthandelsorganisation.
Eine von den Vereinigten Staaten und Frankreich
angeführte Koalition formulierte ein Abkommen zur
Prüfung der Rolle, die Arbeitsnormen bei der Aufgabenstellung der Welthandelsorganisation spielen
sollten.
Wir haben ehrgeizige Bestrebungen zur Definition
unserer Position zu internationalen Arbeitsnormen in
die Wege geleitet und wollen feststellen, wie sie am
besten gefördert werden können. Die Debatte leidet
jedoch allzuhäufig unter intellektueller Engstirnigkeit.
Ein Extrem ist das Argument, wir sollten uns nicht
darum kümmern, wie ausländische Waren und
Dienstleistungen produziert werden, solange das
Land den globalen Kodex für Dumping, Subventionen und andere Handelsregeln einhält. Das andere
Extrem ist der Vorschlag, wir sollten nur mit uns
ähnlichen Ländern mit den gleichen Arbeitsgesetzen,
Löhnen und Gehältern, Sozialleistungen und politischen Institutionen Handel treiben.
In der Woche vor dem Abkommen von Marrakesch
kam der Londoner Economist - in einer Ausgabe, auf
deren Titelseite ein kleines asiatisches Kind beim
Steineschleppen abgebildet war - dem ersten Extrem
sehr nahe. Die Redakteure des Economist räumten
zwar ein, "Sklaverei... ist schlecht", argumentierten
jedoch, internationale Aktionen zur Eindämmung von
Mißbrauch seien unpraktisch und "die Kosten ...
übersteigen den möglichen Nutzen". Dem Economist zufolge könnte eine Handelsregel über Kinderarbeit einige diese Regel verletzende Nationen aus
der Welthandelsorganisation ausschließen, und
dieser Regel zustimmende Mitglieder, die sie dann
nicht durchsetzen können, wären ein leichtes "Opfer"

AMERIKA DIENST 24

für Sanktionen "jeder Art von Protektionisten reicher
Länder". Mit anderen Worten, gegen dieses Kind mit
den Steinen kann nichts tun.
Ungeachtet eines solchen Laisser-faire-Dogmatismus
müssen wir uns vor unehrlichen Versuchen zur
Einführung engstirniger Tagesordnungen in die
Debatte unter dem Deckmantel hehrer Argumente
hüten. Protektionisten haben eine bemerkenswerte
Bereitschaft an den Tag gelegt, unter jedem vielversprechenden Banner zu marschieren, von nationaler
Verteidigung bis zur Bürde ausländischer Arbeitnehmer - je nach der Richtung der vorherrschenden
politischen Strömung.
Welche Grundlagen gibt es neben Dogmatismus und
Unehrlichkeit für die Definition unserer legitimen
nationalen Interessen?
Mindestens drei wurden
genannt, von denen meines Erachtens einige überzeugender als andere sind:
Nationale Sicherheit. Die Grundprämisse lautet,
daß einige ihre Bürger ausbeutende Staaten früher
oder später den globalen Frieden gefährden werden.
Internationale Arbeitskodizes würden diese weltweit
Geächteten isolieren und ihnen den Handel verweigern, der ihre Volkswirtschaften stärken und die
Position ihrer Herrscher festigen würde.
Unterdrückung im Inland ist jedoch kein genauer
Index für externe Aggressivität, und Wirtschaftssanktionen hatten einen durchaus gemischten Effekt,
Veränderungen bei aufsässigen Regimen zu erzwingen.
Wirtschaftliche Vorteile. Diesem Argument zufolge
müssen Länder mit hohen Arbeitsnormen die Löhne
senken, um mit Produzenten in Nationen mit niedrigen Normen konkurrieren zu können. Aus diesem
Grund wäre es der beste Weg für unter Druck
stehende schlechtbezahlte Arbeitnehmer in den
Vereinigten Staaten, die fixen Kosten des Produk-

Seite 1

�stehende schlechtbezahlte Arbeitnehmer in den
Vereinigten Staaten, die fixen Kosten des Produktionsfaktors Arbeit durch die Einführung internationaler Arbeitsnormen dem Konkurrenzdruck zu entziehen.
Diese Argumentationsweise verleitet jedoch leicht zu
dem Ruf, die Volkswirtschaften der fortschrittlichen
Länder gegen die billigen Arbeitskräfte im Ausland
abzuschotten. Darüber hinaus ist technologischer
Wandel ein sehr viel größerer Faktor beim Verlust
hochbezahlter Arbeitsplätze für ungelernte amerikanische Arbeitnehmer als der Wettbewerb mit Ländern der Dritten Welt.
Humanitäre Belange. Die moralische Sorge
ausgebeutete Arbeiter in Entwicklungsländern
zweifelsohne gerechtfertigt.
Aber wie groß
unsere Verantwortung? Wie können wir ihr
besten gerecht werden?

um
ist
ist
am

Einige Arbeitspraktiken schließen einfach bestimmte
Länder aus der Gemeinschaft zivilisierter Nationen
aus. Eine vereinbarte Liste von "grundlegenden"
Arbeitsnormen wird sicherlich von Gefangenen,
Sklavenarbeitern oder sehr jungen Kindern hergestellte Waren verbieten. Armut ist darüber hinaus
keine triftige Entschuldigung für die repressive
Einschränkung der Versammlungs- und Koalitionsfreiheit.
Über die kurze Liste mit grundlegenden Arbeitsnormen hinaus müssen die Urteile nuancierter
werden. Wie sollen wir - wenn überhaupt - auf
Entwicklungsländer reagieren, die 14jährige ohne
Einschränkung oder besonderen Schutz arbeiten
lassen, oder in denen der Lohn einen Bruchteil des
Durchschnittslohns in den Industrieländern beträgt
oder wo es um Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz schlechter bestellt ist als amerikanische oder
europäische Gesetze jemals zulassen würden?
Die Entwicklungsländer argumentieren zu Recht, daß
sie reicher werden müssen, um sich amerikanische
oder europäische Arbeitsnormen leisten zu können und zu diesem Zweck Handel treiben müssen.
Diese Beobachtung ist jedoch eine implizite Anerkennung der Tatsache, daß Normen nicht statisch
sein sollten, die Fähigkeit eines Landes zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen sich mit zunehmendem Entwicklungsgrad erhöht und internationale
Erwartungen ebenfalls steigen könnten.
Obwohl es weder fair noch realistisch ist darauf zu
bestehen, daß Entwicklungsländer dieselben Arbeitsnormen wie wohlhabendere Länder haben, kann
man davon ausgehen, daß sich die Arbeitsnormen
im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung verbessern.

Seite 2

Diese Erwartung spiegelt sowohl moralische Bedenken als auch die Tatsache wider, daß wir ein wirtschaftliches Interesse an umfassendem Wohlstand im
Ausland haben. Das Entstehen von Volkswirtschaften mit einer breiten Mittelschicht in den Entwicklungsländern bekräftigt nicht nur unsere Werte,
sondern ist auch gut für die Wirtschaft dieser und
unserer Staaten. Solche Volkswirtschaften bieten
einen Absatzmarkt für die Produkte hochentwickelter
Wirtschaften sowie eine interne, stabile Nachfragequelle für ihre eigenen Produkte. Despotie und
Oligarchie sind unzuverlässige Kunden.
Freier Handel ist ein Mittel, kein Zweck. Das Ziel ist
ein höherer Lebensstandard weltweit. Der Grund zur
Öffnung des Handels ist sein offensichtlicher Beitrag
zur Verbesserung des Lebens der Menschen. Wenn
jedoch ein Land eine Politik verfolgt, die auf die
Einfrierung des Lebensstandards auf niedrigem
Niveau abzielt, wird das Versprechen offenen Handels verkehrt und seiner logischen Grundlage beraubt.
Wenn die Industriestaaten zu Recht erwarten können,
daß Wachstum in der Dritten Welt mit verbesserten
Arbeitsbedingungen einhergeht - wie können diese
Erwartungen dann in Worte gefaßt werden? Ich
möchte einen aus zwei Teilen bestehenden Test
vorschlagen. Der erste Teil betrifft demokratische
Institutionen, der zweite Trends.
Arbeitsbedingungen werden von wirtschaftlichen,
kulturellen und politischen Faktoren bestimmt, deren
Auswirkungen schwer auseinanderzuhalten sind. Die
Existenz demokratischer Institutionen erhöht jedoch
die Wahrscheinlichkeit, daß niedrige Löhne und
schlechte Arbeitsbedingungen durch unglückselige,
jedoch legitime wirtschaftliche Einschränkungen
verursacht werden. Je weniger demokratisch ein
Land ist, desto mehr Anlaß besteht zu Mißtrauen,
daß Arbeitsnormen unterdrückt werden, um engstirnigen kommerziellen Interessen oder einem
fehlgeleiteten merkantilistischen Impuls von seifen der
Eliten zu dienen.
Was geschieht jedoch mit Entwicklungsländern, deren
demokratische Institutionen schwach oder nicht
existent sind? Diesen Ländern bieten Trends bei den
Arbeitsnormen und wirtschaftliche Ungleichheit eine
zweite Art von Meßlatte. Das Leben schlecht bezahlter Arbeitnehmer sollte sich verbessern, nicht verschlechtern, wenn Handel und Investitionen das
Volkseinkommen erhöhen. Wenn ein Land keine
demokratischen Institutionen vorweisen kann und
seine Bürger nicht in den Genuß der Vorteile des
Wachstums bringt, könnten andere Staaten mit Recht
zu der Schlußfolgerung gelangen, daß niedrige
Arbeitsnormen nicht auf Armut an sich zurückzufüh-

AMERIKA DIENST 24

�Mit anderen Worten: Internationale Maßnahmen
sind dort berechtigt, wo eine zivilisierte Wirtschaft
definierende grundlegende Arbeitsnormen verletzt
werden, trotz Wirtschaftswachstums niedrige Arbeitsnormen fortbestehen oder die Schwäche demokratischer Institutionen Grund zu der Annahme gibt, daß
der Lebensstandard durch die Politik, nicht durch die
Armut unterdrückt wird. Dieser vorläufige Rahmen
befaßt sich nur mit der Diagnose, nicht mit der
Behandlung. Welche Antwort sollte die internationale Staatengemeinschaft auf Maßnahmen geben, die
eine Verletzung der von ihr formulierten Normen
darstellen?
Es ist eindeutig vorzuziehen, wenn Maßnahmen
multilateral genehmigt und durchgeführt werden, um
die Expertise globaler Organisationen auszunutzen.
Das würde auch in jedem Land zur Trennung der
Arbeitsnormen betreffenden Fragen von engstirnigen
Motiven beitragen und die Chancen auf den Erfolg
einer Intervention erhöhen. Erforderlich ist auch
eine Vielzahl von Antworten auf Mißbrauch. Hierzu
können allgemeine Handelssanktionen, spezielle
Einschränkungen für bestimmte Sektoren, der
Verlust des Präferenzstatus, die Verweigerung des
Anspruchs auf internationale Kredit- und Darlehensprogramme, Vorschriften zum Aufdecken von Miß-

*

AMERIKA DIENST 24

brauch sowie technische Hilfe zur Förderung von
Verbesserungen gehören.
Das letzte Prinzip, das den beiden anderen Auftrieb
verleiht, ist Pragmatismus. Internationale Maßnahmen, die keine Auswirkungen auf die Normen verletzenden Nationen haben, sind bestenfalls Zeitverschwendung. Eingehende Untersuchung und Analyse muß den Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft zur Verbesserung von Arbeitsnormen vorausgehen. Und wir müssen daran denken, daß Handel selbst - durch die Öffnung einer
Volkswirtschaft für externe Einflüsse sowie die
Förderung eines umfassenderen Interessenspektrums
- bisweilen den Katalysator für progressiven Wandel
darstellen kann.
Wir alle sind zunehmend durch ein weltweites Netz
von Wirtschaft und Kultur verbunden. Durch dieses
Weltdorf läuft das kleine, mit Steinen beladene Kind.
Mit jedem Jahr wird es schwieriger, es zu ignorieren.
Die Definition unserer Verpflichtungen gegenüber
ausländischen Arbeitnehmern ist eine komplexe
Angelegenheit, die uns bis zum Ende des Jahrhunderts und vielleicht sogar darüber hinaus beschäftigen wird. Das ist noch ein Grund mehr, daran zu
arbeiten.

* * *

*

Seite 3

�Wl R T S C H A F T
22. Juni 1994

G-7 ÜBERPRÜFEN HILFSPAKET FÜR RUSSLAND
Hintergrundinformation für Wirtschaftsgipfel in Neapel
WASHINGTON - (AD) - Wenn die Staats- und
Regierungschefs der führenden Industrienationen im
nächsten Monat in Neapel zum jährlichen Weltwirtschaftsgipfel zusammenkommen, steht an oberer
Stelle ihrer Tagesordnung eine Überprüfung der
Volkswirtschaften der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und des Beitrags der wohlhabenden Länder zur Stützung der stagnierenden Wirtschaftsleistung Rußlands.
Die Staats- und Regierungschefs der Gruppe der
Sieben (G-7) - Vereinigte Staaten, Frankreich,
Deutschland, Japan, Großbritannien, Italien und
Kanada - werden voraussichtlich eine Reihe von
Optionen erörtern, die von zusätzlicher bilateraler
Hilfe bis zu erweiterten Darlehen des Internationalen
Währungsfonds (IWF) zum weiteren Schuldenabbau
reichen.
Der Pariser Club der Gläubigernationen, der von Fall
zu Fall zusammentritt, um einen gemeinsamen
Ansatz zur Umschuldung der offiziellen Anleihen zu
erarbeiten, vereinbarte Anfang Juni eine Umschuldung der russischen Kredite in Höhe von über 7
Milliarden Dollar.
Die Kreditprobleme Rußlands werden jedoch erwartungsgemäß in diesem Jahr nicht abgebaut, und
Verhandlungen über eine mehrjährige Umschuldung
werden amerikanischen Quellen zufolge wahrscheinlich gegen Ende dieses Jahres aufgenommen. Das
gesamte Umschuldungspaket wird voraussichtlich an
ein Wirtschaftsprogramm gebunden, das Rußland in
den kommenden Monaten mit dem IWF ausarbeiten
wird.
Im Rahmen des IWF-Programms könnten Rußland
auch neue IWF-Kredite gewährt werden.
Die Verschuldung Rußlands beläuft sich zur Zeit auf
über 83 Milliarden Dollar, von denen 42 Milliarden
offiziellen bilateralen Gläubigern geschuldet werden,
davon 37,5 Milliarden Dollar den Mitgliedstaaten des
Pariser Clubs. Multilateralen Gläubigern wie dem
IWF und der Weltbank werden über 3 Milliarden
Dollar geschuldet.

AMERIKA DIENST 24

Am 4. Juni 1994 schuldete der Pariser Club 7,2
Milliarden Dollar der offiziellen russischen Kredite um.
Rund 1 Milliarde Dollar werden den Vereinigten
Staaten geschuldet. Der Umschuldungsplan umfaßt:
100 Prozent der 2,49 Milliarden Dollar betragenden geschuldeten Hauptsumme und Zinsen, die
vor dem 1. Januar 1991 vertraglich vereinbart
wurden und in diesem Jahr fällig werden. Dieser
Kredit kann über einen Zeitraum von 15 Jahren
(bis März 2010) zurückgezahlt werden, und vor
September 1997 sind keine Zahlungen erforderlich. Von dieser Gesamtsumme werden ungefähr
75 Millionen Dollar den Vereinigten Staaten
geschuldet.
100 Prozent der 4,13 Milliarden Dollar betragenden geschuldeten Hauptsumme und Zinsen, die im Jahr 1991 vertraglich vereinbart
wurden und in diesem Jahr fällig werden.
Dieser Kredit kann über einen Zeitraum von 10
Jahren (bis März 2005) zurückgezahlt werden,
und vor September 1997 sind keine Zahlungen
erforderlich. Von dieser Gesamtsumme werden den Vereinigten Staaten ungefähr 874
Millionen Dollar geschuldet.
60 Prozent der 700 Millionen in den Jahren 1993
und 1994 für die 1993 erfolgte Umschuldung
anfallenden Zinsen. Die 420 Millionen Dollar an
umgeschuldeten Zinsen werden in 10 gleich
hohen, halbjährlichen, Anfang September 1997
beginnenden Beträgen zurückgezahlt. Von dieser
Gesamtsumme werden den Vereinigten Staaten
ungefähr 20 Millionen Dollar geschuldet.
40 Prozent der im Laufe des Jahres 1994 anfallenden Zinsen in Höhe von 200 Millionen Dollar
für die 1994 durchgeführte Umschuldung. Die 80
Millionen Dollar an umgeschuldeten Zinsen werden in 10 gleich hohen, halbjährlichen, Anfang
September 1997 beginnenden Beträgen zurückgezahlt. Von dieser Gesamtsumme werden den
Vereinigten Staaten ungefähr 15 Millionen Dollar
geschuldet.

Seite 1

�100 Prozent der 80 Millionen Dollar betragenden
Hauptsumme und Zinsen, die an vor dem 4.
Januar 1992 vereinbarten Krediten mit kurzer
Laufzeit geschuldet werden. Dieser Betrag, der
keine Schulden bei den Vereinigten Staaten
beinhaltet, wird in gleich hohen, halbjährlichen,
Anfang September 1997 beginnenden Beträgen
zurückgezahlt.
Im Rahmen des Plans muß Rußland dem Pariser
Club 3,04 Milliarden Dollar zurückzahlen, einschließlich 100 Prozent der 2,64 Milliarden Dollar betragenden Hauptsumme und Zinsen aus nach dem 1.
Januar 1992 eingegangenen Verträgen, 40 Prozent
(280 Millionen Dollar) der Zinsen für die Umschuldung von 1993 und 60 Prozent (120 Millionen) der
Zinsen für die Umschuldung von 1994.
Bei der Bekanntgabe dieser Umschuldung erklärten
die offiziellen Gläubiger, der Schuldenabbau werde
voraussichtlich durch Finanzierungsgesellschaften zu
vergleichbaren Bedingungen wie den im Pariser
Club vereinbarten vorgenommen.
Finanzierungsgesellschaften werden ungefähr 38
Milliarden Dollar geschuldet, von denen rund 28
Milliarden Dollar Kredite mit mittel- und kurzfristiger
Laufzeit sind, 6 Milliarden Dollar Kredite mit kurzfristiger Laufzeit wie Handelskredite, und nahezu 4
Milliarden Dollar sind Außenstände bei Lieferanten
sowie verspätete Zinszahlungen.
Der sogenannte "Londoner Club" von Finanzierungsgesellschaften ist damit befaßt, eine Umschuldung
der Zahlungen an den Privatsektor auszuhandeln.
Abgesehen von der Verschuldung werden die
Staats- und Regierungschefs der G-7 das vor dem
letzten Weltwirtschaftsgipfel in Tokio vereinbarte
multilaterale Unterstützungsprogramm für Rußland
überprüfen. Dieses Programm konzentrierte sich auf
die Förderung von Strukturreformen und soll dem
Land den Weg zu soliden makroökonomischen
Maßnahmen ebnen.
Von den 43,4 Milliarden Dollar Unterstützungszahlungen an Rußland im Rahmen dieses Programms wurden ungefähr 30 Milliarden Dollar
bereitgestellt. Der volle Betrag wurde nicht gewährt,
weil Rußland noch nicht entsprechende Fortschritte
bei der Durchführung des Wirtschaftsprogramms
erzielt hat.
Das Programm beinhaltet:
14,2 Milliarden Dollar, von denen 10,6 Milliarden
Dollar genehmigt wurden, um Rußland bei der
Privatisierung der Industrie, dem Aufbau von

Seite 2

Marktinstitutionen und der Infrastruktur sowie der
Entwicklung des Energie- und Landwirtschaftssektors behilflich zu sein. Die Weltbank hat der
Bereitstellung von Krediten in Höhe von bis zu 3,4
Milliarden Dollar zugestimmt, von denen 2,3
Milliarden Dollar voraussichtlich bis zum Gipfeltreffen in Neapel genehmigt werden. Die G-7Länder haben ferner die Zuweisung von 10
Milliarden Dollar für Exportkredite vereinbart.
Über 5 Milliarden Dollar dieser Hilfsleistungen
wurden 1993 gewährt, und für 1994 wird eine
ähnliche Summe erwartet.
4,1 Milliarden Dollar als Anschubfinanzierung für
den Stabilisierungsfonds. Dieser Betrag beinhaltet
3 Milliarden Dollar, die Rußland vom IWF im
Rahmen der Systemumgestaltungsfazilität (Systemic Transformation Facility - STF) im Juni 1993
und April 1994 erhalten hat sowie 1,1 Milliarden
Dollar von der Weltbank. Von dieser Summe
wurde die Hälfte bereits ausgezahlt, und ein
zweiter Kredit in Höhe von 600 Millionen Dollar
wird voraussichtlich im Juli genehmigt.
10,1 Milliarden Dollar als Stabilisierungsfonds.
Diese Mittel wurden bisher nicht verlängert. Sie
umfassen einen Sonderkredit des IWF in Höhe
von 4,1 Milliarden Dollar, der Anfang Herbst
ausgezahlt werden soll - wenn Rußland das im
Rahmen des STF-Programms vereinbarte Wirtschaftsprogramm erfolgreich umsetzt. Die G-7
einigten sich darüber hinaus auf die Einrichtung
eines 6 Milliarden Dollar betragenden WährungsStabilisierungsfonds zur Unterstützung des Rubel
sobald Rußland ein rigoroses Sonderprogramm
verwirklicht und mehrere Monate durchgeführt hat.
15 Milliarden Dollar der im April 1993 vereinbarten
Umschuldung.
Darüber hinaus haben sich die Länder der G-7, die
Weltbank, die Internationale Finanzgesellschaft und
die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung auf die Gründung eines Speziellen Privatisierungs- und Umstrukturierungsprogramms (Special
Privatization and Restructuring Programm - SPRP)
geeinigt, um bei der Umstrukturierung von Großunternehmen behilflich zu sein. Das SPRP wird ungefähr
3 Milliarden Dollar an Grundkapital, Anleihen und
Unterstützung der Exportkreditbehörde für die Unternehmensumstrukturierung zur Verfügung stellen. Im
Rahmen dieses Programms wird ein Netz von bis zu
zehn regionalen Gemeinschaftsfonds gegründet, um
Investitionen in russische Firmen zu tätigen. Die
Vereinigten Staaten haben unter dem SPRP 100
Millionen Dollar an Darlehen und 250 Millionen Dollar
als Unterstützung der Exportkreditbehörde beigesteuert.

AMERIKA DIENST 24

�U S A - O S T A S I EN
22. Juni 1994

NEUE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE USA
IM PAZIFISCHEN RAUM
Rede von Abteilungsleiter Charles Freeman
WASHINGTON - (AD) - Nachdem die Sowjetunion im asiatisch-pazifischen Raum nicht länger eine Gefahr für
die Vereinigten Staaten darstellt, sehen diese sich in Nordkorea einer äußerst schwierigen militärischen
Bedrohung sowie komplexen wiederauftretenden und neuen Herausforderungen gegenüber, erklärte der
Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium Charles Freeman.
Vor dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des Repräsentantenhauses äußerte Freeman am 15. Juni
1994: "Viele dieser Herausforderungen sind auf den bevorstehenden Übergang in den wichtigsten
ostasiatischen Staaten zurückzuführen - dessen Ergebnis großenteils die Natur des zukünftigen ostasiatischen
Sicherheitsumfelds bestimmen wird."
"Wir sehen uns auch mit der Herausforderung einer Modernisierung der amerikanisch-japanischen
Beziehungen konfrontiert - dem Eckpfeiler unserer Sicherheitsposition in Ostasien und im Pazifik. Die
Interessen sind so gelagert, daß wir eine Strategie der Stärkung bilateraler Beziehungen und der Ermutigung
multilateraler Abkommen verfolgen müssen, während wir in die erforderlichen Ressourcen zur Aufrechterhaltung unserer vitalen Interessen investieren und unsere unerschütterliche Entschlossenheit zum Ausdruck
bringen."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Abteilungsleiter Freeman.

Wie bereits von anderen erwähnt, sind Ostasien und
der pazifische Raum von enormer wirtschaftlicher
Bedeutung für die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten. Ostasien ist auch von immenser
strategischer Bedeutung.
In dieser Region ist
weiterhin eine riesige Militärmacht konzentriert,
darunter viele der größten Armeen der Welt. Fünf
unserer Bündnispartner sind in diesem Gebiet
angesiedelt.
100.000 amerikanische Soldaten
fördern dort unsere lebenswichtigen nationalen
Interessen und vertraglichen Verpflichtungen.
Die Bündnisse mit ostasiatischen Ländern sind für
den Erfolg der amerikanischen Strategie in der Zeit
nach dem Kalten Krieg von entscheidender Bedeutung. Der wachsende Einfluß und die Stärke unserer Freunde und Verbündeten werden ihnen die
Übernahme größerer Verantwortung zum Zwecke
gemeinsamer Sicherheitsziele ermöglichen und die
regionale Sicherheit fördern. Wir haben ein Interesse an der Beibehaltung der Bündnisstruktur als
Grundlage regionaler Stabilität und Kanal für amerikanischen Einfluß. Der Aufbau reiferer Sicherheits-

AMERIKA DIENST 24

beziehungen mit unseren asiatischen Verbündeten
und Freunden fördert langfristige Interessen. Wir
sehen neuen Gelegenheiten zur Erörterung politischer, wirtschaftlicher, umweltpolitischer, sozialer und
sicherheitspolitischer Angelegenheiten im Rahmen
neuer regionaler Sicherheitsarrangements erwartungsvoll entgegen.
Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen halten, daß
die Vereinigten Staaten in der Region eine einzigartige Rolle zu spielen haben. Seit dem Zweiten
Weltkrieg hat unser Land als Förderer des regionalen
Gleichgewichts gedient. Unbelastet von historischen
Rivalitäten oder traditionellen Feindschaften können
die Vereinigten Staaten gleichzeitig mit Japan,
Rußland, China, Korea und allen Staaten Südostasiens ausgezeichnete Beziehungen pflegen. Keine
andere Macht kann diese Rolle übernehmen, und wir
können sie nicht vernachlässigen. Während sich
nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das
Kräftegleichgewicht wieder einstellt, wird die Haltung
der Vereinigten Staaten gegenüber Fragen ostasiatischer Sicherheit großenteils darüber entscheiden, ob

Seite 1

�den Herausforderungen an die regionale Sicherheit
erfolgreich begegnet wird.
Der Bitte des Ausschusses entsprechend möchte ich
auf die heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen in Asien zu sprechen kommen.
Vereitelung des nordkoreanischen Strebens nach
Atomwaffen:
Die potentielle Entwicklung von
Atomwaffen durch Nordkorea ist die unmittelbarste
Sicherheitsbedrohung in Asien. Kim Il-Sungs hartnäckiger Widerstand gegen umfassende Inspektionen und die von ihm angekündigte Politik, Maßnahmen der UNO zur Durchsetzung von Inspektionen
als Kriegshandlung anzusehen, verleiht dieser Frage
überragende Bedeutung für unsere Sicherheitsinteressen in Asien und weltweit. Wie dieser Ausschuß
weiß, arbeiten wir unter anderem eng mit Südkorea,
Japan, China und Rußland zusammen, um dieses
Problem auf dem Wege der Diplomatie zu lösen.
Wir erörtern mit Südkorea, Japan und den vier
anderen Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats eine Sanktionsresolution und erwarten, daß sie
schnell angenommen wird. Wir haben keine andere
Wahl, als Sanktionen zu verhängen, da Nordkorea
sich nicht an die Vorschriften der IAEO hält.
Verhinderung von Weiterverbreitung: Wir sind
äußerst besorgt über die Möglichkeit wirtschaftlich
und technologisch fortgeschrittener Länder, sich am
Transfer von Waffen und Technologie an Regimes
im Nahen Osten und Südasien zu beteiligen. Wir
streben eine Begrenzung der Gefahren an, die eine
derartige Weiterverbreitung für den Frieden in dieser
wichtigen Region darstellen würde. Neben der
unmittelbaren Sicherheitsbedrohung schafft das
Potential Nordkoreas zur Entwicklung von Atomwaffen die Möglichkeit einer noch größeren und weiterreichenden Bedrohung - daß andere regionale
Mächte zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen getrieben werden, was die Gefahr einer
Auflösung des gesamten weltweiten Nichtverbreitungsrahmens darstellt.
Die Begegnung der konventionellen Bedrohung
durch Nordkorea: Die konventionelle Bedrohung
Südkoreas durch Nordkorea - mit einer zunehmend
gutgerüsteten, äußerst mobilen, eine Million starken
Armee, von der zwei Drittel nahe der entmilitarisierten Zone stationiert sind - bleibt eine weitere Quelle
regionaler Instabilität. Angesichts der Unsicherheiten
aufgrund des derzeitigen politischen Übergangs in
Pjöngjang müssen die Vereinigten Staaten und
Südkorea auf alles, vom internen Zusammenbruch
bis zu verzweifelter Aggression, vorbereitet sein Spannungen, die nicht nur die Zukunft der koreanischen Halbinsel, sondern die Sicherheit der gesamten Region beeinflussen würden. Unsere Fähigkeit

Seite 2

zur Einflußnahme auf die Entwicklungen in Nordkorea
ist begrenzt. Wir können jedoch durch die Verhinderung aggressiver Optionen für die nordkoreanische
Führung durch unsere militärische Unterstützung
Südkoreas sowie die Zusammenarbeit mit anderen
wichtigen regionalen Partnern in kritischen Punkten
Einfluß auf Korea ausüben.
Eine substantielle
Militärpräsenz auf der nordkoreanischen Halbinsel
bleibt essentielle Vorbedingung für die Übernahme
dieser Rollen.
Stärkung der amerikanisch-japanischen Sicherheitsbeziehungen:
Keine unserer bilateralen
Sicherheitsbeziehungen ist wichtiger als die zu
Japan. Unser Bündnis mit Japan ist sowohl für
unsere pazifische Sicherheitspolitik als auch unsere
globalen strategischen Ziele von grundlegender
Bedeutung. Von unseren dortigen Stützpunkten aus
können wir Konflikte abschrecken, den amerikanischen Einfluß bewahren und vornestationierte Streitkräfte zur schnellen Reaktion auf Krisen postieren.
Die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Japan
haben eine angemessene Aufgabenteilung ermöglicht, wobei Japan zur Aufrechterhaltung regionaler
Stabilität auf die Vereinigten Staaten blickt, während
sich das Land auf die Verteidigung seines eigenen
Territoriums konzentriert und ausgezeichnete Stützpunkteinrichtungen sowie als Gastland großzügige
Unterstützung bei der Förderung gemeinsamer
Sicherheitsinteressen gewährt. Die Präsenz amerikanischer Truppen gestattet Tokio die Aufrechterhaltung
der drei Prinzipien: Keine Atomwaffen, keine Streitkräfte zur Machterhaltung, keine Waffenexporte.
Japans starke Unterstützung der Nichtverbreitungspolitik reflektiert seine entschiedene Verpflichtung, auf
Waffenexporte und Atomwaffen zu verzichten.
In den vergangenen Jahren waren die Beziehungen
insgesamt aufgrund der Handelsungleichgewichte
und einer Anzahl bilateraler Wirtschaftsfragen beträchtlichen Belastungen unterworfen. Fortschritte im
wirtschaftlichen und technologischen Bereich sind für
die langfristige Gesundheit der bilateralen Beziehungen von entscheidender Bedeutung. Alle drei Säulen
des Bündnisses - Sicherheit, Politik und Wirtschaft müssen stark und ausgewogen sein. Die Beilegung
unserer derzeitigen ökonomischen Differenzen ist für
unsere Wirtschaftsbeziehungen und die Weltwirtschaft
von Bedeutung. Gesunde wirtschaftliche Bande
stärken die anderen Säulen des Bündnisses.
Die Integration Chinas als verantwortliche Weltmacht: China ist zur vorherrschenden regionalen
Militärmacht geworden und wird auf wirtschaftlichem
Gebiet bald einen ähnlichen Status erreichen. Die
militärische Aufrüstung des Landes, insbesondere die
Bereitstellung zusätzlicher Gelder für Marine und
Luftwaffe, hat in Nordost- und Südostasien Anlaß zu
der Sorge gegeben, China entwickele neue Fähigkei-

AMERIKA DIENST 24

�ten, die eine potentielle Bedrohung seiner Nachbarn
darstellten. Andererseits hat sich die derzeitige
chinesische Führung um den Aufbau guter Beziehungen zu seinen Nachbarn und zum Westen
bemüht. Die Modernisierung der Wirtschaft ist in
naher Zukunft das Hauptziel Chinas, der Übergang
zu einer Führung nach Deng läßt den zukünftigen
strategischen Kurs des Landes jedoch im unklaren.
Für die Vereinigten Staaten und eine Anzahl interessierter Länder besteht die große Herausforderung
in der Förderung einer verantwortlichen Integration
Chinas in die asiatisch-pazifische Gemeinschaft.
Diese Bestrebungen werden ein entscheidender
Faktor dafür sein, wie China letztlich - und unausweichlich - seine Rolle als Weltmacht definiert.
Unsere größte Chance, beim Entstehen dieser
Weltmacht einen positiven Einfluß auszuüben, liegt
in der Ermutigung von sich in China bereits abzeichnenden Trends, beispielsweise der Bewegung
zu einer Marktwirtschaft sowie größerer Beteiligung
am internationalen Wirtschaftssystem. Kontakte zu
China an allen Fronten, einschließlich des Militärs,
bieten die beste Chance zur Erreichung dieses Ziels.
Ein China mit Interesse am Weltwirtschaftssystem
wird sich wahrscheinlich weniger aggressiv und
unberechenbar verhalten als ein China, das sich von
der Weltgemeinschaft isoliert fühlt.
Vertiefung unserer Beziehungen zum ASEAN:
Die Entwicklung des Verbands Südostasiatischer
Nationen (ASEAN) zu einem zunehmend einflußreichen regionalen Akteur ist eine wichtige positive
Entwicklung. Die 320 Millionen zählende Bevölkerung des ASEAN ist nahezu doppelt so groß wie die
von Japan und Korea zusammengenommen.
Südostasien ist eine Region mit wachsender wirtschaftlicher Stärke, und bis Ende des Jahrhunderts
werden die ASEAN-Volkswirtschaften gemeinsam
voraussichtlich einen Umsatz von 800 Milliarden
Dollar erzielen - 100 Milliarden mehr als China. Die
Vereinigten Staaten teilen das Interesse der ASEANLänder zu verhindern, daß Südostasien ein Gebiet
für strategischen Wettbewerb zwischen den Regionalmächten wird.
Wir versuchen, unser Netz von Zugangsarrangements anstelle von ständigen Stützpunkten in ganz
Südostasien zu erweitern. Derartige Abkommen
werden bilaterale Ausbildung, Manöver und die
Interoperabilität verbessern und damit unsere
Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Verbündeten und
Freunden erweitern.
Verbesserung der Stabilität in Kambodscha: Mit
internationaler Unterstützung und starker Beteiligung
von König Sihanouk am Friedensprozeß ermöglichten die Vereinten Nationen die Wahl einer Regierung

AMERIKA DIENST 24

in Kambodscha. Seit der Gründung der Regierung
hat Kambodscha beachtliche Fortschritte bei der
Einrichtung von Regierungsinstitutionen, Förderung
der Respektierung von Menschenrechten und Einführung einer marktorientierten Volkswirtschaft erzielt.
Trotz dieser Erfolge sieht sich Kambodscha immer
noch mit ernsthaften Herausforderungen beim Wiederaufbau, der Entwicklung und im Sicherheitsbereich
konfrontiert, nicht zuletzt mit den aufrührerischen
Roten Khmer. Die andauernde Unterstützung der
internationalen Staatengemeinschaft einschließlich
der Vereinigten Staaten ist unabdingbar für das
Überleben dieser aufstrebenden Demokratie. Die
Vereinigten Staaten verpflichten sich weiterhin zur
Bereitstellung von Wiederaufbau- und Rehabilitationshilfe sowie humanitärer Hilfslieferungen für das
kambodschanische Militär, darunter IMET, das die
Entstehung eines Berufsheeres fördert, das die
Entwicklung grundlegender demokratischer Institutionen unterstützen, die nationale Verteidigung bereitstellen sowie den nationalen Wiederaufbau und die
Entwicklung fördern wird.
Behandlung der Ansprüche auf die Spratly-Inseln:
In vielen Teilen der Region gibt es strittige Gebietsansprüche, aber der Streit um die unterirdischen
Ölreserven in der Umgebung der Spratly-Inseln ist
kurz- bis mittelfristig eine potentielle Quelle regionaler
Konflikte, die viele Nationen der Region einbeziehen
und das Befahren entscheidender Schiffahrtswege im
Südchinesischen Meer gefährden könnten. Regionale Bestrebungen zum Abbau der Spannungen auf
den Spratlys wie die von Indonesien veranstalteten
"Workshops", die die Kontrahenten zur Konzentration
auf Gebiete der Kooperation zusammenbringen,
verweisen auf den Wert multilateraler Ansätze zu
regionalen Sicherheitsfragen, die nützliche Ergänzungen des traditionellen Netzes bilateraler Bündnisse
sind.
Bekräftigung der kontinuierlichen Bedeutung der
Vornestationierung amerikanischer Streitkräfte:
Die Präsenz vornestationierter amerikanischer
Streitkräfte in der Region ist eine deutliche Demonstration des amerikanischen Engagements, bietet
Abschreckung und psychologische Unterstützung und
dient als Grundlage für regionale Stabilität und
Sicherheit.
Die asiatischen Staats- und Regierungschefs wurden
durch die Reden des Präsidenten in Tokio und Seoul
sowie die Ankündigung der Ergebnisse der grundlegenden Umstrukturierung durch den damaligen
Verteidigungsminister Aspin bestärkt. Aus asiatischer
Sicht waren besonders bemerkenswerte Aspekte der
Umstrukturierung die Konzentration auf rasche
Dislozierung; Modernisierungsinitiativen, die Verbesserungen unserer Luft- und Seetransportfähigkeit

Seite 3

�beinhalten sowie voreingelagertes Gerät, das die
raschere Dislozierung unserer Streitkräfte bei einer
Krise sicherstellt; nachdrückliche Verbesserungen
unserer Fähigkeit zur Lokalisierung und Zerstörung
gegnerischer militärischer Einrichtungen verleihen
diesen Streitkräften größere Effektivität, und fähigere
Überwachungsplattformen des Gefechtsfelds sowie
moderne Munition machen insbesondere unsere am
ersten eintreffenden Streitkräfte schlagkräftiger.
Militärisches Engagement in der Region hängt auch
von anderen Formen der Zusammenarbeit bei der
Verteidigung ab: Personalaustausch, Austausch von
nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, Besuchen auf
hochrangiger Ebene, Konferenzen, bilateralem
politischem Dialog, IMET, Voreinlagerung von Gerät,
gemeinsamen Manövern und Kontakten unter den
Militärs. Diese Mechanismen gestatten uns die
Demonstration unseres Interesses an der Region,
und in dem Maße, in dem wir sie zur Erweiterung
und Stärkung unserer bilateralen Verteidigungsbeziehungen nutzen können, werden wir die Grundlage des regionalen Sicherheitssystems festigen. In
diesem Zusammenhang möchte ich auf die Ablehnung der Sprachregelung in der Version der Gesetzesvorlage zu ausländischen Operationen des
Repräsentantenhauses durch die Administration
verweisen, die versucht, Indonesien die Ausbildungsbeschaffung zu verbieten.
Anerkennung der Vorteile von Bündnissen: Das
Bündnis zwischen Australien, Neuseeland und den
Vereinigten Staaten (ANZUS) ist weiterhin eine
wichtige Komponente unserer Sicherheitsarchitektur
im Pazifik, obwohl Sicherheitsgarantien für Neuseeland zur Zeit aufgrund der Nichteinhaltung der
Bündnisverpflichtungen durch Neuseeland aufgehoben sind. Australien, mit dem wir eine breitgefächerte nachrichtendienstliche und strategische Partnerschaft unterhalten, ist ein wichtiger Bestandteil
unserer Vornepräsenz in der Region. Unser Ziel ist
die Stärkung dieser Partnerschaft und der Abbau
von Hindernissen gegen die erneute Integration
Neuseelands als vollwertiger Partner in das ANZUS.
Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in ganz
Ostasien gibt es große Übereinstimmung, daß
unsere Bündnisse und andere bilaterale Verteidigungsbeziehungen das Kernstück der bestehenden
Sicherheitsstruktur sind und bleiben müssen. Es gibt
jedoch auch zunehmende Anerkennung des Werts
von multilateralen Sicherheitsinitiativen als ergänzende zweite Stufe eines sich abzeichnenden regionalen Sicherheitsumfelds.
Nutzung der Chancen multilateraler Sicherheitsdebatten: Unsere aktive Beteiligung an multilateralen Sicherheitsdialogen - sowohl offiziell, wie die

Seite 4

ASEAN-Ministerkonferenz, als auch inoffiziell wie bei
verschiedenen, aus Wissenschaftlern und Regierungsvertretern zusammengesetzten Konferenzen können zur Bekräftigung unserer regionalen Rolle
beitragen sowie bestehende und sich abzeichnende
Sicherheitsprobleme ansprechen, die auf bilateraler
Ebene nicht so leicht behandelt werden können.
In Nordostasien müssen wir uns bewußt machen,
daß zwar unsere bilateralen Sicherheitsbündnisse mit
Japan und Korea weiterhin den Grundpfeiler unserer
Sicherheit bilden, es jedoch auch Chancen für einen
multilateralen Sicherheitsdialog auf staatlicher und
nichtoffizieller Ebene gibt. Unter den sechs führenden nordostasiatischen Mitspielern (Republik Korea,
Demokratische Volksrepublik Korea, Vereinigte
Staaten, Japan, China und Rußland) macht sich
zunehmend die Erkenntnis breit, daß ihre gegenseitige Sicherheit durch einen regionalen Dialog
sowie größere Transparenz bei Waffenverkäufen und
der Verteidigungsplanung verbessert werden kann.
Gleichzeitig sollte man sich vor Augen führen, daß
die Region nicht für weitere tiefgreifende Maßnahmen
wie die Gründung eines regionalen Sicherheitsbündnisses oder die Verabschiedung regionaler Rüstungskontrollabkommen bereit ist.
Das Ausmaß der
Spannungen auf der koreanischen Halbinsel, der sich
abzeichnende politische Übergang in Japan, die
Belastungen der amerikanisch-chinesischen Beziehungen wegen der M-11-Sanktionen, CTB, Menschenrechten und Yin He sowie das Fehlen politischer Stabilität in Rußland verringern alle die Aussichten auf einen kurzfristigen größeren Durchbruch
bei der nordostasiatischen regionalen Sicherheit.
Schlußbemerkung
Obwohl wir nicht mehr mit der hegemonischen
sowjetischen Bedrohung in Asien und im Pazifik
konfrontiert sind, sehen wir uns noch immer mit einer
der forderndsten militärischen Bedrohungen in Korea
und einem komplexen Gefüge erneut auftretender
und neuer Herausforderungen gegenüber. Viele
dieser Herausforderungen leiten sich aus der bevorstehenden Umgestaltung entscheidender ostasiatischer Länder ab - deren Resultat in hohem Maße die
Natur des künftigen ostasiatischen Sicherheitsumfelds
bestimmen wird. Wir sehen uns auch mit der Herausforderung einer Modernisierung der amerikanischjapanischen Beziehungen konfrontiert - dem Eckpfeiler unserer Sicherheitsposition in Ostasien und im
Pazifik. Die Interessen sind so gelagert, daß wir eine
Strategie der Stärkung bilateraler Beziehungen und
der Ermutigung multilateraler Abkommen verfolgen
müssen, während wir in die erforderlichen Ressourcen zur Aufrechterhaltung unserer vitalen Interessen
investieren und unsere unerschütterliche Entschlossenheit zum Ausdruck bringen.

AMERIKA DIENST 24

�USIA
22. Juni 1994

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT UND DAS ZEITALTER
DER DEMOKRATIE
von Penn Kemble
Der Verfasser des nachfolgenden Artikels, Penn Kemble, ist Stellvertretender Direktor des US-Informationsamts
(United States Information Agency - USIA). Der Artikel basiert auf einer Rede, die Kemble am 8. Juni 1994
bei der vom Center for Strategie and International Studies geförderten Konferenz über Öffentlichkeitsarbeit in
der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Jede Diskussion über die Rolle der Öffentlichkeitsarbeit in unserer Außenpolitik muß von einigen
strategischen Prämissen ausgehen: Was geschieht
in der Welt nach dem Kalten Krieg und was sollten
die Vereinigten Staaten zur Förderung ihrer Werte
und Interessen unternehmen?
Heute beklagen sich viele darüber, die Probleme in
der Welt nach dem Kalten Krieg seien so neu und
kompliziert, daß die größte uns

konfrontierende

Gefahr der Impuls zu ihrer Vereinfachung darstelle.
Diese Warnung wurde vielleicht am beredtsten vor
einigen Monaten von dem renommierten George
Kennan formuliert, der den Council on Foreign
Relations vor dem Streben nach einem alles umfassenden Weltbild warnte, das die nach dem
Zusammenbruch der großen Strukturen des OstWest-Konflikts hinterlassene Leere füllen könnte.
Die Warnung Botschafter Kennans fand weithin ein
Echo: Anscheinend ist im heutigen, postmodernen
intellektuellen Umfeld nichts so sehr aus der Mode
gekommen wie Einfachheit und Klarheit. Daher ist
es mir gewissermaßen peinlich zuzugeben, daß die
von mir zugunsten der Öffentlichkeitsarbeit angeführten Argumente, die mir überzeugend scheinen, auf
Prämissen über Amerikas Stellung in der Welt
beruhen, die einfach und direkt sind.
Manche halten den Zusammenbruch des Kommunismus für etwas, das völlig unerwartet geschah - wie
die wundersame Zerschlagung der heidnischen
Armee in einer Bibelgeschichte. Über einen solchen
Eindruck sollte man nicht zu schnell spotten. Es
scheinen jedoch auch unbestreitbar irdischere Kräfte
am Werk gewesen zu sein. Diese könnten folgendermaßen zusammengefaßt werden: Die Ereignisse

AMERIKA DIENST 24

von 1989 und danach wurden durch eine internationale soziale und kulturelle Bewegung zu Demokratie
und Selbstbestimmung ausgelöst, die sowohl die
traditionellen autoritären Gesellschaften der entwikkelten Welt, als auch viele unter kommunistischer
Herrschaft befindliche Gesellschaften erfaßte.
Professor Samuel Huntington bezeichnete dies als
die "dritte Welle" einer weltweiten demokratischen
Revolution, die vor zwei Jahrhunderten begann.
Die Welt nach dem Kalten Krieg wird immer noch von
den Wogen dieser großen demokratischen Welle
geformt, die auf neue Hindernisse stößt, Reaktionen
hervorruft und in neue Domänen einbricht. Die
Vereinigten Staaten sind - mit Absicht und durch ihr
unbewußtes Beispiel - in vielerlei Hinsicht der kulturelle und politische Erzeuger dieser Demokratiewelle.
Wir haben ein starkes Eigeninteresse an ihrer Konsolidierung auf möglichst hoher Ebene.
Einige meiner Kollegen - das weiß ich aus im USInformationsamt geführten Diskussionen - halten die
oben beschriebene Weltsicht für Sehnsucht nach den
geopolitischen Gegebenheiten des Kalten Krieges:
Die bunten Landkarten freier und unfreier Länder, die
strategischen Höhen und Schwachstellen, die
Schlachten um Herz und Verstand. Die Kritiker
bringen einige Argumente an. Ihre Neigung zur
Komplexität und Verweigerung klarer Auswahl kann
auch eine Entschuldigung für Schüchternheit und
Passivität sein. Die Idee kann besänftigend und
beruhigend sein, unsere Probleme seien so neu und
verschiedenartig, daß wir sie nicht wirklich verstehen
können oder alles bis nach weiteren Untersuchungen
hinausschieben.

Seite 1

�Wenn wir jedoch zulassen, daß die internationale
Angelegenheiten definierende Herausforderung die
Aussicht auf diese weltweite Demokratiebewegung
ist, haben wir eine gute Grundlage für die Einschätzung der Wirksamkeit und zukünftigen Strategie
unserer Öffentlichkeitsarbeit.
Nachfolgend kurz
einige bei der Diskussion anzustellende Überlegungen:
1. In einer zunehmend demokratischen Welt, in der
die Kommunikationskultur der Demokratie sich auch
auf viele nichtdemokratische Gesellschaften ausgeweitet hat, muß praktisch jede wirksame Diplomatie
eine "öffentliche" Dimension haben. Die Zeiten sind
vorbei, in denen die angeblichen Nachfolger Talleyrands und Metternichs in Wagenkolonnen herumfahren, in gobelingeschmückten Sälen Demarchen
austauschen und Presse und Öffentlichkeit ausschließen konnten, bis die Zeit zur Ankündigung
einer Übereinkunft in der Öffentlichkeit gekommen
war oder ihre Hilfe bei der Beseitigung von Fehlern
nötig war. Die Diplomatie von heute muß zunächst
ein öffentliches Fundament legen und auf allen
Stufen die Unterstützung der Öffentlichkeit genießen.
Dennoch wird von einigen die öffentliche Komponente der Diplomatie als eine Art Hilfsfunktion oder
nachträgliche Überlegung angesehen. Schon vor
langer Zeit lernte ich die Maxime: "Wenn wir bei der
Bruchlandung dabei sein sollen, müssen wir auch
beim Abheben dabei sein." Erst kürzlich fand ich zum passenden Zeitpunkt - heraus, daß diese
Bemerkung erstmals vom ehemaligen USIA-Direktor
Edward R. Murrow gemacht wurde.
Zu Beginn dieser Konferenz gab Botschafter Gerald
Solomon ein gutes Beispiel dafür, warum strategische Öffentlichkeitsarbeit ein fester Bestandteil jeder
diplomatischen Initiative sein sollte. Unsere Schwierigkeiten mit Nordkorea wegen der Weiterverbreitung
mögen manchen in Asien und sogar hier zusammenhanglos, ominös und daher suspekt erscheinen. Wir
müssen hier und im Ausland größere Gruppen von
Meinungsbildnern mit dieser Angelegenheit betrauen, wenn wir wirksam handeln wollen.
2. Ein weiteres Gebiet, auf dem die Anerkennung
der Bedeutung weltweiter Demokratiebewegungen
von Nutzen sein könnte, ist unsere Neueinschätzung
der Rolle von Auslandshilfe. Die ältere, Entwicklung
in den Mittelpunkt rückende Denkweise ging allzuoft
von der Annahme aus, wir in den Vereinigten
Staaten hätten die Lösungen für die Probleme,
könnten unsere Angebote in Kisten verpacken und
in die unterentwickelte Welt verschicken. Diese
Mentalität führte zu einer "Geber"- und einer entsprechenden "Nehmer"-Kultur.

Seite 2

Es gibt Umstände, unter denen Katastrophen oder
menschliches Leiden die herkömmliche Art von
Auslandshilfe erforderlich machen. Seit langem ist
jedoch offenkundig, daß Fortschritte am effektivsten
erzielt werden, wenn die Menschen die Mittel zur
Lenkung ihrer eigenen Entwicklung beschaffen. Die
Bewegung zu Demokratie und zu freiem Unternehmertum hat den Weg zu rascherer und menschlicherer Entwicklung geebnet, als die meisten Anhänger der Auslandshilfe je für möglich hielten. Die von
uns für diese Bewegung bereitgestellte Unterstützung
ist jedoch nicht eine von Gebern an Nehmer, sondern
vielmehr Solidarität mit mehr Kollegialität und Gleichberechtigung. Statt Dämme zu bauen und Brunnen
für Menschen zu bohren, helfen wir ihnen beim
Aufbau der Institutionen und Kulturen, mit denen sie
diese Dinge selbst leisten können.
3. Eine weitere Stärke leitet sich daraus ab, daß wir
uns selbst als Teilnehmer an einer internationalen
demokratischen Entwicklung sehen, und dies besitzt
sicherlich größere Anziehungskraft für unsere Bürger
als sich selbst als Weltpolizisten oder Sozialarbeiter
zu betrachten. Die Amerikaner sind nicht in der
klassischen isolationistischen Stimmung wie in den
zwanziger Jahren - sie wollen in der Welt engagiert
sein. Die Idee, zur Verankerung der Demokratie in
anderen Ländern beizutragen, hat moralische Anziehungskraft, und - falls dies als zu hochherzig angesehen wird - muß man auch einem äußerst wichtigen
amerikanischen Wirtschaftsinteresse gerecht werden,
indem man auf neueröffnete Märkte geht. Zum
Aufgabengebiet von USIA gehört es nicht, Öffentlichkeitsarbeit unter der amerikanischen Bevölkerung zu
leisten, aber wir können und sollten das amerikanische Volk in die Vermittlung der amerikanischen
Interessen und Werte an andere einbeziehen.
Öffentlichkeitsarbeit in diesem demokratischen
Zeitalter ist das Bestreben zur Förderung der Interessen der Vereinigten Staaten durch Einflußnahme
auf die öffentliche Meinung im Ausland. Es gibt drei
Wege, mit denen wir bei USIA dies tun können:
Bildungsaustausch, Rundfunk- und Fernsehsendungen sowie die Arbeit unserer Vertreter für öffentliche
Angelegenheiten, Information und Kultur auf ihren
Posten im Ausland.
Der am wenigsten verstandene, aber wertvollste
dieser drei Aspekte ist die Arbeit der USIA-Vertreter
vor Ort im Ausland. Sie sind die Kämpfer für unsere
Außenpolitik. Sie beobachten genau, wie die ausländische Öffentlichkeit auf Themenkomplexe reagiert. Sie engagieren die Presse, Dozenten und
Meinungsbildner. Sie sind uns bei der Gestaltung
unserer Austauschprogramme, Sendungen und
unserer Meinungsforschung behilflich. Heute sind sie
einer Wache vergleichbar, die die interessanteren

AMERIKA DIENST 24

�Aspekte der Welt von heute verfolgt: Die Rebellion
gegen Globalismus. Wie der französische Schriftsteller Regis Debray kürzlich in The New Crlterion
erläuterte: "... der freiere Informationsfluß erzeugt
kulturelles Selbstbewußtsein. Unser Weltdorf ist
gleichermaßen globaler und chauvinistischer. Das
eine bedingt das andere. Aus diesem Grund erleben wir ein Zeitalter des Nationalismus, Separatismus, Irredentismus und des Stammeswesens...
Auferzwungener Globalismus löst vorsätzlichen
Partikularismus aus...".
Unsere Austauschprogramme sind weitverbreitet,
obwohl wir besorgt sind, daß falsche Volkswirtschaften und der Druck auf kurzfristige Ergebnisse bei
allen außenpolitischen Aktivitäten sie schwächen
könnten. Die durch Austauschprogramme gesammelten Erfahrungen haben sich als unser kosteneffektivstes Mittel erwiesen, um potentielle Führungskräfte von einer unvoreingenommenen und sogar
positiven Sichtweise der Vereinigten Staaten zu
überzeugen. Bedenken Sie, daß sowohl F.W. de
Klerk als auch Thabo Mbecki, ehemaliger Präsident
und Stellvertretender ANC-Präsident von Südafrika,
bei Austauschprogrammen in den Vereinigten
Staaten formale Ausbildung erhielten. Oder die
bemerkenswerte Anzahl hochrangiger Vertreter in
der Regierung Salinas in Mexiko, die ihre Modernisierungsideen für die Volkswirtschaft während ihres
Studienaufenthalts in den Vereinigten Staaten
entwickelten.

Wir haben in jüngster Zeit auch gelernt, wie wichtig
Rundfunk- und Fernsehsendungen im Ausland für die
Menschen sind, die um die Bekräftigung der Demokratie in ihren Ländern kämpfen. In Krisen - wie bei
dem Putschversuch in Rußland - waren unsere
Sendungen eine entscheidende Informationsquelle für
die im russischen Weißen Haus belagerten Demokraten. Unsere Sender sind noch immer ein Bezugspunkt für die neuen unabhängigen Medien in Osteuropa oder Südafrika. Wir erhalten endlich Anerkennung für die beeindruckende Zuhörerschaft von
Radio Marti in Kuba und den Wert von Sendungen in
China. Wir leisten bemerkenswerte Ausbildungsarbeit für Rundfunk- und Fernsehleute aus den
Entwicklungsländern und der postkommunistischen
Welt.
Ein demokratisches Zeitalter produziert großen
Hunger nach Informationen, und neue Technologien
sind auf dem Vormarsch, dank deren die Sendungen
zu noch geringeren Kosten umfassender werden.
Interaktive, digitale, direkte Bild- und Tonsendungen
und die Entwicklung des multimedialen Internet sind
äußerst vielversprechend für unsere Sendungen und
Kabelfernsehübertragungen bei USIA.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Öffentlichkeitsarbeit ein Aspekt unserer Bestrebungen bei
auswärtigen Angelegenheiten zu sein scheint, der mit
einem klaren Auftrag und einer im wesentlichen
soliden Struktur das Zeitalter nach dem Kalten Krieg
beginnt. Unsere Aufgabe ist zu ermöglichen, daß
man an das 21. Jahrhundert als Demokratisches
Jahrhundert denken kann, so wie einige das 20.
Jahrhundert einmal als Amerikanisches Jahrhundert
bezeichnet haben.

*

AMERIKA DIENST 24

*

Seite 3

�AIDS
22. Juni 1994

FRAUEN UND AIDS
von Jennifer Sutton
WASHINGTON - (AD) - Zu einer Zeit, in der jeder achte AIDS-Patient weiblichen Geschlechts ist - eine
beträchtliche Erhöhung im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert - konzentrieren sich mehrere Gruppen von
Forschern in den Vereinigten Staaten insbesondere auf die Auswirkungen der Pandemie auf Frauen und die
nur ihnen zugänglichen Präventionsmöglichkeiten.
Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels ist Redaktionsassistentin von Brown Alumni Monthly.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Brown Alumni Monthly.

1986 wurde Donna Keegan clean. Sie überwand
ihre Alkoholabhängigkeit, die in ihrer Teenagerzeit
begonnen hatte sowie einen zwölf Jahre währenden
Drogenkonsum, der ihre Welt ins Wanken brachte,
als sie zwischen 20 und 30 war. Die Zeit nach
ihrem 30. Lebensjahr würde - so hoffte sie - glücklicher verlaufen.
Die jetzt 38jährige Keegan hat zu Frieden und
Selbstvertrauen gefunden.
Sie hat eine enge
Beziehung zu ihrer 15jährigen Tochter, und vor zwei
Jahren verliebte sie sich und heiratete erstmals. Die
große kräftige Frau mit den rosigen Wangen, der
modischen blonden Frisur und dem entschiedenen,
selbstbewußten Auftreten sieht aus wie das blühende Leben. Sie spricht schnell und ihre blauen
Augen sprühen, als sie ihre Lebensgeschichte
erzählt.
Eines der jüngsten Kapitel handelt von Keegans
Kampf um angemessene Gesundheitsfürsorge
angesichts einer entsetzlichen Krankheit. Nachdem
sie sich einer Entgiftungskur unterzogen, ihr Leben
wieder in die Hand genommen, erneut die Schule
besucht und einen neuen Arbeitsplatz gefunden
hatte, bekam Keegan eine hartnäckige Pilzinfektion.
Medikamente zur Pilzbekämpfung halfen eine
Zeitlang, aber sobald Keegan eine der vielen verschriebenen Behandlungen beendet hatte, bekam
sie die Infektion erneut. Im Verlauf der nächsten
Jahre litt sie unter weiteren chronischen Krankheiten,
einschließlich einer Nebenhöhleninfektion, Soor (eine
orale Pilzinfektion bei Neugeborenen), Hautausschlägen, Neuropathie (ein Nervenleiden an Händen
und Füßen) sowie Gelenkentzündungen. Ende 1988
wies ein Abstrich auf eine Cervixdysplasie hin, die

AMERIKA DIENST 24

sich innerhalb von fünf Monaten zu Krebs entwickelte
und eine operative Entfernung der Gebärmutter
erforderlich machte.
Obwohl bekannt war, daß Keegan früher drogenabhängig war und ungeschützten Geschlechtsverkehr
hatte, testeten die Ärzte ihres Gesundheitsamtes sie
nicht auf das Immunschwächevirus HIV (Human
Immunodeficiency Virus), das AIDS verursacht. Sie
untersuchten Keegan mehrmals - mit negativem
Ergebnis - wegen Verdacht auf Lupus und behandelten wiederholt ihre Pilzerkrankungen, ohne nach der
Ursache zu forschen. Als Keegan die naheliegende
Frage stellte, warum sie ständig krank sei, versicherten sie ihr, daß es nichts Gravierendes sei.
"Ich war ständig in Arztpraxen, aber die Ärzte hatten
keine Ahnung davon, daß mein Leiden Warnzeichen
einer HIV-Infektion war", erklärte Keegan. "Sie
behandelten mich wie Abschaum. Immer wenn ich
eine Frage stellte, die sie nicht beantworten konnten,
wurden sie sehr distanziert. Schließlich entwickelte
ich eine Abscheu gegen Arztbesuche, denn nach
jedem Besuch fühlte ich mich schlechter als vorher,
wie ein schlechter Patient."
Schließlich vermutete Keegan selbst die richtige
Diagnose. Im Herbst 1990 ging sie in Boston zu
einer Einrichtung für anonyme AIDS-Tests, und das
Ergebnis war in großer roter Schrift auf ein Blatt
Papier gestempelt: positiv.
Da Keegan während ihrer Alkohol- und Drogenabhängigkeit so viele Risiken eingegangen war,
wußte sie nicht, wann und wie das Virus in ihren
Körper gelangt war. Es können unsaubere Spritzen

Seite 1

�oder ungeschützter Geschlechtsverkehr gewesen
sein oder Bluttransfusionen während ihrer zahlreichen Operationen, bevor die medizinischen Einrichtungen Mitte der achtziger Jahre die Kontrolle
der Blutkonserven begannen.
Ungeachtet dessen, wie Keegan sich HlV-infizierte,
ist sie der Ansicht, daß es mindestens vier Jahre
unentdeckt in ihrem Körper schlummerte. Unglücklicherweise ist ihre Erfahrung typisch für HIV-Trägerinnen. Das Virus hat auf Frauen andere Auswirkungen als auf Männer und manifestiert sich oft in
gynäkologischen Erkrankungen. Obwohl Keegan ein
Schulbeispiel war - chronische Pilzinfektionen, Soor,
Gebärmutterhalskrebs - wird das Lehrbuch erst jetzt
geschrieben. Es wird noch relativ wenig Forschung
über die Auswirkungen von AIDS auf Frauen betrieben, wenn man diese mit der Forschung an Homosexuellen und intravenös Drogen spritzenden Männern vergleicht, und nur wenige Ärzte sind in der
Lage, bei Frauen die ersten Symptome zu erkennen.
Erst im Januar 1993 setzten die Zentren für Seuchenkontrolle und -Verhütung (Centers for Disease
Control and Prevention - CDC) invasiven Gebärmutterhalskrebs auf die offizielle Liste der US-Regierung
von AIDS-typischen Krankheiten.
Nach erfolgter Diagnose hätte Keegan vielleicht
erwarten können, daß sich ihre Behandlung verbessern würde. Als sie jedoch auf ihrem Gesundheitsamt eine Überweisung zur psychologischen Behandlung anforderte, fragte ihr Arzt sie, warum sie meine,
eine Beratung zu benötigen. Als sie sich entschloß,
den Arzt zu wechseln, warnte ihr neuer Arzt sie, er
"wolle nicht als der AIDS-Doktor bekannt werden".
Aus Sorge über die mangelnde Sensibilität der
Gesundheitsbehörde brachten ein Priester und der
ihre AIDS-Beratungsgruppe leitende Sozialarbeiter
sie in Kontakt mit Dr. Charles Carpenter, einem
Professor für Medizin an der Brown University in
Providence (Rhode Island). "Ich hatte schreckliche
Angst", erinnert sich Keegan. "Dies war mein dritter
Arzt, und sollte es dieses Mal nicht klappen, würde
ich mich wirklich wie ein schlechter Patient fühlen."
Im Dezember 1990 ging Keegan zu Carpenter. "Ich
versuchte ihm zu erklären, wie ich mich fühlte und
was geschehen war. Und er hörte mir geduldig zu."
"In den meisten Landesteilen entdecken die Frauen
erst in einem späteren Stadium der Krankheit, daß
sie HIV-positiv sind", erklärt Carpenter in seinem
Büro im Miriam Hospital von Providence, wo er
Chefarzt ist. "Dann kann ihnen meistens schon nicht
mehr viel geholfen werden."

Seite 2

Carpenter ist ein über 1,80 Meter großer, eckiger
Mann im weißen Arztkittel. Seine Stimme macht ihn
weicher: leise und tief mit der Spur eines Südstaatenakzents. Carpenter, der vor der Entdeckung des
HI-Virus Anfang der achtziger Jahre ein renommierter
Fachmann für Cholera-Erkrankungen war, kam 1986
von der Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio) nach Brown. Davor war er an der Johns
Hopkins University in Baltimore (Maryland) tätig.
Jetzt teilt er seine Zeit auf zwischen seinen Patienten
in der AIDS-Klinik des Miriam Hospital, Vortragsreisen
im ganzen Land, oft in die Bundeshauptstadt Washington, wo er Vorsitzender des Beratungskomitees für
das AIDS-Programm des Nationalen Gesundheitsdienstes (National Institutes of Health - NIS) der
Vereinigten Staaten ist, und der Überwachung von
HIV-Forschungsprojekten im Rahmen des AIDSProgramms der Brown University (Brown University
AIDS Program - BRUNAP), zu dessen Direktorium er
gehört.
BRUNAP wurde von Dr. Kenneth Mayer, einem
außerordentlichen Professor für Medizin, ins Leben
gerufen. Der für ansteckende Krankheiten im Memorial Hospital im nahegelegenen Pawtucket verantwortliche Arzt, der auch Vorstandsmitglied der amerikanischen Stiftung für AIDS-Forschung ist, begann seine
medizinische Karriere in Boston gerade zu dem
Zeitpunkt, als das HI-Virus homosexuelle Männer
befiel. Mayer kam 1983 an die Brown University und
gründete 1988 das AIDS-Programm, um die medizinische Fakultät, die sich auf dem Campus mit HIV und
AIDS befaßte, mit den acht der Brown University
angehörenden Krankenhäusern zu verbinden. Dieser
interdisziplinäre Ansatz ermöglichte dem Programm
eine Kombination des Fachwissens von Forschern,
Psychiatern, Gynäkologen, Kinderärzten, Internisten
und anderen. "AIDS ist ein perfektes Beispiel dafür,
wie Brown am besten arbeitet", erklärt Mayer. "Alle
werden einbezogen. Das Ganze ist stärker als die
Summe der Einzelteile."
BRUNAP ist eine von landesweit etwa einer Handvoll
Forschungsgruppen, die sich mit HlV-infizierten und
an AIDS erkrankten Frauen befassen. Von den unter
der Schirmherrschaft von BRUNAP durchgeführten
gemeinsamen Programmen ist das derzeit größte die
epidemiologische Forschungsstudie zu HIV (HIV
Epidemiology Research Study - HERS), eine Untersuchung des natürlichen Verlaufs von HIV-Infektionen
und AIDS bei mehreren hundert Frauen in Rhode
Island und dem Südosten von Massachusetts. Die
von den Zentren für Seuchenbekämpfung und -Verhütung sowie dem Nationalen Gesundheitsdienst
finanzierte Forschung an der Brown University und
drei anderen Forschungszentren führte zur ersten
Studie ihrer Art, die sich ausschließlich mit Frauen
befaßt.

AMERIKA DIENST 24

�Für Donna Keegan ist solche Forschung längst
überfällig. Während der ersten Jahre, in denen sich
die Epidemie in den Vereinigten Staaten ausbreitete,
war das Verhältnis zwischen an AIDS erkrankten
Männern und Frauen 20 zu 1. Inzwischen beträgt
es 7 zu 1, und in den armen Stadtteilen, im ländlichen Süden und unter Teenagern beträgt es fast 1
zu 1. Dokumenten des amerikanischen Gesundheitsministeriums zufolge kam vor 1987 eine an
AIDS erkrankte Frau auf neun Männer, 1992 war
das Verhältnis 1 zu 3.
Viele dieser Frauen stecken sich durch den Drogenkonsum mit dem HI-Virus an, aber immer mehr
werden von ihren männlichen Sexualpartnern Ehemännern, Freunden, Freiern angesteckt, die sich
Drogen injizierten oder es noch tun. Die Statistiken
sind erschreckend. Vor 1988 waren 22 Prozent der
AIDS-Infektionen unter von den Ärzten der Brown
University überwachten Frauen in Rhode Island und
dem südöstlichen Massachusetts auf heterosexuelle
Übertragung zurückzuführen; seit 1991 sind es 75
Prozent. Mayer prognostiziert, daß die Mehrheit
aller neuen örtlichen Fälle von HIV-Infektionen im
kommenden Jahr auf sexuelle Aktivitäten zwischen
Männern und Frauen zurückzuführen sein wird. Man
kann nicht genau sagen, wieviele Frauen in der
Region mit dem HI-Virus infiziert sind, Carpenter
schätzt jedoch, daß die Ärzte der Brown University
neunzig Prozent behandeln. Die meisten von ihnen
sind arm.

Da die Bevölkerung von Rhode Island überwiegend
aus Weißen besteht, behandeln die Ärzte der Brown
University einen kleineren Anteil von Minderheiten
angehörenden Frauen als die meisten städtischen
Kliniken und Krankenhäuser, wo drei Viertel der
Patienten Minderheiten, vorwiegend aus Afrika und
Lateinamerika, angehören. Die Angehörigen von
Minderheiten im Südosten von Neuengland infizieren
sich zu einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz mit dem Virus: Sie machen ein Zehntel der
Bevölkerung aus, jedoch ein Drittel der HlV-Infizierten.
HlV-infizierte Frauen haben nicht unbedingt häufig
wechselnden Geschlechtsverkehr. Die Patienten
Carpenters, die sich das Virus durch heterosexuellen
Geschlechtsverkehrzuzogen, "rangieren von Universitätsprofessorinnen und Geschäftsfrauen bis zu
sozialhilfeabhängigen Frauen", erklärt er.
"Sie
hatten einfach zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit eine Beziehung zu einem HlV-infizierten Mann."
Die an der HERS-Studie teilnehmenden Frauen, die
sich das Virus durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr zuzogen, hatten in den vergangenen zehn
Jahren im Durchschnitt zwei Sexualpartner.

AMERIKA DIENST 24

Angesichts eines solch gemäßigten Sexuallebens
wissen mit dem HI-Virus infizierte Frauen oftmals
nicht, daß sie gefährdet waren und sehen daher
keinen Grund, einen Test zu machen. Einige mögen
sich der gefährlichen Gewohnheiten ihres Partners
bewußt gewesen sein, aber die Angst vor HIV und
seiner Auswirkungen auf die Familie hielten sie davon
ab, sich einem Test zu unterziehen. Oder sie verließen sich, wie Donna Keegan, auf Ärzte, die so
wenig über die Auswirkungen des Virus auf Frauen
wissen, daß sie keine frühzeitige Diagnose stellen
können.
Beckenentzündungen und wiederkehrende Scheideninfektionen sind mögliche Symptome von HIV, und
die BRUNAP-Gynäkologin Susan Cu-Uvin vom
Miriam Hospital fand heraus, daß bei HlV-infizierten
Frauen die Wahrscheinlichkeit abnormer Abstriche die ein Hinweis auf Gebärmutterhalskrebs im Frühstadium sein können - dreimal so groß ist wie bei
ihren Geschlechtsgenossinnen, die nicht Virusträgerin
sind. Als AIDS und HIV erstmals von den Zentren für
Seuchenbekämpfung definiert wurden, war die
Krankheit erst bei wenigen Frauen ausgebrochen,
und die offizielle Angabe von Symptomen basierte
auf dem männlichen Immunsystem.
Bevor die
Zentren für Seuchenbekämpfung im Januar 1993 ihre
Definition auf den neuesten Stand brachten, wurde
ein unter dem Kaposi-Sarkom leidender homosexueller Mann als AIDS-Infizierter verzeichnet, eine Frau
wie Donna Keegan, die unter Gebärmutterhalskrebs
und jahrelangen Unterleibserkrankungen litt jedoch
nicht.
Die Epidemiologin Sally Zierler, außerordentliche
Professorin an der medizinischen Fakultät der Brown
University, stellt fest:
"Alle Fragen über die von
Frauen gemachten Erfahrungen mit dem HI-Virus
werden vor dem Hintergrund der männlichen Erfahrung gestellt. Dies setzt voraus, daß es nichts
außerhalb der Erfahrungswelt des Mannes gibt, was
einfach nicht stimmt." Zierler, die auch dem Direktorium des AIDS-Programms der Brown University
angehört, meint nicht nur die medizinischen Symptome. Es gibt eine Welt sozialen Drucks, der
Frauen für das Virus und seine Nachwirkungen
besonders anfälllig macht, von denen Männer - falls
überhaupt - nur selten betroffen sind.
Die meisten Kulturen gestehen Männern mehr
sexuelle Freiheiten zu als Frauen. Wenn ein Junge
als Teenager mit mehreren Partnern Geschlechtsverkehr hat, wird er für einen Macho gehalten, während
ein Mädchen wahrscheinlich als Nutte gebrandmarkt
würde. Von Frauen wird erwartet, daß sie sich "gut"
benehmen, ihre Sexualität verstecken. Aber selbst
eine monogame Frau ist nicht sicher vor dem HIVirus. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit, sich

Seite 3

�durch heterosexuellen Kontakt mit dem Virus zu
infizieren, dreimal so hoch wie bei Männern, aber
Frauen müssen sich zur Verhütung einer Anstekkung auf Kondome verlassen - und auf die Bereitschaft des Partners zu ihrer Benutzung. Wenn der
Mann eine heterosexuelle Beziehung dominiert,
fürchtet die Frau vielleicht, daß er Gewalt anwendet
oder sie verläßt, wenn sie auch nur den Vorschlag
zum Schutz vor dem HI-Virus macht. Das gilt
insbesondere für Frauen, die mißbraucht wurden.
"Einer Frau zu sagen, sie solle auf der Verwendung
eines Präservativs bestehen, ist im besten Fall
sinnlos, bisweilen jedoch auch gefährlich", so Zierler.
"Man versteht nicht, was für eine harte Probe das für
sie ist. Es dreht sich alles um die Machtfrage.
Wenn sie sagt, sie wünsche die Verwendung eines
Kondoms, läßt das die Schlußfolgerung zu, sie
ergreife die Kontrolle, was sie eigentlich nicht tun
sollte. Sie legt damit dem Mann eine Beschränkung
auf und äußert sich zu seinem Verhalten. Wenn
man das so interpretiert, daß sie die Entscheidungen
trifft, verletzt sie die Spielregeln."
Die Forscher an der Brown University und im ganzen Land sind der einhelligen Ansicht, daß Frauen
neben Kondomen andere Optionen benötigen. Bei
der internationalen AIDS-Konferenz, die im Sommer
1993 in Berlin stattfand, gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekannt, die Suche nach einer
von Frauen kontrollierten Methode zur Eindämmung
des HI-Virus stehe an oberster Stelle ihrer Prioritätenliste.
Leider sind einige Frauen der Ansicht, ihr Leben sei
es nicht wert, gerettet zu werden. Viele HlV-infizierte Frauen mußten mit verbaler, körperlicher und
sexueller Mißhandlung leben, mit instabilen Beziehungen, Drogen, Alkohol und bisweilen Prostitution.
"Ihr Selbstwertgefühl ist gleich Null", stellt Dr. Robert
Boland fest, der Lehrbeauftragter für Psychiatrie ist
und im Miriam Hospital HlV-Infizierte und AIDSPatienten berät. "Sie hatten sehr viel Pech in ihrem
Leben, und HIV ist nur ein weiteres Übel, mit dem
sie fertigwerden müssen."

In einer 1991 veröffentlichten Studie kam Zierler zu
dem Schluß, Frauen, die in ihrer Kindheit mißbraucht
wurden, neigten eher dazu, sich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und Drogenkonsum der
Gefahr einer HIV-Infektion auszusetzen als Frauen,
die nie mißbraucht wurden. Sie "entfernen" sich von
ihren Körpern, um mit dem Mißbrauch umgehen zu
können, so Zierler, und es ist für sie schmerzlich zu
lernen, daß ihr Körper Pflege und Aufmerksamkeit
benötigt. Unter Mißbrauch leidende Frauen werden
auch von der Gesellschaft dazu gebracht zu denken,
alles sei ihre eigene Schuld - einschließlich des

Seite 4

Virus. Boland erklärt: "Homosexuelle Männer haben
generell die Einstellung: 'Warum gerade ich? Womit
habe ich das verdient?' Sie ärgern sich. Frauen
wiederum haben allzuoft das Gefühl, sie hätten das
verdient. Ihnen wurde beigebracht, sie seien schlecht
und hätten den Tod verdient."
Frauen haben jedoch Kinder, für die gesorgt werden
muß. Mehr als 90 Prozent der Patientinnen, um die
sich die Ärzte der Brown University kümmern, haben
Kinder, von denen die meisten nicht mit dem Virus
infiziert sind. Diese Mutterpflichten schaffen einen
enormen Unterschied zwischen Männern und Frauen
beim Umgang mit HIV: "Das Leben der Frauen kreist
um ihre Kinder, bei Männern ist das nicht der Fall",
so Theresa Fiore, Krankenschwester im Miriam
Hospital, die in der AIDS-Klinik arbeitet. "Wenn eine
Mutter niemanden findet, der auf ihre Kinder aufpaßt,
oder sie sich keinen Babysitter leisten kann, wird sie
nicht in eine Klinik oder Beratungsgruppe gehen."
Carpenter stimmt zu, daß dies das größte Hindernis
bei der Versorgung HlV-infizierter Frauen in den
Vereinigten Staaten sei. "Die Sorge um die Kinder
hat Vorrang vor der Sorge um die eigene Person."
Da BRUNAP HIV-positive Frauen als Familieneinheit,
nicht als Einzelpatient behandelt, bemühen sich Ärzte
und Krankenschwestern, Informationen über Kinderbetreuung, Kinderärzte, kostenlose Beförderung und
Sozialdienste zu erhalten. Dr. Peter Smith, medizinischer Lehrbeauftragter und Direktor des Zentrums für
Hämatologie sowie des AIDS-Programms für Kinder
im Rhode Island Hospital, behandelt HlV-infizierte
Mütter und Kinder. Mitte der achtziger Jahre war er
Mitbegründer des FACTS House (Familiy AIDS
Center for Treatment and Support), das kurzfristige
Unterbringung, Kinderbetreuung und medizinische
Versorgung anbietet. Dr. Kevin Vigilante, Lehrbeauftragter an der medizinischen Fakultät und Arzt am
Miriam Hospital, erhielt kürzlich Gelder für die Inbetriebnahme einer ambulanten Klinik in Providence, die
sich um HIV-negative, gerade aus dem Gefängnis
entlassene Frauen kümmern soll. Die kostenlose
medizinische Versorgung der Frauen und ihrer Kinder
sowie soziale Leistungen werden sie von Drogen und
Prostitution und damit letztlich von HIV fernhalten,
hofft er.
Wenn sich eine Frau jedoch mit dem Virus infiziert,
was geschieht dann mit ihren Kindern? Als Donna
Keegan entdeckte, daß sie Virusträgerin ist, galt ihr
erster Gedanke ihrem Kind, nicht der eigenen Person. "Mir schoß sofort durch den Kopf, 'Oh Gott, ich
werde nicht erleben, wie meine Tochter ihr Abitur
macht'", erinnert sie sich. "Erst danach dachte ich,
'Oh Gott, ich werde sterben'".

AMERIKA DIENST 24

�"Meines Erachtens gehen Frauen damit um wie mit
Brustkrebs", meint Carpenter. "Wenn eine Frau, die
Kinder hat, Brustkrebs bekommt, macht sie alle
möglichen Therapien mit, um ihre Kinder durchs
College zu bringen."
Manche Frauen leben jedoch nicht mehr so lange.
In einem 1992 verfaßten Artikel für Scientific
American bezeichneten Carpenter und Mayer AIDS
als "Großmutter-Krankheit", weil in Afrika die an
AIDS sterbenden Frauen oft darauf angewiesen
sind, daß ihre Mütter die Waisen aufziehen. In den
Vereinigten Staaten sind die Großmütter oft nicht
verfügbar, da weniger Großfamilien eng zusammen
wohnen und viele Familien ein HlV-infiziertes oder
an AIDS erkranktes Mitglied ausgrenzen. Marianne
(Name geändert), eine Patientin von Dr. Carpeter,
die sich vor acht Jahren mit dem HI-Virus infizierte,
erzählt, ihre Mutter hätte sie die Treppe hinuntergestoßen und enterbt, als sie ihr von ihrer HIV-Infektion
erzählte. Mariannes Tochter ist 20 Jahre alt, hat ein
Baby und ist unabhängig, ihr 15jähriger Sohn geht
jedoch noch zur Schule und hat keine anderen
Verwandten, die sich um ihn kümmern könnten.
Marianne weiß nicht, was aus ihm werden soll, wenn
sie stirbt. "In diesem Alter ist es für ein Kind so
wichtig, eine Mutter zu haben", äußert sie. "Ich wäre
gerne sicher, daß sich jemand um ihn kümmert, aber
das kann nicht ich sein."

Frauen könnten sich ihrer Krankheit verweigern. Eine
Schwangerschaft könnte ihren Optimismus widerspiegeln. HIV oder nicht HIV - Kinder spielen bisweilen eine Rolle dabei, eine Beziehung realer zu
gestalten, und HlV-Infizierte haben das gleiche
Bedürfnis wie jeder andere Mensch, sich auf der Welt
nicht alleine zu fühlen. Zweifelsohne wollen wir den
von uns behandelten Menschen nicht ihre Menschlichkeit nehmen, wir wollen lediglich, daß sie sich der
Implikationen bewußt sind."
Bis vor kurzem nahm eine Schwangerschaft einer
Frau die Berechtigung auf viele Behandlungen mit
AIDS-Medikamenten und anderen Arzneimitteln,
vorwiegend weil die Pharmahersteller sich vor einen
Prozeß fürchteten, falls ihr Produkt Geburtsfehler
verursachen sollte. Obwohl die Ärzte der Brown
University diese Ansicht verstehen, stellen sie sicher,
daß ihre medikamentöse Behandlung allen offensteht.
"Frauen sollten nicht wegen ihrer Schwangerschaft
bestraft werden", insistiert Cu-Uvin.

Trotz der Tatsache, daß viele HlV-infizierte Frauen

"Unsere oberste Pflicht als Mediziner besteht darin,
das Leben der Frau zu schützen, und sie hat das
Recht auf die Entscheidung, ob sie Medikamente
gegen das HI-Virus nehmen will. Unsere Verantwortung besteht darin, ihr möglichst viel Information zur
Verfügung zu stellen, damit sie auf dieser Grundlage
eine bewußte Entscheidung treffen kann. Darum
geht es uns. Den Pharmaunternehmen geht es nur
um den Schutz ihrer eigenen Interessen", so Mayer.

ihre Kinder nicht mehr aufwachsen sehen, möchten
einige gerne schwanger werden. Ein Viertel der von
den BRUNAP-Ärzten behandelten Patientinnen
gaben an, sie würden eine Schwangerschaft auf sich
nehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß ihr Baby
HIV-positiv auf die Welt kommen würde. "Das
überrascht mich nicht, denn wir alle wissen, daß der
Wunsch nach Kindern, nach Familie groß ist", so
Mayer. "Es unterstreicht jedoch, warum es für uns
so schwierig sein wird, diese Epidemie unter Kontrolle zu bringen." Die Statistiken variieren, es
kommen jedoch zwischen einem Sechstel und einem
Drittel aller Babys HIV-positiver Mütter infiziert auf
die Welt. Dr. Gail Skowron, medizinischer Lehrbeauftragter und Experte für ansteckende Krankheiten am Roger Williams Medical Center in Providence
erforscht, warum das Virus von einigen Müttern an
ihre Babys weitergegeben wird und von anderen
nicht, und zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft oder Geburt die Weitergabe erfolgt. "Wir
haben es noch nicht herausgefunden, und ich weiß
nicht, ob wir die Antwort bald haben werden", warnt
sie.

Diese Art von engstirnigem Denken will Donna
Keegan verändern. Sie hat ihre tödliche Krankheit
zum Anlaß genommen, einen Kreuzzug gegen
Ignoranz und Diskriminierung zu führen und wandelte
ihr Elend in Aktivität um. Ihr Terminkalender strotzt
von Zusammenkünften und Verpflichtungen. Sie
besucht High Schools und hält Vorträge über das HIVirus, manchmal alleine, bisweilen in Begleitung von
am BRUNAP teilnehmenden Medizinstudenten.
Ferner vertritt sie die Stadt Massachusetts bei einem
AIDS-Beratungsausschuß des Gesundheitsministeriums und ist im Vorstand der gemeinnützigen AIDSAntidiskriminierungs-Initiative von Massachusetts. Im
Sommer reiste sie nach Washington, wo sie mit
Carpenter an einer Konferenz des nationalen Gesundheitsdienstes teilnahm und gegenüber den
Pharmaforschern die Einstellung des Konsumenten
vertrat. "In Wirklichkeit ist es selbstsüchtig", äußert
sie. "Die Menschen behaupten, es sei so toll, daß
wir das alles unternehmen. Meines Erachtens ist es
eine Art Selbstschutz. Ich weigere mich, mich wegen
etwas zu schämen, um das ich nicht gebeten habe."

Einigen Frauen scheint jedoch die Sache das Risiko
wert zu sein. "Ein Kind zu bekommen, kann etwas
sehr Lebensbejahendes sein", so Mayer. "Die

Keegan ist sich bewußt, daß sie zu denen gehört, die
Glück haben. Ihre Gesundheit ist noch stabil. Sie
nimmt Medikamente gegen das Virus, obwohl sie

AMERIKA DIENST 24

Seite 5

�nicht weiß welche, da sie Teil eines Forschungsprojekts sind. Sie kann mit den gelegentlichen
Kopfschmerzen, Hautausschlägen und Darmproblemen umgehen und bezeichnet sie als "nichts Gravierendes". Und sie spricht mit ihrer Tochter über die
Zukunft. "Während der ersten sechs Monate wollte

sie nicht über meine HIV-Infektion sprechen und mir
nicht einmal zuhören, wenn ich darüber redete", so
Keegan. "Wir sprechen jetzt über bizarre Dinge, etwa
wo ich beerdigt werde und was ich dabei tragen soll.
Es ist unheimlich und schmerzlich, aber es ist gesund. Es ist die Realität."

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 24

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12115">
                <text>22.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12116">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12117">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12118">
                <text>Amerikadienst 22.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12119">
                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Flucht vor der globalen Ausbeutung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert B. Reich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;G-7 überprüfen Hilfspaket für Russland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hintergrundinformation für Wirtschaftsgipfel in Neapel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Ostasien&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Neue Herausforderungen für die USA im pazifischen Raum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Abteilungsleiter Charles Freeman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USIA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Öffentlichkeitsarbeit und das Zeitalter der Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Penn Kemble&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. AIDS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauen und AIDS&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jennifer Sutton&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2357" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2368">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/74ec962705db3056aa313aaed03637a8.pdf</src>
        <authentication>5afc77013118ab6650ec3959b50e3826</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12126">
                    <text>e

/ syr%

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Juni 1994

25

4. JULI

CLINTON: AMERIKANISCHE IDEALE SIND
GLOBALE NORMEN FÜR STAATSBÜRGERSCHAFT
Erklärung des Präsidenten zum
Unabhängigkeitstag

DER GLORREICHE VIERTE:
DIE FEIERN ZU AMERIKAS GEBURTSTAG
von Peggy Robbins

WASHINGTON PLANT
MONUMENTALE
FEIERLICHKEITEN ZUM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der
Bundeshauptstadt

PORTRAT

CLINTON BENENNT HOLBROOKE
ABTEILUNGSLEITER FÜR EUROPA
Ankündigung des Weißen Hauses

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN

RUSSLAND TRITT DEM NATO-PROGRAMM
PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN BEI

ZUM

Rede von Außenminister Christopher beim
NATO-Rat

USA-RUSSLAND

AMERIKANISCH-RUSSISCHE
NUKLEARSTRATEGIE UND SICHERHEITSINITIATIVEN
Pressemitteilung des Weißen Hauses

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�G-7

JELZIN "GLEICHBERECHTIGTER TEILNEHMER" BEI EINIGEN G-7-GESPRÄCHEN
Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel

KULTUR

EIN HERRLICHER LEBENSSTIL
Von Ricardo Sandoval

�4. J U L I
29. Juni 1994

CLINTON: AMERIKANISCHE IDEALE SIND
GLOBALE NORMEN FÜR STAATSBÜRGERSCHAFT
Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag
WASHINGTON - (AD) - Die "mächtigen Ideale", für die die Gründerväter Amerikas kämpften, sind Präsident
Clinton zufolge "weltweit zu Normen der Staatsbürgerschaft geworden".
In seiner Erklärung zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli stellte der Präsident fest, "wir verteidigen heute
vehement den einstmals radikalen Gedanken, daß jeder einzelne Rechte besitzt, zu deren Respektierung und
Garantie unsere Regierung verpflichtet ist".
Nachfolgend drucken wir den vom Weißen Haus veröffentlichten Text der Erklärung des Präsidenten.

Während wir den 4. Juli feiern - einen denkwürdigen
und großartigen Tag in der Geschichte unseres
Landes - danken wir für die Freiheiten, für deren
Gewährleistung unsere mutigen Gründerväter
kämpften. Indem sie die amerikanischen Kolonien
als unabhängig und frei erklärten, riskierten diese
tapferen Patrioten all ihr Hab und Gut, um für ihre
Kinder und Kindeskinder eine bessere Zukunft
sicherzustellen. Wir verteidigen heute vehement den
einstmals radikalen Gedanken, daß jeder einzelne
Rechte besitzt, zu deren Respektierung und Garantie
unsere Regierung verpflichtet ist. Die mächtigen
Ideale, für die die Gründerväter Amerikas kämpften,
sind weltweit zu Normen der Staatsbürgerschaft
geworden.

ihres Vermächtnisses dürfen wir nicht weniger tun.
Wenn wir uns ihrer wirklich würdig erweisen wollen,
müssen wir uns der Nutzung unserer wertvollen
Freiheiten mit erneuter Verantwortung widmen. Wir
müssen zusammenarbeiten, um unsere Nachbarschaft wiederaufzubauen sowie unsere zerrütteten
Familien und Gemeinden wieder zusammenzuführen.
Wir müssen auf die Beendigung der Gewalt hinarbeiten, die unsere Gesellschaft heimsucht und
unseren Kindern die Chance geben, in einer sicheren
und sie fördernden Umgebung aufzuwachsen. Am
Geburtstag unserer Nation wollen wir uns erneut
verpflichten, dieselben Entscheidungen zu treffen wie
Thomas Jefferson und seine Landsleute vor so vielen
Jahren - mit hoffnungsvollem Blick auf die Zukunft.

Die Gründer unseres Landes haben sich der Schaffung einer besseren Zukunft verschrieben. Als Erbe

Mit den besten Wünschen für einen wunderschönen
Feiertag.

* * * * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�4. J U L I
29. Juni 1994

DER GLORREICHE VIERTE:
DIE FEIERN ZU AMERIKAS GEBURTSTAG
von Peggy Robbins
Seit der ersten spontanen Feier im Jahr 1777, dem 1. Jahrestag der nationalen Unabhängigkeit, haben die
Amerikaner den "glorreichen Vierten" gefeiert. Der nachfolgende Artikel erzählt die Geschichte und
Entwicklung der Feierlichkeiten.
Die Autorin schreibt seit mehr als 30 Jahren über das kulturelle und militärische Erbe der Vereinigten Staaten.
Sie lebt in Gulfport (Mississippi). Der Artikel erschien in der Ausgabe vom Juli 1992. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I, einer Publikation von The Washington Times
Corporation. Copyright (c) 1992.

"Der 2. Juli 1776 wird der denkwürdigste Tag in der
Geschichte Amerikas sein. Ich glaube, daß er von
nachfolgenden Generationen als der größte Jahrestag gefeiert wird. Er sollte als der Tag der Befreiung
mit feierlichen Akten der Verehrung des Allmächtigen Gottes begangen werden. Er sollte mit Pomp
und Paraden, mit Shows, Spielen und Sportveranstaltungen, Kanonenschüssen, Freudenfeuern und
Illumination von einem Ende des Kontinents bis zum
anderen, von jetzt an auf immerdar gefeiert werden."
Dies schrieb John Adams an seine Frau - am
nächsten Tag, dem 3. Juli. Natürlich hatte er
unrecht.
Die amerikanischen Schüler wurden immer gelehrt,
der 4. Juli 1776 - als der Zweite Kontinentalkongreß
bei seiner Zusammenkunft in Philadelphia (Pennsylvania) die Erklärung der Unabhängigkeit von
England verabschiedete - sei Amerikas Geburtstag.
Das scheint die Angelegenheit zu stark zu vereinfachen, denn nur eine Unterschrift wurde an jenem
Tag unter das Dokument gesetzt - die von John
Hancock, dem Präsidenten des Kongresses. Die
Unabhängigkeitserklärung als vollständiges Dokument war nicht das Werk eines Tages.
Die Tätigkeit des Kongresses bezüglich der Unterzeichnung eines Dokuments über die Unabhängigkeit erstreckte sich vom 7. Juni bis zum 2. August.
Am 7. Juni legte Richard Henry Lee, der Vorsitzende
der Delegation aus Virginia im Kongreß, drei Resolutionen vor. Die erste und wichtigste stellte fest, daß
"diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige
Staaten sind und rechtmäßig sein sollten, von
jeglicher Abhängigkeit von der britischen Krone

AMERIKA DIENST 25

entbunden sind, und alle politischen Verbindungen
zwischen ihnen und dem Staat Großbritannien
vollständig aufgelöst sind und sein sollten". John
Adams aus Massachusetts unterstützte Lees Antrag
unverzüglich. Es folgte eine äußerst lebhafte Debatte, denn viele Delegierte hofften immer noch auf eine
friedliche Versöhnung mit dem Mutterland.
Drei Tage später ernannte der Kongreß ein fünfköpfiges Komitee - Thomas Jefferson, John Adams,
Benjamin Franklin, Roger Sherman und Robert
Livingstone - für den Entwurf einer offiziellen Unabhängigkeitserklärung. Jefferson schrieb ein Dokument, und in den folgenden drei Wochen wurde es
zunächst von den Ausschußmitgliedern und dann
vom Kongreß mit geringfügigen Änderungen überarbeitet. Bevor die Mitglieder bis zur Verabschiedung
der Erklärung gelangten, wurde Lees erste Resolution
am 2. Juli kurz erörtert und angenommen. Das war
der Auslöser für Adams aufgeregten Brief an seine
Frau. Lees Resolution wurde nur als Geleitwort für
die Verabschiedung der Erklärung - am Donnerstag,
dem 4. Juli, genommen - als John Hancock sie "auf
Anweisung und im Namen des Kongresses" unterzeichnete. Die ersten Worte des Dokuments lauteten: "Im Kongreß, 4. Juli 1776".
Die Erklärung war noch nicht ausreichend vorbereitet
- "von einem herausragenden Schreiber auf Pergament gebracht" - um unterzeichnet und ein dauerhaftes Dokument zu werden. Erst am 2. August wurde
eine offizielle Kopie von allen anwesenden Mitgliedern des Kongresses unterschrieben. Die Unterschriften der an diesem Tag Abwesenden wurden
später hinzugefügt, die letzte im Jahr 1781. Im

Seite 1

�Januar 1777 wurden allen Bundesstaaten offizielle
Kopien zugestellt. Ein Unterzeichner - Richard
Stockton aus Princeton (New Jersey) verweigerte
seine Unterschrift, weil die Briten gedroht hatten,
sein schönes Haus niederzubrennen.
Philadelphia wartete nur bis zu dem Montag nach
der Unterschrift von John Hancock vom 4. Juli, um
die Verabschiedung der Erklärung zu feiern. Auf
dem State House Yard (der später Unabhängigkeitsplatz genannt wurde) gab es eine Massenzusammenkunft, und die Erklärung wurde von einer sieben
Jahre zuvor von der amerikanischen philosophischen
Gesellschaft errichteten alten Plattform verlesen.
John Adams, der anwesend war, berichtete: "Ein
dreifaches Hoch stieg zum Himmel. Bataillone
paradierten auf dem Platz und schössen ein feu de
joie ab, trotz des knappen Pulvers. Die Glocken
läuteten den ganzen Tag und fast die ganze Nacht.
Selbst die Glocken der Christ Church bimmelten."
(Der Pfarrer der Christ Church war ein überzeugter
Royalist).
Andere zeitgenössische Berichte der Ereignisse an
diesem 8. Juli in Philadelphia unterscheiden sich
leicht von Adams: "Ich war auf dem alten State
House Yard, als die Unabhängigkeitserklärung
verlesen wurde", schreibt ein Bürger, "und stellte
fest, daß sehr wenige respektable Personen anwesend waren." Und eine Dame, die in einem an dem
Platz gelegenen Haus wohnte, schrieb, "das erste
Publikum der Erklärung war weder sehr zahlreich
noch aus der geachtetsten Schicht zusammengesetzt."
Am nächsten Tag, am 9. Juli, wurde die Erklärung
auf Anweisung von George Washington seinen
Kontinentaltruppen im City Hall Park in New York
vorgelesen. Als sich die Nachricht in den anderen
Städten und in den entfernten Gegenden der Kolonien verbreitete, feierten die loyalen Patrioten.
Der Unabhängigkeitstag nimmt Gestalt an
John Adams mag unrecht gehabt haben, als er
erklärte, der 2. Juli würde für immer als Unabhängigkeitstag gefeiert, aber er hatte sicherlich recht mit
der Vorhersage, daß des Geburtstags der Vereinigten Staaten jedes Jahr "mit Pomp und Paraden"
und einer großen Vielfalt von Feierlichkeiten gedacht
würde.
Am ersten Jahrestag 1777 feierten die Städte und
Orte spontan. Überall gab es Paraden - ziemlich
beeindruckende in Philadelphia, Charleston, South
Carolina und Boston (Massachusetts). Die Straßen
wurden geschmückt, Kanonen abgefeuert, Glocken
geläutet, Freudenfeuer abgebrannt und (aus England

Seite 2

importierte) Feuerwerke erhellten den Nachthimmel.
Die Soldaten der Kolonien in Morristown erhielten an
jenem Tag eine Extraration Rum, und den Berichten
zufolge war eine bevorzugte Aktivität in mehreren
Städten, 13 Toasts auf die 13 Staaten auszubringen oder es zumindest zu versuchen. Die gesetzgebende
Versammlung von Massachusetts forderte die Bürger
auf, "alle Vorbereitungen zu treffen, um auf den
Erfolg der Dreizehn Vereinigten Staaten zu trinken".
In Philadelphia mußte eine in Trenton (New Jersey)
gefangengenommene hessische Band in den Straßen
und bei einem von den Honoratioren besuchten
Essen am frühen Nachmittag spielen. John Adams,
der in jener Nacht durch Philadelphia gewandert war
und in den meisten Fenstern erleuchtete Kerzen
gesehen hatte, schrieb an seine junge Tochter: "Es
war die herrlichste Beleuchtung, die ich je gesehen
hatte ... Ich war erstaunt über die generelle Freude
und Heiterkeit angesichts der Dauer, die der Entwurf
benötigt hatte, und seiner dann so plötzlichen Ausführung, über die Pracht und die Herrlichkeit aller
einzelnen Darbietungen des Tages." Adams erzählte
seiner Tochter nicht, daß einige Patrioten Steine in
die nicht erleuchteten Fenster mehrerer Häuser
geworfen hatten, aber einige seiner Zeitgenossen
hielten die Tatsache fest.
Ein Redakteur aus Philadelphia faßte die Feier
zusammen: "So möge der vierte Juli, dieser glorreiche und für immer denkwürdige Tag, in ganz Amerika
von den Söhnen der Freiheit jeglichen Alters bis ans
Ende aller Zeiten gefeiert werden." Das war der
Ursprung dieses noch immer gültigen Begriffs "der
glorreiche Vierte".
Nach der Revolution und der Verabschiedung der
Verfassung weiteten sich die Feiern zum 4. Juli aus.
Viele entlassene Soldaten gingen nach Westen und
erwarben Land in der Nähe kleiner Ansiedlungen,
und sie kamen am Unabhängigkeitstag zusammen,
um ihren Beitrag zum Kampf um die Freiheit Wiederaufleben zu lassen. Im Jahr 1788 inszenierte Philadelphia, damals die Hauptstadt der neuen Nation, die
längste Parade am Unabhängigkeitstag in der Geschichte Amerikas, über die noch jahrzehntelang
gesprochen wurde. Genannt "die große Bundesprozession" war sie nur ein Teil der Feiern, die
sowohl der Unterzeichnung der Deklaration als auch
der Verabschiedung der Verfassung gedachten.
Im Verlauf der Jahre weiteten sich die Feiern zum
glorreichen Vierten auf jeden Bundesstaat und alle
Territorien aus. Bis zum Jahr 1810 wurden in allen
größeren Städten beeindruckende Feierlichkeiten
organisiert. Der vormittags im Old South Meeting
House abgehaltenen offiziellen Feier in Boston in
jenem Jahr ging eine riesige Militärparade vom

AMERIKA DIENST 25

�Parlamentsgebäude durch die Hauptstraßen der
Stadt voraus. Die Ansprache wurde von Bostons
berühmtem Reverend William Ellery Channing
gehalten. Am Nachmittag wurde eine zweite Parade
von der Bunker Hill Association und den Jungen
Republikanern, gefolgt von einem Abendessen für
600 Personen in Faneuil Hall, veranstaltet. Auf dem
Platz wohnten an diesem Abend über 10.000 Menschen einem herrlichen Feuerwerk bei.
Die Feiern zum glorreichen Vierten gestalteten sich
im ganzen Land in etwa gleich - Paraden, Salutschüsse, Bands, Reden, patriotische Lieder, Ballspiele, Essen und Picknicks sowie Feuerwerke aber von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort erfreute
man sich an ungewöhnlichen Darbietungen. In
ländlichen Gebieten waren Wassermelonen- und
Kuchenwettessen, Sackhüpfen und die Jagd auf
eingefettete Schweine populär. In einigen Städten
fuhren Kinder auf geschmückten Fahrrädern und die
Erwachsenen veranstalteten Fahrradwettrennen. In
manchen Gegenden des Westens waren Rodeos die
große Attraktion. In allen Gemeinden wurde es als
große Ehre angesehen, als Hauptredner des Tages
ausgesucht zu werden. In jedem Jahr ließ Daniel
Webster die Arbeit, mit der er gerade in der Bundeshauptstadt Washington beschäftigt war, Arbeit
sein, und machte sich auf den Weg in seine Heimatstadt Salisbury in New Hampshire, um eine zweistündige Rede zu halten.
Die Stadt Lititz im östlichen Pennsylvania entwickelte
eine besonders schöne Art von Feiern anläßlich des
vierten Juli. Jeden Winter gössen die Einwohner
Tausende von Talgkerzen in Blechformen und hoben
sie bis zum kommenden Juli zur Beleuchtung des
Lititz Spring Park am Abend des Vierten im Anschluß an die Babyparade am Nachmittag auf. Bei
dieser Parade fuhren viele, in patriotische Kostüme
gekleidete Kinder in kleinen geschmückten Festwagen um den Park. Als es dunkel wurde, zündeten
die Jungen die Kerzen an, von denen viele den
Kindern auf den Festwagen gegeben wurden, und
bis tief in die Nacht wurden Lieder gesungen, Reden
gehalten und im Park im Kerzenlicht gespielt.
Am 4. Juli 1826, genau 50 Jahre nach der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung, starben
sowohl Thomas Jefferson, der geistige Vater des
Dokuments, als auch John Adams, der Mann, der so
zuversichtlich war, daß es auf immer gefeiert würde.
(Jefferson starb in seiner Heimatstadt Monticello in
Virginia wenige Stunden vor dem Tod von Adams in
Quincy, Massachusetts).
Adams rief kurz vor
seinem Tode angeblich aus: "Thomas Jefferson
überlebt noch!"). Der Tod dieser überlebenden
Unterzeichner, so ein Einwohner von Boston, machte
die patriotischen Feiern gleichzeitig "zu einer Zeit

AMERIKA DIENST 25

des Trauerns und des Feierns. Es war eine merkwürdige, verwirrende Mischung, die uns den ganzen
Sommer beschäftigte."
Die große Hundertjahrfeier
Während der Ausstellung zur Hundertjahrfeier 1876
in Philadelphia wurde für den glorreichen Vierten eine
riesige Geburtstagsparty veranstaltet. Die Ausstellung selbst, die am 20. Mai eröffnet wurde und sechs
Monate lang gezeigt wurde, hat die Rekordbesucherzahl von nahezu 10 Millionen erzielt. Mit ihren
zahlreichen, auf 188 ha im Fairmont Park verteilten
kulturellen und lehrreichen Exponaten erweiterte sie
den Blickwinkel der Amerikaner in vieler Hinsicht.
Landesweit gab es andere große Feiern am 100.
Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, aber die
meisten waren mehr auf Vergnügen als Bildung
ausgerichtet, und manche hatten einzigartige Aspekte. Eine in einer Gegend von Southern California, wo
alle Häuser und Geschäfte mit Grün dekoriert waren,
veranstaltete Parade war angeblich die längste je
abgehaltene.
Im Umzug liefen Veteranen des
Mexikanischen Kriegs, Angehörige vieler Nationalitäten und Mitglieder jeder Organisation in der
Umgebung mit. Auf geschmückten Festwagen saßen
Mädchen, die Freiheit, Frieden, die Columbia und
Reichtum verkörperten.
In Windsor (Connecticut) nahm die Stadt bei einem
großen öffentlichen Treffen einige Tage vor dem 4.
Juli 1876 dankend das Angebot der Einwohner des
"Rainbow and Poquonock Viertels von Windsor" an,
"auf dem Parkgelände an der Broad Street ein
großes Picknick anläßlich der Hundertjahrfeier zu
veranstalten". Eine öffentliche Einladung wurde an
"alle Einwohner von Windsor ausgesprochen, unabhängig von Hautfarbe, Alter, politischer oder
religiöser Überzeugung". Die gastgebenden Bürger
mieteten Zelte und Tische und arrangierten die
Musik, Glockengeläut, Kanonenschüsse und Feuerwerke. Frauen aus vielen Teilen von Windsor halfen
bei der Vorbereitung der Speisen.
Am 3. Juli berichtete eine Zeitung, jeder in Windsor
werde in dieser Nacht für gutes Wetter beten. Am
nächsten Morgen, der mit Salutschüssen auf der
Plymouth Meadow und einstündigem Glockengeläut
begann, ging "die Sonne in einem wolkenlosen
Himmel auf". Das Parkgelände an der Broad Street
und alle umliegenden Gebäude wurden mit Fahnen,
Bannern, Blumen und rot-weiß-blauen Bändern
geschmückt. Die einzelnen "Hauptereignisse" des
Tages variierten von "einer großen Kavalkade von
Phantasiegestalten, die alle Charaktere verkörperten,
erschreckende oder andere, die je existierten oder
existiert haben sollen" bis zu einem Zug riesiger

Seite 3

�dekorierter Wagen - einer groß genug für 66 Passagiere - in denen die Bürger, darunter 50 junge
Frauen, als Vertreter des Bundesstaats und der
Kriegsveteranen saßen. Jeder Veranstaltung ging
eine großenteils gesungene Musikeinlage voraus, in
die das Publikum einstimmte.
Nach dem offiziellen Programm wurde in einem
tausend Personen fassenden Zelt ein riesiges Picknick abgehalten, die übrigen Gäste saßen draußen
im Schatten. Nach dem Essen wurden weitere
Reden gehalten und Musik gespielt. Der Tag endete
natürlich mit einem Feuerwerk, das bis spät in die
Nacht dauerte.
Nach 1776 war das Feuerwerk über ein Jahrhundert
lang das wichtigste Ereignis der Feiern zum glorreichen Vierten. Erst allmählich wurde man sich bewußt, wie viele im Umgang mit Feuerwerkskörpern
unerfahrene Menschen getötet oder verletzt und wie
viele Brände ausgelöst wurden. Der Ruf nach
"einem sicheren und vernünftigen Vierten" erhielt
jedoch nicht viel Beachtung, bis die Chicago Tribüne Statistiken erstellte und eine sicherere Art des
Feierns forderte. Es dauerte einige Jahre, bis die

Seite 4

Kampagne Wirkung zeitigte, aber sie hatte Erfolg.
Die Todesfälle aufgrund von Feuerwerkskörpern
nahmen von 466 im Jahr 1903 auf 215 im Jahr 1909
ab. In gleichen Zeitraum wurden jedoch fast 5.000
Personen durch Feuerwerkskörper verletzt - die
Mehrzahl durch riesige Kracher. Springfield in
Massachusetts verbot 1903 den Verkauf von Feuerwerkskörpern völlig, mit der Folge, daß es am Vierten
keinerlei Todesfälle, Verletzte und Feuer gab. Viele
Bundesstaaten und die meisten Gemeinden verboten
im Laufe der Zeit den freien Verkauf von Feuerwerkskörpem und ersetzten ihn durch ein von Organisationen vor Ort und erfahrenen Personen gehandhabtes
geplantes Angebot.
Einige altmodische Bürger beschwerten sich und
sagten, sie sehnten sich nach dem "alten, ungehemmten, 24stündigen Lärm und Feuerwerk" zurück,
aber niemand schenkte ihnen Beachtung. Dank der
Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung hatten
die Amerikaner das Recht zur Beschwerde, und ihre
Mitbürger das Recht, diese Beschwerden zu ignorieren, wenn sie dies als richtig erachteten. Herzlichen
Glückwunsch zum Geburtstag, Amerika!

AMERIKA DIENST 25

�4. J U L I
29. Juni 1994

WASHINGTON PLANT MONUMENTALE FEIERLICHKEITEN ZUM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der Bundeshauptstadt
WASHINGTON - (AD) - Am 4. Juli jedes Jahres
feiern die Amerikaner auf verschiedene Art und
Weise die Erklärung der Unabhängigkeit Amerikas
von Großbritannien vor über 200 Jahren.
Am 4. Juli 1776 unterzeichnete John Hancock, einer
der Gründerväter der Nation, im Namen des Kongresses der Vereinigten Staaten in Philadelphia die
Unabhängigkeitserklärung.
Zu den landesweiten Feierlichkeiten aus Anlaß des
4. Juli gehören im allgemeinen Paraden, Salutschüsse, Konzerte, Ansprachen, patriotische Lieder,
Ballspiele, Abendessen, Picknicks und Feuerwerk.
In Washington wird der Unabhängigkeitstag jedoch wie es der Hauptstadt gebührt - auf monumentale
Weise gefeiert.
Zunächst findet die Constitution Avenue entlang die
traditionelle Parade statt. In diesem Jahr wird zum
zweiten Mal hintereinander ein "American Roots 4th
of July"-Konzert am Fuß des Washington Monument
stattfinden, das am frühen Nachmittag beginnt und
bis Anbruch der Dunkelheit andauert.
Auf dem Konzert tritt die Bluessängerin Etta James
mit ihrer achtköpfigen Band auf. Ferner nehmen
Gruppen teil, die New Orleans Jazz, schnellen
Bluegrass, alte Country-music, beliebten irischen
Step-Tanz, pulsierende Cajun-Twosteps und Walzer,
patriotische Rhythmen, heiße puertoricanische
Gitarren- und kolumbianische Akkordeonmusik,
weichen Country-Blues, mitreißendes amerikanisches Schlagzeug und Songs spielen.

kulisse diverser musikalischer Klassiker der Vereinigten Staaten begleitet. Sie reichen von Aaron
Coplands "Fanfare for the Common Man", das vom
St. Louis Symphony aufgeführt wird, bis zu Ray
Charles' ergreifender Version von "America the
Beautiful". Ferner spielen Los Lobos, Chick Berry,
New Orleans Jazz "und ein paar Überraschungsbands", so Spitzer.
Auf der National Mall - der langen Parkfläche zwischen dem Washington Monument und dem Kapitol findet an diesem Tag zur gleichen Zeit das Festival of
American Folklife statt. Seit 1967 wurde es fast an
jedem 4. Juli abgehalten, und seitdem haben Tausende von Musikern, Tänzern, Kunsthandwerkern,
Geschichtenerzählern, Köchen und anderen Vertretern traditioneller Kultur daran teilgenommen.
"Sie sangen und woben, kochten und tanzten,
spannen und stickten einen Teppich kultureller Vielfalt
und demonstrierten gekonnt ihren unschätzbaren
Wert", äußerte Richard Kurin, Direktor des Zentrums
für Folkloristik und Kulturstudien der Smithsonian
Institution.
Ziel dieses Festivals ist es, den Reichtum und die
Vielfalt folkloristischer Kultur in den Vereinigten
Staaten und auf der ganzen Welt zu erhalten und zu
feiern", erklärt er. "Die Aufführungen und Demonstrationen haben Millionen Menschen eine größere
Welt vor Augen geführt. Und der Erfolg der Veranstaltungen hat die Aktionen, Maßnahmen und
Gesetze ermutigt, die das Recht der Menschen auf
Kultur fördern."

"Meiner Ansicht nach ist es am Unabhängigkeitstag
am patriotischsten, wenn man die Vielfalt unseres
Volkes demonstriert", so Folklorist Nick Spitzer, der
künstlerische Direktor des Konzerts.

Dieses Jahr sind auf dem Festival wieder die ehemaligen Teilnehmer aus den gesamten Vereinigten
Staaten vertreten, denen von der National Endowment for the Arts der National Heritage Fellowship Award verliehen wurde.

Nach Anbruch der Dunkelheit findet ein Feuerwerk
statt. Diese großartige Show wird der Nation im
Fernsehen live übertragen. In diesem Jahr wird das
Feuerwerk von der von Spitzer ausgewählten Klang-

Diese geschickten Kunsthandwerker repräsentieren
eine Vielfalt von Traditionen, einschließlich indianischer Musik für Zupfinstrumente, Piedmont-Blues,
Mariachi und Conjunto-Musik, hawaiischem Hula,

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�Stücken für Fidel aus Cape Breton, irisch-amerikanischer Flötenmusik, Tänzen und Musik aus Süditalien
sowie Cajun-Musik, Töpferarbeiten der Pueblo
Indianer und der Südstaaten, Leder- und Textilarbeiten, Blumenbinderei, Masken- und Korbherstellung.
In diesem Jahr werden die Bahamas, ein der Küste
Floridas vorgelagerter aus 700 Inseln bestehender
Staat, auf dem Folkfestival vorgestellt.
Diese einzigartige Kultur - die im Laufe der vergangenen 500 Jahre aus den Erfahrungen von
Afrikanern, loyalen Briten, Seminolen, Kreolen und
anderen geschaffen wurde, wird durch vielfältige
Präsentationen vorgestellt, einschließlich Bootsbau,
Korbherstellung, Buschmedizin, Geschichtererzählung, Holzschnitzerei, traditionellem Gerichten der
Landbewohner der Südstaaten, Kinderspielen,
Junkanoo-Musik und -Kunsthandwerk, religiöser
Musik, Goombay-Musik und traditionellen Tänzen.
1994 wird auf dem Festival auch gezeigt, wie die
Kultur der Einheimischen zu den wirtschaftlichen und

* *

Seite 2

sozialen Entwicklungsprogrammen in Lateinamerika
und der Karibik beitragen kann. Das Programm wird
von der Interamerikanischen Stiftung aus Anlaß des
25. Jahrestages ihrer Entwicklungsarbeit an der Basis
gefördert.
Teilnehmer aus neun Ländern - Chile, Ecuador,
Bolivien, Peru, Brasilien, Haiti, Panama, Guatemala
und Mexiko - demonstrieren, wie sie die kulturellen
Ressourcen ihrer Einwohner zum Nutzen ihrer
Gemeinden einsetzen.
Ferner wird auf den diesjährigen Feiern die Vielfalt
und Lebensfähigkeit der thailändischen Kultur unter
Beweis gestellt. Es sollen Weber, Instrumentenbauer, Schmuckhersteller, Töpfer und Kalligraphen
teilnehmen. Maler von Wandgemälden werden eine
Messe im Tempel darstellen, und es wird eine
Vielzahl von Künstlern vertreten sein, einschließlich
Puppenspielern und Sängern. Auch die Traditionen
und Künste des Hofes werden wiedergegeben, unter
anderem von maskierten Hoftänzern und -musikern,
Blumenkünstlern, Stickern und Parfumherstellern.

*

*

AMERIKA DIENST 25

�PORTRAT
29. Juni 1994

CLINTON ERNENNT HOLBROOKE ZUM
ABTEILUNGSLEITER FÜR EUROPA
Ankündigung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat Richard Holbrooke, zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium ernannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 24. Juni 1994 vom Pressebüro freigegebene Ankündigung des Weißen
Hauses.

Der Präsident gab heute seine Absicht bekannt, den
New Yorker Richard Holbrooke zum Abteilungsleiter
für europäische und kanadische Angelegenheiten im
US-Außenministerium zu nominieren. Holbrooke ist
zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Holbrooke wurde 1941 in New York geboren. Er
besuchte die Brown University in Providence (Rhode
Island), an der er 1962 sein Examen ablegte. In
demselben Jahr trat er in den Auswärtigen Dienst
ein und wurde zunächst nach Vietnam entsandt.
Danach hatte er Positionen in Frankreich, im Außenministerium und in Marokko inne.
Holbrooke war 1966 und 1967 im Stab des persönlichen Referenten des Präsidenten für Vietnam tätig
und von 1968 bis 1969 Mitglied der Delegation bei

den Pariser Vietnam-Gesprächen. Von 1970 bis
1972 war er Direktor des Peace Corps in Marokko.
Von 1970-1972 arbeitete Holbrooke als geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift Foreign Policy
und war von 1973-1976 Publikationsdirektor der
Carnegie Endowment for International Peace. 1977
trat er als Abteilungsleiter für ostasiatische und
pazifische Angelegenheiten im Außenministerium
wieder in den Regierungsdienst ein. Von 1981 bis
1985 war Holbrooke Direktor der in Washington
ansässigen Beratungsfirma
Public Strategies.
Anschließend war er bis zu seiner Ernennung als
Botschafter für Deutschland im Jahr 1993 Geschäftsführer von Lehman Brothers in New York.
Holbrooke hat zwei Söhne, David und Anthony.

* * * * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�PARTNERSCHAFT

FÜR

FRIEDEN
29. Juni 1994

RUSSLAND TRITT DEM NATO-PROGRAMM
PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN BEI
Rede von Außenminister Christopher beim NATO-Rat
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher begrüßte den Beitritt Rußlands zum NATO-Programm
Partnerschaft für den Frieden am 22. Juni 1994 als "einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der Bande der
Zusammenarbeit, die den Frieden eines umfassenderen Europas sichern".
Die Maßnahme sei Ausdruck der bemerkenswerten Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem Kalten Krieg,
erklärte der Außenminister und fügte hinzu: "Wir können das von uns angestrebte Europa nicht aufbauen ohne
ein starkes NATO-Bündnis. Wir können es nicht ohne ein demokratisches Rußland aufbauen."
Christopher und sein russischer Amtskollege Andreij Kosyrew nahmen an der Beitrittszeremonie im NATOHauptquartier in Brüssel teil. Mit Rußland sind inzwischen 21 Länder der von Präsident Clinton vorgeschlagenen und beim Gipfeltreffen der NATO-Staats- und Regierungschefs im Januar verabschiedeten
Partnerschaft für den Frieden beigetreten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom State Department in Washington freigegebenen Redetext des
Außenministers.

Herr Stellvertretender Generalsekretär, es ist mir
eine große Freude, gemeinsam mit unseren Kollegen bei der NATO und Außenminister Kosyrew an
diesem historischen Ereignis teilnehmen und Rußland als neuestes Mitglied der Partnerschaft für den
Frieden begrüßen zu können.
Unsere heutige Zusammenkunft ist Ausdruck der
bemerkenswerten Umgestaltung Europas in derzeit
nach dem Kalten Krieg. Wer hätte sich noch vor
wenigen Jahren vorstellen können, daß nach 40
Jahren bitterer Konfrontation über den Eisernen
Vorhang hinweg ein neues demokratisches Rußland
und dieses Bündnis gemeinsam eine Partnerschaft
der Zusammenarbeit eingehen würden. Die historische Chance zum Aufbau eines ungeteilten, friedlichen und demokratischen Europas ist in greifbare
Nähe gerückt. Dies ist der Traum, der dieses
Bündnis und mein Land seit über vier Jahrzehnten
beflügelt hat. Das ist die Vision, die Präsident
Clinton mit dem Vorschlag der Partnerschaft für den
Frieden umriß. Und das ist das Ziel, zu dessen
Erlangung die Vereinigten Staaten sich uneingeschränkt verpflichten.
Heute unternehmen wir mit dem Beitritt Rußlands
einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der Bande der
Zusammenarbeit, die den Frieden eines umfassen-

AMERIKA DIENST 25

deren Europas sichern. Als ein Bündnis beziehen wir
die russische Regierung und ihr Militär beim Aufbau
eines neuen, konstruktiveren Verhältnisses ein.
Ebenso wichtig ist jedoch, daß wir dem russischen
Volk die Hand der Freundschaft reichen, wie das
Bündnis es mit anderen europäischen Nachbarn
getan hat.
Rußland ist und bleibt ein Land von enormer Bedeutung für das übrige Europa und die Welt. Die Bestrebungen dieses Landes zum Aufbau demokratischer
Institutionen und einer Marktwirtschaft haben tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Umfassende und konstruktive Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland werden den
Interessen des Bündnisses dienen. Sie werden
Rußlands Interessen dienen. Und sie werden den
Interessen aller Nationen Europas dienen - insbesondere denen, die erst vor kurzem ihre Freiheit von der
kommunistischen Herrschaft erlangten.
Die Partnerschaft für den Frieden ist von zentraler
Bedeutung für die Beziehungen der NATO zu Rußland. Wir sehen ferner einem konstruktiven Dialog
und der Zusammenarbeit erwartungsvoll entgegen,
um die Partnerschaft in Bereichen zu ergänzen, in
denen Rußland einen einzigartigen und wichtigen
Beitrag zu leisten hat. Gleichzeitig wird Präsident

Seite 1

�Clinton weiterhin eng mit Präsident Jelzin beim
Aufbau starker und kooperativer russisch-amerikanischer Beziehungen im Interesse unserer beiden
Völker und der Welt zusammenarbeiten.
Andere europäische Staaten haben vielleicht auch
Interessen oder Fähigkeiten, die "16 plus 1 "-Konsultationen außerhalb der Partnerschaft wert sind.
Wir sollten diese Möglichkeiten in Betracht ziehen.
Die Förderung von Sicherheit und Stabilität in Mittelund Osteuropa durch die NATO wird ebenfalls für
alle europäischen Nationen - einschließlich Rußland
- von Nutzen sein.
Rußlands Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden
spiegelt die Politik der Erweiterung der Institutionen
nach Osten wider, die dem Westen die Erlangung
von beispielloser Sicherheit und Wohlstand gestattet
haben. Vor zwei Wochen hat Rußland in Paris ein
Kooperationsabkommen mit der OECD unterzeichnet. In zwei Tagen wird Präsident Jelzin in Korfu ein
Abkommen mit der EU unterzeichnen, das die
europäischen Märkte für viele russische Produkte
öffnet. Und die G-7 wird im nächsten Monat in
Neapel Präsident Jelzin zu umfassenden politischen
Konsultationen willkommen heißen.
Mit der Erweiterung der Sicherheit nach dem Kalten
Krieg und der Wirtschaftsinstitutionen können wir zu'
der Gewährleistung beitragen, daß Krieg, Armut und
Unterdrückung nie wieder diesen Kontinent heimsuchen. Wir verpflichten uns, auf ein integriertes
Europa hinzuarbeiten, in dem souveräne und un-

abhängige Staaten ihre Nachbarn nicht fürchten
müssen.
Heute unternehmen wir einen weiteren entscheidenden Schritt zur Aufhebung der historischen Teilungen
Europas. Wir bauen eine Sicherheitspartnerschaft
auf, die das Potential zur Einbeziehung aller Nationen
des Kontinents besitzt. Mit Rußland sind inzwischen
21 Staaten der Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Einige haben bereits enge Konsultationen
mit der NATO über die Erarbeitung individueller
Partnerschaftsprogramme geführt, die auf ihre
einzigartigen Fähigkeiten und Interessen zugeschnitten sind. Bis zum Herbst werden gemeinsame
Manöver beginnen, und Polen wird das erste Manöver auf dem Boden eines Partnerlandes abhalten.
Auf diese Art und Weise wird die Partnerschaft die
gewohnheitsmäßige Kooperation aufbauen, die der
Lebensnerv des Bündnisses ist. Sie kann so den
Weg für die mögliche Erweiterung der NATO ebnen.
Wir können das von uns angestrebte Europa nicht
aufbauen ohne ein starkes NATO-Bündnis. Wir
können es nicht ohne ein demokratisches Rußland
aufbauen. Wir können es nicht ohne die Nationen
Mittel- und Osteuropas aufbauen. Die "bestmögliche
Zukunft für Europa", die Präsident Clinton beim
Gipfeltreffen im Januar beschworen hat, hängt von
der Zusammenarbeit all unserer Nationen bei der
Verfolgung gemeinsamer Sicherheitsinteressen und
demokratischer Ideale ab. Dies ist der Zweck der
Partnerschaft, und der Geist, in dem wir Rußland
heute als Partner willkommen heißen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

�USA-RUSSLAND
29. Juni 1994

AMERIKANISCH-RUSSISCHE NUKLEARSTRATEGIE
UND SICHERHEITSINITIATIVEN
Pressemitteilung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressemitteilung des Büros des Vizepräsidenten
im Weißen Haus vom 23. Juni 1994 zur gemeinsamen amerikanisch-russischen Kommission über
wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit, genannt "amerikanisch-russische Nuklearstrategie und
Sicherheitsinitiativen".

Die Vereinigten Staaten und Rußland arbeiten
gemeinsam an der Entwicklung mehrerer Initiativen
zu Nuklearfragen und Sicherheit. Mit Hilfe dieser
Initiativen wollen die Vereinigten Staaten und Rußland das Risiko einer Weiterverbreitung von Atomwaffen reduzieren, das derzeitige Abrüstungsverfahren fördern und das Vertrauen in beide Entwicklungen erhöhen. Diese Initiativen stehen unter der
Schirmherrschaft der gemeinsamen Kommission für
wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit,
deren Vorsitz Vizepräsident AI Gore und Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin innehaben. Die
Kommission verfolgt vier umfassende Ziele:
1. Sicherung von Nuklearmaterial vor Diebstahl
oder Umleitung
Lagerstätten für spaltbares Material. Durch das
Programm für den Verkauf und sicheren Abbau
atomarer und anderer Massenvernichtungswaffen
(SSD oder Nunn-Lugar-Programm) wurden 90
Millionen Dollar an Hilfe für Rußland zum Aufbau
einer sicheren Lagerungseinrichtung für aus Atomwaffen entnommenes überschüssiges Plutonium und
hochangereichertes Uran bereitgestellt. Russische
Regierungsvertreter haben das Fehlen einer solchen
Einrichtung als Hindernis bei der beschleunigten
Zerlegung von Atomwaffen identifiziert. Rußland
wird diesen Sommer mit den Ausschachtungsarbeiten für eine Lagerstätte nahe Tschelyabinsk beginnen. Die erste Tranche amerikanischer Ausrüstungsgegenstände wird im August geliefert. Während des Besuchs von Ministerpräsident Tschernomyrdin in Washington vom 21. bis 23. Juni einigten
er und Vizepräsident AI Gore sich auf die Bereitstellung zusätzlicher amerikanischer Mittel für den
Aufbau dieses Projekts.

AMERIKA DIENST 25

Abkommen über den Kauf von hochangereichertem Uran. Bei dem Gipfel der Präsidenten Clinton
und Jelzin im Januar dieses Jahres unterzeichneten
die amerikanische Aufbereitungsgesellschaft (U.S.
Enrichment Corporation - USEC) und das russische
Atomenergieministerium einen Vertrag, unter dem
USEC niedrig angereicherte Reaktorbrennstoffe kauft,
die aus von zerlegten Waffen gewonnenem hochangereichertem Uran stammen. Im Rahmen dieses
Abkommens werden nukleare Materialien einer
sicheren Verwendung zugeführt, indem sie in nichtwaffenfähige Form gebracht werden. Dieses Programm spielte eine Schlüsselrolle bei der Ermutigung
der Ukraine, ihre Nuklearwaffen zur Zerlegung nach
Rußland zu verlagern. Unter dem im Januar unterzeichneten trilateralen Abkommen transportiert die
Ukraine ihre Gefechtsköpfe zur Zerlegung nach
Rußland und erhält im Gegenzug niedrig angereichertes Uran als Brennstoff für seine Reaktoren. Seit
dem 23. Juni wurden im Rahmen des trilateralen
Abkommens 240 Gefechtsköpfe vorzeitig aus der
Ukraine nach Rußland verlagert.
Materialkontrolle, Überwachung und physischer
Schutz. Die Vereinigten Staaten haben die Bereitstellung von 30 Millionen Dollar an SSD-Mitteln für
Verbesserungen bei der Sicherheit und Überwachung
von Nuklearmaterialien in Rußland angeboten. Das
vorgeschlagene Programm umfaßt 10 Millionen Dollar
für beschleunigte umfassende Anstrengungen,
Rußland bei der Suche nach den dringendsten
Schwachpunkten und ihrer Beseitigung in den Bereichen Sicherheit und Überwachung seiner Nuklearreaktoren beizustehen. Ferner ermutigen die Vereinigten Staaten durch die Bereitstellung von 2
Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1994 sowie weiteren Geldern für das Finanzjahr 1995 ihre nationalen

Seite 1

�Labors zur Zusammenarbeit mit anderen Labors in
diesem Gebiet.
Geringere Anreicherung für Forschungszwecke
und Testreaktoren. Das Argonne National Laboratory und das russische Institut ENTEK arbeiten
gemeinsam an der Entwicklung eines nichtwaffenfähigen Brennstoffs aus niedrig angereichertem Uran,
um das hochangereicherte Uran als Kernbrennstoff
in den sowjetischen Forschungsreaktoren zu ersetzen. Die amerikanisch-russischen Gespräche über
die Möglichkeiten zur Erweiterung und Beschleunigung dieses Konversionsprogramms wurden im Mai
aufgenommen. Im Herbst wird ein Expertentreffen
abgehalten.
2. Aufbau von Vertrauen durch Offenheit
Abkommen über Transparenz beim Erwerb von
hochangereichertem Uran. Die Vereinigten Staaten und Rußland einigten sich Anfang 1994 auf ein
Protokoll über Transparenz zum Abkommen über
den Kauf von hochangereichertem Uran, das sicherstellen soll, daß von den Vereinigten Staaten gekauftes niedrig angereichertes Uran aus hochangereichertem Uran gewonnen wird, das wiederum aus
zerlegten Waffen stammt, und dieses niedrig angereicherte Uran nur für friedliche Zwecke benutzt wird.
Gegenseitige Inspektionen von aus Waffen
entnommenem Plutonium und hochangereichertem Uran. Im März erzielten die Vereinigten Staaten und Rußland ein Abkommen über gegenseitige
Besuche von Lagerstätten für Plutonium-Waffenkomponenten aus zerlegten Nuklearwaffen. Diese bis
Ende des Jahres vorzunehmenden Inspektionen
sollen Vertrauen aufbauen, daß die Zerlegung im
Einklang mit den öffentlichen Erklärungen stattfindet
und überschüssiges spaltbares Material nicht in
Nuklearwaffen wiederaufbereitet wird.
Transparenz der Lagerstätten. Die Vereinigten
Staaten haben ein Transparenzregime für die in
Rußland zu errichtende Lagerstätte für spaltbares
Material vorgeschlagen um sicherzustellen, daß das
Material - wie vom Nunn-Lugar-Gesetz gefordert aus Waffen entnommen wurde und nicht in Waffen
wiederverwendet wird. Dieses Regime wird derzeit
mit der russischen Seite erörtert.
lAEO-Sicherheitsvorschriften für überschüssiges
Material und alle zivilen Einrichtungen. Die
russisch-amerikanischen Gespräche über die Verhängung von Schutzbestimmungen für überschüssiges spaltbares Material und alle zivilen Einrichtungen wurden im Mai aufgenommen. Beim amerikanisch-russischen Präsidententreffen im Januar
verpflichteten sich beide Seiten, die Unterstellung

Seite 2

von spaltbarem Material unter lAEO-Sicherheitsvorschriften in Erwägung zu ziehen. Die Vereinigten
Staaten haben seit langem angeordnet, daß alle nicht
direkt mit Aktivitäten von nationaler militärischer
Bedeutung in Zusammenhang stehenden amerikanischen Einrichtungen für Sicherheitsbestimmungen der
IAEO in Frage kommen. Die beim Gipfeltreffen im
Januar abgegebene Erklärung verpflichtet Rußland,
dasselbe Vorgehen in Betracht zu ziehen.
Vorschlag zur Deklaration von spaltbarem Material. Amerikanisch-russische Gespräche über ihre
gleichlautenden Vorschläge zum Austausch umfangreicher Informationen über die Größenordnung
und den Standort ihrer Bestände an hochangereichertem Uran und Plutonium für militärische und
zivile Zwecke wurden Ende Mai in die Wege geleitet.
Die Vereinigten Staaten gaben einseitig im Dezember
1993 eine öffentliche Erklärung der bisherigen
Produktion von waffenfähigem Plutonium ab.
3. Beendigung einer weiteren Anhäufung von
überschüssigen Beständen
Schließung von Plutonium produzierenden Reaktoren und Beendigung der bilateralen Produktion
von waffenfähigem Plutonium. Im Dezember 1993
vereinbarten Vizepräsident AI Gore und der russische
Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin, daß Rußland die Herstellung von Plutonium für Waffen
beenden und die letzten drei Plutonium für militärische Zwecke produzierenden Reaktoren des Landes
schließen würde, sobald alternative Quellen für die
von ihnen erzeugte Wärme und Elektrizität zur
Verfügung stehen. Der russische Präsident Jelzin
sagte die Schließung der Reaktoren bis zum Jahr
2000 zu. Das die Zusage offiziell verankernde
zwischenstaatliche Abkommen wurde am 23. Juni
unterschrieben. Das in der Zwischenzeit von diesen
Reaktoren hergestellte Plutonium wird einem Überwachungsregime unterstellt, das in den nächsten
sechs Monaten ausgearbeitet werden soll.
Globale Beendigung der Produktion von spaltbarem Material für Nuklearsprengkörper. Präsident Clinton hat den unverzüglichen Abschluß eines
globalen, verifizierbaren und nichtdiskriminierenden
Abkommens zur Beendigung der Produktion von
spaltbarem Material für Nuklearsprengkörper gefordert. Dieses Ziel wurde vom russischen Präsidenten
Jelzin und der UN-Generalversammlung unterstützt.
Die Verhandlungen sollen in diesem Sommer aufgenommen werden.
4. Festsetzung der langfristigen Verwendung von
Plutonium

AMERIKA DIENST 25

�Amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für die
Verwendung und Sammlung von spaltbarem
Material. Eine amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für die Verwendung und Sammlung von
spaltbarem Material wurde Ende Mai mit der Zustimmung zu einem Mandat ins Leben gefjfen, die
Verwendung von Plutonium und Bestrebungen zur

Sicherstellung in Erwägung zu ziehen, daß das
Plutonium nicht eine Bedrohung für die Umwelt oder
die Weiterverbreitung darstellt. Beide Seiten vereinbarten, daß das Thema der weiteren Anhäufung
überschüssiger Bestände von hochangreichertem
Uran und für zivile Zwecke verwendetem Plutonium
weiterer Erörterung bedarf.

* * * * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 3

�G-7
29. Juni 1994

JELZIN "GLEICHBERECHTIGTER TEILNEHMER"
BEI EINIGEN G-7-GESPRÄCHEN
Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel
WASHINGTON - (AD) - Der russische Präsident
Jelzin wird bei einigen Gesprächen des Weltwirtschaftsgipfels in Neapel ein "selbständiger und
gleichberechtigter Teilnehmer" sein, äußerte ein
hochrangiger Regierungsvertreter am 20. Juni 1994.
Darüber hinaus wird beim diesjährigen Wirtschaftsgipfel zum ersten Mal eine gemeinsame Erklärung
der vereinbarten Position Rußlands und der G-7
veröffentlicht, fügte der Beamte hinzu. "Dies ist eine
bemerkenswerte symbolische und inhaltliche Veränderung. Das bedeutet, daß Rußland politisch
mehr in die Arbeit der G-7 integriert ist, wie es der
Fall sein sollte."
Das neue Arrangement "ist keine Vollmitgliedschaft".

Meines Erachtens sind beide Seiten mit dem Arrangement zufrieden", erklärte der Regierungsvertreter.
Präsident Clinton wird vom 8. bis 10. Juli 1994 im
Rahmen einer Europareise am Gipfel teilnehmen,
die ihn nach Riga, Warschau, Bonn und Berlin führt.
In Neapel wird Clinton am 10. Juli mit Jelzin bilaterale Gespräche führen. Es wird erwartet, daß die
beiden Präsidenten den Termin für ihr Washingtoner
Gipfeltreffen bekanntgeben - eine dreitägige Zusammenkunft, die voraussichtlich in diesem Herbst
stattfinden wird.

chen der G-7 über politische und wirtschaftliche
Themen sein wird", erläuterte der Beamte.
Der Regierungsvertreter erinnerte die Journalisten an
frühere Gipfeltreffen, bei denen Jelzin und sein
Vorgänger, Michail Gorbatschow, "in vieler Hinsicht
der Grund des einberufenen Gipfels waren, befragt
wurden, Präsentationen über die Wirtschaftsreformen
gemacht wurden und wir Erklärungen über unsere
Sichtweise der Wirtschaftsreformen abgaben. In
diesem Jahr wird zum ersten Mal eine gemeinsame
Erklärung vom den Vorsitz des Gipfels innehabenden
italienischen Ministerpräsidenten veröffentlicht, in der
Rußland und die G-7 im wesentlichen zu einer Reihe
internationaler wirtschaftlicher und politischer Themen
eine Sprache sprechen."
Auf eine Frage antwortete der Beamte, die Vollmitgliedschaft Rußlands in der G-7 - die Schaffung einer
G-8, wie von einigen britischen Regierungsvertretern
vorgeschlagen - "steht nicht unmittelbar bevor. Wir
sind zufrieden mit dem derzeitigen Arrangement - und
ich glaube, aufgrund der in dieser Woche geführten
Gespräche sind auch die Russen zufrieden."

Obwohl russische Politiker in der Vergangenheit mit
Vertretern der sieben demokratischen Industrienationen beim jährlichen Wirtschaftsgipfel zusammengekommen sind, ist das Treffen in Neapel das erste,
bei dem der russische Präsident direkt in die Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs von
Kanada, Japan, den Vereinigten Staaten, Italien,
Großbritannien, Frankreich und Deutschland einbezogen wird.

Dem Regierungsbeamten zufolge sind die Beziehungen zwischen Washington und Moskau "sehr solide",
und er bezeichnete dies als "eine hoffnungsvolle Zeit"
in den bilateralen Beziehungen. Er erinnerte an die
entschieden düsterere Situation vom vergangenen
Januar, deren erneutes Auftreten die Regierungsvertreter und Wissenschaftler gleichermaßen für die
Fortsetzung der politischen und wirtschaftlichen
Reformen in Rußland fürchten. Sechs Monate später
stehe die russische Volkswirtschaft sehr viel besser
da, mit einer Sparpolitik der Regierung und einer
allmählich kontrollierten Inflation. Der Erfolg Moskaus, fügte er hinzu, "hat viele erstaunt".

"Neu in diesem Jahr ist, daß Präsident Jelzin beginnend mit dem Abendessen am Samstag (9. Juli) und
im gesamten Verlauf des Sonntags ein selbständiger
und gleichberechtigter Teilnehmer an den Gesprä-

Bei ihrem bilateralen Treffen werden Jelzin und
Clinton voraussichtlich "eine Bilanz der bilateralen
Beziehungen" zwischen Washington und Moskau
ziehen, wobei Clinton "unsere äußerst starke Unter-

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�Stützung" für Kredite der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds an Rußland bekräftigen
wird. "Darüber hinaus möchte er von Jelzin eine
Idee über den künftigen Kurs der russischen Reformen, deren Tempo und die von Jelzin in diesem
Zusammenhang gesetzten Prioritäten sowie die im
Wege liegenden Hindernisse erhalten".
Die beiden Präsidenten werden dem Beamten
zufolge Sicherheitsfragen erörtern, einschließlich der
Wege, um die Partnerschaft für den Frieden "Präsident Clintons Wunsch entsprechend zu einem
Instrument der europäischen Einheit im 21. Jahrhundert zu machen, das zur Verhinderung der Spaltung
in zwei Blöcke beiträgt".
Clinton wird die Bedeutung unterstreichen, die er
dem trilateralen Abkommen mit der Ukraine und
Rußland bei der Wiederaufbereitung und dem
Verkauf von aus den Nuklearwaffen der ehemaligen
Sowjetunion entnommenem hochangereichertem
Uran in den Vereinigten Staaten beimißt.
"Meines Erachtens werden sie über außenpolitische
Zusammenarbeit sprechen", stellte er fest, "einschließlich Nordkorea und Bosnien, die Beziehungen
zwischen Rußland und der Ukraine sowie unsere
andauernde große Hoffnung, daß bis zum Ende
dieses Sommers alle russischen Truppen aus
Estland und Lettland abgezogen sein werden."
Dem Plan zufolge sollen bis zum 31. August zum
ersten Mal seit 1945 alle russischen Truppen aus
Mittel- und Osteuropa abgezogen sein, "was eine
ziemlich bemerkenswerte historische Entwicklung
ist".
Der Regierungsvertreter sah keine politischen
Probleme für Jelzin in Clintons Entscheidung, am 6.
Juli in Riga mit den Präsidenten der baltischen
Staaten zusammenzukommen.
Er erinnerte daran, daß seit 1940 alle demokratischen und republikanischen Administrationen gleichermaßen "sich dafür entschieden haben, die
sowjetische Herrschaft im Baltikum nicht anzuerkennen. Es gab immer eine Fußnote - wir erklärten, wir
erkennen die Grenzen der Sowjetunion an, aber wir
haben nie die sowjetische Herrschaft (in Lettland,
Litauen und Estland) anerkannt. Nun da diese
Länder unabhängig sind, sollte ein amerikanischer
Präsident sie besuchen. Schon dieser Grund allein
ist wichtig."
Dem Beamten zufolge werde Clintons Treffen nicht
zu einem Problem für Jelzin unter den über die
Freigabe der baltischen Staaten unzufriedenen

Seite 2

russischen Nationalisten, "vor allem, weil Präsident
Clinton stets versucht hat, beiden Seiten bei der
Ausarbeitung des Abzugsprozesses behilflich zu sein.
Wir haben eindeutig klargestellt, daß die russischen
Truppen nicht dort sein sollten, wenn sie nicht
erwünscht sind. Andererseits haben wir ein Interesse
an den Menschen- und Bürgerrechten der russischen
Minderheiten in diesen Ländern, und der Präsident
hat seinen Einfluß geltend gemacht, um eine Verbesserung der Situation herbeizuführen", bis hin zum
Einsatz von Beobachtern der Helsinki Watch in
Estland und Lettland. "Ich glaube, die Russen wissen
das zu schätzen."
Nach den Aussagen des Beamten würden die
Russen Clinton "als einen äußerst effektiven Vermittler hinter den Kulissen" akzeptieren. Ich denke nicht,
daß das ein Problem für Jelzin verursachen wird."
Während sich die beiden Seiten auf einen geschäftigen Monat der Diplomatie vorbereiten, angefangen
von Außenminister Christophers Treffen mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew in dieser
Woche in Brüssel, werden die bilateralen Geschäfte
in Washington auf einem anderen Gleis fortgesetzt,
wo Vizepräsident Gore Gastgeber des russischen
Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin und einer
dreitägigen Zusammenkunft der gemeinsamen
Technologiekommission ist. Tschernomyrdin wird
Clinton am 23. Juni treffen.
Die beiden Politiker leiten einen Prozeß, der amerikanische Regierungsvertreter und ihre russischen
Amtskollegen bei der Umsetzung von Abkommen
zusammenbringt, die das gesamte Spektrum von
Umweltproblemen bis zu Reisen ins Weltall umfassen. Einem hochrangigen Regierungsvertreter
zufolge wird die Gore-Tschernomyrdin-Kommission
zur Ankurbelung der Geschäftstätigkeit Methoden zur
Verbesserung des Zugangs zu russischen und
amerikanischen Märkten sowie Wege zur Stabilisierung der Geschäftsbeziehungen erörtern. Führende
Investoren benötigen Richtlinien bevor sie Mittel in
eine Gesellschaft investieren, in der das Vertragsrecht nicht so klar definiert ist, erläuterte der Beamte.
Das Komitee für Energiepolitik arbeitet an der Sicherheit der alten Nuklearreaktoren in Rußland sowie
der Beschleunigung der Wiederaufbereitung von
waffenfähigem Uran aus Nuklearanlagen der ehemaligen Sowjetunion. Andere Ausschüsse befassen sich
mit der Arbeit an einer gemeinsamen Weltraumstation, der Konversion der russischen Rüstungsindustrie für zivile Zwecke und Methoden zur Messung der Effektivität von Umweltprojekten zur Verbesserung der Luft- und Wasserqualität.

AMERIKA DIENST 25

�KULTUR
29.Juni 1994

EIN HERRLICHER LEBENSSTIL
von Ricardo Sandoval
Die ethnische Vielfalt des Lebens in den Vereinigten Staaten verleiht der amerikanischen Kultur Farbe und
Substanz, so der Verfasser des nachfolgenden Artikels, der darauf hinweist, daß diese Vielfalt in keinem
Bereich deutlicher wird als bei den amerikanischen Speisen.
Ricardo Sandoval ist Mitarbeiter des San Francisco Examiner.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Modern Maturity. Copyright (c) 1992
American Association of Retired Persons.

Es ist nahezu unmöglich, einen Aspekt der amerikanischen Kultur zu finden, der nicht von der alles
durchdringenden ethnischen Vielfalt unserer Nation
zeugt. Was ist mit Bluejeans? Dieser unersetzliche
Bestandteil der amerikanischen Garderobe wurde
von dem deutschen Einwanderer Levi Strauß erfunden. Gibt es etwas Amerikanischeres als Jazz?
Seine vielfältigen Wurzeln vermischen afrikanische,
europäische und amerikanische Einflüsse.

Dann ist da noch die amerikanische Sprache. Ein
typischeres Beispiel findet man wohl nicht. Vielleicht
stellt sie das dynamischste Element der Vereinigten
Staaten dar. Es ist praktisch unmöglich, ständig auf
dem laufenden mit ihren regionalen Nuancen und
ethnischen Einflüssen zu sein. Rechnet man die
Hunderte von Modewörtern hinzu, die jeden Tag
erfunden werden und wieder in Vergessenheit
geraten, erhält man eine Ahnung ihrer Vielschichtigkeit.
Amerikas zahlreiche und vielfältige ethnische Wurzeln verleihen der Mode, Sprache, Musik und
zahllosen anderen Aspekten der nationalen Kultur
Substanz und Farbe - und insbesondere der amerikanischen Küche. Die Identität der in die Vereinigten Staaten Eingewanderten war eng verknüpft mit
Tischen, die mit den Lieblingsgerichten der ehemaligen Heimat überladen waren: Deutscher Sauerkrauteintopf, italienische Gnocchi di patate (Kartoffelklöße), jüdische Nockerl (Eierknödel), polnische
Kielbasa w Sosie Pomidorowym (Wurst mit Tomatensauce), griechische Dolmadakia Yialandji (gefüllte
Weinblätter).

AMERIKA DIENST 25

Die Hauptzutaten dieser Gerichte sowie Tausender
anderer beliebter internationaler Speisen sind jetzt
zum dauerhaften Bestandteil des Sortiments amerikanischer Supermärkte geworden. Benötigen Sie
noch mehr Beispiele? Man braucht nur das amerikanische Fast Food mit seiner verrückten Kombination mexikanischer Pizza, Teriyaki-Hamburgern, nach
Cajun-Art gewürzten Pommes Frites und chinesischem Hühnersalat anzuschauen.
"Man kann nicht von nur einer amerikanischen
kulinarischen Tradition sprechen", so Nancy Harmon
Jenkins aus Maine, die die ethnische Herkunft von
Gerichten erforscht und für die The New York Times
sowie die Zeitschrift Food and Wine schreibt.
"Unsere Eßgewohnheiten stammen aus allen Teilen
der Welt. Mit der Zeit wurden sie miteinander vermischt."
Viele dieser Traditionen hatten schon eine abwechslungsreiche Geschichte, bevor sie nach Amerika
kamen. Der einfache mexikanische Taco beispielsweise - ursprünglich eine Maistortilla - wurde durch
spanische und amerikanische Einflüsse verändert.
Seine amerikanische Version umfaßt fritierte Tortilla,
gefüllt mit Rindfleisch sowie mehreren kleinen Beilagen in Form von Käse, Creme fraiche, nicht zu
scharfer Soße, Salat und Tomate.
Einige der am stärksten verwurzelten traditionellen
amerikanischen Gerichte wie pumpkin pie (Kürbiskuchen) und Popcorn sind frühe Produkte des Einfallsreichtums der Europäer und der amerikanischen
Ureinwohner. Pie wurde von den ersten englischen
Siedlern eingeführt und mit Hilfe der amerikanischen
Ureinwohner abgewandelt, welche die Siedler mit

Seite 1

�dem Kürbis und Kürbisgemüse bekanntmachten; die
Siedler verliehen der gekochten breiigen Masse mit
Süßstoffen und asiatischen Gewürzen wie Zimt und
Muskat mehr Geschmack. Die Hausfrauen in den
Kolonien servierten Popcorn mit Zucker und Sahne
zum Frühstück, nachdem die Indianer sie mit der
vielseitigen Verwendbarkeit des vorherrschenden
Getreides der Neuen Welt bekannt gemacht hatten.
Nahrungsmittelhistoriker spüren die Ursprünge der
anscheinend amerikanischsten Gerichte in anderen
Ländern auf. Erdnüsse kommen aus Südamerika.
Die ersten Apfelsinen wurden in Asien gepflückt, von
arabischen Händlern nach Afrika und in den Nahen
Osten und von Reisenden aus den Mittelmeerländern dann in die Neue Welt gebracht. Kartoffeln aus
den Andenstaaten wurden von heimatliebenden
Forschungsreisenden mit nach Europa genommen,
fanden überall Anklang und wurden dann von
Einwanderern aus Irland und Mitteleuropa als eines
der Hauptnahrungsmittel in die Neue Welt gebracht.
Von allen Bestandteilen des amerikanischen Speiseplans nimmt Mais hinter Weizen den zweiten Platz
auf der Liste der überall angebauten und konsumierten Lebensmittel ein. Er kann über Jahrtausende
nach Mexiko zurückverfolgt werden. Als die europä*

Seite 2

*

ischen Forschungsreisenden ihn mit nach Hause
nahmen, wurde diese Getreidesorte in der gesamten
westlichen Hemisphäre eines der wichtigen Produkte.
Die Liste der beliebten amerikanischen Gerichte, die
aus anderen Kulturen stammen, wird immer länger.
"Die derzeitige Gesundheitswelle hat bei mehr
Amerikanern das Interesse an asiatischen Speisen
geweckt", so Jenkins. "Die Menschen wenden sich
wieder den Grundnahrungsmitteln zu, unverarbeiteten
Produkten und einfachen Gerichten, die früher von
Bauern gegessen und als "Armenkost" bezeichnet
wurden. "Brauner Reis beispielsweise ist die gesündere und zunehmend beliebte Alternative zu der
gebleichten Variante. Magereres Fleisch (Truthahn,
Hühnchen und Fisch) treten an die Stelle des gut
durchwachsenen Rindfleisches.
"Über zahllose Generationen haben Angehörige
verschiedener Länder mit einer begrenzten Zahl
einheimischer Zutaten wunderbare Gerichte gekocht",
so Michael Batterberry, Mitbegründer und Redakteur
der Zeitschrift Food Arts. "Jetzt kann man beim
Kochen zwischen unendlich vielen verschiedenen
Zutaten wählen. Die Idee der internationalen Küche
wird endlich zur Regel."

*

*

AMERIKA DIENST 25

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12121">
                <text>29.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12122">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12123">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12124">
                <text>Amerikadienst 29.06.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12125">
                <text>&lt;strong&gt;1. 4.Juli&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: amerikanische Ideale sind globale Normen für Staatsbürgerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der glorreiche Vierte: die Feiern zu Amerikas Geburtstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Peggy Robbins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Washington plant monumentale Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der Bundeshauptstadt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton benennt Holbrooke zum Abteilungsleiter für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ankündigung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Partnerschaft für Frieden&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Russland tritt dem NATO-Programm Partnerschaft für den Frieden bei&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher beim NATO-Rat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-russische Nuklearstrategie und Sicherheitsinitiativen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressemitteilung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. G-7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jelzin "gleichberechtigter Teilnehmer" bei einigen G-7-Gesprächen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Kultur&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein herrlicher Lebensstil &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Ricardo Sandoval&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2358" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2369">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/941bfcd0e49ec815139b47748668a7c4.pdf</src>
        <authentication>46be9d809534ef8a71ebb30339205663</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12132">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26

6. Juli 1994

BEVÖLKERUNG

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE
INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der
National Academy of Sciences

VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

WELTWEITE POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT IST SCHLÜSSEL FÜR ERFOLGREICHE
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
Rede von FBI-Direktor Freeh

NAFTA

NAFTA - DIE HERAUSFORDERUNG FÜR
EUROPA
Rede von Botschafter Eizenstat

PORTRAT

PANETTA ZUM STABSCHEF DES WEISSEN
HAUSES ERNANNT
Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty

GERGEN HAT"AUSGEPRÄGTES GESPÜR"
FÜR VERMITTLUNG VON ZIELSETZUNGEN
Porträt des neuen außenpolitischen
Sonderberaters

NEUE DIREKTORIN DER HAUSHALTSBEHÖRDE SETZT SICH FÜR ABBAU DES
HAUSHALTSDEFIZITS EIN
Porträt von Alice Rivlin

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-334102

�BEVÖLKERUNG
6. Juli 1994

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE, GLEICHZEITIGE
INANGRIFFNAHME GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton drängt die Staats- und Regierungschefs der Welt, ein breites
Spektrum von Problemen gleichzeitig als einzigen Weg zur Förderung eines höheren Lebensstandards weltweit
in Angriff zu nehmen.
"Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen
funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge
je greifen wird", erklärte Präsident Clinton in einer Rede vor der National Academy of Sciences am 29. Juni
1994.
Clintons Rede behandelte vornehmlich Themen, die bei der in einigen Monaten in Kairo stattfindenden
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung angesprochen werden. "Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich
auf die Idee, daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen sein sollte", stellte der Präsident fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

Ich habe versucht, die Vorbereitungen für den G-7Gipfel in Neapel zu treffen. Und ich habe mindestens seit anderthalb Jahren - seitdem ich im Amt
bin - darauf hingearbeitet, daß diese Gruppe sich
zunächst kurzfristig auf globales Wachstum konzentriert - auf das, was wir in unseren Nationen und
gemeinsam tun können - und dann darüber nachdenkt, wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussehen wird, und was wir tun müssen. Ich muß
zugeben, ich bin hin- und hergerissen. Ich bin
glücklich und stolz, daß ich an der Konferenz teilnehmen und sagen kann, daß das von uns Vereinbarte funktioniert. Mittelfristig funktioniert es eindeutig.

der Zusammenarbeit und daß unsere Nation das
Glück hat, den Weg zu weisen.

40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der G-7
entfällt auf die Vereinigten Staaten. Aber im vergangenen Jahr hatten wir 75 Prozent des Wachstums und nahezu 100 Prozent der Arbeitsplätze, die
doppelte Investitionsrate, eine doppelt so hohe
Zuwachsrate bei Exporten und die höchste Zuwachsrate bei der Produktivität. Wir hatten das zweitniedrigste Defizit, im nächsten Jahr werden wir das
niedrigste Defizit aller G-7-Länder haben. Dies alles
ist ermutigend für mich. Und die Volkswirtschaften
der Gruppe stehen besser da als je zuvor in den
vergangenen vier Jahren. Es herrscht das Gefühl

Von vielen in diesem Artikel enthaltenen Aspekten
war ich ebenso fasziniert wie von der mehr wissenschaftlichen Abhandlung von Professor Homer Dixon
zum selben Thema. Ich versuche mir vorzustellen,
wie es sein würde, Kinder in diesem oder jenem Land
in diese Welt zu setzen. Das ist das Problem, mit
dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn
ich darüber nachdenke, arbeitet mein Gehirn in
Gedankengängen, die einigen Leuten zufolge undiszipliniert, meines Erachtens aber produktiv sind.

AMERIKA DIENST 26

Wenn Sie sich jedoch die langfristigen Tendenzen
betrachten, die sich auf der Welt abzeichnen - wenn
Sie Artikel wie den vor einigen Monaten von Robert
Kaplan in The Atlantic lesen, der einigen zufolge zu
streng ist - wenn Sie sich wirklich betrachten, was
geschieht, könnten Sie sich eine Welt vorstellen, in
der wenige Millionen von uns in solchem Überfluß
leben, daß wir alle Stars in nächtlichen Seifenopem
sein könnten. Und der Rest von uns sieht aus, als
wäre er in einem von Mel Gibsons "Road Warrior"Filmen.

Seite 1

�Wenn Sie sich die Landschaft der Zukunft betrachten
und sagen, wir müssen die Familien auf der ganzen
Welt stärken, wir müssen gerechtes und starkes
Wachstum ermutigen, wir müssen grundlegende
Gesundheitsfürsorge bereitstellen, wir müssen die
weitere Ausbreitung von AIDS verhindern, wir müssen Wasservorräte erschließen und den Ernteertrag
verbessern, wir müssen den Flüchtlingsstrom eindämmen und die Umwelt schützen und so weiter
und so weiter - dann bekommt man Kopfschmerzen.
Und natürlich muß man - werden Sie sagen, wenn
Sie sich die Zahlen betrachten - die Zuwachsrate der
Bevölkerung verringern.
Tim hat das Thema Haiti angeschnitten. Meine
Tochter und ich haben vor einigen Monaten über
Haiti gesprochen, und ich habe ihr erzählt, daß ihre
Mutter und ich vor vielen Jahren kurz nach unserer
Hochzeit dorthin gereist sind, wieviel Trauer und
Hoffnung ich dort gleichzeitig gesehen habe, und
wieviel seitdem geschehen ist. Sie sagte zu mir, das
weiß ich alles, Dad, weil ich Luftaufnahmen aus dem
All gesehen habe. Wenn man auf die Insel blickt,
sieht man, wo die Dominikanische Republik endet
und wo Haiti anfängt. Und es kann nicht soviel
Umweltzerstörung ohne all die anderen Probleme
geben, über die Du gesprochen hast. Es war eine
erstaunliche Aussage aus der Perspektive eines
amerikanischen Schulkindes, die alles zusammenfaßt.
Ich erwähne dies, um folgendes Argument anzubringen: Wir müssen Disziplin walten lassen, wenn wir
sagen, wieviel Zeit, Geld und Energie wir haben, und
wir müssen unsere Prioritäten setzen. Wir können
jedoch nicht so naiv sein zu denken, es sei so leicht,
eines dieser Themen von dem gesamten Komplex
abzutrennen und die Zukunft der Welt werde über
Nacht gelöst.
Wenn Sie sich das Tempo betrachten, mit dem die
Rohstoffe erschöpft werden, und wenn Sie das
Tempo betrachten, mit dem die Kluft zwischen arm
und reich größer wird, wenn Sie sich die Tatsache
verinnerlichen, daß sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat, seit nur 74 Nationen vor 40 Jahren in
Rom zusammenkamen, ist es klar, daß wir einen
umfassenden Ansatz für die Zukunft der Welt
benötigen. Wir fassen ihn unter dem Schlagwort
umweltverträgliche Entwicklung zusammen, nehme
ich an, aber es gibt keinen Weg, wie wir das Morgen
angehen können, wenn wir nicht mindestens unsere
gemeinsame Verantwortung in all diesen Bereichen
im Auge behalten.
Während der bevorstehenden neuntägigen Kairoer
Konferenz werden über zwei Millionen Menschen auf
die Welt kommen. Mehr als zwei Millionen Babys

Seite 2

werden in eine Welt geboren, in der ein Drittel
unserer Kinder bereits Hunger hat, 40 Prozent der
Menschen auf der Welt nicht einmal Kanalisation
haben und große Teile der Welt nur einen Arzt pro
35.000 oder 40.000 Einwohner. Eine Umkehrung
dieser Politik wird Innovation, Engagement und
Entschlossenheit verlangen, das zu tun, was wir über
einen langen Zeitraum hinweg tun können, während
wir alle auf der Welt mit unseren eigenen Belangen
innerhalb unserer Grenzen beschäftigt sind.
Es wird erforderlich sein, daß wir neu über die
Beziehungen der menschlichen Entwicklung im
Hinblick auf das nachdenken, was in diesen Nationen
geschieht. Wir müssen viele Ideen der Vergangenheit verwerfen - als es immer eine Versuchung war
zu glauben, es gäbe eine einzige Lösung, die wir
über Nacht anwenden könnten, die alles ins Lot
rücken würde.
Um gemeinsamen Wohlstand herbeizuführen, wie
Professor Homer Dixon geschrieben hat, müssen die
Nationen der Welt schlicht und einfach an vielen
Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielen. Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die
Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum
vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge je greifen wird. Wenn man sie ignoriert,
werden diese Herausforderungen weiterhin Menschen
voneinander trennen. Wir müssen einfach diese
Probleme zusammen lösen.
Ich bin wirklich stolz auf die Tatsache, daß die G-7
vereinbart hat, einige dieser Probleme in dieser
Woche in Neapel ernsthaft anzusprechen.
Wir
werden erörtern, was wir innerhalb der G-7 tun
können, um nicht nur Wachstum, sondern auch mehr
Arbeitsplätze zu schaffen - weil ein Großteil der
wohlhabenden Länder feststellt, daß sie keine Arbeitsplätze hervorbringen können, selbst wenn ihre
Volkswirtschaft wächst. Und wenn sie das nicht
können, verlieren sie die Lobby zu Hause, um die
übrige Welt zu engagieren.
Wir werden darüber sprechen, wie wir eine wirtschaftliche Infrastruktur für das 21. Jahrhundert
aufbauen. Wie sieht diese neue Welthandelsorganisation aus, die wir im Rahmen des GATT gründen
werden? Und was sollten die Weltbank und der IWF
tun? Wir werden auch diskutieren, wie wir den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften helfen
können, wie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, und was wir mit den Volkswirtschaften tun
können, die sich nicht im Umbruch befinden oder in
die falsche Richtung gehen, um unsere gemeinsame
Verantwortung anzusprechen.

AMERIKA DIENST 26

�Dies ist in der Tat ziemlich einzigartig für die modernen Nationen der Welt. Und ich freue mich, daß
trotz der zahlreichen Wirtschaftsprobleme in vielen
Ländern diese bereit sind, ernsthaft darüber nachzudenken, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen sollten weit über die Wiederwahlchancen aller dort anwesenden Staats- und Regierungschefs hinaus. Bei
den Vorbereitungen der in Kairo anberaumten
Bevölkerungskonferenz muß uns derselbe Ansatz
leiten. Die von uns unterstützte Politik muß auf
dauerhaften Werten basieren - Förderung stärkerer
Familien, vermehrte Verantwortung für den einzelnen
Bürger, Achtung der Menschenrechte, Vertiefung
des Gemeinschaftsgefühls. Dort liegt die Zukunft in
unserem Land und auf der ganzen Welt - angefangen bei unseren Familien. Wenn sie intakt sind und
funktionieren, sorgen sie für uns. Sie dienen als
Modell. Sie vermitteln Werte und gestatten den
Menschen, in Frieden zusammenzuleben und sich
zusammen für gemeinsame Ziele einzusetzen. Aus
diesem Grund ist dies das Wichtigste, was wir
unternehmen können.
Seit der Amtsübernahme dieser Administration
haben wir an der Förderung von Maßnahmen
gearbeitet, die den Familien eine Stärkung ihrer
Rolle im In- und Ausland gestatten. Ich habe die
sogenannte Mexiko-Stadt-Politik revidiert, weil
meiner Ansicht nach Ärzte und medizinisches
Personal weltweit in der Lage sein sollten, wirklich
etwas im Bereich der Familienplanung zu unternehmen und auf diesem Gebiet umfassende Informationen zu geben.
Seitdem haben wir trotz haushaltspolitischer Engpässe den Etat für Familienplanung und unterstützende
Dienstleistungen des Amts für internationale Entwicklung um ungefähr 50 Prozent erhöht. Zur Unterstützung der Familien hier im Land haben wir eine
beträchtliche Erhöhung des
Einkommensteuerfreibetrags bewilligt, um 15 Millionen Familien von
der Sozialhilfe unabhängig zu machen, aus der
Armut zu befreien und in die erwerbstätige Bevölkerung einzugliedern. Wir haben die Ernährungs- und
andere Programme von Head Start auf Zehntausende von Kindern ausgeweitet, Unterstützungszahlungen für straffällige Kinder drastisch reduziert und die
Impffonds erhöht, damit die Zahl der geimpften
Kinder um mehr als eine Million erhöht werden kann.
Wir bemühen uns um die Reduzierung außerehelicher Geburten und Schwangerschaften von Teenagern. Durch das Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ermöglichen wir es den Menschen, erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche Eltern zu sein eine äußerst wichtige Frage in einer Welt, in der
mehr und mehr Eltern berufstätig sind. Jede Gesellschaft, die die Menschen zu einer Entscheidung

AMERIKA DIENST 26

zwischen diesen beiden Möglichkeiten zwingt, ist zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Menschen keine
Alternative zur Berufstätigkeit haben - und für uns alle
ist es von Bedeutung, daß die Menschen weiterhin
Kinder bekommen - müssen alle Eltern erfolgreiche
Arbeitnehmer sein, und alle Arbeitnehmer müssen als
Eltern Erfolg haben.
Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich auf die Idee,
daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen
sein sollte. Aus diesem Grund müssen wir das
Konzept der Verantwortung unterstützen - der Eltern
für ihre Kinder, der Männer und Frauen füreinander,
und unserer derzeitigen Generation für künftige
Generationen.
Fortschritt bringt Freiheit, Freiheit erfordert mehr
Disziplin und Verantwortung. Und wir müssen unsere
jungen Menschen lehren, kluge Entscheidungen zu
treffen, und ihnen sagen, daß auch Enthaltsamkeit zu
ihren Auswahlmöglichkeiten gehören muß. Unsere
Politik war immer in den ethischen Prinzipien des
Mitgefühls, der Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte verwurzelt. Wir haben die Würde und
den Wert jedes einzelnen unterstützt und werden uns
auch weiterhin jeglicher Zwangsausübung bei der
Familienplanung widersetzen und sie verurteilen.
Die Verwirklichung dieser Prinzipien ist die Forderung, mit der Vizepräsident Gore im September nach
Kairo gehen wird.

Niemand ist für diese Aufgabe

besser geeignet als er. Er hat sich für diese langfristigen Herausforderungen eingesetzt und in breitem
Kontext über sie nachgedacht, lange bevor sie
politisch unpopulär wurden oder auch nur Quelle
zahlreicher gegenwärtiger Diskussionen.
In Kairo schließen wir uns der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verfolgung eines neuen
Aktionsplans an, das Bevölkerungsproblem als Teil
des größeren Problems umweltverträglicher Entwicklung anzugehen. An erster Stelle unserer Tagesordnung wird unsere aktive Unterstützung für Investitionen in die Frauen dieser Welt stehen. Vielleicht wird
langfristig gesehen die wichtigste Forderung von
Kairo lauten, daß jede Nation Bestrebungen zur
Erziehung ihrer Kinder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unternimmt und der weitverbreiteten
Praxis Einhalt gebietet, die Mädchen vor den Jungen
von der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu zwingen.
Um sicherzustellen, daß sich die Nationen schneller
entwickeln können, wird jeder einzelne von uns
aufgerufen, die Arbeit und Entwicklung von Frauen
anzuerkennen und sie voll in die erwerbstätige
Bevölkerung zu integrieren. Dadurch werden den
Frauen umfassende Bürgerrechte garantiert, und die

Seite 3

�Diskriminierung wird beendet, die noch nahezu
überall existiert und den Fortschritt hemmt.
In Kairo werden die Vereinigten Staaten auch gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft neue, qualitativ hochwertige und freiwillige
Familienplanungs- und Gesundheitsprogramme für
werdende Mütter ins Leben rufen. Es ist unser Ziel,
bis zum Beginn des kommenden Jahrhunderts diese
Programme allen Bürgern zugänglich zu machen.
Eltern müssen das Recht haben, frei und verantwortlich über die Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode
der Familienplanung. Wir respektieren jedoch die
vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme
jeglicher Zwangsausübung. Unsere Politik in den
Vereinigten Staaten vertritt die freie Wahl des
einzelnen, nicht das Diktat der Öffentlichkeit. Ich
habe bereits vielfach darauf hingewiesen, daß
Schwangerschaftsabbrüche sicher, legal und selten
sein sollten.
In anderen Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt. Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern
anschaut, muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen mit Verhütungsmitteln mehr als
alles andere zur Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen wird.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß wir
in Kairo dasselbe grundlegende Engagement zeigen
müssen, jedem Bürger der Welt eine Gesundheitsfürsorge anzubieten, wie wir das in den öffentlichen
Debatten in unserem Land getan haben. Unter den
Vertretern der 174 Teilnehmerstaaten der Kairoer
Konferenz besteht weniger Uneinigkeit als hier unter
den 535 Abgeordneten unseres Kongresses. Vielleicht können wir diesen Geist mit nach Hause
bringen.
Die Erfahrung lehrt, daß Investitionen in Gesundheitsfürsorge für Mütter, pränatale Dienstleistungen
und Vorsorgemaßnahmen bei Kindern nicht nur

*

Seite 4

Leben retten, sondern den Menschen letztlich die
erforderliche Zuversicht geben, daß ihre Kinder
überleben werden. Und dadurch wird die Einstellung
gegenüber der Kindererziehung verändert. Jedes
Land hat sich zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge seiner Frauen und Kinder verpflichtet. Und
wer das wirklich getan hat, konnte ein absinkendes
Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand
beobachten.
Die Kairoer Konferenz kann daher viel zur Förderung
unserer Vision umweltverträglicher Entwicklung und
stabilen Bevölkerungswachstums unternehmen, um
die Vision einer Welt intakter Familien Realität
werden zu lassen, in der für jedes Mitglied gesorgt
wird - einer Welt, die mit Klugheit und Stärke die
Herausforderungen direkt angeht, anstatt über sie zu
sprechen und mit Worten die Menschen so zu
spalten, daß sie sich nicht wirklich mit ihnen befassen, eine Welt, die zu Chancengleichheit und Wohlstand für alle führt.
Als Präsident Roosevelt im Jahr 1945 starb, fand
man ein getipptes Manuskript seiner letzten Rede, in
dem nur ein Satz von ihm mit der Hand geschrieben
war. Es war der letzte Satz der letzten Rede Franklin
Roosevelts, die er nie gehalten hat. Sein handgeschriebener Satz lautete: "Die einzige Grenze
unserer Realisierung der Zukunft sind unsere heutigen Zweifel. Wir wollen mit Stärke und aktivem
Glauben Fortschritte erzielen." Angesichts so vieler
scheinbar hartnäckiger Probleme ist sicherlich die
Versuchung groß, diese Zweifel überhandnehmen zu
lassen.
Mir scheint jedoch, daß auch Sie heute abend mit mir
die Ansicht teilen, daß wir Lösungen suchen und
finden können, die kommenden Generationen helfen
werden. Präsident Roosevelt regierte zu einer Zeit,
in der Zweifel ein Luxus war, den sich das amerikanische Volk nicht erlauben konnte. Ich sage Ihnen
heute, daß Zweifel einen Luxus darstellt, den sich die
Welt nicht länger erlauben kann.
Ich begrüße ihr Mitgefühl und ihr Engagement und
rufe Sie auf, diesen Glauben in Taten umzuwandeln
und mir bei meiner Arbeit beizustehen, dasselbe zu
tun.

* * *

*

AMERIKA DIENST 26

�VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
6. Juli 1994

WELTWEITE POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT IST
SCHLÜSSEL FÜR ERFOLGREICHE
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

Rede von FBI-Direktor Freeh
BERLIN - (AD) - Der Direktor des FBI (Federal Bureau of Investigation), Louis J. Freeh, betonte die
Notwendigkeit weltweiter polizeilicher Zusammenarbeit zwischen den Strafverfolgungsbehörden, um auf allen
Ebenen erfolgreiche Verbrechensbekämpfung durchführen zu können.
Freeh traf mit einer Delegation amerikanischer Strafverfolgungsbeamter am 28. Juni 1994 mit deutschen
Regierungsvertretern zusammen, um über schwierige Fragen zu beraten, die für beide Länder von Interesse
sind.
Der FBI-Direktor wies darauf hin, daß die Vereinigten Staaten im Bereich der Verbrechensbekämpfung mit
enormen Problemen konfrontiert sind und äußerte: "Ich möchte zu Beginn verdeutlichen, daß ich diese Reise
nicht angetreten habe, um europäische Länder zu kritisieren, weil sie Kriminalitätsprobleme haben, oder um
vorzugeben, die Vereinigten Staaten hätten keine."
Nachfolgend veröffentlichen wir die im Berliner Roten Rathaus gehaltene Rede von FBI-Direktor Freeh.

Lassen Sie mich zu Beginn den Dank der amerikanischen Regierung dafür zum Ausdruck bringen, daß
die Möglichkeit zu einem Treffen mit deutschen Vertretern geschaffen wurde, um Kriminalitätsprobleme
von beiderseitigem Belang zu diskutieren.
Wir wissen die Bemühungen von Herrn Staatssekretär Lintner außerordentlich zu schätzen, der die
vor kurzem beendeten Gespräche am Runden Tisch
arrangiert hat.

die bei gemeinsamen Bemühungen mit einigen
Ländern bereits erarbeitet worden sind, und neue
Programme mit Ländern auszuarbeiten, mit denen wir
bisher im Bereich der Strafverfolgung nur relativ
wenig zusammengearbeitet haben. Darüber hinaus
unterstützen Präsident Clinton, Justizministerin Reno,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry diese Reise uneingeschränkt, und ich werde
dem Präsidenten Bericht erstatten, der - wie Sie
wissen - dieser Stadt am 12. Juli einen historischen
Besuch abstatten wird.

Ferner möchten wir uns sehr herzlich bei dem
Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard
Diepgen, und dem Berliner Senat für deren Unterstützung bedanken, besonders dafür, daß das Rote
Rathaus als Konferenzort für die Gespräche zur
Verfügung gestellt wurde.

Die Zusammensetzung der amerikanischen Delegation verdeutlicht, wie ernst mein Land diese neuen
Bestrebungen nimmt, Zusammenarbeit gegen ein
breites Spektrum bestehender und möglicher zukünftiger Verbrechen aufzubauen.

Die heutigen Gespräche sind der Beginn einer Reihe
von Erörterungen mit Strafverfolgungsbeamten aus
elf europäischen Ländern. Unsere Delegation hofft,
wesentlich auf den Grundlagen aufbauen zu können,

Ein Mitglied der Delegation ist Ronald K. Noble,
Abteilungsleiter für Strafverfolgung im Finanzministerium, der so wichtige Bundesbehörden leitet wie
das Büro für Alkohol, Tabak und Schußwaffen, das

AMERIKA DIENST 26

Seite 1

�amerikanische Bundeszollamt sowie den Secret
Service. Wir können uns glücklich schätzen, daß er
auch in Zukunft diesen Verantwortungsbereichen
weiter als Staatssekretär im Finanzministerium
vorsteht, zu dem er befördert wird.
Ein weiteres Mitglied ist Botschafter Robert S.
Gelbard, Abteilungsleiter für den Bereich internationale Betäubungsmittel. Er führt die Bestrebungen
des Außenministeriums an, mit diplomatischen
Mitteln internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Drogen und anderen schweren Verbrechensproblemen aufzubauen.
Ein drittes wichtiges Mitglied unserer Gruppe ist
Thomas A. Constantine, der Leiter der Drogenbekämpfungsbehörde, die das wichtigste Amt zur
Bekämpfung des Drogenhandels in den Vereinigten
Staaten ist.
Und ich bin der Direktor des amerikanischen Bundeskriminalamtes, das für die Bekämpfung des
organisierten Verbrechens, der Gewaltverbrechen
und einer großen Anzahl weiterer Verbrechen
verantwortlich ist.
Unser heutiger Besuch wäre nicht möglich gewesen
ohne die Unterstützung und Förderung eines amerikanischen Regierungsvertreters, der in engem
Kontakt zu Vertretern der deutschen Seite steht Botschafter Richard C. Holbrooke. Sein Beitrag zu
unserem Kampf gegen das unsere beiden Länder
betreffende Problem Kriminalität wird noch bedeutsamer werden, da er gerade von Präsident Clinton
zum Abteilungsleiter für europäische Angelegenheiten im Außenministerium nominiert wurde.
Es ist durchaus angebracht, unsere Reihe von
Gesprächen mit europäischen Ländern in Deutschland zu beginnen. Im vorigen Jahr, kurz nachdem
ich Direktor des FBI geworden war, lud mich der
Präsident des Bundeskriminalamtes, Hans Zachert,
nach Deutschland ein. Wir führten sehr konstruktive
Gespräche, und ich traf ebenfalls mit Innenminiser
Kanther und Staatssekretär Lintner zusammen. Die
Diskussionen und Informationsgespräche beim
Bundeskriminalamt haben mir wertvollen Einblick in
die Erfahrungen deutscher Strafverfolgungsbehörden
mit kriminellen Banden aus Italien und Osteuropa
vermittelt.
Ich möchte zu Beginn verdeutlichen, daß ich diese
Reise nicht angetreten habe, um europäische
Länder zu kritisieren, weil sie Kriminalitätsprobleme
haben, oder um vorzugeben, die Vereinigten Staaten

Seite 2

hätten keine. Ganz im Gegenteil, die Vereinigten
Staaten sind mit enormen Kriminalitätsproblemen
konfrontiert. Seit den zwanziger Jahren ist das
organisierte Verbrechen eine nationale Geißel. Der
Konsum von illegalen Drogen hat ein Ausmaß
erreicht, das einen internationalen Skandal darstellt.
Die Zahl der Gewaltverbrechen ist eine Schande für
die zivilisierte Welt.
Wir sind aus gutem Grund hierher gekommen. Wir
möchten von den europäischen Ländern lernen. Und
wir möchten uns mit den Europäern austauschen
über die bitteren Lektionen, die wir in den Vereinigten
Staaten lernen mußten.
Wir möchten den Ländern Europas jede nur mögliche
Unterstützung anbieten, um gemeinsame Programme
gegen Kriminalitätsprobleme zu entwickeln, die uns
alle betreffen und in der Zukunft unermeßliches Leid
hervorrufen können. Unsere Besorgnis konzentriert
sich auf drei große Problembereiche:
Erstens die Möglichkeit, daß Atomwaffen oder
Nuklearmaterial in Regionen der ehemaligen
Sowjetunion gestohlen und in die Hände von
Terroristen oder verbrecherischen Nationen
gelangen könnten.
Zweitens die Zunahme und Verbreitung des
organisierten Verbrechens in Rußland und anderen Teilen Osteuropas - organisiertes Verbrechen,
das großes Leid hervorrufen und sogar die Stabilität von Regierungen untergraben kann.
Drittens das Wiederauftreten von Haßverbrechen,
die eine Bedrohung für alle anständigen Menschen der Welt darstellen.
Die Polizeibehörden in den Vereinigten Staaten, in
Europa und anderen Teilen der Welt sind mit neuen
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert - und
die Probleme werden in den kommenden Jahren
bestimmt noch größer werden. Traditionell hat sich
jedes Land allein um seine Probleme gekümmert,
ohne nennenswerte Kooperationsprogramme, die
grenzüberschreitend arbeiteten. Was man als transnationale polizeiliche Überwachung beschreiben
könnte, hat bis vor etwa zehn Jahren nicht existiert.
Dies begann erst lange nach den Erfolgen im Bereich
internationales Verbrechen. In weiten Teilen der Welt
ist die Strafverfolgung immer noch sehr rückständig.
Unter anderem müssen wir klar die Gefahr erkennen,
die das internationale Verbrechen für alle Nationen
darstellt, und Maßnahmen ergreifen, um es zu

AMERIKA DIENST 26

�bekämpfen und letztlich zu besiegen. Dieser Kampf
wird nicht leicht sein.
Vor dreißig Jahren war es ein nennenswerter Vorgang, wenn einige Kilogramm Heroin in ein Land
geschmuggelt wurden. Heute können Verbrechersyndikate ein vollkommen neues Drogenverteilungsnetz in verschiedenen Teilen der Welt aufbauen
bevor die Verbrechensbekämpfungsbehörden dies
überhaupt aufspüren können. Die Polizeikräfte der
zivilisierten Nationen - der Nationen, die nach den
Gesetzen eines Rechtsstaates leben - müssen eine
neue Zielsetzung erarbeiten. Es muß neue Ebenen
der zwischenstaatlichen Kooperation geben, und
Strafverfolgung muß in ihren Dimensionen internationaler werden, wenn wir es mit beispiellosen
Verbrechen in nie dagewesenem Ausmaß aufnehmen wollen.
Wechsel. Das ist das Schlüsselwort, auf das sich
die Polizeikräfte aller Länder konzentrieren müssen.
Polizeiliche Überwachung unterscheidet sich heute
sehr stark von derjenigen der siebziger Jahre. Und
sie wird sich wiederum von der polizeilichen Überwachung des bald beginnenden 21. Jahrhunderts
stark unterscheiden.
Die Polizei in den Vereinigten Staaten unterhält
bereits seit einiger Zeit enge Beziehungen zu England, Italien, Deutschland und Kanada. Es muß
jedoch zu einer Erweiterung der internationalen
polizeilichen Zusammenarbeit kommen - nicht nur
einige Staaten, sondern die ganze Weltgemeinschaft
gesetzestreuer Staaten muß sich zusammenschließen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind
Kriminalität. Länder mögen sich in ihrer Ideologie
oder Politik unterscheiden. Aber es ist inzwischen
sehr klar geworden, daß Kriminelle Grenzen nicht
anerkennen, außer um sie für ihre Zwecke zu
handhaben. Kriminelle beachten keine Gesetzessysteme oder Ideologien, außer um sie auszunutzen.

In den Vereinigten Staaten benutzen wir den Begriff
"cop", wenn wir von einem Polizeibeamten reden.
Was wir brauchen sind weltweite "cop-to-cop"Beziehungen, die Grenzen überschreiten und
Ermittlungen präzisieren, "cop-to-cop"-Beziehungen,
die darauf abzielen, die gesetzestreuen Bürger aller
Nationen zu schützen. Ebenso wichtig sind die
zwischenstaatlichen Beziehungen von Staatsanwälten und anderen Justizbeamten. All dies muß in
Teamarbeit geschehen.

AMERIKA DIENST 26

Hierbei muß das Hauptaugenmerk auf der Aufdekkung, der Untersuchung und der Festnahme liegen kurz, auf solider Ermittlungsarbeit, basierend auf der
Kooperation zwischen Nationen. Die Prioritäten einer
solchen Kooperation müssen Bemühungen zur
Bekämpfung von Drogenhandel, organisierter Kriminalität, Mord, Erpressung und weiterer Gewaltverbrechen sowie die Bekämpfung des Diebstahls von
Massenvernichtungswaffen einschließen, seien dies
gestohlene Atomwaffen, biologische oder chemische
Waffen oder deren hochgefährliche Komponenten.
Unabhängig davon, welche Unterschiede Nationen in
bezug auf Ideologie und Politik aufweisen, gibt es
einen fundamentalen Bedarf zum Aufbau dieser "copto-cop"-Programme. Kriminelle werden alles tun, um
ihre Ziele zu erreichen, und sie werden sich nicht um
die Politik derjenigen kümmern, die sie vernichten.
Professionelle Strafverfolgungsbeamte jeder rechtsstaatlichen Nation benötigen dringend die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Mittel, um ihr
Konzept der internationalen Strafverfolgung von
einem Schlagwort in die Praxis umzusetzen. Niemand muß seine nationale Autonomie aufgeben. Ich
rede hier von Kooperation. Um ein Beispiel zu
geben: Was passiert, wenn ein Polizeibeamter oder
Staatsanwalt im Land A einen Plan zur Entführung
oder zum Mord an einem Kind, das Bürger des
Landes B ist, aufdeckt? Der Beamte des Landes A
wird seinen Kollegen im Land B anrufen, und das
Leben des potentiellen Mordopfers retten. Dies hat
nichts mit Ideologie oder Politik zu tun. Es hat etwas
damit zu tun, was jeder professionelle Polizeibeamte
und Justizbeamte in jedem Land als seine vorrangige
Verantwortung ansieht: Rechtsstaatlichkeit und der
Schutz der Unschuldigen und Gesetzestreuen.
Lassen Sie mich erklären, was ich unter den Begriffen "professioneller Polizeibeamter" und "Justizbeamter" verstehe. Er ist unbestechlich. Er ist fair.
Widmet sich der Beweissuche und der Überführung
von Tätern mehr als irgend etwas anderem. Diese
Polizei- und Justizbeamten widmen sich vollständig
der Verbrechensbekämpfung. Unabhängig davon,
welche anderweitigen Unterschiede existieren mögen,
haben die Polizei- und Justizbeamten aller Länder
einen gemeinsamen Feind - und dieser gemeinsame
Feind ist das Verbrechen. Strafverfolgungsbeamte
haben dies vor langer Zeit erkannt. Es ist Zeit, daß
alle dies erkennen.
Kriminelle Organisationen nehmen zu und breiten
sich aus. Kriminelle Gruppen verzweigen und verbünden sich mit anderen kriminellen Gruppen in
einem noch nicht dagewesenen Ausmaß. Kriminelle
Gruppierungen entwickeln Arbeitsbeziehungen,

Seite 3

�Geschäftsbeziehungen, Kartelle, Joint-ventures,
Zusammenschlüsse - alles, was ihnen hilft, Profit zu
machen, ihre Gegner zu töten, die Polizei zu neutralisieren und de facto Regierungen zu zerstören.
Organisierte kriminelle Banden arbeiten daran,
Regierungen zu verdrängen - und jede Regierung,
die dies ignoriert, tut das auf eigene Gefahr.
Das organisierte Verbrechen ist nicht an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen
interessiert. Gruppen des organisierten Verbrechens
scheren sich nicht darum, ob ihre Aktivitäten den
Lebensstandard senken, eine große Anzahl Menschen zu Drogenabhängigen machen, die Menge
der ganzen Bevölkerungen zur Verfügung stehenden
Lebensmittel reduzieren, die Schulerziehung verhindern, oder die Gesundheit der Menschen durch eine
großflächige Vergiftung der Umwelt bedrohen. Um
all diese Bedrohungen bekämpfen zu können,
müssen Strafverfolgungsbeamte in allen Ländern
neue Ebenen der Zusammenarbeit entwickeln.
Ich sehe einen Strafverfolgungsbeamten als jemanden, der effektiv, ehrlich, über jeden Zweifel erhaben, offen und dem Wohlergehen der Bevölkerung
verpflichtet ist. Am anderen Ende dieser Skala ist
der Geheimpolizist, der sich nicht um das Gesetz
kümmert, nicht um die Unantastbarkeit menschlichen
Lebens und die Rechte der Menschen. Strafverfolgungsbeamte können nicht wirkungsvoll arbeiten,
solange sie nicht von den Menschen respektiert
werden, die zu schützen sie geschworen haben. Die
Geschichte lehrt uns, daß ein Polizeiapparat nie
über einen längeren Zeitraum erfolgreich war, wenn
er nicht die Unterstützung der Menschen genoß. In
einem totalitären Staat mag die Geheimpolizei
denken, sie sei erfolgreich, weil die Menschen sie
fürchten, und auf kurze Sicht mag eine solche
Geheimpolizei auch in einigen Dingen erfolgreich
sein. Auf lange Sicht jedoch bringt sich eine solche
Geheimpolizei selbst zu Fall, denn sie wird nicht
respektiert, nicht unterstützt, und sie wird sich selbst
in einer Lage wiederfinden, in der sie größtenteils
nicht fähig ist, die Wahrheit, verläßliche Zeugen oder
stichhaltige Beweise zu ermitteln. Tatsächlich verfälscht eine Geheimpolizei, ähnlich einer Diktatur, die
Realität binnen kurzer Zeit so sehr, daß sie die
Wahrheit noch nicht einmal mehr erkennen würde,
wenn sie über sie stolperte.
Eine Inschrift im Innenhof des FBI-Gebäudes in
Washington beschreibt die jetzt erforderliche Philosophie. Sie lautet: "Die effektivste Waffe gegen das
Verbrechen ist die Zusammenarbeit... die gemeinsamen Bestrebungen aller Strafverfolgungsbehörden

Seite 4

mit Unterstützung und Verständnis des amerikanischen Volkes." In der Vergangenheit hat das FBI
nicht immer gemäß dieser wichtigen Regel gehandelt.
Aber wir sind jetzt dazu entschlossen, mit anderen
Strafverfolgungsbehörden und anderen Nationen
zusammenzuarbeiten und permanent für die Erhöhung der Sicherheit und das verbesserte Wohlergehen der Menschen zu arbeiten.
Nationen, die Freiheit als ein wichtiges Gut erachten,
sind mit einer sehr schwierigen Verbrechensproblematik konfrontiert. Einige Beobachter gehen sogar
davon aus, daß die Mächte des Guten nicht gewinnen werden. Aber ich glaube an das Gegenteil - daß
sich die Rechtsstaatlichkeit durchsetzen wird. Die
Geschichte zeigt, daß die Freiheit jetzt die Oberhand
gewinnt.
Vor fünfzig Jahren lag Westeuropa nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges in Trümmern. Die Menschen jedoch waren fest entschlossen: Durch eigene
harte Arbeit und Unterstützung von anderen leisteten
die Länder Europas ihren Wiederaufbau. Und als
integralen Bestandteil dieses Wiederaufbaus behielten sie demokratische Systeme bei. Durch die
Demonstration dessen, was freie Menschen auch
unter schwierigsten Umständen zu leisten in der Lage
sind, wurde uns allen ein Beispiel gegeben. Und dies
war ein kleiner, jedoch wichtiger Faktor im letztlichen
Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa.
Wo einst Kommunismus herrschte, sind wir jetzt
Zeuge der Gründung demokratischer Nationen und
weitreichender Freiheitsregungen. Demokratie kann
jedoch nicht ohne harte Arbeit existieren. Demokratie
muß genährt und geschützt werden. Im komplexen
Prozeß der Demokratie muß Strafvollzug eine zentrale Rolle spielen. Ich glaube fest daran, daß wir
heute einen neuen Ansatz brauchen, eine neue
Dimension der Zusammenarbeit von Nationen gegen
die schlimmsten Arten von Gesetzlosigkeit.
Ich habe eine internationale Allianz gegen das
Verbrechen vor Augen. Es wäre ein noch nicht
dagewesenes Programm: Die Nationen Europas und
die Vereinigten Staaten würden 24 Stunden am Tag
alles in ihrer Macht Stehende gegen die schlimmsten
Verbrechen unternehmen. Wo jetzt umfangreiche
Kriminalitätsprobleme existieren, würden wir all
unsere Erfahrung, unsere Informationen und Kooperationsmöglichkeiten zusammenfassen, um diese
Probleme gemeinsam zu lösen. Wo neue Kriminalitätsprobleme auftreten, würden wir umgehend gemeinsam dagegen angehen, bevor sie große Ausmaße erreichen.

AMERIKA DIENST 26

�Ein wichtiger Punkt, auf den wir uns bei unseren
Bemühungen um eine internationale Allianz gegen
das Verbrechen konzentrieren müssen, sind die
Länder, die durch den Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion entstanden sind, sowie die vormals
hinter dem Eisernen Vorhang existierenden Staaten.
Diese neue internationale Allianz muß engere Beziehungen zwischen den Strafverfolgungsbehörden aller
Staaten Westeuropas entwickeln - Staaten, die mit
wachsenden Kriminalitätsproblemen konfrontiert sind,
vor allem mit Drogenmißbrauch.
Vor einigen Jahrzehnten sagten Kritiker in den
Vereinigten Staaten, wir würden die Strafverfolgung
mühelos bewältigen. Der entsetzliche Preis, den wir
in der Folge in Form von Gewaltverbrechen und
Drogenmißbrauch zahlen mußten, verdeutlicht den
Fehler, den wir begingen, indem wir viel zu spät viel
zu wenig taten.
Wir unternehmen heute umfangreiche Anstrengungen, um das Verbrechen zu bekämpfen, aber die
Probleme sind sehr ernst. Zum Beispiel wurden in
den Vereinigten Staaten im Jahr 1992, dem letzten
Jahr, für das uns Daten zur Verfügung stehen, der
Polizei insgesamt fast zwei Millionen Gewaltverbrechen gemeldet. In dieser Zahl sind 23.700
Morde, 109.000 Vergewaltigungen, 672.000 Raubüberfälle und 1,1 Millionen Fälle schwerer Körperverletzung enthalten.
Sie werden jetzt sicherlich genau verstehen, warum
ich betone, daß ich die Staaten Europas nicht wegen
ihrer Kriminalitätsprobleme kritisiere. Die Vereinigten
Staaten haben Kriminalitätsprobleme, die manchmal
jenseits des Begreifbaren liegen. Letzten Endes
muß jedes Land seine Heilmittel und seine Methode
zu seiner Rettung selbst entwickeln. Aber alle
freiheitsliebenden Nationen können einiges tun, um
sich gegenseitig zu helfen. Die Vereinigten Staaten
müssen dabei helfen, durch harte Strafverfolgung ein
Beispiel zu setzen: Der hohe Drogenkonsum in den
Vereinigten Staaten erhöht beispielsweise die Macht
des organisierten Verbrechens in großen Teilen der
Welt. Das darf nicht so weitergehen. Wir müssen
den Drogenhandel und -konsum einschneidend und
permanent verringern. Ein möglicher Schritt wäre
die Weitergabe des den Vereinigten Staaten verfügbaren Wissens an andere Nationen, um deren
Fähigkeiten zur Verbrechensbekämpfung und
-reduzierung zu verbessern. Dies ist der Weg, um
einer neuen internationalen Allianz gegen das
Verbrechen sofort Wirkung zu verschaffen. Wir
werden anderen Nationen unsere fortschrittlichste
Technik zur Verfügung stellen und umgekehrt.

AMERIKA DIENST 26

Dadurch können wir unschätzbar zum Aufbau demokratischer Institutionen beitragen, die auch in den
stärksten Stürmen bestehen können. Trotz ihrer
gravierenden eigenen Kriminalitätsprobleme haben
die Vereinigten Staaten Polizeitechniken entwickelt,
die für viele Nationen von großem Nutzen sein
könnten. Nachfolgend einige Beispiele:
Neue Ermittlungstechniken zur Bekämpfung von
Gewaltverbrechen,
neue Techniken zur Bekämpfung komplizierter
Geldwäsche- und Finanzverbrechen,
Entwicklung nachrichtendienstlicher Mittel zur
erfolgreichen Bekämpfung des organisierten
Verbrechens,
Mittel zur Verhinderung und Aufdeckung von
Korruption in Polizei- und Regierungsapparaten,
neue Techniken im Bereich der Gerichtsmedizin,
die großartigen Möglichkeiten der Verbrechensaufklärung durch DNA-Tests,
das Wissen zur Installierung eines umfassenden,
automatisierten Fingerabdrucksystems.
Zukünftig können die Vereinigten Staaten einen noch
größeren Beitrag zu bereits bestehenden Programmen leisten, Polizeibeamte und weiteres Justizpersonal anderer Länder an den Ausbildungsakademien
unserer Strafverfolgungsbehörden auszubilden.
Dadurch können wir bei dem Kampf gegen einen
gemeinsamen Feind helfen - das organisierte Verbrechen, das sich in einigen Teilen Osteuropas
ausbreitet und sich nach Westeuropa und in die
Vereinigten Staaten ausweitet.
Warum messen wir der Zusammenarbeit bei der
Verbrechensbekämpfung eine so große Bedeutung
bei?
Die Gefahren sind groß. Wir wollen nicht, daß das
organsierte Verbrechen aus Rußland und Eurasien
eine Machtposition in den Vereinigten Staaten
erlangt. Ebenso wollen wir nicht, daß das organisierte Verbrechen die Länder Europas ruiniert. Wir
haben tragische Erfahrungen mit dem organisierten
Verbrechen in unserem Land gemacht - wir sahen,
wie es ein beinahe unauslöschlicher Teil unserer
Gesellschaft wurde. Wir brauchen keine weiteren

Seite 5

�derartigen Probleme - und die Staaten Europas
ebenfalls nicht.
Die Länder Osteuropas müssen sich jedoch auch
selbst helfen. Sie müssen einen festen Entschluß
zum Kampf gegen das Verbrechen fassen, der durch
nichts umgeworfen werden kann. Darüber hinaus
müssen sie entsprechende Ressourcen für ihre
Polizeibehörden zur Verfügung stellen. Wir müssen
soviel wie möglich unternehmen um sicherzustellen,
daß die Staaten über entsprechendes Training,
Ausrüstung, Gesetze und demokratische Systeme
verfügen, in denen Polizeibehörden aus den Ruinen
ehemaliger Regierungen entstanden sind, deren
Herrschaft auf Terror basierte.
Es gibt klare Unterschiede zwischen diesen beiden
Systemen. Die alten Systeme basierten auf Unterdrückung, auf der Verletzung der Menschenrechte.
Die neuen Systeme basieren auf Freiheit, der
Achtung der Rechte aller und dem Schutz der Allgemeinheit. Die alten Geheimpolizeisysteme schienen
einem Kafka-Roman entnommen, und wir hoffen,
daß sie für immer der Vergangenheit angehören.
Der Wunsch allein genügt nicht. Aber die harte
Arbeit aller freiheitsliebenden Menschen wird Demokratie und Recht gedeihen lassen.
Trotz der Beendigung des Kalten Krieges wissen wir,
daß die Notwendigkeit weiterbesteht, unsere nationale Sicherheit auch künftig aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig wird es für alle ehemaligen Gegner aus
der Zeit des Kalten Krieges möglich sein, einen Teil
ihres Budgets, das vormals für den Kalten Krieg
eingesetzt wurde, auf Projekte zur Strafverfolgung
und Verbrechensreduzierung umzuverteilen. So
weiß ich, daß für die Vereinigten Staaten eine
nationale Notwendigkeit besteht, die ebenso bedeutsam ist wie die der nationalen Sicherheit: Die
dringende und wachsende Notwendigkeit, unsere
innere Sicherheit effektiver zu gewährleisten und
unsere Bürger vor den verheerenden Auswirkungen
von Verbrechen zu schützen. Ein Teil der Haushaltsmittel aus der Zeit des Kalten Krieges wäre
auch von anderen Ländern gut angelegt, wenn er
zum Schutz der Bevölkerung vor Verbrechen und
zur erfolgreichen Entwicklung neuer demokratischer
Institutionen verwendet würde. Es wäre ebenso
möglich, daß für Verbrechensbekämpfungsprogramme Personal und einige der Technologien zur
Verfügung gestellt würden, die zuvor für den Kalten
Krieg eingesetzt wurden. Es gibt sehr gute Gründe
dafür, daß wir uns alle bei diesen Bemühungen
zusammenschließen. Der gemeinsame Feind Verbrechen hat erschreckende Dimensionen angenom-

Seite 6

men. Gelingt es nicht, ihn unter Kontrolle zu bekommen, wird er eines Tages unter Umständen als Rivale
der Grausamkeiten alter Ideologien auftreten, die nun
verworfen worden sind.
Falls wir ein Beispiel dafür benötigen, welche Ausmaße ein Verbrechen erreichen kann, so müssen wir
nur den Fall annehmen, daß eine Atomwaffe in die
Hände eines Terroristen oder eines terroristischen
Staates gelangt. Sollte dies geschehen, dann könnte
nahezu jeder Staat auf diesem Planeten Ziel dieser
Waffe werden, oder ein Ziel der nächsten Waffe, die
gestohlen wird. Auch könnte eine terroristische
Nation zu dem Schluß gelangen, sie ihrerseits könne
Ziel einer anderen terroristischen Gruppe werden.
Wir müssen uns fragen, wer diese Atom-Terroristen
sein könnten. Es mag ein terroristischer Staat sein.
Oder es könnten Revolutionäre sein. Es könnten
Menschen sein, die von rassistischem, religiösem
oder politischem Haß getrieben werden. Wir müssen
uns fragen, was die potentiellen Ziele dieser Terroristen sein könnten. Es existieren eine Menge möglicher Ziele. Jede Regierung hat Feinde. Wo könnte
die erste terroristische Atomwaffe explodieren? Wir
brauchen uns nur die Weltkarte anzusehen. Die
befürchtete nukleare Explosion kann sich überall
ereignen: In Ihrer Heimatstadt ebenso wie in meiner.
Der Schlüsselfaktor bei der Bekämpfung von Verbrechen und Terrorismus ist die Zusammenarbeit
aller Nationen dieser Welt. Wir wissen, daß Anständigkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sich auch
nach den größten Katastrophen durchsetzen können.
Und um ein Beispiel zu nennen, brauchen wir unseren Blick nur auf diese großartige Stadt zu richten, in
der wir heute zusammengekommmen sind.
Berlin und Deutschland sind nach dem Zweiten
Weltkrieg aus den Trümmern der Nazi-Herrschaft
entstanden. Ostdeutschland und Ost-Berlin überlebten das lange Zwielicht des Kommunismus. Heute
ist Deutschland vereint, frei und demokratisch. Es ist
mir eine große Ehre, in dieser historischen Stadt
begrüßt zu werden, die wieder Ihre Hauptstadt
geworden ist.
Während der Zeit des Kalten Krieges wurden in
Berlin enorme Ressourcen verbraucht. Tausende
von Polizeibeamten bewachten die Mauer - auf
beiden Seiten. Polizist stand gegen Polizist. Lassen
sich mich eine Möglichkeit nennen für die Art von
Aktionen, die wir alle anstreben sollten.

AMERIKA DIENST 26

�Alle Länder Europas könnten einige dieser Ressourcen aus Zeiten des Kalten Krieges zur Verbrechensbekämpfung nutzen. Sie könnnten sich zusammenschließen zum Kampf gegen katastrophale
Verbrechen - Drogen, Gewalt, Korruption, Terrorismus. Und die Vereinigten Staaten werden sich
ihnen bei diesen Bestrebungen anschließen.
Sollten wir uns nicht in dieser internationalen Allianz
zusammenfinden, um diese Probleme direkt anzugehen, dann werden internationale Verbrecherbanden Fuß fassen. Haben sie sich erst einmal
etabliert, sind diese Gruppen sehr schwer zu besiegen.
Auf dieser historischen Reise von Strafverfolgungsbeamten in elf Länder, denen wir unsere Freundschaft und Hilfe anbieten, wollen wir unseren neuen
Partnern praktische Hilfe und Unterstützung "cop-tocop" anbieten. Einzige Voraussetzung hierfür ist
unser fortgesetztes Engagement für Rechtsstaatlichkeit sowie die Ablehnung von Geheimpolizei und
repressiven polizeilichen Praktiken.

Gruppen begingen schwere Verbrechen und bedrohten gesetzestreue Bürger, oft ohne von der
Polizei daran gehindert zu werden. Dies alles hat
sich natürlich geändert, als der Kongreß damit
begann, Bürgerrechtsgesetze zu erlassen, und das
FBI schließlich zu einer harten strafrechtlichen
Verfolgung derjenigen überging, die Schwarze,
Juden, Katholiken und andere im Süden terrorisierten. Doch selbst heute noch sind Haßverbrechen ein
ernstes Problem in den Vereinigten Staaten. Das FBI
hat ein Programm zur statistischen Auswertung
solcher Verbrechen gestartet. Die neuesten Zahlen,
die soeben veröffentlicht wurden, zeigen, daß im Jahr
1993 in den Vereinigten Staaten mehr als 7.600
Haßverbrechen begangen wurden. Wir alle müssen
aus der Vergangenheit lernen, um das bestmögliche
Strafverfolgungssystem zu entwickeln.

Ich möchte nicht unterstellen, die Nationen Europas
seien die einzigen, die sich in der Vergangenheit
oder der Zukunft Kriminalitätsproblemen gegenübersehen, oder daß einige europäische Nationen die
einzigen seien, die Menschenrechte verleugnen.
Beispielsweise hat es im Nuklearbereich seit Jahren

Die Polizei muß sich dem Schutz der Bürger widmen.
Sie muß ehrlich sein. Sie muß frei sein von Korruption und jeglicher Vorbelastung. Sie muß an die
Rechtsstaatlichkeit glauben. Und sie muß sich dem
gleißenden Licht der öffentlichen Überprüfung stellen.
Menschen, die erst seit kurzem in Freiheit leben,
empfinden genau wie solche, die eine lange Zeit in
Freiheit lebten: Sie möchten Freiheit und Demokratie
nicht aufgeben. Sie möchten nicht zurück in die
schlechte Vergangenheit.
Freie Menschen sind
jedoch auch fordernd. Sie möchten in Sicherheit
leben, um die Vorzüge der Demokratie genießen zu

Berichte gegeben, daß in den Vereinigten Staaten

können. Sie sind nicht bereit, die Versklavung durch

Nuklearmaterial gestohlen wurde. Die Vereinigten
Staaten werden schlicht und einfach in größerem
Maße gewährleisten müssen, daß sich solche
Diebstähle in Zukunft nicht mehr ereignen. Ein
anderer besorgniserregender Bereich ist eine Reihe
von "-ismen", die Europa erlebt hat, und die zu
fürchterlichen Ungerechtigkeiten führten.
Heute
bieten Neo-Nazis, Skinheads und andere Gruppen
Anlaß zu ernster Besorgnis.

die Politik einzutauschen gegen eine Versklavung
durch Drogen oder eine Diktatur der Angst, die ihnen
von organisierten Kriminellen aufgezwungen wird.
Wo es keine Rechtsstaatlichkeit gibt, regiert nur das
Chaos. Und aus Chaos kann nur eine Diktatur
entstehen. Eine Diktatur führt nur zu Terror, Angst,
Leiden und Tod.

Dieses Problem besteht jedoch nicht nur in Deutschland. In den Vereinigten Staaten gibt es ebenfalls
große Ungerechtigkeiten. So hat es unsere Polizei
im Süden der Vereinigten Staaten jahrzehntelang
nicht geschafft, Schwarze und andere Bevölkerungsgruppen zu schützen. Der Ku-Klux-Klan und andere

*

AMERIKA DIENST 26

*

Die Entscheidung ist eindeutig. Wir können den
dunklen Kräften durch Nachlässigkeit zum Sieg
verhelfen. Oder wir können eine Polizei und ein
Strafverfolgungssystem aufbauen, das die Menschen
schützt, Verbrecherbanden besiegt und die Vorzüge
der Freiheit sichert. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Der Feind hat die Tore bereits eingerissen.
Wir sind mit Problemen konfrontiert, die über Leben
und Tod entscheiden.

*

*

Seite 7

�NAFTA
6. Juli 1994

NAFTA - DIE HERAUSFORDERUNG FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Eizenstat
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafter Stuart E. Eizenstat, dem Vertreter der
Vereinigten Staaten bei der Europäischen Union, am 23. Juni 1994 in Frankfurt bei einer Konferenz des
International Bankers Forum gehaltene Rede.

Ich gratuliere den Organisatoren zu dem bei der
Vorbereitung dieser Konferenz gezeigten Engagement. Meines Erachtens wird die Bedeutung des
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North
American Free Trade Agreement - NAFTA) auf
dieser Seite des Atlantiks unterschätzt, und diese
Konferenz sollte entscheidend zu einer Beseitigung
der Mißverständnisse und Mythen beitragen.
Ich ziehe es vor, das NAFTA nicht als "Herausforderung" für Europa, sondern als Chance für die
europäische Wirtschaft und potentielle Inspiration für
die Handelspolitik Europas anzusehen. Zudem
können die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam auf der Grundlage des NAFTA und Europas
eigenen Freihandelsvereinbarungen mit Mittel- und
Osteuropa stabilere transatlantische Wirtschaftsbeziehungen aufbauen.
Aus meiner eigenen Perspektive stellt die erfolgreiche Annahme des NAFTA durch den Kongreß nach
dem langen und erbitterten, von Präsident Clinton
mutig angeführten Kampf einen bedeutenden Impuls
für den Abschluß der Uruguay-Runde des GATT dar.
Sie überzeugte die EU von unserer Bereitschaft, für
den freien Handel politische Opfer zu bringen.
Das NAFTA - eine bahnbrechende Handelsvereinbarung
Das 1.100 Seiten umfassende Nordamerikanische
Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten
Staaten, Kanada und Mexiko trat am 1. Januar 1994
in Kraft. Das NAFTA setzt neue Maßstäbe für
Handelsvereinbarungen und ist das erste Abkommen
seiner Art, das auf dem Text des ehemaligen GATTGeneraldirektors Dunkel aufbaut, obwohl die Runde
noch nicht abgeschlossen war, als die NAFTAUnterhändler ihre Arbeit beendeten.

AMERIKA DIENST 26

Das NAFTA erreicht das allen Freihandelsabkommen
gemeinsame Ziel: Die Abschaffung von Zöllen und
Quoten unter seinen Unterzeichnerstaaten. Das
NAFTA tut jedoch noch viel mehr und eröffnet damit
bedeutende neue Chancen für europäische Investoren, Exporteure von Waren und Dienstleistungen
sowie Finanzinstitutionen.
Meines Erachtens sind für die Europäer die folgenden
Merkmale des NAFTA von größter Bedeutung:
Das NAFTA schafft ausnahmslos alle Zölle und
Quoten ab, wobei den wenigen besonders sensitiven Produkten längere Auslaufphasen gewährt
werden. Ein beträchtlicher Teil des Handels
wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1994 zollfrei:
50 Prozent der amerikanischen Exporte nach
Mexiko und 70 Prozent der mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten. Für den größten
Teil des verbleibenden Handels werden die Zölle
über einen Zeitraum von 10 Jahren abgebaut, bei
wenigen Produkte über einen Zeitraum von 15
Jahren. Das entscheidende Konzept ist jedoch
eine Politik, die keine Ausnahmen zuläßt.
Vereinfachte Herkunftsregeln und Unterlagenführung sollen es den Unternehmen erleichtern, den
nordamerikanischen Inlandsanteil der Produkte
nachzuweisen. Das NAFTA ist in dieser Hinsicht
das erste Handelsabkommen, das mit Blick auf
das konkrete Rechnungswesen von Firmen
entwickelt wurde und das insbesondere die Last
der Befolgung von Vorschriften für kleine und
mittelständische Betriebe beschränken soll.
Das Abkommen baut in einer Übergangszeit die
weitreichenden Erfordernisse der mexikanischen
Autoindustrie an ausgeglichene Handelsbilanzen
und Inlandsanteile ab. Ferner soll nicht länger
gefordert werden, daß der Export von Autos und
Autoteilen doppelt so hoch sein muß wie die

Seite 1

�entsprechenden Importe. Auch die Beschränkungen im Hinblick auf Inlandsanteil und Eigentumsrechte werden abgeschafft, die Kosten erhöhten
und die Flexibilität ausländischer Autohersteller in
Mexiko beschränkten.
Das NAFTA ist das erste Freihandelsabkommen,
das die Vertragsparteien verpflichtet, die meisten
Dienstleistungssektoren für in anderen NAFTAMitgliedstaaten errichtete Unternehmen zu öffnen.
Von besonderem Interesse für Sie sind die bahnbrechenden Vorschriften des NAFTA im Bereich
der Finanzdienstleistungen. Bei den Finanzdienstleistungen
a) werden erstmals seit über 50 Jahren Finanzunternehmen mit Sitz in den Vereinigten Staaten
und Kanada - einschließlich der in europäischem
Besitz befindlichen - in der Lage sein, unter
denselben Anlagebedingungen wie mexikanische
Firmen vollkommen in ihrem Besitz befindliche
Unternehmen in Mexiko zu errichten,
b) werden Finanzunternehmen mit Sitz in einem
der NAFTA-Länder in der Lage sein, in ganz
Mexiko tätig zu werden und dieselbe Dienstleistungspalette anzubieten wie in mexikanischem
Besitz befindliche Firmen,
c) werden verbleibende Beschränkungen hinsichtlich Größe und Marktanteil von Finanzinstitutionen in den NAFTA-Staaten nach einer kurzen
Übergangszeit aufgehoben.
Das Kapitel im NAFTA über Investitionen umfaßt
Firmen, die ihren Sitz in einem NAFTA-Land
haben und ungeachtet der Eigentumsverhältnisse
in einem anderen investieren. Amerikanische
Tochtergesellschaften europäischer Unternehmen
haben folglich Vorteile aus dem im Kapitel über
Investitionen vorgesehenen freien Transfer und
den nationalen Behandlungsgarantien, und die
Investoren haben im Falle von Streitigkeiten über
die Anwendung dieser Bestimmungen direkten
Zugang zu Schlichtungsverfahren.
Das Abkommen zeigt Normen und Vorschriften
auf, die in den drei nordamerikanischen Ländern
umgesetzt werden. Regelungen über Kündigungsfristen und weitere Verfahrensvorschriften
werden sicherstellen, daß alle Unternehmen,
einschließlich der europäischen, ein wirkliches
Mitspracherecht bei der Formulierung von Normen und technischen Vorschriften erhalten.
Jedes Land behält seine eigenen Gesetze und
Vorschriften über unfairen Handel - Antidumpingund Ausgleichszölle - bei, aber die betroffenen

Seite 2

Parteien in anderen NAFTA-Mitgliedstaaten
(einschließlich europäischer Firmen) erhalten
Zugang zu unparteiischen binationalen Überprüfungsgremien, um eine faire, gerechte und
rechtzeitige Beilegung von Streitigkeiten sicherzustellen.
Weltweiter Wohlstand und Wachstum basieren in
zunehmendem Maße auf Wissen. Das NAFTAKapitel über geistiges Eigentum beinhaltet internationale Normen für den Schutz von Patenten
(20 Jahre), Warenzeichen, Urheberrechten,
Tonaufzeichnungen, Satellitensignalen, Industriedesign, Design von integrierten Schalteinrichtungen für Halbleiter und Geschäftsgeheimnissen.
Die Inhaber geistigen Eigentums in Europa ziehen
ebenso wie die in Amerika, Kanada und Mexiko
Vorteile aus der Umsetzung dieser Normen.
Die NAFTA-Zusatzabkommen über Arbeit und
Umwelt
Von besonderer Bedeutung sind auch die von den
Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada erzielten
Fortschritte bei der Verknüpfung der Handelsliberalisierung mit parallelen Bestrebungen zum Schutz der
Umwelt und der Beibehaltung von Arbeitsnormen.
Präsident Clinton machte bei seiner Amtsübernahme
deutlich, seiner Ansicht nach sollten die Handelsvereinbarungen mit Abkommen über den Schutz der
Umwelt und Arbeitsnormen untermauert werden.
Die 1993 ausgehandelten Zusatzabkommen legten
Ziele und Verfahren zur Zusammenarbeit beim
Umweltschutz und der Durchsetzung von Arbeitsnormen fest. Die drei Vertragsparteien einigten sich
auf die Einrichtung von Kommissionen für Arbeit und
Umwelt, die mit der Vertiefung der Zusammenarbeit
zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen
auf diesen Gebieten betraut werden und zur Prüfung
von Beschwerden über Sonderfälle ermächtigt
werden, in denen die Arbeits- und Umweltgesetze
eines Landes nicht angemessen umgesetzt werden.
Ein wichtiger Aspekt dieser Zusatzabkommen ist, daß
die Kommissionen Geldstrafen verhängen können,
wenn ein NAFTA-Staat sich auf Dauer der Durchführung der Gesetze widersetzt und, falls diese nicht
umgehend gezahlt werden, die Zurücknahme der
entsprechenden Handelskonzessionen veranlassen
können.
Die Vereinigten Staaten halten aufgrund der relativ
guten Zusammenarbeit und substantiellen Verbesserungen bei der Umsetzung von Gesetzen ein
Zurückgreifen auf diese extremen Maßnahmen für
unwahrscheinlich. Dennoch war ihre Wiederaufnahme in die Abkommen ein Beweis für die Weige-

AMERIKA DIENST 26

�rung der NAFTA-Unterzeichnerstaaten zu tolerieren,
daß Umwelt- und Arbeitsnormen zum Zwecke der
Erzielung eines komparativen Vorteils nicht durchgeführt werden.
Ferner ist es wichtig festzustellen, was in diesen
Abkommen nicht vorgesehen ist: Sie setzen keinen
einheitlichen Mindestlohn für Nordamerika fest. Der
amerikanische Handelsbeauftragte Kantor stellte im
Zusammenhang mit dem GATT fest, wir hätten im
Hinblick auf Arbeitsnormen keine protektionistischen
Motive und strebten keinen Widerstand gegen
komparative Vorteile an. Unserer Ansicht nach kann
umfassende Unterstützung für Maßnahmen zur
Ausweitung des Handels dadurch sichergestellt
werden, daß alle die Vorteile des Handels genießen
und Arbeitnehmer durch international anerkannte
Arbeitnehmerrechte umfassend geschützt werden.
Da Mexiko und Kanada über ausgereifte nationale
Gesetzes- und Durchführungsbestimmungen zum
Schutz von Umwelt und Arbeitsnormen verfügen,
war unsere Aufgabe innerhalb des NAFTA-Gebietes
eindeutig einfacher, als sie in der Weltgemeinschaft
sein wird. Dennoch stellen die NAFTA-Zusatzabkommen einen wichtigen Schritt beim Umgang mit
dieser Wechselbeziehung dar.
Die umfassendere Bedeutung des NAFTA
Über diese spezifischen Merkmale des Abkommens
und seiner Zusatzabkommen

hinaus sollte

das

NAFTA jedoch auch in einem größeren Kontext
gesehen werden. Das NAFTA ist bedeutend als
Modell, als Vorläufer einer umfassenden Bewegung
zu wirtschaftlicher Integration in der ganzen westlichen Hemisphäre sowie als Beispiel dafür, wie
regionale Abkommen in Zukunft die Liberalisierung
auf globaler Ebene stärken können. Nachdem sich
Mexiko mutig von jahrhundertelanger Importsubstitution und staatlich gelenkten Entwicklungsstrategien befreit hatte, dem GATT beigetreten war und
seine Handelsschranken abgebaut hatte, wuchs es
und entwickelte sich in wenigen Jahren mit einer
Geschwindigkeit, die in den achtziger Jahren für
unwahrscheinlich gehalten wurde. Höhepunkt dieser
Entwicklung war die Aufnahme des Landes in die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD).
Das NAFTA ist integraler Bestandteil dieser historischen Umgestaltung Mexikos und trägt dazu bei
sicherzustellen, daß Mexiko in der westlichen
Hemisphäre weiterhin eine führende Rolle spielt.
Europa und die Vereinigten Staaten haben ein
großes Interesse an einer Fortsetzung dieser Dynamik. Dieses Jahr beispielsweise haben wir Mexiko
als Mitglied der OECD willkommen geheißen.
Ferner ist das Land dem Forum für asiatisch-pazifi-

AMERIKA DIENST 26

sche wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) beigetreten und nahm damit seinen Platz in der pazifischen Gemeinschaft ein.
Im Laufe dieses Verfahrens wurde Mexiko ein wichtiger - und schnell wachsender - Markt für Waren und
Dienstleistungen der Europäischen Union.
Die
Exporte der EU nach Mexiko sind seit 1966 jährlich
um 18 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr
nahm Mexiko der EU Waren und Dienstleistungen im
Wert von 7 Milliarden Dollar ab, die europäischen
Importe aus Mexiko beliefen sich auf 3 Milliarden
Dollar, was zu einem beträchtlichen Überschuß in der
bilateralen Handelsbilanz zugunsten Europas führte.
Umsetzung des Freihandelsabkommens
Die Umsetzung des NAFTA hat einen guten Anfang
gemacht, insbesondere angesichts der erforderlichen
Änderungen und der zur Verfügung stehenden kurzen
Zeit. Mexiko stand wahrscheinlich vor der größten
Herausforderung, da die Vereinigten Staaten und
Kanada bereits über Erfahrungen mit dem amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommen verfügen.
Auf einigen Gebieten gab es Probleme, beispielsweise bei sanitären und phytosanitären Normen und
dem Zollwesen; die drei Länder bemühten sich
jedoch entschlossen um ihre schnelle Beilegung.
Obwohl es noch viel zu früh ist, die gesamten Auswirkungen des NAFTA einzuschätzen, ist es ermutigend zu sehen, daß die Handelsstatistiken von
Januar bis März einen Anstieg des Handels auf dem
gesamten Kontinent ausweisen. Die amerikanischen
Warenexporte nach Kanada stiegen im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum um 9 Prozent an, die Importe
kanadischer Güter um 8,5 Prozent. Unser Handel mit
Mexiko war trotz des langsamen Wachstums der
mexikanischen Wirtschaft sogar noch ausgeprägter.
Die amerikanischen Exporte nach Mexiko stiegen um
15,7 Prozent auf die Rekordzahl von 11,85 Milliarden
Dollar an, die mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten um 22,5 Prozent auf 11,29 Milliarden
Dollar.
Auch Europa profitiert davon. Der Wirtschaftsteil der
Zeitungen berichtet über die im Zusammenhang mit
dem NAFTA stehenden Handels- und Investitionsaktivitäten europäischer Unternehmen: Angesichts
des fortschreitenden Abbaus der strengen Vorschriften für die mexikanische Automobilindustrie kann
General Motors den Export des Opel Corsa aus
Spanien nach Mexiko planen, bis sein neues OpelWerk den Betrieb aufnimmt.
Die europäischen
Autoteilehersteller Kiekert GmbH und Sommer Allibert
investieren in Mexiko, um den nordamerikanischen
Markt beliefern zu können. Ein Joint-venture von
Continental-Pirelli mit vier Fabriken und 1.000 Ver-

Seite 3

�kaufssteilen ist der größte Autoreifenhändler in
Mexiko. Spanische und niederländische Banken
sowie schwedische Versicherungsunternehmen
haben vor kurzen beträchtliche Investitionen im
mexikanischen Finanzsektor angekündigt.
Die
europäischen Großhändler Carrefour und Promodes
bauen riesige Supermärkte. Im Energiesektor gehört
das spanische Ingenieurbüro Mecapena einem
Konsortium an, das an der Ausschreibung für den
Bau eines neuen Elektrizitätswerkes im Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Versorgungsunternehmen Southern Electric (ein durch das NAFTA für
ausländische Investitionen geöffneter Sektor) teilnimmt, und Thyssen modernisiert für einen mexikanischen Stahlhersteller mexikanische Koksgruben.
Die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada haben
sogar eine vorgezogene Verhandlungsrunde zur
weiteren Beschleunigung der Zollsenkungen für
einige NAFTA-Produkte eingeleitet. Dies sollte den
Exporteuren der drei Länder echte Vorteile verschaffen. In drei Runden ähnlicher Verhandlungen im
Rahmen des amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommens vereinbarten die Vereinigten Staaten
und Kanada die vorzeitige Abschaffung von Zöllen
für den bilateralen Handel von Waren im Wert von
rund 9 Milliarden Dollar mit uneingeschränkter
Unterstützung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern
auf beiden Seiten der Grenze.
Darüber hinaus sind die durch das Zusatzabkommen
zum NAFTA ins Leben gerufenen Kommissionen für
Arbeit und Umwelt ebenfalls ein guter Anfang.
Die nationalen Verwaltungsbüros (National Administrative Offices - NAOs) der drei Regierungen sind
seit dem 3. Januar 1994 in den Arbeitsministerien
geöffnet. Arbeitsminister Reich kam am 21. März
mit seinen Amtskollegen in Washington zusammen
und kündigte an, daß das Arbeitssekretariat seinen
Sitz in Dallas haben wird. Die Arbeitsminister haben
auch bei der Definition der Organisationsstruktur
dieses Sekretariats beträchtliche Erfolge erzielt.
Die Leiterin des amerikanischen Umweltschutzamts

Carol Browner traf mit den kanadischen und mexikanischen Umweltministern bei der Eröffnungssitzung
am 23. März in Vancouver zusammen, wo gute
Fortschritte bei institutionellen Fragen gemacht
wurden. Montreal wird der Sitz des Umweltsekretariats. Die erste Ratssitzung der Umweltkommission
wird Ende Juli in Washington abgehalten.
Am 15. April gab das amerikanische Arbeitsministerium die Prüfung von zwei im Februar eingegangenen
Anträgen bezüglich der angeblichen Verletzungen
des mexikanischen Arbeitsrechts bekannt.
Ein
Antrag wurde von der Gewerkschaft der Lastwagen-

Seite 4

fahrer, der andere von der Gewerkschaft der Elektrizitätsarbeiter gestellt. Beide betreffen mexikanische
Tochtergesellschaften amerikanischer Firmen. Dem
Arbeitsministerium stehen bis zu 180 Tage für die
Durchführung der Ermittlungen zur Verfügung.
Viele Freihandelsbeziehungen
Es ist unbestreitbar, daß angeregt durch das NAFTA
und die Abkommen der Europäischen Union mit
Mittel- und Osteuropa regionale und bilaterale Handelsvereinbarungen in der internationalen Staatengemeinschaft große Mode sind. In der vergangenen
Woche unterzeichneten Mexiko, Venezuela und
Kolumbien ein Freihandelsabkommen, das die
früheren mexikanischen Abkommen zum Abbau von
Handelsschranken mit Chile und Costa Rica ergänzt.
Einige Kommentatoren haben angedeutet, daß dieses
vielleicht durch das NAFTA verkörperte neue Interesse am Abbau der Handelsschranken eine Bedrohung des multilateralen Handelssystems darstellen
könnte. Meines Erachtens ist diese Befürchtung aus
mehreren Gründen unangebracht:
Erstens wurde das NAFTA in vollständigem Einklang
mit den Bedingungen von Artikel XXIV des GATT
über Zollunionen und Freihandelsabkommen formuliert. Insbesondere deckt es den gesamten Handel
ab, nicht nur "praktisch den gesamten", wie es das
GATT fordert.
Zweitens errichten das NAFTA und andere in unserer
Hemisphäre erwogene Freihandelsabkommen keine
Hemmnisse gegen den Handel anderer Nationen.
Die Außenzölle der Vereinigten Staaten, Kanadas
und Mexikos bleiben vom NAFTA unberührt: In der
Tat sollten sie infolge der Umsetzung des Abkommens der Uruguay-Runde bald maßgeblich sinken.
(Im übrigen möchte ich darauf verweisen, daß die
Runde die durchschnittlichen Zölle zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU um die Hälfte senken
wird).
Drittens enthält das NAFTA selbst eine Komponente,
die einen Druck nach unten auf die Außenzölle der
Parteien ausüben sollte, vor allem im Hinblick auf
Einzelteile, Komponenten und im Fertigungsbereich
verwendete Kapitalausrüstung.
Das Abkommen
fordert die Aufhebung von Zollrückvergütungssystemen durch die Parteien, die als Anreiz für Investitionen von zur Endfertigung benötigten Komponententeilen benutzt wurden. Nicht länger in der Lage,
höhere Außenzölle auf Komponenten und Kapitalausrüstung zu vergüten, die für die Produktion von in
andere NAFTA-Mitgliedstaaten exportierte Waren
verwendet werden, würden die Länder mit diesen
höheren Zöllen mit der Zeit ein weniger wünschens-

AMERIKA DIENST 26

�werter Standort für Investitionen, nicht zuletzt aus
Europa. Angesichts dieser Perspektive werden die
Länder versuchen, ihre Außenzölle auf das niedrigste in der NAFTA-Region vorherrschende Niveau zu
senken (für gewöhnlich das amerikanische Niveau).

prüfen, wie die Landwirtschaft dieser Länder für die
eventuelle Integration in die gemeinsame Agrarpolitik
vorbereitet werden könnte.
Wir begrüßen das
Engagement der Bundesregierung, in diesem Prozeß
eine Führungsrolle zu übernehmen.

Aus diesem Grund ist das NAFTA insgesamt nicht
nur kompatibel mit dem multilateralen System, es
kann auch als Verstärkung der Wachstumstendenz
der moderneren Entwicklungsländer angesehen
werden, den Weg der Zoll-Liberalisierung in Gruppen
von zwei, drei oder sogar mehr Ländern zu Ende zu
gehen. Das "ohne-Ausnahme"-Prinzip des NAFTA
hat darüber hinaus unter Beweis gestellt, daß es
möglich ist, die sensitivsten Industriezweige im
Kontext eines allgemeinen liberalisierenden und
Wachstum fördernden Abkommens in Angriff zu
nehmen. Lange Auslaufphasen, Anpassungshilfen
und Umschulungsprogramme können bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit helfen.

Neben Mittel- und Osteuropa sowie traditionellen
Ländern des Assoziierungsabkommens im Mittelmeer
wurde Europa jetzt von Mexiko und den Ländern der
südamerikanischen Zollunion Mercosur angesprochen. Sowohl Mercosur als auch Mexiko scheinen
interessiert an der Sondierung unterschiedlicher
Wege zur Lockerung des Handels zwischen ihnen
und den Ländern der Europäischen Union. Dies wird
im nächsten Jahr ein wichtiges handelspolitisches
Thema für die Union werden.

Europa hat bisher ein anderes Modell beim Entwurf
seiner freieren Handelsabkommen mit den Ländern
Mittel- und Osteuropas gewählt. Im allgemeinen
hatte die EU eine Tendenz, die Handelsabkommen
mit ihren Nachbarn im Osten als evolutionär, nicht
definitiv, anzusehen. Es wurden Fortschritte erzielt.
In den bisher abgeschlossenen "Europa-Abkommen"
werden beispielsweise alle Zölle und andere Restriktionen auf Industriegüter bis zum 1. Januar 1995
aufgehoben, außer bei Textilien, Stahl und Landwirtschaft. Um jedoch eine große Kraftprobe zu vermeiden, wurde der am stärksten geschützte Sektor die Landwirtschaft - während der ersten Phase im
großen und ganzen ausgenommen, und es wurden
in der Übergangsperiode sehr viel mehr quantitative
Restriktionen verwendet, selbst in industriellen
Sektoren. In einer am 19. Juni in der Schweiz
gehaltenen Rede beschuldigte der tschechische
Ministerpräsident Vaclav Havel die EU des zunehmenden Protektionismus mit der Aussage: "Jeden
Tag gibt es konkrete Fälle, in denen die Europäische
Union unsere Exporte von Textilien, landwirtschaftlichen Maschinen und Zement blockiert." (Wall Street
Journal, S.g, 20. Juni 1994).
Der evolutionäre Ansatz ist zwar bequem für die
Verhandlungsprobleme und die Zustimmung zu
einem Handelsabkommen, hat jedoch den gravierenden Nachteil, daß nur die sensitiven Sektoren zu
einem späteren Zeitpunkt getrennt behandelt werden, ohne die politische Unterstützung eines umfassenderen "Pakets". Die "ohne-Ausnahme"-Politik
des NAFTA würde eine Alternative und für mich ein
bevorzugtes Modell darstellen. Wir waren aber
dennoch beeindruckt von den Bestrebungen der
Union, jetzt Wege zur Verbesserung des Handelszugangs für Mittel- und Osteuropa zu suchen und zu

AMERIKA DIENST 26

Schlußbemerkung: Europa und das NAFTA
Vor vierzig Jahren begannen die europäischen
Nationen mit der Gründung der Montanunion einen
Prozeß des progressiven Abbaus von Handelsschranken. Sie erkannten, daß die Schaffung größerer
Märkte Ihren Firmen Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerungen bringen und zum Anreiz
von Investitionen in die Modernisierung zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen
Markt beitragen könnte. Aus dem Experiment wurde
die Europäische Gemeinschaft, die erfolgreichste
Zollunion der Welt und die Grundlage für die Schaffung der Europäischen Union.
Von Anfang an haben die Vereinigten Staaten die
Gründung der Europäischen Gemeinschaft und jetzt
der Europäischen Union uneingeschränkt unterstützt.
Wir wurden Zeuge der Beseitigung von Handelshemmnissen und später der Schaffung eines europäischen Binnenmarktes, mehr Wirtschaftswachstums
für Europa und eines gesünderen Marktes für unsere
Exporte. Dabei waren mehr als nur kommerzielle
Erwägungen im Spiel. Wir erkannten, daß die
Senkung von Handelsschranken ein sichereres,
kooperativeres Europa untermauern würde, das unser
Partner in internationalen Angelegenheiten sein
könnte. Unsere heutige transatlantische Partnerschaft basiert auf dieser Grundlage.
Im Einklang mit unseren eigenen Traditionen und
institutionellen Erfordernissen haben wir in Nordamerika zwei große Schritte zur Schaffung eines
größeren nordamerikanischen Markts unternommen:
Das amerikanisch-kanadische Freihandelsabkommen
und jetzt das Nordamerikanische Freihandelsabkommen. Angesichts unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Bestrebungen ist das NAFTA nicht der
Vorläufer einer solideren Union, wie die Montanunion
es wurde. Aber ebenso wie die Europäische Gemeinschaft für amerikanische Firmen und Exporteure

Seite 5

�offen war, ist das NAFTA für europäische Firmen
offen. Europa ist bereits der größte nichtnordamerikanische Investor in den Vereinigten Staaten,
Kanada und Mexiko, so wie es die Vereinigten
Staaten seit Jahrzehnten in Europa waren. Unser
schnelleres Wachstum wird mehr Exportchancen für
Europa bedeuten, insbesondere beim Prozeß der
Globalisierung der Produktion. Ebenso wie während
der industriellen Revolution weisen unsere Automobilunternehmen erneut den Weg.
Unsere Unterstützung der europäischen Integration
hat die transatlantischen Beziehungen gestärkt. Die
europäische Unterstützung und Begeisterung für das
NAFTA wird die amerikanisch-europäischen Beziehungen entsprechend fördern. Mit dem NAFTA
tätigen die europäischen Unternehmen neue Investitionen in ganz Nordamerika. Aufgrund der vom
NAFTA ausgehenden Impulse widmen europäische
Firmen und Regierungen den Chancen in der
gesamten westlichen Hemisphäre neue Aufmerksamkeit. Sie erkennen das Wachstumspotential von
freiem Handel und die damit einhergehenden sicherheitspolitischen Konsequenzen kompromißloser
Handelsbeziehungen.
Darüber hinaus bietet Europa mit der Anwendung
der Prinzipien eines umfassenden Freihandels den
Ländern Mittel- und Osteuropas, Rußland und den
neuen unabhängigen Staaten das Ziel eines freieren
Marktzugangs und die Herausforderung für die
Integration in den Weltmarkt.
Ebenso wie Europa das NAFTA unterstützt und
begrüßt, unterstützen und begrüßen wir die Erweiterung der Union, in jüngster Zeit um Österreich,
Finnland, Schweden und Norwegen, und in Zukunft
um die Länder Mittel- und Osteuropas. Daß wir
jeder die Abkommen aus der Perspektive unserer
GATT-Rechte prüfen, schmälert in keiner Weise
unsere Bewunderung und Unterstützung für die
Initiativen. Denn Europa und Amerika sind sich
gleichermaßen bewußt, daß solche Abkommen kein
Ersatz für die Fortsetzung der lebenswichtigen
Bestrebungen zur Stärkung des multilateralen
Handelssystems sind, so wichtig freier Handel in
unseren Verhandlungen mit unseren Nachbarn und
Partnern auch sein mag.

*

Seite 6

Obwohl wir historische Schritte zu freiem Handel mit
unseren Nachbarn unternommen haben - wir mit dem
NAFTA und Sie mit der Erweiterung der Union um
Österreich, Finnland, Schweden und Norwegen haben wir eng dabei zusammengearbeitet, die Welt
auf das noch wichtigere Ziel der Uruguay-Runde
hinzuführen. Und so sollte es sein: Regionale
Integration macht uns stärker, zu selbstbewußteren
Konkurrenten und enthusiastischer über den Abbau
von Handelshemmnissen auf globaler Ebene. Und
entsprechend verstärken unsere Erfahrungen bei der
Inangriffnahme des Schutzes von Arbeitsrechten und
der Umwelt im Zusammenhang mit freierem Handel
unsere Überzeugung, daß die multilaterale Handelsgemeinschaft dieses Vorgehen als Priorität in der
Welthandelsorganisation betrachten sollte.
Durch Zusammenarbeit und gegenseitige Ermutigung
werden die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union weiterhin Chancen zum Abbau von Handelsschranken ergreifen. Europa vornehmlich mit Mittelund Osteuropa, die Vereinigten Staaten mit den
anderen Ländern der westlichen Hemisphäre. Diese
Abkommen müssen auch in Zukunft umfassend im
Einklang mit den GATT-Regeln stehen und im
Hinblick auf die Investitionsvorteile nichtdiskriminierend sein. Während wir dies tun, werden die Vereinigten Staaten darüber hinaus Wege zum Senkung
ihrer Handelsschranken mit Mittel- und Osteuropa
sondieren und Investitionen in diesen Ländern
ermutigen. Ich gehe davon aus, daß Europa ebenfalls nach Wegen zum Abbau der Handelshemmnisse
in der westlichen Hemisphäre suchen und Investitionen dort ermutigen wird. Wir werden ferner weiterhin
eng bei der unerläßlichen Aufgabe zusammenarbeiten, die Welthandelsorganisation ins Leben zu rufen
und die Herausforderungen des multilateralen Handelssystems zu meistern.
Das NAFTA kann und wird daher eine Quelle der
Stärke für die transatlantischen Beziehungen und
eine Chance für europäische Unternehmen sein.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 26

�PORTRAT
6. Juli 1994

PANETTA ZUM STABSCHEF DES WEISSEN HAUSES
ERNANNT
Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty
WASHINGTON - (AD) - Mit der Ernennung von
Leon Panetta zum Nachfolger von Thomas McLarty
als Stabschef des Weißen Hauses hat Präsident
Clinton von einem Jugendfreund aus Arkansas zu
einem Washingtoner Profi gewechselt.
Der Kontrast ist beeindruckend: McLarty und Clinton
haben zusammen im Sandkasten gespielt, Panetta
ist in der Bundeshauptstadt seit den ersten Tagen
von Richard Nixons Präsidentschaft bekannt.
Inzwischen 56, war Panetta 16 Jahre lang in Kongreß tätig, bis Präsident Clinton ihn nach seiner
Wahl im Jahr 1992 für die schwierige Aufgabe des
Direktors der Haushaltsbehörde unter der neuen
Administration gewann.
Fortschritte bei der Bewältigung des Haushaltsdefizits werden weithin als der bisher größte Erfolg
der Clinton-Administration angesehen, und Panetta
wird ein Großteil des Verdienstes zugeschrieben, die
Pläne des Präsidenten in die Praxis umgesetzt zu
haben.
Als Leiter der Haushaltsbehörde brachte Panetta die
geplanten Ausgaben der jeweiligen Behörden in der
Haushaltsvorlage in Einklang und leistete dann
ebenso entscheidende Überzeugungsarbeit bei
seinen Kollegen im Kongreß zur Unterstützung der
Maßnahme - die mit äußerst knapper Mehrheit im
Repräsentantenhaus und Kongreß verabschiedet
wurde.
Panetta gebührt auch das Verdienst für den realistischen Ansatz, innerhalb der Administration selbst auf
Zurückhaltung bei den Ausgaben unter den Kabinettsmitgliedern zu bestehen.
In jüngster Zeit wurde Panetta zum öffentlichen
Fürsprecher der umstrittenen Gesundheitsreform des
Präsidenten - ein Thema, dem er in seinem neuen
Amt voraussichtlich beträchtliche Aufmerksamkeit
widmen wird.

AMERIKA DIENST 26

Panetta war Vorsitzender des Haushaltsausschusses
des Repräsentantenhauses, als Clinton seine überraschende Entscheidung für ihn als Direktor der
Haushaltsbehörde traf. Während seiner Amtszeit im
Repräsentantenhaus hatte er sich bereits den Ruf
erworben, der Experte des Landes für Haushaltsfragen zu sein.
Panetta war einer der Unterhändler des Kongresses
bei den langen und häufig kontroversen Haushaltsverhandlungen mit der Bush-Administration im Herbst
1990, die ein bahnbrechendes Fünfjahres-Abkommen
zur Folge hatten. Die Vereinbarung sollte Präsident
Bush in ernsthafte politische Schwierigkeiten bringen
und eine Abkehr von seinem im Wahlkampf 1988
gegebenen Versprechen signalisieren, während
seiner Amtszeit gebe es "keine neuen Steuern".
Davor war Panetta einer der entscheidenden Verhandlungspartner des Repräsentantenhauses mit
dem Senat und dem damaligen Präsidenten Reagan
bei dem dann als Gramm-Rudman bekanntgewordenen Haushaltsausgleichsgesetz.
Panetta gelingt es, seine realistische Inangriffnahme
von Themen mit dem Talent auszugleichen, sich über
sich selbst und die Probleme der Regierungsführung
lustig zu machen. Eine pointierte Bemerkung, gefolgt
von einem kurzen Lachen, war der Standardauftakt
bei seinen häufigen Pressegesprächen in seiner Zeit
als Kongreßabgeordneter, und selbst die von ihm als
Haushaltsdirektor verordneten
einschneidenden
Kürzungen konnten seinen Sinn für Humor nicht
trüben.
Panetta unterhält gute Beziehungen zu vielen seiner
ehemaligen Kollegen auf dem Capitol Hill - ein Plus,
das der Administration weiterhin einen guten Dienst
erweisen sollte.
George Miller, Mitglied des Repräsentantenhauses,
der einmal gemeinsam mit Panetta ein Appartement
in Washington bewohnte, äußerte der Washington

Seite 1

�Post gegenüber: "Meines Erachtens wird er die
Fähigkeit des Weißen Hauses maßgeblich verbessern, die Spieler und das auf dem Capitol Hill gespielte Stück richtig zu verstehen, was erreicht
werden kann und was nicht, wann man fest bleiben
und wann man verhandeln muß."
Inzwischen als gemäßigter bis liberaler Demokrat
eingeschätzt, begann Panetta seine politische Karriere als Republikaner.
Panetta war Rechtsberater von Thomas Küchel,
einem republikanischen Senator aus Kalifornien, und
später unter Präsident Nixon als Leiter des amerikanischen Büros für Bürgerrechte tätig. Von dieser
Aufgabe wurde er 1970 entbunden, nachdem er sich
über die zu langsamen Bestrebungen der Administration zur Aufhebung der Rassentrennung be-

schwert hatte.
Partei.

Im Jahr darauf wechselte er die

Panetta wurde als Sohn italienischer Einwanderer in
Monterey (Kalifornien) geboren, dem Wahlkreis, den
er später vertrat. Er machte 1960 seinen Abschluß
an der University of Santa Clara und legte dort 1963
sein juristisches Examen ab. Von 1964 bis 1966
diente er in der US-Armee.
Nachdem er von der Nixon-Administration entlassen
worden war, wurde er persönlicher Referent des New
Yorker Bürgermeisters John Lindsay und praktizierte
dann bis zu seiner Kandidatur für den Kongreß im
Jahr 1976 in einer Rechtsanwaltskanzlei.
Panetta ist verheiratet und hat drei Söhne.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 26

�PORTRAT
6. Juli 1994

GERGEN HAT "AUSGEPRÄGTES GESPÜR" FÜR
VERMITTLUNG VON ZIELSETZUNGEN
Porträt des neuen außenpolitischen Sonderberaters

WASHINGTON - (AD) - David Gergen hat "ein
ausgeprägtes Gespür, wie diese Administration ihre
außenpolitischen Zielsetzungen besser vermitteln
kann", erklärte Außenminister Christopher.
Der Außenminister stellte fest, in der neugeschaffenen Position eines Sonderberaters des Präsidenten
und Außenministers werde Gergen auch "ein Sagen
bei der Formulierung der Politik haben, von der die
amerikanische Führungsrolle in der Welt geleitet
wird".
Präsident Clinton, der Gergen im vergangenen Jahr
als Berater zur Imageverbesserung seiner Administration ins Weiße Haus holte, äußerte, der republikanische Journalist und Kommentator, der Gerüchten zufolge in die Privatwirtschaft zurückkehren
wollte, werde jetzt bis zum Ende des Jahres bleiben
und "seine gesamte Energie auf die außenpolitische
Bühne konzentrieren".
In den vergangenen Monaten, so Clinton, habe er
Gergen "bei der Konzeption, Formulierung und
Vermittlung nationaler Sicherheitsbelange immer
mehr schätzen gelernt" und er wolle, daß der altgediente Washingtoner Insider "eine größere Rolle
spielt und meinem Team als Hauptberater in diesem
Bereich beitritt".
In seiner neuen Position wird Gergen vom Außenministerium aus arbeiten und Außenminister Christopher direkt Bericht erstatten, jedoch weiterhin ein
Büro im Weißen Haus behalten. Er wird an Gesprächen des Außenministeriums auf hochrangiger
Ebene sowie denen des Hauptausschusses - dem
höchsten außenpolitischen Beratergremium im
Weißen Haus - teilnehmen.
Gergen wird Präsident Clintons wichtigste Reisen ins
Ausland sowie Veranstaltungen vorbereiten und
könnte auch zu Talkshows im Fernsehen eingeladen
werden.

AMERIKA DIENST 26

Während des Jahres als Berater des Präsidenten
nutzte Gergen seine gemäßigten Ansichten, bisherige
Erfahrung im Weißen Haus und überparteilichen
Kontakte, um eine günstigere Presseberichterstattung
über die Administration zu bewirken. Viele der
älteren Journalisten in Washington erachten ihn als
glaubwürdig, und die Reporter hatten während seiner
Amtszeit das Gefühl, das Weiße Haus gehe besser
auf ihre Fragen ein.
Während der Anfangsmonate wurde die Administration von den Medien relativ kritisch beurteilt, und dies
hatte einen niedrigeren Beliebtheitsgrad bei öffentlichen Meinungsumfragen zur Folge. Nachdem die
Berichterstattung positiver wurde, nahm auch der
Beliebtheitsgrad zu, und Gergen erwarb den Ruf, zur
steigenden Popularität von Präsident Clinton beigetragen zu haben.
Einige Demokraten mißtrauten Gergen jedoch mit
dem Argument, ihm fehle das Engagement für die
liberalere Tagesordnung der Administration. Gergen
bezeichnet sich selbst als "politischen Pragmatiker"
und verweist darauf, daß er seine politische Karriere
als Demokrat begonnen habe, der in der Bürgerrechtsbewegung in seinem Heimatstaat North Carolina aktiv war.
Eigenen Aussagen zufolge hat Gergen vor dem
Beitritt zur Clinton-Administration versucht, "eine
unabhängige Meinung, eine ausgewogene Sichtweise
von Politik und öffentlichen Angelegenheiten zur
entwickeln. Ich stellte jedoch fest, daß viele unserer
nationalen Probleme keine demokratische oder
republikanische Lösung erfordern, sondern einfach
neues Denken."
Gergen hatte Freunden und Kollegen gegenüber
geäußert, er werde das Weiße Haus lieber verlassen
als in die Parteipolitik der Wahlen im November
hineingezogen zu werden.

Seite 1

�Zu Beginn seiner Karriere war Gergen als Redenschreiber für Präsident Nixon und Kommunikationsdirektor für die Präsidenten Ford und Reagan tätig.
Ferner war er Chefredakteur und Kolumnist der
Zeitschrift U.S. News and World Report, Kommentator der Fernsehsendung The MacNeil/Lehrer
Newshour und Dozent sowohl am American Enterprise Institute, einer konservativen Denkfabrik, als
auch der liberalen John F. Kennedy School of Government an der Harvard University.

Seit dem Rüstungskontrollexperten Paul Nitze in den
achtziger Jahren ist Gergen der erste, der den
Doppeltitel eines Sonderberaters des Präsidenten
und des Außenministers innehat.
Gergen ist verheiratet und hat zwei erwachsene
Kinder.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 26

�PORTRAT
6. Juli 1994

NEUE DIREKTORIN DER HAUSHALTSBEHÖRDE SETZT
SICH FÜR ABBAU DES HAUSHALTSDEFIZITS EIN
Porträt von Alice Rivlin
WASHINGTON - (AD) - Als Alice Rivlin von ihrer
Nominierung durch Präsident Clinton am 27. Juni
1994 als Nachfolgerin von Leon Panetta erfuhr, war
sie einem Mitarbeiter zufolge "begeistert". "Das ist
genau die Aufgabe, die sie anstrebte", erklärte er.
Stanley Collender, Direktor für staatliche Haushaltspolitikdes großen Wirtschaftsprüfungsunternehmens
Price Waterhouse, der Rivlin schon lange beobachtet
hatte, bezeichnete sie als "eine Frau, die sich ihr
ganzes Leben mit Haushaltsfragen beschäftigt und
auf dieses Amt vorbereitet hat".
Im Falle ihrer Bestätigung durch den Kongreß wird
Rivlin eines der mächtigsten Mitglieder der ClintonAdministration.
Dem offiziellen Regierungshandbuch zufolge besteht
die Aufgabe der Haushaltsbehörde in der "Auswertung, Formulierung und Koordinierung von
Managementverfahren und Programmzielen innerhalb aller Bundesministerien und -behörden
sowie untereinander. Ferner kontrolliert sie die
Verwaltung des Bundeshaushalts und gibt dem
Präsidenten regelmäßig Empfehlungen im Hinblick
auf Haushaltsvorschläge und entsprechende gesetzliche Verfügungen."
Während ihrer anderthalbjährigen Amtszeit als
stellvertretende Direktorin der Haushaltsbehörde
unter Panetta erwarb sich Rivlin den Ruf, zu den
unerbittlichsten "Falken" der Administration zu
gehören, die sich für einen Abbau des Haushaltsdefizits einsetzen.
Sie führte vehement Argumente für größere Ausgabenkürzungen im Vergleich zu den im Fünfjahresplan vorgesehenen 500 Milliarden Dollar an, die
1993 nur mit knapper Mehrheit vom Kongreß gebilligt wurden.

AMERIKA DIENST 26

Es wird behauptet, sie habe Präsident Clinton bisweilen persönlich gefragt, ob die von ihm für Investitionsprogramme vorgesehenen Milliarden Dollar nicht
besser für die Senkung des Haushaltsdefizits verwendet werden sollten. Ferner setzte sie sich für die
Kürzung landwirtschaftlicher Subventionen ein,
bekämpfte Haushaltstricks und bestand darauf, daß
eine Reform des staatlichen Gesundheitswesens
nicht zu einer Erhöhung des Haushaltsdefizits führen
dürfe.
Rivlin führt schon seit langem einen aggressiven und
vehementen Kreuzzug gegen das Haushaltsdefizit.
Unter anderem sprach sie sich für die Kürzung so
populärer Leistungen wie die Gesundheitsfürsorge für
ältere Menschen (Medicare) aus.
In ihrem Buch "Reviving the American Dream" (Die
Wiederbelebung des Amerikanischen Traums), das
sie vor ihrem Beitritt zur Clinton-Administration
veröffentlichte, unterbreitete Rivlin den Vorschlag,
den Bundesstaaten die Verantwortung für die Verwaltung und Finanzierung von Programmen wie
Berufsausbildung und Personenverkehr zu übertragen, die teilweise über eine nationale Verbrauchssteuer finanziert werden, welche zwischen den
Bundesstaaten und der Bundesregierung aufgesplittet
werden sollte.
Während ihrer Tätigkeit von 1975 bis 1983 als erste
Direktorin des überparteilichen Haushaltsbüros des
Kongresses erwarb Rivlin Anerkennung als eine der
führenden Haushaltsexperten. Unter ihrer Leitung
erhielt das Büro den Ruf, Haushaltsfragen streng
unter Kontrolle zu halten, sie klar und wirksam zu
formulieren und objektiv zu sein - die Grundlage für
die Achtung des Haushaltsbüros innerhalb und
außerhalb des Kongresses.
Nach ihrer Amtszeit im Haushaltsbüro kehrte Rivlin
an die Brookings Institution zurück, eine Forschungsinstitution mit Sitz in Washington, der sie seit 1957

Seite 1

�mehrmals angehört hatte. Kurz vor ihrem Beitritt zur
Clinton-Administration war sie als Gastprofessorin für
Politologie an der George Mason University im
Norden Virginias tätig. Die Abgängerin des Bryn
Mawr College promovierte in Wirtschaftswissen-

schaften an der Harvard University. Von 1966 bis
1969 war sie unter der Johnson-Administration als
Abteilungsleiterin im Ministerium für Gesundheit,
Erziehung und Soziales tätig.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 26

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12127">
                <text>06.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12128">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12129">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12130">
                <text>Amerikadienst 06.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12131">
                <text>&lt;strong&gt;1. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton drängt auf umfassende, gleichzeitige Inangriffnahme globaler Probleme&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Verbrechensbekämpfung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltweite polizeiliche Zusammenarbeit Schlüssel für erfolgreiche Verbrechensbekämpfung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von FBI-Direktor Freeh&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NAFTA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NAFTA - die Herausforderung für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Panetta zum Stabschef des weißen Hauses ernannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gergen hat "ausgeprägtes Gespür" für Vermittlung von Zielsetzungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen außenpolitischen Sonderberaters&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Direktorin der Haushaltsbehörde setzt sich für Abbau des Haushaltsdefizits ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Alice Rivlin&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2359" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2370">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/d83c7f3cb268ad91393f237c27fe6996.pdf</src>
        <authentication>eb201d1416c9ae079496c7cd44e03462</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12138">
                    <text>^eä^&gt;

cimerikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

*

13. Juli 1994

27

t

PRÄSIDENTENBESUCH

"BERLIN IST FREI"
Rede Präsident Clintons vordem Brandenburger
Tor
CLINTON BETRACHTET HANDEL ALS DIE
NATIONEN EINENDE KRAFT
Zukünftige Aufgabe ist Einbindung Mittel- und
Osteuropas

G-7

SCHAFFUNG
VON
ARBEITSPLATZEN
PRIORITÄT BEIM WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
Rede von Präsident Clinton

EINWANDERUNG

GEBT UNS EURE BESTEN
von Stephen Moore

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�PRASIDENTENBESUCH
13. Juli 1994
ii

BERLIN IST FREI"

Rede Präsident Clintons vor dem Brandenburger Tor
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 12. Juli 1994 von Präsident Clinton im Rahmen seines Staatsbesuchs
in der Bundesrepublik Deutschland vor dem Brandenburger Tor gehaltene Rede im Wortlaut.
Bürger des freien Berlin,
Bürger des vereinten Deutschland,
Herr Bundeskanzler,
Herr Regierender Bürgermeister,
Berliner in der ganzen Welt!
Ich danke Ihnen für die Begrüßung in Ihrer faszinierenden Stadt.
Wir stehen gemeinsam dort, wo das Herz Europas
gespalten wurde - und wir feiern die Einheit.
Wir stehen dort, wo rohe Betonmauern Mutter und
Kind trennten - und wir kommen als eine Familie
zusammen.
Wir stehen dort, wo diejenigen, die ein neues Leben
anstrebten, den Tod fanden - und wir sind von tiefer
Freude über die Erneuerung erfüllt.
Bürger Berlins! Sie haben Ihren langen Kampf
gewonnen. Sie haben bewiesen, daß keine Mauer
auf ewig die gewaltige Kraft der Freiheit einsperren
kann.
Und innerhalb weniger Jahre wird ein amerikanischer Präsident ein Berlin besuchen, das erneut Sitz
Ihrer Regierung ist. Ich verspreche Ihnen heute:
Eine neue amerikanische Botschaft wird in Berlin
stehen.
Vor einem halben Jahrhundert wurde Berlin geteilt,
vor 33 Jahren die Mauer errichtet. In dieser Zeit
lebte die eine Hälfte dieser Stadt eingeschlossen, die
andere Hälfte versklavt. Eine Kraft jedoch hatte
Bestand: Ihr Mut.
Ihr Mut hat sich auf vielerlei Weise gezeigt. Als der
kühne Mut des 17. Juni 1953, als die im Osten
Gefangenen Steine gegen die Panzer der Tyrannei
warfen. Als der stille Mut, mit dem Kinder über die
Mauer gehoben wurden, damit ihre Großeltern auf

AMERIKA DIENST 27

der anderen Seite die zu sehen vermochten, die sie
liebten, aber nicht berühren konnten. Als der innere
Mut, nach den Gedanken zu greifen, die frei machen.
Und als die Zivilcourage vor 5 Jahren, die in den
unerschrockenen Herzen und von Kerzen erleuchteten Straßen Leipzigs begann. Mit ihr verwandelten
Sie Ihren Traum von einem besseren Leben in den
Meißel der Freiheit.
Jetzt müssen Sie, die den Mut hatten, durchzuhalten,
Widerstand zu leisten, die Mauer niederzureißen,
eine neue Zivilcourage finden - den Mut zum Aufbau.
Die Berliner Mauer ist gefallen. Unsere Generation
muß nun entscheiden: Was werden wir an ihrer
Stelle aufbauen?
Heute, da wir hier stehen, können wir die Antwort
sehen. Ein Europa, in dem alle Nationen unabhängig
und demokratisch sind. In dem freie Märkte und
Wohlstand grenzüberschreitend sind. In dem unsere
Sicherheit auf dem Aufbau von Brücken, nicht von
Mauern beruht. In dem all unsere Bürger so weit zu
gehen vermögen, wie es ihnen ihre gottgegebenen
Fähigkeiten erlauben, und ihre Kinder in Frieden und
Hoffnung aufwachsen lassen können.
Die Arbeit an der Freiheit ist nicht leicht. Sie erfordert Disziplin, Verantwortung und einen Glauben, der
stark genug ist, um Fehlschläge und Kritik zu überwinden. Und sie erfordert Wachsamkeit. Hier in
Deutschland, in den Vereinigten Staaten und auf der
ganzen Welt müssen wir denjenigen entgegentreten,
die uns mit flammenden Reden über Rasse, Volk
oder Religion spalten wollen.
Ich rufe besonders die Jugend dieser Nation auf:
Glauben Sie daran, daß Sie in Frieden mit denen
leben können, die anders sind als Sie! Glauben Sie
an Ihre Zukunft! Glauben Sie daran, daß Ihr Handeln
von Bedeutung ist! Fassen Sie den Mut zum Aufbau
- dann werden Sie erfolgreich sein!

Seite 1

�Sie haben Grund, daran zu glauben. Die Zukunft
nimmt bereits Gestalt an in der zunehmenden Zahl
derer, die gemeinsam die Sprache der Demokratie
sprechen, in der wachsenden Wirtschaft Westeuropas, der Vereinigten Staaten und unserer Partner.
Im Fortschritt der Wirtschaftsreform, der Demokratie
und der Freiheit in Ländern, die nicht frei waren. In
der NATO-Partnerschaft für den Frieden, in der 21
Nationen militärisch zusammenarbeiten und sich zur
gegenseitigen Achtung ihrer Grenzen verpflichtet
haben.
Ihnen allen, die Sie nach dieser Zukunft streben,
sage ich: Im Namen der Piloten, die durch ihre
Luftbrücke Berlin retteten, im Namen der Wachen
am Checkpoint Charlie, die den feindlichen Panzern
gegenüberstanden, im Namen der amerikanischen
Truppen, die weiterhin in Europa die Zukunft der

Freiheit sichern werden und im Namen der amerikanischen Präsidenten, die hierher nach Berlin gekommen sind: "Amerika steht an Ihrer Seite - jetzt und
für immer!"
Mein Freund, der Bundeskanzler, und ich taten vor
wenigen Augenblicken, was meinen Vorgängern
verwehrt war - wir schritten durch das Brandenburger
Tor. Seit 200 Jahren ist dieses Tor ein Symbol
seiner Zeit. Es gab Zeiten, da es ein Monument der
Eroberung und ein Turm der Tyrannei war. Doch Sie
- die mutigen Bürger Berlins - haben heute aus dem
Brandenburger Tor wieder das gemacht, was seine
Erbauer im Sinn hatten: ein Tor. Nun können wir
gemeinsam durch dieses Tor gehen, unserem
Schicksal entgegen, einem Europa, das geeint ist.
Geeint im Frieden, geeint in der Freiheit, geeint im
Fortschritt - zum ersten Mal in der Geschichte.
Nichts darf uns aufhalten. Alles ist möglich. Berlin ist
frei.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 27

�PRASIDENTENBESUCH
13. Juli 1994

CLINTON BETRACHTET HANDEL ALS
DIE NATIONEN EINENDE KRAFT
Zukünftige Aufgabe ist Einbindung Mittel- und Osteuropas
BONN - (AD) - Die Vereinigten Staaten und
Deutschland sind sich bewußt, daß im Hinblick auf
das bevorstehende Jahrhundert "Handel ebenso wie
Streitkräfte in zunehmendem Maße die Bande
zwischen Nationen definieren", erklärte Präsident
Clinton am 11. Juli 1994 bei seinem Besuch in der
Bundesrepublik Deutschland.
Im Sommer des Jahres, in dem die russischen und
westlichen Truppen Berlin verlassen werden, wo sie
seit 1945 stationiert sind, äußerte der Präsident auf
einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Helmut
Kohl, die gemeinsamen Herausforderungen hätten in
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Nationen
erfolgreich geeint. Jetzt bestehe die Aufgabe in der
Integration der Nationen Mittel- und Osteuropas Teilen der ehemaligen Sowjetunion und des früheren
Warschauer Pakts - in ein Europa, das durch soziale, politische und wirtschaftliche Institutionen geeint
ist.
Präsident Clinton zufolge weiß der Westen aufgrund
seiner Erfahrung bei der Integration "halb Europas"
durch die NATO und "andere Institutionen, die nach
dem Zweiten Weltkrieg für Stabilität sorgten", wie er
vorzugehen hat. Im Mittelpunkt seiner Gespräche
mit Bundeskanzler Kohl stand dem Präsidenten
zufolge die Integration der anderen Hälfte Europas.
Da "amerikanische und russische Streitkräfte in
Kürze Stützpunkte in Deutschland verlassen würden,
auf denen sie seit 1945 stationiert sind", hätte er mit
dem Bundeskanzler erörtert, "wie wichtig die Ausweitung gemeinsamer Militärübungen mit unseren
Verbündeten im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden ist. Ferner sind wir uns bewußt, daß kurz
vor dem Beginn des 21. Jahrhunderts Handel
ebenso wie Streitkräfte in zunehmendem Maße die
Bande zwischen Nationen definieren."
In der Zeit nach dem Kalten Krieg sei es erforderlich,
so der Präsident, daß die neuen, Ost und West
verbindenden Institutionen, beispielsweise die Part-

AMERIKA DIENST 27

nerschaft für den Frieden, die neue Welthandelsorganisation und die Europäische Union, auf breiterer
Basis aufgebaut werden, um "noch mehr Stabilität" zu
gewährleisten.
Deutschland und die Vereinigten Staaten werden
Präsident Clinton zufolge "der anderen Hälfte Europas" im Bereich der Sicherheit, bei Wirtschaftsreformen und Investitionsanreizen beistehen und "deren
Anspruch auf einen Platz am Tisch freier, befreundeter und gleichgesinnter Nationen geltend machen".
Clinton und Kohl vermieden beide direkte Kommentare zu der anstehenden Entscheidung des Bundesgerichtshofs darüber, ob eine Teilnahme deutscher
Streitkräfte an friedenssichernden Operationen der
Vereinten Nationen dem Grundgesetz entspricht. Der
amerikanische Präsident erklärte jedoch, er habe
"großes Vertrauen in die umfassenden Ziele und den
Kurs" der deutschen Regierung und die "Unterstützung Deutschlands für ein geeintes Europa, in dem
Deutschland ein gleichberechtigter Partner ist". Er
fügte hinzu: "Alles, was getan werden kann, um
Deutschland in seiner verantwortungsvollen Rolle als
führende Nation zu unterstützen, ist als positiv zu
erachten."
Der Präsident teilte einem Fragesteller mit, die
Beileidsbekundung aus Anlaß des Todes von Kim II
Sung sei "kurz, sachlich und angemessen" gewesen
und wies von Bob Dole, dem Fraktionsvorsitzenden
der Republikanischen Partei im Senat, geäußerte
Kritik zurück. Die bei Aufnahme der hochrangigen
Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und
Nordkorea in Genf abgegebene Erklärung sei "eindeutig im Interesse der Vereinigten Staaten gewesen.
Es ist eine Tatsache, daß wir nach jahrelanger
Isolation und starken Spannungen aufgrund nuklearer
Fragen an dem Tag, an dem Kim II Sung starb,
erneut Gespräche mit den Nordkoreanern aufnahmen."

Seite 1

�Clinton äußerte, die Verschiebung der Genfer Gespräche sei kein Rückschlag, denn es bestehe die
Möglichkeit, die Einfrierung von Pjöngjangs Nuklearprogramm zu überwachen. "Wir wissen, ob sie ihr
Wort halten oder nicht ... Da sie eigenen Angaben
zufolge die Gespräche fortsetzen wollen, bin ich
zuversichtlich." Clinton verlieh seiner Hoffnung
Ausdruck, ein Gipfel zwischen Nord- und Südkorea
werde "so bald wie angemessen" abgehalten; die
Auswahl des Zeitpunkts überließ er jedoch Pjöngjang und Seoul.
Im Hinblick auf Bosnien drängten beide Regierungschefs auf die Annahme der Landkarte für die Aufteilung Bosniens, die von der aus fünf Nationen
bestehenden Kontaktgruppe entworfen wurde. Dem
Präsidenten zufolge muß dem Frieden eine Chance
gegeben werden. "Wir sollten gemeinsam mit
unseren Verbündeten in Europa an der Lösung
dieses Problems arbeiten, und wir stehen kurz
davor."
Ein hochrangiger Regierungsvertreter teilte vor
Journalisten mit, der Präsident habe sich bei seinen
Geprächen mit Kohl und Bundespräsident Herzog
auf die europäische Integration und Osteuropafragen
konzentriert. Insbesondere Herzog befragte den
Präsidenten zu seiner Reise nach Lettland und
Polen, was zeigt, welche Bedeutung Bonn trotz der
historischen Schwierigkeiten der Aufrechterhaltung
guter Beziehungen zu Warschau beimißt.
Bei einem Treffen mit Bundeskanzler Kohl - das nur
eines von mehreren im Verlauf von zwei Tagen war,
einschließlich eines Abendessens im Privathaus des
Bundeskanzlers - sprachen die beiden Politiker 45
Minuten lang unter vier Augen, bevor sie ihre Berater hinzuzogen. In ihren Gesprächen ging es einem
Regierungsvertreter zufolge um die wirtschaftliche
Situation in Europa. Kohl und Clinton stimmten
überein, "daß sich die Lage in Europa verbessert hat
und sich Trends umkehren". Sie erörterten die
Auswirkungen der deutschen Vereinigung, und der
Bundeskanzler wies auf die mit dieser Erfahrung
einhergehenden Schwierigkeiten hin. Auch in diesem
Bereich gehe es wieder bergauf.
Ferner wurden der Abzug der russischen Streitkräfte
aus den baltischen Staaten angesprochen und die in
Neapel erzielten Fortschritte anerkannt, wo Clinton
neue Ideen des estnischen Präsidenten Lennart Meri
an den russischen Präsidenten Jelzin übermittelte.

Einige Fragen seien noch nicht gelöst, und somit
steht in Zweifel, ob die Russen ihrer Verpflichtung
nachkommen werden, ihre Truppen bis zum 31.
August abzuziehen. Clinton erhielt in Neapel von
Jelzin das persönliche Versprechen, mit Meri über die
Rechte pensionierter russischer Offiziere sowie die
Beseitigung nuklearer Altlasten auf einem sowjetischen Ausbildungsstützpunkt zu sprechen.
Bundeskanzler Kohl betonte Präsident Clinton gegenüberdie Entschlossenheit der Bonner Regierung, "die
(neuen) Demokratien in die Europäische Union zu
bringen". Clinton äußerte, er sei sich der Deutschland konfrontierenden Schwierigkeiten durchaus
bewußt.
Die Staatsmänner sprachen die Partnerschaft für den
Frieden und die zukünftige Erweiterung der NATO an
und einigten sich auf "zunehmend enge Kontakte,
während sich die Partnerschaft entwickelt und wir der
endgültigen Erweiterung der NATO entgegensehen".
Anschließend traf der Präsident einzeln mit SPDKanzlerkandidat Rudolf Scharping sowie dem FDPVorsitzenden und Außenminister Klaus Kinkel zusammen.
Auf dem Weg nach Bonn sprach der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, Mark Gearan, an
Bord des Flugzeugs des Präsidenten, Air Force One,
die Reaktion des Präsidenten auf Kritik an seiner
Beileidsbekundung für das nordkoreanische Volk aus
Anlaß des Todes von Kim II Sung an. Gearan wies
auf die von beiden Nationen geleistete Arbeit hin, die
zu einem Einfrieren der wichtigsten Elemente von
Pjöngjangs Nuklearprogramm geführt hatte, sowie auf
die Einigung auf hochrangige Gespräche in Genf und
die Anberaumung eines Gipfels zwischen nord- und
südkoreanischen Politikern für Ende dieses Monats.
Ein hochrangiger Regierungsvertreter teilte einer
Gruppe von Reportern an Bord der Air Force One
mit, der amerikanischen Delegation in Genf sei
offiziell mitgeteilt worden, Nordkorea wolle die Gespräche nach der Beerdigung Kims wiederaufnehmen.
Der Regierungsvertreter zog daraus die
Schlußfolgerung, Pjöngjang habe die politische
Entscheidung getroffen, seine vorherige Politik
fortzusetzen. Ihm zufolge hat der Präsident noch
nicht entschieden, ob er an der im Dezember in
Budapest anberaumten KSZE-Gipfelkonferenz der
Regierungschefs teilnehmen wird.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 27

�G-7
13. Juli 1994

SCHAFFUNG VON ARBEITSPLÄTZEN PRIORITÄT
BEIM WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Nach Ansicht Präsident Clintons ist die Schaffung von Arbeitsplätzen bei dem
bevorstehenden Gipfel der sieben führenden Industrienationen (G-7) die wichtigste Frage.
Vor der Abreise zu dem vom 8. bis 10. Juli 1994 anberaumten Weltwirtschaftsgipfel in Neapel nannte Präsident
Clinton weitere anzusprechende Themen:
Die Notwendigkeit einer neuen globalen Hochtechnologie-Informationsinfrastruktur,
die explosiven Themen Weltbevölkerung .und Umweltkrise,
fortgesetzte Bestrebungen zur Unterstützung Rußlands und der anderen neuen Demokratien beim
Übergang von Kommando- zu freien Marktwirtschaften.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Mein Dank gilt Minister Brown, Botschafter Kantor,
Minister Reich, dem Stellvertretenden Außenminister
Talbott, dem nationalen Sicherheitsberater Lake,
dem nationalen Wirtschaftsberater Bob Rubin,
meinem Sonderberater für öffentliche Angelegenheiten Alexis Herman und vielen anderen, die harte
Arbeit geleistet haben, um diese bevorstehende
Reise zu einem Erfolg werden zu lassen.
Ferner möchte ich die heute anwesenden Mitglieder
des diplomatischen Corps würdigen, sowie die
Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der
Regierung und akademischen Welt - viele Gesichter,
die im nationalen Interesse die Förderung unserer
internationalen Wirtschaftspolitik anstreben.
Es ist angemessen, daß wir uns kurz vor meiner
Abreise zum G-7-Gipfel sowie meinen Besuchen in
Lettland, Polen und Deutschland hier versammeln,
denn vor einem Jahr unterzeichnete ich an diesem
Ort das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA). Angesichts der Umstände, unter denen es
debattiert wurde, war das NAFTA mehr als eine
Handelsvereinbarung - es war ein entscheidender
Moment in der modernen Geschichte. Seine Ratifi-

AMERIKA DIENST 27

zierung erfolgte erst nach einer Grundsatzdebatte von
großer Tragweite über die Frage, wie die Vereinigten
Staaten das Zeitalter nach dem Kalten Krieg beginnen sollten.
Sollten wir uns zurückziehen, abwenden und schließlich ein - meiner Ansicht nach - langsames und
stetiges Absinken unseres Lebensstandards hinnehmen oder würden wir statt dessen einen anderen
Weg einschlagen? Würden wir dort, wo die alten
Mauern gefallen waren, neue Mauern bauen oder
begeistert die Herausforderungen einer neuen, im
schnellen Wandel begriffenen Wirtschaft begrüßen?
Unsere Abstimmung über das NAFTA war eine
Antwort auf diese Frage. Wir beschlossen, uns der
Welt zu öffnen. Jetzt ist es an uns, die Welt zu
gestalten, in der wir leben möchten.
Dieser Zeitpunkt in der Geschichte erfordert, daß wir
die rasende, sogar verwirrende Geschwindigkeit des
wirtschaftlichen Wandels meistern und sicherstellen,
daß unser Volk über das Selbstvertrauen und die
Fähigkeiten verfügt, die Früchte einer wachsenden
Weltwirtschaft zu ernten. Das ist das Ziel meiner

Seite 1

�Präsidentschaft.
Und meine heute beginnende
Mission in Europa ist einfach: Arbeitsplätze und eine
Welt des Wohlstands zu schaffen.
Wir befinden uns inmitten einer seltenen Zeit der
Chancen. Wenn unser Volk das Vertrauen, die
Vision und die Klugheit an den Tag legt, diese
Chancen zu ergreifen, können wir eine Zeit der
Erneuerung für Amerika und die übrige Welt gestalten.
Beim G-7-Treffen in Neapel und meinen Besuchen
in Lettland, Polen und Deutschland werden wir nach
Möglichkeiten suchen, Arbeitsplätze zu schaffen und
unsere Arbeitnehmer besser auf sie vorzubereiten,
die Infrastruktur für eine neue Weltwirtschaft zu
schaffen, alle Nationen der Welt einer umweltverträglichen Entwicklung zu verpflichten sowie die
wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische
Integration der neuen Demokratien in die Familie
freier Nationen fortsetzen.
Selbst während wir uns hier treffen und Ansprachen
halten, sind mächtige Kräfte am Werk, die die Welt
erschüttern und umgestalten. Das ist die zentrale
Tatsache unserer Zeit. Es ist an uns, diese Kräfte
zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren,
so daß jeder Mann und jede Frau innerhalb unserer
Reichweite, jeder Junge und jedes Mädchen seine
gottgegebenen Fähigkeiten voll entfalten kann.
Eine globale Wirtschaft, ständige Erneuerung,
sofortige Kommunikation durchziehen unsere Welt
wie ein neuer Fluß und stellen für alle an seinem
Ufer Lebenden gleichzeitig eine Quelle der Kraft und
der Störung dar. Der Kalte Krieg hat eindeutig in
Mittel- und Osteuropa zu einer neuen Geburt der
Freiheit geführt.
Und diese beinhaltet enorme
Chancen.
Die Bürgerkämpfen gegen wechselnde Strömungen,
werden aus ihrer Verankerung losgerissen - und
sehen sich stagnierenden Einkommen, verschlechterten Aussichten auf einen Arbeitsplatz und sozialen
Problemen schwindelerregenden Ausmaßes gegenüber. Andauernde Arbeitslosigkeit ist besonders in
Europa weit verbreitet. Und hier in den Vereinigten
Staaten stagnieren unsere Einkommen noch weitgehend, obwohl wir ein Wirtschaftswachstum zu
verzeichnen haben.
In den Vereinigten Staaten bereiten wir uns auf
diese neue Welt vor, indem wir unseren Haushalt in
Ordnung bringen, unser Defizit drastisch reduzieren
und uns energisch um verbesserten Zugang zu
ausländischen Märkten bemühen.
Wir helfen
unserer arbeitenden Bevölkerung, sich an die
Weltwirtschaft anzupassen und zu prosperieren,

Seite 2

indem wir ein Erziehungssystem von Weltklasse
schaffen, ein besseres System für den Übergang von
der Schule ins Arbeitsleben für die jungen Leute, die
nicht aufs College gehen wollen, größereChancen für
die Collegebesucher und schließlich ein System
lebenslangen Lernens und der Wiederbeschäftigung
für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.
Und wir müssen auch auf die Bereitstellung einer
Gesundheitsfürsorge für sie hinarbeiten.
Vom ersten Vorschultag bis zum letzten Tag vor der
Pensionierung wird jeder Amerikaner lernen müssen.
Und diese Lektion muß jedem Amerikaner gelehrt
werden - vom ersten Vorschultag über den ersten
Arbeitstag bis zum letzten Tag vor der Pensionierung.
Lebenslanges Lernen ist keine Option. Somit sind
wir verantwortlich dafür, jeden Amerikaner so vorzubereiten, daß er ungeachtet der jeweiligen Wirtschaftslage das Beste aus allem machen kann.
Selbst während wir die Saat der Erneuerung säen,
müssen wir erkennen, daß die Ereignisse auf der
Welt einen Einfluß auf uns zu Hause haben.
Wir benötigen weltweites Wirtschaftswachstum, denn
wenn die Weltmärkte wachsen, schnellen unsere
Exporte in die Höhe, was höherbezahlte Arbeitsplätze
in Amerika bedeutet. Wenn die Arbeitnehmer in
anderen Staaten den Protektionismus befürworten,
bedeutet das einen Wettlauf, bei dem wir alle verlieren werden. Wenn die Nationen Mittel- und
Osteuropas in Chaos oder Autoritarismus zurückfallen, werden legitime Sicherheitserfordernisse einen
noch größeren Teil unseres künftigen Etats beanspruchen.
Unsere Herausforderung ist die Herausforderung aller
entwickelten Nationen. Wir können nur wirksam
handeln, wenn wir gemeinsam vorgehen. Wir begannen damit vor einem Jahr in Tokio beim ersten
G-7-Gipfel meiner Präsidentschaft. Jahrelang unternahm die Gruppe der Sieben weniger, als in ihrer
Macht stand, im vergangenen Jahr jedoch lösten wir
ein Jahrzehnt des Dahintreibens durch eine wirkliche
Verpflichtung zum Handeln ab. Wir brachten die seit
Jahren festgefahrenen Welthandelsgespräche zu
einem Abschluß. Und mit unserer Hilfe kommt die
einst lahmgelegte russische Wirtschaft wieder auf die
Füße. Wir haben alle gezeigt, daß durch die Stück
für Stück und Jahr um Jahr bei diesen G-7-Gipfeln
getroffenen Entscheidungen wirklich etwas bewirkt
werden kann.
Ein Jahrzehnt lang hat unser außer Kontrolle geratenes Haushaltsdefizit uns der Fähigkeit beraubt,
unsere Partner zum Handeln zu drängen. Vielmehr
haben uns jedes Jahr bei diesen Zusammenkünften
unsere Freunde und Verbündeten zum Abbau des
Defizits gedrängt und behauptet, sie könnten unseren

AMERIKA DIENST 27

�Vorschlägen zur Förderung des weltweiten Wirtschaftswachstums kein Gehör schenken. Jetzt
haben wir nicht länger das größte Defizit innerhalb
der G-7, sondern eines der geringsten.
Durch den umfassendsten Abbau des Haushaltsdefizits in unserer Geschichte, einschließlich einer
Ausgabenkürzung in Höhe von 255 Milliarden Dollar,
verfügen wir jetzt über das Ansehen und die Glaubwürdigkeit, zu sprechen und gehört zu werden. Wir
stehen kurz vor der Verabschiedung eines neuen
Haushalts, der - das darf ich vielleicht hinzufügen neue Ausgabenkürzungen enthält, einschließlich
einer ersten Reduzierung der gesamten inländischen
Ausgaben zur freien Verfügung in 25 Jahren, durch
die wir erstmals seit der Amtszeit Harry Trumans als
Präsident der Vereinigten Staaten einen dreijährigen
Defizitabbau in Folge haben.
Jetzt müssen wir diese neugewonnene Stärke dazu
einsetzen, den Bürgern unserer Nation und aller
anderen Nationen das erforderliche Selbstvertrauen
zu geben, um in unsicheren Zeiten prosperieren zu
können. Wir müssen vom Krisenmanagement zur
Wohlstandsplanung übergehen. Mit anderen Worten
müssen wir die Grundlage für die Wirtschaft des 21.
Jahrhunderts legen, in der Wandel an der Tagesordnung ist und die entscheidende Frage lauten wird,
ob der Wandel unser Freund oder unser Feind ist.
Unsere erste Aufgabe ist die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie die Entwicklung einer hochqualifizierten Arbeitnehmerschaft zu ihrer Besetzung. Das
scheint auf der Hand zu liegen, aber sehr viele
entwickelte Volkswirtschaften der Welt hatten seit
mehreren Jahren keinen Erfolg bei der Schaffung
von Arbeitsplätzen. In Tokio einigten wir uns auf
eine gemeinsame Strategie zur Konjunkturförderung,
und das Wachstum in den G-7-Staaten beträgt im
Vergleich zum Vorjahr heute das Zweieinhalbfache.
Die Vereinigten Staaten haben diese Konjunkturförderung angetrieben. Da 40 Prozent der Jahreseinnahmen der G-7 auf Amerika entfallen, haben wir
drei Viertel des Wachstums und nahezu 100 Prozent
der neuen Arbeitsplätze geschaffen. Unsere Exporte
nehmen schneller zu als die jeder anderen G-7-Nation. Wir werden alles in unserer Macht Stehende
tun, um diese Bilanz durch die Erweiterung des
Handels weiter zu verbessern.
Als wir im letzten Jahr die siebenjährige Pattsituation
beendeten und den Weg zur Unterzeichnung des
größten je in der Uruguay-Runde des GATT abgeschlossenen Handelspakts ebneten, wußten wir, daß
wir auf dem richtigen Weg waren. Jetzt müssen wir
eine Führungsrolle bei seiner Unterzeichnung übernehmen.

AMERIKA DIENST 27

Diese Handelsabkommen sind gut für unser Land. Ich
möchte nur einen Punkt erwähnen, der während der
Debatte von besonderem Belang war. In diesem
Jahr exportieren wir fünfmal mehr Autos nach Mexiko
als vor einem Jahr.
Wenn Sie die Leistungen des NAFTA mit dem
Potential des GATT vergleichen, erhalten Sie ein
Gefühl für die Bedeutung der Ratifizierung hier in den
Vereinigten Staaten und den anderen Ländern.
GATT bedeutet eine Steuersenkung in den nächsten
Jahrzehnten in Höhe von 744 Milliarden Dollar für die
Industrienationen und eine halbe Million neuer
amerikanischer Arbeitsplätze. Der Kongreß muß das
Abkommen in diesem Jahr verabschieden. Und alle
G-7-Nationen müssen guten Glaubens auf seine
Umsetzung hinarbeiten.
Wir wissen jedoch auch, daß wir noch mehr tun
müssen. Bei der Arbeitsplatzkonferenz im März in
Detroit nahmen zum ersten Mal in der Geschichte die
Finanz- und Arbeitsminister dieser Länder ernsthafte
Gespräche über das wirtschaftliche Wohlergehen der
Arbeitnehmer auf. In allen Industrienationen fordert
der neue Konkurrenzdruck durch sich rasch entwikkelnde Nationen höhere Qualifikationen der Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitigem Druck auf die Löhne
dieser Arbeitnehmer.
Wir müssen voneinander lernen. Wir können viel von
dem deutschen System für Auszubildende und dem
Gesundheitswesen lernen, von dem französischen
System der Kinderbetreuung, von der Art und Weise,
in der die Norditaliener bei Forschung und Entwicklung sowie der Vermarktung für mittelständischen
Unternehmen zusammenarbeiten. Von jeder Nation
in der G-7 müssen wir etwas lernen. Jede Nation
spricht diese Qualifikationen an.
Ich habe mit den Japanern darüber gesprochen. Ich
habe mit den Briten darüber gesprochen. Ich habe
mit den Kanadiern darüber gesprochen. Ich war
beeindruckt als ich sah, daß der britische Premierminister eine kleine Plastikkarte bei sich trug, auf der
die Ziele für das britische Bildungswesen bis zum
Jahr 2000 standen. Es klang ziemlich ähnlich wie die
Gesetzesvorlage, die ich vor nur wenigen Wochen
unterzeichnet habe.
Wir wissen, daß wir voneinander lernen können. Wir
wissen, daß die Vereinigten Staaten wegen ihrer
anpassungsfähigen Arbeitnehmer mehr Arbeitsplätze
schaffen konnten. Aber wir wissen auch, daß jede
Nation härter arbeiten muß, um noch mehr Arbeitsplätze hervorzubringen und die Einkommen zu
erhöhen.

Seite 3

�In Neapel werden wir mit dieser gemeinsamen
Tagesordnung auf Fortschritte drängen. Und ich
möchte sagen, daß meines Wissens keine Gruppe
moderner Nationen im gesamten Verlauf der
menschlichen Geschichte je versucht hat, gemeinsam an diesen Problemen zu arbeiten - den Problemen des Durchschnittsbürgers, die hinter den
komplexen Statistiken liegen, die wir jeden Tag in
den Zeitungen lesen.
Unser zweites Ziel in Neapel wird der Aufbau einer
neuen Infrastruktur für diese neue Volkswirtschaft
sein. Im 21. Jahrhundert muß es ein Netzwerk
geben, um die Ideen, Informationen und Investitionen der neuen Volkswirtschaft weiterzuleiten. Dies
erfordert neue Technologien und zweifelsohne den
Aufbau des Superinformationsnetzes, von dem
Vizepräsident Gore stets gesprochen hat.
Wir müssen diese Infrastruktur schaffen und sie zur
Verbesserung der Produktivität nutzen, damit wir
generelles Wachstum im Rahmen der Ressourcen
unseres Planeten erweitern können. Wir werden
diese Pläne in Neapel unterbreiten.
Drittens werden wir die explosiven Themen Weltbevölkerung und Umweltkrise erörtern. In den kommenden Jahren werden Wohlstand und Sicherheit
mehr als je zuvor von Fortschritten beim Umweltschutz und umweltverträglicher Entwicklung abhängen. Wir müssen das Bevölkerungswachstum
stabilisieren, weil Armut sowohl die Ursache als auch
die Wirkung der Bevölkerungsexplosion ist. Ansonsten sehen wir uns mit einer immer größeren Verknappung von Nahrungsmitteln zur Ernährung
künftiger Generationen konfrontiert, einer Verschmutzung der Umwelt, die sie benötigen, um in Frieden
zu leben, statt ihr Lager abzubrechen und nationale
Grenzen zu überschreiten, und einer Einschränkung
der Fähigkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen für
die Menschen des 21. Jahrhunderts.
Viertens werden wir weiterhin mit Rußland und den
anderen neuen Demokratien bei dem schwierigen
Übergang von Kommando- zu freien Marktwirtschaften, von repressiven Regimen zu offenen Gesellschaften zusammenarbeiten. Bei Gipfel von Tokio
befand Rußland sich in einer ernsthaften wirtschaftlichen Notlage. Wir haben die internationale Staatengemeinschaft zur Bereitstellung von Nothilfe für
die Reformen aufgerufen. 26 Milliarden Dollar der
zugesagten 43 Milliarden wurden bereits zugewiesen. Die russische Regierung verdient enormes Lob
dafür, daß sie den Weg der Reformen weiterverfolgt
hat, insbesondere in den vergangenen Monaten.
Und langsam aber sicher funktionieren die Reformen.

Seite 4

Heute macht das russische Haushaltsdefizit einen
kleineren Prozentsatz der Einnahmen aus als das
Defizit einiger anderer europäischer Länder. Die
monatliche Inflationsrate Rußlands ist auf einstellige
Zahlen gesunken. Und die Hälfte der russischen
Arbeitnehmer ist jetzt im Privatsektor beschäftigt.
Das Leben in Rußland ist immer noch schwierig, aber
die Menschen haben jetzt eine greifbare Hoffnung.
In Neapel wird Präsident Jelzin zum ersten Mal als
gleichwertiger Partner gemeinsam mit uns an der
Erörterung politischer Themen teilnehmen.
Die G-7 wird darauf hinarbeiten, die Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas mit Handel und langfristigen
Reformen vollständig in die Weltwirtschaft zu integrieren. Wir wollen, daß diese Nationen auf dem Kurs
von Wirtschaftsreformen und Demokratie bleiben,
denn dies ist der einzig richtige Weg zu Wohlstand
und Frieden. Die Aussicht auf Erneuerung wird
jedoch nur bestehen bleiben, wenn Europa ungeteilt
ist und die jungen Demokratien vollständig in die
Sicherheit und Gesellschaft dieses Kontinents integriert sind. Aus diesem Grund haben wir so hart an
der Schaffung der Partnerschaft für den Frieden im
Rahmen der NATO gearbeitet, um friedliche, der
Respektierung der Grenzen des anderen verpflichtete
Nationen von Vancouver bis Wladiwostok zu verbinden. Sie müssen überzeugt sein, daß diese
schwierige Reise es wert ist.
Aus diesem Grund habe ich die große Ehre, bei
meinem Besuch in Riga als erster amerikanischer
Präsident unabhängigen baltischen Boden zu betreten. Ich werde Warschau besuchen, wo ein freies
Volk wieder zu seinem Recht kommt, wo die polnische Wirtschaft jetzt schnellerwächst als jede andere
Volkswirtschaft in Europa, ein Land, das bestrebt ist,
ein gleichwertiger Partner bei unseren Erwägungen
für die Zukunft zu sein.
Ich werde die Reise in Berlin beenden, der Stadt, in
die unsere Präsidenten seit 50 Jahren Wallfahrten
unternehmen, um unser Engagement für die Freiheit
zu verkündigen. Es wird ein Privileg sein, Sie alle als
erster Präsident zu repräsentieren, der diese Stadt
seit jenem glorreichen Tag besucht, an dem sich die
Deutschen vereinigten, um die Berliner Mauer zu
stürzen. Dort werde ich Zeuge eines stolzen Kapitels
unserer eigenen Geschichte, während die letzte
amerikanische Brigade von Berlin nach Hause
abgezogen wird.
Während die letzten Soldaten aus dem Kampf für die
Freiheit zurückkehren, müssen wir uns erneut die
schwerwiegenden Konsequenzen der Tatsache vor
Augen halten, daß Amerika sich nach dem Ersten
Weltkrieg aus der Welt zurückgezogen hat. Diese
Truppen werden Deutschland und Europa verlassen,

AMERIKA DIENST 27

�weil ihre Mission beendet ist, aber ungefähr 100.000
Soldaten werden stationiert bleiben und im Rahmen
der NATO an der Förderung des Friedens und für
den Schutz des Kontinents arbeiten. Und wir
werden durch unser Engagement für Handel und
politische Integration hier vertreten sein.
Vor einem Monat, als ich unsere Nation in Europa
repräsentierte, war es nur eine Reise in die Vergangenheit zu Ehren der Generation, die im Zweiten
Weltkrieg die Freiheit der Welt rettete. Heute abend
kehre ich in einer anderen Mission nach Europa
zurück - um gemeinsam mit anderen an der Erneuerung der Welt zu arbeiten, die uns die Generation
des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hat.
Wir sollten uns vor Augen halten, daß große Unsicherheit die Zukunft verdunkelte, als der Zweite
Weltkrieg gewonnen wurde. Europa und Japan
lagen in Schutt und Asche. Die Völker waren
erschöpft. Die Menschen wußten nicht, was sie
erwarten sollten oder was geschehen würde. Aber
aufgrund der Vision der Menschen, die hier in den
Vereinigten Staaten und bei den anderen Verbündeten unsere Vorfahren waren, wurden neue Institutionen gegründet, der nach dem Ersten Weltkrieg
eingeschlagene Weg wurde aufgegeben und statt
dessen sich der Welt mit Optimismus, Hoffnung und
der Entschlossenheit geöffnet, ihr Funktionieren zu

*

AMERIKA DIENST 27

gewährleisten - nicht nur für die Amerikaner, sondern
auch für unsere Freunde und Verbündeten und in der
Tat auch für unsere ehemaligen Gegner. Es ist
dieser Geist, diese Idee, die uns heute beflügeln
muß.
Seit dem letzten Treffen der G-7 hatten wir in den
Vereinigten Staaten ein gutes Jahr, aber wir sind
noch weit von unserem Ziel entfernt. Wir bewegen
uns einfach auf dem Weg, der uns leiten wird. Und
ich möchte, daß Sie alle wissen, solange ich Präsident bin, werde ich mich weiterhin für diese Dinge
einsetzen - eine integrierte und starke Sicherheitspartnerschaft in Europa, die richtige Art von politischer Partnerschaft und die kontinuierliche Erweiterung unserer Wirtschaftsgrenzen. Ich hoffe, Sie
werden diese Richtung auch in Zukunft unterstützen.
Denken Sie an die Welt, in der die Kinder dieses
Landes in 20, 30, 40 Jahren leben sollen. Es liegt in
unserer Macht, sie zu schaffen, aber wir müssen
heute die richtigen Entscheidungen treffen. Diese
Reise ist ein wichtiger Teil dieser Entscheidungsfindung. Ich hoffe, daß Sie mir alles Gute wünschen
und - noch wichtiger - diese Bestrebungen hier zu
Hause und - wenn Sie können - auf der ganzen Welt
unterstützen.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie.

* * *

*

Seite 5

�EINWANDERUNG
13. Juli 1994

GEBT UNS EURE BESTEN
von Stephen Moore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Auswirkungen der Einwanderung
in die Vereinigten Staaten auf das amerikanische Arbeitsleben. Der Verfasser umreißt die Vorteile der
Einwanderung für die Arbeitswelt und die amerikanische Wirtschaft und vertritt die Ansicht, die Wettbewerbsvorteile der Vereinigten Staaten seien eng mit der fortgesetzten Anziehungskraft des Landes auf hochbegabte
Arbeitnehmer aus anderen Staaten verbunden.
Stephen Moore schreibt Artikel für Insight.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Insight, Stephen Moore, 22. November
1993.

Bei vielen Amerikanern beschwört das Wort "Einwanderung" sofort das Bild armer Mexikaner herauf,
die bei San Diego (Kalifornien) illegal über die
Grenze kommen, um Arbeit zu Niedriglöhnen zu
finden und vielleicht staatliche Sozialleistungen zu
erhalten. Jüngste Meinungsumfragen bestätigen,
daß die Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit
gegenüber der Einwanderung äußerst negativ ist.
Die aus Mittelamerika stammenden Einwanderer
stehen in dem Ruf, Sozialleistungen des Staates zu
mißbrauchen und sich hartnäckig zu weigern,
Englisch zu lernen. Haitianer werden für AIDSÜberträger gehalten, russische Juden für Mafiosi und
Asiaten für internationale Terroristen. Die Medien
bekräftigen diese Klischees, indem sie die Öffentlichkeit mit negativen Beschreibungen von Einwanderern bombardieren.
Die Vorstellung von Einwanderern als müden,
armen, zusammengedrängten Massen ist ebenso
dauerhaft in den Köpfen der Öffentlichkeit verhaftet
wie die unwiderruflich in den Sockel der amerikanischen Freiheitsstatue eingravierten Worte. Das
Gedicht von Emma Lazarus beschreibt jedoch nicht
die Hunderttausenden von Menschen, die sich im
Amerika der neunziger Jahre ein neues Leben
aufbauen. Es wäre angemessener, wenn die Worte
auf dem Sockel der Statue lauteten: "Gebt uns Eure
Besten, Eure Intelligentesten, Energischsten und
Talentiertesten!" Warum? Weil das im wesentlichen
die Menschen beschreibt, die jedes Jahr in die
Vereinigten Staaten einwandern.

AMERIKA DIENST 27

Es könnte der Mühe wert sein herauszufinden, wer
diese Neuankömmlinge sind und welche Auswirkungen sie auf das Leben der alteingesessenen Amerikaner haben.
Wer der Ansicht ist, die Einwanderer seien eine
Belastung für die amerikanische Wirtschaft, war noch
nie im Silicon Valley in Kalifornien. Dort und in
anderen Hochtechnologie-Korridoren stellen die
Einwanderer den Lebensnerv der prosperierendsten
Industrien der Nation dar. Auf praktisch jedem
Gebiet, in dem die Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren ihre globale Führungsrolle behaupteten beispielsweise bei Computerdesign und -Software,
der pharmazeutischen Industrie, Biotechnologie,
Elektronik, Supraleitern, Robotern und der Luftfahrtindustrie - arbeiten Einwanderer. In vielerlei Hinsicht
sind diese in starkem Wachstum begriffenen Industrien die moderne Version des amerikanischen
Schmelztiegels in Aktion.
Denken Sie an Intel. Mit Gewinnen von 1,1 Milliarden Dollar im Jahr 1992 ist es eines der am schnellsten wachsenden und produktivsten Unternehmen
der Vereinigten Staaten, in dem Zehntausende
amerikanischer Arbeitnehmer beschäftigt sind. Es
entwickelt ständig bahnbrechende Spitzentechnologien, die die Computerindustrie des 21. Jahrhunderts
definieren werden.
Und all das geschieht großenteils mit dem Talent der
neuesten Einwanderer. Drei Mitglieder des oberen
Management von Intel, darunter der aus Ungarn
stammende geschäftsführende Direktor Andrew S.

Seite 1

�Grove, sind Einwanderer. Einige seiner erfolgreichsten und revolutionärsten Computertechnologien
wurden von Einwanderern entworfen, beispielsweise
der von einem Japaner erfundene Mikroprozessor
8080 (ein mit mehr Kapazität ausgestatteter Computerchip) und der von einem Italiener erfundene fast
leistungslos gesteuerte Transistor auf PolySilikonbasis (FET - die grundlegende Speichereinheit eines
modernen Computerchips). Dick Ward, Manager
des Arbeitnehmer-Informationssystems bei Intel,
erklärt: "Unser gesamtes Unternehmen basiert auf
der Erfindung der nächsten Generation von Computertechnologie. Und hier bei Intel stammt ein Großteil dieser Intellienz von den Einwanderern."
Oder betrachten Sie sich DuPont-Merck Pharmaceutical Co., ein Pharmaunternehmen mit Sitz in Wilmington (Delaware) und einem Umsatz von 800
Millionen Dollar, in dem eigenen Berichten zufolge
viele der vielversprechendsten Produktinnovationen
auf Einwanderer zurückgehen.
Beispielsweise
Losartan, ein blutdrucksenkendes Medikament,
wurde von einem Wissenschaftlerteam entwickelt,
dem zwei Chinesen und ein Litauer angehörten.
Joseph Mollica, der geschäftsführende Direktor von
DuPont-Merck stellt fest, die Kombination so unterschiedlicher Talente führe dazu, "daß man die
Probleme und Chancen aus einem etwas anderen
Blickwinkel sieht".
Intel und DuPont-Merck sind nicht die einzigen
Unternehmen, die auf Einwanderer zurückgreifen.
Robert Kelley Jr., Präsident von SO/CAL/TEN, einer
Vereinigung von nahezu 200 Hochtechnologieunternehmen in Kalifornien, vertritt die Ansicht: "Ohne
den Zustrom der Asiaten in den achtziger Jahren
hätte nicht die unternehmerische Explosion stattgefunden, die wir in Kalifornien beobachten konnten." David N.K. Wang, Abteilungsleiter für weltweite
Geschäftsoperationen bei Applied Materials Inc.,
einem Computertechnologieunternehmen in Kalifornien, fügt hinzu, aufgrund der Einwanderung "ist
Silicon Valley eines der internationalsten Geschäftszentren der Welt".
Wenn man die Einwanderer abzieht, beraubt man
diese Zentren der Talente, auf deren Grundlage sie
operieren. Amerikas internationale Wettbewerbsfähigkeit könnte leiden, wenn keine Einwanderer
mehr ins Land kämen.
Neue Forschungsstudien haben den Beitrag der
Einwanderer zur amerikanischen Industrie quantitativ
erfaßt. Der angesehene nationale Forschungsrat
berichtete 1988, "ein großer Teil des technologischen Outputs der Vereinigten Staaten hängt von
ausländischem Talent ab, und diese Abhängigkeit
wächst". Der Bericht stellt fest, daß mehr als die

Seite 2

Hälfte aller an amerikanischen Universitäten promovierenden Forscher und jeder dritte in den Vereinigten Staaten arbeitende Ingenieur zugewandert ist und
betont: "Es ist offensichtlich,... daß diese außerhalb
der Vereinigten Staaten geborenen Ingenieure unsere
Kultur bereichern und substantielle Beiträge zum
wirtschaftlichen Wohlergehen und der Konkurrenzfähigkeit der Vereinigten Staaten leisten."
Der Wettbewerbsvorteil der Vereinigten Staaten ist
eng mit der fortgesetzten Fähigkeit des Landes
verbunden, hochbegabte Arbeitnehmer aus anderen
Ländern anzuziehen und zu behalten. Eine Studie
der nationalen Stiftung für Wissenschaft aus dem
Jahr 1990 besagt: "Äußerst signifikante, positive
Aspekte werden durch die Präsenz von im Ausland
geborenen Ingenieuren in unserer Gesellschaft
vermittelt."
Beispielsweise wurde die Supraleitfähigkeit, eine
Technologie, die im kommenden Jahrhundert zu
Hunderten neuer, entscheidender kommerzieller
Anwendungen führen wird, von Paul C.W. Chu,
einem Physiker an der University of Houston (Texas)
entdeckt. Er ist gebürtiger Chinese und wanderte
1972 in die Vereinigten Staaten ein. Sein brillianter
Verstand und seine Erfindungsgabe machen ihn zu
einem der aussichtsreichsten Kandidaten für den
Nobelpreis. Sollte ihm dieser verliehen werden, wird
Chu der langen Liste von Nobelpreisträgern angehören, die in die Vereinigten Staaten einwanderten. Im
20. Jahrhundert waren zwischen 20 und 50 Prozent
der Nobelpreisträger - abhängig vom jeweiligen
Wissenschaftszweig - Einwanderer. Heute leben
mehr russische Nobelpreisträger in den Vereinigten
Staaten als in Rußland.
Meinungsumfragen belegen beständig die Befürchtung, Einwanderer würden den amerikanischen
Arbeitnehmern ihren Arbeitsplatz wegnehmen. Diese
Angst ist verständlich, aber unbegründet. Die Einwanderer besetzen nicht nur Arbeitsplätze, sondern
schaffen diese auch. Ein Weg dazu sind Unternehmensgründungen. Heute sind viele Einwanderer,
selbst die mit relativ niedrigen Qualifikationen, als
Unternehmer tätig.
Nehmen Sie beispielsweise die Koreaner.
Den
Soziologen Alendro Portes und Rüben Rumbaut
zufolge gibt es "in Los Angeles dreimal soviel beruflich selbständige Koreaner wie unter der Gesamtbevölkerung. Lebensmittelgeschäfte, Restaurants,
Tankstellen, Spirituosenläden und Immobilienbüros
sind typisch koreanische Unternehmen."
Auch die Kubaner sind erfinderisch bei der Eröffnung
neuer Geschäfte. Die Anzahl kubanischer Unternehmen in Miami (Florida) hat sich von 919 im Jahr

AMERIKA DIENST 27

�1967 auf 8.000 im Jahr 1976 und 28.000 im Jahr
1990 erhöht.
Auf dem Jefferson Boulevard in Dallas (Texas) sind
über 800 Geschäfte angesiedelt, von denen drei
Viertel hispanischen Einwanderern der ersten oder
zweiten Generation gehören. Noch vor zehn Jahren,
vor dem Zustrom der Mexikaner und anderen Einwanderer aus Mittelamerika war die Nachbarschaft
im Verfall begriffen, und viele leere Läden hatten
Schilder "zu verkaufen" im Schaufenster. Heute ist
es eine blühende ethnische Nachbarschaft.

Überraschenderweise sind selbst die illegalen Einwanderer nicht die ärmsten und am wenigsten
qualifizierten aus ihrem Heimatland. Statistiken über
illegale Einwanderer aus Mexiko zeigen, daß nur rund
fünf Prozent in Mexiko arbeitslos waren, wohingegen
die durchschnittliche Arbeitslosenquote in diesem
Land ungefähr dreimal höher war, und ein relativ
hoher Prozentsatz dieser Einwanderer in Mexiko als
Angestellte tätig gewesen waren. Darüber hinaus
ergab sich in diesen Studien, daß etwa zehn Prozent
der illegalen Einwanderer aus Mexiko Analphabeten
sind, in Mexiko selbst jedoch 22 Prozent.

Es überrascht nicht allzusehr, daß Einwanderer sehr
viel eher als der Durchschnittsamerikaner das
unternehmerische Risiko eingehen.
Schließlich
erfordern die Entwurzelung, der Aufbruch in eine

Der vielleicht größte Aktivposten der Einwanderer
sind ihre Kinder, die in den Vereinigten Staaten im
allgemeinen bemerkenswert erfolgreich sind. Vor
kurzem berichtete Boston, daß unglaublicherweise 13
von insgesamt 17 Absolventen der weiterführenden
Schulen der Stadt im Ausland geboren waren - in
China, Vietnam, Portugal, El Salvador, Frankreich,
Italien, Jamaica und der ehemaligen Tschechoslowakei. Viele sprachen bei ihrer Ankunft kein Wort
Englisch. Öffentliche High Schools in Washington,
Chicago und Los Angeles verweisen ebenfalls auf die
bemerkenswert überproportionale Zahl von Eingewanderten unter den Spitzenschülern. Entsprechend
berichtet Westinghouse, daß in den vergangenen 12
Jahren ungefähr ein Drittel der Gewinner der renommierten nationalen wissenschaftlichen Talentsuche
Asiaten waren. Aus dieser Gruppe könnte der

fremde Kultur und der Erfolg mehr als das normale

nächste Albert Einstein Amerikas hervorgehen, der

Maß an Mut, Ehrgeiz, Eigeninitiative und selbst
Tapferkeit. In der Tat ist es zum Teil der Selbstauswahlprozeß, der Einwanderer so besonders bevorzugt macht. Einwanderer sind nicht nur Menschen sie sind eine besondere Gruppe von Menschen.
Durch ihre Einreise vermitteln sie dem Rest von uns
produktive Energien.

selbst ein Einwanderer war.

Natürlich werden nur wenige Geschäfte von Einwanderern zu Unternehmen wie Intel. In der Tat
scheitern die meisten völlig. Wie die Mehrzahl der
neuen Unternehmen in Amerika sind die der Einwanderer vorwiegend klein und nicht unbedingt
profitabel. In dem Unternehmen eines Einwanderers
sind durchschnittlich zwei bis vier Angestellte beschäftigt und der Jahresumsatz beträgt ungefähr
200.000 Dollar. Solche mittelständischen Unternehmen sind jedoch eine maßgebliche Quelle für
Arbeitsplätze, wie Präsident Clinton immer wieder zu
Recht betont.

Das ist nicht nur Romantizismus, sondern tatsächlich
gut fundiert. Zahllose Studien haben belegt, daß
Einwanderer in die Vereinigten Staaten für gewöhnlich höher qualifiziert, besser ausgebildet und wohlhabender sind als der Durchschnittsbürger ihres
Heimatlandes.
Thomas Sowell, Wirtschaftswissenschaftler und
Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford
(Kalifornien) berichtet in seiner Seminarstudie über
Einwanderung, Ethnic America, daß schwarze
Einwanderer aus den West Indies über sehr viel
höhere Qualifikationen verfügen als ihre Landsleute
zu Hause. Er gelangt ferner zu der Schlußfolgerung,
daß die Einkommen dieser Einwanderer höher sind
als die von angestammten Bewohnern der West
Indies, schwarzen Amerikanern und gebürtigen
Amerikanern weißer Hautfarbe.

AMERIKA DIENST 27

Ein verdeckter Preis für die Einschränkung der
Einwanderung ist der Verlust der talentierten und
motivierten Kinder von Einwanderern.
Im letzten Jahrhundert haben die Vereinigten Staaten
rund 50 Millionen Einwanderer aufgenommen. Dies
war eine der größten Migrationen in der Weltgeschichte. Trotz dieses Zustroms von Menschen nein, wegen dieses Zustroms - wurden die Vereinigten Staaten Mitte des 20. Jahrhunderts die
wohlhabendste Nation der Welt. Die Reallöhne in
Amerika haben sich in diesem Zeitraum mehr als
verachtfacht. Die amerikanische Wirtschaft beschäftigte im Jahr 1900 weniger als 40 Millionen Menschen, heute sind es nahezu 120 Millionen. Der
amerikanische Arbeitsmarkt hatte in den achtziger
Jahren nicht das geringste Problem zu expandieren
und die acht Millionen legalen Einwanderer aufzunehmen.
18 Millionen Arbeitsplätze wurden
geschaffen.
Aber was ist mit diesen erschreckenden Schlagzeilen? "Einwanderung führt zum Bankrott der Nation."
"Einwanderer verdrängen amerikanische Arbeitneh-

Seite 3

�mer." "Amerikanisches Sozialwesen verlockt Ausländer."
Hier sind die Fakten. Eine 1990 durchgeführte
Umfrage ergab, daß rund sechs Prozent der gebürtigen Amerikaner im Vergleich zu sieben Prozent der
im Ausland geborenen auf öffentliche Unterstützung
angewiesen sind und weniger als fünf Prozent der
illegalen Einwanderer Sozialhilfe erhalten. Da die
Einwanderer für gewöhnlich in die Vereinigten Staaten kommen, wenn sie jung sind und arbeiten,
zahlen sie dem Wirtschaftswissenschaftler Julian
Simon von der University of Maryland zufolge im
Laufe ihres Lebens durchschnittlich rund 20.000
Dollar mehr an Steuern als sie an Dienstleistungen
in Anspruch nehmen. Angesichts von einer Million
Einwanderern pro Jahr erhält der Staat ungefähr 20
Milliarden Dollar. Statt einer finanziellen Last sind
Einwanderer vielmehr ein riesiger Profit.
Einwanderer schädigen auch nicht den amerikanischen Arbeitsmarkt. Eine vom Arbeitsministerium
1989 durchgeführte umfassende Studie gelangte zu

folgendem Schluß: "Weder amerikanische Arbeitnehmer noch die meisten einer Minorität angehörigen
Arbeitnehmer scheinen durch Einwanderung negativ
betroffen zu sein - insbesondere während der Perioden wirtschaftlicher Expansion." In den achtziger
Jahren verzeichneten die führenden, Einwanderer
aufnehmenden Bundesstaaten - darunter Kalifornien,
Florida, Massachusetts und Texas - der Alexis de
Tocqueville Institution in Arlington (Virginia) zufolge
Arbeitslosenzahlen, die zwei Prozentpunkte unter
dem amerikanischen Durchschnitt lagen.
Kurz vor seinem Tod schrieb Winston Churchill: "Die
Imperien der Zukunft sind die Imperien des Geistes."
Amerika ist mit einer der größten Chancen in der
Weltgeschichte konfrontiert, diese Imperien aufzubauen, indem hochqualifizierte, gut ausgebildete
und von Unternehmergeist beseelte Menschen aus
der ganzen Welt angezogen werden. Mit der Verfolgung einer liberalen und strategischen Einwanderungspolitik können die Vereinigten Staaten sicherstellen, daß das 21. Jahrhundert ebenso wie das 20.
das Amerikanische Jahrhundert wird.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12133">
                <text>13.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12134">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12135">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12136">
                <text>Amerikadienst 13.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12137">
                <text>&lt;strong&gt;1. Präsidentenbesuch&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Berlin ist frei" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Präsident Clintons vor dem Brandenburger Tor&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Clinton betrachtet Handel als die Nationen einende Kraft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zukünftige Aufgabe ist Einbindung Mittel- und Osteuropas&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. G-7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schaffung von Arbeitsplätzen Priorität beim Weltwirtschaftsgipfel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Einwanderung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gebt uns eure Besten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen Moore&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2360" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2371">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/8c14dfc0b240effee541def2bbb4e64f.pdf</src>
        <authentication>b4f723d61068387f13dd61783f38b9cc</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12144">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28

AUSSENPOLITIK

20. Juli 1994

ISRAELISCH-JORDANISCHE GESPRÄCHE
BIETEN ANREIZ ZU WEITEREN
FORTSCHRITTEN
Interview mit Außenminister Christopher

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim
Nationalen Presseclub

WIRTSCHAFT

DEFIZITPROBLEM MUSS JETZT
ANGEGANGEN WERDEN
Erklärung von Alan Greenspan

RAUMFAHRT

MONDLANDUNG GROSSTE LEISTUNG DES
JAHRHUNDERTS
25. Jahrestag des historischen Ereignisses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
20. Juli 1994

ISRAELISCH-JORDANISCHE GESPRÄCHE BIETEN
ANREIZ ZU WEITEREN FORTSCHRITTEN
Interview mit Außenminister Christopher
JERUSALEM - (AD) - Nach Ansicht von Außenminister Christopher werden die Gespräche zwischen Israel
und Jordanien "einen Anreiz zu Fortschritten auf allen Gebieten" geben, um im Nahen Osten Frieden zu
schaffen, insbesondere zwischen Israel und Syrien.
Im Nachrichtenprogramm "Today" des amerikanischen Fernsehsenders NBC erklärte Christopher am 18. Juli
1994 ferner, die Situation in Ruanda sei "tragischer" als alles seit langer Zeit Erlebte. Die wichtigste Aufgabe
einer Koalitionsregierung besteht ihm zufolge derzeit darin, "endlich etwas Ruhe in diese schreckliche Situation"
einzubringen.
Der Außenminister beantwortete auch Fragen zu Haiti und Nordkorea.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Außenminister Christopher im Wortlaut.

Frage: Wie ist die Lage in Ruanda?
Antwort: Die Situation dort ist tragischer als alles
seit langer Zeit Erlebte. Der Präsident hat den
Direktor unseres Amts für internationale Entwicklung,
Brian Atwood, in das Land entsandt. Wir arbeiten
sehr hart mit der Patriotischen Front an der Umsetzung des Waffenstillstands. Darauf werden wir
energisch drängen. Der Präsident hat zusätzliche
humanitäre Hilfe zugesagt. Unser großes Transportflugzeug ist zum Abflug bereit, sobald der Flughafen
dort geöffnet ist. Meines Erachtens ist jetzt das
Wichtigste, daß die Patriotische Front den ausgehandelten und anschließend gebrochenen Waffenstillstand durchsetzt und eine Koalitionsregierung
einsetzt, die endlich etwas Ruhe in diese schreckliche Situation bringt.
Der einzige Grund zu Optimismus ist die Tatsache,
daß die Patriotische Front in dieser Situation Erfolg
zu haben scheint, und sie stellt eine Koalitionsregierung auf, zu der auch einige Mitglieder des
Hutu-Stammes gehören. Das ist der einzige Anlaß
zu Optimismus. Es ist eine verwirrende Situation, in
der eine Koalitionsregierung gebildet und gleichzeitig
eine riesige humanitäre Anstrengung unternommen
werden muß.

AMERIKA DIENST 28

Frage: Was können die Vereinigten Staaten den
Haitianern sagen?
Antwort: Meines Erachtens sollte ihnen gesagt
werden, daß wir unseren Druck auf die illegale
Regierung mit verschärften Sanktionen auf ein
Maximum erhöhen. Ferner bemühen wir uns zum
jetzigen Zeitpunkt um die Bereitstellung humanitärer
Hilfe. Ich möchte den Haitianern mitteilen, daß die
Zeit gekommen ist, daß ihre illegale Regierung
abdankt. Unsere gesamten Bestrebungen sollten in
diese Richtung gehen. Die Vereinigten Staaten
hoffen, daß dieser Druck Wirkung zeitigt. Gleichzeitig
hat der Präsident die Option von Gewaltanwendung
offengehalten.
Wir müssen abwarten, ob die Sanktionen wirksam
sind. Die neuen, verschärften Sanktionen sind erst
seit einiger Zeit in Kraft. Natürlich ist niemand der
Ansicht, daß Gewaltanwendung die attraktivste
Option darstellt, es könnte jedoch dazu kommen.
Präsident Clinton hat diese Entscheidung noch nicht
getroffen und so viel Druck wie möglich auf die
illegale Regierung ausgeübt.
Frage: Sollten sich die Vereinigten Staaten zur
Invasion Haitis entschließen, wie wichtig wäre die

Seite 1

�Zustimmung des vertriebenen Präsidenten JeanBertrand Aristide?
Antwort: Natürlich würden wir uns über seine Hilfe
und Zusammenarbeit sehr freuen. Die Wiederherstellung der Demokratie ist in diesem Land der
Schlüsselfaktor. Wir arbeiten eng mit Präsident
Aristide zusammen. Wie Sie wissen, gab es gute
Zusammenarbeit bei den Radiosendungen, die er
nach Haiti ausstrahlte, und meines Erachtens hat
sich aufgrund der beträchtlichen und geschickten
Hilfe des Kongreßabgeordneten Bill Gray unsere
Zusammenarbeit mit Präsident Aristide stark verbessert.
Frage: Können Sie dem syrischen Präsidenten
Hafiz al-Asad irgendwelche Friedensinitiativen
anbieten?
Antwort: Ich werde mit beiden Parteien zusammenarbeiten. Das Wichtigste bleibt in diesem Zusammenhang jedoch, daß der langanhaltende arabischisraelische Konflikt sich seinem Ende zu nähern
scheint. Alles deutet darauf hin. Auf dieser Reise
werde ich in Jordanien mit dem israelischen Außenminister und dem jordanischen Ministerpräsidenten
zusammenkommen - das erste Ereignis dieser Art und ich sehe dem historischen Treffen zwischen
Ministerpräsident Rabin, König Hussein und Präsident Clinton in Washington am kommenden Montag
erwartungsvoll entgegen. Hier bricht wirklich das
Eis, und meines Erachtens müssen wir auf einen
umfassenden Frieden hinarbeiten. Meine Pendeldiplomatie zwischen Jerusalem und Damaskus kann
einen Schritt in diese Richtung darstellen. Beide
Parteien haben einen Anreiz zu Fortschritten.

Frage:
Was sagen die israelisch-jordanischen
Gespräche über die israelisch-syrische Beziehung
aus?
Antwort: Meiner Meinung nach werden sie dazu
motivieren, auf allen Gebieten Fortschritte zu erzielen. Wie gesagt: Es muß ein umfassender Frieden
geschaffen werden. Es stimmt, daß sie eine gewisse
Übereinstimmung zeigen. Andererseits haben sie ein
unterschiedliches Tempo angeschlagen. Jetzt hoffen
wir, daß dieses Tempo bei den israelisch-syrischen
Gesprächen übernommen werden kann. Sowohl
Präsident Asad als auch Ministerpräsident Rabin
meinen es ernst, und sie sind jetzt hoffentlich geneigt,
auch auf diesem Weg Fortschritte zu machen. Aus
diesem Grund bin ich hier.
Frage: Bereitet Kim Jong-Il die Konsolidierung seiner
Macht in Nordkorea Schwierigkeiten?
Antwort: Nein, derzeit scheint das nicht der Fall zu
sein. Ich sage das vor allem deshalb, weil wir
weiterhin hoffnungvoll und sogar zuversichtlich sind,
daß unsere dritte Gesprächsrunde in Genf stattfinden
wird. Wir wollen direkt nach dem Begräbnis mit
Nordkorea Kontakt aufnehmen, um die dritte Gesprächsrunde einzuleiten. Auf dieser Grundlage
scheint sich der Übergang ordnungsgemäß zu
vollziehen. Natürlich sind wir in dieser Situation nicht
vollständig informiert. Im Hinblick auf die dritte
Gesprächsrunde wissen wir jedoch aufgrund unserer
Kontakte, daß die Amtsnachfolge Fortschritte macht
und wir der dritten Runde innerhalb einiger Wochen
erwartungsvoll entgegensehen können.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 28

�AUSSENPOLITIK
20. Juli 1994

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub
WASHINGTON - (AD) - Umweltverträgliche Entwicklung muß ein Eckpfeiler der neuen amerikanischen
Außenpolitik und der neu definierten nationalen Sicherheit für das 21. Jahrhundert sein, stellte der
Staatssekretär im Außenministerium für globale Angelegenheiten, Timothy Wirth, fest.
In seiner am 12. Juli 1994 im Nationalen Presseclub gehaltenen Rede erklärte Wirth, umweltverträgliche
Entwicklung bedeute im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten
Staaten - versuchen sollten, "die Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen
für künftige Generationen zu erfüllen".
Wirth zufolge ist umweltverträgliche Entwicklung "ein in der Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig verstärken".
Das größte Hindernis bei der Verfolgung umweltverträglicher Entwicklung sei die fehlgeleitete Überzeugung,
"daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft". Tatsache sei, so Wirth, daß "die
Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden ist und vollständig von ihr abhängt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Timothy Wirth im Wortlaut.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre lang die langfristige Sicherheit definierte, wird schnell zu einem
lange zurückliegenden Zeitalter. Statt dessen sehen
wir uns mit einem breiten Spektrum unbekannter
Herausforderungen in einer an sich schon so unbekannten Welt konfrontiert, daß sie fast nicht mehr zu
erkennen ist. Die Veränderungen und Entscheidungen, vor denen die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft jetzt stehen,
stellen ebenso große Anforderungen wie diejenigen,
die wir seit 1945 kannten. Aber die Natur, Vielfalt
und Geschwindigkeit, mit der die neuen Herausforderungen auftreten, gebieten dringende Bestrebungen zum Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer Außenpolitik und eine Neubewertung der Prioritäten für die amerikanische Führungsrolle bei der Bewältigung neuer Tests und
Gestaltung einer besseren Welt.
Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen
Tendenzen, die diese Interessen in der Zukunft
bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der
Regierungsführung an unsere Kinder weitergeben.

AMERIKA DIENST 28

Heute möchte ich den Vorschlag unterbreiten, daß
das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung die beim Erdgipfel in Rio formulierte hehre Idee - ein
Eckpfeiler der neuen amerikanischen Außenpolitik
und der neu definierten nationalen Sicherheit für das
21. Jahrhundert sein muß.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - versuchen sollten, die
Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt
kann die Idee umweltverträglicher Entwicklung die in
der Welt von heute aktiven, außerordentlich mächtigen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Kräfte
integrieren und harmonisieren. Es ist ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig
verstärken. Ökologische Systeme bilden die Grundlage einer modernen Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft sowie bei sozialer und wirtschaftlicher Planung.
Langfristig von unserem
ökologischen Kapital zu leben, ist eine ruinöse

Seite 1

�Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten Völker und Nationen nach Wirtschaftswachstum
sowie wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritten, die wiederum die unerläßlichen Bausteine des Umweltschutzes sind.
Bedauerlicherweise wurde die Sorge über die
Umwelt viel zu lange als peripheres, unerhebliches
Thema angesehen, das im Zusammenhang mit
Wohlstand als Luxus betrachtet werden kann. Viel
zu viele werden mit der Aussage zustimmen: "Ja,
ich bin für Umweltschutz - solange er nicht auf
Kosten der Arbeitsplätze geht." Und in eben dieser
Fehlanalyse stoßen wir auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung - umweltverträgliche
Entwicklung.
Das größte Hindernis beim Streben nach umweltverträglicher Entwicklung ist die fehlgeleitete Überzeugung, daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Tatsache ist,
daß die Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt
verbunden ist und vollständig von ihr abhängt.
Fünf biologische Systeme - Ackerland, Wälder,
Weiden, Ozeane und Süßwasser - unterstützen die
Weltwirtschaft. Mit Ausnahme von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle Rohmaterialien
für die Industrie und unsere gesamten Nahrungsmittel.
Ackerland liefert Nahrungsmittel, Viehfutter und
eine unendliche Vielfalt von Rohmaterialien für
die Industrie wie etwa Fasern und pflanzliche
Öle.
Wälder sind eine Quelle für Brennstoffe, Holz,
Papier und zahlreiche andere Produkte.
Weiden sind der Ursprung für die Produktion von
Fleisch, Milch, Leder und Wolle.
Ozeane und Süßwasser produzieren Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie.
Kurzum, das ist in etwa alles. Das ist der Großteil
der Volkswirtschaft. Das ist die Grundlage für die
gesamte Wirtschaftstätigkeit und alle Arbeitsplätze.
Im Jargon der Wirtschaftswelt ist die Wirtschaft eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Umwelt.
Alle Wirtschaftsaktivitäten hängen von der Umwelt
und der ihr zugrundeliegenden Ressourcenbasis ab.
Wenn die Umwelt schließlich einen Offenbarungseid
leisten muß, weil ihre Ressourcenbasis verschmutzt,
zerstört, verschwendet, unwiderruflich gefährdet
wurde, dann geht auch die Wirtschaft mit ihr bankrott.

Seite 2

Ist dies nur ein theoretisches Konzept?
nicht.

Natürlich

Es vollzog sich in Mittel- und Osteuropa, den Ländern, deren tiefgreifende Zerstörung der Wirtschaft
wir erst jetzt entdecken und verstehen. Es vollzieht
sich in der Tat auf der ganzen Welt, selbst in vielen
der heutigen Schlagzeilen machenden Krisenherde.
Knappe Ressourcen sind die Ursache gewalttätiger
Konflikte, die die bürgerliche Gesellschaft in Ruanda,
Haiti und Chiapas erschüttern.
Diese Konflikte
könnten sich intensivieren und ausweiten, während
die immer weiter zunehmende Bevölkerung um den
immer geringer werdenden Bestand an Land, Brennstoff und Wasser kämpft. Professor Tad Homer-Dixo
von der University of Toronto warnt, daß in den
kommenden Jahrzehnten die Verknappung der
Ressourcen sich "wahrscheinlich mit einer Geschwindigkeit, Komplexität und in einer Größenordnung
vollzieht, die in der Geschichte ihresgleichen suchen".
Derzeitige Konflikte sind ein bitterer Vorgeschmack
der Anarchie, die immer mehr Nationen erfassen
könnte, wenn wir nicht handeln.
In Ruanda vollzogen sich die unbeschreiblich
brutalen Massaker der jüngsten Monate vor dem
Hintergrund einer Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und ungleicher Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate ist mit die
höchste der Welt - über acht Kinder pro Frau.
Das einst reiche Agrarland der Nation ist so
gravierend erschöpft und zerstört, daß zwischen
1980 und 1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungszuwachses - die Nahrungsmittelproduktion
um 20 Prozent fiel.
Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind
Konflikte über die Ressourcen die Ursache für die
Aufstände im Süden. Ungleiche Verteilung des
Landes und rasches Bevölkerungswachstum
haben die armen Bauern - vornehmlich die Urbevölkerung - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung des ökologisch gefährdeten
Hochlands durchzuschlagen. Dieses Land kann
rasch zerstört werden und die zunehmende
Bevölkerung noch weiter in Armut stürzen. Ein
ähnlicher Teufelskreis konnte an so unterschiedlichen Orten wie den Philippinen, dem Himalaya,
der Sahelzone, Indonesien, Brasilien und El
Salvador beobachtet werden.
In Haiti sind schwindende Ressourcen noch
ausschlaggebender für den Zusammenbruch der
Gesellschaft eines Inselstaats, der einst das
Kronjuwel des französischen Imperiums war.
Nahezu völlig entwaldet, das karge Ackerland mit

AMERIKA DIENST 28

�jeder Generation in kleinere und weniger produktive Parzellen unterteilt, werden diese Probleme
durch eine räuberische Regierung verschärft, die
die spärlichen Ressourcen des Landes erschöpft
und Investitionen in ihr Volk versäumt hat. Hinter
diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und
politischen Zusammenbruch wirft die Tatsache
bedrohliche Schatten, daß die bereits jetzt in
jeder Hinsicht zu hohe Bevölkerungsrate Haitis
von sieben Millionen sich in den nächsten 18
Jahren voraussichtlich verdoppeln wird.
Und in China - der Heimat von einem Fünftel der
Weltbevölkerung - bedrohen ernsthafter Wassermangel und Bodenerosion die Fähigkeit dieses
Landes zur Versorgung seiner Bevölkerung.
Zwischen 1957 und 1990 verlor China rund 35
Millionen Hektar Ackerland - ein Gebiet in der
Größe aller Bauernhöfe in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zusammengenommen. Dieser Raubbau bewirkt einen
Exodus aus dem verarmten Inland in die prosperierenden Küstenstädte, der sich mit den Erfordernissen der raschen Industrialisierung zu einem
Wall entwickelt, auf den die chinesische Volkswirtschaft bald mit aller Macht trifft.
Dies kann auch uns dort passieren, wo unsere
biologischen Systeme unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind. Mit ihrer fortgesetzten
Zerstörung verbrauchen wir unser Kapital. Dabei
unterhöhlen wir unseren Lebensstandard - ein
gefährlicher Drahtseilakt:
Die Wälder unseres pazifischen Nordwestens
wurden geplündert und die Flüsse, Fischgründe
und billige Energiequellen sind nicht weit davon
entfernt.
Wir aus dem amerikanischen Westen sollten auf
die Alarmglocken achten und hören, während wir
die Wasservorräte auf unseren Hochebenen
erschöpfen und - häufig mit Blindheit geschlagen
- auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang dieser bäuerlichen Gemeinden warten.
Vor unserer Türschwelle ist ein offensichtlich so
einfaches System wie die Austernbänke vor der
Chesapeake Bay, die das Wasser der gesamten
Bucht alle drei Tage filterten, jetzt so ausgebeutet, daß diese Filterung nur einmal pro Jahr
stattfindet und damit die Gesundheit und Produktivität dieses bemerkenswerten Lebenssystems
drastisch verringert. Ist der totale Zusammenbruch noch weit entfernt?

Kornähren gemessen werden kann. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Müll reinigen,
Boden regenerieren und die Trinkwasservorräte
auffüllen. Diese Systeme, die wir verspätet zu
verstehen begonnen haben, bilden die Grundlage des
Lebens auf Erden. Der Abbau der Ozonschicht,
Verlust der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache, daß die ökologischen Systeme des Planeten
einer großen Belastung ausgesetzt sind.
Unsere Defizitfinanzierung des Umweltkapitals hat
direkte, meßbare Auswirkungen auf die menschliche
Sicherheit. Mit einfachen Worten, die lebenserhaltenden Systeme auf dem gesamten Globus werden
in schnellem Tempo vernichtet - verdeutlichen unsere
Interdependenz mit der Natur und verändern unsere
Beziehungen zu dem Planeten. Unsere Sicherheit
als Amerikaner ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden.
Die Sicherheit unserer Nation und
unserer Welt hängt davon ab, ob wir ein dauerhaftes
Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen
und der Fähigkeit des Planeten zur Versorgung der
Menschen herstellen können.
Warum wurde dieser neue Sicherheitsaspekt erst vor
kurzem erkannt? Zwei Tendenzen sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich
seit 1950 verdoppelt und beläuft sich jetzt auf 5,6
Milliarden. Jedes Jahr nimmt die Welt um 91 Millionen Einwohner zu - dem Äquivalent eines weiteren
New York jeden Monat, eines weiteren Mexiko jedes
Jahr und eines weiteren China in jedem Jahrzehnt.
95 Prozent dieses Wachstums finden in den verarmten Staaten der Entwicklungsländer statt, die
bereits um die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und
Versorgung ihrer Völker kämpfen.
Gleichzeitig hat die industrialisierte Welt die Fähigkeit
und Konsumkapazitiät zur Nutzung der Ressourcen
und der Produktion von Müll in einem Tempo entwikkelt, das in der menschlichen Geschichte seinesgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrieländer zwei Drittel aller Ressourcen und
verursachen vier Fünftel aller Schadstoffe und
Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche
Zwickmühle - die Weltbevölkerung wächst in einem
Tempo, mit dem nur unsere zunehmende Fähigkeit
zum Verbrauch von Ressourcen und der Produktion
von Müll Schritt halten oder es übertreffen kann.
Dies ist ein absolut umweltschädlicher Kurs.

Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach mit dem
Zählen von Bäumen, des Fischbestands oder der

AMERIKA DIENST 28

Seite 3

�Ihre Frage wäre jetzt angebracht: "Nun, Sie wurden
alle gewählt, um den Laden zu schmeißen. Was tun
Sie dagegen?" Und die Antwort lautet: "Sehr viel."
Die Clinton-Administration hat die Herausforderung
von Wirtschaft und Umwelt angenommen - also die
Herausforderung umweltverträglicher Entwicklung.
Wir haben den ersten Teil richtig gemacht, in vieler
Hinsicht weit über das hinaus, was alle gehofft
hatten. Und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist
gut erklärt und erzählt worden. Wir arbeiten auch an
dem zweiten, die Umwelt betreffenden Teil der
Gleichung von umweltverträglicher Entwicklung, die
weniger gut verstanden, in vieler Hinsicht schwieriger, aber absolut unabdingbar ist, wenn wir unseren
Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen
wollen, die so produktiv ist oder nur annähernd so
aussieht wie die uns hinterlassene.
Die Wirtschaft ist eindeutig eine essentielle Grundlage dieser neuen Definition nationaler Sicherheit und
der vor uns liegenden Aufgaben. Aus diesem Grund
hat Präsident Clinton den Kurs für wirtschaftliche
Erneuerung in unserem Land sowie Partnerschaft
mit dem Ausland entworfen. Wie er vergangene
Woche erklärte, will er sich "kurzfristig auf globales
Wachstum konzentrieren und dann darüber nachdenken, wie die Welt im nächsten Jahrhundert
aussieht und was wir in dieser Hinsicht unternehmen
müssen".
Nach dem Ende des G-7-Gipfels in der vergangenen
Woche stellt sich die Frage, wie unsere Beziehungen
zu unseren Partnerländern in der industrialisierten
Welt (Großbritannien, Frankreich, Deutschland,
Italien, Japan und Kanada) aussehen. Die Zahlen
weisen auf eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte hin:
40 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts
der G-7-Länder wurden in den Vereinigten Staaten produziert - im vergangenen Jahr entfielen
auf unser Land 75 Prozent des Wachstums,
nahezu 100 Prozent der neugeschaffenen Arbeitsplätze, das Doppelte der Investitionen, eine
zweifache Steigerung der Exporte sowie der
höchste Produktivitätszuwachs.
Wir haben unser Haushaltsdefizit auf den zweitniedrigsten Stand gebracht und werden im
kommenden Jahr das niedrigste Defizit aller G-7Staaten verzeichnen.
Das NAFTA wird umgesetzt, die Uruguay-Runde
wurde abgeschlossen und unsere Handelspolitik
befürwortet eindeutig einen offenen, stabilen
Weltmarkt als entscheidenden Faktor unseres

Seite 4

langfristigen Wohlstands und unserer nationalen
Sicherheit.
Die Tagesordnung dieser Administration ist jedoch
viel umfassender und ehrgeiziger - wir verwandeln
unsere Wirtschaftspläne und Hoffnungen in ein
umweltverträgliches Konzept, das eine würdige
Hinterlassenschaft für die Nachwelt darstellt. Im
Herbst vergangenen Jahres beschrieb der Präsident
in einer weitreichenden außenpolitischen Rede vor
der UN-Generalversammlung, wie sich die Vereinigten Staaten durch die Förderung umweltverträglichen
Wachstums für eine sichere Zukunft einsetzen. Und
vor zehn Tagen wiederholte er in einer Rede vor der
nationalen Akademie der Wissenschaften, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums stehe auf seiner
Tagesordnung an oberster Stelle.
Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, trübt die
Bevölkerungsspirale jede Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Industriestaaten und verurteilt
jegliche umweltpolitische Anstrengung zum Scheitern.
Bevölkerung (und die 1994 in Kairo anberaumte
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung) muß
an oberster Stelle unserer Tagesordnung für umweltverträgliche Entwicklung stehen, und das ist auch der
Fall. Die Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
der internationalen Bevölkerungspolitik wurde wiederhergestellt, und wir haben an der Ausarbeitung
eines Plans für Kairo mitgewirkt, der einen Konsens
sowie einen umfassenden Ansatz für den Umgang
mit schnellen demographischen Veränderungen ins
Leben ruft. Dieser Plan sieht universellen Zugang zu
Familienplanung und Gesundheitsfürsorge für
Schwangere vor, fördert entscheidend die Ausbildung
von Mädchen und konzentriert sich auf die Reduzierung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des
Mannes, starke Familien sowie das Engagement von
Basisgruppen und nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs).
Elementarer Bestandteil unserer Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte der Frau - außerordentlich wichtige
Ressourcen für Wachstum und Mittler des Wandels.
Das Ergebnis dieser Initiativen - im Hinblick auf
Stabilität, Qualität der Umwelt und Produktivität wiegt für jede Generation die Kosten auf. Im kommenden Jahr, auf der Kairoer Konferenz, dem
Sozialgipfel in Kopenhagen und der Frauenkonferenz
in Beijing wird dies ein vorherrschendes Thema der
amerikanischen Außenpolitik darstellen und unseres
Erachtens ein Ziel, das Anfang des 21. Jahrhunderts
erreicht werden kann.
In ähnlicher Weise ist die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge für die internationale Staatengemeinschaft eine kluge Investition, die zu relativ

AMERIKA DIENST 28

�niedrigen globalen Kosten getätigt werden kann. Die
Ausrottung von vier weit verbreiteten, leicht zu
verhütenden Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio - die Beseitigung von Jod- und
Vitamin A-Mangel sowie die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapie können Anfang des
kommenden Jahrhunderts erreicht werden. Eine
erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen würde
jährlich drei bis vier Millionen Menschenleben retten
und vielleicht die 20 Millionen Todesfälle unter
Kleinkindern - mit steigender Tendenz - verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden lindern und einen
bedeutenden Beitrag zur Verminderung der Belastung größerer Familien leisten.
Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist auch
eine größere Konzentration auf AIDS, da wir wissen,
daß eine Heilung zwar vielleicht erst in Jahrzehnten
gefunden wird, wir jedoch mit aggressiven Verhütungsstrategien in jenen Teilen der Welt Hilfe leisten
können, in denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig ausbreitet.
Eine dritte Priorität unserer Politik ist die Artenvielfalt
- ein breites Spektrum an Aufgaben zur Erhaltung
von Gottes Schöpfung, des biologischen Erbes, das
alles Leben enthält. Der große Reichtum genetischer Informationen ist langfristig für unsere Wirtschaft und Umwelt von entscheidender Bedeutung,
und wir müssen alles in unserer Macht Stehende zu
seinem Erhalt unternehmen. Die Clinton-Administration hat den Vertrag über die Artenvielfalt unterzeichnet, der nahezu einstimmig vom Senatsausschuß für auswärtige Beziehungen angenommen
wurde und diesen Sommer vom Plenum des Senats
ratifiziert werden sollte. Anschließend können wir
mit dem erforderlichen Elan an der ersten Konferenz
der Unterzeichnerstaaten teilnehmen, weltweite
Bestrebungen zur Erfassung, Erforschung und
dauerhaften Nutzung diesergroßartigen und großenteils unbekannten Informationsbibliothek ins Leben
zu rufen. Das kommende Jahrhundert wird mit
Sicherheit das Jahrhundert der Biologie, und wir
müssen uns für die umfassende Nutzung dieser
bemerkenswerten Chancen einsetzen, neue Nahrungsmittel, Brennstoffe, Fasern und Arzneimittel zu
entwickeln.
Die Integration umweltpolitischer und wirtschaftlicher
Imperative auf nationaler Ebene ist eine vierte vor
uns liegende Aufgabe. Die Nationen der Welt,
einschließlich der Vereinigten Staaten, können nicht
länger davon ausgehen, daß wir die Luft verschmutzen und die Ressourcen erschöpfen können, ohne
dafür einen Preis zu zahlen. Vielmehr müssen wir
uns der Kosten bewußt sein und es dem Genie des
Marktes überlassen, die effektivsten Mittel für die
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele festzu-

AMERIKA DIENST 28

setzen. Unter der Führung von Wirtschaftsminister
Ron Brown haben wir die ernste und schwierige
Aufgabe in Angriff genommen, "die Preise richtig
festzusetzen", ein System für Rechenschaftspflicht zu
entwickeln, das uns eine angemessene, objektive
Einschätzung davon vermittelt, was in unserer Wirtschaft tatsächlich geschieht.
An fünfter Stelle ist die Herausforderung einer Reform
unserer internationalen Institutionen zu nennen, um
umweltverträgliche Entwicklung besser fördern zu
können. Die Weltbank, der wichtigste öffentliche
Motor der Entwicklung, wird bei der Unterstützung
des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung
eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen härter daran
arbeiten, eine Veränderung der Praktiken bei der
Kreditvergabe zu ermutigen, um somit dem Versprechen nachzukommen, mehr Wert auf kleinere,
dezentralisierte Projekte zur Förderung einer alternativen Entwicklung zu legen, die Umwelt zu schützen,
die Rechte der Bevölkerung von Ort zu bewahren
und die Rolle entscheidender Bevölkerungsgruppen insbesondere der Frauen - im Entwicklungsprozeß
anzuerkennen.
Dieses Ziel institutioneller Reform ist Teil der sechsten und letzten Herausforderung - die ich als
Regierungsführung im 21. Jahrhundert bezeichnen
möchte. Wir sind traditionsgemäß davon ausgegangen, daß unsere Beziehungen zu anderen Ländern
wie Nabe und Speichen eines Rades sind:

Wir in

Washington sind die Nabe, und die einzelnen Speichen reichen in alle Hauptstädte der Welt - nach
London, Delhi, Tokio oder Bogota. Diese traditionelle
Art des Umgangs mit unseren Angelegenheiten und
den Problemen der Welt verändert sich jetzt, während
wir uns auf umfassendere, kooperative internationale
Bündnisse und Organisationen zubewegen, bis zum
schnell wachsenden Netz privater, nichtstaatlicher,
freiwilliger Organisationen. Ich möchte das gerne
näher erläutern.
In dieser Zeit nach dem Kalten Krieg machen unsere
Probleme nicht vor traditionellen Grenzen halt. Die
weltweite Klimaveränderung, die Zerstörung der
Ozonschicht, die Artenvielfalt, Flüchtlinge, Drogen all diese Fragen sind zu Anliegen geworden, die eine
Herausforderung für uns alle darstellen und im
Rahmen stärkerer, multilateraler, kooperativer Organisationen behandelt werden müssen.
Präsident
Clinton hat in der vergangenen Woche mit unseren
Partnern in der G-7 die Frage aufgeworfen, ob es
nicht an der Zeit sei, unsere internationalen Institutionen erneut zu prüfen, damit sie den Aufgaben des
21. Jahrhunderts gewachsen sind. Das wird nicht
einfach sein. Mauern können innerhalb eines Tages
niedergerissen werden. Das Bewußtsein des einzelnen zu verändern und unter Institutionen den Sinn für

Seite 5

�eine gemeinsame Sache zu wecken, ist viel schwieriger. Wir haben jedoch einen reichen, wenn auch
komplizierten Rahmen, auf dem wir aufbauen. Das
Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDP, der Bevölkerungsfonds UNFPA, das WeltKinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtskommission - alle kreativ und fähig - müssen sich
gemeinsam hinter allgemeine Themen stellen und
ein gemeinsames Zielbewußtsein entwickeln.
Meines Erachtens wird dieses Ziel im 21. Jahrhundert in umweltverträglicher Entwicklung bestehen.
Diese Ideen werden von dem von der Administration
eingesetzten Team zur Verbesserung der Effizienz
von Entwicklungsprioritäten für die Vereinigten
Staaten und die Welt nicht nur unterstützt, sondern
verfochten. Dies ist die Herausforderung für die
Abteilung für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium und entsprechende Teams im Nationalen Sicherheitsrat und den Nachrichtendiensten. Es
ist die von Brian Atwood übernommene, wenig beneidenswerte und oftmals undankbare Aufgabe, das
Konzept umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren - den umfassenden Zugang der Menschen zu
den wirtschaftlichen, umweltpolitischen und politischen EntScheidungsprozessen in ihrem Land zu
fördern. Das ist die Aufgabe von Gus Speth beim
UNDP, der sich um die Verbesserung der Koordinierung der UNO im Bereich umweltverträglicher
Entwicklung und ihre Konzentration darauf bemüht,
wodurch die abstrakten Ziele umweltverträglicher
Entwicklung in Beziehung zu den Menschen und
ihrem Leben gebracht werden.
Die Herausforderung der Regierungsführung geht
weiter in Richtung Basis, zu der großen Masse der
Menschen, die sich wertweit organisieren, um ihr
Leben mitbestimmen zu können, und die schon
lange vor ihrer Regierung die Herausforderung
umweltverträglicher Entwicklung erkannten. Der
phänomenale Anstieg nichtstaatlicher Organisationen
weltweit ist eine der herausragenden Charakteristika
unserer Zeit. Die OECD zählte 1990 in ihren 24
Mitgliedstaaten mehr als 2.500 nichtstaatliche
Organisationen, im Vergleich zu 1.600 vor einem
Jahrzehnt. Das ist jedoch gar nichts verglichen mit
den NGOs in den Entwicklungsländern. Roger
Ridden vom Institut für Entwicklung in Übersee
behauptet, in einem Staat Indiens, Tamil Nadu,
existierten mehr als 25.000 Basisorganisationen.
Die Helden des Erdgipfels von Rio waren nicht die
Staatschefs, sondern die Agenda 21 definierenden
und vorantreibenden NGOs. Frauengruppen aus der
ganzen Welt spielten eine führende Rolle bei der
Organisation und Festsetzung der Tagesordnung der
jüngsten UN-Menschenrechtskonferenz in Wien; sie
retteten die Verpflichtung der UNO zur Allgemeinen

Seite 6

Erklärung der Menschenrechte. Die Vorbereitungen
für Kairo haben diese vorherigen Normen nicht nur
verstärkt, sondern übertroffen. Unsere Herausforderung besteht darin, das Feingefühl, die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität dieser Basisgruppen zur
Mitarbeit zu gewinnen und einzusetzen - eine neue
und äußerst vielversprechende Herausforderung für
die vermeintlich Regierenden.
Die Dynamik der Clinton-Administration und unter den
Bürgern reflektiert insgesamt die Einsicht, daß die
Sicherheit unserer Nation von mehr abhängt als nur
militärischer Macht und unsere Sicherheit eng mit
dem Wohlergehen unserer Nachbarn verknüpft ist.
Politische Grenzen sind durchlässig, Umwertzerstörung und Krankheiten machen nicht vor nationalen
Grenzen halt. Und durch die zunehmend globale
Wirtschaft sind die uns verknüpfenden Bande noch
enger geworden.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden.
Sicherheit des einzelnen fußt auf der Grundlage von
Frieden, politischer Stabilität, physischer Gesundheit
und wirtschaftlichem Wohlergehen. Die Hauptgefahr
für die Sicherheit des einzelnen ist vielleicht nicht so
einfach zu erkennen wie beispielsweise das Atomwaffenarsenal eines Feindes, ist jedoch nicht weniger
tödlich.
Diese Gefahren sind Resultat äußerster Armut, unter
der eine Milliarde der Wertbevölkerung leidet, des
Hungers, der 800 Millionen Männer, Frauen und
Kinder quält, der Verbreitung von HIV/AIDS, mit dem
sich bis zum Jahr 2000 30-40 Millionen Menschen
infiziert haben werden, der Kombination von Gewalt,
Armut und Umweltzerstörung, die 20 Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Hier in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen
Wert verstehen wir in zunehmendem Maße die enge
Verbindung zwischen Armut, Umwelt, Wirtschaft und
Sicherheit. Diese historische Umwandlung erfordert,
daß wir uns selbst befreien - von überkommener
Politik, veralteten Annahmen, starren Überzeugungen, die gestern noch trennende und charakteristische Linien unserer Politik zu sein schienen.
Krisenverhütung und umweltverträgliche Entwicklung
gehören in den letzten Jahres dieses und im kommenden Jahrhundert zu den größten Herausforderungen. Die Zeit ist gekommen, unseren Ansatz im
Bereich der nationalen Sicherheit umzugestalten - in
der Erkenntnis, daß unsere wirtschaftliche und
umweltpolitische Zukunft ein und dasselbe sind.
Genau diese Herausforderungen werden die Zukunft
bestimmen, die wir unseren Kindern und Enkeln
hinterlassen.

AMERIKA DIENST 28

�Uns bleibt keine Wahl. Zum Abschluß bitte ich Sie,
sich folgendes Szenarium vorzustellen: Ein Mann
steht auf dem Fenstersims eines Hochhauses, und
Sie werden gebeten, ihn dazu zu überreden, nicht
hinunterzuspringen.
Genau dort stehen wir heute. Die Vereinigten
Staaten müssen die Führungsrolle dabei übernehmen, die Welt davon zu überzeugen, sich selbst
*

AMERIKA DIENST 28

nicht schwer zu verletzen. Einige werden die Bedrohung bagatellisieren oder sagen, wir verfügten
derzeit nicht über genug Wissen, um zu handeln.
Andere, einschließlich vieler hier Anwesender, haben
bemerkt, daß der Mann auf dem Fensterbrett ein Seil
um sein Fußgelenk gebunden hat. Das andere Ende
des Seils ist an uns gebunden, und wenn er fällt,
fallen wir alle zusammen.

* * *

*

Seite 7

�WIRTSCHAFT
20. Juli 1994

DEFIZITPROBLEM MUSS JETZT ANGEGANGEN WERDEN
Erklärung von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Dem Gouverneur der amerikanischen Bundesnotenbank (Federal Reserve Bank FED), Alan Greenspan, zufolge stellt das Defizit im Bundeshaushalt weiterhin eine langfristige Gefahr für die
Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft dar.
Die Zeit zur Ergreifung der erforderlichen Maßnahmen sei jetzt gekommen, da die außergewöhnlich starke
Wirtschaft Gelegenheiten eröffne, erklärte Greenspan den Mitgliedern einer überparteilichen Kommission, die
zur Lösung des Problems ins Leben gerufen wurde.
Greenspan machte diese Aussage bei der dritten öffentlichen Sitzung der aus Mitgliedern beider Parteien
bestehenden Kommission für gesetzlich festgelegte Ausgaben und Steuerreform am 15. Juli 1994.
Die aus 32 Mitgliedern zusammengesetzte Kommission unter dem Vorsitz von Senator Robert Kerrey umfaßt,
gleichmäßig nach Parteien aufgeteilt, 12 Senatoren und 10 Abgeordnete des Repräsentantenhauses sowie 10
vom Präsidenten ausgewählte Angehörige des öffentlichen und privaten Sektors. In einem vorläufigen Bericht
soll im August eine Liste von Optionen für eine Reform des Systems der gestzlich festgelegten Ausgaben
vorgelegt werden, denen im Dezember dann spezifische Empfehlungen folgen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache Gouverneur Greenspans vor der Kommission im
Wortlaut.

Die amerikanische Wirtschaft erlebte kürzlich die
ideale Kombination steigender Aktivität, sinkender
Arbeitslosigkeit und sich verlangsamender Inflation.
Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese günstigen Daten uns zur Vernachlässigung der unserer
Wirtschaft zugrundeliegenden Probleme veranlassen,
wodurch sie langfristig nicht ihr volles Potential
erreichen kann. Eines der wichtigsten Probleme ist
die Aussicht auf einen erneuten Anstieg des Haushaltsdefizits vor Beginn des nächsten Jahrhunderts.
Die Konsequenzen dieses Defizits mögen nicht für
jeden Beobachter auf der Hand liegen, sie sind
jedoch vorhanden, sie sind gravierend und verschlechtern sich, je mehr Zeit wir verstreichen
lassen, bevor wir sie angehen.
Da wir uns Anfang der sechziger Jahre von der
angeblich vereinfachenden Vorstellung abwandten,
eine ausgeglichene Haushaltsbilanz sollte Merkmal
einer stabilen Finanzpolitik sein, hatten wir mit in
Friedenszeiten beispiellosen Haushaltsdefiziten zu
kämpfen. Die im Verlauf der letzten Jahrzehnte
entstandenen großen strukturellen Haushaltsdefizite

AMERIKA DIENST 28

scheinen trotz beträchtlicher Anstrengungen zu ihrem
Abbau fortzubestehen.
Einige dieser jüngsten Bestrebungen der Exekutive
und Legislative, insbesondere die Festsetzung von
Ausgabenobergrenzen, waren tatsächlich hilfreich
und haben den Zuwachs des Defizits reduziert. Es
bleibt jedoch noch viel zu tun. Die einschneidende
Kürzung der Verteidigungsausgaben gilt nur bis Ende
dieses Jahrzehnts. Zu diesem Zeitpunkt werden die
nicht für Verteidigungszwecke vorgesehenen Ausgaben, vornehmlich die gesetzlich festgelegten, sich
als vorherrschende Kraft im Etat erweisen. Den
derzeitigen Gesetzen und der politischen Linie
zufolge soll die Zuwachsrate der gesetzlich festgelegten Ausgaben höher sein als die Wachstumsquote
der Steuerbemessungsgrundlage, was die Gefahr
einer destabilisierenden Eskalation des Defizits als
Teil des nominalen Bruttoinlandsprodukts darstellt.
Durch eine Erhöhung der Steuerbemessungsgrundlage oder des Steuersatzes kann dieses Problem nicht
gelöst werden, denn zur Finanzierung der steigenden
Ausgaben wäre ein enormer Zuwachs vonnöten, und

Seite 1

�selbst dieser würde nur das Unvermeidbare hinausschieben, denn ein Wachstum der Steuereinnahmen
kann nicht auf Dauer den Einkommenszuwachs
übersteigen. Zusätzlich würden die leistungshemmenden Auswirkungen steigender Steuersätze
letztlich das Wirtschaftswachstum stoppen und die
Steuerbemessungsgrundlage verringern.
Aus
diesem Grund gibt es keine Alternative ;zu einer
Senkung der staatlichen Ausgaben, wenn wir kurz
vor Beginn des kommenden Jahrhunderts ein
Anwachsen des Haushaltsdefizits verhindern wollen.
Diese Defizite würden zu einerfinanziellen Belastung
und Instabilität führen, was wiederum große Härten
hervorrufen würde.
Defizite sind von Nachteil, da sie für Privatinvestitionen verwendbare Ressourcen abziehen und die
Wachstumsrate des nationalen Kapitalbestandes
senken. Dies wiederum bedeutet weniger Kapital
pro Arbeitnehmer als ansonsten der Fall wäre und
führt langfristig zu einem langsameren Wachstum
der Arbeitsproduktivität und somit zu einem langsameren Anstieg unseres Lebensstandards.
In gewissem Grade wurden die Auswirkungen des
staatlichen Haushaltsdefizits während des vergangenen Jahrzehnts durch zwei Umstände abgemildert,
die in Zukunft wahrscheinlich nicht fortbestehen
werden. Erstens importierten wir in dem Maß, in
dem diese Haushaltsdefizite nicht von unseren
geringen Spareinlagen finanziert werden konnten,
Gelder aus dem Ausland. Es wird jedoch immer
deutlicher, daß es längerfristig nicht wünschenswert oder möglich - ist, sich auf ausländische Finanzquellen zu verlassen. Wenn diese Quellen reduziert
werden, müssen andere Quellen gefunden oder die
Nachfrage nach einheimischen Sparquellen beschränkt werden.
Zweitens könnten wir eine in unserer Generation
einmalige Verbesserung bei der Nutzung unserer
knappen inländischen Spareinlagen erfahren. Wie
ich bereits bei anderer Gelegenheit dargelegt habe,
scheinen die außerordentlichen Fortschritte in den
Bereichen Computer-Software und -Hardware uns in
die Lage zu versetzen, unsere Ressourcen - Kapital
und Arbeitskräfte gleichermaßen - effizienter einzusetzen. Diese Entwicklung scheint dem Zuwachs
der Arbeitsproduktivität einen entscheidenden
Aufschwung zu vermitteln, wodurch zumindest eine
Zeitlang die Konsequenzen mangelnder Kapitalinvestitionen in den Anstieg unseres Lebensstandards abgeschwächt werden.
Natürlich sollte die Regierung Chancen ergreifen,
den Privatsektor bei der Unterstützung dieser
schnelleren Produktivitätsverbesserung zu ermutigen. Dadurch können Hindernisse bei der Über-

Seite 2

nähme wohlerwogener Risiken beseitigt, unangemessene, Investitionsanreize unterminierende Regelungen revidiert, internationale Handelshemmnisse
zur Förderung von Wachstum des globalen Einkommens gesenkt sowie das Funktionieren unserer
Arbeitsmärkte verbessert werden. Diese Initiativen
werden auf jeder Ebene des strukturellen Haushaltsdefizits zu einem höheren Lebensstandard führen.
Diese Maßnahmen werden jedoch einen direkten
Ansatz zur Lösung des zugrundeliegenden Defizitproblems nicht ersetzen. Dieses Problem ist zu
gravierend geworden, als daß wir es leicht überwinden könnten. Während unsere Bevölkerung in
den kommenden Jahrzehnten zunehmend älter wird,
werden gesetzlich festgelegte Ausgaben einen
wachsenden Anteil unseres Etats und unseres
Sozialprodukts ausmachen. Einzeln erfreuen sich
diese Programme großer Unterstützung seitens der
Amerikaner. Zusammengenommen sind sie jedoch
sehr viel kostenintensiver als man gemeinhin anerkennt. Wenn wir weiterhin Anleihen für ihre Finanzierung aufnehmen, werden die daraus resultierenden
hohen Zinssätze die Verbesserung des Lebensstandards einschränken.
Der Prozeß, mit dem staatliche Defizite Ressourcen
aus Privatinvestitionen umleiten, ist nur einer der
vielen Wege, die die Aktivitäten der Bundesregierung
unweigerlich unterlaufen oder die Nutzung von
Ressourcen des Privatsektors umdirigieren. Abgesehen von der Defizitfinanzierung - in den regulären
oder Nebenhaushalten - sind das wichtigste Mittel,
mit dem die Regierung Ressourcen neu zuweisen
kann, durch Steuern finanzierte Ausgaben, die private
Aktivitäten regelnde Vorschriften wie Schadstoffkontrollen oder die Installation sicherer Geräte, die von
der Industrie über die Ausgabe von Schuldtiteln
finanziert werden, sowie staatliche Bürgschaften für
private Anleihen.
Wenn die Regierung ihre Tätigkeit über Steuern
finanziert, wird die Ausgabekapazität des einzelnen
und der Unternehmen direkt verringert, wodurch
Ressourcen aus Privatkäufen umgeleitet werden. Die
anderen Finanzierungsmethoden lenken Ressourcen
in einer indirekteren Weise um und operieren vorwiegend über die Auswirkungen auf die Zinssätze.
Wenn die Bundesregierung ihr Haushaltsdefizit
finanziert, erhöht sie beispielsweise die Nachfrage
nach knappen Spareinlagen, wodurch die Zinssätze
in die Höhe schnellen. Entsprechend nimmt die
Nachfrage nach einer Erhöhung der Kredite und
Zinssätze zu, wenn ein Unternehmen zur Finanzierung der von der Regierung zwingend vorgeschriebenen Aktivitäten Anleihen aufnehmen muß, oder wenn
die Regierung die Kosten der Kreditaufnahme für
bestimmte Investoren durch die Bürgschaft für ihre

AMERIKA DIENST 28

�Anleihen senkt. Staatliche und von der Regierung
vorgeschriebene Ausgaben bleiben von diesen
höheren Zinssätzen unberührt.
Andererseits reagieren rein private Aktivitäten mehr
oder weniger auf die Zinssätze. Die Nachfrage nach
Immobilienbesitz sinkt zum Beispiel, wenn die Hypothekenzinsen steigen. Die Nachfrage nach Warenbeständen ist eine Folge der Zinssätze für Dreimonatsgeld, und die Höhe der Zinssätze, die sich in
den Kapitalkosten niederschlagen, ist ein Schlüsselelement bei der Entscheidung für eine Erweiterung
oder Modernisierung der Produktionskapazität. In
dem Maße, in dem daher die Nachfrage nach mehr
Ressourcen in einer Volkswirtschaft höher ist als die
entsprechende Finanzierungskapazität, werden die
Zinssätze steigen, bis die überschüssige Nachfrage
schließlich verdrängt ist. Die verdrängte Nachfrage
ist natürlich direkt oder indirekt nicht die der Bundesregierung, weil die staatliche Nachfrage nicht auf
steigende Zinssätze reagiert. Die realen Zinssätze
werden vielmehr soweit steigen, daß rein private
Anleihen ausreichend reduziert werden, um die
gesamten Erfordernisse der regulären und Nebenhaushaltsdefizite sowie alle Gesamtbürgschaften und
vorgeschriebenen Aktivitäten zu erfüllen.
Wie weit die Zinssätze steigen müssen, um die
Nachfrage nach Spareinlagen und deren Angebot
ins Gleichgewicht zu bringen, hängt davon ab, wie
die Nachfrage von privaten Kreditnehmern auf diese
Zinssätze reagiert. Abhängig von der Reaktion der
privaten Nachfrage müssen die Zinssätze weit genug
steigen, um eine ausreichende Menge von Investitionen des Privatsektors zu verdrängen. Es gibt keine
Alternative zu einer Umlenkung realer Ressourcen
vom privaten zum öffentlichen Sektor. Kurzfristig
können Zinssätze niedrig gehalten werden, wenn die
Notenbank die überschüssige Nachfrage nach
Mitteln durch eine expansionärere Geldpolitik auffängt. Dies wird jedoch nur höhere Inflation und
wirtschaftliche Instabilität fördern. Letztlich wird es
keine oder nur geringe Auswirkungen auf die Zuweisung realer Ressourcen für den privaten und öffentlichen Sektor haben.

Abschließend möchte ich betonen, daß die Zeit nicht
länger für uns arbeitet. Die Annahme, das Defizit sei
gutartig, ist eindeutig falsch. Dies gilt insbesondere
im Hinblick auf die äußerst niedrige private Sparrate.
Dem derzeitigen Gesetz folgend wird das Defizit bis
zum Ende des Jahrzehnts wieder steigen. Darüber
hinaus implizieren demographische Tendenzen mit
Beginn des nächsten Jahrhunderts einen unerbittlichen Aufwärtstrend staatlicher Ausgaben. Dies
zuzulassen, würde eine gravierende Unterminierung
unserer wirtschaftlichen Lebensfähigkeit bedeuten.
Je länger wir warten, desto drakonischer werden die
Maßnahmen aussehen müssen. Wir müssen insbesondere vermeiden, unsere Programme in die
Nebenhaushalte zu verlagern. Das ist reine Buchhalterei. Es gibt keine Alternative zu der Notwendigkeit, sich mit der Zuweisung realer Ressourcen zu
befassen, und wir müssen dies als erstes in Angriff
nehmen.
Ich bin mir bewußt, daß die Bewältigung eines
Problems schwierig ist, dessen Symptome schwer
auszumachen sind und dessen vollständige Auswirkungen Jahre oder Jahrzehnte entfernt scheinen.
Aber die Finanzmärkte haben es an sich, zukünftige
Probleme in die Gegenwart zu verlagern. Die langfristigen Zinssätze sind jetzt höher, weil die Märkte im
nächsten Jahrhundert steigende Defizite antizipieren.
Diese höheren langfristigen Zinssätze spiegeln
sowohl eine höhere Inflationsprämie als auch die
Erwartung höherer realer kurzfristiger Zinssätze in der
Zukunft wider, während die staatlichen Ausgaben
zunehmend die privaten Ausgaben verdrängen. Wie
ich bereits feststellte, verhindern höhere Zinssätze die
Kapitalbildung und machen nachfolgende Generationen ärmer.
Wir bezahlen bereits für unser Versagen, unser
langfristiges Haushaltsproblem vollständig in den Griff
zu bekommen. Eine weitere Verzögerung wird nur
den Gesamtumfang der Rechnung erhöhen, die eines
Tages fällig wird.

* *

AMERIKA DIENST 28

*

Seite 3

�RAUMFAHRT
20. Juli 1994

MONDLANDUNG GRÖSSTE LEISTUNG DES
JAHRHUNDERTS
25. Jahrestag des historischen Ereignisses
WASHINGTON - (AD) - Vor 25 Jahren landete eine
kleine Mondfähre namens Eagle auf der öden
Oberfläche des Mondes, und die Astronauten Neil
Amstrong und Edwin Aldrin waren die ersten Bewohner der Erde, die den Fuß auf eine andere Welt
setzten - ein Ereignis, das von vielen als die bemerkenswerteste Errungenschaft des Jahrhunderts
angesehen wurde.
Die Landung der Apollo-11 -Astronauten auf dem
Meer der Stille am 20. Juli 1969 - der historische
Augenblick wurde in Schwarzweißbildern festgehalten, die weltweit auf den Fernsehschirmen übertragen wurden - verwirklichte das oberste Ziel des
größten nichtmilitärischen technischen Vorhabens,
das je von den Vereinigten Staaten unternommen
wurde.
Der Flug von Apollo 11 wurde auf der ganzen Welt
enthusiastisch verfolgt. Konfettiparaden, Vorträge,
Pressekonferenzen und eine Weltreise der Astronauten schufen sowohl in den Vereinigten Staaten als
auch im Ausland ein Klima des guten Willens.
Nach der epochemachenden Apollo-11-Landung
flogen amerikanische Astronauten noch fünfmal zum
Mond, wobei Apollo 17 im Dezember 1972 die letzte
Mondlandung vollzog. Jeder folgende Aufenthalt auf
dem Mond dauerte länger als der vorangegangene,
und bei den letzten drei Mondlandungen benutzten
die Astronauten ein Mondfahrzeug um in der Umgebung des Landeplatzes herumzufahren - aber
keine Landung kam der Begeisterung bei Apollo 11
gleich.
Roger Launius, Chefhistoriker bei der NASA, zufolge
war die Landung der ersten Menschen auf dem
Mond und ihre sichere Rückkehr eine "außerordentlich bedeutende" Leistung, die als Wendepunkt in
der Geschichte des Landes angesehen werden
sollte.
"Es war ein Vorhaben, das gleichermaßen das
technologische und wirtschaftliche Können der
Vereinigten Staaten unter Beweis stellte und eine

AMERIKA DIENST 28

Vorherrschaft über rivalisierende Nationen schuf - das
Hauptziel des Programms, wie von der KennedyAdministration geplant", schreibt er in einer NASAVeröffentlichung aus Anlaß des bevorstehenden
Jahrestages.
Die Motivation für die Annahme der Herausforderung
war der Wettlauf mit der Sowjetunion, die als erstes
Land einen Satelliten abgeschossen und einen
Menschen in die Umlaufbahn gebracht hatte. Präsident John F. Kennedy brachte die Vereinigten
Staaten am 25. Mai 1961 auf die Reise zum Mond,
als er seine Herausforderung folgendermaßen
formulierte: "Ich glaube, diese Nation sollte sich zur
Erlangung des Ziels verpflichten, vor dem Ende des
Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu
lassen und ihn sicher wieder zur Erde zurückzubringen."
Es war ein kühner Vorschlag in Anbetracht der
Tatsache, daß die Vereinigten Staaten bis dahin nur
den Astronauten Alan Shephard auf einen 15minütigen Flug ins All entsandt hatten.
Das Vorhaben dauerte acht Jahre, benötigte 420.000
Arbeitskräfte, kostete 25 Milliarden Dollar und erforderte 21 bemannte Raumflüge, bis diese ersten
Schritte auf dem Mond getan wurden - sechs Mercury-Programme, 10 Gemini-Flüge und fünf ApolloMissionen vor der Landung. Es forderte auch das
Leben von sieben Astronauten. Drei starben bei
einem Feuer auf der Abschußrampe und vier bei
einem Flugzeugabsturz.
Nur der Bau des Panamakanals konkurrierte in seiner
Größenordnung mit dem Apollo-Programm als
nichtmilitärischem Vorhaben, und nur das ManhattanProjekt zum Bau einer Atombombe im Zweiten
Weltkrieg war in einem Kriegsszenarium vergleichbar.
Die erste Mondlandungsmission begann am 16. Juli
mit dem Feuerstoß einer Saturn-V-Rakete, die die
drei Astronauten ins All beförderte. Nach einer
dreitägigen Reise zum Mond über 380.000 Kilometer
im All landeten die Astronauten Armstrong und Aldrin

Seite 1

�am 20. Juli um 21.18 Uhr MEZ auf der Mondoberfläche, während der Astronaut Michael Collins sie in
einer kegelförmigen Kommandoeinheit namens
Columbia im Mondorbit umkreiste.

Der ehemalige Astronaut William Anders gehörte der
Besatzung von Apollo 8 an, die erstmals zum Mond
flog, dort jedoch nicht landete, und zum ersten Mal
die ganze Erde aus dem Weltall sah.

Ungefähr sechseinhalb Stunden nach der Landung
setzte Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf
den fremden Boden und sagte zu Millionen von
Zuhörern auf der Erde: "Dies ist ein kleiner Schritt
für einen Menschen, aber ein Riesenschritt für die
Menschheit."

"Meines Erachtens entbehrt es nicht einer gewissen
Ironie, daß wir zum Mond flogen, es jedoch wahrscheinlich die Erde und ihre Ansicht war, die abgehärtete Testpiloten wie uns - und wahrscheinlich die
ganze Welt - am meisten beeindruckte", erklärte
Anders. "Die ersten Bilder der im Weltraum schwebenden Erde waren meines Erachtens ein wichtiger
Beitrag dazu, den Menschen ein besseres Gefühl für
den Platz der Erde in unserem Leben und im Universum zu vermitteln."

In den nächsten zweieinhalb Stunden beobachtete
die Welt auf den Fernsehschirmen, wie die Astronauten in Weltraumanzügen das amerikanische
Sternenbanner aus Nylon aufstellten, Fotos machten,
Boden- und Felsproben nahmen und wissenschaftliche Experimente machten. Am nächsten Tag hob
die Mondfähre ab, dockte an die über ihr kreisende
Columbia an und begann den Rückflug zur Erde mit
21,8 Kilogramm sicher in der Columbia verstautem
wertvollen Mondgestein. Die Astronauten wasserten
am 24. Juli auf dem Pazifischen Ozean.
Obwohl gerne über die technischen Begleiterscheinungen des Apollo-Programms gesprochen wird,
vertreten viele die Ansicht, der dauerhafteste Aspekt
von Apollo 11 sei die Tatsache gewesen, daß
erstmals Menschen die Erde verließen und einen
anderen Himmelskörper aufsuchten.
"In der gesamten Geschichte der Menschheit war
Apollo das Programm, das den Menschen vom
Planeten Erde zu einem anderen Körper im Sonnensystem brachte", so der ehemalige Astronaut Stuart
Roosa, Mitglied der Besatzung von Apollo 14, dem
dritten Flug zum Mond. "Das ist eine enorme
Leistung. Und am 25. Jahrestag von Apollo 11
sollte sich das jeder vor Augen halten."
Dem Historiker Launius zufolge besteht ein weiteres
großes Vermächtnis des Apollo-Programms darin,
daß die auf der Erde lebenden Menschen zu einer
neuen Sichtweise ihres Planeten gezwungen wurden.
Als die Besatzungen der Apollo ihre Fernsehkameras während der Reisen zum Mond auf die Erde
richteten, sah die Menschheit die Mutter Erde
erstmals aus weiter Entfernung, als "winzige, wunderschöne und zerbrechliche 'blaue Murmel' in der
Schwärze des Weltalls", so Launius. "Die moderne
Umweltbewegung war von dieser neuen Wahrnehmung des Planeten sowie der Notwendigkeit, ihn
und das Leben auf ihm zu schützen, teilweise zu
neuem Leben erweckt."

Seite 2

Wissenschaftlern zufolge kehrten Armstrong, Aldrin
und die 10 nachfolgenden Astronauten mit Proben
von Mondgestein zurück, die einen Einblick in den
gewaltigen und überraschenden Ursprung des
Mondes, seine Zusammensetzung und sein Alter
gaben. Die Mondgesteinsproben untermauern die
Theorie, daß sich der Mond infolge einer riesigen
Kollision der ursprünglichen Erde und eines Objekts
in Planetengröße bildete, durch die Trümmer in die
Umlaufbahn flogen, die sich schlie ßlich zum Himmelskörper Mond verbanden.
Durch die Reise zum Mond, der während der vergangenen 2 Milliarden Jahre nicht geologisch aktiv
war, erfuhren die Wissenschaftler auch mehr über die
Evolutionsgeschichte der Erde. Die Spuren der alten
Geschichte der Erde wurden durch fortgesetzten
Vulkanismus, das Entstehen von Gebirgen, Verwitterung und Vergletscherung beseitigt oder verändert.
Trotz der enormen Errungenschaften des ApolloProgramms wird vielerorts die Ansicht vertreten, es
habe der NASA und der Raumfahrt insgesamt ein
unsicheres Erbe hinterlassen.
Der ehemalige Astronaut Eugene Cernan, der im
Dezember 1972 an Bord der Apollo 17 an der letzten
Fahrt zum Mond teilnahm, hätte nie gedacht, daß 22
Jahre später noch niemand zum Mond zurückgekehrt
oder zum Mars geflogen sei. "Ich war fest davon
überzeugt, daß wir uns zur Jahrhundertwende - und
zu diesem Zeitpunkt erachtete ich dies als konservative Schätzung - bestimmt auf dem Weg zum Mars
befänden", erklärte er. "Es wird noch eine Generation dauern, bis wir wieder zum Mond oder Mars
fliegen."
Launius zufolge schuf das "goldene Zeitalter" des
Apollo bei der NASA die Erwartung, daß der Kurs
jedes größeren Weltraumzieles des Präsidenten

AMERIKA DIENST 28

�breite Unterstützung und die erforderlichen Ressourcen erhalten würde.
"Die meisten Mitarbeiter der NASA verstanden zum
Zeitpunkt der Landung auf dem Mond im Jahr 1969
jedoch nicht, daß Apollo nicht unter normalen politischen Umständen durchgeführt wurde und diese
Umstände sich nicht wiederholen würden", äußerte
er.

Launius fügte jedoch hinzu, die Erforschung des
Sonnensystems und des Universums bleibe wie eh
und je ein ebenso verlockendes wie bedeutendes Ziel
der Menschheit.

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12139">
                <text>20.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12140">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12141">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12142">
                <text>Amerikadienst 20.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12143">
                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Israelisch-jordanische Gespräche bieten Anreiz zu weiteren Fortschritten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltverträgliche Entwicklung unabdingbar für neue amerikanische Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Defizitproblem muss jetzt angegangen werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärungen von Alan Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Raumfahrt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mondlandung größte Leistung des Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;25. Jahrestag des historischen Ereignisses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2361" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2372">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/dcb0beb7c46d64fa9d6fbb431f9e5bb7.pdf</src>
        <authentication>2901a875e7dd7242167ee598757842f0</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12150">
                    <text>cimcrikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

29

27. Juli 1994

NAHER OSTEN

ISRAEL UND JORDANIEN GELOBEN
"DAUERHAFTEN" FRIEDEN
Die Washingtoner Erklärung

SICHERHEIT

DIE NATIONALE SICHERHEITSSTRATEGIE
DER USA
Eine Übersicht des Weißen Hauses

RUANDA

CLINTON ORDNET MASSIVE AUFSTOCKUNG
DER HILFE FÜR RUANDISCHE FLÜCHTLINGE
AN
Reaktion der Vereinigten Staaten

NICHTVERBREITUNG

EXPERTEN AUS DER EHEMALIGEN UDSSR
VERURTEILEN PLUTONIUMSCHMUGGEL
Amerikanisches Seminar über Nichtverbreitung

PRASIDENTENBIBLIOTHEKEN

DIE PRASIDENTENBIBLIOTHEKEN UND
-MUSEEN IN DEN USA
von Lester und Irene David

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1994

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NAHER

OSTEN
27. Juli 1994

ISRAEL UND JORDANIEN GELOBEN
"DAUERHAFTEN" FRIEDEN
Die Washingtoner Erklärung
WASHINGTON - (AD) - Israel und Jordanien haben sich am 25. Juli 1994 verpflichtet, die Verhandlungen
entschieden voranzutreiben, um einen auf die Resoultionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats und auf
"Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit" gegründeten Friedenszustand zu erlangen.
Bei einem historischen Treffen im Weißen Haus bekräftigten der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin
und der jordanische König Hussein das Engagement ihrer Nationen, einen gerechten, dauerhaften und
umfassenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten herbeizuführen.
Auf Bitte der beiden Politiker unterzeichnete auch Präsident Clinton die Erklärung als Zeuge und Gastgeber
ihres Treffens.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Washingtoner Erklärung.

A. Nach Generationen der Feindschaft, des Blutvergießens und der Tränen und nach Jahren der
Schmerzen und Kriege, sind Seine Majestät König
Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin entschlossen, dem Blutvergießen und der Trauer ein
Ende zu bereiten. In diesem Geiste trafen sich
Seine Majestät König Hussein des haschemitischen
Königreichs Jordanien und der israelische Ministerpräsident und Verteidigungsminister Yitzhak Rabin
heute in Washington auf Einladung des Präsidenten
der Vereinigten Staaten von Amerika, William J.
Clinton. Diese Initiative von Präsident William J.
Clinton ist ein historischer Meilenstein bei den
unermüdlichen Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur Förderung von Frieden und Stabilität im
Nahen Osten. Das persönliche Engagement des
Präsidenten hat die Einigung auf den Wortlaut dieser
historischen Erklärung ermöglicht. Die Unterzeichnung dieser Erklärung ist Zeugnis der Vision und
Verpflichtung des Präsidenten zur Sache des Friedens.
B. Bei ihrem Treffen haben Seine Majestät König
Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin gemeinsam ihre Verpflichtung zu den fünf grundlegenden Prinzipien ihrer Vereinbarung über eine gemeinsame Tagesordnung erneuert, mit der ein gerechter,
dauerhafter und umfassender Frieden zwischen den
arabischen Staaten, den Palästinensern und Israel
herbeigeführt werden soll.

AMERIKA DIENST 29

1. Israel und Jordanien streben die Erlangung eines
gerechten, dauerhaften und umfassenden Friedens zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten
und den Abschluß eines Friedensvertrags zwischen den beiden Ländern an.
2. Die beiden Länder werden ihre Verhandlungen
entschieden vorantreiben, um einen auf die
Resoultionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
und auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit
gegründeten Friedenszustand zu erlangen.
3. Israel respektiert die derzeitige Sonderrolle des
haschemitischen Königreichs Jordanien in den
moslemischen heiligen Stätten Jerusalems. Wenn
die Verhandlungen über den ständigen Status
stattfinden, wird Israel der historischen Rolle
Jordaniens in diesen Stätten hohe Priorität einräumen. Darüber hinaus haben sich die beiden
Seiten auf gemeinsames Handeln zur Förderung
der Beziehungen zwischen den drei monotheistischen Religionen geeinigt.
4. Die beiden Länder erkennen ihr Recht und ihre
Verpflichtung an, in sicheren und anerkannten
Grenzen in Frieden miteinander und mit allen
Staaten zu leben. Die beiden Staaten bekräftigen
die Respektierung und Anerkennung der Souveränität, territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit jedes Staates in der Region.

Seite 1

�5. Die beiden Länder möchten gutnachbarliche
Beziehungen der Zusammenarbeit zwischen
ihnen entwickeln, um dauerhafte Sicherheit zu
gewährleisten sowie die Androhung und den
Einsatz von Gewalt zwischen ihnen zu verhindern.
C. Der lange Konflikt zwischen den beiden Staaten
geht jetzt zu Ende. In diesem Geiste ist der Kriegszustand zwischen Israel und Jordanien beendet
worden.
D. Gemäß dieser Erklärung und im Einklang mit der
gemeinsamen Tagesordnung werden beide Länder
von Aktionen oder Aktivitäten Abstand nehmen, die
der Sicherheit des anderen zuwiderlaufen oder das
endgültige Ergebnis der Verhandlungen präjudizieren. Keine Seite wird die andere mit dem Einsatz
von Gewalt, Waffen oder irgendeinem anderen Mittel
bedrohen, und beide Seiten werden aus allen
Formen des Terrorismus entstehende Bedrohungen
der Sicherheit abwehren.
E. Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin haben die bei den bilateralen Verhandlungen auf der israelisch-jordanischen
Gesprächsschiene in der vergangenen Woche
erzielten Fortschritte zur Kenntnis genommen, bei
denen die Schritte zur Umsetzung der einzelnen
Tagesordnungspunkte wie Grenzen, territoriale
Angelegenheiten, Sicherheit, Wasser, Energie,
Umwelt und Nutzung des Jordantals beschlossen
wurden.
In diesem Zusammenhang stellten sie in Anbetracht
der Punkte auf der gemeinsamen Tagesordnung
(Grenzen und territoriale Angelegenheiten) fest, daß
die Kommission für den Tagesordnungspunkt
Grenzen im Juli 1994 Einigung in Erfüllung eines
Teils der ihr in diesem Tagesordnungspunkt übertragenen Rolle erzielt hat. Sie stellten ferner fest,
daß die Kommission für den Tagesordnungspunkt
Wasser, Umwelt und Energie vereinbarte, als Ziel
ihrer Verhandlungen die rechtmäßige Zuweisung
beider Seiten im Jordan- und Yannouktal gegenseitig
anzuerkennen und die ausgehandelte rechtmäßige
Zuweisung im Einklang mit vereinbarten annehmbaren Prinzipien von gegenseitig annehmbarer
Qualität vollständig zu respektieren und einzuhalten.
Entsprechend brachten Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin ihre tiefe
Zufriedenheit und ihren Stolz über die Arbeit der
trilateralen Kommission bei dem am Mittwoch, dem
20. Juli 1994 in Jordanien abgehaltenen Treffen zum
Ausdruck, bei dem der jordanische Ministerpräsident,
Dr. Abdessalam al-Majali, Gastgeber war und an
dem Außenminister Warren Christopher und sein
israelischer Amtskollege Schimon Peres teilnahmen.

Seite 2

Sie artikulierten ihre Freude über den Beistand und
das Engagement der Vereinigten Staaten in dieser
Angelegenheit.
F. Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin vertreten die Auffassung, daß
Schritte zur Überwindung der psychologischen
Barrieren und zum Bruch mit dem Erbe des Krieges
unternommen werden müssen. Während sie mit
Optimismus auf die Friedensdividende für alle Menschen in der Region hinarbeiten, sind Israel und
Jordanien entschlossen, ihre Verantwortung bezüglich
der menschlichen Dimension der Friedensschaffung
zu übernehmen. Sie sind sich bewußt, daß Ungleichgewichte und Unterschiede die Ursache von
Extremismus sind, der auf dem Nährboden von
Armut, Arbeitslosigkeit und der Zerstörung der
menschlichen Würde gedeiht. In diesem Geiste
haben Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin heute einer Reihe von Schritten zustimmten, die das jetzt in greifbare Nähe
gerückte neue Zeitalter symbolisieren:
1. Zwischen Israel und Jordanien werden direkte
Telefonverbindungen geschaffen.
2. Im Rahmen eines regionalen Konzepts werden die
Elektrizitätsnetze Israels und Jordaniens aneinander angeschlossen.
3. Zwischen Israel und Jordanien werden zwei neue
Grenzübergänge geöffnet - einer an der Südspitze
von Akaba-Eilat und der andere an einem von
beiden Seiten vereinbarten Punkt im Norden.
4. Zwischen Israel und Jordanien reisenden Touristen aus Drittländern wird grundsätzlich freier
Zugang gewährt.
5. Die Verhandlungen über die Öffnung eines internationalen Luftkorridors zwischen den beiden
Ländern werden beschleunigt.
6. Die Polizeikräfte Israels und Jordaniens werden
bei der Verbrechensbekämpfung zusammenarbeiten, wobei der Schwerpunkt auf den
Schmuggel und insbesondere den Drogenhandel
gelegt wird. Die Vereinigten Staaten werden zur
Beteiligung an diesem Gemeinschaftsunternehmen eingeladen.
7. Die Verhandlungen über Wirtschaftsfragen werden
als Vorbereitung auf die künftige bilaterale Zusammenarbeit fortgesetzt, einschließlich der
Abschaffung aller wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen.

AMERIKA DIENST 29

�Diese Schritte werden im Rahmen von regionalen
infrastrukturellen Entwicklungsplänen und im Einklang mit den israelisch-jordanischen bilateralen
Gesprächen über Grenzen, Sicherheit, Wasser und
damit in Zusammenhang stehenden Fragen umgesetzt und ohne das endgültige Ergebnis der Verhandlungen über in die gemeinsame Tagesordnung
zwischen Israel und Jordanien aufgenommene
Fragen zu präjudizieren.
G. Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin haben vereinbart, sich
regelmäßig, oder wann immer sie es für nötig
erachten, zu treffen, um die Fortschritte der Verhandlungen zu überprüfen und den Prozeß in seiner
Gesamtheit zu lenken.

H. Abschließend möchten Seine Majestät König
Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin nochmals ihren tiefempfundenen Dank an Präsident
William J. Clinton und seine Administration sowie ihre
Wertschätzung für deren unermüdlichen Bestrebungen zur Förderung der Sache des Friedens, der
Gerechtigkeit und des Wohlstands für alle Völker der
Region zum Ausdruck bringen. Sie möchten dem
Präsidenten persönlich für die herzliche Begrüßung
und Gastfreundschaft danken. Als Ausdruck ihrer
Wertschätzung für den Präsidenten haben Seine
Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak
Rabin Präsident William J. Clinton gebeten, dieses
Dokument als Zeuge und Gastgeber ihres Treffen zu
unterzeichnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 29

Seite 3

�SICHERHEIT
27. Juli 1994

DIE NATIONALE SICHERHEITSSTRATEGIE DER USA
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Das Weiße Haus hat die nachfolgende Übersicht im Zusammenhang mit der Übermittlung des Berichts über
die nationale Sicherheitsstrategie an den Kongreß am 21. Juli 1994 herausgegeben. In einem Begleitschreiben
verpflichtete sich Präsident Clinton zum weiteren aktiven Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland mit
der Feststellung, die Vereinigten Staaten sähen sich jetzt mit "vielschichtigeren" Gefahren konfrontiert als vor
50 Jahren, als die Bedrohung durch den Kommunismus die zentrale Sicherheitsherausforderung darstellte.
Während der ersten 17 Monate hat die Strategie des Engagements und der Erweiterung dieser Administration
im Hinblick auf unsere Sicherheitserfordernisse bereits greifbare Ergebnisse gezeitigt:

Sicherheit
Auf Anweisung des Präsidenten beendete das
Pentagon die grundlegende Überprüfung, welche
Streitkräfte und Systeme unsere Nation in diesem
neuen Sicherheitszeitalter benötigt. Der Präsident
hat ferner einen auf fünf Jahre befristeten Verteidigungshaushalt vorgelegt, der die von der Überprüfungskommission empfohlene Streitkräftestruktur
finanziert, und wiederholt unterstrichen, daß er
gegen weitere Kürzungen ist, die diese Streitkräftestruktur unterminieren oder die militärische Bereitschaft der Vereinigten Staaten aushöhlen würden.
Im Januar 1994 berief der Präsident ein NATOGipfeltreffen ein. Bei dem Gipfel wurden die Partnerschaft für den Frieden und andere wichtige neue
Initiativen verabschiedet um sicherzustellen, daß die
NATO zur Bewältigung der europäischen und
transatlantischen
Sicherheitsherausforderungen
dieses Zeitalters vorbereitet ist und die Sicherheitsbeziehungen bietet, die die ehemals kommunistischen Staaten in das übrige Europa einbinden.
Inzwischen sind 21 Länder, darunter Rußland, der
Partnerschaft für den Frieden beigetreten.
Der Präsident hat weitreichende Maßnahmen zur
Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägerraketen in die Wege
geleitet. Die Vereinigten Staaten haben offizielle
Verhandlungen zum Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot aufgenommen und bahnbrechende
Verpflichtungen zur Beseitigung aller Nuklearwaffen
in der Ukraine, Belarus und Kasachstan erzielt.

AMERIKA DIENST 29

Am 3. Mai 1994 unterzeichnete Präsident Clinton
einen Präsidialerlaß über die "Amerikanischen
Maßnahmen zur Reform multilateraler Friedensoperationen". Diese Maßnahmen stellen einen ersten
umfassenden Rahmen für die Entscheidungsfindung
der Vereinigten Staaten zu Themen wie Friedensschaffung und Friedenssicherung dar, der an die
Realitäten der Zeit nach dem Kalten Krieg angepaßt
ist.
Wirtschaft
Der Präsident hat mit dem Kongreß an effektiven
Maßnahmen zum Abbau des Haushaltsdefizits und
zur Wiederherstellung des Wirtschaftswachstums
zusammengearbeitet. Diese Maßnahmen tragen zur
Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit bei und
stärken unsere Position bei Verhandlungen mit
anderen Nationen.
Der Präsident sicherte die Verabschiedung des
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North
American Free Trade Agreement - NAFTA), mit dem
die größte Freihandelszone der Welt und Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen werden. Die
Entscheidung für das NAFTA ist eine eindeutige
Bekräftigung des internationalen Engagements der
Vereinigten Staaten. Im Rahmen der Zusatzabkommen über die Umwelt und Arbeitsfragen arbeiten wir
aktiv am Schutz der Rechte von Arbeitnehmern sowie
der Verringerung der grenzüberschreitenden Luft- und
Wasserverschmutzung.
Die Administration hat eine Führungsrolle bei den
multilateralen Bestrebungen zur Erlangung der
umfassendsten Abkommen zur Marktöffnung bei den

Seite 1

�Verhandlungen der Uruguay-Runde des GATT über
den Welthandel übernommen. Der Präsident wird
mit dem Kongreß auf die Gewährleistung des
amerikanischen Beitritts diesem bahnbrechenden
Abkommen in diesem Jahr und der Gründung der
Welthandelsorganisation hinarbeiten.
Der Präsident hat das erste Treffen von Staats- und
Regierungschefs des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asian Pacific
Economic Cooperation - APEC) einberufen und
Schritte zur Erweiterung unserer Verbindungen zu
den Volkswirtschaften der asiatisch-pazifischen
Region - dem am schnellsten wachsenden Gebiet
der Welt - unternommen.
Wir haben die Vereinigten Staaten zur Verringerung
ihrer Treibhausgasemissionen auf das Niveau von
1990 bis zum Jahr 2000 verpflichtet und zur Erlangung dieses Ziels einen nationalen Klimaplan
erarbeitet. Die Vereinigten Staaten haben darüber
hinaus auf internationaler Ebene eine führende Rolle
bei der schrittweisen Einstellung der Produktion der
die Ozonschicht am stärksten abbauenden Substanzen gespielt.
Im Rahmen des Montrealer
Protokolls über den Schutz der Ozonschicht tragen
die Vereinigten Staaten zu den Bestrebungen der
Entwicklungsländer bei, ihre Emissionen von die
Ozonschicht zerstörenden Chemikalien zu reduzieren. Im Juni 1993 unterzeichneten die Vereinigten
Staaten den Vertrag über die Artenvielfalt.
Die Administration hat international die Führungsrolle
bei Bevölkerungsfragen übernommen und konzentriert sich im Zusammenhang mit der bevorstehenden Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung
auf einen Plan zur Förderung der Familienplanung,
grundlegende Gesundheitsfürsorge und damit
einhergehende Entwicklungsstrategien, die den
Familien die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder
und den zeitlichen Abstand zwischen ihnen ermöglichen.

men in Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion beträchtlich
erweitert.
Die Vereinigten Staaten haben eine Reihe von
Initiativen zur Förderung der neuen Demokratien
Mittel- und Osteuropas in die Wege geleitet. Wir
haben unsere Besorgnis um ihre Sicherheit in der
Erkenntnis unterstrichen, daß solche Zusicherungen
eine Schlüsselrolle bei der Förderung demokratischer
Entwicklungen spielen.
Die Vereinigten Staaten haben die Hilfe für die neue
Regierung von Präsident Nelson Mandela in Südafrika verdoppelt, um den historischen Übergang zu
einer nichtrassischen Demokratie zu konsolidieren,
einschließlich eines auf drei Jahre befristeten Handels-, Hilfs- und Investitionsprogramms in Höhe von
600 Millionen Dollar.
In Zusammenarbeit mit der Organisation Amerikanischer Staaten haben die Vereinigten Staaten zur
Vereitelung des antidemokratischen Putsches in
Guatemala beigetragen.
Die Administration hat Bestrebungen zur Verstärkung
der UN-Sanktionen gegen die militärischen Herrscher
in Haiti angeführt mit dem Ziel, die Demokratie
wiederherzustellen und den demokratisch gewählten
Präsidenten Haitis wiedereinzusetzen.
Der Präsident hat die demokratischen Nationen der
Hemisphäre zu einem Gipfeltreffen eingeladen, das
in der Geschichte seinesgleichen sucht, um Zusammenarbeit bei der Unterstützung der Demokratie
auf der Hemisphäre sowie gegenseitigen Wohlstand
und umweltverträgliche Entwicklung zu erörtern.
Die Administration hat Maßnahmen zur Krisenverhinderung, einschließlich einer neuen Friedensschaffungspolitik in die Wege geleitet und eine Überarbeitung des Gesetzes über Auslandshilfe vorgeschlagen.

Demokratie
Die Administration hat die Unterstützung der Vereinigten Staaten für demokratische und Marktrefor-

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 29

�RUANDA
27. Juli 1994

CLINTON ORDNET MASSIVE AUFSTOCKUNG DER HILFE
FÜR RUANDISCHE FLÜCHTLINGE AN
Reaktion der Vereinigten Staaten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat am 22.
Juli 1994 als Reaktion auf die humanitäre Katastrophe "eine unverzügliche und massive Aufstockung"
der Hilfe für ruandische Flüchtlinge angeordnet,
einschließlich einer ununterbrochenen Luftbrücke mit
dringend benötigten Hilfsgütern.
"Der Strom von Flüchtlingen über die Grenzen
Ruandas hinweg könnte inzwischen als die schlimmste humanitäre Krise einer Generation bezeichnet
werden", erklärte Präsident Clinton in einer aus dem
Weißen Haus übertragenen Fernsehansprache.
"Während die Amerikaner Zeuge dieser erschütternden Tragödie werden, müssen alle Amerikaner im
ganzen Land einen persönlichen Beitrag an Hilfsorganisationen zur Linderung dieses Leidens leisten."
Die neue Initiative der US-Regierung umfaßt weitere
100 Millionen Dollar, teils in Beständen an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Zelten des Verteidigungsministeriums, teils in Transportkosten.
Clinton hatte zuvor rund 150 Millionen Dollar an
staatlicher Hilfe angekündigt.
Dem Präsidenten zufolge sehen sich die Vereinigten
Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
in Ruanda und den Nachbarländern - Zaire, Tansania, Burundi und Uganda - wohin über 2 Millionen
Ruander geflüchtet sind, mit einer zweifachen
Aufgabe konfrontiert.
Die erste Aufgabe, so der Präsident, "besteht in der
unverzüglichen Milderung des Leidens", einschließlich der Kontrolle der sich rapide ausbreitenden
Choleraepidemie im Lager Goma in Zaire, wo
Berichten zufolge 1.300 Krankheitsfälle aufgetreten
und mindestens 1.000 Menschen bereits gestorben
sind. Der Präsident hat die Einrichtung einer neuen
Wasserversorgung in Goma angeordnet und stellte
fest, über 20 Millionen orale Rehydrationspackungen
befänden sich auf dem Weg dorthin.
Clinton verwies auf die Meldungen von Experten,
laut denen es pro Minute einen Toten in dem Lager

AMERIKA DIENST 29

gibt. Angesichts der dort dahinvegetierenden 1,2
Millionen Flüchtlinge gibt es im Lager keine Möglichkeiten zur Bewältigung der Katastrophe. Die oralen
Rehydrationspackungen ersetzen die aufgrund von
Diarrhöe und anderen Darmkrankheiten wie Cholera
ausgeschiedenen Salze und Zucker. Normalerweise
tritt der Tod bei Cholera binnen 24 Stunden ein, aber
die Patienten können sich in nur drei Stunden nach
Einnahme des Rehydrationsmedikaments erholen.
Die zweite Aufgabe, so der Präsident, bestehe in der
Bewältigung der Krise - die letztlich die Lösung des
Flüchtlingsproblems beinhalte, "Konditionen zu
schaffen, die eine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre
Heimat ermöglichen".
Präsident Clinton stellte fest, die Vereinigten Staaten
"machten der neuen Führung in Ruanda gegenüber
klar", daß die diplomatische Anerkennung und die
internationale Zustimmung "von der Einführung einer
auf eine breite Basis gegründeten Regierung, Rechtsstaatlichkeit und Bestrebungen zur nationalen Aussöhnung" abhängen.
Clintons Berater in nationalen Sicherheitsfragen,
Anthony Lake, erklärte vor Reportern, der Präsident
sei durch die Tatsache "ermutigt", daß die Ruandische Patriotische Front (RPF) Angehörigen der Hutu
hohe Ämter in der neuen Regierung übertragen habe,
durch die Durchsetzung des Waffenstillstands und
ihre Versuche, die Flüchtlinge zur Rückkehr zu
bewegen. Die Kämpfe zwischen den die Mehrheit
bildenden Hutus, die Ruanda bis April regierten, und
der Gruppe der Tutsi kosteten 500.000 Menschenleben. "Es ist eine aus brutaler Gewalt entstandene
Katastrophe", stellte Clinton fest, "die jetzt jede
Minute ein Menschenleben fordert."
Der Präsident hat das Außenministerium und die
Ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten bei den
Vereinten Nationen angewiesen, "sofortige Maßnahmen zur Schaffung von Bedingungen für die sichere
Rückkehr der Flüchtlinge zu ergreifen, darunter die
Unterstützung der Vereinigten Staaten für die unverzügliche Entsendung eines Kontingents von UN-

Seite 1

�Friedenstruppen nach Ruanda". Lake fügte später
hinzu, an den Friedenssicherungsoperationen seien
keine amerikanischen Truppen beteiligt, sondern
vornehmlich afrikanische.
Präsident Clinton ordnete ferner Schritte zur Unterbindung des von Hutu-Extremisten betriebenen
Piratensenders an, der die Ruander zur Flucht aus
ihrem Land aufgefordert hat.

Auf Kritik, Washington habe zu langsam auf die sich
abzeichnende humanitäre Katastrophe reagiert,
antwortete Clinton, die Vereinigten Staaten hätten
die internationalen Hilfsbestrebungen seit Beginn der
Krise im Mai angeführt. Er erinnerte daran, daß die
Vereinigten Staaten Hilfsmittel im Wert von 15
Millionen Dollar bereitgestellt hätten, als die ersten
Ruander nach Tansania flohen - Mittel, "die zur
Vermeidung der Art von Problemen in Tansania
beigetragen haben, wie wir sie jetzt in Zaire beobachten". Amerikanischen Regierungsvertretern
zufolge befinden sich 460.000 Flüchtlinge in Tansania, 200.000 in Burundi und 10.000 in Uganda. In
Zaire halten sich 1,2 Millionen in Goma auf, 150.000
in Bukavu und 400.000 in Kamanyola.
Seit Mai haben die Vereinigten Staaten weitere 135
Millionen Dollar genehmigt, abgesehen von den vom
Präsidenten am 22. Juli angekündigten 100 Millionen
Dollar. Der Präsident stellte fest, amerikanische
Flugzeuge hätten seit Mai 100 Hilfseinsätze geflogen
und das Verteidigungsministerium habe 50 Schützenpanzer und anderes Gerät für ghanaische
Truppen der UN-Friedensmission bereitgestellt.
Dem Präsidenten zufolge werden mit der Regierung
von Uganda diplomatische Gespräche geführt, die
die Einrichtung eines Hauptquartiers in Entebbe für
Hilfsmissionen in der gesamten Region gestatten
sollen. Präsident Clinton hat das Verteidigungsministerium angewiesen, in Zusammenarbeit mit den
französischen und zairischen Behörden Hilfestellung
für weitere Flüge nach Goma und Bukavu zu leisten
und "Personal und Gerät zur Verfügung zu stellen,
damit diese Flugplätze 24 Stunden lang betrieben
werden können. Unser Ziel ist die schnellstmögliche
Lieferung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und
anderen Gütern an die Notleidenden."

sarin der Vereinten Nationen (UNHCR) als notwendiger Bestandteil für eine Lösung angeführten Schutzzonen übernehmen, einschließlich des Betriebs des
Flughafens, der Wasseraufbereitung und sanitärer
Anlagen.
Lake erklärte vor Journalisten, die Vereinigten Staaten hätten vor dem 7. April, als das Flugzeug des
ruandischen Präsidenten abgeschossen und damit
der Bürgerkrieg in Ruanda ausgelöst wurde, 20
Millionen Dollar an Auslandshilfe für Ruanda gezahlt.
Als der Flüchtlingsstrom im Mai und bis zum letzten
Wochenende zunahm, seien weitere 78 Millionen
Dollar für Flüchtlingshilfe bereitgestellt worden. Am
17. und 18. Juli wurden aus dem Nothilfefonds des
Präsidenten und vom Amt für internationale Entwicklung (Agency for International Development - AID)
zusätzlich 35 Millionen Dollar zugewiesen. Und am
22. Juli gab AID einen weiteren Beitrag von 41,5
Millionen Dollar bekannt. "Insgesamt beläuft sich die
Nothilfe auf 150 Millionen Dollar", stellte Lake fest.
"Dies macht uns bei weitem zum größten Geldgeber
in dieser Krise. Diese Zahlen sind dehnbar, weil die
Menschen jeden Tag einen Beitrag leisten, aber
unseren Berechnungen zufolge machen sie rund 40
Prozent der internationalen Beiträge aus."
Der Stellvertretende Verteidigungsminister John
Deutch fügte hinzu, das Militär werde Transportkosten sowie Bestände an Nahrungsmitteln und Medikamenten im Wert von über 100 Millionen Dollar zur
Verfügung stellen.
Deutchs Aussagen zufolge versteht man unter dem
Betrieb des Flughafens auch die Stationierung von
Flugsicherungsgerät für die Luftbrücke, um den
24stündigen Betrieb der Flugplätze von Goma und
Bukavu zu gewährleisten, sowie die Sicherheit der
Landebahnen. "Wir werden eine logistische Basis in
Entebbe aufbauen, um diese Flugplätze zu bedienen.
Dazu zählt das Entladen von Gerät wie Gabelstapler,
Transportgerät wie Lastwagen und Kommunikationssystemen für alle eintreffenden Lieferungen."

Lake fügte hinzu, die amerikanischen Bestrebungen
"können nicht garantieren, daß jedes Leben gerettet
und jeder Bedarf gedeckt wird". Er stellte jedoch
klar, daß die Vereinigten Staaten "ihr Bestes tun
werden".

Laut Deutch wird der Luftwaffenstützpunkt in Entebbe
"alle Flüge, Güter, Einrichtungen für die Besatzungen,
Lagerhäuser, Feldoperationen sowie den Treibstoff
für alle Flüge kontrollieren" - eine breitgefächerte
Unterstützung, die den Fluß von Lieferungen und
Personal in die Region "entscheidend verbessern
wird". Zu dem in das Gebiet verlagerten Gerät gehört
die Beleuchtung für die Landebahnen, Radar, Speisesäle, Rohre und Pumpen für die Wasserversorgung
sowie Wasseraufbereitungsanlagen von dem amerikanischen Stützpunkt Diego Garcia.

Lake äußerte, die Vereinigten Staaten würden die
Hälfte der acht von der Hohen Flüchtlingskommis-

Deutch erklärte, das Hauptproblem "ist Wasser, um
den weiteren Verlust an Menschenleben zu verhin-

Seite 2

AMERIKA DIENST 29

�dem. Das bedeutet nicht nur die Aufbereitung von
Wasser, sondern die Gewährleistung, daß man es
den Kindern einflößen kann. Wir reden hier über die
Einrichtung einer Wasserversorgung für mindestens
1,2 Millionen Menschen" in Goma. Dies werde Zeit
erfordern, daher unternehme man unverzüglich
Schritte zur Bereitstellung von Gerät zum chlorieren
und Verteilung der 20 Millionen oralen Rehydrationspackungen.
Am 22. Juli 1994 erklärte der Abteilungsleiter für
afrikanische Angelegenheiten im Außenministerium,
George Moose, gegenüber Reportern, die US-Regierung habe "in den vergangenen Tagen und Wochen
regelmäßig mit der Führung in Ruanda - der RPF in Verbindung gestanden".
Er fügte hinzu, das Außenministerium werde David
Rawson, den ehemaligen amerikanischen Botschafter in Ruanda und derzeit Sondergesandten für
Ruanda, nach Kigali entsenden, um "unsere Kontakte zu erleichtern ... vor allem zu den ruandischen

*

AMERIKA DIENST 29

*

Behörden in Kigali, der Ruandischen Patriotischen
Front, zu den Vertretern der UN-Hilfsmission in
Ruanda (U.N. Assistance Mission in Rwanda UNAMIR) und den UN-Angehörigen, um die erforderlichen Bedingungen zur schnellstmöglichen
Rückkehr der Flüchtlinge zu schaffen".
Er forderte die neue Regierung in Ruanda auf,
"andere politische Elemente in Ruanda einzubeziehen, in Kigali eine Regierung auf breiter Basis sowie
kommunale Verwaltungen zu gründen, die den
anderen Ruandern ein Gefühl des Vertrauens vermitteln können". Er drängte ferner auf "die möglichst
baldige Entsendung von UNAMIR, insbesondere in
die Gebiete ... die infolge des Flüchtlingsstroms
entvölkert wurden".
Moose betonte, Rawson habe nicht "die Absicht, die
amerikanische Botschaft in Kigali wiederzueröffnen.
Seine Intention ist, direkte Gespräche und einen
Dialog mit den Behörden vor Ort zu führen. Seine
Empfehlungen und Berichte werden entscheiden, wie
schnell wir unsere Mission wiedereröffnen können."

*

*

Seite 3

�NICHTVERBREITUNG
27. Juli 1994

EXPERTEN AUS DER EHEMALIGEN UDSSR
VERURTEILEN PLUTONIUMSCHMUGGEL
Amerikanisches Seminar über Nichtverbreitung
WASHINGTON - (AD) - Der Diebstahl und Schmuggel selbst kleinster Mengen von hochangereichertem
Uran und Plutonium ist einem Regierungsvertreter
Kasachstans zufolge nicht nur "unklug, sondern
schlicht und einfach dumm".
Dies war die Antwort von Dastan Eleukenow am 19.
Juli 1994 auf Presseberichte, deutsche Behörden
hätten im Mai eine kleine Probe waffenfähigen
Plutoniums beschlagnahmt, das aus einem russischen Atomwaffenbetrieb geschmuggelt wurde. Der
stellvertretende Direktor des kasachischen Instituts
für Strategische Studien sprach auf einer Informationsveranstaltung für die Medien vor der amerikanischen Vereinigung für die Förderung der Wissenschaft (American Association forthe Advancement of
Science - AAAS), die in Zusammenarbeit mit dem
National Security News Service gefördert wurde.
Eleukenow und 11 weitere staatliche und zivile
Sicherheitsexperten der mittleren Ebene aus Belarus, Kasachstan, der Ukraine und Rußland nehmen
an einem von der AAAS geförderten zweiwöchigen
Kurs teil.
Jury Simatchew vom interministeriellen analytischen
Zentrum in Rußland hält Schmuggel für "eine äußerst gravierende Angelegenheit". Rußland erhöhte
ihm zufolge vor kurzem seine Sicherheitsbestimmungen in dem Bestreben, "den möglicherweise unerlaubten Export spaltbaren Materials" zu kontrollieren. Zollbeamte hätten ferner die Kontrollen an den
Grenzübergängen verschärft, stellte er fest.
Der Vertreter des ukrainischen Außenministeriums,
Eugene Scharow, stellte fest, sein Land wolle ein
verläßliches Exportkontrollsystem einführen, um den
erneuten Export oder Transport spaltbarer oder
radioaktiver Materialien aus einem Nachbarstaat
über ukrainisches Territorium zu verhindern.

AMERIKA DIENST 29

Ural Latypow, Forschungsdirektor im Zentrum für
Nichtverbreitung und Exportkontrollen im belarussischen Minsk äußerte, atomarer Terrorismus könne
nur eingedämmt werden, wenn die Zoll- und Strafverfolgungsbeamten der ehemaligen Sowjetunion
"perfekt" zusammenarbeiteten.
Er sprach einen
Vorfall an, bei dem Kriminelle, die Nuklearmaterial "in
einer Handtasche" nach Polen einschmuggeln
wollten, festgenommen wurden. Obwohl das Nuklearmaterial nicht mit Erfolg für die Produktion von
Atomwaffen hätte eingesetzt werden können, so der
Regierungsvertreter, würden seine hochradioaktiven
Elemente eine Gefahr für in seiner Nähe befindliche
Personen darstellen.
Bei der Organisation des Seminars wollte die AAAS
ein Programm anbieten, das sich auf die Formulierung der Sicherheitspolitik in einer Demokratie
konzentriert und sich die Expertise von Vertretern der
Legislative und der Exekutive zunutze macht. Die
AAAS, eine private Organisation, arbeitete mit der
amerikanischen Regierung zusammen, um den
Seminarteilnehmern die Gelegenheit zu geben, etwas
über die verschiedenen wesentlichen Aspekte der
Nichtverbreitungspolitik zu erfahren.
W. Thomas Wander, Direktor des AAAS-Programms
für Wissenschaft und internationale Sicherheit,
zufolge brachte das Projekt die "Klügsten und Besten" aus den Ministerien, Instituten und Medien der
ehemaligen Sowjetunion zusammen.
Von den
Teilnehmern werde nicht erwartet, daß sie das
amerikanische Modell der Rüstungskontrolle und
Nichtverbreitung übernähmen und in ihrem Land
ohne Änderungen "umgehend umsetzten", denn in
vielen Fällen befänden sich ihre Regierungen "in
einer Übergangszeit".
Wander zufolge könnten die Teilnehmer jedoch
Lektionen mit nach Hause nehmen, die die Vereinigten Staaten im Bereich der Nichtverbreitung
bereits gelernt hätten, und sie würden zweifelsohne

Seite 1

�von den während ihres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten geknüpften nationalen und regionalen
Kontakten profitieren. Die Teilnehmer an dem
Programm würden gebeten, in absehbarer Zeit
"analytische und technische Unterstützung" bereitzustellen, während ihre Länder mehrere internationale
Rüstungskontrollverträge umsetzen. Es liege in
jedermans Interesse, so Wander, "das verfügbare
Fachwissen zu erweitern und zu vertiefen", um sich
mit den unterschiedlichen Rüstungskontrollregimen
zu befassen, einschließlich der Chemiewaffenkonvention, dem Raketentechnologiekontrollregime und
dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) von 1968.
In Zusammenhang mit dem Seminar organisierte
das US-Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(U.S. Arms Control and Disarmament Agency ACDA) spezifische Präsentationen zu Themen wie
der Initiative der Clinton-Administration über die
Beendigung der Produktion von spaltbarem Material,
der NW-Verlängerungskonferenz von 1995 und
Bestrebungen zur Nichtverbreitung. Zu den hochrangigen Rednern zählten Vertreter des ACDA, des
Außen-, Enegie-, Verteidigungs- und Wirtschaftsministeriums sowie des Nationalen Sicherheitsrats
und des Amts für vor-Ort-lnspektionen.
Latypow bezeichnete das Seminar als "äußerst
informativ" und erklärte, die AAAS-Initiative werde
"praktische Bedeutung" haben, weil sie zur Vorbereitung von Empfehlungen für den neuen belarussischen Präsidenten über Nichtverbreitung und
Exportkontrollen beitragen werde. Sein erworbenes
Fachwissen werde "direkt in die Erarbeitung" eines
Exportverwaltungsgesetzes für Belarus einfließen.
Yewtchen Scharow, II. Sekretär des Rüstungskontroll- und Abrüstungsdirektorats im ukrainischen
Außenministerium, stellte fest, er habe neue Kontakte, Wissen und "Aussichten auf Zusammenarbeit"
im Bereich der Nichtverbreitung vermittelt bekommen. Das Gelernte sei relevant für seine Aufgabe,
die ukrainische Politik zur Nichtverbreitung sowie
Export- und Raketenkontrollmaßnahmen zu lenken.
Latypow zufolge besteht die "wesentliche" Herausforderung für Belarus im Bereich der Nichtverbreitung im Ausmachen der für die Schaffung eines
effektiven Exportkontrollsystems
erforderlichen
"beträchtlichen Ressourcen", dem Abbau der Waffen

•

Seite 2

*

"auf das optimale Niveau" und der Durchführung der
Rüstungskonversion. Die Verwirklichung dieser Ziele,
erläuterte er, fordere mehr als "guten Willen".
Angesichts der Wirtschaftskrise in Belarus sei es dem
Durchschnittsbürger schwer verständlich zu machen,
warum Geld für die Verschrottung von Panzern
ausgegeben werden sollte, statt den Kindern in
Belarus zu helfen, die bei der Reaktorkatastrophe von
Tschernobyl kontaminiert wurden.
Scharow erklärt, der Beitritt der Urkaine zum N W sei
"für die Ukraine, die Vereinigten Staaten und die
übrige Welt von Bedeutung". Der N W sei dem
Parlament wiederholt zur Ratifizierung vorgelegt
worden, die Abstimmung sei jedoch wegen der
Sicherheitsgarantien verschoben worden.
Der
Regierungsvertreter bezeichnete die Ukraine aber als
"de facto" NW-Mitglied und äußerte, sein Land tue
"alles Erdenkliche", um die Nichtverbreitung und
"Frieden auf der Welt" zu stärken.
Vor dem Ende des Programms trafen die Teilnehmer
am 20. Juli mit Senator Richard Lugar zusammen.
Ellen Cooper, hochrangige AAAS-Kommunikationsbeamtin, erklärte, die Gruppe sei "sehr begeistert"
über das Treffen. Die Teilnehmer wurden über alle
Aspekte des Nunn-Lugar-Gesetzes informiert, das
den ehemaligen Sowjetrepubliken Finanzhilfe gewährt, um eine sichere Zerlegung der Nuklearwaffen
zu gewährleisten.
Vor ihrem Treffen mit Lugar sprachen mehrere
Teilnehmer ausführlich über die Notwendigkeit
zusätzlicher Finanzhilfe, und Latypow stellte fest,
Belarus müsse die Mittel zur Zerlegung von Panzern
finden, Exportkontrollsysteme schaffen und die
Rüstungskonversion durchführen.
Scharow zufolge begrüßt die Ukraine die amerikanische Hilfe durch das Nunn-Lugar-Gesetz, und er
erwartet, daß ähnliche kooperative Bestrebungen für
beide Nationen "von Nutzen" sein werden. Als
Reaktion auf diejenigen im Westen, die denken, die
Abrüstung nuklearer und konventioneller Waffen in
der Ukraine ginge zu langsam voran, erläuterte er,
der Prozesß erfordere beträchtliche Mittel seitens der
Vereinigten Staaten und anderer Länder, und in
Zusammenhang mit der Finanzierung stehende
Faktoren verlangsamten die Durchführung.

*

*

AMERIKA DIENST 29

�PRASIDENTENBIBLIOTHEKEN
27. Juli 1994

DIE PRÄSIDENTENBIBLIOTHEKEN UND -MUSEEN
IN DEN USA
von Lester und Irene David
WASHINGTON - (AD) - Im nachfolgenden Artikel stellen die Verfasser Präsidentenbibliotheken der Vereinigten
Staaten vor - ein einzigartiges System von Museen und Bibliotheken, in denen riesige Sammlungen von
Dokumenten, anderen historischen Materialien und Erinnerungsstücken verwahrt werden, die im
Zusammenhang mit den amerikanischen Präsidenten von Hoover bis Reagan stehen.
Lester David ist freiberuflicher Schriftsteller mit Sitz in New York.

Die Präsidentenbibliotheken der Vereinigten Staaten,
ein einzigartiges System von Museen und Bibliothekskomplexen, ziehen jedes Jahr Millionen Besucher aus dem gesamten Land.an. Mit Hilfe von
Ausstellungen, Tonbandaufnahmen, Erinnerungsstücken und offiziellen Papieren des Weißen Hauses
gewinnt der Besucher einen persönlichen Eindruck
von einigen führenden Politikern und bedeutungsvollsten Ereignissen der jüngsten amerikanischen
Geschichte.
Die Bibliotheken stellen ferner Bildungs- und Forschungszentren dar, in denen Gelehrte aus aller
Welt die umfangreichen Sammlungen von Dokumenten und anderem historischen Material studieren, die
in Zusammenhang mit der Karriere und Administration des Präsidenten stehen.
Am faszinierendsten für den Durchschnittsbesucher
sind die mehr als 200.000 Objekte, die einen Blick
auf das offizielle und Privatleben der Präsidenten der
Nation gewähren. Präsident Kennedys Schaukelstuhl steht in seiner Präsidentenbibliothek. Präsident
Roosevelts geliebte Modelle von Schiffen der USMarine sowie sein besonders ausgerüstetes Auto,
mit dem er über seinen Besitz Hyde Park fuhr,
können ebenso besichtigt werden wie Präsident
Eisenhowers Bilder und Elternhaus.
Zur Zeit gibt es in den Vereinigten Staaten neun
derartige Zentren, von denen sich jedes auf die
Administration eines Präsidenten konzentriert - von
Herbert Hoover (1929-33) bis Ronald Reagan (198188). Eine zehnte Präsidentenbibliothek mit ange-

AMERIKA DIENST 29

schlossenem Museum zu Ehren von George Bush
befindet sich noch in der Planungsphase.
Die Bibliotheken fallen in den Zuständigkeitsbereich
der Nationale Archives and Records Administration in
der Bundeshauptstadt Washington. Jede hat einen
eigenen Direktor und einen Stab von Archivaren,
Bibliothekaren sowie audiovisuellen und Museumsspezialisten. Die Gelder für die Anlagen und den
Bau der Museen werden von privaten Stiftungen und
Anhängern des Präsidenten aufgebracht, die das
Projekt später an die Regierung der Vereinigten
Staaten übergeben. Die Bibliotheken befinden sich
in dem Landesteil, der für den jeweiligen Präsidenten
eine besondere Rolle spielte.
Historisch gesehen zählen die Akten aus dem Weißen Haus zu den wichtigsten Materialien, denn sie
geben Aufschlüsse über die innen- und außenpolitischen Aktivitäten des Präsidenten.
Unter dem vom Kongreß im Jahr 1978 angenommenen Gesetz über die Unterlagen des Präsidenten
gehören alle nach dem 20. Januar 1981 erstellten
Aufzeichnungen der Regierung der Vereinigten
Staaten. Der Archivar ist angewiesen, direkt nach
Beendigung der Amtszeit des Präsidenten die Akten
in Besitz zu nehmen und in einer Bibliothek oder
ähnlichen Einrichtung zu verwahren. Die Papiere
Ronald Reagans waren die ersten, die unter dieses
Gesetz fielen.
Die Einrichtung des Bibliothekssystems ging auf
Franklin D. Roosevelt (1933-45) zurück, nach dessen
Überzeugung im Zusammenhang mit der Präsident-

Seite 1

�schaff stehende Materialien wissenschaftlicher
Forschung zugänglich sein sollten. Ende der dreißiger Jahre machte er den Vorschlag gemeinsamer
Bestrebungen staatlicher und privater Träger zur
Errichtung einer Roosevelt-Bibliothek, dem der
Kongreß zustimmte.
Seine Freunde riefen eine gemeinnützige Gesellschaft ins Leben, die Gelder für den Bau der 1940
vollendeten Bibliothek beschaffte. Anschließend
stiftete Roosevelt seine Papiere, Bücher und Sammlungen der Regierung zur Verwahrung in dieser
Bibliothek.
Nachfolgend wurden acht weitere Präsidentenbibliotheken eröffnet: 1957 für Harry S. Truman, 1962 für
Herbert Hoover, 1962 für Dwight D. Eisenhower,
1971 für Lyndon Baines Johnson, 1979 für John F.
Kennedy, 1980 für Gerald R. Ford, 1986 für Jimmy
Carter und 1991 für Ronald Reagan. Die 1990
eröffnete Richard M. Nixon-Bibliothek wurde wie die
anderen Einrichtungen durch private Spenden
finanziert, wird jedoch nicht von staatlicher, sondern
von privater Seite erhalten.
Da Präsident Roosevelt diese Institutionen ins Leben
rief, ist es angebracht, daß wir unsere Präsentation
von Präsidentenbibliotheken mit der ihm gewidmeten
Einrichtung beginnen, der Franklin D. Roosevelt
Library and Museum.
Die Gedenkstätte für den 32. Präsidenten liegt auf
dem Hyde Park-Gelände mit Blick auf den Hudson
River, wo Roosevelt geboren wurde und aufwuchs weniger als 145 Kilometer von New York entfernt.
Die mit aus der Gegend stammenden Steinen
verkleidete Bibliothek erinnert an die alten Bauernhöfe des Hudson Valley. In etwa 180 Meter Entfernung befindet sich das alte dreistöckige Haus der
Familie Roosevelt. Die Besucher haben Zugang zu
vielen der 30 Räume, darunter auch Franklins
Schlafzimmer, in dem sein bekanntes langes dunkles
Marinecape hängt.
Zwischen Wohnhaus und Bibliothek liegt der Rosengarten, wo die Gräber von Franklin und seiner
Ehefrau Eleanor mit zwei Grabsteinen gekennzeichnet sind.
Am Museumseingang stößt der Besucher auf den
von Roosevelt im Oval Office benutzten Mahagonischreibtisch. Dahinter ist auf einer Holztafel der
Amtseid zu lesen, den er viermal als Präsident
ablegte.
Weitere Ausstellungsstücke sind das
Modell eines aus dem 19. Jahrhundert stammenden
holländischen Soldaten (ein Geschenk der niederländischen Regierung) sowie Briefe von Familienmit-

Seite 2

gliedern, Fotos, Redetexte, Regierungsdokumente
und offizielle Korrespondenz.
Die Besucher können das Original von Franklin D.
Roosevelts Erklärung zu Bedeutung und Ziel des
historischen Sozialversicherungsgesetzes lesen einem Schlüsselelement seines "New Deal". Es sah
für Arbeitnehmer und ihre Angehörigen eine Rente
vor und stellte einen Schutz für Familien im Falle von
Tod oder Berufsunfähigkeit ihres Ernährers dar. Das
im August 1935 erlassene Gesetz wurde mit den
Jahren beträchtlich erweitert.
Zu sehen ist auch die Botschaft Roosevelts an den
Kongreß vom 8. Dezember 1941, in der er nach dem
Angriff auf Pearl Harbor die Kriegserklärung gegen
Japan forderte, sowie ein an ihn gerichteter Brief
Albert Einsteins, in dem dieser ihn dringlich zur
Überprüfung der Nutzung atomarer Energie beim Bau
von Kriegswaffen auffordert.
1972 wurden zwei Eleanor Roosevelt gewidmete
Flügel angebaut. Eine Galerie zeigt eine Vielzahl von
Fotos der Präsidentengattin während und nach ihrer
Zeit im Weißen Haus sowie eine Auswahl von ihr
getragener Kleider. Den Forschern stehen über
40.000 Bücher, eine große Sammlung von Fotos,
audiovisuelles Material sowie die Privatsammlung des
Präsidenten von Gegenständen der Marine zur
Verfügung.
Die 1962 in West Branch (Iowa) eröffnete Herbert
Hoover Presidential Library and Museum umfaßt
das Landhaus, in dem der 31. Präsident der Vereinigten Staaten geboren wurde, die Schmiede
seines Vaters, die von ihm als Junge besuchte
Schule sowie seine Grabstätte. Zu den Museumsstücken aus seiner Amtszeit (1929-33) gehören
Dokumente seiner bemerkenswerten Fähigkeiten als
Verwalter von Nahrungsmitteln vor und nach dem
Ersten Weltkrieg, durch die er Tausende von Belgiern
vor dem Hungertod bewahrte, seiner Abrüstungsbestrebungen nach dem Krieg sowie seiner Arbeit an
der Verbesserung der Beziehungen seines Landes zu
Lateinamerika.
In der Stadt Independence, nahe der Westgrenze von
Missouri, steht die Harry S. Truman Library and
Museum in nur kurzer Entfernung vom Wohnhaus
des 33. Präsidenten der Vereinigten Staaten (194553). Während der letzten zehn Jahre seines Lebens
ging Truman fast täglich zu Fuß in sein Büro in dem
Gebäudekomplex - und versetzte oft die Besucher in
Erstaunen, indem er ihnen eine persönliche Führung
bot.
Er zeigte ihnen eine Nachbildung seines Büros im
Weißen Haus, wo seine auf Tonband aufgezeichnete

AMERIKA DIENST 29

�Stimme ihnen den Raum beschrieb, führte sie zu
dem Tisch, an dem am 26. Juni 1945 die Charta der
Vereinten Nationen unterzeichnet wurde und präsentierte die unter seiner Präsidentschaft zusammengetragene große Porzellan- und Gemäldesammlung
des Weißen Hauses.
Höhepunkte der Ausstellung von Briefen, Dokumenten und Fotografien sind zwei Ereignisse der Weltgeschichte von großer Tragweite: Das von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China am 26.
Juli 1945 unterzeichnete Potsdamer Abkommen, das
die Japan im Zweiten Weltkrieg angebotenen Kapitulationsbedingungen darlegt, der Abwurf der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945 und drei
Tage später auf Nagasaki - der erste Einsatz dieser
Waffe im Krieg - sowie die während des Koreakrieges geschlagenen Schlachten.
Der Besucher erhält einen Blick auf das Klavier, das
Präsident Truman im Weißen Haus spielte, auf
Staatsgeschenke, das silberne Service vom
Schlachtschiff U.S.S. Missouri sowie Filme und Dias,
die im Laufe des Tages mehrmals vorgestellt werden.
Inmitten der Weizenfelder von Kansas, im Mittelwesten Amerikas, liegt die geschichtsträchtige Kleinstadt Abilene. In den Anfangsjahren der Nation war
sie die Hauptstadt des Viehhandels. Etwa anderthalb Kilometer vom Geschäftsviertel der Stadt
entfernt liegt das Eisenhower Center, eine Erinnerung an den 34. Präsidenten (1953-62), Dwight
David Eisenhower.
"Ike", der im Zweiten Weltkrieg den Oberbefehl über
die Streitkräfte der Alliierten in Europa führte, wuchs
hier in einem kleinen, bescheiden eingerichteten
Haus mit seinen Eltern und fünf Brüdern auf. Da er
dem Land verbunden ist, wählte er Abilene als
Standort der Bibliothek und des Museums aus, die
seiner Leistungen im Dienste der Vereinigten Staaten sowie als Alliierter Oberkommandierender
gedenken.
Der sich über fast neun Hektar erstreckende Komplex besteht aus fünf Gebäuden: der Bibliothek,
dem Museum, dem Heim der Familie Eisenhower,
einer Kapelle und einem Besucherzentrum.
Die Bibliothek mit ihren prächtigen Wänden aus
italienischem und französischem Marmor enthält
Millionen von Papieren, Büchern und anderen
historischen Materialien, ein Fotolabor sowie ein
Auditorium für spezielle Seminare und Vorlesungen.
Jenseits der weiträumigen Rasenfläche liegt das
Museum, ein imposantes Gebäude aus Kalkstein

AMERIKA DIENST 29

aus Kansas. Beim Betreten der Haupthalle sieht sich
der Besucher einer Reihe großer Bilder gegenüber,
die das Leben und die Karriere des Generals darstellen. In den fünf Galerien, die vom Mittelpunkt des
Museums ausgehen, befinden sich die Ausstellungsstücke, durch die sich der Besucher selbst einen Weg
durch Ikes Karriere von der Kindheit zum Präsidentenamt bahnen kann.
Nachfolgend einige Beispiele für das in den Galerien
Ausgestellte: Ikes Schulbank; die von ihm bei den
Football-Spielen in West Point getragene Uniform der Militärakademie, die er mit dem Rang eines
Leutnants verließ; die "Eisenhower-Jacke", die er
selbst entwarf, und die von ihm und den amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg getragen
wurde; ein Modell des von den amerikanischen
Streitkräften bei der Invasion in der Normandie am 6.
Juni 1944 verwendeten Landungsbootes der Infanterie; sein Befehlsfahrzeug; Eisenhowers handschriftlicher Bericht über das Ende des Krieges in Europa,
der besagt: "Die Mission der alliierten Streitkräfte
wurde am 7. Mai 1945 um 3.00 Uhr Ortszeit erfüllt."
Unterzeichnet "Eisenhower".
Nahe des Westteils des Zentrums liegt eine kleine,
konfessionsübergreifende Kapelle, die den Namen
"Meditationsort" trägt. In ihr wurden Eisenhower und
seine Ehefrau Mamie begraben. Ihre letzte Ruhestätte ist mit Bronzeplaketten gekennzeichnet. Einige
hundert Meter entfernt liegt das Haus der Familie,
eine einfache Fachwerkkonstruktion, in der die
Eisenhowers von 1898 bis 1946 wohnten. Die Möbel
und andere Einrichtungsgegenstände sind genauso
angeordnet wie zum Zeitpunkt des Todes von Eisenhowers Mutter im Alter von 84 Jahren. Im Besucherzentrum gibt ein Film einen Überblick über Eisenhowers Leben und Werk sowie über den gesamten
Bibliotheks- und Museumskomplex.
Die John Fitzgerald Kennedy Library liegt im
Süden von Boston (Massachusetts). Das strenge
weiße Gebäude mit seinem 23 Meter hohen Glaspavillon hat seit seiner Eröffnung im Jahr 1979 mehr als
3,5 Millionen Besucher angezogen. Das Denkmal für
den ermordeten 35. Präsidenten der Vereinigten
Staaten (1961-63) befindet sich in einer parkähnlichen Landschaft mit Dünengras, Kiefern und wilden
Rosen, die einen Blick auf das ruhige Wasser von
Boston Harbor gestattet.
Vor dem Gebäude steht das Segelboot, das Kennedy
so gerne durch die Gewässer nahe des Familienbesitzes von Hyannis Port in Cape Cod, südöstlich
von Boston steuerte. Im Haus können die Besucher
einen 30minütigen biographischen Film, "John F.
Kennedy 1917-1963" sehen, der von der Familie
Kennedy extra für diese Bibliothek produziert wurde.

Seite 3

�Häufig werden Auszüge aus den 64 von Kennedy
abgehaltenen Pressekonferenzen gezeigt, viele
davon Muster an Witz und Geist.
Die Mutter des Präsidenten, Rose, zeichnete ihre
Erinnerungen an Kennedys frühe Jahre auf, und
während des ganzen Tages läuft ein kurzer Dokumentarfilm über das Leben des verstorbenen Robert
Kennedy, der in der Administration seines Bruders
als Justizminister tätig war.
Mittelpunkt des Museums ist ein nachgebauter Teil
des Oval Office, wie es unter Kennedy aussah. Er
umfaßt eine Reproduktion seines Schreibtisches, der
auch von den Präsidenten Ford, Carter und Nixon
benutzt wurde. Der Schreibtisch sieht genauso aus
wie Kennedy ihn am 21. November 1963 zum
letzten Mal verlassen hatte. Sein von seinen Mitarbeitern vorbereiteter Terminkalender besagt, daß
er um 10.45 Uhr jenes Tages per Hubschrauber von
der Südseite des in 12minütiger Entfernung liegenden Luftwaffenstützpunktes Andrew nach Texas
fliegen sollte. Am folgenden Tag wurde Präsident
Kennedy auf seiner Fahrt durch die Straßen von
Dallas ermordet.
Neben den in der Bibliothek enthaltenen Dokumenten des Präsidenten können Forscherund Studenten
die Transkripte von über 1.000 mündlichen Berichten
lesen - Interviews mit den Männern und Frauen,
deren Lebensweg sich zu einem Zeitpunkt mit dem
John F. Kennedys kreuzte.
Auf dem Campus der University of Texas in Austin,
der Hauptstadt des Bundesstaates, liegen die Lyndon Baines Johnson Library and Museum.
Lyndon B. Johnson hatte von 1963 bis 1969 das
Präsidentenamt inne. In der fünf Stockwerke des
achtstöckigen Gebäudes umfassenden Bibliothek
lagern 35 Millionen historische Dokumente. In den
anderen drei Stockwerken befindet sich das Museum.
Zu den Ausstellungsstücken zählen Anstecknadeln,
Poster und andere Erinnerungen an Johnsons
Wahlkämpfe um einen Sitz im Repräsentantenhaus
und später im Senat. Emotionen werden bei den
Stücken wach, die die Übernahme der Verantwortung durch den neuen Präsidenten zeigen, während
eine erschütterte Nation den Tod John F. Kennedys
betrauert.
Johnsons Programm für sozialen Wandel wird
illustriert, das Engagement für Bürgerrechte und
Gesetze zur Bekämpfung der Armut umfaßt. Auf der
anderen Seite der Welt entflammte ein kleiner,
schwelender Krieg im südostasiatischen Vietnam,
der die Nation spaltete. Durch die Verschärfung des

Seite 4

Konflikts schwand Johnsons Popularität, und als sich
die Unzufriedenheit rapide vergrößerte, gab der
Präsident seinen Verzicht auf eine zweite Kandidatur
im Jahr 1968 bekannt. Die gesamte Geschichte
jener dramatischen Jahre wird gezeigt.
In der Nähe des Eingangs befindet sich eine Pylone
aus Granit, auf deren vier Seiten Zitate aus Johnsons
Reden eingraviert sind. Eines davon war sein Credo:
"Ich bin der persönlichen Philosophie gefolgt, daß ich
ein freier Mann, ein Amerikaner, Staatsdiener und
Mitglied meiner Partei bin - immer und ausschließlich
in dieser Reihenfolge."
Die Richard Nixon Library and Birthplace an
seinem Geburtsort Yorba Linda im südlichen Kalifornien wurde 1990 eröffnet. Der 48 Kilometer östlich
von Los Angeles gelegene 3,6 Hektar große Komplex
umfaßt drei im spanischen Stil erbaute, ein Bassin
umgebende rosafarbene Sandsteingebäude sowie ein
in der Nähe gelegenes einfaches, weißes, mit Schindeln gedecktes Bauernhaus, in dem Nixon geboren
wurde.
Zu der Ausstellung über seine Jahre im Weißen Haus
(1969-74) gehören Dokumente über die Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China, die
Watergate-Affaire sowie der nachfolgende Rücktritt
des Präsidenten. Durch audiovisuelle Mittel erhält
der Besucher einen genauen Einblick in die während
der Nixon-Administration stattfindenden historischen
Ereignisse.
Eine außergewöhnliche Ausstellung gestattet dem
Besucher sich vorzustellen, er nehme während der
Amtszeit Nixons im Weißen Haus an einem Empfang
für 10 Staats- und Regierungschefs teil. Lebensgroße Statuen von Chou En-lai und Mao Tse-tung,
Leonid Breschnew und Nikita Chruschtschow, Anwar
Sadat, Winston Churchill, Charles de Gaulle, Golda
Meir, Konrad Adenauer und Yoshida Shigeru laden
den Besucher ein, einen Knopf zu betätigen und sich
die auf Band aufgenommenen Ansichten dieser
Persönlichkeiten über Nixon anzuhören.
In einem anderen Teil des Museums enthalten
Glasvitrinen Erinnerungsstücke aus dem Besitz der
ehemaligen First Lady Pat Nixon, einschließlich einer
hellblauen, perlenbesetzten Robe, die sie 1973 bei
dem Ball aus Anlaß der Amtseinführung ihres Mannes trug.
Nahe der Bibliothek liegt Nixons Geburtshaus, das
sein Vater selbst gebaut hatte. Darin befindet sich
das Bett, in dem Nixon geboren wurde, sein Kleiderschrank, Kinderstuhl und Klavier. Nixon, der mit
seinen drei Brüdern ein Schlafzimmer im Oberge-

AMERIKA DIENST 29

�schoß teilte, zeichnete seine Erinnerungen an jene
Jugendtage auf Band auf, das von den Besuchern
abgehört werden kann.
Die Gerald R. Ford Library and Museum ist die
einzige Präsidentenbibliothek, deren Forschungsabteilung, Archive und Ausstellungsflächen auf zwei
Städte verteilt sind. Die beiden in Michigan, seinem
Heimatstaat befindlichen Gebäude, liegen etwa 280
Kilometer voneinander entfernt.
Die Bibliothek, ein zweistöckiges modernes Bauwerk
aus Bronze und Glas, liegt auf dem nördlichen
Campus der University of Michigan in Ann Arbor, wo
der 38. Präsident der Vereinigten Staaten (1974-77)
Star des Football-Teams war. Zu ihren Beständen
zählen 15 Millionen Seiten Dokumentation, 213.000
Meter Film und 275 Fotos, einschließlich einer 1975
in Peking bei einer Truppenbesichtigung gemachten
Aufnahme mit dem Stellvertretenden Parteivorsitzenden Deng Xiaoping sowie eines Fotos der First Lady
Betty Ford, die barfuß mit einer Kinderballettgruppe
tanzt. Präsident Ford war ein Sammler. In der
Bibliothek befinden sich 69 Bände mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Auszeichnungen und Briefen von
Prominenten, die Zeugnis seiner politischen Karriere
und seines Lebens mit Frau und Kindern geben.
Das Museum liegt am Westufer des Grand in Grand
Rapids. Das zweistöckige Gebäude aus Sandstrahlbeton ist in Form eines Dreiecks gebaut, und seine
91 Meter hohe Glaswand spiegelt den Fluß und die
Stadt wider. Die Museumstour beginnt mit einem
Film "Gerald R. Ford - eine wiederhergestellte Präsidentschaft". Unter den Ausstellungsstücken befindet
sich eine Nachbildung seines Oval Office, eine Wand
mit Karikaturen über den Gesetzgebungsprozeß in
den Vereinigten Staaten sowie eine Erörterung
seiner Amnestie für Richard Nixon.
Im Carter Presidential Center in Atlanta (Georgia)
können die Museumsbesucher an einer nachgestellten Stadtversammlung teilnehmen, bei der der
Präsident selbst die Fragen beantwortet. Durch
Knopfdruck wird ein Diskussionsthema ausgewählt,
beispielsweise Außenpolitik, Wirtschaft, Umwelt oder
das Leben im Weißen Haus. Durch weiteren Knopfdruck erscheint eine Auswahl von Fragen zu dem
Thema. Der Besucher wählt die Fragen aus, deren
Beantwortung er wünscht. Ein auf einem Fernsehschirm erscheinender Schauspieler richtet die Frage
an Carter, der auf einem großen Bildschirm seine
vorher aufgenommene Antwort gibt. Die von den
Mitarbeitern des Museums ausgearbeiteten mehr als
200 Fragen beziehen sich auf alle Bereiche von
Carters Präsidentschaft.

AMERIKA DIENST 29

Das Carter Center liegt etwa 160 Kilometer nördlich
der Kleinstadt Plains, in der Carter vor seiner Amtszeit im Weißen Haus lebte und derzeit immer noch
wohnt. In dem langgestreckten, niedrigen, modernen
Gebäude befindet sich auch das Carter Center der
Emory University in Atlanta, einer der führenden
höheren Bildungsstätten des Südens. Das Center
stellt eine Art 'Denkfabrik' dar, in der Akademiker und
führende Politiker Fragen erörtern, die für den ehemaligen Präsidenten Carter von Interesse sind.
Ansässig ist dort auch Global 2000 Inc., eine mit der
Erforschung von Krankheiten und landwirtschaftlichen
Problemen in der Dritten Welt befaßte Organisation.
Vor dem Eingang zu der Bibliothek befindet sich ein
großes Bassin; auf jeder Seite der in das Gebäude
führenden Eingangshalle hängen gerahmte Fotos von
Carter. Ein 30minütiger Film erläutert die Rolle des
amerikanischen Präsidenten. Eine Ausstellung zu
den großen Themen der Präsidenten des 20. Jahrhunderts - von Theodore Roosevelt bis Carter macht darauf aufmerksam, daß jeder Amtsinhaber mit
den gleichen Problemen von Krieg und Frieden,
Wirtschaft und Umwelt konfrontiert war.
Am Ende der Halle ist eine Nachbildung des Oval
Office unter Carters Amtszeit (1977-81) in Originalgröße zu sehen. Auf seinem Schreibtisch liegen
unter anderem seine Bibel, ein Esel aus Glas (Symbol der Demokratischen Partei) sowie eine Plakette
von Vizeadmiral Hyman G. Rickover, der für die

Entwicklung der amerikanischen
verantwortlich war.

Atom-U-Boote

In einer Rotunde sind Dokumente und Videokassetten mit den Hauptereignissen von Carters Präsidentschaft zu besichtigen - die Abkommen von Camp
David, der Panamakanal-Vertrag sowie die Normalisierung der Beziehungen zu China.
An der Westküste, 65 Kilometer nordwestlich des
Stadtkerns von Los Angeles (Kalifornien), liegt das 40
Hektar große Gelände der Ronald Reagan Library.
Der ehemalige Präsident (1981-89), einstiger Gouverneur von Kalifornien und Hollywood-Star, lebt jetzt mit
seiner Frau Nancy in einem Vorort von Los Angeles.
Die auf einem Hügel im West Simi Valley gelegene
Bibliothek bietet einen weiten Blick über die Landschaft und die Channel Islands. Das dem Stil der
spanischen Missionen im alten Kalifornien ähnelnde
Gebäude ist in Hufeisenform um einen Innenhof
gebaut. Es hat vier Stockwerke - zwei über der Erde
für die Bibliothek, das Museum sowie Büroräume und
zwei unter der Erde für die Lagerung von Dokumenten und Exponaten. Es stehen eine Präsidentensuite
mit Büros sowie Konferenzräume zur Verfügung.

Seite 5

�Die Bibliothek und das Museum enthalten die
Papiere der beiden Amtszeiten Reagans sowie
zahlreiche Ausstellungsstücke, einschließlich Staatsgeschenken und Videoaufzeichnungen von Reagans
Pressekonferenzen.
Derzeit wird die George Bush Presidential Library
geplant, die auf dem Campus der Texas A &amp; M
University, College Station, in Texas gebaut und
wahrscheinlich 1996 eröffnet werden soll.
* *

Durch umfassende Dokumentation, Bücher, Filme
und zahlreiche historische und kulturelle Ausstellungen ermöglichen diese in herrlicher Umgebung
gelegenen außergewöhnlichen Bibliotheken ein
besseres Verständnis dessen, was als das die größte
Herausforderung darstellende Amt der Erde bezeichnet wird - die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten.

* *

*

V

Seite 6

AMERIKA DIENST 29

�THEMENINDEX
27. Juli 1994

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1994

Abrüstung

14

AIDS

17, 24

Arbeitswelt

8,9, 10, 11, 23

Außenpolitik

Sonderdienst (1 O.Jan), 2, 3, 4, 9, 12, 13, 18, 21, 22, 28

Auslandshilfe

9

Bevölkerung

9, 26

Bosnien

6, 7 , 8 , 9 , 10, 11, 12, 14, 15, 16, 22

Business Information Center

4

Chemiewaffen

13

Clinton-Bilanz

1

Clinton-Jahresbilanz

5

D-Day

22

Drogen

8

Eindämmung

11

Einwanderung

27

Exportkontrollen

14

Film

2,8, 13, 17

Friedensoperationen

19

Fulbright

5, 18

Fußball

17, 18, 19, 20

G-7

27

GATT

8, 15

Handel

7, 10, 20

Haushalt

7

4. Juli

25

Jacqueline Kennedy Onassis

20

Kongress

4

Kriegsverbrechen

15

AMERIKA DIENST 29

Seite 1

�KSZE

9

Lage der Nation

4

Landminen

20

Literatur

1

Martin Luther King

2

Menschenrechte

14, 16

Menschenversuche

2

NAFTA

26

Naher Osten

9,12,18,20,29

NATO

2, 21

Neue Traditionen

7

Nichtverbreitung

29

Richard Nixon

16

Nordkorea

13,22

Partnerschaft für Frieden

1, 23, 25

Porträt

1,4,19,25,26

Präsidentenbesuch

27

Präsidentenbibliotheken

29

Rassendiskriminierung

19

Raumfahrt

28

Ruanda

29

Rußlandhilfe

3, 5

Rüstungskontrolle

21

Sicherheit

29

Sport

21, 22

Südafrika

17, 18

Terrorismus

19

Umfrage

5

Umwelt

17, 19

UNO

13

USA-China

22

USA-Deutschland

6, 11

USA-Europa

23

USA-Ostasien

24

USA-Rußland

25

USIA

20,24

US-Militär

1

Seite 2

AMERIKA DIENST 29

�Verbrechensbekämpfung

19,26

Vereinte Nationen

1

Verteidigung

6, 12

Warfen

20

Wirtschaft

5, 23, 24, 28

* * * *

AMERIKA DIENST 29

*

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12145">
                <text>27.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12146">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12147">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12148">
                <text>Amerikadienst 27.07.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12149">
                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Israel und Jordanien geloben "dauerhaften" Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Washingtoner Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sicherheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die nationale Sicherheitsstrategie der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Ruanda&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton ordnet massive Aufstockung der Hilfe für ruandische Flüchtlinge an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Reaktion der Vereinigten Staaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Experten aus der ehemaligen UDSSR verurteilen Plutoniumschmuggel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanisches Seminar über Nichtverbreitung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Präsidentenbibliotheken&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Präsidentenbibliotheken und -museen in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lester und Irene David&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Themenindex&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;1. Halbjahr 1994&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2362" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2373">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/80e742bf117ab6b9230c1dbc23479fef.pdf</src>
        <authentication>fe6fbc21e419a074658c0c47a1ace7a8</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12156">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

3. August 1994

30

WIRTSCHAFT

TALBOTT FORMULIERT ENGAGEMENT DER
USA FÜR APEC, ASEAN UND GATT NEU
Eröffnungsansprache bei der
ASEAN-Konferenz

HAITI

USA BEREIT ZUR FÜHRUNG
MULTINATIONALER TRUPPE IN HAITI
Rede von Botschafterin Albright

KRIEGSVERBRECHEN

ERSTE ANKLAGEN BIS DEZEMBER
ERWARTET
Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf

ARBEITSMARKT

ARBEITSPLATZE IN DER NEUEN
VOLKSWIRTSCHAFT
von Peter F. Drucker

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�WIRTSCHAFT
3. August 1994

TALBOTT FORMULIERT ENGAGEMENT DER USA
FÜR APEC, ASEAN UND GATT NEU
Eröffnungsansprache bei der ASEAN-Konferenz
BANGKOK - (AD) - "Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zum Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche
Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation - APEC) als Katalysator für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der asiatisch-pazifischen Region, und wir betrachten den Verband Südostasiatischer Nationen
(Association of South-East Asian Nations - ASEAN) als das Kernstück des APEC", erklärte der Staatssekretär
im Außenministerium Strobe Talbott am 26. Juli 1994 bei der ASEAN-Ministerkonferenz.
In seiner Eröffnungsansprache stellte Talbott ferner fest: "Ob es uns gefällt oder nicht, die Strömungen von
Wirtschaft, Technologie und Kultur tragen uns unaufhaltsam zu wirtschaftlicher Integration."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Staatssekretär Talbott.

Es ist mir eine große Ehre, die Vereinigten Staaten
bei der ASEAN-Ministerkonferenz vertreten zu
dürfen. Außenminister Christopher bedauert außerordentlich, daß er nicht anwesend sein kann, aber er
sieht einem Zusammentreffen mit vielen von Ihnen
bei der UN-Generalversammlung im September und
bei seiner Reise mit Präsident Clinton nach Jakarta
im November erwartungsvoll entgegen.
Im Namen der gesamten amerikanischen Delegation,
insbesondere Joan Spero, unserem Staatssekretär
im Außenministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten, und Botschafter Winston Lord, unserem
Abteilungsleiter im Außenministerium für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten, möchte ich
Seiner Majestät König Bhumibol, Ministerpräsident
Chuan, Außenminister Prasong und den Thailändern
für diese Veranstaltung danken. Wir könnten keine
besseren Gastgeber haben.
Anfang dieses Monats forderte Präsident Clinton
eine Erneuerung der großartigen Institutionen der
globalen Zusammenarbeit, die nach dem Zweiten
Weltkrieg entstanden sind. Er bat die Leiter dieser
Institutionen, sich darauf zu konzentrieren, "wie wir
in 20 Jahren aussehen wollen, und was wir unternehmen müssen, um das zu verwirklichen."
Heute möchte ich den Vorschlag des Präsidenten
zur Erweiterung und Stärkung der Architektur der
internationalen Zusammenarbeit näher erläutern und
das Engagement der Vereinigten Staaten für die in
Asien bereits begonnene Arbeit unterstreichen, eine

AMERIKA DIENST 30

neue Grundlage für Frieden, Wohlstand und Demokratie in der Region zu erarbeiten.
Wir betrachten den ASEAN als das Kernstück dieser
vielversprechenden Bestrebungen.
Seit seiner
Gründung im Jahr 1967 hat der ASEAN die Fähigkeit
zur Entwicklung und Erweiterung bewiesen, um sich
wandelnden Erfordernissen und Umständen gerecht
zu werden. Das vom ASEAN abgedeckte ThemenSpektrum umfaßt inzwischen praktisch alle Bereiche
der Politik, von der internationalen Flüchtlingsproblematik über Drogenhandel, Handelsliberalisierung und
Transportwesen bis zu regionaler und internationaler
Sicherheit. Entsprechend hat auch die Zahl der
Teilnehmer an ASEAN-Foren zugenommen. Das
gestrige Treffen des regionalen ASEAN-Forums war
ein historisches Ereignis.
Mit einer erweiterten
Mitgliedschaft, zu der jetzt auch China, Laos, PapuaNeuguinea, Rußland und Vietnam zählen, war das
gestrige Treffen der erste umfassende Sicherheitsdialog der Region.
Meine Kollegen und ich waren von der Tiefe und dem
Umfang der Diskussion außerordentlich beeindruckt beeindruckt, aber nicht überrascht, denn ich hatte
eine ähnliche Reaktion auf den Dialog zwischen dem
ASEAN und den Vereinigten Staaten, der im Mai in
Washington stattfand. Bei diesem Treffen befaßte
man sich mit einer großen Bandbreite von wirtschaftlichen und politischen Themen, einschließlich Gebieten
wie dem Nahen Osten und Bosnien.

Seite 1

�Zum ersten Mal hat sich der Koordinierungsausschuß für Handel und Investitionen in diesem Jahr in
Washington an dem Dialog beteiligt. Infolgedessen
konnten zahlreiche hochrangige Vertreter aus dem
Privatsektor teilnehmen - sowohl vom ASEAN als
auch aus den Vereinigten Staaten.
Die Rolle des ASEAN bei der Förderung von Diskussion und Zusammenarbeit im öffentlichen und privaten Sektor wird angesichts der zunehmenden Interdependenz von Gemeinschaften in Asien - und auf
der ganzen Welt - mehr und mehr erforderlich.
Während wir uns dem 21. Jahrhundert nähern, sind
wir mit einem breiten Spektrum von Problemen
konfrontiert, die nationale Grenzen überschreiten.
Dazu zählen Bevölkerungsfragen, das Potential für
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
illegale Herstellung von Drogen und Drogenhandel,
die Ausbreitung von AIDS und anderen Krankheiten
sowie die Zerstörung der Umwelt. Diesen transnationalen Problemen liegt die Notwendigkeit zugrunde, die globale Revolution im Technologiebereich, Kommunikations- und Transportwesen in einer
Weise zu bewältigen, die Wirtschaftswachstum
unterstützt. Obwohl diese neuen Technologien uns
dabei behilflich sein werden, die von mir gerade
erwähnten Probleme zu meistern, werden sie auch
große Veränderungen in unseren Gesellschaften und
unseren Verhaltensmustern bewirken. Ob es uns
gefällt oder nicht, die Strömungen von Wirtschaft,
Technologie und Kultur tragen uns unaufhaltsam zu
wirtschaftlicher Integration. Wenn wir unsere kooperativen Bestrebungen in Asien und darüber hinaus
fortsetzen und verbessern, können wir die Vorteile
von Wohlstand und sozialer Entwicklung für alle
unsere Völker verwirklichen.
Im Juli letzten Jahres versprach Präsident Clinton,
daß die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten
und Freunden zusammenarbeiten würden, um eine
"neue pazifische Gemeinschaft" auf der Grundlage
von drei gemeinsamen Verpflichtungen zu schaffen:
Der Verpflichtung zu Sicherheit, Wirtschaftswachstum und demokratischen Werten. Vor dem Hintergrund des jüngsten Appells meines Präsidenten für
eine Erneuerung unserer bilateralen und multilateralen Partnerschaften möchte ich mit Ihnen die in den
vergangenen zwölf Monaten in jedem dieser Bereiche erzielten Fortschritte bewerten und dann erörtern, wie wir weiter vorgehen könnten.
Sicherheit
Das Ende des Kalten Krieges hat historische Chancen für den Abbau von Spannungen geschaffen.
Rußland, das bis vor kurzem als Hauptbedrohung
der regionalen Sicherheit in Asien angesehen wurde,

Seite 2

ist jetzt auf einem reformistischen Kurs auch im
Hinblick auf seine Beziehungen zu anderen Staaten.
In diesem Frühjahr hat meine Regierung ein historisches Abkommen mit Vietnam geschlossen, um
Verbindungsbüros in Hanoi und Washington einzurichten, möglichst genaue Angaben über die
amerikanischen Vermißten sicherzustellen und den
Prozeß der Erweiterung der Beziehungen zwischen
unseren beiden Ländern zu beginnen.
Wie Präsident Clinton im Juli vergangenen Jahres in
Seoul betonte, "müssen wir uns stets vor Augen
führen, daß Sicherheit an erster Stelle steht". Die
Vereinigten Staaten werden zu ihrer Sicherheitsverpflichtung im Pazifik stehen - in Friedenszeiten
ebenso wie in den drei Kriegen in Asien, in denen
Amerikaner in diesem Jahrhundert gekämpft und ihr
Leben gelassen haben. Heute bilden unsere fünf
Bündnispartner - Japan, Korea, Australien, Thailand
und die Philippinen - das Kernstück dieser Verpflichtung. Unsere vorne stationierte militärische Präsenz
bietet einen starken Rahmen, um die vordringlichsten
Sicherheitsbelange der Region anzusprechen.
Keiner dieser Sicherheitsbelange ist dringender als
das nordkoreanische Nuklearprogramm. Nordkoreas
Weigerung, Begrenzungen seines Nuklearprogramms
zu akzeptieren, gefährden Südkorea, Japan und
andere Nationen in Nordostasien und beschwören
das Gespenst eines destabilisierenden atomaren
Rüstungswettlaufs in der Region herauf. Und es
droht, Nuklearmaterial an geächtete Regime wie im
Iran und Irak weiterzugeben. Nordkoreas Austritt aus
dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) würde die zur
Bekämpfung der Weiterverbreitung am dringendsten
erforderliche globale Struktur schwächen.
Zusammen mit unseren Vertragspartnern und der
internationalen Staatengemeinschaft haben wir auf
die Einhaltung der Nichtverbreitungsverpflichtungen
Nordkoreas hingearbeitet. Wir haben in Genf eine
dritte Diskussionsrunde mit Nordkorea in die Wege
geleitet, um das Land vom Verbleib im Nichtverbreitungsvertrag zu überzeugen, umfassende Sicherheitsvorschriften zu akzeptieren und die NordSüd-Entnuklearisierungserklärung umzusetzen. Wir
haben mit Nordkorea die Wiederaufnahme der dritten
Runde am 5. August vereinbart.
Wir werden diese geduldigen diplomatischen Bestrebungen fortsetzen. Aber wenn Nordkorea den Dialog
als Umweg benutzen will, sind wir bereit, das Thema
dem Sicherheitsrat vorzulegen, Sanktionen zu verhängen und alle zur Lösung des Problems geeigneten Schritte zu unternehmen.

AMERIKA DIENST 30

�Nordkoreas Nuklearprogramm unterstreicht die durch
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
verursachte umfassendere Bedrohung. Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle bei den
Bestrebungen zum Abschluß der Chemiewaffenkonvention, der Verhängung eines Moratoriums für
Atomtests, der Aushandlung des Vertrags über ein
umfassendes Atomtestverbot, der Verwirklichung der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung
des N W und den Verhandlungen über die Beendigung der Produktion von spaltbarem Material für
Waffen übernommen.
Aber die Bekämpfung der Weiterverbreitung ist nicht
länger die ausschließliche Verantwortung einiger
weniger Mächte. Zahlreiche Länder in Asien und
andernorts können die Chemikalien, Elektronik und
anderen Materialien produzieren, die MöchtegernAtomwaffenstaaten beschaffen wollen. Wir fordern
die asiatischen Nationen auf, die ihnen zukommende
Rolle beim Beitritt zu Nichtverbreitungsregimen und
deren Umsetzung zu spielen.
Konventionelle Waffen können ebenfalls einen
äußerst destabilisierenden Effekt haben.
Aus
diesem Grund sehen die Vereinigten Staaten der
engen Zusammenarbeit mit Ihren Ländern erwartungsvoll entgegen, um starke Exportkontrollregime
und -maßnahmen zu verabschieden, damit der
gefährliche Transfer in zur Besorgnis Anlaß gebende
Länder und Regionen verhindert werden kann.
Eine weitere uns konfrontierende Sicherheitsherausforderung ist die Notwendigkeit stärkerer Instrumente
für präventive Diplomatie und Friedensschaffung.
Die an diesem Tisch versammelten Nationen,
insbesondere die Mitgliedstaaten des ASEAN, haben
ihr Engagement unter Beweis gestellt, dem kambodschanischen Volk zu helfen, Jahrzehnte der Gewalt
zu beenden und die Zukunft selbst in die Hand zu
nehmen. Trotz andauernder Probleme hat Kambodscha im vergangenen Jahr große Fortschritte erzielt.
Die letztes Jahr abgehaltenen freien Wahlen und die
Gründung einer Koalitionsregierung geben uns
Hoffnung, daß ein dauerhafter Frieden möglich ist.
Die Kambodschaner werden jedoch die Tragödien
ihrer Vergangenheit nicht ohne kontinuierliche Hilfe
überwinden können. Alle unsere Nationen müssen
sich weiterhin in Kambodscha engagieren, im
Rahmen der internationalen Konferenz über den
Wiederaufbau Kambodschas, durch Unterstützung
der demokratisch gewählten Regierung und die
Unterbrechung aller Verbindungen zu den Roten
Khmer.
Eine Sicherheitsbedrohung in dieser Region bildet
möglicherweise das Südchinesische Meer. Die
Vereinigten Staaten beziehen keine Stellung zu

AMERIKA DIENST 30

territorialen Ansprüchen, aber wir lehnen den Einsatz
von Gewalt zu ihrer Durchsetzung vehement ab. Wir
unterstützen die von Indonesien ausgehenden
Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung und der
Erschließung von Ressourcen.
Im Hinblick auf die potentiellen Sicherheitsprobleme
der Zukunft ist die Schaffung des regionalen ASEANForums eine vielversprechende Entwicklung. Das
regionale Forum kann unseres Erachtens in den
kommenden Jahren eine historische Rolle dabei
spielen, Absichten zu vermitteln, Mißtrauen auszuräumen, Vertrauen aufzubauen und letztlich Konflikte
abzuwenden.
Wirtschaftlicher Fortschritt
Die Staats- und Regierungschefs der asiatischpazifischen Gemeinschaft - die nahezu die Hälfte des
Bruttoinlandsprodukts der Welt ausmacht - haben im
November vergangenen Jahres in Seattle Geschichte
gemacht, als sie sich einer gemeinsamen Herausforderung stellten: Wie kann die Dynamik erhalten
und gefördert werden, die das Wachstum ihrer
Volkswirtschaften und den Wohlstand ihrer Völker
ermöglicht hat?
Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zum Forum
für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit als Katalysator für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der asiatisch-pazifischen Region, und wir
betrachten den Verband Südostasiatischer Nationen
als das Kernstück des APEC.
Die Treffen der Finanz-, Wirtschafts- und Umweltminister des APEC in diesem Jahr sind ermutigende
Beispiele der umfangreichen Konsultationen, die sich
zwischen den APEC-Nationen entwickeln.
Wir
begrüßen die unter der Führung von Indonesien
erzielten Fortschritte und sehen dem diesjährigen
Zusammentreffen der Minister und Staatsoberhäupter
in Indonesien erwartungsvoll entgegen.
Unter Präsident Suhartos Führung werden wir das
Mandat des APEC zur Liberalisierung von Handel
und Investitionen stärken, neue Verbindungen zu
entscheidenden Sektoren wie Telekommunikation
knüpfen und Aktivitäten des Privatsektors in der
gesamten Region ankurbeln.
Das APEC ist ein Modell für die in unserer Weltwirtschaft erforderliche Art von regionalen Organisationen. Obwohl APEC und NAFTA sich in ihrer Zusammensetzung und Struktur stark unterscheiden,
dienen sie beide zur Öffnung der Volkswirtschaften
einer riesigen Region für die übrige Welt. Für uns ist
dies der Schlüssel: Regionale Gruppierungen sind
eine positive Entwicklung, wenn sie sich nach außen

Seite 3

�•#

wenden und Türen öffnen, statt sich nach innen zu
wenden und Mauern zu errichten.
Natürlich steht das GATT bei der Öffnung von
Märkten an erster Stelle, weil es wirklich global ist.
Das APEC-Treffen in Seattle gab den letzten Anstoß
zum Abschluß der Uruguay-Runde, ein Schritt, der
in unser aller Interesse lag. Wir teilen ein Interesse
an der Öffnung von Märkten, der Ankurbelung von
Wachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen.
Jetzt müssen wir unserer Verantwortung als große
Handelsnation gerecht werden, und das Abkommen
in diesem Jahr genehmigen.
Ich möchte offen sagen, daß es nicht leicht sein
wird, die für das GATT erforderlichen Gesetze durch
den Kongreß zu bringen. Aber die Clinton-Administration ist dazu in diesem Jahr entschlossen.
Unseres Wissen haben einige von Ihnen ähnliche
Schwierigkeiten. Es ist wichtig, daß jeder von uns
seinen Wahlkreis von der Bedeutung der Gründung
der Welthandelsorganisation überzeugen kann. Am
Beginn der Nachkriegszeit scheiterten unsere Vorgänger an der Ratifizierung eines Abkommens zur
Schaffung einer internationalen Handelsorganisation.
Wir sollten denselben Fehler nicht noch einmal
machen. Die Vorteile der Uruguay-Runde für die
asiatisch-pazifische Region, die Vereinigten Staaten
und die Weltwirtschaft müssen jetzt zum Tragen
kommen und dürfen nicht bestritten werden.
Die neue Welthandelsorganisation sollte mit anderen
internationalen Organisationen wie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zusammenarbeiten, um
offene Märkte und freien Handel anzustreben. Sie
müssen sowohl traditionelle Handelshemmnisse als
auch neue Handelsfragen wie Handel und Umwelt,
Arbeitsnormen, Wettbewerbspolitik und Investitionen
ansprechen. In Zusammenarbeit müssen wir gemeinsame kooperative und mulitlaterale Ansätze zu
diesen Themen entwickeln. Vor allem müssen wir
sicherstellen, daß unsere gemeinsamen Bestrebungen offenen Handel, Wachstum und soziale Entwicklung, nicht Protektionismus, fördern.
Demoktratie
Wenn offene Märkte und offene Seewege Wohlstand
und Sicherheit im Pazifik fördern, gilt dies ebenso für
offene Gesellschaften. Der Mikrochip und das
Modem, die FAX-Maschine und der Fotokopierer,
internationale Telefon- und Computernetze sind der
Lebensnerv des modernen Unternehmens. Volkswirtschaften werden gelähmt, wenn die Bürger
gegen den Staat kämpfen müssen, um diese Ma*

Seite 4

*

schinen zu besitzen und zu benutzen. Gesellschaften und politische Systeme müssen offen sein, wenn
sie prosperieren sollen. Unternehmer aus Singapur
und San Francisco mögen unterschiedliche Sprachen
sprechen, sind sich jedoch einig, daß Unternehmen
florieren und Wohlstand gedeiht, wenn Ideen und
Informationen frei ausgetauscht werden. Sie wissen,
daß die Rechtsstaatlichkeit Investitionen schützt,
ebenso wie eine freie Presse dazu beiträgt, Korruption zu kontrollieren.
Demokratie ist bei unserem gemeinsamen Streben
nach Stabilität eine entscheidende Ressource. Die
historische Bilanz ist klar: Demokratien setzen nicht
so leicht das Leben ihrer Bürger in Aggressionskriegen aufs Spiel, sie praktizieren nicht so leicht
Terrorismus, sie handeln nicht so leicht mit Drogen
oder führen Flüchtlingsströme herbei.
In den vergangenen Monaten wurde viel über die
Meinungsverschiedenheiten zwischen Ost und West
bei Menschenrechtsfragen geschrieben. Obwohl ich
nicht bestreiten möchte, daß Differenzen bestehen,
müssen wir uns meines Erachtens vor Augen führen,
wo wir übereinstimmen. Wir alle wollen von unseren
Regierungen mit Würde behandelt werden. Es gibt
keine kulturelle Rechtfertigung für Folter oder Tyrannei.
Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Wahrheit
bekräftigte das thailändische Volk vor zwei Jahren
seinen Wunsch nach einer demokratischen Regierung, und im vergangenen Jahr überquerten kambodschanische Bauern, Mönche und ehemalige
Soldaten Minenfelder und trotzten der Todesdrohung
am Wahltag - aus einem einfachen Grund: um zu
wählen. Das burmesische Volk hofft, daß seine
Regierung die Demokratie wiederherstellt und Aung
San Suu Kyi freiläßt. Wir teilen und unterstützen
diese Hoffnung.
Die Vereinigten Staaten werden politische Offenheit
ohne Arroganz oder Rechtfertigung fördern. Wir
werden dies unter Respektierung der Souveränität
und Einzigartigkeit jeder Nation bei gleichzeitiger
Verpflichtung zu universellen Werten und Bestrebungen tun.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und begrüße die Gelegenheit, Ihre Ansichten zu den vorliegenden Themen zu hören. Die Institutionen, die uns ins
nächste Jahrhundert geleiten werden, müssen von
Konsultation und Konsens bei Treffen wie diesem
getragen sein.

*

*

AMERIKA DIENST 30

�HAITI
3. August 1994

USA BEREIT ZUR FÜHRUNG MULTINATIONALER
TRUPPE IN HAITI
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten seien dazu bereit, eine multinationale Streitmacht
aufzustellen und zu führen, um auf Haiti die rechtmäßige Regierung von Präsident Jean-Bertrand Aristide
wiederherzustellen, erklärte die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, Madeleine
Albright, am 31. Juli 1994 vordem UN-Sicherheitsrat.
Albright zufolge erstreben und erwarten die Vereinigten Staaten eine Beteiligung anderer Nationen an der vom
UN-Sicherheitsrat autorisierten Truppe. Der Rat hatte mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, den
Mitgliedstaaten im Einklang mit Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen den Einsatz aller erforderlichen
Mittel zur Absetzung der Militärregierung und beschleunigten Rückkehr Präsident Aristides zu gestatten. Ferner
stellte der Sicherheitsrat ein Team aus 60 Militärbeobachtern zur Überwachung der Operationen der
multinationalen Truppe auf.
"Wir werden damit beginnen, Polizei und Militär professionell zu gestalten", so die Botschafterin. "Wir werden
ein stabiles und sicheres Umfeld schaffen, in dem demokratische Regierungsvertreter und Institutionen tätig
sein können. Wir hoffen, daß die derzeitigen Militärmachthaber Haitis freiwillig abziehen und der
multinationalen Truppe keinen Widerstand entgegensetzen."
Albright, die den Entwurf des Resolutionstextes und die Bestrebungen um Zustimmung der Ratsmitglieder
hierzu leitete, erklärte, die internationale Staatengemeinschaft habe "Verurteilung, Überzeugungskraft,
Isolierung und Verhandlungen ... eingesetzt. Wir haben Sanktionen verhängt, sie ausgesetzt, erneut verhängt
und verstärkt.
Wir haben den tatsächlichen Machthabern Haitis jede Gelegenheit gegeben, ihren
Verpflichtungen nachzukommen."
"Irgendwann ist jedoch jede Geduld erschöpft", äußerte sie.
Nachfolgend veröffentlichen wir die der Abstimmung im Sicherheitsrat über den Resolutionsentwurf
vorausgegangene Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Präsident, diese historische Resolution ermächtigt die Mitgliedstaaten, unter Einsatz aller erforderlichen Mittel die legitime, verfassungsmäßige Regierung Haitis wiedereinzusetzen.
Dies stellt den Höhepunkt der Bestrebungen dieses
Rates dar, die Demokratie wiederherstellen, der das
haitianische Volk vor 34 Monaten beraubt wurde.
Die Resolution baut auf frühere Aktionen auf, die auf
eine Milderung des Leidens in Haiti und die Förderung der Rechtsstaatlichkeit abzielen.
Dieser Rat hat geduldig ein friedliches und gerechtes
Ende der haitianischen Krise angestebt. Die Organi-

AMERIKA DIENST 30

sation Amerikanischer Staaten (OAS) hat gleichgerichtete Bestrebungen verfolgt. Die UN-Mitgliedstaaten, einschließlich des von mir vertretenen, haben
unabhängig voneinander Schritte unternommen, um
die unrechtmäßigen Machthaber zur Aufgabe der
Macht zu ermutigen. Gemeinsam haben wir - die
internationale Staatengemeinschaft - die Mittel
Verurteilung, Überzeugungskraft, Isolierung und
Verhandlungen eingesetzt. Auf Governors Island
haben wir uns als Vermittler eines Abkommens
betätigt, das von den Militärmachthabern zwar
unterzeichnet, jedoch nicht umgesetzt wurde. Wir
haben Sanktionen verhängt, sie ausgesetzt, erneut
verhängt und verstärkt. Wir haben den tatsächlichen

Seite 1

�Machthabern Haitis jede Gelegenheit gegeben, ihren
Verpflichtungen nachzukommen.
Irgendwann ist jedoch jede Geduld erschöpft. Die
demokratisch gewählte Regierung Haitis wurde vor
nahezu drei Jahren gestürzt. Die große Mehrheit
des haitianischen Volkes hat grausam unter dem
illegalen Regime gelitten.
Die derzeitigen unrechtmäßigen Machthaber haben
politische Gegner schamlos umgebracht, unter den
Armen Angst und Schrecken verbreitet, ihr Wort
nicht gehalten, eine Marionettenregierung aufgestellt,
die von den Vereinten Nationen und der OAS
entsandten Menschenrechtsbeobachter des Landes
verwiesen und den Weg der Versöhnung auf der
Grundlage der Gesetze gemieden.
Der Status quo in Haiti ist weder haltbar noch
akzeptabel. Es muß eine Wahl getroffen werden.
Und obwohl die Situation in Haiti kompliziert ist, ist
diese Wahl so einfach wie die Auswahl zwischen
richtig und falsch. Heute hat der Rat die richtige
Wahl getroffen - für Demokratie, Gesetz, Würde und
Befreiung von langem und unverdientem Leiden.
Die Botschaft des Sicherheitsrates an die Generäle
Cedras und Biamby sowie Oberst Frangois ist
simpel: Auch Sie haben die Wahl. Sie können
freiwillig und bald gehen, oder Sie werden unfreiwillig und bald gehen. Die Sonne über Ihrem skrupellosen Ehrgeiz geht allmählich unter. Und am Horizont
kann eine neue Morgendämmerung für Haiti bereits
ausgemacht werden.
Von manchen wird das Argument angeführt, in Haiti
sei keine Demokratie möglich und die Mehrheit der
dort lebenden Menschen sollte Unterdrückung und
bittere Armut als ihr Schicksal akzeptieren. Diese
düsteren Ratgeber drängen bei uns darauf, nicht zu
handeln, denn sie wissen, daß wir durch die Befolgung ihrer Ratschläge auch ihre Prophezeiungen
erfüllen.
Wenn wir jedoch untätig zuschauen,
können wir sichergehen, daß in Haiti Angst und
Schrecken, Verzweiflung, Flucht, Instabilität, Kriminalität und Ungerechtigkeit kein Ende nehmen.
Meine Regierung hat eine positivere Einstellung.
Wir unterschätzen nicht die wirtschaftlichen und
sozialen Schwierigkeiten Haitis, werden jedoch nicht
eine ganze Gesellschaft abschreiben, insbesondere
nicht so dicht vor unserer Küste. Unsere Generation
war Zeuge, wie die Freiheit von Osteuropa über
Südostasien bis Mittelamerika und Südafrika die
Beschränkungen gesprengt hat. Wir wissen, daß
freie Wahlen in Haiti möglich sind, weil der derzeitige
Präsident aus solchen hervorgegangen ist. Wir
wissen, daß die haitianische Freiheit Helden und

Seite 2

Märtyrer von Toussaint über Malary bis zu den
Hunderten von Menschen hat, die dieses Jahr
verschwanden, gefoltert oder vergewaltigt wurden,
nur weil sie ihre grundlegenden Rechte wahrnahmen.
Wir wissen, daß Haiti eine reiche Kultur hat, großen
Stolz und Menschen voller Energie und Mut. Wenn
die Militärmachthaber gegangen sind und die Last der
Sanktionen aufgehoben wurde, wird ein neuer Anfang
gemacht werden. Das Klima für politische Versöhnung wird sich verbessern. Das Militär wird lernen,
den Menschen zu dienen, anstatt sie zu mißbrauchen. Wir und andere werden umfassende wirtschaftliche und technische Hilfe bereitstellen. Alte
Schulden werden getilgt.
Neue öffentliche und
private Investitionen werden Arbeitsplätze schaffen.
Und mit der Zeit werden die Haitianer wieder in die
Lage versetzt, ihre Kinder und Familien zu ernähren.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Es ist nicht
unsere Absicht, in die Souveränität Haitis einzugreifen, sondern die Souveränität derjenigen wiederherzustellen, die sie von Rechts wegen ausüben sollten.
Es ist unser Ziel, Haiti in die Lage zu versetzen, "den
sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern", wie es in
der Charta der Vereinten Nationen formuliert ist. Wir
wollen Haiti den Aufbau einer Zukunft gestatten, die
freier, sicherer und wohlhabender ist als die Vergangenheit.
Die heutige Resolution ermächtigt uns zu einem aus
zwei Phasen bestehenden Ansatz. In der ersten
Phase wird eine multinationale Truppe im Einklang
mit Kapitel VII der Charta zur Wiederherstellung der
rechtmäßigen Regierung in Haiti autorisiert. Die
Vereinigten Staaten sind zur Aufstellung und Führung
einer solchen Streitmacht bereit. Wir erstreben und
erwarten die Beteiligung anderer Nationen. Wir
werden damit beginnen, Polizei und Militär professionell zu gestalten. Wir werden ein stabiles und
sicheres Umfeld schaffen, in dem demokratische
Regierungsvertreter und Institutionen tätig sein
können. Wir hoffen, daß die derzeitigen Militärmachthaber Haitis freiwillig abziehen und der multinationalen Truppe keinen Widerstand entgegensetzen.
Diese Resolution ermächtigt uns jedoch zum Handeln
ungeachtet dessen, ob unsere Hoffnung sich erfüllt
oder nicht.
In der zweiten Phase wird die UNO-Mission in Haiti
ihre Funktionen umfassend wahrnehmen. Sie wird
weiterhin die Streitkräfte Haitis professioneller gestalten und beim Aufbau eines zivilen Polizeiwesens
mitwirken. Sie wird die Pflicht übernehmen, der
Regierung bei der Wiederherstellung der grundlegenden öffentlichen Ordnung beizustehen. Sie wird zur
Schaffung eines Umfelds beitragen, das freien und

AMERIKA DIENST 30

�fairen Wahlen förderlich ist. Und sie wird eine
Erfüllung ihrer Aufgaben spätestens bis Februar
1996 anstreben.
Der Zeitpunkt des Übergangs von der ersten zur
zweiten Phase wird vom Sicherheitsrat nach entsprechenden Konsultationen bestimmt, nachdem ein
stabiles und sicheres Umfeld geschaffen wurde und
die Mittel für die Erfüllung der UNO-Mission verfügbar sind. Die Vereinigten Staaten sind zur Beteiligung an der UNO-Mission bereit und werden durch
die Bereitschaft anderer Staaten ermutigt, ebenfalls
teilzunehmen.
Die vorliegende Resolution verbindet sich gut mit
unserer Politik - und der des Rates - die vorgeschlagenen neuen Friedensoperationen einer strengen
Überprüfung zu unterziehen. Phase Eins baut auf
den Präzedenzfällen Kuwait und Ruanda auf. Phase
Zwei schafft eine UNO-Mission moderater Größe mit
einem klaren und erreichbaren Mandat, die in relativ
sicherem Umfeld, mit Zustimmung der Regierung
und über einen festgesetzten Zeitraum operiert.

* *

AMERIKA DIENST 30

Herr Präsident, die Ausarbeitung dieser Resolution
refklektiert das Interesse und die Sorge angesichts
der Ereignisse in Haiti, die in der gesamten Hemisphäre und darüber hinaus zu spüren sind. Die
Freunde Haitis - Kanada, Frankreich, Venezuela,
Argentinien und die Vereinigten Staaten - haben eng
mit dem Generalsekretär und seinem Sondergesandten zusammengearbeitet. Alle Mitglieder des Sicherheitsrats haben einen Beitrag geleistet und
können in diesem Sinne alle als "Freunde Haitis"
bezeichnet werden. Gemeinsam haben wir eine
Resolution entworfen, die dieser großartigen Institution Ehre erweist und in völliger Übereinstimmung
mit der Haltung der OAS steht. Meine Regierung ruft
alle Regierungen dazu auf, einen angemessenen
Beitrag zur zügigen und erfolgreichen Umsetzung
dieser Resolution zu leisten.
Wir wollen jetzt mit einer Stimme und gemeinsamer
Entschlossenheit vorgehen. Die Notwendigkeit ist
groß, die Sache gerecht, die Chance, etwas zu
bewirken ist real, der Moment der Entscheidung ist
hart.

*

*

Seite 3

�KRIEGSVERBRECHEN
3. August 1994

ERSTE ANKLAGEN BIS DEZEMBER ERWARTET
Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Befürworter des
Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien hoffen, daß die Arbeit jetzt beschleunigt
wird, nachdem der südafrikanische Richter Richard
Goldstone zum Oberstaatsanwalt ernannt worden ist.
In einer vor kurzem bei den Vereinten Nationen
veranstalteten Pressekonferenz erklärte Goldstone,
er erwarte, daß die ersten Anklageschriften gegen
mutmaßliche Kriegsverbrecher im ehemaligen
Jugoslawien "in wenigen Monaten, auf jeden Fall bis
Ende des Jahres" dem Gericht übergeben würden.
Goldstone fügte hinzu, er habe als spätesten Termin
den Dezember 1994 angesetzt. "Ich bin mir der
Dringlichkeit der Entscheidungen über die zukünftige
Aufgabe des Tribunals angesichts der bisherigen
Verzögerungen ... insbesondere bei der Ernennung
eines Staatsanwalts in hohem Maße bewußt."

Goldstone zufolge besteht seine erste Aufgabe
darin, sich mit dem bereits von der UN-Kommission
für Kriegsverbrechen gesammelten Material vertraut
zu machen. "Mir wurde gesagt, daß ein beeindruckender Berg von Material auf meinem Schreibtisch auf mich wartet."
In ihrem umfangreichen Abschlußbericht gelangte
die UN-Kommission für Kriegsverbrechen zu der
Schlußfolgerung, daß in großem Umfang "besonders
brutale und grausame" Kriegsverbrechen, einschließlich "ethnischer Säuberungen", Genozid, Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch in den ehemals
jugoslawischen Republiken von den Serben so
systematisch ausgeführt wurden, daß es eine
politische Maßnahme zu sein scheint.
Anhand der von Regierungen, Privatorganisationen
und eigenen Ermittlungen zusammengetragenen
Informationen stellte die Kommission fest, daß
Massenmord, Folterung, Vergewaltigung, schwere
Körperverletzung an Zivilisten, Mißhandlung ziviler
und Kriegsgefangener, die Verwendung von Menschen als menschliche Schutzschilde, Zerstörung
von Eigentum sowie Angriffe auf Krankenhäuser und

AMERIKA DIENST 30

andere medizinische Einrichtungen mit "außerordentlicher Brutalität und Grausamkeit" ausgeführt wurden.
Goldstone traf auch mit UN-Generalsekretär BoutrosGhali zur Erörterung seines Mandats zusammen,
bevor er nach Den Haag, dem ständigen Sitz des
Gerichtshofs, zu Gesprächen mit den Anklagevertretern reiste.
"Wir fangen nicht am Punkt Null an. Es sind bereits
Angestellte dort, und es wird Vorbereitungsarbeit
geleistet." Goldstone wird am 15. August 1994 seine
Tätigkeit in Den Haag aufnehmen.
Der Oberstaatsanwalt erklärte, er könne noch nicht
sagen, wie er den Berg der gesammelten Informationen angehe, deutete aber an, daß seines Erachtens
"der Gruppe der schlimmsten Verbrecher eindeutig
Priorität beigemessen werden müßte", unabhängig
davon, ob sie Vertreter des Militärs oder der Regierung sind.
"Am Ende muß man sich jedoch von den verfügbaren
Beweisen leiten lassen", so Goldstone. Wenn er von
unzureichenden Beweisen ausgehe, käme das einem
Mißbrauch des ihm verliehenen Mandats gleich.
"Meiner Ansicht nach sind die von der internationalen
Staatengemeinschaft bei der Einrichtung dieses
Tribunals unternommenen Schritte ein äußerst
wichtiger Fortschritt bei der Institutionalisierung der
Menschenrechte, die nach dem Ersten Weltkrieg
begann.
Der Erfolg oder das Scheitern dieses
Tribunals wird von den Ereignissen in diesem Bereich
im nächsten Jahrzehnt abhängen. Ich war stets ein
Verfechter der Überzeugung, daß gravierende
Menschenrechtsverletzungen der internationalen
Staatengemeinschaft Anlaß zur Sorge bereiten
müssen und nicht nur die betroffenen Länder angehen."
Kritiker des Tribunals erklären, der Angeklagte könne
nicht in Abwesenheit verurteilt und die Länder nicht
zur Auslieferung der Verdächtigen zum Prozeß nach
Den Haag gezwungen werden. Die Schwierigkeit
bestehe darin, die Verdächtigen in Gewahrsam

Seite 1

�nehmen und ausreichende Beweise sammeln zu
können, um die Angeklagten zu dem Verfahren aus
Ländern zu holen, die nicht zur Zusammenarbeit
bereit sind, wie beispielsweise Serbien.

Goldstone, der politische Gewalttaten in Südafrika
während der heiklen Gespräche zur Beendigung der
Apartheid ermittelte, stellte fest, die südafrikanische
Erfahrung lehre, daß man es bewältigen kann.

Golstone äußerte, er sei nicht so pessimistisch wie
manche, daß das Tribunal von einigen Regierungen
wenig Unterstützung erhalten werde. "Wenn die
Staaten nicht mit dem Tribunal zusammenarbeiten,
ist dies eine Angelegenheit, die dem Sicherheitsrat
zur Entscheidung vorgelegt wird."

"Unsere Nachforschungen, bei denen dem einem und
dem anderen Schuld zugewiesen wurde, liefen in der
Tat in vielen Fällen dem Friedensprozeß zuwider,
aber meines Erachtens wurde das Vorgehen generell
akzeptiert."

Er fügte hinzu, persönlich zöge er es vor, niemanden
in Abwesenheit zu verurteilen. "Das wäre einseitig.
Es gibt nur die Option, auch die andere Seite zu
hören, unabhängig davon, wie schwerwiegend die
Beweise sein mögen."
Andere sind besorgt, daß die Androhung der Strafverfolgung von Kriegsverbrechen den sensiblen
Friedensprozeß unterbrechen oder zerstören könnte.

*

Seite 2

*

Die amerikanische Botschafterin Madeleine Albright
erklärte, Goldstones Herausforderung bestehe darin,
"die Schuld des einzelnen unabhängig von der
ethnischen Identität festzustellen und damit zur
Verringerung der Beschuldigungen beizutragen, die
die öffentliche Meinung gegenüber bestimmten
ethnischen Gruppen so leichtfertig vorbringt. Wirkliche Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien wird
nicht möglich sein, bis der Gedanke der kollektiven
Schuld für die Greueltaten ausgemerzt ist und die
Schuld dem einzelnen zugewiesen wird."

*

*

AMERIKA DIENST 30

�ARBEITSMARKT
3. August 1994

ARBEITSPLÄTZE IN DER NEUEN VOLKSWIRTSCHAFT
von Peter F. Drucker
Eine Regierung kann kurzfristig nichts gegen den Mangel an guten Arbeitsplätzen tun, argumentiert der
Verfasser, der auf die Tatsache verweist, daß das Problem in den Vereinigten Staaten weniger gravierend ist
als in jedem anderen westlichen Industrieland. Drucker zufolge hängt die Schaffung solcher Arbeitsplätze
großenteils von der "Beteiligung eines Landes an der wachsenden und expandierenden Weltwirtschaft" ab.
Peter Drucker ist Lehrer und Berater, der sich auf Strategien und Maßnahmen für Unternehmen und
gemeinnützige Gruppen sowie die Arbeit und Organisation des oberen Managements spezialisiert. Er hat über
25 Bücher zu unterschiedlichen Themen verfaßt, darunter Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Management.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Aspen Institute Quarterly.
Copyright (c) 1994 The Aspen Institute Inc.

Die umfassende Sammlung an Büchern, Reden,
Artikeln und Diskussionspapieren für diese Zusammenkunft, die eine enorme Vielfalt an Sorgen,
Gesichtspunkten, politischen Positionen und Empfehlungen repräsentieren, führt zu einer Schlußfolgerung:
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was die
Regierung eines entwickelten Landes, wie es die
Vereinigten Staaten sind, tun kann, um kurzfristig
Arbeitsplätze zu schaffen - das heißt, binnen fünf
Jahren oder innerhalb der Amtszeit einer Administration.

t

Der plausibelste Schluß aus diesen Unterlagen ist in
der Tat, daß die derzeitige Administration sehr wohl
die letzte sein kann, die wegen ihres Versprechens,
Arbeitsplätze zu schaffen, an die Macht kam, und die
letzte sein wird, die vornehmlich anhand ihres
Erfolges oder Scheiterns bei der Verwirklichung
dieses Versprechens beurteilt wird (eine Schlußfolgerung, zu der Ross Perot und seine Anhänger
bereits eindeutig gelangt sind).
Der Hauptgrund sind nicht die Finanzen, obwohl alle
Regierungen von Industrieländern (einschließlich der
Japaner) sich am Ende ihrer Ausgabenkapazität
befinden oder sie bereits überschritten haben. Der
Grund ist, daß die Schaffung von Arbeitsplätzen in
allen entwickelten Ländern keine quantitative,
sondern eine qualitative Herausforderung ist. Es ist
nicht das Problem der Rezession oder Depression,

AMERIKA DIENST 30

sondern langfristiger grundlegender struktureller
Verlagerungen. Es ist ein universelles Problem und
nicht ein amerikanisches, deutsches oder japanisches.
In den Vereinigten Staaten ist es in der Tat - bei
weitem - weniger schwerwiegend. Aus der Perspektive des Auslands - ich habe das Arbeitsplatzproblem im Mai und Juni 1993 mit politischen Entscheidungsträgern in Deutschland, Frankreich und
Belgien erörtert - sieht es aus, als hätten die Vereinigten Staaten überhaupt kein Arbeitsplatzproblem
für Nichtschwarze.
Erstens haben die Vereinigten Staaten bei weitem
den größten Anteil von beschäftigten und erwerbstätigen Erwachsenen und bei weitem den größten
Anteil von an gutbezahlten Arbeitsplätzen Beschäftigten. Und entsprechend haben sie den bei weitem
geringsten Anteil von arbeitslosen Erwachsenen (mit
Ausnahme der Schwarzen). Dies gilt sogar im
Vergleich zu Japan. Die offizielle japanische Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent ist geschönt - vor allem,
weil Frauen in der Regel nicht als ständig Beschäftigte angesehen werden und aus diesem Grund in den
Arbeitslosenzahlen überhaupt nicht berücksichtigt
werden, und teilweise, weil der Westen diejenigen, für
die es keine Arbeitsplätze gibt, dafür bezahlt, daß sie
nicht zur Arbeit gehen - wir zahlen Arbeitslosenhilfe wohingegen die Japaner sie bezahlen, damit sie zur
Arbeit gehen und unbeschäftigt herumsitzen. In
jedem Fall trägt der Steuerzahler die Kosten. Wie

Seite 1

�hoch die echte japanische Arbeitslosenquote ist,
wissen wir nicht. Die genaueste Schätzung - der
Wirtschaftswissenschaftler bei Keidanren, dem
mächtigen japanischen Arbeitgeberverband - liegt
bei ungefähr 7 Prozent für erwachsene Männer und
nahe an 15 Prozent für erwachsene Frauen.
Die Vereinigten Staaten haben auch die niedrigste
Arbeitslosenquote des Westens für junge Nichtschwarze und den höchsten Prozentsatz, mit dem
sie in der Erwerbsbevölkerung vertreten sind. Die
reale japanische Zahl für Jugendliche ist vielleicht
niedriger als die amerikanische Zahl, aber wahrscheinlich geringfügig. Bis jetzt haben die Japaner
Berufsanfänger eingestellt und ihnen Ausbildung
geboten (obwohl sie keine Arbeitsplätze für sie
hatten). Dies scheint sich jedoch zu ändern - Nissan
hat beispielsweise die Einstellung von Berufsanfängern drastisch gesenkt. Und einige Prognosen in
Japan sehen einen dramatischen Anstieg der
Arbeitslosigkeit bei jungen Absolventen der weiterführenden High-Schools voraus, das heißt, Jugendlichen ohne College-Ausbildung.
Heute wird viel über das deutsche System für
Auszubildende gesprochen. Ich war in einem 1949
erschienenen Buch einer seiner ersten Befürworter.
Trotz des Programms für Auszubildende hat
Deutschland heute mit die höchste Arbeitslosenquote
unter Jugendlichen in der entwickelten Welt - weit
höher als die der Vereinigten Staaten für Nichtschwarze. Nur sehr große deutsche Firmen übernehmen die Mehrzahl ihrer Auszubildenden. Die
anderen bilden sie aus, solange die Regierung für
sie zahlt, aber dann haben sie keine Arbeitsplätze
für sie - zumindest die verfügbaren Arbeitsplätze
sind nicht diejenigen, auf die das Programm für
Auszubildende die jungen Menschen vorbereitet.
In allen Industrienationen sehen wir uns mit einer
Verlagerung der Bedeutung eines "guten Arbeitsplatzes" konfrontiert. Offensichtlich hat sich die
Anzahl, der Prozentsatz oder die Bezahlung des
traditionellen "schlechten Arbeitsplatzes" wenig
verändert - die letzte Verlagerung dieser Art scheint
nach dem Ersten Weltkrieg stattgefunden zu haben,
als Hausangestellte in den entwickelten Ländern
rapide abnahmen und mit dem Zweiten Weltkrieg
völlig verschwanden. Von 1900 an - und ganz
eindeutig seit dem Ersten Weltkrieg - stand der
größte Teil "guter Arbeitsplätze" ungelernten (aber
vornehmlich gewerkschaftlich organisierten), Robotern vergleichbaren Arbeitern in der Massenproduktionsindustrie zur Verfügung - Arbeitsplätze, die ein
wissenschaftliches Management und das Fließband
schufen. Diese Arbeitsplätze werden weder exportiert noch durch Automatisierung ersetzt. Sie werden
abgeschafft, während die Arbeit durch Wissen

Seite 2

umstrukturiert wird. Weniger als 15 Prozent des in
den Vereinigten Staaten verbrauchten Stahls wird
importiert - ein kleinerer Prozentsatz als in jedem
anderen Industrieland mit Ausnahme Japans.
Dennoch produziert USX - früher US Steel, der
größte Stahlfabrikant des Landes - jetzt ungefähr die
gleiche Tonnage mit 20.000 Stahlarbeitern wie vor 15
Jahren mit 120.000 und mit einem Minimum an
neuen Kapitalinvestitionen. Und die "Miniwalzwerke",
die auf Informationen aufbauen und bereits ein Drittel
des amerikanischen Stahls produzieren, benötigen
nur ein Drittel soviele Arbeiter für die gleiche Tonnage.
Das ist keine neue Entwicklung. Es ist der Höhepunkt eines nahezu ein Jahrhundert alten Trends.
Seit ungefähr 1900 nahm die für eine zusätzliche
Produktionseinheit in der Fertigungsindustrie erforderliche Zahl an Arbeitskräften um ein Prozent pro
Jahr ab. Der Trend wurde in Kriegszeiten unterbrochen, aber nicht umgekehrt. (Und wie sowohl
Lester Thurow als auch ich unterstrichen haben, ist
auch die für eine zusätzliche Produktionseinheit in
der Fertigungsindustrie benötigte zusätzliche Einheit
an Rohmaterial seit 1900 und zweifelsohne seit 1918
mit ungefähr der gleichen Jahresrate gesunken).
Gleichzeitig - wiederum seit Anfang dieses Jahrhunderts - ist der für jede Einheit des Bruttosozialprodukts erforderliche zusätzliche Anteil an gelernten
Arbeitskräften und Information um ein Prozent pro
Jahr gestiegen. Diese beiden grundlegenden Trends
kreuzten sich ungefähr um 1960 oder 1965. Sie
waren bereits so klar und deutlich, daß ich in meinem
1949 erschienenen Buch The New Society das
Entstehen einer "Volkswirtschaft des Wissens"
vorhersagte.
Diese Trends sind unumkehrbar.
Infolgedessen haben wir die merkwürdige und
ziemlich einzigartige Entwicklung der vergangenen 15
Jahre. Die Armen sind nicht ärmer geworden - sie
blieben, wo sie die ganz Zeit waren. Die Reichen der
fünfziger Jahre - das heißt, gewerkschaftlich organisierte, in der Massenproduktion tätige Arbeiter mit
einem Minimum an Ausbildung und Qualifikation verschwanden schnell. Und die Reichen der achtziger Jahre - Arbeitnehmer aller Art mit Wissen wurden reicher. Die Einkommensverteilung ist also
nicht ungleich, sondern vielmehr unregelmäßig
geworden.
Im Gegensatz zu der weithin verbreiteten Auffassung
ist dies nicht ein den Vereinigten Staaten eigenes
Phänomen und hat nichts mit Jimmy Carter, Ronald
Reagan oder George Bush zu tun. Die gleiche
Entwicklung fand in Großbritannien unter der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher statt,
in Frankreich unter dem sozialistischen Präsidenten
Frangois Mitterrand, in Deutschland unter der "sozia-

AMERIKA DIENST 30

�len Marktwirtschaft", in Schweden, in Holland - und
kommt jetzt schnell nach Japan.
Ich habe nicht von "Weißen" und "Nichtweißen",
sondern von "Nichtschwarzen" und "Schwarzen"
gesprochen. Denn auch im Hinblick auf die nichtschwarzen "Minderheiten" stehen die Vereinigten
Staaten entschieden besser da als jedes andere
entwickelte Land. Den Hispaniern geht es beispielsweise deutlich besser - bei Beschäftigung und
Arbeitslosigkeit, der Ausbildung und den Chancen als den Kariben und Pakistani in Großbritannien, den
Türken in Deutschland und den Algeriern in Frankreich. Und natürlich wird die Mehrzahl dieser neuen
Einwanderer nicht so in den Arbeitslosenstatistiken
der europäischen Länder erfaßt, wie wir Hispanier
und andere Minderheiten erfassen.

Es kann nicht durch das in Angriff genommen
werden, was die Regierung zur "Schaffung von
Arbeitsplätzen" oder zum "Schutz von Arbeitsplätzen" tun kann.

Die Probleme dieser Minderheiten - und natürlich
gibt es ernsthafte Probleme - unterscheiden sich
nicht so sehr von denen, die Neuankömmlinge aus
Ländern mit niedrigeren Ausbildungs- und Qualifikationsnormen stets hatten. Wenn solche Gruppen
entweder über die Ausbildung oder den Willen
verfügen, sie zu erwerben, sind sie wahrscheinlich in
einer besseren Position - im Hinblick auf Chancen
und Arbeitsplätze - als ähnliche Gruppen in der
amerikanischen Geschichte (Sizilianer Anfang dieses
Jahrhunderts oder Iren vor 150 Jahren) und in
Europa (die Tschechen in Wien vor dem Ersten

Die Schaffung von Arbeitsplätzen in der neuen
Volkswirtschaft bedeutet - wie von Professor Thurow
dargelegt - vor allem die erhöhte Beteiligung eines
Landes an der wachsenden und expandierenden
Weltwirtschaft. Einige meiner jüngsten Studien über
die aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu
ziehenden ökonomischen Lehren weisen eindeutig
auf eine nahezu übereinstimmende Entsprechung
zwischen bezahlten Arbeitsplätzen in einem Land/
Industriezweig/Unternehmen und der Beteiligung
dieser Einheit am Welthandel und der Weltwirtschaft
hin. Ferner hängt dies direkt von den Investitionen
dieses Landes/Industriezweigs/Unternehmens auf
ausländischen Märkten ab. Der Großteil der Exporte
von Fertigwaren und Dienstleistungen - die im
Gegensatz zu den sinkenden Exporten von Nahrungsmitteln und Rohmaterialien ansteigen - gehen in
zunehmendem Maße an Zweiggesellschaften, Partner
und Tochtergesellschaften inländischer Produzenten.
Über die Hälfte der Exporte amerikanischer Fertigungsunternehmen - die in den vergangenen 10
Jahren fast so schnell gewachsen sind wie die
japanischen Exporte in dem Jahrzehnt davor - gehen
an Zweig- und Tochtergesellschaften derselben
amerikanischen Produzenten, also an Unternehmen,

Weltkrieg oder die russischen Juden in England um

an die Amerika Arbeitsplätze exportierte, wie es

die Jahrhundertwende).

allgemein formuliert wird.

Arbeitsplätze - gute, gutbezahlte Arbeitsplätze stehen den Menschen mit Ausbildung offen, die für
auf Wissen basierende Arbeit vorbereitet sind. In
den Vereinigten Staaten gibt es eine beispiellose
Erfolgsgeschichte der von Indern ausgebildeten
Computerfachleute, und den schnellen sozialen
Aufstieg der Asiaten (zum Beispiel Koreaner oder
Chinesen), die den kulturellen Hintergrund haben
oder belesen sind. Sie haben wahrscheinlich die
niedrigste Arbeitslosenquote aller Gruppen der
amerikanischen Bevölkerung.

Umgekehrt sind die besten amerikanischen Abnehmer japanischer Exporte im Besitz von Japanern
befindliche Unternehmen. Toyota in Tennessee hat
in Japan mindestens vier- oder fünfmal so viele
Arbeitsplätze im Fertigungsbereich geschaffen wie in
Tennessee. (Ich kann es nicht beweisen, aber es ist
möglich, daß die Subventionierung ausländischer
Hersteller bei der Errichtung von Unternehmen in
diesem Land - wie in vielen unserer Bundesstaaten
geschah und immer noch der Fall ist - in den Vereinigten Staaten faktisch mehr Arbeitsplätze zerstört
als schafft.)

Für die 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung
und Erwerbsbevölkerung, die Nichtschwarze sind,
stimmen die verfügbaren Daten überein:
Das Problem ist nicht ein rein amerikanisches
Problem, sondern allen entwickelten Ländern
gemeinsam.
In den Vereinigten Staaten ist es weit weniger
gravierend als in jedem anderen entwickelten
Land und zweifelsohne unendlich weniger
schwerwiegend als in jedem anderen entwickelten westlichen Land.

AMERIKA DIENST 30

Die zweite Schlußfolgerung im Hinblick auf Arbeitsplätze und die Schaffung von Arbeitsplätzen für die
90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und
Erwerbsbevölkerung, die nicht schwarzer Hautfarbe
sind, ist die Notwendigkeit, daß wir Arbeitnehmer
heranbilden, die zur Nutzung der neuen Chancen in
der Lage sind. Dies bedeutet - wie jedem bewußt ist
- neues Denken sowie eine radikale Umstrukturierung
unseres Ausbildungswesens auf allen Ebenen. Es
würde den Rahmen meines Vortrags sprengen, auf
das Was und Wie eines solchen Vorgehens einzugehen - und natürlich hat bisher niemand eine

Seite 3

�Antwort parat. Einiges wird jedoch klar. Als allererstes benötigen wir fortgesetztes - lebenslanges Lernen. Zweitens lehren uns die Japaner eine
Lektion: Wie man zu lernen hat, nämlich die Disziplin des Lernens und der Prozeß des Lernens, sind
vielleicht wichtiger als die Themen und der Lehrplan.
Die Konzentration der amerikanischen Wirtschaft und
Unternehmen auf die Weltwirtschaft und der neue
Kurs für die Schule und das Lernen werden sicherlich ein völlig neues Denken auf seiten der Öffentlichkeit, Politiker und staatlichen Behörden erfordern.
Aber dies sind sicherlich nicht vorwiegend die Dinge,
die eine Regierung tun kann, oder bei denen sie
eine Führungsrolle übernehmen kann. Und sie
schaffen zweifelsohne keine Arbeitsplätze - oder
zumindest nicht so schnell.
Übrig bleibt die eigentümlich amerikanische Herausforderung, die schwarze Herausforderung. Sie ist
nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten zu
finden - Brasilien entwickelt eindeutig etwas dem
amerikanischen Problem schwarzer Arbeitnehmer
sehr Ähnliches, trotz aller Behauptungen des Landes, es habe kein Rassenproblem. Das Problem
schwarzer Arbeitnehmer ist jedoch in den Vereinigten Staaten seit 200 Jahren eine Tatsache. Es
handelt sich in quantitativer Hinsicht um ein "kleines"
Problem - insgesamt 10 oder 12 Prozent - das
wahrscheinlich abnimmt und großenteils irrelevant
ist. Gewissensprobleme verwenden jedoch einen
anderen Maßstab.
In gewissem Ausmaß kann das Problem der
Schwarzen als ein Arbeitsplatzproblem betrachtet
werden. Die in den Vereinigten Staaten lebenden
Schwarzen waren zweifelsohne der größte Nutznießer des Entstehens jener nie dagewesenen Klasse
der "Reichen der fünfziger Jahre" nach dem Zweiten
Weltkrieg - der überwiegend nicht ausgebildeten
Bezieher großer Einkommen in der gewerkschaftlich
organisierten Massenproduktion.
Das schnelle
Schwinden dieser Chancen hat den amerikanischen
Schwarzen mehr als jede andere Gruppe getroffen.
Es gibt jedoch eine Vielzahl von Beweisen dafür,
daß dieselbe Politik, die Einfluß auf das Arbeitsplatzproblem von Nichtschwarzen hat, auch auf Schwarze
zutrifft. Eine der Erfolgsgeschichten mit Signalwirkung der letzten Jahre unter den Schwarzen in den
Vereinigten Staaten ist die Schaffung guter Arbeitsplätze für Schwarze in den Innenstädten durch die
Chicago State University unter der Leitung von Dr.
Dolores Cross. Insbesondere in zwei ihrer Berufsschulen - den Schulen für Krankenpflege und
Unternehmensführung - hatte die Chicago State
University phänomenalen Erfolg unter schwarzen
Jugendlichen, von denen viele aus den schlimmsten

Seite 4

Gegenden der Innenstädte kommen. Sie wurden
umgeschult, zu guten Schülern gemacht und erhielten
Arbeitsplätze, durch die sie in den Mittelstand aufrückten.
Im Gegensatz zu dem, was viele von uns in den
Jahren unter Kennedy und Johnson glaubten, ist das
Problem der Schwarzen in den Vereinigten Staaten
nicht vorwiegend wirtschaftlicher Natur.
Es ist
zweifelsohne ein Problem der Diskriminierung sicherlich weniger als vor 50 Jahren, aber dennoch
von Bedeutung. Insofern ist es ein Problem der
Nichtschwarzen. Es ist zweifellos eng mit einem
sozialen Problem verknüpft - oder wird zumindest
beträchtlich dadurch verschärft - das weder schwarzer oder weißer, und eher globaler als amerikanischer Natur ist: Dem Verfall der stolzesten Schöpfung des 19. Jahrhunderts, der Stadt. Da es zunehmend einfacher wird, Informationen und Ideen zu
bewegen als Menschen, verliert die Stadt zunehmend
ihre Funktion. Dieses Problem steht auch in engem
Zusammenhang mit einem anderen soziopolitischen
Problem, das weder schwarz, noch weiß, noch
speziell amerikanisch ist - dem Scheitern des Sozialversorgungssystems, das vor über 100 Jahren im
Deutschland unter Bismarck ins Leben gerufen und
nach dem Zweiten Weltkrieg perfektioniert wurde.
Dieses System befindet sich allerorts in der Krise.
Und diese Krise steht überall ebenso mit nichtökonomischen Faktoren in Zusammenhang (Werten,
Bestrebungen, Demographie, Lebensstil) wie mit Geld
und der wachsenden Unfähigkeit (und dem Unwillen)
der erwerbstätigen Bevölkerung, nichtbeschäftigte
"Parasiten" zu unterstützen, so sehr sie diese Hilfe
auch verdienen oder benötigen mögen. In den
Vereinigten Staaten wird jedoch die Krise des Sozialversorgungssystems - ob zu Recht oder nicht - eher
als schwarzes denn als ein soziales Problem betrachtet.
Das Problem der Schwarzen und der Arbeitsplätze
für Schwarze ist auch ein Problem der schwarzen
Amerikaner - ihrer Werte, ihres Strebens, ihrer
Erwartungen und ihres Selbstverständnisses. Die
Regierung kann hiergegen nichts unternehmen. Dies
erfordert ein Handeln der Gemeinschaft, was weder
in den öffentlichen Sektor (Regierung) fällt, noch in
den Privatsektor (Unternehmen), sondern in einen
autonomen, sozialen Sektor von Führungspersönlichkeiten vor Ort, Organisationen vor Ort, Freiwilligen
vor Ort, Vorbildern vor Ort. Mir scheint, das hoffnungsvollste Anzeichen in der amerikanischen
Gesellschaft als Ganzes ist heute das Entstehen
eines solchen sozialen Sektors und das Entstehen
eines solchen sozialen Sektors unter den Schwarzen.

AMERIKA DIENST 30

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12151">
                <text>03.08.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12152">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12153">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12154">
                <text>Amerikadienst 03.08.1994</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12155">
                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Talbott formuliert Engagement der USA für APEC, ASEAN und GATT neu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache bei der ASEAN-Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Haiti&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA bereit zur Führung multinationaler Truppe in Haiti &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erste Anklagen bis Dezember erwartet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Arbeitsmarkt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Arbeitsplätze in der neuen Volkswirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Peter F. Drucker&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
</itemContainer>
