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mIER

Information
und
Dokumentation

11 t1^

Dl Ell

United States Information Service
Embassy of the United States of America

33

21.

August

1985

I N H A L T

WIRTSCHAFT
USA rechnen mit Entscheidungen über Reform des
Internationalen Währungsfonds im kommenden Jahr
- USIA-Interview mit IWF-Direktor Dallara HINTERGRUNDMATERIAL
Zusammenarbeit in der Atompolitik
- Sonderbotschafter Richard T. Kennedy erläutert
Prinzipien der amerikanischen Regierung WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Neue Gebührenordnung für Raumtransporterflüge
- Inanspruchnahme des Frachtraums soll Kosten decken

+ + + + +

Um Übef/cndung von
ßelegexemplcwen
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�2 1 . August 1985

33

USA RECHNEN MIT ENTSCHEIDUNGEN ÜBER REFORM DES INTERNATIONALEN
WÄHRUNGSFONDS M KOMMENDEN JAHR
- USIA-Interview mit IV\F-Direktor Dallara -

WASHINGTON -(AD) - Die Vereinigten Staaten rechnen im Frühjahr nächsten Jahres mit Entscheidungen über eine Reform des I n t e r n a t i o n a l e n Währungsfonds (IMF), die der Organisation mehr Einfluß auf die P o l i t i k
großen Industrienationen geben w i r d .

Dadurch s o l l t e n rasche Schwankungen

der Wechselkurse v e r r i n g e r t und das i n t e r n a t i o n a l e
samt verbessert werden.
US-Informationsamtes
Direktor

der

Währungssystem insge-

In einem Interview mit dem Korrespondenten des

(USIA) Jon Schaffer e r k l ä r t e der amerikanische IW^-

Charles Dallara

die Entscheidungen der Finanzminister

Ländern i n Tokio am 2 1 . Juni seien zwar nicht

von e l f

" w e l t e r s c h ü t t e r n d " , aber

sie gingen " s i c h e r l i c h i n die r i c h t i g e Richtung".

Das amerikanische M i t g l i e d des IW^-Direktoriums rechnet auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds im Oktober nur mit einer

all-

gemeinen Diskussion über die Reformvorschläge; die e i g e n t l i c h e n Entschei-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�eigentlichen Entscheidungen durften nach seiner Ansicht im Frühjahr 1986
fallen.

Die Vereinigten Staaten haben in Tokio noch schärfere Maßnahmen

für die "Aufsicht" über die Tätigkeit des IWF vorgeschlagen, die Gruppe
konnte sich jedoch nicht auf all diese Vorschläge einigen.

Dallara be-

tonte in dem Interview, die Vereinigten Staaten würden jedoch auf jeden
Fall an der Forderung nach größerer Publizität der Empfehlungen der einzelnen Mitgliedsländer festhalten.

Dallara bezeichnete das Europäische Währungssystem

(EWS) als nütz-

liche Einrichtung, jedoch sei es nicht ohne weiteres auf außereuropäische
Regionen übertragbar.

Auch ein System fester Wechselkurse lehnte Dallara

ab, weil es keine gesunde wirtschaftliche Entwicklung fördern könne.

Die Fragen und Antworten zur Reform des IWF haben folgenden Wortlaut:

FRAGE:

Die Zehnergruppe hat kürzlich eine Studie über Mittel und We-

ge zur Verbesserung des internationalen Währungssystems abgeschlossen.
Diese wird Anfang Oktober dem IWF vorgelegt werden.

Die darin enthalte-

nen Empfehlungen scheinen die gegenwärtige Situation nicht wesentlich zu
verändern.

Ist dem so, weil die Experten und Minister der elf damit be-

fai3ten Staaten mit der heutigen Arbeitsweise des Systems voll und ganz
zufrieden waren, oder weil sie in unterschiedliche Richtungen gingen und
sich nicht einigen konnten?

ANTWORT:

Ich glaube, weder das eine noch das andere ist richtig.

Sicherlich bestand kein überwältigendes Maß an Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen System.

Aber auf der anderen Seite entstammen die Probleme

im System nicht einfach dem System selbst, sondern den Unzulänglichkeiten
der Politik und des Verhaltens einzelner Länder. Man muß Verbesserungen
des Systems zustandebringen, die politisch realistisch sind.

Ich meine,

die Empfehlungen, die sich aus der Studie ergeben, sind zwar nicht welterschütternd, aber sie gehen sicherlich in die richtige Richtung.

FRAGE:

In welcher Hinsicht ist das Ganze bedeutsam?
ANTWORT:

Es ist

�ANTWORT:

Es ist erstens bedeutsam, weil es seit 1976 die erste um-

fassende Überprüfung

des Funktionierens des Systems auf breiter Basis

darstellt.

Daher ist doch recht erhellend, was der Bericht über das Sy-

stem sagt.

Der Bericht läßt beispielsweise erkennen, daß das System in

sich die Flexibilität bewiesen hat, auf Schocks und Belastungen und Divergenzen der Wirtschaftstätigkeit zu reagieren, die das System der Währungsparität nicht gezeigt hat.

Auf der anderen Seite räumt der Bericht

ein, daß das System eine Reihe von Schwächen hat - daß die Schwankungen
der Wechselkurse beträchtlich waren und sich negativ ausgewirkt haben.

Auch wenn die Empfehlungen, mit diesen Schwächen fertig zu werden,
nicht immer den Problemen gerecht erscheinen mögen, so verkörpern sie
doch das, was wirtschaftlich erwünscht ist, und Vorschläge, über die tatsächlich ein Konsens erzielt werden könnte.
Der Bericht macht deutlich, daß größere Stabilität in den Wechselkursen unweigerlich eine stärkere Konvergenz der Wirtschaftstätigkeit und
der wirtschaftlichen Aussichten erfordern wird.

Ob diese Konvergenz der

Wirtschaftstätigkeit genügen wird, um eine größere Stabilität der Wechselkurse zu erreichen oder nicht, ist eine andere Frage. Aber es herrscht
sicherlich ein Konsens, daß eine größere Konvergenz der Wirtschaftstätigkeit der wichtigen Industrieländer wesentlich ist.

Nach meiner Auffas-

sung ist eines der wichtigsten Ergebnisse des Berichtes, daß er die Ansicht bestärkt, daß der wichtigste Beitrag, den viele Länder zu einer
größeren

internationalen

Währungsstabilität

leisten

können, darin be-

steht, dafür zu sorgen, daß ihre eigene nationale Wirtschaftspolitik gesund ist und ein nichtinflationäres Wachstum fördert.

FRAGE:

Inwieweit

sind

die

heutigen Probleme

der

internationalen

Wirtschaft, und vor allem inwieweit sind die Probleme, die die Entwicklungsländer heute durchmachen, auf zu starke Fluktuation der Wechselkurse
zurückzu führen?

ANTWORT:

Ich bin sicherlich nicht der Ansicht, daß die Probleme, vor

denen die Entwicklungsländer heute stehen, weitgehend oder auch nur we-

�nur wesentlich von den Schwankungen oder Fluktuationen der Wechselkurse
herrühren.

Und ich glaube auch nicht, daß die großen Probleme, vor denen

die Industrieländer stehen, aus solchen Schwankungen oder Fluktuationen
herrühren.

Ich bin jedoch der Überzeugung, daß die Divergenz in der

Wirtschaftstätigkeit in den letzten Jahren und die Unterschiede in den
wirtschaftlichen Aussichten, die der Markt unter den großen Industrieländern gezeigt hat, einen wichtigen Faktor dargestellt haben, der zu den
Wechselkursbewegungen geführt hat, die jetzt zu den ernsten Problemen der
einzelnen Volkswirtschaften beigetragen haben.

FRAGE:

Bedarf es einer verstärkten Intervention, um diese Instabili-

tät einigermaßen zu korrigieren?

ANTWORT:

Ich glaube nicht; sicherlich nicht isoliert von grundlegen-

den Änderungen der Politik.

Intervention - vor allem die sogenannte ste-

rilisierte Intervention - stellt keine Änderung der Währungspolitik dar,
sondern wird vor allem ausgeübt, um den Devisenmarkt durch Marktmanipulation zu beeinflußen - und das ist nur von begrenztem Nutzen.

Aber ich

möchte rasch hinzufügen, daß Interventionen eine Rolle gespielt haben und weiterhin spielen könnten - wenn es gilt, Marktturbulenzen zu begegnen, oder wenn sie im Zusammenhang mit grundlegenden Änderungen der Politik ausgeübt werden.

Aber Intervention an und für sich kann genau das

Gegenteil von dem bewirken, was man will.

FRAGE:

Ich glaube,- wie Sie selbst gesagt haben - ,daß die meisten

der wichtigen Länder sich darauf einigen könnten, daß eine gesunde Wirtschaftspolitik der wichtigste Schritt zur Stabilität der Wechselkurse wäre.

Aber wie bringen Sie das zustande?

Die Vereinigten Staaten haben

eine verstärkte Aufsicht des IWF vorgeschlagen.

Aber manche Leute würden

argumentieren, daß der IWF keine Exekutivmacht besitzt, während in dem
Fall, in dem man die Regierungen zur Aufrechterhaltung fester Wechselkurse verpflichten würde, eine automatische Disziplin ins Spiel käme.

Hat

dieses Argument etwas für sich?

ANTWORT:

Natürlich

�ANTWORT:

Natürlich ist da etwas dran, aber nicht viel.

Ich glaube,

wir haben erlebt, daß feste Wechselkurse sicherlich zu einer bestimmten
Form der Disziplin führen können, aber nach meiner Ansicht ist das eine
falsche Form der Disziplin, eine sehr willkürliche Form der Disziplin,
die in Wirklichkeit keine großen Aussichten in sich birgt, wirksam eine
gesunde Politik unter den großen Industrieländern zu fördern.

Auf der

anderen Seite muß man auch erkennen, daß das System, das wir gegenwärtig
haben, nicht immer eine sehr große Disziplin erkennen läßt.

Und so haben

wir Verständnis für die Auffassung, daß die Aufsicht des IWF Länder stärker ermutigen kann, die notwendigen Änderungen der Politik vorzunehmen,
die die internationale Gemeinschaft und hoffentlich auch das Land selbst
für unerläßlich halten.

Der Bericht des Zehnergruppe enthält viele Vorschläge für eine Stärkung der IWF-Aufsieht, und ich persönlich glaube, daß sie aussichtsreich
sind, obwohl viele Leute sie für grundsätzlich unzureichend halten angesichts der Probleme, mit denen das gegenwärtige System zu kämpfen hat.
Aber ich bin der Meinung, daß letztlich ein System, das eine stufenweise,
vernünftige , verbesserte Form der Ermutigung enthält und Länder dazu veranlaßt und drängt, das in ihrem Interesse und im Interesse der internationalen Gemeinschaft stehende zu tun, ein System ist, das wahrscheinlich
besser

funktionieren wird als ein System mit willkürlich eingebauten

Starrheiten der Wechselkurse.

FRAGE:

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Europäische Wäh-

rungssystem (EWS)?

Würde nicht dadurch ein Maß an Stabilität erreicht,

wie es sie außerhalb des EWS nicht gibt?

ANTWORT:

Ich glaube wirklich nicht, daß man das EWS einfach auf den

breiteren globalen Kontext projizieren kann.

Das EWS ist offensichtlich

Teil eines breiterangelegten Bestrebens, letztlich zu wirtschaftlicher
und politischer Integration zu gelangen.

Das EWS ist ein währungstechni-

sches und monetäres Arrangement, das Hand in Hand mit den Handelsvereinbarungen geht, die es zwischen den Mitgliedstaaten gibt.

Ich möchte

nicht abstreiten, daß das europäische Währungsarrangement für seine Mit-

�seine Mitgliedstaaten gewisse positive Wirkungen hat; aber wenn man auf
die rund sechs Jahre zurückblickt, seit es nun das EWS gibt, so glaube
ich doch, daß man einige ernste Zweifel hegen darf, in wieweit es wirklich eine Konvergenz der einzelnen Wirtschaftspolitiken gefördert hat.
Die jüngste Anpassung des Europäischen Währungs Systems mit seiner Abwertung der Lira und der Aufwertung aller anderen Währungen im EWS ist doch,
wie ich meine, ein Hinweis auf die Probleme, die von Zeit zu Zeit auftreten.

Es war dies zwar die erste Neuanpassung in mehr als zwei Jahren,

und in der Zwischenzeit gab es auch eine merkliche Konvergenz der Politik
der wichtigsten Mitglieder des EW5; aber einige Mitglieder - insbesondere
Italien - verfolgen doch auch weiterhin eine Politik, die meiner Meinung
nach von dem Verhalten und der Politik der anderen Länder abweicht - und
zwar in einem Ausmaß, das von Zeit zu Zeit zu Spannungen beiträgt.

Ich

glaube, ein System der festen Wechselkurse zwischen den Währungen der
Mitgliedstaaten kann in einem gewissen Umfang eine solide Politik zwischen den Neuanpassungen fördern; aber ich glaube nicht, daß das EWS in
dieser Hinsicht in der Vergangenheit nur einseitig Vorteile brachte, und
ich glaube eigentlich auch nicht, daß es sich aus dem Kontext herausnehmen und transferieren läßt.

FRAGE:

Es ist doch letztlich die Politik der großen Staaten, die das

Funktionieren des Internationalen Währungssystems entscheidet.

Kann die

Kontrolle durch den IWF wirklich die Politik von Ländern wie den Vereinigten Staaten beeinflussen?

ANTWORT:
gar direkter.

Ich glaube ja. Derzeit indirekt, in Zukunft vielleicht soDie einzelnen Länder reagieren im Kontext ihrer Konsulta-

tionen mit dem IWF unterschiedlich; aber aus meiner Teilnahme an den
jüngsten Artikel IV-Konsultationen zwischen den Vereinigten Staaten und
dem IWF kann ich beurteilen, daß dies ein gesunder Prozeß ist.

Es ist

ein Geben und Nehmen, wobei der IWF seine Sicht von dem vorträgt, was
richtig und falsch ist, und die Vereinigten Staaten wiederum ihre Politik
darlegen.

Wenn einige der Vorschläge, die wir zur Stärkung der Kontrolle

gemacht haben, verwirklicht werden, so wird die Wirkung nicht nur auf die
Vereinigten Staaten, sondern auch auf andere Länder noch signifikanter
sein.
FRAGE: Lassen Sie

�FRAGE:

Lassen Sie mich genauer sein.

Nehmen wir an, die Vereinigten

Staaten würden einen inflationären Kurs einschlagen:

Wäre die Kontrolle

durch den IVvF in der Lage, diese Tendenzen zu dämpfen?

ANTWORT:

Lassen Sie mich ein Beispiel anführen, das nicht nur Ihre

spezielle Frage bezüglich der Vereinigten Staaten beantwortet, sondern
bezüglich jedes anderen großen Industriestaates, falls er einen inflationären Kurs einschlagen sollte.

In einem solchen Fall verfügt der IWF

derzeit über Bestimmungen für spezielle ad_ hoc-Konsultationen mit Mitgliedstaaten - oder "ergänzende" Konsultationen, wie sie in bestimmten
Teilen der IWF-Entscheidungen genannt werden -, wenn der Eindruck vorhanden ist, es gäbe einen Grund zur Beunruhigung darüber, daß die Politik
oder das Wirtschaftsverhalten eines Landes ein beträchtliches Risiko für
das Mitglied oder für die internationale Gemeinschaft im Ganzen darstelle.

Diese Bestimmungen für Sonderkonsultationen wurden allerdings bis-

lang nur sehr unregelmäßig genützt.

Wir haben eine regelmäßigere Nutzung dieser Bestimmungen vorgeschlagen - und der G-10-Bericht hat diesen Vorschlag auch angenommen.

Wenn

zum Beispiel die Vereinigten Staaten oder Großbritannien oder Frankreich
eine Politik beginnen würden, die aus der Sicht des IWF oder der internationalen Gemeinschaft

insgesamt grundsätzlich in die falsche Richtung

weisen und potentiell größte Probleme nicht nur für das betreffende Land,
sondern für die internationale Gemeinschaft insgesamt aufwerfen würde, so
könnte der IWF versuchen, in eine spezielle Konsultation mit dem betreffenden Land gemäß Artikel IV der IWF-Satzung einzutreten, um die Aufmerksamkeit auf die fragliche Politik zu lenken und zu veranlassen, daß das
Direktorium des IWF sich speziell mit der Politik dieses Landes beschäftigt und sie eingehend diskutiert.

Ich selbst glaube, daß dies poten-

tiell von Bedeutung sein könnte.

FRAGE:

Stimmt es, daß dieser Prozeß gegenüber den großen Staaten

eigentlich nur die Hebelwirkung hat, daß die Politik, mit der der IWF
nicht übereinstimmt, der 'Öffentlichkeit mitgeteilt wird?

Und sogar das

Ausmaß, in dem der IWF diese Gespräche publik machen kann, ist sehr begrenzt.
ANTWORT:

Ich würde

�ANTWORT:

Ich würde nicht sagen, daß es keinerlei Hsbelwirkung hat.

Ich meine, die Hebelwirkung ist derzeit nicht ausreichend und könnte verstärkt werden. Ein weiterer unserer Vorschläge geht dahin, daß eine ausgewählte Anzahl von Staaten - vielleicht 20 oder 25 Industrie- und Entwicklungsländer , die für das Funktionieren des Systems von besonderer Bedeutung sind - aufgefordert wird, dem IWF sechs Monate nach Beendigung
einer Konsultation gemäß Artikel IV einen Bericht vorzulegen, in dem die
Maßnahmen dargelegt werden, die in Reaktion auf den Konsultationsprozeß
ergriffen wurden oder in dem festgehalten wird, wo man den einzelnen Vorschlägen, mit denen man nicht übereinstimmte, nicht nachging.

Die Aus-

formulierung eines solchen Berichtes könnte hilfreich sein und zu Veränderungen in der jeweiligen Politik führen, wenn solche erforderlich sein
sollten.

Die Frage der Publizität ist etwas, für das sich die Vereinigten
Staaten intensiv und energisch eingesetzt haben, aber nur wenige Staaten
haben dies bislang unterstützt.

Dies ist recht enttäuschend, denn wir

sind der Ansicht, daß die öffentliche Meinung hinsichtlich der Haltung
des IWF gegenüber einem Mitgliedstaat von Bedeutung sein und dessen Politik ändern könnte.

Andere Staaten zögerten in dieser Hinsicht, weil sie

Bedenken in bezug auf die Vertraulichkeit des Prozesses haben; aber wir
sind nur zu gern bereit, es zu versuchen, wenn auch die andern hierzu bereit sind. Bislang war dem nicht so.

FRAGE:

Bedeutet dies, daß Sie beim Treffen des Interimsausschusses

im Oktober nicht auf mehr Offenlegung drängen werden?
ANTWORT:

Nein.

Es bedeutet, daß wir hoffen, noch mehr Staaten wür-

den es sich noch einmal überlegen; und soviel ich weiß, wird auch weiterhin hierauf gedrängt.

Es ist leicht zu sagen:

"Wir hätten gern mehr Pu-

blizität bei den Vereinigten Staaten, aber wir wollen nicht mehr Publizität bei uns." Und man unterschätzt auch leicht den potentiellen Effekt,
den derlei auf ein Land haben kann.
FRAGE:

Der Sechsmonatsbericht für ausgewählte Staaten - glauben Sie,

da3 es hierzu im Oktober kommt?
ANTWORT:

Nein, wir

�ANTWORT:

Nein, wir glauben nicht, daß diese Vorschläge schon im Ok-

tober angenommen werden.

Im Oktober in Seoul wird eine erste Diskussion

der Minister und Nötenbankprasidenten stattfinden; sie werden die Sache
dann dem IWF für weitere und eingehendere Analyse vorlegen.

Vielleicht

nächstes Frühjahr dürfte dann der Interimsausschuß auf der Entscheidungsebene auf diese Fragen zurückkommen.

- 9 -

�2 ] . August 1985

33

ZUSAMMENARBEIT IN DER ATCMPOLITIK
Sonderbotschafter Richard T. Kennedy e r l ä u t e r t P r i n z i p i e n der
amerikanischen Regierung -

WASHINGTON - (AD) - Mehr a l s 125 Länder sind inzwischen Partner des
Vertrages über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen - Non-Prolifera»»
t i o n Treaty

(NPT).

Er s t e l l t

Rüstungskontrollverträge

somit einen der am weitesten

der Geschichte

dar.

von 1978 über die Nichtweiterverbreitung

verbreiteten

Dem amerikanischen Gesetz

von Kernwaffen zufolge müssen

Staaten, die keine Kernwaffen besitzen und sich um Exporte oder Zusammena r b e i t mit den Vereinigten Staaten auf nuklearem Gebiet bemühen, die S i cherungsbestimmungen der

IAEA

(Internationale

Atomenergie-Behörde)

hin-

s i c h t l i c h a l l e r A k t i v i t ä t e n mit Nuklearmaterial und Ausrüstung zu f r i e d »
liehen Zwecken akzeptieren.

Die Mitgliedstaaten des NPT-Vertrages h a l t e n

sich an diese Bestimmungen.
Präsident Reagan b e k r ä f t i g t e mehrmals, daß die Unterstützung des NPT
und des Vertrages von Tlatelolco über eine Kernwaffen f r e i e Zone i n La-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�i n Lateinamerika die wichtigsten Elemente der amerikanischen N o n - P r o l i f e rationspolitik

seien.

Gleichzeitig

forderte

er

alle

Lieferländer

auf,

bei a l l e n bedeutsamen neuen L i e f e r v e r p f l i c h t u n g e n die Einhaltung umfassender IAEA-Sicherungsmaßnahmen zur Bedingung zu machen.

Diese Sicherun-

gen s o l l e n das Abzweigen von Nuklearmaterial für Atomsprengsätze v e r h i n dern.

Ihre Anerkennung s o l l Nachbarstaaten d e u t l i c h machen, daß das be-

treffende Land keine Nuklearwaffen haben w i l l .

Die IAEA-Maßnahmen schaf-

fen somit e i n Sicherungssystem, das die Verwendung von nuklearen Material i e n und Ausrüstungen f ü r ausschließlich f r i e d l i c h e Zwecke gewährleistet.
Für September 1985 wird eine d r i t t e Konferenz zur Überprüfung des N i c h t weiterverbreitungsvertrages v o r b e r e i t e t .

Gemeinsam mit anderen Vertrags-

partnern werden sich die Vereinigten Staaten darum bemühen, den so l e benswichtigen Beitrag
Notwendigkeit

einer

dieses Abkommens zur Sicherung der
noch weitergehenden Einhaltung

seiner

Vtelt und die
Bestimmungen

erneut zu b e k r ä f t i g e n .

Dies bedeute n i c h t , wie Sonderbotschafter Richard T. Kennedy vor e i nem f ü r

Nichtweiterverbreitung

von Kernwaffen zuständigen Unterausschuß

des amerikanischen Kongresses e r k l ä r t e , daß sich die USA der z i v i l e n Anwendung von Plutonium i n Ländern mit hochentwickelten Atomenergieprogrammen widersetzten,
eingehalten

sofern

werden.

bestimmte

Kennedy,

strenge

Bedingungen und

Sonderberater

von

Kontrollen

Außenminister

George

Shultz i n Fragen der N o n - P r o l i f e r a t i o n s p o l i t i k und der Kernenergie, verwies darauf, daß die USA heute nicht mehr das Monopol f ü r Kerntechnik besäßen.

So sei eine r e a l i s t i s c h e P o l i t i k angebracht, die auf Kooperation

mit anderen Ländern, jedoch nicht auf Konfrontation ausgerichtet

ist.

I n Kennedys Anhörung vor dem Ausschuß ging es. u.a. um Zusammenarbeit
der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern h i n s i c h t l i c h einer

WLederauf-

arbeitung abgebrannten Uranmaterials und die Verwendung von daraus gewonnenem Plutonium i n z i v i l e n Atomenergieprogrammen.

Die amerikanische Re-

gierung bemühe sich b e h a r r l i c h darum, daß die von i h r v e r f o l g t e
die

v o l l e Übereinstimmung mit

der Nichtweiterverbreitung

den Zielen der

Politik

"Non-Proliferation",

also

von Kernwaffen, gewährleiste, sagte Kennedy.

Präsident Reagan habe e r k l ä r t , daß die Verhinderung einer Nichtweiterver- 2 -

�einer

Nichtweiterverbreitung

von nuklearen Sprengsätzen eine der

"kri-

t i s c h s t e n Herausforderungen unserer Nation i n i n t e r n a t i o n a l e n Angelegenheiten" sei.

Eine weitere P r o l i f e r a t i o n würde eine ernste Bedrohung des

i n t e r n a t i o n a l e n Friedens, regionaler und globaler S t a b i l i t ä t und der S i cherheitsinteressen der USA ebenso wie anderer Länder bedeuten.
rikanische

Regierung

werde

Nichtweiterverbreitung
tischen V o r t e i l e

niemals

ihre

Grundsätze

zugunsten irgendwelcher

aufgeben.

Und sie

Die ame-

hinsichtlich

kommerziellen oder

sei der Meinung, daQ diese

der
poli-

Richt-

schnur eine allgemeine Norm für a l l e Länder sein s o l l t e .
Jedoch
Kennedy.

sei

es

mit

Proklamationen

nicht

getan,

sagte

Botschafter

Eine solche P o l i t i k müsse auch zu konkreten Ergebnissen führen,

was die Unterstützung der anderen Nuklear-Lieferländer der Wslt i n bezug
auf k r i t i s c h e M a t e r i a l i e n und Ausrüstungen, Sicherungsmaßnahmen und andere NPT-Fragen e r f o r d e r e .

So s t e l l e die Zusammenarbeit mit anderen Län-

dern i n der f r i e d l i c h e n Nutzung der Atomenergie unter angemessenen Sicherungen und Kontrollen eine notwendige Ergänzung der von den USA mit Entschiedenheit: vertretenen N o n p r o l i f e r a t i o n s p o l i t i k dar.

Autarkieprobleme i n der Energieversorgung
Viele

Länder

verfügen nicht

mit

etablierter

und im Aufbau b e f i n d l i c h e r

über eigene Vorkommen f o s s i l e r

auf organischer Basis.

oder anderer

Industrie
Brennstoffe

Sie betrachten die Erschließung von Kernenergie

für i h r nationales Wohlergehen und i h r e Energiesicherheit als lebenswichtig.

Und zur v o l l e n Ausnutzung des Kernenergiepotentials

haben einige

von ihnen - bestimmte westeuropäische Länder und Japan - Pläne zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstoffe
wie

zur

Verwendung

des

daraus

aus Atomkraftwerksreaktoren

abgetrennten

Plutoniums

Brennstoff zur zusätzlichen Stromerzeugung ausgearbeitet.

als

so-

nuklearen

Ihre Pläne um-

fassen auch die Entwicklung von Brütern und anderen modernen Reaktortypen
sowie die Verwendung von Mischoxyden aus Plutonium und Uran a l s Brenns t o f f für Leichtwasserreaktoren ("thermische Rückführung").
Inwieweit diese

�Inwieweit diese Programme wirtschaftlich gerechtfertigt sind, sei dahingestellt, sagte Botschafter Kennedy.

Jedoch sei für diese Länder we-

niger die Rentabilität als die Entschlossenheit ausschlaggebend, einen
höchstmöglichen Grad von Unabhängigkeit in ihrer Fähigkeit zur Energieproduktion zu erzielen.

Die Ölschocks der siebziger Jahre, aber auch die

Ende der siebziger Jahre sich ständig ändernden gesetzlichen und politischen Gegebenheiten in den Vereinigten Staaten bei Nuklearexporten bewirkten erhebliche Ungewißheiten in den Energieplänen anderer Länder.
Deshalb halten sie die Entwicklung einer weniger von ausländischen Lieferungen abhängigen und damit weniger gegen Störungen von außen anfälligen
eigenen Energie-Infrastruktur für wichtig.

Es gebe selbstverständlich auch andere Motive, meinte Botschafter
Kennedy.

Einige Länder mit fortschrittlichen Nuklearprogrammen sähen in

der Wiederaufarbeitung eine denkbare wichtige Möglichkeit zur Beseitigung
von Atommüll - nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch zur Lösung
politischer Probleme.

Denn in manchen Staaten könnten die Regierungen

die Opposition gegen ihre Atomenergieprogramme aufgrund der Furcht vor
Umweltschäden nur mit dem Versprechen überwinden, die Abfälle wieder aufzuarbeiten, anstatt sie einem Endlager zuzuführen.

In diesen Ländern

würde Widerstand oder Einmischung seitens der USA in der Frage der Wiederaufarbeitung als Gefährdung der Nuklearprogramme angesehen.

Dies bereite den USA ernste Sorgen, aber das gelte auch hinsichtlich
der Möglichkeit, Plutonium für Atomwaffen zu verwenden.

"Wir sehen uns

der Notwendigkeit gegenüber", so Kennedy, "eine realistische Politik zu
entwickeln, die beides berücksichtigt."
brand-Wiederaufarbeitung

und

Dabei solle keinesfalls die Ab-

die Verwendung

von Plutonium

für zivile

Zwecke in Ländern mit hochentwickelten Atomkraftprogrammen, wo die Gefahr
der Proliferation nicht gegeben sei, verhindert oder reduziert werden
- vorausgesetzt, daß bestimmte strenge Bedingungen und Kontrollen beibehielten würden.

Die Reagan-Administration sei sich der Gefährlichkeit von Plutonium,
dessen Verwendung sorgfältige Kontrollen und Sicherungen verlange, voll- 4 -

�verlange, v o l l a u f

bewußt, e r k l ä r t e Kennedy.

So habe der Präsident auch

die Verpflichtung der USA kategorisch b e k r ä f t i g t , den Transfer von s e n s i tivem Nuklearmaterial zu verhindern, wo die Gefahr der P r o l i f e r a t i o n Zurückhaltung e r f o r d e r e .

Die Vereinigten Staaten drangen wiederholt

a u f , diese Ansicht als i n t e r n a t i o n a l e Norm zu akzeptieren.

Sie

dar-

initiier-

ten und b e t e i l i g t e n sich an zahlreichen m u l t i l a t e r a l e n Anstrengungen, die
Sicherheitsvorkehrungen bei Plutonium zu verbessern und das Risiko seiner
Anwendung zu n i c h t f r i e d l i c h e n Zwecken zu v e r r i n g e r n .

Dazu gehörten auch

die Überprüfung und stärkere Absicherung der vom Zangger-Ausschuß aufges t e l l t e n Liste

für

nukleare Exporte und

Wiederaufbereitungsausrüstungen

sowie enge Zusammenarbeit mit der IAEA und anderen Nationen i n der Entwicklung wirksamerer Maßnahmen zum Schutz von

Wiederaufarbeitungsbetrie-

ben und Anlagen, wo Plutonium vorhanden i s t .
Die Vereinigten Staaten könnten jedoch Industrieländern mit hochentwickelten Nuklearprogrammen keine P o l i t i k

hinsichtlich

der

Wiederaufar-

beitung und der Anwendung von Plutonium, die möglicherweise einem k ü n f t i gen Energiebedarf Rechnung tragen s o l l , d i k t i e r e n oder vorschreiben.

Es

sei f a l s c h , anzunehmen, daß die USA die Kontrolle über das i n der Welt
vorhandene

Plutonium

besäßen.

Vielmehr

hätten

sie,

wie

Botschafter

Kennedy e r k l ä r t e , derzeit die Kontrolle über 50 Prozent der i n der Welt
vorhandenen Kernbrennstoffe, mit denen Plutonium produziert werden könnte.

Die Vereinigten Staaten k o n t r o l l i e r t e n einen T e i l dieses M a t e r i a l s ,

weil es i n den USA produziert und gelagert werde.

Bei anders gelagerten

Fällen l i e f e r n die USA i n andere Länder Kernbrennstoff aufgrund von Vereinbarungen,

die

u.a.

besagen,

daß

Amerika

den Verwendungszweck

Brennstoffs und der Abbrandelemente genehmigen muß.
von EURATOM (Europäische Atomenergie-Gemeinschaft)

des

Ein großer T e i l des
genutzten

amerikani-

schen Kernbrennstoffs unterliege aufgrund früher abgeschlossener Verträge
jedoch

nicht

der

direkten

Kennedys werde der A n t e i l

amerikanischen

Kontrolle.

der unter amerikanischer

Nach

Kontrolle

Ansicht
stehenden

Kernbrennstoffe der Welt bis zum Jahr 2000 sogar auf ca. 20 Prozent zurückgehen.

Im Bereich von

�Im Bereich von EURATOM, wo v i e l im Zusammenhang mit der Brutreaktor—
Entwicklung

und der

"thermischen Rückführung" geplant

werde,

verfügten

die USA gegenwärtig nicht über Zustimmungsrechte bei der Wiederaufarbeitung von Abbrandelementen amerikanischer Herkunft.

Einer k ü r z l i c h veröf-

f e n t l i c h t e n Studie zufolge dürften die EURATOM -Länder bis zum Jahr 2000
i n Abbrandlementen sowie i n e x t r a h i e r t e r Form mehr a l s 330 Tonnen s p a l t baren Plutoniums angesammelt haben, wobei weder Abbrand noch Plutonium
amerikanischen

Wiederaufarbeitungskontrollen

unterliege.

Von der Menge

kämen - neue oder r e v i d i e r t e Vereinbarungen über Zusammenarbeit vorausgesetzt - höchstens 40 Tonnen i n Frage, da das übrige Material nicht amerikanischer Herkunft s e i .

Dies seien vorsichtige Schätzungen.

In anderen Ländern mit hochentwickelten Nuklearprogrammen gelten die
Zustimmungsrechte der USA l e d i g l i c h für einen T e i l des gegenwärtig vorhandenen oder

zu

erwartenden M a t e r i a l s .

Der

gleichen

Studie

zufolge

dürften sich bis zum Jahr 2000 i n Japan 11,3 Tonnen spaltbaren P l u t o n i ums, das nicht
I n Spanien l i e g t

amerikanischer

Kontrolle

u n t e r l i e g t , angesammelt haben.

die Menge bei 18,9 Tonnen, i n Schweden bei 2,4 Tonnen

und i n der Schweiz bei 4,2 Tonnen.

Die EURATQM-Länder und Japan hätten

wiederholt klargemacht, daß sie Plutonium für

i h r e z i v i l e n Energiepläne

als wesentlich, ja sogar lebenswichtig betrachteten.

Gelegentlich werde damit argumentiert, so Kennedy, daß die

Wiederauf-

aröeitung von Abbrand und die Verwendung von Plutonium i n z i v i l e n Atomkraftprogrammen der Industrieländer aneren Ländern mit e r s t im Aufbau beg r i f f e n e n Nuklearprogrammen e i n "schlechtes B e i s p i e l " gebe.

Jedoch sei

zum einen keineswegs k l a r , daß h i n t e r einem Nuklearprogramm i n der D r i t ten Walt überhaupt der Wünsch zur Nachahmung de r i n d u s t r i a l i s i e r t e n

Walt

stehe, und zum anderen gebe es keinen Beweis d a f ü r , daß Selbstbeschränkung, ja

Selbstverleugnung auf Seiten der Industrieländer

zu ähnlicher

Enthaltsamkeit bei den Ländern der D r i t t e n Vtelt führen werde.
Ein weiteres Argument
Politik

von Gegnern der gegenwärtigen

amerikanischen

zur Wiederaufarbeitung von Abbrand und der Verwendung von P l u t o -

nium gehe Kennedy zufolge dahin, daß durch eine Ermutigung oder zumindest
- 6 -

�oder zumindest eine Duldung solcher Aktivitäten der Tag noch früher kommen werde, an dem Plutonium als "Routineware" betrachtet und somit auch
leichter für Mißbräuche abgezweigt oder für Terroristen eher zugänglich
werden könnte.

Diese Art Gefahren seien jedoch in den Griff zu bekommen

und die Vereinigten Staaten führten in der Entwicklung verbesserter technischer Schutzmaßnahmen.

Nuklearer Terrorismus werde von der amerikani-

schen Regierung als potentielle, äußerst ernste Bedrohung der nationalen
Sicherheit betrachtet.

Entsprechende und angemessene Schritte zu seiner

Verhinderung würden bereits unternommen und werden auch künftig unternommen werden.

Auf Anregung der Exekutive habe der Kongreß im Jahr 1982

entsprechende Strafgesetze verabschiedet.

Auf internationaler Basis habe

sich die Regierung sehr um Vereinbarungen zwischen den großen Nuklearlieferanten bemüht.

Angemessene

technische Sicherungsmaßnahmen seien als

Bedingung für nukleare Exporte gefordert worden.

Verbesserte Kooperationsabkommen angestrebt

Im Rahmen der Bemühungen um neue oder verbesserte Kooperationsabkommen, die strengere Nonproliferationsbestimmungen berücksichtigen, und um
eine Wiederherstellung des Vertrauens zu den Vereinigten Staaten als zuverlässigem Lieferanten habe die Regierung mit Japan und den EURATOI-Ländern gewisse langfristige Arrangements zur Wiederaufarbeitung von Material, das amerikanischer Kontrolle unterliege, und zur Verwendung des daraus abgetrennten Plutoniums erörtert.

Kennedy verwies darauf, daß Ab-

sicherungen gegen eine Beeinträchtigung von Verteidigung und Sicherheit
der USA eingearbeitet seien und die Vereinbarungen nicht zu einer bedeutsamen Erhöhung des Risikos der Proliferation führen würden.

Auch bei anderen Ländern, mit denen Kooperationsabkommen bestehen,
seien die USA bereit, bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen den Transfer von Material amerikanischer Herkunft in französische und britische
Wiederaufarbeitungsanlagen

im Vorhinein

zu genehmigen.

Beispielsweise

enthielten die 1984 in Kraft getretenen neuen Kooperationsabkommen mit
Norwegen und Schweden und das neue Abkommen mit Finnland, das z.Zt. dem

�z. Zt. dem Kongreß vorliege, die im Voraus gegebene Zustimmung der Vereinigten Staaten, daß diese Länder Material, das unter die Vereinbarungen
fällt, ohne vorherige Rückfrage bei den USA zu bestimmten Wiederaufarbeitungsanlagen

in Großbritannien oder Frankreich

transferieren könnten.

Norwegen, Schweden und Finnland seien ihrerseits gehalten, über solche
Transfers Buch zu führen und die USA von jeder einzelnen Materialüberstellung zu unterrichten.

Sie seien außerdem verpflichtet, im Voraus von

EURATOM die Bestätigung einzuholen, daß das Material innerhalb EURATOM
entsprechend dem US-EURATGM-Kooperationsabkommen behandelt werde, um die
juristische Kontrolle über das gesamte, im Rahmen des Transfers abgetrennten Plutonium zu behalten, und von den USA im Voraus die Zustimmung zu einem späteren Transfer in ein anderes Land oder für eine Verwendung von Plutonium zu erlangen.

Die von den USA verfolgte Politik müsse realistisch sein und Realitäten berücksichtigen.

Japan und mehrere EURATCM-Länder bauten inzwischen

eigene Anlagen - mit und ohne von den USA bereitgestellter sensitiver
Technologie bzw. mit und ohne Vorbild amerikanischer Ausrüstungen.

So

sei jetzt das vordringliche Ziel der USA, die stärksten Sicherungsmaßnahmen und den stärksten physischen Schutz sicherzustellen.

Ein Beitrag da-

zu könne sich aus der unmittelbaren Beteiligung der Vereinigten Staaten
am Entwurf und an der Ausrüstung für die betreffenden Anlagen ergeben.

Die Vereinigten Staaten seien dabei, wieder ein abschätzbarer und zuverlässiger Partner für friedliche nukleare Zusammenarbeit im Rahmen angemessener Sicherungen und Kontrollen zu werden.

Ihre Politik treffe

vernünftige Unterscheidungen zwischen engen Verbündeten und Freunden zum
einen, die fortschrttliche nukleare Programme, dazu die gleichen Ziele
der Nichtweiterverbreitung haben und die kein Proliferationsrisiko darstellen, und solchen Staaten zum andern, die ein derartiges Risiko darstellen oder darstellen könnten.

Die USA verfolgten eine sorgfältig definierte, abgewogene und zurückhaltende Politik.

Sie könnte nach Kennedys Meinung die Fähigkeit der

Vereinigten Staaten erheblich steigern, auf ausländische Nuklearprogramme
- 8 -

�ausländische Nuklearprogramme in einer Vteise Einfluß zu nehmen, die die
eigenen Nonproliferationsziele erreichen hilft.

Diese Politik entspreche

jener Kanadas und Australiens - von Ländern, die selbst eine starke Nbnproliferationspolitik
vereinbarten
Eine

betreiben und, wie die Vereinigten Staaten, auf

Rechten als Teil

erfolgreiche

ihrer nuklearen Exportpolitik

Nuklearpolitik

müsse

gegenseitigem Vertrauen basieren.

&gt;

* * * * #

auf

bestehen.

gegenseitiger Achtung

und

�33

21. August 1985

NEUE GEBÜHRENORDNUNG FÜR RRIJMTRANSPORTERFLÜGE
Inanspruchnahme des Frachtraums soll Kosten (decken -

WASHINGTON - (AD) - Die Abgabe von Nutzlastraum im amerikanischen
Raumtransporter an ausländische und kommerzielle Benutzer per Auktionsgebot ist mit Beginn des US-Haushaltsjahres 1989 vorgesehen.

Präsident

Reagan forderte eine Preispolitik, die bei Beteiligung des genannten Benutzerkreises eine volle Kostendeckung ermöglicht.

Als Mindestgebot für

den gesamten Nutzlastraum werden 74 Millionen Dollar pro Flug genannt (in
Dollar von 1982).

Allerdings teilen sich jeweils mehrere Benutzer in

diese Gebühr, weil für keine der Nutzlasten ausländischer und kommerzieller Auftraggeber der gesamte Frachtraum benötigt wird.

Gegenwärtig gilt

noch die 1977 festgesetzte "Einführungsgebühr" von 38 Millionen Dollar
für den gesamten Frachtraum.

Das Waiße Haus gab zur Neuordnung ein In-

formationsblatt mit folgendem Wortlaut heraus:

"Der Präsident hat folgende Maßnahmen zu Raumtransportergebühren für
ausländische und kommerzielle Benutzer angeordnet:

Die Nationale Raumfahrtstrategie erfordert die Entwicklung eines Pia-

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�eines Planes zur Einführung der vollen Kostenerstattung bei ausländischen
und kommerziellen Raumtransporterflügen nach dem 1. Oktober 1988.

Mit Beginn des Haushaltjahres 1989 wird die Raumtransporterkapazität
nach dem Auktionsverfahren an ausländische und kommerzielle Benutzer vergeben.

Der Administrator der NASA wird Auktionsrichtlinien festsetzen,

um eine maximale Entschädigung für die Regierung und gleiche Behandlung
aller potentiellen Startkunden zu gewährleisten.

Als Mindestsumme für ein komplettes Nutzlastraum-Gebot pro Flug werden 74 Millionen Dollar (nach dem Dollarwert von 1982) festgesetzt. Drei
komplette Nutzlastkapazitäten pro Jahr stehen dem ausländischen und kommerziellen Markt bis zur Frist von zwei Jahren vor dem Startjahr zur Verfügung.

Von diesem Zeitpunkt an kann die NASA noch offene Kapazitätsan-

teile anbieten.

Die NASA ist befugt, im Rahmen der oben genannten Quoten

Gebote für mehrere Nutzlasten zum Auktionspreis zu akzeptieren.

Die oben

genannten Quoten gelten nicht für Flüge mit neuartiger und innovativer
Nutzung des Iteltraums.

Die NASA wird die Erfahrungen mit Raumtransporterkosten und die erwartete künftige Effektivität dieser Preispolitik im Hinblick auf die
Anwendung der Nationalen Raumfahrtpolitik unter veränderlichen Marktbedingungen jährlich neu überprüfen.

Die NASA wird ihren Jahresbericht

zusammen mit jeder Art von Empfehlungen zu Veränderungen des

Auktions-

mindestpreises oder anderer Aspekte dieser Preispolitik dem Präsidialreferenten für Angelegenheiten der Nationalen Sicherheit und dem Direktor
des Amtes für Management und Budget vorlegen.

Jegliche Art politischer

Fragen, die sich aus diesem Jahresbericht ergeben, können dem interministeriellen Ältestenrat für Raumfahrtangelegenheiten unterbreitet werden.

Die vom amerikanischen Verteidigungsministerium (DOD) für Raumtransporterflüge erhobene Gebühr wird unabhängig von der bei ausländischen und
kommerziellen Kunden angewandten Preispolitik berechnet. Sie gründet sich
auf die Startstrategie im Interesse der Nationalen Sicherheit und auf eine angemessene Entschädigung für DOD-Dienstleistungen in Verbindung mit
Raumtransporterflügen."
• * * * *

- 2-

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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA rechnen mit Entscheidungen über Reform des Internationalen Währungsfonds im kommenden Jahr&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USIA-Interview mit IWF-Direktor Dallara -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zusammenarbeit in der Atompolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Sonderbotschafter Richard T. Kennedy erläutert Prinzipien der amerikanischen Regierung -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Gebührenordnung für Raumtransporterflüge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Inanspruchnahme des Frachtraums soll Kosten decken -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</text>
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21. August 1991

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SOWJETUNION

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BUSH FORDERT DIE WIEDEREINSETZUNG
DES SOWJETISCHEN PRÄSIDENTEN
Erklärung des Präsidenten

4P '

DER STAATSSTREICH
IN DER SOWJETUNION
Die Berichterstattung in Amerika

CHEMISCHE WAFFEN

USA FORDERN ENDE DER HINHALTETAKTIK
BEI C-WAFFENVERTRAG
Erklärung von Botschafter
Ledogar in Genf

AMERIKAS ZUKUNFT

EINE ZEIT DER ERNEUERUNG
Von Richard Rosecrance

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�SOWJETUNION
21. August 1991

BUSH FORDERT WIEDEREINSETZUNG
DES SOWJETISCHEN PRÄSIDENTEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat seine tiefe Besorgnis über die Ereignisse in der Sowjetunion zum
Ausdruck gebracht und erklärt, er unterstütze die Forderung des russischen Präsidenten Jelzin "nach
Wiedereinsetzung der rechtmäßig gewählten Machtorgane und Bestätigung des Präsidenten der UdSSR,
Michail Gorbatschow, im Amt".
In einer am 19. August 1991 vom Weißen Haus veröffentlichten Erklärung konstatierte Bush: "Unserer Meinung
nach muß die Reformpolitik in der Sowjetunion fortgeführt werden, darunter die Demokratisierung, der Prozeß
der friedlichen Aussöhnung zwischen der Führung und den Republiken sowie die Neuordnung der Wirtschaft."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Bush im Wortlaut.

Die Ereignisse der letzten Stunden in der Sowjetunion
haben uns tief beunruhigt, und wir verurteilen den
verfassungswidrigen Rückgriff auf Gewalt. Obwohl
die Lage noch im Fluß ist und die Informationen
unzureichend sind, werfen die Ausrufung des Notstandes sowie die Stationierung sowjetischer Streitkräfte in
Moskau und anderen Städten sehr ernste Fragen über
den künftigen Kurs der Sowjetunion auf. Mit diesen
fehlgeleiteten und nicht berechtigten Bestrebungen
wird das Gesetz in der Sowjetunion umgangen und der
Wille des sowjetischen Volkes mißachtet.
In diesem Sinne unterstützen wir Präsident Jelzins
Forderung nach Wiedereinsetzung der rechtmäßig
gewählten Machtorgane und Bestätigung des Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, im Amt.
Grö ßere Demokratie und Offenheit in der sowjetischen
Gesellschaft, darunter Schritte zur Verwirklichung der
sowjetischen Verpflichtungen gemäß der Schlußakte
von Helsinki unchJer Charta von Paris haben in den
vergangenen Jahren einen entscheidenden Beitrag
zur begrüßenswerten Verbesserung der Ost-WestBeziehungen geleistet.
Angesichts dieser Umstände wird sich die Politik der
Vereinigten Staaten von folgenden Grundsätzen leiten
lassen:

AMERIKA DIENST 33

Wir glauben, daß die Reformpolitik in der Sowjetunion
fortgeführt werden muß, darunter die Demokratisierung, der Prozeß der friedlichen Aussöhnung zwischen der Führung und den Republiken sowie die
Neuordnung der Wirtschaft.
Wir unterstützen alle verfassungsmäßig gewählten
Amtsträger und erheben Einspruch gegen den Einsatz
von Gewalt oder Einschüchterung, um diese zu unterdrücken oder ihr Recht auf freie Meinungsäußerung zu
beschneiden.
Wir erheben Einspruch gegen den Einsatz von Gewalt
im Baltikum oder gegen andere Republiken, um demokratisch gewählte Regierungen zu unterdrücken oder
abzulösen.
Wir fordern die Sowjetunion auf, ihre internationalen
Verträge und Verpflichtungen einzuhalten, einschließlich ihrer Verpflichtungen zur Wahrung der Menschenrechte und demokratischer Verfahrensweisen nach
der Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta.
Wir werden auf jede nur mögliche Art und Weise
Aktionen vermeiden, die diesen Umsturz rechtmäßig
erscheinen lassen, und wir werden ihn auch nicht
unterstützen.

Seite 1

�Wir haben kein Interesse an einem neuen kalten Krieg Gleichzeitig werden wir keine Wirtschaftshilfe mehr
oder an der Verschärfung der Spannungen zwischen leisten, wenn weiterhin verfassungswidrige Mittel eingesetzt werden.
Ost und West.

*

Seite 2

*

* *

AMERIKA DIENST 33

�SOWJETUNION
21. August 1991

DER STAATSSTREICH IN DER SOWJETUNION
Die Berichterstattung in Amerika
WASHINGTON - (AD) - Eine Reihe von amerikanischen Zeitungen widmete ihre Leitartikel der Entmachtung
Michail Gorbatschows von seinem Amt als Präsident der Sowjetunion. Nachfolgend veröffentlichen wir daraus
einige Auszüge.

Washington Post
Der Staatsstreich in Moskau ist ein schrecklicher und
verabscheuungswürdiger Rückfall in den Stalinismus
durch eine Clique, die in ihrem Bestreben nach Rechtfertigung ihres Tuns nicht die geringste Chance hat,
die von ihr zitierten Übel "Chaos und Anarchie" zu
bekämpfen. Im Gegenteil verfügen die acht in Moskau
- obwohl sie angeblich die traditionellen Polizeielemente der Autorität kontrollieren - über keine anderen
Rechte und Mittel als massive Unterdrückung, um die
von Michail Gorbatschow freigesetzten Elemente der
Demokratie und Reform nach ihrem Willen umzugestalten. Es würde der Bilanz von sechs Jahren unter
Gorbatschow Hohn spotten, wenn die Menschen in der
Sowjetunion den Staatsstreich einfach hinnehmen
würden. In den Straßen von Moskau rollen die Panzer,
und dieses Mal lautet die wahrscheinliche Prognose
mehr "Chaos und Anarchie" in Form öffentlichen
Widerstands. Der Staatstreich ist noch nicht beendet.
New York Times

Jeder wußte, daß der sowjetische Präsident einen
DrahtseilaM vollführte. Und es wurde vor einem Staatsstreich, wie es Gorbatschows alter Verbündeter, Alexander Jakowlew, tat, gewarnt. Trotzdem hatten die
Amerikaner, nachdem sie jahrzehntelang an der Schwelle einer nuklearen Konfrontation standen, bereits
begonnen, den Kräften des Wandels zu vertrauen, die
Gorbatschow freigesetzt hatte.
Jetzt plötzlich gefährdet die rücksichtslose Übernahme durch Mitglieder einer in Verruf gerateten alten
Kommunistengarde die Wogen des Fortschritts. Sie
können noch stürzen, wenn die sowjetische Öffentlichkeit sie wegfegt und den Weg zu politischen und
AMERIKA DIENST 33

wirtschaftlichen Reformen wieder beschreitet. Aber
auch wenn der Staatsstreich andauert, verfügen die
Verschwörer nicht über die Berechtigung und die Vision, die für einen Erfolg nötig sind.
Baltimore Sun
Präsident Bush hat zu Recht die Hoffnung bekundet,
das sowjetische Volk solle diesem illegalen militärischen Staatsstreich ein Ende bereiten und zu der
freieren Ausdrucksweise und wirtschaftlichen Liberalisierung der Ära Gorbatschow zurückkehren. Sein
nationaler Sicherheitsberater Brent Scowcroft hat jedoch
ebenso deutlich gemacht, daß innenpolitische Ereignisse in der Sowjetunion außerhalb amerikanischer
Kontrolle liegen. Mahnungen und Druck durch ausländische Staaten können nur am Rande geltend gemacht werden.
Nur einen Augenblick schien die Chance zu bestehen,
daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion bei
der Gestaltung der neuen Weltordnung Verbündete
und nicht Gegner sein könnten. Heute ist es Amerikas
vornehmste Aufgabe, diese Aussicht für den sicheren
Tag aufrechtzuerhalten, an dem das sowjetische Volk
das strahlende Licht der Freiheit wiedergewinnt, das
es nur kurze Zeit gekannt hat.
Washington Times
Wenn die Ereignisse in Moskau und Michail Gorbatschows Hausarrest auf der Krim Präsident Bush und
seinen Beratern überhaupt etwas sagen, dann dies,
daß die Zeit des business as usual mit der Sowjetunion
enden muß. Das Regime auf dem Roten Platz könnte
eine größere Bedrohung der nationalen Sicherheit der
Vereinigten Staaten darstellen als jemals zuvor, und

Seite 1

�eine der ersten Maßnahmen, die Präsident Bush zu
deren Verringerung ergreifen kann, ist die Einstellung
jeglicher finanzieller und wirtschaftlicher Hilfe für die
neuen Machthaber.
... Selbst unter Gorbatschow entwickelte die Sowjetunion die Maschinerie zur Neuausrüstung ihres militärisch-industriellen Komplexes mit Geld und Technologie des Westens. Jetzt, da die kommunistischen
Hardliner Gorbatschow abgesetzt haben - wobei niemand wirklich weiß, mit welchem Ziel - muß Bush alle
Hilfe, die er dem Osten zu gewähren bereit war,
einstellen und die amerikanischen Verbündeten in
Europa drängen, dasselbe zu tun.
USA Today
Wird die sowjetische Umwälzung auf die mitgenommene US-Wirtschaft durchschlagen?
Der Rückgang des Aktienindexes um 70 Punkte am
Montag war vorhersehbar. Die Getreidepreise erlitten
mit der Aussetzung von 1,5 Milliarden Dollar an Kreditbürgschaften für die Sowjetunion drastische Einbußen. Diese Reaktionen werden wahrscheinlich nur
vorübergehenden Charakter haben.
Eine legitimere Sorge gilt dem Druck auf unsere
Bemühungen zur Verringerung des Defizits im Bundeshaushalt, falls es zu einem neuen Wettrüsten kommt.
Die "Friedensdividende" einer 20prozentigen Reduzierung der amerikanischen Streitkräfte bis 1995 würde
zunichte gemacht.
Wall Street Journal
Das sowjetische Volk wurde von den Ereignissen nicht
überrascht. Seit Monaten erwartete man einen Staatsstreich der Kommunistischen Partei. Die Händler des
Arbat verkauften ihre Matrioschka-Puppen der Diktator-Serie mit einer Nach-Gorbatschow-Figur - einem
Militärdiktator mit einem Fragezeichen als Gesicht, der
Gorbatschows Kopf in Händen hält. Die Frage wurde
beantwortet. Das Land befindet sich heute in den
Händen des KGB und der sowjetischen Armee - der
Männer, die die Gewehre kontrollieren.
Was sich als nächstes aus der sowjetischen Feuerprobe ergeben wird, ist schwer vorherzusagen. Aber
selbst wenn sich Boris Jelzin in diesem Trümmerhaufen behaupten könnte oder Gorbatschow auf wunder*

Seite 2

same Weise zurückkehren würde, sollten die westlichen Staats- und Regierungschefs eine ernüchternde
Lektion gelernt haben: die freien Menschen des Westens
können sich nicht auf die guten Absichten derjenigen
verlassen, die das sowjetische System regieren, das
so byzantinisch wie eh und je ist.
Los Angeles Times
Mit beschwichtigenden, wenn auch nicht überzeugenden Worten suggeriert die neue Führung, daß sie die
besten Elemente von Gorbatschows Perestrojka
bewahren will. Obwohl der entmachtete Staatschef
viel von seiner früheren Popularität verloren hatte,
mißt man zahlreichen seiner Reformen noch immer
hohen Wert bei. Der Gedanke, daß die reaktionären
Kräfte, die die Macht erobert haben, beabsichtigen, die
marktorientierten Reformen und die Liberalisierung
des politischen Lebens fortzusetzen, scheint völlig
absurd. Ihr Betriebskapital sind Ordnung, Disziplin,
Kontrollen. Ihre Sicht einer soliden Regierung - wir
befehlen, ihr gehorcht - ist absolut nicht mit dem
Konzept der freien Wahl und der Meinungsfreiheit in
Einklang zu bringen.
Philadelphia Inquirer
Wir hatten uns an den Mann gewöhnt. Aber noch mehr
hatten wir uns an die neue, berechenbarere, weniger
bedrohliche Welt gewöhnt, die durch die Außenpolitik
von Präsident Gorbatschow eingeläutet worden war.
Die Vereinigten Staaten müssen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um sicherzustellen, daß diese Ära nicht
beendet wird.
So schlecht die Dinge liegen, ist das Spiel noch lange
nicht beendet. Über fünf Jahre von Glasnost und
Perstrojka haben die Sowjetunion tiefgreifend verändert. Diese Ära derteilweisen Demokratie, mitgewählten Institutionen und einer zunehmend freien Presse
haben die Angst des Volkes vor Unterdrückung gemindert und ihm das Gefühl vermittelt, daß es in seinem
Leben ein gewisses Sagen haben sollte.
Präsident Bush hat gestern erklärt, man habe die
Meinung des sowjetischen Volkes zu dem Coup noch
nicht gehört. Das trifft zu. Aber auch Bush hat eine
Rolle zu spielen. Er muß sicherstellen, daß das
sowjetische Volk von den Vereinigten Staaten hört und weiß, daß sie auf seiner Seite sind.

* * *

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AMERIKA DIENST 33

�CHEMISCHE

WAFFEN
21. August 1991

USA FORDERN ENDE DER HIN HALTETAKTIK
BEI C-WAFFENVERTRAG
Erklärung von Botschafter Ledogar in Genf
GENF - (AD) - In einer Erklärung bei der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) hat Botschafter Stephen Ledogar
am 15. August 1991 die Enttäuschung der Vereinigten Staaten darüber zum Ausdruck gebracht, "daß eine kleine
Zahl von Delegationen die Einigung über ein Arbeitsprogramm blockiert, das den Ausschuß für chemische
Waffen bis Januar nächsten Jahres leiten soll". Die amerikanische Regierung finde dies angesichts der Chance,
diese Verhandlungen abzuschließen und nächstes Jahr eine Konvention zu verabschieden, schwer verständlich.
Ledogar zufolge sollte die Arbeit zur Fertigstellung einer Konvention über chemische Waffen bis 1992 "zum
gegenwärtigen Zeitpunkt zentrales Ziel unserer Konferenz" sein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Ich möchte ein amerikanisches Papier vorstellen, das
sich mit der im vergangenen Jahr durchgeführten
nationalen Versuchsinspektion einer Produktionseinrichtung der amerikanischen Chemieindustrie beschäftigt. Diese Inspektion ist eine von mehreren derartigen
Übungen, die von der amerikanischen Regierung bei
privaten und staatlichen Einrichtungen durchgeführt
werden. Anstatt zum jetzigen Zeitpunkt auf Einzelheiten der bei diesem produktiven Unternehmen gewonnenen Erfahrungen einzugehen, möchte ich lediglich
feststellen, daß dieses Papier dem Sekretariat zur
Weitergabe als offizielles Konferenzdokument übergeben wurde. Es sollte Ihnen in Kürze zur Verfügung
stehen.

allen Umständen. In Artikel 2 besteht jetzt kein Zweifel
mehr über die Verpflichtung, die Zerstörung der chemischen Waffen binnen 10 Jahren nach Inkrafttreten der
Konvention abzuschließen. Eine Einigung scheint in
greifbare Nähe gerückt, daß Artikel 10 und 11 in
Anhang 1 des zur Debatte stehenden Textes eingearbeitet werden, und wir sollten in der Lage sein, dasselbe mit einem verbesserten Artikel 6 zu tun. Wir
befinden uns heute inmitten ernsthafter Erörterungen
von Verdachtsinspektionen, vielleicht das dornigste
Problem in unserer Konvention. Wir sind ferner der
Ansicht, daß Fortschritte in einer Reihe anderer Bereiche wie etwa Gerichtsbarkeit und Kontrolle ihren Niederschlag in dem vorläufigen Text finden werden.

Das dritte und vierte Element meiner heutigen Ausführungen behandelt chemische Waffen und den Prozeß
zur Erstellung eines Berichts, mit dem sich die CD zur
Zeit beschäftigt. Obwohl das letztere Thema im Hinblick auf den Zeitdruck, dem wir ausgesetzt sind,
dringlicheren Charakter hat, möchte ich mich zunächst
auf das zum gegenwärtigen Zeitpunkt wesentlich wichtigere und zentrale Ziel unserer Konferenz konzentrieren: den Abschlu ß der Arbeit an einer Konvention über
chemische Waffen bis 1992.

Im Hinblick auf unser Ziel mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir heute die gezielte Entscheidung
treffen müssen, für den Rest des Jahres 1991 unsere
Energien stärker auf die wichtigsten Probleme zu
konzentrieren. Meines Erachtens bestehen im jetzigen Stadium vier solche Fragen: Verdachtsinspektionen, Verifizierung in der chemischen Industrie, Zusammensetzung und Entscheidungsfindungsprozeß
des Exekutivrats sowie Allgemeingültigkeit. Ich werde
nun zu jedem dieser Probleme Stellung nehmen.

Seit Präsident Bush am 13. Mai 1991 seine C-Waffeninitiative verkündete, hat der Ad-hoc-Ausschuß zu CWaffen bedeutende Fortschritte erzielt. Artikel 1 des
Konventionsentwurfs untersagt jetzt ausdrücklich den
Einsatz chemischer Waffen gegen jeden und unter

Zu den Verdachtsinspektionen haben die Vereinigten
Staaten, Großbritannien, Japan und Australien wie Sie
wissen im vergangenen Monat einen neuen Ansatz
vorgelegt, der die Konferenz zumindest der Lösung
dieses Schlüsselproblems näherbringen soll. Die vier

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�Delegationen haben versucht, das richtige Gleichgewicht zwischen dem für effektive Verifizierung erforderlichen Zugang und der Notwendigkeit zu finden,
sicherheitsempfindliche Aktivitäten zu schützen, die
nicht mit chemischen Waffen in Verbindung stehen
und potentiellen Mißbrauch der Bestimmungen über
Verdachtsinspektionen zu vermeiden.
Das von uns vorgeschlagene Regime schafft einen
Ausgleich aller Sicherheitsinteressen der beteiligten
Staaten. Es wird die Aussichten für eine allgemeine
Einhaltung verbessern und nach seinem Inkrafttreten
der internationalen Inspektionsbehörde die Fähigkeit
verleihen, die Fakten aufzudecken. Es wird mögliche
Vertragsverletzer abschrecken und gleichzeitig den
beteiligten Staaten vernünftigen Schutz ihrer legitimen
Aktivitäten gewähren.
Kein Text ist vollkommen. Wir haben die im Ad-hocAusschuß geäußerten Ansichten zu diesem Vorschlag
aufmerksam zur Kenntnis genommen. Wir fühlen uns
von der für das Konzept abgestuften, kontrollierten
Zugangs zu verdächtigen Standorten in den bisherigen Diskussionen gezeigten allgemeinen Unterstützungermutigt. Wirsind uns derTatsache bewußt, daß
einige Delegationen mehr obligatorischen Zugang und
andere wiederum stärkere Mechanismen zum Schutz
sicherheitsempfindlicher Standorte bevorzugen würden. Wir freuen uns ferner darüber, daß unser Vorschlag eine nützliche konzeptionelle Diskussion über
die Rolle des Exekutivrats zur Folge hatte. Es bleibt
noch manches Problem zu lösen, aber wir sind zuversichtlich, daß wir einen Konsens über diese entscheidende Frage erzielen können.
Im Hinblick auf die Überwachung der chemischen
Industrie war der Vorschlag der acht blockfreien Delegationen ein wichtiger Fortschritt. Er erhält wesentliche Merkmale des gegenwärtig in Artikel 6 des vorläufigen Texts ausgeführten Regimes, schließt aber ein
wichtiges Schlupfloch, daß vielen betroffenen Produktionsstätten gestattet hätte, sich der Inspektion zu entziehen. Infolge des Vorschlags der acht Delegationen
steht der Ad-hoc-Ausschuß nahezu vor einem Konsens, um die Bestimmungen zur Überwachung in
Artikel 6 auf alle Einrichtungen zur Herstellung von CWaffen auszudehnen. Wir müssen weiterhin daran
arbeiten, um die Industrie einzugrenzen und solche
Firmen auszuschließen, die kein Risiko darstellen, und
wir müssen das Inspektionsregime ausarbeiten. Unserer
Ansicht nach sollte sich die allgemeine Unterstützung
für die Abdeckung dieser Einrichtungen in Anhang 1
des vorläufigen Texts widerspiegeln.
Über den Auswahlprozeß für zu inspizierende Produktionsstätten sind viele Gespräche geführt worden. Wir
stehen nicht allein mit unserer Meinung, daß der
Auswahlprozeß Sicherheitsinteressen widerspiegeln
muß. Angesichts der vielen tausend Produktionsstätten müssen die einzelnen Länder die Aufgabe übernehmen, Einrichtungen für die Inspektion zu bestimmen. Dieser Ansatz ist keine verschleierte VerdachtsSeite 2

inspektion. Diese Inspektionen sind Routine und werden
genauso durchgeführt werden. Wir sind uns der
Sorgen um den Mißbrauch bei nationaler Auswahl
bewußt und glauben, daß Sicherheitsmaßnahmen
eingearbeitet werden müssen, zum Beispiel vereinbarte Beschränkungen der jährlichen Zahl von Inspektionen in einem bestimmten Land. Wir sind in diesem
Zusammenhang dankbar für die Arbeit, die der Vorsitzende der Gruppe B zu dieser Frage leistet und werden
den von ihm vorgeschlagenen Ansatz eingehend prüfen.
Vielfach herrscht die Meinung vor, daß die Zusammensetzung und die Entscheidungsbefugnis des
Exekutivrats nur am Ende dieser Verhandlungen vereinbart werden können. Im Gegensatz dazu glauben
wir, daß sich im Ausschuß ein breiter Konsens entwickelt und Einigung über die Struktur und Vorgehensweise dieses wichtigen Exekutivauschusses uns helfen wird, andere substantiellere Fragen zu lösen. Unserer
Ansicht nach gibt es breite Zustimmung für einen
Exekutivrat mit etwa 20 bis 25 Mitgliedern.
Die Auswahl würde auf der Basis einer Kombination
von geographischen und industriellen Kriterien erfolgen. Die Entscheidungsfindung über substantielle
Fragen würde durch eine qualifizierte Mehrheit erfolgen. Mehrere Delegationen haben bereits ihre Meinung zum Exekutivrat geäußert, und wir hoffen, daß
die Arbeitsgruppe C dies sofort aufgreifen kann.
Der vierte wichtige Punkt, den ich ansprechen möchte,
ist Allgemeingültigkeit. Wie kann die Konferenz die
Konvention beeinflussen und alle Länder zum Beitritt
ermutigen? Ich möchte meine Übereinstimmung mit
einem argentinischen Kollegen, Botschafter Garcia
Moritan bekunden, der vergangene Woche erklärt hat,
eine C-Waffenkonvention sei primär eine Sicherheitsvereinbarung.
Andere Delegationen haben auf die Notwendigkeit
hingewiesen, daß die Konvention Beschränkungen
und abschreckende Maßnahmen für diejenigen Länder beinhalten muß, die sich nach einem angemessenen Zeitraum entscheiden, dem Abkommen nicht
beizutreten. Dem stimmen wir uneingeschränkt zu.
Wir haben vorgeschlagen, daß Vereinbarungen über
den Handel mit chemischen Stoffen für C-Waffen nach
einem angemessenen Zeitraum NichtUnterzeichner
ausschließen sollte. Unser Vorschlag wird verlangen,
daß die Parteien den Handel mit Material für C-Waffen
mit allen Ländern ablehnen, die nicht innerhalb eines
angemessenen Zeitraums Mitglieder der C-Waffenkonvention werden. Diese Bestimmmungen betreffen
direkt den eigentlichen Zweck der Konvention und die
Sicherheit künftiger Mitglieder. WirwerdenSieum Ihre
Zustimmung zu diesen Prinzipien bitten.
Ich möchte heute noch ein weiteres Problem ansprechen, nämlich die seit langem anstehende Frage "alter" oder "stillgelegter" chemischer Waffen. Dieses
Problem ist jetzt kein wichtiges Hindernis für den
AMERIKA DIENST 33

�Abschluß der Konvention. Wenn es jetzt gelöst werden kann, muß es auch keins werden. Dennoch
müssen wir es jetzt in den Griff bekommen.

problem erwähnt, das politische Aufmerksamkeit verlangt und letztlich Bestandteil eines möglichen Pakets
sein könnte.

Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß diese Frage
eine Reihe unterschiedlicher Probleme widerspiegelt,
die alle politisch heikel sind. Zum Beispiel sind Befürchtungen über negative Reaktionen der Öffentlichkeit zu der Bezeichnung "chemische Waffen" laut
geworden. Die Bezeichnung "chemische Waffen" hat
starke emotionale und politische Implikationen und
gibt in der Öffentlichkeit Anlaß zu Mißverständnissen.
Aus diesem Grund vertreten wir die Auffassung, man
sollte die Möglichkeit eines differenzierten Ansatzes
bei den erforderlichen Erklärungen erforschen. Damit
würde gewährleistet, daß die unterschiedlichen Situationen nicht pauschal unter der einzigen Bezeichnung
"chemische Waffen" zusammengefaßt werden.

Anfang dieses Sommers haben die Vereinigten Staaten beachtliche Fortschritte bei vielen dieser Schlüsselprobleme erzielt, insbesondere den Fragen nach
dem Recht auf Vergeltung und unserem 2 ProzentVorschlag, um Allgemeingültigkeit zu erzielen sowie
den Artikeln 10 und 11. Darüber hinaus haben wir Bestimmungen zu Ad-hoc-lnspektionen eingeführt und
sind bereit, mit dem Exekutivrat die Frage der Kosten
zu erörtern.

Eine weitere Befürchtung betrifft die Verantwortung für
die Zerstörung, wenn chemische Waffen eines Landes
auf dem Territorium eines anderen Landes gefunden
werden. Es wäre am besten, wenn solche Angelegenheiten zwischen den betroffenen Ländern gelöst werden könnten. Jedenfalls können wir uns kein Schlupfloch leisten und einem Staat die Beibehaltung chemischer Waffen auf seinem Territorium gestatten, sondern sie müssen vom Eignerstaat beseitigt und zerstört werden.
Leider hat ein Großteil der Gespräche zu diesen
Fragen ohne angemessene Informationen stattgefunden. Ich schlage vor, daß die Konferenz nicht länger
auf der Basis von Gerüchten oder Halbwahrheiten
operiert. Wir fordern die Regierungen auf, die Probleme mit alten oder stillgelegten Chemiewaffen haben,
technische Informationen über die Art des bestehenden Problems zu liefern. Das könnte zum Beispiel
beim Treffen der Zerstörungsexperten im Herbst dieses Jahres geschehen. Unserer Meinung nach würden solche Informationen nicht nur zur Klärung der
Situation beitragen, sondern auch gemeinsame Bestrebungen erleichtern, um zu gewährleisten, daß die
Waffen sicher beseitigt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich das Angebot der Vereinigten
Staaten wiederholen, die bei der Zerstörung chemischer Waffen jedem Staat, der sich mit diesem Problem konfrontiert sieht, technische Hilfe anbieten.
Einige der Verhandlungsteilnehmer haben noch keine
Informationen zur Verfügung gestellt, ob sie C-Waffen
besitzen oder nicht. Wir haben sie aufgefordert, dies
zu tun, damit die Konferenzteilnehmer eine genaue
Beurteilung der Dimension des C-Waffenproblems
vornehmen können.
Abschließend möchte ich eine Bilanz zum Stand der
Verhandlungen ziehen. Wie ich bereits ausgeführt
habe, wurden viele der Themen, bei denen wir im
Verlauf des Sommers Fortschritte erzielten, bereits in
dem Papier des Vorsitzenden des C-Waffen-Ad-hocAusschusses vom vergangenen Frühjahr als HauptAMERIKA DIENST 33

Angesichts dieser Schritte hat sich bei mir in den
vergangenen Tagen eine gewisse Enttäuschung über
substantielle und verfahrensmäßige Fragen eingestellt. Wir haben von einzelnen Delegationen Drohungen vernommen, sie würden die Verabschiedung
bestimmter Artikel verzögern, wenn ein anderer Artikel
nicht ihren Wünschen gemäß formuliert würde. Solche taktischen Manöver, die jeglicher Rationalität
entbehren, führen nur dazu, daß Gleiches mit Gleichem vergolten wird.
Wenn wir bis zum Jahr 1992 eine Konvention über
chemische Waffen haben wollen, sollten beim derzeitigen Stand der Verhandlungen unseres Erachtens
alle ernsthaften Vorschläge und insbesondere Vorschläge, die breite Unterstützung erhalten, ihren Niederschlag in einem vorläufigen Text gegebenenfalls
mit Fu ßnoten oder Klammern finden. Es ist an der Zeit,
allgemeine Diskussionen ohne konkreten Inhalt zu
beenden. Wenn wir Lösungen für diese Probleme
finden wollen, ist die beste Grundlage dafür die für die
Konvention vorgesehene aktuelle Sprachregelung. Wir
können unsere Bemühungen dann auf den vorgeschlagenen Vertragstext selbst konzentrieren, wo irgend möglich Kompromisse anstreben und wenn dies
nicht möglich ist, eindeutige Alternativen für eine politische Lösung aufzeigen.
Ich möchte unsere Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen, daß eine kleine Zahl von Delegationen
die Einigung über ein Arbeitsprogramm blockiert, das
den Ausschu ß für chemische Waffen bis Januar nächsten Jahres leiten soll. Meine Regierung hat angesichts der Möglichkeit, diese Verhandlungen zu Ende
zu bringen und bis zum nächsten Jahr eine Konvention
zu erarbeiten, Schwierigkeiten, diese Haltung zu verstehen. Meine Delegation betrachtet diese Angelegenheit nicht als abgeschlossen, und wir werden während
der acht Wochen dauernden Überprüfungskonferenz
der Konvention über biologische Waffen und der Sitzung des ersten Ausschusses weiterhin auf Arbeit an
einer Konvention zu C-Waffen drängen. Zu diesem
Zweck fordern wir die hier vertretenen Hauptstädte
auf, ihre Delegationen entsprechend aufzustocken.
In meinen heutigen Ausführungen habe ich die Bereiche erläutert, auf die sich meines Erachtens die Arbeit
konzentrieren und welchen Ansatz wir verfolgen sollSeite 3

�ten. Ich möchte das Thema C-Waffen mit einer
Mahnung abschließen. Ich habe gehört, daß einige
der in diesem Saal Anwesenden der Meinung sind,
nach dem Golf krieg und der Operation "Wüstensturm"
hätten die Vereinigten Staaten weniger Interesse an
einer Konvention über chemische Waffen. Diesem
Argument zufolge hätten wir selbst demonstriert, daß
der C-Waffenfähigkeit eines Aggressors mit Waffen
aus unserem konventionellen Arsenal begegnet werden könnte, und wir und die Sowjetunion hätten das
Problem unserer eigenen riesigen C-Waffenbestände
und der Sicherheitsanforderungen durch unsere bilateralen Abkommen bewältigt.
Diese Art der Argumentation ist falsch. Die Sicherheit
der Vereinigten Staaten wird durch die Konvention
verbessert. Darüber hinaus haben die Vereinigten
Staaten Verbündete und Freunde auf der Welt, deren
Sicherheit - einschließlich dem Schutz vor einem CWaffenangriff - für uns lebenswichtig ist. Das von den
Präsidenten Bush und Gorbatschow am 1. Juni ver-

gangenen Jahres unterzeichnete bilaterale amerikanisch-sowjetische Abkommen ist untrennbar mit der
Erlangung einer Konvention über chemische Waffen
verbunden. Wir werden also weiterhin so hart wie
bisher für ein Abkommen in diesem Bereich arbeiten.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu glauben, daß die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten mehr an der
Erlangung einer C-Waffenkonvention interessiert seien als andere Konferenzteilnehmer und dem Vertrag
entsprechend eine zunehmende Zahl von Bestimmungen hinzugefügt werden kann, die nicht mit dem Vertrag in Verbindung stehen, in der Annahme, wir würden
weiterhin Konzessionen machen. Wir sind bei diesen
Verhandlungen nicht die Bittsteller. Der Abschluß
einer Konvention über chemische Waffen wird die
Sicherheit jedes einzelnen Staates verbessern, der
Vertragspartner wird. Dies ist ein wichtiges, erstrebenswertes Ziel. Wir sollten es nicht aus den Augen
verlieren.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 33

�AMERIKAS

ZUKUNFT
21. August 1991

EINE ZEIT DER ERNEUERUNG
von Richard Rosecrance
Das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem begünstigt heute einen erneuten Aufstieg der Nation
außerordentlich.
Die Geschichte lehrt, daß große Mächte aufsteigen und ihr Niedergang durch wirtschaftliche Lähmung im Insowie weitreichende Verpflichtungen im Ausland vorprogrammiert ist. Während der vergangenen Jahre haben
Wissenschaftler, Politiker und andere Diskussionen geführt, ob die Vereinigten Staaten ihre wirtschaftliche
Vormachtstellung verlieren und die Nation dem selben Abwärtstrend der Geschichte folgen wird wie andere
große Mächte vor ihr. Im vorliegenden Artikel sieht der Politologe Richard Rosecrance hier Aussichten für eine
Erneuerung Amerikas. Er erläutert, daß die Vereinigten Staaten im Gegensatz zu vergangenen Mächten ein
Land von der Größe eines Kontinents mit enormen natürlichen Ressourcen, einer gebildeten Bevölkerung,
hochentwickelten Industriebasis und Vormachtstellung in wissenschaftlicher Forschung sind. Darüber hinaus
begünstigen internationale Institutionen - mit der Liberalisierung der osteuropäischen Märkte und dem Schritt zu
weltweitem freiem Handel - in einzigartiger Weise die Ankurbelung der amerikanischen Wirtschaft.
Richard Rosecrance ist Professor für Politologie und Stellvertretender Direktor des Zentrums für internationale und strategische Angelegenheiten an der University of California (Los Angeles). Er ist Verfasser mehrerer
Bücher, unter anderem America's Economic Resurgence: A Bold New Strategy (1990), dem dieser Artikel
entnommen ist. Copyright (c) 1990 by Richard Rosecrance. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von
Harper Collins, Publishers.
Heute herrschen drei grundlegende Sichtweisen zur
Zukunft Amerikas vor. Die eine lautet, daß sich die
Vereinigten Staaten ebenso wie Großbritannien im 19.
Jahrhundert im Endstadium der wirtschafltichen Lähmung und des Niedergangs befinden. Der zweite
Blickwinkel ist, daß sich die Position der Vereinigten
Staaten nicht merklich verändert hat, obwohl die Nation Höhen und Tiefen erlebt hat. Die dritte Ansicht, die
ich teile, lautet, daß die Vereinigten Staaten einen
spürbaren wirtschafliehen Niedergang erfahren mußten, jedoch ein Comeback erleben können und werden.
Die Propheten des Niedergangs - eine Gruppe, der
Akademiker wie David Calleo von der Johns Hopkins
University und Politiker wie der ehemalige Gouverneur
von Colorado, Richard D. Lamm, angehören - verweisen darauf, daß kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 45
bis 50 Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt auf
die Vereinigten Staaten zurückzuführen war, sie heute
jedoch nur noch 22 Prozent ausmachen und dieser
Anteil bald unter 16 Prozent fallen könnte. Dieser
Niedergang war zum Teil aufgrund der Gesundung
Westeuropas, Japans und Ostasiens nach dem Zweiten Weltkrieg zu erwarten. Die Propheten des Niedergangs argumentieren jedoch, daß die Wende im SchickAMERIKA DIENST 33

sal Amerikas schwerwiegender ist, als diese Zahlen
andeuten. Von der Position des führenden Industrieexportlands sind die Vereinigten Staaten auf den dritten Platz hinter Deutschland und Japan zurückgefallen. Seit 1975 hatten sie jedes Jahr ein Handelsdefizit
zu verzeichnen. (Im Jahr 1989 belief sich das Zahlungsbilanzdefizit auf rund 109 Milliarden Dollar). Um
den amerikanischen Appetit auf Importe jeglicher Art
von Autos und Mineralwasser bis zu Werkzeugmaschinen und Computer zu stillen, wurde das Land zum
größten Schuldner der Welt. Die Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten beträgt heute über 600
Milliarden Dollar und wird beim derzeitigen Stand
Anfang der neunziger Jahre die eine Billion überschreiten. Alles in allem beläuft sich die nationale und von
amerikanischen Firmen und Verbrauchern angehäufte
private Verschuldung auf rund 7 Billionen Dollar. Dies
macht nahezu 140 Prozent der jährlichen Gesamtproduktion des Landes aus und über 1 Drittel des weltweiten BSP. Selbst wenn die Vereinigten Staaten ihr
Gleichgewicht im Handel in fünf Jahren wiedererlangen - was ihnen mit einem gerüttelt Maß an Glück
gelingen könnte -, würden galoppierende Zinsen und
Dividendenzahlungen an das Ausland einen Großteil
dieser Fortschritte zunichte machen.

Seite 1

�In einem Industriezweig nach dem anderen haben
amerikanische Unternehmen ihre Führungsrolle verloren. Das Wall Street Journal formulierte diese Situation jüngst mit eindeutigen Worten: "Während amerikanische Produzenten im Jahr 1969 82 Prozent der
Fernsehgeräte, 88 Prozent der Autos und 90 Prozent
der Werkzeugmaschinen des Landes herstellten, wurden
(1988) praktisch überhaupt keine Fernsehgeräte produziert, und sie haben die Hälfte des Binnenmarktes
für Werkzeugmaschinen und 30 Prozent des Automobilmarktes aufgegeben. Selbst in einem neuen Industriezweig wie Halbleiter ist der Anteil des Landes am
Weltmarkt von 85 Prozent im Jahr 1980 auf 15 Prozent
gesunken."
Als Amerika seine Führungsrolle bei Autos, Verbraucherelektronik und modernen Werkzeugmaschinen
verloren hatte, tröstete man sich mit dem Gedanken,
die Vereinigten Staaten stünden im Finanzwesen und
bei Dienstleistungen an oberster Stelle. Aber in allen
Bereichen haben Japan und andere Nationen aufgeholt. Heute zählt keine einzige amerikanische Bank zu
den 10 größten Geldinstituten der Welt - sie sind alle
japanisch. Bei Biotechnik, zivilem Flugzeugbau,
modernen Halbleitern und Computern steht Japan an
der Türschwelle der Vereinigten Staaten. Selbst die
prahlerische Behauptung der amerikanischen Farmer,
sie seien die effizientesten Nahrungsmittelerzeuger
der Welt, wird angefochten.
Die Propheten des amerikanischen Niedergangs vertreten die Auffassung, daß die vernichtende Studie
des Yale-Historikers Paul Kennedy, Aufstieg und
Fall der großen Mächte (1987), Amerikas Zukunft
voraussagt. Sie verweisen darauf, daß sich intelligente Holländer im 17. Jahrhundert und vorausschauende
Briten im 19. Jahrhundert sehr wohl der Bürde ihrer
Länder bewußt, jedoch unfähig waren, diesen Niedergang aufzuhalten. Was erwartet die Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert? Kennedy schreibt: "Die
einzige Antwort auf die zunehmend von der Öffentlichkeit diskutierte Frage, ob die Vereinigten Staaten ihre
derzeitige Position aufrechterhalten können, lautet
'Nein' - weil es einfach keiner einzigen Gesellschaft
vergönnt war, ständig über allen anderen zu stehen,
denn dies würde ein Einfrieren des diffenzierten Gefüges von Wachstumsraten, technologischem Vorteil
und militärischer Entwicklung bedeuten, das seit undenklichen Zeiten besteht."
Die zweite gedankliche Richtung zum Niedergang der
Vereinigten Staaten bietet einen sehr viel beruhigenderen Blickwinkel. Die Vertreter dieser Richtung sind
entweder der Auffassung, in den Vereinigten Staaten
gäbe es keinen Niedergang oder jeder Niedergang sei
vorübergehend und erklärbar, ungefährlich oder leicht
zu beheben.
Einige gelangen zu der Schlußfolgerung, Amerika
habe nur unerhebliche Rückschläge erlitten, und es
gebe kein Projekt, das nicht zu bewältigen sei, wenn
Seite 2

die Bürger mit neuen Steuern zu seiner Finanzierung
bereit sind. In Can America Compete? (1984) spricht
Robert Z. Lawrence vom Brookings Institute stellvertretend für eine Gruppe, die der Ansicht ist, der Fertigungsbereich floriere so gut wie eh und je. Und selbst
wenn die Fertigung abgenommen hat, so argumentieren andere, sind die Vereinigten Staaten bei Dienstleistungen so konkurrenzfähig wie ehedem. Noch andere bemerken, bei der Wirtschaftslage Amerikas gebe
es relativ gesehen nichts dramatisch Neues. Mitte der
sechziger Jahre produzierten die Vereinigten Staaten
rund 24 Prozent des BSP der Welt - heute beläuft sich
diese Zahl auf ungefähr 22 Prozent. In der Tat ist der
amerikanische Anteil am weltweiten BSP nicht sehr
viel geringer als 1938.
Wenn die Vereinigten Staaten einen spürbaren Niedergang erlebten, so argumentieren die Verfechter
des Status quo, dann wegen und nicht trotz der amerikanischen Politik. In diesem Tenor stellt Joseph Nye
von der Harvard University fest, da ß Ende der vierziger
Jahre "die Vereinigten Staaten sich für die Ankurbelung der wirtschaftlichen Gesundung ihrer Verbündeten entschieden statt Hegemonie über sie anzustreben und als Gegengewicht zur sowjetischen Macht
eine strategische Partnerschaft zu schaffen".
Eine weitere Erklärung für den schwindenen Einfluß
Amerikas lautet, daß wir heute in einer komplizierteren
und widerspenstigeren Welt leben. Die unentwickelten, nicht mobilisierten Völker, die im 19. Jahrhundert
den britischen Imperialismus passiv übersieh ergehen
ließen, haben sich zu widerborstigen und harten neuen
Nationen entwickelt. Kleine, ehedem schwache Mächte sind heute ziemlich einflu ßreich - ebenso wie solche
neuen "Spieler" auf der internationalen Bühne wie
multinationale Unternehmen und multilaterale Institutionen. Selbst die stärkste Macht kann in solch einer
interdependenten Welt nicht immer davon ausgehen,
ihren Willen zu bekommen. Worum es laut dieser Sicht
heute geht, ist Überzeugungskraft.
Dieser Argumentation zufolge haben im übrigen nicht
nur die Vereinigten Staaten sondern auch Japan einen
Niedergang erlebt. Samuel Huntington von der Harvard University schreibt: "Es gibt wenige Gründe,
warum die japanische Wirtschaft insgesamt sehr viel
schnellerwachsen sollte als die amerikanische, und es
gibt keinen Grund zu der Annahme, daß ein einzelner
amerikanischer Arbeitnehmer entschieden produktiver als ein japanischer sein sollte. Anhand solcher
Indikatoren der Wirtschaftsleistung sollte man langfristig eine Annäherung zwischen Ländern mit gleicher
Wirtschaftsentwicklung und vergleichsweise komplexen Volkswirtschaften erwarten."
Wieder andere Autoren, die mit der Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten zufrieden sind, sagen
zum Thema wirtschaftlicher Niedergang: "Na und?" In
der neuen Wirtschaft "einer Welt" fallen die amerikanischen Handelsdefizite mit Japan und Südkorea nicht

AMERIKA DIENST 33

�mehr ins Gewicht als das Handelsdefizit von Maine mit
Kalifornien. Das Kapital fließt frei über nationale
Grenzen und die Geschicke eines Gebildes bedeuten
nicht viel solange das System als Ganzes funktioniert.
Bundeshaushaltsdefizite? Als Prozentsatz des BSP
ist das Defizit von einer Höchstmarke von 6 Prozent
des BSP im Jahr 1983 auf heute nur 3,5 Prozent
gesunken - weniger als das von Japan Mitte der
siebziger Jahre unschwer Erreichte.
Es überrascht nicht, daß diejenigen, die den Niedergang Amerikas leugnen, der Auffassung sind, die
Vereinigten Staaten könnten weiterhin beträchtliche
militärische und diplomatische Verpflichtungen eingehen. Wenn das Defizit irgendwann abgebaut werden
muß, könnte eine Kürzung von einem Drittel leicht
bewirkt werden indem man beispielsweise eine höhere
Mineralölsteuer erhebt. Und wie der ehemalige französische Präsident Valery Giscard d'Estaing einmal
feststellte: "Es ist schwerlich ernstzunehmen, daß ein
Land tiefgreifende Probleme hat, wenn diese gelöst
werden können, indem man die Mineralölsteuer um 25
Pfennig pro Liter erhöht."
Eine Untergruppe innerhalb der zweiten Schule akzeptiert einen Teil der Niedergangstheorie, geht jedoch
gleichzeitig davon aus, daß dieses Argument überstrapaziert worden ist. Aaron Friedberg von der Universität Princeton zum Beispiel behauptet, daß die Militärausgaben für den Niedergang der großen Mächte der
Vergangenheit nicht verantwortlich waren. Schlimmstenfalls hätten die Verteidigungslasten die Probleme
eines Landes akzentuiert, das bereits wirtschaftlich
angeschlagen war. Friedberg glaubt, daß die Zunahme des Konsums oder der Sozialausgaben in den
meisten Fällen Ursache für den Niedergang waren,
und dies treffe auch für die Vereinigten Staaten von
heute zu.
Die dritte mögliche Perspektive zum Niedergang, die
auch von mir vertreten wird, lautet, da ß die Vereinigten
Staaten in der Tat einen Niedergang erlebt haben, daß
ihnen jedoch ein Comeback gelingen kann und wird.
Die Beweise für den Niedergang Amerikas sind unwiderlegbar. Im Jahr 1929, also lange bevor die Vereinigten Staaten den künstlichen Vorteil ihres Siegs im
Zweiten Weltkrieg besaßen, nahmen sie über 43 Prozent
der Weltindustrieproduktion für sich in Anspruch. Heute
sind dies nur noch 22 Prozent. In zwanzig Jahren wird
Japan den zweiten Platz in unmittelbarer Nähe zu den
Vereinigten Staaten eingenommen und die Aussicht
haben, in den zwanziger Jahren des nächsten Jahrhunderts den Spitzenplatz zu belegen. China wird die
Sowjetunion vom dritten Platz verdrängt haben und ein
starkes Wachstum aufweisen. Wenn darüber hinaus
die Europäische Gemeinschaft ihr Ziel einer echten
politischen und wirtschaftlichen Union nach 1992 verwirklicht, könnte sie die Führung der Vereinigten Staaten herausfordern. Die daraus resultierende multipolare Welt wird ein wesentlich unsicherer Ort sein als die
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relativ schlichte Weltordnung von heute. Dies könnte
leicht eine Rückkehr zur Situation der dreißiger Jahre
bedeuten: enorme Konflikte über Handelsfragen und
die Schaffung gegnerischer Zollblöcke. Nur ein kontinuierlich wachsender amerikanischer und Weltmarkt
wird solche Wirtschaftskonflikte verhindern können.
Die Literatur darüber, was geschieht, wenn eine ehemals dominierende Wirtschaftsmacht verfällt, ist schier
unerschöpflich. Viele Gelehrte ziehen den Schluß,
ohne eine einzelne Führungsmacht werde die internationale Ordnung zusammenbrechen. Aufsteigende
Herausforderer weigern sich, die Kosten zu zahlen etwa in Form von Krediten oder Märkten für Staaten in
Not - um das internationale Wirtschaftssystem offen zu
halten. Die drei oder vier Staaten auf den folgenden
Plätzen neigen zur Aufrechterhaltung hoher Zollschranken, die den Welthandel hemmen, wie während der
großen Depression derdreißiger Jahre. Die Geschichte ist in diesem Punkt überzeugend: es ist weit besser,
wenn eine Großmacht das Steuer der Weltwirtschaft
übernimmt. Die Vereinigten Staaten sind unter Umständen jedoch nicht in der Lage, ihre Führungsrolle
aufrechtzuerhalten. Selbst heute können sich die
Vereinigten Staaten und ihre engsten Verbündeten in
Westeuropa über viele wichtige Maßnahmen zur Wirtschafts- und Handelspolitik nicht einigen. Werden
sich ein triumphierendes Japan und ein aufstrebendes
China in 20 Jahren eher veranlaßt fühlen, mit den
Vereinigten Staaten zu einer Verständigung zu kommen?
In Zukunft wird es einer höheren amerikanischen
Wachstumsrate - von durchaus erreichbaren drei Prozent
oder mehr - und eines dynamischen amerikanischen
Markts bedürfen, um andere davon zu überzeugen,
daß sie auf amerikanische Maßnahmen reagieren und
ihre Volkswirtschaften für den Außenhandel öffnen
müssen. Um jedoch ein stärkeres Wachstum hervorzubringen, muß ein massiver Wandel der amerikanischen Prioritäten einsetzen. Die nationale Sicherheit
muß so neu definiert werden, daß sie Stärke und
Produktivität der Wirtschaft einbezieht, denn diese ist
schließlich die Grundlage militärischer Fähigkeiten.
Einige Einsparungen aufgrund reduzierter amerikanischer Verpflichtungen in Übersee - plus eventuell
Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen im Inland
- werden erforderlich sein, um einen wirtschaftlichen
Wiederaufstieg anzukurbeln, der es den Vereinigten
Staaten letztlich erlauben wird, erneut ihre Führungsrolle in der Welt einzunehmen.
Wenn Amerikas Schicksal mit neuem Leben erfüllt
werden soll, werden die politisch Verantwortlichen
hierzulande die Amerikaner dazu auffordern müssen,
der Ethik des "Lebens auf Pump" zu entsagen. Besondere Anreize sollten denjenigen gewährt werden, die
für den Ruhestand oder die Ausbildung ihrer Kinder
sparen. Die grassierende Inflation der siebziger Jahre
erzog eine ganze Generation von Amerikanern dazu,
zu kaufen anstatt zu sparen, Geld zu leihen anstatt zu
Seite 3

�investieren. Die Geschichte zeigt, daß große Zivilisationen durch solche Selbstgefälligkeit tödlich geschwächt
wurden.
Großbritannien durchlief eine solche Phase der Dekadenz im Zeitalter König Edwards vor dem Ersten
Weltkrieg. Die Vereinigten Staaten scheinen heute in
eine ähnliche Phase eingetreten zu sein. Finanzstrategien, in deren Mittelpunkt die Maximierung kurzfristiger Profite steht, lösen die langfristigen Ziele der
Verbesserung von industrieller Wettbewerbsfähigkeit
und Erhöhung von Marktanteilen ab. Das Ethos harter
Arbeit und der Teamgeist der industriellen Pioniere
degeneriert zu Egoismus und auffälligem Konsumverhalten der Enkel. Kurzum: wenn die Kritiker der
heutigen Lage in den Vereinigten Staaten recht haben,
sind die Vereinigten Staaten in ein Stadium praktisch
unaufhaltsamen Abstiegs eingetreten.
Aber die Pessimisten, selbst die historisch gebildeten,
haben nicht immer recht. Nationen können untergehen und dann wieder aufsteigen. So schienen Deutschland und Japan in den dreißiger Jahren ihren wirtschaftlichen Zenit erreicht zu haben. Trotzdem erlebten beide nach einem drastischen Niedergang eine
bemerkenswerte Renaissance nach dem Zweiten
Weltkrieg. Das zaristische Rußland erreichte im Jahr
1913 einen ökonomischen Höhepunkt, aber das stalinistische Rußland verzeichnete in den späten zwanziger und den dreißiger Jahren ein starkes Wachstum.
Es trifft zu, daß Rußland eine Revolution und Japan
und Deutschland im Zweiten Weltkrieg eine Niederlage erleben mußten, um den wirtschaftlichen Umbruch
einzuleiten. Es scheint ebenfalls richtig zu sein, daß
keiner absteigenden Macht hegemonialen Ranges
jemals ein echtes Comeback geglückt ist. Spanien, die
Niederlande und England sind der Wiedererlangung
ihres früheren Status' niemals nahe gekommen.
Aber mit der möglichen Ausnahme Rußlands war
keines dieser Länder eine mit enormen Ressourcen
und einer großen, gut ausgebildeten Bevölkerung
ausgestattete Macht kontinentalen Ausmaßes. Keines, einschließlich Rußlands, besitzt wie die Vereinigten Staaten von heute eine gewaltige, hochmoderne
Industrie sowie die Fähigkeit, Spitzentechnologie zu
schaffen. Trotz gewisser Parallelen zur Vergangenheit bleiben die Vereinigten Staaten in einer besonderen Stellung. Kein Hegemonialstaat blieb in anderen
geschichtlichen Abschnitten bei der Gesamtproduktion von Waren und Dienstleistungen seinen Konkurrenten weit voraus. Keiner der imperialen Vorgänger
besaß aufgrund der Beiträge anderer Länder nahezu
unbegrenzte Investitionsmittel. Kein anderer Staat
hatte bei Forschung und Wissenschaft eine beherrschende Stellung inne.
Darüber hinaus verhandeln die Vereinigten Staaten im
Gegensatz zu ihren hegemonialen Vorgängern, um
ihre Stellung zu bewahren. Großbritannien versäumte
es am Ende des 19. Jahrhunderts, als der wirtschaftSeite 4

liche Niedergang begonnen hatte, die britische Industrie zu untergraben, eine Öffnung des deutschen und
amerikanischen Markts auszuhandeln. In harten
Handelsgesprächen mit den Japanern und anderen
haben die Vereinigten Staaten jedoch gezeigt, daß sie
nicht bereit sind, Ländern, die für amerikanische Waren
verschlossen sind, einen unbegrenzten Markt zu bieten.
In der Geschichtswissenschaft ist es traditionell üblich,
Aufstieg und Fall als aufeinanderfolgende Ereignisse
zu beschreiben. Die Historiker haben angenommen,
daß Nationen wie biologische Organismen zur Macht
aufsteigen und dann altern und absterben. Ein Abstieg
kann jedoch auch das Vorspiel zur Wiedergeburt sein.
Bei wichtigen Ländern (wenn auch noch nicht bei den
Gro ßmächten) gingen Abstieg und Verlust häufig einer
wirtschaftlichen Wiederbelebung voraus. In seinem
Buch The Rise and Decline of Nations von 1982
legte der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson
von der University of Maryland überzeugend dar, daß
Staaten eine starke Erschütterung benötigen, um sich
von alten Gewohnheiten und Institutionen zu befreien
und das Wachstum zu erneuern. Länder, die noch
nicht weit genug abgestiegen sind, die noch nicht den
nationalen Schock von Niederlage und Verzweiflung
erleben mußten, hatten größere Schwierigkeiten, das
Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten als diejenigen, denen dies widerfahren ist. Japan, Deutschland,
Frankreich, die "kleinen Drachen" Ostasiens und die
kleinen Demokratien West- und Mitteleuropas - ihnen
wurde durch die Niederlage und Besetzung im Krieg
ein mächtiger wirtschaftlicher Impuls zuteil. Dagegen
wurden Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und die Vereinigten Staaten - allesamt Sieger nicht angestoßen, um nach wirtschaftlichem Wiederaufstieg zu streben.
Der Sieg in zwei Weltkriegen sanktionierte eine Geschichte träger wirtschaftlicher Anstrengungen und
schwachen sozialen Fortschritts in Großbritannien. In
den Vereinigten Staaten brachte der kalte Krieg nicht
die erforderliche Neubewertung wirtschaftlicher Strategien zustande. Der Rüstungswettlauf der Supermächte behinderte die notwendigen Reinvestitionen in
die zivile Volkswirtschaft bei beiden Gegnern. Paul
Kennedy zufolge fesselten militärische "Überdehnung"
und hohe Verteidigungsausgaben gerade das Investitionskapital, das für die Regeneration des Wirtschaftswachstums benötigt wurde.
Die Sache ist jedoch nicht so einfach, denn Militärausgaben müssen eine Volkswirtschaft nicht lähmen, wenn
der Verbrauch im Inland unter Kontrolle bleibt. Dies
war zweifellos der Fall bei Großbritanniens kostspieligen Kriegen gegen das napoleonische Frankreich
zwischen 1795 und 1812, die der Industriellen Revolution in Großbritannien keinen Abbruch taten. Militärausgaben können sogar zu industriellem Wachstum
führen, wenn es beträchtliche ungenutzte Industriekapazitäten gibt. Es waren hauptsächlich Ausgaben für
AMERIKA DIENST 33

�die Aufrüstung und nicht die Sozialausgaben des New
Deal, mit denen Präsident Franklin D. Roosevelt Amerika
schließlich aus der Großen Depression herausführte.
Ebenso scheint kaum bezweifelt zu werden, daß die
Militärausgaben der Reagan-Administration dazu beitrugen, die Nation aus der Rezession von 1981-82 zu
führen.

'

k

Alle imperialen Mächte mußten ein Gleichgewicht
zwischen Verbrauch, Investitionen und den Kosten zur
Erhaltung des Imperiums finden. Im frühen 18. Jahrhundert verhängte Holland ruinöse Steuern, um seine
Kriege gegen das Frankreich Ludwigs XIV. zu finanzieren. Die Preise stiegen rapide, und damit sank die
Wettbewerbsfähigkeit holländischer Erzeugnisse.
Gegen Ende der holländischen Kolonialmacht ermutigte die Inflation die einstmals konservativen Bürger,
ihr Geld mit vollen Händen auszugeben. Die holländischen Händler versäumten es, ausreichend in die
nunmehr weniger gewinnträchtigen Auslandsmärkte
zu investieren und schickten ihr Geld lieber nach
London, wo es mehr abwarf. Kurzfristige wirtschaftliche Gewinne der Ober- und Mittelklasse hatten Vorrang vor dem Aufbau einer starken Binnenwirtschaft.
Dies zeigt, daß für das Wirtschaftswachstum umfangreiche Spareinlagen ebenso notwendig sind wie Investitionen, ferner mu ß der Konsum einen vergleichsweise festen Prozentsatz des BSP betragen, und die
Ausgaben für Verteidigung und Außenpolitik müssen
gering bleiben, außer in Zeiten eines Konjunkturrückgangs. Aufsteigende Mächte können diesen Bedingungen eher gerecht werden als etablierte. Die aufstrebende Macht sieht sich jedoch unweigerlich irgendwann rivalisierenden Militärmächten oder der
Notwendigkeit gegenüber, die Verbraucher für ihre
Opfer in der Vergangenheit zu belohnen. Wenn dies
gleichzeitig erfolgt, ist das betreffende Land gezwungen, seine Vermögenswerte anzugreifen.

'

Beim Aufstieg Gro ßbritanniens hat das Volk investiert,
gespart und langfristiges Wachstum angestrebt. Als
die Briten jedoch die Vorherrschaft erlangt hatten,
erlagen sie der Versuchung, die Hände in den Schoß
zu legen und ihre Stellung zu genießen. Kurzfristige
Gewinne wurden wichtig, um Aktionäre und Investoren zu beschwichtigen und das Risiko gering zu halten.
Fabrikbesitzer behielten ihre alten Maschinen und
tätigten oftmals keine neue Investitionen, wenn diese
nicht unmittelbar Gewinne brachten. Deshalb gaben
britische Hersteller nach 1870 weniger für die Entwicklung neuer Produkte aus als ihre Kollegen in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Sie taten weniger,
um die Produktivität der Arbeitskräfte zu steigern und
gaben sich mit schlechter ausgebildeten und technisch
kaum versierten Arbeitnehmern zufrieden. Als sie im
Inland weniger gewinnträchtige Investitionsmöglichkeiten vorfanden, entschieden sie sich zunehmend für
die Anlage ihres Geldes im Ausland.
Was lehrt uns das Beispiel der Briten über wirtschaftAMERIKA DIENST 33

liche Verkrustung und wirtschaftlichen Niedergang?
Die Geschichte belegt nicht, daß Verteidigungsausgaben Ursache des Niedergangs waren. Lange bevor
man es gezwungen hatte, Mittel aus der zivilen Wirtschaft in die Aufrüstung umzuleiten, hat Großbritannien versäumt, in demselben Umfang zu investieren
wie Deutschland und Amerika. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Prozeß nur abgeschlossen.
Es überrascht nicht, daß die holländische Kolonialmacht, Großbritannien und die Vereinigten Staaten
sich alle dem doppelten Problem hohen Konsums und
großer Militärausgaben gegenübersehen. Die Vereinigten Staaten wollen heute nicht nur ihre Vorherrschaft zur See erhalten, sondern trotz der abnehmenden sowjetischen Bedrohung wahrscheinlich auch
umfangreiche Bodentruppen in Europa beibehalten.
Die irakische Herausforderung könnte sogar ein neues
langfristiges Engagement von Streitkräften im Nahen
Osten bedingen.
Noch stärker als bei der Aufrüstung im Vietnamkrieg
sollten die hohen Verteidigungsausgaben in den achtziger Jahren den Konsum der Zivilbevölkerung nicht
mindern, sondern sie wurden durch Kredite im In- und
Ausland finanziert. Diese Strategie brachte für Großbritannien nach den Napoleonischen Kriegen keine
großen Schwierigkeiten mit sich, weil das Land über
solide Zahlungsbilanzüberschüsse verfügte. Im Gegensatz dazu ließ man in den achtziger Jahren in
Amerika zu, daß die Exporte im Vergleich zu den
Importen erheblich sanken, und damit gab es keine
Möglichkeit, die steigenden Auslandssschulden des
Landes abzuzahlen.
Die zeitliche Steuerung großer Steigerungen bei den
Militärausgaben kann ebenso wichtig sein wie deren
Höhe. In den Vereinigten Staaten blieb die Frage
bisher unbeantwortet, ob die nationalen Spareinlagen
und Investitionen rechtzeitig aufgestockt werden können, um bei der Produktivität höhere Wachstumsraten
zu erzielen. Kann Amerika die Beschränkungen überwinden, die großen Mächten von der Geschichte vielfach auferlegt werden?
Die Geschichte liefert uns keine ausreichende Perspektive, um die Auswirkungen der gegenwärtigen
Situation Amerikas vorauszusehen. In manchen Punkten
ist die Lage beispiellos. Die militärische Belastung der
großen Mächte der Vergangenheit wurde niemals
erleichtert. Heute scheint für die Vereinigten Staaten
eine verminderte militärische Belastung möglich, wenn
sie ein kostspieliges dauerhaftes Engagement im Nahen
Osten vermeiden können.
Jede Hegemonialmacht der Vergangenheit mußte sich
ständig vergewissern, wer sie unter Umständen übervorteilen wollte. Spanien mu ßte auf Frankreich und die
Niederlande achten, Holland auf Frankreich und England, und Großbritannien durfte die deutsche Herausforderung nicht außer acht lassen. In den neunziger

Seite 5

�Jahren sieht sich die Welt jedoch mit einer ganz neuen
Situation konfrontiert. Esgibtkeinen Nachfolger für die
Vereinigten Staaten in ihrer Vormachtstellung, und es
wird wahrscheinlich auch keinen geben. Obwohl militärische Bedrohungen bestehen werden, gegen die
man sich wappnen muß - wie die irakische Invasion
Kuwaits bewiesen hat - wird kein einzelner militärischer Herausforderer den Vereinigten Staaten die
Führungsrolle streitig machen können. Wenn Amerika
sich umsieht, dann ist das aufholende Land keine
große Militärmacht, sondern vielmehr eine Handelsnation - Japan. Es gibt keine große und anhaltende
territoriale Bedrohung für die bestehende Ordnung.
Deshalb war die Wahl, mit der sich führende Politiker
der Welt in der Vergangenheit konfrontiert sahen, eine
andere als die der Vereinigten Staaten. Früher mußte
man ständig - mit verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen - um die Vorherrschaft kämpfen, wenn man
nicht aus dem Rennen der großen Mächte fallen
wollte. Mehrere große Mächte mußten aufgeben. Die
Vereinigten Staaten stehen nicht vor einem solchen
Dilemma. Sie können, wenn auch in einer etwas
weniger großen Rolle, weitermachen, weil es keine
kombinierte militärische und wirtschaftliche Herausforderung gibt.
Die Geschichte lehrt, daß in der Regel ein Schock
erforderlich ist, um das stabile soziale und wirtschaftliche System einer großen Macht zu erschüttern. Aber
es gibt verschiedene Gründe zu glauben, daß ein
Schock - abgesehen von einem anhaltenden Krieg ausreichen wird, um die Vereinigten Staaten aufzurütteln. Erstens sieht sich das Land bereits mit einer
großen wirtschaftlichen Herausforderung in Form einer Rezession konfrontiert. Zweitens gibt es die
Herausforderung des Außenhandels. In der Vergangenheit waren andere Staaten mit einer Führungsrolle
in der Welt, insbesondere Holland und Großbritannien,
Haupthandelsmächte, aber die Konzentration auf militärische Belange hielt sie davon ab, sich weiterhin um
den Handel zu kümmern. Allzu lange schleppten sie
sich dahin und versuchten, ihre Rolle als Großmacht
mit einem florierenden Exportsektor zu kombinieren.
Als sie herausfanden, daß beides nicht möglich war,
hatten sie ihre Vormachtstellung im Handel verloren.
Das Ende des kalten Kriegs erspart den Vereinigten
Staaten ein ähnliches Schicksal. Im Gegensatz zu
ihren Vorgängern werden die Vereinigten Staaten
zunehmend in der Lage sein, sich auf den Außenhandel zu konzentrieren.
Gleichzeitig begünstigt das internationale Wirtschaftsund Finanzsystem einen erneuten Aufstieg Amerikas
außerordentlich. Die Unterstützung für den Außenhandel hat nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt zugenommen. Früher gab
es immer große Konflikte zwischen Ländern mit geringerem und solchen mit reichlich vorhandenem Kapital.
Im allgemeinen gilt, daß Länder mit viel Kapital niedrige Zölle wollten und von expandierendem Handel

Seite 6

profitierten. Im Gegensatz dazu befürworteten Länder
mit kurzer Kapitaldecke und wenig Land Protektionismus. Da nach dem Zweiten Weltkrieg ein Land nach
dem anderen (in jüngster Zeit Südkorea) das Stadium
des Kapitalüberflusses erreichte, haben dominierende
wirtschaftliche Interessen in diesen Ländern ein Interesse an niedrigen Zöllen mit sich gebracht. Dies
könnte der Grund sein, warum es in den Vereinigten
Staaten trotz des beunruhigenden Handelsdefizits keine
Tendenz zu höheren Zöllen gibt. Bestimmte Industriesektoren haben um Erleichterung gebeten und sie
auch erhalten, aber Japan verkauft weiterhin 36 Prozent seiner Exporte auf dem amerikanischen Markt. In
den dreißiger Jahren verschanzten sich die Vereinigten Staaten hinter hohen Zöllen, heute bleiben sie auf
den Weltmärkten. Es gibt eben noch größere Anreize
für die Modernisierung der Industrie als die Herausforderung des Außenhandels.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Länder
mit einem stimulierenden Schock und einer günstigen
Weltlage eine Spirale des Niedergangs abwenden
können. Ein neuer Aufstieg wird möglich, wenn die
Tatsache des Scheitern nicht länger ignoriert werden
kann und neue Ressourcen verfügbar sind, um eine
alternative Strategie zu finanzieren. Dann macht die
Herausforderung an die nationale Psyche frühere
Vorstellungen und eingefahrene Verhaltensmuster
zunichte. Der aufgerüttelte Staat kann Einsparungen
und Umstrukturierungen vornehmen, Militärausgaben
und Konsum einschränken und sich auf eine neue
Strategie konzentrieren, die Modernisierung der Industrie und Ausbau der Exporte kombiniert.
Sicherlich kann eine zu große Verzögerung bei der
Rückkehr zu einer solchen Strategie den nationalen
Wirtschaftsinstitutionen irreparable Schäden zufügen
und ein Aufholen unmöglich machen. Die amerikanische Forschung in Wissenschaft und Technologie
setzt immer noch Maßstäbe für die Welt. Wichtige
Industriezweige der Vereinigten Staten, wie etwa die
zivile Luftfahrt, die chemische Industrie, Pharmakonzerne, Computerhersteller und Software-Entwickler
sind nach wie vor führend. Aber es muß eine Renaissance in Amerika geben, und die Vernachlässigung
dieser wertvollen Ressourcen muß ein Ende haben.
Was getan werden muß, ist kein Geheimnis: bürokratische Verkrustungen müssen aus dem öffentlichen
und privaten Sektor verschwinden; die Steuerpolitik,
die eine Verschuldung der Unternehmen fördert, muß
sich ändern; die Defizite der Regierung und andere
politische Maßnahmen zur Anhebung der Kosten für
Investitionskapital müssen abgebaut werden, und es
könnte notwendig sein, daß die Regierung Kapital
direkt der Industrie zuleitet. Schließlich sind Verbesserungen an amerikanischen Schulen notwendig, damit
amerikanische Arbeitnehmer international konkurrenzfähig bleiben.
Aus zwei Gründen kann man zuversichtlich sein, daß

AMERIKA DIENST 33

�die Vereinigten Staaten ihr Gleichgewicht wiederfinden. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte
unserer Zeit stimulieren die internationalen Beziehungen - in diesem Fall die Weltwirtschaft - nationale
Veränderungen. In der Vergangeheit waren internationale Beziehungen von epochemachenden Ereignissen in einzelnen Ländern geprägt - der Französischen
Revolution oder der Oktoberrevolution. Die Realität
von heute sind der Aufstieg Japans, eines typischen
Handelslandes und die überragende Bedeutung des
Wettbewerbs im Welthandel. Wenn die Sowjetunion,
Osteuropa und China ihre Wirtschaft liberalisieren,
werden diese neuen Herausforderungen sicherlich
eine Wiederbelebung der amerikanischen Industrie
ankurbeln.

*

AMERIKA DIENST 33

Die neue Betonung auf wirtschaftlichem Wettbewerb
wird darüber hinaus ein günstigeres Umfeld für ein
Wiederaufleben Amerikas schaffen. Weil das Wachstum eines Landes das Wachstum eines anderen Landes nicht behindert (sogar eher fördern kann), wird das
Streben nach Wirtschaftswachstum internationale
Konflikte abbauen und den Vereinigten Staaten Gelegenheit geben, ihre kostspieliegen ausländischen
Belastungen zu verringern. Die Herausforderungen
der Weltpolitik sind Wirtschaft und Au ßenhandel, nicht
die Kriegführung. Unter diesen neuen Bedingungen ist
der Niedergang einzelner Länder nicht mehr endgültig.
Große Mächte können sich erholen und wieder aufsteigen.

*

Seite 7

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                <text>&lt;strong&gt;1. Sowjetunion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush fordert die Wiedereinsetzung des sowjetischen Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Staatsstreich in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Berichterstattung in Amerika&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Chemische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Ende der Hinhaltetaktik bei C-Waffenvertrag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Ledogar in Genf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Amerikas Zukunft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Zeit der Erneuerung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard Rosecrance&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
16

2 1 . August 1996

.

TERRORISMUS

DIE SICHERHEIT DER VEREINIGTEN STAATEN
IN EINER SICH WANDELNDEN WELT
Rede von Präsident Clinton

USA-ISRAEL

FRIEDENSPROZESS KONNTE ISRAEL ZUM
"ASIATISCHEN TIGER" DES NAHEN OSTENS
MACHEN
Rede von Staatssekretär Stuart E. Eizenstat

WAHLEN

REPUBLIKANER HOFFEN AUF BELEBUNG
DES WAHLKAMPFS DURCH DOLE-KEMP-TEAM
Entscheidung für den Vizepräsidentschaftskandidaten

BEIM PRASIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF
WIRD AMERIKA DER SPIEGEL VORGEHALTEN
Rede von Bob Dole beim nationalen Parteikonvent
der Republikaner

LITERATUR

REGIONALE AMERIKANISCHE LITERATUR
ZUM KENNENLERNEN
Rede Michael J. Bandler

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�TERRORISMUS
21. August 1996

Die Sicherheit der Vereinigten Staaten
in einer sich wandelnden Welt
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der George Washington University erklärte Präsident Clinton am 5.
August 1996, 'Terrorismus ist der Feind unserer Generation" und betonte, es sei eine Priorität im Bereich der
nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten, die Kräfte der Zerstörung auf der ganzen Welt zu bekämpfen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen sich die
Vereinigten Staaten mit drei großen Herausforderungen konfrontiert: Den Amerikanischen Traum für
diejenigen am Leben zu erhalten, die darauf hinzuarbeiten bereit sind; unser Land zusammenzuführen, nicht zu spalten, und sicherzustellen, daß Amerika
die stärkste Kraft für Frieden und Freiheit, Sicherheit
und Wohlstand auf der Welt bleibt.
Die weltweiten Veränderungen bei der Arbeitsweise,
im Leben und der Kommunikation der Menschen
untereinander vollziehen sich mit ungeahnter Geschwindigkeit und sind vielleicht die tiefgreifendsten
der Geschichte. Die meisten dieser Veränderungen
sind gut: Der Kalte Krieg ist beendet, unser Land lebt in
Frieden. Unsere Wirtschaft ist stark. Demokratie und
freie Märkte fassen auf allen Kontinenten Fuß. Die
Blöcke, Barrieren und Grenzen, welche die Welt
unserer Eltern und Großeltern definierten, verschwinden allmählich mit Hilfe einer neuen Generation
außergewöhnlicher Technologien. Jeden Tag benutzen Millionen von Menschen Laptops, Modems, CD
ROMs und Satelliten, um Ideen, Produkte und Geld in
Sekunden über den Planeten zu schicken. Die
Chancen zum Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit
und einer Zukunft mit mehr Wohlstand sind enorm.
Aber trotz all der Versprechungen unserer Zeit sind wir
nicht vor Gefahren gefeit. Faschismus und Kommunismus mögen gescheitert oder diskreditiert sein, aber
die Kräfte der Zerstörung leben weiter. Wir sehen sie
in der plötzlichen Explosion von ethnischem, rassi-

AMERIKA DIENST 16

schem, religiösem Haß und Stammesfehden. Wir
sehen sie in den rücksichtslosen Akten verbrecherischer Staaten. Wir sehen sie insbesondere in dem
gefährlichen Geflecht neuer Bedrohungen wie Terrorismus, internationalem Verbrechen und Drogenhandel
sowie der andauernden Bedrohungen, die Massenvernichtungswaffen über den Globus hinweg verbreiten
könnten. Diese Kräfte der Zerstörung können ihr Werk
eben wegen der Offenheit, Freiheit und Fortschritte
verrichten, die für uns so großen Wert besitzen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß moderne
Technologien allein nicht eine neue Welt des Friedens
und der Freiheit für uns schaffen. Technologie kann
für Gutes oder Schlechtes eingesetzt werden. Die
amerikanische Führungsrolle ist erforderlich um
sicherzustellen, daß die Konsequenzen gut sind. Aus
diesem Grund haben wir so hart gearbeitet, um die
durch den Wandel geschaffenen Chancen zu ergreifen
und uns unverzüglich und unerschütterlich gegen die
neuen Bedrohungen zu stellen, die der Wandel
hervorgebracht hat.
Um die Chancen zu nutzen, stärken wir unsere
Bündnisse, verringern auf dramatische Weise die
Gefahr der Massenvernichtungswaffen, führen den
Marsch für Frieden und Demokratie auf der ganzen
Welt an und schaffen sehr viel größeren Wohlstand im
Inland, indem wir die Märkte für amerikanische
Produkte im Ausland öffnen.

Seite 1

�Unsere Bündnisse bilden das Fundament der amerikanischen Führungsrolle. Wie wir im Golfkrieg, in Haiti
und jetzt in Bosnien sehen konnten, werden viele
andere Nationen, die unsere Ziele teilen, auch unsere
Lasten teilen. In Europa haben wir die Kräfte der
Demokratie und Reform in der ehemaligen Sowjetunion und den Abzug der russischen Truppen aus dem
Baltikum unterstützt sowie den Weg zur Öffnung der
Türen der NATO für die neuen Demokratien Europas
durch die Partnerschaft für den Frieden bereitet,
während Europa, das größte Schlachtfeld für das
blutigste Jahrhundert der Geschichte, sich endlich in
Frieden zusammenschließt.
In Asien haben wir unser Sicherheitsbündnis mit Japan
wiederbelebt, mit Südkorea auf die Förderung eines
dauerhaften Friedens auf der koreanischen Halbinsel
hingearbeitet und stets ein starkes, stabiles und
offenes China ermutigt. Das Ende des Kalten Krieges
hat uns auch gestattet, die dunkle Wolke der nuklearen
Angst zu vertreiben, die seit 50 Jahren über uns
schwebte. Heute ist keine einzige russische Rakete
auf unsere Bürger oder Städte gerichtet. Wir reduzieren die russischen und amerikanischen Arsenale um
zwei Drittel der Anzahl auf dem Höhepunkt des Kalten
Krieges. Wir haben der Ukraine, Belarus und Kasachstan bei der Verlagerung ihrer Nuklearwaffen geholfen,
die nach der Auflösung der Sowjetunion auf ihrem
Territorium verblieben waren.

im Ausland öffneten. Die wirkliche Meßlatte unserer
Sicherheit ist nicht nur physische Sicherheit, sondern
auch wirtschaftliches Wohlergehen. Jahrzehnte später
werden die Menschen auf diese Zeit zurückblicken und
die weitreichendsten Veränderungen im Welthandelssystem seit Generationen ausmachen. Veränderungen, die gut für das amerikanische Volk sind. Veränderungen, zu denen 200 neue Handelsabkommen
zählen, darunter GATT und NAFTA, der gesamtamerikanische Gipfel sowie die Verpflichtung der
Staats- und Regierungschefs des asiatisch-pazifischen
Raums zum Abbau der Handelsschranken. Aufgrund
dieser Veränderungen ist Amerika weltweit wieder der
Exporteur Nummer eins, und infolgedessen haben wir
eine Million neuer hochbezahlter Arbeitsplätze.
Keine dieser Errungenschaften ist von selbst gekommen. Sie wurden gemacht, weil wir mit anderen
bei der Teilung der Risiken und Kosten des Engagements zusammenarbeiten, weil wir die Macht unseres
Beispiels und gegebenenfalls das Beispiel unserer
Macht nutzen. Sie wurden gemacht, weil wir heute zu
harten Entscheidungen in dem Wissen bereit waren,
daß sie sich morgen für Sie bezahlt machen. Und vor
allem wurden sie gemacht, weil wir uns weigerten,
denjenigen Gehör zu schenken, die sagten, nach dem
Ende des Kalten Krieges sollte Amerika sich für
Wirklichkeitsflucht statt Engagement entscheiden. Mit
einer solchen Entscheidung hätten wir das Streben der
Welt nach Freiheit, Toleranz und Wohlstand geschwächt und unsere eigene Sicherheit und unseren
Wohlstand unterminiert.

Wir arbeiten mit Japan und Korea zusammen und
haben Nordkorea überzeugt, das gefährliche Nuklearwaffenprogramm einzufrieren, das von dem Land seit
über einem Jahrzehnt entwickelt wurde. Wir haben
den Kampf für Frieden und Freiheit vorangebracht.
Wenn die Menschen in Freiheit und Frieden leben,
haben wir größere Sicherheit, weil es weniger wahrscheinlich ist, daß sie auf Gewalt zurückgreifen oder
die Menschenrechte verletzen und wahrscheinlich
bessere Handelspartner und Partner in unserem
gemeinsamen Kampf gegen Terrorismus, internationales Verbrechen und Drogenhandel sowie Zerstörung der Umwelt sind.

Tatsache ist, daß Amerika weiterhin eine unentbehrliche Nation ist. Es gibt Zeiten, in denen Amerika - und
nur Amerika - den Unterschied zwischen Krieg und
Frieden, zwischen Freiheit und Unterdrückung,
zwischen Hoffnung und Angst bewirken kann. Natürlich können wir nicht alle Lasten der Welt auf uns
nehmen. Wir können nicht der Weltpolizist werden.
Aber wo unsere Interessen und Werte es erfordern
und wo wir etwas bewirken können, muß Amerika
handeln und die Führungsrolle übernehmen.

Weil Amerika diese Risiken für Frieden und Demokratie auf sich nimmt, sind die Diktatoren aus Haiti
verschwunden. Die Demokratie ist zurückgekehrt und
der Flüchtlingsstrom hat aufgehört. In Bosnien sind die
Felder des Todes der Heckenschützen wieder zu
Kinderspielplätzen geworden. In Nordirland und im
Nahen Osten nähern sich Konflikte, die einst unlösbar
schienen, einer Beilegung, auch wenn Schwierigkeiten
bestehen bleiben.

Nirgendwo ist diese Verantwortung deutlicher oder
vordringlicher als beim Kampf gegen Terrorismus.
Niemand ist dagegen gefeit - sei es in einer U-Bahn in
Tokio oder einem Bus in Tel Aviv, beim Einkaufsbummel in London oder einem Spaziergang in Moskau, bei der Ausübung seiner Pflicht in Saudi-Arabien
oder seiner Arbeit in Oklahoma City. Terrorismus hat
sich mit uns auf eine Stufe gestellt und respektiert
keine Grenzen.

Keiner dieser Kämpfe ist leicht. Es gibt keine Erfolgsgarantie. Aber wir werden weiter auf den Erfolg
hinarbeiten, und wir werden etwas bewirken.

Ob es uns gefällt oder nicht, auf gute wie auf schlechte
Weise, leben wir in einer interdependenten Welt. Aus
diesem Grund müssen wir die Mauern in unseren
Köpfen zwischen Außen- und Innenpolitik einreißen.
Die Realität ist, daß unser persönlicher, gemeinschaftlicher und nationaler Wohlstand von unseren

Wir haben die Chance ergriffen, um das Leben unserer
Bürger im Inland zu verbessern, indem wir die Märkte

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AMERIKA DIENST 16

�wirtschaftlichen und handelspolitischen Maßnahmen
im In- und Ausland abhängt. Unser persönliches,
gemeinschaftliches und nationales Wohlergehen hängt
von unseren umweltpolitischen Maßnahmen im In- und
Ausland ab, und unsere persönliche, gemeinschaftliche und nationale Sicherheit hängt von unseren
Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung im In- und
Ausland ab. Wir können nicht das Allgemeinwohl im
Inland verbessern ohne auch das Allgemeinwohl auf
der ganzen Welt zu verbessern. Wir können nicht die
Bedrohungen unseres Volkes verringern ohne die
Bedrohungen der Welt jenseits unserer Grenzen zu
verringern. Aus diesem Grund muß der Kampf gegen
Terrorismus sowohl eine nationale Priorität als auch
eine Priorität im Bereich der nationalen Sicherheit sein.
Wir haben an drei Fronten eine konzertierte nationale
und internationale Strategie zur Bekämpfung des
Terrorismus verfolgt: Erstens jenseits unserer Grenzen durch verstärkte Zusammenarbeit mit unseren
Freunden und Verbündeten, zweitens im Inland durch
Ausstattung der Strafverfolgungsbehörden mit den
wirksamsten Instrumenten zur Terrorismusbekämpfung und drittens auf unseren Flughäfen und in
unseren Flugzeugen durch Verstärkung der Luftfahrtsicherheit.
Es wird ein langer, harter Kampf, bei dem es auch
Rückschritte geben wird. Aber ebenso wie uns im
Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges
kein Feind von der Bewältigung unserer Herausforderungen und dem Schutz unserer Werte abhalten
konnte, lassen wir uns heute nicht von unserem harten
Kampf gegen den Terrorismus abhalten. Der Terrorismus ist der Feind unserer Generation, und wir müssen
uns dagegen behaupten.
An der internationalen Front erfordert die Eindämmung
des Terrorismus eindeutig gemeinsame Aktionen. Die
Vereinigten Staaten haben eine besondere Verantwortung zur Übernahme einer Führungsrolle bei
diesen Bestrebungen. Beispielsweise haben unsere
Nachrichtendienste in den letzten vier Jahren stärker
als je zuvor mit anderen Nationen zusammengearbeitet.
Das Entscheidende bei diesen gemeinsam mit anderen Ländern durchgeführten Bestrebungen sind nicht
Gespräche, sondern Taten. Immer mehr Länder
führen mit uns gemeinsame Aktionen durch. Immer
mehr Länder versprechen, Terroristen keine Zuflucht
zu bieten und handeln ihren Auslieferungsgesetzen
gemäß, damit Terroristen nicht in ihr Land flüchten
oder sich dort verstecken können. Immer mehr Länder
helfen uns bei der Schließung der grauen Märkte, die
Terroristen mit Waffen und gefälschten Papieren
versorgen.
Vergangene Woche in Paris einigten sich die G-7Staaten und Rußland auf einen umfassenden Maß-

AMERIKA DIENST 16

nahmenkatalog, um Terroristen das Handwerk zu
legen und sie zu ergreifen. Und wir stellten Zeitpläne
mit bestimmten Fristen auf, innerhalb derer Fortschritte
erzielt werden müssen. Ferner arbeiten wir mit SaudiArabien an der Erhöhung der Sicherheit unserer dort
stationierten Streitkräfte, damit wir weiterhin die
Aggression verbrecherischer Staaten abschrecken
und dem Terrorismus im Nahen Osten die Stirn bieten
können.
Obwohl wir enger denn je mit unseren Verbündeten
zusammenarbeiten und mehr Einigkeit über die
erforderlichen Maßnahmen besteht als jemals zuvor,
sind wir uns nicht immer einig. Wo wir verschiedener
Meinung sind, können und werden die Vereinigten
Staaten dennoch das ihres Erachtens Richtige tun.
Aus diesem Grund haben wir Sanktionen gegen den
Terrorismus fördernde Staaten verhängt oder verstärkt: Iran, Irak, Libyen und Sudan. Man kann keine
Geschäfte mit Staaten abschließen, die bei Tag mit dir
Handel treiben und bei Nacht die Terroristen finanzieren oder schützen, die dich und unschuldige Zivilisten
umbringen. Das wäre falsch. Ich hoffe und erwarte,
daß unsere Verbündeten diese grundlegende Wahrheit bald akzeptieren.
Heute morgen habe ich das Gesetz über Sanktionen
gegen Iran und Libyen unterzeichnet. Es baut auf dem
auf, was wir bereits zur Isolierung dieser Regime
unternommen haben, indem wir harte Strafen gegen
ausländische Unternehmen verhängten, die in Schlüsselsektoren neue Investitionen tätigen. Durch das
Gesetz wird ihnen das Geld vorenthalten, das sie zur
Finanzierung des internationalen Terrorismus oder
zum Erwerb von Massenvernichtungswaffen benötigen. Es wird den Druck auf Libyen zur Auslieferung
der des Bombenanschlags auf Pan Am-Flug 103
Verdächtigten erhöhen.
Ich fordere den Senat erneut zur Ratifizierung der
Chemiewaffenkonvention auf, damit wir das Arsenal
chemischer Waffen beseitigen und unseren Strafverfolgungsbehörden neue Befugnisse zur Ermittlung
und strafrechtlichen Verfolgung derjenigen geben
können, die Angriffe mit solchen Waffen planen. Wir
haben die entsetzlichen, zerstörerischen Auswirkungen von Saringas in der Tokioter U-Bahn gesehen.
Innerhalb von einem Monat nach jenem Anschlag
ratifizierte das japanische Parlament die Chemiewaffenkonvention, was wir jedoch noch nicht getan haben.
Wäre die Chemiewaffenkonvention heute in Kraft, wäre
der Erwerb chemischer Waffen für Terroristen weitaus
schwieriger. Sie warten nicht, und wir sollten es auch
nicht tun.
Die dritte Front bei unserem
rismus sind Flughäfen und
näher zusammenbringen.
sicherste Beförderungsart.
schaften bieten statistisch

Kampf gegen den TerroFlugzeuge, die uns alle
Die Luftfahrt bleibt die
Und unsere Fluggesellgesehen die größte Si-

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�cherheit in der Branche. Aber das ist nur ein geringer
Trost, wenn ein einziger Anschlag so viele Menschenleben kosten kann.
Verstärkte internationale Zusammenarbeit, strengere
amerikanische Strafverfolgung und mehr Sicherheit bei
der Luftfahrt - das sind die Fronten unserer konzertierten Strategie bei der Terrorismusbekämpfung. Ein
Großteil dieser von Strafverfolgungsbehörden, Nachrichtendiensten und dem Militär geleisteten Arbeit
findet wenig Beachtung, zeitigt jedoch Ergebnisse.
Ich möchte dem amerikanischen Volk klarmachen, daß
wir zwar Terroristen besiegen können, es jedoch noch
lange dauern wird, bis wir den Terrorismus besiegen.
Amerika bleibt eine Zielscheibe, weil wir in der Welt auf
einzigartige Weise präsent sind, weil wir uns für die
Förderung von Frieden und Demokratie einsetzen, weil
wir uns dem Terrorismus entschiedener entgegenstellen und weil wir die offenste Gesellschaft der Welt
sind. Das zu ändern - unsere Truppen aus den
Krisenregionen der Welt abzuziehen, denjenigen, die
um des Friedens willen Risiken eingehen, den Rücken
zu kehren, unseren Widerstand gegen den Terrorismus zu schwächen, die Freiheit zu verringern, auf die
wir von Geburt an ein Recht haben - würde bedeuten,
dem Terrorismus einen Sieg zu verschaffen, den er
nicht erringen darf und nicht erringen wird.
In diesem Kampf ist die amerikanische Führungsrolle ebenso wie bei zahlreichen anderen Herausforderungen auf der ganzen Welt - unerläßlich. Bei der Über-

* *

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nähme unserer Führungsrolle im Kampf gegen den
Terrorismus dürfen wir weder zögerlich noch arrogant
sein, sondern benötigen Realismus, Entschlossenheit
und Selbstvertrauen. Und wir müssen verstehen, daß
wir in dieser Schlacht mehr einsetzen müssen als
Polizisten und militärische Ressourcen. Jeder einzelne von Ihnen zählt - jeder Amerikaner zählt.
Unsere größte Stärke ist unser Selbstvertrauen. Und
das ist die Zielscheibe der Terroristen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die Bomben, die Unschuldige töten oder verstümmeln, sind nicht wirklich
gegen diese Menschen gerichtet, sondern gegen den
Geist unseres ganzen Landes und den Geist der
Freiheit. Daher beinhaltet der Kampf gegen den
Terrorismus mehr als die von mir bereits angeordneten
oder angestrebten neuen Sicherheitsmaßnahmen.
Letztlich erfordert er die zuversichtliche Bereitschaft
des amerikanischen Volkes, seinen überzeugten
Einsatz für Freiheit und Frieden beizubehalten und die
unerläßliche Kraft für die Schaffung einer besseren
Welt zu Beginn eines neuen Jahrhunderts zu bleiben.
Diese Verantwortung ist enorm, und ich bin mir
bewußt, daß sie schwer auf vielen Amerikanern lastet.
Aber wir sollten diese Verantwortung bereitwillig
übernehmen, weil zum gegenwärtigen Zeitpunkt
niemand außer uns dasselbe für die Förderung von
Frieden, Freiheit und Demokratie leisten kann - und
weil es zum gegenwärtigen Zeitpunkt für Frieden,
Freiheit und Wohlstand in unserem eigenen Land
erforderlich ist.

* *

*

AMERIKA DIENST 16

�USA-ISRAEL
21. August 1996

Friedensprozeß könnte Israel zum "asiatischen Tiger"
des Nahen Ostens machen
Rede von Staatssekretär Stuart E. Eizenstat

TEL AVIV - (AD) - Der Staatssekretär im US-Wirtschaftsministerium, Stuart E. Eizenstat, erklärte in einer Rede am
6. August 1996 vor der israelisch-amerikanischen Handelskammer, man gehe davon aus, daß Israel das
Äquivalent eines "asiatischen Tigers" im Nahen Osten werden könnte, "falls Israel und seine Nachbarn auf dem
Weg zum Frieden bleiben".
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede von Staatssekretär Eizenstat.

Die israelisch-amerikanischen Beziehungen haben
sich so weit entwickelt, daß die US-Regierung nicht
mehr nur Auslandshilfe gewährt oder ein strategischer
Sicherheitspartner ist - so wichtig das auch sein mag.
Die Vereinigten Staaten haben jetzt auch die Rolle
eines strategischen Wirtschaftspartners übernommen,
der zu einem entscheidenden Zeitpunkt in der israelischen Geschichte einen Beitrag zum Aufbau einer
stärkeren und gesunderen israelischen Volkswirtschaft
leistet. Erstmals können wir uns jetzt gegenseitig als
echte Wirtschaftspartner betrachten und unsere
handeis- und wirtschaftspolitischen Differenzen von
unseren politischen und diplomatischen Belangen
trennen - wie wir es mit anderen Ländern tun. Wir
haben florierende Handelsbeziehungen im Volumen
von 12 Milliarden Dollar - ein 12prozentiger Anstieg im
Vergleich zum Vorjahr - womit Israel auf der Liste
unserer weltweiten Handelspartner an die 18. Stelle
rückt und im Nahen Osten unser zweitgrößter Handelspartner ist. Amerikanische Unternehmen haben in
Israel Investitionen im Wert von 3 Milliarden Dollar
getätigt. Unser Freihandelsabkommen wurde jetzt
nach einer zehnjährigen Einleitungsphase vollständig
in Kraft gesetzt. Unsere Wirtschaftsbeziehungen sind
stark - könnten jedoch sogar noch besser sein. Eine
unserer obersten handelspolitischen Prioritäten ist der
Abschluß des Abkommens über die Landwirtschaft,
das den israelischen Agrarmarkt noch stärker für
amerikanische Produzenten öffnen soll.

AMERIKA DIENST 16

Über die Jahre hinweg haben die Vereinigten Staaten
Israel Militär- und Wirtschaftshilfe in Milliardenhöhe
gewährt, was einen beträchtlichen Anteil

unserer

gesamten jährlichen Auslandshilfe ausmachte.
Ebenso wie in den vergangenen Jahren bleiben wir
einer Aufrechterhaltung unserer Wirtschafts- und
Militärhilfe für Israel verpflichtet. Gleichzeitig engagieren wir uns dafür sicherzustellen, daß Israel wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen kann. Daher
haben wir seit Anfang 1985 in systematischer partnerschaftlicher Arbeit mit Israel dem Land bei der notwendigen Reform seiner Wirtschaft geholfen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Israel historisch gesehen keine nennenswerte Tradition freier Marktwirtschaft. Eine große Partei war sozialistisch, die andere
populistisch, und es gab nur eine winzige Partei, die
sich für die freie Marktwirtschaft einsetzte. Im Laufe
der letzten 50 Jahre entwickelte sich die israelische
Wirtschaft jedoch beträchtlich weiter. Von 1948 bis
1973 befand sich der Staat Israel in seiner Aufbauphase - einer Zeit beträchtlichen Wachstums und der
Entwicklung, in der eine moderne Infrastruktur geschaffen und Militärtechnologie von Weltklasse
entwickelt wurde. Die jährlichen Wachstumsraten
betrugen zwischen 1960 und 1973 bei einstelliger
Inflationsrate im Durchschnitt real 9 Prozent. Nach
dem Jörn Kippur-Krieg und der enormen Erhöhung des
Ölpreises durch die OPEC durchlief Israel seine zweite
Phase, in der die Militärlast des Landes wuchs und
sich das Wirtschaftswachstum verlangsamte. 12

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�Jahre lang verzeichnete Israel fortgesetzt niedriges
Wachstum sowie erst zweistellige, dann dreistellige
Inflationsraten. Bis 1985 stieg die Inflation explosionsartig an - bis zu 400 Prozent -, es gab eine große
Konsumwelle, einen gefährlichen Run auf Devisenrücklagen, ein Haushaltsdefizit von bis zu 15 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts sowie Auslandsverschuldung in Höhe von netto 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
In dieser Zeit wurde eine dritte Phase in der Wirtschaftsgeschichte Israels eingeleitet. Die Koalitionsregierung von Shimon Peres und Jitzhak Shamir führte
harte und wirksame Steuerreformen durch. Zum
ersten Mal waren die Vereinigten Staaten direkt an der
Gestaltung der israelischen Volkswirtschaft beteiligt.
Die Vereinigten Staaten und Israel gründeten die
Gruppe für gemeinsame Wirtschaftschaftsentwicklung
(Joint Economic Development Group - JEDG) und
leiteten damit eine neue Ära in der Wirtschaftsgeschichte Israels ein. Dies war eine äußerst erfolgreiche Initiative, obwohl sie unter der vorherigen Administration brachlag. Unter der Clinton-Administration
haben wir sie erneut belebt, und letzten Herbst feierte
sie ihr zehnjähriges Bestehen. Sie half Israel bei der
Durchführung bedeutender ökonomischer Strukturreformen. Femer schlössen die Vereinigten Staaten und
Israel in diesem Zeitraum (1985) das Freihandelsabkommen ab, das heute vollständig in Kraft ist.
Angesichts des Zustroms von Einwanderern aus der
ehemaligen Sowjetunion sowie aus Äthiopien erkannte
Israel, daß es eine große Zahl von Flüchtlingen
aufnehmen würde. 1990 beschloß die israelische
Regierung, die US-Regierung um Bürgschaften für
Geschäftskredite zu bitten. Das Bürgschaftsprogramm
in Höhe von 10 Milliarden Dollar verschaffte Israel den
dringend benötigten Zugang zu Kapital, ohne seine
Abhängigkeit von amerikanischer Auslandshilfe zu
erhöhen. Israel setzte das Kreditbürgschaftsprogramm
erfolgreich zum Ausbau seiner Infrastruktur ein - eine
große Leistung der Regierung Rabin. Im Rahmen des
Kreditbürgschaftsprogramms baute Israel Straßen und
leitete größere Infrastrukturprojekte ein, die das Land
auf den Zustrom von Investitionen aus dem Ausland
vorbereiteten. Ohne diese Infrastruktur hätte Israel
keine ausländischen Investoren ins Land bringen oder
dort halten können.
Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens
von 1993 mit den Palästinensern und des Friedensvertrags mit Jordanien im Jahr 1995 begann die vierte
Phase in der israelischen Wirtschaftsgeschichte.
Israel hatte eine der niedrigsten Quoten ausländischer
Direktinvestitionen pro Kopf der Bevölkerung, und auf
vielen Märkten wurde durch den sekundären und
tertiären Boykott der Araber der Absatz israelischer
Produkte wirksam verhindert. Der Friedensprozeß hat
das dramatisch verändert. Tatsächlich gab es eine
echte Friedensdividende für Israel. Israel öffnete sich

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der Welt, und die Welt öffnete sich Israel. Ausländische Investitionen, darunter Geld asiatischer und
sogar amerikanischer Unternehmen, die Israel früher
gemieden hatten, flössen ins Land und stiegen von
300 Millionen Dollar im Jahr 1993 auf 2 Milliarden
Dollar im Jahr 1996 an. Gleichzeitig kamen Waren
aus aller Welt nach Israel. Es gab einen starken
Anstieg israelischer Exporte auf Märkten, die durch
den Friedensprozeß geöffnet wurden. Die Exporte
erhöhten sich insgesamt von 16,7 Milliarden Dollar
1989 auf 29,7 Milliarden Dollar 1995. Die Exporte in
den Femen Osten wuchsen seit 1993 um 80 Prozent von 2,5 Milliarden Dollar 1993 auf 3,8 Milliarden Dollar
im letzten Jahr. Japan ist jetzt der zweitgrößte Absatzmarkt Israels, und der Anstieg israelischer Exporte
dorthin ist verblüffend - von 769 Millionen Dollar 1993
auf 1,3 Milliarden Dollar im Jahr 1995. Die israelischen
Exporte wuchsen auch auf anderen Märkten, beispielsweise Südamerika, wo sie von 319 Millionen
Dollar 1993 auf 454 Millionen Dollar 1995 anstiegen.
Israel ist für seine Hochtechnologieexporte von
Weltklasse bekannt, beispielsweise Computersoftware
und medizinisches Gerät.
Die Ergebnisse waren verblüffend.
Israel schuf
zwischen 1989 (1,6 Millionen Erwerbstätige) und 1995
(2 Millionen Erwerbstätige) eine halbe Million Arbeitsplätze und nahm während dieses Zeitraums noch
nahezu 730.000 Einwanderer aus der ehemaligen
Sowjetunion auf. Tatsächlich entspricht die Arbeitslosenrate der zwischen 1989 und 1991 Eingewanderten ungefähr der allgemeinen Arbeitslosenrate.
Insbesondere 1995 war ein bemerkenswertes Jahr, in
dem erstmals seit Jahrzehnten einstellige Inflations- (8
Prozent) und Arbeitslosenraten (6,1 Prozent) zu
verzeichnen waren. Israel hatte eine der höchsten
Wachstumsraten in den Industrieländern (7,1 Prozent)
- die höchste aller OECD-Staaten.
Ferner ist Israel der Nährboden für Ideen, die in
anderen Staaten Anwendung finden. Lange bevor
freier Handel modern wurde, lange vor dem NAFTA
und der Uruguay-Runde schlössen die Vereinigten
Staaten und Israel mit Blick auf die Zukunft ein Abkommen über die Beseitigung aller Zölle auf Produkte,
die zwischen den beiden Ländern gehandelt werden.
Nach einer zehnjährigen Einleitungsphase ist das
amerikanisch-israelische Freihandelsabkommen vollständig in Kraft, und unser bilateraler Handel stieg von
3,4 Milliarden Dollar 1984 auf nahezu 12 Milliarden
Dollar an.
Die konkrete Manifestation des israelischen Erfolgs
findet sich in den Zahlen. Die amerikanischen Direktinvestitionen in Israel belaufen sich jetzt nahezu auf 3
Milliarden Dollar, und mehr amerikanische Unternehmen als je zuvor betrachten Israel als ihr regionales
Hauptquartier im Nahen Osten. Über 200 amerikanische Unternehmen haben bereits in Joint-ventures
und 100prozentige Tochtergesellschaften in Israel

AMERIKA DIENST 16

�investiert. Die Vereinigten Staaten sind weiterhin
Israels größter Handelspartner.
Im Energie- und Infrastrukturbereich sind die Chancen
besonders groß.
Beispielsweise beteiligen sich
amerikanische Unternehmen an allen Stadien des
Projekts zum Ausbau des Ben Gurion-Flughafens bis
zum Jahr 2000. Amerikanische Firmen (General
Electric und Babcock &amp; Wilcox) sind die Hauptlieferanten von Turbinen und Boilern an die israelischen
Elektrizitätswerke. Und amerikanische Unternehmen
nutzen die sich durch den Bau von Autobahnen,
Schmalspurbahnen sowie Hafenausbau und -entwicklung bietenden Chancen.
Auch im Technologiesektor, der in den kommenden
Jahren die treibende Kraft der Weltwirtschaft sein wird,
wurden die amerikanisch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen gestärkt. Israel schuf auf den Gebieten
Elektronik, Computer, Informationsaustausch, Energie
und Landwirtschaft eine technologische Basis, die
schnell weltweite Anerkennung fand. Amerikanische
Firmen streben verstärkt Joint-ventures im Technologiebereich mit israelischen Unternehmen an. Das
amerikanische Unternehmen Intel gab vor kurzem
Pläne für den Bau eines Fabrikationsbetriebs im Wert
von 1,5 Milliarden Dollar in Kiryat Gat bekannt. Und
das ist erst der Anfang. Vergangene Woche in
Washington hatte ich die Ehre und das Vergnügen, im
Rahmen der Zusammenkunft der amerikanischisraelischen Wissenschafts- und Technologiekommission mit Wirtschaftsminister Kantor meinen Freund,
den Industrie- und Handelsminister Natan Sharansky
zu treffen. Sein Werdegang - von einem Refusenik im
Gefangenenlager der ehemaligen Sowjetunion zum
Minister im israelischen Kabinett innerhalb eines
kurzen Jahrzehnts - ist ein Beweis für seinen Mut und
seine Entschlossenheit, für die von Israel geschaffene
offene Gesellschaft und für die Kraft der zionistischen
Vision.
Viele von Ihnen wissen, daß die
Wissenschafts- und Technologiekommission zu einem
entscheidenden Zeitpunkt im Entwicklungszyklus
neuer, wettbewerbsfähiger Produkte Gelder bereitstellt
und zusätzlich auch Privatkapital aufbringt. Ferner
kombiniert sie technologisches Fachwissen und
unternehmerischen Weitblick aus unseren beiden
Ländern, wodurch ein großes Potential für Wachstum
und Chancen geschaffen wird. Dies ist ein weiteres
Beispiel dafür, wie Israel Ideen hervorbringt und wie
die Vereinigten Staaten und Israel durch Zusammenarbeit Präsident Clintons Vision der Schaffung von
Arbeitsplätzen im Hochtechnologiebereich unserer
beiden Länder für das 21. Jahrhundert verwirklichen.
Zu den Planungen der Kommission gehören ein
Projekt zur Elektrizitätserzeugung mit Solarenergie, ein
Aquakulturprojekt sowie die Ausstellung verschiedener
israelischer Technologien im Biotechnologiebereich.
Bis heute hat die Kommission 48 Millionen Dollar für
diese Projekte ausgegeben.

AMERIKA DIENST 16

Ein von mir vorgeschlagenes, besonders interessantes
Projekt der Kommission war, daß meine Behörde - die
internationale Handelsbehörde ITA - bei der Initiative
zur Konversion der Rüstungsindustrie mitwirkt. Dies
beinhaltet die Vermarktung israelischer Technologien
in den Vereinigten Staaten von Firmen, die den
schwierigen Übergang von Rüstungs- zu ziviler
Produktion vollzogen haben. Das Fachwissen der ITA
im Bereich der Vermarktung und passenden Zusammenstellung wird ein wichtiger Bestandteil bei der
Vorstellung dieser Technologien in unserem Land.
Zusätzlich
zu Joint-ventures
unterstützt
die
Wissenschafts- und Technologiekommission eine
Reihe von Infrastrukturprojekten wie von der Lebensmittelbehörde veranstaltete Unterrichtsstunden für
klinische Praktiken, die sowohl von der amerikanischen als auch der israelischen Pharmaindustrie gut
angenommen werden. Diese Harmonisierung der
Standards - auf die wir mit der Europäischen Union
durch Abkommen über gegenseitige Anerkennung
hingearbeitet haben - könnte enorme Profite für Israels
Pharmaindustrie und die Hersteller von medizinischen
Geräten bedeuten.
Diese bemerkenswerten Fortschritte in Israels vierter
Phase ergaben sich aus dem Zusammenspiel interaktiver Maßnahmen - den Vorteilen makroökonomischer
Disziplin, Strukturreformen und der Fortsetzung des
Friedensprozesses - die alle für dauerhafte Fortschritte
in dieser vierten Phase unerläßlich waren und sind.
Der Friedensprozeß öffnete gleichzeitig den
israelischen Binnenmarkt für ausländische
Investoren und Märkte im Ausland und brachte so für Israel eine wirkliche Friedensdividende.
Makroökonomische Disziplin unter der festen
Führung der Bank von Israel und eine niedrigere Inflationsrate zu einer Zeit explosionsartigen Wachstums. Dies wird nun ergänzt
durch eine willkommene, diszipliniertere
Haushaltspolitik der Regierung, mit der die
Notwendigkeit behoben wird, daß die Geldpolitik allein die Last der Inflationsbekämpfung
trägt.
Strukturreformen wie die Stärkung der Unabhängigkeit der Zentralbank und die Abschaffung von Restriktionen bei Kapitalkontrollen, so daß der Schekel jetzt eine international konvertierbare Währung ist und Fortschritte bei der Privatisierung, mit der die
Wirtschaft liberalisiert, der israelische Unternehmergeist freigesetzt sowie amerikanische
und ausländische Investitionen ermutigt
wurden.

Seite 3

�Diese Fortschritte sollten nicht als selbstverständlich
erachtet werden. Der Ministerpräsident hat angedeutet, daß er das Abkommen von Oslo umsetzen und
Friedensverhandlungen mit Syrien und dem Libanon
führen will. Dies ist für die Bewahrung des positiven
Umfelds für Israels andauernden und gemehrten
Wohlstand unerläßlich.
Ungeachtet all dieser positiven Entwicklungen können
und sollten die amerikanisch-israelischen Handelsbeziehungen noch enger und vielfältiger sein. Aus der
Handels- und Investitionsperspektive der Vereinigten
Staaten beträgt der amerikanische Marktanteil in Israel
nur ungefähr 20 Prozent des israelischen Importmarkts
- selbst nach der vollständigen Verwirklichung des
amerikanisch-israelischen Abkommens über eine
Freihandelszone von 1995 und selbst angesichts der
zunehmenden Effizienz und Transparenz des Importregimes. Im Gegensatz dazu hatte die Europäische
Union im Jahr 1995 einen Marktanteil von über 52
Prozent in Israel. Im vergangenen Jahr verzeichnete
Israel ein Handelsdefizit in Höhe von 8,7 Milliarden
Dollar mit der EU und einen Handelsüberschuß von
239 Millionen Dollar mit den Vereinigten Staaten obwohl die Vereinigten Staaten in den ersten sechs
Monaten dieses Jahres einen Handelsüberschuß
haben. Wir glauben nicht, daß die amerikanischen
Produkte den Anteil des israelischen Markts erhalten,
der ihnen zukommt. Ich stelle einen positiven Trend in
den gerade veröffentlichten Handelszahlen für die
erste Hälfte des Jahres 1996 fest. Unseres Erachtens
sollte es jedoch eine beträchtliche Erhöhung der
amerikanischen Exporte geben, zum Teil wegen der
Kreditgarantie in Höhe von 10 Milliarden Dollar. Im
zweiten aufeinanderfolgenden Jahr wurden die
Vereinigten Staaten als wettbewerbsfähigstes Land
der Welt eingestuft. Unsere Produkte und Dienstleistungen sind so gut wie alle anderen der Welt in
praktisch jedem Bereich und auf vielen Gebieten die
besten. Sie haben einen konkurrenzfähigen Preis und
werden durch exzellente Dienstleistungen unterstützt.
Die Tatsache, daß ich dies behaupten kann, deutet auf
den gesunden Zustand unserer einzigartigen Beziehungen hin, die jetzt so fest verwurzelt sind, daß wir
Handelsprobleme ohne die Sorge ansprechen können,
daß sie unsere unanfechtbaren, unerschütterlichen
politischen, militärischen und diplomatischen Beziehungen schwächen könnten.
Meiner Ansicht nach tritt Israel unter Ministerpräsident
Netanjahu in die fünfte Phase ein - in der Steuerdisziplin neu bekräftigt, die Inflation eingedämmt und
die letzten Relikte des Sozialismus durch grundlegende wirtschaftliche Umstrukturierung und Liberalisierung
überwunden werden. Wir sind optimistisch und erfreut
über Ministerpräsident Netanjahus Vorschläge zur
Förderung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung.
Die Vereinigten Staaten unterstützen sein Programm
zum Abbau des Haushaltsdefizits, für Steuerdisziplin,
Deregulierung und Privatisierung uneingeschränkt.

Seite 4

Wir wollen Israels Wirtschaftspartner in der vielversprechenden wirtschaftlichen Zukunft sein, die dieses
Programm unseres Erachtens nach seiner Umsetzung
herbeiführen wird.
Ministerpräsident Netanjahus Haushaltsvorlage für das
nächste Fiskaljahr wird zur Vermeidung einer Konjunkturüberhitzung beitragen - die bereits wieder abkühlt und ein stärkerer Partner der Geldpolitik bei der
Bekämpfung der Inflation sein. Die Verwirklichung
dieses Programms ist unerläßlich.
Die nächste Phase sollte eine sein, in der Israel
wirtschaftlich als Modell für Entwicklungsländer auf der
ganzen Welt dient. Israel hat eine besondere Chance,
den Weg im Hinblick auf wirtschaftliche Umstrukturierung und Disziplin zu ebnen. Ein kritischer Bereich, in
dem Israel weltweit etwas bewirken kann, bestünde in
einer beträchtlichen Verbesserung seines restriktiven
Angebots bei den Telekommunikationsverhandlungen
der WTO. Israels letztes Angebot sah keine Rechte für
zusätzlichen Marktzugang über den Bezek und IBS
gewährten hinaus vor. Für die Vereinigten Staaten
und die Welt ist kein Wirtschaftssektor wichtiger. Ein
verbessertes Angebot von Israel würde einen Anreiz
für andere sich rasch entwickelnde Nationen darstellen. Wenn Bezek in Indien und der ehemaligen
Sowjetunion konkurrieren kann, hält das Unternehmen
auch dem Wettbewerb hier in Israel stand. Die
Vereinigten Staaten hoffen, daß Israel Bezeks Monopol bei den inländischen Telefondiensten und der
Telekommunikationsinfrastruktur durch ein WTOAngebot aufheben wird, in dem ein festes Datum für
die Beendigung der Exklusivrechte für inländische
sowie internationale Dienste und Einrichtungen
gesetzt, eine Prüfung des wirtschaftlichen Bedarfs für
Zellulardienste abgeschafft und die zur Zeit in Genf
ausgehandelten Regulierungsprinzipien zugunsten
des Wettbewerbs unterstützt werden. Das amerikanische Angebot erlaubt 100prozentige ausländische
Direktinvestitionen über das gesamte Spektrum des
Markts für Ortsgespräche, inländische Ferngespräche
und internationale Telefondienste in den Vereinigten
Staaten hinweg.
Der Ministerpräsident ist sich Israels Potential zu einer
weltweiten wirtschaftlichen Führungsmacht bewußt,
und wir unterstützen seine Pläne zum Abbau der
bürokratischen und sonstigen Hemmnisse, die das
Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit behinderten. Ungefähr 56 Prozent des israelischen Bruttoinlandsprodukts kommen aus staatlichen oder vom Staat
kontrollierten Wirtschaftsunternehmen. Wir unterstützen auch uneingeschränkt den Plan des Ministerpräsidenten zur Privatisierung der Banken und anderer
größerer Unternehmen in staatlichem Besitz, um noch
größere Investitionen anzuziehen. Er hat die Privatisierung von 50 der 160 staatlichen Unternehmen
bis zum Ende seiner Amtszeit zugesagt. Wir stimmen
mit dem Ministerpräsidenten überein, daß dies ein

AMERIKA DIENST 16

�entscheidender Teil von Israels Zukunft und ein Mittel
zur Anhebung des Lebensstandards ist.
Diese
Maßnahmen werden nicht nur weitere ausländische
Direktinvestitionen fördern, sondern auch Arbeitsplätze
schaffen und von direktem Vorteil für den israelischen
Privatsektor sein. Zweifelsohne werden die Pläne des
Ministerpräsidenten zur Einschränkung der Rolle des
Staates in der Wirtschaft zu Israels Wirtschaftswachstum, der Schaffung von Arbeitsplätzen und zum
Wohlstand des Landes beitragen.
Es steht außer Frage, daß Israel für eine Führungsrolle
im kommerziellen Umfeld des 21. Jahrhunderts
geeignet ist. Israel muß die Gelegenheit zur Vertiefung
der bereits weitreichenden Wirtschaftsreformen
ergreifen, die in den vergangenen Jahren unternom-

men wurden, und Ministerpräsident Netajahus Verpflichtung zur Privatisierung und Deregulierung wird
diese Reformen konsolidieren. Dieser Kurs wird zur
Bewahrung des bemerkenswerten Wirtschaftswachstums beitragen, dessen sich Israel dank des Friedensprozesses erfreut. Während die Volkswirtschaften in
der Region offener und integrierter werden, kann das
Wirtschaftswachstum in Israel noch größere Chancen
für Wachstum in der Region bieten, das wiederum
Frieden und Stabilität fördert. Die uns und Israel
konfrontierende Herausforderung ist klar: Wir müssen
sicherstellen, daß unsere Bestrebungen an der
diplomatischen und der wirtschaftlichen Front fortgesetztwerden und unser gemeinsames Ziel von Frieden
und Wohlstand auch im 21. Jahrhundert vorangebracht wird.

* *

AMERIKA DIENST 16

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Seite 5

�WAHLEN
21. August 1996

Republikaner hoffen auf Belebung des Wahlkampfs
durch Dole-Kemp-Team
Entscheidung für den Vizepräsidentschaftskandidaten

SAN DIEGO - (AD) - In Amerika gibt es ein altes
Sprichwort, das besagt: "Die Politik bringt die verschiedensten Leute zusammen."
Wie sonst könnte man so ungleiche Teams wie
Präsident Kennedy und Vizepräsident Johnson im Jahr
1960 erklären? Oder Präsident Reagan und Vizepräsident Bush im Jahr 1980? Oder Bob Dole und Jack
Kemp im Jahr 1996?
All diese Teams waren bei vielen politischen Themen
entgegengesetzter Meinung, und dennoch sahen es
die Präsidentschaftskandidaten der jeweiligen Partei
als angebracht an, einen Mitkandidaten auf ihre
Wahlliste zu setzen, der Divergenz statt Kontinuität
versprach.
Am Vorabend des nationalen Parteikonvents der
Republikaner am 11. August 1996 kam der designierte
Präsidentschaftskandidat Dole an Bord einer Fähre in
Begleitung des Mitstreiters seiner Wahl, Kemp - einem
Mann, mit dem er sich seit 15 Jahren über Wirtschaftsfragen streitet - im Hafen von San Diego an.
Bis zur Ankündigung seines neuen Plans für Steuersenkungen in der vergangenen Woche führte Dole als
Führer der Republikaner im Senat den Kampf zum
Abbau des enormen Haushaltsdefizits an.
Kemp, der ehemalige Footballstar, der Politiker wurde,
ist seit langem ein Befürworter einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, die Steuersenkungen vor den
Defizitabbau stellt, in der Annahme, dies würde zur
Ankurbelung des Wachstums beitragen, mehr Arbeitsplätze schaffen und damit mehr Einnahmen bringen.
Im Jahr 1988, als beide erfolglose Herausforderer des
damaligen Vizepräsidenten Bush bei der Nominierung
des republikanischen Präsidentschaftskandidaten
waren, äußerte Dole, daß Kemp sich so für die Gewerkschaften stark gemacht habe, ließe "einem die

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Haare zu Berge stehen", und Kemp sagte, für Dole
"gibt es keine Steuer, die er nicht erhöht".
An diesem Tag gab es jedoch nur Lächeln und
Einigkeit, als die beiden Männer der jubelnden Menge
erklärten, daß sie die Wahl im November zu gewinnen
dächten und Präsident Abraham Lincoln mit dem Satz
zitierten: "Gebt unserer Nation eine neue Geburt der
Freiheit", indem alle Steuern gesenkt werden und ein
ausgeglichener Haushalt angestrebt wird.
Die Delegierten des Parteitags kamen in San Diego
an, als Dole in seiner Heimatstadt Russell in Kansas
am 11. August offiziell seinen Entscheidung für Kemp
bekanntgab. Die Unterhaltungen in Hotelhallen und
Empfangsbereichen drehten sich kaum um ein anderes Thema. Der Mehrheitsführer des Repräsentantenhauses Dick Armey äußerte: "Man konnte fast einen
spontanen Freudenausbruch im ganzen Land vernehmen."
Von vielen politischen Beobachtern wurde es als
gewagt und unerwartet genug angesehen, um Doles
Wahlkampf anzuheizen. Die Parteiführer begrüßten
die Entscheidung und brachten ihre Hoffnung zum
Ausdruck, sie möge den Parteitag beleben und die
Wähler anregen, sich Dole noch einmal genauer
anzusehen. Der ehemalige Mehrheitsführer des
Senats liegt bei öffentlichen Meinungsumfragen immer
noch 20 Prozentpunkte hinter Präsident Clinton, aber
zumindest bei einer von der Washington Post durchgeführten holte Dole zehn Punkte auf, nachdem
bekannt wurde, daß Kemp der Spitzenkandidat ist.
Die Medien hatten davor über eine Reihe von Gouverneuren der Bundesstaaten spekuliert, aber in der
letzten Minute konzentrierte sich die Aufmerksamkeit
auf Kemp als einzigem Mitstreiter mit nationaler
Anerkennung.

Seite 1

�Doles Sprecher Nelson Warfield bezeichnete Kemp als
den "eloquentesten, effektivsten und erfahrensten
Befürworter von wachstumsfördernden Maßnahmen"
mit "bemerkenswerter Popularität auf dem gesamten
politischen Spektrum".

Nachdem er der Quarterback der Footballmannschaften San Diego Chargers und Buffalo Bills gewesen war, wurde Kemp in einem von Demokraten
dominierten und von Arbeitern bewohnten Wahlbezirk
in Buffalo zum Kongreßabgeordneten gewählt.

Ein früherer Rivale Doles, der Unternehmer Steve
Forbes, äußerte, das "Dream Team" Dole-Kemp würde
Unabhängige und Demokraten ins Lager der Republikaner ziehen.

Er wurde als lautstarker Gegner von Kommunismus
und Abtreibung bekannt, bekämpfte aber auch Kürzungen der Sozialleistungen. Kemp erklärte, er habe
beim Profisport enge Beziehungen zu Afro- und
Hispanoamerikanern geknüpft, was seine Ansichten
über berufliche Gleichstellung beeinflußt habe Ansichten, die ihm oftmals Zwistigkeiten mit vielen
seiner Parteikollegen bescherten.

Einige mutmaßten, daß Kemp attraktiv für Frauen ist eine Gruppe, die Clinton gegenüber Dole bevorzugt.
Selbst die Anführerin der Abtreibungsbefürworter unter
den Republikanern, Ann Stone, fand nette Worte und
erklärte, auch wenn Kemp Abtreibungsgegner sei,
verfüge er doch über die Fähigkeit zur Überbrückung
von Meinungsverschiedenheiten und "erreicht Wähler,
die die Republikaner für gewöhnlich ignorieren Minderheiten, ethnische Gruppen und Gewerkschaftsmitglieder."
Aber obwohl Analysten einräumen, daß Kemp dem
Wahlkampfteam Energie und Schwung verleihen wird
und auch für die Bürger, die traditionell nicht republikanisch wählen, attraktiv ist, fragen sie sich, ob das
ausreicht.
Als Reaktion auf die Entscheidung Doles erklärte der
Wahlkampfsprecher Präsident Clintons, Joe Lockhart,
dies sei ohne Bedeutung, da der Vizepräsidentschaftskandidat "bei den meisten Wahlkämpfen keine klar
definierte Rolle" habe. Berichten zufolge war der
Präsident jedoch "schockiert" und erklärte vor Journalisten, er hätte erwartet, daß sein republikanischer
Rivale sich für einen anderen Vizepräsidentschaftskandidaten entscheiden würde.
Manche Beobachter sehen es als mögliches Problem
an, daß Kemp dafür bekannt ist, seine Meinung zu
sagen, obwohl er erklärtermaßen weiß, daß Dole im
Wahlkampfteam an erster Stelle steht. Mitglieder der
religiösen Rechten äußerten Besorgnis darüber, daß
Kemp zwar als Konservativer angesehen wird, jedoch
auch einige freiheitliche Tendenzen aufweist. In
Kalifornien verärgerte er viele Konservative gegen
Ende des Wahlkampfs 1994, als er Kritik an einem
örtlichen Volksbegehren äußerte, scharf gegen die
Inanspruchnahme von Sozialleistungen durch illegal im
Land lebende Ausländer vorzugehen.
Kemp erklärte, wenn die Republikanische Partei nicht
die "Partei von Reformen, Wandel, Fortschritt und
Zukunft" werde, geriete sie "in die Defensive" und
würde schließlich nur noch "auf den Zusammenbruch
der Clinton-Administration hoffen. Das ist keine Art,
einen Präsidentschaftswahlkampf zu führen."

Seite 2

Kemps Wirkung auf Afroamerikaner ist einer der
größten politischen Aktivposten, die er in den Wahlkampf einbringt. Traditionell wählt ein großer Teil
dieser Bevölkerungsgruppe die Demokratische Partei.
Kemp ist auch für seine umstrittenen Ideen bekannt,
beispielsweise eine 33prozentige Steuersenkung, die
1981 schließlich zum Kern von Präsident Reagans
erfolglosen Steuerplänen wurde.
1988 gab Kemp freiwillig seinen Sitz im Kongreß auf,
um sich erfolglos um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu bewerben und
beteiligte sich als "progressiver Konservativer" kurze
Zeit am Wahlkampf. Aber weder die Konservativen
noch die Progressiven seiner Partei fühlten sich
damals von ihm angesprochen.
Präsident Bush ernannte ihn später zum Minister für
Wohnungsbau und Stadtentwicklung.
In dieser
Eigenschaft verfolgte er energisch zwei Ideen: Städtische Unternehmenszonen zur Ermutigung von
Wirtschaftswachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen in armen Wohngebieten sowie Eigentumsrechte der Mieter an Sozialwohnungen.
Eigenen Angaben zufolge begann Kemp während
seiner Zeit als Wohnungsbauminister in seiner Partei
auf die Einbeziehung von Minderheiten und Armen zu
drängen sowie Maßnahmen zum Wiederaufbau des
städtischen Amerika zu ergreifen.
1993 war Kemp eines der Gründungsmitglieder der
konservativen Denkfabrik "Empower America", die
freie Marktwirtschaft und Kapitalismus, Wachstum von
Arbeitsplätzen und sozialpolitische Maßnahmen
fördert, welche den Menschen und nicht der staatlichen Bürokratie mehr Befugnisse verleihen.
Jack Kemp wurde am 13. Juli 1935 in Los Angeles
geboren und erwarb am Occidental College sein
Bakkalaureat. Er hat mit seiner Frau Joanne vier
erwachsene Kinder und mehrere Enkelkinder.

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�WAHLEN
21. August 1996

Beim Präsidentschaftswahlkampf wird Amerika
der Spiegel vorgehalten
Rede von Bob Dole beim nationalen Parteikonvent der Republikaner

SAN DIEGO - (AD) - Der Präsidentschaftswahlkampf ist "mehr als ein Wettstreit zwischen Kandidaten, mehr als
die Auseinandersetzung mit entgegengesetzten Philosophien - beim Wahlkampf wird Amerika der Spiegel
vorgehalten", erklärte Bob Dole in seiner Dankesrede für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der
Republikaner am 15. August 1996.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Bob Dole im Wortlaut.

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Delegierte,
liebe Mitbürger,
ich möchte mit einfachen Worten klar und deutlich
sagen: Ich nehme Ihre Nominierung an, unsere Partei
erneut zur Präsidentschaft zu führen. Ich bin zutiefst
bewegt durch Ihr Vertrauen und Ihre Zuversicht und
sehe der Aufgabe erwartungsvoll entgegen, Amerika in
das nächste Jahrhundert zu geleiten.
Dies ist jedoch nicht meine Stunde. Es ist Deine
Stunde, Elizabeth. Es ist Deine, Robin. Es ist Eure
Stunde, Jack und Joanne Kemp.
Und denken Sie nicht, ich hätte vergessen, wessen
Stunde dies vor allem ist. Für das amerikanische Volk
stehe ich heute abend hier, das mir diese Gelegenheit
geboten hat. Und während meine Stimme in der
Dunkelheit und in der Wüste widerhallt, während sie in
Autoradios und auf Küstenstraßen vernommen wird,
und während sie über Ackerland und in die Vororte
getragen wird, tief in das Zentrum von Städten, die
heute nacht, aus dem All gesehen, einer Kette glitzernder Diamanten gleichen, kann ich Ihnen sagen, daß
ich weiß, wessen Stunde dies ist: Es ist Ihre Stunde.
Und wer steht vor Ihnen?
Ich wurde in Russell in Kansas geboren, einer kleinen
Stadt mitten in der Prärie, umgeben von Weizenfeldern
und Bohrtürmen. Wie meine Freunde und Nachbarn
aus Russell, die heute abend hier vorne im Saal sitzen,

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gut wissen, blickt Russell, obwohl es nicht der Westen
ist, auf den Westen. Wie die meisten Kleinstädte in der
Prärie ist es ein Ort, an dem niemand ohne gründliche
Kenntnis der Distanz aufwächst. Und das erste, was
man über die Prärie lernt, ist die relative Größe eines
Menschen im Vergleich zur Weite des Landes. Unter
dem unendlichen Himmel, unter dem ich geboren
wurde und aufwuchs, ist ein Mensch sehr klein - und
wenn er etwas anderes denkt, hat er unrecht.
Meine Eltern sind gute Menschen, sehr gute Menschen, und ich bin stolz darauf. Mein Vater heißt
Doran, meine Mutter Bina. Ich hatte sie sehr lieb - und
es gibt keinen Augenblick, an dem meine Erinnerung
an sie und meine Liebe für sie nicht hinter allem steht,
das ich tue - selbst hier heute abend. Es gibt keine
Höhe, zu der ich aufgestiegen bin, die hoch genug
wäre, mich sie vergessen zu lassen, zu vergessen, wo
ich herkomme, wo ich stehe und wie ich hier stehe nur ein Mensch, der Gnade Gottes ausgeliefert.
Diese Perspektive wurde durch das Wissen gestärkt
und verfestigt, das ich nicht meiner eigenen Leistung
verdanke, sondern den gütigen Segnungen des Alters.
Ich weiß, daß manche denken, ich müßte vor dieser
Wahrheit davonlaufen. Ich wurde 1923 geboren Fakten sind besser als Träume - und gute Präsidenten
und gute Kandidaten laufen vor der Wahrheit nicht
davon.
Ich brauche die Präsidentschaft nicht, um meine Seele
zu erneuern. Diesen Trugschluß werde ich gerne

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�anderen überlassen, denn Größe liegt nicht in dem
Amt, das man innehat, sondern darin, wie ehrlich man
ist, wie man sich Mißgeschicken stellt und wie man
unerschütterlich die Härten des Lebens erträgt.

Geschichte zurückreichen, reißt die Grundpfeiler
dieser Werte - Gott, Familie, Ehre, Pflicht, Vaterland nicht nieder, die uns im gesamten Verlauf der Zeit
zusammengebracht haben.

Das Alter hat seine Vorteile. Lassen Sie mich die
Brücke zu einem Amerika sein, das nur die Unwissenden als Mythos bezeichnen. Lassen Sie mich die
Brücke zu einer Zeit der Ruhe, des Glaubens an das
Handeln und des Vertrauens darauf sein. Denjenigen,
die sagen, das war nie so, Amerika war nie besser,
sage ich, Ihr habt unrecht, und ich weiß es, weil ich
damals gelebt habe. Ich habe es gesehen. Ich
erinnere mich.

Denjenigen, die glauben, ich sei zu kämpferisch, sage
ich, wenn ich kämpferisch bin, dann aus Liebe zu
unserem Land. Ich bin es, um einen Standard aufrechtzuerhalten, den zu verteidigen ich geboren und
erzogen wurde. Und denjenigen, die glauben, ich sei
zu kompromißbereit, sage ich, in der Politik ist ein
ehrbarer Kompromiß keine Sünde, sondern das, was
uns vor Absolutismus und Intoleranz schützt. Man darf
jedoch nie Kompromisse bezüglich Gott, Familie, Ehre,
Pflicht und Vaterland schließen.

Obwohl verwundet und vernichtet, hat unsere Nation
den Unabhängigkeitskrieg, den Bürgerkrieg, die
Weltkriege, rassische Unterdrückung und wirtschaftliche Katastrophen überdauert. Wir haben auf praktisch
jedem Kontinent und auf praktisch jedem Meer gekämpft und überdauert. Wir haben sogar verloren,
aber wir haben überdauert, und wir sind immer
durchgekommen.
Was uns zu diesen Leistungen verholten hat, hat
wenig mit den heutigen Werten zu tun. Was haben wir
erreicht, was haben wir geschaffen, was haben wir nach Jahrzehnten der Angriffe auf das, was Amerika
zur Größe verholten hat, auf angeblich veraltete
Werte? Der Meinung vieler Amerikaner nach haben
wir Verbrechen, Drogen, uneheliche Kinder, Abtreibung, die Nichterfüllung der Pflicht und verlassene
Kinder. Und nach der sprichwörtlichen Zerstörung der
amerikanischen Familie, dem Fels, auf dem dieses
Land gegründet wurde, wird uns gesagt, wir benötigen
ein Dorf - das heißt das Kollektiv und damit den Staat um ein Kind großzuziehen.
Der Staat ist mehr als je zuvor mit der Erziehung von
Kindern befaßt, und Kinder werden heute mehr
vernachlässigt, mißbraucht und mißhandelt als zu
unserer Zeit. Das ist kein Zufall, und bei allem gebührenden Respekt stehe ich hier, um Ihnen zu sagen:
Man braucht kein Dort, um ein Kind großzuziehen.
Man braucht eine Familie.
Wenn ich durch ein Wunder jedem Kind, das keinen
Vater oder keine Mutter hat, diesen Vater oder diese
Mutter wiedergeben könnte, würde ich es tun. Und
obwohl ich das nicht kann, würde ich ihnen nie meinen
Rücken zukehren, und als Präsident werde ich
Maßnahmen fördern, die Familien zusammenhalten.
Ich stehe hier, um Ihnen zu sagen, daß tabufreies und
zerstörerisches Verhalten abgelehnt werden muß, daß
Ehre und Freiheit wiederhergestellt werden müssen
und die Rechenschaftspflicht des einzelnen wieder an
die Stelle der kollektiven Entschuldigung treten muß.
Ich stehe hier, um Amerika zu sagen, gebt die großen
Traditionen nicht auf, die in die Anfänge unserer

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Ich bin hier, um einen Maßstab zu setzen, damit alle
wissen, daß man es in der Politik zu etwas bringen
kann, wenn diese Dinge fest im Kopf verankert sind ohne Konzessionen und nie aufgegeben. Denn die
alten Werte haben Bestand. Obwohl sie in Vergessenheit geraten sein mögen und obwohl sie aufgegeben
werden, haben sie Bestand. Ich weiß, daß es stimmt.
Und jedem, der glaubt, daß Zurückhaltung, Ehre und
Vertrauen in das Volk der Regierung nicht wiedergegeben werden können, sage ich, folgt mir.
Nur das richtige Verhalten unterscheidet eine große
Nation von einer, die nicht über sich selbst hinauswachsen kann. Das war nie anders. Richtiges
Verhalten, jeden Tag, auf jeder Ebene, in allen Facetten des Lebens. Die Entscheidung eines Kindes,
keine Drogen zu nehmen; eines Schülers, nicht zu
pfuschen; einer jungen Frau oder eines jungen
Mannes, zu dienen, wenn sie einberufen werden;
eines Drehbuchautors, den Bergen von Müll nicht noch
weiteren hinzuzufügen; eines Geschäftsmannes, nicht
zu bestechen; eines Politikers, eine Stimme abzugeben oder eine Maßnahme zu ergreifen, die sein
Amt oder seine Siegeschancen aufs Spiel setzen, die
jedoch richtig ist. Warum haben so viele von uns - und
ich schließe mich nicht aus, denn ich bin auch kein
Vorbild an Perfektion - so lange diesen Test nicht
bestanden?
Die Antwort ist kein Geheimnis. Sie ist im Gegenteil
sehr einfach und kann ganz einfach gegeben werden.
Es liegt daran, daß wir zu lange eine Führung hatten,
die nicht bereit war, die Wahrheit zu riskieren, ohne
Kalkül zu sprechen, sich zu opfern - eine Administration, die dies Tag für Tag vermittelt, bis es wie ein
Regen herniederprasselt. Und der Regen wird zu
einem Fluß und der Fluß zu einer Überschwemmung.
Was ist wichtiger - Reichtum oder Ehre? Es geht nicht
um "die Wirtschaft, Du Dummerchen", wie die Sieger
vor vier Jahren sagten. Es ist die Nation, die wir sind.
Es hängt davon ab, ob wir die Intelligenz und Entschlossenheit besitzen, uns mit vielen Fragen zu
befassen - einschließlich Wirtschaftsfragen, aber

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�sicherlich nicht ausschließlich. Reichtum oder Armut
sind nicht für alles verantwortlich. Das weiß ich aus
erster Hand und Sie ebenfalls. Alles ergibt sich
daraus, was richtig ist. Der Triumph dieser Nation liegt
nicht in ihrem materiellen Wohlstand, sondern in Mut,
Opferbereitschaft und Ehre. Wir tendieren dazu, dies
zu vergessen, wenn unsere Politiker es vergessen,
und uns daran zu erinnern, wenn sie sich daran
erinnern.
Das hohe Amt der Präsidentschaft erfordert nicht eine
kontinuierliche Vierjahreskampagne zur Wiederwahl,
sondern vielmehr umfassende Übersicht über drei
unerläßliche Bereiche und die Konzentration darauf das Überleben des Materiellen, der Moral und der
Nation, und zwar in dieser aufsteigenden Rangfolge.
Bei der letzten Präsidentschaftswahl wurden Sie - das
Volk - zutiefst beleidigt. Ihnen wurde gesagt, das
Materielle sei nicht nur das Wichtigste dieser drei,
sondern in der Tat das einzig Ausschlaggebende.
Diese Meinung teile ich in keiner Weise. Niemand
kann die Bedeutung des materiellen Wohlergehens
leugnen. Und in dieser Hinsicht ist es Zeit für die
Erkenntnis, daß wir zu viel unserer wirtschaftlichen
Freiheit aufgegeben haben.
Ich weiß den Wert der wirtschaftlichen Freiheit nicht so
sehr im Hinblick auf das zu schätzen, was sie getan
hat, um uns zu ernähren, sondern vielmehr im Hinblick
auf das, was sie getan hat, um unsere Freiheit zu
bewahren. Die Freiheit des Marktes ist nicht nur der
beste Garant unseres Wohlstands, sie ist der Hauptgarant unserer Rechte. Eine Regierung, die zum Wohl
des Volkes die Kontrolle der Wirtschaft übernimmt,
wird schließlich zum Wohl der Wirtschaft die Kontrolle
des Volkes übernehmen.
Unsere Gegner stellen das Recht auf den Genuß der
Früchte unserer Zeit und Arbeit als eine Art Egoismus
dar, den sie zum Wohle der Nation bekämpfen müssen. Sie haben jedoch zutiefst unrecht, denn wenn sie
sich selbst die Befugnis übertragen, dem Volk sein
Einkommen wegzunehmen und seine Aktivitäten zu
dirigieren, kämpfen sie nicht zu unserem Wohl,
sondern um die Macht, uns sagen zu können, was wir
tun müssen.
Sie arbeiten vom 1. Januar bis zum Mai, nur um Ihre
Steuern zu bezahlen, damit die Regierungspartei ihre
Prioritäten mit dem Schweiß Ihres Angesichts befriedigen kann, weil sie denkt, was Sie mit Ihrem Geld
machen würden, wäre moralisch und praktisch sehr
viel weniger bewundernswert als das, was sie damit
tun würde. Das muß einfach ein Ende haben. Es ist
erniedrigend für die Nation, daß innerhalb der ClintonAdministration ein Korps der Elite, die nie erwachsen
wurde, die nie wirklich etwas geleistet hat, die nie
Opfer gebracht hat, nie gelitten und nie gelernt hat, die

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Macht haben sollte, mit Ihrem Einkommen ihre dubiosen und eigensüchtigen Pläne zu finanzieren.
Irgendwo konnte eine Großmutter es sich nicht leisten,
ihre Enkelin anzurufen, oder ein Kind hatte kein Buch,
oder eine Familie konnte sich nicht ihr erstes Haus
kaufen, weil einfach nicht genug Geld da war, um den
Anruf zu machen, das Buch zu kaufen oder die
Hypothek zu bezahlen - oder, davon abgesehen, viele
andere Dinge zu tun, die man das Recht und häufig die
Pflicht hat zu tun.
Warum? Weil irgendein Genie in der Clinton-Administration das Geld zur Finanzierung einer weiteren
Theorie, eines weiteren Programms und von noch
mehr Bürokratie genommen hat. Kümmert sie sich um
Sie oder kümmert sie sich um sich selbst?
Ich habe mir diese Frage gestellt, und ich sage, laßt
das Volk frei sein.
Frei, soviel von dem zu behalten, was es verdient,
während die Regierung mit aller Macht bestrebt ist,
nicht zu nehmen, und nicht umgekehrt.
Ich vertraue dem amerikanischen Volk, daß es im
besten Interesse des Volkes arbeitet. Und ich glaube,
daß jede Familie, jeder Lohnempfänger und jedes
kleine Unternehmen in Amerika es besser machen
kann - wenn wir nur die richtige Politik in Washington
haben.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Mein Wirtschaftsprogramm ist die richtige Politik für Amerika.
Sie wird folgendes für Sie bedeuten.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der den Kongreß zur Verabschiedung eines
Verfassungszusatzes über einen ausgeglichenen
Haushalt und seine Weiterleitung an die Bundesstaaten zur Ratifizierung auffordert.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten und einen
Kongreß haben werden, die den Haushaltsausgleich
bis zum Jahr 2000 herbeiführen müssen.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der die Steuern für jeden Steuerzahler in
Amerika um 15 Prozent senkt - dazu zählt ein Steuerfreibetrag in Höhe von 500 Dollar pro Kind für einkommenschwache Familien und solche mit mittlerem
Einkommen. Die Steuern für eine vierköpfige Familie
mit einem Einkommen von 35.000 Dollar würden um
mehr als die Hälfte gesenkt - 56 Prozent, genau
gesagt.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der das Finanzamt, wie wir es kennen,
abschafft.

Seite 3

�Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der die Rentenkonten des einzelnen aufstockt,
Präsident Clintons Steuererhöhung auf die Sozialversicherung rückgängig macht, Erleichterungen bei
der Grundbesitzsteuer einführt, staatliche Bestimmungen abbaut, unser bürgerliches Gesetzbuch reformiert,
Stipendien im Bildungswesen und eine Reihe anderer
Vorschläge bereitstellt, die für alle Amerikaner bessere
Chancen schaffen.
Und das ist noch nicht alles. Im Zusammenarbeit mit
Jack Kemp und einem republikanischen Kongreß
werde ich mich nicht zufrieden geben, bis wir unser
gesamtes Steuersystem reformiert und es fairer und
einfacher gemacht haben.
Das Prinzip, um das es hier geht, ist altbewährt und
wahr: Es ist Ihr Geld. Sie sollten sich nicht dafür
entschuldigen müssen, daß Sie das behalten wollen,
was Sie verdienen. Im Gegenteil, die Regierung sollte
sich dafür entschuldigen, daß sie so viel davon
wegnimmt. Die Clinton-Administration versteht es
einfach nicht: Sie denkt, sie führe die Aufsicht über Sie.
Und deshalb muß sie gehen.
Der Präsident ist zufrieden mit der Lage der Dinge. Ich
nicht. Wir müssen uns zu einem sehr viel ehrgeizigeren Weg verpflichten, der Wachstum - erweiterte
Chancen, steigende Einkommen, vermehrten Wohlstand - zum Kernstück unserer nationalen Politik
macht. Wir müssen uns zu einer Handelspolitik
verpflichten, die nicht den Verdienst drückt und
amerikanische Arbeitsplätze bedroht. Die Handelspolitik der Clinton-Administration war in jeder Hinsicht
ein Desaster. Die Handelsdefizite steigen ins Unermeßliche und Familien mit mittlerem Einkommen
zahlen den Preis.
Meine Administration wird unsere Handelsgesetze
vollständig in Kraft setzen, effektive Handelsabkommen vereinbaren und nicht zulassen, daß unsere
nationale Souveränität durch die Welthandelsorganisation oder irgendein anderes Gremium beeinträchtigt
wird.
Meine Damen und Herren, Jack Kemp und ich werden
das Versprechen Amerikas wiederherstellen und die
Wirtschaft wieder in Gang bringen, und wir werden es
tun, ohne irgend jemanden zurückzulassen. Ich habe
im Verlauf meines Lebens und aus eigener Erfahrung
gelernt, daß nicht jeder Mann, jede Frau oder jedes
Kind es alleine schaffen kann. Daß in einer Zeit der
Not die Regierung selbst die Brücke zwischen Scheitern und Erfolg sein kann. Und angesichts all dessen,
was ich erfahren habe, werde ich mich immer an
diejenigen in Not erinnern. Aus diesem Grund habe
ich 1983 dazu beigetragen, das Sozialversicherungssystem zu retten und aus diesem Grund werde ich der
Präsident sein, der Medicare erhalten, geschützt und
verbessert hat.

Seite 4

Ich werde auch niemals den Mann vergessen, der im
Zug von Kansas nach Michigan reiste, um seinen
Sohn zu besuchen, der in einem Armeehospital im
Sterben lag. Als er ankam, waren seine Füße geschwollen und er konnte kaum laufen, weil er die Reise
von Kansas nach Michigan die meiste Zeit im Stehen
zurücklegte.
Wer war dieser Mann? Er war mein Vater. Mein Vater
war arm. Und ich hatte meinen Vater sehr lieb.
Können Sie sich je vorstellen, daß ich mein Versprechen gegenüber Amerikanern in Not nicht erfüllen
werde, während ich die Gesetze unterzeichne, die die
Wirtschaft von ihren Fesseln befreien. Sie können
sicher sein, daß ich das tun werde, denn etwas
anderes hieße, an denjenigen Verrat zu begehen, die
ich am meisten liebe und ehre, und ich will niemanden
im Stich lassen.
Jetzt möchte ich über Einwanderung sprechen. Das
Recht und die Pflicht einer souveränen Nation zur
Kontrolle ihrer Grenzen steht außer Frage. Wir dürften
keinen einzigen illegalen Einwanderer im Land haben.
Die Frage der Einwanderung ist jedoch umfassender,
und ich möchte spezifisch darauf eingehen. Eine
Familie aus Mexiko, die heute morgen - legal - hier
ankam, hat ebenso ein Recht auf den Amerikanischen
Traum wie die direkten Nachkommen der Gründerväter.
Die Republikanische Partei ist umfassend und bezieht
alle ein. Sie vertritt viele Meinungen und viele Gesichtspunkte. Wenn es jedoch jemanden gibt, der sich
fälschlicherweise in dem Glauben der Partei angeschlossen hat, daß wir nicht für Bürger jeder Rasse
und Religion offen seien, dann will ich Sie an folgendes
erinnern:
Heute abend gehört dieser Saal der Partei von Lincoln,
und die deutlich gekennzeichneten Ausgänge sind für
Sie da, damit sie hinausgehen können, während ich
hier stehe und diesen Boden verteidige - ohne Kompromiß.
Obwohl ich nur zu Washington und Lincoln aufsehen
kann, möchte ich Sie an ihre Sorge um die manchmal
zerbrechliche Einheit der Menschen erinnern. Der
Gedanke, daß wir ein Volk sind und sein sollten, statt
die "Völker" der Vereinigten Staaten, scheint so
selbstverständlich und offenkundig, daß ich mir kaum
vorstellen kann, ihn verteidigen zu müssen. Als ich in
Kansas aufwuchs, war für mich klar, daß mein Stolz
und mein Zuhause in Amerika sind, nicht in irgendeiner
Splitter- oder Untergruppe. Und damit bewahrte ich wie ich es bis zum heutigen Tag tue -Washingtons
eloquente Ablehnung von Parteigeist. Ich ehrte - wie
ich bis zum heutigen Tag tue - Lincolns Worte, sein
Leben und sein Opfer.

AMERIKA DIENST 16

�Das Prinzip der Einheit hat uns bei all unseren Erfolgen begleitet. Die 10. Gebirgsjägerdivision, bei der ich
in Italien diente, und die schwarzen Truppen der 92.
Division, die in der Nähe dienten, waren für mich ein
erneuter Beweis der Wahrheit, die ich hier zu vermitteln versuche. Der Krieg wurde nur eine Generation nach Amerikas größter und intensivster Einwanderungsperiode geführt. Und dennoch, als das Blut
der Söhne der Einwanderer und der Enkel der Sklaven
auf ausländische Schlachtfelder fiel, war es amerikanisches Blut. Darin konnte man nicht die ethnischen
Eigenheiten des Soldaten lesen, der neben einem
starb. Es war ein Amerikaner. Und wenn ich daran
denke, wie wir diese Lektion gelernt haben, frage ich
mich, wie wir sie je vergessen konnten.
Wird das Prinzip der Einheit, um das so hart und auf
Kosten so vieler Menschenleben gekämpft wurde, das
in unserer Geschichte immer wieder und zu solch
einem schrecklichen Preis umkämpft wurde, allmählich
dem Drang zu trennen geopfert? Müssen wir dem
sinnlosen Drang nachgeben, das auseinanderzubrechen, was schön, ganz und gut ist?
Ich fordere jeden Amerikaner auf, sich über all das zu
erheben, was uns trennen könnte und die Einheit der
Nation zu Ehren der vergangenen und um der kommenden Generationen willen zu verteidigen.
Die Verfassung der Vereinigten Staaten schreibt
gleichen Schutz im Rahmen des Gesetzes zwingend
vor. Das ist keine verschlüsselte Sprachregelung für
Rassismus - sie spricht sich eindeutig dagegen aus.
Und der Leitstern meiner Administration wird sein, daß
wir in diesem Land keine Rangordnung per Geburt,
keinen Anspruch auf Bevorzugung aufgrund der Rasse
und keine Erwartung eines Urteils haben können, das
anders als unparteiisch ist. Wir können das Ergebnis
nicht garantieren, aber wir werden die Chance garantieren.
Ich werde offen über ein anderes bedeutendes Thema
sprechen. Wir gewähren nicht allen Kindern Bildung.
Zu viele sind gezwungen, sich den Unbilden des
Augenblicks zu stellen. Nicht umsonst geben wir am
meisten für Bildung aus und zählen zu denjenigen mit
der geringsten Leistung in den führenden Industrienationen.
Die Lehrergewerkschaft nominierte Bill Clinton im Jahr
1992, sie finanziert jetzt seine Wiederwahl, und sie seine zuverlässigsten Anhänger - wissen, daß er den
Status quo aufrechterhalten wird.
Ich sage dies nicht den Lehrern, sondern ihren
Gewerkschaften: Wenn sich die Bildung im Krieg
befände, würden Sie ihn verlieren. Wenn sie ein
Geschäft wäre, würden Sie es in den Bankrott treiben.
Wenn sie ein Patient wäre, würde er sterben.

AMERIKA DIENST 16

Den Lehrergewerkschaften sage ich, wenn ich Präsident bin, werde ich Ihre politische Macht um unserer
Kinder, der Schulen und der Nation willen ignorieren:
Ich beabsichtige Ihr Vokabular um die Worte zu
erweitern, die Sie fürchten - freie Schulwahl, Wettbewerb und Stipendien - damit Sie wie wir alle rechenschaftspflichtig sind, während andere mit Ihnen um das
lobenswerte Prinzip konkurrieren, unseren Kindern
wirkliche Bildung zu vermitteln. Es gibt keinen Grund,
warum diejenigen, die an irgendeiner Straße in
Amerika leben, nicht dasselbe Recht wie jemand
haben sollten, der an der Pennsylvania Avenue 1600
wohnt - das Recht, sein Kind auf die Schule seiner
Wahl zu schicken. Wenn wir weniger Verbrechen,
Drogenmißbrauch oder Teenagerschwangerschaften
haben wollen, sollten wir damit anfangen, allen
amerikanischen Kindern eine Bildung erster Klasse zu
geben.
Ich möchte auch, daß diese Kinder ein Land erben,
das sehr viel sicherer ist als zur Zeit. Ich strebe für
unsere Kinder und Enkelkinder eine Welt an, die
offener ist und mehr Chancen bietet als je zuvor. Aber
wenn ich möchte, daß diese jungen Amerikaner das
Beste daraus machen können, dann möchte ich als
allererstes, daß sie sicher sind. Ich möchte den
Schatten lüften, der die Chancen für jede Frau, jeden
Mann und jedes Kind in Amerika verdunkelt. Wir sind
eine durch Verbrechen gelähmte Nation, und es ist an
der Zeit, das zu beenden.
Um das zu tun, werde ich die Ursache der Verbrechen
bekämpfen - die Verbrecher. Wenn unsere vielen und
unersättlichen Verbrecher, sagen wir um sechs Uhr
morgen früh, zu Bett gehen, beten sie besser darum,
daß ich diese Wahl verliere. Denn wenn ich gewinne,
wird das Leben für Gewaltverbrecher zur Hölle.
Unter der Reagan-Administration haben wir bedingte
Haftentlassungen auf Bundesebene abgeschafft. In
der Dole-Administration werden wir mit den Gouverneuren der Nation zusammenarbeiten, um bedingte
Haftentlassungen für Gewaltverbrecher in ganz
Amerika abzuschaffen. Und mit meiner nationalen
Initiative zur unverzüglichen Kontrolle werden wir keine
Pistolen in die Hände von Verbrechern gelangen
lassen.
Ich wurde gefragt, ob ich eine Feuerprobe für Richter
habe. Meine Feuerprobe für die Richter ist, daß sie
intolerant gegenüber Greueltaten sind, daß ihre
Leidenschaft nicht in der Änderung, sondern der
Auslegung der Verfassung besteht, daß sie zurückhaltend gegenüber denjenigen sind, die Gesetze befolgen
und strikt mit denen, die sie brechen.
Und für diejenigen, die sagen, ich sollte Bill Clintons
liberale richterliche Ernennungen nicht zu einem
Wahlkampfthema machen, habe ich eine einfache

Seite 5

�Antwort. Ich habe Ihre Argumente gehört: Der Antrag
wird als unbegründet abgelehnt.

Mit anderen Worten: Mischt Euch nicht ein, wenn Ihr
nicht bereit seid, die Konsequenzen zu tragen.

Ich respektiere die Verfassung, nicht diejenigen, die
sie ignorieren, brechen oder sie mit Gebilden ihrer
eigenen Phantasie ersetzen. Meine Administration
wird begierig die bürgerlichen und verfassungsmäßigen Rechte schützen und dabei nie vergessen,
daß unsere Hauptaufgabe der Schutz gesetzestreuer
Bürger ist. Ich habe nicht die Absicht, Gewaltverbrecher zu ignorieren, sie zu verstehen oder freizukaufen. Eine Nation, die sich nicht selbst gegen
Greueltaten verteidigen kann, verdient es nicht zu
überleben. Ein Präsident, der nicht die Führung
gegenüber denen übernehmen kann, die ihn berauben, verdient es nicht, Präsident zu sein. Ich bin
bereit, mehr politisches Kapital für die Verteidigung der
Ruhe im Inland aufzuwenden als jeder Präsident, den
Sie gekannt haben. Die Zeit für solche Risiken ist seit
langem reif.

Darüber hinaus war die Lektion stets klar und deutlich.
Wenn wir zur Verteidigung bereit sind - wenn wir bereit
sind, viele Kriege zu führen, größere Kriege und alle
Kriege, die kommen mögen - werden wir weniger
Kriege führen müssen, kleinere Kriege und vielleicht
überhaupt keine Kriege. Das war immer so und wird
immer so sein.

Bei der Verteidigung der Nation vor Bedrohungen von
außen kann das Überleben nicht einfach gedeichselt
werden. Es gibt keine Fehlerquote. Bei diesem
Thema muß der Präsident vielleicht mehr als bei jedem
anderen auf der gleichen Stufe wie das Volk stehen
und zur Übernahme politischer Risiken bereit sein. Ich
würde eher das in dieser Hinsicht Erforderliche tun und
nicht gewürdigt werden, als dies nicht zu tun und
universell gelobt zu werden. Es muß gesagt werden:
Aufgrund falsch gesetzter Prioritäten hat es massive
Kürzungen bei der Finanzierung unserer nationalen
Sicherheit gegeben. Meines Erachtens hat Präsident
Clinton nicht die angemessenen Mittel für unsere
künftige Verteidigung bereitgestellt. Was auch immer
die Gründe für sein Versagen sein mögen, es ist
unverantwortlich.
Ich bitte Sie, diese eindeutigen Unterschiede in
Betracht zu ziehen. Er glaubt, es sei akzeptabel,
unsere Streitkräfte zu bitten, mehr mit weniger zu tun.
Ich glaube das nicht. Seine Verteidigung besteht
darin, einem terroristischen Staat - Iran - grünes Licht
zu geben, um seinen Einfluß in Europa auszudehnen
und verläßt sich auf die Vereinten Nationen bei der
Bestrafung libyscher Terroristen, die amerikanische
Staatsbürger ermordet haben. Das werde ich nicht
tun. Er glaubt, die Verteidigung unseres Volkes und
unseres Territoriums gegen einen Raketenangriff sei
unnötig. Das glaube ich nicht.
Und an meinem ersten Tag im Amt werde ich Amerika
auf einen Kurs bringen, der unsere Verletzbarkeit
gegen Raketenangriffe behebt und unsere Streitkräfte
wiederaufbauen. Präsident Clinton hat sich geweigert,
diesen Kurs einzuschlagen. An meinem ersten Tag im
Amt werde ich auch eine Warnung an Terroristen
aussprechen: Wenn Ihr einem Amerikaner Schaden
zufügt, fügt ihr allen Amerikanern Schaden zu. Und
Amerika wird Euch bis ans Ende der Welt verfolgen.

Seite 6

Ich bin nicht der erste, der sagt, daß uns die Offiziere
von Westpoint nie enttäuscht haben - das haben sie
nie getan. Diejenigen, die beim Gedanken an Vietnam
zurückschrecken könnten, sollten dies überdenken,
denn in Vietnam haben uns die Offiziere von Westpoint nicht enttäuscht, wir haben sie enttäuscht. Der
amerikanische Soldat war nicht für die gleichgültige
und arrogante Behandlung gemacht, die ihm dort
widerfuhr, wohin er ohne klares Ziel oder Zweck
entsandt worden war, von Regeln gebunden, die den
Sieg verhinderten und wo er im Tal der Schatten des
Todes zehn Jahre lang in Wartestellung verharren
mußte, während die Nation die unumstrittene Frage
seiner Ehre erörterte. Nein. Der amerikanische Soldat
war nicht gemacht, ohne klares Ziel und Zweck in eine
Schlacht geworfen zu werden, nicht gemacht, auf dem
Schlachtfeld allein gelassen zu werden, nicht gemacht,
sein Leben für Indifferenz oder mangelnden Respekt
zu lassen.
Ich werde nie einen amerikanischen Soldaten ohne
Aussicht auf Sieg zu einem schweren Auftrag entsenden. Und wenn ich Präsident bin, werden unsere
Männer und Frauen in unseren Streitkräften wissen,
daß der Präsident ihr Oberbefehlshaber ist - nicht
Boutros Boutros-Ghali oder irgendein anderer Generalsekretär der Vereinten Nationen.
Das schulde ich nicht nur den Lebenden, sondern den
Toten, jedem Heldengrab, den Geistern von Valley
Forge, von Flanders Field, von Bataan, dem Chosin
Reservoir, Khe Sanh und dem Golf. Das schulde ich
den Männern, die vor nicht einmal drei Jahren in den
Straßen von Mogadischu starben, den Schatten der
Klippen der Normandie, den Infanteristen, die nie nach
Hause kamen, den Fliegern, die zur Erde fielen und
den Seeleuten, die für ewig auf See ruhen.
Das ist nicht eine Frage der Politik, sondern etwas
sehr viel Gravierenderes. Wie das Band des Vertrauens zwischen Eltern und Kind ist es das Herzblut
der Nation. Dies erfordert nicht nur Opfer, sondern
Anstand bei der Regierungsführung, die sowohl Mut
als auch Vorsicht verkörpert. Und das schulden wir
nicht nur uns selbst. Unsere Verbündeten fordern
Konsequenz und Entschlossenheit, die sie von uns
ebenso verdienen wie wir von ihnen. Aber selbst wenn
sie zögern, dürfen wir dies nicht, denn die Geschichte
hat uns zum Führer bestimmt, und wir sind von der

AMERIKA DIENST 16

�Geschichte verpflichtet, den höchsten Standard zu
wahren.

Regierung kann das Volk nicht dirigieren, das Volk
muß die Regierung dirigieren.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie an das
erinnern, was die Nation den Präsidenten Nixon, Ford,
Reagan und Bush schuldet. Präsident Nixon engagierte China und die Sowjetunion mit genialem diplomatischem Geschick. Präsident Ford, der mir 1976 zum
Start verhalf, widerstand den Zeiten großer Schwierigkeiten unerschütterlich und mit größter Würde.

Das ist nicht die Sichtweise meines Gegners - und er
ist mein Gegner, nicht mein Feind.

Ohne Präsident Reagan würde es die Sowjetunion
heute noch geben. Er führte das Ende des Kalten
Krieges herbei, nicht - wie einige forderten - durch
Kompromisse und Kapitulation, sondern indem er
siegte.
Präsident Bush führte mit einer Meisterschaft, für die
es keine Worte gibt, die Koalition im Golfkrieg und ihre
Streitkräfte zum Sieg. Einen Krieg, der Jahre gedauert und das Leben Zehntausender Amerikaner gefordert haben könnte, ging so schnell vorbei und verlief
so reibungslos, daß die Geschichte immer noch Atem
holen und ihm den ihm gebührenden Tribut zollen
muß. So ist die Geschichte. Immer wenn wir ihre
einzigartige Präsenz vergessen, erteilt sie uns eine
Lektion in Anstand und Ehrfurcht.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe immer
weniger von mir selbst und immer mehr Geschichte diese von uns geschaffene Zivilisation, die Amerika
heißt. Ich bin zufrieden und werde immer damit
zufrieden sein, meine eigene Geschichte in großen
Ereignissen subsumiert zu sehen, und das größte
dieser Ereignisse ist der Weg nach vorne des amerikanischen Volkes.
Was für ein großes Privileg es ist, im Zentrum dieser
Zeiten zu stehen, und das verdanke ich Ihnen - dem
amerikanischen Volk. Ich verdanke Ihnen alles, und
um es richtig zu machen und den Kreis zu schließen,
werde ich mich so oft ich kann an Sie wenden. Es
obliegt mir, dies zu tun, es ist meine Pflicht und mein
zutiefst gehegter Wunsch.
Und so bitte ich heute abend ehrerbietig um Ihren
Segen und Ihre Unterstützung. Die Wahl wird nicht
von den Umfragen, den Meinungsmachern oder den
Gelehrten entschieden. Sie wird von Ihnen entschieden.
Ich bitte um Ihre Stimme, damit ich Ihnen eine Administration geben kann, die fähig und ehrlich ist und
Ihnen vertraut.
Denn im Grunde geht es nicht um Politik, sondern um
Vertrauen - nicht nur darum, ob die Menschen dem
Präsidenten vertrauen, sondern ob der Präsident und
seine Partei dem Volk vertrauen, seiner Güte und
seinem Genie zur Gesundung vertrauen. Denn die

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Obwohl mein Gegner in jüngster Zeit versucht hat, ein
guter Republikaner zu sein, gibt es bestimmte Unterschiede, die selbst er nicht verwischen kann. Es gibt
Unterschiede zwischen den beiden großen Parteien,
die in den nächsten 82 Tagen erörtert werden und
erörtert werden müssen.
Er und seine Partei, die uns die größte Steurerhöhung
der Geschichte beschert hat.
Wir sind die Partei niedrigerer Steuern und größerer
Chancen.
Wir sind die Partei, deren Entschlossenheit nicht ins
Wanken geriet, als der Kalte Krieg andauerte, wir
zitterten nicht vor einem sowjetischen Giganten, der
kurz vor dem Zusammenbruch stand, und wir mußten
nicht gebeten werden, die Waffen gegen Saddam
Hussein zu erheben.
Wir sind nicht die Partei, die nichts Böses hört, nichts
Böses sieht und einfach sagen kann: "Sag einfach
Nein", wenn der Drogenmißbrauch unter den Jugendlichen in die Höhe schnellt.
Wir sind die Partei, die dem Volk vertraut. Ich vertraue
dem Volk. Das ist das Kernstück dessen, was ich
Ihnen heute abend gesagt habe.
Meine Freunde, der Präsidentschaftswahlkampf ist
mehr als ein Wettstreit zwischen Kandidaten, mehr als
die Auseinandersetzung mit entgegengesetzten
Philosophien - beim Wahlkampf wird Amerika der
Spiegel vorgehalten. Er ist eine Meßlatte dessen, wer
wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen.
Denn soviel Anregungen wir auch aus einer glorreichen Vergangenheit schöpfen mögen, sehen wir
Amerika vor allem als das Land von morgen. Denn wir
sind hier von einer höheren Macht zu einem Zweck
vorgesehen. Jeder Soldat in Uniform, jedes Schulkind,
das vor der Flagge das Treuegelöbnis spricht, jeder
Bürger, der seine Hand ans Herz legt, wenn die Flagge
vorbeigetragen wird, ist sich unseres amerikanischen
Schicksals bewußt und reagiert darauf.
Optimismus liegt uns im Blut. Ich weiß das besser als
die meisten anderen. Es gab eine Zeit, in der ich an
der Zukunft zweifelte. Aber ich habe gelernt, daß
Hindernisse überwunden werden können, und ich
habe unbegrenztes Vertrauen in die Klugheit unseres
Volkes und die Zukunft unseres Landes.
Heute abend stehe ich vor Ihnen, erprobt durch
Widrigkeiten, durch Härten sensibel gemacht, ein

Seite 7

�Kämpfer aus Prinzip und der optimistischste Mann in
Amerika. Denn mein Leben hat mich gelehrt, daß
Amerika ein Land ohne Grenzen ist.

Mit beiden Beinen am Boden und einem von Hoffnung
gefüllten Herz setze ich mein Vertrauen in Sie und den
Gott, der uns alle liebt. Ich bin davon überzeugt, daß
die besten Tage Amerikas noch kommen. Möge Gott
Sie schützen, und möge Gott Amerika schützen.

* * * * *

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�LITERATUR
21. August 1996

Regionale amerikanische Literatur zum Kennenlernen
von Michael J. Bandler

(AD) - Der nachfolgende Artikel erörtert den Einfluß regionaler literarischer Werke, die kreative Arbeit in den
verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten und stellt einige führende Autoren vor, die örtliche Schauplätze
zum Leben erwecken.

Mit wenigen ausgewählten Sätzen in jedem seiner
Romane über das zeitgenössische Familienleben lüftet
der Romanschriftsteller Pat Conroy den Schleier über
dem Tiefland von South Carolina, das er seit seiner
Jugend kennt. E.L Doctorow beschreibt durch seine
beredten Bilder Schauplätze in New York und Erfahrungen aus früheren Zeiten, die für uns heute noch
Bedeutung haben. Ivan Doig aus der Gegend der
zerklüfteten Felsen im Westen der Vereinigten Staaten
öffnet mit seinen Satzgebilden dem Leser die Augen
für die Weite Montanas, während David Guterson das
Land durchquert und in seinen Büchern Einblicke in
das Leben an der Atlantik- und der Pazifikküste
gewährt.
Derzeit boomt die regionale Literatur in den gesamten
Vereinigten Staaten - von Stephen Kings Maine bis zu
Garrett Hongos Hawaii. Der Einfluß der Beiträge
Hunderter von Romanciers, Dichtem, Essayisten,
Naturalisten und Biographen ist augenfällig. Um ein
Gefühl für die Nation zu bekommen - ihre Landschaft,
ihren Geist, ihre Leistungen und ihre Herausforderungen - sollte man auf die Spezifizierungen von Reiseführern verzichten und sich einfach den Werken von
Literaten zuwenden - ebenso wie sich andere unter
anderen Umständen der Leinwand bildender Künstler
zuwenden.
Die regionale Überlieferung in der amerikanischen
Literatur ist nichts Neues. Sie ist ebenso alt wie die
Indianerlegenden und schildert Orte ebenso plastisch
wie die Werke von James Fenimore Cooper, Mark
Twain und Bret Harte aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist
ebenso lebensprühend wie die zu Beginn dieses
Jahrhunderts vom Romancier William Faulkner und
dem Dramatiker Tennessee Williams geschaffenen

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Welten und spiegelt die Gesellschaft ebenso stark
wider wie die Romane von Sinclair Lewis und Eudora
Welty. Heute haben diese und andere Schriftsteller
früherer Generationen moderne Gegenstücke, die ihre
Tradition fortsetzen.
Die regionale Literatur in den neunziger Jahren des
zwanzigsten Jahrhunderts ist umfassend und vielfältig.
Sie durchdringt Genres. Sie spiegelt sich in den
Werken von zeitgenössischen Amerikanern und den
Vertretern der neuen Ethik wider. Die speziellen
Eigenheiten bestimmter Regionen sind in Dichtung und
Drama, in Romanen und Sachbüchern schemenhaft
erkennbar. Regionale Literatur reflektiert - ebenso wie
in früheren Zeiten - nicht nur geographische Gegebenheiten, sondern auch Stimmungen und Sehnsüchte,
Dialekte und Idiosynkrasien. Sie umfaßt das Greifbare
und das Unbestimmte. Die Literatur eines bestimmten
Orts ist großenteils verwurzelt, persönlich, engagiert und hat oft den vom Naturessayisten Barry Lopez als
"hoffnungsvoll" bezeichneten Tenor in einem "Zeitalter
zynischer Gleichgültigkeit". Und sie verkündet - an
der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert - daß
amerikanische Kultur kreativ und bedeutungsvoll ist von einem Landstrich zum nächsten und auf allen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ebenen.
Das Interesse an regionaler Literatur und die Mitwirkung daran - die dem Kritiker Sven Birkerts zufolge
eine Reaktion auf die minimalistischen und postmodernen Romane der letzten Generation sind - haben
beträchtlichen Einfluß und finden großen Widerhall.
Beispielsweise führten sie zur Eröffnung verschiedener
Buchhandlungen - wie dem Globe in Boston und dem
Savvy Traveler von Chicago - die auf Romane und
Sachbücher über bestimmte, nach Regionen ge-

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�ordnete Schauplätze spezialisiert sind. Folglich wird
ein Reisewilliger, der im Vorfeld seiner Reise in der
Buchhandlung auf das Regal "Südwesten der Vereinigten Staaten" zusteuert, wahrscheinlich Tony
Hillermans Krimis und Rudolfo Anayas Romane
vorfinden.
Ursache und Wirkung können verwischt sein. Beispielsweise ist es schwierig festzustellen, ob kleinere
regionale Verlagshäuser aufgrund der Vielzahl von in
einem Gebiet angesiedelten Autoren entstanden oder
ob ihre Gründung in der Gegend eine literarische
Explosion verursachte. Die Tatsache bleibt jedoch
bestehen, daß regionale Verleger und regionale
Schriftsteller einen sehr großen Beitrag zur amerikanischen Literatur leisten. Außerdem wächst zusätzlich
zum Aufstieg von Verlagen wie Algonquin Books in
Chapel Hill, die ihre Leser mit zahlreichen Schriftstellern aus North Carolina - beispielsweise Clyde Edgerton und Jill McCorkle - bekanntmachen, auch die Zahl
regionaler Literaturjournale. Dazu kommt noch die
bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert von der
nationalen Stiftung für die Künste gewährte Unterstützung für etablierte und neuentstehende Literaturworkshops, die landesweit neue Talente entdeckten. (Die
amerikanische Bundesregierung ist aufgrund haushaltspolitischer Engpässe zwar nicht mehr in der Lage,
dasselbe Quantum an Finanzmitteln wie in der Vergangenheit beizusteuern, aber Unternehmen und der
Privatsektor setzen ihre Unterstützung für diese
Aktivitäten fort.)
Das Gesamtbild ist folglich positiv, wovon Schriftsteller
und Leser gleichermaßen profitieren.
Wer sind diese Schriftsteller und wo findet man sie?
Und wie manifestiert sich das Gefühl für den "Ort"?
Eine Reise entlang der Seitenstraßen regionaler
Literatur könnte im Nordosten beginnen - in Bangor
(Maine), der Heimat von Stephen King, einem der
populärsten Schriftsteller der Nation. Er schrieb vor
der Kulisse dieses Bundesstaates eine endlose Zahl
Fantasie- und Horrorgeschichten, die alle Bestseller
wurden. Jenseits der Grenze von New England ist
Albany (New York) Brennpunkt der Aufmerksamkeit
eines seiner Einheimischen - des ehemaligen Journalisten und jetzigen Romanschriftstellers William Kennedy, dessen Geschichten vor dem Hintergrund der
Hauptstadt des Bundesstaates wehmütig, aber oftmals
rauh das Leben der Bürger auf den Straßen und in den
Saloons der Stadt beschreiben.
In New York wohnen vielleicht mehr Schriftsteller pro
Kopf der Bevölkerung als in jeder anderen Stadt der
Vereinigten Staaten - und möglicherweise der Welt aber die meisten schreiben nicht über ihre Stadt. Für
einen Ort, der sich im Gedächtnis von Touristen und
anderen Reisenden so unauslöschlich eingeprägt hat,
wurde New York nur von einigen wenigen ausgewähl-

Seite 2

ten Romanschriftstellern porträtiert, die sich in den
meisten Fällen der literarischen Form bedienen, um
soziale Belange herauszustellen. Tom Wolfe - der
überwiegend Sachliteratur verfaßt - könnte mit The
Bonfire of the Vanities den Inbegriff eines New
Yorker Romans geschrieben haben - einem lebensprühenden, ernst-komischen Werk über die enge
Verflechtung von Politik und Gesellschaft. Ebenso
stark auf New York ausgerichtet sind die Werke von
E.L. Doctorow, die das Leben in der Stadt in früheren
Zeiten beschreiben. Sie schildern die Stimmung in der
Stadt zu verschiedenen Augenblicken in den vergangenen 100 Jahren - die Spannungen im Amerika der
Jahrhundertwende, die Gesetzlosigkeit in den Jahren
der Prohibition, den durch die Weltausstellung von
1939 hervorgerufenen naiven Futurismus und die
nüchterne Realität des Kalten Kriegs - alle vor dem
Hintergrund der Stadt New York. Und um einen
Einblick in das Leben auf den Straßen im Stadtbezirk
zu erhalten, haben die Leser die Wahl zwischen den
arglosen Schilderungen nachbarschaftlichen Lebens
von Avery Corman, der in den Romanen von Richard
Price beschriebenen, stärker von Instinkten bestimmten und von Verbrechen heimgesuchten Welt sowie
dem rhythmischen Pulsieren des hispanischen
Stadtteils, den der Romancier Oscar Hijuelos so gut
kennt.
Wir lassen Pennsylvania, wo John Updike die peripatetische Reise von Rabbit Angstrom vor dem
Hintergrund von mehr als drei Jahrzehnten amerikanischer moderner Geschichte zurückverfolgte, hinter
uns und reisen nach Maryland. Dort beschreibt Anne
Tyler im Milieu von Baltimore mit sparsamen, ruhigen
Worten alltägliche und außergewöhnliche Ereignisse
im Leben ihrer Charaktere - und die introvertierte
Stimmung in der Region. Auf den Schiffahrtswegen
der Chesapeake Bay an der Ostküste des Bundesstaates, wo der Romanschriftsteller John Barth
jahrelang vorherrschend war, finden wir ein neues
Talent - Christopher Tilghman - der diese Wasserstraßen in den Mittelpunkt seines Oeuvre stellt.
Fährt man von Baltimore aus die Autobahn in Richtung
Süden, kommt man in die Hauptstadt der Vereinigten
Staaten. In Anbetracht der Vielzahl populärer politischer und globaler spannender Abenteuer, die entweder in Washington stattfinden oder im Laufe der
Erzählung dorthin führen, mögen Leser den Eindruck
haben, daß Washington in amerikanischen Romanen
einen besonderen Platz einnimmt. Das sind jedoch
nicht echte Washingtoner Romane. Diese Bezeichnung verdienen eher die Werke von Ward Just, einem
ehemaligen internationalen Korrespondenten, der eine
zweite Laufbahn einschlug und in seinen Romanen die
Welt schuf, die er am besten kennt - die von Journalisten, Kongreßabgeordneten, Diplomaten und Militärs
bewohnte Welt - und sich dabei nicht auf politische
Machenschaften oder weltweite Krisen, sondern
vielmehr auf emotionale Feinheiten und psychologi-

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�sehe Effekte konzentrierte. Jenseits von Richmond
(Virginia), dem Schauplatz der Verbrechen, in die die
Hauptfigur von Patricia Cornwells Kriminalromanen,
Kay Scarpetta, verstrickt wird, erreichen wir North
Carolina. Dieser Bundesstaat ist die Heimat von
Algonquin Books sowie einer reichhaltigen literarischen Tradition, die unter anderem Thomas Wolfe
aufzuweisen hat.
Kürzlich wurde Anne Taylers
Mentor, Reynolds Price, von einem Kritiker als überholter Vertreter eines von einer Universität eingeladenen "Gastautors" in den Südstaaten bezeichnet,
obwohl andere aus jener Zeit diesen Titel viel eher
verdient hätten. Price konzentrierte sich auf die
Menschen und das Land im Osten von North Carolina,
schrieb verschiedene Bücher über eine junge Frau
namens Rosacoke Mustian, ging anschließend auf
andere Themenschwerpunkte über und entschied sich
erst 1986 wieder für eine Protagonistin. Jill McCorkle,
die noch in den Dreißigern ist, vertritt die jüngste
Schriftstellergeneration North Carolinas. Ihre Romane
und Kurzgeschichten spielen großenteils in den
kleinen Städten dieses Bundesstaates und behandeln
hauptsächlich Themen, die von den Geheimnissen von
Teenagern im Herzen Amerikas bis zu den besonderen Empfindlichkeiten der Frauen von heute in den
Südstaaten reichen. Das Sagen- und Märchengut
sowie die Geschichte der in den südlichen Appalachen
lebenden Menschen stehen im Mittelpunkt der schlichten Romane von Lee Smith, während die empfindlichen Antennen von Clyde Edgerton - dem Mark Twain
unserer Tage - auf die Einwohner von Carolina
eingestellt sind, die reif für Satire erscheinen. Wenn
Edgerton aus demselben Holz geschnitzt ist wie Mark
Twain, dann ist T.R. Pearson der Faulkner seiner
Generation - wobei Neely (North Carolina) an die
Stelle von Yoknapatawpha County (Mississippi) tritt.
South Carolina wurde von Pat Conroy verewigt. Seine
erfrischenden autobiographischen Romane über seine
- von dem tyrannischen, häufig ausfallend werdenden
Vater dominierte - Familie sind voller Ambivalenzen,
während er den pessimistischen Ausführungen über
seine gestörte Familie die ausführlichen Beschreibungen der natürlichen Schönheit des Tieflandes an der
Ostküste der Vereinigten Staaten entgegensetzt.
Bevor er sich jedoch mit den Unbilden seines Familienlebens und der Schulzeit auseinandersetzte, schrieb er
das wunderschöne Buch The Water is Wide. Darin
berichtet er von seiner Zeit als junger, unerfahrener
Lehrer, der auf einer Insel vor der Küste von South
Carolina Kinder aus dem Armenviertel unterrichtet.
Der Mittelwesten im Herzen Amerikas bringt weiterhin
eine Fülle talentierter Schriftsteller hervor - Nachfahren
von Willa Cather und Eudora Welty - und auch wilder
städtischer Literaten wie Saul Bellow. Wenn auch die
städtische Literatur in diesen Tagen nicht viel von sich
reden macht, so lassen Chicagoer Schriftsteller wie
Scott Turow - dessen juristische Dramen einen
Standard für dieses Genre gesetzt haben - und Stuart

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Dybek - Autor von Romanen, die vom ethnischen
Umfeld der Stadt handeln - die Stadt nicht in Vergessenheit geraten. Jane Smiley, die Schriftstellerei an
der University of Iowa unterrichtet, ist eine prominente
Vertreterin städtischer Talente. Bevor sie das akademische Leben in ihrem jüngsten Buch Moo aufs Korn
nahm, gewann sie 1992 den Pulitzerpreis in Belletristik
für A Thousand Acres, eine Anpassung von Shakespeares King Lear an das zeitgenössische Amerika.
In dem Buch wird die bittere Familienfehde beschrieben, die ausbricht, als ein alternder Bauer die Entscheidung trifft, sein Land seinen drei Töchtern zu
vermachen. Nicht weit davon entfernt hat Louise
Erdrich, eine Halbindianerin von Stamm der Chippewa,
mehrere in North Dakota spielende eindrückliche
Romane geschrieben, die sich mit den Irrungen und
Wirrungen des Lebens indianischer Familien befassen.
Sie ist eine Vorläuferin einer jüngeren Gruppe indianischer Schriftsteller, die in den Ebenen und im
Westen leben, zu der Susan Power, Linda Hogan und
Sherman Alexie zählen.
In einem etwas populäreren Tenor hat Larry McMurty,
eine feste Größe auf den Bestsellerlisten, die
Geschichte von Texas vom Treck nach Westen bis
zum heutigen Freeway durchlaufen, und während
seine Charaktere Las Vegas und Hollywood verlassen,
verändert auch er seine Umgebung. In der Zwischenzeit hat sich Sandra Cisneros zur starken Fürsprecherin der ethnischen Gruppen in Texas gemacht. Ihre
Kurzgeschichten unter dem Titel Woman Hollering
Creek and other Stories über Amerikaner mexikanischer Herkunft in San Antonio und anderen Grenzgemeinden schließen nahtlos an ihre erste Anthologie
The House on Mango Street an, die von einem
jungen hispanoamerikanischen Mädchen in Chicago
handelt.
Ein anderer erwähnenswerter Schriftsteller, der sich
mit der Grenzproblematik befaßt, ist der viel zu wenig
gewürdigte Douglas C. Jones. Er hat den Treck nach
Westen und das Verschwinden der Grenze in einer
Reihe äußerst beziehungsreicher Romane meisterhaft
verfolgt, die sich hauptsächlich auf eine Familie
konzentrieren und deren Leben von der Mitte des 19.
Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts über einen Landstrich von Tennessee bis zur
Continental Divide in den Rocky Mountains beschreiben. Weitere Schriftsteller aus dem Süden, die nicht
unerwähnt bleiben sollten, sind Bobbie Ann Mason die Chroniken über das zeitgenössische Familienleben
im Bundesstaat Kentucky verfaßt - und Lewis Nordan
aus Mississippi, der von Algonquin Books entdeckt
wurde und dessen Romane vornehmlich vom Amerikanischen Bürgerkrieg und der beginnenden Integration
handeln.
Die Hochebene der Rockies ist zu einem fruchtbaren
literarischen Pfad geworden. Cormac McCarthy ist
hier zu finden, der den Südwesten der Vereinigten

Seite 3

�Staaten in mehreren seiner Bücher erkundet, nachdem
er selbst von Tennessee dorthin zog. Diesem zurückgezogen lebenden Schriftsteller mit grenzenloser
Phantasie wurde erst in den vergangenen Jahren
gebührende Ehre erwiesen. Allgemein als der rechtmäßige Erbe der "Southern Gothic Tradition" angesehen, ist McCarthy ebenso gefangengenommen von der
Wildheit der Landschaft wie von der Unzivilisiertheit
und Unberechenbarkeit der Menschen. Die in New
Mexico geborene und aufgewachsene indianische
Autorin Leslie Marmon Silko zieht mit ihren Romanen,
insbesondere The Almanac of the Dead ein breites
Publikum an. Dieses Buch gibt einen Überblick über
die Region von den frühen Stammesmigrationen bis zu
den heutigen Drogenhändlern und korrupten Landerschließungsgesellschaften, die Profite aus der
Ausbeutung des Landes schlagen (ein Thema, das
häufig auch von dem Krimiautor Carl Hiassen vor der
Kulisse Floridas abgehandelt wird). Es ist eine
perfekte Ergänzung zu den Kriminalromanen von Tony
Hillerman aus Santa Fe, dessen Detektivgeschichten
zwei zurückhaltende Navajo-Polizisten als Protagonisten haben. John Nichols hat das kulturelle Erbe
und die Empfindlichkeiten ethnischer Gruppen in New
Mexico mit Zuneigung, gutem Humor und Intelligenz in
einer vielgerühmten Trilogie beschrieben, zu der als
herausragendstes Buch The Milagro Beanfield War
zählt.
Der hispanoamerikanische Romanschriftsteller und
Dichter Rudolfo Anaya fügt der Literatur dieser Region
mystische und spirituelle Themen hinzu.
Montana im Norden muß etwas Besonderes haben,
um so viele und unterschiedliche schriftstellerische
Talente hervorzubringen. Die wilden fiktiven Erzählungen von Ivan Doig, darunter eine Familientrilogie,
handeln von "der Ausdehnung dieses Kontinents nach
Westen" - wie er es formuliert. Seine Bücher English
Creek und Dancing at the Rascal Fair werden
ergänzt durch die minimalistischen Sachbücher von
Rick Bass, die sich um Berge und Wildnis drehen, und
die unzufriedenen, entwurzelten Antihelden der
Romane von Thomas McGuane. Nicht unerwähnt
bleiben sollte auch der indianische Dichter und
Romanschriftsteller James Welch, der sich mit dem
Kampf der Angehörigen dieser ethnischen Gruppe
auseinandersetzt, einen Sinn in den historischen
Spannungen in ihrem Leben zu finden.
Seit Jahrzehnten personifizieren zwei Autoren den Far
West, insbesondere Kalifornien. Wallace Stegner,
gebürtig aus Iowa, verbrachte den Großteil seines
Lebens an unterschiedlichen Orten zwischen den
Rockies und dem Pazifischen Ozean. Schon bevor es
in Mode kam, hatte er eine regionale Sichtweise, und
viele Schriftsteller sehen heute in ihm ihren Vorfahr
und Mentor. Seine erste größere Arbeit, The Big
Rock Candy Mountain (1943), schildert das Leben
einer Familie, die nach dem Verschwinden der Grenze

Seite 4

im Westen die Erfüllung des Amerikanischen Traums
anstrebt. Das Epos umspannt das ganze Gebiet von
Minnesota im Mittelwesten bis zum Bundesstaat
Washington im Nordwesten und befaßt sich mit
"diesem Ort unglaublicher Schönheit, der eine ganze
Nation nach Westen zog", so Stegners Worte. 1972
erhielt er den Pulitzerpreis für Angle of Repose, eine
Betrachtung über das Gefühl für den Ort in der Persönlichkeit einer Illustratorin und Chronistin des Old West.
Stegners vorzeitiger Tod bei einem Autounfall im Jahr
1993 beraubte die amerikanische Literatur eines
Künstlers in der Blüte seiner Produktivität. Über die
Jahre hinweg ergänzte Joan Didion das Werk von
Stegner - eine Journalistin und Romanschriftstellerin,
die das zeitgenössische Kalifornien 1968 in ihrem
Sachbuch Slouching towards Bethlehem und in
ihrem bissigen, schockierenden Roman von 1971 über
die Ziellosigkeit der Szene Hollywoods, Play it as it
Lays, verewigte. In ihren jüngeren Büchern wandte
sie sich jedoch anderen Interessengebieten zu. Ihre
Rolle als kalifornische Schriftstellerin wurde zum Teil
von jüngeren Talenten übernommen, darunter Lisa
See - die die turbulente Geschichte der asiatischen
Migration nach Kalifornien und an die Westküste
schilderte - sowie zwei Krimiautoren, Sue Grafton, die
das Gefühl melancholischer Sehnsucht der Strandbewohner des südlichen Kaliforniens von heute vermittelt, und Walter Mosley, dessen afroamerikanischer
Held seine Fälle im Los Angeles der Nachkriegszeit
ermittelt. Auch andere ethnische Gruppen, insbesondere die Amerikanerinnen asiatischer Abstammung Amy Tan und Fae Myenne Ng sowie (an
der Ostküste) Gish Jen und Chang-Rae Lee verwenden den "Ort" als Hintergrund für die Erforschung ihrer
Herkunft.
Weit im Nordwesten, in Oregon und Washington,
herrscht das Gefühl für den Ort in den Werken des
Naturalisten Barry Lopez und des Romanschriftstellers
und Essayisten David Guterson vor. Guterson ist in
der Tat mit dem andauernden Erfolg seines ersten
Romans Snow Falling on Cedars zu einer Art Kultfigur geworden. Das Buch ist eine Studie der den
Mordprozeß gegen einen Fischer japanischer Herkunft auf einer kleinen Insel vor der Küste des Staates
Washington umgebenden Ereignisse. Und Sherman
Alexie, der große Freude und Vergnügen an seiner
indianischen Tradition findet, wird als einer der vielversprechendsten jungen Schriftsteller der heutigen Zeit
gefeiert. Weit vor der Küste ist die literarische Expansion Hawaiis in den Werken von Garrett Hongo
offenkundig - insbesondere in seinen Memoiren,
Volcano, und den ausgefallenen Romanen von LoisAnn Yamanaka.
Zwei heute in dem "Ort" verwurzelte parallele Literaturformen verdienen es erwähnt zu werden. Die Verbindung der einen - Dichtung - mit dieser Sensibilität ist
der Kunstform inhärent. Dichter haben äußerst wenig
Zeit, die Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken - im

AMERIKA DIENST 16

�Gegensatz zu Verfassern von Romanen oder Sachbüchern, die den Luxus von Absätzen und Seiten
geniessen. Und daher kommt unweigerlich, wenn es
angebracht ist, ein Gefühl für den Ort ins Spiel. In der
Vergangenheit brüsteten sich die Vereinigten Staaten
mit Walt Whitman und Carl Sandburg. Heute zählen
zu den Dichtern, die sich mit dem "Ort" befassen, Amy
Clampitt, W.S. Merwin und Gary Snyder.
Dramen sind jedoch ein noch besseres Beispiel. In
beträchtlichem Maße kann die Erweiterung des
Gefühls für den Ort im zeitgenössischen Theater direkt
der zunehmenden regionalen Theaterbewegung
zugeschrieben werden.
Diese gemeinnützigen
institutionellen Firmen, die vor allem seit Mitte der
sechziger Jahre zu Kulturzentren in der städtischen
und vorstädtischen Szene wurden, sind der amerikanischen Stiftung für die Künste - und verstärkter
Förderung durch Unternehmen - zu Dank verpflichtet.
Und mit der Gründung erstklassiger Truppen außerhalb von New York - an Orten wie New Haven und
Hartford ( Connecticut) sowie Louisville (Kentucky) - ist
parallel eine Gruppe talentierter junger Dramatiker auf
die Bildfläche getreten. Man fragt sich, wie das
amerikanische Theater und die amerikanische Literatur heute ohne die brillant zersplitterte Gesellschaft

*

AMERIKA DIENST 16

aussehen würden, die in den Werken von Sam
Shepard dargestellt wird, dem einsilbigen, stakkatoartigen Chicagoer Straßenslang von David Mamet, der
Bandbreite des Lebens im 20. Jahrhundert der Helden
und Heldinnen von August Wilsons andauerndem
Spielzyklus, den introspektiven Einblicken in das
Leben im Mittelwesten und dessen tägliche Belange
bei Lanford Wilson, sowie den südlichen Exzentrizitäten von Beth Henley. Wo ihre Vorgänger Eugene O'Neill, William Inge und Tennessee Williams ihre Stücke an das zentralisierte Theaterpublikum von
New York richteten, wurden die neueren Dramatiker
durch ihre Regionen und andere geprägt, bevor sie
sich dieser fremden städtischen Bühne stellten.
So viele Schriftsteller bringen ihre eigenen ungewöhnlichen Impressionen in die amerikanische Literatur ein.
Sie sind leidenschaftlich bewegt, während sie für Leser
auf der ganzen Welt beschreiben und analysieren, was
sie auf der Oberfläche, hinter der Landschaft und
jenseits des Horizonts sehen. Literarisch wie im
übertragenen Sinne bringen sie neue Töne, neue
Perspektiven und eine neue Bedeutung - durch die
Literatur - an die Orte in ihrem Herzen über die
gesamten Vereinigten Staaten hinweg.

* * * *

Seite 5

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38
'0
INHALT

DOKUMENTATION
Scharfe Verurteilung des Flugzeugabschusses durch US-Kongreß
- Reagan begrüßt Resolution -

HINTERGRUNDMATERIAL
Ostpolitik mit klarem Kopf
- Von US-Staatssekretär Lawrence S. Eagleburger Menschenrechtsverletzungen in Nicaragua vor US-Kongreßausschuß
Deutsch-amerikanische Vorbilder

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Kranke Umwelt - welche Therapie?
- Umfassendere praktische Gegenmaßnahmen und noch mehr
Forschung vordringlich •

Von G. Weiss

Um Uber/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

21. September 1983

38

SCHARFE VERURTEILUNG DES FLUGZEUGABSCHUSSES DURCH US-KONGRESS
- Reagan begrüßt Resolution -

WASHINGTON - (AD) - Mit aller Schärfe hat der amerikanische Kongreß den
Abschuß der koreanischen Linienmaschine durch sowjetische Abfangjäger verurteilt.

Das amerikanische Repräsentantenhaus nahm am 14. September 1983 eine

entsprechende Resolution mit 416 zu null Stimmen an, im Senat wurde sie einen
Tag später mit 95 zu null Stimmen verabschiedet.
Die Resolution hat folgenden Wortlaut:
In Anbetracht der Tatsache:
daß die Vereinigten Staaten gemeinsam mit der Völkergemeinschaft ihre
Empörung über die Maßnahmen der sowjetischen Regierung am 31. August 1983
zum Ausdruck gebracht haben, die zur Zerstörung der koreanischen Passagiermaschine des Fluges 007 und zum Tode von 269 unschuldigen Menschen führte;
daß diese Maschine versehentlich in den sowjetischen Luftraum geriet;
daß die

Postfach 20 03 00
D 5300 B o n n 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�daß die sowjetischen Stellen diesen Flug mehr als zwei Stunden lang verfolgten, sich jedoch nicht an die allerseits anerkannten internationalen Verfahren hielten, die dazu gedacht sind, ein vom Kurs abgeirrtes Flugzeuge zu
warnen und das Leben seiner Passagiere zu schützen;
daß ein sowjetischer Abfangjäger zwei Luft-Luft-Raketen auf die koreanische Passagiermaschine abschoß und das unbewaffnete, klar als Zivilmaschine
erkennbare Flugzeug mit 269 unschuldigen Männern, Frauen und Kindern aus 14
Ländern an Bord, darunter 61 unserer Landsleute, zerstörte;
daß sich unter den Opfern ein hervorragendes Mitglied des Kongresses,
der Abgeordnete Larry P. McDonald, befand;
daß die höchsten Stellen der sojwetisehen Regierung gelogen haben in dem
Versuch, diesen gewissenlosen Akt zu rechtfertigen, und auch weiterhin den Zugang zu dem Absturzgebiet verweigern;
daß die sowjetische Regierung öffentlich ihre Absicht erklärt hat, eine
solche mörderische Handlung zu wiederholen, wenn eine andere Passagiermaschine versehentlich in sowjetischen Luftraum gerät; und
daß dieser kaltblütige, barbarische Angriff auf ein Verkehrsflugzeug
eine der schändlichsten und verwerflichsten Handlungen in der Geschichte
darstellt;
sei es also durch das Repräsentantenhaus und den Senat des Kongresses
der Vereinigten Staaten beschlossen, daß die Vereinigten Staaten hiermit:
1. das sowjetische Verbrechen der Zerstörung der koreanischen Verkehrsmaschine und der Ermordung von 269 unschuldigen Menschen an Bord verurteilen;
2. von der Sowjetunion eine vollständige und rückhaltlose Aufklärung
dieses brutalen Massakers verlangen;
3. den Familien,

�3. den Familien, die ihre Angehörigen verloren haben, ihr tiefstes
Mitgefühl aussprechen und deren Ansprüche auf Entschädigung durch die
Sowjetunion unterstützen;
4. die Sowjetunion auffordern, internationale Bemühungen zur Bergung
der Opfer zu unterstützen;
5. eine internationale Untersuchung dieses abscheulichen Zwischenfalls
durch die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) verlangen;
6. ihre Absicht erklären, zusammen mit der Völkergemeinschaft die Sowjetunion aufzufordern, ihre Luftverteidigungsverfahren und -praktiken zu modifizieren, um die Sicherheit der Flüge von Verkehrsmaschinen zu garantieren;
7. die Feststellung treffen, daß dieses tragische Ereignis sowie die
Weigerung der sowjetischen Regierung, die Verantwortung für dieses willkürliche Verhalten zu übernehmen, es für die Vereinigten Staaten und andere
Länder schwieriger machen, die Sowjetunion als ein verantwortungsbewußtes
Mitglied der Völkergemeinschaft zu akzeptieren; und
8. unsere Verbündeten sowie andere Länder auffordern, gemeinsam mit den
Vereinigten Staaten weiterhin zu verlangen, daß die sowjetische Regierung
sich eindeutig für ihre Maßnahmen entschuldigt, die Familien der unschuldigen Opfer entschädigt und sich bereit erklärt, sich an die international anerkannten und fesgelegten Verfahren zu halten, die ja dem Zweck dienen sollen,
solche Tragödien zu verhindern.

+ + +

Präsident Reagan

�Präsident Reagan begrüßt Kongreßresolution
Präsident Reagan hat die Verabschiedung der Resolution des amerikanischen
Kongresses begrüßiund unterstrichen, der Kreml wisse jetzt, daß es bei der Reaktion der Vereinigten Staaten auf sowjetische Aggressionshandlungen keine Parteien, sondern nur Amerikaner gebe, die entschlossen seien, ihre Freiheit zu
schützen und den Frieden zu sichern.
Die am 15. September 1983 vom Weißen Haus veröffentlichte Erklärung
Reagans hat folgenden Wortlaut:
Im Namen aller Amerikaner begrüße ich die überwältigende, überparteiliche
Unterstützung einer Resolution des Repräsentantenhauses und des Senats, in
der die Ermordung von 269 unschuldigen Menschen an Bord der koreanischen Passagiermaschine durch die Sowjetunion verurteilt wird.

Dieser willkürliche, bar-

barische Akt verletzt die grundlegendsten Prinzipien des Völkerrechts und der
Moral - die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens.
Der Kreml weiß es jetzt: Wenn es darum geht, auf seine Aggression zu
reagieren, dann gibt es keine Republikaner oder Demokraten - nur Amerikaner,
die geeint und entschlossen sind, unsere Freiheit zu schützen und den Frieden
zu sichern.
Ich fordere das amerikanische Volk auf, jetzt an der Seite der Familien
zu stehen, die ihre Angehörigen verloren haben.
der zivilisierten Welt appellieren:

Und laßt uns an das Gewissen

Die Passagiere der koreanischen Verkehrs-

maschine dürfen niemals vergessen werden.

Wir dürfen auch nicht ruhen, so-

lange die Welt es nicht verhindern kann, daß ein solches Verbrechen gegen die
Menschlichkeit noch einmal geschieht.

+ + + + +

�21. September 1983

38

OSTPOLITIK MIT KLAREM KOPF
Von US-Staatssekretär Lawrence S. Eagleburger

Der Autor ist Staatssekretär für Politische Angelegenheiten im amerikanischen
Außenministerium.

- (AD) - Wie notwendig eine gute Sachkenntnis ist und wie teuer die Unkenntnis kommt, ist selten mit größerer Deutlichkeit illustriert worden als
in den vergangenen zwei Wochen.

Der Abschuß eines unbewaffneten Zivilflug-

zeugs und der Mord an 269 unschuldigen Menschen durch die Sowjets war eines
jener Ereignisse, das wirklich die ganze Welt schockiert hat. Und noch erschütternder ist die Art und Weise, wie die Sowjets auf die Tat reagierten.
Sie hätten den Schaden für sich in Grenzen halten können, wenn sie erklärt
hätten, es habe sich um einen sei,recklichen Fehler gehandelt.
Sie hätten ihr tiefes Bedauern zum Ausdruck bringen und Schadensersatz
anbieten können - und sie hätten Schritte ankündigen können, die gewährleistet
hätten, daß sich so etwas nie mehr ereignen kann.

Die Tatsache, daß sie nicht

auf diese Weise reagierten, daß sie nur zögernd und verspätet eingestanden,
was die ganze Welt wußte, und daß sie den Versuch unternahmen, ihr unentschuld-

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�ihr unentschuldbares Handeln dadurch zu rechtfertigen, daß sie den Vereinigten Staaten gegenüber lächerliche Unterstellungen vorbrachten, sagt mehr darüber, wie ihr System funktioniert, als alles, was wir dazu sagen könnten.
Am ungeheuerlichsten ist wohl, daß sie erklärten, sie würden es unter gleichen
Umständen wieder tun - und dies sogar im Wissen darum, daß es sich um ein Zivilflugzeug handelte.

Es ist schwierig, sich eine Reaktion vorzustellen, die

kriegerischer, verlogener, uneinsichtiger und noch unbefriedigender wäre als
die Haltung, die derzeit die sowjetische Regierung einnimmt.

Ich kann mich

kaum erinnern, daß die grundlegenden Unterschiede zwischen unseren Gesellschaftssystemen, unseren EntScheidungsprozessen und unserer Einstellung

ge-

genüber dem Leben des Einzelmenschen jemals so deutlich demonstriert wurde.
Diese Tragödie war und ist jedoch nicht allein oder hauptsächlich eine
amerikanisch-sowjetische Frage. Es ist eine Frage, zu der Regierungen und
private Organisationen in der ganzen Welt mit einer Stimme gesprochen haben,
um diese Ungeheuerlichkeit zu verurteilen. Gerade v/eil dies nicht zuvörderst
eine amerikanisch-sowjetische Angelegenheit war, waren die von uns vorgeschlagenen Schritte verantwortungsvoll und zurückhaltend. Obgleich sich manche
Leute für weitergehender; I • nahmen aussprachen, waren wir doch stets der Meinung, daß das kombinierte Gewicht der Weltmeinung, kollektiv und separat vorgetragen, mehr Wirkung auf die Sowjets haben und noch deutlicher ihre Isolierung zeigen würde. Wir sind über die bislang ergriffenen Schritte befriedigt.
Und noch immer kündigen Piloten und Regierungen in der ganzen Welt neue Maßnahmen an. Die internationale Gemeinschaft sollte auch weiterhin auf eine unparteiische Untersuchung, auf angemessene Entschädigung und auf konkrete
Schritte drängen, die sicherstellen, daß ein solches Ereignis einfach nicht
mehr stattfinden kann. Es darf nicht sein, daß die Sowjetunion einerseits
Vorteile aus dem internationalen Zivilluftfahrtsystem zieht und andererseits
auch weiterhin eine Bedrohung seiner Integrität und Sicherheit darstellt.

Wenn es aber auch unvermeidlich ist, daß dieses Ereignis seine Kreise
ziehen wird, so ändert es doch nicht das Bild, das sich die Reagan-Administration von der Sowjetunion macht und das sich entsprechend in ihrer Politik

�ihrer Politik widerspiegelt.

Vor diesem Ereignis wurden wir deswegen kri-

tisiert, daß wir offen über den sowjetischen Mangel an Mäßigung sprachen,
über die sowjetische Weigerung, Normen des zivilisierten Verhaltens zu akzeptieren.

Wir hoffen, daß derartige Kritik jetzt nachlassen wird, daß man-

che Leute jetzt realistischer werden und daß nicht länger behauptet wird, wir
könnten nicht beides zugleich sein - freimütig hinsichtlich der sowjetischen
Bedrohung und ernsthaft hinsichtlich der Verhandlungen.
hin beides sein.

Wir müssen auch weiter-

Denn auch dieses Ereignis ändert nicht die grundlegende Tat-

sache, daß wir und die Sowjets auch weiterhin denselben kleinen Planeten Erde
bewohnen und daß wir aus der Notwendigkeit heraus weiterhin mit Moskau über
eine ganze Reihe von Fragen verhandeln müssen.
Vor dem Morgen des 1. September war etwas in Bewegung geraten,und wir
sahen Möglichkeiten für bedeutsame Ergebnisse.

Die letzte Sitzung der START-

Verhandlungen war bei weitem die produktivste,und es gab auch bei den Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Eun
(MBFR) eine gewisse Bewegung.
war gelöst.

Das langanstehende Problem der Pentecostalisten

Wir hatten Verhandlungen über ein Abkommen für einen neuen Kultur-

austausch sowie die Errichtung neuer Konsulate vorgeschlagen, und die Sowjets
hatten dies akzeptiert.

Wir sprachen über von den Vereinigten Staaten vorge-

schlagene vertrauensbildende Maßnahmen.

Die Vereinigten Staaten hatten ein

neues langfristiges Getreideabkommen unterzeichnet und das Madrider Schlußdokument abgeschlossen.

Aber der Flug der KAL 007 stand nicht auf unserer

Tagesordnung.
Wir haben beschlossen, die RüstungskontrollVerhandlungen fortzusetzen.
Botschafter Paul Nitze ist nach Genf zurückgekehrt, um sich weiter darum zu
bemühen, ein Abkommen über die Begrenzung der nuklearen Mittel Streckensysteme
zu erreichen, das ausgewogen und verifizierbar ist.

Wir tun dies nicht, um

den Sowjets einen Gefallen zu erweisen,sondern in unserem eigenen Interesse
und im Interesse aller Menschen dieser Welt, damit sichergestellt wird, daß
wir nicht alle durch Konfrontation, Fehlkalkulation oder Dummheit in einen
Abgrund gestoßen werden.

Wir versuchen das,und wir werden das weiterhin ver-

suchen, weil wir keine andere Wahl haben.
- 3 -

In anderen Bereichen, insbesondere

�Bereichen, insbesondere in jenen, bei denen es um normale bilaterale Fragen
geht, werden wir sicherlich kürzer treten.
Die Einstellung dieser Administration zu den Beziehungen zur UdSSR war
stets von nüchternem Realismus hinsichtlich der Natur und des Umfangs der
Herausforderung getragen, vor der wir stehen, sowie hinsichtlich der Schwierigkeit und der Dringlichkeit, sich ihr wirksam zu stellen, während wir
gleichzeitig sehen, daß unsere Sicherheit wie auch die Sicherheit der gesamten Menschheit es für uns erforderlich machen, auf ein stabileres und kooperativeres Verhältnis hinzuarbeiten.

Wir geben uns keinerlei Illusionen hin,

daß wir uns auf den sowjetischen guten Willen verlassen oder unser Vertrauen
in die sowjetischen Versprechungen hinsichtlich eines Wohl Verhaltens setzen
können.

Denn der böse Wille der Sowjets ist schon seit zu langer Zeit deut-

lich, und wir kennen nur zu genau die Liste der militärischen Expansionen
Moskaus und die Bedrohungen, die sie für unsere Interessen darstellen.
Infolgedessen haben wir immer wieder erklärt, daß wir die amerikanischsowjetischen Beziehungen aus einer Position der Stärke gestalten müssen. Für
Präsident Reagan ist es in Zusammenarbeit mit dem Kongreß eine der obersten
Prioritäten seiner Administration, Amerikas wirtschaftliche und militärische
Macht wiederherzustellen und Amerikas politisches Selbstvertrauen und politische Entschlossenheit wieder neu zu beleben. Unserer Meinung nach können
wir nur von einer solchen Grundlage der erneuerten Stärke aus hoffen, das
sowjetische Abenteurertum abzuschrecken und zu begrenzen und die Sowjets in
einen potentiell konstruktiven Dialog einzubeziehen - einen Dialog, der uns
zu ausgewogener, politischen Lösungen der anstehenden Probleme führen könnte.
Wir sind zutiefst an solchen Lösungen interessiert. Wir haben nie die
amerikanisch-sowjetische Konfrontation gesucht, und wir suchen sie auch heute
nicht. Ganz im Gegenteil, letzteres kann uns nur von der Erreichung der
Ziele abbringen, die wir letztlich in der Weltpolitik anstreben: Frieden,
wirtschaftlichen Fortschritt, nationale Unabhängigkeit und die Freiheit des
einzelnen. Eine stabile und friedliche Weltordnung macht es nicht notwendig,

�nicht notwendig, daß wir und die Sowjets hinsichtlich der philosophischen und
ethischen Prinzipien einer Meinung sind.

Sie macht lediglich notwendig, daß

Moskaus Verhalten sich einer Verantwortung unterwirft, die der Tatsache angemessen ist, daß wir diesen Planeten in einem Atomzeitalter gemeinsam bewohnen.

Wir wissen, daß viele der äußeren und inneren Faktoren, die das sowje-

tische. Verhalten beeinflussen, jenseits unserer Einflußnahme liegen. Aber
unsere Verpflichtungen gegenüber unserer eigenen Sicherheit und dem Frieden
und Wohlergehen unserer Freunde und Verbündeten macht es absolut notwendig,
daß wir Moskau keine Wahl lassen, außer zu einem Wettbewerb anzutreten, der
einen weniger zerstörerischen Charakter hat und ohne den rücksichtslosen und
aggressiven Einsatz von Gewalt vor sich geht.
Kurz: Wir sind bereit, legitime Sicherheitsinteressen der Sowjetunion
zu respektieren und sie als die Supermacht zu behandeln, die sie ist. Aber
wir können und werden nicht zu Moskaus Versuchen schweigen, die sowjetische
Sicherheit auf eine Weise zu definieren, die so grenzenlos, so selbstbezogen
und so zynisch ist, daß sie eine Gefahr für andere Länder darstellt - oder
eine Rechtfertigung für solch unverzeihliche Aktionen wie den Abschuß des
Flugzeugs KAL 007.
Bei der Gestaltung unserer Strategie gegenüber der Sowjetunion haben
wir die folgenden Ereignisse und Trends mit in unsere Rechnung einbezogen:
Erstens; die anhaltende militärische Aufrüstung der Sowjetunion auch
angesichts zunehmender wirtschaftlicher Schwierigkeiten.

Seit 15 Jahren

geben die Sowjets durchschnittlich etwa 13 - 14 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für die Verteidigung aus. Währenddessen hat noch bis vor kurzem
der Anteil unseres Bruttosozialproduktes, der für Verteidigungsausgaben aufgewendet wurde, innerhalb des gleichen Zeitraums abgenommen.
Zweitens; die sowjetische Verwicklung, sei es direkt, sei es indirekt,
in Unruheherden der Dritten Welt war nicht hilfreich. Waffen sind bei der
Sowjetunion mehr als bei jedem anderen Land größter Bestandteil der Exporte.
Daneben hat sie zusammen mit örtlichen Stellvertretern in Teilen Afrikas,
- 5 -

�Teilen Afrikas, im Mittleren Osten, in Slidostasien und in Mittelamerika die
Rolle des Störers übernommen.
dringung

Am deutlichsten hat sie sich jedoch als Ein-

dadurch dargestellt, daß sie rund 100 000 Soldaten in dem Versuch

nach Afghanistan gesandt hat, dieses Land zu besetzen und zu kontrollieren.
Drittens; die Härte und der Zwang der sowjetisehen Kontrolle über ihre
osteuropäischen Nachbarn.

Seit dem Aufstieg der Gewerkschaftsbewegung

Solidarität wurden auf dramatische Weise sowohl Hoffnungen als auch Grenzen
deutlich, mit denen die Völker dieser unglücklichen Region leben müssen.

Wir

schieben jedoch die Schuld für Handlungen des Herrschers nicht auf die Beherrschten, und wir waren daher stets bemüht, gegenüber den Staaten Osteuropas eine
differenzierte Politik zu betreiben.
Viertens; die sowjetische Haltung hinsichtlich der Einhaltung von Verträgen und Abkommen.

Die Schlußakte von Helsinki und die Nachfolgekonferenz

von Madrid haben auf dramatische Weise den Gegensatz aufgezeigt zwischen den
sowjetischen Verpflichtungen einerseits und ihrer Menschenrechtspolitik
und Menschenrechtspraktiken andererseits.

Im Bereich der Rüstungskontrolle

sind wir in zunehmendem Maße besorgt darüber, daß die Sowjets zumindest den
Geist, womöglich auch den Buchstaben von Abkommen und Vereinbarungen,gebrochen
haben.

Solche Handlungsweisen zerstören die Grundlage für das internationale

Vertrauen und tragen auch zu der Erklärung bei, warum wir auf strikteren Maßnahmen der Verifizierbarkeit bei allen neuen Vereinbarungen bestehen müssen.
Unsere Strategie ist so entworfen, daß sie auf diese Herausforderungen
reagieren kann.

Unser Bestreben ging und geht dahin, für die folgenden Maß-

nahmen einen breiten nationalen Konsens zu finden:
- Erstens; Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts:

Hauptziel

unserer nationalen Sicherheit ist die Abschreckung vor einem Krieg. Die
Bewahrung und Wiederherstellung des strategischen Gleichgewichts ist
eine Voraussetzung für die Abschreckung. Aber dieses Gleichgewicht formt
zugleich Kontext und Perspektive, innerhalb derer unsere Außenpolitik in
der ganzen Welt betrieben wird.
- Zweitens; Stärkung
- 6 -

�- Zweitens; Stärkung unserer Bindungen zu unseren Verbündeten:

Unser

Dialog mit unseren NATO- und ANZUS-Verbündeten und Japan war zu keiner
Zeit lebhafter.

Wir sind uns gelegentlicher Meinungsunterschiede wohl

bewußt, und ich möchte ihre Bedeutung nicht herunterspielen.

Aber wir

müssen erkennen, daß die Stärke unseres Bündnissystems in der Stärke und
in dem Vertrauen eines jeden Beteiligten verwurzelt ist. Wir sind Partner aus freier Wahl, nicht aus Zwang, und das ist es, was unsere Verbündeten weit mehr als alles andere gegenüber jenen Moskaus auszeichnet.
- Drittens; standhafte und flexible Reaktion auf regionale Krisen:
Wir behaupten nicht, daß alle Krisen überall auf dieser Welt von Moskau
verursacht oder kontrolliert werden. Aber wir erkennen in allzu vielen
Fällen eine sowjetische Hand, die eher öl ins Feuer gießt, als sich um
Lösungen zu bemühen.
Ich brauche die Liste der derzeitigen Unruheherde nicht aufzuzählen,
aber ich kann sagen, daß die Vereinigten Staaten überall dort Versuche unternehmen, echten Frieden, Selbstbestimmung und Freiheit zu erreichen. Und in
allen diesen Bereichen ist die Sowjetunion in dem Versuch begriffen, militärische Mittel einzusetzen, um eine marxistisch-leninistische Diktatur herbeizuführen.
Wir sind bemüht, mit den Sowjets direkt einen ausgewogenen Dialog herbeizuführen, der vier grundlegende Komponente

beinhaltet: Menschenrechte,

Rüstungskontrolle, regionale Fragen und bilaterale Probleme.
Hinsichtlich der Menschenrechte sind wir ernsthaft darüber besorgt, daß
die Zahlen derjenigen, die aus der UdSSR ausreisen dürfen, auf ihren niedrigsten Stand seit den sechziger Jahren abgesunken sind und daß diese Beschränkungen zusammenfallen mit härteren Restriktionen gegenüber allen Formen der
Meinungsfreiheit im Inneren. Zusammen mit dem Anstieg eines offiziell tolerierten Antisemitismus spiegeln diese Entwicklungen eine Mißachtung der sowjetischen Behörden gegenüber den legitimen Menschenrechtsinteressen ihrer Bürger
wie auch gegenüber der Weltmeinung wider. Wir sind natürlich mehr an konkreten
- 7 -

�an konkreten Ergebnissen als an öffentlichen Erklärungen interessiert und
werden daher auch weiterhin auf Fortschritte in diesem Bereich drängen.
Was die Rüstungskontrolle anbelangt, so sind wir auch weiterhin ernsthaft an fairen Abkommen interessiert.

Die Verhandlungen über die Verringe-

rung der strategischen Systeme, der in Europa stationierten Raketen und der
konventionellen Streitkräfte in Mitteleuropa werden weitergeführt, und wir
hoffen, daß all diese Gespräche solide Ergebnisse zeitigen werden.

Ich bin,

offen gesagt, nicht optimistisch, was die nahe Zukunft anbelangt, aber ich
bin von der Notwendigkeit überzeugt, das Wettrüsten unter Kontrolle zu bringen und umzukehren.

Ich bin überzeugt, daß die von uns eingenommene Haltung

am ehesten dieses Ergebnis erbringen wird.
Hinsichtlich der regionalen Fragen sprechen wir mit den Sowjets über
Afghanistan und das südliche Afrika und über allgemeinere geopoütische
Fragen.

Ich bedaure, daß diese Gespräche, obgleich insgesamt gesehen nütz-

lich und informativ, seitens der Sowjets nicht die Maßnahmen hervorgebracht
haben, die zu einer kurzfristigen Lösung der Probleme beitragen könnten.
In bilateraler Hinsicht haben wir es geschafft, einen Dialog - wenn
auch in begrenztem Umfang - beizubehalten. Die Handelsbeziehungen haben
sich verbessert,und das kürzlich abgeschlossene Getreideabkommen wird sicherstellen, daß die amerikanischen Farmer in den kommenden Jahren ihren Anteil
am sowjetischen Getreidehandel bekommen werden. Leider müssen unsere Anstrengungen zur Ausweitung des offiziellen Austauschprogramms ausgesetzt werden,
aber es bleibt in unserem Interesse, unseren Zugang zur sowjetischen Gesellschaft zu erweitern und sowjetische Bürger mit der Wirklichkeit der amerikanischen Gesellschaft zu konfrontieren.
Der Abschuß des KAL-Flugzeuges und die sowjetische Behandlung des Falles
werfen einen Schatten über die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen.

Es be-

stehen keine ernsthaften Aussichten, daß sich das Verhältnis sehr bald verbessern wird.

Die sowjetische Reaktion zeigt bislang eine solch bemerkens-

werte Gefühllosigkeit, daß sie zu wirklichen Sorgen darüber Anlaß gibt, wie in
- 8 -

�wie in diesem geschlossenen System Entscheidungen getroffen werden und wie
die Politik formuliert wird.

Aber wir sind hinsichtlich unserer Fähigkeit

zuversichtlich, unsere Interessen zu verteidigen; hinsichtlich der Vernunft
des Kurses, den wir abgesteckt haben; und - was am wichtigsten ist - hinsichtlich der Unterstützung der klarsichtigen Politik Präsident Reagans durch
das amerikanische Volk.

Wir sind zuversichtlich, daß wir durch den standhaf-

ten Verfolg dieser Politik in der Lage sein werden, Moskau davon zu überzeugen, daß es auch in seinem besten Interesse liegt, größere Zurückhaltung zu
üben und verantwortlicher zu handeln, wie es im Einklang mit seiner militärischen
Macht stünde.
Lassen Sie mich in einem etwas philosophischeren und letztlich auch
hoffnungsvollen Ton schließen. Manche Leute im Westen reagierten zunächst
damit, daß sie diese Gewalttat der Sowjets als Ergebnis einer jahrhundertealten sowjetischen und russischen Paranoia und einer tiefverwurzelten Unsicherheit zu entschuldigen suchten. Aber - so der Historiker Isaiah Berlin mit dem Triumph über Napoleon "sah sich Rußland als eine Großmacht im Herzen
Europas, war sich seiner vernichtenden Stärke bewußt, dominierte die gesamte
Szene und wurde von den Europäern mit einem gewissen Schrecken und mit großer
Zurückhaltung nicht nur als ihresgleichen, sondern als ihnen durch die reine
Gewalt überlegen akzeptiert."
Dieser Angriff auf ein friedliches Flugzeug wurde eher durch Arroganz
und durch ungezügelte Macht verursacht als durch irgendwelche Schwäche.
Aber dann würde die gleiche Denkschule wohl auch argumentieren, daß dies eben
zu der Art der Russen gehöre - daß sie Barbaren und Sklaven seien und blieben.
Das ist ein Rezept für eine endlose Feindschaft zwischen unseren beiden Nationen und für permanente Hoffnungslosigkeit. Derlei weise ich mit Nachdruck
zurück.
Neue Generationen wachsen in der Sowjetunion heran, die erfüllt sind
vom Besten ihres geschichtlichen Erbes. Und aus ihrer Literatur des 19. Jahrhunderts lesen sie die Worte Alexander Herzens:
Augen öffnen, nicht sie ihm ausreißen."
- 9 -

"Man muß dem Menschen die

Und sie lesen Turgenjew:

"Meine Hin-

�"Meine Hingabe gilt Europa, oder, um es genauer zu sagen, der Zivilisation.'1
Keine Nation, die heute 10 000 politische Gefangene hat, besteht nur aus
Schafen.

Keine Nation, aus der Menschen wie Sacharow und Schtscharanski hervor-

gehen, kann für immer unter einer Diktatur gehalten werden.
Es muß langfristig unsere Hoffnung und Überzeugung sein, daß der Mut
des Volkes der Sowjetunion letztlich zu einem Regierungssystem führt, das
sich nicht auf Gewalt stützen muß, um sein eigenes Volk zu regieren oder in
der ganzen Welt die Herrschaft der Diktatur zu betreiben.

Das ist

vielleicht

der all erwichtigste Grund dafür, daß wir unsere Kontakte mit den Menschen in
der Sowjetunion aufrechterhalten müssen - durcf Rundfunksendungen oder unmittelbar.

Um die Gefahr eines Atomkrieges wirklich zu beseitigen, müssen

wir uns auf eine Welt

-ubewegen, die sich auf demokratische Regierungen grün^-

det, die ihrer Natur nach der Herrschaft des Rechts gehorchen.
•

• - &lt; • &gt;

-

. &lt;

+ + + + +

- 10 -

�21. September 1983

38

MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IN NICARAGUA VOR US-KONGRESSAUSSCHUSS

WASHINGTON - (AD) - Mit den Menschenrechtsverletzungen in Nicaragua hat
sich dieser Tage ein Unterausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses
in einer Anhörung befaßt. Dabei kam insbesondere das Schicksal der Miskito-,
Sumo- und Rama-Indianer zu Sprache, deren Leben und Sicherheit durch das
sandinistische Regime bedroht seien, wie die Direktorin der Internationalen
Liga für Menschenrechte, Feiice Gaer, ausführte.
Danach wurden mehr als 14 000 Indianer durch das sandinistische Regime
zwangsumgesiedelt, Tausende flohen aus Nicaragua, und 39 Indianerdörfer wurden zerstört.

Die Menschenrechtsverletzungen in Nicaragua, so sagte die Di-

rektorin, drohten das Land in eine "lange, dunkle Nacht" zu stürzen, wie es
auch schon unter dem Somoza-Regime der Fall gewesen sei.
Ähnlich äußerten sich andere Zeugen, die vor dem Unterausschuß aussagten, darunter der Professor für Geschichte an der Georgetown-Universität,
Luis Aguilar, der Präsident des Rates für Interamerikanische Sicherheit, Lynn
Francis Bouchey, sowie die Exilnicaraguanerin, Adriana Guillen, die einst die
Sandinisten unterstützt hatte.
Frau Guillen,

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Telex: 8-85432

�Frau Guillen, Gründerin

des amerikanisch-nicaraguanischen Ausschusses

für Menschenrechte, erklärte, die Sandinisten betrieben eine "systematische
Politik der Ausrottung" gegenüber den an der Atlantikküste des Landes lebenden Minderheitsgruppen.

Zu dieser Politik gehörten Verfolgung aus religiö-

sen Gründen, Enteignung, Folterung, Zwangsarbeit, Konzentrationslager und
Mord.

Aber auch gegenüber Nicaraguanern, die nicht zu Minderheitsgruppen

gehörten, käme es zu Verletzungen der Menschenrechte, sagte Frau Guillen
weiter, wobei sie auf die öffentliche Demütigung katholischer Priester sowie
auf die Ermordung des Leiters des Rates für Privatunternehmen (COSEP), Jorge
Salazar, verwies. Sie forderte den amerikanischen Kongreß auf, die antisandinistischen Kräfte in Nicaragua zu unterstützen und die "sandinistische
Tyrannei" zu verurteilen.

Dies wäre ein "unschätzbarer Dienst an der Entwick-

lung der Demokratie in Mittelamerika und der Sicherheit der westlichen Hemisphäre".
Der Präsident des Rates für Interamerikanische Sicherheit, Bouchey, sah
in der Flucht von Tausenden von Nicaraguanern nach Honduras den Beweis für
das Versagen des sandinistischen Regimes, das seine Versprechungen nicht eingehalten habe.

Er forderte den Unterausschuß auf, sich für eine Sondersit-

zung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) einzusetzen, damit die
Sandinisten Rede und Antwort dafür stehen könnten, warum sie ihre der OAS gemachten Zusagen nicht eingehalten haben.
Am 4. und 5. Oktober will der Unterausschuß des Repräsentantenhauses
Anhörungen über die Menschenrechtssituation in Chile, Argentinien und Uruguay
durchführen.

Menschenrechtsgruppe kritisiert Sandinisten
Die Unterdrückung der Demokratie in Nicaragua durch die Sandinisten und
deren Mißachtung der Menschenrechte wurde auch auf einem Seminar der Menschenrechtsgruppe "Resistance International" (RI) in der venezolanischen Hauptstadt

�venezolanischen Hauptstadt Caracas kritisiert, an der auch das ehemalige
Mitglied der sandinistischen Junta und jetzige Führer der Demokratischen Revolutionären Allianz (ARDE), Alfonso Robelo, teilnahm.

Robelo sagte, die

jetzige Regierung von Nicaragua habe keinerlei Absicht, sich um irgendwelche
Abkommen zu bemühen.

Die Sandinisten hätten auch nicht an Zusammenkünften

teilgenommen, auf denen über Lösungen der bestehenden Probleme diskutiert
worden sei.

Robelo betonte, daß seine Organisation gezwungen worden sei,

zu den Waffen zu greifen, weil die Sandinisten zum Dialog nicht bereit seien.
Auf diesem Seminar wurde ebenfalls auf das schwere Schicksal der indianischen Bevölkerung Nicaraguas hingewiesen. Ein Führer der Miskito-Indianer,
Stedman Fagoth, sagte, daß gerade die indianische Bevölkerung des Landes unter
der Verfolgung der Sandinisten zu leiden habe. Allein 20 000 Indianer seien
nach Honduras geflohen und lebten dort in Flüchtlingslagern. Weitere 25 000
Indianer seien in Nicaragua in Konzentrationslager gesperrt worden.
Die Organisation "Resistance International" war im Mai vergangenen
Jahres von dem kubanischen Dichter Armando Valladares und dem sowjetischen
Dissidenten Wladimir Bukowsky in Paris ins Leben gerufen worden.

- 3 -

�21. September 1983

DEUTSCH-AMERIKANISCHE VORBILDER

Dies ist der fünfte von sechs Artikeln
über die Deutschen in Amerika, die wir
im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten
anläßlich des 300. Jahrestages deutscher
Einwanderung in Amerika bis zum 6. Oktober veröffentlichen.

- (AD) - Die Geschichte der Deutschen in Amerika, die in drei Jahrhunderten dorthin auswanderten, ist mit einer Vielzahl großer Taten angefüllt,
die auf den unterschiedlichsten Gebieten vollbracht wurden. Jedoch hat keines
dieser deutsch-amerikanischen Vorbilder mehr Ruhm erlangt als jene, die ihre
Fähigkeiten, in vielen Fällen sogar ihr Leben, für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg einsetzten. Die Namen vieler Deutsch-Amerikaner sind noch
heute in den amerikanischen Geschichtsbüchern zu finden.
Eine dieser großen Persönlichkeiten ist Friedrich Wilhelm von Steuben.
Geboren 1730 in Magdeburg, diente er 17 Jahre lang in der preussischen Armee
und schloß sich im Jahre 1778 der demoralisierten Kontinentalarmee George
Washingtons bei Valley Forge in Pennsylvanien an.

Bereits nach kurzer Zeit

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�kurzer Zeit wurde er zum Generalinspektor der Truppen ernannt und formte die
recht disziplinlose Armee innerhalb kurzer Zeit zu einer fähigen Kampftruppe
um.

Von Steubens Mitwirken im Kampf um die Unabhängigkeit Amerikas wird heute

mit einem Denkmal im Lafayette Park, gegenüber dem Weißen Haus, geehrt.

Vor-

bilder im Revolutionskrieg waren auch solche Deutsch-Amerikaner wie der in
Deutschland geborene Johann de Kalb, General der Kontinentalarmee, der 1780
auf dem Schlachtfeld umkam, und die nicht ganz so berühmte Mary Ludwig McCauley
- bekannt unter dem Namen "Molly Pitcher", deren Vater 1749 aus der Pfalz nach
Amerika gekommen war.

Molly Pitcher vollbrachte ihre Heldentat für die ameri-

kanische Revolution während der Schlacht von Monmouth am 28. Juni 1778: Während der Schlacht trug sie Wasserkübel zu den müden und durstigen Soldaten und
übernahm, nachdem Ihr Mann gefallen war, dessen Platz an der Kanone und trug
so zum Sieg der amerikanischen Truppen bei Monmouth bei.

Ihre Heldenhaftig-

keit ist noch heute auf dem Bronzerelief zum Gedenken an diese Schlacht zu
sehen.
Deutsch-amerikanisches Heldentum in der amerikanischen Armee gab es auch
während der nächsten Jahrhunderte, und die Leistungen von Deutsch-Amerikanern
wie die von General John J. Pershing (einem Nachfahren der Pfoerschins aus dem
Elsaß)

und General Dwight D. Eisenhower, dessen Vorfahren aus dem Odenwald

stammen, sind jedem Amerikaner bekannt.
Deutsch-Amerikaner sind aber auch auf anderen Gebieten zu Vorbildern geworden. Im Bereich des amerikanischen Sports ist George Hermann "Babe"Ruth,
Sohn deutscher Einwanderer, eine der populärsten Gestalten. 1895 in Baltimore
geboren, wurde Babe Ruth im Jahre 1914 Mitglied der obersten Baseball-Liga.
Bis zum Ende seiner Karriere im Jahr 1935 hatte er immer wieder neue Rekorde
aufgestellt und vollbrachte mit seinem Team, den New York Yankees, Höchstleistungen, die es in der Geschichte des amerikanischen Sports noch nie gegeben hatte. Sein Name "Babe Ruth" steht mehr als jeder andere für den Lieblingssport der Amerikaner.
Die größte

�Die größte deutsch-amerikanische Figur wurde jedoch durch einen deutschen Immigranten des 19. Jahrhunderts, Thomas Nast, unsterblich. Thomas
Nast, 1840 in Landau geboren, kam mit seiner Mutter 1864 nach New York. Nach
kurzer Tätigkeit als Journalist wurde Nast Mitarbeiter des amerikanischen Magazins Harper's Weekly und entwickelte sich zum ersten großen politischen
Karikaturisten Amerikas. Seine weitverbreiteten Zeichnungen über Themen,
die sich auf den amerikanischen Bürgerkrieg bezogen, veranlaßten Präsident
Lincoln zu dem Ausruf: "Thomas Nast ist unser bester Rekrutenanwerber gewesen." Es war jedoch eine Gestalt aus einem pfälzischen Geburtsort, die ihm
seinen Platz in der amerikanischen Geschichte sicherte. In einer Zeichenserie in Parper's Weekly bildete Nast den "fröhlichen alten Mann mit dem
weißen Bart" ab, wie er in seiner Werkstatt Spielzeug herstellt, sein Schlitten von Rentieren gezogen wird und wie er Geschenke in Strümpfe steckt, die
über dem Kamin hängen. Nasts Darstellung dieser Märchenfigur, Sankt Nikolaus
oder Santa Claus, basierte auf dem schelmischen Belzenickel seines Geburtsortes. Nasts Santa Claus, der 30 Jahre lang auf der Titelseite jeder Weihnachtsausgabe des Harper's Weekly erschien, nimmt noch immer in den Herzen
der Kinder auf der ganzen Welt einen besonderen Platz ein.

- 3 -

�Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

21. September 1983

KRANKE UMWELT - WELCHE THERAPIE?
Umfassendere praktische Gegenmaßnahmen und noch mehr Forschung vordringlich
Von G. Weiss

- (AD) - Wälder, Seen, Flüsse sind krank - ihr Zustand verschlechtert sich
rapide.

Von Wissenschaftlern des amerikanischen Amtes für Atmosphären- und Meeres-

forschung (NOAA) zusammengestellte "Morbiditätskarten" zeigen Westeuropa als
besonders stark befallene Region.

Die Hauptursachen sind höchstwahrscheinlich

sau er Regen und generell Schadstoffe in Luft, Wasser und Boden.

Wissenschaftlich

gesicherte Erkenntnisse über die Wirkungsmec^anismen, noch mehr aber die Beweisführung für Schädigungen durch bestimmte Verschmutzungsquellen, sind jedoch gegenüber der Ausweitung des Schadensbildes weit im Verzug.

Die Forschung hat es

einfach mit zu vielen und zu schwierigen Problemen und Problemkomplexen zu tun,
um jetzt definitive Aussagen zur Krankheit und zu einer sicheren Therapie machen
zu können.
Andererseits ist es verständlich, daß die Appelle aus der Öffentlichkeit immer
dringender werden, für weitrechende Gegenmaßnahmen nicht auf die Forschungsergebnisse zu warten, sondern sofort zu handeln. Studien zum Problem des sauren Regens
sind seit Jahren im Gang. In den USA wurden allein im Monat Juni 1983 vier neue

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�vier neue Berichte abgeschlossen.

Und kürzlich erklärte Fitzgugh

Green, Beigeordneter Administrator des amerikanischen Bundesamtes für
Umweltschutz (EPA) auf der Tagung einer Körperschaft der Vereinten Nationen in Genf, "die Reagan-Administration ist mehr denn je entschlossen,
das Problem in den Griff zu bekommen".
Es war die erste Sitzung des Exekutivkomitees für die Konvention
über weiträumige grenzüberschreitende Luftverschmutzung.

Nach dieser im

März 1983 in Kraft getretenen Konvention "entwickeln die beteiligten Länder politische Maßnahmen und Strategien zur Bekämpfung der Freisetzung von
Luftschadstoffen mit der besten verfügbaren Technologie".

Die Konvention

wurde im Rahmen der ECE (regionale Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa) ausgearbeitet, der 34 Staaten, einschließlich USA,
Kanada und Sowjetunion, angehören.
Saurer Regen, ein wohlbekanntes Beispiel für grenzüberschreitende
Luftverschmutzung, ist in erster Linie eine Folge der vom Menschen verursachten Übermäßigen Emission von Schwefeldioxid in die Atmosphäre. Er
führt, wie allgemein angenommen wird, dazu, daß Fische verenden, Wälder
geschädigt und Ernteerträge beeinträchtigt werden, daß Eisen- und Stahlbauteile korrodieren und Marmor zerstört wird. Die ECE veranschlagt den
durch sauren Regen jährlich angerichteten Schaden auf zwei bis zehn Dollar
pro Einwohner.
Das auf fünf Jahre ausgelegte Forschungsprogramm der amerikanischen
Regierung, ein 100-Millionen-Dollar-Projekt, sei jetzt erheblich ausgeweitet worden, erklärte Green, um "die Verbindung zwischen den vom Menschen
verursachten Verschmutzungsquellen und den Auswirkungen von saurem Niederschlag auf Land und Gewässer in Nordamerika präziser zu definieren". Für
das Etatjahr 1984 wurde das "Nationale Programm zur Bewertung von saurem
Niederschlag" (National Acid Precipitation Assessment Program), unter dem
12 Regierungsbehörden zusammenarbeiten, mit 27,6 Millionen Dollar ausgestattet - gegenüber 18,3 Millionen im Haushaltsjahr 1982 und 22,3 Millionen Dollar im Jahr 1983.
Der erste

�Der erste Jahresbericht des "Nationalen Forschungsprogramms" wurde Anfang Juni 1983 veröffentlicht.

Hauptergebnis: Durch menschliche Aktivitäten

freigesetzte Schadstoffe tragen "wahrscheinlich am meisten zu saurem Regen
im Nordosten Amerikas bei". Jedoch seien die gegenwärtigen Daten und verfügbaren Methoden nicht ausreichend, um einen direkten Zusammenhang zwischen
Schadstoffemission und saurem Regen im regionalen Maßstab oder unter wechseln
den Bedingungen zu quantifizieren".
Wenige Wochen später kam ein Übersichtsbericht einer vom Wissenschaftsberater Präsident Reagans berufenen Kommission.

Diese empfahl sofortiges

Handeln, um zu "bedeutsamen Verringerungen des Einbringens
bindungen in die Atmosphäre zu kommen".

von Schwefel Ver-

Es solle mit jenen Schriten begonnen

werden, die zur Reduzierung des Gesamtniederschlags am kosteneffektivsten
seien.
"Kosteneffektivität" ist ohnehin ein Schlüsselwort im Zusammenhang
mit Schutzmaßnahmen, die umfassender und wirksamer sein sollen als jene,
welche jetzt angewendet werden. Investitionen in Höhe von gut 200 Milliarden
Dollar wären nach Ansicht mancher Fachleute allein in den USA erforderlich,
um mit den gegenwärtig vorhandenen und in Kürze absehbaren technischen Möglichkeiten Immissionen (Umweltschäden), wie sie bisher bekannt geworden sind
und womöglich in anderer Form noch auftreten werden, zu stoppen. Der Hauptanteil der finanziellen Belastung entfiele naturgemäß auf die Industrie aber ist diese angesichts der weltweit angespannten Wirtschaftslage und des
harten Kampfes gerade der am meisten betroffenen Industriezweige überhaupt
fähig, noch mehr zu verkraften?
Jedenfalls müßten die Verursacher von Schadstoffbelastungen auch von
sich aus das Problem energisch anpacken und nach Wegen suchen, um zumindest
in Teilbereichen Abhilfe zu schaffen.

Von politischer Seite können vorläu-

fig nur einige Schwerpunkte gesetzt werden.

Einer der jüngsten Gesetzesvor-

schläge von Abgeordneten des amerikanischen Kongresses forderte, daß die 50
Betriebe, die den größten Schadstoffausstoß haben, bis 1990 SchwefeldioxidFilteranlagen einbauen müssen, daß die Bundesstaaten bis 1995 die Schwefel - 3 -

�die Schwefeldioxid-Emissionen um 10 Millionen Tonnen zu reduzieren hätten,
wobei in jedem Staat die Verringerungsquote einen bestimmten Anteil der gegenwärtigen Emission ausmache, und daß für die Stickstoffoxid-Emissionen
neuer Kraftwerke und Lastwagen ab 1995 sehr viel strengere Bestimmungen gelten sollen.
Das Edison Electric Institute, ein Verband der Kraftwerksindustrie, nahm
Stellung und veröffentlichte ebenfalls im Juni Erhebungen von 24 Versorgungsunternehmen.

Sie hätten zu dem Schluß geführt, so hieß es, daß sich in einigen

Teilen der Vereinigten Staaten die Stromrechnungen um bis zu 50 Prozent verteuern könnten, wenn die vorgeschlagenen Änderungen des Gesetzes zur Luftreinhaltung Rechtskraft erlangten,

Sachverständige unter den Mitgliedern des ame-

rikanischen Kongresses halten diese Angaben jedoch für stark übertrieben.

Saurer Regen der Schwefeldioxid-Emission etwa proportional?
Mit der Frage, wie Verschmutzungsquellen zum sauren Regen beitragen,
hatte sich ein Komitee des Nationalen Forschungsrates unter der Leitung von
Jack Calvert ("National Center for Atmospheric Research" in Boulder, Colorado)
in mehrjährigen Untersuchungen befaßt. Es kam zu dem Schluß, daß das Auftreten sauren Regens im östlichen Nordamerika anscheinend der durchschnittlichen
jährlichen Emission von Schwefeldioxid aus Kraftwerken, Industriebetrieben
und anderen Quellen in dieser Region etwa proportional ist. Jedoch seien
wissenschaftliche Modelle, die die Bewegung säurebildender Emissionen über
weite Strecken beschreiben, noch nicht präzise genug, um die Auswirkungen
von Maßnahmen zur Eindämmung der Emissionen zu analysieren,
Vielmehr könnten gegenwärtige Modelle nur zu den Auswirkungen einer Verringerung von Schwefeldioxid-Emissionen aus allen Quellen im östlichen Nordamerika um den gleichen Anteil etwas aussagen. Eine solche einheitliche Reduzierung werde, so wurde erklärt, wahrscheinlich eine Verringerung des sauren
Regens um einen ähnlich großen Prozentsatz in der gesamten Region bewirken.
Jedoch könnten die Modelle nicht vorhersagen, ob verringerte Emissionen nur
- 4 -

�Emissionen nur in bestimmten Gebieten, beispielsweise im Mittelwesten, zu
einer ähnlichen Verringerung an saurem Regen für die dafür besonders empfindlichen Seen und Flußlä'ufe im Nordosten der Vereinigten Staaten oder im südöstlichen Kanada führen werde.
Der Begriff "saurer Regen" umfasse ja in Wirklichkeit Regen, Schnee,
Nebel oder Trockenpartikel, die säurebildende Verbindungen wie Sulfate oder
Nitrate enthalten. Die Auswirkungen bestimmter Quellen für "sauren Niederschlag" - so der wissenschaftliche Begriff - an entfernter Stelle könne man
aber erst quantifizieren, wenn mehr darüber bekannt sei, wie Wetter, geographische Gegebenheiten und andere Faktoren die Bewegung von Schadstoffen
in der Atmosphäre beeinflussen. Der Ausschuß gründete seine Schlußfolgerungen auf Vergleiche von Emissionsmengen an Schwefeldioxid und Stickstoffoxiden mit Daten über die Konzentrationen von abgesetzten Sulfaten und Nitraten, auf Laboruntersuchungen zur Atmosphärenchemie und auf theoretische Berechnungen. Ein besonderer Schwerpunkt war die Beziehung zwischen SchwefeldioxidEmissionen und Sulfaten, weil diese Verbindungen zum größten Teil für den
sauren Charakter von Niederschlägen verantwortlich sind, und weil über die Beziehung zwischen dem Ausstoß an Stickstoffoxiden und Bildung von Nitraten
weniger bekannt ist.
"Relativ zuverlässige" Langzeitdaten über sauren Regen in Nordamerika
gibt es nur vom Hubbard Brook-Waldgebiet in New Hampshire. Seit 18 Jahren
werden dort wöchentlich Proben gesammelt, um daraus Art des Niederschlags,
der trockenen Partikel und Gase zu bestimmen. Die Analysenergebnisse deuten
darauf hin, so sagt der Bericht, daß Veränderungen in der Konzentration von
Sulfaten und Nitraten Veränderungen der Emissionsmengen von Schwefeldioxid
und Stickstoffoxiden sowohl in der unmittelbaren Umgebung als auch in weit
entfernten Gebieten der Vereinigten Staaten widerspiegeln, aus denen bei entsprechender Windrichtung Luftmassen heranströmen. Diese und andere sorgfältig ermittelten Daten zeigen u.a., daß über Entfernungen bis zu 1000 km
"Schadstoffe gründlich durchmischt" und durchschnittliche jährliche Emissionen
und ihren Niederschlag im großen Ganzen einander entsprechen. Es sei "unwahrscheinlich", daß eine Verringerung von Schwefeldioxidemissionen nicht eine
- 5 -

�nicht eine ähnliche Verringerung an Sulfaten und schließlich von saurem
Regen zur Folge hätte.

Vorschläge für die Forschung
Mit einer detaillierten wissenschaftlichen Erklärung der Mechanismen,
wie Verschmutzungsquellen sich auf spezifische "sensitive" Niederschlagsräume auswirken, ist wohl erst in Jahren zu rechnen.

Dennoch dürften dem

Bericht zufolge Feldstudien genügend zuverlässige Informationen zur Verbesserung der kürzerfristigen Maßnahmen gegen sauren Niederschlag in Nordamerika liefern.

Der Ausschuß empfahl u.a.

- Feldstudien zur Ermittlung der Mengen von Sulfaten und Nitraten, die
unter verschiedenen meteorologischen Bedingungen in Wolken gebildet
werden, und die Untersuchung von Faktoren, die möglicherweise solche
Mengen begrenzen;
- Entwicklung und Anwendung von Verfahren, um den Trockenniederschlag
von Schwefeldioxid und Stickstoffoxiden zu messen;
- Weiterentwicklung von Methoden der Spurenanalyse zum Auffinden einzelner Verschmutzungsquellen, d.h. Vergleich der spezifischen Kombination
von Spurenelementen in Emissionen mit ähnlichen Kombinationen von Elementen, die im suaren Regen gebunden werden.
Ein nach vier Jahren Forschung im Adirondack-Gebirge (Bundesstaat New
York) im Mai 1983 veröffentlichter Bericht des "Electric Power Research Institute" (Verband der Elektrizitätswirtschaft) zeigte weitere Aspekte dafür
auf, wie komplex die Auswirkungen von saurem Regen sind. Von drei nur 30 km
auseinanderliegenden Seen in diesem Waldgebirge ist z.B. der Woods Lake auffallend "sauer", während der Sagamore Lake in der Azidität stark schwankt
und der Panther Lake bisher neutral geblieben ist. Mit der Frage nach dem

- 6 -

�nach dem "Warum" befaßten sich 30 bekannte Wissenschaftler aus verschiedenen
naturwissenschaftlichen Gebieten, von der Geologie bis zur Biologie.
Sie fanden u,a., daß die Tiefe und Beschaffenheit des Erdbodens und der
Weg. dem Wasser entsprechend den geologischen Gegebenheiten beim Abfließen
folgt, großen Einfluß auf die Empfindlichkeit eines Sees gegenüber saurem
Regen haben.

Da tiefe mineralhaltige Böden saure Lösungen neutralisieren

können, nehmen Seen, die von solchen Böden umgeben sind, weniger leicht sauren
Charakter an.

Beispielsweise ist der Erdboden urn den neutralen Panther Lake

im Durschnitt achtmal tiefer als um den sauren Woods Lake. Dessen Zuflüsse
fließen größtenteils direkt von der Oberfläche ab oder passieren nur die obersten,
schon von Natur aus sauren organischen Bodenschichten.

Dagegen wird, wie im

Fall des Panther Lake, das in die tieferen Schichten von Sand und Kies einsikkernde Wasser neutralisiert,

So spiele also die Frage, wieviel des Oberflächen-

wassers eines Sees letztlich von Wasser kommt, das Sedimente passiert hat, und
wieviel aus direktem Abfluß und direktem Niederschlag, eine ganz wichtige
Rolle,
Nicht weniger bedeutsam seien, wie der Bericht sagt, Wechselwirkungen
von Regen und Schnee mit der Bewaldung.

So werden beispielsweise Wasser-

tröpfchen, die einen Nadelbaum passieren, gewöhnlich saurer.

Dagegen scheinen

Laubbäume den Säuregrad aufgenommener Wassertropfen zu verringern.

Wie ein

Angehöriger der Arbeitsgruppe, Nicolas L. Clesceri vom Rensselaer Polytechnic
Institute, herausfand, sammeln die Nadeln etwa einer Fichte oder Kiefer sehr
viel wirksamer Partikel und Gase als die Blätter eines Ahorn- oder Eichenbaumes.

Niederschlag bedeute somit Erhöhung der Säurekonzentration unter

dem Nadelbaum.

Aber es gebe noch keine Gewißheit darüber, wieviel biolo-

gische Prozesse, u.a. die nach Baumart und Wasserazidität sehr unterschiedliche Zersetzung von Laub und Nadeln im Wasser, zur Zusammensetzung des Gewässers beitragen.

Bedeutsame Ergebnisse dürften erst nach einer umfassende-

ren Auswertung aller Daten der Studie in vier oder fünf Jahren zu erwarten sein.

+ + + + +

- 7 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Scharfe Verurteilung des Flugzeugabschusses durch US-Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Reagan begrüßt Resolution -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ostpolitik mit klarem Kopf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von US-Staatssekretär Lawrence S. Eagleburger -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Menschenrechtsverletzungen in Nicaragua vor US-Kongressausschuss&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deutsch-amerikanische Vorbilder&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kranke Umwelt - welche Therapie?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Umfassendere praktische Gegenmaßnahmen und noch mehr Forschung vordringlich -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von G. Weiss&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST

34

21. Setpember 1988

I N H A L T

HINTERGRUNDMATERIAL
DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Nach erfolgreichster Wahlkämpfwoche;
Dukakis bereitet sich auf Fernsehdabatte mit Bush vor
- Erläuterungen zu den Wahlkampfreisen Dukakis und Bush nehmen gemäßigte Haltung zur Handelspolitik ein
- Erläuterungen zu den Ansichten der Kandidaten WIRTSCHAFT
Wie die Vereinigten Staaten mit Fällen unfairen Handels umgehen werden
- Eine Übersicht zum Verfahren gemäß Abschnitt 301
des Handelsgesetzes -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Sicherheit an erster Stelle
- DISCOVERY-Raumtransporter mit vielen Veränderungen -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

VON«*

21. September 1988

34

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
NACH ERFOLGREICHSTER WAHLKAMPFWOCHE:
DUKAKIS BEREITET SICH AUF FERNSEHDEBATTE MIT BUSH VOR
- Erläuterungen zu den Wahlkampfreisen -

WASHINGTON - (AD) - Angespornt
von einer gefühlsbetonten Verabschiedung aus Kalifornien, einem für den
Ausgang
der
Wahl
entscheidenden
Staat, wird Michael Dukakis diese Woche seine Wahlkampfreisen praktisch
abbrechen, um sich auf die erste seiner beiden Fernsehdebatten mit George
Bush vorzubereiten.
Nach Abstechern nach Florida und
Kentucky zu Anfang der Woche wird
sich der Gouverneur von Massachusetts
mit einigen bewährten Wahlkampfberatern nach Boston zurückziehen, um
seine Kenntnisse über die Themen aufzufrischen, die er in der am 25. September ausgestrahlten Fernsehdebatte
mit Vizepräsident George Bush in Winston-Salem (North Carolina) ansprechen will, und um sich gleichzeitig

United States Information Service
Embassy of the United States of America

auf mögliche Fallen vorzubereiten.
Wenn man von seiner bisherigen
Wahlkampfrhetorik ausgeht, wird Dukakis dieses Forum dazu nutzen, um vor
90 Millionen Amerikanern - dem wahrscheinlich größten Publikum dieses
Wahlkampfes - zu verdeutlichen, daß
seine Wahl mehr Jobs zu besseren Löhnen, eine mehr auf die konventionelle
Bewaffnung gestützte festere Haltung
zu Verteidigungsfragen, eine größere
Bereitschaft zu Verhandlungen mit der
Sowjetunion über die Begrenzung der
strategischen Waffen als bei Bush,
und wirksamere Bemühungen zur Verbesserung des Umweltschutzes, zum Abbau
des sauren Regens, von Wasserverschmutzungen und giftigen Chemikalien
bedeuten würde.

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Telex: 8-85432

�Die notwendige moralische Unterstützung erhielt der demokratische
Präsidentschaftskandidat während der
vergangene Woche unternommenen Abstecher nach Illinois, Michigan, Washington, Maryland, Montana und Kalifornien. Hierzu trug auch die Gewißheit bei, daß sein Name die Kassen
seiner
WahlkampfSpendenorganisation
klingeln läßt. Dukakis konnte am 17.
September echte Begeisterung wecken,
als er vor demokratischen Arbeiternehmern sprach, die sich bemühen werden, für die Partei Wahlbezirke in
Orange County, einer Hochburg der Republikaner, zu organisieren.
über
1 000 freiwillige Helfer - ein Rekord
in diesem County - ließen Dukakis
hochleben und stimmten Sprechchöre
an, als dieser Bush beschuldigte, er
würde zu dem im umweit bewußten Südkalifornien heiklen Thema der Ö'lförderung vor der Küste mehr Purzelbäume
schlagen als die amerikanische Olympiamannschaft.
Dukakis verließ Kalifornien mit
einer Spendensumme von einer Million
Dollar, die er im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung für den Landesverband seiner Partei in Los Angeles
sammelte.
Eine ähnlich hohe Summe
konnte er für San Diego erzielen. In
Annapolis (Maryland), Chicago (Illinois) und Springfield (Missouri) sammelte er geringere Beträge, wobei die
letzte Station nur dem Auftanken seiner Maschine diente.
Alles in allem hat Dukakis nach
selaer erfolgreichsten Woche seit der
Nominierung im Juli zu seinem Debattenstil gefunden - doch das ist
nichts, womit er sich angesichts seines sechswöchigen Abrutschens in den
Meinungsumfragen
besonders
brüsten
sollte.
Trotz
des
anhaltenden
Gerüchts, wonach Dukakis' Kampagne
immer noch um die Nominierung kämpft,
hat der demokratische Kandidat den
Niedergang in einigen Meinungsumfragen sogar abfangen können und hat immerhin in zwei der Umfragen eine
kleinen Vorsprung erreicht (in der
Umfrage von der Washington Post zusaimen mit der Fernsehgesellschaft

ABC vom 16. September und der RoperMeinungsumfrage vom 15. September).
Andere Befragungen geben Bush einen
kleinen Vorsprung.
Die vergangene Woche konnte Dukakis erfolgreich nutzen, um solche
Schwächen anzusprechen, auf die sich
die Kritiker konzentriert hatten.
Gemeint ist sein Fachwissen auf innen- und außenpolitischen Gebieten,
sein Versagen bei der vollständigen
Ausnutzung aller Möglichkeiten zur
Schaffung eines optischen Images und
seine vermeintliche Unfähigkeit, eine
gewisse gefühlsmäßige Wärme unter den
Wählern zu wecken.
"Er hat keinen Killer-Instinkt",
beschwerte sich ein Zeitungsreporter.
"Er haut Bush nicht in die Pfanne,
wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Man könnte ja noch behaupten,
Dukakis täte sich selbst einen Gefallen, weil er nicht wie Bush unterhalb
der Gürtellinie argumentiert, um Dukakis' Partiotismus in Frage zu stellen, aber er könnte Bush doch wenigstens bei einigen Themen festnageln."
Über Verteidigungspolitik hat Dukakis beispielsweise an der Georgetown University eine Rede gehalten,
die bei seinen Zuhörern gut ankam,
und in der er darlegte, welche Verteidigungssysteme
er
unterstützen
würde und welche verringert werden
müßten. Er hat sich jedoch nicht zu
der Tatsache geäußert, daß die konventionellen Streitkräfte verringert
werden müßten, wenn Bush die von ihm
befürworteten
Waffensysteme
finanziert, da der Kongreß aller Wahrscheinlichkeit nach die Verteidigungsausgaben nicht anheben wird.
Bush hat bis jetzt noch nicht dargelegt, welche Ausgabenposten er kürzen
wird, und Dukakis hat ihn auch noch
nicht zu einer Stellungnahme hierzu
aufgefordert.
Dukakis und seine Mannschaft sind
bei der Wahl des visuellen Umfelds
für Auftritte des Kandidaten geschickter geworden, können es jedoch
noch nicht mit dem Vizepräsidenten

- 2 -

�oder Ronald Reagan aufnehmen, deren
Mitarbeiter anerkannte Meister in
diesem Fach sind.
Der Auftritt des Gouverneurs im
Yellowstone-Nationalpark, der vor den
Naturwundern in Szene gesetzt wurde,
brachte nicht den vollen Erfolg, was
teilweise auf Unzulänglichkeiten bei
den Mitarbeitern und teilweise auf
äußere Ereignisse zurückzuführen ist.
Nach seiner Ankunft in dem Nationalpark gelang es Dukakis nicht, eine
publikumswirksame Attacke gegen Bush
zu starten. Die Fernsehanstalten sahen deshalb wenig Anlaß, über seinen
Auftritt in den Abendnachrichten zu
berichten, die für die meisten Amerikaner meinungsbildend sind. Außerhalb der Kontrolle des Gouverneurs
lag die karibische Odyssee des Hurrikans Gilbert, des schlimmsten Wirbelsturms in diesem Jahrhundert, dem die
vollständige Aufmerksamkeit der Fernsehsender galt. (Während die landesweiten Medien ihm wenig Raum einräumten, wurde der Kandidat von den regionalen Fernseh- und Rundfunkstationen und Zeitungen mit Aufmerksamkeit
förmlich überschüttet.)
Andere Elemente unterliegen der
Kontrolle der Wahlkampfführung, aber
das Zusammenwirken von Eigensinn des
Kandidaten und Mangel an Erfahrung
der Mitarbeiter
haben nachteilige
Auswirkungen.
Am 16. September 1988 traf sich
Dukakis zum Beispiel mit 30 Polizisten aus Chula Vista und umliegenden
Gerichtsbezirken im Kreis Diego in
Kalifornien.
über 30 Minuten lang
führte der Gouverneur eine ruhige und
eindrucksvolle Diskussion über Verbrechen und Bestrafung mit den Polizisten, hörte sich deren Vorschläge
an, beantwortete Fragen und sprach
über die Bilanz der Fortschritte bei
der Verbrechensbekämpfung in Massachussetts. Doch obwohl seinen Mitarbeitern schon mehrfach erklärt worden
war, daß die Tonqualität des von Dukakis bevorzugten, an der Kleidung zu
befestigenden
drahtlosen
Mikrofons
für Rundfunk- und Fernsehzwecke zu

schlecht sei, wurde ein solches vom
Kandidaten benutzt.
Das Ergebnis:
von der Neonbeleuchtung an uer Decke
verursachte
elektrische
Störungen
machten den Ton weitgehend unbrauchbar.
Jegliche logistische oder planerische Fehler werden durch den mitreisenden
Pressetroß
noch
aufgebauscht.
Dies liegt sowohl daran,
daß einige der Teilnehmer zum ersten
Mal über einen Präsidentschaftswahlkampf berichten sowie auch, daß 'per
definitionem'
alles
ungewöhnliche
eine Nachricht ist.
Bis vor kurzem ermangelte es dem
Dukakis-Stab bekanntermaßen auch an
wahlkampferprobten Veteranen.
Sein
Mit-arbeiterstab hatte den Gouverneur
natürlich in den zermürbenden Monaten
des Vorwahlkampfs unterstützt und ihm
schließlich zur Nominierung verholten.
Nicht jeder Mitarbeiter wird
jedoch durch die - lediglich in einem
oder zwei Staaten gleichzeitig ausgetragenen - Vorwahlkämpfe befähigt,
die Anforderungen eines Rennens um
270 Wahlmännerstimmen von Küste zu
Küste zu bestehen.
Dukakis hat sich inzwischen um
zusätzliche Hilfe bemüht und Thomas
Donilon, einen Washingtoner Anwalt
und
Veteranen
der
demokratischen
Wahlkämpfe der Jahre 1980 und 1984,
zur Mitarbeit an der Debattenstrategie und anderen Aufgaben gewonnen.
Seine Wahlkampfleiterin
ist Susan
Estrich, eine Professorin der Harvard
Law School; John Sasso, sein vormaliger Wahlkampfleiter, der den Ruf
eines politischen Neuerers genießt,
hat sich wiederum seinem Team angeschlossen. Paul Brountas, ein Anwalt
und langjähriger Freund, begleitet
den Kandidaten als Berater. In der
vorigen Woche ernannte der Gouverneur
ein Dutzend stellvertretende Wahlkampfleiter, darunter die Senatoren
Bill Bradley und Sam Nunn sowie den
Gouverneur von New York, Mario Cuomo.
Beide Kandidaten haben in den
seit den Nominierungsparteitagen ver-

- 3 -

�gangenen Wochen ihren Wahlkampf besonders auf die lokale Basis konzentriert, indem sie hier eine Rede
hielten und dort an einer WahlkampfVeranstaltung
teilnahmen.
Am 25.
September verlagert sich das Schwergewicht auf die landesweite Ebene,
wenn sie Millionen und nicht nur Tausenden von Wählern ihre Ansichten
vortragen. Die Parteigänger von Dukakis sind der Ansicht, daß ihr Mann
dabei gut abschneiden wird, solange
seine Selbstsicherheit nicht wie Arroganz aussieht und sein intellektuelles Format bei der Behandlung der
meisten Probleme nicht herablassend
wirkt.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
'VON

Hintergrundmaterial

4

34

21. September 1983

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
DUKAKIS UND BUSH NEHMEN GEMÄSSIGTE HALTUNG ZUR HANDELSPOLITIK EIN
- Erläuterungen zu den Ansichten der Kandidaten -

WASHINGTON - (AD) - Wenn man der
Rhetorik. von Präsidentschaf tswahlkäinpfen glauben schenken soll, werden
wahrscheinlich weder Michael Dukakis
noch George Bush im Fall der Wahl zum
Präsidenten der Vereinigten Staaten
eine protektionistische Haltung einnehmen.
Beide Kandidaten haben in ihren
offiziellen Verlautbarungen und Reden
der vergangenen Monate ihren Willen
bekundet, bei unfairen Handelspraktiken energisch durchzugreifen aber
gleichzeitig Situationen aus dem Wege
zu gehen, die zu einem Handelskrieg
führen würden.
In einer kürzlich gehaltenen Rede
trug Bush vor: "Als Präsident ...
•rfi'rde ich Handelsschranken nieder-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

reißen und dabei in einem vernünftigen Zeitrahmen hartnäckig Verhandlungen zum Abbau von Subventionen führen, die Märkte verzerren und den
Handel behindern." Bush fügte hinzu:
"Dabei müssen wir jedoch gemeinsam
mit unseren Handelspartnern vorgehen.
Einseitige Schritte werde ich nicht
ergreifen."
Bush erläuterte in einem hierzu
gesondert veröffentlichten Wahlkampfpapier, andere Länder ausgrenzende
Zölle
würden
"der amerikanischen
Wirtschaft die Anreize zu einem internationalen Wettbewerb nehmen, ausländische
Investionen
in unserer
Wirtschaft verhindern und die Wachstumskräfte unserer Industrien zum Export von Gütern in andere Länder hemmen."

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Diese Stellungnahmen könnten genausogut von Dukakls stammen.
"Ein Handelskrieg wird - wie jeder Krieg - nur Opfer fordern, aber
keine Sieger hervorbringen", hob Dukakis in einem Thesenpapier zum internationalen Handel hervor. "Unfaire Handelspraktiken sind nur zum Teil
der Grund für unser Handelsbilanzdefizit...
Wenn
sämtliche Handelsschranken für amerikanische Güter
tatsächlich schon morgen fallen würden, hätten wir immer noch ein Handelsdefizit von 125 Milliarden Dollar."
Wie Bush betont auch Dukakis, daß
er gegen unfaire Handelspraktiken
vorgehen würde, die darauf hinauslaufen, ausländische Waren zu verschleudern und Märkte gegen amerikanische
Güter abzuschotten. Er fügte hinzu,
er sei zur Verhängung von Handelssanktionen bereit, wenn es in einigen
Ländern zur Verletzung von Handelsabkommen oder einer systematischen Verletzung von Arbeiterrechten kommt.
Gleichzeitig unterstützt er Kompensationsmaßnahmen
für
bestimmte
amerikanische
Industriezweige
als
Ausgleich für Einfuhren aus dem Ausland, doch nur, wenn es sich um eine
vorübergehende Unterstützung handelt
und diese Industriezweige sich zu Modernisierungsmaßnahmen verpflichten.
Wörtlich fügte Dukakis hinzu:
"Wir müssen darauf achten, daß die in
den Genuß jener Kompensation gelangenden
Industriezweige
Investionen
vornehmen, modernisieren und wettbewerbsfähiger werden."
* * * * *

- 2

�AMERIKA DIENST
VON

Wirtschaft

*

21. September 1988

34

WIE DIE VEREINIGTEN STAATEN MIT FALLEN UNFAIREN HANDELS UMGEHEN WERDEN
- Eine Übersicht zum Verfahren gemäß Abschnitt 301 des Handelsgesetzes -

In dem von Präsident Reagan am 23. August 1988 unterzeichneten Allgemeinen
Handels- und Wettbewerbsgesetz wird nicht nur Abschnitt 301 über uufaire Handelspraktiken verschärft, sondern es werden auch neue Fristen für die Behandlung solcher Probleme gesetzt.
Nachfolgend wird der Weg eines einfachen Falles gemäß Abschnitt 301 durch
die verschiedenen Instanzen der amerikanischen Regierung beschrieben (falls
keine ungewöhnlichen Verzögerungen oder Komplikationen auftreten):
Fälle gemäß Abschnitt 301
-

von sich aus
einleiten.

eine

Überprüfung

Jeder aus einer Reihe "interessierter Personen" kann beim USHandelsbeauftragten
(USTR) eine
Eingabe machen. Zu diesen Personen zählen amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer, Verbrauchergruppen, Exporteure und industrielle Nutzer der betreffenden
Waren und Dienstleistungen.

Am Tag des Beginns einer Überprüfung durch den USTR, muß dieser
sich um Konsultationen mit dem
davon betroffenen Land bemühen.
Falls der Streitfall nicht durch
Konsultationen bereinigt werden
kann, muß der USTR eine weitere
Maßnahme ergreifen.

Innerhalb von 45 Tagen nach Einreichung des Antrags muß der USTR
entscheiden, ob eine Überprüfung
eingeleitet werden soll.
Entscheidet der USTR gegen eine
Überprüfung, ist der Fall erledigt.

Berührt die Überprüfung ein Handelsabkommen, muß der USTR sich
bemühen, den Streitfall binnen
150 Tagen nach Aufnahme der Konsultationen mit den eventuell von
diesem Abkommen gewährten Mechanismen zu lösen.

Der USTR kann andererseits auch

In

United States Information Service
Embassy of the United States of America

bestimmten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Fällen,

in denen

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ein solches Handelsabkommen eine kürzere Frist für diese Konsultationen
vorschreibt, ist für den USTR der
Zeitrahmen zur Beilegung des Falles
noch enger gesteckt.

dermaßen ablaufen:

Verlaufen die Konsultationen und
Verhandlungen über die Beilegung
des Streitfalls ergebnislos, muß
der USTR entscheiden, ob das betreffende Land unfair gehandelt
hat und ob die Vereinigten Staaten 1. binnen 12 Monaten nach
Einleitung
der Überprüfung in
Subventionsfällen und in Fällen,
dii? kein Handelsabkommen berühren, und 2. innerhalb von 18 Monaten in Fällen, die Handelsabkommen berühren, aber keine Subventionen betreffen, Gegenmaßnahmen ergreifen sollten.
In bestimmten Fällen, in denen
ein Fall durch Instrumente zur Beilegung von Streitfällen schnell gelöst
werden können, ist für den USTR die
Frist, um eine solche Entscheidung zu
fällen, noch kürzer.
Der USTR muß innerhalb von 30 Tagen nach einem solchen Beschluß
übor unfaire Handelspraktiken Gegenmaßnahmen einleiten.
Ausnahme: Der USTR kann Gegenmaßnahmen bis zu 180 Tagen aussetzen,
wenn der Antragsteller darum bittet
oder wenn der USTR entscheidet, daß
erhebliche Fortschritte erzielt werden oder daß ein solcher Aufschub zur
Lösung des Streitfalls beitragen würde.
-

Jegliche
Gegenmaßnahmen
werden
automatisch nach vier Jahren eingestellt.
Der USTR kann zuvor
unter bestimmten Bedingungen diese
Gegenmaßnahmen
modifizieren
oder beenden.

Ein gänzlich neuer Bereich gesetzlicher Vorschriften gegen unfairen Handel unter der Bezeichnung "Super 301" zielt darauf ab, unverzüglich gegen eine Reihe unfairer Praktiken vorzugehen. Dies würde folgen- 2 -

Im Jahr 1989 und 1990 muß der USHandelsbeauftragte
dem
Kongreß
binnen 30 Tagen nach Vorlage des
vorgeschriebenen
Jahresberichts
über
unfaire
Handelspraktiken
eine Liste derjenigen Praktiken
und Länder präsentieren, die der
amerikanischen Wirtschaft in bezug auf verlorene Exportaufträge
den größten Schaden zufügen. Der
Bericht für 1989 muß zum 30.
April vorliegen.
Innerhalb von 21 Tagen nach Vorlage des Berichts muß der USTR
gemäß Abschnitt 301 Überprüfungen
aller vorrangig zu behandelnden
Praktiken einleiten, die für jedes Land je nach Priorität aufgelistet werden.
Der USTR muß mit jedem dieser
Länder Verhandlungen über Abkommen zum schrittweisen Abbau dieser unfairen Praktiken oder über
Kompensationsmaßnahmen aufnehmen,
die innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein müssen. Die Erlangung eines solchen Abkommens
würde die Überprüfung gemäß Abschnitt 301 beenden.
Falls dem USTR der Abschluß eines
solchen Abkommens nicht gelingt,
oder falls das betreffende Land
ein solches Abkommen nicht einhält, wird die Überprüfung gemäß
Abschnitt 301 den einschlägigen
Bestimmungen zufolge - mit möglichen Gegenmaßnahmen - weitergeführt.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
r

V,oN^

Wissenschaft und Technik

21. September 1988

34

SICHERHEIT AN ERSTER STELLE
DISCOVERY-Raumtransporter mit vielen Veränderungen

(AD) - Mit Hunderten von Änderungen an den Hauptsystemen wird der
Raumtransporter
DISCOVERY
starten.
Sie wurden nach dem CHALLENGER-Ungliick von 28. Januar 1986 in langwierigen und sorgsamen Prozeduren geplant und durchgeführt. Wie Flugdirektor Larry Bourgeois erläuterte,
sei neben ihrer Erprobung unter Flugbedingungen die wichtigste Aufgabe
beim
bevorstehenden
Unternehmen,
einen 2,25 Tonnen schweren Nachrichtensatelliten vom Typ TDRS im Weltraum abzusetzen.
Zusammen mit dem
seit April 1983 die Erde umkreisenden
identischen Gerät ermöglicht er nicht
nur ständige Funkverbindung zwischen
Raumtransporter
und Erde, sondern
kontinuierliche Bahnbeobachtung sowie
Erfassung und Übermittlung der Meßdaten von mehr als 20 der DISCOVERY-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Forschungssatelliten.
Die elf wissenschaftlichen Experimente an Bord
der Discovery dienen u.a. der weiteren Erforschung von Auswirkungen der
"Mikrogravitation" (nahezu schwereloser Zustand) auf Proben verschiedener
Art und der Untersuchung elektrischer
Stürme.
Für die fünfköpfigen Besatzung
wird zum ersten Mal ein Rettungssystem mitgeführt. Es kann allerdings
nicht in der Startphase, sondern nur
während des kontrollierten Gleitfluges bei der Rückkehr zur Erde benutzt
werden. Falls der Orbiter zu einer
unvorhergesehenen Landung gezwungen
ist und keine sichere Piste erreicht
werden kann, erlaubt ein von einer
Seitenluke ausfahrbarer langer Ausleger aus Aluminium und Stahl, daß die

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Astronauten dem Bereich der Tragflächen oder der Motorabgase entkommen,
um dann mit ihren in die Schutzanzüge
eingebauten Fallschirmen sicher zu
Boden zu gelangen.

die Überwachung bzw. Kontrolle des
Raumtransporter-Starts
wurden
in
38 000 Punkten geändert, um mehr
Sicherheiten einzubauen.

Die seinerzeit vom Präsidenten
eingesetzte Kommission zur Untersuchung des CHALLENGER-Unglücks stellte
fest, daß den Astronauten in der damaligen Situation kein Rettungssystem
hätte helfen können.
Alle sieben
starben bei der Explosion, die sich
kurz nach dem Start ereignete. Die
Kommission empfahl jedoch eine Vorrichtung, die im Notfall das Aussteigen während des gesteuerten Fluges
ermöglicht.

* * * * *

Richard Kohrs, der stellvertretende Direktor des Shuttle-Programms,
gab einen Überblick über die wichtigsten technischen Veränderungen. Sie
galten keineswegs nur den Dichtungen
zwischen den Segmenten der Feststoffraketen.
Jeweils dreißig entfallen
auf die drei Haupttriebwerke am Heck
des Orbiters - u.a. Verstärkung der
Turbinenschaufeln bei den Turbopumpen, um zu verhindern, daß Schaufelblätter Risse bekommen und robustere
Bauweise der Ventilgehäuse bei den
Treibstoffhauptleitungen.
Kohrs zufolge wurden am Orbiter 210 Veränderungen vorgenommen:
Sie betreffen
die Verkabelung, Verbesserung der
Steuerungsfähigkeit, Strukturverstärkung der Tragflächen und Triebwerksverkleidungen sowie Verbesserungen an
den Kacheln des Hitzeschilds. Das
mit Problemen behaftete Fahrwerk wurde mit neuen, abriebfesteren Bremsen,
versteifter
Achse
und
spezieller
Elektronik
zur
Verbesserung
der
Bremsfunktion ausgerüstet.
Am Außentank, der die riesigen
Mengen von flüssigem Sauerund Wasserstoff als Treibstoff für die Haupttriebwerke in der Startund Aufstiegsphase aufnimmt, wurden acht technische Änderungen vorgenommen.
Dazu
gehört z.B. ein verbessertes System
zum Trennen von Stromkabeln, solange
sich das Fluggerät noch am Startplatz
befindet. Die Computerprogramme für
- 2 -

�</text>
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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. September 1994

37

USA-HAITI

CUNTON: MILITARMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums

BEVÖLKERUNG

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig

MENSCHENRECHTE

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore

TECHNOLOGIE

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-HAITI
21. September 1994

CLINTON: MILITÄRMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 19. September 1994
gehaltene Rede, in der er die Vereinbarung bekanntgab, die eine Invasion in Haiti verhindert hat.

Liebe Mitbürger, ich möchte bekanntgeben, daß die
Militärmachthaber in Haiti der Abdankung zugestimmt haben. Die Diktatoren haben erkannt, daß es
in ihrem besten Interesse und im besten Interesse
des haitianischen Volkes liegt, die Macht friedlich
aufzugeben, statt sich der bevorstehenden Aktion
der von uns angeführten Streitkräfte der multinationalen Koalition zu stellen.
Während der vergangenen drei Jahre lautete unser
Ziel, sicherzustellen, daß die Militärdiktatoren die
Macht aufgeben und die demokratisch gewählte
Regierung zurückkehrt. Diese Vereinbarung garantiert diese beiden Ziele.
Sie reduziert das Risiko für die amerikanischen
Streitkräfte und die Streitkräfte der 24 Nationen
umfassenden internationalen Koalition auf ein
Minimum.
Und die Koalition gewährleistet die
ordentliche Übergabe der Macht an Haitis demokratisch gewählte Regierung.
Es ist ein gutes Abkommen für die Vereinigten
Staaten und für Haiti. Die Militärmachthaber werden
gehen. Die Vereinigten Staaten und die Koalitionsstreitkräfte werden ab morgen unter Bedingungen
auf die Insel kommen, die weniger gefährlich, jedoch
nicht ohne Risiko sind.
Es wird sehr viel einfacher sein, die Menschenrechte
zu achten, und es besteht die echte Chance einer
ordentlichen und weniger gewalttätigen Machtübergabe. An die Anhänger von Präsident Aristide
gerichtet sage ich, daß er zurückkehren wird. Ich
bitte alle Haitianer, sich zu erinnern, was Präsident
Aristide noch vor wenigen Tagen gesagt hat: Keine
Rache, keine Gewalt, keine Vergeltung - dies ist die
Zeit für Frieden. Darauf werden die Vereinigten
Staaten zusammen mit ihren Koalitionspartnern
hinarbeiten.

AMERIKA DIENST 37

Wie Sie wissen, sind Präsident Carter, General Colin
Powell und Senator Sam Nunn erst gestern auf
meine Bitte nach Haiti gereist, um den Rücktritt der
Diktatoren zu bewirken. Ich habe in den vergangenen zwei Tagen ständig mit ihnen in Verbindung
gestanden. Sie haben unermüdlich fast 24 Stunden
am Tag gearbeitet, und ich möchte ihnen meinen
Dank dafür aussprechen, daß sie diese entscheidende Mission im Namen aller Amerikaner unternommen
haben.
Ich möchte auch allen Männern und Frauen der
Streitkräfte der Vereinigten Staaten danken. Ihre
Präsenz und ihre Vorbereitungen haben bei diesem
Abkommen eine bahnbrechende Rolle gespielt.
Im Rahmen dieser Vereinbarung stimmen die Diktatoren der Abdankung zu, sobald das haitianische
Parlament - wie im Abkommen von Governor's Island
gefordert - ein Amnestiegesetz erläßt. Auf jeden Fall
jedoch vor dem 15. Oktober.
Sie haben der unverzüglichen Ankunft von Truppen
der internationalen Koalition bereits ab morgen
zugestimmt.
Sie haben darüber hinaus uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Koalitionstruppen während der
friedlichen Machtübergabe zugesagt - wofür wir uns
sehr eingesetzt haben. Ich habe die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten angewiesen, die Entsendung
nach Haiti als Teil der UN-Koalition vorzunehmen,
und General Sheldon, unser Befehlshaber, wird
morgen dort sein.
Die Präsenz der 15.000 Soldaten umfassenden
multinationalen Streitmacht wird garantieren, daß die
Diktatoren die Bedingungen des Abkommens einhalten. Aus unseren Gesprächen mit der Delegation
wurde klar, daß dieses Abkommen nur wegen der
glaubwürdigen und unmittelbaren Bedrohung durch
die multinationale Streitmacht zustande kam. Es

Seite 1

�wurde in der Tat unterzeichnet, nachdem Haiti
Beweise hatte, daß Fallschirmjäger unserer in Fort
Bragg (North Carolina) stationierten 82. Luftlandedivision die Invasion eingeleitet hatten, die auf meine
Anweisung hin an diesem Abend beginnen sollte.
Zu dem Zeitpunkt, als das Abkommen erzielt wurde,
waren bereits 61 amerikanische Flugzeuge in der
Luft. Aufgrund dieser Vereinbarung werden die
Truppen der Vereinigten Staaten und der Koalitionsstreitmacht unter sehr viel günstigeren Bedingungen
nach Haiti gehen können, als wenn die Generäle
sich nicht für den Machtverzicht entschieden hätten.

Präsident Aristide wird nach Haiti zurückkehren, wenn
die Diktatoren die Insel verlassen. Am Donnerstagabend habe ich Ihnen gesagt, daß die Vereinigten
Staaten hier handeln müssen, um ihre Interessen zu
schützen und die brutalen Greueltaten zu beenden,
die Hunderttausende Haitianer bedrohen, um unsere
Grenzen zu schützen, Stabilität in unserer Hemisphäre zu erhalten und Demokratie zu fördern, um in den
Verpflichtungen, die wir anderen gegenüber eingegangen oder andere uns gegenüber eingegangen
sind, glaubwürdig zu bleiben. Dieses Abkommen
fördert all diese Ziele.

Ich möchte jedoch betonen, daß diese Mission
immer noch Risiken birgt, auf die wir vorbereitet sein
müssen. Haiti ist noch immer ein krisengeschütteltes Land, und die Möglichkeit von Gewaltakten
gegen amerikanische Truppen bleibt bestehen, aber
dieses Abkommen minimiert diese Risiken und
maximiert unsere Chance zum Schutz der Menschenrechte aller Haitianer, sowohl derjenigen, die
Präsident Aristide unterstützen, als auch derjenigen,
die ihn ablehnen. Und um ein Umfeld zu schaffen,
in dem Präsident Aristide zurückkehren kann - ohne
Gewalt, ohne Rache, ohne Vergeltung, wie er sagte.

Von Anfang an habe ich gesagt, daß die haitianischen Diktatoren gehen müssen. Heute kann ich
Ihnen sagen, daß sie gehen werden. Und an die
unter weniger risikoreichen Bedingungen auf den
Weg nach Haiti entsandten Truppen gerichtet sage
ich heute abend, ich bin zuversichtlich, daß Sie Ihre
Mission effektiv und professionell durchführen, wie sie
es bereits getan haben. Wir verlassen uns auf Sie,
daß Sie Ihre Arbeit morgen gut machen, so ausgezeichnet, wie Sie Ihre Arbeit heute und in den Wochen und Tagen davor geleistet haben, als Sie diese
Übung planten, sich auf sie vorbereiteten, und sie
dann auszuführen begannen.

Gemäß der Bestimmungen von Resolution 940 des
UN-Sicherheitsrats wird in Kürze eine 25 Nationen
umfassende internationale Koalition nach Haiti
entsandt, um die Aufgabe der Wiedereinsetzung
einer demokratischen Regierung in Angriff zu nehmen.

Ihnen allen möchte ich meinen Dank aussprechen
und sagen, Ihre Nation ist stolz auf Sie.
Gute Nacht. Gott schütze Amerika.

•

*

*

*

.

Seite 2

AMERIKA DIENST 37

�USA-HAITI
21. September 1994

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

WASHINGTON - (AD) - Das am 18. September 1994 in Port-au-Prince erzielte Abkommen zwischen dem
ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und den Militärmachthabern in Haiti hat folgenden
Wortlaut.

1. Der Zweck dieses Abkommens ist, Frieden auf
Haiti zu fördern, Gewalt und Blutvergießen zu
vermeiden, Freiheit und Demokratie zu fördern
und zwischen den Regierungen, der Bevölkerung
und den Institutionen Haitis und der Vereinigten
Staaten von Amerika dauerhafte Beziehungen
von beiderseitigem Vorteil zu schmieden.

1994 - je nachdem, was eher erfolgt. Die Parteien dieses Abkommens verpflichten sich zur
Zusammenarbeit mit dem haitianischen Parlament,
um dieses Vorgehen zu beschleunigen. Ihre
Nachfolger werden gemäß der haitianischen
Verfassung und des bestehenden Militärrechts
benannt.

2. Um diese Vereinbarung umzusetzen, werden das
haitianische Militär und die Polizeikräfte eng mit
der amerikanischen Militärmission zusammenarbeiten.
Diese in gegenseitigem Respekt
durohgeführte Zusammenarbeit dauert für die
Übergangsperide an, die für die Gewährleistung
tragfähiger Institutionen des Landes erforderlich
ist.

4. Die Militäraktionen der amerikanischen Militärmission werden mit dem haitianischen Obersten
Militärkommando koordiniert.

3. Um persönlich zum Erfolg dieses Abkommens
beizutragen, sind bestimmte Offiziere der haitianischen Armee bereit, im Einklang mit den UNOResolutionen 917 und 940 einem frühzeitigen
und ehrenhaften Ausscheiden aus dem Amt
zuzustimmen, wenn eine Generalamnestie vom
haitianischen Parlament als Gesetz verabschiedet
wird, oder spätestens bis zum 15. Oktober

5. Das Wirtschaftsembargo und die Wirtschaftssanktionen werden im Einklang mit den relevanten
UNO-Resolutionen unverzüglich aufgehoben und
die Erfordernisse der haitianischen Bevölkerung
so bald wie möglich erfüllt.
6. Die anstehenden Parlamentswahlen werden frei
und demokratisch abgehalten.
7. Es versteht sich, daß die obenstehende Vereinbarung von der Zustimmung der zivilen Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und
Haitis abhängig ist.

* * * *

AMERIKA DIENST 37

*

Seite 1

�USA-HAITI
21. September 1994

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem am 13. September 1994 veröffentlichten dritten Zwischenbericht des USAußenministeriums zufolge hat das haitianische Militärregime, das Präsident Jean-Bertrand Aristide vor drei
Jahren stürzte, das Land in einer Herrschaft des Terrors unterjocht, die der 30jährigen Diktatur der Familie
Duvalier vergleichbar ist.
Anläßlich der Vorlage des Berichts stellte John Shattuck, Abteilungsleiter im Außenministerium für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten, fest, das Ziel der haitianischen Militärmachthaber sei, "die
Rechtsstaatlichkeit durch eine Herrschaft der Angst zu ersetzen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht in wesentlichen Auszügen.

Dies ist der dritte vom US-Außenministerium für
1994 erstellte Zwischenbericht über die Menschenrechtssituation auf Haiti. Seit der Veröffentlichung
der jährlichen Länderberichte im Februar 1994 über
Menschenrechtspraktiken im Jahr 1993 hat das
Außenministerium im April und Juli 1994 zwei
Berichte über Haiti herausgegeben. Der nun vorliegende dritte Bericht ist detaillierter und umfassender als die beiden vorherigen. Er versucht, das
durch die Ausweisung der gemeinsam von den
Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten unterstützten Internationalen Zivilen
Mission entstandene Vakuum zu füllen, die zur
Beobachtung der Menschenrechtssituation auf Haiti
entsandt worden war.
Zusammenfassung
Die Menschenrechtssituation auf Haiti unter dem
unrechtmäßigen Regime von General Cedras ist der
Lage unter dem berüchtigten Regime von Frangois
"Papa Doc" Duvalier vergleichbar. Das Militärregime
und die De-facto-Regierung fördern Unterdrückung
und Terror, sanktionieren Attentate, Morde, Folter,
Schläge, Verstümmelung und Vergewaltigung. Die
Aktionen des Regimes sind eine flagrante Verhöhnung der internationalen Staatengemeinschaft, die
diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen
wiederholt verurteilt hat.
Die zunehmende Unterdrückung und die Terrorakte
auf Haiti werden auf verschiedenen Ebenen durch
das Militär, die Polizei und Zivilisten ausgeübt, die

AMERIKA DIENST 37

dem Cedras-Regime Bericht erstatten. Das Militär
kontrolliert die De-facto-Regierung, die Polizei, die
Polizeitattaches, die Chefs de Section und die nur
dem Namen nach unabhängige FRAPH, bekannt als
die Revolutionäre Front für Fortschritt auf Haiti oder
auch als Bewaffnete Revolutionäre Front des Haitianischen Volkes.
Obwohl die demokratisch verabschiedete Verfassung
von 1987 eine getrennt vom Militär operierende
Polizei fordert, haben die Streitkräfte die Kontrolle der
polizeilichen Aufgaben übernommen. Die Polizeiattachös sind quasi offizielle Agenten des Sicherheitsapparats, die die Bevölkerung verdeckt überwachen,
Repression ausüben und Wachmannschaften organisieren. Die Chefs de Section sind ein auf dem Land
operierender Zweig des Militärs, der dem Befehl der
Departementskommandeure der Armee untersteht.
Das Regime veranlaßt, ermutigt oder gestattet, daß
diese Organisationen und Einzelpersonen die Menschenrechte ungestraft verletzen.
Die Zentralbehörden geben den Ton an und erteilen
allgemeine Instruktionen für offizielle Terrorakte,
überwachen jedoch nicht unbedingt die Ausführung.
Die Repression erfolgt in der Tat dezentralisiert mit
der Folge, daß die unteren Ränge des Sicherheitsapparats ihre Positionen im allgemeinen als private
Sinekure betrachten. Sie mißbrauchen ihre Befugnis
regelmäßig, um die örtliche Bevölkerung zu erpressen, ihre eigene gesellschaftliche Position zu verbessern und für sich oder ihre Freunde alte Rechnungen
zu begleichen. Diese zu Zeiten von Francois Duva-

Seite 1

�Her häufig angewandte besondere Art von Terror auf
Haiti führte zur Gründung der berüchtigten Tonton
Macoutes. Wie der Fall von Militärkommandeur
Norelus Mandelus beweist, ist das Militär in der
Lage, der Gewalt Einhalt zu gebieten, ermutigt oder
erlaubt sie jedoch, weil sie ihren Zwecken dient.
Zur Überwachung der Menscherechtssituation der
De-facto-Regierung unterstützten die Vereinten
Nationen und die Organisation Amerikanischer
Staaten gemeinsam die Internationale Zivile Mission
(International Civilian Mission - ICM), die erstmals
1993 und erneut 1994 nach Haiti entsandt wurde.
Die ICM stellte von ihrer Ankunft bis Juli 1994
umfangreiche Beweise für gravierende Menschenrechtsverletzungen auf Haiti zusammen, bis die Defacto-Regierung behauptete, die Präsenz der ICM in
Haiti habe keine Rechtsgrundlage und sie auswies.
Jüngste Berichte über Menschenrechtsverletzungen
Obwohl es der Amerikanischen Botschaft nicht
möglich war, die ausgezeichnete Arbeit der nahezu
90 ICM-Beobachter, die sich vormals im Land
aufgehalten hatten, in gleichem Maße fortzusetzen,
ist die Überwachung der Menschenrechtssituation
seit der Ausweisung der ICM erheblich verstärkt
worden. Zusätzlich zu Ad-hoc-Berichten erstellt das
Botschaftsteam wöchentliche Berichte über die sich
verschlechternde Menschenrechtssituation.
Die Lage seit der Entmachtung von Präsident
Arlstlde
Das Cedras-Regime kam im September 1991 mit
einem Putsch gegen die damals seit acht Monaten
amtierende, demokratisch gewählte Regierung von
Präsident Jean-Bertrand Aristide an die Macht.
Unmittelbar nach dem Staatsstreich ermordete das
neue Regime mindestens 300 bis 500 Menschen,
wobei Aristide-Anhänger die Hauptzielgruppe waren.
Während der letzten drei Jahre hat sich die Menschenrechtssituation verschlechtert.
Um seine
Herrschaft aufrechtzuerhalten, hat das Regime durch
Attentate und Morde, Folterung, Verstümmelung,
Vergewaltigung und ständige Schikanierung ein
Klima der Angst geschaffen. Dem Dokument des
UN-Sonderberichterstatters für Haiti vom 7. Februar
1994 zufolge wurden bis zu 3.000 haitianische
Zivilisten, darunter viele Aristide-Anhänger, unter
dem Cedras-Regime ermordet. Andere Berichte
deuten an, daß noch mindestens einige hundert
mehr seit damals getötet wurden. Die derzeitige
Situation zeigt ein Ausmaß an Terror, das dem des
Duvalier-Regimes vergleichbar ist.

Seite 2

Die prominentesten jüngsten Fälle
Die Ermordung von Präsident Aristides Kollegen,
PaterJean-Marie Vincent, am 28. August 1994 ist der
jüngste Beweis der Entschlossenheit der De-factoRegierung, ihre Gegner zum Schweigen zu bringen.
Der Pater wurde von nicht identifizierten bewaffneten
Männern erschossen, als er zum Tor des Geländes
seines Ordens im Stadtteil Turgeau von Port-auPrince fuhr.
Mehrere andere politische Attentatsversuche scheiterten in den vergangenen Monaten. Der ehemalige
Senator Reynold Charles wurde durch Schüsse nicht
identifizierter Männer verwundet, entging jedoch dem
Tod. Bewaffnete Männer überfielen das Haus von
Senator Clarck Parent und seiner Schwester (der
Bürgermeisterin von Petionville), flüchteten jedoch,
als der blinde Senator in die Luft feuerte. Anstatt
glaubwürdige Ermittlungen in diesen Fällen anzustellen, tat die De-facto-Regierung sie als Versuche von
Leuten ab, das Regime zu diskreditieren.
Diese Attentate und Attentatsversuche sind nur die
jüngsten Vorfälle in einer langen Serie von Morden
an hochrangigen Oppositoinsvertretern. Im September 1993 wurde der prominente Aristide-Anhänger
und Aktivist Antoine Izmery getötet, als eine Gruppe
bewaffneter Männer ihn während eines Gottesdienstes angriff. Am 14. Oktober 1993 wurde der renommierte haitianische Rechtsanwalt und Justizminister
Guy Malary in der Innenstadt von Port-au-Prince
ermordet. Das Cedras-Regime hat nur geringes
Interesse an Ermittlungen in diesen Todesfällen
gezeigt.
Am 9. September 1994 berichtete die New York
Times über konkrete politische Terrorakte gegen
Waisenkinder, deren Eltern selbst häutig Opfer der
De-facto-Regierung geworden waren. Diese Ermordungen waren den Berichten zufolge häufig begleitet
von der Verfolgung der Mitarbeiter der Waisenhäuser,
was dazu führte, daß viele schließen mußten.
Die Herrschaft des Terrors
Die Menschenrechtsbilanz des Regimes demonstriert,
daß es seine Gegner nicht nur eliminieren, sondern
auch die gesamte Bevölkerung unterjochen sowie
eine mögliche Opposition unterdrücken und einschüchtern will. Schätzungen eines jüngsten Berichts
der Human Rights Watch zufolge sahen sich bis zu
300.000 Menschen veranlaßt, sich vor dem Regime
zu verstecken. Folterung, Vergewaltigung, Schläge
und die Beschlagnahme des Geldes von ohne Grund
Inhaftierten sollen die Öffentlichkeit einschüchtern
und demoralisieren.

AMERIKA DIENST 37

�Es gibt zahlreiche und konkrete Beweise für Einschüchterungsversuche. Eine Delegation der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (InterAmerican Commission for Human Rights - IACHR),
die Haiti vom 16. bis 20. Mai 1994 besuchte, stellte
fest, daß sich die Menschenrechtssituation auf Haiti
seit ihrem letzten Besuch im August 1993 "ernsthaft
verschlechtert" hat. Die Delegation konnte 133 Fälle
standrechtlicher Erschießungen zwischen Februar
und Mai 1994 nachweisen, und es besteht Grund zu
der Annahme, daß es außerhalb des Rahmens ihrer
Ermittlungen sehr viel mehr Fälle gab. Die Delegation fand auch heraus, daß das Regime schwer
verstümmelte Körper auf den Straßen liegen ließ,
nur um die Bevölkerung zu terrorisieren.
Die lAHCR-Delegation deckte auf, daß Frauen und
Verwandte von Regimegegnern vergewaltigt oder
anderweitig sexuell mißbraucht wurden. Sie machte
zahlreiche Fälle willkürlicher Verhaftungen, von
Verschleppung und Folterung aus. Die Delegation
wies den De-facto-Behörden die volle Verantwortung
für die sich verschlechternde Situation zu.
In einer Presseerklärung vom 27. Juli 1994 beschrieb die IACHR die Menschenrechtsverletzungen
auf Haiti als "flagrant und systematisch" und führte
sie auf die "andauernde unrechtmäßige Ausübung
der Macht durch das haitianische Militär und seine
Gefolgschaft" zurück.
Die Kommission verwies
ferner auf den Zusammenbruch der zuständigen
Regierungsinstitutionen und die "vollständige Unfähigkeit der Judikative oder anderer Mechanismen,
Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder zu
bestrafen" und stellte fest, daß die Menschenrechtsverletzer "offen ungestraft handeln".
Im Juli 1994 veröffentlichte die Human Rights Watch
einen Bericht, in dem Dutzende Vergewaltigungsfälle
belegt wurden, mit denen nicht nur die Regimegegner, sondern auch die Bevölkerung insgesamt
terrorisiert werden sollte. Die ICM ihrerseits berichtete von 66 Fällen politisch motivierter Vergewaltigungen durch das Militär und die paramilitärischen
Truppen in den ersten fünf Monaten des Jahres
1994 (vor der Ausweisung der ICM aus Haiti durch
das Militär).
Berichte des Menschenrechtsteams der Amerikanischen Botschaft seit Juli 1994
Nach der Ausweisung der Menschenrechtsbeobachter der Vereinten Nationen und der Organisation
Amerikanischer Staaten verstärkte die Amerikanische Botschaft ihre Berichterstattung über die
Menschenrechtssituation. Umfassende Ermittlungen
des Botschaftsteams seit Juli deckten eine dramatische Zunahme der Menschenrechtsverletzungen auf.

AMERIKA DIENST 37

Die Zentralprovinz (in der Nähe von Hinche) war seit
langem die Heimat von Bürgerrechtlern, bis sie durch
die brutale Unterdrückung des Regimevertreters vor
Ort, Oberst Gideon, zum Schweigen gebracht wurden. Nachdem der Oberst in die Südwestprovinz (in
der Gegend von Les Cayes) versetzt worden war,
nahm die Unterdrückung in dieser Region unverzüglich zu. Willkürliche Durchsuchungen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Berichten
zufolge wurden Menschen in der Region Les Cayes
verhaftet, nur weil sie die Sendungen von Voice of
America gehört hatten.
Im Sommer tauchte ein Militärbefehlshaber namens
Norelus Mandelus in einer Küstenstadt von Les
Cayes auf, der sich selbst als Saddam Hussein von
Haiti bezeichnete.
Neben anderen Greueltaten
schnitt Norelus einem Opfer während einem grausamen Verhör ein Ohr ab und zwang den Mann, es
zu essen, und ritzte dann seine Initialien in das
Fleisch des Opfers ein. Die Militärbehördern tolerierten dieses Verhalten, bis ein Priester und ein Seminarist, die zu den Opfern von Norelus willkürlichen
Schlägen zählten, sich als Verwandte eines höherrangigen Offiziers erwiesen. Norelus erhielt offensichtlich eine geringfügige Verwarnung, bevor er
versetzt wurde.
Ein flagrantes Beispiel willkürlicher Inhaftierung war
die Verhaftung des Aktivisten Gardy Lablanc aus
Lavalas durch die Behörden von Miragoane, der sich
angeblich über die neue paramilitärische zivile
Schutztruppe während ihres Drills lustig gemacht
hatte. Der diensthabende Beamte der Polizei von
Miragoane verweigerte den Angehörigen der Amerikanischen Botschaft Zutritt zu Leblanc. Der Beamte
erklärte, er habe Anweisung, nicht mit den Vertretern
der Botschaft zu sprechen, und Leblanc werde bis
auf weitere Anordnung seines Kommandeurs festgehalten. Nach wiederholten Anfragen der Botschaft
wurde Leblanc angeblich freigelassen.
Im vergangenen Monat fand das Botschaftsteam
heraus, daß Unterdrückung und Terror in der Küstenregion Aquin östlich von Les Cayes an der Tagesordnung sind. Viele Menschen wurden inhaftiert, und
alle wurden von den Behörden schikaniert. Eine dort
ansässige Nonne beschrieb der Botschaft einige der
Verletzungen, die sie an den von ihren Wächtern
gefolterten Gefangenen behandelt hatte.
In der westlich von Port-au-Prince gelegenen Stadt
Gressiers wurden mehrere Mordopfer in einem
flachen Grab gefunden. Die Körper waren teilweie
sichtbar und leicht zu entdecken.
Am Morgen des 1. August 1994 schlug die Polizei auf
mehrere Personen ein, die auf die Öffnung des

Seite 3

�Internationale Besorgnis

schreckliche Menschenrechtssituation auf Haiti
verantwortlich ist, und es wird zunehmend klarer, daß
die Militärmachthaber nicht die Absicht haben, mit der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Beilegung der Krise zusammenzuarbeiten.

Seit dem Putsch hat die internationale Staatengemeinschaft wiederholt das De-facto-Regime von Haiti
verurteilt. Die Reaktion der De-facto-Regierung war
eine zunehmende Isolierung von der internationalen
Staatengemeinschaft. Das Regime hat das Abkommen von Govemor's Island gebrochen und alle
Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft um eine friedliche Lösung der Krise zurückgewiesen. Noch in diesem Monat weigerte sich das
Regime, den Sondergesandten von UN-Genralsekretär Boutros Boutros-Ghali zu empfangen. Es ist seit
langem offenkundig, daß das Regime für die

Die Organisation Amerikanischer Staaten, die Vereinten Nationen und andere internationale Foren
widmen der eskalierenden Menschenrechtskrise auf
Haiti gezielte Aufmerksamkeit. Vor kurzem hat der
UN-Sicherheitsrat in Erkenntnis der Tatsache, daß
die Krise nicht auf diplomatischem Wege gelöst
werden konnte, Resolution 940 verabschiedet, mit der
die Entmachtung der De-facto-Regierung mit allen
erforderlichen Mitteln genehmigt wird. Seit der
Verabschiedung der Resolution arbeiten die Vereinigten Staaten auf die Bildung einer internationalen
Koalition zur Umsetzung der Resolution 940 hin.

amerikanischen Flüchtlingsauffanglagers in Port-auPrince warteten. Es gab keine Beweise dafür, daß
die Opfer dieses Vorgehen provoziert hatten.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 37

�BEVÖLKERUNG
21. September 1994

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig
KAIRO - (AD) - Die internationale Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 endete mit
Übereinstimmung bezüglich der Notwendigkeit eines
integrierten Programms zur Verlangsamung des
Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern
durch die Verbesserung des Status der Frau, Erweiterung der Familienplanungsprogramme und Bekämpfung der Armut.
"Zum ersten Mal wurde ein umfassenderer Ansatz
zur Bewältigung der durch die Bevölkerungsexplosion entstandenen Herausforderung befürwortet - in
Erkenntnis der Notwendigkeit, gleichzeitig, vordringlich und freiwillig die grundlegenden Aspekte der
Entwicklung anzusprechen", stellte Timothy Wirth,
Abteilungsleiter im US-Außenministerium für globale
Angelegenheiten, am 13. September 1994 zu dem
"Aktionsprogramm" fest, das bei der Konferenz im
Konsens verabschiedet wurde.
Als einzelne Aspekte nannte er "Bildung, grundlegende Gesundheitsfürsorge, Konsum und Umweltverschmutzung, Gleichheit, Gleichberechtigung und
vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frauen".
Bei einer Pressekonferenz bestätigte Wirth, es stehe
außer Frage, daß die Bevölkerungsexplosion eingedämmt werden müsse. "Insgesamt hat die Welt
zugestimmt, daß die Frage der Bevölkerungsstabilisierung und -entwicklung mit großer Dringlichkeit
angegangen werden muß", so Wirth.
Die Notwendigkeit zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums wurde auch bei der von Nafis
Sadik, Generalsekretärin der Konferenz und geschäftsführende Direktorin des Fonds der Vereinten
Nationen für Bevölkerungsaktivitäten, gegebenen
Abschlußpressekonferenz angesprochen.
Wenn die Empfehlungen des mehr als 100 Seiten
umfassenden Aktionsprogramms
angenommen
würden, nähme die Weltbevölkerung bis zum Jahr
2050 immer noch von gegenwärtig 5,66 Milliarden
auf 7,8 Milliarden zu. Hielten die derzeitigen Wachstumstrends jedoch unkontrolliert an, würde sich die

AMERIKA DIENST 37

Gesamtbevölkerung im Jahr 2050 auf 10 Milliarden
belaufen, warnte Sadik.
Die am 5. September 1994 eröffnete, von den
Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz ist die
dritte Bevölkerungskonferenz in 20 Jahren, aber die
erste, bei der Industrienationen und Entwicklungsländer uneingeschränkt über die Notwendigkeit zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums übereinstimmten.
Bei der ersten Konferenz 1974 in Bukarest (Rumänien) bekämpften die Entwicklungsländer die von der
industrialisierten Welt vorgebrachte Idee, daß Armut
durch eine Verringerung der Fertilitätsrate bekämpft
werden könnte. Die Entwicklungsländer argumentierten, Wirtschaftswachstum sei der Schlüssel zur
Stabilisierung der Bevölkerung und "Entwicklung die
beste Empfängnisverhütung".
Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre später
in Mexiko waren die meisten Entwicklungsländer zu
der Ansicht gelangt, daß rasches Bevölkerungswachstum ein Problem sei. Sie wurden in dieser
Meinung von der Mehrzahl der Industrienationen
unterstützt, nicht jedoch den Vereinigten Staaten.
Die Administration von Präsident Reagan lehnte
damals den Schwangerschaftsabbruch ab und kürzte
die finanzielle Unterstützung für Familienplanungsprogramme.
Wirth wiederholte bei seiner Abschlußpressekonferenz, daß diese Politik von der Clinton-Administration nicht übernommen wurde und die Ausgaben der
Vereinigten Staaten für Familienplanung drastisch
erhöht worden seien.
Die deutschen und französischen Delegierten sprachen bei ihrer Pressekonferenz auch über das
dramatische Umdenken bei Bevölkerungs- und
Entwicklungsfragen. "Die Länder sind seit damals
(der Konferenz von Mexiko) zu der Erkenntnis
gelangt, daß das Bevölkerungswachstum eine

Seite 1

�Bedrohung der realen Entwicklung darstellt", erklärte
Claude Harrel, ein französischer Diplomat.
Sadik wurde gefragt, was das Aktionsprogramm für
ein armes Mädchen im ländlichen Indien bedeuten
könnte. Wenn das Aktionsprogramm umgesetzt
würde, könnte das Mädchen damit rechnen, besser
ernährt zu werden, nicht jung zu sterben, eine
gewisse Bildung zu erhalten und einige Wahlmöglichkeiten in seinem Leben zu haben, erwiderte die
pakistanische Qynäkologin.
Sadik bezeichnete die Konferenz als Erfolg, weil das
Aktionsprogramm den Menschen - besonders den
Frauen - vermittelt, daß sie Wahlmöglichkeiten in
ihrem Leben haben.
"Meines Erachtens besteht die wichtigste Leistung
dieser Konferenz darin ... Frauen und Männern die
Möglichkeit einzuräumen, Entscheidungen über die
Größe der Familie und die Anzahl der Kinder zu
treffen", so Sadik.
Die Wahlmöglichkeit ist vor allem für Frauen entscheidend, weil sie in den Entwicklungsländern in
einem "Umfeld leben, das ihnen die eigene freie
Entscheidung häufig verwehrt".
Die meisten Frauen leben in einem Umfeld, das sie
"zu unerwünschten Kindern zwingt".
"Ihre Reproduktionsrolle wird so weit betont, daß sie
praktisch jede andere Rolle der Frau ausschließt.
Die Erkenntnis des Aktionsprogramms ist meiner
Ansicht nach, daß eine Frau eine Person mit eigenen Rechten ist, als solche anerkannt werden muß
und ihr alle Optionen geboten werden müssen",
stellte Sadik fest.
Sadik hat praktisch jede sich ihr bei der Konferenz
bietende Gelegenheit ergriffen um zu argumentieren,
daß das Bevölkerungswachstum nur verlangsamt
werden kann, wenn die Frauen in den Entwicklungsländern besseren Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge und Beschäftigung erhalten. Diese Idee
wurde in den dreijährigen Verhandlungen vor der
Konferenz entwickelt und in allen Teilen des Aktionsprogramms verankert.
Die Clinton-Administration und eine breite Koalition
amerikanischer nichtstaatlicher Organisationen
unterstützten diese Sichtweise in hohem Maße vor
und während der Konferenz.
Das Aktionsprogramm prognostiziert die Kosten für
die Bereitstellung von Familienplanung und reproduktiver Gesundheitsfürsorge für die Entwicklungsländer und Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjet-

Seite 2

union, die daran bis zum Jahr 2015 interessiert sind.
Darin enthalten sind Schätzungen der Vereinten
Nationen, daß es im Jahr 2015 21,7 Milliarden Dollar
kosten würde, die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen zu decken. Diese Zahl würde in folgenden
Stadien erreicht: 17 Milliarden Dollar bis zum Jahr
2000, 18,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2005 und
20,5 Milliarden Dollar bis 2010.
Das Aktionsprogramm überträgt dann den Entwicklungsländern und Republiken der ehemaligen Sowjetunion die Verantwortung zur Bereitstellung von zwei
Dritteln dieser Summe. Diese Länder bezahlen zur
Zeit ungefähr 80 Prozent der Dienstleistungen, und
die Industrienationen kommen für rund 20 Prozent
über ihre Hilfsprogramme auf. Das Aktionsprogramm
fordert eine Aufstockung des Anteils der Industrienationen auf 33 Prozent oder mehr in den ärmsten
Ländern, vor allem denen Afrikas.
Wirth wiederholte bei seiner Pressekonferenz, daß
die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland und
andere Industrienationen sich zu einer Erhöhung ihrer
Hilfsleistungen verpflichtet haben. Seiner Ansicht
nach werden die Ziele der Industrienationen erfüllt.
Die achttägige Konferenz war von zum Teil lebhaften
Debatten und der beharrlichen Weigerung des
Vatikans gekennzeichnet, den Terminus Schwangerschaftsabbruch in das Aktionsprogramm aufzunehmen. Nachdem mehrere Tage versucht wurde, einen
Kompromiß bei der Sprachregelung zu finden, wollte
die große Mehrheit der Länder nicht weiter gehen als
die Feststellung, die Entscheidung zur Frage des
Schwangerschaftsabbruchs bleibe jedem Land selbst
überlassen, er sei keine Methode zur Familienplanung und Frauen, die eine verpfuschte Abtreibung
erlebt hätten - auch wenn sie illegal war - verdienten
die geeignete medizinische Versorgung.
Die große Mehrheit forderte femer die Erweiterung
der Verwendung von Mitteln zur Familienplanung was ebenfalls von der römisch-katholischen Kirche
abgelehnt wird - um Frauen zu ermutigen, ungewollte
Schwangerschaften und damit eine Abtreibung zu
verhindern.
Bischof James McHugh stellte bei einer Pressekonferenz fest, der Vatikan fühle sich durch das Ergebnis
der Konferenz nicht "ausgegrenzt".
Er verwies darauf, daß eine Reihe muslimischer und
römisch-katholischer Länder ebenso wie der Vatikan
Vorbehalte bezüglich einiger Teile des Aktionsprogramms geäußert hatten.

AMERIKA DIENST 37

�Einer inoffiziellen Zählung zufolge brachten 19 der
183 bei der Konferenz vertretenen Länder Vorbehalte zu einigen Teilen des Programms zum Ausdruck.
Wirth nahm den Widerstand des Vatikans zur Kenntnis, stellte jedoch fest, der Vatikan habe zur Klärung

einiger Fragen und zur Verbesserung des Aktionsprogramms beigetragen.
"Als wir nach Kairo kamen, erwarteten wir keinen so
breiten Konsens. Praktisch alle sagen, sie stimmen
mit nahezu allen Teilen des Dokuments (des Aktionsprogramms) überein", äußerte Wirth.

* * * * *

AMERIKA DIENST 37

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
21. September 1994

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION
ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter im US-Außenministerium für Demokratie, Menschenrechte und
Arbeitsfragen, John Shattuck, zufolge belegt der Regierungsbericht über die Einhaltung der internationalen
Konvention über bürgerliche und politische Rechte, daß "sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich verbessert hat", jedoch noch zahlreiche Herausforderungen
und Probleme bestehen.
In der Einleitung zu dem 250 Seiten umfassenden Bericht stellt Shattuck fest, die Struktur der amerikanischen
Menschenrechtsgesetze "ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten
Staaten, einer ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von
Vision und Mut erzählt".
Shattuck äußerte am 13. September 1994 gegenüber Journalisten, das Außenministerium sei "sehr stolz" auf
den Bericht und der Ansicht, er "spiegele unsere gute Menschenrechtssituation sowie die Tatsache wider, daß
wir Fortschritte erzielen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zu dem Menschenrechtsbericht.

Ich freue mich, den von der Regierung der Vereinigten Staaten vorbereiteten Bericht über die
Einhaltung der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte vorstellen zu
können. Der Bericht wurde im Juli dem im Rahmen
der Konvention gegründeten UN-Menschenrechtsausschuß vorgelegt. Es ist auch der erste von den
Vereinigten Staaten im Einklang mit ihren Verpflichtungen unter einem internationalen Menschenrechtsvertrag übermittelte Bericht. Der gemäß der Vorgaben der Vereinten Nationen geschriebene und
gemeinsam vom amerikanischen Außen-, Justizsowie anderen Ministerien vorbereitete Bericht, der
Beiträge nichtstaatlicher Organisationen und betroffener Einzelpersonen enthält, steht für das Engagement der Regierung zu kreativer Interaktion mit dem
sich abzeichnenden globalen Rahmen internationaler
Menschenrechtsgesetze. Er soll der internationalen
Staatengemeinschaft ein umfassendes Bild der
Einhaltung von Menschenrechten in den Vereinigten
Staaten sowie des juristischen und politischen
Systems vermitteln, innerhalb dessen sich diese
Rechte entwickelt haben und geschützt werden.

AMERIKA DIENST 37

Die internationale Konvention über bürgerliche und
politische Rechte wurde 1966 abgeschlossen, trat 10
Jahre später in Kraft und wurde von den Vereinigten
Staaten 1992 ratifiziert. Die Arbeit an diesem Bericht
begann kurz nach der Ratifizierung. Bis heute sind
dem Vertrag insgesamt 127 Länder beigetreten.
Zusammen mit der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte und der internationalen Konvention
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
stellt dieser Vertrag die vollständigste und ausdrücklichste Formulierung der internationalen Menschenrechtsgesetze dar, die in den Jahren nach dem
Zweiten Weltkrieg entstand.

Die Vorläufer der heutigen Menschenrechtsgesetze
gehen weit in die Geschichte zurück - auf natürliche
Rechtstraditionen, die ethischen Lehren der großen
Weltreligionen im Osten wie im Westen, das griechisch-römische Recht sowie das bahnbrechende
philosophische Werk von Hugo Grotius und John
Locke. Das von politischen Theoretikern des 18.
Jahrhunderts entwickelte Konzept universeller Rechte
beeinflußte das Völkerrecht und ebnete den Weg

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�zum amerikanischen Konstitutionalismus. Internationale Menschenrechtsgesetze und das konstitutionelle Recht der Vereinigten Staaten sind in
der Tat eng verwandt: Beide versuchen, die Befugnis der Staaten zur Einmischung in die unveräußerlichen Rechte jedes einzelnen ohne Diskriminierung
zu beschränken.
Die erste umfassendere Formulierung völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen erfolgte nach
dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit dem
gescheiterten Völkerbund, seinem System für den
Schutz von Minderheiten und der erfolgreicheren
Internationalen Arbeitsorganisation.
Es waren jedoch die schrecklichen Erfahrungen des
Totalitarismus in der Mitte des Jahrhunderts und der
Zweite Weltkrieg, die die siegreichen alliierten
Mächte veranlaßten, im Völkerrecht die umfassenderen Ziele zu verankern, die sich während des Krieges abgezeichnet hatten, wie Präsident Roosevelts
Vier Freiheiten. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, bei dem die besiegten Naziführer öffentlich
angeklagt und gemäß der Prinzipien des Völkerrechts verurteilt wurden, stellte einen Versuch zum
Entwurf einer neuen internationalen Ordnung dar,
die den Schutz der menschlichen Würde gewährleisten und in gewissem Maße das schreckliche Leid
der Opfer des Totalitarismus mildern würde.
Die Krönung dieser Bestrebungen war die Gründung
der Vereinten Nationen und die Verabschiedung
ihrer Charta, die Formulierung der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte und das Einleiten von
Bestrebungen, die zu den beiden wichtigsten Konventionen über internationale Menschenrechte
führten.
Während sich der Völkerbund praktisch ausschließlich auf die Rechte von Minderheiten und Selbstbestimmung konzentrierte, war die UN-Charta
umfassender und erlegte allen Mitgliedstaaten die
rechtliche und politische Verantwortung zum Schutz
und zur Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten ihrer Völker auf.
Die 1948 einstimmig von der UN-Generalversammlung verabschiedete Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte stellte eine ausdrückliche Formulierung der Rechte dar, zu deren Schutz und Förderung die Mitgliedstaaten im allgemeinen gemäß der
UN-Charta verpflichtet sind. Die Erklärung verbindet
die beiden Kategorien von Menschenrechten, die
aus dem internationalen juristischen Dialog hervorgingen - bürgerliche und politische Rechte einerseits
sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
andererseits. Es blieb der internationalen Staatengemeinschaft überlassen, diese einzelnen, jedoch

Seite 2

in Verbindung zueinander stehenden Elemente zu
sondieren, um funktionierende Instrumente des
Völkerrechts zu scharfen.
Menschenrechte werden inzwischen als das universelle Geburtsrecht aller Menschen auf dieser Erde
angesehen. Dieser Glaube an die unveräußerliche
menschliche Würde bildet das Kernstück völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen. Sie haben
vielfältigen Ursprung und sind im Verlauf der Zeit in
unterschiedlicher Weise artikuliert worden. Ihre
Macht ist in nicht unerheblichem Maße auf ihren
breitgefächerten Ursprung zurückzuführen, sie sind
auch nicht in einem bestimmten philosophischen,
religiösen oder ideologischen Fundament verankert.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
erlangte die Inklusivität eben weil sie diese zeitlosen
Prinzipien nicht in ein bestimmtes und damit unweigerlich umstrittenes und parteiisches Programm
einbettete.
Die Konvention über bürgerliche und politische
Rechte leistet einen Beitrag zur Förderung der
internationalen Menschenrechte, indem sie die von
uns in den Vereinigten Staaten gewürdigten hehren
Prinzipien kodifiziert - politische Freiheit, Selbstbestimmung, Rede-, Meinungs-, Koalitions- und
Religionsfreiheit sowie der Schutz der Familie vor
Eingriffen der Regierung. Die bedauerliche Tatsache,
daß diese Prinzipien in vielen Ländern mißachtet
werden, schmälert in keiner Weise ihre zwingende
Autorität.
Als Nation wurden die Vereinigten Staaten auf dem
Prinzip unveräußerlicher Rechte des einzelnen
gegründet. Die Geschichte dieses Landes ist in
vieler Hinsicht die Geschichte eines andauernden
Kampfes um die Erfüllung dieser Konzeption von
Rechten, ein Kampf zur Überwindung alter und neuer
Ungerechtigkeiten in unserer eigenen Demokratie.
Als Teil dieses Kampfes engagieren sich die Vereinigten Staaten auch stark für eine verstärkte
Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten auf
der ganzen Welt.
Wie dieser Bericht belegt, sieht das Recht der
Vereinigten Staaten umfassenden Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch Regierungsbehörden
vor. Gemäß der amerikanischen Verfassung wird die
staatliche Gewalt durch die Gewaltenteilung auf die
drei Zweige der Regierung verteilt und entschärft.
Seit Anbeginn der Geschichte dieses Landes hat das
Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten von
dem Recht der richterlichen Nachprüfung Gebrauch
gemacht, um verfassungswidrige Maßnahmen der
Exekutive und Legislative zu prüfen.

AMERIKA DIENST 37

�Die Rede- und Religionsfreiheit sind gesetzlich
geschützt, die polizeiliche Gewalt unterliegt beträchtlichen verfassungsmäßigen Beschränkungen, und
die politische Führung der Vereinigten Staaten wird
auf allen Ebenen von den Bürgern zur Rechenschaft
gezogen.
Unsere Verfassung enthält einen Plan für die Auslegung und Umsetzung der Idee bürgerlicher und
politischer Rechte und Freiheiten, es erforderte
jedoch die Arbeit mehrerer Generationen aus allen
Sparten unserer Gesellschaft, um die Institutionen
aufzubauen, die das Versprechen dieser Rechte und
Freiheiten verkörpern. Dieser Prozeß erstreckte sich
über mehr als zwei Jahrhunderte und umfaßte viele
Kapitel unserer Geschichte - einige ruhmreich,
andere dunkel - und die Aufgabe dauert bis zum
heutigen Tag an.
Im Verlauf ihrer Menschenrechtsgeschichte haben
die Vereinigten Staaten Einbrüche bei diesem
andauernden amerikanischen Kampf um Gerechtigkeit erlebt, beispielsweise die Versklavung von
Afroamerikanern und den Entzug ihrer Bürgerrechte
sowie die faktische Zerstörung vieler indianischer
Zivilisationen in Amerika.

anderer Minderheiten in den Vereinigten Staaten
leiden unter Ungerechtigkeit. Die Vereinigten Staaten
sind vorwiegend eine Nation von Einwanderern. Wir
sind weiterhin Anziehungspunkt für Einwanderungswellen von Männern und Frauen aus der ganzen Welt
auf der Suche nach einem besseren Leben. Jedes
Jahr wandern mehr als 900.000 Menschen in die
Vereinigten Staaten ein.
Wie überall waren jedoch auch unsere Einwanderer
oftmals mit Diskriminierung und Widerstand konfrontiert, die mit der Migration einhergehende persönliche Belastungen noch erschweren. Die Offenheit unserer Gesellschaft hat mit der Zeit Mobilität
und Befreiung von Armut und Ausgrenzung gestattet.
In diesem Prozeß haben Gruppen von Einwanderern
unsere nationale Identität stark bereichert, während
der aus dem 19. Jahrhundert stammende Gedanke
des "Schmelztiegels" allmählich einer umfassenderen
Vision des Pluralismus Platz gemacht hat.

Die tiefgreifenden Ungerechtigkeiten gegenüber
Afroamerikanern wurden nach dem Bürgerkrieg
(1861-65) und dann ein Jahrhundert später durch die

Der andauernde Kampf um die volle Durchsetzung
der Rechte von Frauen ist das zentrale Charakteristikum des Menschenrechtsprozesses in Amerika:
Die Frauen in den Vereinigten Staaten bekamen erst
1920 das Wahlrecht, anderthalb Jahrhunderte nach
der Gründung der Republik. Mit zunehmender Stärke
haben die Frauen eine gleichberechtigte Position im
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Leben des Landes gefordert. In allen Bereichen des

Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und sechziger

amerikanischen

Jahre dieses Jahrhunderts nur zum Teil behoben eine Bewegung, die heroische Führung mit der
Organisation der Basis und einem unterschütterlichen juristischen Marsch durch Gerichte und Parlamente kombinierte, eine Bewegung, die an der
Auslegung und Umsetzung des Verfassungsrechts
mitwirkte um sicherzustellen, daß die Menschenrechte in der Praxis respektiert werden können.

unternommen, die Chancen der Frau zu vergrößern
und die noch bestehende Diskriminierung abzustellen.

Diese Bestrebungen, das bittere Vermächtnis der
Sklaverei aufzuheben, setzen sich bis in die heutige
Zeit fort. Die aus dem noch nicht beendeten Kampf
unserer Nation gegen die Rassendiskriminierung
gezogenen Lehren können an andere Mitglieder der
internationalen Staatengemeinschaft weitergegeben
werden. Mit anderen Worten: Unsere nationalen
Erfahrungen demonstrieren, daß rechtliche Garantien der Menschenrechte eine Voraussetzung für
sozialen Fortschritt sind und nicht umgekehrt.
Das Schicksal der Indianer ähnelt dem vieler Urbevölkerungen: Zerstörung und Vertreibung ihrer
Kulturen und Gesellschaften. Die aus dieser Ungerechtigkeit gezogenen Lehren und die daraus
resultierenden Pflichten der amerikanischen Bürger
sind ebenfalls ein zentrales Vermächtnis der amerikanischen Geschichte.
Auch die Angehörigen

AMERIKA DIENST 37

Lebens

werden

Bestrebungen

In der Vergangenheit und Gegenwart unseres Landes
sind zahlreiche andere Menschenrechtsprobleme zu
finden. Während wir uns bemüht haben, neue
Herausforderungen auszumachen, haben wir mit
unterschiedlichem Erfolg an der Stärkung der Fähigkeit unserer Institutionen zu ihrer Bewältigung gearbeitet.
Als offene Demokratie tendieren die Vereinigten
Staaten dazu, ihre schwierigsten und entscheidendsten Menschenrechtsfragen in der Öffentlichkeit und
vor Gericht zu behandeln. Die Folge sind eine
Anzahl herkömmlicher, auf Präzedenzien beruhender
Menschenrechtsfragen sowie zahlreiche neuere
Probleme, bei denen juristisches Neuland betreten
wird. Zu den ersteren gehören Religionsfreiheit,
Einwanderungs- und Flüchtlingsprobleme, Rassendiskriminierung und Meinungsfreiheit, die neueren
umfassen geschlechtsspezifische Diskriminierung,
Todesstrafe, Schwangerschaftsabbruch, Brutalität der
Polizei und die Rechte sprachlicher Minderheiten.

Seite 3

�Unsere Gesetze sehen vor, daß Verträge und Statuten im Einklang mit den Erfordernissen der Verfassung stehen müssen. Keine Vertragsbestimmung
erlangt Gesetzeskraft, wenn sie der Verfassung
zuwiderläuft. Im Fall der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte bietet die
Verfassung der Vereinigten Staaten größeren Schutz
der Redefreiheit als die Konvention. Bei diesen und
anderen Verfügungen der Konvention haben die
Vereinigten Staaten ihr Verständnis einer bestimmten Verfügung dargelegt oder erklärt, wie sie diese
Bestimmung oder dieses Unterfangen anzuwenden
gedenken.
Es hat wenig Zweck, auf internationaler Ebene
Grundsätze für den Schutz der Menschenrechte zu
verkünden, wenn sie im eigenen Land nicht sinnvoll
verwirklicht und durchgesetzt werden können. Um
mit den Worten des renommierten Menschenrechtsund Verfassungsexperten Louis Henkin zu sprechen:
"Völkerrechtliche Bestimmungen zu Menschenrechtsfragen sind Gegenstück und Ergänzung nationaler
Gesetze... ersetzen diese jedoch nicht, sondern sind
vielmehr von nationalen Institutionen abhängig."
Somit obliegt es den verschiedenen Organen auf
nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler
Ebene hier in den Vereinigten Staaten, diese internationalen Verpflichtungen zu verwirklichen.
Seit der große französische Denker und Staatsmann
Alexis de Tocqueville in den dreißiger Jahren des
19. Jahrhunderts sein klassisches Werk "Demokratie
in Amerika" niederschrieb, verfügen die Vereinigten
Staaten Beobachtern zufolge über ein erstaunlich
robustes Rechtssystem, das den Rahmen und das
Werkzeug für den rechtlichen Schutz von Menschenrechten bildet. Dieser Bericht der Vereinigten Staaten an den Menschenrechtsausschuß der Vereinten
Nationen konzentriert sich folglich auf die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Menschenrechte, die sich als Mischung aus Statuten und
Gewohnheitsrecht auf Bundesebene entwickelt
haben.
Die im Verlauf der amerikanischen Geschichte
entstandene umfassende Rechtsauffassung dient als

Grundlage für einen Großteil der internationalen
Menschenrechtsgesetze und setzte - ironischerweise,
aber zu Recht - den Maßstab, mit dem die Vereinigten Staaten von anderen Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft gemessen werden.
Obwohl sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich
verbessert hat, bestehen noch viele Herausforderungen und Probleme. Die in diesem Bericht enthaltene
ausgefeilte Struktur der Menschenrechtsgesetzgebung ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten Staaten, einer
ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von
Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von Vision und
Mut erzählt. Es ist ein besonderes Merkmal unseres
politischen und juristischen Systems, die ständige
Möglichkeit zur Anklage in das Muster einer konstitutionellen Demokratie einzuweben.
Indem wir diesen Bericht veröffentlichen und innerhalb des Landes verteilen, hoffen wir das Bewußtsein der Öffentlichkeit für den Schutz der Menschenrechte und die Erziehung hierzu in den Vereinigten Staaten zu schärfen. Wir hoffen, daß der
Bericht in Schulen und Universitäten, unter bürgerlichen und politischen Gruppen sowie interessierten
Bürgern eine breite Leserschaft findet.
Im Rahmen der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte sowie zusätzlichen
Menschenrechtsabkommen, denen die Vereinigten
Staaten angehören, werden wir Folgeberichte erstellen.
Hier wie andernorts ist die Durchsetzung der universellen Menschenrechte eine im Gange befindliche
Arbeit. Obwohl das amerikanische System mit der
Zeit viel zur Förderung und Verteidigung der Menschenrechte unternommen hat - wie dieser Bericht
zeigt - bleibt noch viel zu tun. Die Regierung der
Vereinigten Staaten begrüßt einen lebhaften Dialog
und Debatten über die Förderung der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten und der gesamten
internationalen Staatengemeinschaft, die sich am
Horizont des 21. Jahrhunderts abzeichnet.

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AMERIKA DIENST 37

�DATEN AUTOBAHN
21. September 1994

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Vizepräsident AI Gore über seinen
Aktionsplan für ein weltweites Informationssystem, das die örtlichen Netze der ganzen Welt zu einer globalen
Informationsinfrastruktur verbindet. Die Vereinigten Staaten werden auf bevorstehenden internationalen
Konferenzen die von Gore vorgeschlagenen fünf Prinzipien für weltweite Datenautobahnen fördern.
Die nachstehend erörterten Fragen sollen auf der für den 19. September 1994 in Kioto anberaumten Konferenz
der internationalen Fernmeldeunion sowie auf dem Telekommunikations-Workshop der OECD, dem
Ministertreffen des APEC, dem Gipfel amerikanischer Staaten, dem gemeinsamen Symposium des APEC und
der OECD über das globale Informationsnetz sowie der Ministerkonferenz der G-7 über dieses Thema
angesprochen werden.

Die Idee einer Welt, deren Bürger durch einen
umfassenden Austausch von Informationen und
Ideen verbunden sind, ist nicht neu. Neu ist jedoch,
daß wir jetzt über die Technologie zur Verwirklichung
dieses Traums verfügen.
Vor ungefähr 30 Jahren las ich in der High School
die folgende Passage: "Mit Hilfe elektronischer
Mittel ist die gegenständliche Welt ein großer Lebensnerv geworden, der Impulse über Tausende von
Kilometern in atemberaubender Geschwindigkeit
befördert. Der Globus ist ein riesiges, mit Informationen angefülltes Gehirn!"
Diese visionären Äußerungen wurden 1851 von
Nathaniel Hawthorne, einem der größten Schriftsteller Amerikas, gemacht, der von der Entwicklung des
Telegraphen inspiriert war.
Nahezu 150 Jahre lang haben die Menschen danach
gestrebt, Hawthornes Vision zu verwirklichen - den
gesamten Globus mit Kommunikationsverbindungen
zu umgeben und dadurch ein Netz des gesamten
menschlichen Wissens zu schaffen.
Wir können jetzt zumindest ein den Planeten umspannendes Informationsnetz schaffen, das in Lichtgeschwindigkeit Botschaften und Bilder von der
größten Stadt zum kleinsten Dorf auf jedem Kontinent übermittelt.

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Präsident Clinton und ich sind der Ansicht, daß die
Schaffung dieses Netzes der Netze eine essentielle
Vorbedingung für umweltverträgliche Entwicklung für
alle Mitglieder der menschlichen Familie darstellt. Zu
diesem Zweck müssen Gesetzgeber und Wirtschaftsvertreter eine globale Informationsinfrastruktur aufbauen und betreiben.
Diese Datenautobahnen - oder, genauer gesagt,
Netze verteilter Informationen - gestatten uns einen
Austausch von Daten sowie Kontakt und Kommunikation innerhalb der Weltgemeinschaft. Aus diesen
Verbindungen können wir stabilen und umweltverträglichen wirtschaftlichen Fortschritt herleiten, starke
Demokratien, bessere Lösungen für globale und
örtliche umweltpolitische Herausforderungen, verbesserte Gesundheitsfürsorge und - letztlich - ein besseres Bewußtsein unserer gemeinsamen Verantwortung für die Erhaltung unseres kleinen Planeten.
Wir rufen alle Regierungen dazu auf, diese globale
Informationsinfrastruktur auf ihrem nationalen Hoheitsgebiet und in internationaler Zusammenarbeit
aufzubauen. Die Vereinigten Staaten werden hierzu
ihren Teil leisten.
Die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
muß durch Kooperation zwischen Regierungen und
Völkern erfolgen. Sie kann nicht von einem einzigen

Seite 1

�Land diktiert oder aufgebaut werden, sondern muß
eine demokratische Bestrebung darstellen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann das Funktionieren der Demokratie fördern, indem sie die
Beteiligung der Bürger an Entscheidungsfindungsprozessen beträchtlich erhöht. Und sie wird die
Fähigkeit von Nationen zur Zusammenarbeit untereinander stark vergrößern.

Sie soll aus Hunderten verschiedener Netze bestehen, von mehreren Unternehmen unter Einsatz
unterschiedlicher Technologien betrieben werden, die
alle zu einem "Netz der Netze" verbunden sind und
nahezu jedem Amerikaner Telefon und interaktives
Digitalvideo bereitstellen.
Unser Plan basiert auf fünf Prinzipien:
Förderung von Privatinvestitionen,

Die globale Informationsinfrastruktur wird auf nationaler und internationaler Ebene zum Schlüssel für
Wirtschaftswachstum werden. Bei uns in den Vereinigten Staaten bedeutet die Informationsinfrastruktur für die Wirtschaft in den neunziger Jahren bereits
soviel wie die Verkehrsinfrastruktur für die Wirtschaft
in den zwanziger Jahren. Die Integration von Computer- und Informationsnetzen in die Wirtschaft
erhöht die Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und
Anpassungsfähigkeit amerikanischer Fertigungsunternehmen an sich verändernde Gegebenheiten
und wird dasselbe auch für die Volkswirtschaften
anderer Nationen leisten.
Dieselben Technologien ermöglichen auch das
Wachstum der amerikanischen Dienstleistungssektoren, ihre Vergrößerung und Produktivitätssteigerung sowie eine Erweiterung ihrer Produktpalette und der Fähigkeit, auf Verbraucherwünsche zu
reagieren. Ungefähr 60 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer sind von "Wissen" abhängig.
Die digitale Telekommunikationstechnologie, die
Glasfaseroptik sowie neue Hochleistungssatellitensysteme verändern das Telekommunikationswesen.
Ein einziges Glasfaserkabel kann pro Sekunde
Tausende von Telefongesprächen übermitteln.
Diese Entwicklungen senken entscheidend die
Kosten für den Aufbau der globalen Informationsinfrastruktur. In der Vergangenheit wären dazu
Jahre benötigt worden. Heute können ein Satellit
und ein Dutzend Bodenstationen innerhalb weniger
Monate installiert werden - zu viel geringeren Kosten.
Die Wirtschaftlichkeit von Informationsnetzen hat
sich so radikal verbessert, daß ein konkurrenzfähiger, privater Markt einen Großteil der globalen
Informationsinfrastruktur bauen kann. Das hängt
natürlich von einer vernünftigen Steuerung ab.
Innerhalb der Vereinigten Staaten streben wir den
Aufbau und die Aufrechterhaltung unserer Datenautobahnen durch den Privatsektor an - die nationale Informationsinfrastruktur.

Ermutigung von Wettbewerb,
Schaffung eines flexiblen Steuerungsrahmens, der
mit schnellen Veränderungen von Technologie
und Märkten Schritt halten kann,
offener Zugang zum Netz für alle Informationslieferanten sowie
Sicherstellung universeller Dienstleistungen.
Sind diese Prinzipien einzigartig in den Vereinigten
Staaten? Kaum. Viele sind anerkannte internationale Grundsätze. Meines Erachtens können diese
Prinzipien die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur fördern und dafür erforderliche Informationen liefern.
Erstens schlagen wir vor, daß Privatinvestitionen und
Wettbewerb die Grundlage für die Entwicklung der
globalen Informationsinfrastruktur darstellen.
In den letzten Jahren entschieden sich viele Länder,
insbesondere in Lateinamerika, für die Privatisierung
ihrer staatlichen Telefongesellschaften, um Vorteile
und Anreize für Privatunternehmen zu schaffen einschließlich Innovation, erhöhten Investitionen,
Effizienz und Verantwortungsgefühl - damit sie auf
die Erfordernisse des Marktes reagieren.
Privatisierung reicht jedoch nicht aus. Auch Wettbewerb ist erforderlich.
In der Vergangenheit waren Telekommunikationsmonopole sinnvoll, weil in vielen Fällen die Technologie sowie Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerung bedeuteten, daß der Bau von mehr als
einem Netz ineffizient war. Heute macht es die
Vielfalt der technologischen Optionen nicht nur
möglich, sondern wünschenswert, daß verschiedene
Unternehmen konkurrierende - aber miteinander
verbundene - Netze betreiben, weil Wettbewerb den
besten Weg darstellt, den Telekommunikationssektor
effizienter, innovativer und profitabler zu gestalten.
Zur Förderung von Wettbewerb und Investitionen im
weltweiten Telekommunikationswesen benötigen wir

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AMERIKA DIENST 37

�eine kostenorientierte Beschaffung und Buchhaltung,
die die Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur beschleunigen würden.
Ferner sind internationale Normen erforderlich, um
Verbindungen untereinander und Durchführbarkeit
sicherzustellen. Nationale Netze müssen wirksam
mit anderen verknüpft werden, um die einfache
Vision umzusetzen, Schulen, Krankenhäuser,
Unternehmen und Privatleute in der globalen Informationsinfrastruktur miteinander zu verbinden. Hand
in Hand mit der Notwendigkeit von Privatinvestitionen und Wettbewerb geht die Erfordernis von einem
autorisierten Steuerungsgremium
entwickelter,
angemessener und flexibler Steuerungsmechanismen.
Damit der Privatsektor investieren kann und Marktöffnungsinitiativen erfolgreich sind, muß eine Steuerung erfolgen, die Wettbewerb und Privatinvestitionen einerseits, und die Verbraucherinteressen
andererseits fördert und schützt.
In den Vereinigten Staaten haben wir der unabhängigen Bundesbehörde für das Fernmeldewesen beträchtliche Steuerungsbefugnis übertragen. Dieses
Expertengremium ist gut dafür ausgerüstet, schwierige technische Entscheidungen zu fällen und sich
verändernde Marktbedingungen zu überwachen.
Wir benötigen auch ein flexibles, effektives System
zur Lösung internationaler Fragen - das mit dem
immer schneller werdenden Tempo des technologischen Wandels Schritt halten kann.
Unser viertes Prinzip ist offener Zugang. Die Betreiber von Telefon- und Videonetzen sollten einen
angemessenen Preis für den Zugang zu ihrem Netz
verlangen.
Staaten und Unternehmen sind nicht in der Weltwirtschaft konkurrenzfähig, wenn sie keinen Zugang zu
neuesten Informationen haben und nicht sofort mit
Kunden auf dem gesamten Globus kommunizieren
können. Leichter Zugang zu Informationen ist auch
für die Ausbildung von in Spitzentechnologieindustrien benötigten qualifizierten Arbeitnehmern erforderlich.
Im 21. Jahrhundert werden die Staaten prosperieren,
die eine Telekommunikationspolitik und Urheberrechtsgesetze haben, welche ihren Bürgern Zugang
zu einer Vielzahl von Informationsdienstleistungen
verschaffen. Der Schutz geistigen Eigentums ist
hierzu von essentieller Bedeutung.
Das letzte und wichtigste Prinzip besteht darin, eine
universelle Dienstleistung zu garantieren, damit die

AMERIKA DIENST 37

globale Informationsinfrastruktur allen Mitgliedern
unserer Gesellschaften zur Verfügung steht.
Hunderte in der Erdumlaufbahn stationierte Satelliten
könnten schon bald jedem Punkt der Erde Telefonund Datendienstleistungen anbieten. Solche Systeme könnten universelle Dienstleistungen sowohl
praktisch als auch erschwinglich gestalten.
Eine andere Dimension der universellen Dienstleistungen ist die Erkenntnis, daß die Ökonomie der
Märkte nicht die einzige Determinante für die Reichweite der Informationsinfrastruktur sein sollte.
Präsident Clinton und ich haben in den Vereinigten
Staaten effektive Maßnahmen gefordert, damit die
globale Informationsinfrastruktur bis zum Ende des
Jahrhunderts jedes Klassenzimmer, jede Bibliothek,
jedes Krankenhaus und jede Klinik in unserem Land
erfaßt.
Schulen und Bibliotheken jedes Landes sollten an
Internet, das weltweit größte Computernetz angeschlossen werden, damit eine globale digitale Bibliothek eingerichtet werden kann.
Sie würde es Millionen von Schülern, Studenten,
Lehrkräften und Unternehmern gestatten, die benötigten Informationen zu finden, sei es in Albanien
oder Ecuador.
Die Macht der globalen Informationsinfrastruktur wird
beeinträchtigt, wenn wir nicht große Teile der Weltbevölkerung erreichen können.
Von manchen wird behauptet, der Mangel wirtschaftlicher Entwicklung beeinträchtige das Telekommunikationswesen. Meines Erachtens ist es genau umgekehrt.
Ein primitives Telekommunikationssystem
behindert die Wirtschaftsentwicklung.
Wir dürfen folglich nicht gleichgültig gegenüber den
Einkommensungleichgewichten zwischen einzelnen
Nationen sein, sei es gemessen daran, wieviele
Telefone den Menschen zur Verfügung stehen und
ob sie solch neue Technologien wie Hochgeschwindigkeitscomputernetze oder Videokonferenzen haben.
Die Vereinigten Staaten bemühen sich engagiert um
eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern in dieser
Angelegenheit.
Wie können wir zusammenarbeiten, um der Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur im Wege
stehende Hindernisse zu beseitigen - einschließlich
der Finanzierung und Ausbildung? Die Industrieländer können hierzu folgendes unternehmen:

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�Wir können die globale Informationsinfrastruktur
für die technische Zusammenarbeit zwischen
Industriestaaten und Entwicklungsländern einsetzen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann die für
Entwicklung zuständigen Behörden unterstützen,
Fachleute aus jeder Nation in Kontakt miteinander zu bringen und sie zur Lösung gemeinsamer Probleme zu befähigen.
Multilaterale Institutionen wie die Weltbank
können den Nationen bei der Finanzierung der
Telekommunikationsinfrastruktur helfen.
Die Vereinigten Staaten haben einen Beitrag zur
Bereitstellung von technischem Know-how geleistet, das zur Aufstellung und Nutzung dieser
neuen Technologien benötigt wird. Das Amt für
internationale Entwicklung sowie amerikanische
Unternehmen haben dem Institut für Ausbildung
im Telekommunikationswesen Beistand bei der
Ausbildung von über 3.500 Telekommunikationsexperten aus den Entwicklungsländern geleistet.
Andere Nationen und internationale Organisationen können ebenfalls solche Programme einrichten.

Um die globale Informationsinfrastruktur in den Dienst
des Schutzes und Erhalts der globalen Umwelt zu
stellen, könnten Satelliten und persönliche Kommunikationstechnologien zur Schaffung eines globalen Netzes von Umweltinformationen eingesetzt
werden.
Die globale Informationsinfrastruktur kann uns die für
eine dramatische Verbesserung der Lebensqualität
auf der Erde erforderlichen Informationen liefern.
Durch die Vernetzung von Kliniken und Krankenhäusern soll sie sicherstellen, daß die behandelnden
Ärzte optimalen Zugang zu Informationen über
Krankheiten und Behandlungsmethoden erhalten.
Durch Frühwarnsysteme bei Naturkatastrophen wie
Vulkanausbrüchen oder Taifunen kann das Leben
Tausender von Menschen gerettet werden.
Und durch die Vernetzung von Städten und Dörfern
wird den Menschen die Organisation und Zusammenarbeit bei der Lösung örtlicher und regionaler Probleme erleichtert - von der Verbesserung der Wasserqualität bis zur Verhinderung der Abholzung.
Um Freiheit und Demokratie zu fördern, zu schützen
und zu bewahren, müssen wir die Entwicklung des
Telekommunikationswesens zu einem integralen
Bestandteil der Entwicklung jeder Nation machen.

* * * *

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AMERIKA DIENST 37

�TECHNOLOGIE
21. September 1994

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit
WASHINGTON - (AD) - Als Gewinner der höchsten
Auszeichnung des Landes im Technologiebereich
wurden vier Einzelpersonen und zwei Firmen für
Erfindungen benannt, die von Fenstern für die
Raumfähre bis zu einer Maschine reichen, die große
Stoffmengen maßgerecht zuschneidet.
Die Empfänger der nationalen Technologiemedaille
1994 wurden am 14. September von Wirtschaftsminister Ronald Brown in Anerkennung herausragender Leistungen auf dem Gebiet technologischer
Innovation und Vermarktung bekanntgegeben.
Präsident Clinton, der die endgültige Zustimmung zu
allen Auszeichnungen gab, wird die Medaillen im
Oktober während einer Feierstunde im Weißen Haus
überreichen. Anfang des Monats wurden acht
Empfänger der nationalen Wissenschaftsmedaille
benannt.
Brown äußerte bei einer Pressekonferenz, daß
Millionen Menschen von den Erfindungen der
Medaillengewinner profitieren werden, und jeder
Gewinner besondere Anerkennung "als Vorbild für
die neue amerikanische Wirtschaft" verdiene.
"Neue Technologien haben unsere Arbeit im Fertigungs- und Dienstleistungssektor, im Labor und
Büro sowie in der Fabrik revolutioniert", erklärte
Brown.

Wissenschaftler des biotechnologischen Unternehmens Amgen werden beispielsweise für die Entdekkung von zwei Medikamenten ausgezeichnet, die
schwerkranken Patienten mit Krebs- oder Nierenleiden entscheidend geholfen haben, und Corning Inc.
wird für Erfindungen geehrt, die völlig neuen internationalen Industriezweigen für Beleuchtung, Fernseh- und optische Kommunikation den Weg geebnet
haben.
Die in Thousand Oaks (Kalifornien) ansässige Firma
Amgen wird als erstes biotechnologisches Unternehmen mit der Technologiemedaille ausgezeichnet.
Amgen brachte ein durch Genmanipulation erzeugtes
menschliches Protein auf den Markt, das die Produktion der roten Blutkörperchen anregt und bei Dialysepatienten angewandt wird, die unter schwerer Anämie
leiden. Dank des neuen Präparats mußten sich diese
Patienten nicht länger wiederholten Bluttransfusionen
unterziehen.
Amgen-Wissenschaftler entdeckten ferner ein Protein,
das die Produktion der Infektionen bekämpfenden
weißen Blutkörperchen anregt.
Dies führte zur
Herstellung des Medikaments Neupogen, das vorwiegend zur Verhinderung von Infektionen im Rahmen von Chemotherapie bei verschiedenen Krebsarten und Knochenmarkstransplantationen verwendet
wird. Heute wird Neupogen über 200.000 Krebspatienten in den Vereinigten Staaten und mehr als
400.000 weltweit verabreicht.

"Ob wir auf dem globalen Markt oder andernorts
konkurrieren - Technologie ist der entscheidende
Faktor", fügte er hinzu. "Die Nationen, die am
besten von der Macht der Technologie profitieren,
sind führende Länder, die sich neuen Wohlstands,
Wirtschaftswachstums und der Vollbeschäftigung
erfreuen."

Corning, eine Glaswaren-Firma in Corning (New
York), blickt auf eine lange Reihe technologischer
Errungenschaften zurück, die basierend auf der
Erfindung des elektrischen Lichts durch Thomas
Edison 1879 mit der Herstellung der Glühbirne
begann.

Regierungsvertretern zufolge führen die technologischen Errungenschaften der als Gewinner vorgeschlagenen Einzelpersonen und Firmen zu Fortschritten in der Medizin, wirtschaftlichem Wohlstand
und einem höheren Lebensstandard für die Menschen auf der ganzen Welt.

Inzwischen hat Corning die erste kommerziell nutzbare optische Faser zur Verwendung im Telekommunikationsbereich entwickelt und einen Großteil der
rund 50 Millionen Kilometer Glasfasern geliefert, die
heute den Globus umspannen. Das Unternehmen
hat darüber hinaus ein chemisch stabiles Flachglas

AMERIKA DIENST 37

Seite 1

�für LCDs eingeführt und wurde zum weltweit führenden Flachglas-Lieferanten für Produkte wie LaptopComputer, Video-Camcorder und tragbare Fernsehgeräte sowie der Fenster für alle amerikanischen
Weltraummissionen seit Gemini in den sechziger
Jahren.
Joel Engel, Abteilungsleiter für Technologie bei der
Ameritech Corporation, und Richard Frenkie, pensionierter Ingenieur bei AT&amp;T Consumer Products,
werden für ihre gemeinsame Arbeit an der Entwicklung des zellularen Mobilfunksystems geehrt, das
einen Durchbruch gegenüber den Einschränkungen
des Mobiltelefons darstellt.
Vor dem Zellularfunk gestatteten die begrenzt zur
Verfügung stehenden Kanäle nur wenigen hundert
Menschen die Benutzung von Autotelefonen in einer
Stadt normaler Größe. Indem die Stadt in viele
kleine "Zellen" genannte Bereiche unterteilt wird und
die Anrufe während der Weiterfahrt von Zelle zu
Zelle weitergeleitet werden, wird dank des neuen
Systems die Kapazität der Kanäle multipliziert und
der weltweite Mobilfunk revolutioniert.
Irwin Jacobs, Geschäftsführer von Qualcomm Inc.,
wird ebenfalls für seine Pionierarbeit im Bereich der
drahtlosen Kommunikation gewürdigt.
Jacobs
entwickelte die Codemu Itiplexzugriff-Technologie
(Code Division Multiple Access Technology CDMA), die eine Kapazitätserweiterung um 1.000 bis
2.000 Prozent verglichen mit bestehenden Zellularsystemen bedeutet und einen leichten Übergang
von analogen zu digitalen Systemen gestattet.

Die CDMA-Technologie wird im Rahmen des sogenannten drahtlosen Anschlußleitungssystems (Wireless Local Loop System) in Ländern auf der ganzen
Welt eingeführt, mit dem Hunderte Millionen Menschen an das Telefonnetz angeschlossen werden, die
bisher keinen Teilnehmeranschluß haben. Mit dem
neuen System kann ein Land praktisch sofort ein
riesiges Gebiet mit Telefonanschlüssen abdecken,
indem ein einziger Turm und eine Bodenstation
errichtet werden, ohne teure Kabel verlegen oder
eine komplizierte Telefon-Infrastruktur entwickeln zu
müssen.
Der letzte Gewinner ist H. Joseph Gerber, Gründer
und Präsident von Gerber Scientific Inc., der eine
Maschine entwickelte, die große Stoffmengen schnell
und maßgerecht zuschneidet. Gerbers Erfindung
veränderte die Textilindustrie. Heute kann Gerbers
automatisierte Textilverarbeitungseinheit 3.500 Stücke
für 50 Herrenanzüge maßgerecht in weniger als drei
Minuten zuschneiden und wird in 38 Länder verkauft.
Gerber, der Inhaber von 600 Patenten ist, entwickelte
ferner eine Reihe integrierter Systeme, mit denen die
Produktion in der Möbel-, Koffer-, Schuh-, Luftfahrtund Automobilindustrie automatisiert wird.
Die Gewinner der Technologiemedaille, die erstmals
1985 verliehen wurde, werden von einem Sonderausschuß ausgewählt, der vorwiegend aus Vertretern
der Privatindustrie besteht. Das Programm wird von
einer gemeinnützigen Stiftung unterstützt, die aus
Führungskräften der High-tech-lndustrie besteht.

* * * * *

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