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und
Dokumentation

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Nummer

2 . August 1972

31

Inhalt
INFORMATION:

Pressekonferenz Präsident Nixons am 27. Juli 1972
-AuszügeNordvietnam: Die Frage der Bombardierung der Deiche
-Bericht des US-Außenministeriums-

HINTERGRUND:

o
Wenn die Kommunisten kommen
Von Douglas Pike

WIRTSCHAFT:
Burns unterstreicht Notwendigkeit eines Ausgleichs der US-Zahlungsbilanz

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Für die Raumfahrt entwickelt - im Alltag angewandt
NASA gibt immer mehr Patentrechte zugunsten der Wirtschaft frei
Raumtransporter - Der Milliardenauftrag
Elektrische Aktivierung gelähmter Muskeln

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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31/1972

PRESSEKONFERENZ PRÄSIDENT NIXONS AM 27. JULI 1972
-AuszügeWASHH.'iTON --(AD)-- Präsident Nixon hat am 27. Juli auf einer kurzfristig
eL.berjfenen Pressekonferenz erneut zur Frage der Bombenangriffe auf Nordv:..»tna.i Stellung genommen. Weitere Themen der Pressekonferenz waren der Nahe
0..( er. md die Frage der Vizepräsidentschaftskandidatur bei den Präsidentsi l.aft wählen im kommenden November.
D e Vietnam betreffenden Fragen und Antworten haben folgenden Wortlaut:
F age:: Herr Präsident, Sie haben erklärt, eine Bombardierung von Deichen
utc Därmen in Nordvietnam verstoße gegen die amerikanische Politik. Gestern
htt da Außenministerium zugegeben, daß gelegentlich und unbeabsichtigt Schade t du . ,i in der Nähe eingeschlagene Bomben entstanden seien. Meine Frage lautet: L t es das Risiko wert, daß aufgrund einer Bombardierung von Dämmen mögUchen.eise Überschwemmungen ausgelöst werden oder die Weltmeinung gegen uns
ati geb acht wird?
Ai.twort: Ich glaube, Ihre Frage läßt sich besser beantworten, wenn ich
gar,* g, nerell die Politik bezüglich der Bombardierung ziviler Einrichtungen
erläutere, dann speziell auf Ihre Frage eingehe und so eine allgemeine Antwort
ge;.-.
Einige
-l-

�Einige von Ihnen, die mit mir zusammen in Texas waren, werden sich erinnern, daß diese Frage auf der Connally-Ranch gestellt wurde, daß sie praktisch von einem Befürworter der Bombardierung der Deiche gestellt wurde und
daß sie darauf hinauslief, warum wir die Deiche nicht bombardierten. Ich sagte damals, daß es vor der Einstellung der Bombenangriffe im Jahre 1968 nicht
die Politik der USA gewesen ist, Deiche zu bombardieren, daß dies jetzt nicht
unsere Politik ist und daß es auch nicht in der Zukunft unsere Politik sein
würde, weil die Vereinigten Staaten in allen ihren Maßnahmen in Nordvietnam die
Politik verfolgen, die Angriffe nur gegen militärische Ziele zu richten.
Dies war die Politik der sechziger Jahre und ist auch jetzt unsere Politik,
seit wir die Bombenangriffe wieder aufnehmen mußten, aus Gründen, die ich in
meiner Rede vom 8. Mai erwähnt habe.
Was die Situation in bezug auf die Deiche anbetrifft, so sollten wir verstehen, womit wir hier konfrontiert werden. Es handelt sich hier um eine etwa
2 700 Meilen lange Kette von Einrichtungen, darunter vielleicht ein halbes
Dutzend wichtige Dämme, die den Kern des Systems bilden, und dann um peripherische Gebiete bis zu den kleineren Dämmen, die natürlich den Zweck haben, das
Flutwasser in diesem bestimmten Gebiet unter Kontrolle zu halten.
Wäre es die Politik der Vereinigten Staaten, die Deiche zu bombardieren,
so könnten wir sie innerhalb einer Woche ausschalten, zumindest den wichtigen
Teil von ihnen. Wir tun dies nicht aus den von mir erwähnten Gründen, denn wir
suchen Verluste unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden und nicht solche zu
verursachen.
Was nun die aus Hanoi eingegangenen Berichte betrifft, daß es an einigen
Stellen des Deichsystems Schäden gegeben haben soll, so halte ich es für wichtig, zwei Dinge zu betonen: einmal hat es keinen Bericht über irgendwelche
Überschwemmungen gegeben und zum anderen hat es keinen Bericht über einen Angriff auf irgendeines der wichtigen Deichgebiete gegeben.
Worauf

�Worauf ich mich hier beziehe, sind die großen Dämme, die den Kern des Systems
bilden. Es hat Berichte über zufällige Schäden an einigen der peripherischen
Einrichtungen des 2 700 Meilen langen Systems gegeben, das sich über die Landfläche Nordvietnams hinzieht.
Unter diesen Umständen halte ich es für richtig, stets im Auge zu behalten,
was erstens unsere Politik ist und zweitens welche Auswirkungen sie gehabt hat.
Unsere Politik ist nicht darauf gerichtet, zivile Einrichtungen zu bombardieren,
und zum anderen, so scheint mir, sollte unsere Zurückhaltung nicht Gegenstand
der Kritik, sondern Gegenstand einer objektiven Analyse und,so meine ich, eines
beträchtlichen Maßes an Unterstützung sein.
Was diese anbetrifft, ist es meines Erachtens an der Zeit, endlich damit
aufzuhören,zweierlei Maßstäbe anzulegen. Ich habe mit Interesse davon Kenntnis
genommen, daß der UN-Generalsekretär, genauso wie sein Vorgänger, diese vom
Gegner ausgehende Propaganda aufgegriffen hat,die zahlreiche das Gute wollende
und naive Menschen veranlaßt hat, die Amerikaner wegen Bombenangriffen auf zivile Einrichtungen und Gefährdung des Lebens der Zivilbevölkerung anzugreifen,die
aber nicht einmal ihre Stimme gegen den vorsätzlichen Beschuß ziviler Einrichtungen in Südvietnam erhoben haben.
Dies nur, um die Tatsachen richtig zu stellen - und das sollte an dieser
Stelle gesagt sein -- Sie alle, meine Damen und Herren, wissen das natürlich;
Sie haben das geschrieben, und Sie werden vielleicht in der Lage sein, das in
diesem Zusammenhang erneut zu tun.
Ich habe soeben ein Telegramm von Botschafter Bunker erhalten. Ich hatte
ihn gefragt, was den Zivilisten während der neuen Offensive angetan worden ist.
Sie werden sich an meine

Rede vom 8. Mai erinnern, als ich sagte, daß sich die

Verluste unter der Zivilbevölkerung auf 20 000 beliefen, darunter Frauen und
Kinder, weil die Nordvietnamesen die Städte absichtlich beschossen und die

-3-

�die Flüchtlinge blindlings niedergemetzelt haben.
Die Zahl der Opfer beträgt nunmehr 45 OOO einschließlich Frauen und Kinder,
darunter 15 000 Tote.
Ich fragte ihn nach der Zahl der Flüchtlinge. Diese ist höher als ich angenommen hatte

Durch die nordvietnamesische Invasion Südvietnams, diese jüngste

Invasion, sind bisher 860 000 Menschen heimatlos geworden, von denen sich noch
600 000 in Flüchtlingslagern, fern ihrer Heimat, befinden.
Wenn wir auf die Zeit dieses sehr schweren Krieges zurückblicken, so werden wir feststellen, daß sich die Verluste unter der Zivilbevölkerung Südvietnams aufgrund der vorsätzlichen Politik der nordvietnamesischen Kommunisten
-nicht zufällig, sondern vorsätzlich- seit 1965 auf rund 600 000 belaufen.
In Nordvietnam wurden in der Zeit von 1954 bis 1956, während des sogenannten Landreformprogramms- wenigstens 50 000 Menschen ermordet und erschlagen,
und nach den Angaben des katholischen Bischofs von Danang, mit dem ich 1956 während meines Besuchs in Südvietnam sprach, sind - abgesehen von den nach dem Süden entkommenen 800 000 Flüchtlingen - noch wenigstens eine halbe Million Menschen in den Zwangsarbeitslagern Nordvietnams gestorben.
Ich habe alle diese. Tatsachen nicht angeführt, um damit sagen zu wollen:
Weil sie etwas Böses getan haben, können wir auch etwas Böses tun. Ich möchte
lediglich sagen, daß wir keinen heuchlerischen doppelten Maßstab anlegen sollten.
Die Vereinigten Staaten haben sich zurückgehalten, sie haben mehr Zurückhaltung
geübt als irgendeine andere Großmacht zuvor in diesem Krieg. Wir werden weiterhin
Zurückhaltung üben. Wir müssen militärische Ziele bombardieren, um die von mir
in meiner Rede vom 8, Mai umrissenen Ziele zu erreichen.
Auf der anderen Seite kann ich, was diesen besonderen Punkt anbetrifft,
lediglich sagen: Wenn Schäden entstanden sind, so tun wir alles in unseren Kräften stehende, damit dies nicht wieder vorkommt, und damit beantworte ich Ihre

-4-

�Ihre Frage. Die Truppenkcmaandeure, die Luftwaffenkommandeure usw. sind im
Hinblick auf die militärischen Ziele angewiesen, wo immer sie können, Schäden an
zivilen Einrichtungen zu vermeiden.
Dies ist der Grund, warum einige Ziele im Herzen Hanois, zum Beispiel
große Kraftwerke und Brennstofflager mitten in Hanoi, nicht angegriffen worden
sind, weil ich keine Verluste unter der Zivilbevölkerung wünschte, wenn dies
irgendwie vermieden werden konnte.
Ich möchte zum Schluß nur sagen, daß es sich hier um eine großangelegte
Propagandakampagne handelt, die uns betrifft. Aber lassen Sie mich die Tatsachen
klarstellen. Falls die Vereinigten Staaten dem von einigen empfohlenen Kurs
folgen würden, die im amerikanischen Senat für die sogenannte "Beendet den
Krieg-Resolution" gestimmt haben, so würde dies bedeuten, daß Südvietnam unter
den gleichen Grausamkeiten zu leiden haben würde wie seinerzeit Nordvietnam
und daß in Südvietnam wahrscheinlich wenigstens eine Million Menschen mit ihrer
Ermordung rechnen müßten, nur weil sie gegen die Versuche der Nordvietnamesen
gekämpft haben, Südvietnam zu erobern.
Ich möchte noch einen weiteren Punkt anführen, und zwar im Hinblick auf
die Verhandlungen. Wir verhandeln gegenwärtig. Wir haben öffentliche Verhandlungen geführt. Wir hatten in der vergangenen Woche ein vertrauliche Zusammenkunft, die etwa sechs Stunden dauerte. Wir hoffen, daß weiter verhandelt
wird.
Wir haben faire Angebote über einen Truppenabzug, über eine Waffenruhe
und über eine politische Regelung vorgelegt. Wir haben sie nicht auf einer
Alles-Oder-Nichts-Basis gemacht.
Wir haben faire Angebote über einen Austausch der Kriegsgefangenen und
Auskunft über das Schicksal der Vermißten gemacht.
Wir

�en alles dies getan, aber wir haben eines nicht angeboten, und das
ist eines der Probleme in bezug auf eine Regelung. Es geht um die Forderung des
Gegners, direkt oder indirekt das zu tun, was er selbst nicht erreichen kann,
nämlich in Südvietnam eine kommunistische Regierung einzusetzen. Es wäre der
Gipfel der Unmoral, den 17 Millionen Menschen in Südvietnam eine kommunistische
Regierung mit dem dann folgenden Blutbad aufzuzwingen .
Frage: Herr Präsident, Sie erwähnten die politische Regelung. Sehen Sie
eine Möglichkeit, ohne daß es unbedingt zu Wahlen kommt - glauben Sie, daß als
eine mögliche Lösung bei den Pariser Gesprächen die beiden Parteien in Südvietnam ohne Wahlen zu irgendeiner Art von Übereinkunft zusammenfinden werden?
Antwort: Das ist eine scharfsinnige Frage. Aber es ist auch eine Frage, zu
der ... ich nicht Stellung nehmen sollte aus dem einfachen Grunde, weil die Verhandlungen noch im Gange sind. Ich habe die langen Verhandlungssitzungen genau
verfolgt, die öffentlichen, und was noch wichtiger ist, die vertraulichen, und
zwar in allen Einzelheiten. Solange Fragen noch erörtert werden, ist es nicht
gut, wenn ich irgendetwas zu dem sage, was gegenwärtig in den Verhandlungen geschieht.
Ich möchte nur sagen, daß wir aus dem Wunsche heraus verhandeln, diesen Krieg
so schnell wie möglich zu beenden. Der schnellste Weg zur Beendigung des Krieges
und der beste Weg sind Verhandlungen.Wir möchten hoffen, daß die Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens in ihren Stellungnahmen nicht irgendetwas sagen, was die
Verhandlungen stört, daß der Kongreß durch seine Maßnahmen dem Gegner nicht
praktisch eine Botschaft übermittelt: "Verhandelt nicht mit der gegenwärtigen
Administration, wartet auf uns. Wir geben Euch in Südvietnam, was ihr wollt."

Frage:

-6-

�Frage: Herr Präsident, darf ich an die erste Frage anknüpfen? Es hat Berichte gegeben, wonach SAM-Stellungen direkt auf einigen dieser Deiche oder
Dämme angelegt worden sind. Schließt Ihre Politik die Bombardierung solcher besonderen Gebiete, in denen sich SAM-Stellungen befinden, aus?
Antwort: Ich habe diese Berichte gesehen. Wie Sie wissen, hat der Verteidigungsminister hierzu einige indirekte Stellungnahmen abgegeben. Die Situation
hitn- ist so, daß wir dazu neigen, SAM-Stellungen als Ziele auszunehmen, wenn
dies zu wesentlichen Verlusten unter der Zivilbevölkerung führen würde.
Ich habe jedoch in den letzten Tagen keine Berichte gesehen, die darauf
hindeuten, daß irgendwelche derartigen SAM-Stellungen angegriffen werden, und
angesichts der gegenwärtigen Debatte werden wir in bezug auf diese Ziele sehr
vorsichtig sein. Wir werden sie nur angreifen,wenn wir das müssen, um amerikanische Flieger zu schützen, die sonst von diesen SAMs abgeschossen würden....
Frage: Herr Präsident, ist das so zu verstehen, daß die Rufe "Stellt die
Bombardierung der Deiche ein" in diesem Jahr zu einem politischen Schlagwort
geworden sind und daß diejenigen, die dahinter stehen, nicht gründlich geprüft
haben, worauf sie ihre Anschuldigungen begründen?
Antwort: Ich habe

nicht ohne Absicht das Wort "naiv" benutzt. Die Nordviet-

namesen sind in ihrer Propaganda sehr geschickt. Sie haben diejenigen, die sie
in ihr Land eingeladen haben, in solche Gebiete geführt, in

denen die Besucher

Bombenschäden fanden. Sie haben sich keine große Mühe gegeben, solche Bombentrichter zu füllen, was sie natürlich tun möchten, bevor die Möglichkeit von
Wolkenbrüchen und Überschwemmungen im Norden wieder besteht.
Meines

�Meines Erachtens handelt es sich hier um den ganz bewußten Versuch seitens
der Nordvietnamesen, ein Randproblem in den Mittelpunkt zu rücken und die Aufmerksamkeit von einer der barbarischsten Invasionen der Geschichte abzulenken,
zu der noch eine Verletzung aller Begriffe des Völkerrechts bei Behandlung der
Kriegsgefangenen hinzukommt. Wenn sie, die sie eine Politik des vorsätzlichen
Tötens und Mordens und der Angriffe auf die Zivilbevölkerung mit der Absicht
des Tötens verfolgen, wenn sie versuchen, aus dem einen Kapital zu schlagen
und die Aufmerksamkeit von dem anderen abzulenken, dann ist dies ein offenkundiges Propagandamanöver- und zwar eines, dem meiner Auffassung nach begegnet werden
muß
Selbstverständlich müssen wir die Verantwortung für das tragen, was wir
tun. Es ist jedoch an der Zeit, daß in diesem furchtbar schweren Krieg manche
Amerikaner -oder besser gesagt die meisten von uns - allmählich erkennen, daß
es niemals eine leichte Sache ist, wenn wir von Moral reden.
Wenn ich für einen Augenblick abschweifen darf - ich werde dann auf Ihre
Zusatzfrage zu dem anderen Punkt zurückkommen - ich erinnere mich noch an eines
der ersten Gespräche über Krieg, das ich mit Präsident Eisenhower führte. Wir
fuhren von Quantico zurück. Sie werden sich vielleicht noch daran erinnern,daß
Charlie Wilson

(der damalige Verteidigungsminister) in Quantico solche Treffen

von Verteidigungsexperten abzuhalten pflegte. Er (Präsident Eisenhower) forderte mich auf, mit ihm zurückzufahren. Es war noch ganz im Anfang, im ersten Jahr
seiner Administration.
Er sprach über die Entscheidungen, die er im zweiten Weltkrieg hatte fällen
müsser. Eine der Fragen, die ich mit ihm anschnitt,war die absichtliche Bombardierung deutscher Städte, die Tragödie von Dresden, von Essen, von Hamburg,
nicht zu vergessen von Berlin. Wie General Eisenhower betonte, war es eine
furchtbar schwere Entscheidung für uns, diese strategische Bombardierung der
Zivilbevölkerung in Deutschland. Er sagte jedoch, "was die Frage der Moral angeht, so mußten wir auch auf dieses grundlegende Problem eine Antwort finden".
Er
-8-

�Er sagte, "der Gipfel der Unmoral wäre es gewesen, zuzulassen, daß Hitler Europa beherrscht."
Nun, in unserem Fall sind wir nicht so weit gegangen. Wir werden keine
zivilen Ziele im Norden bombardieren. Wir machen von der großen Macht keinen Gebrauch, die Nordvietnam an einem Nachmittag auslöschen könnte, und wir werden
dies auch in Zukunft nicht tun. Es wäre jedoch der Gipfel der Unmoral, wenn
die Vereinigten Staaten Vietnam an diesem Punkt im Stich lassen würder

und

wenn wir bei unserem Abzug das Schicksal von 17 Millionen Südvietnamesen, die
keine kommunistische Regierung wünschen, den Nordvietnamesen überantworten
würden.
Darum geht es hier. Das ist die einzige Frage, die hier ansteht. Diejenigen, die rufen: "Beendet den Krieg", sollten ihre Resolution eigentlich richtiger nennen: "Verlängert den Krieg". Sie sollten sie "Verlängert den Krieg" nennen, nicht weil sie dies wirklich wollen. Sie wollen genauso wie ich den Krieg
beenden, aber wir sollten bedenken: Wir haben, wie ich schon 1968 sagte, immer
nur einen Präsidenten. Und damals wurde ich, wie Sie sich vielleicht erinnern
werden, von Ihnen, meine Damen und Herren, oft mit der Frage bedrängt: "Was
müssen wir Ihrer Ansicht nach in bezug auf Verhandlungen tun?"

Ich glaubte

nicht, daß damals große Aussichten für erfolgreiche Verhandlungen bestanden.
Aber ich sagte ganz richtig, wir haben nur einen Präsidenten, und ich möchte nicht jede Chance zerstören, die er für eine Beendigung dieses Krieges haben
könnte. Im Augenblick ist die Aussicht auf eine Regelung auf dem Verhandlungswege besser als jemals zuvor. Dies ist nicht sicher, und ich möchte keine falschen
Hoffnungen erwecken, aber die militärische Offensive des Gegners schlägt fehl,
auch wenn noch in dem Raum Quang Tri-Hue harte Kämpfe stattfinden werden. Aber
der Gegner verspürt natürlich auch die Folgen der Verminung und der Unterbrechung
der Straßen und anderer Systeme, auf denen Nachschubgüter nach Nordvietnam gebracht werden könnten.
Unter

-9-

�«

Unter diesen Umständen hat der Gegner - weil wir überdies ein sehr faires
Angebot vorgelegt haben - jeden Anreiz zu verhandeln. Wenn Sie sich jedoch in
die Position des Gegners versetzen und dann hören, daß der amerikanische Kongreß
praktisch sagt: "Wir werden Euch geben, was Ihr wollt, gleichgültig, was immer
der Präsident angeboten hat. Warum dann nicht warten? Das ist das Problem, und
ich möchte hoffen, daß die Senatoren und Kongreßabgeordneten, wenn sie ihr Gewissen befragen, sich bewußt werden, daß wir nur noch drei Monate bis zu den
Wahlen haben. In diesen drei Monaten hoffen wir, alles in unseren Kräften stehende tun zu können, um diesen Krieg zu beenden, und sie sollten nichts unternehmen,
was diese Verhandlungen gefährden könnte. Ich kann nur sagen, daß die Resolutionen nichts hierzu beitragen können. Sie können bestenfalls den Gegner nur verwirren; und schlimmstenfalls werden sie den Krieg verlängern.

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-10-

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31/1972

NORDVIETNAM: DIE FRAGE DER BOMBARDIERUNG DER DEICHE
-Bericht des US-Außenministeriums-

WASHINGTON --(AD)— Das amerikanische Außenministerium hat unter dem Titel
"Nordvietnam: Die Frage der Bombardierung der Deiche" am 28. Juli einen auf
Aufklärungsergebnissen basierenden Bericht veröffentlicht, der folgenden Wortlaut hat:
In den letzten Wochen hat Hanoi versucht, die Welt davon zu überzeugen,
daß das ausgeklügelte nordvietnamesische Deichsystem ein direktes und absichtliches Ziel amerikanischer Angriffe sei. Das stimmt nicht. Fotografische Aufnahmen zeigen eindeutig, daß Deiche nicht absichtlich bombardiert worden sind.
Einige wenige Deiche sind von fehlgegangenen Bomben getroffen worden, die in
der Nähe gelegene militärische Ziele treffen sollten. Der Schaden ist geringfügig,und es ist kein großer Damm gebrochen. Der Schaden ließe sich leicht innerhalb von wenigen Tagen reparieren und ist nicht so groß, daß er Überschwemmungen hervorrufen könnte. Es sind keine Schäden im Gebiet von Hanoi oder an
dem Hauptdeichgebiet zum Schutze dieser Stadt festgestellt worden. Hanoi ist
ohne Frage um das Deichsystem wirklich besorgt. Die Regenzeit in Nordvietnam
wird bald ihren Höhepunkt erreichen,und die im letzten Jahr durch die sehr
schweren Überschwemmungen entstandenen Schäden sind noch nicht völlig wieder
beseitigt worden.
-Das

�-Das nordvietnamesische Wa sserwirtschaftssystem1.

Nordvietnam verfügt über ein sorgfältig ausgeklügeltes Netz von Deichen,

Dämmen und Schleusen zur Kontrolle des Wassers in dem dicht bevölkerten DeltaGebiet des Roten Flusses. Das im Delta landwirtschaftlich genutzte Land ist
in der Trockenzeit von der Bewässerung abhängig und wird in den Regenmonaten
durch Überschwemmungen gefährdet. Die Hauptwassertransportwege des Landes, der
Rote Fluß, der Thai Binh-Fluß und der Canal des Rapides sowie der Canal des
Bambous, verbinden die wichtigsten Stadtgebiete miteinander. Düngemittel, Lebensmittel, Erdöl und andere Rohstoffe werden zum Teil auf diesen Wasserwegen
befördert sowie Kohle,die aus den Bergbaugebieten von Hon Gai und Cam Pha kommt.
Auch im südlichen Teil ist ebenfalls an einigen Flüssen ein Deich-und Schleusensystem zur Kontrolle des Wassers und der Schiffahrt notwendig, aber dieses System
hat nicht so große Bedeutung wie das im Delta.

2.

Entlang des Roten Flusses sind die Deiche zur Verhinderung von Über-

schwemmungen sowie zur Kontrolle des Wasserlaufes sehr weit entwickelt. Das
Deichsystem am Roten Fluß beginnt in der Nähe von Viet Tri, das zwar rund 100
Meilen von der Küste entfernt, aber nur etwa 13 Meter über dem Meeresspiegel
liegt. Die von den Bergen her mitgeführten großen Schlamm-und Schlickmengen
haben sich im Deltagebiet im Flußbett abgelagert, so daß der Wasserspiegel des
Flusses vielfach höher als das umliegende Land ist und die ihn einfassenden
Deiche ständig angehoben werden müssen. In einigen Gebieten, vor allem um Hanoi,
sind die Deiche bis zu 12 Meter hoch. Einige sind an der Krone rund 24 Meter
und unten bis zu 60 Meter breit. Ein zweites System von 1,20 Meter bis 6,60
Meter hohen Deichen verläuft parallel zu den Hauptdeichen und soll, falls der
Hauptdeich bricht, den Schaden lokalisieren und auf ein Minimum begrenzen. Ein
drittes System kleinerer Deiche teilt die Reisanbaugebiete in kleine Areale
auf, ermöglicht die Bewässerung und kontrolliert Wasserführung der kleineren
Flüsse und der örtlichen Wasserwege. Darüberhinaus gibt es an der Küste kleine

-2-

�kleine natürliche oder von Menschen errichtete Deiche, um das Brackwasser fernzuhalten.

3.

Dämme und Schleusen spielen eine untergeordnete Rolle. Nur wenige große

Dämme sind aus Beton errichtet und haben Schleusen,um Schiffe durchzulassen. Und
nur die wichtigen Wasserwege im Delta des Roten Flusses haben Flutschleusen,zur
Kontrolle des Wasserstandes und zur Erleichterung des Schiffsverkehrs.

-Ständige Überschwemmungen4.

Die Wasserführung der Flüsse erreicht saisonbedingt im Juli und August

ihren Höchststand. Ausgedehnte Überschwemmungen und die Zerstörung von Eigentum
sind die Folge. Obwohl es seit Mitte der vierziger Jahre nur wenige größere
Deichbrüche gegeben hat, so kommt es doch fast jedes Jahr vor, daß kleinere
Deiche brechen.
5.

Die Überschwemmungen vom August letzten Jahres gehören zu den schwersten,

die jemals bekannt geworden sind. Allein vier Deichbrüche waren an dem Hauptdeich entlang des Roten Flusses zu verzeichnen. Schätzungsweise 440 000 Hektar
- ein Viertel des gesamten in Nordvietnam mit Reis bestellten Landes - wurden
völlig überschwemmt, und die gesamte Ernte in diesem Gebiet wurde völlig vernichtet.
Hanois

Stürme rissen einen Kai in einer Länge von einer halben Meile außerhalb
ein,und eine Eisenbahnlinie nach dem Norden - nach Dong Dang - wurde

unterbrochen. Die überschwemmte Landfläche nahm bis Ende Dezember immer weiter
zu, wahrscheinlich, weil das zweite Deichsystem auf die Dauer aufgeweicht und
infolge des starken Wasserdruckes ausgewaschen worden war.

6.

Abgesehen von den unmittelbaren Ausfällen bei der Reisernte haben die

Überschwemmungen auch umfassende langfristigere Schäden verursacht. Die Gewalt
des durch die Bruchstellen der Hauptdämme strömenden Wassers hat vielfach £u

-3-

�zu Bodenerosionen geführt, die weit über die offensichtlichen Anschwemmungen
in der Nähe der Durchbruchsstellen gehen. Lange Stücke von Bewässerungskanälen
wurden unterbrochen, und die Presse berichtete von zahlreichen unterspülten
Pumpstationen. Das Flutwasser hinterließ überall in den Drainagegräben Rückstände. Die lange Überschwemmung infolge der Hochwasserkatastrophe hat möglicherweise zu verborgenen Aushöhlungen des Hauptdeichsystems geführt, die sich erst
Ende dieses Jahres zeigen werden. Da das Deichsystem möglicherweise so geschwächt
ist, erhöht sich noch die Gefahr einer Überschwemmung in diesem Jahr.

-Anfälligkeitsgrad des Systems gegenüber Bombenangriffen-

7.

Das nordvietnamesische Wasserwirtschaftssystem umfaßt eine Vielzahl unnur

terschiedlicher Einzelkomponenten, die/ durch eine umfassende, koordinierte Luftoffensive erheblich beeinträchtigt werden könnten. Solche Angriffe würden sich
zwangsläufig gegen bestimmte Schleusen, Dämme und Deichgebiete richten,und der
Bombenschaden würde sich nur während der verhältnismäßig kurzen Hochwasserperioden auswirken. Aber selbst dann müßte damit gerechnet werden, daß die Nordvietnamesen, die den Kampf gegen das Hochwasser seit langem gewohnt sind, umgehend
handeln und Bruchstellen innerhalb des Systems ausbessern.
8.

Schäden an den Schleusen würden sich nur wenig auf das Transport-wie auch

das Wasserwirtschaftssystem Nordvietnams auswirken. Die Binnenschiffahrt könnte
auf Wasserwege umgeleitet werden, die unabhängig von Schleusen sind, und ein
Teil der Frachten könnte auf den zahlreichen, sich anbietenden alternativen
Landwegen befördert werden. Gelegentliche Bombenschäden in den Jahren 1965 bis
1968 setzten einige Schleusen außer Betrieb, wirkten sich jedoch nur wenig auf
Wassertransporte oder Überschwemmungen in diesem Gebiet aus. Ähnlich würden
Dammbrüche, selbst in Hochwasserzeiten, nur unwesentliche Störungen bewirken,
da sie meistens klein und leicht reparierbar sind.
9. Deiche

-4-

�9.

Deiche sind gegen Bombenschäden besonders unanfällig. Bei Deichen des

Hauptsystems würde es höchstens zu Danmbrüchen kommen, wenn sich über die ganze
Krone eines Deiches eine Reihe aneinandergrenzender Bombentrichter hinziehen
würde und wenn der Kraterrand wesentlich unter der Wasseroberfläche läge, so
daß das Wasser hineinströmen und die sich dann ergebenden Aushöhlungen zu einem
Dammbruch führen würden. Die Deiche am Roten Fluß in der Nähe Hanois sind in
Höhe des Wasserspiegels etwa 24 Meter breit.

10.

Die amtlichen nordvietnamesischen Presseagenturen und Rundfunkstationen

haben wiederholt über angebliche amerikanische Bombenangriffe auf Deichsysteme
berichtet. Im April und im Mai erhoben die Nordvietnamesen 40 spezifische Beschuldigungen, und am 30. Juni zitierte die amtliche Presse den Stellvertretenden Minister für Wasserwirtschaft, daß in jenem Monat 30 Bombenangriffe auf
Deiche stattgefunden hätten. Ausländische Diplomaten, Korrespondenten und erst
in jüngster Zeit die Schauspielerin Jane Fonda wurden an Deiche geführt, um
Schäden zu besichtigen - die meisten um Hai Duong südöstlich von Hanoi.

11.

Es wurde eine genaue Prüfung von Fotoaufnahmen von Mitte Juli aus dem

Delta des Roten Flusses vorgenommen, und an 12 Stellen wurden Bombenkrater festgestellt. Keine der Schäden waren im Gebiet von Hanoi, wo die Zerstörung von
Deichen den größten Schaden für die Wirtschaft und den Nachschub Nordvietnams
hervorrufen würde. Fast alle Schäden befanden sich flußabwärts von Hanoi sowie
flußabwärts von den Gebieten der großen Deichbrüche aus dem Hochwasser von
1971.

12.

Es gibt keine Anzeichen für eine Zerstörung lebenswichtiger Teile von

Deichen über eine Länge von mehreren Kilometern - wie dies von Korrespondenten
aus Hanoi berichtet wurde. Die Trichter sind im Verhältnis zu den Deichen klein,

-5-

�klein, und der Schaden hat nicht zu Überschwemmungen geführt. Obwohl das Wasser
noch nicht seinen höchsten Stand erreicht hat, deutet die Tatsache, daß kein
Wasser durchgebrochen ist, darauf hin, daß der Schaden begrenzt war.

13.

Alle Punkte, an denen Schäden an den

Deichen festgestellt wurden,

liegen in nächster Nähe spezifischer Ziele von militärischer Bedeutung. Von den 12
Stellen,

m

denen Schäden aufgetreten sind, liegen 10 ganz in der Nähe von iden-

tifizierten Einzelzielen, wie Erdöllager, und die beiden anderen in der Nähe von
Straßen-und Flußtransportwegen. Da eine große Zahl der nordvietnamesischen Deiche gleichzeitig den Unterbau für Verbindungswege bildet, macht es das Gewirr,
mit dem sie das Delta durchziehen, fast unmöglich, daß Luftangriffe gegen
Transportziele nicht hier und da auch Schäden an den Deichen verursachen.

14.

Die durch die Aufnahmen festgestellten Bombenkrater ließen sich mit einem

Minimum an Arbeits-und Geräteaufwand leicht reparieren - eine Gruppe von weniger
als 50-Mann mit Schubkarren und einfachem Handwerkszeug

könnte den größten

festgestellten Trichter in einem Tag zuschütten. Da im ganzen Deltagebiet die
notwendigen Geräte zur Verfügung stehen, könnten alle Deiche innerhalb einer
Woche ausgebessert sein. In der ganzen Geschichte habens ich die örtlichen Arbeitskräfte zusammengetan und Deiche ausgebessert, um ernsthafte Überschwemmungen
zu verhindern. Eine gelegentlich auf einen Deich fallende Bombe verursacht keine
wesentliche Mehrarbeit über die normalerweise jedes Jahr erforderliche Reparaturarbeit hinaus. Nordvietnam muß jedoch die Ausbesserung der Schäden aus der Überschwemmung des Jahres 1971 vor dem nächsten Monat abschließen, da dann die diesjährige Regenzeit ihren Höhepunkt erreicht.

-6-

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31/1972

WENN DIE KOMMUNISTEN KOMMEN
Von Douglas Pike

Als international anerkannter Fachmann für

Vietnam hat Douglas Pike eingehende Untersuchungen über die Methoden Nordvietnams
und des Vietcong angestellt, Südvietnam in
kommunistische Gewalt zu bringen. Nach seinen umfassenden Analysen ist es den Kommunisten trotz massiver Anstrengungen nicht
gelungen, die Masse der südvietnamesischen
Bevölkerung für sich zu gewinnen, die für
den Fall eines kommunistischen Sieges ein
Blutbad fürchtet.

Das Leben hinter den Linien der von Nordvietnamesen besetzten Teile Südvietnams ist zu einer Mischung aus Terror, Qual und Hoffnung geworden.
Das ist das Bild, das sich aus den Berichten von Flüchtlingen und anderen ergibt, denen es gelungen ist, aus den 14 Distrikten (von insgesamt 272
Distrikten der Republik Vietnam) zu entkommen, die von der Volksarmee von
Vietnam - also der nordvietnamesischen Armee - besetzt gehalten werden (nach

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�(nach dem Stande von Anfang Juli dieses Jahres). Sieben dieser Distrikte liegen in der nördlichsten Provinz Südvietnams, Quang Tri; die anderen sieben
weiter südlich in der Provinz Binh Dinh und Teilen der benachbarten Provinz
Kontum und sogar noch weiter südlich direkt oberhalb von Saigon in der nördlichen Hälfte der Provinz Binh Long.
Insgesamt kann man sagen, daß die nordvietnamesischen Führer überaus enttäuscht waren, daß ihre sogenannte Osteroffensive nicht zu Massendemonstrationen, Unruhen und Aufständen sowie zu anderen Formen des gesellschaftlichen
Chaos in ganz Südvietnam und vor allem in den größeren Städten geführt hat .
Das Chaos hatten sie einkalkuliert. Allerdings konnten eigentlich nur ihre
Hoffnungen enttäuscht worden sein und weniger ihre Erwartungen. Sie hatten
wohl kaum einen großen allgemeinen Aufstand erwartet, denn die Tet-Offensive
von 1968 hatte gezeigt, daß damit nicht zu rechnen war. Sie hatten allerdings
mit weitgehender Unterstützung, Gesten der Solidarität und einer allgemeinen
Aufnahmebereitschaft gerechnet, die sich aus Ressentiments gegen die Regierung
Thieu und aus antiamerikanischen Gefühlen in Südvietnam ergeben sollten.
Aber all dies geschah nicht. Das Schreckgespenst der Volksarmee - Divisionen auf Panzern aufsitzender und um sich feuernder Soldaten, die nach Süden
vordrangen - terrorisierte die südvietnamesischen Dorfbewohner. Diese anrollenden Panzer mußten bei der Bevölkerung ein gewaltiges Trauma hervorrufen, und
aus dem Trauma entstanden Angst und Furcht. Aus der Angst entstand die Polarisierung: Man mußte wählen, entweder die nordvietnamesischen Eindringlinge
oder die südvietnamesischen Verteidiger - es gab keine Alternative.
Welche Differenzen Südvietnamesen auch mit der Regierung Thieu haben mögen, sie verblassten vor der drohenden Gefahr. Die nordvietnamesische Armee
schlug an drei Fronten zu. Der erste Stoßkeil richtete sich gegen Hui, die
heilige Stadt Vietnams, der zweite richtete sich gegen Saigon und der dritte
gegen Kontum, wo die Kommunisten versuchten, Südvietnam in zwei Hälften zu
spalten. Das war das Bild, das sich den Menschen zeigte.
Rund
-2-

�Rund 750 000 Dorfbewohner flohen vor diesem Frontalangriff und gelten
heute als Flüchtlinge. Sie bleiben Flüchtlinge, trotz der nordvietnamesischen
Zusicherung, daß die Kommunisten nicht ihre Feinde seien, und sie weigern sich
trotz intensiver Propaganda, in die von den Nordvietnamesen besetzten Dörfer
zurückzukehren. Das Leben im Flüchtlingslager, das kaum als ideal bezeichnet
werden kann, scheint ihnen lieber zu sein als ein Leben daheim unter dem Kommunismus.
Rund 600 000 Menschen kamen nicht heraus - oder konnten nicht herauskommen. Sie leben jetzt unter kommunistischer Kontrolle. Mit diesen Menschen
- sie stellen rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung Südvietnams dar - wollen
wir uns hier befassen. Diese Studie will zeigen, was geschah, als die Kommunisten kamen.
Das Verhalten der Nordvietnamesen gegenüber südvietnamesischen Zivilisten
in den während der Offensive besetzten Dörfern spiegelt im allgemeinen die aus
der Vergangenheit bekannte gemischte Einstellung wider. Die amtliche öffentliche Politik nach außen ist Befreiung der Ausgebeuteten und Nachsicht gegenüber dem gefangenen Ausbeuter. Das ist die Politik des Zuckerbrots-. Die amtliche Politik nach innen ist die Peitsche - und meist mehr Peitsche als Zuckerbrot. Offiziell wird das Ganze als soziale Gleichrichtung bezeichnet und
euphemistisch als "Ausrottung der Erzschurken und Beseitigung der grausamen
Einheiten" beschrieben. Die Opfer würden es eher als Terror und Tod bezeichnen.
Wir wollen einmal das Verhalten der kommunistischen Besatzer nach außen
und nach innen untersuchen. Zu dieser Untersuchung gehört eine etwas technische
Beschreibung der Tätigkeit im Dorf, wenn es besetzt worden ist. Sie besteht
hauptsächlich aus organisatorischer Arbeit - ein etwas trockenes Thema, das jedoch
für das Gesamtverständnis sehr wichtig ist, denn diese organisatorische Arbeit
ist das Kernstück eines jeden etwaigen Erfolges der Kommunisten. Es gibt auch

-3-

�auch noch eine dunklere Seite - die mystische.
Kommunistische Kader, die praktisch als Militärregierung in einem besetzten
Dorf fungieren, tragen in ihrem Geist eine Art Mystik mit sich; alles, was sie
tun, wie sie es tun, und warum sie es tun, hat einen "tieferen Sinn". Man muß
diese Vorstellungen kennen, um zu begreifen, was und warum es vor sich geht.
Im April dieses Jahres wurde in der Provinz Quang Tin ein Dokument erbeutet,
das unter der Bezeichnung "Zehn Tage zum Sieg" die Anweisung eines Provinzzentralkomitees enthält, wie man ein feindliches Dorf erobert und regiert.
Nicht als Verwaltungsanleitung, sondern als Ausbildungsdokument geschrieben
zeigt es eine idealisierte Mischung von Indoktrinierung, Wunschdenken und praktischer Instruktion. Es zeigt vielleicht am deutlichsten, wes Geistes Kind die
Kader sind, die zur Besatzungsmacht werden.
Die zehn Tage zum Sieg:
Erster Tag: Reguläre Einheiten (der Streitkräfte) greifen das Dorf, den
Hamlet oder die befestigte Stellung an und besetzen sie. Örtliche Guerillakräfte beseitigen südvietnamesische Regierungskader und deren

Infrastruktur

und vernichten örtliche Selbstverteidigungskräfte. Die Bevölkerung wird zu aufrührerischen Tätigkeiten aufgestachelt.
Zweiter Tag: Organisiere Versammlungen und Demonstrationen, richte Revolutionsgerichtshöfe ein, halte Prozesse ab. Errichte örtliche Verwaltungseinheiten. Setze den militärischen Stoß gegen naheliegende Stellungen der südvietnamesischen Armee fort.
Dritter Tag: Organisiere die Bevölkerung in Befreiungsorganisationen und
anderen sozialen Bewegungen. Benutze Binh Van (Überredungstechniken), um Posten
der ARVN (.der südvietnamesischen Armee) auszuschalten und ein Verteidigungssystem zu errichten.
Vierter

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�Vierter Tag: Beginne mit der Indoktrinierung und halte Lehrgänge für Gesinnungskontrolle ab; treibe finanzielle Beiträge und Reis von der Bevölkerung
ein.
Fünfter Tag: Beginne mit der Ausbildung der neu rekrutierten Guerillas.
Sechster Tag: Setze die Eintreibungen von Geld und Reis aus der Bevölkerung fort. Beginne mit dem Ausbau von Wehrdörfern und setze den militärischen
Druck gegen ARVN-Posten fort.
Siebter Tag: Teile die Bevölkerung ein und rekrutiere (künftige) einheimische Kader und Funktionäre. Veranstalte Siegesfeiern.
Achter bis zehnter Tag: Intensiviere die Agitprop-Tätigkeit; verteile Auszeichnungen und Belobigungen. Beginne mit der Planung des nächsten Stadiums,
des KampfStadiums.
So sieht das geistige Rezept aus, und wenn es sich auch nicht unbedingt
verwirklichen läßt, so kennzeichnet es doch die geistige Vorstellung und Einstellung der Kader, die sich in den Dörfern an die Arbeit machen.
Im wesentlichen ist der Ablauf der Dinge richtig geschildert: die nordvietnamesischen Truppen greifen an und besetzen. Sie bestellen die neuen Funktionäre - entweder Agenten, die jetzt aus dem Untergrund auftauchen oder örtliche,
nicht aus Nordvietnam stammende Kader, die aus anliegenden kommunistisch besetzten
Gebieten kommen, oder sogar als zuverlässig betrachtete Dorfbewohner selbst.
Manchmal werden sogar wochenlang noch die Beamten der Saigoner Regierung in ihrem
Amt belassen, bis die nordvietnamesische Armee die nötigen Vorkehrungen getroffen
hat ,um ein nach außen möglichst wenig in Erscheinung tretendes kommunistisches
Regime einzusetzen. Wenn diese eigenen lokalen Behörden eingesetzt sind, werden
Massenversammlungen abgehalten, es wird Geld und Reis eingetrieben, Revolutionsgerichtshöfe werden eingesetzt, eine Dorfmiliz wird rekrutiert und ausgebildet
(aber nicht bewaffnet), und mit der eigentlichen Indoktrinierung wird begonnen.
Drei
-5-

�Drei Aufgabenbereiche

Wenn die Kommunisten kommen, dann konzentriert sich ihre Tätigkeit auf
drei Aufgabenbereiche,die man als innere Sicherheit, Finanzierung und den
Apparat bezeichnen könnte:
1.

Innere Sicherheit:
Zunächst einmal geht es um die innere Sicherheits d. h. um die Ausschal-

tung gegnerischer und potentiell feindlich gesinnter Elemente. Der Krieg dauert
schon lange an, und die Dorfbewohner haben ein gutes Gedächtnis für kommunistische Greueltaten, so daß die Kader wissen, daß ihnen die Bevölkerung mit Haß
begegnet. Die meisten, die die Kommunisten hassen, mögen zwar geflohen sein,
aber das ist nicht immer der Fall. Manch einer ist so entschlossen und hart,
daß er bleibt9 um die kommunistische Sache zu sabotieren, und zwar im Dorf
selbst,, was für die Kommunisten am gefährlichsten ist.
Daß die Kommunisten ihre Gegner ausschalten müssen» liegt nahes aber ihre
Tätigkeit auf diesem Gebiet geht weit über das hinaus, was man normalerweise
als innere Sicherheit bezeichnen würde.
Die Kampagne der Kommunisten zielt darauf ab, nicht, nur jeden physischen
Widerstand zu brechen, sondern auch jede geistige Ablehnung. Die Theorie der
vietnamesischen Kommunisten läßt keinen Raum für Opposition - und die Praxis
im besetzten Dorf erst recht nicht. Mit allen Mitteln der Agitation und der
Propaganda wird versucht, die Dorfbewohner zu gläubigen und blinden Anhängern
des neuen Regimes zu machen. Konstruktive Kritik ist etwas, was sich Parteimitglieder in vorsichtiger Form und im kleinen Kreis leisten können - die
Dorfbewohner sicherlich nicht.
Diese "Gewinnung" der Bevölkerung kann auf positive und auf negative
Weise geschehen. Wo Agitation und Propaganda nichts nützen, wird die andere

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�andere Seite aufgezogen: der Terror. Dieser wird keineswegs blindlings ausgeübt, sondern gezielt. Nur selten brennen die Kommunisten ein ganzes Dorf mit
Flammenwerfern nieder - wie dies in Dak Son geschah -, denn Tote können ja
nicht mehr überzeugt werden.
Die amtliche Sicherheitspolitik nach innen ist so grausam und lautlos wie
der Tod. Es ist schwierig, an genaue Berichte über die sogenannte revolutionäre
Gerechtigkeit zu kommen, denn die Kader setzen alles daran, die blutige Hand
nicht nach außen zu zeigen. Aber es sickern doch immer wieder Berichte durch,
die überprüft und bestätigt werden können, und diese Berichte geben ein dunkles
Bild von der kommunistischen Brutalität - begangen im Namen einer abstrakten
Idee.
Physischer Terror: An kommunistischen Terrorakten zählte man bis Ende Juni in
jeder Woche im Durchschnitt: 150 Meuchelmorde, 290 bei Terrorüberfällen verwundete Zivilisten und rund 500 verschleppte oder zur Zwangsarbeit gepresste Personen.
So wurde am 18. Mai in der Schule des Dorfes Hoai Xuan in der Provinz Binh
Dinh ein Revolutionstribunal aufgestellt, dem 20 Personen - meist Mitglieder der
Gemeinderäte oder Dorfpolizisten - vorgeführt wurden. Der Dorfälteste von Hoai
Xuan wurde von dem Tribunal für schuldig erklärt, zum Tode verurteilt und sofort auf dem Schulhof erschossen. Auch die Übrigen wurden für schuldig befunden,
zum Tode verurteilt, dann nach dem Dorf Bong Son gebracht, wo sie mit 80 anderen Personen, die offensichtlich von ähnlichen Tribunalen abgeurteilt worden
waren, erschossen wurden.
Der Gemeindevorsteher von Tan Thanh, einer Siedlung im Bezirk Tarn Quan
in der Provinz Binh Dinh und 47 Bewohner des Dorfes Hoi Thanh wurden am 21. Mai
von den Kommunisten lebendig begraben.
In der Stadt Loc Ninh führen kommunistische Kader ihre Terrorkampagne auf
eine besondere Art. Menschen, die zum Tode verurteilt wurden, verspricht man
Begnadigung, wenn sie Mitarbeiter der Regierung oder Soldaten, die sich in der
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�der Nähe versteckt halten, ausfindig machen helfen.
Am 27. Ma:_ wurden 42 Mitglieder des Gemeinderates und Polizisten aus der
Ortschaft Vinh Phung und dem Dorf Hoai Xuan in der Provinz Binh Dinh hingerichtete und ihre Leichen in der Truong Goa-Düne zwischen den Dörfern Hoai Xuan und
Hoai Huong im Sande verscharrt.
Am 29. Mai mußten sich die rund 1 000 Bewohner des Dorfes An Thanh im Bezirk Hoai der Provinz Binh Dinh versammeln, um an dem Tribunal gegen drei Dorfbewohner teilzunehmen. Angeklagt waren ein Mitglied der Pazifizierungsgruppe
mit Namen Nguyen Mwnh Van, der Fahrer eines Polizeiautos, Nguyen Can,und ein
dritter Mann, dessen Name nicht bekannt ist. Alle drei wurden für schuldig erklärt, verurteilt und hingerichtet.
Am 6. Juni berichtete der 21jährige Unteroffizier der südvietnamesischen
Streitkräfte, Van Chuyen, in Pleiku vor Pressevertretern über einen Angriff der
Kommunisten auf sein Dorf Tan Chan. "Die Kommunisten", so erzählte der Unteroffizier, "ließen die Zivilisten aus dem Kampfgebiet nicht heraus. Sie feuerten
Raketen in die aus dem Dorf flüchtenden Menschen. Einige wurden getötet. Wir
anderen sahen uns gezwungen, in das Dorf zurückzukehren."

Ähnliche Vorfälle,

bei denen die kommunistischen Verbände auf die flüchtenden Zivilpersonen das
Feuer mit Granaten und Raketen eröffneten, wurden aus der Stadt Quang Tri sowie
aus der Provinz Binh Long gemeldet.
Der Dorfvorsteher und Bauer Nguyen Van Khanh aus einem Dorf nördlich von
Quang Tri, der drei seiner sechs Kinder während der letzten nordvietnamesischen
Offensive verlor, sagte zu einem Pressevertreter in Hu§: "Ja, sie wollen uns befreien, selbst wenn sie uns dabei alle umbringen müssen."

2.Finanzierung

-8-

�2.

Finanzierung:
Die Eintreibung von Geldmitteln ist ein anderes Hauptziel der einrückenden

kommunistischen Verbände. Die kommunistischen Kader sehen in jedem besetzten Dorf
eine Art Schatzkammer, wohlgefüllt oder weniger üppig, die es im Namen der Revolution auszuheben gilt. Die Dorfbewohner haben nach Ansicht der Kommunisten für
die "Sache" freiwillig Geld aufzubringen - tun sie es nicht freiwillig, müssen
sie es unter Zwang tun. Allerdings vermeidet man es , die Leute direkt Hunger
leiden zu lassen, denn die durch Hungersnot entstehenden. Probleme wären schwerwiegender als die aus der Beschlagnahmung der Lebensmittel gewonnenen Vorteile
und außerdem wäre eine verhungerte Bevölkerung ja auch ein schlechter Produzent
künftiger Ernten.
In der Stadt Loc Ninh und in den Dörfern der Provinz Binh Long wurde erst

einmal der gesamte Reisvorrat, den man auffinden konnte, beschlagnahmt. Dann erhielt jeder Einwohner nach seiner Registrierung eine Zuteilung, die als Ration
für einen Monat ausreichen mußte. Der übrige Reis wurde nach dem Norden in das
Bergland zur Verpflegung der dortigen kommunistischen Verbände abtransportiert.
Im Bezirk Hoai An der Provinz Binh Dinh wurde im April eine Ration von 250
Gramm Reis pro Kopf und pro Tag festgesetzt und diese Ration täglich zugeteilt.
Keine Familie durfte einen Reisvorrat in ihrem Hause besitzen. In der Provinz
Quang Tri brachten die Nordvietnamesen, nachdem die einheimischen Reisvorräte
aufgebraucht waren, offensichtlich chinesischen Reis ins Land und gaben davon
soviel an die Bevölkerung aus, daß gerade eine 1 600 Kalorien-Ernährung pro Tag
gesichert werden konnte. Eine Ernährung von 1 600 Kalorien pro Tag gilt nach den
Bestimmungen der Vereinten Nationen als eben noch über der Grenze des Hungers
liegend.

Die Kommunisten pressen alles, was über das bloße Existenzminimum

hinausgeht, aus der Bevölkerung heraus. Dabei entwickeln sich natürlich sowohl
auf Seiten derer, die der Bevölkerung ihren Besitz zu nehmen versuchen ,als auch
der Bauern, die sich diesem Zugriff zu entziehen versuchen, die raffiniertesten
Taktiken und Methoden.
Die

-9-

�Die Kommunisten haben noch andere Programme, mit denen sie ihren Kampf zu
finanzieren versuchen und die im Grunde alle mehr oder weniger auf Erpressung
oder gewaltsame Enteignung hinauslaufen. Dazu gehört beispielsweise die Steuererhebung. Alle Familien werden "erfaßt" und in zwei Gruppen - meist nach der
Größe ihrer Häuser - eingeteilt. Die erste Gruppe- zu der in der Regel zwei
Drittel aller Familien eines Dorfes gehören - werden als steuerpflichtig eingestuft und müssen eine einmalige Summe zwischen 50 und 500 Dollar in bar entrichten. Derartige Summen sind für einen vietnamesischen Dorfbewohner sehr viel
Geld. Das übrige Drittel der Dörfler wird als zu arm für die Zahlung einer Barsumme eingestuft und darf daher seinen Steuerbetrag in Form von Dienstleistungen im Arbeitseinsatz aufbringen.

Konfiszierung und Enteignung: Sämtliche Arzneimittel und medizinischen Artikel
in den Apotheken und Lagerräumen der pharmazeutischen Industrie in der Stadt
Quang Tri wurden von Sondereinheiten der kommunistischen Truppen beschlagnahmt
und nach dem Norden abtransportiert. Ärzte und Krankenhäuser durften lediglich
den Vorrat an Medikamenten und medizinischen Artikeln behalten, über den sie
gerade verfügten. Das Eigentum aller Familien, die im Dienst der südvietnamesischen Regierung stehen oder zur Armee gehören - in der Regel allerdings nur
Offiziersfamilien - wird konfisziert; das gleiche Los trifft auch solche Familien, die als regierungstreu gelten - handelt es sich um Bauern, so wird ihr
Grundbesitz beschlagnahmt und in Gemeindeeigentum umgewandelt, das durch ein
Parteikomitee verwaltet wird.

Verkauf von Kriegsanleihen: Sie werden nach einem Quotensystem verteilt,und
man erwartet, daß jeder Dorfbewohner wöchentlich mehrere zum Wert von 1 Dollar
pro Stück kauft.
Einführung

-10-

�Einführung von Kriegsgeld durch die Kommunisten, das gegen südvietnamesische
Währung einzutauschen ist und für die Bezahlung von Gütern und Lebensmitteln
dient: Im Bezirk Hoai An wurden beispielsweise etwa 1 OOO Motorräder mit solchem
Kriegsgeld bezahlt, wobei man ihren ehemaligen Besitzern erklärte, daß dieses
Geld nach dem Krieg in reguläre Währung umgetauscht werden würde - natürlich
unter der Voraussetzung, daß die Kommunisten den Krieg gewinnen .
Die Finanzierung der "Sache der Kommunisten" bedeutet natürlich nicht in
erster Linie, daß man lediglich bestrebt ist, den Dörflern das wenige, was sie an
Gütern besitzen, abzunehmen - denn in den meisten dieser Gebiete gibt es kaum
etwas, was man irgendwie als wertvollen Besitz bezeichnen könnte. So ist die Provinz Binh Dinh beispielsweise das wahrscheinlich ärmste Gebiet in Südvietnam und
in keiner Weise mit der üppigen Region des Mekong-Deltas

zu vergleichen. Viel-

mehr liegt das eigentliche Ziel der kommunistischen Programme in der Nutzung der
wirtschaftlichen Produktionskapazität - vor allem der landwirtschaftlichen Erwillen
zeugung. Das hierbei mehr um der KontrolleVals aus Gründen der Produktivität
angewandte Mittel ist die Kommune in ihrer einfachsten Form oder die sogenannte
landwirtschaftliche Arbeitsbrigade. Die Dorfbewohner werden zu Einheiten zusammengefaßt und aufs Feld geschickt, um ein Maximum an Erträgen herauszuholen. Das dafür notwendige Werkzeug und Gerät wird bereitgestellt - ja notfalls sogar importiert. Von dem Ernteertrag werden 90 Prozent für die "Sache der Kommunisten" abgezweigt, die restlichen 10 Prozent verbleiben dem Dorf.
Ein drittes Hauptgebiet systematischer Aktivität der Kommunisten ist jene
Umgestaltung des Bewußtseins der Masse durch Organisation, was im kommunistischen
Jargon als Aufbau eines uniformen revolutionären Denkens und Fühlens bezeichnet
wird. Das Ziel besteht darin, die Masse für die kommunistischen Ideen zu gewinnen. Als Mittel dazu bedient man sich der organisatorischen Erfassung jedes Einzelnen. Die Ideologie selbst spielt dabei nur eine unbedeutende Rolle. So erläuterte Radio Hanoi am 7. Juni in einer nach Südvietnam ausgestrahlten Sendung die
ideologische Basis für das von den Kommunisten "befreite" Gebiet in folgender
Weise: "Eliminierung solcher philosophischer Ideen wie Spiritualismus, Existentialismus, Idealismus, eines importierten Mystizismus (sprich: Christentum) und
-11-

�und die Restauration der Doktrin des Konfuzianismus."

3. Der Apparat:

Die organisatorische Struktur ist im Grunde immer die Gleiche und besteht
aus drei sich überschneidenden Elementen:
1.

Eine Volksfront auf sozialer Grundlage. Es ist dies eine Vereinigung funk-

tionaler sozialer Bewegungen, vor allem der verschiedenen Befreiungsverbändev
Stets wird ein Bauernverband, eine Frauenorganisation und eine studentische Jugendgruppe gebildet. Manchmal werden auch andere Massenbewegungen ins Leben gerufen,
wie beispielsweise der Arbeiter-Befreiungsverband in den Gummiplantagengebieten
der Provinz Binh Long; ein Verband älterer Bürger (Personen über 50 Jahre) in
der Provinz Binh Dinh; Jugendorganisationen, die in zwei Gruppen geteilt sind;
eine, der die 12-bis 17jährigen angehören?und eine andere, die die Altersgruppen
von 18-bis 30 Jahren umfaßt. Die Hauptaufmerksamkeit ist dabei fast immer auf
die Jüngeren gerichtet.
Diese Organisationen sind für die kommunistischen Kader außerordentlich
nützlich, sobald ihre Existenz einmal gesichert ist. Diese Organisationen geben
den Kommunisten einen Apparat an die Hand, mit dem sie beispielsweise die Energien
der Landbevölkerung mobilisieren und kontrollieren können.
Insgesamt bilden diese Massenbewegungen der Nationalen Befreiungsfront etwas
wie ein Fischnetz, das man über das Land breitet und in dem man die gesamte Bevölkerung zusammengefaßt hält. Man schafft sich damit ein System, das es ermöglicht,
alle Aktivität der Landbevölkerung zu überblicken, eine Steigerung der Ernteerträge zu erzwingen, feindliche Strömungen unter der Bevölkerung im Keim zu ersticken, eine Dorfmiliz aufzustellen und gleichzeitig der Bevölkerung etwas wie
eine innere Befriedigung zu verschaffen, indem man in ihr ein Gefühl erweckt, als
sei sie direkt an den für die Dorfgemeinschaft getroffenen Entscheidungen beteiligt.
Vor
-12-

�Vor allem bei der derzeitigen kommunistischen Offensive wird dieses System
dazu benutzt, um auf gefährliche Weise Anhänger unter dem Teil der südvietnamesischen Bevölkerung zu werben, die im Regierungsdienst oder Militärdienst stehen.
In den Provinzen Dinh Binh und Binh Long benutzte man dieses Programm, um durch
Mithilfe der Dorfbewohner jene Bauern, die vor den Kommunisten geflohen waren,
wieder in ihr Heimatgebiet zurückzulocken. Man stellte besondere Pässe für eine
Reihe von Dorfbewohnern aus, die es ihnen gestatteten, die kommunistisch besetzten Gebiete zu verlassen, um Kontakt mit Freunden und Verwandten aufzunehmen
und sie zur Rückkehr zu überreden. Allerdings mußten die auf solche Mission entsandten Bauern ihrerseits den Kommunisten Geiseln stellen, um ihre Rückkehr
sicherzustellen. Weiterhin versucht man durch systematische Kampagnen die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu überreden, Briefe an ihre Verwandten in der
südvietnamesischen Armee zu schreiben und sie zur Desertion aufzufordern.
2.

Die elitäre kommunistische Parteistruktur mit ihrer begrenzten Mitglie-

derzahl steht - so getarnt und unauffällig die Einzelnen erscheinen mögen im Zentrum all dieser Tätigkeiten. In Südvietnam heißt sie die "Revolutionäre
Volkspartei". Sie hat die eigentliche Macht in Händen. Sie ist organisatorisch
in der üblichen Parteistruktur gegliedert, mit einem Zentralkomitee und dem
System der Parteiuntergruppen für die entsprechenden Regierungsebenen - nationaler Bereich, Provinz, Kreis und Ortsgruppe - und einem System sogenannter Zellen,
die die Basis für den gesamten Apparat bilden. Mit diesem System kontrollieren
die Kommunisten von innen heraus die gesamte Bevölkerung in einer außerordentlich wirksamen Weise.

3.

Ein quasi Regierungsapparat, die Verwaltungsbüros der sogenannten Revo-

lutionskomitees, die als Gesamtheit die "Revolutionäre Verwaltung" bilden. Sie
ist der eigentliche Verwaltungsapparat, den die Partei zur Durchsetzung ihrer
Pläne benutzt. Ihre Autorität erstreckt sich über die kleineren Siedlungen, die
Dörfer und Städte bis zu den Bezirken und den Provinzbereich (wie im Falle der
Provinz Quang Tri), um dann über das Parteikomitee weiter aufwärts bis schließlich zur Zentrale in Hanoi zu führen.
Die
-13-

�Die Verwaltung auf Dorfebene besteht normalerweise aus einem Vorsteher,
einem Stellvertreter für Fragen der inneren Sicherheit, dem die örtlichen Milizkräfte und Informanten unterstehen, und einem Stellvertreter für Agitprop, der
für die Indoktrinierung und Ausbildung der Bevölkerung zuständig ist.
In manchen Distrikten ist ein ziemlich kompliziertes und ausgeklügeltes
Verwaltungssystem eingeführt worden, das oft als Revolutionäre Provinzregierung
bezeichnet wird. Es besteht aus einem Vorsitzenden, einem Sekretariat und verschiedenen Büros - für innere Sicherheit, Agitprop, Finanz-.und Wirtschaftsfragen, Leitung der Frontorganisationen, Verbindung zum Militär, Gesundheitswesen,
Rechtsangelegenheiten, Erziehung, Einberufung und Ausbildung und Fernmeldeeinrichtungen.
Das Distriktkomitee ist wohl das Schlüsselelement der Machtstruktur der Revolutionsregierung, und von der Qualität seiner Kader hängen weitgehend Erfolg
oder Mißerfolg der Kommunisten ab. Das Distriktkomitee setzt die politischen
Richtlinien für das Dorf fest und herrscht über Leben und Tod seiner Bewohner,
wählt die Kader aus und bestimmt praktisch über das Schicksal der Menschen.
In der Provinz Quang Tri werden alle örtlichen Verwaltungsfunktionäre und
Vertreter der Nationalen Befreiungsfront vom Distriktkomitee ernannt. In der Provinz Binh Dinh trat Mitte Mai das Komitee des Distriktes Hoai An zusammen und
überprüfte die Unterlagen von einigen hundert Personen »• meist Bedienstete der
südvietnamesischen Regierung, die gefangengenommen worden waren - und verurteilte 30 von ihnen zum Tode. Umgekehrt amnestierten laut Radio Hanoi Ende Mai
Distriktkomitees etwa 600 gefangene südvietnamesische Soldaten und Regierungsbedienstete nach erfolgreichem Abschluß eines Umschulungslehrgangs.
Die Formel: Zuerst Organisation, dann Mobilisierung und dann Motivierung,
das ist die kommunistische Dreieinigkeit - und wenn es eine kommunistische Geheimwaffe gibt: hier ist sie.
Der

-14-

�Der Sonderfall Quang Tri
In der Provinz Quang Tri liegen die Dinge offensichtlich etwas anders als
in den beiden anderen Gebieten - Binh Long und Binh Dinh - Kontum.
Das kommunistisch kontrollierte Gebiet von Quang Tri liegt zwischen dem
Fluß My Chanh, der es von der Provinz Thua Thien trennt, und der Provinz Quang
Binh, der südlichsten Provinz Nordvietnams.Hier hat sich -zumindest zum Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wurde- eine Art militärischer Front mit
einem zwei bis drei Meilen breiten Niemandsland herausgebildet, und zwar zum
ersten Mal in der ganzen Geschichte dieses Krieges.
Das Revolutionskomitee der Provinz Quang Tri wurde am 24. April ins Leben
gerufen, um über die verbliebenen 70 000 Menschen (von insgesamt rund 300 000
Einwohnern) zu regieren. Der Vorsitzende ist ein gewisser Nguyen Viet Trac, ein
ehemaliger Lehrer aus der Stadt Quang Tri. Sein Stellvertreter ist ein ehemaliger Polizist, Le Chi Dai. In Bekanntmachungen vom 4. und 11. Mai verkündete das
Komitee die Auflösung aller bisherigen Regierungsämter und -funktionen und deren
Ersatz durch das Revolutionäre Verwaltungssystem. Ferner wurden alle gesellschaftlichen Organisationen und Vereinigungen politischer und religiöser Natur (offensichtlich nur christliche und nicht buddhistische) sowie alle militärischen und
polizeilichen Verbände aufgelöst. Reisen wurden genehmigungspflichtig gemacht,
die Zensur wurde eingeführt, und es wurden strikte innere Sicherheitsmaßnahmen
gegen Spionage, Sabotage und Plünderung ergriffen.
Dabei handelt es sich jedoch nur um eine Provinzregierung und nicht um die
oft angekündigte Schaffung einer Hauptstadt für eine gesamtsüdvietnamesische
kommunistische Regierung.
Wie

-15-

�Wie berichtet wird,ist die nordvietnamesische Armee praktisch allgegenwärtig. Im Raum Quang Tri stehen mindestens vier Infanteriedivisionen, die 304.,
308., 324. und 325. Ganze Dörfer im südlichen Teil der Provinz - wife. Kim Sanh,
Trung Dong, Kim Long, Hai Nhi und viele andere im Distrikt Hai La - wurden gewaltsam evakuiert. Die Bevölkerung wurde nach Norden in Lager im Distrikt Trieu Phong
gebracht, offensichtlich um einen Cordon sanitaire zwischen beiden Seiten zu
schaffen.
Auch die Sicherheitsvorkehrungen werden in der Provinz Quang Tri viel schärfer durchgeführt. Wie es heißt, werden Kennkarten an die Bevölkerung verteilt,
die nach ihrer Farbe die politische Zuverlässigkeit des Inhabers ausweisen: rot
für ehemalige südvietnamesische Bedienstete oder Soldaten oder Personen mit Verwandten in südvietnamesischen Gebieten; grün für politische neutrale und gelb für
politisch zuverlässige.
Nach durchgesickerten Berichten müssen sich die Inhaber roter Kennkarten
sofort einer politischen Indoktrinierung unterziehen und sollen nach Nordvietnam
deportiert werden, um dort in landwirtschaftlichen Kommunen zu arbeiten. Aus dem
Distrikt Trieu Phong sollen bereits Ende Mai Bauern nach Nordvietnam geschickt
worden sein. Als Alternative können sich die Inhaber roter Karten zur nordvietnamesischen Armee melden.
Der Bevölkerung wird Berichten zufolge klargemacht, daß sie nicht länger
Staatsangehörige der Republik Vietnam seien, sondern nordvietnamesische Bürger
und deren Pflichten zu übernehmen hätten. Wenn sich diese Berichte alte Zutreffend
erweisen sollten, dann würden sie auf eine ernste Absicht Nordvietnams hindeuten,
die Provinz Quang Tri zu annektieren.

Zusammenfassung

»16-

�Zusammenfassung

Noch ist es zu früh, sich ein endgültiges Bild über die langfristigen Absichten der nordvietnamesischen Besatzer zu machen. Für den Augenblick scheinen
die Kommunisten einen gewissen Erfolg zu haben - es gelang ihnen, südvietnamesisches Territorium zu besetzen. Das Leben der Bevölkerung im besetzten Gebiet wurde
reorganisiert und ein gewisses Maß an innerer Sicherheit und Versorgung und Verwaltung erreicht. Das letzte Wort werden jedoch die südvietnamesischen Soldaten
mit ihren Gegenangriffen haben.
Nordvietnam hat auf dem nichtmilitärischen Sektor der Besatzung viel an
Menschen, Zeit und Geld investiert, und es ist fraglich, ob sich diese großen Aufwendungen gelohnt haben.
Die Kommunisten setzen Spezialteams ein, die aus zivilen Fachleuten für Verwaltung, Agitprop, Organisation usw. bestehen, um die Bevölkerung zu gewinnen.
Derartige Fachleute sind rar.
Die an die Angehörigen der sogenannten Volksbefreiungsstreitmacht (Vietcong)
herausgegebenen Befehle sind eindeutig. So wurde am 12. April den Kadern und Agenten im Untergrund befohlen, Revolten und Aufstände in den Städten und Dörfern
Südvietnams herbeizuführen. Die Einheiten der südvietnamesischen Regionalstreitkräfte (Miliz) sollten infiltriert und zur Meuterei bewegt werden. Ferner sollte die Sabotagetätigkeit koordiniert mit den nordvietnamesischen Angriffen intensiviert werden.
Die große Strategie der Kommunisten läuft offensichtlich darauf hinaus, daß
die nordvietnamesische Armee die Masse der südvietnamesischen Streitkräfte binden soll, um den Angehörigen der sogenannten Volksbefreiungsarmee freiere Hand
zu verschaffen. Bei einem Gelingen dieser Strategie hätten die Kommunisten die
Möglichkeit, ihren Apparat in den ländlichen Gebieten wieder aufzubauen und zu

-17-

�zu reorganisieren und das Befriedungsprogramm zurückzudrängen. Damit könnte ein
wachsender Druck auf Saigon ausgeübt und unter Umständen der Sturz der dortigen
Regierung bewerkstelligt werden. Selbst wenn nicht direkt ein Sturz herbeigeführt
werden könnte, ergäbe sich die Möglichkeit einer wesentlichen Veränderung im
Sinne einer kommunistisch kontrollierten Koalitionsregierung.
Wenn das die kommunistische Rechnung war, dann ist sie bisher nicht aufgegangen, und es besteht alle Aussicht, daß sie auch in Zukunft nicht aufgehen
wird. Niemand kennt die kommunistischen Absichten genau, und so ist das Ausmaß
des kommunistischen Fehlschlags auch nicht genau zu ermessen.
Eines ist jedoch klar geworden: Wenn dieser Krieg je um die Herzen der
Menschen geführt wurde, dann hat Nordvietnam ihn verloren. Hanoi mag mit seiner
Osteroffensive etwas Territorium gewonnen haben, aber es bezahlte dafür mit dem
Rest von Sympathie, den es bei der Bevölkerung Südvietnams noch gehabt haben
mag. Wenn erst, was zu hoffen ist, die jetzt unter nordvietnamesischer Besatzung
lebenden Menschen wieder befreit sein werden, dann wird die Welt in allen Einzelheiten erfahren, was es heißt: "Wenn die Kommunisten kommen".

HIIMI

-18-

�; amerika dienst
U n i t e d
53

States

Bonn-Bad

T e l :

I n f o r m a t i o n

G o d e s b e r g l ,

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31/1972

BURNS UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINES AUSGLEICHS DER USZAHLUNGSBILANZ
WASHINGTON -.-CAD)-- Der Vorsitzende des US-Federal Reserve Board, Dr. Arthur
Burns, hat sich nachdrücklich für einen Ausgleich der amerikanischen Zahlungsbilanz und eine schärfere Kontrolle des Preisauftriebs ausgesprochen.
Vor dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses wies Burns
auf die Verschlechterung der amerikanischen Handelsbilanz und die gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Zahlungsbilanz hin, betonte jedoch, daß gerade bei
der Zahlungsbilanz in der Zeit von Mitte März bis zur Freigabe des Wechselkurses des britischen Pfundes eine gewisse Besserung festzustellen gewesen sei.
Dies sei in erster Linie auf einen Zufluß kurzfristigen Kapitals zurückzuführen
gewesen. Als Gründe hierfür nannte Burns einmal die Beseitigung des Zinsgefälles zwischen Europa und den Vereinigten Staaten und zum anderen die Besserung
der Wirtschaftslage in den USA, so daß sich auf dem amerikanischen Markt wieder
mehr Anlagemöglichkeiten böten. Aber auch Ausländer hätten vermehrt amerikanische Wertpapiere gekauft. Wörtlich fuhr Burns fort: "Wenn sich erst einmal die
derzeitige Unruhe gelegt hat, werden sich auch, wie es den Anschein hat, die
Devisenmärkte stabilisieren, und dann wird sich meines Erachtens dieser Rückfluß fortsetzen." Ein großes Problem, so fügte Burns hinzu, sei die Wiederbelebung des amerikanischen Außenhandels, "und wir sind noch ein gutes Stück hiervon entfernt.'.'
Weiter

�Weiter sagte Burns vor dem Ausschuß: "Eine stärkere Kontrolle des Preisauftriebs ist notwendig, nicht nur um Einkommen und Ersparnisse unserer Bevölkerung zu schützen, sondern dies ist auch für die Wiederherstellung des Ausgleichs unserer internationalen Konten erforderlich. Allerdings bezweifle ich
ernsthaft, ob dieses außenwirtschaftliche Ziel ohne ein stabiles Preisniveau
erreicht werden kann. Das Smithsonian-Abkommen zur Neufestsetzung der Wechselkurse vom vergangenen Dezember hat die Basis für eine wesentliche Verbesserung
unserer Wettbewerbsposition geschaffen. Diese Möglichkeit wird jedoch vertan,
wenn sich Kosten und Preise in den USA weiterhin wesentlich erhöhen

sollten.

Unsere internationalen Konten sind immer noch stark unausgeglichen. Die
Importe haben dieses Jahr wesentlich stärker zugenommen, und obwohl unsere Exporte ebenfalls gestiegen sind, hat sich unser Handelsdefizit vergrößert. Eine
solche Entwicklung ist in den Monaten unmittelbar nach einer Abwertung nichts
Ungewöhnliches, und die weiter fortgeschrittene wirtschaftliche Wiedererholung,
verglichen mit der unserer großen Handelspartner, bildet zweifellos einen erschwerenden

Faktor. Wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen in anderen Län-

dern jetzt wieder bessern, dürfte die Nachfrage nach unseren Exportgütern in
naher Zukunft stärker ansteigen. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen jedoch, daß wenigstens zwei oder drei Jahre vergehen werden, bevor die Neufestsetzung der Wechselkurse vom vergangenen Dezember voll durchschlägt.
Die Gesamtzahlungsbilanz wies im ersten Quartal ein beträchtliches Defizit
auf, Aber von Mitte März an entwickelte sie sich günstiger, vor allem aufgrund
des Zuflusses kurzfristigen Kapitals. Wir haben sogar zwischen Mitte März und
dem 23, Juni, als der Wechselkurs des britischen Pfundes freigegeben wurde, einen
Zahlungsbilanzüberschuß zu verzeichnen gehabt.
In den Wochen unmittelbar nach diesem britischen Schritt herrschte auf den
Devisenmärkten überall auf der Welt Unruhe, und eine beträchtliche Menge an
Dollar floß den europäischen Zentralbanken zu. In jüngster Zeit jedoch wurde die
Ordnung an den Devisenbörsen wiederhergestellt. Die Wiederherstellung des Ver-

-2-

�Vertrauens ist in nicht geringem Maße auf die Intervention, die die Federal Reserve Bank in Verbindung mit dem Finanzministerium auf den Devisenmärkten vorgenommen hat, zurückzuführen.
Die kürzlichen Störungen an den Devisenmärkten sind eine deutliche Warnung.
Wenn immer wiederkehrende Währungskrisen vermieden werden sollen und eine Atmosphäre erhalten werden soll, die eine gesunde Ausweitung des Außenhandels und
der Auslandsinvestitionen fördert, so müssen umgehend internationale Verhandlungen über eine Währungsreform aufgenommen werden . Die kürzlichen Störungen sind
ferner eine Warnung, daß auf den internationalen Finanzplätzen solange Unruhe
herrschen wird, bis die Vereinigten Staaten und ihre wichtigsten Handelspartner
Wege finden, um ihre Volkswirtschaften von der Inflation zu befreien, unter der
wir alle leiden."
Von Senator Javits auf die Möglichkeit einer Rückkehr zu einer Politik der
begrenzten Konvertierbarkeit des US-Dollar angesprochen sagte Burns: "Wenn europäische Finanzleute von Konvertierbarkeit reden,so denken sie dabei an eine Konvertierbarkeit des Dollar in Gold oder in Sonderziehungsrechte. Was der Federal
Reserve Board in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium tut - und lassen Sie
mich betonen, daß der Federal Reserve Board und der neue Finanzminister in dieser Frage sehr eng zusammenarbeiten und völlig übereinstimmen - was unsere neue
Aktivität anbetrifft, daß wir auf dem Devisenmarkt intervenieren, so hat dies
nichts mit der Art von Konvertierbarkeit zu tun, von der Finanzleute im allgemeinen

reden. Das Ziel ist ganz einfach, die Ordnung auf den Devisenmärkten

wiederherzustellen, so daß eine für eine dauerhafte Währungsreform günstige
Atmosphäre entsteht. Diese neue Aktivität darf jedoch nicht dahingehend ausgelegt werden, daß sie irgendwelche Auswirkungen auf das ergibt, was in späteren
Verhandlungen in bezug auf eine Konvertierbarkeit entschieden wird."

-3-

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31/1972

FÜR DIE RAUMFAHRT ENTWICKELT - IM ALLTAG ANGEWANDT

NASA gibt immer mehr Patentrechte zugunsten der Wirtschaft
frei
--(AD)-- Für die kommerzielle Herstellung von Geräten und Instrumenten,die
im Zuge des amerikanischen Raumfahrtprogramms entwickelt worden sind, gibt das
US-Amt für Luft-und Raumfahrt (NASA) in zunehmendem Maße Patentrechte frei.
Der nicht immer einfache Prozeß des "Umsetzens" solcher speziellen Entwicklungen in Produkte des täglichen

Gebrauchs wird besonders wirksam durch die re-

gionalen Zentren der NASA unterstützt. Sie arbeiten mit Universitäten, Forschungsinstituten und der Industrie eng zusammen, um für"Weltraumspezialitäten" Anwendungsmöglichkeiten auf der Erde zu finden.
Eines der jetzt freigegebenen Verfahren ist FLASH ("Fast Luciferace
Automated Assay of Specimens for Hospitals" - Automatische Luziferase-Schnellanalyse für klinische Proben), eine neuartige quantitative Analysenmethode
zur Bestimmung von Bakterien im Urin. Sie wurde von Emmett W. Chapelle und
Dr. Grace L. Picciolo vom Goddard-Raumflugzentrum entwickelt und war ursprüng-

-1-

�ursprünglich dafür bestimmt, außerirdische Mikroorganismen durch einen einfachen, schnellen und zuverlässigen Test zu ermitteln. Die erste Anwendung
solcher Verfahren außerhalb der Erde ist im Rahmen des VIKING-Programms, das
die Landung von zwei Analysen-und Meßrobotern auf dem Mars vorsieht, zu erwarten. Nach Dr. Richard H. Green, dem Leiter der Abteilung "Planetare Quarantäne" des Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, würden beispielsweise die
Messungen einer VIKING-Sonde schon verfälscht, wenn nur eine winzige Hautschuppe, der Bruchteil eines Millionstel Gramms organischer Substanz, bei der
Montage der Sonde in das Analysengerät geriete und mit zum Mars geschleppt
würde,
Beim FLASH-Prozeß wird der Biolumineszens-Effekt genutzt. Die Urin-Probe
leuchtet auf, wenn sie Bakterien enthält. Durch Messung der Leuchtstärke können exakte Rückschlüsse auf die Bakterienzahl in einer gegebenen Urinmenge ge zogen werden. Das Ergebnis wird automatisch aufgezeichnet.
Die Technik der Anwendung von LASER-Strahlen zur Ortung von Raumfluggeräten und zur Nachrichtenübermittlung wird im Verfahren SMOKEY verwertet. Die
offizielle Bezeichnung lautet "Long Range Laser Traversing System" - Weitstrecken-Vermessung mit LASER. Es handelt sich dabei um ein revolutionäres neues System zur Landvermessung, das erstmals vom amerikanischen Forstdienst für
diesen Zweck eingesetzt wurde und in Anspielung darauf in den USA scherzhaft
SMOKEY genannt wird.
Die Apparatur benötigt wenig Platz, ist in leichten Tornistern unterzubringen und kann von zwei Mann auch in den abgelegensten Gebieten eingesetzt
von
werden. Das System arbeitet mit den/einem Rubin-LASER vertikal ausgesandten
Lichtpulsen, die von einem zuvor postierten Empfänger aufgefangen werden. Da
der Empfänger den Lichtstrahl über alle Hindernisse hinweg erfaßt, sind die
Geodäten in der Lage, die Landgrenzen exakt zu vermessen. Der U.S.-Forstdienst
hat gegenwärtig ca. 435 000 km Arealgrenzen

-2-

mit mehr als 1,5

Millionen

�Millonen Grundstücken zu vermessen. Das LASER-Verfahren reduziert die Kosten erheblich und erspart Arbeitszeit, die mit Jahren anzusetzen ist.

Hochleistungsbatterien sind ein weiteres Nebenprodukt der Raumfahrttechnik,
die jetzt als zuverlässige Stromquellen für tragbare oder transportable Arbeitsgeräte und Maschinen, zum Anlassen von Außenbordmotoren und Kettensägen oder
für Gepäckkarren und andere Kleinstfahrzeuge geeignet sind. Weitere Anwendungsmöglichkeiten bestehen bei medizinischen Geräten wie tragbaren Ausrüstungen zum
Anfertigen von Elektrokardiogrammen, bei stroboskopischen Ausrüstungen oder
auch bei Spielzeug.

Die McCulloch Electronics Corporation (Los Angeles.1 befaßt sich in enger
Zusammenarbeit mit dem Regionalzentrum Western Research Application Center,
einer Unterabteilung des Amtes für "Technology Utilization" der NASA, mit den
technischen Aufgaben, die mit der Anpassung von Raumfahrtbatterien an kommerzielle Zwecke verbunden sind. In erster Linie geht es um Nickel-Kadmium-Batterien und Blei-Säure-Batterien. Ein besonderer Vorteil bei den für die Raumfahrt
entwickelten Typen ist die kurze Zeit, die für das Wiederaufladen benötigt wird.
Sie beträgt bei Blei-Säure-Batterien 15 bis 20 Minuten (übliche Zeit bei den
meisten kommerziellen Batterien: 14 bis 16 Stunden), bei einigen Nickel-KadmiumBatterien nur sechs Minuten, ohne daß sich dies schädlich auf die Zellen auswirkt.
Der für die Astronautenliegen entwickelte Stoßdämpfer, der bei der Startbeschleunigung und bei der Rückkehr zur Erde gefährliche Stöße abfängt, wurde
ebenfalls als Patent zur Verwertung für die Industrie freigegeben.

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RAUMTRANSPORTER: DER MILLIARDENAUFTRAG
--(AD)-- Von vier in der engeren Wahl stehenden Firmen der amerikanischen
Luft-und Raumfahrtindustrie wurde jetzt von der NASA (U.S.Amt für Luft-und
Raumfahrt) das Unternehmen North American Rockwell, Inc. als Hauptvertragspartner für den Bau des Raumtransporters ausgewählt. Seit Inangriffnahme des
APOLLO-Projekts vor 10 Jahren ist dies der umfassendste Einzelauftrag, der
von der NASA bisher vergeben wurde. Er bedeutet die Sicherung von 160 000
Arbeitsplätzen für mindestens sechs Jahre. Die finanziellen Aufwendungen werden derzeit auf 2,6 Milliarden beziffert. Mehr als die Hälfte der Arbeiten vergibt North American Rockwell seinerseits an etwa 10 000 eigene Auftragnehmer.
Mit dem ersten Testflug eines Raumtransporters ist im Jahre 1978 zu rechnen. Dieses Fluggerät, das mit Raketenkraft von der Erde startet, bis zu
30 Tagen um die Erde kreisen kann und dann wie ein Flugzeug auf einer Rollbahn
landet, ist für zahlreiche weitere Einsätze wieder verwendungsfähig. Auch die
beim Aufsteigen benutzten zusätzlichen Feststoffraketen sowie der riesige
Treibstofftank, von dem sich der Raumtransporter - auch Raumgleiter oder
Orbiter genannt - nach Erreichen einer bestimmten Höhe löst, werden für die
Wiederverwendung geborgen. Zwei Mann Besatzung steuern das Orbiter-Gerät;
es hat die Größe eines modernen Passagierflugzeuges vom Typ DC-9 und kann
bis zu 12 Passagiere aufnehmen.
Die
l-

�t

1
Die NASA gab kürzlich bekannt, daß sowohl das Kennedy-Raumflugzentrum in
Florida als auch der Luftstützpunkt Vandenberg in Kalifornien als Bodenstationen für den Raumtransporter vorgesehen sind. Die ersten Starts - die nur in
östlicher Richtung erfolgen - samt Landung werden ausschließlich am KennedyRaumflugzentrum durchgeführt. Hier befinden sich auch die Forschungszentren,
wo der sichere Ablauf dieser heiklen Flugphasen vorbereitet wird.

Vandenberg

wird erst gegen Ende der siebziger Jahre für den Raumtransporter betriebsbereit sein und soll für Flüge benutzt werden, bei denen eine zur Äquatorebene
stark geneigte Umlaufbahn erreicht werden muß. An Investitionen sind für den
Ausbau der Bodenstation in Florida 150 Millionen Dollar, für den Ausbau der
Station Vandenberg 500 Millionen Dollar erforderlich.

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ELEKTRISCHE AKTIVIERUNG GELÄHMTER MUSKELN

--(AD)-- Die Funktion gelähmter Glieder kann bis zu einem gewissen Grad
durch direkte elektrische Muskelerregung wiedergewonnen werden. Auch bei der
Wiederherstellung außerordentlich komplexer neuromuskulärer Funktionen erscheint die Anwendung des elektrischen Erregungsprinzips vielversprechend.
Erfahrungen mit dieser neuen Therapie wurden auf einer Konferenz der Medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA (National Institutes of Health-NIH)
über "Funktionelle neuromuskuläre Stimulation" eingehend erörtert.

Aufgrund der bisherigen Versuchsergebnisse ist die elektrische Stimulation am erfolgreichsten bei Hemiplegie, d.h. halbseitigen Lähmungen, wie sie
z.B.nach einem Schlaganfall auftreten können. Als sehr viel schwieriger erwies sich dagegen der Versuch, neuromuskuläre Störungen - etwa infolge Querschnittlähmung - zu überwinden.
Mediziner der Case Western Reserve University (Cleveland, Ohio) berichteten über Versuche mit elektrischer Erregung des Wadenbeinmuskels (musculus
fibularis). Eine Lähmung dieser Muskelpartie hat zur Folge, daß der Fuß beim

-l-

�beim Gehen schleift, der Patient ihn also nicht heben kann. Diese Störung versucht man folgendermaßen zu korrigieren: In die Einlegesohle des Schuhes wird
unter der Ferse ein Schaltelement eingebaut, das beim Auftreten mit dem von
der Lähmung betroffenen Bein einen elektrischen Stimulator aktiviert. Dieser
ist an einer bestimmten "Schaltstelle" am Muskel implantiert, um die Funktion
des geschädigten Nervs zu übernehmen, der normalerweise die Muskelkontraktion
steuert. Der Patient wird dadurch in die Lage versetzt, den Fuß trotz der Lähmung anzuheben.

Auch zur Stabilisierung von Gelenken - beispielsweise Knie-oder Hüftgelenk dürfte eine solche Unterstützung der Muskelaktivität vorteilhaft sein. Das könnte für Patienten mit einer Lähmung von Muskelpartien gelten, die für die Standfestigkeit des Körpers gebraucht werden. Möglicherweise ließe sich mit elektrischer Muskelstimulation verhindern, daß der Körper beim Stehen zusammensackt.

Im Verlauf der Untersuchungen an der Case Western Reserve University zeigte sich, daß bereits atrophierte Muskeln durch diese Form der elektrischen Erregung allmählich gekräftigt werden können. Allerdings ist eine Ermüdung der
Muskelpartien durch Überbeanspruchung zu vermeiden. Dies ist besonders bei
Korrekturversuchen zu beachten, bei denen es um eine Gelenkstabilisierung geht.

Als weitere Anwendungsmöglichkeit wird die Behebung von Skoliosen genannt.
Im Tierversuch hatte ein kanadischer Wissenschaftler durch die elektrische Stimulierung bestimmter Rückenmuskeln bei Rückgratverkrümmung erstaunliche Ergebnisse erzielt. Versuche am Menschen sind in Vorbereitung.

Mediziner der Duke-Universität (Durham, Nordkarolina) berichtete über das
Ergebnis von Versuchen, bei Querschnittgelähmten mit Hilfe einer sogenannten
spinalen Neuroprothese die Blasentätigkeit wieder unter Kontrolle zu bekommen.

-3-

�bekommen. Die Wiederherstellung dieser Funktion ist wegen der bei den Patienten
häufig auftretenden Infektion der Harnwege infolge unzureichender Harnentleerung
überaus wichtig. In vier Fällen wurden Elektroden in das Rückenmark implantiert,
die Strom aus einer kleinen Batterie in bestimmtem Rhytmus in die Nervenbahnen
schicken, über die eine Kontraktion der Blase erzielt wird. Trotz bisheriger guter Ergebnisse bei den vier jungen Patienten könne jedoch, wie die Wissenschaftler betonen, noch nichts darüber ausgesagt werden, wie sich die Stimulierung
über einen längeren Zeitraum oder bei älteren Patienten auswirke.

+++-H-I-H'

-3-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pressekonferenz Präsident Nixons am 27. Juli 1972&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nordvietnam: Die Frage der Bombardierung der Deiche&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Bericht des US-Außenministeriums -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn die Kommunisten kommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Douglas Pike&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Burns unterstreicht Notwendigkeit eines Ausgleichs der US-Zahlungsbilanz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Für die Raumfahrt entwickelt - im Alltag angewandt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;NASA gibt immer mehr Patentrechte zugunsten der Wirtschaft frei&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Raumtransporter - der Milliardenauftrag&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Elektrische Aktivierung gelähmter Muskeln</text>
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                    <text>19

2. August 1978
INHALT

INFORMATION
US-Beitrag zum "Internationalen Jahr des Kindes"
Sonderbestimmungen für zivile Überschallflugzeuge in USA
WIRTSCHAFT
OECD fordert rasche Verwirklichung der Bonner Zusagen
- von John Harter Erfolgreiche Beendigung der Tokio-Runde in Sicht
- von unserem Wirtschaftskorrespondenten Eugene Brake HINTERGRUNDMATERIAL
Tiefseebodenbergbau und Festlandsockelrand
Amerikas dringlichste Forderungen für die Herbstsitzung der
UN-Seerechtskonferenz
- von Hugh 0. Muir WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Malariabekämpfung braucht neue Strategien
Resistenz durch Insektizide führte in Sackgasse
Nachrichtensatelliten

Um Übersendung von
BckgcHcmploren wird
gebeten

stehen hoch im Kurs

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2. August 1978

US-BEITRAG ZUM "INTERNATIONALEN JAHR DES KINDES"

- (AD) - Die Vereinigten Staaten sind nach den Worten Präsident
Carters entschlossen, durch ihren Beitrag zum "Internationalen Jahr des
Kindes", das die Vereinten Nationen für 1979 proklamiert haben, weltweiten
Anstrengungen zur Verbesserung der Situation von 1,5 Milliarden Kindern und
Jugendlichen zum Erfolg zu verhelfen. Mit der UN-Aktion sollen zunächst
einmal die Probleme und Nöte, aber auch die Chancen jener Gruppe, die
nahezu ein Drittel der Weltbevölkerung ausmacht, analysiert werden. Denn
es ist keineswegs selbstverständlich, daß die Erwachsenen ihren eigenen
und fremden Kindern den Schutz und die Hilfe angedeihen lassen, die junge
Menschen brauchen, um sich gesund zu entwickeln und ihre Fähigkeiten zu
entfalten.
Selbst in einem wirtschaftlich so gut situierten Land wie den Vereinigten
Staaten müsse, wie der Präsident erklärte, in dieser Hinsicht noch vieles
korrigiert werden. So besagen z.B. Statistiken, daß im Jahr 1977 etwa
1 Million Kinder von ihren Eltern mißhandelt oder vernachlässigt worden
seien.

Zehn Millionen Kinder hätten keine ärztliche Betreuung, und etwa

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etwa die Hälfte aller Kinder in den USA war noch nie beim Zahnarzt.

Die

Mehrzahl der Bevölkerung wisse von solchen Erhebungen überhaupt nichts oder
interessiere sich nicht dafür.

Deshalb müsse die Aktion "Internationales

Jahr des Kindes" in der breiten Öffentlichkeit Verständnis für die Probleme
der Kinder wecken und die Aufmerksamkeit und Bereitschaft der Erwachsenen
mobilisieren, Abhilfe zu schaffen.

Das neue UN-Programm wird als eine

einzigartige Gelegenheit betrachtet, der heranwachsenden Generation überall
in der Welt die Möglichkeit zu geben, ihr Leben reicher und produktiver
zu gestalten.
Die Vereinigten Staaten werdenajch darauf bedacht sein, unter allen
erdenklichen humanitären Aspekten Kindern in jenen Ländern zu helfen, die
weniger mit den materiellen Gütern des Lebens gesegnet sind.

In enger Zu-

sammenarbeit mit internationalen Organisationen wie UNICEF (UN-Kinderhilfsfonds), anderen UN-Behörden und Regierungen wollen sie dazu beitragen, da3
Kinder in allen Nationen besser untergebracht, ernährt und gekleidet werden,
bessere ärztliche Versorgung und Schulbildung erhalten und vor Leiden und
Unrecht geschützt werden.
Die USA haben ein Komitee eingesetzt, das die amerikanischen Beiträge
für das "Internationale Jahr des Kindes" vorbereitet.

Zur Vorsitzenden

ernannte Präsident Carter Mrs. Jean Young, die Frau des US-Botschafters bei
den Vereinten Nationen.

+ + + + +

- 2

1

�Information

I
19

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

2. August 1978

SONDERBESTIMMUNGEN FÜR ZIVILE ÜBERSCHALLFLUGZEUGE IN USA

- (AD) - Nach jahrelangen Diskussionen in der amerikanischen
Öffentlichkeit über das Für und Wider einer Zulassung von Überschallflugzeugen im kommerziellen Flugverkehr hatten schließlich der Internationale
Dulles-Flughafen von Washington im Mai 1976 und der Internationale KennedyFlughafen von New York im November 1977 versuchsweise eine begrenzte Zahl
von Landungen und Strats der britisch-französischen CONCORDE-Flugzeuge genehmigt. Parallel dazu lief 16 Monate lang ein Meßprogramm der amerikanischen
Bundesluftfahrtbehörde FAA zur Lärmbelästigung durch die von den europäischen Fluggesellschaften British Airways und Air France betriebenen
CONCORDE-Passagierflugzeuge. Das US-Verkehrsministerium führte seit 1970
öffentliche Anhörungen durch - mit mehr als 11 000 Stellungnahmen allein
von Ende 1977 bis Frühjahr 1978.
Auf Grund der aus den Untersuchungen und Kommentaren gewonnenen Erkenntnisse stimmte jetzt das US-Verkehrsministerium grundsätzlich dem Betrieb von CONCORDE- und anderen künftigen Überschallflugzeugen in den Vereinigten Staaten zu, sofern von den Fluggesellschaften bestimmte Auflagen

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�r

Auflagen erfüllt werden.

Die letzte Entscheidung über Start- und Lande-

genehmigungen fällt jedoch stets die Direktion der einzelnen Flughäfen.
Der Beschluß des Ministeriums, den Verkehrsminister Brock Adams bekanntgab, trat am 31. Juli 1978 in Kraft.

Demnach dürfen die 16 bereits

in Dienst gestellten oder noch in Bau befindlichen CONCORDE-Flugzeuge im
Liniendienst nach und von den USA eingesetzt werden, sofern sie keine
technischen Veränderungen erfahren, die ihren gegenwärtigen Lärmpegel erhöhen könnten.

Der Betrieb während der Nacht ist untersagt - die Maschinen

dürfen in den USA nur von 7 Uhr bis 22 Uhr geflogen werden und müssen über
amerikanischem Gebiet, auch über Hawai, Unterschallgeschwindigkeit einhalten.
Bein Ein- und Ausfliegen sind Flugmanöver untersagt, durch die es zum Überschallknall kommen könnte.

Bei Überschallflugzeugen

für den kommerziellen

Luftverkehr, die nach dem 1. Januar 1980 gebaut werden, sollen allerdings
wesentlich strengere Vorschriften angewandt werden.

Sie entsprechen zum

mindesten den Auflagen, an die sich zur Zeit die herkömmlichen Düsenpassagiermaschinen bei Flügen im Unterschallbereich zu halten haben.
In der Verlautbarung des US-Verkehrsministeriums wird ausdrücklich
hervorgehoben, daß bei Einhaltung der neuen Vorschriften nicht mit einer
Gefährdung der Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung durch eine
Technologie zu rechnen sei, mit der die neue Generation von Flugzeugen
geschaffen wurde.

Die FAA hat inzwischen 13 amerikansiche Flughäfen be-

nannt, die auf Grund der Markterfordernisse in den CONCORDE-Liniendienst
einbezogen werden könnten.

Es sind dies neben den bereits erwähnten zwei

PlätzePdie Flughäfen Anchorage, Boston, Chicago (O'Hare-Flughafen), Dallas/
Fort Worth, Honolulu, Houston, Los Angeles, Miami, San Francisco, Seattle/
Taccma und Philadelphia.

+ + + + +

- 2 -

&lt;

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19

2. August 1978

OECD FORDERT RASCHE VERWIRKLICHUNG DER BONNER ZUSAGEN
- von John Harter -

PARIS - (AD) - Wenn die sieben großen Industrienationen, die am
Weltwirtschaftsgipfel in Bonn teilgenommen haben, rasch und erfolgreich
handeln, um ihre Verpflichtungen zum wirtschaftlichen Wachstum einzulösen, dann wird es ihnen gerade noch gelingen, einen weiteren Anstieg
der Arbeitslosigkeit zu vermeiden.

Diese Auffassung wird von der Organisation

für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris vertreten.
Vertreter dieser Organisation betonen jedoch, daß sehr viel davon
abhängen wird, ob es den Staats- und Regierungschefs gelingen wird, ihre
Parlamente zur Unterstützung ihres "konzertierten Aktionsprogramms" zu
bewegen,und wie rasch und wie wirksam ihre Absichten verwirklicht werden.
In dem am 28. Juli veröffentlichten Jahresbericht der OECD über die
wirtschaftlichen Aussichten heißt es, daß ohne eine Änderung der Wirtschaftspolitik das wirtschaftliche Wachstum der Industrieländer insgesamt
wahrscheinlich bei etwa 3,5 Prozent stehen bleiben werde - also ein halbes

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�t

halbes Prozent unter dem erforderlichen Stand, um eine weitere Zunahme
der Arbeitslosigkeit zu verhindern.

In dem Bericht heißt es ferner, daß

"per Saldo bei der gegebenen Wirtschaftspolitik Ende Juni dieses Jahres
das Wachstum wahrscheinlich eher hinter den gegenwärtigen Voraussagen zurückbleiben als diese übertreffen wird."

Diese Projektionen wurden vor dem Bonner Weltwirtschaftgipfel erstellt
und stellen die dort verkündeten Initiativen nicht in Rechnung.
Der Leiter der Abteilung für Wirtschaftliche und Statistische Angelegenheiten bei der OECD, John Fay, erklärte vor der Presse, daß sein Büro
eine überschlägige Berechnung erstellt habe, welchen Unterschied im Wachstum
die Bonner Zusagen bewirken könnten, wenn sie sofort und vollständig verwirklicht würden.

Das Wachstum, so erklärte er, könnte dann im ersten

Quartal 1979 eine Rate von 4 bis 4,5 Prozent erreichen.
Auf Fragen der Reporter führte Fay aus. er sei sich ebenso wie andere
Beobachter darüber im klaren, daß die in Bonn verkündete Politik auf die
starke Opposition in einigen Parlamenten treffen könnte. Es wäre auf
jeden Fall optimistisch, davon auszugehen, daß alle notwendigen Maßnahmen
rechtzeitig getroffen werden könnten, um sich schon im ersten Quartal des
nächsten Jahres voll auszuwirken.
Wenn die Schätzungen der OECD stimmen, dann stehen die Industriestaaten
vor einem weiteren Jahr des langsamen Wachstums. Für diesen Fall warnt die
OECD davor, daß verschärfte Lohnkämpfe die Kontrolle der Inflation erschweren
würden. Die Probleme würden noch weiter durch "wachsende Forderungen nach
einem weiteren Protektionismus an den Grenzen und im eigenen Lande in Form
defensiver Praktiken zur Erhaltung der Arbeitsplätze auf Kosten der Produktivität" verschärft.
Darüber hinaus wird in dem Bericht darauf hingewiesen, daß ein langsames Wachstum im OECD-Gebiet die weniger entwickelten Länder besonders hart

�hart treffen würde.

Die Wirtschaft des OECD-Gebietes steht nach Auffassung

Fays an einem "großen Scheidewege".

Ein Hauptgrund dafür sei die Tatsache,

daß das wirtschaftliche Wachstum in den OECD-Ländern von dem überdurchschnittlichen Wachstum in den Vereinigten Staaten gezogen worden sei.
bei einem

Aber

Nachlassen des wirtschaftlichen Wachstums in den USA müsse ein

"angebrachter" Anstoß in den kommenden Monaten anderswo herkommen.
Die jüngste, am 26. Juli veröffentlichte Übersicht der OECD über
die Vereinigten Staaten geht davon aus, daß das Wirtschaftswachstum in
Amerika im ersten Halbjahr 1979 auf eine Rate von 3 Prozent zurückgehen
und die Inflation - den unbeständigen Nahrungsmittelsektor nicht eingerechnet - wahrscheinlich nicht unter sieben Prozent sinken wird.

Die

Wachstumsvorhersage liegt etwas unter und die Inflationserwartung etwas
über den amtlichen Zielsetzungen.
Mit dem starken Abbau der Arbeitslosigkeit und der Beschleunigung
des Preisanstiegs in den USA, so heißt es in der Obersicht der OECD, "muß
die höchste Priorität jetzt dem Inflationsproblem eingeräumt werden.

Die

Inflation stellt für sich selbst eine wichtige wirtschaftspolitische
Frage dar wie auch einen wesentlichen Hemmschuh für den Wiederaufschwung.
Darüber hinaus macht die Schlüsselrolle des US-Dollar im internationalen
Währungssystem einen Abbau des inflationären Drucks in den Vereinigten
Staaten wesentlich."
Fay stellte sich hinter die Erklärungen Präsident Carters in Bonn,
daß der Schwerpunkt der amerikanischen Politik sich vom Abbau der Arbeitslosigkeit auf die Bekämpfung der Inflation verlagert habe.
In dem Überblick der OECD über die Entwicklung in den Vereinigten
Staaten wird jedoch auch warnend darauf hingewiesen, daß man der Auswirkung, die eine neue Rezession in den USA auf einen ohnehin zögernden
Aufschwung in der übrigen Welt haben könnte, weiterhin große Aufmerksamkeit
schenken müsse.
In der

�In der Veröffentlichung der OECD wird auch darauf hingewiesen, daß
das Absinken des Dollarkurses in den letzten anderthalb Jahren nicht das
Ergebnis eines Nachlassens der Konkurrenzfähigkeit amerikanischer Waren auf
internationalen Märkten gewesen sei.

Studien der OECD lassen im Gegenteil

erkennen, daß die Wettbewerbsfähigkeit im Welthandel durch die Wechselkursbewegungen der letzten 18 Monate gestärkt worden sei.
Eine von der OECD zusammen mit dem Jahresbericht veröffentlichte
Sonderstudie schätzt, daß sich das amerikanische Zahlungsbilanzdefizit
bis Mitte 1979 um rund 10 Milliarden Dollar verringern und der japanische
Überschuß entsprechend abgebaut werden könnte, wenn keine weiteren realen
Änderungen der Wechselkurse eintreten (mit anderen Worten, wenn die Wechselkursänderungen genau die Unterschiede in den Inflationsraten der verschiedenen Länder ausgleichen).
In dem OECD-Oberblick wird ferner festgestellt, daß der Dollar gestärkt werden könnte, wenn ein wirksames amerikanisches Energieprogramm
verabschiedet würde und andere Länder eine expansionistischere Politik
betrieben.

Schon die Erwartung entsprechender Maßnahmen würde den Kapital-

fluß nach den USA steigern und damit den Dollar stärken.

+ + + + +

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19

2. August 1978

ERFOLGREICHE BEENDIGUNG DER TOKIO-RUNDE IN SICHT
von unserem Wirtschaftskorrespondenten Eugene Brake

Die Verhandlungspartner in Genf "können das Ende der Straße" zu
einem umfassenden Abkommen über die Liberalisierung des Handels absehen.
Diese Auffassung vertritt der amerikanische Vertreter bei den Verhandlungen
der Tokio-Runde. Und was der Stellvertretende Sonderbeauftragte Präsident
Carters für Handelsverhandlungen, Alonzo McDonald, am Ende dieser Straße
sieht, ist - wenn es nicht noch zu einem höchst unwahrscheinlichen Zusammenbruch der Verhandlungen in letzter Minute kommen sollte - sehr erfreulich.
"Ich glaube, wir sind mit unseren wichtigen Handelspartnern recht
gut vorangekommen", so erklärte Botschafter McDonald in einem Interview.
"Was alle praktischen Zielsetzungen angeht, so haben wir nach meiner Überzeugung 80 bis 85 Prozent des Weges zurückgelegt."
Die Zielrichtung sei ganz klar, so fügte McDonald hinzu. Die großen
Umrisse des endgültigen Paketes sowie dessen Komponenten seien deutlich geworden, und man sei sich auch ziemlich gut über die "relativen Gewichte" jm

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�im klaren.
Nach Ansicht des amerikanischen Verhandlungsführers wäre es vermutlich
möglich gewesen, noch vor dem Bonner Weltwirtschaftsgipfel am 16. und 17. Juli
ein endgültiges Abkommen durchzudrücken; die an den Verhandlungen Beteiligten
hätten es jedoch für besser gehalten, noch eine Zeitlang an der Lösung einiger
Schlüssel fragen weiterzuarbeiten - in der Hoffnung, noch zu
Verbesserungen zu gelangen.

zusätzlichen

Selbst wenn man sich mit dem zum Zeitpunkt des

Bonner Gipfeltreffens bereits Erreichten zufriedengegeben hätte, so heißt
es in amerikanischen Regierungskreisen, wäre man schon einem der größten
Verhandlungserfolge "sehr nahe" gewesen.
Wie Botschafter McDonald weiter erklärte, sind einige der noch verbleibenden Fragen wichtig, ihnen gebühre noch besondere Zeit und Aufmerksamkeit.

Sollten Fortschritte bei dem einen oder anderen Einzelpunkt nicht

erreicht werden können, so werde dies zwar nicht zuänem Zusammenbruch des
bislang Erzielten führen; allerdings könne eine Akkumulierung von Misserfolgen ein zufriedenstellendes Ergebnis gefährden.

Der Botschafter wies in

diesem Zusammenhang darauf hin, daß diese Fragen in stärkstem Maße miteinander verflochten seien:

Was ein Land auf dem einen Gebiet zu tun bereit

sei, hänge oft davon ab, was ein anderes Land auf einem anderen Gebiet tun
werde.

Zwar werde kein Land bei Verhandlungen dieser Art alles erreichen,

was es wünsche; aber die Möglichkeit, daß die Verhandlungen in den nächsten
Wochen "auseinanderfallen" würden, sei "äußerst gering".
McDonald nannte den "Rahmen der Verständigung", auf den sich die
neunzehn in Genf verhandelnden Nationen am 13. Juli einigen konnten, als
den Hauptgrund für seine Hoffnung sowie die anderer Verhandlungsführer, daß
die jahrelangen Bemühungen der Tokio-Runde zu einer Handelsliberalisierung
von bedeutsamen Ausmaßen führen werden.
Inzwischen sind jedoch schon Fortschritte erzielt worden.

In Bonn

führten der Sonderberater Präsident Carters für Handelsverhandlungen,

- 2 -

�Handelsverhandlungen, Botschafter Robert Strauss, und sein Stellvertreter,
Botschafter McDonald, intensive Gespräche mit dem japanischen Außenhandelsminister Nobuhiko Ushiba.

Wie McDonald hierzu feste!Ite, wurde bei diesen

Gesprächen am Morgen des 17. Juli eine allgemeine Verständigung über die
wichtigsten Zollfragen erreicht.
"Nach Ansicht der USA", so sagte Botschafter McDonald, "sind wir einer
Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Japan auf dem industriellen
Sektor ziemlich nahegekommen". Dies hänge allerdings von einem ausgewogenen
Ergebnis auf dem landwirtschaftlichen Sektor ab, das zufriedenstellend für
die USA sei. Die amerikanisch-japanischen Gespräche in Bonn hätten jedoch,
so fügte der amerikanische Verhandlungsführer hinzu, eine wesentliche Ursache der Spannung beseitigt.
Wie Botschafter McDonald ferner ausführte, sind die Vereinigten Staaten
der Ansicht, daß die Verhandlungen mit ihren wichtigsten Handelspartnern vor allem der Europäischen Gemeinschaft, Japan und Kanada - beim Eintritt
in die "Endphase" gut vorangeschritten seien.

Er räumte jedoch ein, daß

hinsichtlich der Entwicklungsländer noch eine "gewisse Kluft" zu überbrücken
sei.
Eines der Hauptziele der Vereinigten Staaten während der nächsten
Wochen werde es sein, daß an die Frage einer "spezifischen und differenzierten
Behandlung"

dieser Nationen in Übereinstimmung mit der im September 1973

eingegangenen Verpflichtung im Rahmen der Tokio-Erklärung in einer Weise
herangegangen werde, die das Prinzip der Gerechtigkeit herausstelle.

Mit

dieser Deklaration nahm die Tokio-Runde praktisch ihren Anfang.
Der amerikanische Verhandlungsführer rechnet jedoch nicht damit, daß
die Entwicklungsländer durch die Ergebnisse der Tokio-Runde vollständig
zufriedengestellt sein werden.

"Es ist vielmehr wahrscheinlich", so sagte

er, "daß viele von ihnen diesen endgültigen Ergebnissen kritisch gegenüberstehen werden, was auch immer die Resultate sein mögen".
Nach

�Nach Ansicht McDonalds ist eines der Probleme, daß die Angebote der
Entwicklungsländer zur Erweiterung der Handelsliberalisierung "überaus
bescheiden" gewesen seien - dies gelte auch für die moderneren Entwicklungsländer, die Fertigwaren in die Industrieländer exportieren.
In der Erklärung von Tokio wird spezifiziert, daß von den Entwicklungsländern kein "Beitrag" erwartet werde.

Weil jedoch die Entwicklungsländer

selbst wenig getan hätten, so erklärte Notschafter McDonald, seien auch die
Industrienationen nicht ausgesprochen bestrebt gewesen, den Entwicklungsländern die "außerordentlichen Verhältnisse eines offenen Marktes anzubieten,
die sie für ihre Produkte gerne haben möchten".
Dennoch vertrat der Botschafter mit Nachdruck die Überzeugung, daß
die Entwicklungsländer mehr als jeder andere von den Ergebnissen der TokioRunde profitieren werden, selbst wenn keine weiteren Fortschritte hinsichtlich
der Erfüllung ihrer individuellen Erfordernisse erzielt werden.

Der

amerikanische Unterhändler erklärte, daß diese Länder aus der allgemeinen
Zollsenkung Nutzen ziehen werden, die in Kraft gesetzt werden soll.

Und

nach seiner Ansicht würden sie auch mehr als andere Länder vom Abbau der
nicht-tarifären Handelsschranken profitieren, der sich aus einer Reihe der
sehr wahrscheinlich vereinbarten "Verfahrensregeln" herleiten werde.
Botschafter McDonald sowie andere amerikanische Regierungsvertreter
unterstrichen wiederholt, daß sie in den Verhandlungen mit Vertretern der
Entwicklungsländer immer wieder versucht hätten, diese davon zu überzeugen,
daß sie im Gange der Verhandlungen eine aktivere Rolle spielen sollten.
Unter der Schirmherrschaft des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens
(GATT) wird gegenwärtig eine Reihe informeller Planungstreffen organisiert,
auf denen erörtert werden soll, wie die Endphasen der HandeslVerhandlungen
zu handhaben sind.
Die traditionelle Urlaubsunterbrechung ist für August vorgesehen, und

�und die teilnehmenden Verhandlungsparteien benötigen in der Tat diese
Pause.
Nach Ansicht von Botschafter McDonald wird der Großteil der formellen
Konferenzen und Gespräche über die Verhaltensregeln im September und Oktober
abgeschlossen sein.

Er rechnet auch damit, daß die meisten bilateralen

Erörterungen der USA, einschließlich der Gespräche mit den Entwicklungsländern,
während dieses Zeitraums ebenfalls zu Ende gebracht werden.

Der Monat

Oktober wird nach seiner Überzeugung auch der Zeitraum sein, in dem man eine
Bilanz des Erreichten ziehen wird.

Danach werden sich die amerikanischen

Unterhändler nach Meinung McDonalds auf die eine oder andere noch verbliebene
Frage konzentrieren und anschließend einen Bericht für Präsident Carter vorbereiten, in dem die Empfehlungen für das Gesamtpaket unterbreitet werden.
"Bis zum 15. Dezember werden wir die Verhandlungen abgeschlossen
haben," so erklärte Botschafter McDonald. Dies sei der vom amerikanischen
Präsidenten gesetzte Termin, "und genau diesen Zeitpunkt wollen wir auch
einhalten".

+ + + + +

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�3

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2. August 1978

TIEFSEEBODENBERGBAU UND FESTLANDSOCKELRAND
Amerikas dringlichste Forderungen für die Herbstsitzung der
UN-Seerechtskonferenz
- von Hugh 0. Muir -

WASHINGTON - (AD) - Bei den Vorbereitungsarbeiten für die nächste
Tagung der Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen, die am 21. August
in New York beginnt, legen die Vereinigten Staaten größten Wert auf
konstruktive Vorschläge zur Lösung der entscheidend wichtigen Fragen des
Tiefseebodenbergbaus und der Definition des Festlandsockelrandes.
Eines der wichtigsten Ereignisse innerhalb der dreimonatigen Zäsur
zwischen der Genfer und der New Yorker Phase der 1978er Sitzungsperiode
der Seerechtskonferenz war die Verabschiedung eines Gesetzes zur Regulierung
der Beteiligung amerikanischer Firmen durch das US-Repräsentantenhaus am
26. Juli.
Botschafter George H. Aldrich, der stellvertretende Leiter der
amerikanischen Delegation auf der Seerechtskonferenz hält dieses Gesetz

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�Gesetz für einen Ausdruck der amerikanischen Entschlossenheit, die Gewinnung von Mineral Stoffen auf dem Meeresgrund mit oder ohne Zustandekommen eines internationalen Vertrags weiter voranzutreiben.

Seiner Auf-

fassung nach besteht hinsichtlich der Sitzung in New York die ernste Gefahr, daß sich die starken Impulse von Genf abschwächen.

Wenige Wochen

vor Beginn der Herbstsitzung unternahm Botschafter Aldrich kürzlich in
einem Interview den Versuch, die Ergebnisse der Arbeit zu analysieren,
die die amerikanische Delegation seit Abschluß der fünfwöchigen Sitzungsperiode in Genf am 19. Mai geleistet hat.
Hauptproblem der New Yorker Sitzung wird wiederum die Frage des
Tiefseebodenbergbaus sein.

"Das ist die Frage, die 'Anhang 2' des Ver-

tragsentwurfs aufwirft," erklärte der Botschafter, "in dem das System
des Zugangs und der Ausbeutung definiert wird".

Dort soll, mit anderen

Worten klargestellt werden, wer das Recht haben soll, Bodenschätze auf
dem Meeresgrund abzubauen und unter welchen Bedingungen.
Von diesem Problemkreis abgesehen, "haben wir uns," so Aldrich, "mit
der sehr wichtigen und noch offenen Frage der Definition des Festlandsockelrandes bzw. dessen seewärtigen äußeren Bereichs befaßt. Gelingt es,
diese Frage zu lösen, wird sich unserer Auffassung nach auch eine Regelung
für die damit zusammenhängende Frage der Beteiligung von Binnenländern
und anderweitig geographisch benachteiligten Staaten an der Küstenfischerei
finden lassen." Der 'Anhang 2" stand in Genf wohl auf der Tagesordnung,
kam dort aber nicht zur Diskussion. Er umreißt Einzelheiten des Funktionierens
des geplanten Zugangssystems und sieht die Errichtung eines Banksystems und
die Aufteilung der Abbaugebiete unter einzelnen Bergbaukonsortien und dem
Abbauunternehmen der vorgeschlagenen Internationalen Meeresbodenbehörde
(Enterprise) vor, in der in der Hauptsache Länder der Dritten Welt vertreten sein sollen.
Aufgabe der Internationalen Meeresbodenbehörde soll es nach "Anhang 2"
auch sein, die Richtlinien für den Abbau und damit zusammenhängende Auflagen

- 2 -

�Auflagen auszuarbeiten, denen sich private Kontraktfirmen ebenso wie
das Enterprise auch in finanziellen wie in anderer Hinsicht unterwerfen
müssen,

über die Frage der Gleichartigkeit der Verpflichtungen privater

Firmen und des Internationalen Abbauunternehmens wird es, so meint Aldrich,
sicherlich zu ernsthaften Verhandlungen kommen.
Die Verabschiedung des Gesetzes zur Regulierung der Beteiligung
amerikanischer Firmen am Tiefseebodenbergbau durch das Repräsentantenhaus
hält Botschafter Aldrich für ein geeignetes Mittel "den Konferenzteilnehmern
deutlich zu machen, daß der Tiefseebodenbergbau beginnen wird, sobald die
dort lagernden Mineral Stoffe benötigt werden und ihr Abbau wirtschaftlich
realisierbar ist - was auch immer sonst geschehen mag." Das Gesetz, das
mit 312 zu 80 Stimmen verabschiedet wurde,wird bei gleichlautender Verabschiedung auch durch den Senat der Regierung die Vollmacht erteilen, den
Abbau von Mineral Stoffen auf und unter dem Tiefseebnden durch amerikanische
Unternehmen zu regulieren, angemessene Umweltschutznormen festzusetzen und
einen Ertragsbeteiligungsfonds zu errichten, an den die Abbaufirmen jeweils
0,75 Prozent des Marktwertes der geförderten Mineralstoffe abführen müssen. Nach
Abschluß eines dementsprechenden Vertrages sollen die angesammelten Mittel
der Internationalen Meeresbodenbehörde überstellt werden.
Das Gesetz hängt gegenwärtig im Senat noch vor dem zuständigen Ausschuß.
Mit seiner endgültigen Annahme, also der Verabschiedung durch beide Häuser
in gleichlautender Fassung,ist im Verlaufe der Sitzungsperiode 1978 nicht
mehr zu rechnen.

Dennoch hat das Vorgehen des Repräsentantenhauses Model 1-

charakter.
"Nach meinem Dafürhalten ist dieses Gesetz sehr nützlich," erklärte
Botschafter Aldrich, "habe ich doch den Eindruck gewonnen, daß viele an
der Konferenz beteiligte Entwicklungsländer meinen, die Vereinigten Staaten
seien stärker an einem solchen Vertrag interessiert als sie selbst und daß
sie deshalb nur hartnäckig auf ihrem Standpunkt zu beharren brauchen, weil
wir am Ende doch nachgeben würden.

Dem ist aber keineswegs so.

- 3 -

Dieses

�Dieses Gesetz hat inzwischen einen eigenen amerikanischen Weg aufgezeigt.
Manche Länder werden vielleicht nun doch erkennen, daß ein Hinauszögern
eines Vertrages keineswegs ein Hinauszögern des Tiefseebodenbergbaus bedeuten muß."
Eine weitere Frage, die die amerikanische Delegation womöglich in
der auf vier Wochen angesetzten New Yorker Sitzungsperiode behandelt sehen
möchte, ist die der wissenschaftlichen Meeresforschung.

Hier geht es den

Vereinigten Staaten in erster Linie darum, daß die Küstenstaaten ein Vetorecht eingeräumt erhalten, das sie ermächtigt, jede ihnen nicht genehme
Art der wissenschaftlichen Meeresforschung innerhalb der durch den Vertrag
zu etablierenden 200-Seemeilen-Wirtschaftszone vor ihrer Küste zu untersagen.
Die Sitzungspause bot Botschafter Elliot Richardson, dem US-Chefdelegierten auf der Seerechtskonferenz, Gelegenheit zu Besprechungen in
sechs lateinamerikanischen Hauptstädten.

Drei Delegationsmitglieder haben

die Zeit zu Reisen nach Europa und zu Zusammenkünften mit Vertretern anderer
Länder in New York und Washington benutzt.
"Ich glaube wir wenden uns mehr und mehr von der Auffassung ab, wir
hätten große Eile. Wir nähern uns vielmehr dem Gefühl, daß ein so vielschichtiges Unternehmen zwangsläufig lange Zeit in Anspruch nimmt. Nach
meinem Dafürhalten wird ein Vertrag noch mehrere Jahre auf sich warten
lassen, selbst wenn alles bestens läuft," erklärte Botschafter Aldrich
abschließend in seinem Interview.

+ + + + +

- 4-

�a

I

Uli/zcn/choft
und Technik
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19

2. August 1978

MALARIABEKÄMPFUNG BRAUCHT NEUE STRATEGIEN
Resistenz durch Insektizide führte in Sackgasse

- (AD) - Weltweit war in den fünfziger Jahren die Malaria-Häufigkeit
rapide zurückgegangen, nachdem gegen Moskitos, die die Krankheitserreger
übertragen, wirksame Insektizide in großen Mengen zur Anwendung kamen. Die
Zahl der Erkrankungen sank von mehr als 300 Millionen im Jahr nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs auf weit unter 100 Millionen. Selbst im tropischen
Afrika, vor allem aber in Asien glaubte man, durch Insektenbekä'mpfungsmittel sowie Therapie und Vorbeugung mit Medikamenten wie Chinin, Chloroquin
und einigen anderen Präparaten der Krankheit endlich Herr werden zu können.
In Pakistan beispielsweise wurden 1968 nur noch 9500 Fälle, in Indien knapp
50 000 registriert.
Obgleich jährlich noch immer tausende von Tonnen DDT, dazu mehr oder
minder große Mengen einiger weiterer Chemikalien als Insektizide verbraucht
werden, blieben weitere Erfolge versagt.

Und in den letzten Jahren ging

der frühere Trend sogar sehr schnell in die entgegengesetzte Richtung: Bis
1976 war die Zahl der gemeldeten Fälle in Pakistan auf 10 Millionen, in

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�in Indien auf etwa sechs Millionen emporgeschnellt.

Ca. 30 Prozent der

indischen Bevölkerung leben in malariaverseuchten Gebieten.

Pro Jahr er-

kranken heute schon wieder mehr als 120 Millionen Menschen in der Welt an
Malaria.

Die der UN-Weltgesundheitsorganisation gemeldeten Fälle haben sich

in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Allein in Afrika bedeutet die parasitäre

Fieberkrankheit jährlich für mindestens eine Million Menschen den Tod.
Diese erschreckende Wende ist darauf zurückzuführen, daß nicht nur
Malariamücken gegen Insektizide wie DDT und Dieldrin immun geworden sind,
sondern daß auch die von ihnen übertragenen Parasiten (Plasmodien), die im
menschlichen Organismus die Fieberanfälle, schwere Blutbildveränderungen,
Leberschäden und allgemeinen Kräfteverfall hervorrufen, in einigen besonders
stark verseuchten Gebieten Resistenz gegen die wirksamsten Medikamente entwickelt haben.

Hinzu

kommt, daß in manchen Regionen DDT und andere

Insektizide ihren Weg in die Nahrungskette genommen haben und im menschlichen
Organismus, z.B. in der Muttermilch, bereits in hoher Konzentration vorhanden sind.

Dies bedeutet eine zusätzliche Beeinträchtigung der Funktion

von Organen wie Leber oder Nervensystem.
Zwar war der chemische Feldzug gegen die Malaria in den gemäßigten
Zonen in Verbindung mit der Trockenlegung von Sümpfen, mit verschiedenen
Wasserbau technischen Maßnahmen und systematischer Arzneimittel Prophylaxe
im großen Ganzen von bleibendem Erfolg. Um diesen zu sichern, vor allem
aber im Interesse der von der Malaria noch immer oder erneut heimgesuchten
Länder müssen sich WHO (Weltgesundheitsorganisation) und Regierungen nunmehr um neue Strategien bemühen.
In den letzten 30 Jahren sind schon 24 der verschiedenen Arten von
Anopheles-Mücken gegen DDT resistent geworden, und Dieldrin hat gar bei
44 Arten seine Wirkung verloren. WHO-Generaldirektor Halfdan Mahl er berichtete im Mai 1978 auf der Jahreskonferenz seiner Organisation in Genf,
daß infolge der starken Zunahme von Erkrankungen in Südostasien die Malaria
in weiten Teilen von Bangladesch, Indien und Sri Lanka ihren früheren

- 2 -

�früheren Stand wiedererreicht habe.

Das Risiko in Thailand, Laos, Kambodscha,

Vietnam, in Teilen von Malaysia und einer Anzahl südpazifischer Inselstaaten
sei ähnlich groß.
meldet.

Und viele der Malariaanfalle würden der WHO gar nicht ge-

Eine Epidemie großen Stils müßte verheerende Auswirkungen haben.

Kürzlich kam es in geringerem Umfang in der Türkei zu einer Malariaepidemie, die jetzt die Mittelmeerländer bedroht. Es sei, so Mahler, zu
befürchten, daß Gastarbeiter oder nicht durch Vorbeugungsmittel geschützte
Touristen die Krankheit in malariafreie Gebiete Europas einschleppen.
Personen aus solchen Ländern sollten sich vor einer Auslandsreise, vor allem
in subtropische oder tropische Gebiete unbedingt darüber informieren, ob,
in welchem Umfang und in welcher Form dort die Malaria wieder auftritt,
damit sie sich mit den bestgeeigneten Vorbeugungsmitteln versorgen können.
Die Prophylaxe sollte sofort beim Eintreffen in der malariabedrohten Region
beginnen und auch nach der Rückkehr noch über einige Wochen weitergeführt
werden.
Besonders schlimm sind die Auswirkungen der neuen Malariawellen
in Entwicklungsländern, wo sie weitgehend den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt blockieren. Dr. Stirling, Gesundheitsminister von
Tansania, warnte davor, hinsichtlich der Krankheitshäufigkeit nur die
Statistiken der Hospitäler zu werten. Das Gros der Todesfälle sei ganz
woanders zu finden - nämlich in den Dörfern, und dort vor allem unter
Kindern, die gar nicht bis zu den Hospitälern kommen.
Das gegenwärtige Anti-Malaria-Programm der WHO umfaßt vier sich
überlappende Phasen:

Wichtigstes erstes Ziel ist es, durch die Bereit-

stellung geeigneter Medikamente für Malariakranke die Zahl der Todesfälle zu senken.

Die zweite Phase ist darauf gerichtet, Risikogruppen

wie Kinder oder bestimmte Berufs- und Arbeitergruppen zu erfassen, bei
denen die medizinische Prophylaxe von besonderer Bedeutung ist.

In der

dritten Phase würden diese Aktionen auf eine breitere Basis gestellt.
Und schließlich wird als langfristiges Ziel die Ausrottung der Malaria

- 3 -

�Malaria angestrebt, die in heutiger Sicht nur mit einem vielschichtigen,
weltweit koordinierten Programm von Medizinern, Landwirtschaftsexperten,
Chemikern, Mikrobiologen und Gesundheitsbehörden denkbar i s t .
- Impfung und biologische Schädlingsbekämpfung Schutzimpfungen gegen Malaria gibt es noch nicht, die Entwicklung eines
geeigneten Vakzins steckt noch in den Anfängen.

Vor zwei Jahren wurde aus

den USA berichtet, daß es gelungen s e i , Plasmodien in menschlichen roten
Blutkörperchen zu kultivieren.

Außerdem liege nunmehr ein Vakzin mit

einer Emulsion aus Malaria-Erregern vor, die im Merozoiten-Stadium, d.h.
in der Phase ihrer stärksten Infektionskraft, aus Blutplasma extrahiert
wurden.

Das Vakzin werde zunächst in Tierversuchen erprobt.

An einer Reihe von Instituten wird auch daran gearbeitet, biologische
Methoden für die Malariabekämpfung zu entwickeln - z.B. durch Aussetzen
ganzer Schwärme s t e r i l i s i e r t e r Männchen der Anopheles-Mücke oder durch den
Einsatz natürlicher Feinde. Im letzteren Fall könnte sich als bester Verbündeter des Menschen ein winziger Wurm erweisen.mit dem Dr. George 0. Poinar,
Insektenpathologe an der Universität Kalifornien in Berkeley, s e i t längerem
experimentiert. Es handelt sich um die Nematodenart "Romanomermis
culicivorax", die in Verbindung mit einer das Wachstum regulierenden
Substanz (Handelsbezeichnung " A l t o s i d " , chemische Bezeichnung Methorpen)
"viele Arten von Süßwassermücken unter Kontrolle bringen könnte, ohne
andere Organismen zu schädigen", wie Dr. Poinar e r k l ä r t .
Der Wissenschaftler l e i t e t e im vergangenen Jahr ein einschlägiges
Forschungsprojekt am Searsville-See in der Nähe von Palo Alto (Kalifornien).
Ziel war die Bekämpfung von Anopheles-Moskitos, die neben den MalariaErregern auch andere, f ü r den Menschen o f t äußerst gefährliche Krankheitskeime übertragen. Kulturen des im US-Bundesstaat Louisiana heimischen
Fadenwurm-Parasiten s t e l l t e Dr. James J . Petersen zur Verfügung, der die
Nematoden im Moskito-Forschungszentrum des US-Landwirtschaftsministeriums
am Lake Charles nahe der Golfküste in großen Mengen züchtet. An den Ufern

- 4 -

�Ufern des Charles-Sees war es 1976 gelungen, durch Aussetzen von R.
culicivorax-Nematoden die Brut von "Anopheles freeborni"-Mücken um 70 - 97 %
zu reduzieren.

Dies war laut Poinar schon deshalb als großer Erfolg zu

werten, weil die Uferzonen so dicht mit Papageienkraut bewachsen sind, daß
selbst die Moskitofische keine Mücken fangen können.
Inzwischen hat man auch in Florida die Massenzüchtung dieser Nematodenart aufgenommen. Versuchsweise sollen dann Fadenwurdkulturen vom Flugzeug
aus in den Sümpfen und an Seen ausgesetzt werden. Umweltfaktoren, die
die Wirksamkeit der Nematoden vom Typ Romanomermis culicivorax beeinträchtigen
könnten, werden gegenwärtig von Dr. E.G. Platzer (Universität Kalifornien
in Riverside) untersucht. Feldversuche mit der Nematodenart, die in den
amerikanischen Bundesstaaten Louisiana, Kalifornien, Florida und Maryland
sowie in Thailand, Taiwan, Japan und San Salvador bereits durchgeführt wurden,
verliefen außerordentlich zufriedenstellend. Auf Anregung Dr. Petersens wird
der Wurm jetzt auch gegen die Larven der Schwarzfliege in Westafrika eingesetzt; diese überträgt Parasiten, die zu einer schweren Augenkrankheit, der
sogenannten Flußblindheit, führen.
Die R.c.-Nematoden sind Erzfeinde der Moskitos. Die jungen Würmer
bohren sich durch die Außenhaut von Moskitolarven, dringen in den Körper
ein und leben von seinem Inhalt. Der Wurm wächst so schnell, daß er schon
nach einer Woche länger ist als die Moskitolarve. Nun bohrt er sich ein
Loch nach draußen, und bald danach geht die Moskitolarve zugrunde. Die
jungen Nematoden sinken in den Bodenschlamm, paaren sich und legen Eier ab.
Sobald die jungen Würmer ausschlüpfen, ist die Infektionsphase erreicht, und
der Zyklus beginnt von neuem. Je nach der gerade herrschenden Temperatur
dauert ein solcher Zyklus drei bis vier Wochen.
Dr. Poinar ist überzeugt, daß dieses biologische Verfahren zur Bekämpfung der Malariamücken überall dort angewandt werden kann, wo das
Klima etwa dem von Kalifornien, Louisiana und Florida oder allgemein dem
der Mittelmeerländer entspricht. Voraussetzung
für den Erfolg ist

- 5 -

�ist zunächst einmal die kommerzielle Produktion und der sachgerechte
Versand der Nematodeneier, da diese beim Transport leicht zugrundegehen.
Zwei amerikanische Firmen - Nutrilite Corporation in Lakeview, Kalifornien,
und Fairfax Biological Laboratory in Clinton Corners, New York - befassen
sich bereits damit, die bestmöglichen Verfahren zu entwickeln.
Vor allem Dr. Petersen ist es zu verdanken, daß damit zum ersten Mal
eine Nematodenart gefunden wurde, die sich für die Moskito-Bekämpfung
eignet.

In Verbindung mit dem Wachstumsregulator Methopren sind die R . c -

Nanatoden auch vom ökologischen Standpunkt aus besonders attraktiv,weil
sie viele Süßwassermückenarten reduzieren, ohne gleichzeitig andere Organismen
zu schädigen.

So könnte,möglicherweise auch in der Kombination mit

Drainagemaßnahmen, zeitweiligem überfluten von Brutstätten und Veränderungen
der Salzkonzentration im Wasser, eine Strategie entwickelt werden, die die
chemische Insektenbekämpfung unterstützt und gleichzeitig hilft, die
mengenmäßige Anwendung von Insektiziden zu verringern.

Vielleicht wäre

dies ein Weg, um den Teufelskreis der Resistenzbildung bei den die Malaria
und andere gefährliche Krankheiten übertragenden

+ + + + +

- 6 -

Insekten zu durchbrechen.

�1
I

Wi//en/chcift
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

19

2. August 1978

NACHRICHTENSATELLITEN STEHEN HOCH IM KURS

- (AD) - Die weltweite Nachfrage nach Nachrichtensatelliten wird
sich in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Dies geht aus Berechnungen
hervor, die Mitgliedstaaten der Internationalen Organisation für Fernmeldesatelliten (INTELSAT) angestellt haben. Auf ihrer vierten Weltkonferenz für den Nachrichtenverkehr ( 11. - 17. Juli 1978 in Washington)
erörterten die Vertreter der 102 Mitgliedstaaten von INTELSAT den künftigen
Bedarf jeder einzelnen Partnernation. Vorläufige Berechnungen ergaben,
daß bis Ende 1982 allein für Telefongespräche statt der bisher 14 105
ständig ausgelasteten Leitungen etwa 30 000 gebraucht werden.
Für Länder, die geostationäre Satelliten über dem Atlantik benutzen,
wird eine Ausweitung des Fernmeldeverkehrs um 114 Prozent erwartet. Dagegen liegen die entsprechenden Zahlen für die Nachrichtensatelliten über
dem Indischen und Pazifischen Ozean bei 98 bzw. 91 Prozent.

Die fünf

Satelliten, die z.Zt. betrieben werden und alle in 35 900 km Höhe stationiert
sind, zählen zur INTELSAT IV und IV-a Serie.

Die IV-Geräte können gleich-

zeitig 4 000 Telefongespräche und Fernsehsendungen über zwei Kanäle über-

Postfach 20 03 OO
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�übertragen, die IV-a-Geräte 6 000 Telefongespräche plus TV-Sendungen. Die
künftigen INTELSAT V-Satelliten werden die gleiche TV-Kapazität, dazu jedoch die wesentlich größere Betriebsleitung für 12 000 Telefongespräche
gleichzeitig haben. Der erste INTELSAT V-Satellit soll Ende 1979 gestartet werden - entweder mit Hilfe des amerikanischen Raumtransporters
oder mit der von der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA entwickelten Trägerrakete ARIANE.

+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Beitrag zum "Internationalen Jahr des Kindes"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sonderbestimmungen für zivile Überschallflugzeuge in USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;OECD fordert rasche Verwirklichung der Bonner Zusagen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- von John Harter -&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erfolgreiche Beendigung der Tokio-Runde in Sicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- von unserem Wirtschaftskorrespondenten Eugene Brake -&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Tiefseebodenbergbau und Festlandsockelrand&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikas dringlichste Forderungen für die Herbstsitzung der UN-Seerechtskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- von Hugh 0. Muir -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Malariabekämpfung braucht neue Strategien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Resistenz durch Insektizide führte in Sackgasse&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachrichtensatelliten stehen hoch im Kurs</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST

2. August 1989

29

INHALT
DOKUMENTATION
Baker; Slhanouk soll Ubergangsregierung In Kambodscha leiten
- Erklärung bei der Eröffnung der Pariser Kambodscha-Konferenz -

HINTERGRUND
Die nationale Energiestrategie der Vereinigten Staaten
- Eine Übersicht des Energieministeriums USA; Start-Runde nimmt sachlichen und produktiven Verlauf
- Interview mit dem stellvertretenden amerikanischen Chefunterhändler

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Der Weltraum als Wirtschaftsfaktor
- Mittel- und langfristige Programme der USA -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

*

29

2. August 1989

BAKER:

SIHANOUK SOLL ÜBERGANGSREGIERUNG IN KAMBODSCHA LEITEN

- Erklärung bei der Eröffnung der Pariser Kambodscha-Konferenz PARIS - (AD) - Außenminister Baker hat bei der Eröffnung der internationalen Kambodscha-Konferenz in Paris am 30. Juli 1989 erklärt, die Vereinigten
Staaten befürworteten eine Ubergangskoalitionsregierung in Kambodscha unter
der Führung von Prinz Sihanouk. Prinz Sihanouk verkörpere "das Volk der Khmer
und dessen Streben nach Einheit und nationaler Aussöhnung". Obwohl die Roten
Khmer für die Zukunft Kambodschas keine Rolle spielen sollten, seien die Vei—
einigten Staaten auch dann zur Unterstützung Sihanouks bereit, falls dieser
die Einbeziehung aller Khmer-Fraktionen in einer Übergangsregierung wünsche.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des amerikanischen Außenministers im Wortlaut:

Herr
Vorsitzender,
meine Damen und Herren,

Exzellenzen,

stellvertretend
für
Präsident
Bush und das amerikanische Volk möchte ich Präsident Mitterrand unseren
aufrichtigen
Dank aussprechen.
Er
hat die Initiative zur Organisierung
dieser Konferenz ergriffen, und er
ist sich der Tragweite unserer Gespräche bewußt.
Ferner verdienen der Präsident
von Indonesien, Suharto, Außenminister Alatas, sein Vorgänger Dr. Mochtar sowie deren Amtskollegen aus den
ASEAN-Staaten unseren Dank.
Sie haben trotz aller Widrigkeiten die Vision eines friedlichen und wohlhabenden
Südostasiens
aufrechterhalten.
Sie haben sich über lange Zeit und
mit aller Energie dafür eingesetzt,

United States Information Service
Embassy of the United States of America

daß wir heute an diesem Punkt anlangen konnten. Alle von uns an diesem
Ort beschlossenen Maßnahmen sollten
die
langandauernden
Bemühungen der
ASEAN ergänzen.
Außerdem möchte ich UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar, einem wahren Mann des Friedens, für seine anhaltenden
Bemühungen
zur Beilegung
regionaler Konflikte meinen Respekt
bezeugen.
Wir sind heute hier zusammengekommen, weil eineinhalb
Jahrzehnte
der Gewalt und vietnamesischer Aggression vom Volk Kambodschas einen
fürchterlichen Tribut gefordert haben. Die Hand in Hand gehenden Tragödien des Massenmordes durch die Roten Khmer und der vietnamesischen Besatzung haben über eine Million Kam-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�bodschaner das Leben gekostet. Dem
Verlust an Menschenleben müssen wir
die Wunden hinzurechnen, die der Gesellschaft und Kultur des Khmer-Volkes zugefügt wurden sowie die Instabilität, die der ganzen Region dauerhaften Schaden zugefügt hat.
Das
Ausmaß des Terrors, von dem das kambodschanische Volk heimgesucht wurde,
können wir nicht nachvollziehen - es
übersteigt die Leidensfähigkeit eines
jeden Volkes.
Besetzung sollte beendet, der
walt Einhalt geboten werden.
Leiden muß aufhören. Wir wissen,
der Weg zur inneren Aussöhnung
Kambodscha voraussichtlich lang
steinig ist. Aber heute tun wir
ersten Schritte.
Während wir
nach vorn schreiten, sollten wir
der möglichen Gefahren auf diesem
bewußt sein.

GeDas
daß
für
und
die
nun
uns
Weg

Kambodscha und die gesamte internationale Staatengemeinschaft stehen
vor einem tragischen Dilemma. Vielleicht läßt sich dieses Dilemma am
besten mit einem Beispiel aus der
Folklore Kambodschas erklären, in der
von dem Tag die Rede ist, an dem das
Volk der Khmer die Wahl hat, entweder
von einem Tiger oder von einem Krokodil gefressen zu werden. Diese Konferenz wurde in dem festen Glauben
einberufen, daß Kambodscha eine solche Tragödie erspart werden kann. Es
gibt eine Alternative zu den Zähnen
der Roten Khmer oder dem Rachen fremder Militärherrschaft. Diese Alternative besteht in einer umfassenden
Regelung, die dem Volk Kambodschas
sowohl Sicherheit als auch eine Chance zur Wahl seiner eigenen Regierung
gibt, eine Regelung, die durch außen- und innenpolitische Vereinbarungen zusammengehalten wird.
Der Zweck dieser Konferenz liegt
in der Arbeit an dieser Regelung.
Wir müssen den politischen Weg finden, auf dem Kambodscha aus der durch
Krieg zerrütteten Vergangenheit in
eine konstruktive
Zukunft geführt
werden kann. Durch sorgfältig auf-

einander abgestimmte internationale
Maßnahmen und nationale Aussöhnung
können wir diesen Weg ebnen. Und obwohl dieser Weg schwierig sein wird,
ist eine umfassende Regelung meines
Erachtens der geeignetste Weg zu einer besseren Zukunft.
Zunächst möchte ich das internationale Umfeld ansprechen.
In den
vergangenen Jahren konnten wir einen
dramatischen Abbau von Spannungen
weltweit beobachten. Wir sehen eine
zunehmende
Bereitschaft,
regionale
Konflikte auf dem Verhandlungswege zu
lösen. Darüber hinaus macht sich die
wachsende Erkenntnis breit, daß die
dauerhafte Lösung regionaler Konflikte von der Artikulierung des Volkswillens abhängt.
Unsere heutige Sitzung wird von
dieser neuen Richtung in der internationalen Politik geleitet. Aber die
Anzeichen der internationalen Aussöhnung bedürfen eines weiteren Signals,
das dieses Mal nicht von der internationalen Staatengemeinschaft oder von
kambodschanischen Volk oder - um es
etwas konkreter zu formulieren - von
ihren politisch Verantwortlichen gesetzt wird.
Für die Vereinigten
Staaten wie für alle anderen Länder
liegt es auf der Hand, daß alle Maßnahmen, die wir zur Unterstützung
Kambodschas ergreifen könnten, sich
auf den Willen der kambodschanischen
Parteien
selbst
zu
Fortschritten
gründen
müssen.
Ein
dauerhafter
Frieden erfordert die Selbstbestimmung des kambodschanischen Volkes.
Internationale Aussöhnung kann nicht
zum Ersatz für nationale Aussöhnung
werden.
Aus diesem Grund vertreten wir
die Ansicht, daß eine Lösung, die
Aussichten auf Erfolg hat, ihrem
Charakter nach umfassend sein muß.
Alles andere käme einem Rezept für
anhaltenden Krieg gleich. Der derzeitige Kampf gegen Besetzung wäre
der Bürgerkrieg von morgen und würde
ein bereits geschwächtes Land weiter
zerrütten.

^

�Die
unerschütterliche
Position
der Vereinigten Staaten, ASEAN und
unserer Verbündeten und Freunde bei
der jahrzehntelangen Suche nach Frieden in Kambodscha hat stets in einer
umfassenden Lösung bestanden. Unsere
gemeinsame Entschlossenheit zur Förderung dieser Position hat dazu beigetragen, den Weg für dieses Treffen
zu ebnen, insbesondere unsere unerbittliche Ablehnung von Aggression
und Besetzung durch Vietnam.
Heilung der Wunden und Überwindung der Teilung Kambodschas ist eine
Aufgabe, die höchste Führungsqualitäten verlangt. Kambodscha hat diese
Qualitäten
in Gestalt von Prinz
Sihanouk. Er verkörpert das Voik der
Khmer und ihr Streben nach Einheit
und nationaler Aussöhnung.
Aus diesem Grund muß der Prozeß
der nationalen Aussöhnung durch die
Bildung einer Ubergangskoalitionsregierung
unter der Führung Prinz
Sihanouks erfolgen. Sie muß auf echter Gewaltenteilung basieren und dem
Prinzen und dem nichtkommunistischen
Widerstand die Regierungsgewalt übertragen.

sion Vietnams geschaffen wurde. Wir
sind uns jedoch bewußt, daß Teile
dieses Regimes wahrscheinlich in eine
Ubergangskoalition aufgenommen werden.
Ich fordere alle Konferenzteilnehmer auf, die notwendige Aussöhnung
unter Prinz Sihanouks Führung zu unterstützen.
Ein
wirksamer
internationaler
Kontrollmechanismus unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen
kann im Friedensprozeß eine entscheidende Rolle spielen. Er kann einen
friedlichen Übergang von vietnamesischer Besetzung zu freien Wahlen erleichtern und die externen und internen Aspekte einer umfassenden Lösung
miteinander verbinden.
Solch ein
Mechanismus würde drei vordringlichen
Zielen dienen:
-

Die Vereinigten Staten vertreten
eindeutig die Ansicht, daß die Roten
Khmer in der Zukunft Kambodschas keine Rolle spielen sollten. Wir sind
jedoch bereit, Prinz Sihanouk zu unterstützen, sollte er es für notwendig erachten, die Einbeziehung aller
Gruppen der Khmer in eine Koalition
oder Übergangsregierung zu gestatten. Das Ausmaß unserer Unterstützung für jede kambodschanische Regierung wird jedoch direkt vom Grad einer Beteiligung der Roten Khmer an
dieser Regierung - sofern überhaupt abhängen. Es müssen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, daß Pol
Pot und andere für Massenmorde verantwortliche Führer der Roten Khmer
Kambodscha niemals wieder beherrschen
werden.
Wir können eine Fortsetzung des
gegenwärtigen Regimes in Phnom Penh
nicht dulden, das durch die Aggres-

- 3-

Erstens würde er die internationale Verifizierung des Abzugs aller vietnamesischen Truppen und
Berater gewährleisten.
Zweitens würde der Mechanismus
während der Übergangsphase durch
Maßnahmen der Friedenssicherung,
etwa durch Überwachung des Waffenstillstands
und
Überprüfung
der Aufstellung von Soldaten unterschiedlicher kambodschanischer
Gruppierungen, die Aussichten für
Stabilität verbessern.
Darüber
hinaus würde er die Einstellung
ausländischer Militärhilfe an die
vier Parteien überwachen.
Drittens würde der internationale
Kontrollmechanismus
eine
entscheidende Rolle im politischen
Ubergangsprozeß spielen. In seinem Rahmen würde eine Volkszählung beobachtet und die Rückführung von Flüchtlingen überwacht.
Als
wichtigste
Aktion
würden
freie und faire Wahlen überwacht
und verifiziert. Die Vereinigten
Staaten sind bereit, den Wahlsieger in jedem Fall anzuerkennen.
Letztlich sind solche Wahlen der
Schlüssel zu einem unabhängigen,
neutralen und friedlichen Kambodscha.

�Unserer Ansicht nach verfügen nur
die Vereinten Nationen über die Erfahrung, die Mittel und die Glaubwürdigkeit, um sich die immense Verantwortung einer so komplexen Reihe von
Maßnahmen aufzubürden.

in starkem Maße bestimmen, ob solch
ein gerechter und dauerhafter Frieden
in Kambodscha entstehen wird öder ob
Kambodschas Zukunft der Tragödie seiner jüngsten Vergangenheit ähneln
wird.

Ich muß wiederum darauf hinweisen, daß die innen- und außenpolitischen Aspekte des Schlichtungsprozesses untrennbar miteinander verknüpft
sind.
Ohne
nationale
Versöhnung
fehlt uns die Basis für den von mir
beschriebenen
internationalen
Kontrollmechanismus.
Tatsächlich wäre
dieser Mechanismus ohne eine anerkannte Ubergangsregierüng nicht funktionsfähig.

Der Zweck dieser Konferenz besteht nicht darin, die Tragöde zu
verlängern, sondern den Weg zu einer
ganz anderen Zukunft zu finden. Meiner Ansicht nach werden wir diesen
Weg durch eine umfassende Vereinbarung finden. Und obwohl die jüngste
Vergangenheit nur zu geringen Hoffnungen Anlaß gibt, sind wir an einem
Punkt angelangt, an dem das Gebot internationaler Versöhnung sich mit der
Notwendigkeit nationaler Aussöhnung
verbindet.

Zur Förderung dieses wichtigen
Prozesses nationaler Aussöhnung ist
es entscheidend, daß Vietnam jetzt
und in Zukunft eine verantwortungsvolle Rolle übernimmt. Es muß seine
Verpflichtung zum Rückzug bis zum 30.
September erfüllen und darf nicht zurückkehren. Aber nach mehr als zehnjähriger Besatzungszeit werden Hanois
politische und moralische Verpflichtungen nicht allein dadurch erfüllt,
daß die Truppen abgezogen und entweder Chaos oder, ein gewaltsam eingesetztes Regime hinterlassen werden.
Meiner Ansicht nach bestehen zwischen uns kaum Unstimmigkeiten darüber, daß unsere gemeinsamen Pflichten für die regionale Sicherheit und gegenüber dem kambodschanischen
Volk - nicht mit dem Abzug der Vietnamesen erfüllt sind. Der Truppenabzug kam zustande, weil wir an unseren
Prinzipien festgehalten haben: wir
sind der vietnamesischen Aggression
entgegengetreten und haben uns geweigert, sie als Dauereinrichtdng zu akzeptieren. Jetzt, da die vietnamesische Besetzung zu Ende geht, müssen
wir zusammenarbeiten, um ein unabhängiges, neutrales und politisch stabiles Kambodscha aufbauen zu helfen.
Was wir hier bei dieser Konferenz
leisten - oder nicht leistet! - wird
- 4

«
»

Ich möchte Ihnen unsere Position
zusammenfassen.
Die
Vereinigten
Staaten engagieren sich für einen
fairen politischen Prozeß. Wir unterstützen eine umfassende Vereinbarung, die nicht nur einen vollständigen und verifizierten Abzug vietnamesischer Truppen, sondern auch ein nationales Abkommen und einen Internationalen
Kontrollmechanismus
vorsieht. Wir werden die Ergebnisse gut
vorbereiteter und überwachter, freier
und fairer Wahlen respektieren.
Mit Hilfe aller Teilnehmerstaaten
dieser Konferenz kann die Zeit bis zu
dem Tag verkürzt werden, an dem die
blutgetränkte
Erde Kambodschas zu
fruchtbaren Feldern eines friedlichen
und wohlhabenden Volkes werden kann.
Die Ruinen von Angkor Wat erinnern an
vergangene
Leistungen
der
Roten
Khmer. Jetzt ist die Zeit gekommen,
um dieser Zeit etwas Ebenbürtiges
entgegenzusetzen.
Wir müssen den
Grundstein für einen neuen Und dauerhaften Frieden in Kambodscha und ganz
Südostasien legen.
Vielen Dank.
*****

«.

�«fc°s&gt;&lt;

'VON

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

29

2. August 1989
DIE NATIONALE ENERGIESTRATEGIE DER VEREINIGTEN STAATEN
- Eine Übersicht des Energieministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat seinen Energieminister, Admiral
James D. Watkins, angewiesen, eine Nationale Energiestrategie (NES) zu konzipieren, die den Rahmen für die Energiepolitik und Entscheidungen über einzelne
Programme liefern soll.
Diese Aufgabe wird nicht leicht sein. Wir müssen unseren steigenden Bedarf an Energie zu tragbaren Preisen, unser Engagement zur Schaffung einer sichereren, gesunderen Umwelt, unsere Verpflichtung zur Bewahrung einer konkurrenzfähigen Wirtschaft und unser Ziel, die Abhängigkeit von unsicheren Energiequellen zu verringern, miteinander in Einklang bringen.

Die Nationale Energiestrategie
Diese wird besondere kurz-, mittel- und
langfristige
Zielvorgaben
enthalten,
um
Energieangebot
undnachfrage auszugleichen.
Sie wird den Schutz der Gesundheit, Sicherheit und Umwelt sowie die
Sicherstellung
einer
angemessenen
Energieversorgung in den Mittelpunkt
stellen, um eine gesunde, wachsende
und konkurrenzfähige Volkswirtschaft
zu erhalten.
Sie wird in umfassenden Konsultationen mit der Öffentlichkeit entwickelt werden.
Eine

erste

Reihe

öffentlicher

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Anhörungen wird
im August und
September, beginnend mit dem 1.
August 1989, in Washington veranstaltet werden.
Eine weitere Reihe von Anhörungen
zu
besonderen
Fragen
wird
im
Spätherbst stattfinden.
Das Ministerium wird während des
ganzen Prozesses eng mit dem Kongreß sowie mit Vertretern der
Bundesstaaten und Gemeinden zusammenarbeiten.
Der Energieminister wird den ersten Entwurf der NES bis zum 1. April
1990 dem Kongreß zuleiten.
Die NES
wird in den darauffolgenden 12 Monaten verfeinert und weiterentwickelt
werden.

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Energiefragen
deutung

von entscheidender Be-

Notwendigkeit von erweiterten Kapazitäten
bei
der Stromgewinnung.
Der Bedarf an höheren Kapazitäten
könnte durch einschneidende Bemühungen zur Energieeinsparung verringert
werden, aber trotzdem werden neue
Kraftwerke zur Deckung des Bedarfs
einer wachsenden Volkswirtschaft erforderlich sein.

Entwicklungsländern
den können.

geteilt

wer-

*****

Schutz der von der Energiegewinnung betroffenen Umwelt. Das amerikanische Volk verlangt zu Recht die
Reduzierung von Schadstoffemissionen,
einer verbesserten
Entsorgung
von
Sondermüll sowie technologische Verbesserungen, um Öl- oder Chemieunfälle zu verhindern oder deren Folgen zu
beseitigen.
Energiegewinnung sowie Transporte
müssen in einer die Umwelt nicht
beeinträchtigenden Art und Weise
abgewickelt werden.

Die Veränderung des Erdklimas
Die Veränderung
des Erdklimas
wird in der NES zentralen Stellenwert
einnehmen. Wir müssen
-

in den Bereichen, in denen wissenschaftliche
Übereinstimmung
besteht, energische Maßnahmen ergreifen.
Diejenigen Bereiche für weitere
Untersuchungen auswählen, in denen solche Übereinstimmung noch
nicht besteht.
Bei wissenschaftlicher Unsicherheit Maßnahmen
ergreifen, die
auch in anderer Hinsicht sinnvoll
sind, etwa Wirkungsgrad, Verringerung von FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe),
Wiederaufforstung.

-

Entscheiden, wie technologische
Gegenmittel bewertet und mit den
- 2 -

*

�AMERIKA DIENST
^7

^

C&amp;

Hintergrundmaterial

2. August 1989

29

USA: START-RUNDE NIMMT SACHLICHEN UND PRODUKTIVEN VERLAUF
- Interview mit dem stellvertretenden amerikanischen Chefunterhändler GENF - (AD) - Dem stellvertretenden Leiter der amerikanischen Delegation,
Linton Brooks, zufolge betrachten die Vereinigten Staaten die elfte Runde der
amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über die Reduzierung strategischer Rüstungen als "sachlich geführt" und "in Teilbereichen produktiv".
In einem am 28. Juli 1989 in Genf geführten Interview erklärte Linton
Brooks, die Unterhändler hätten zahlreiche Routinefragen abgeklärt, "die keine
Schlagzeilen machen werden".
"Wir haben die sachliche Gesprächsführung unserer Verhandlungspartner sehr
begrüßt", erklärte Brooks, aber es muß noch "viel geduldige Arbeit" geleistet
werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview in Auszügen:

Die gegenwärtige Runde der amerikanisch-sowjetischen
Verhandlungen
über die Verringerung strategischer
Rüstungen (START) wurde am 19. Juni
in Genf aufgenommen. Sie wird am 7.
August vertagt, damit in den Hauptstädten beider Länder Konsultationen
stattfinden können, bevor sie im
Herbst wiederaufgenommen wird.
Die
START-Verhandlungen
sind Teil der
amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
(NST), die 1985 in Genf begannen und
auch Verteidigung im Weltraum umfassen.
Bei START streben beide Seiten
ein Abkommen an, mit dem stationierte
strategische Offensivwaffen (mit einer Reichweite von über 5 500 Kilometern) um 50 Prozent reduziert, die

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Gefechtsköpfe jeder Seite auf 6 000
begrenzt werden und die Zahl der Trägersysteme - Interkontinentalraketen
(ICBM), unterseebootgestützte ballistische Raketen (SLBM) und schwere
Bomber - jeder Seite auf 1 600 verringert wird.
Brooks verwies ferner darauf, daß
die Vereinigten Staaten neue Ideen
zur Förderung der Verifizierung unterbreitet hätten.
Brooks zufolge
sollen damit "die Endfassung des
START-Abkommens beschleunigt und verbessert werden, indem man bestimmte
Erfahrungen bei einigen Details der
Verifizierung
gewinnt", bevor der
Vertrag geschlossen wird.
Der amerikanische Vorschlag zur
Verifizierung umfaßt seinen Erklärun-

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�gen zufolge sieben Punkte:
vorherige Benachrichtung
gischer Übungen.

strate-

Abkommen über die Enstellung der
Entwicklung von SLBMs mit kurzer
Flugzeit. "Die Idee besteht darin,
daß die strategische Stabilität behindert wäre, wenn beide oder eine
der beiden Seiten über eine SLBM verfügten, die ihr Ziel sehr schnell erreichen und damit zur Sorge über einen Erstschlag Anlaß geben könnte",
erklärte Brooks. "Es ist technisch
möglich, die Energie einer ballistischen Rakete so einzusetzen, daß ihr
Flug vom Abschußpunkt zum Ziel beschleunigt wird. Der einzige Grund
dafür wäre eine Verkürzung der Vorwarnzeit, denn was die Vorwarnzeit
verkürzt, wirkt in der Regel destabilisierend. "

"weil man in der Praxis Erfahrungen
sammelt, die sich nicht am Verhandlungstisch erwerben lassen".
Der START-Unterhändler beharrte
jedoch darauf, daß die Vereinigten
Staaten diese Vorschläge zur Verifizierung weder als Vorbedingung für
die Weiterführung der START-Verhandlungen noch als unverzichtbares Paket
betrachten.
"All dies sind gute Ideen, und
wir sind bereit, sie alle zu behandeln und andere nicht zu behandeln,
wenn dies die Dinge (für die andere
Seite) vereinfacht", erklärte Brooks.

über

Ferner betonte er, daß "die Vereinigten Staaten
diese Vorschläge
nicht als Verzzögerung oder Ablenkung
vom Hauptziel - der Erarbeitung eines
guten START-Vertrages - betrachten.
Unseres Erachtens ist das Gegenteil
der Fall. Da noch viel Arbeit zu tun
bleibt, werden diese Ideen dazu beitragen, die Arbeit zu beschleunigen,
indem sie einem weitgehend auf dem
Papier ablaufenden Prozeß praktische
Erfahrung hinzufügen."

Vorausgehende
Vorführungen
bestimmter
Inspektionstechniken,
die mit der zulässigen Höchstzahl
der auf ein Trägersystem montierten Gefechtsköpfe zusammenhängen.

Brooks weigerte sich, die Reaktion der sowjetischen Delegation auf
amerikanische Verifizierungsvorschläge zu kommentieren. Er vermerkte lediglich, der sowjetische Sprecher habe sich "positiv dazu geäußert".

Abkommen "jetzt" über bestimmte
Verbote zur Verschlüsselung telemetrischer
Daten
(Chiffrierung
von Daten über Raketentests).
Sofortiger
Datenaustausch
strategische Streitkräfte.

Technische
Demonstrationen
von
und
Diskussionen
über
das
"tagging" - eine Methode zur
Identifizierung einzelner Raketen
und anderer unter die voraussichtlichen
START-Begrenzungen
fallender Träge.rsysteme im Rahmen
von kurzfristig anberaumten Inspektionen.
Regelmäßige Überwachung bestimmter Produktionsstätten für ICBMs,
um das Vertrauen in die Verifizierung eines Vertrags zu erhöhen.
Brooks zufolge würde die Verwirklichung dieser Maßnahmen den Abschluß
eines START-Abkommens beschleunigen,

Die Vereinigten Staaten hätten im
Rahmen der gegenwärtigen Gesprächsrunde keine weiteren bedeutenden neuen Vorschläge unterbreitet und führten ihre "geduldige Arbeit zur Verringerung von Meinungsverschiedenheiten" zu den anderen noch aus den früheren Verhandlungsrunden fortbestehenden
"Schlüsselbereichen"
fort.
Dazu gehören:
Das sowjetische Beharren auf
einem Junktim zwischen den START-Verhandlungen und einem Abkommen über
Weltraumverteidigung: "Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß
Stabilitätsverbesserungen
im Rahmen
von START ihre eigenen Vorzüge haben

�und START nicht in Abhängigkeit von
den Verhandlungen über strategische
Verteidigungssysteme geraten sollte."

die Sowjets seien immer noch für eine
"genaue zahlenmäßige Obergrenze bei
SLCMs".

- Luftgestützte Marschflugkörper
(ALCMs):
Zu den ALCMs "haben wir
vereinbart, daß mit dem Vertrag nicht
versucht werden soll, die ALCMs einer
täglichen
Zählung
zu unterziehen,
sondern daß wir jedem schweren Bomber
automatisch eine bestimmte Anzahl von
ALCMs zurechnen werden. Wir sind uneinig darüber, wie diese Zahl berechnet werden soll. Die Sowjets sind
der Ansicht, sie sollte der Höchstkapazität eines solchen Bombers entsprechen, während
die Vereinigten
Staaten davon ausgehen, die Zahl solle näher an der Zahl erwartungsgemäß
tatsächlich von einem solchen Bomber
getragener Systeme liegen."
Beide
Seiten sind sich ferner uneinig über
die vertraglich festzulegende Begrenzung der Reichweite von ALCMs: die
Vereinigten Staaten wünschen nur die
Einbeziehung von ALCMs mit Reichweiten über 1 500 km, während die Sowjetunion alle ALCMs mit Reichweiten
von über 600 km erfassen möchte.

Untergrenzen
bei
ballistischen
Raketen: Brooks zufolge befürworten
die Vereinigten Staaten Untergrenzen
bei ballistischen Raketen, um "beide
Seiten zu ermutigen, ihre Streitkräfte in Richtung auf Stabilisierung zu
führen". Es bestehe bereits ein Abkommen über eine Obergrenze von 6 000
Gefechtsköpfen, von denen nur 4 900
auf ballistischen Raketen montiert
sein dürfen. Die Gefechtsköpfe beziehen
ICBM- und
SLBM-Nukleargefechtsköpfe mit ein, ebenso wie mit
Nuklearwaffen bestückte schwere Bomber, die jeweils als ein Gefechtskopf
gezählt werden, so Brooks. Die Vereinigten Staaten strebten eine Untergrenze zwischen 3 000 und 3 300 Gefechtsköpfen auf ICBMs an, stellte
Brooks fest, aber "die Sowjets haben
es bisher abgelehnt", dieser Zahl zuzustimmen.

Mobile ICBMs:

"Die amerikanische

Position lautet- nach wie vor, daß
solche ICBMs aufgrund der schwierigen
Verifizierung des Standorts mobiler
Raketen verboten werden sollten", erklärte Brooks. Ihm zufolge besitzen
die Vereinigten Staaten derzeit keine
mobilen Raketen, die Sowjetunion hingegen sowohl schienen- als auch straßenmobile ICBMs.
Unterseebootgestützte Marschflugkörper
(SLCMs):
"Die Vereinigten
Staaten sind der Ansicht, daß es keine Mittel und Wege, zur Verifizierung
solcher
Raketen
gibt",
erklärte
Brooks.
Darüber hinaus lehnen die
Vereinigten Staaten Vorschläge ab,
die "die Operationen von Schiffen,
von denen unsere Sicherheit und die
der NATO abhängt, stören würden, und
die eine Verletzung unserer traditionellen Politik, die Präsenz von Nuklearwaffen an Bord von Schiffen weder zu bestätigen noch zu bestreiten,
darstellen würden". Er stellte fest,
- 3

Schwere
ballistische
Raketen:
Beide Seiten sind übereingekommen,
daß es auf keiner Seite mehr als 154
schwere Raketen mit maximal 1 540 Gefechtsköpfen geben soll, so Brooks.
Dies käme einem 50prozentigen Abbau
des derzeitigen sowjetischen Arsenals
gleich und würde die Vereinigten
Staaten nicht betreffen, die "keine
hat". Er fügte hinzu, die Vereinigten Staaten strebten letztlich die
Beseitigung schwerer Raketen an und
befürworteten daher Bestimmungen im
START-Vertrag, mit denen die weitere
Modernisierung und Erprobung schwerer
Raketen verhindert würde.
Modernisierung der Systeme von
Drittländern: Brooks zufolge hat die
Sowjetunion ihre Forderung aufgegeben, die unabhängigen britischen und
französischen
nuklearen
Abschrekkungssysteme in die START-Verhandlungen einzubeziehen, aber die Sowjets
"würden die Art von Unterstützung
ausschließen, die wir Großbritannien
in den vergangenen 25 Jahren bei der
Modernisierung
seiner
unabhängigen
nuklearen Abschreckung gewährt ha-

�ben. Und das ist für uns einfach unannehmbar. "
Brooks erklärte ferner, bei zahlreichen entscheidenden, noch zu besprechenden
Einzelheiten
bestünden
noch "reichlich Meinungsverschiedenheiten".
Der Text des gemeinsamen STARTVertragsentwurfs, der ca. 400 Seiten
umfaßt, so Brooks, besteht aus dem
Vertrag, einem Anhang mit Definitionen, getrennten Protokollen über Inspektion, Umwandlung und Beseitigung,
dem Wurfgewicht ballistischer Raketen
(Messung
der
Vemichtungsfä'higkeit)
sowie
einer
Regierungsvereinbarung
mit einer Aufstellung von Daten.
Brooks wollte sich im Hinblick
auf den Abschluß eines START-Vertrags
keinen Spekulationen hingeben.
"Für
die Vereinigten Staaten ist letztlich
entscheidend", erklärte er, "daß wir
die Stabilität verbessern und das Risiko eines Kriegs verringern ..., und
wir müssen unsere Arbeit fortsetzen,
bis wir einen Vertrag geschlossen haben".

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

2. August 1989

29

DER WELTRAUM ALS WIRTSCHAFTSFAKTOR

- Mittel- und langfristige Programme der USA -

(AD) - In einer Feierstunde anläßlich
der 20. Wiederkehr der ersten Landung
von Menschen auf dem Mond (20. Juli
1969) kündigte Präsident George Bush
ein Langzeitprogramm der Vereinigten
Staaten für die bemannte Erforschung
des Sonnnensystems an. Nach der Errichtung der Raumstation FREEDOM im
kommenden Jahrzehnt sei der nächste
Schritt - wohl zu Beginn des nächsten
Jahrhunderts - die Rückkehr zum Mond
und der Aufbau einer bemannten Mondbasis. Der Erdtrabant könne, so der
Präsident, später als Ausgangspunkt
für den bemannten Flug zum Planeten
Mars und eine weitergehende Erforschung des Weltraums durch den Menschen dienen. Es sei Aufgabe von Vizepräsident Dan Quayle, Vorsitzender
des "National Space Council" (Nationaler
Raumfahrtbeirat)
im
Weißen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Haus, mit Experten zu ermitteln, was
in Bezug auf den Bedarf and Geld,
Personal und Material sowie an internationaler Zusammenarbeit "für die
nächste Runde der Forschungsaktivitäten erforderlich ist."
Schon seit einigen Jahren werden
bei der US-Behörde für Luftund Raumfahrt (NASA) Studien dazu ausgearbeitet. Namhafte Wissenschaftler, u.a.
Dr. Thomas 0. Paine, zur Zeit der
APOLLO-Flüge Leiter der NASA und in
den achtziger Jahren Vorsitzender der
"Nationalen Raumfahrtkomission" des
US-Kongresses, befürworten die jetzt
von Präsident Bush vorgeschlagenen
Projekte.
Viele Forscher sehen in
einer
erweiterten
Weltraumnutzung
auch neue Chancen für die Wirtschaft.

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�So berichtete Richard Ott Direktor der NASA-Abteilung für kommerzielle Projekte, daß derzeit 50 Universitäten und 135 Firmen in Studien
investierten, die an 16 NASA-Zentren
zur kommerziellen Erschließung des
Weltraums durchgeführt werden.
Sie
reichen von der Züchtung von Protein-Kristallen in der Schwerelosigkeit
für neue oder verbesserte pharmazeutische Produkte bis zur kommerziellen
Fernerkundung der Erde mit Fotos und
Meßdaten. In einem solchen NASA-Zentrum an der Universität von Houston
berichtete im Jahre 1986 Dr. Paul
Chu, daß der Durchbruch zu Hochtemperatur-Supraleitern
gelungen
sei.
Diese Entdeckung löste weltweit Bestrebungen aus, neue Materialien für
dieses zukunftsträchtige Spezialgebiet der Elektrotechnik zu entwickeln.
Die nächste Phase der Partnerschaft von NASA und Industrie ist die
Absprache von Gemeinschaftsunternehmen, bei denen die NASA den Firmen,
die mit eigenen Mitteln Experimente
durchführen, ihre Raumfahrzeuge zur
Verfügung stellt.
So beabsichtigt
die Fa. Rockwell International an
Bord von Raumtransportern möglichst
fehlerfreie Kristalle zu erzeugen, um
noch bessere Halbleiterchips für noch
schnellere Computer anbieten zu können. Auch wird erwogen, Metall-Legierungen von geringem Gewicht und
besonders hoher Festigkeit, von denen
bereits mehr als 400 in die engere
Wahl kommen, unter Mikrogravitation,
d.h. im fast-schwerelosen Zustand im
Weltraum herzustellen. Die geplante
Raumstation FREEDOM wäre z.B. d?r geeignete Ort für solche Experimente.
Das Interesse der Europäer und Japaner zeige, daß sie,die Beteiligung an
der Raumstation als Einstieg in neue
Zukunftstechnologien betrachten, so
Ott. In den drei Labormodulen, die
von den USA, der Europäischen Weltraumagentur ESA und Japan gebaut werden, sei u.a. Metallverarbeitung im
Weltraum vorgesehen.
Fernmeldesatelliten dienten inzwischen einer Branche, die damit
drei Milliarden Dollar Jahresumsatz

erreiche. Sie ermöglichten mehr als
zwei Drittel der weltweiten Sprechverbindungen und praktisch sämtliche
weltweiten Fernsehübertragungen. Vor
drei Jahren erhielten Privatfirmen
die Genehmigung, kommerzielle Satelliten zu starten.
Noch in diesem
Jahr werde eine von der Fa. McDonnell
Douglas gebaute DELTA-Rakete einen
indischen Satelliten in den Weltraum
befördern, berichtete Ott. Bis Mitte
1993 sind von McDonnell Douglas und
einigen anderen Unternehmen 28 kommerzielle Starts für inund ausländische Auftraggeber, u.a. Italien, Japan, Großbritannien und Indonesien
vorgesehen.
Die Entwicklung kleinerer, leichterer und wirtschaftlicherer Satelliten dank der Miniaturisierung dürfte
das Geschäft weiter beleben.
Sie
können für Photographien, zur Datenübermittlung und sogar zur Materialverarbeitung im Weltraum benutzt werden. Ein solcher Mini-Satellit wiegt
ca. 225 kg und kostet etwa eine Million Dollar - ein "herkömmlicher" Satellit hingegen wiegt bis zu 14 Tonnen und kostet mehrere hundert Millionen Dollar. Bis Ende der neunziger Jahre dürften einige Hundert der
Mini-Geräte gestartet werden.
Fernerkundung der Erde ist ein
Gebiet, das vor allem angesichts der
wachsenden Sorge um die Umwelt kontinuierlich erweitert wird.
Geräte
wie der amerikanische LANDSAT und der
französische SPOT sondieren fortlaufend Kontinente und Meere aus ca. 650
km Höhe und tragen dazu bei, bewirtschaftete Flächen und Waldgebiete auf
Schädigungen zu überwachen, die Erschließung von Ölund Mineralvorkommen
zu unterstützen und die Bodennutzung
in städtischen und ländlichen Gebieten zu kartieren. Neue Systeme wie
das beim Raumtransporter eingesetzte
Bildradar eröffnen immer mehr Möglichkeiten der Fernerkundung.
Auch
die Sowjetunion stellt jetzt Erdaufnahmen zur Verfügung, Japan und Thailand haben unbemannte Erkundungssatelliten gestartet. Der größte Zuwachs in diesem Fachbereich ist bei

- 2 -

�Analyse und Interpretation der visuellen und durch Messung von Satelliten ermittelten Daten zu verzeichnen.
In den kommenden fünf bis zehn
Jahren stehen Umweltfragen im Vordergrund.
So ist es bereits möglich,
die zunehmende Versteppung und den
Verlust
an tropischen
Regenwäldern
(der zum Anstieg des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre und damit zu
Klimaveränderungen, dem "Treibhauseffekt" führen) recht genau zu verfolgen.
Das auf 15 Jahre angesetzte Projekt "Mission zum Planeten Erde" das
sehr gründliche geophysikalische und
chemische, geologische und geobiologische Studien umfaßt, dürfte im Verlauf der nächsten zehn Jahre in Angriff genommen werden.
Es erfordert
neue große Erdbeobachtungssatelliten,
die von den USA, Europa und Japan
entwickelt und gestartet werden. Unbemannte Weltraumplattformen als Träger modernster Instrumente zur Fernerkundung liefern erstmals vom umfassende Beobachtungen des gesamten Erdballs darüber, was menschliche Aktivitäten, die Tierund Pflanzenwelt auf
unserer Erde bewirken und wie natürliche Prozesse .davon beeinflußt werden.
Das Institut für Weltraumstudien,
eine gemeinnützige Organisation zur
Mitfinanzierung
von
Weltraumforschung, schlug kürzlich den Start einer kleinen Robotersonde zum Mond
vor. Sie soll in den nie vom Sonnenlicht
erreichten
polnahen Regionen
des Mondes nach Wasser suchen. Theoretisch könnte es dort unter der
Oberfläche
Wasservorkommen
in
der
Form von Eis geben.
Die Entdeckung
von Wasser auf dem Mond würde die
Wirtschaftlichkeit der Raumforschung
einschneidend verbessern und den Aufbau bemannter Mondbasen erheblich beschleunigen.

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Sihanouk soll Übergangsregierung in Kambodscha leiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung bei der Eröffnung der Pariser Kambodscha-Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die nationale Energiestrategie der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Energieministeriums&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;USA: Start-Runde nimmt sachlichen und produktiven Verlauf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit dem stellvertretenden amerikanischen Chefunterhändler&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Weltraum als Wirtschaftsfaktor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mittel- und langfristige Programme der USA&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

2. August 1995

24

NATO

DIE NATO - GRUNDE FÜR IHRE
ERWEITERUNG
von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE POTSDAMER KONFERENZ
Rede des ehemaligen Präsidenten Bush

GESCHICHTE

EIN INSPIRIERENDER AUGENBLICK IN
DER GESCHICHTE
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

MEDIEN

MEDIEN UND DIE GESELLSCHAFT
von Fredric A. Emmert

FRAUEN

FRAUEN, POLITIK UND GLOBALES
MANAGEMENT
von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald
und Lisa Bates

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NATO
2. August 1995

Die NATO - Gründe für ihre Erweiterung
von Strobe Talbott
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Stellvertretenden Außenminister der
Vereinigten Staaten, Strobe Talbott, verfaßten Artikel.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The New York Review of Books.
Copyright (c) 1995 NYREV, Inc.
I.
Offiziere und Diplomaten aus den 16 Mitgliedstaaten
der Organisation des Nordatlantikvertrags planen für
diesen Herbst Besuche in Warschau, Bukarest,
Wilna, Kiew und anderen Hauptstädten Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion. Damit
wagen sie sich in ein Gebiet, das noch vor sechs
Jahren Feindesland war. Diese westlichen Emissäre
werden den Verteidigungs- und Außenministerien
der ehemals kommunistischen Länder eine detaillierte Erklärung für die im Januar 1994 von der NATO
getroffene Entscheidung über die Aufnahme neuer
Mitglieder geben.
Einige postkommunistische Regierungen sind
gespannt auf die Informationen und warten ungeduldig darauf, der NATO so bald wie möglich beitreten
zu können. Die zentraleuropäischen Staaten, die
ihres Erachtens erste Beitrittskandidaten sind Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die
Slowakei - möchten, daß das Bündnis ein frühes
Datum für seine Erweiterung festsetzt. Andere sind
ambivalent, skeptisch oder mißtrauisch gegenüber
der bloßen Idee einer NATO-Erweiterung. Sie
machen sich Sorgen, wenn sie nicht in der ersten,
zweiten oder dritten Gruppe neuer Mitglieder seien,
würden sie auf der falschen Seite des Eisernen
Vorhangs zurückbleiben. In Rußland verurteilen die
Ultranationalisten die Entscheidung über eine
Erweiterung als Erklärung eines neuen Kalten
Krieges, und viele Reformer fürchten, daß genau
diese düsteren Ansichten die antidemokratischen
Elemente in der russischen Politik stärken werden.
Da die Angelegenheit so komplex ist und so viel auf
dem Spiel steht, wird die Zukunft der NATO auch in
den Vereinigten Staaten weiterhin Gegenstand von
Debatten sein. Im Senat, der die Ausweitung des
von Amerika gewährten Schutzes - einschließlich

AMERIKA DIENST 24

einer Nukleargarantie - auf jedes neue NATO-Mitglied
mit einer Zweidrittelmehrheit ratifizieren muß, stellte
Samm Nunn aus Georgia, der führende Demokrat im
Streitkräfteausschuß, kürzlich Fragen zur Notwendigkeit einer Erweiterung des Bündnisses. Eine Anzahl
von Republikanern in beiden Kammern drängt auf
eine Beschleunigung des Aufnahmeprozesses und
kritisiert die Administration wegen übermäßiger
Vorsicht.1 In Anbetracht der 1996 bevorstehenden
Präsidentschaftswahlen wird diese Frage noch zu
einem kontroversen Thema werden.
Vor diesem Hintergrund beginnen die NATO-Teams
diesen Herbst mit ihren Briefings. Ihre Botschaft ist
überall dieselbe. In den kommenden Jahren wird das
Bündnis allmählich, Land für Land, neue Mitglieder
aufnehmen. Die Beitrittskandidaten werden nach der
Stärke ihrer demokratischen Institutionen sowie ihrer
Bereitschaft und Fähigkeit zur Erfüllung der mit einer
Mitgliedschaft einhergehenden beträchtlichen Pflichten beurteilt. Das Verfahren wird "transparent" sein,
was bedeutet, daß es keine Überraschungen, keine
Absprachen im Hinterzimmer, keine Geheimliste mit
als erstes aufzunehmenden Ländern, keine Ausschlußliste geben wird - und alles erfolgt weiterhin
Schritt für Schritt.
Den ersten Schritt unternahmen die Staats- und
Regierungschefs des Bündnisses bei ihrem Brüsseler
Gipfel im Januar 1994. Auf Drängen Präsident
Clintons einigten sie sich auf eine Erweiterung der
NATO. Die Frage, welche Länder beitreten werden
und wie schnell, wird jedoch erst beantwortet, nachdem die NATO die bevorstehenden Briefings abgeschlossen hat, die das Wie und vor allem das Warum
einer Erweiterung erklären sollen.2 In diesem Artikel
möchte ich den Ansatz der Administration zur NATOErweiterung darlegen.

Seite 1

�Die NATO hat sich hauptsächlich aus drei Gründen
zur Aufnahme neuer Mitglieder entschlossen:
1. Kollektive Verteidigung bleibt eine zwingende
Notwendigkeit europäischer und transatlantischer
Sicherheit und steht im Mittelpunkt des amerikanischen Engagements in Europa. Das Ende des
sowjetischen Kommunismus, die Auflösung des
Warschauer Pakts, der Zerfall der Sowjetunion
haben die Bedrohung abgeschafft, zu deren Abwehr
das Bündnis im Kalten Krieg geschaffen wurde. Es
könnten jedoch neue Bedrohungen entstehen, die
von der NATO den Schutz ihrer Mitglieder und die
Abwehr des Angriffs erfordern können. Während
des Kalten Krieges war die Mitgliedschaft in der
NATO durch die künstliche Teilung Europas in zwei
Lager begrenzt. Nach dem Ende des Kalten Krieges
sollte die NATO offen für die neuen Demokratien
sein, die ihre Unabhängigkeit wiedererlangten,
gemeinsame Werte haben und die militärischen und
politischen Ziele des Bündnisses fördern können.
2. Die Aussicht auf eine Aufnahme in die NATO
bietet den Nationen Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion zusätzliche Anreize zur Stärkung
ihrer demokratischen und rechtlichen Institutionen,
Gewährleistung ziviler Kontrolle über ihre Streitkräfte,
Liberalisierung ihrer Volkswirtschaften sowie Respektierung der Menschenrechte, einschließlich der
Rechte von Minderheiten. Mit anderen Worten: Bei
den zum NATO-Beitritt ermutigten Nationen ist die
Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Übergangs
von ihrer kommunistischen Vergangenheit zur
Demokratie wahrscheinlicher.
3. Die Aussicht auf eine Mitgliedschaft kann unter
den Nationen Zentraleuropas und der ehemaligen
Sowjetunion auch eine größere Bereitschaft zur
friedlichen Lösung von Konflikten und zur Beteiligung
an friedenssichernden Operationen fördern. Somit
kann der Erweiterungsprozeß zu regionaler Stabilität
und zum Frieden beitragen.
II.
Die Evolution der NATO sollte die Evolution Europas
widerspiegeln. Außenminister Christopher erklärte:
"Die institutionellen Arrangements in Europa sollten
von den objektiven Erfordernissen der Gegenwart,
nicht von den Tragödien der europäischen Vergangenheit bestimmt werden." Das Einfrieren der
Ostgrenze der NATO ungefähr entlang der von
westlichen und sowjetischen Unterhändlern am 13.
August 1945 festgelegten Grenzen wäre nur sinnvoll,
wenn die aus dem Kalten Krieg resultierende Spaltung Europas natürlich und dauerhaft wäre. Tatsache ist jedoch, daß diese Spaltung unnatürlich und
anachronistisch wird.

Seite 2

Die stärker industrialisierten Regionen östlich des
Eisernen Vorhangs, beispielsweise Böhmen in der
Tschechischen Republik und Schlesien in Polen,
ähneln in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht
zunehmend ihren westlichen Nachbarn. Die baltischen Staaten wiederum treiben einen lebhaften
Handel mit den nordischen Ländern und Westeuropa.
Eine unabhängige und demokratische Ukraine
beteiligt sich in immer stärkerem Maße an internationalen Institutionen. Beispielsweise arbeitet sie
eng mit dem IWF, der Weltbank und der Europäischen Union an der Finanzierung einer Schließung
des Kernkraftwerkes von Tschernobyl zusammen einem Projekt, das eine aus der sowjetischen Ära
stammende schleichende Bedrohung ganz Europas
abschaffen wird. Soldaten aus Zentraleuropa und der
ehemaligen Sowjetunion nehmen an Friedenssicherungsoperationen in Haiti, Bosnien und Kambodscha
teil. Viele Nationen in der Region haben schmerzliche wirtschaftliche Opfer gebracht, um die Durchsetzung von Sanktionen gegen Serbien zu unterstützen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist der Aufbau
eines Europas möglich geworden, das durch gemeinsames Engagement für offene Gesellschaften und
offene Märkte zunehmend geeint ist - eines Europas,
in dem jeder Staat in seinen international anerkannten Grenzen sicher ist und die Unabhängigkeit und
territoriale Integrität seiner Nachbarn respektiert. Die
Europäische Union ist als Kraft für Fortschritte in
diese Richtung unerläßlich, denn Stabilität und
Demokratie in dem neuen Europa sind an künftigen
Wohlstand und freien Handel gebunden. Ebenso wie
die Aussicht auf einen Beitritt zur NATO kann die
Aussicht auf eine Mitgliedschaft in der EU bei den
daran interessierten Ländern demokratisches Verhalten fördern.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa, die im August den zwanzigsten Jahrestag
der Schlußakte von Helsinki begeht, hat ebenfalls zur
Aufrechterhaltung demokratischer Normen und
Verhütung von Konflikten beigetragen.3 Die OSZEMissionen, die hauptsächlich hinter den Kulissen
abgewickelt werden, trugen in Estland und Lettland
zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den
Regierungen dieser Staaten und ihren großen Bevölkerungsgruppen russischer Herkunft bei. Diese
Bestrebungen ebneten den Weg für den vollständigen
Rückzug russischer Truppen vor einem Jahr.
Die NATO bleibt jedoch das Kernstück des europäischen Sicherheitssystems. Unter den internationalen
Organisationen besitzt sie als einzige wirkliche
militärische Stärke, und daher kann nur sie im Fall
einer externen Bedrohung ihre Mitglieder verteidigen.
Eine solche Fähigkeit ist nicht zuletzt wegen ihres

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�potentiellen Abschreckungseffekts, selbst bei einer
nicht vorhandenen anerkannten oder aktiven Bedrohung, von lebenswichtiger Bedeutung. Ebenso
wie eine einzelne Macht in Friedenszeiten ein
stehendes Heer unterhält, benötigt die transatlantische Gemeinschaft die NATO.
Die Amerikaner sind den Europäern dreimal in
diesem Jahrhundert zu Hilfe gekommen, und eine
der aus diesen Erfahrungen gezogenen Lehren ist
die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten zur
Wahrung europäischer Sicherheit dauerhaft engagiert bleiben müssen. Das Bündnis bleibt der
Hauptmechanismus für das amerikanische Engagement. Wenn die NATO jedoch weiterhin von Nutzen
sein will, muß sie sich an das Zeitalter nach dem
Kalten Krieg anpassen, was wiederum bedeutet, daß
das Bündnis demokratische und marktwirtschaftliche
Werte fördern und konsolidieren muß. Die NATO
diente diesem Zweck während des Kalten Kriegs
und kann das nach seinem Ende in verstärktem
Maße tun.
Die NATO-Erweiterung ist kein neues Thema. Seit
seiner Gründung nahm das Bündnis neue Mitglieder
auf - aus Gründen und mit Ergebnissen, die es in
diesem Handeln bestärken.
In den ersten vierzig Jahren seines Bestehens war
der Hauptgrund für seine Existenz und die Aufnahme neuer Mitglieder, die Rote Armee von der
Invasion Westeuropas abzuhalten. Das Bündnis
erreichte dieses Ziel jedoch nicht nur durch die
abschreckende Macht seiner Panzer, Flugzeuge,
Schiffe und Raketen. Die führenden Politiker der
NATO setzten das Bündnis auch zur Regelung der
Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitgliedern ein, um ein sicheres Umfeld für den Wiederaufbau zerstörter Volkswirtschaften zu schaffen und in einigen Fällen - im Angesicht antidemokratischer
Kräfte demokratische Institutionen zu stärken.
Zu den ursprünglichen Mitgliedern der NATO aus
dem Jahr 1949 gehört Italien, die einzige besiegte
Achsenmacht, der eine solche Behandlung gewährt
wurde. Im Gegensatz zur Kerngruppe, die den
Nordatlantikvertrag aushandelte - Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Luxemburg, die
Niederlande und die Vereinigten Staaten - war Italien
weder eine nördliche noch eine atlantische Macht.
Großbritannien war unter den Alliierten, die zunächst
die Mitgliedschaft Italiens ablehnten, weil sie eine
Erschöpfung der Ressourcen des Bündnisses
fürchteten. Außenminister Dean Acheson argumentierte jedoch, eine Zurückweisung Italiens "würde
den kommunistischen Einfluß verstärken und die
derzeitige (Christdemokratische) Regierung und ihre
prowestliche Politik in Mißkredit bringen".4 Schließ-

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lich einigten sich die Alliierten, die Aufnahme Italiens
würde die prowestlichen politischen Kräfte in Italien
stärken und die Bestrebungen zur Einbindung Italiens
in die westlichen Wirtschaftsorganisationen ergänzen.
Einige Jahre später zeigte sich, insbesondere in
Paris, eine gewisse Zurückhaltung, Westdeutschland
in die NATO aufzunehmen. Die Vereinigten Staaten
argumentierten, die Mitgliedschaft der Bundesrepublik
würde die Sache der europäischen Integration fördern
und ein Land stärker an den Westen binden, das sich
von seiner totalitären Vergangenheit abgewandt
hatte.5 Die Aufnahme der Bonner Regierung im Jahr
1955 trug zur deutsch-französischen Versöhnung bei,
ohne die die Europäische Union immer noch ein
Traum bleiben würde.
Die NATO half auch bei der Verbesserung der
Beziehungen zwischen zwei traditionellen Rivalen Griechenland und der Türkei.
Die Zypernkrise
brachte diese beiden Länder mehrmals an den Rand
eines bewaffneten Konflikts, aber ihre Mitgliedschaft
in der NATO half den Amerikanern und anderen
Vermittlern, sie von einem Krieg abzuhalten.
Die Aufnahme Spaniens 1982 war ein weiterer
aufschlußreicher Fall. Vor Francos Tod 1975 bestanden wenig Anreize zur Eingliederung Spaniens in das
Bündnis, denn die bilateralen amerikanischen Arrangements mit Madrid gewährleisteten, daß die amerikanischen NATO-Streitkräfte spanische Marine- und
Luftstützpunkte benutzen konnten. Nach einem
versuchten Staatsstreich der Rechten im Jahr 1981
gelangte die zentristische Regierung unter Leopoldo
Calvo Sotelo zu dem Schluß, eine NATO-Mitgliedschaft sei der beste Weg, die zivile Kontrolle über
das spanische Militär sicherzustellen und somit den
Übergang Spaniens zur Demokratie zu schützen.
"Der Beitritt zur NATO wird jeden Versuch eines
Putsches im Keim ersticken", erklärte Calvo. Die
Führung des Bündnisses stimmte zu.6
Während des Kalten Krieges wurden die Entscheidungen der NATO vorwiegend von militärischen und
geopolitischen Erwägungen bestimmt. Die Förderung
der Demokratie innerhalb der NATO-Staaten und
guter Beziehungen zwischen ihnen waren nur eine
Ergänzung - ein wünschenswertes, aber nicht das
Hauptmotiv für die Aufnahme neuer Mitglieder.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, können
und sollten jedoch andere, nichtmilitärische Ziele die
neue NATO gestalten helfen.
III.
Obwohl die NATO hauptsächlich ein Militärbündnis
war und bleibt, haben die letzten fünf Jahrzehnte und insbesondere die letzten fünf Jahre - gezeigt,

Seite 3

�daß die Vorteile der NATO nicht nur militärischer,
sondern politischer Natur sind. Beim Ministertreffen
des Nordatlantikrats im Dezember 1994 machten
Außenminister Christopher und seine kanadischen
und europäischen Amtskollegen die Respektierung
von Demokratie und internationalen Verhaltensnormen zu expliziten Voraussetzungen für die
Mitgliedschaft, damit die Erweiterung der NATO eine
Kraft für Rechtsstaatlichkeit sowohl innerhalb der
neuen europäischen Demokratien als auch bei den
Beziehungen zwischen ihnen wird.
Eine der Vorbedingungen für die Aufnahme eines
Landes in die NATO ist die umfassende zivile Kontrolle des Militärs. Potentiellen Mitgliedern wurde
mitgeteilt, ihre Streitkräfte müßten professionell,
unpolitisch und dem Prinzip militärischer Macht für
Abschreckungs- und Verteidigungszwecke verpflichtet sein. Ferner wird von den NATO-Partnern
die Einrichtung einer parlamentarischen Kontrolle
über militärische Angelegenheiten sowie die Ernennung von Zivilisten in hochrangige Verteidigungspositionen erwartet. Die dem Bündnis beitretenden
Länder müssen sich solchen Strukturen und Prinzipien vollständig und unumkehrbar verpflichten.
In mehreren Ländern wurde die Aussicht auf eine
NATO-Mitgliedschaft auch als Argument für innenpolitische und wirtschaftliche Reformen angeführt.
Peter Weiss, der reformerische Kopf der ehemals
kommunistischen Partei der Slowakei, jetzt bekannt
als "Partei der demokratischen Linken", formulierte
es mit schonungsloser Offenheit: "Dies ist unser
Moment der Wahrheit", erklärte er kürzlich in einem
Interview und fügte hinzu: "Obwohl unser Land zu
den ersten Kandidaten (für die NATO-Mitgliedschaft)
gehört, müssen vor der Aufnahme eine Anzahl von
Bedingungen erfüllt sein - die Befolgung demokratischer Regeln, die in den Mitgliedstaaten üblich sind,
Fortschritte bei der Durchsetzung der Marktwirtschaft, Schutz humanitärer und bürgerlicher Rechte
sowie Pressefreiheit... Wir sollten offen zugeben:
Es ist für uns von Nachteil, daß unsere Partner die
Demokratie in der Slowakei für instabil halten."
In Ungarn und Polen hat die Aussicht auf eine
NATO-Mitgliedschaft bereits zur Festigung des
nationalen Konsenses über demokratische und
marktwirtschaftliche Reformen beigetragen. Die
Notwendigkeit zur Einhaltung der für eine NATOMitgliedschaft erforderlichen Normen war eine
wichtige Kraft, um ehemalige Kommunisten, Liberale
und gemäßigte Konservative aus Regierung und
Opposition zusammenzubringen und hat letztlich die
demokratischen Errungenschaften in der Region seit
1989 konsolidiert.

Seite 4

Um für eine Aufnahme in das Bündnis in Frage zu
kommen, müssen die potentiellen Mitglieder auch
überzeugende Fortschritte bei der friedlichen Beilegung von Konflikten mit ihren Nachbarn machen und
zeigen, daß sie der multiethnischen Demokratie
verpflichtet sind. Einige potentielle Mitglieder haben
bereits in diesem Geist gehandelt. Eine der hoffnungsvolleren Entwicklungen in diesem Jahr war die
Annäherung zwischen Ungarn und der Slowakei. In
einer am 22. Februar vor dem ungarischen Parlament
gehaltenen Rede erklärte der ungarische Ministerpräsident Gyula Hörn:
"Was wollen die EU und die NATO von uns?
Sie sagen entschieden, daß wir unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn regeln müssen.
Einfach ausgedrückt: Weder die Europäische
Union noch die NATO sind bereit zur Aufnahme von Staaten, die Grenzstreitigkeiten,
ungelöste Minderheitenprobleme und ähnliches
haben."
Einen Monat später unterzeichneten Ungarn und die
Slowakei einen Vertrag über die Achtung der Grenzen des jeweils anderen Landes auf der Grundlage
einer früheren Übereinkunft zur Garantierung von
Minderheitenrechten. Die Vereinigten Staaten und
ihre europäischen Verbündeten nutzen die Hoffnungen Ungarns und Rumäniens auf Beitritt zur
NATO und zur EU, um diese Länder auf den Abschluß eines ähnlichen Vertrags zu drängen, der
bestehende Grenzen bestätigen und die Rechte der
ungarischen Minderheit in Transsilvanien garantieren
soll - in einer Region, deren Zugehörigkeit zu einem
der beiden Länder dreimal in diesem Jahrhundert
wechselte. Niemand kann behaupten, die Aussicht
auf einen sofortigen oder dauerhaften NATO-Beitritt
werde die Minderheitenprobleme in Ländern wie der
Slowakei, Ungarn und Rumänien lösen; sie wird aber
einen heilsamen Effekt haben.
Der schlimmste Konflikt im Zeitalter nach dem Kalten
Krieg, die derzeitigen Kämpfe auf dem Balkan, wird
von denjenigen als Argument angeführt, die nicht nur
die Erweiterung der NATO, sondern das Fortbestehen des Bündnisses in Zweifel ziehen. Viele Kritiker
fragten: Warum sollte die NATO überhaupt bestehen
bleiben, geschweige denn erweitert werden, wenn sie
den Konflikt in Bosnien nicht lösen kann? Die
Strukturen, die Europa während des Kalten Krieges
gut gedient haben, einschließlich des Bündnisses,
das die sowjetische Aggression ohne einen einzigen
Schuß eindämmte, erwiesen sich als unvorbereitet
auf die Herausforderungen nach dem Kalten Krieg,
insbesondere den Zerfall eines postkommunistischen
Staates in ethnische Gewalt und Chaos.

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�Die aus der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien
gelernte Lektion lautet jedoch nicht, die NATO
unehrenhaft zu entlassen, sondern ihre Fähigkeit zur
Eindämmung eben der Kräfte zu entwickeln, die auf
dem Balkan freigesetzt wurden. Viele der Nationen
in der Region gestehen dem Bündnis dieses Potential zu. Vertreter verschiedener zentraieuropäischer
Staaten haben öffentlich erklärt, die bosnische
Tragödie sei für sie ein Argument für den Beitritt zur
NATO - sowie für die Übernahme von Normen
innenpolitischer Ordnung und außenpolitischen
Verhaltens, durch die sie für einen Beitritt in Frage
kommen. Der ehemalige polnische Verteidigungsminister Janusz Onyszkiewicz äußerte vor kurzem:
"Tatsache ist, daß es in allen unseren Ländern Elemente wie jene gibt, die das ehemalige Jugoslawien zerstörten.
Wir müssen
unseren Völkern zeigen, daß der westliche
Weg in wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Weise der beste ist. Die NATO kann in
beiderlei Hinsicht Hilfestellung leisten."
Eine erweiterte NATO wird wahrscheinlich das
Gebiet vergrößern, in dem Konflikte wie der auf dem
Balkan einfach nicht ausbrechen.
In der Tat hat die Krise im ehemaligen Jugoslawien
die dringende Notwendigkeit unter Beweis gestellt,
neue Instrumente zur Friedenssicherung zu entwikkeln. Durch die Partnerschaft für den Frieden (PFF)
ist die NATO auf dem Weg zur Schaffung eines

solchen Mechanismus. Die NATO rief die Partnerschaft für den Frieden im Januar 1994 ins Leben,
um die Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften
der NATO und der europäischen Nichtmitgliedstaaten der NATO zu fördern, darunter auch die Staaten
des ehemaligen Warschauer Pakts und der früheren
Sowjetrepubliken. Die Partnerschaft hat bereits
gemeinsame militärische Manöver unter Beteiligung
von Nationen veranstaltet, die in der Vergangenheit
Feinde waren - Albaner und Griechen, Bulgaren und
Türken sowie Ungarn und Rumänen. Im August
halten Soldaten von drei Bündnismitgliedern und
vierzehn Partnerschaftsländern unter der Schirmherrschaft der PFF militärische Übungen in Louisiana ab.
Wenn eines Tages dem Bündnis neue Mitglieder
beitreten, werden sie durch ihre Beteiligung an der
PFF bereits eng mit den militärischen Einrichtungen
der NATO zusammengearbeitet und sehr wahrscheinlich Erfahrung bei friedenssichernden Operationen erworben haben. Die PFF bietet nahezu
jedem Land in Zentraleuropa und der ehemaligen
Sowjetunion eine Chance zur Zusammenarbeit mit
der NATO bei militärischen Angelegenheiten.
Bereits heute haben fünf PFF-Mitgliedstaaten Polen, die Slowakei, die Ukraine, Rußland und die

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Tschechische Republik - Bodentruppen in Kroatien
stationiert.
IV.
Eine der schwierigsten Herausforderungen bei der
Erweiterung der NATO sind die Auswirkungen auf
Rußland. Viele Russen sehen die NATO als ein
gegen ihr Land gerichtetes Relikt des Kalten Krieges.
Sie verweisen darauf, daß sie den Warschauer Pakt "ihr" militärisches Bündnis - aufgelöst haben und
fragen, warum der Westen nicht dasselbe tut. Für sie
kommt der Plan der NATO zur Aufnahme neuer
Mitglieder einem westlichen Mißtrauensvotum gegenüber der Ausdauer der russischen Reformen gleich.
Er vermittelt ihnen das Gefühl, als ob Rußland noch
immer in der Probezeit sei - noch immer der Gegenstand einer kaum verhüllten Politik des Containment.
Sie sagen: Hütet Euch vor dem Fehler, den die
Sieger in Versailles mit der Bestrafung der Weimarer
Republik machten: Als sich Deutschland in den
dreißiger Jahren erholte, war es auf militärische
Eroberung und Rache versessen.
Mißtrauen und Warnungen dieser Art sind im gesamten politischen Spektrum Rußlands zu vernehmen.7 Sie werden von konservativen, reaktionären
und faschistischen Elementen genutzt, die die Aussicht einer Erweiterung der NATO als Beweis dafür
sehen, daß der Westen auf eine Erniedrigung Rußlands aus ist, es schwach halten will und den Niedergang des Landes plant. Bei einer Pressekonferenz
am 7. Juni verkündete Wladimir Schirinowski, "das
einzige Ziel der NATO ist die Zerstörung und Zersplitterung Rußlands". Vor allem weil das Thema
selbst sich für solch ausländerfeindliche Demagogie
anbietet, tendieren die Reformer, die sich der Konsolidierung der russischen Demokratie und der
zunehmenden Integration Rußlands in den Westen
verschrieben haben, ebenfalls zu einer Ablehnung
der NATO-Erweiterung.
Das Kernstück dieser Debatte bilden zwei wichtige
Faktoren, die weder ignoriert noch verschleiert
werden sollten:
Erstens ist und bleibt die NATO in absehbarer
Zukunft - auch wenn sie neue Mitglieder aufnimmt - ein militärisches Bündnis und ein
kollektiver Verteidigungspakt.
Zweitens gehört zu den Eventualfällen, auf die
die NATO vorbereitet sein muß, daß Rußland
sich von der Demokratie abwendet und zu den
bedrohlichen Mustern des internationalen
Verhaltens zurückkehrt, von denen die Geschichte des Landes gelegentlich charakteri-

Seite 5

�siert war, insbesondere während der sowjetischen Periode.
Unsicherheit über die Zukunft Rußlands zählt unweigerlich zu den Faktoren, die bei Entscheidungen
über die europäische Sicherheit berücksichtigt
werden müssen. Keiner ist sich dessen mehr
bewußt als viele Russen selbst.8
Aus diesem Grund muß die logische Begründung für
den Fortbestand der NATO das einbeziehen, was
Verteidigungsminister Perry als "Absicherung gegen
pessimistische Resultate" bezeichnet hat:
"Wenn Rußland sich an einen Kurs innenpolitischer Reformen, Respektierung der Unabhängigkeit seiner Nachbarn und Zusammenarbeit mit dem Westen hält, wird die
NATO weiterhin in Richtung maximaler Einbeziehung gehen. Wenn die Reformen in
Rußland scheitern, wird die NATO für die
kollektive Verteidigung der Bündnispartner
bereit sein."9
Das ist jedoch nicht der einzige Grund, warum die
NATO bestehen bleiben sollte. Andere mögliche
militärische Bedrohungen könnten aus anderen
Richtungen kommen, und eine NATO nach dem
Kalten Krieg sollte darauf reagieren können. Die
Erfahrung des Golfkriegs hat das Bündnis überzeugt,
daß es eine Kapazität zu Operationen "out of area" das heißt in bündnisfremdem Gebiet - entwickeln
und gegebenenfalls in der Lage sein muß, im Nahen
Osten und andernorts zu handeln.
Darüber hinaus ist die Absicherung gegen die Möglichkeit einer erneuten russischen Aggression weder
der einzige noch der wichtigste Grund für die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO. Es gibt
andere Gründe, die den strategischen Interessen
eines demokratischen Rußlands in keiner Weise
zuwiderlaufen. Rußland hat guten Grund, die
Ausdehnung der Zone politischer Stabilität der
NATO nach Zentraleuropa zu unterstützen. Schließlich hat Rußland in den beiden Weltkriegen zweimal
in diesem Jahrhundert wegen der Instabilität dieser
Region schwer gelitten.
Die Furcht vor einer neuen Welle des russischen
Imperialismus steht außer Frage - ist angesichts der
Geographie und Geschichte der Region nur natürlich
- und ist der Hauptgrund, warum die Zentraleuropäer
den NATO-Beitritt ungeduldig anstreben. Das ist
jedoch nicht ihr einziges Motiv und sollte nicht als
treibende Kraft hinter der NATO-Erweiterung angesehen werden - weder von den zentraleuropäischen
Befürwortern des Prozesses noch von seinen russischen (von den amerikanischen ganz zu schweigen)

Seite 6

Gegnern. Vaclav Havel, der in einer Stadt lebt, die
näher an London als an Moskau liegt, formulierte es
in seiner jüngsten Rede anläßlich der Abschlußfeier
in Harvard folgendermaßen:
"Solange die Ausweitung der NATO-Mitgliedschaft zur Einbeziehung von Ländern, die sich
kulturell und politisch als Teil der Region
fühlen, zu deren Verteidigung das Bündnis
gegründet wurde, von Rußland beispielsweise
als ein antirussisches Unternehmen angesehen
wird, ist dies ein Anzeichen dafür, daß Rußland die Herausforderung dieses Jahrhunderts
noch nicht verstanden hat."10
Einige Kritiker der NATO-Entscheidung über die
Erweiterung warnen davor, folgende Situation herbeizureden: Während die NATO neue Mitglieder aufnimmt, sagen sie, wird Rußland davon ausgehen,
daß sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht und
defensive, wenn nicht sogar offensive Gegenmaßnahmen ergreifen - Verträge auflösen, seine Streitkräfte
aufrüsten, den Druck auf die anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken verstärken. Aus diesem Grund
wäre es besser, die derzeitige Mitgliederzahl der
NATO einzufrieren, solange sich Rußland "benimmt".
Das Bündnis sollte nicht erweitert werden, bis die
russische Regierung klare Anzeichen der Angriffslust
zeigt.
Dieses Argument - in Kurzform bekannt als "auf
Bedrohung gegründete" Erweiterung der NATO - hat
zwei Schwachpunkte. Erstens betont es den am
meisten strafenden und "antirussischen" Grund für
die NATO-Erweiterung, und es schmälert die anderen
ebenso stichhaltigen, weniger provokativen Gründe
für die Erweiterung, die Rußland akzeptieren und
sogar unterstützen könnte: Die Förderung von
Demokratie, freien Märkten und regionaler Stabilität.
Zweitens macht es die Erfüllung des Wunsches der
Zentraleuropäer nach einer NATO-Mitgliedschaft
abhängig von den Unsicherheiten des künftigen
russischen Verhaltens - und weckt so perverserweise
ihr Interesse an einem potentiellen schlechten Benehmen Rußlands.
Wenn die zwischen Rußland und Westeuropa liegenden Länder nur in das Bündnis aufgenommen werden, wenn Rußland "sich schlecht benimmt", könnten
einige Länder die aus Moskau kommenden schlechten Nachrichten übertreiben. Diese bei einem Teil
Zentraleuropas vorherrschende Geisteshaltung, die
das Verhalten des Westens beeinflussen könnte,
wäre weder der geduldigen Diplomatie förderlich, die
für den Umgang mit Rußland während der langen,
schmerzlichen und unberechenbaren Abkehr vom
Kommunismus erforderlich ist, noch würde sie das

AMERIKA DIENST 24

�derzeitige Mißtrauen zwischen Rußland und seinen
Nachbarn verringern.
Es wäre wesentlich besser, die Zentraleuropäer, die
Russen und die Völker der ehemaligen sowjetischen
Staaten zu ermutigen, die NATO-Erweiterung als
einen Prozeß anzusehen, der zur Förderung eines
besseren innenpolitischen und internationalen
Verhaltens beitragen kann, selbst wenn sie als
Absicherung gegen das Schlimmste dienen könnte.
Sie sollte als ein Prozeß angesehen werden, der
allen nützlich und nicht gegen einen bestimmten
Staat gerichtet ist.
Mit diesem Konzept im Kopf haben die NATOVertreter im vergangenen Jahr intensive Gespräche
mit den Russen über die Zukunft der europäischen
Sicherheit aufgenommen. Folgende Hauptpunkte
brachte die NATO gegenüber den russischen
Politikern vor:
Die Erweiterung wird stattfinden. Drohungen
auszustoßen wird nur das schlimmste Mißtrauen
bezüglich Rußlands Intentionen in der Zukunft
intensivieren.

Diese Diskussionen müssen fortgesetzt werden.
Wenn, wie Präsident Clinton Präsident Jelzin vorgeschlagen hat, der Dialog zwischen der NATO und
Rußland parallel zur allmählichen Erweiterung des
Bündnisses verläuft, können die beiden Prozesse das
umfassendere Ziel voranbringen, über das sich die
NATO und Rußland einig sind - ein weiterhin ungeteiltes Europa und die Förderung der paneuropäischen Integration.
Ob ein vollständig demokratisches Rußland, das in
Frieden mit seinen Nachbarn und sich selbst lebt,
eines Tages der NATO beitritt, bleibt eine offene
Frage. Damit dies geschieht, müßte es offensichtlich
ein ziemlich anderes Rußland als das heutige sein.
Es wäre auch ein ziemlich anderes Europa. Aber die
außerordentlichen Umgestaltungen, die im vergangenen Jahrzehnt sowohl in Rußland als auch in Europa
stattgefunden haben, sollten uns zögern lassen,
irgendeine Möglichkeit für die Zukunft auszuschließen
- und anspornen, sie zu verfolgen.

Wir wollen mit Rußland politische Übereinkünfte
und Arrangements für weitere Kooperation und
Koordination erzielen.

In der Zwischenzeit sollte die Entwicklung zunehmend
kooperativer Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland auch für die Nationen wie die baltischen
Länder und die Ukraine willkommen sein, die besorgt
darüber sind, ohne Zusicherungen über ihre eigene
Sicherheit zwischen einem erweiterten Bündnis und
Rußland gefangen zu sein. Sie fürchten, auf ein wie Präsident Clinton es formulierte - "strategisches
Abstellgleis" geschoben zu werden, wenn sie nicht in
die erste oder zweite Phase der NATO-Erweiterung
einbezogen werden. Zweifelsohne wird die Fähigkeit
dieser Staaten zur Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
und zur Fortsetzung ihrer Reformen bedeutende
Auswirkungen auf die Zukunft Europas selbst haben.
Ihre Beteiligung an der Partnerschaft für den Frieden
kann wie die Rußlands dazu beitragen, Bande zur
NATO aufzubauen. Unabhängig davon, ob eine
Nation letzlich die Mitgliedschaft im Bündnis verfolgt,
kann sie in absehbarer Zukunft zur PFF als eine Kraft
der Kooperation und Aussöhnung in Europa beitragen.

Ungeachtet ihrer eigenen Vorbehalte gegen die
Erweiterung haben Präsident Jelzin und seine Minister der vollen Mitgliedschaft in der Partnerschaft für
den Frieden zugestimmt. In Erklärungen, die in
diesem Frühjahr abgegeben wurden, haben sie auch
ihre Opposition gegen die NATO-Erweiterung modifiziert und vor einer "eiligen", "vorschnellen" oder
"beschleunigten" Erweiterung gewarnt, die das
Bündnis - so qualifiziert - weder befürwortet noch in
Erwägung zieht. Und sie haben vereinbart, bis Ende
dieses Jahres die Grundzüge eines Abkommens für
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
auszuarbeiten, das für beide Seiten eine Versicherung darstellt und für beide Seiten von Vorteil ist.

Die Clinton-Administration ist sich bewußt, daß es
zusammen mit den von mir beschriebenen Chancen
Fallstricke und Risiken bei der NATO-Erweiterung
geben kann und der Prozeß der NATO-Erweiterung,
wenn er nicht mit Geschick und Weitblick gehandhabt
wird, neue Spannungen und Teilungen schaffen
könnte. Die NATO in ihrer Konfiguration des Kalten
Krieges einzufrieren, wäre jedoch ebenfalls ein
großer Fehler und ein gravierender Rückschlag für
die demokratischen Nationen, die hoffen, dem
Bündnis beitreten zu können, sowie für die amerikanischen Interessen bei der Unterstützung demokratischer Institutionen. Im Gegenteil, wenn die NATO in
einer Weise erweitert wird, die die europäische

Die NATO-Erweiterung gegenüber der eigenen
Bevölkerung in alarmierenden Formulierungen zu
beschreiben wird nur die Hand der Hardliner
stärken. Man darf nicht zulassen, daß Schirinowski und andere Extremisten die Debatte
lenken.

Wir und praktisch alle europäischen Länder
werden Ihr aktives Engagement für die zahlreichen existierenden Organisationen und Programme begrüßen, an denen Rußland uneingeschränkt beteiligt ist oder sein kann, wie die
Partnerschaft für den Frieden und die OSZE.

AMERIKA DIENST 24

Seite 7

�13. Juli 1995

barten die Stärkung der Fähigkeiten der Organisation
zur Entscheidungsfindung, Überwachung und Durchführung von Operationen, insbesondere für Friedenssicherung. Zur Zeit gehören der OSZE 52 Nationen
an, die damit das einzige regionale Forum ist, dem
die Vereinigten Staaten, Rußland und nahezu jeder
europäische Staat angehören.

Fußnoten

4 Siehe E. Timothy Smith, "The United States, Italy
and NATO 1947-1952", (St. Martin's 1991), Seite 85.

Integration ermutigt und die europäische Sicherheit
verbessert - die Politik, die zu verfolgen die Administration entschlossen ist - werden alle Völker auf
dem Kontinent sowie auch die größere transatlantische Staatengemeinschaft davon profitieren.

1 Nunn brachte seine Besorgnis in der Rede "The
Future of NATO in an Uncertain World" zum Ausdruck, die er am 22. Juni 1995 bei einem vom
amerikanischen Militär veranstalteten Seminar in
Norfolk (Virginia) hielt.
Unter anderem haben
Michael Mandelbaum, Stephen Sestanovich, Charles
Kupchan und Arnold Horelick gegen die Erweiterung
geschrieben oder sich dagegen ausgesprochen. Der
"Vertrag mit Amerika" der Republikaner fordert, daß
Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und die
Slowakei der NATO in den nächsten vier Jahren
beitreten. Zu den Befürwortern einer Erweiterung
zählen Senator Richard Lugar aus Indiana und Mitch
McConnell aus Kentucky, Zbigniew Breschinski,
Samuel Huntington, James Baker und Henry Kissinger.
2 Nach dem Gipfeltreffen vom Januar 1994 kamen
die Außenminister des Bündnisses im vergangenen
Dezember in Brüssel zusammen und wiesen den
Nordatlantikrat an, eine interne Studie anzufertigen,
"wie die NATO erweitert wird, welche Prinzipien
diesen Prozeß leiten und wie die Mitgliedschaft
umgesetzt wird. Sie entschieden ferner, daß die
NATO die Ergebnisse potentiellen Mitgliedstaaten
vor dem Außenministertreffen im Dezember 1995
vorlegen würde.
3 Während der letzten Jahre des Kalten Krieges
spielte die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eine zentrale Rolle
beim Abbau der Schranken zwischen dem sowjetischen Block und dem Westen. Die unter der
Schirmherrschaft der KSZE ausgehandelte Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 legte Verfahren für die regelmäßige Überprüfung der Einhaltung grundlegender
Menschenrechtsnormen
durch die Mitgliedstaaten fest. Nach dem KSZEGipfel in Paris im Jahr 1990 eröffnete die Organisation ein Sekretariat in Prag, ein Konfliktverhütungszentrum in Wien und ein Büro für demokratische
Institutionen und Menschenrechte in Warschau. Die
KSZE wurde in Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) umbenannt,
nachdem ihre Staats- und Regierungschefs im
vergangenen Dezember in Budapest zusammengekommen waren, und die Mitgliedstaaten verein-

Seite 8

5 Bereits 1949 definierte der amerikanische Senat
als eine Hauptaufgabe der NATO "die Entwicklung
des Maßes an Einheit und Sicherheit unter den
nordatlantischen Staaten, das eine Reintegration
Deutschlands in Westeuropa und die schließliche
Lösung des deutschen Problems möglich macht".
6 Siehe Kenneth Maxwell und Steven Spiegel, "The
New Spain: From Isolation to Influence", (Council on
Foreign Relations press, 1994), Seite 36. Für das
Zitat Calvos siehe Gregory F. Treverton, "Spain:
Domestic Politics and Security Policy" (International
Institute for Security Studies, 1986), Seite 31-32.
7 Siehe beispielweise "Russia and NATO: Theses
of the Council on Foreign and Defense Policy",
verfaßt von Sergej A. Karaganow und anderen
Angehörigen der außenpolitischen Elite Rußlands.
"Nezavisimaya Gazeta", 21. Juni 1995, Seite 2;
übersetzt in "Foreign Broadcast Information Service
Daily Report - Central Eurasia", 23. Juni 1995, Seite
10-17.
8 Außenminister Andrej Kosyrew hat erklärt, obwohl
der Zusammenbruch des Kommunismus "beispiellose
Aussichten" eröffnete, hat er auch "die Art von Verfall
und Untätigkeit ausgelöst, die alles begraben kann:
Die russische Wirtschaft, die Souveränität, Recht und
Ordnung und schließlich die Freiheit selbst", "Partnership or Cold Peace?" "Foreign Policy", (Sommer
1995), Seite 4-5.
Gleichzeitig darf man die Bedeutung außenpolitischer
Sorgen bei den im kommenden Dezember anberaumten russischen Parlamentswahlen und bei den
Präsidentschaftswahlen im nächsten Juni nicht
übertreiben. Die meisten Russen sind weiterhin sehr
viel besorgter über innenpolitische Probleme als reale oder eingebildete - Bedrohungen von außen.
Bei einer Meinungsumfrage über die größte Gefahrenquelle für die nationalen Interessen Rußlands
gaben ungefähr zwei Drittel Unordnung in der Russischen Föderation an, etwa Sezession der Art wie in
Tschetschenien.
Nur ein Fünftel der Befragten
glaubte, daß es eine große Bedrohung von einer
ehemaligen sowjetischen Republik oder dem Ausland
gibt.

AMERIKA DIENST 24

�9 Perry machte diese Ausführungen am 6. Februar
1994 bei der Wehrkundetagung in Deutschland.

10 Der Wortlaut seiner am 8. Juni gehaltenen Rede
wird in der Juli/August-Ausgabe von "Harvard Magazine" veröffentlicht.

* * * * *

AMERIKA DIENST 24

Seite 9

�U S A - D E U T S C H LAND
2. August 1995

50 Jahre Potsdamer Konferenz
Rede des ehemaligen Präsidenten Bush
POTSDAM - (AD) - Bei den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der Potsdamer Konferenz auf
Schloß Cecilienhof hielt der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, am 25. Juli 1995
nachfolgende Rede.

Herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich
möchte vor allem den Gastgebern und Ministerpräsident Manfred Stolpe meinen Dank aussprechen. Es ist schön, wieder in Deutschland zu sein.
Wenn ich die Menschen heute hier sehe, denke ich
daran, wie dieses schöne Gebäude während der
letzten Jahre der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR, genutzt wurde. Damals gehörte
dieses Hotel der Reisegesellschaft der DDR.
Irgendwie scheinen die Worte "DDR" und "Reisegesellschaft" nicht in denselben Satz zu gehören.
Heute können die Deutschen aus dem Osten und
Westen reisen, wohin sie wollen, und jeder kann
diesen herrlichen Ort besichtigen. Heute besteht
keine Notwendigkeit für Reiseführer der Regierung,
um sicherzustellen, daß Sie sehen, was Sie sehen
sollen. Berauschende Freiheit liegt in der Luft.
In den vergangenen sechs Jahren haben sich in
Deutschland viele Veränderungen vollzogen. Aber
lassen Sie uns noch weiter zurückblicken. Als
Präsident Harry Truman, Premierminister Winston
Churchill und Josef Stalin vor 50 Jahren in diesem
Gebäude zusammenkamen, trafen sie sich in einer
zerstörten Stadt in der Nähe der zerstörten Hauptstadt eines zerstörten Landes. Diese Staats- und
Regierungschefs versuchten, die Politik für eine
neue Generation von Deutschen und Amerikanern
zu entwerfen.
Ich war einer dieser jungen Amerikaner. Vor fünfzig
Jahren war ich Marineflieger. Ich hatte das Glück zu
überleben, nachdem meine Maschine von den
Japanern abgeschossen worden war. Ich hatte kein
Mitgefühl für diejenigen in Deutschland oder Japan,
die uns in den Krieg gezogen hatten. Und auf der
anderen Seite der Erdkugel wuchs ein junger Mann
im Rheinland auf. Sein Name war Helmut Kohl. Er
ist ein Mann, für den ich große Bewunderung und
Respekt hege: Ein Mann, mit dem ich sehr eng

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zusammengearbeitet habe - ein Freund. Zu jener
Zeit konnten weder Helmut Kohl noch ich uns vorstellen, daß wir im Jahr 1990 zusammen in Camp
David stehen und der Welt erzählen würden, daß
unsere Länder die vielversprechende Hoffnung auf
ein neues, vereintes Deutschland teilten.
Und
betrachten Sie sich das Deutschland von heute.
Trotz der Verwüstungen des Krieges, trotz der
Aufnahme von nahezu acht Millionen deutschen
Flüchtlingen hat Deutschland seinen Platz unter den
führenden Wirtschaftsmächten der Welt eingenommen. Die Deutschen gründeten eine dauerhafte
demokratische Republik, in der sie klug die Macht
zwischen der Bundesregierung und solchen Bundesstaaten wie Berlin-Brandenburg teilten. Die Menschenrechte sind durch das "Grundgesetz" garantiert.
Und Deutschland ist eine lebendige, blühende
Demokratie, in der fast jeder zur Wahl geht.
Deutschland steht in jeder Hinsicht an vorderster
Stelle der westlichen Demokratien. Die Verbindung
durch die NATO, die unsere Länder über den Atlantik
hinweg zusammenhält, ist über 40 Jahre alt. Obwohl
man in den Vereinigten Staaten vereinzelt egoistische
isolationistische Stimmen vernehmen kann, ist die
Unterstützung der Öffentlichkeit für das Bündnis in
unseren beiden Ländern nach wie vor stark. Wie ich
vor mehr als sechs Jahren sagte, sind Deutschland
und Amerika wirklich "Partner in der Führung".
Deutschland ist auch in der Europäischen Union
unter den Führenden. Die Deutschen haben klugerweise ihre Partner in der Union aufgefordert, die
Vorteile der europäischen Integration auf die neuen
Demokratien Osteuropas auszudehnen. Einst war
Deutschland unser Feind, heute zählt Deutschland zu
Amerikas engsten Freunden.
Wie war dies möglich? Wie konnten wir gemeinsam
so weit kommen? Es begann hier in Potsdam, hier
in diesem Schloß. Der Geschichte liegen zwei

Seite 1

�Themen zugrunde. Das eine ist Vertrauen und wie
Vertrauen wächst. Das andere Thema ist Entscheidung.
Die Staats- und Regierungschets, die hier vor fünfzig
Jahren zusammenkamen, entschieden, daß es ein
Deutschland geben sollte, das nicht in mehrere
Staaten aufgeteilt ist. Sie entschieden unter der
Führung von Truman auch, daß Deutschland sich
erholen und florieren sollte. Deutschland mußte
gesund sein, damit auch Europa gesund sein
konnte.
Wie Sie sehen, hatte Truman Vertrauen in die
Zukunft. Als Truman hier war, erklärte er den amerikanischen Soldaten, die Amerikaner wollten "eine
Welt, in der alle Menschen die Chance haben, die
guten Dinge des Lebens zu genießen". Er sagte:
"Wir wollen nichts Finanzielles aus diesem Krieg...
Wenn wir unsere enorme Maschinerie dazu bringen
können ... für den Frieden zu arbeiten, könnten wir
dem großartigsten Zeitalter in der Geschichte der
Menschheit entgegenblicken. Das ist unser Vorschlag". Der Marshallplan bewies, daß es nicht nur
leere Worte waren.
Einer der an der Ausarbeitung des Marshallplans
beteiligten Ökonomen diente während des Krieges
als Berater dafür, welche Ziele unsere Bomber
angreifen sollten. Später erklärte er seinen Kollegen, er habe sein gesamtes Wissen eingesetzt, um
die deutsche Volkswirtschaft zu zerstören, und jetzt
setze er sein ganzes Wissen ein, um sie wieder
aufzubauen. Jene Amerikaner machten sich über
ganz Europa Gedanken, nicht nur über Deutschland.
Aber ein Grund dafür, warum sie einem wiederhergestellten Deutschland trauten, war, daß die Bundesrepublik sich als Teil Europas und als Teil der
atlantischen Gemeinschaft sah. Die führenden
Politiker des neuen Deutschlands - und hier muß ich
Konrad Adenauer erwähnen - hatten dieses Vertrauen verdient. Als 1952 die Aufnahme Deutschlands in die NATO heiß umstritten war, stimmte
unser Hochkommissar in Deutschland, John McCIoy,
mit Adenauer überein, daß diese Entscheidung beim
deutschen Volk liegen solle. Die Deutschen konnten
bestimmen, ob sie dem westlichen Bündnis angehören wollten.
Es war ein Vabanquespiel. Die heute einsehbaren
Dokumente belegen jedoch, daß amerikanische
Regierungsvertreter in den äußerst geheimen
Gesprächen zu folgendem Schluß kamen: "Wenn
die Sowjetunion wirklich bereit ist, freie Wahlen und
anschließend die Gründung eines geeinten Deutschlands zuzulassen, sind wir bereit, letztlich der
gesamtdeutschen Regierung die Entscheidung zu
überlassen, ob sie ihre Beteiligung am Integrations-

Seite 2

programm des Westens fortsetzen möchte." Das ist
Vertrauen.
In seinen Memoiren beschrieb Michail Gorbachow
den Wendepunkt bei unseren Diskussionen über die
Vereinigung Deutschlands.
Nach monatelangen
Argumentationen kam am 31. Mai 1990 der kritische
Moment, als wir in Washington im Weißen Haus
miteinander sprachen. Ich schlug vor, den Deutschen die Entscheidung über eine NATO-Mitgliedschaft zu überlassen. Gorbachow stimmte zu. Für
unsere Seite war es dasselbe Risiko, das wir bereits
1952 einzugehen bereit waren, aber dieses Mal mit
dem Vertrauen, das aus einer Generation deutscher
Demokratie resultiert sowie dem Vertrauen in Helmut
Kohl. Was den sowjetischen Präsidenten anbelangt,
zeigte der Kompromiß, daß er ein völlig neues Maß
an Vertrauen in die Deutschen, die NATO und die
Vereinigten Staaten setzte.
Sie sehen, daß Vertrauen manchmal bedeutet, den
Menschen Wahlmöglichkeiten zu geben mit der
Zuversicht, daß sie eine gute Entscheidung treffen.
Natürlich ist diese Idee der freien Wahl die Grundlage
einer freien Gesellschaft. Ich habe die deutsche
Vereinigung unterstützt und das auch seit Mai 1989
gesagt. Denn ich war überzeugt, daß die Bundesrepublik Deutschland wirklich an freie Wahl und daher
an Freiheit glaubte.
Im Juni 1983 besuchte ich in meiner Eigenschaft als
Vizepräsident die Stadt Krefeld. Damals fanden
riesige Demonstrationen gegen die Stationierung von
Mittelstreckenraketen durch die NATO statt. Viele
von Ihnen werden sich daran erinnern. Tausende
von Menschen gingen auf die Straße, um gegen die
Politik meiner Regierung zu protestieren. Die Demonstranten warfen Steine auf unser Auto. Ich
erinnere mich, wie ich mit Helmut Kohl in einer
Garage saß und darauf wartete, daß die Straße frei
würde, damit wir weiterfahren konnten. Und ich
dachte: Das ist eine Gesellschaft, die wirklich an
Redefreiheit glaubt. Das ist wahre Demokratie. Aber
ich gebe zu: Als ein wahnsinnig gewordener Demonstrant mit seiner mit Steinen gefüllten Jacke auf unser
Auto einschlug, kam mir seine Idee von Meinungsfreiheit etwas übertrieben vor.
1989 und 1990 äußerten andere Politiker mir gegenüber, wie besorgt sie über das neue Deutschland
waren. Ihre Besorgnis war verständlich. Ich bat sie
nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder beiseite
zu schieben, aber ich sah, daß Deutschland aus der
Vergangenheit gelernt, mit ihr gebrochen und sich
dazu entschlossen hatte, eine andere Nation zu
werden. Wieder sehen wir, wie Vertrauen daraus
entsteht, daß man den Menschen die Chance gibt,
eine neue, bessere Zukunft zu wählen.

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�Daher ist es nur angemessen, daß wir diese Feier in
Ostdeutschland abhalten, mit einem der neuen
ostdeutschen Staatsmänner - Ministerpräsident
Stolpe. 1990 äußerten manche, Ostdeutschland
könne sich nie von 40 Jahren Kommunismus erholen. Sie behaupteten, die "Ossis" könnten nicht mit
der Zukunft fertigwerden. Weit gefehlt! 1989 und
1990 trafen die Menschen in Ostdeutschland eine
Entscheidung über ihre Zukunft. Sie haben richtig
gewählt. Ich weiß, daß Sie das auch weiterhin tun
werden.
Es ist nicht einfach, durch Berlin oder Potsdam zu
fahren, ohne über die Energie und das Wachstum
nachzudenken, von denen man umgeben ist. Wohin
man auch schaut, sieht man Baukräne am Himmel,
die neue Gebäude errichten. Jeder Baukran bedeu-

tet, daß jemand Zeit, Mühe und Geld aufwendet, um
etwas anderes zu versuchen, etwas Neues aufzubauen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Während wir der Konferenz gedenken, die vor 50
Jahren hier stattfand, ist die vielleicht wichtigste
Lektion eine Botschaft der Hoffnung. Während wir
über das Deutschland von 1945 und das Deutschland
von 1995 nachsinnen, erkennen wir, daß dieses Land
ohne unseren Glauben an die Zukunft nicht so weit
gekommen wäre und nicht so viel erreicht hätte. Mit
diesem Glauben kann das Land - und besonders
dieser Teil - Fortschritte machen und den nächsten
50 Jahren zuversichtlich entgegensehen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

Seite 3

�GESCHICHTE
2. August 1995

Ein inspirierender Augenblick in der Geschichte
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenage!
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 27. Juli 1995 im Haus der Geschichte aus
Anlaß der Enthüllung des Mondsteines hielt.
Herzlichen Dank für die Einladung am heutigen
Morgen. Es ist äußerst angemessen, daß wir hier in
diesem schönen Gebäude, inmitten Ihrer historischen Ausstellung über die sechziger Jahre stehen.
Jahrhunderte später, wenn die Emotionen über
dieses turbulente Jahrzehnt nur Zeilen in den
Geschichtsbüchern sind, wird die erste Landung des
Menschen auf dem Mond ein inspirierender, erinnerungswürdiger Augenblick sein.
Überall in diesem Raum bemerken Sie andere
Memorabilien der sechziger Jahre. Sozialer Wandel,
Demonstrationen, Kommunen.
Steine sind ein
treffendes Andenken dieser turbulenten Zeit. Während dieses Jahrzehnts wurden Steine benutzt, um
die Frustration über das System zum Ausdruck zu
bringen. Einige wurden sogar auf Amerika Häuser
und amerikanische Konsulate in Deutschland geworfen. Dieser hier symbolisiert den nicht unterdrückbaren Geist des Menschen.
Dieser besondere Stein kommt nicht von unserer
Welt. Er gehört zu einer Welt, die weit entfernt von
unseren weltlichen Belangen ist. Einen kurzen,
leuchtenden Moment lang hatten wir diese Welt in
unserem Visier und schickten unsere Astronauten,
sie zu erkunden. Die amerikanische Flagge, die sie
auf dem Mond hißten, wird nicht als Zeichen der
Eroberung durch eine Nation im Gedächtnis bleiben.
Sie steht vielmehr als Symbol für das erfüllte
menschliche Streben. Wir griffen nach dem Mond,
als wir eine menschliche Reise zu den Sternen
begannen.
Die Erforschung des Weltraums stand und steht in
Konkurrenz zu eher irdischen Unterfangen. Vor
einem Jahrhundert schrieb Oscar Wilde, "alle Kunst
ist ziemlich nutzlos" - und einige haben dasselbe
über das Weltraumprogramm gesagt. Aber obwohl
irdische Aufgaben wichtig sind - insbesondere für
das Hier und Jetzt - inspirieren die Träume des
Menschen uns zu Größe.

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Man sollte sich vor Augen führen, daß das Weltraumprogramm in keiner Weise nutzlos für das Leben
auf der Erde war. Viele bedeutende Innovationen,
die wir jetzt als selbstverständlich hinnehmen - in der
Medizin, in den Computerwissenschaften, bei den
Bequemlichkeiten des alltäglichen Lebens - würden
wir ohne es nicht kennen. Das Apollo-Programm
hatte über sein erklärtes Ziel hinaus Erfolg. Ebenso
wie die Raumfähre und die permanenten Weltraumstationen, die wir bauen, steht es für die immer
größer werdenden Schritte der Menschheit auf ihrem
Weg zu einem unbekannten Schicksal. Die Erforschung des Weltraums ist ein kooperatives Unternehmen: Amerikaner, Russen, Europäer.
Deutschland hat bei unseren gemeinsamen Bestrebungen eine wichtige Rolle gespielt. An zwei Space
Shuttle-Missionen nahmen deutsche Astronauten
Seite an Seite mit Amerikanern teil. Gemeinsame
Experimente im europäischen Weltraumlabor haben
unseren beiden Ländern neue Technologien erschlossen. Auch Rußland, das andere große Land,
das an dem Wettlauf um die Erforschung des Weltraums teilnimmt, hat seit zwei Jahrzehnten deutsche
Astronauten an seinen Missionen beteiligt. Vor
kurzem beendeten Amerikaner und Russen eine
Mission auf der russischen Weltraumstation MIR.
Diese gesamte Arbeit repräsentiert die Menschheit
bei einem "Star Trek"-Ausflug in unbekannte Welten.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Science Fiction war, schrieb der britische Astronom
Fred Hoyle über die Macht der "Vision": "Wenn erst
einmal ein von außerhalb aufgenommenes Foto der
Erde verfügbar ist ... wird eine neue Idee entstehen,
die mächtiger ist als alles in der Geschichte."
Zwanzig Jahre später wurde diese Vision Realität.
Die Astronauten der amerikanischen Apollo-Mission
landeten auf dem Mond und sind bis heute die
einzigen Menschen, die in der Weite des Universums
die Erde als Ganzes gesehen haben. Als er die Erde

Seite 1

�vom Mond aus sah, erklärte der Astronaut James
Irwin, ein Mitglied der Apollo-Besatzung: "Dieses
wunderschöne, warme, lebende Objekt sah so zart
und zerbrechlich aus, als würde es bei bloßer Berührung auseinanderfallen."
Die Landung auf dem Mond hat uns verändert. Wir
alle werden durch das beeinflußt, was diese Männer
sahen - und wir sahen es durch ihre Augen. Die
wachsende Umweltbewegung ist ein Beispiel. Wir
werden uns immer stärker bewußt, daß diese wunderschöne Welt geschützt werden muß und wir für
sie verantwortlich sind.
Die gemeinsamen Bestrebungen im Weltraum sind
ein Beispiel dafür, was wir als Freunde gemeinsam
erreichen können. Die Vereinigten Staaten und
Deutschland haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das sich immer wieder in Krisen bewährt und
die Zeit überdauert hat. Wir können uns aufeinander

*

Seite 2

*

verlassen, unsere technologische Zusammenarbeit
auszuweiten und unseren Wohlstand in dieser neuen
Welt zu gewährleisten. Obwohl wir zwei souveräne
Länder sind, bilden wir eine Familie. Familien sind im
Vertrauen geeint - ein Vertrauen, das für die Sicherung unserer Zukunft von entscheidender Bedeutung
ist.
Dieser Stein, der älter ist als unsere Nationen, wird
die Lebenszeit der Menschheit auf diesem Planeten
überdauern. Er wird jedoch noch auf lange Zeit in
dieser Halle als Symbol unserer Partnerschaft stehen,
das zeigt, was einer gemeinsamen Sache verschriebene Menschen zur Erreichung eines gemeinsamen
Ziels bewirken können. Wir freuen uns, daß dieser
ganz besondere Mondstein im Haus der Geschichte
ausgestellt wird.
Nochmals vielen Dank.

*

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�MEDIEN
2. August 1995

Medien und die Gesellschaft
von Fredric A. Emmert
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Bedeutung der amerikanischen
Medien in den neunziger Jahren. Der Verfasser, Fredric A. Emmert, gehört dem Auswärtigen Dienst des USInformationsamts an. Während seiner 25jährigen Laufbahn, die ihn unter anderem auch nach Lateinamerika
und Europa führte, beobachtete er amerikanische und ausländische Medien und arbeitete mit ihnen zusammen.

Pressefreiheit
Die Medien in den Vereinigten Staaten sind ein
Spiegel der Werte und des Charakters der Gesellschaft und setzen sich für den Erhalt der Grundsätze
ein, auf denen die amerikanische Gesellschaft fußt.
Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung bildet die Grundlage für Pressefreiheit in
Amerika. Aufgrund dieses umfassenden verfassungsmäßigen Schutzes der Pressefreiheit und
analoger Bestimmungen in den Verfassungen der 50
amerikanischen Bundesstaaten gibt es in den
Vereinigten Staaten nur wenige Pressegesetze. Die
existierenden enthalten zusätzlichen Schutz und
weitere Rechte für Journalisten in Kategorien, die
nicht in der Verfassung vorgeschrieben sind. Das
Gesetz über die Privatsphäre von 1974, das die
Sammlung und Weiterleitung persönlicher Daten aus
den Akten der Bundesbehörden regelt, und das
Gesetz über den Schutz der Privatsphäre von 1980,
das Schutz vor polizeilicher Durchsuchung von
Nachrichtenzentralen bietet, sind Beispiele für solche
Gesetze. Zusätzliche Beispiele sind Gesetze auf
landesweiter oder bundesstaatlicher Ebene über
Informationsfreiheit und die sogenannten "Sonnenschein"-Gesetze, beispielsweise das Gesetz über
Informationsfreiheit von 1966, durch das Öffentlichkeit und Presse Einblick in Aufzeichnungen der
Exekutive erhalten.
Der Umfang amerikanischer Pressefreiheit wurde
jedoch hauptsächlich durch Gerichtsentscheidungen
festgelegt, die Feinheiten des ersten Zusatzartikels
zu Verfassung auslegten. Im allgemeinen entschieden die Gerichte, daß der Presse die Rolle eines
"Wachhundes" der Regierung zukommt und sie
keinen Beschränkungen oder Registrierungen
unterworfen sein sollte. Andererseits fallen Verleumdung, Obszönität und die Veröffentlichung von
nationalen Sicherheitsgeheimnissen im allgemeinen

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nicht unter den Schutz des ersten Zusatzartikels zur
Verfassung.
Die Überwachungsfunktion
In einer Vielzahl von Gerichtsentscheidungen wurde
festgelegt, der Presse komme eine wichtige Funktion
als Hüter der Demokratie und Überwachungsorgan
gegen Mißbrauch durch die Regierung zu. Der
Richter des Obersten Bundesgerichts der Vereinigten
Staaten, Hugo Black, gab in seinem abschließenden
Gutachten des Falls der Pentagon Papers von 1971
die vielleicht beste Zusammenfassung dieses wichtigen Themas des amerikanischen Verfassungsrechts:
Die Macht der Regierung, die Presse zu zensieren, wurde abgeschafft, damit die Presse
auf ewig die Freiheit besitzt, die Regierung zu
zensieren. Die Presse war geschützt, damit
sie die Geheimnisse der Regierung enthüllen
und das Volk informieren konnte.
Die Gerichte lehnten die meisten Versuche der
Regierung zur Verhängung einer Vorzensur ab. Das
bekannteste jüngste Beispiel eines solchen Versuchs
der Regierung war die Forderung der Nixon-Administration nach einer dauerhaften Verfügung, die
Veröffentlichung der Pentagon Papers durch die The
New York Times und The Washington Post auf der
Grundlage der Behauptung zu verbieten, die Veröffentlichung geheimer Dokumente über die Geschichte der amerikanischen Verwicklung in den
Vietnamkrieg würde den Vereinigten Staaten großen
Schaden zufügen.
Das Oberste Bundesgericht
entschied mit 6 zu 3 Stimmen, die Regierung habe
nicht "die schwere Aufgabe erfüllt, eine solche
Beschränkung zu rechtfertigen".
Aus dem gleichen Grund haben die Gerichte die
Tradition aufrechterhalten, daß staatliche Zensur

Seite 1

�durch Lizensvergabe und Registrierungserfordernisse für Zeitungen und Journalisten verfassungswidrig sind. Dennoch fordern die Gerichte weiterhin,
daß Besitzer und leitende Mitarbeiter von Zeitungen
und Zeitschriften vereidigte Erklärungen mit Listen
von Besitzern, Aktionären und Redakteuren einreichen, um sich für Versandprivilegien zu niedrigeren Kosten zu qualifizieren. Aufgrund ihrer besonderen Natur sind Rundfunk- und Fernsehsender
speziellen Zulassungsbestimmungen unterworfen.
Verleumdung
Im Verlauf der amerikanischen Geschichte verfügten
die Gerichte, die Presse sei nicht vom ersten Zusatzartikel zur Verfassung geschützt, wenn sie sich
verleumderischer Sprache bedient und damit den
Ruf von Einzelpersonen und Institutionen schädigt.
Bis 1964 fielen die Rechtsnormen über die Definition
und Entschädigung bei Verleumdung, einschließlich
verleumderischer Beleidigung, fast ausschließlich in
den Zuständigkeitsbereich der Bundesstaaten. In
diesem Jahr entschied jedoch das Oberste Bundesgericht im Fall "The New York Times gegen Sullivan", die Presse hafte nur dann für verleumderische
falsche Behauptungen über Personen des öffentlichen Lebens, wenn diese ihr "tatsächliche Böswilligkeit" nachweisen können. Diese Entscheidung
erschwerte es den Klägern, Urteile gegen die Presse
zu sprechen, da sie nicht nur beweisen mußten, daß
eine falsche Sprache verwendet wurde, sondern sie
den Geschworenen auch zeigen mußten, daß die
Zeitung oder der Journalist wissentlich Unwahrheiten
veröffentlich hatte.
Obszönität
Obwohl die Gerichte schon seit langem festgelegt
hatten, Medien, die Obszönitäten oder Pornographie
veröffentlichen oder senden, genössen nicht den
Schutz des ersten Zusatzartikels zur Verfassung, ist
es für einen Richter schwierig, diese Begriffe zu
definieren. Folglich wies das Oberste Bundesgericht
1973 in den Fällen "Miller gegen Kalifornien" und
"Paris Adult Theater gegen Slaton" die Idee eines
nationalen Obszönitätsstandards zurück und überließ
die Definition und Regelung von Obszönität den
"zeitgenössischen Gemeinschaftsnormen, die von
den anzuwendenden bundesstaatlichen Gesetzen
festgelegt werden".
Das Oberste Bundesgericht erklärte jedoch, ein
allgemeiner Test auf Obszönität müsse festlegen:
1. ob ein "Durchschnittsbürger unter Anwendung
zeitgenössischer Gemeinschaftsnormen" zu dem
Schluß gelangen würde, daß die Arbeit als Ganzes lasziven Interessen entgegenkommt,

Seite 2

2. ob die Arbeit auf eine offenkundig offensive Weise
sexuelles Verhalten darstellt oder beschreibt, wie
es von den anzuwendenden bundesstaatlichen
Gesetzen definiert ist und
3. ob die Arbeit als Ganzes keinen ernsthaften
literarischen, künstlerischen, politischen oder
wissenschaftlichen Wert hat.
Militärische und atomare Geheimnisse
In den Vereinigten Staaten gibt es kein Gesetz über
Staatsgeheimnisse, aber die Gerichte legten fest, daß
der erste Zusatzartikel zur Verfassung nicht die
Medien schützen soll, die militärische oder atomare
Geheimnisse abdrucken oder in Rundfunk und
Fernsehen senden. Wenn ein Journalist in den
Besitz solch geheimer Informationen gelangt, steht
die Regierung vor der schweren Aufgabe, ein Gericht
zu überzeugen, die Veröffentlichung im voraus zu
verbieten, wie der Fall der Pentagon Papers demonstrierte.
Privatsphäre
Der Oberste Gerichtshof erkannte schon vor langer
Zeit das Recht auf Privatsphäre unter der verfassungsmäßigen Bill of Rights an. Infolgedessen
haben die Medien keine Basis dafür, in die Privatsphäre einer Person einzugreifen, obwohl im öffentlichen Leben stehende Menschen im allgemeinen als
gefundenes Fressen für Nachrichtenzwecke betrachtet werden. Aus dem gleichen Grund können die
Medien nicht den Namen oder das Bild einer Person
für kommerzielle Zwecke, beispielsweise in der
Werbung, ohne ihr Einverständnis benutzen.
Gerichtsverfahren und die Presse
Nachdem das Oberste Bundesgericht viele Jahre den
Versuch unternommen hatte, das Recht der Öffentlichkeit auf Information, was sich in den Gerichten
des Landes abspielt, das Recht der Presse, Zugang
zu juristischen Verfahren und Aufzeichnungen zu
erhalten, und das Recht des Angeklagten auf ein
faires Gerichtsverfahren miteinander in Einklang zu
bringen, entschied es 1976 im Fall "Nebraska gegen
Stuart", die Presse könne - außer in seltenen Ausnahmefällen - nicht an der Berichterstattung über
öffentliche Gerichtsverhandlungen gehindert werden.
Nach dieser Entscheidung stimmten amerikanische
Gerichte allmählich einer erweiterten Medienberichterstattung in Gerichtssälen zu. Zwischen 1965 und
1980 beispielsweise beschlossen 11 Bundesstaaten,
Berichterstattung aus den Gerichtssälen in Bild und
Ton auf Dauer zu gestatten. Im Fall "Chandler gegen
Florida" aus dem Jahr 1980 entschied das Oberste

AMERIKA DIENST 24

�Bundesgericht einhellig, die Verfassung verbiete
keinem Bundesstaat Experimente mit elektronischer
und optischer Berichterstattung über Gerichtsverfahren. 1992 hatten 45 Bundesstaaten entweder
dauerhaft oder versuchsweise elektronische Medienberichterstattung zugelassen.
Der Zugang zu Gerichtsverfahren war 1992 so
verbreitet, daß der Kabelkanal "Courtroom Network"
begann, 24 Stunden täglich Gerichtsverhandlungen
in 5,5 Millionen amerikanische Haushalte zu übertragen. Im Gegensatz dazu stimmte die amerikanische Juristenkonferenz, ein politisch einflußreiches
Gremium, das die amerikanischen Bundesrichter
vertritt, im September 1994 für die Aufrechterhaltung
des Verbots von Fernsehkameras im Bundesgericht.
Regelung der Fernseh- und Radioübertragung
Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften sind
Rundfunk und Fernsehen strengeren Bestimmungen
unterworfen als die Printmedien, und die Gerichte
vertreten die Auffassung, daß solche Bestimmungen
nicht gegen den ersten Zusatzartikel zur Verfassung
verstoßen. Eine logische Erklärung für die strengeren Bestimmungen bei der Rundfunkübertragung ist
die Tatsache, daß der Äther ein kostbares Gut im
Besitz der Öffentlichkeit ist und die Zuhörer und
Zuschauer im Unterschied zu Zeitungs- und Zeitschriftenlesern ein "unfreiwilliges Publikum" sind.
Die explosionsartige Zunahme der Medien hat diese
Theorie jedoch geschwächt.
1934 richtete der Kongreß die Bundesbehörde für
das Fernmeldewesen (Federal Communications
Commission - FCC) ein, die die Rundfunk- und
Fernsehindustrie beaufsichtigt. Obwohl die entsprechenden Gesetze erlassen wurden, bevor das
Fernsehen zum Massenmedium wurde, wurden sie
seitdem nicht substantiell abgeändert. Das Gesetz
betraut die FCC nicht nur mit Überwachungsfunktionen, sondern auch mit der Lizenzvergabe sowie dem
Erlaß von Vorschriften entsprechend dem "öffentlichen Interesse, der Angemessenheit und Notwendigkeit".
Im Einklang mit diesem Mandat bemühte sich die
FCC um die Förderung von Vielfalt bei Inhalt und
Besitzverhältnissen in der Fernmeldeindustrie.
Das Gesetz von 1934 über die Einrichtung der
Bundesbehörde für das Fernmeldewesen wandte
insbesondere Kartellgesetze auf das Fernmeldewesen an und forderte den Lizenzentzug für alle
Fernseh- und Radiostationen, deren Besitzer monopolistische Praktiken anwenden. Im Lauf der Jahre
erließ die FCC Bestimmungen über Einschränkungen beim Besitz von Sendern innerhalb einer Stadt

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sowie 1975 eine Verfügung, die die Abschaffung des
gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Fernsehstationen beziehungsweise Zeitungen und Rundfunksendern auf einem Markt vorsah. Ferner entschied
die FCC, daß ausländische Unternehmen nicht mehr
als 25 Prozent der Stimmrechtsaktien eines Fernmeldebetreibers in den Vereinigten Staaten besitzen
dürfen.
Die Verbreitung des Kabelfernsehens, das nicht
durch Frequenzvergabe beschränkt ist und eine
große Programmvielfalt bietet, veranlaßte die FCC in
den achtziger Jahren zu einer Lockerung ihrer
Fernmeldebestimmungen. Beispielsweise erhöhte sie
die Anzahl von Mittelwelle- und UKW-Rundfunksendern und Hochfrequenzfernsehstationen, die ein
Unternehmen besitzen kann, von jeweils 7 auf 12,
falls der Anteil am nationalen Markt der Fernsehstation nicht die 25-Prozent-Marke überschreitet.
1994 erhöhte die FCC erneut die Obergrenze von
Mittel- und UKW Stationen im Besitz eines Unternehmens (auf jeweils 20), die maximale Zahl bei
Fernsehstationen blieb jedoch bei 12. Die Lizenzzeit
wurde von 3 Jahren für Rundfunk- und Fernsehsender auf 7 Jahre für den Rundfunk und 5 Jahre für das
Fernsehen festgesetzt. Fernsehstationen können
jetzt (mit gewissen Einschränkungen) Kabelsysteme
besitzen, und das Telekommunikationsgesetz für
Kabelfernsehen von 1984 gestattet Zeitungen den
Besitz von Kabelkanälen, selbst wenn beide denselben Markt bedienen.
1986 verfügte der Kongreß die komplette Deregulierung der Kabelfernsehindustrie. Nach weitverbreiteten Klagen der Verbraucher verabschiedete der
Kongreß 1992 ein Gesetz zur erneuten Regulierung
der Industrie, und das von Präsident Bush dagegen
eingelegte Veto wurde überstimmt. Ferner entschied
die FCC 1987, nicht länger ihre "Fairness-Doktrin"
durchzusetzen, die von Rundfunk und Fernsehen
verlangte, Vertretern gegensätzlicher Meinungen
gleichviel Zeit einzuräumen. Der Kongreß bemühte
sich um eine Kodifizierung der "Fairness-Doktrin",
aber Präsident Reagan legte gegen das Gesetz sein
Veto ein. Anschließende Versuche des Kongresses
zur Wiedereinführung der Doktrin waren nicht erfolgreich.
1990 verabschiedete der Kongreß das Gesetz über
Kinderfernsehen, das die in Kinderprogrammen
erlaubte Werbezeit leicht verringerte.
Im Dezember 1994 eröffnete die FCC in Anbetracht
des verstärkten Wettbewerbs zwischen den Betreibern von Kabel- und Satellitenfernsehen eine öffentliche Debatte über Vorschläge zur allmählichen
Vergrößerung des Zuschaueranteils für einen Sender.
Die Vorschläge der FCC würden auch die Beschrän-

Seite 3

�kungen des Besitzes von zwei Fernsehstationen auf
großen Märkten lockern und Unternehmen den
Besitz von Rundfunk- und Fernsehstationen auf
demselben Markt gestatten.
Aufgrund der zunehmenden Annäherung zwischen
den Medien unterbreitete die Clinton-Administration
den Vorschlag über eine neue Telekommunikationspolitik zur Öffnung der sogenannten "Datenautobahn". In einer am 11. Januar 1994 gehaltenen
Rede skizzierte Vizepräsident Gore die Vorschläge
der Administration zur Ermutigung von Wettbewerb
auf dem Informationsmarkt, einschließlich der
Empfehlung, Telefon- und Kabelfernsehgesellschaften den Zusammenschluß zu gestatten. Diese
Vorschläge wurden vom 103. Kongreß nicht angenommen. Im Januar 1995 schlug die neue
republikanische Mehrheit im 104. Kongreß eine noch
umfassendere Neufassung des Kommunikationsgesetzes von 1934 vor, die den Gerichtsentscheid
über die Auflösung des Kommunikationsgiganten
AT&amp;T sowie die landesweiten und bundesstaatlichen
Gesetze über den Ausschluß von Telefon- und
Kabelfernsehgesellschaften vom jeweils anderen
Markt annullieren würde.
Medien und Wahlen
Die amerikanischen Medien werden im Wahlprozeß
zu einem immer wichtigeren Faktor. Zehntausende
von Tages- und Wochenzeitungen sowie Hunderte
von Wochen- und Monatszeitschriften berichten
ausführlich über den Wahlkampf. Die Kandidaten
bemühen sich eifrig um Unterstützung durch die
großen Publikationen. Seit 1960 ist das Fernsehen
das bei weitem dominanteste Medium. In jenem
Jahr besiegte John F. Kennedy Richard M. Nixon in
einer der knappsten Präsidentenwahlen der amerikanischen Geschichte, wobei nach Meinung vieler Beobachter das gute Abschneiden Kennedys in den
Fernsehdebatten der beiden Kandidaten der entscheidende Faktor war.
Der junge und telegene Kennedy erkannte als erster
Präsident das ganze Potential des Fernsehens und
machte es sich geschickt zunutze. Andererseits gab
Walter F. Mondale, der erfolglose Präsidentschaftskandidat der Demokraten aus dem Jahr 1984, zu:
"Ich konnte mich nie für das Fernsehen erwärmen,
und das Fernsehen nie für mich. Sein siegreicher
republikanischer Herausforderer, Ronald Reagan der den Spitznamen "der große Kommunikator"
erhielt - gab dank seiner jahrelangen Erfahrung als
Film- und Fernsehschauspieler während seiner
beiden Amtszeiten eine meisterhafte Vorstellung auf
dem Bildschirm.

Seite 4

Der Präsidentschaftswahlkampf von 1992 markierte
einen Wandel in bezug auf die Macht der drei großen
Fernsehsender - CBS, NBC und ABC - die Berichterstattung und Wahlkampfbotschaften übermittelten.
In diesem Jahr griffen die Kandidaten häufig auf das
Kabelfernsehen, insbesondere CNN (Cable News
Network), als wichtiges alternatives Instrument
zurück. Der unabhängige Kandidat Ross Perot gab
beispielsweise seine Kandidatur in der "Larry King
Live "-Show von CNN bekannt, und der demokratische
Kandidat Bill Clinton wählte MTV, um sein Talent als
Saxophonspieler zu demonstrieren.
Als die Fähigkeit des Kabelfernsehens zur Berichterstattung über einen Wahlkampf 24 Stunden am Tag
offensichtlich wurde, verlegten die großen Fernsehsender ihren Schwerpunkt von erschöpfender Berichterstattung auf die Interpretation und Analyse von
Wahlkampagnen. Obwohl die drei großen Fernsehsender 1992 mit 55 Prozent der Zuschauer oder 22
Millionen Haushalten bei den Abendsendungen
eindeutig führend waren, spielt das Kabelfernsehen
im Wahlkampf eine immer wichtigere Rolle, die im
Laufe des Jahrzehnts sicherlich noch zunehmen wird.
Da das Femsehen immer teurer und anspruchsvoller
wird, gaben beide großen Parteien immer mehr Geld
für Experten aus, die den Kandidaten den besten
Umgang mit dem Medium beibringen sollten, insbesondere in den entscheidenden Fernsehdebatten,
die seit 1960 zu einem Hauptgegenstand der Präsidentschaftswahlkämpfe wurden. Neben der Kennedy-Nixon-Debatte wird die dritte Debatte zwischen
Präsident Carter und dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan weithin als entscheidend für den Wahlausgang angesehen. Zudem
haben die beiden führenden Parteien - Demokraten
und Republikaner - große Summen für Werbeagenturen vorgesehen, die in kurzen Werbespots die
Botschaft ihrer Kandidaten übermitteln und ein
schlechtes Licht auf ihre Opponenten werfen. Die
Werbung im Wahlkampf George Bushs von 1988
beispielsweise war eindeutig ein entscheidender
Faktor für den Sieg Bushs über Michael Dukakis.
Bei der Planung ihres Wahlkampfes nutzen Politiker
in zunehmendem Maße Meinungsumfragen. Nachdem eine Zeitung in Harrisburg (Pennsylvania) 1828
zum ersten Mal Umfragen durchführte, sind diese zu
einem festen Bestandteil des Wahlprozesses in den
Vereinigten Staaten geworden. Obwohl die Meinungsumfragen mit den Jahren verbessert wurden,
versagten sie bei mehreren Gelegenheiten vollständig
mit der Vorhersage, wer die Präsidentschaft gewinnen würde. Das bekannteste Beispiel ist der Sieg
von Harry Truman über Thomas E. Dewey im Jahr
1948, auf den die Meinungsforscher voller Zuversicht
gesetzt hatten und den die Chicago Daily Tribüne

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�fälschlicherweise am Tag nach der Wahl zum Sieger
erklärt hatte. Trotz ihrer Mängel wurden für gewöhnlich in Zusammenarbeit mit einer nationalen Fernsehstation von den führenden nationalen Zeitungen
durchgeführte Meinungsumfragen ein wichtiges
Instrument für politische Strategien zur Feinabstimmung ihrer Kampagnen und zum Ausmachen der
Schwächen des Gegners.
Die Medien unterzogen die Kandidaten für ein
nationales Amt in den Vereinigten Staaten einer
genauen Prüfung, die häufig zum Sturz dieser
Kandidaten führte. Ein führender Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Senator Gary Hart, sah
sich 1988 gezwungen, seinen Wahlkampf abzubrechen, nachdem die Presse seine Affäre mit einer
jungen Frau aufgedeckt hatte. 1992 wurde zum
ersten Mal ein Präsident - George Bush - von einem
Reporter gefragt, ob er je Ehebruch begangen habe.
Solch ein zunehmend die Privatsphäre verletzendes
Verhalten der amerikanischen Presse hat ziemliche
Diskussionen über das Ausmaß ausgelöst, in dem
es der Presse gestattet sein sollte, in das Privatleben von Amtsinhabern oder Kandidaten für ein
nationales Amt einzugreifen.
Es scheint keine
eindeutige Schlußfolgerung der Debatte zu geben,
aber die Tendenz geht zu vermehrter Einmischung
der Medien in das private und öffentliche Leben von
Politikern.
Journalistische Ethik
Die Rolle der amerikanischen Presse als Wachhund
machte sich in den sechziger Jahren während des
Vietnamkriegs und der Watergate-Ermittlungen
Anfang der siebziger Jahre bemerkbar. Im ersten
Fall spielte die Presse eine führende Rolle dabei,
den Rückzug der Vereinigten Staaten aus einem
unpopulären Krieg zu beschleunigen, und im zweiten
Fall gelang es zwei hartnäckigen Reportern von The
Washington Post, Bob Woodward und Carl Bernstein, Fakten aufzudecken, die zum Rücktritt von
Präsident Nixon führten. Infolgedessen wurden
Woodward und Bernstein zu Medienberühmtheiten,
und ihr Buch über die Ermittlungen, Die Watergate
Affäre, wurde verfilmt.
Einige Zeit danach florierte der Trend zu Sensationsjournalismus. Einige Exzesse Anfang der achtziger
Jahre veranlaßten die amerikanische Öffentlichkeit
jedoch, die Glaubwürdigkeit der Presse anzuzweifeln.
Eine junge Washington Post-Reporterin
gewann zum Beispiel den Pulitzerpreis (die höchste
journalistische Auszeichnung) für ihre bewegende
Schilderung eines achtjährigen Heroinsüchtigen
namens Jimmy. Später wurde bekannt, daß sie die
Geschichte erfunden hatte, und der Pulitzerpreis
wurde ihr aberkannt.

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Angesichts von Meinungsumfragen, die zunehmendes Mißtrauen der Öffentlichkeit gegenüber der
Presse Ende der siebziger Jahre belegten, zeigten
zahlreiche Redakteure erneutes Interesse an einem
Ehrenkodex und anderen Formen der Selbstkontrolle.
Journalistische Ehrenkodizes, die darlegten, wie sich
die Presse in den Vereinigten Staaten verhalten soll,
gibt es seit 1923, als die amerikanische Gesellschaft
der Zeitungsredakteure (American Society of Newspaper Editors - ASNE) den ersten Kodex verabschiedete, der zuletzt 1975 überarbeitet wurde. Die
Gesellschaft der Berufsjournalisten/Sigma Delta Chi
(Society of Professional Journalists/ Sigma Delta Chi)
und der Verband der Presse-Chefredakteure (Associated Press Managing Editors) stimmten ähnlichen
Kodizes zu. Diese Ehrenkodizes der drei führenden
Berufsverbände von Zeitungsredakteuren enthalten
wichtige Richtlinien und fordern die Journalisten auf,
ihren Beruf mit Intelligenz, Objektivität, Genauigkeit
und Fairness auszuüben. Sie sind jedoch nur
freiwillig, und bei Nichteinhaltung werden keine
Sanktionen verhängt.
Einige Zeitungen haben mit anderen Instrumenten für
verbessertes ethisches Verhalten experimentiert, wie
etwa dem Ombudsmann - einem aus Skandinavien
übernommenen Konzept. Ein Ombudsmann ist eine
von einer Zeitung ernannte Person, die Beschwerden
über die Berichterstattung und Praktiken der Zeitung
prüfen und die Ergebnisse der Ermittlungen veröffentlichen soll. The Louisville Courier Journal
(Louisville, Kentucky) war 1967 die erste amerikanische Zeitung, die dieses System einführte. Unter den
nationalen Elite-Tageszeitungen richtete jedoch nur
The Washington Post ein unabhängiges Ombudsmann-Büro mit der Befugnis ein, Mißbrauch oder
Mängel der Zeitung zu prüfen und aufgrund von
Beschwerden der Leser einzugreifen. 1985 hatte die
Organisation der Zeitungs-Ombudsleute eine Liste
von 30 aktiven Ombudsleuten, und die durchschnittliche Auflage der Zeitungen, für die sie arbeiteten,
belief sich auf rund 130.000. Seit damals haben
jedoch zahlreiche Zeitungen dieses System abgeschafft.
Das ebenfalls aus Europa (Großbritannien) importierte Konzept eines Nachrichtenrats stand für einen
weiteren Versuch der Selbstkontrolle der Presse mit
gemischten Ergebnissen. Das ehrgeizigste amerikanische Experiment war der 1973 gegründete, durch
mehrere private Stiftungen finanzierte nationale
Nachrichtenrat. Er hatte die Unterstützung von The
Washington Post, The Wall Street Journal, The
Christian Science Monitor, CBS, The Associated
Press und der United Press International. Der Rat
handelte als Alternative zu Verleumdungsklagen und
anderen rechtlichen Schritten. Er prüfte Beschwerden gegen Medienorganisationen, bei denen der

Seite 5

�Kläger zustimmte, keine Zivilklage gegen den
Beschuldigten vorzubringen.
Die Finanzierung
wurde jedoch 1984 eingestellt, und nur einige
wenige Räte - wie der Minnesota News Council operieren weiterhin erfolgreich auf Bundesstaatenebene.
Diese - wenn auch lobenswerten - Experimente
verbesserten die Einstellung der Öffentlichkeit
gegenüber der Presse nicht maßgeblich. Unmittelbar nach der Entsendung amerikanischer Truppen
nach Grenada im Jahr 1984 und der Beteiligung am
Golfkrieg 1991 durchgeführte Meinungsumfragen
deuteten darauf hin, daß die amerikanische Öffentlichkeit die Einschränkungen mit überwältigender
Mehrheit unterstützte, die der Medienberichterstattung vom amerikanischen Militär auferlegt worden
waren. Während die Reporter praktisch uneingeschränkten Zugang zum Kriegsschauplatz in Vietnam
hatten, war dieser in Grenada strengen Restriktionen
unterworfen. In einer mit dem US-Verteidigungsministerium im Anschluß an Grenada erzielten
Vereinbarung operierten sie im Golfkrieg unter einem
"Pool"-Arrangement, bei dem ausgewählte Vertreter
Filmaufzeichnungen und Berichte von der Front an
Medienvertreter weitergaben, die nicht in den Kampfgebieten waren.
Das Verteidigungsministerium
führte in beiden Fällen Sicherheitsbelange und die
kleinen Kriegsschauplätze als Grund für die Restriktionen an.
Ethische Fragen verfolgen die amerikanischen
Medien weiterhin. Eines der heißesten aktuellen
Themen für amerikanische Journalisten ist, wo die
Linie zwischen dem Recht des einzelnen auf Wahrung seiner Privatsphäre und dem Recht der Öffentlichkeit auf Information zu ziehen ist. Als beispielsweise The Village Voice im Juli 1991 ein von einem
freiberuflichen Journalisten verfaßter Artikel angeboten wurde, der die Homosexualität eines hohen
Beamten des Verteidigungsministeriums aufdeckte,
verwarfen die Redakteure dieser New Yorker Wochenzeitschrift den Beitrag als ungerechtfertigten
Eingriff in die Privatsphäre. Einen Monat später
gestatteten dieselben Redakteure einem VoiceKolumnisten, einen Bericht über die Beschuldigungen und den Namen des Regierungsvertreters zu
veröffentlichen. Als logische Erklärung führten sie
die Tatsache an, die Identität des Mannes werde
von anderen Nachrichtenorganen so weithin genannt, daß Zurückhaltung müßig sei. Auf der
anderen Seite entschied sich The Washington Post
zur Berichterstattung über die Kontroverse ohne
Namensnennung des Beamten aufgrund ihrer Politik,
"nicht über das Privatleben öffentlicher Beamter zu
schreiben, bis persönliche Aspekte ihre Arbeit zu
beeinflussen beginnen".

Seite 6

Die Zeitungen waren auch unterschiedlicher Auffassung, ob die Namen der Opfer von Vergewaltigungen veröffentlicht werden sollten - einem weiteren
heiklen, die Privatsphäre berührenden Thema. Das
amerikanische Gerichtssystem, die Gesetzgebung der
Bundesregierung und der Einzelstaaten, ausführende
Organe, die Öffentlichkeit und die Medien werden alle
weiterhin daran mitwirken, wie diese rechtlichen und
ethischen Fragen in den neunziger Jahren in Amerika
gehandhabt werden.
Journalistische Ausbildung
Der amerikanische Journalismus profitiert von einem
breitgefächerten Netz an Ausbildungseinrichtungen.
Die erste amerikanische Journalistenschule wurde
1908 von der University of Missouri gegründet. Bis
1990 hatte sich die Zahl von Universitäten, die einen
Abschluß in Journalismus anbieten, auf 404 vervielfacht. Zwischen 1960 und 1990 stieg die Zahl der
Immatrikulationen für Journalismus von etwas über
11.000 auf nahezu 160.000. Die meisten dieser
Studenten (93,8 Prozent) studierten auf das Bakkalaureat hin, während 5,6 Prozent in Magisterprogrammen und 0,5 Prozent in Promotionskursen waren.
Der dramatischste Trend bei der journalistischen
Ausbildung ist die zunehmende Zahl von Frauen, die
1990 sowohl bei den Bakkalaureats- als auch den
Magisterprogrammen die Mehrheit ausmachten.
Tabelle 1 führt die zehn größten Journalismus- und
Massenkommunikationsprogramme für Immatrikulierte
im Jahr 1990 auf.
Amerikanische Journalistenschulen bereiten die
Studenten auf mehr als die Karriere bei einer Zeitung
vor. Neben Nachrichtenredaktion - dem traditionellen
Arbeitsplatz des Zeitungsjournalisten - sind die drei
anderen wichtigen Bereiche Werbung, Hörfunkjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit. 1990 schrieb sich
die höchste Zahl der Studenten - 33 Prozent - für
Werbung ein. Zusätzlich zu den Journalistenschulen
bieten die meisten Zeitungen Volontariate an, die
zum Teil auf das Studium angerechnet werden.
Zunehmend wird auch Betonung auf weiterführende
Ausbildung und Fortbildung gelegt. 1980 führte die
Northwestern University den ersten einjährigen Kurs
für Journalisten mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung ein, den sie mit einem akademischen Grad
abschließen können.
Tabelle 1: Die größten Journalistenschulen In
den USA
Institution

Immatrikulationen

Michigan State University
California State Univ./Fullerton
Pennsylvania State University

3.126
2.257
1.980

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�Syracuse University
Boston University
University of Alabama
Purdue University
University of Florida
University of Minnesota
Brigham Young University

1.855
1.642
1.576
1.500
1.420
1.419
1.409

Die meisten amerikanischen Journalistenschulen
sowie eine Vielzahl amerikanischer Stiftungen und
Institutionen bieten Stipendien für ausländische
Studenten an. Dazu zählen das American Society
of Newspaper Editors Journalism Exchange Program, Alfred Friendly Foundation Press Fellowship,
Nieman Foundation Fellowship for Journalists,
Fulbright Commission Scholarships, Eisenhower
Exchange Fellowships und Hubert H. Humphrey
Fellowships.
Ausländische Besitzer und ethnische Medien
Angesichts der bedeutenden Rolle der Vereinigten
Staaten auf der internationalen Bühne und der
ethnischen Vielfalt der Bevölkerung gibt es eine
beträchtliche Präsenz ausländischer Medien sowie
auf bestimmte ethnische Gruppen zugeschnittene
inländische Medien. Ausländische Medien genießen
in den Vereinigten Staaten im großen und ganzen
dieselben Privilegien wie die inländischen Medien.
Sie unterliegen keinen besonderen Einschränkungen
in Bereichen wie Visa, Kabelübertragungen oder
Importen, und es gibt keine speziellen Akkreditierungsverfahren für ausländische Korrespondenten.
In Washington D.C. und New York findet sich die
höchste Konzentration ausländischer Korrespondenten in den Vereinigten Staaten, allein ungefähr 3.000
in Washington - die größte Zahl weltweit für eine
Stadt. Der Overseas Press Club of America, die
Foreign Press Association of New York und die
Foreign Press Centers in Washington und New York
bieten eine Vielfalt von Dienstleistungen für diese
Korrespondenten, darunter Hilfestellung bei der
Berichterstattung über die amerikanische Szene.
Es gibt keine besonderen Gesetze, die eine ausländische Beteiligung an amerikanischen Printmedien verbietet, aber beim Hörfunk untersagt die FCC
allen Ausländern, ausländischen Regierungen und
ausländischen Unternehmen die Übernahme von
mehr als 25 Prozent der Stimmrechtsaktien einer
möglichen Lizenz. Mehrere Übernahmen haben
Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre
die ausländische Präsenz unter amerikanischen
Medien erhöht. Der aus Australien stammende
Medienmogul Rupert Murdoch kaufte die New York
Post, Chicago Sun-Times und TV Guide. Murdoch
zahlte auch 575 Millionen Dollar, um die Kontrolle
über die Twentieth Century-Fox Film Corporation zu

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erhalten und kaufte mehrere große Fernsehstationen
von Metromedia zur Gründung der Fox Broadcasting Company. Er konnte die 25-Prozent-Klausel
für Ausländer bei der Übernahme von Rundfunk- und
Fernsehstationen umgehen, indem er am 4. September 1985 - vor dem Kauf - amerikanischer Staatsbürgerwurde.
1984 begann die FCC jedoch mit Ermittlungen
aufgrund einer Beschwerde der nationalen Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association for
the Advancement of Colored People - NAACP), die
behauptete, Murdoch habe die FCC über das Ausmaß der Beteiligung beim Kauf durch seine australische News Corporation getäuscht. NBC teilte die
Auffassung der NAACP. Im Februar 1995 stimmte
NBC zu, die Klage zurückzuziehen, nachdem Fox die
Ausstrahlung von NBC-Programmen über sein
asiatisches Satellitensystem bekanntgegeben hatte.
NBCs Entscheidung hatte keinen Einfluß auf die
andauernden Ermittlungen aufgrund der NAACPBeschwerde. Im Mai 1995 entschied die FCC,
Murdoch habe die staatlichen Bestimmungen für
ausländischen Besitz von amerikanischen Fernsehsendern verletzt, ließ Murdoch jedoch ein Hintertürchen offen mit der Feststellung, es sei kein Bruch der
Vorschriften, wenn der Kauf nur ein Darlehen der
News Corporation gewesen sei. Murdochs Sender
Fox gab unverzüglich eine Buchungsänderung
bekannt, um dieser Feststellung genüge zu tun.
1991 kauften die japanischen Unternehmen Toshiba
und Itoh für eine Milliarde Dollar einen 12,5prozentigen Anteil an Time Warner - einer der größten
amerikanischen Mediengruppen. Wie bereits erwähnt, kaufte eine saudiarabische Gruppe 1992 UPI.
Im gleichen Jahr verkaufte die Hallmark Company
den führenden spanischsprachigen Fernsehsender in
den Vereinigten Staaten, Univision - mit 13 Fernsehstationen - an eine Investmentgruppe, zu der Grupo
Televisa, Mexikos größte Mediengruppe, und Venevision, eine führende venezolanische Hörfunkanstalt,
gehörten.
Auf bestimmte Gruppen - insbesondere in den
Vereinigten Staaten ansässige Hispanier - ausgerichtete fremdsprachige und ethnische Medien haben
rasch zugenommen. Neben Univision kämpft ein
zweiter großer Fernsehsender, Telemundo, um den
lukrativen hispanischen Markt mit 22 Millionen
Menschen in den Vereinigten Staaten. Die Hispanier
sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Amerika - seit 1980 hat sie um über 34
Prozent zugenommen. Sowohl Univision als auch
Telemundo haben begonnen, ihre Programme nach
Lateinamerika und auf andere spanischsprachige
Märkte zu exportieren.

Seite 7

�Zum begehrtesten Anteil an der amerikanischen
Medienindustrie gehören auf den hispanischen Markt
ausgerichtete Rundfunkanstalten. Seit 1990 ist die
Zahl dieser Radiosender um 21 Prozent auf 390
gestiegen. Ein Meinungsforschungsunternehmen
bestätigte im Januar 1993 zum ersten Mal, daß ein
spanischsprachiger Sender die Nummer eins in Los
Angeles, Amerikas größtem Rundfunkmarkt, war.
Fast 90.000 Menschen pro Tag hören KLAX-FM's
mexikanisch-orientiertes Programm, das damit die
anderen 44 Radiostationen von Los Angeles aus
dem Rennen wirft. Am 30. März 1993 startete CNN
mit CNN Radio Noticias, einem landesweit per
Satellit übertragenen spanischsprachigem Radionachrichtendienst, ein zweisprachiges Programm.
CNN Radio Noticias sendet Montag bis Freitag jede
volle Stunde 6 Minuten Nachrichten und begann mit
40 angeschlossenen Stationen auf den größten
amerikanischen Märkten.
Eine 1991 vom nationalen Verband hispanischer
Veröffentlichungen (National Association of Hispanic
Publications) durchgeführte Studie belegte, daß es

* *

Seite 8

in den Vereinigten Staaten über 350 spanisch- und
zweisprachige Publikationen mit einer Leserschaft
von mehr als 5 Millionen gab. Im Gegensatz dazu
gab es 1986 nur ungefähr 60 hispanische Zeitungen
und Zeitschriften. Dennoch hatten nur zwei hispanisch-orientierte Publikationen - beide englischsprachig - 1989 eine Auflage von über einer Million:
Vista mit 1,4 Millionen und Newsweek International
mit 1,02 Millionen. Ahora, eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift mit einer festen Auflage von
500.000 wurde nach ihrer Gründung 1989 durch die
Hallmark Company in San Diego (Kalifornien) in den
Vereinigten Staaten zur auflagenstärksten spanischsprachigen Zeitschrift. Die Wochenzeitschrift mit der
höchsten Auflage im Jahr 1991 war Variedades mit
einer beigelegten Fernsehzeitschrift, La Guia, die
zusammen eine Auflage von 421.000 hatten. Die
Ausgabe 1991 von Editor &amp; Publisher International
Yearbook führt mehrere hundert Zeitungen in Englisch oder einer Fremdsprache auf, die auf 39 ethnische Gruppen in den Vereinigten Staaten ausgerichtet sind, von denen die größte spanischsprachig ist.

*

*

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�FRAUEN
2. August 1995

Frauen, Politik und globales Management
von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald und Lisa Bates
Das in Kairo verabschiedete Weltaktionsprogramm stand für einen umfassenden und integrierenden, auf
Frauen konzentrierten Ansatz zu bevölkerungspolitischen Maßnahmen, der das Augenmerk von Bevölkerungskontrolle und demographischen Zielen auf reproduktive Gesundheit, vermehrte Befugnisse für Frauen und
reproduktive Rechte verlagerte.
Lincoln Chen ist Direktor des Zentrums für Bevölkerungs- und Entwicklungsstudien an der Harvard University
in Cambridge (Massachusetts). Winifred M. Fitzgerald ist Stellvertretende Direktorin des Zentrums. Lisa Bates
ist Stellvertretende Direktorin des Bevölkerungs- und Entwicklungsprojekts beim Overseas Development Council
in Washington, D.C.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in Environment, Band 37, Nr. 1 Januar/Februar 1995, S. 4-9, 3133. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Helen Dwight Reid Educational
Foundation, herausgegeben von Heldref Publications, 1319 - 18th Street, N.W., Washington, D.C, 20036-1802.
Copyright (c) 1995.

Die im September 1994 in Kairo veranstaltete dritte
Bevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen war
ein bahnbrechendes internationales Ereignis. Der
internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung (International Conference on Population
and Development - ICPD) ist es gelungen, die Sorge
über die demographische Entwicklung der Welt in
einen geschlechtsspezifischen, auf die Völker
konzentrierten Ansatz zu nachhaltiger menschlicher
Entwicklung zu verlagern sowie heikle und ideologisch befrachtete Bevölkerungsprobleme an die
Öffentlichkeit zu bringen. Noch wichtiger ist, daß die
ICPD ein Meilenstein bei der Bewältigung komplexer
globaler Probleme wie Bevölkerung durch eine
unzulängliche internationale institutionelle Maschinerie war. Der im Weltaktionsprogramm zusammengefaßte, in Kairo erzielte internationale Konsens war
trotz heftiger Opposition gegen Schwangerschaftsabbruch und andere heikle Themen eine monumentale Leistung.
Die ICPD war die dritte, alle zehn Jahre anberaumte,
von der UNO veranstaltete Weltbevölkerungskonferenz. Die erste, 1974 in Bukarest, erlebte eine
Polarisierung des Nordens und Südens über die
Bedeutung der Demographie im Verhältnis zu
anderen Entwicklungsbelangen. Angeführt von den
Vereinigten Staaten schlugen die nördlichen Länder
nachdrückliche
Familienplanungs(Kontrazeptions)programme zur Kontrolle des raschen Bevölke-

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rungswachstums vor, während viele Regierungen der
südlichen Länder - angeführt von China und Indien argumentierten, zur Erlangung der globalen Gleichstellung sollte der sozioökonomischen Entwicklung
höhere Priorität eingeräumt werden. Die südlichen
Länder lehnten die Erklärungen der nördlichen
Länder ab und bestanden darauf, daß der Schlüssel
zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums in
einer gerechteren Verteilung der Ressourcen zwischen Norden und Süden läge. Die Erklärungen des
Südens wurden in dem Satz zusammengefaßt,
"Entwicklung ist das beste Kontrazeptiv".
Bis zur nächsten, 1984 in Mexico City veranstalteten
Konferenz hatte sich die Nord-Süd-Dynamik dramatisch verändert. Nach einem Jahrzehnt des schnellsten Bevölkerungswachstums in ihrer Geschichte
hatten die meisten südlichen Länder Maßnahmen zur
Geburtenkontrolle verabschiedet, für gewöhnlich im
Zusammenhang mit gesundheits- und sozialpolitischen Zielsetzungen. Die Vereinigten Staaten hatten
ihre Position ebenfalls geändert. Unter innenpolitischem Druck konservativer und religiöser Gruppen
lehnte die amerikanische Delegation den Schwangerschaftsabbruch ab und erklärte, demographische
Faktoren seien "neutral", mit dem Argument, private
Märkte würden zahlreiche Bevölkerungsprobleme
lösen. Im Einklang mit dieser Position entzog die
US-Regierung mehreren internationalen Organisationen die finanzielle Unterstützung, wie etwa dem

Seite 1

�internationalen Verband für geplante Elternschaft
(International Planned Parenthood Federation IPPF) und dem Bevölkerungsfonds der Vereinten
Nationen.
In Anbetracht dieser Vorgeschichte hätten wenige
das Ergebnis von Kairo vorhergesagt. Zehn Jahre
nach Mexiko City konnte ein umfassender und
integrierender, auf Frauen konzentrierter Ansatz zu
Bevölkerungsfragen als Teil nachhaltiger menschlicher Entwicklung einen bemerkenswerten Konsens
in Kairo hervorbringen. Nach einem "verlorenen"
Jahrzehnt der Entwicklung in Verbindung mit Verschuldung und Strukturanpassungsprogrammen
waren die südlichen Länder besorgt über die schwindenden gebundenen Ressourcentransfers aus dem
Norden.
Sie sahen Bevölkerung weiterhin als
unabhängiges Problem und als eine wichtige Komponente sozioökonomischer Entwicklung an. In den
Vereinigten Staaten zeigte die Clinton-Administration
größere Unterstützung für Umwelt- und Frauenfragen als die vorherige Administration und nahm bei
ihrem Amtsantritt eine Umkehrung der Mexiko CityPolitik vor. Für Kairo förderten die Vereinigten
Staaten einen globalen Konsens durch aktives
Engagement mit nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs) und Gruppen, die sich für die Gesundheit
von Frauen einsetzen.
Die ICPD war entlang zwei paralleler Prozesse
strukturiert: Offiziellen Verhandlungen über das
Weltaktionsprogramm und dem NGO-Forum für
nichtoffizielle Teilnehmer. Mehr als 1.500 Organisationen waren durch schätzungsweise 10.000 Teilnehmervertreten, die für die neuntägigen Gespräche
nach Kairo gekommen waren. Die Veranstaltungen
zogen Teilnehmer aus über 150 Ländern an, darunter Vertreter von Regierungsdelegationen, internationalen Behörden, NGOs, der akademischen Welt
und der Presse. Obwohl der Kampf um Schwangerschaftsabbruch von den Medien beträchtliche
Aufmerksamkeit erhielt, wurden zahlreiche andere
bevölkerungsspezifische Themen angesprochen wie
Entwicklung, Bildung, Gesundheit, Familienplanung
sowie Umwelt und Migration.
In Kairo traten gewisse Nord-Süd-Spannungen, die
bei den Konferenzen von Bukarest und Mexiko City
evident gewesen waren, nur im Kontext einiger
weniger Probleme auf, wie etwa internationale
Migration und der Umfang von Auslandshilfe.
Darüber hinaus veranlaßte der rigorose Dissens des
Vatikans und extremistischer islamischer Gruppen
die Teilnehmer, traditionelle Teilungen zu überwinden und Gemeinsamkeiten unter den meisten
offiziellen und NGO-Gruppen zu betonen.

Seite 2

Während der ICPD handelten offizielle Delegationen
das 16 Kapitel und 113 Seiten umfassende Weltaktionsprogramm (World Programme of Action WPOA) aus, das Empfehlungen zur Erlangung einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums, der
Ausbildung von Mädchen und Frauen, Bekämpfung
der Kindersterblichkeit und Förderung der Gesundheitsfürsorge für Kinder abgibt sowie universellen
Zugang zu hochqualifizierten reproduktiven Gesundheitsleistungen vorsieht. Als eine UN-Erklärung über
Bevölkerungsprobleme und -ansätze ist das WPOA
kein Vertrag oder eine Konvention und daher nicht
rechtlich bindend. Es kann jedoch durch Aktionen
von Bürgergruppen und NGOs ein mächtiges Instrument zur Förderung der Einhaltung durch die
einzelnen Länder werden, indem die Regierungen für
abgegebene Versprechen und für die Verwirklichung
internationaler Normen zur Rechenschaft gezogen
werden.
Vor den Verhandlungen in Kairo hatten die teilnehmenden Regierungen in den drei Sitzungen des UNVorbereitungsausschusses ungefähr 92 Prozent des
WPOA-Textes zugestimmt. In Kairo sollte Einigung
zu den kontroverseren Themen erzielt werden, wie
reproduktive Rechte, Sexualitäts- und Familienstrukturen sowie Schwangerschaftsabbruch. Die Verhandlungen waren nicht leicht - in der Tat gab es Zeiten,
in denen ein Konsens in weite Ferne gerückt schien.
Zu den die Verhandlungen behindernden Schwierigkeiten zählte die gleichzeitige Benutzung der fünf
offiziellen UN-Sprachen. Die Verdolmetschung der
Ambiguitäten und feinen Nuancen war eine mühselige und gelegentlich schwierige Aufgabe, die sich
bisweilen als hilfreich bei der Erlangung von Kompromissen zu einer akzeptablen Sprachregelung
erwies.
Ein Schritt zu Prioritäten der Frauen
Das in Kairo vereinbarte endgültige Weltaktionsprogramm ist eine entschiedene Abkehr vom bisherigen Diskurs über Bevölkerungs- und Entwicklungsfragen. Es verlagerte den Brennpunkt von Bevölkerungskontrolle und demographischen Zielen zu
nachhaltiger Entwicklung, die reproduktiver Gesundheit, vermehrten Befugnissen für Frauen und reproduktiven Rechten Priorität einräumt. "Reproduktive Gesundheit" ist ein Begriff, der Gesundheitsfragen
im Zusammenhang mit Sexualität und Reproduktion
umfaßt: Sichere und wirksame Empfängnisverhütung, Gesundheit und Ernährung von Müttern und
Kindern, sichere Geburtshilfe (sichere Mutterschaft)
und Kontrolle von Infektionen des reproduktiven
Trakts, einschließlich sexuell übertragener Krankheiten und HIV/AIDS. Der Begriff 'Vermehrte Befugnisse
für Frauen" beinhaltet die Verbesserung des Status
von Frauen und die Erlangung von Gleichberechti-

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�gung der Geschlechter durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen, wodurch den Frauen die Ausübung größerer Kontrolle über ihr reproduktives und
produktives Leben gestattet wird. "Reproduktive
Rechte" können unter dem Aspekt der Macht und
Ressourcen betrachtet werden, die Einzelpersonen
und Paaren informierte und sichere Entscheidungen
über ihre reproduktive Gesundheit erlauben.
Indem sie über die herkömmliche Betonung auf
Familienplanung hinausging, konzentrierte sich die
Kairoer Tagesordnung auf ein erweitertes Spektrum
hochqualifizierter reproduktiver Gesundheitsleistungen, die sich auf die jeweiligen Bedürfnisse, die
Beteiligung des Mannes an Familienplanung sowie
die Verantwortung von Männern bei sexueller Gesundheit und Kindererziehung konzentrierten.
Andere soziale Belange waren Sexualität von
Jugendlichen und Gewalt gegen Frauen.
Der bei der Förderung von Gesundheit und Sicherheit der menschlichen Reproduktion sowie der
Förderung von Gleichberechtigung der Geschlechter
und Befugnissen für Frauen erzielte Konsens war
angesichts der Kontroverse über Schwangerschaftsabbruch, Sexualität Jugendlicher und der Definition
von "Familie" bemerkenswert. In einigen Fällen
wurde dem vehementen Widerstand gegen das
Konzept der Rechte von Frauen mit einer ähnlich
trotzigen Entschlossenheit zur Verteidigung dieser
Rechte begegnet. Einige religiöse Gruppen brachten ihre Besorgnis zum Ausdruck, "reproduktive
Gesundheit" würde zu einem Oberbegriff, der
Schwangerschaftsabbruch oder die Förderung von
nicht überwachter Sexualerziehung für Jugendliche
umfaßt.
Sie argumentierten ferner, bestimmte
Sprachregelungen könnten Familienstrukturen über
legale heterosexuelle Verbindungen hinaus legitimieren. Reproduktive Rechte wurden im Hinblick auf
die vermehrte Befugnis von Einzelpersonen, ihre
reproduktive Entscheidung ohne Respektierung der
Rechte und Pflichten verheirateter Paare und der
Gemeinschaft, einschließlich der Gesetze und
Kulturen unterschiedlicher Nationalstaaten, als
bedrohlich erachtet.
Zahlreiche Terminologieprobleme, die während der
Verhandlungen auftraten, wurden durch geschickte
Neuformulierungen gelöst. Häufig zeitigten Verhandlungen über kontroverse Themen Erfolg, indem
qualifizierende Sprachregelungen gefunden wurden,
die den Gesetzen, Religionen und Kulturen der
einzelnen Länder Rechnung trugen. Zum Beispiel
durch die Hervorhebung des Satzes, "in keinem Fall
sollte Schwangerschaftsabbruch als Methode der
Familienplanung gefördert werden"; durch Änderung
der Formulierung "Geburtenregelung"-was dahingehend interpretiert werden könnte, daß sie Schwan-

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ge rschaftsabbruch einschließt - in "Regelung der
Fertilität", und durch eine sorgfältigere Definition der
Begriffe "Sexualität Jugendlicher" und "Haushaltsstruktur".
Über die umstrittene Rolle des Vatikans in Kairo
wurde in den Medien ausführlich berichtet. Es gab
jedoch mehrere Aspekte des WPOA, die der Heilige
Stuhl nicht unterstützte, wie den umfassenderen
Bevölkerungs- und Entwicklungsansatz, die Betonung
der Rolle der Familie und Sprachregelungen gegen
Zwangspraktiken. Nach harten Verhandlungen und
der Feinabstimmung bestimmter Passagen schloß
sich der Vatikan dem Konsens zu mehreren Kapiteln
des Dokuments an. Die Verfechter der Gesundheit
von Frauen waren zufrieden, daß die Themen sexuelle und reproduktive Gesundheit an die Öffentlichkeit
gebracht und im Abschlußdokument angesprochen
wurden. Die ICPD beleuchtete auch schlaglichtartig
die seit langem vernachlässigten Themen der Bedürfnisse von Jugendlichen sowie der Rolle und Verantwortung von Männern.
Die Erlangung einer globalen Stabilisierung des
Bevölkerungswachstums war ein weithin unterstütztes
Ziel, aber die eher schwache Debatte in Kairo über
ihre Bedeutung war nicht zu vergleichen mit der
Aufmerksamkeit in den achtziger Jahren, die sich auf
die kausale Rolle des Bevölkerungswachstums bei
der wirtschaftlichen Entwicklung konzentrierte. In den
drei Sitzungen des Vorbereitungsausschusses der
ICPD wurden die Meinungsverschiedenheiten zwischen den sogenannten Panikmachern bei Bevölkerungsfragen, die vehemente, gezielte Aktionen zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums forderten, und denjenigen, die argumentierten, menschliches Wohlergehen - nicht demographische Ziele sollten zum Brennpunkt von Bevölkerungsprogrammen gemacht werden, größtenteils beigelegt. Beide
Seiten fanden gemeinsames Terrain in der Betonung,
die in Kairo auf hochqualifizierte reproduktive Gesundheitsleistungen gelegt wurde. Für die "Panikmacher" unterstützte die Betonung auf einem umfassenderen reproduktiven Gesundheitsansatz die Bedeutung von Geburtenkontrolle. Obwohl diese Befürworter besorgt waren, daß die Ressourcen von der
Familienplanung abgezogen werden könnten, konnten sie kaum Einwände gegen hochqualifizierte,
umfassende, integrierende Leistungen erheben. Die
Betonung von Gesundheit, Wohlergehen und Rechten des einzelnen bei Bevölkerungsprogrammen
zerstreute die Befürchtungen der Befürworter des
menschlichen Wohlergehens, daß eine übermäßige
Konzentration auf Demographie zu Zwangs- oder
mißbräuchlichen Praktiken führen könnte, die die
Betonung entscheidender sozialer Entwicklungsfragen
abschwächen könnte. Darüber hinaus beschleunigte
die späte Intervention konservativer christlicher und

Seite 3

�extremistischer islamischer Kräfte die Beilegung
ungelöster Differenzen im Interesse der Bewältigung
größerer Bedrohungen.
Mehrere andere, im Zusammenhang mit Bevölkerungsfragen stehende Themen erhielten ebenfalls
vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Die Qualität
der Umwelt und Erhaltung von Ressourcen, der
potentielle Einfluß der Demographie auf politische
Stabilität und ethnische Konflikte sowie Urbanisation
wurden kaum angesprochen.
Obwohl einige Frauenvereinigungen aus den Entwicklungsländern Strukturfragen der Weltwirtschaft
ansprachen, die eine Verbindung zwischen der
Bevölkerung und dem Nord-Süd-Gefälle bei der
wirtschaftlichen Entwicklung herstellten - insbesondere Massenarmut und die Folgen struktureller Anpassungspolitik - wurden diese Punkte nicht in die
offizielle Diskussion einbezogen. Es ist nicht klar,
warum diesen Fragen so wenig Aufmerksamkeit
gewidmet wurde. Mögliche Gründe sind, daß 92
Prozent des Dokuments bereits vor der Konferenz
angenommen wurden, die Zeit aufgrund der Debatte
über den Schwangerschaftsabbruch knapp war oder
die Delegierten beschlossen hatten, Unstimmigkeiten
beiseite zu lassen, um eine geeinte Opposition
gegenüber religiösen Attacken zu bilden.
Eine umstrittene Frage, zu deren Lösung langwierige
Verhandlungen erforderlich waren, ist die Zusammenführung von durch internationale Migration
getrennten Familien, eine Frage, die in anderen
internationalen Übereinkünften wie der Konvention
über die Rechte von Kindern behandelt wird. Einige
südliche Länder befürworteten die Anerkennung
einer solchen Zusammenführung als "Rechtsanspruch". Die Industriestaaten - insbesondere die
"Aufnahmeländer" wie die Vereinigten Staaten,
Kanada und viele europäische Länder - widersetzten
sich einer Sprachregelung, die zu entsprechenden
Verpflichtungen bei ihren innenpolitischen Anstrengungen zur Kontrolle der Einwanderung führt. Den
Delegationen der Aufnahmeländer gelang eine
Änderung des WPOA-Textes zu diesem Thema in
dem Sinne, daß die Länder dazu aufgefordert
werden, Familienzusammenführungen zu "fördern",
ohne sie zu einem Rechtsanspruch zu machen.
Nichtstaatliche Frauenvereinigungen - einflußreich und lebenswichtig
Der bemerkenswerteste Aspekt der Internationalen
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung war
die hochrangige Beteiligung von Vertretern nichtstaatlicher Vereinigungen, die auf einem Prozeß
aufbaute, der den Erdgipfel von Rio 1992 und die
Wiener Menschenrechtskonferenz 1993 charak-

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terisierte. Die ICPD zog eine Gruppe verschiedener
Teilnehmer an: Befürworter der Bevölkerungskontrolle, Feministen und Verfechter von Gesundheitsfragen, Akademiker und Forscher, Umweltschützer
sowie Vertreter religiöser Vereinigungen. Einige
Angehörige nichtstaatlicher Organisationen nahmen
als Mitglied der offiziellen Delegation ihres Landes an
der Konferenz teil. Im Unterschied zum Erdgipfel von
Rio, wo die Vorgänge auf offizieller und nichtstaatlicher Ebene durch logistische Barrieren aufgrund der
Entfernung zwischen dem offiziellen Konferenzort und
dem NGO-Forum behindert wurden, befand sich in
Kairo alles in Fußnähe. Diese Nähe gab den Teilnehmern Bewegungsfreiheit und förderte die enge
Verbindung zwischen beiden Prozessen. Am sichtbarsten und am besten organisiert unter den nichtstaatlichen Organisationen waren die Vereinigungen
zur Förderung der Gesundheit von Frauen, die eine
gut geplante und gut koordinierte Kampagne für ihre
Sache führten. Ein Frauenwahlausschuß koordinierte
die Interaktion der nichtstaatlichen Frauenvereinigungen, überprüfte die Positionen und Verhandlungen
aller Delegationen, befürwortete geschlechtsspezifische Positionen und schlug eine alternative Sprachregelung vor, um Meinungsunterschiede bei den
Verhandlungen zu überbrücken.
Viele Frauengruppen begannen bereits vor zwei
Jahren weltweit mit den Vorbereitungen für Kairo.
1992 entwickelten und verteilten beispielsweise
Frauenaktivisten aus Nord und Süd die "Erklärung
der Frauen zur Bevölkerungspolitik", die von mehr als
100 Frauenorganisationen überprüft, modifiziert und
abgeschlossen wurde. Zusätzlich wurde sie von
mehr als 2.500 Einzelpersonen und Organisationen
aus über 110 Ländern unterzeichnet und befürwortet.
Ferner werden Netzwerke von Frauen aus Nord und
Süd sowie der Frauenwahlausschuß von den Medien,
Delegierten, Akademikern und nichtstaatlichen
Organisationen als signifikanter Einfluß auf die zweite
Sitzung des Vorbereitungsausschusses vom Mai
1993 anerkannt, da sie Vertreter der Regierungen
dazu veranlaßten, Fragen der reproduktiven Gesundheit und damit zusammenhängende Rechte, Zugang
zu sicherem Schwangerschaftsabbruch, Sexualität
und Gleichstellung der Geschlechter sowie die
umfassendere sozioökonomische Entwicklung anzusprechen. Im Januar 1994 kamen ungefähr 200
Frauenaktivisten in Rio de Janeiro zusammen, um
eine aus 21 Punkten bestehende Erklärung aufzustellen und Strategien zu entwickeln, die eine
Berücksichtigung des Blickwinkels der Frauen und
ihrer Erfahrungen bei der ICPD sicherstellten. Diese
Strategien zur Beeinflussung und Informierung der
Öffentlichkeit, offizieller Delegationen und der Medien
waren genau abgestimmt und wurden während des
gesamten Prozesses im Vorfeld und während der
Kairoer Konferenz angewandt. Diese Bestrebungen

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�zur Harmonisierung der verschiedenen Positionen
von Frauen waren für die Förderung der Nord-SüdSolidarität zwischen den nichtstaatlichen Frauengruppen während der Kairoer Beratungen von
essentieller Bedeutung.
Auffallend gedämpft waren bei der Kairoer Konferenz die Spannungen zwischen den Gruppen zur
Förderung der Gesundheit von Frauen einerseits
und Umweltforschern und -aktivisten andererseits Spannungen, die in Rio vorherrschend waren. Diese
relative Ruhe kann teilweise auf die konzertierten
Bestrebungen der Frauengruppen zurückgeführt
werden, Gemeinsamkeiten zu finden, anstatt sich auf
ihre Differenzen zu konzentrieren.
Statt wirtschaftlicher oder politischer Fragen stellten
die Frauenorganisationen in Kairo Bevölkerungsfragen in den Mittelpunkt. Bisher hatte Bevölkerung
nicht an oberster Stelle auf der Tagesordnung der
weltweiten Frauenbewegung gestanden, mit Ausnahme vielleicht der Vereinigten Staaten, wo die
Debatte über den Schwangerschaftsabbruch sehr
intensiv geführt wird. Im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte hat die internationale Frauenbewegung
jedoch zunehmend anerkannt, daß Sexualität und
Fortpflanzung im Kampf um die Gleichberechtigung
der Geschlechter entscheidende Fragen sind.
Frauen argumentieren, wenn sie keine Kontrolle
über ihre Sexualität und Fortpflanzung hätten,
könnten sie nie wirtschaftliche, soziale und politische
Gleichstellung erlangen.
Frauen fühlten sich auch gezwungen, sich an der
Bevölkerungsdebatte zu beteiligen, um den ungeheuerlichen Mißbrauch und die Mängel anzugehen,
die sie in Bevölkerungspolitik und -Programmen
sehen. Dazu zählen die Überbetonung demographischer Ziele auf Kosten des Wohlergehens des
einzelnen, ein bürokratischer Ansatz bei der Familienplanung, der umfassendere Gesundheitsbelange der Frauen nicht in Betracht zieht, Zwangsmaßnahmen und mangelnde Auswahl zwischen
empfängnisverhütenden Mitteln sowie zu starke
Abhängigkeit von irreversiblen Methoden.
Und
obwohl der Sozialgipfel in Kopenhagen und die
Frauenkonferenz in Peking nur weniger als ein Jahr
entfernt lagen, investierten die Frauengruppen viel
Zeit und Mühe, um die Vorgänge in Kairo zu beeinflussen. Und sie hatten damit großen Erfolg.
Trotz dieser Erfolge behaupteten einige nichtstaatliche Organisationen, insbesondere aus den Entwicklungsländern, ihre Meinungen würden von denen der
gut organisierten Lobbyisten aus dem Norden in den
Schatten gestellt. Einige Gruppen argumentierten,
die Last der Beschränkung des Bevölkerungswachstums müsse immer noch von den Armen getragen

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werden, und das WPOA werde zu einer konditionierten Auslandshilfe für die Entwicklungsländer führen.
Die "unheilige Allianz"
Noch vor der Kairoer Konferenz hatten der Vatikan
und einige islamische Staaten - von den Medien als
"unheilige Allianz" bezeichnet - den WPOA-Entwurf,
insbesondere die Abschnitte über Schwangerschaftsabbruch, reproduktive und sexuelle Gesundheit und
Rechte, kritisiert. Diese Kritik eskalierte, als konservative islamische Gruppen einen Boykott der
Konferenz forderten und sogar die Sicherheit der
Konferenzteilnehmer bedrohten.
Die 15köpfige Delegation des Heiligen Stuhls attakkierte die Empfehlungen des Dokumententwurfs zum
Schwangerschaftsabbruch auf das Schärfste und
wurde dabei von mehreren nationalen Delegationen,
einschließlich der aus Argentinien, Benin, Ecuador,
den Philippinen, Malta, Mauritius, Polen und der
Slowakei unterstützt. Abtreibungsgegner - Aktivisten

und Wissenschaftler - aus nichtstaatlichen Gruppen,
die natürliche Methoden der Geburtenkontrolle
befürworten, unterstützten ebenfalls die Haltung des
Vatikans. Der islamischen Kritik verliehen muslimische Gelehrte an der Al-Ahzar Universität Ausdruck,
der weltweit ältesten islamischen Universität. Neben
dem Schwangerschaftsabbruch konzentrierte sich
ihre Kritik auf den Mangel an Aufmerksamkeit, der
Armut, der Definition von Familie sowie außerehelichem Geschlechtsverkehr, insbesondere unter
Jugendlichen, gezollt wird.
Um diese religiösen Belange zu verstehen, muß man
wissen, wie das Patriarchat und die Politik in diese
Fragen hineinspielen. Manche argumentieren, der
Vatikan und der fundamentalistische Islam hätten im
Grunde genommen patriarchalische Machtstrukturen
und Normen. In Kairo widersetzten sich diese
religiösen Gruppen der starken, von feministischer
Sprache untermauerten Tagesordnung der Frauen
und erreichten die Polarisierung verschiedener
Teilnehmer aufgrund unterschiedlicher sozialer Werte
und ethischer Normen. Die Spaltungen in Kairo
waren daher eher ideologischer und geschlechtsspezifischer als religiöser oder geographischer Natur.
Die Politik des Heiligen Stuhls unterschied sich von
der der islamischen Gruppierungen. Die internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung
fand in Kairo statt, wo seit langem gegen die UNO
und den Westen gehegte Gefühle in der arabischen
Welt durch den Golfkrieg und das unvollständige
Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern verschärft worden waren. Große Armut und
tiefverwurzelte soziale Entfremdung sind charak-

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�teristisch für die Entwicklungssituation der großen
Mehrheit der Menschen in weltlichen, von westlich
orientierten Eliten regierten Ländern. Daher könnte
die islamische Argumentation dahingehend interpretiert werden, daß sie weniger Klagen über Bevölkerungsfragen enthält als vielmehr eine Kritik an der
westlichen Modernisierungsstrategie der machthabenden weltlichen Regierungen in der Region wie
beispielsweise der ägyptischen. In Anerkennung der
innenpolitischen Auswirkungen dieser Bedrohung
gab sich die ägyptische Regierung große Mühe, eine
erfolgreiche Konferenz zu veranstalten, indem sie
die Sicherheit der Teilnehmer gewährleistete und die
Unterstützung des geistlichen Oberhaupts Ägyptens
(des Großen Mufti) gewann, der den Teilnehmern
eine Botschaft der Toleranz übermittelte.
Von
manchen wird argumentiert, ohne das starke politische Engagement der ägyptischen Regierung hätte
diese Konferenz leicht entgleisen können.
Die Delegation des Vatikan verließ die Konferenz mit
intakten Prinzipien aber einem stark beschädigten
Image, nachdem sie ihre Position mit moralischem
Absolutismus abgestützt hatte und diese sowohl von
offiziellen Delegationen als auch von NGOs überwältigend abgelehnt wurde. Durch seine dogmatische und unnachgiebige Haltung schürte der Vatikan
Zweifel an seinem Status als Nichtmitgliedstaat der
Vereinten Nationen und Ständiger Beobachter. Man
fragte sich, warum der Heilige Stuhl einen privilegierten Status hat, der anderen Religionen nicht eingeräumt wird.
Im Unterschied zum Erdgipfel von Rio gingen die
Vereinigten Staaten mit einer starken Führungsposition aus der Kairoer Konferenz hervor. Unter
der Leitung von Staatssekretär Timothy Wirth spielte
die US-Delegation während der ICPD eine konstruktive, konsensbildende Rolle. Trotz einiger Kritik,
die Vereinigten Staaten führten "imperialistische"
Bestrebungen an, um die Rechte Homosexueller und
das Recht auf Schwangerschaftsabbruch auf Anfrage durchzusetzen und sexuelle Freizügigkeit unter
Teenagern zu fördern, fehlte allgemein eine gegen
die Vereinigten Staaten gerichtete Rhetorik. Die
amerikanische Delegation gewann aus mehreren
Gründen Glaubwürdigkeit und Vertrauen unter den
nichtstaatlichen Organisationen und den Delegierten
aus den südlichen Ländern.
Erstens bemühte sich die US-Delegation - die zu
mehr als der Hälfte aus Vertretern nichtstaatlicher
Organisationen und des Privatsektors, überwiegend
Frauen, stammte - während des gesamten Kairoer
Prozesses um den Input und die Einbeziehung von
NGOs, insbesondere von Gruppen zur Förderung
der Gesundheit von Frauen.

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Zweitens schuf die Frauenallianz durch die Überbrückung des Nord-Süd-Gefälles ein Umfeld, das den
Delegierten den Austausch von Ideen und den
zahlreichen Vertretern des Nordens und Südens das
Streben nach Kompromissen erleichterte.
Drittens erkannten die Vereinigten Staaten politisch
heikle Themen an, beispielsweise das "Recht auf
Entwicklung" und das Problem des übermäßigen
Konsums in den Industrieländern.
Und schließlich stimmte die US-Regierung einer wenn auch bescheidenen - Erhöhung ihrer finanziellen Verpflichtungen für Bevölkerungsprogramme im
Ausland zu.
WPOA - eine unbeendete Tagesordnung
Als politische Erklärung und Produkt globaler Verhandlungen ist das WPOA ein langes und bisweilen
redundantes Dokument. Dennoch weist es in eine
erfrischend neue Richtung bei der Bevölkerungspolitik, indem es reproduktive Gesundheit, mehr
Befugnisse für Frauen und Einbeziehung der Fortpflanzung als Bestandteil der universellen Menschenrechte betont. Das WPOA ist ein zukunftsweisendes
Dokument, insofern es die zentrale Ausrichtung der
Bevölkerungsstudien dramatisch verändert.
Die Herausforderung für Regierungen, internationale
Organisationen und NGOs besteht jetzt darin, die
Rhetorik des WPOA in Taten umzuwandeln. Die
Inkraftsetzung auf lokaler und nationaler Ebene wird
schwierig und mühselig sein, da sie die Unterstützung
des UNO-Systems, extensive bilaterale und multilaterale Finanzierung, engagierte Nachfolgearbeit der
NGOs sowie das Engagement der akademischen
Welt, der Wirtschaft und der Medien erfordert.
Viele nichtstaatliche Frauengruppen verließen Kairo
mit strategischen Plänen für die Überwachung des
Verhaltens von Geberländern und Regierungen bei
der Umsetzung des WPOA: Sie forderten Transparenz bei den Aktivitäten von Geberländern und
Regierungen und ziehen diese für die von ihnen
abgegebenen Versprechen zur Verantwortung. Es ist
nicht klar, wie diese Folgeaktivitäten durchgeführt
werden. Wahrscheinlich ist jedoch, daß im nächsten
Jahrzehnt diese Umsetzungsbestrebungen von der
Öffentlichkeit beurteilt und diskutiert werden.
Das WPOA schätzt, daß die für die Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen erforderlichen
Ressourcen bis zum Jahr 2000 auf 17 Milliarden
Dollar ansteigen werden. Von dieser Summe sind 10
Milliarden Dollar für Familienplanung und 7 Milliarden
Dollar für reproduktive Gesundheit, sexuell übertragbare Krankheiten, HIV/AIDS sowie soziale Investitio-

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�nen, beispielsweise in die Bildung und Ausbildung
von Mädchen und Frauen vorgesehen. In der
WPOA wird vorgeschlagen, daß die Entwicklungsländer etwa zwei Drittel dieser Erfordernisse decken.
Auslandshilfe, die derzeit 25 Prozent der gesamten
Ausgaben für bevölkerungspolitische Zwecke ausmacht, soll auf 33 Prozent ansteigen. Dies erfordert
einen fast sechsfachen Anstieg der Bevölkerungshilfe bis zum Jahr 2000 - von ungefähr 1 Milliarde
Dollar auf nahezu 6 Milliarden Dollar.
In einem umfassenderen Kontext bot die Kairoer
Konferenz ein Modell für den weltweiten Umgang mit
komplexen globalen Problemen. Das Ausmaß
einiger dieser Probleme übersteigt in zunehmendem
Maße die institutionelle Kapazität der Völkergemein-

schaft, sie anzugehen. Die Lösung transnationaler
Probleme übersteigt die Kapazität einzelner Nationen.
Daher werden wir wahrscheinlich - wie in Kairo
demonstriert - Zeuge eines stetigen Stroms von
Verhandlungen über bestimmte, zu gewissen Zeiten
drängende Probleme unter Beteiligung von Regierungen und betroffenen NGOs, die der Öffentlichkeit
durch die Medien präsentiert werden. Diese laufenden und dynamischen Prozesse mit unvorhersagbarem Ergebnis können als Teil der globalen Demokratisierung mit einer zunehmenden Beteiligung betroffener Weltbürger über ihre Regierungen und private
Vereinigungen angesehen werden. Kairo leistete
einen bedeutenden Beitrag zur Förderung internationaler Verständigung und weltweiter Problemlösung.

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Soziologie der Fische&lt;br /&gt;Umweltfaktoren bestimmen Verhaltensweisen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Frances Gudemann&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Karpfen sprechen Dialekt&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;2. Leben in den USA&lt;br /&gt;Sechsundsechzigtausend Kilometer Autobahn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;"Interstate System" - ein Großprojekt des amerikanischen Straßenbaus&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Passe-Partout auf Lebenszeit&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Brooks Atkinson zieht sich nach 35 Jahren als Theaterkritiker der New York Times in Privatleben zurück&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jane Addams - eine Auswahl ihrer Schriften&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Geduldsspiel in Genf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Seit 22 Monaten Verhandlungen über Einstellung von Atomversuchen&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Haig: USA wollen politische Lösung in El Salvador unterstützen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Pressekonferenz des US-Außenministers am 28. August -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA stimmen gegen unausgewogene Angola-Resolution&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Erklärung vor dem Sicherheitsrat -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Flowerree erläutert Fragen der Rüstungskontrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit dem US-Delegationsleiter in Genf -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA: Fortschritte bei den Seerechts-Verhandlungen erkennbar&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Live-Übertragung vom Saturn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- VOYAGER 2 jetzt auf dem Weg zum Planeten Uranus -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST

30

2 . September 1987

i
I N H A L T

DOKUMENTATION

Reagan:

Unterstützung für demokratischen Widerstand in Nicaragua

- Ansprache Präsident Reagans in Radio Liberacion -

Reagan;

UdSSR muß sich zum Weltfrieden bekennen

- Rundfunkansprache Präsident Reagans -

Neuester Stand der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Rede von Fritz W. Ermarth vor der Chautauqua-Konferenz

* * * * * *

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'V,oN^

2. September 1987

30

REAGAN:

UNTERSTÜTZUNG FÜR DEMOKRATISCHEN WIDERSTAND IN NICARAGUA
- Ansprache Präsident Reagans in Radio Liberacion -

SANTA BARBARA - (AD) - Präsident Reagan hat der demokratischen Widerstandsbewegung Nicaraguas gegenüber sein Versprechen der Unterstützung durch
die Vereinigten Staaten erneuert, da "wir das gleiche Ziel anstreben - die Demokratie" .
Der Präsident gab diese feste Zusage in einer von Radio Liberacion am 25.
August 1987 in Nicaragua gesendeten Rundfunkansprache. Die Anführer der Widerstandsbewegung hatten diese Botschaft bei ihrem Treffen mit dem Präsidenten
am 5. August gefordert.
Nachfolgend drucken wir die Ausführungen Präsident Reagans im Wortlaut.
Die vier Präsidenten der demokratisch regierten Länder Mittelamerikas
haben sich mit den kommunistischen
Herrschern Nicaraguas
in Guatemala
zusammengesetzt, um einen Friedensplan für Mittelamerika auszuhandeln.
Das Gipfeltreffen wurde mit einem vom
Versprechen der Demokratie getragenen
Abkommen für den regionalen Frieden
beendet. Dieser Friedensplan fordert
tiefgreifenden politischen und sozialen Wandel in Nicaragua.
In den vor uns liegenden Wochen
werden wir unsere Hoffenungen an der

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Realität messen, und Versprechen werden an Taten gemessen werden.
Die
Unterzeichnung des Friedensplans von
Guatemala war ein bedeutsamer Akt des
Vertrauens. Aber unser Vertrauen muß
durch
Realismus
gemäßigt
werden.
Denn Vertrauen ohne Realismus wird
nicht zu Frieden führen, sondern zu
Desillusionierung und der ständigen
kommunistischen Herrschaft, die eine
Bedrohung für die anderen, im Entstehen begriffenen, Demokratien in Mittelamerika darstellt.
Die

Sandinisten

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haben

ihr Ver-

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Telex: 8-85432

�sprechen zur Wahrung Ihrer Rechte gegeben, als Sie diesen Friedensplan
unterzeichnet haben - Rechte, die Sie
Ihnen in den vergangenen acht Jahren
verweigert haben.
Sie versprachen,
Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung
und das Recht auf Versammlungfreiheit
zu wahren.
Sie versprachen politische und religiöse Freiheit und die
Pressefreiheit.
Sie versprachen den
Zugang aller politischen Parteien und
Meinungsträger zu den Kommunikationsmitteln. Sie versprachen freie Wahlen.
Die Sandinisten haben Ihnen jetzt
das Versprechen der Demokratie gegeben - und die Welt ist Zeuge. Ebenso
wie Sie hoffe ich, daß sie dieses
Versprechen halten werden. Aber wie
Sie weiß auch ich, daß der Bürgerkrieg in Nicaragua begann, als die
Sandinistas Ihnen Demokratie versprachen, diesem Versprechen jedoch nicht
nachgekommen sind. Dieser Kampf wird
ein Ende finden, wenn dieses Versprechen erfüllt worden ist.
Eine der im Plan von Guatemala
festgelegten Vorbedingungen für die
Beendigung
der Kampfhandlungen
ist
Demokratie für Nicaragua. Dies wird
als
"GLeichzeitigkeit"
bezeichnet.
Mit ihrer Zustimmung zum Plan von
Guatemala haben die Sandinistas ihre
Zustimmung zur Beendigung der Unterdrückung
gegeben, die gleichzeitig
mit dem Ende der Kampfhandlungen verwirklicht werden muß.
Die Sandinistas haben uns dies schon früher
versichert und daher schenkt ihnen
niemand mehr Glauben.
"Gleichzeitigkeit" muß
Freiheit
an
vorderster
Front bedeuten, oder es ist kein reeller Handel.
Wir werden die demokratischen Anführer
Mittelamerikas
und
unsere
Landsleute in Nicaragua bei ihrer Suche nach einer diplomatischen Lösung

des Krieges unterstützen, der Ihr
Land heimgesucht hat. Aber wir werden an unserer Politik festhalten.
Unsere Zielsetzungen sind unverändert
- Frieden und Demokratie für Nicaragua.
Unsere Verpflichtung zu Freiheit und Demokratie hat eine politische Bewegung und die Hoffnung auf
Befreiung
ausgelöst.
Aus
diesem
Grunde stehen das Volk Nicaraguas und
das Volk
Mittelamerikas
in
Ihrer
Schuld.
Ich weiß, es ist Ihr sehnlichster Wunsch, in ein befreites Nicaragua
heimzukehren.
Sie
können
sich der Unterstützung Ihres Kampfes
durch uns jetzt und in der Zukunft
gewiß sein, da wir das gleiche Ziel
anstreben - die Demokratie.
Bis dem nicaraguanischen Volk die
Grundfreiheiten gewährt worden sind,
werden Sie Ihren Kampf fortsetzen dessen bin ich mir bewußt. Und die
Vereinigten Staaten werden Ihnen zur
Seite stehen. Das Ziel der Reise ist
"Nicaragua libre". Wir dürfen nicht
rasten, bevor wir dieses Ziel erreicht haben.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
2. September 1987

30
REAGAN:

UdSSR MUSS SICH ZUM WELTFRIEDEN BEKENNEN

- Rundfunkansprache Präsident Reagans -

LOS ANGELES - (AD) - Die Sowjetunion "muß (ihre) imperialen Abenteuer aufgeben, wenn die Welt wahren Frieden erleben soll", erklärte Präsident Reagan
am 29. August. 1987
In seiner wöchentlichen Rundfunkansprache an die Nation appellierte der
Präsident erneut an die Sowjetunion, ihre Aufwendungen für militärische Zwecke
allgemein bekanntzugeben und die neuen Waffensysteme offen zu diskutieren. In
Anlehnung an einige der in seiner Ansprache vom 26. August über den Stand der
sowjetisch-amerikanischen Beziehungen zum Ausdruck gebrachten Gedankengänge
verwies Präsident Reagan darauf, daß Washington und Moskau Gegner seien, weil
der Kreml dies so gewollt habe.
Er forderte den sowjetischen Parteichef
Gorbatchow erneut auf, seine innenpolitische Kampagne der "Glasnost" oder Offenheit mit größerer Flexibilität bei der Außenpolitik einhergehen zu lassen.
Nachfolgend drucken wir die Ausführungen Präsident Reagans im Wortlaut.
Meine lieben Mitbürger, in diesem
Sommer würden wir alle am liebsten
die Arbeit vergessen, frei nehmen und
uns erholen.
Vielleicht ergeht es
Ihnen jedoch so wie mir, und Sie setzen sich während Ihres Urlaubs gedanklich mit größeren Problemen auseinander als den alltäglichen - zum
Beispiel dem Problem, welche Richtung
wir
langfristig
einschlagen
sollen
und wie wir dieses Ziel erreichen
wollen.

über eines der vordringlichsten Probleme zu sprechen:
Den Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion.
Wie Ihnen sicherlich bekannt sein wird, hatte ich bereits vor einigen Tagen Gelegenheit,
vor einer Versammlung in Los Angeles
und über Satelliten-Übertragung vor
einer anderen Tagung in New York Ausführungen zu diesem Thema machen zu
können.
Ich möchte jedoch auch zu
Ihnen darüber sprechen.

Ich hoffe, Sie gestatten mir einige Minuten Ihrer Zeit, um zu Ihnen

Heute stehen sich Amerika und die
Sowjetunion als Gegner gegenüber, wie

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�bereits seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs.
Amerikaner haben diese
Feindschaft nicht gewollt. Vor seinem Tode sprach Präsident Franklin D.
Roseveit für alle Amerikaner, als er
seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, daß
die Sowjets nach Beendigung des Krieges mit uns an der Gestaltung einer
Welt in Demokratie und Frieden zusammenarbeiten würden.
Von diesem Gedanken geleitet begab sich Roosevelt
im Jahr 1945 zur Konferenz von Jalta,
um mit Stalin zusammenzutreffen. Die
Sowjets nährten dort seine Hoffnungen
mit der Zustimmung, freie und unbehinderte Wahlen
in osteuropäischen
Ländern wie Polen abzuhalten, sobald
der Frieden eingetreten sei.
Innerhalb von zwei Jahren brachen
sie ihr Versprechen.
Dann begannen
sie, freie Länder wie Griechenland
und die Türkei zu unterwandern. Erst
danach gaben die Vereinigten Staaten
widerstrebend zu, daß die Sowjets ihre Gegner sind.
Die
Ziele
unserer
Außenpolitk
sind heute noch die gleichen wie in
den
vergangenen
vier
Jahrzehnten.
Wir lehnen Totalitärismus, insbesondere
imperialistisch-expansionistischen Totalitärismus ab. Wir treten
für Demokratie und Menschenrechte ein
und wir sind für weltweiten Wohlstand, der nur durch freie Volkswirtschaften entstehen kann und die Verwirklichung
menschlichen
Wohlergehens, das nur durch politische Freiheit hervorgebracht werden kann.
Als meine Regierung die Amtsgeschäfte vor sechseinhalb Jahren übernahm, mußten wir feststellen, daß die
amerikanische Politik diese vornehmsten Ziele in einigen entscheidenden
Bereichen aus dem Blick verloren hatte. Der massiven sowjetischen Aufrüstung im Verlauf der siebziger Jahre
stand Untätigkeit seitens der Ameri-

kaner gegenüber.
Die Sowjets hatten
einige Tausend Gefechtsköpfe hinzugefügt, moderne Mittelstreckenwaffen in
Europa eingeführt und ihre vierte Generation von Interkontinentalraketen
stationiert - während wir nur zusahen.
In der Zwischenzeit erstrecken
sich die sowjetischen Machenschaften
in der Dritten Welt bis auf Länder
wie Afghanistan, Kambodscha, Angola
und Nicaragua.
Vieles davon hat sich heute geändert. Wir haben unser Militär aufgerüstet, und die Sowjets haben mit einer neuen Bereitschaft zu ernsthaften
Gesprächen über Abrüstung auf unsere
neue Stärke reagiert. In der Vergangenheit haben Rüstungskontrollabkommen lediglich die Regeln dafür festgelegt, wie schnell unsere beiden
Länder die Anzahl ihrer Nuklearwaffen
steigern konnten.
Vor sechs Jahren haben wir erklärt,
Rüstungskontrollgespräche
müßten ein anderes Ziel verfolgen.
Wir sollten versuchen, die Zahl der
Nuklearwaffen zu verringern. Auf dem
Gebiet
der
bodengestützten Mittelstreckenraketen schlug ich vor, diese
einfach völlig abzuschaffen.
Heute stehen wir kurz vor einem
Vertragsabschluß mit den Sowjets, um
genau dies zu tun. Gleichzeitig haben wir mit der Entwicklung von Technologien begonnen, die der ganzen
Menschheit die Furcht vor Nuklearraketen nehmen könnte:
Eine strategische Verteidigung zur Abwehr nuklearer ballistischer Raketen.
In den vergangenen sechseinhalb
Jahren haben wir ferner einen neuen
Ansatz gegenüber den sowjetischen Machenschaften entwickelt.
Wir haben
erklärt, Amerika habe eine moralische
Verpflichtung,
denjenigen
beizustehen, die tapfer für die Freiheit und

�gegen die von den Sowjets geschürte
Unterdrückung in ihren Heimatländern
kämpfen. Wenn die Welt wahren Frieden erleben soll, müssen die Sowjets
diese imperialen Abenteuer aufgeben.

samkeit.

Gott schütze Sie.

* * * * *

,

\

'

Diese Woche schlug ich eine Reihe
von Maßnahmen vor, die von den Sowjets unternommen werden können, um
die Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten zu verbessern.
Sie können
ihre Truppen aus Afghanistan abziehen, die Berliner Mauer niederreißen
und freie Wahlen in Osteuropa zulassen.
Und da in diesem Monat die
freie polnische Gewerkschaft "Solidarität" ihren siebten Jahrestag feiert
und dies gleichzeitig der 19. Jahrestag des Einmarschs der Sowjetunion in
die Tschechoslowakei ist, haben die
Sowjets eine besonders gute Gelegenheit, der Gewalt als einem Mittel zur
Verhinderung der Liberalisierung Osteuropas abzuschwören. Nach den gleichen
Prinzipien
könnten
sie
ihre
Hilfsmaßnahmen für das sandinistische
Regime in Nicaragua beenden, das dessen Nachbarn subversiv unterwandert.
Die Sowjets könnten ferner ihre
Verteidigungsausgaben offenlegen, damit die Weltöffentlichkeit eine Überprüfung vornehmen kann.
Sie können
einen gültigen und umfassenden Verteidigungshaushalt vorlegen und Stärke und Zusammensetzung ihrer Streitkräfte veröffentlichen.
Sie können
Diskussionen
über
die
wichtigsten
neuen militärischen Programme in ihrem Parlament, dem Obersten Sowjet,
gestatten.
Bei uns in der Heimat müssen wir
uns an die Lektion der vergangenen 40
Jahre erinnern:
Amerika muß stark
und entschlossen bleiben, wenn die
Welt echten Frieden erfahren will und
sich die Freiheit durchsetzen soll.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerk- 3 -

�AMERIKA DIENST
'VON

&lt;*

Dokumentation
2. September 1987

30

NEUESTER STAND DER AMERIKANISCH-SOWJETISCHEN

BEZIEHUNGEN

- Rede von Fritz W. Ermarth vor der Chautauqua-Konferenz -

CHAUTAUQUA, NEW YORK - (AD) - Im folgenden drucken wir den Wortlaut der
von Fritz w. Ermarth, Fachberater des Präsidenten und Leitender Direktor für
europäische und sowjetische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat, am
25. August 1987 vor der III. Chautauqua-Konferenz über sowjetisch-amerikanische Beziehungen gehaltenen Rede.
Es ist mir eine besondere Ehre,
an dieser außergewöhnlichen Zusammenkunft teilnehmen zu dürfen.
Solche
Versammlungen stellen den Wunsch der
politisch Verantwortlichen und Völker
unserer beiden Länder unter Beweis,
einen Kurs des besseren Verständnisses zu verfolgen. Sie sind ein Ausdruck des guten Willens, der Hoffnung
auf die Zukunft unserer Länder und
der Menschheit an sich und des Vertrauens darauf, daß der offene Dialog
zwischen den Bürgern einen der Bestandteile bildet, die diese Zukunft
vielversprechender machen können.

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Das Menschengeschlecht hat in der
Tat eine vielversprechende
Zukunft
vor sich.
Ungeachtet der Probleme,
die es häufig für uns birgt, der verblüffenden Fortschritte der Wissenschaft, der Verbreitung wirtschaftlicher
Eigendynamik, der Menschen,
Gedanken und Informationen, die um
die Welt reisen - ist die Menschheit
der Ursprung unseres großen Optimismus für eine gemeinsame Zukunft.
Wir
sehen uns mit zahlreichen
gleichgelagerten
Problemen
konfron-

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�tiert.
Aber
wir
sehen
uns auch
grundlegenden
Unterschieden
gegenüber, die die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion nun seit mehreren Generationen trennen.
Es sind politische Kontroversen darüber, wie die
menschliche Gemeinschaft sich verwalten und miteinander
in Verbindung
treten sollte.
Es sind die Themenkomplexe Krieg und Frieden, bei denen
der Rüstungswettlauf nur Symptom und
Wirkung ist.
Wir müssen diese Konflikte unvoreingenommen diskutieren, denn sonst
werden wir kein Einverständnis erzielen.
Eine
oberflächliche
Freundschaft birgt die Aussicht auf übertriebene Enttäuschung in sich - eine
Tatsache, die wir mehr als einmal in
der
Geschichte unserer
Beziehungen
beobachten konnten.
In meinem Ausführungen werde ich mich vorwiegend
auf Beschwerden konzentrieren.
Aber
der wahre Zweck dieser Bestandsaufnahme ist, die vielversprechenden Ansätze in unseren Beziehungen voranzutreiben. Obwohl überall auf der Welt
gefährliche Krisenherde bestehen, von
denen wir aufgesogen werden könnten,
scheinen die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion, insgesamt gesehen,
eher bestrebt, Konfrontationen vermeiden zu wollen, denn auf diese aus
zu sein.
Eines der wichtigsten Abkommen
über
nukleare
Abrüstung
scheint in greifbare Nähe gerückt zu
sein. Die ihm zugrundeliegenden Geschehnisse und Neuerungen können jedoch von niemandem unter uns in ihrem
vollen Umfang verstanden werden, ohne
eine Rückschau vorzunehmen.
Die Sowjetunion befindet sich in einem faszinierenden Prozeß der Selbstüberprüfung und Erneuerung, der tiefgreifende Auswirkungen auf uns alle haben
könnte.
Und schließlich möchte ich
noch hinzufügen, daß wir uns derzeit
nicht mit einem solchen Vorfall wie
der Verhaftung des Journalisten Nick

Daniloff konfrontiert sehen, der zu
einem
plötzlichen
Abbruch
unseres
Dialogs führen kann.
Im vergangenen Jahr hat mein Vorgänger,
der
jetzige
amerikanische
Botschafter in Moskau, Jack Matlock,
bei
der
amerikanisch-sowjetischen
Chautauqua-Konferenz in Latvia einen
umfassenen Bericht der amerikanischen
Sicht des großen politischen Wettstreits zwichen Ost und West vorgelegt, der einmal als der Kalte Krieg
bezeichnet worden war.
ich möchte
Ihnen diese Rede auch heute noch wegen ihrer Tragweite, Objektivität und
Gegewartsbezogenheit
empfehlen.
In
seinen Ausführungen erklärte Matlock,
wie die amerikanische Politik gegenüber der Sowjetunion als Reaktion auf
die fremdenfeindliche und hegemonistische Vorgehensweise der UdSSR in
der Stalin-Sra entstand - einer Ära,
deren Vermächtnis noch heute andauert.
Er beschrieb die vier Punkte
umfassende
Tagesordnung
Präsident
Reagans für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen: Abrüstung, Lösung
regionaler
Konflikte,
Fortschritte bei der Wahrung der Menschenrechte und Verbesserung unserer
bilateralen Verhandlungen.
Man muß sich hierbei vor Augen
halten, wir lebenswichtig diese Tagesordnung als Ganzes für die allgemeine Verbesserung
der
Beziehungen
zwischen unseren beiden Ländern ist.
Jeder Bereich dieser Tagesordnung ist
von wesentlicher Bedeutung. Mit jedem dieser Bereiche nimmt unsere Einschätzung des sowjetischen Verhaltens
und dessen Auswirkungen auf die von
uns geäußerte Besorgnis Gestalt an.
Daher ist es uns unmöglich, die vollständige politische und militärische
Bedeutung
eines
Rüstungskontrollabkommens zu beurteilen - vor allem,
wenn es sich um ein sehr ehrgeiziges
handelt - ohne einen Bezug zu den Er-

- 2 -

�eignissen in Afghanistan, zu den Büros, wo über die Schicksale der Verweigerer
und
Dissidenten
befunden
wird, und zu den Ereignissen um unsere Botschaft in Moskau herzustellen.
"An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen." Mit diesem Gesetz müssen alle
Regierungen leben.

Afghanistan und andere regionale
Konflikte
Von all den Konflikten, die eine
Belastung für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen darstellen, ist
keiner schmerzlicher und gefährlicher
als der sowjetische Versuch der Eroberung
Afghanistans.
Dieser Krieg
dauert nun schon nahezu ein Jahrzehnt
an; die Verluste an Menschenleben
sind fast die höchsten, die seit dem
Zweiten Weltkrieg in einem Konflikt
je zu beklagen waren.
Die sowjetische Entschlossenheit, diesen Krieg
zu gewinnen, bringt mutwillige Zerstörung entlang der Grenzen zu Pakistan und Terrorismus im Lande mit
sich, der durch die vom Geheimdienst
des Regimes in Kabul begangenen Verbrechen noch verschärft wird.
Es
liegen bereits öffentliche Berichte
vor, wonach der Krieg auf sowjetisches Territorium
ausufert.
Die
sowjetische Strategie ist also eindeutig auf eine Ausweitung des Krieges ausgerichtet.
Was sollen wir zweieinhalb Jahre
nach Beginn des Zeitalters "der neuen
Denkweise" von diesem Beispiel sowjetischer Führungskraft halten?
Zweifelsohne können wir neue Taktiken beobachten, wir vernehmen neue Worte.
Aber was wir beobachten, ist nicht
neu:
das Bestreben, unter unterschiedlichsten Deckmänteln ein kommunistisch beherrschtes, Moskau gegenüber loyales Regime aufzuzwingen,
das offensichtlich den Willen des af- 3

ghanischen Volkes mißachtet.
In Privatunterhaltungen wird uns
versichert, daß das Najib Regime in
Kabul nicht kommunistisch sei. Nun,
ich überlasse es anderen, eine Charakterisierung vorzunehmen, aber ich
weiß, daß es nicht unabhängig oder
repräsentativ
für
das
afghanische
Volk ist. Uns wird versichert, eine
Koalitionsregierung sei möglich und
diese Koalition benötige keine kommunistische Mehrheit - natürlich so
lange das Heer und die Geheimpolizei
in den Händen der Machthaber verbleiben.
Wir werden aufgefordert, die
sogenannte
nationale Aussöhnung
zu
akzeptieren, Pakistan von einer Beendigung seiner Unterstützung und Offenheit
gegenüber
dem
afghanischen
Widerstand zu überzeugen und unsere
Unterstützung
beider
Gruppierungen
abzubrechen.
Damit würden wir den
Fremdmächten das Argument an die Hand
geben, den Besetzern politisch den
Sieg zu gewähren, den sie dem afghanischen Volk nicht mit Gewalt abringen können.
Die Vereinigten Staaten
und die ganze Welt können dem nicht
zustimmen.
Einige
der
sowjetischen Regierungssprecher äußern sich, ausnahmslos in privaten Kreisen, dahingehend,
daß das ganze Unternehmen ein großer
Fehlschlag war, in der Tat war...und
immer noch ist.
Das einzig angebrachte bei einem solchen gescheiterten Unterfangen ist, es aufzugeben.
Sobald die sowjetische Regierung eine
überzeugende Entscheidung trifft, Afghanistan ohne Vorbehalte bezüglich
der Kontrolle über das Land sich
selbst zu überlassen, sind Lösungen
möglich, mit denen die Würde des sowjetischen Staates und seiner legitimen Sicherheitsinteressen respektiert
werden.
Frieden und Freiheit für das Volk

�von Afghanistan sind Grund genug für
eine solche sowjetische Entscheidung.
Hinzu kommt eine Verringerung der
Möglichkeiten für einen Konflikt noch
größeren Ausmaßes in der Region. Vor
allem würde jedoch die sowjetische
Entscheidung zur Beendigung ihrer kolonialen
Machenschaften
in Afghanistan mehr bewirken, als irgendeine
Maßnahme die Welt - die muslemische
Welt, die westliche Welt, Sie und
mich - überzeugen könnte, daß die
UdSSR von Menschen regiert wird, die
die Rechte und Freiheiten anderer respektieren können.
Weiter westlich, in Südasien, waren wir bei der Erarbeitung gemeinsamer Standpunkte etwas erfolgreicher.
Wir haben gleichlaufende Interessen
an einer politischen Beendigung des
Krieges zwischen Iran und Irak festgestellt.
Auf diese gleichlaufenden
Interessen aufbauend haben wir gemeinsam mit allen anderen Mitgliedern
des Weltsicherheitsrates
über eine
Resolution abgestimmt, die einen Waffenstillstand und den Rückzug zu den
festgesetzten Grenzen fordert.
Bis
zu diesem Punkt sind wir einer Meinung.
Wir möchten jedoch noch weitergehende
Gemeinsamkeiten
erarbeiten.
Wir sind der Meinung, daß es
jetzt an der Zeit für eine zweite Resolution des UN-Sicherheitsrates ist,
eine Resolution, die Sanktionen in
Form eines Waffenembargos für jedwede
Partei in dem Konflikt verhängt, die
zur Zustimmung
zu einem gerechten
Frieden
nicht
gewillt
zu
sein
scheint.
Andere Nationen sind bereit, solch eine Resolution zu unterstützen.
Bedauerlicherweise scheint
die Sowjetunion
noch abgeneigt zu
sein, sich uns anzuschließen.
Statt
dessen benutzt sie ihren diplomatischen Einfluß in der Region - bis hin
zum Dialog mit dem Iran - um Feindseligkeiten gegen unsere außerordentlich gemäßigten Schritte zu schüren,

die wir zur Abwendung von Angriffen,
Beruhigung exponierter Regionalstaaten und zum Schutz lebenswichtiger
Seewege unter beträchtlichem Risiko
für uns selbst unternommen haben.
Bei dem Versuch, alle die komplexen
politischen und militärischen Nuancen
einzuordnen, stoßen wir auf eine beunruhigende Frage:
Ist die Sowjetunion wirklich an Frieden und Stabilität an ihrer südlichen Grenze interessiert?
Oder ist sie auf eine
neue
Runde
des
jahrhundertealten
Spiels um Südasien aus, das unweigerlich zu Instabilität, Spannung und
möglicher Konfrontation führen wird?
Können wir hier wirklich "neue Denkweisen" beobachten oder sind es eher
alte Gewohnheiten?
Die gleiche Frage stellt sich etwas umfassender im Mittleren Osten.
Im vergangenen Jahr konnten wir einige verhaltene Gesten Moskaus an Israel wahrnehmen.
Gleichzeitig
hat
Moskau seine Bestrebungen verdoppelt,
seine Rolle
im Friedensprozeß sicherzustellen.
Unserer Meinung nach
demonstriert Moskau mit der Sicherstellung
einer
solchen Rolle konstruktive Absichten, den Worten auch
Taten folgen zu lassen. Moskau sollte die israelische Besorgnis über die
diplomatischen
Beziehungen
und die
jüdische
Auswanderung
beschwichtigen.
Und ganz allgemein sollte
Moskau seine Verbündeten, die eine
ablehnende
Haltung
einnehmen,
zum
friedlichen Dialog bewegen.
Sowjetische Machthaber beanspruchen aufgrund der geographischen Nähe
häufig
Einflußnahme
im
Mittleren
Osten.
Gelegentlich beschweren sie
sich über die Vereinigten Staaten,
die nicht zur Anerkennung der UdSSR
als gleichberechtigte Supermacht in
diesem und anderen Gebieten bereit
sind.
Diese Behauptungen und Proteste sind unangebracht. Tatsache ist,

,

i

�daß echter und rechtmäßiger Einfluß
in einer vielschichtigen, aber zusammenwachsenden Welt sich nicht aus
geographischer Nähe und noch weniger
aus
militärischer
Macht
ableitet.
Letzten Endes leitet er sich aus konstruktivem Verhalten ab, das auf die
Erfüllung der legitimen Bestrebungen
der Völker in der fraglichen Region
ausgerichtet ist, ebenso wie auf die
Erstickung
ihrer
gefährlichen Konflikte.
In den seit dem Zweiten
Weltkrieg vergangenen Jahren konnten
wir feststellen, daß die sowjetische
Politik gegenüber der Dritten Welt
insgesamt gesehen eine eher destabilisierende als stabilisierende Wirkung hatte, revolutionären Autoritarismus eher förderte als demokratische Entwicklung
und unverantwortliche Akteure freigebig mit Waffen
versorgte.
offizielle
sowjetische
Ankündigungen der "neuen Denkweise"
und gemeinsames Sicherheitsdenken geben zu Hoffnungen Anlaß, daß dies ein
Wandel zum Besseren hin sein wird.
Aber wir warten noch immer auf konkrete Beweise hierfür.

zur Sicherstellung des Vertrauens bei
der Einhaltung
würden völlig neue
Formen
der
Vor-Ort-Inspektion
der
Einrichtungen
beider
Parteien einschließen.

Rüstungskontrolle

Die UdSSR hat dieses mögliche Abkommen jetzt grundlos und böswillig
über den Haufen geworfen, indem sie
plötzlich auf der Einbeziehung der
nuklearen Gefechtsköpfe beharrt, die
den Vereinigten Staaten gehören, ihrer Kontrolle unterliegen und für die
72 Pershing lA-Raketen zur Verfügung
gestellt werden, die sich im Besitz
der Bundesrepublik Deutschland befinden und von ihr betrieben werden.
Dieses Kooperationsprogramm mit einem
der wichtigsten Verbündeten ist mehr
als 20 Jahre alt und datiert aus der
Zeit lange vor den sowjetischen SS-20
und amerikanischen INF-Raketen, die
den Anlaß für diese Verhandlungen gegeben haben. Es stammt aus der Zeit
des
Nichtverbreitungsvertrages
von
1967 und entspricht ihm inhaltlich.
Wir haben seit langem eindeutig klar
gemacht, daß diese bestehenden Regeln
der Kooperation mit unseren Verbündeten nicht Bestandteil der amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen sind.

In Genf ist ein wahrhaft historisches Abkommen über nukleare Abrüstung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in greifbare
Nähre gerückt. Die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Partner haben in
der Vergangenheit ihre Nukleararsenale einseitig abgebaut, während die
Sowjetunion ihre kontinuierlich vergrößert hat.
In den 20 Jahren der
Verhandlungen
über
nukleare
Abrüstung haben wir jedoch noch nie eine
Reduzierung der Nuklearwaffen mittels
eines Abkommens zwischen den Supermächten erzielt. Dies wäre eine signifikante
Errungenschaft.
Ungefähr
1 000 amerikanische und sowjetische
Raketen würden abgebaut.
Maßnahmen

Sowjetische
Regierungsvertreter
versichern
uns, daß
die mit
den
Pershing lA-Raketen verbundenen Probleme militärisch irrelevant seien.
Die gleichen Regierungsvertreter bestehen jedoch darauf, daß sie von
politischer Bedeutung sind. Dies ist
zweifelsohne richtig. Aber sie sind
politisch
von entschieden
größerer
Bedeutung für die NATO als für die
UdSSR, es sei denn, die Sowjets hätten ein Interesse daran, die Abrüstungsverhandlungen eher dazu zu benutzen, der NATO politischen Schaden
zuzufügen, als vielmehr stabilisierende Abkommen zu erzielen. Je länger die sowjetische Seite an ihren
realitätsfernen
und
unannehmbaren

- 5 -

�Forderungen bezüglich der Pershing 1A
festhalten, desto zwingender ergibt
sich die Schlußfolgerung, daß sie Ärger und nicht Fortschritte machen
will.
Das Vorgehen bei den Rüstungskontrollverhandlungen
ist
einfach.
Erstens müßten wir ein INF-Abkommen
erfolgreich zu Ende bringen. Weiterhin sollten wir Fortschritte bei der
50prozentigen Kürzung der interkontinentalstrategischen Waffen bis hin zu
einem START-Abkommen mit wirksamer
Verifizierung und angemessenen Untergrenzen zur Sicherstellung des strategischen
Gleichgewichts
erzielen.
Die Vereinigten Staaten sind dazu bereit.
Wir
hoffen, die UdSSR ist
ebenso
bereit.
Es
besteht
kein
Grund, warum ein START-Abkommen eine
Überarbeitung des ABM-Vertrages zum
Abblocken unseres SDI-Programms erforderlich machen sollte, wie die Sowjets, die über den größten strategischen Verteidigungsapparat der Welt
verfügen, weiterhin fordern.
Obwohl
noch sehr viel getan werden muß, ist
ein wirksames weltweites Verbot chemischer Waffen erreichbar.
Dann, so
scheint mir, werden alle weiteren Bestrebungen, eine Reduzierung der Nuklearstreitkräfte auszuhandeln, nicht
nur theoretisch, sondern auch praktisch zweifelsohne äußerst sorgfältig
überprüft werden, während wir beobachten, wie die INFund START-Vereinbarungen ihrer Aufgaben gerecht werden und wir uns dem außerordentlich
schwierigen nächsten Thema auf der
umfassenden
strategischen
Tagesordnung der Rüstungskontrolle zuwenden:
der Reduzierung des Ungleichgewichts
bei den konventionellen Streitkräften
und dem Abbau der drohenden Aggression in Europa. Obwohl sie vage formuliert und leicht propagandistisch
sind, bekräftigen die jüngsten Ankündigungen des Warschauer Pakts die Bereitschaft zu einer Beseitigung des
- 6

Ungleichgewichts bei den konventionellen Streitkräften in Europa, das
den Warschauer Pakt eindeutig bevorzugt und eine der Hauptursachen des
gesamten strategischen Rüstungswettlaufs sind.
Lassen Sie mich dies
ganz klar sagen: Technisch und politisch wird diese Aufgabe sehr schwer
durchführbar sein, da die bedrohende
offensive Schlagkraft der Streitkräfte, auf deren Reduzierung solche Verhandlungen abzielen, in die komplexen
Zusammenhänge von Truppenstärke, Gerätebestand, Stationierung, Doktrin,
Führung sowie die geographischen Gegebenheiten zahlreicher Länder eingebettet sind. Guter Wille, Ernsthaftigkeit und das Vermeiden windiger
Ankündigungen werden für einen Erfolg
unabdingbar sein.
Und schließlich können wir Rüstungskontrolle nicht ohne die Notwendigkeit einer vollständigen Einhaltung
der
Abkommen
diskutieren.
Das Verhalten der sowjetischen Seite
in der Vergangenheit gibt hier zu
ernsthafter Besorgnis Anlaß. Die politisch
anspruchsvolle
Tagesordnung
der Rüstungskontrolle macht es erforderlich, daß der Verhandlungsprozeß von der Last bestehender Vertragsverletzungen befreit wird.
Um
eines der wichtigsten Beispiele zu
zitieren bedeutet dies, daß das Radar
von Krasnojarsk, das eine eindeutige
Verletzung
des
ABM-Vertrages
darstellt, abgebaut werden muß.

Menschenrechte
Das Thema Menschenrechte
steht
aus ganz offensichtlichen Gründen auf
der
Tagesordnung
der
amerikanischsowjetischen
Gespräche.
Es
geht
hierbei um eine moralische Verpflichtung.
Es ist ein politisches Thema
bei unserer eigenen Innenpolitik, und
dazu stehen wir. In den internatio-

�nalen Beziehungen befaßt man sich mit
der Frage der Menschenrechte im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen
und der Abkommen von Helsinki.
Am
wichtigsten aber ist, daß es sich um
ein Thema der Friedens- und Sicherheitspolitik handelt, denn mächtige
Staaten wahren die Rechte ihrer Nachbarn fast genauso wie die Rechte ihrer eigenen Bürger.
Die sowjetische Führung hat sich
ganz klar dazu entschlossen, in bezug
auf Menschenrechte "aus der Defensive
herauszukommen", um es einmal so auszudrücken.
Und wir bergrüßen dies,
denn dadurch sind willkommene Verbesserungen zustande gekommen. Außerdem
fühlen wir uns durch die direkten und
offenen Angriffe von Sprechern der
Sowjetunion zur Situation der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten nicht beleidigt. Kein Staat ruht
wie eine Insel in sich selbst. Auch
wenn wir die von allen als positiv
bewerteten Schritte der Sowjetunion
im einzelnen analysieren, muß dennoch
die Bedeutung
dessen
unterstrichen
werden, was noch vor uns liegt. Über
150 politische Gefangene sind freigelassen worden; doch viele Hunderte
bleiben inhaftiert, und ihre Freilassung ist von moralisch verwerflichen
Versprechungen des Häftlings abhängig
gemacht worden.
Religiös Andersdenkende erfahren auch weiterhin eine
außerordentlich
grobe
Behandlung.
Die Sowjetunion hat größere Bereitschaft zur Bewilligung von Auswanderungen gezeigt und könnte die Mehrzahl der zur Zeit inhaftierten jüdischen Minderheiten freilassen.
Aber
es werden auch weiterhin Anträge aufgrund
fälschlicher
Annahmen
abgelehnt, wie etwa Zugang des Anwärters
zu geheimen Unterlagen. Und man befürchtet, sobald diese Minderheiten
freigelassen sind, könnte neuen Anwärtern die Tür vor der Nase zugeschlagen werden. Zahlreiche getrenn-

te Familien müssen immer noch zusammengeführt werden; kein rechtmäßiges
Interesse des Staates oder des Gesetzes sollte einem solchen Vorgehen im
Wege stehen.
Es erübrigt sich, an dieser Stelle auf Verbesserungen der Menschenrechtssituation
hinzuweisen.
Aber
wir suchen nach Fortschritten beim
gesamten Klima der Menschenrechte und
nach
überzeugenden
Beweisen dafür,
daß der Ursprung dieser Verbesserungen nicht nur in diplomatischem Geschick, sondern im Streben nach Gerechtigkeit an sich liegt.
Letzten
Endes sind Menschenrechte politische
Rechte; dazu gehört das Recht, die
eigene politische Meinung auszudrükken, genauso wie das aktive Handeln
der Bürger, der ethnischen und religiösen Minderheiten, und ebenso das
Handeln abhängiger Staaten, und zwar
nach gerechten und demokratischen Gesetzen.

Bilaterale Fragen
Lassen Sie mich zwei wichtige bilaterale Fragen ansprechen. Erstens,
die diplomatische Vertretung.
Die
Vereinigten Staaten haben seit Jahren
unannehmbare
Bedingungen
toleriert,
unter denen unser Land in der Sowjetunion und die Sowjetunion in den Vereinigten Staaten diplomatisch vertreten war.
Diese Vertretung war dem
schamlosen Mißbrauch von Seiten der
Sowjets ausgesetzt und stand im Widerspruch zu unserer Sicherheit und
Selbstachtung.
wir haben auf eine
Beseitigung dieser Ungerechtigkeiten
hingearbeitet.
Mittlerweile sind anhaltende Bestrebungen der Sowjets zu Tage getreten, unsere diplomatischen Einrichtungen in der Sowjetunion lahm zu legen, bis hin zum tatsächlichen Ein-

- 7 -

�dringen in unser neues Botschaftsgebäude in Moskau. Dies sprengt jedes
Vorstellungsvermögen.
Solche
Entwicklungen werfen die Frage auf, mit
der wir uns überall konfrontiert sehen:
Was für ein Land ist die Sowjetunion, und ist sie bereit, internationale Beziehungen in zivilisierter Weise zu gestalten?
Die Regierung und der Kongreß der Vereinigten
Staaten
haben
sich
nachdrücklich
verpflichtet
sicherzustellen,
die
Voraussetzungen für unsere diplomatische Vertretung in der Sowjetunion
so sicher, erträglich, modern und
bequem zu gestalten wie die, welche
die Sowjetunion in unserem Land genießt - ungeachtet der deutlichen
Unterschiede
unserer
Gesellschaftsformen. Wir werden Phantasie, Arbeit
und Geld brauchen, um wirklich bequeme und nützliche Bedingungen für
eine kreative Diplomatie zu gewährleisten. Wir werden ferner ein ungewöhliches Maß an Geduld und Zusammenarbeit im Umgang mit der sowjetischen Seite brauchen, wenn wir zu
der
Verbesserung
der
Beziehungen
kommen wollen, die wir beide anstreben.
Das zweite bilaterale Thema, das
ich hier ansprechen möchte, hat mit
Informationspolitik
einschließlich
der Propaganda zu tun.
Es hat bereits positive Entwicklungen auf diesem Gebiet gegeben. Die Sowjetunion
hat ihre Störungen der in Landessprache
ausgestrahlten
Sendungen
der
"Stimme Amerikas" (VOA = Voice of
America) beendet. Sie hat ihre Störsender jedoch auf andere Sendeanstalten gerichtet, insbesondere auf "Radio Liberty". Wir drängen auf eine
Beendigung sämtlicher im Rahmen der
internationalen
Abkommen
illegalen
Störungen, Die Sowjetunion sendet in
beträchtlichem Umfang auf Kurzwellenfrequenzen in die Vereinigten Staaten, strebt aber nach einem Zugang zu
dem viel umfangreicheren Mittelwel- 8

lenbereich.
Im Einklang mit unseren
eigenen Rechtsvorschriften suchen wir
nach Wegen, dies zu ermöglichen. Bis
es soweit ist, warnen wir die Sowjetunion
und
ihren Verbündeten
Kuba
nachdrücklich vor der Benutzung kubanischer
Mittelwellensender
derart,
daß die legitimen kommerziellen Rechte amerikanischer Stationen verletzt
und diese im Ergebnis gestört werden.
Wir haben erlebt, wie gedeihlich sich
Austauschprogramme
zwischen
unseren
Ländern entwickelt haben, wofür dieses Treffen ein Beispiel ist.
Es
gibt wieder
mehr
wissenschaftliche
Austauschprogramme; ihr Nutzen liegt
in den menschlichen Kontakten sowie
in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit.
Der Austausch von Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen
ist im Aufschwung. In unseren jeweiligen Medien werden viel wahrheitsgemäßere und interessantere Informationen über unsere beiden Länder vermittelt. Es kann noch viel mehr getan werden, aber man kann auf beiden
Seiten eine gesteigerte Handlungsbereitschaft beobachten.
Aus diesem Grund ist es besonders
bedauerlich, eine beachtliche Eskalation böswilliger offizieller Propaganda der Sowjetunion über die Vereinigten Staaten feststellen zu müssen.
In den vergangenen Monaten haben die
offiziellen sowjetischen Medien die
Vereinigten Staaten direkt oder unterschwellig beschuldigt,
- AIDS in amerikanischen militärischen Labors zu entwickeln;
- an sogenannten ethnischen Waffen
zu arbeiten, die alle Rassen mit
Ausnahme
der Weißen
vernichten
können;
- Friedensdemonstranten
in
Europa
gefährlicher Mikrowellen-Bestrah-

,

t

�lung auszusetzen;
- sich
an
dem
Joneston-Massaker
beteiligt zu haben;
- Olaf Palme ermordet zu haben;
Ein besonders widerliches Beispiel dieser Art von Propaganda ist
die Veröffentlichung von Falschmeldungen
in
der
"Prawda",
der
"Iswestia" und der "Sowjetskaja Kultura", wonach Amerikaner Kinder aus
Latein-Amerika unter dem Vorwand der
Adoption abgeholt und dann in Wirklichkeit als Organspender mißbraucht
und getötet haben.
Diese Art von Propagandaaktivitäten folgt einem generellen Muster.
Zunächst wird ein Gerücht in speziell
zu diesem Zweck betriebenen Medien in
die Welt gesetzt, um dann von offiziellen sowjetischen Organen aufgegriffen und von sowjetischen Nachrichtendiensten zur Weiterverbreitung
verarbeitet zu werden.

nen, wie ihr Land in unseren Medien
dargestellt wird.
Es handelt sich
hierbei um private kommerzielle Unternehmen, auf die von Seiten der
amerikanischen Regierung auf keinen
Fall Einfluß genommen werden darf.
Solchen
Darstellungen
stehen
zahlreiche Veröffentlichungen in sowjetischen Büchern und Filmen mit antiamerikanischen Themen gegenüber, in
einem Land, wo sämtliche Veröffentlichungen
in
Regierungshand
liegen.
Man muß jedoch sehr stark unterscheiden
zwischen ganz offensichtlicher
Fiktion, ob nun zu Unterhaltungszwekken oder zur Indoktr ination, ob geschmacklos oder künstlerisch, und einer blanken Lüge, die von Organen der
Regierung als Tatsache verkauft wird.
Die Autoren solchen Materials mögen
unsere
Beschwerden
beachten
oder
nicht. Aber sie sollen weder bei ihrer Arbeit anonym bleiben, noch soll
unser
politisches Verhältnis davon
unberührt bleiben.

Schlußbemerkungen
Amerikaner fühlen sich durch eine
derartige offizielle, wenngleich verdeckte,
sowjetische
Propaganda
zu
Recht beleidigt. Dies könnte uns sogar Schaden zufügen, insbesondere in
Teilen der Dritten Welt, obwohl das
schwer meßbar ist. Am bedeutendsten
ist hierbei nicht die Frage, was über
die Vereinigten Staaten gesagt oder
ihnen zugefügt wird, sondern was dies
über die Sowjetunion aussagt und daher ihr zufügt. Dieser offiziell abgesegnete Unfug stammt aus denselben
Büros, sogar von denselben hochrangigen Personen, die uns glauben machen
wollen, daß im Kreml eine neue Denkweise verbreitet sei. Was sollen wir
mit solchen Anschuldigungen anfangen?
Ich bin davon überzeugt, daß viele sowjetische Bürger die Art ableh-

Ich bezweifle nicht, daß unsere
sowjetischen Gäste viele der von mir
vorgebrachten Klagen zurückweisen und
ihrerseits
einige
Beschwerden
und
Einwände vortragen werden.
Und in
der anschließenden Debatte werden wir
zu einer korrekten Beurteilung des
derzeitigen
Stands der
sowjetischamerikanischen Beziehungen gelangen.
Beobachter auf beiden Seiten werden
behaupten, eine solche gegenseitige
Kritik würde die Stimmung verderben
und unsere Bemühungen um Verständnis
behindern. Doch ich möchte wiederholen, was ich bereits ausgeführt habe:
wir müssen offen ansprechen, was uns
beunruhigt und trennt, sonst werden
wir keine Verbesserung des Verständnisses erzielen.

- 9 -

�Der derzeitige Stand der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen ist so
uneinheitlich, wie schon seit langem
- eine Mischung aus Konflikten und
unseren Bemühungen zur Vermeidung von
Konfrontationen;
dem
Streben
nach
Verständnis für die Unterschiede zwischen uns und dem Aufbau engerer Zusammenarbeit.
Was die amerikanische
Sicht der Tendenzen und zukünftiger
Entwicklungen
betrifft, möchte ich
auf den Präsidenten verweisen, der
morgen zu Ihnen sprechen wird, und
auf den stellvertretenden Außenminister Whitehead, der im Lauf der Woche
das Wort an Sie richtet.
Es erscheint mir angebracht, mit
einigen Bemerkungen über die bedeutsamen
Entwicklungen
innerhalb
der
Sowjetunion abzuschließen.
Sie können gelegentlich
lesen,
einige
amerikanische
Regierungsvertreter seien skeptisch über die innenpolitischen Entwicklungen in der
Sowjetunion,
über
"Glasnost"
und
"Perestroika". Lassen Sie mich Ihnen
versichern, sie zweifeln nicht daran,
daß etwas wichtiges und vielleicht
vielversprechendes
geschieht.
Aber
sie sind skeptisch darüber, was es
wirklich ist, wie weit es gehen wird,
und was es letztlich für das Verhalten der Sowjetnuion gegenüber der
Welt bedeuten wird. Rußland und die
Sowjetunion haben schon vorher Perioden der Reform erlebt, und diese
Epochen waren unmittelbar von Stagnation und Unterdrückung gefolgt. Gelegentlich waren die Phasen der Reform von gefährlichen Aktionen in der
Außenpolitik begleitet.
Ist "Perestroika" ein Prozeß, der
die Sowjetunion
zu neuen Anstrengungen ermutigt, die Kontrolle über
andere anzustreben?
Oder wird dies
zu einer neuen Aussöhnung und Freund- 10

schaft mit den Nachbarn führen? Wir
wissen es nicht, und soweit ich das
sagen kann, wissen auch die meisten
Sowjetbürger dies nicht.
Die wahre
Absicht
politisch
Verantwortlicher
kann nicht immer zwangsläufig aus dem
geschlossen werden, was sie sagen.
Außerdem liegen die Ergebnisse großer
historischer Entwicklungen nicht allein in den Händen der Politiker.
Generalsekretär
Gorbatschow
hat
vernünftigerweise
festgestellt, daß
echte "Perestroika", also eine andauernde Wiederbelebung
der sowjetischen Gesellschaft, Kraft von unten
benötigt, neue Wege des Denkens und
Handelns der Menschen.
Im Gegenzug
wird dies neue Formen der Toleranz
und des Antriebs von den politisch
Verantwortlichen erfordern.
Die daraus resultierende Unruhe, so wird
uns
versichert,
wird
für
viele
furchterregend und für alle ungewiß
sein. Das Ergebnis steht nicht fest.
Und die Außenpolitik der führenden
westlichen Nationen kann nicht auf
ein ganz bestimmtes Ergebnis setzen.
Die Politik muß von Skepsis und
Vorsicht geprägt sein. Aber sie muß
auch von Hoffnungen und Visionen inspiriert sein.
Damit ist die Hoffnung des amerikanischen Volkes und
seiner politisch Verantwortlichen gemeint, daß
"Perestroika"
bei
der
Schaffung
eines größeren Maßes an
Wohlstand und Freiheit in der Sowjetunion und in Osteuropa erfolgreich
sein wird. Erfüllt von unseren eigenen Werten und unserer langen Erfahrung glauben wir, daß die Sowjetunion
ein toleranteres und freieres Land
werden muß, wenn sie wohlhabender und
produktiver werden will.
Dann wird
sie auch ein umgänglicher Nachbar in
der Welt sein.
Es erfordert nicht allzu viel
Phantasie, sich eine Sowjetunion vor-

t

»
K

�zustellen, in der etwas erreicht wurde, das unserem Verständnis von Gerechtigkeit und Freiheit, von Toleranz zwischen Staat und Bürgern, zwischen Nationalitäten und religiösen
Gruppen
und
zwischen Nationen und
Nachbarn näher
kommt.
Auf dieser
Aussicht, so unsicher sie auch sein
mag, gründet sich die Vision eines
wahren und dauerhaften Friedens zwischen unseren Ländern, ein Friede getragen von Harmonie und Freundschaft.
Bis dahin arbeiten wir gemeinsam
an der schwierigen und widersprüchlichen Beziehung, die wir zueinander
haben.
Die Vereinigten Staaten sind
auf diese Arbeit mit der Sowjetunion
vorbereitet. Wir werden jedoch auch
weiter darauf bestehen, daß Frieden
und Freiheit Hand in Hand gehen müssen.

* * * * *

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

2. September 1992

35

JUGOSLAWIEN

JUGOSLAWIENKRISE KÖNNTE WELT NACH
DEM KALTEN KRIEG BEEINFLUSSEN
Rede bei der Londoner Jugoslawienkonferenz

LONDONER KONFERENZ LEITET PROZESS
ZUR LÖSUNG DES JUGOSLAWIENPROBLEMS
IN DIE WEGE
Pressekonferenz des
geschäftsführenden Au ßenministers

IRAK

KOALITION VERHÄNGT FLUGVERBOT
IM SÜDIRAK
Erklärung von Präsident Bush

NAFTA

HILLS: NAFTA SCHAFFT KEINE
FESTUNG NORDAMERIKA
Stellungnahme der US-Handelsbeauftragten

FULBRIGHT

FULBRIGHT-LEHRERAUSTAUSCHPROGRAMM
ZEITIGT IN VIELEN REGIONEN ERFOLGE
Informationsveranstaltung für Lehrer

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�JUGOSLAWIEN
2. September 1992

JUGOSLAWIENKRISE KÖNNTE WELT NACH DEM
KALTEN KRIEG BEEINFLUSSEN
Rede bei der Londoner Jugoslawienkonferenz
LONDON - (AD) - Der amtierende US-Au ßenminister Lawrence Eagleburger hat am 26. August 1992 erklärt, im
vom Bürgerkrieg zerrissenen ehemaligen Jugoslawien gebe es ein "erschreckendes Echo" aus den "dunkelsten
Momenten" der europäischen Geschichte und die Welt könne es nicht zulassen, "daß dieses Krebsgeschwür im
Herzen Europas gedeiht, geschweige denn sich ausbreitet".
Vor der Londoner Jugoslawienkonferenz machte Eagleburger die Teilnehmer darauf aufmerksam, daß "was wir
leisten - oder nicht leisten - auf jeden Fall die Zukunft Europas sowie das Gefüge des internationalen Systems
nach dem Kalten Krieg beeinflussen wird".
Eagleburger forderte, die Konferenz dürfe sich nicht "mit der De-facto-Schaffung eines Großserbiens abfinden",
und die Vereinigten Staaten erwarteten von der Konferenz folgende Maßnahmen:
Sicherstellung von humanitärer Hilfe für die Opfer des Konflikts sowie ungehinderten Zugang zu allen
Internierungslagern;
die Forderung nach unverzüglicher Einstellung der Gewalt sowie der Beendigung der Belagerungen von
Sarajevo, Gorazde, Tuzla, Bihac, Mostar und anderen bosnischen Städten durch die serbischen Truppen;
die Bekräftigung der Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft, die umfassenden
Wirtschaftssanktionen gegen Serbien/Montenegro zu verschärfen und ihre politische Isolation aufrechtzuerhalten, bis alle einschlägigen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates eingehalten werden. Die Klarstellung, daß Sanktionen gegen alle Parteien verhängt werden, die ebenso verwerflich handeln.
Gewährleistung, daß der Konflikt nicht auf Gebiete und Länder übergreift, die noch nicht unmittelbar von
den Kämpfen betroffen sind.
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.

Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir als
Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft Ost und West, Moslems, Christen oder Juden - verpflichtet sind, den Völkern des ehemaligen Jugoslawiens in ihrer Stunde des Leidens und der Not zu
helfen. Die von uns in London getroffenen Entscheidungen über ihr Schicksal werden jedoch über die
gegenwärtige Krise hinaus Konsequenzen haben. Denn
was wir leisten - oder nicht leisten - wird auf jeden Fall
die Zukunft Europas sowie das Gefüge des internationalen Systems nach dem Kalten Krieg beeinflussen.
Vor nur drei Jahren begann die Menschheit aufs Neue
ihren lange unterbrochenen Marsch zu Freiheit, Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit. Wir hatten damals

AMERIKA DIENST 35

guten Grund zu der Hoffnung, daß sich alle vom
Kommunismus befreiten Nationen nicht nur dem Kreis
der westlichen Demokratien, sondern auch dem Kreis
des Friedens anschließen würden, der durch die
Aussöhnung traditioneller Feinde geschaffen wurde.
Kurzum: wir stellten uns einen vergrößerten Bund
demokratischer Staaten vor, die ohne den Haß und die
Rivalitäten ins 21. Jahrhundert eintreten würden, die
das ausgehende Jahrhundert so sehr verdunkelt haben.
Diese Hoffnungen bleiben unvermindert bestehen,
aber in der Zwischenzeit haben uns die Ereignisse im
ehemaligen Jugoslawien mit dem Gespenst konfrontiert, daß die Geschichte dort nicht überwunden, sondern wiederholt wird, und mit der Vision, daß die

Seite 1

�Zukunft dieses Landes eine Neuinszenierung seiner
tragischen Vergangenheit ist.
Tatsächlich gibt es im ehemaligen Jugoslawien heute
ein erschreckendes Echo der dunkelsten Momente
der europäischen Geschichte - von früheren Beispielen rassisch begründeter Repression, Aggression und
territorialer Expansion. Die Geschichte lehrt jedoch,
daß die Eroberungen früherer ethnischer Säuberer
meistens nur kurz Bestand hatten und die Völker, in
deren Namen ihre Verbrechen begangen wurden, in
der Regel ein unglückliches Schicksal erlitten.
Wahre Freunde des ehemaligen Jugoslawiens müssen anerkennen, daß die Geschichte dort nicht gestern begonnen hat und die Tragödie, die sich dort
gerade zuträgt, alte und komplizierte Wurzeln hat. Sie
sind sich insbesondere der Tatsache bewußt, daß die
serbische Bevölkerung ein Hauptopfer des Zweiten
Weltkriegs war, und sie genießt aufgrund dieser Leiden, die vielen noch frisch im Gedächtnis sind, ihre
Sympathie.
Ich vertrete eine Regierung, die traditionell ein besonderes Verhältnis zu Serbien hat. Und ich erkenne an,
daß in dem fortdauernden jugoslawischen Aufruhr
Verbrechen von allen Seiten begangen wurden. Heute
sind jedoch besonders Serben für Verbrechen verantwortlich, die denen ihrer ehemaligen Peiniger gleichkommen und die heilige Erinnerung an die Vorfahren
entehren, denen solche Pein zugefügt wurde. Und es
sind die Serben, die eine äußerst düstere Zukunft vor
sich haben, wenn es ihnen nicht gelingt, den von ihren
rücksichtslosen Führern eingeschlagenen Kurs zu
ändern.
Ich treffe diese Vorhersage ohne Befriedigung, aber
ich treffe sie, weil wir eindeutig feststellen müssen: die
zivilisierte Welt kann es sich einfach nicht leisten
zuzulassen, daß dieses Krebsgeschwür im Herzen
Europas gedeiht, geschweige denn sich ausbreitet.
Wir müssen die Kontrolle über die Zukunft denjenigen
entreißen, die uns in die Vergangenheit zurückwerfen
wollen und der Welt zeigen - insbesondere der einen
Milliarde Moslems auf der Welt -, daß die westlichen
Demokratien Aggression unter allen Umständen ablehnen und ihr nicht in einer Region entgegentreten
und sie in einer anderen dulden.
Sicherlich werden wir diesen Konflikt nicht heute in
London beilegen. Aber wir werden uns auch nicht mit
der De-facto-Schaffung eines Großserbiens abfinden.
Was wir tun werden - so hoffe ich - ist, einen koordinierten, integrierten und kontinuierlichen Verhandlungsprozeß ins Leben zu rufen, der zu einer Umkehr der
serbischen Aggression und zur Integration der ehemaligen jugoslawischen Republiken in den größeren
Rahmen eines demokratischen Europas führen wird.
Hier bei dieser Konferenz sollten wir die politischen
Entscheidungsträger im gesamten ehemaligen Jugoslawien vor die Wahl stellen, entweder mit der interna-

Seite 2

tionalen Staatengemeinschaft zusammenzuarbeiten
oder einen von uns zu fordernden inakzeptabel hohen
Preis für Aggression zu bezahlen. Darüber hinaus
sollten wir hier bei dieser Konferenz das Volk von
Serbien eindeutig vor die Wahl stellen, entweder einem demokratischen und wohlhabenden Europa beizutreten oder ihren Führern in die Schmach, Isolation
und Niederlage zu folgen, die sie erleiden werden,
wenn sie ihren gegenwärtigen Marsch der Torheit
fortsetzen.
Mit anderen Worten, die Vereinigten Staaten erwarten,
daß die Konferenz folgende spezifische Aufgaben in
Angriff nimmt:
Humanitäre Hilfe
Erstens, die Bereitstellung humanitärer Hilfe für die
Opfer dieses Konflikts sowie die Gestattung des unverzüglichen, uneingeschränkten und ungehinderten
Zugangs zu allen Internierungslagern.
Angesichts des herannahenden Winters besteht unsere unmittelbare Priorität darin, das Problem von Unterkunft und Ernährung der Hunderttausenden vordringlich in Angriff zu nehmen, die in Bosnien, Kroatien,
Slowenien, Serbien und Mazedonien heimatlos geworden sind. Darüber hinaus müssen wir weiteren
Hunderttausenden humanitäre Hilfe zukommen lassen, die in Bosnien eingeschlossen sind, so daß sie
nicht zum nächsten Flüchtlingsstrom werden. Die
Öffnung von Sicherheitskorridoren ist zur Verwirklichung dieses Ziels erforderlich. Die internationale
Staatengemeinschaft muß ungehinderten Zugang zu
Lande und in der Luft haben, um die humanitären
Hilfslieferungen zu gewährleisten. Und während wir
die friedliche Zusammenarbeit mit allen Seiten anstreben, müssen wir zum Einsatz aller erforderlichen Mittel
bereit sein, um sicherzustellen, daß die Hilfe ihr Ziel
erreicht.
Bis heute haben die Vereinten Nationen und das IKRK
zur Lieferung von Hilfsgütern im Wert von rund 500
Millionen Dollar in die Kriegszone beigetragen. Der
Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen
(UNHCR) hat jetzt jedoch die betroffenen Regierungen
zu einem erneuten Treffen am 4. September einberufen, um einen konkreten Plan für die Erweiterung der
Konvois nach Bosnien durchzuführen und dem Bedarf
an winterfesten Unterkünften für Flüchtlinge in anderen Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens gerecht
zu werden. Die Vereinigten Staaten werden einen
ersten Beitrag in Höhe von über 40 Millionen Dollar und
gegen Ende des Jahres einen weiteren leisten. Über
diese direkte finanzielle Hilfe hinaus besteht unsere
Unterstützung aus Nahrungsmitteln, Medikamenten,
Material für Unterkünfte, Transportmitteln und technischer Hilfe.
Nebenbei möchte ich bemerken, wir sind uns des
Risikos bewußt, daß humanitäre Hilfe, wenn wir nicht

AMERIKA DIENST 35

�sorgfältig vorgehen, zur Konsolidierung der Landnahme in Bosnien und der politischen Kantonisierung
beitragen könnte, die von den Vereinigten Staaten
kategorisch abgelehnt wird. Aus diesem Grund vertreten wir die Auffassung, daß es nicht zu früh für die
internationale Staatengemeinschaft ist, die Frage
anzusprechen, wie wir den Flüchtlingen helfen, dorthin
zurückzukehren, was von ihren Häusern und Dörfern
übriggeblieben ist und diese wiederaufzubauen. Dieses Thema muß Teil jeder von den Vereinigten Staaten unterstützten politischen Beilegung der derzeitigen
Krise sein und macht weiter beträchtliche internationale Hilfslieferungen erforderlich.
Schließlich müssen wir auf einer Beendigung der
Menschenrechtsverletzungen, die in den Internierungslagern in ganz Bosnien begangen werden und auf der
Auflösung dieser Lager bestehen. Der internationalen
Staatengemeinschaft muß unverzüglich und kontinuierlich uneingeschränkter Zugang zu diesen Lagern
gewährt werden. Das IKRK sollte alles in seiner Macht
Stehende tun, um die stattfindenden Inspektionen zu
beschleunigen und in seinen Bestrebungen von Berichterstattern des UNHCR und der KSZE unterstützt
werden.
Ein Verhandlungsprozeß
Eine zweite Aufgabe besteht darin, der Tag für Tag an
den Menschen in Bosnien verübten Gewalt ausdrücklich Einhalt zu gebieten. Als ersten Schritt fordere ich
die serbischen Streitkräfte auf, die Belagerung von
Sarajevo, Gorazde, Tuzla, Bihac, Mostar und anderen
bosnischen Städten aufzuheben - ein Schritt, der Teil
eines umfassenderen diplomatischen Prozesses sein
muß. Zu diesem Zweck müssen wir einen kontinuierlichen internationalen Verhandlungsmechanismus
schaffen, der auf ständiger Basis und unter Einbeziehung aller betroffenen Parteien operiert, um eine gerechte und dauerhafte Schlichtung zu erzielen.
Ich betone die Worte "gerecht und dauerhafte". Die
serbische Regierung hat in London ihre Bereitschaft
zur Aushandlung eines Friedens erklärt. Wir müssen
jedoch sicherstellen, daß bei der Einigung über einen
Verhandlungsmechanismus alle Parteien auch zustimmen, auf der Grundlage der in der Charta der
Vereinten Nationen und der KSZE verankerten Prinzipien zu verhandeln - das heißt, der Verpflichtung zu
einer friedlichen Lösung von Konflikten, Respektierung der territorialen Integrität anderer Staaten, Ablehnung von Bestrebungen, Grenzen durch Gewalt zu
verändern, Garantie grundlegender Menschenrechte einschließlich der Rechte von Minderheiten - sichere
Rückführung der Opfer der "ethnischen Säuberung" in
ihre Heimat und obligatorische Einhaltung der Bestrebungen zur Bereitstellung humanitärer Hilfe. Nur
durch die Zustimmung zu einem auf diese Prinzipien
gegründeten Friedensprozeß können wir gewährleisten, daß die Verhandlungen nicht zum Instrument der
Konsolidierung der Früchte von Aggression werden.

AMERIKA DIENST 35

Bestrafung und Ächtung von Aggression
Erfolgreiche Verhandlungen erfordern von uns vor
allem, die Kosten für diejenigen anzuheben, die weiterhin Gewaltakte verüben und gewaltsam eroberte Territorien besetzt halten. Deshalb besteht unseres Erachtens die dritte Aufgabe der Konferenz in der Bekräftigung der Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft, die umfassenden Wirtschaftssanktionen gegen Serbien/Montenegro zu verschärfen und
seine politische Isolierung aufrechtzuerhalten, bis alle
entsprechenden Resolutionen des UN-Sicherheitsrats
eingehalten werden. Gleichzeitig sollten wir allen
anderen Konfliktparteien vor Augen führen, daß wir
auch gegen sie Sanktionen verhängen werden, wenn
sie mit derselben Grausamkeit vorgehen.
Wir sind uns bewußt, daß eine Verschärfung der
Sanktionen den traditionellen Handelspartnern von
Serbien/Montenegro Härten auferlegen wird, und wir
ermutigen Maßnahmen zur Entschädigung der Staaten, deren strikte Einhaltung der Sanktionen ihnen
ungebührliche Schwierigkeiten verursacht. Wir müssen jedoch entschlossen sein, andauernde und offenkundige Verletzungen der Sanktionen nicht länger zu
tolerieren.
Mehrere Schritte sind erforderlich. Erstens müssen
die Umschlagrichtlinien des UN-Sanktionskomitees
überarbeitet werden, um strenge Dokumentationsund Inspektionsverfahren einzubeziehen. Zweitens
werden wir in Absprache mit der rumänischen Regierung unverzüglich multinationale Beobachter zur Einhaltung der Sanktionen nach Rumänien entsenden.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, Experten und
Gerät für diese Operation zur Verfügung zu stellen.
Ähnliche Arrangements sollten auch in anderen Regionen geschaffen werden, die an Serbien/Montenegro
angrenzen, einschließlich Ungarn, Bulgarien, Albanien und Mazedonien. Drittens müssen wir neue
Maßnahmen verabschieden, um auf der Donau stattfindende Verletzungen des Embargos zu unterbinden.
Präventive Diplomatie
Die vierte Aufgabe der Konferenz liegt im Bereich der
präventiven Diplomatie - das heißt, der Sicherstellung,
daß der Konflikt sich nicht in Gebiete und Länder
ausweitet, die nicht direkt von den Kämpfen betroffen
sind.
Ein sofortiger Schritt muß die Durchführung der vor
zwei Wochen von der KSZE getroffenen Entscheidung
sein, ständige Menschenrechtsbeobachter in die Gebiete
Serbiens - Kosovo, Wojwodina und Sandschak - zu
entsenden, die das nächste Ziel von Aggression werden könnten. Darüber hinaus haben die serbischen
Führer ihre Bereitschaft erklärt, die Stationierung internationaler Beobachter auf ihrem Territorium, entlang
der bosnisch-serbischen Grenze sowie auf Luftwaffenstützpunkten in Serbien und Montenegro zu gestat-

Seite 3

�ten. Jetzt ist es an der Zeit, diese Worte in Taten
umzusetzen, indem wir heute hier die Entscheidung
treffen, Beobachter entlang dieser Grenze und auf
diesen Luftwaffenstützpunkten zu stationieren.
Diese Beobachter müssen durch weitere in den an
Serbien grenzenden Staaten und Regionen ergänzt
werden. Ihre Aufgabe würde darin bestehen, als
Abschreckung für eine Ausweitung der Kämpfe und
auch als "Frühwarnung" für deren Bevorstehen zu
wirken.
Die Europäische Gemeinschaft arbeitet aktiv mit Albanien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Griechenland
bei der Zusammenstellung solcher Überwachungsteams zusammen. Wir begrüßen diese Bestrebungen, drängen auf deren unverzügliche Vollendung und
stehen zur Hilfe bereit, wo immer wir können. Gleichzeitig unternehmen die Vereinigten Staaten Anstrengungen, Beobachter in die ehemalige jugoslawische
Republik Mazedonien zu entsenden, und wir werden
mit der EG zusammenarbeiten, um auch den Bewohnern dieser Region Wirtschaftshilfe zukommen zu
lassen.
Schlußbemerkung
Ich habe meine Ausführungen mit der Beschreibung
der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien unter dem
Aspekt des scheinbar endlosen Zyklus von Gewalt und
Rache begonnen, der diese Region seit so vielen

Jahrhunderten charakterisiert. In Wirklichkeit haben
die Vorgänge in diesen Ländern jedoch nichts fatalistisches. Tatsache ist, daß der Konflikt von Männern
gewollt wurde, die versuchen, das letzte kommunistische Regime Europas durch die Manipulation von
jahrhundertealtem Haß und Furcht zu erhalten. Tatsache ist, daß die Menschen im ehemaligen Jugoslawien
sich noch immer weigern können, den Schierlingsbecher zu trinken, den ihre politisch Verantwortlichen
ihnen vorsetzen.
Wenn sie sich weigern sollten, können sie erneut
einem demokratischen Europa in einem Integrationsprozeß beitreten, der traditionelle Vorstellungen von
Souveränität verwirft und die Interessen von Minderheiten auf dem ganzen Kontinent erweitert. Die
Demokratien der Welt - ganz sicher einschließlich der
Vereinigten Staaten - werden die Serben in ihrer Mitte
willkommen heißen und ihnen größere Sicherheit bieten, als sie je unter dem jetzt herrschenden Gesetz des
Dschungels erhoffen könnten.
Die Völker jedoch, die den irrationalen Weg von Haß
und Aggression wählen, können nicht die Mitgliedschaft in der kürzlich erweiterten Gemeinschaft demokratischer Staaten erwarten. Wir werden ihnen schlicht
und einfach nicht gestatten, die menschlichere und
rationalere Zukunft zur Farce zu machen, die der
Zusammenbruch des Kommunismus und das Ende
der Bedrohung eines nuklearen Holocaust versprechen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 35

�JUGOSLAWIEN
2. September 1992

LONDONER KONFERENZ LEITET PROZESS ZUR
LÖSUNG DES JUGOSLAWIENPROBLEMS IN DIE WEGE
Pressekonferenz des geschäftsführenden Außenministers
LONDON - (AD) - Die mit den belagerten Republiken des ehemaligen Jugoslawiens betaßte internationale
Konferenz wird "dieses Problem nicht über Nacht lösen, aber meines Erachtens haben wir einen entscheidenden Prozeß in die Wege geleitet", stellte der geschäftsführende Außenminister Lawrence Eagleburger fest.
Das unter dem gemeinsamen Vorsitz der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft geschaffene ständige Verhandlungsforum wird die "Parteien zusammenführen und zur Entschärfung des derzeitigen
Konflikts, der Beendigung des Blutvergießens und letztlich zu einer Verhandlungslösung beitragen", erklärte
Eagleburger anläßlich einer Pressekonferenz in London am 28. August 1992.
"Wir haben uns auf die Erweiterung und Stärkung der UN-Schutztruppe (United Nations Protection Force UNPROFOR) zur Unterstützung der humanitären Hilfsaktionen der UNO in Bosnien geeinigt", so Eagleburger.
"Wir verschärfen das Sanktionsregime durch die Entsendung internationaler Beobachter in die Nachbarstaaten,
unterbinden die Verletzung der Sanktionen auf der Donau und tragen zur Entschädigung der am härtesten von
der strikten Einhaltung der Sanktionen betroffenen Nachbarstaaten bei."
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom geschäftsführenden Außenminister gegebene Pressekonferenz im
Wortlaut.

Eagleburger: Ich habe eine kurze Erklärung abzugeben und stehe dann gerne zur Beantwortung Ihrer
Fragen bereit.
Wir ich gestern bereits sagte, ist dieser Konflikt ein
echtes Krebsgeschwür im Herzen Europas. Seine
Ursachen und Konsequenzen sind komplex. Er wird
nicht über Nacht beigelegt. Und er muß in all seinen
Dimensionen angesprochen werden, wenn wir ihn
entschärfen, eindämmen und letztlich beenden wollen.
Wir wollten diese Konferenz einsetzen, um internationale Aktionen in all diesen Dimensionen wirksam werden
zu lassen: der Beendigung des menschlichen Alptraums in Bosnien, Unterstützung des Verhandlungsprozesses, Bestrafung der Aggressoren und Verschärfung der wirtschaftlichen und politischen Isolierung von
Serbien und Montenegro, Eingrenzung des Konflikts
und Verhinderung seiner Ausbreitung und letztlich,
den Völkern im ehemaligen Jugoslawien Frieden zu
bringen. Wir haben diese Konferenz meines Erachtens mit einem starken Konsens und einem konkreten
Plan zu jedem dieser Bereiche beendet.

AMERIKA DIENST 35

Erstens wollten wir, daß diese Konferenz die territoriale Integrität sowie die legitime Regierung von BosnienHerzegowina unterstützt und sicherstellt, daß die
Konferenz nicht zu einem Forum zur Förderung von
Zersplitterung und Kantonisierung wird. Die Konferenz hat ein klares politisches Signal gesetzt, daß die
internationale Staatengemeinschaft Aggression nicht
belohnen sowie Bosniens Souveränität, Unabhängigkeit und Integrität wahren wird und Verhandlungen im
Einklang mit den grundlegenden KSZE-Prinzipien geführt
werden müssen.
Zweitens wollten wir ein ständiges Verhandlungsforum schaffen, das sich ausschließlich mit der Entschärfung der Krise befaßt und den Prozeß zu einer
politischen Lösung führt. Unserer Ansicht nach wird
das von uns unter dem gemeinsamen Vorsitz der
Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft geschaffene, von starken Grundsätzen geleitete ständige Verhandlungsforum mit Sitz in Genf die
Parteien zusammenführen und zur Entschärfung des
derzeitigen Konflikts, der Beendigung des Blutvergießens und letztlich zu einer Verhandlungslösung beitragen. Zur Erleichterung dieses Verhandlungsprozes-

Seite 1

�ses haben die Vereinigten Staaten 3 Millionen Dollar
als Anschubfinanzierung angeboten.
Drittens wollten wir über eine Grundsatzvereinbarung
und eine Verhandlungsstruktur hinausgehen, um einen internationalen Aktionsplan zur Bewältigung dieser Krise zu entwickeln. Wie Sie vermutlich der
Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden zu bei
der Konferenz getroffenen spezifischen Entscheidungen entnehmen konnten, haben wir eine Reihe konkreter Maßnahmen umrissen, die die internationale Staatengemeinschaft zur Bereitstellung humanitärer Nothilfe, verschärftem Druck auf die Aggressoren und
Eindämmung des Konflikts ergreift. Ich möchte einige
dieser Schritte im einzelnen darlegen:
Wir haben für diesen Winter massive humanitäre
Hilfsbestrebungen in die Wege geleitet, einschließlich
für die Sitzung des Hohen Flüchtlingskommissars der
Vereinten Nationen UNHCR am 4. September eingegangener Verpflichtungen. Ich darf hinzufügen, daß
wir - wie ich in meiner gestrigen Rede vor der Konferenz erwähnt habe - jetzt zusammen mit den anderen
Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft
Planungen aufnehmen, um Flüchtlingen die Rückkehr
in ihre zerstörten Häuser und Dörfer sowie bei deren
Wiederaufbau zu helfen.
Wie Premierminister Major andeutete, haben wir uns
auf die Erweiterung und Stärkung der UNPROFOR zur
Unterstützung der humanitären Hilfsaktionen der UNO
in Bosnien geeinigt. Wir verschärfen das Sanktionsregime durch die Entsendung internationaler Beobachter in die Nachbarstaaten, unterbinden die Verletzung
der Sanktionen auf der Donau und tragen zur Entschädigung der am härtesten von der strikten Einhaltung
der Sanktionen betroffenen Nachbarstaaten bei.
Und wir engagieren uns in präventiver Diplomatie. Wir
entsenden ständige Menschenrechtsbeobachter nach
Kosovo, Wojwodina und Sandschak sowie "Frühwarnbeobachter" in Nachbarstaaten und -regionen einschließlich Albanien, Mazedonien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn.
Auch mit den Parteien selbst haben wir Fortschritte
erzielt. Wie Sie inzwischen wahrscheinlich wissen, hat
der Führer der bosnischen Serben Karadzic zugestimmt, schwere Waffen den internationalen Beobachtern zu unterstellen. Wir erwarten, daß er diese
Vereinbarung in die Praxis umsetzt. Unseres Erachtens birgt die Konsolidierung und Kontrolle schwerer
Waffen ein großes Potential zur Verringerung des
Blutvergießens. Darüber hinaus hat die bosnische
Regierung zugestimmt, sich erneut am Verhandlungsprozeß zu beteiligen.
Wir haben ferner die Parteien hart gedrängt, weitere
konkrete Schritte zu unternehmen, die zum Großteil
ebenfalls in der Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden enthalten sind. Insbesondere haben wir folgende Notwendigkeiten unterstrichen:
Seite 2

Erstens die Beendigung der Belagerung und den Abzug
der Truppen von Brennpunkten um Sarajevo, Tuzla,
Gorazde, Bihac und Mostar sowie anderen bosnischen Städten.
Einwilligung zur Stationierung internationaler Beobachter entlang aller bosnischen Grenzen zur Unterbindung der militärischen Unterstützung von Streitkräften
der verschiedenen Volksgruppen in Bosnien. Wir
erwarten im Verlauf der nächsten Woche eine UNOVereinbarung zur Entsendung dieser Beobachter.
Respektierung des Lebens und der Sicherheit der
UNO-Truppen sowie Gewährleistung der sicheren
Lieferung humanitärer Hilfsgüter in alle Gebiete von
Bosnien-Herzegowina, einschließlich des ungehinderten Zugangs zu Lande und in der Luft.
Und schließlich kontinuierlichen Zugang internationaler Beobachter zu allen Internierungslagern und deren
unverzügliche Auflösung.
Ich wei ß, es ist eine höfliche Sitte, nette Dinge über den
Gastgeber zu sagen. Ich bin nicht nur höflich. Ich
möchte mit absoluter Aufrichtigkeit feststellen, daß
Premierminister Major und die Regierung Ihrer Majestät meines Erachtens wirklich etwas in der Sache des
Friedens für das ehemalige Jugoslawien vollbracht
haben. Diese Konferenz hat uns aus meiner Sicht auf
einen neuen Kurs gebracht. Wir werden dieses Problem nicht über Nacht lösen, aber meines Erachtens
haben wir einen entscheidenden Prozeß in die Wege
geleitet. Wir haben eine Reihe von Schritten unternommen, die ohne das Organisationstalent und die
wirklich ausgezeichnete Konferenzleitung nicht möglich gewesen wären, die der Premierminister während
der vergangenen beiden Tage unter Beweis gestellt
hat.
Frage: Sie sagten, die Konferenz habe sich geeinigt,
die Zersplitterung oder Kantonisierung Bosniens zu
verhindern. Der letzte Punkt der Erklärung zu Bosnien,
der unterzeichnete wurde, stellt jedoch fest, die bosnisch-serbische Seite erkenne an, daß sie in Verhandlungen zwischen allen drei bosnischen Parteien zustimmen würde, sich aus beträchtlichen Teilen des von
ihren Streitkräften kontrollierten Territoriums zurückzuziehen. Das scheint zu implizieren, daß sie einen
Teil dessen behalten wollen, was sie mit Gewalt erobert haben. Trifft das zu?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Das heißt, die
bosnisch-serbische Seite erklärte, sie sei zum Rückzug aus beträchtlichen, nicht allen Teilen des Gebiets
bereit, aber die Konferenz hat eindeutig klargestellt,
daß das nicht ausreicht. In unserer Erklärung habe ich
außerdem klargestellt, daß die Vereinigten Staaten
keine Lösung akzeptieren werden, mit der die eroberten Gebiete nicht den - um es so zu formulieren ehemaligen Besitzern zurückgegeben werden. Karadzic und die bosnischen Serben mögen vielleicht
gewisse Zugeständisse gemacht haben, aus unserer
AMERIKA DIENST 35

�Sicht ist das jedoch nicht genug, und letztlich werden
wir - wie ich bereits angedeutet habe - nichts anderes
akzeptieren als die Rückkehr zum Status quo ante.
Frage: Meine Frage bezieht sich auf dasselbe Thema.
Wenn man zum Status quo ante zurückkehren will,
scheint es, als ob das Flüchtlingsproblem, das hier das
grundlegende politische Thema ist, nicht nur von den
Diskussionen in den Arbeitsgruppen über Verfassungsfragen abgetrennt, sondern auch von einem separaten
Thema zu einem der humanitären Hilfe heruntergestuft wurde. Dies wiederum wirft gravierende Zweifel
bezüglich der Fähigkeit auf, die Kantonisierung und
Teilung rückgängig zu machen.
Antwort: Ich bin nicht sicher, ob ich verstanden habe,
wie Sie zu dieser Schlu ßf olgerung gelangt sind. Sehen
Sie, was wir bei der Konferenz gesagt haben, was
vereinbart wurde und natürlich, was ich in meiner
gestrigen Erklärung zum Ausdruck gebracht habe, ist,
daß wir uns mit einem dringenden Problem Hunderttausender Flüchtlinge und einem bevorstehenden Winter
konfrontiert sehen. Einige sind in Bosnien. Viele sind
au ßerhalb Bosniens in anderen Teilen des ehemaligen
Jugoslawiens. Und der UNHCR veranstaltet Anfang
September eine Konferenz, um Geld zur Bewältigung
eben dieser Frage aufzubringen, was man tun muß,
um diesen Flüchtlingen kurzfristig zu helfen. Die
Vereinigten Staaten haben Hilfsleistungen im Wert
von 40 Millionen Dollar zu diesen Bestrebungen und
weitere Mittel im späteren Verlauf des Jahres zugesagt.
Was ich in meiner gestrigen Erklärung gesagt habe,
möchte ich heute wiederholen: Die internationale
Staatengemeinschaft muß auch sondieren und letztlich Geld zur Unterstützung der Rückkehr dieser Flüchtlinge in ihre Häuser - oder das, was davon übrig ist aufbringen sowie angemessene Hilfe zum Wiederaufbau dieser Häuser und Unterkünfte bereitstellen. Der
Hauptpunkt hier ist, daß wiruns mit dem vordringlichen
Problem der Flüchtlinge befassen müssen und wie wir
sie durch den Winter bringen.
Es ist zweifelsohne unsere Absicht, und wenn ich
"unsere" sage, meine ich die Vereinigten Staaten, und
dabei haben wir glaube ich auch die Zustimmung der
anderen, daß der Grundsatz lautet, sie werden dann in
ihre Heimat zurückgebracht. Wir werden keine Flüchtlingslager einrichten, die in 20 Jahren immer noch
Flüchtlingslager sind. Diese Menschen müssen in ihre
Heimat zurückkehren können, aber in der Zwischenzeit haben wir das unmittelbare Problem, uns der
Menschen anzunehmen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und zum jetzigen Zeitpunkt Flüchtlinge
sind.
Frage: Ich habe zwei Fragen. Die eine schließt direkt
an. Ist es realistisch zu erwarten, daß Menschen in
Dörfer zurückkehren, in denen Nachbarn ihre Frau

AMERIKA DIENST 35

vergewaltigt, ihren Vater getötet oder ihre Kinder
massakriert haben? Und die zweite Frage betrifft die
spezifische Entscheidung zur Benachrichtung der
Vereinten Nationen über alle Granaten und schweren
Waffen binnen 96 Stunden. Die Frage lautet: 96
Stunden von wann an gerechnet?
Antwort: Im Hinblick auf die erste Frage könnte es
sich als unrealistisch erweisen zu erwarten, daß alle
Menschen in ihre Heimat zurückkehren werden. Aber
wie Sie wissen, besteht die einzige Alternative in der
Tat darin zu sagen, daß sie nicht in ihre Heimat
zurückkehren können, und dann haben wir genau das
Problem, das Ihr Vorredner gerade angesprochen hat,
nämlich, wenn wir unter diesen Umständen so mit den
Flüchtlingen verfahren, haben wir ethnischer Säuberung und der Kantonisierung nachgegeben.
Die internationale Staatengemeinschaft muß bereit
sein sicherzustellen, daß diesen Menschen mit einiger
Hilfe die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht wird, wenn
sie dies wünschen. Wir können sie nicht zur Rückkehr
zwingen, wenn sie dies nicht wollen. Und die 96
Stunden, von wann an? Ich zögere, Ihnen darauf eine
eindeutige Antwort zu geben. Es steht nicht unmittelbar bevor. 96 Stunden ab dem Zeitpunkt, an dem der
Prozeß beginnt, und ich weiß nicht, wann das ist. Ich
kann diese Frage nicht beantworten.
Frage: Wie ist die amerikanische Haltung zur Frage,
ob die Anerkennung in die Tagesordnung dieser Konferenz einbezogen werden sollte und zweitens, wie
stehen die Vereinigten Staaten zur Mitgliedschaft von
Mazedonien in den Vereinten Nationen, insbesondere
in Anbetracht der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten Ständiges Mitglied des Sicherheitsrats sind?
Antwort: Mazedonien stand nicht auf der Tagesordnung dieser Konferenz. Giigorow war anwesend. Er
hat das Thema angesprochen, aber es war kein Tagesordnungspunkt. Es war kein Thema, das bei dieser
Konferenz entschieden werden sollte. Insofern wurde
auch keine Entscheidung getroffen.
Die Mitgliedschaft Mazedoniens in den Vereinten
Nationen ist ein Thema, das zu dem Zeitpunkt erwogen wird, wenn dieser Antrag den Vereinten Nationen
vorliegt. Ich möchte im Augenblick keine Prognosen
anstellen, wann das entschieden wird.
Frage: Sowohl Sie als auch der Premierminister
haben erklärt, daß die Internierungslager geöffnet
würden, hoffentlich bald. In dem Papier zu Serbien
haben die Serben jedoch lediglich erklärt, sie würden
ihren Einfluß auf die bosnischen Serben zur Geltung
bringen, um die Schließung dieser Internierungslager
zu erlangen. Haben Sie irgendwelche Hinweise darauf, wann sie aufgelöst werden und haben sie Ihnen
eine stärkere Verpflichtung gegeben, dies zu tun?
Antwort: Sie meinen die Serben?

Seite 3

�Frage: Ja.
Antwort: Nein, außer der, daß sie ihren Einfluß
verwenden würden. Wir sollten auch hier versuchen,
eines eindeutig klarzustellen. Wozu die Serben zugestimmt haben oder wozu die bosnischen Serben
möglicherweise zugestimmt haben, ist vielleicht ein
Schritt in die richtige Richtung. Aber diese Konferenz
und ihre Teilnehmer haben über einige Dinge entschieden, die konkreter waren als dies. Es handelt sich
grundsätzlich um dasselbe Problem wie bei der Frage,
ob die bosnischen Serben bereit sind, sich aus allen
erorberten Gebieten in Bosnien zurückzuziehen.
Die Serben haben sich verpflichtet, ihren Einfluß geltend zu machen. Wir haben die Aussage der Konferenz, daß diese Lager rasch geöffnet werden müssen,
und aufgrund des Berichts des IKRK muß ich sagen,
daß dessen Vertreter in der Tat ziemlich rasch Zutritt
zu den Lagern bekommen, obwohl noch eine Menge
zu tun bleibt. Aber die Lager müssen geöffnet werden,
und vor allem müssen sie so bald wie möglich aufgelöst werden. Ich kann Ihnen keine bestimmten Fristen
nennen.
Ich kann Ihnen lediglich erneut mitteilen, daß einer der
Punkte bei der Konferenz der ist, daß wir nun einige
Bezugsgrößen haben und daß wir ihre Bilanz, die der
Serben und bosnischen Serben, der Moslems und
Kroaten, auf der Grundlage dessen beurteilen werden,
wie rasch sie die Forderungen der Konferenz erfüllen.
Frage: Ich möchte beim Thema Kosovo bleiben. Was
wurde bei dieser Konferenz getan, um mögliches
Blutvergießen im Kosovo zu verhindern, wenn dort
jeder befürchtet, daß ein möglicher Konflikt mit bewaffneten Serben ziemlich nahe bevorsteht und Serbien
bereit ist, dort militärische Gewalt anzuwenden?
Antwort: Bei dieser Konferenz wurde beschlossen,
so rasch wie möglich Beobachter nach Albanien zu
entsenden. Ihre frage ist völlig legitim, und eines der
Probleme, die mich und andere seit einiger Zeit beschäftigen, sind die Gefahren im Hinblick auf den Kosovo. Indem wir Beobachter dorthin entsenden, leiten
wir - so hoffe ich - zumindest einen Prozeß ein, der
tatsächlich gewährleisten wird, daß keine von außen
entsandten Truppen im Kosovo intervenieren können.
Wir haben nicht nur bei dieser Konferenz gewarnt,
sondern die Vereinigten Staaten und sicherlich auch
andere haben der Regierung in Belgrad äußerst deutlich gemacht, daß sie im Hinblick auf den Kosovo sehr
vorsichtig sein muß.
Frage: Im Kosovo gibt es zwei Millionern Albaner, und
es gibt eine serbische Minderheit mit schweren Waffen
und Albanier ohne Waffen. Besteht irgendeine Möglichkeit, in dieser Region den Frieden zu bewahren?
Antwort: Mit allem Respekt, wie Sie wissen, herrscht
im Kosovo zur Zeit Frieden. Es mag nicht die Art von
Frieden sein, die insbesondere von der albanischen
Seite 4

Mehrheit gewünscht wird, aber es ist dennoch ein
Frieden, und der grundsätzliche Punkt ist jetzt der, daß
dies kein weiteres Konfliktgebiet im ehemaligen Jugoslawien werden darf. Die Serben sind in dieser Hinsicht ohne jeden Zweifel der gleichen Ansicht wie die
amerikanische Regierung. Ich hoffe zutiefst, die von
uns dorthin entsandten Beobachter werden dazu beitragen, daß es friedlich bleibt, und die amerikanische
Regierung geht seit einiger Zeit davon aus, es sei die
Aufgabe der Belgrader Regierung, den früheren Status des Kosovo innerhalb der Föderation wiederherzustellen.
Frage: Wie genau läßt sich dies verwirklichen?
Antwort: Es gibt viele Dinge, die ich Ihnen nicht
mitteilen kann, mit denen dies derzeit verwirklicht
werden kann. Wir beteiligen uns an einem Prozeß, und
einer der grundlegenden Punkte ist gegenwärtig, wie
wir Frieden in Bosnien-Herzegowina schaffen und
einen Prozeß einführen können, der dem gesamten
ehemaligen Jugoslawien Frieden und Sicherheit bringt.
Ich kann Ihnen keine präzise Antwort geben, außer,
daß wir uns meines Erachtens schon mitten auf einem
neuen Weg befinden, der, wie ich zutiefst hoffe, mit der
Zeit ein Ergebnis hervorbringen wird.
Frage: Welche Art von Druck kann auf Karadzic
ausgeübt werden, wenn man bedenkt, daß er keine
Institutionen, Regierungen und dergleichen kontrolliert, auf die man Sanktionen und ähnliche Maßnahmen anwenden kann?
Antwort: Nun, dem Premierminister wurde eine ähnliche
Frage gestellt, und ich möchte nicht versuchen, weiter
zu gehen als er. Aber ich möchte ein paar Punkte
vorbringen, die darauf hinweisen, daß es Mittel gibt,
um Druck auszuüben.
Erstens habe ich ausreichend Grund zu der Annahme,
daß Karadzic zwar angesichts der Waffen und all
dessen, was er heute besitzt, ein halbwegs unabhängiger Akteur sein kann. Aber er kann nicht völlig
unabhängig handeln und tut dies meiner Meinung nach
auch nicht. Nachschub von Ölprodukten und so weiter
ist für ihn zwingend erforderlich, um seine Operationen
fortzusetzen. Indem wir mit Zustimmung beider Seiten
Beobachter an der bosnisch-serbischen Grenze und
auch an der kroatisch-bosnischen Grenze stationieren, haben wir in diesen Prozeß ein Mittel eingeführt,
um zu überprüfen, welcher Nachschub gegebenenfalls von Serbien nach Bosnien fließt. Das ist einer der
Faktoren, die meines Erachtens einen gewissen Druck
ausüben können.
Der zweite Punkt ist der, daß in dem Maße, wie er
meiner und Ihrer Meinung nach weiterhin von Serbien
Unterstützung erfährt, einer der bei dieser gesamten
Konferenz entscheidendsten Faktoren die Tatsache
ist, daß wir gemeinsam beschlossen haben, die Sanktionen zu verschärfen. Ich gehe davon aus, daß diese

AMERIKA DIENST 35

�Sanktionen zu viele Schwachpunkte aufwiesen, darunter nicht zuletzt die Donau. Und in dem Maße, in
dem die Sanktionen verschärft werden und die serbische Wirtschaft unter Druck setzen, werden sie auch
Auswirkungen auf die serbische Fähigkeit haben,
Karadzic zu unterstützen. Dies sind nur zwei zusätzliche Punkte.
Frage: Der Premierminister hat teilweise den Druck
erläutert, der auf Karadzic ausgeübt wurde, um die
Vereinbarungen von heute zu erlangen. Können Sie
diesen Prozeß weiter erhellen? Wie funktionierte
dieser Mechanismus? Was hat man zu ihm gesagt?
Antwort: Sie bringen mich erneut in Verlegenheit, weil
der Premierminister bei der Beantwortung dieser Frage ziemlich vorsichtig war. Ich kann Ihnen lediglich
mitteilen, daß es sicherlich einige Diskussionen mit
Karadzic gegeben hat. Es gab einige Diskussionen mit
Izetbegovic und Siladjic, aber nicht gemeinsam, wie
ich betonen möchte. Britische Vertreter waren an
beiden beteiligt, und sie waren meines Erachtens
ziemlich erfolgreich dabei, diese Vereinbarung zu erlangen. Ich würde es deshalb vorziehen, es der
Regierung Ihrer Majestät zu überlassen, detailliert zu
diesen Vorgängen Stellung zu nehmen.
Frage: Was wird Ihrer Meinung nach morgen früh in
Sarajevo die Reaktion auf die Ergebnisse dieser
Konferenz sein, wenn alliierte Flugzeuge den Südirak
überfliegen, um die Schiiten zu schützen?
Antwort: Ich weiß nicht, wie die Flüge über dem Irak
die Haltung in Sarajevo beeinflussen werden. Aber ich
möchte Ihnen mitteilen, welche Haltung man in Sarajevo einnehmen sollte. Vorausschicken möchte ich
jedoch, daß ich mir der anhaltenden Agonie in Sarajevo bewußt bin und verstehe, daß diese Konferenz nicht
jedes schreckliche Ereignis in Sarajevo beendet hat
und die Menschen nicht der Auffassung sein werden,
diese Konferenz habe ihr Problem unverzüglich gelöst.
Man sollte jedoch zwei Feststellungen treffen. Die
erste lautet, daß Karadzic - Ihr und mein guter Freund
- in der Tat seine Verpflichtung bei schweren Waffen
und Mörsern einhält. Wir werden meines Erachtens
ziemlich bald einen erheblichen Rückgang beim Beschuß Sarajevos feststellen. Dies sollte innerhalb
einer relativ kurzen Periodeden Menschen in Sarajevo
etwas Linderung verschaffen.
Zweitens meine ich, solange die Hilfsflüge fortgesetzt
und infolge der Vereinbarungen bei dieser Konferenz
hoffentlich sogar noch verstärkt werden können, sollte
dies sie in ihrer Ansicht bestärken, daß diese Konferenz begonnen hat, die Dinge zu verändern. Und
fundamental, zwar nicht über Nacht, aber ich bin
zutiefst davon überzeugt, daß wir hier einen neuen
Prozeß eingeleitet haben, der 24 Stunden täglich unter
Führung von Cyrus Vance und Dr. Owen in Genf
durchgeführt wird. Ich kann Ihnen versichern, daß sich

AMERIKA DIENST 35

Cyrus Vance Tag für Tag eingehend damit beschäftigen wird. Aufgrund der zusätzlich ergriffenen Maßnahmen, darunter verschärfte Sanktionen gegen Serbien, die Entsendung von Beobachtern und so weiter
- der langen Liste vereinbarter Maßnahmen - werden
wir eine Veränderung der Lage in Sarajevo, aber nicht
nur dort, sehen. Ich habe die anderen Städte in
Bosnien erwähnt, die ebenfalls unter starkem Druck
stehen. Mit der Zeit, aber noch nicht morgen früh,
werden wir erhebliche Veränderungen in ihrer Situation feststellen. Das mag nicht ausreichend sein, um
alle berechtigten Forderungen der Menschen in Sarajevo zu erfüllen, aber es ist mehr als ein Anfang.
Frage: Sie haben erklärt, daß wir - Sie - den Flüchtlingen helfen. Als Freund Mazedoniens, der vom
Nachrichtenmagazin Time im Jahr 1977 als "Lawrence von Mazedonien" bezeichnet wurde, könnten Sie
Mazedonien unterstützen, Hilfe für 40.000 Flüchtlinge
aus Bosnien-Herzegowina in Mazedonien bereitzustellen, da wir durch das Embargo unter Druck stehen,
weil wir die Sanktionen gegen Serbien erfüllen?
Antwort: Ich möchte im Hinblick auf die allgemeine
Frage zwei Feststellungen treffen. Zunächst gilt die
Sitzung des UN-Flüchtlingskommissars Anfang September, bei der Mittelzusagen getroffen werden sollen
und für die wir bereits 40 Millionen Dollar versprochen
haben, nicht ausschließlich Flüchtlingen an einem
besonderen Ort - Bosnien, Kroatien oder sonst irgendwo. Sie wird abgehalten, um auch Mazedonien bei
seinem Flüchtlingsproblem zu helfen. Die internationale Staatengemeinschaft wird Mazedonien Hilfe zur
Verfügung stellen.
Eine weitere Feststellung, die ich Ihnen gegenüber
treffen möchte, besteht darin, daß zwar ungelöste
Fragen im Hinblick auf Anerkennung und UN-Mitgliedschaft bestehen, die Vereinigten Staaten Mazedonien
dennoch weiterhin technische und andere Arten von
Hilfe zur Verfügung stellen werden. Wir haben ziemlich große Mengen an Medikamenten und Nahrungsmitteln geliefert. Wir werden dies weiterhin tun und,
wie ich gestern hier mitgeteilt habe, hat der Präsident
der Vereinigten Staaten beschlossen, Mazedonien
ebenso wie Slowenien, Bosnien-Herzegowina und
Kroatien in das Allgemeine Präferenzsystem (GSP)
einzubeziehen. Dabei handelt es sich um eine generelle Vorzugsbehandlung. Ich möchte dies schlicht
dahingehend erläutern, daß Exporte aus Mazedonien
in die Vereinigten Staaten unter gewissen Umständen
eine Vorzugsbehandlung genießen werden. Wir verstehen die Probleme in Mazedonien. Wir versuchen
alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Hilfe zu
leisten.
Frage: Wenn Sie die Erfahrungen der Vergangenheit
berücksichtigen, was gibt Ihnen die Zuversicht, daß
Milosevic seinen Teil der Vereinbarungen einhalten
wird?

Seite 5

�Antwort: Ich habe keine besondere Zuversicht, daß
er seine Verpflichtungen aufgrund seiner philantropischen Neigungen einhalten wird. Ich versuche jedoch
zu erklären, daß wir hier einen - sicherlich nicht perfekten - Wandel im Vergleich zu früher haben. Wir haben
einen von zwei hervorragenden Persönlichkeiten geleiteten kontinuierlichen Verhandlungsprozeß, der in
Genf stattfinden und diese Parteien täglich zusammenbringen wird, um diese Fragen zu erörtern.
Cyrus Vance hat mir darüber hinaus versichert, daß er
sich aktiv bemühen wird zu gewährleisten, daß die
Verschärfung der Sanktionen fortgesetzt und er gegebenenfalls Alarm schlagen wird, wenn diese Verschärfung nicht so abläuft wie sie sollte. Wir haben dann also
den Prozeß, mit dem die serbische Wirtschaft unter
Druck gesetzt wird, und es wird meines Erachtens

einen erheblichen Unterschied machen, wenn wir die
Donau schließen können, die insbesondere im Hinblick auf den Ölnachschub für Serbien ein Problem
darstellt. Wir haben Beobachter, die wir zuvor an der
serbisch-bosnischen und an der kroatisch-bosnischen
Grenze nicht hatten. Wir haben Beobachter in Rumänien, die zur Einhaltung der Sanktionen beitragen. Wir
möchten sie auch in anderen Nachbarländern stationieren. Ich kann Ihnen nicht sagen, daß wir das
Problem über Nacht gelöst haben, aber wir haben eine
Struktur geschaffen, die eine erheblich bessere Fähigkeit bietet, Milosevic, wenn er nicht kooperieren möchte, zur Kooperation zu zwingen. Diese Konferenz hat
kein Ergebnis hervorgebracht, das sich ausschließlich
auf guten Willen stützt. Wir waren klüger, als uns damit
zufriedenzugeben.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 35

�IRAK
2. September 1992

KOALITION VERHÄNGT FLUGVERBOT IM SÜDIRAK
Erklärung von Präsident Bush
WASHINGTON - (AD) - Am 26. August 1992 hat Präsident Bush die Einrichtung einer Flugverbotszone für
irakische Flugzeuge im Südirak bekanntgegeben, die am 27. August in Kraft getreten ist. Nachfolgend
veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Bush im Wortlaut:

In den letzten Wochen und Monaten haben wir neue
Beweise der harten Unterdrückung von Männern, Frauen
und Kindern im Irak durch Saddam Hussein gesehen
und gehört. Die Augenzeugenberichte sowie die detaillierten Aussagen des UN-Menschenrechtsbeauftragten Max van der Stoel vor dem Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen am 11. August sind weitere drastische Beweise der Brutalität Saddams.
Wir wissen heute um den Einsatz von Hubschraubern
und - seit diesem Frühjahr - von Flugzeugen durch
Saddam, um Zivilisten und Dörfer im Süden zu bombardieren und beschießen sowie um die von ihm
vorigen Monat angeordnete Exekution von Kaufleuten
in Bagdad und seine kontinuierliche Verschärfung der
Wirtschaftsblockade gegen die Bevölkerung des Nordens. Diese Berichte sind eine weitere Bestätigung
der Tatsache, daß die Regierung des Iraks ihre Verpflichtungen gemäß Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats mißachtet. Diese im April 1991 verabschiedete Resolution verlangt, daß. Saddam Hussein die
Unterdrückung des irakischen Volkes einstellt.
Indem Menschenrechtsbeauftragten der UNO und
anderen Beobachtern der Zugang verweigert wurde,
hat Saddam zu verhindern versucht, daß die Welt von
seiner Brutalität erfährt. Es ist an der Zeit zu gewährleisten, daß die Welt in Kenntnis gesetzt wird.
Deshalb haben die Vereinigten Staaten und ihre Koalitionspartner heute die irakische Regierung davon
unterrichtet, da ß in 24 Stunden - von jetzt an gerechnet
- Flugzeuge der Koalition, darunter diejenigen der
Vereinigten Staaten, beginnen werden, Überwachungsflüge über dem Südirak - südlich des 32. Breitengrades
- durchzuführen, um die Situation dort zu beobachten.

Dies wird diejenigen Gebiete abdecken, in denen in
jüngster Zeit eine Mehrzahl der besonders schwerwiegenden Verletzungen von Resolution 688 stattgefunden haben.
Die Koalition teilt darüber hinaus der irakischen Regierung mit, daß sie, um diese Beobachtungseinsätze zu
erleichtern, eine Flugverbotszone für sämtliche irakischen Starr- und Drehflügler verhängt. Dieses neue
Verbot wird ebenso in 24 Stunden für dasselbe Gebiet
in Kraft treten; es wird in Kraft bleiben, bis die Koalition
entscheidet, daß es nicht mehr erforderlich ist. Es wird
der Flugverbotszone gleichen, die von der Koalition
vor über einem Jahr im Nordirak verhängt wurde.
Ich möchte betonen, daß diese Maßnahmen dazu
dienen, unsere Fähigkeit zur Überwachung der Entwicklungen im Südirak zu verbessern. Diese Aktionen
stehen im Einklang mit der traditionellen amerikanischen Politik gegenüber dem Irak. Wir streben die
Einhaltung durch den Irak an, nicht dessen Teilung.
Die Vereinigten Staaten unterstützen nach wie vor die
territoriale Einheit des Irak und hegen keinen Groll
gegen seine Bevölkerung. Wir sehen der Zusammenarbeit mit einer neuen Führung in Bagdad entgegen,
die nicht brutal ihr eigenes Volk unterdrückt und die
grundlegendsten Normen der Menschlichkeit verletzt.
Bis zu diesem Tag sollte niemand an unserer Bereitschaft zweifeln, entschlossen zu reagieren, falls der
Irak die Flugverbotszone nicht respektiert.
Darüber hinaus sind die Vereinigten Staaten und ihre
Koalitionspartner bereit, weitere Maßnahmen in Betracht zu ziehen, falls Saddam weiterhin diese oder
andere UN-Resolutionen verletzt.

* * * * *
AMERIKA DIENST 35

Seite 1

�NAFTA
2. September 1992

HILLS: NAFTA SCHAFFT KEINE
FESTUNG NORDAMERIKA
Stellungnahme der US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - In einer über WorldNet ausgestrahlten Fernsehpressekonferenz hat die US-Handelsbeauftragte, Carla Hills, zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) sowie zur Uruguay-Runde
Stellung genommen und dabei unter anderem folgende Erklärungen abgegeben.

Frage: Wir haben von den Vereinigten Staaten viel
über eine Festung Europa gehört. Können Sie den
Europäern erklären, warum sie sich im Hinblick auf
dieses gerade geschlossene Abkommen keine Sorgen über eine Festung Amerika machen sollten?
Vielleicht könnten Sie ferner noch etwas über Ihre
Einschätzung von Fortschritten beim GATT sagen.
Werden wir vor dem Jahresende einen Abschluß erzielen oder nicht? Und falls ja, wie?
Hills: Der Grund, warum Europa das Nordamerikanische Freihandelsabkommen nicht als Schaffung einer
Festung Nordamerika betrachten sollte, ist die Tatsache, daß wir niemandem gegenüber Handelsschranken aufgebaut haben. Alles, was wir getan haben, ist
ein Abbau von Handelsschranken zwischen den Beteiligten an diesem Abkommen. Und wir hatten keinerlei
Absicht, den Handel außerhalb Amerikas jemals zu erschweren. Jeder von uns - Kanada, Mexiko und die
Vereinigten Staaten - ist ein globaler Handelspartner,
so daß wir gute Handelsbeziehungen auf der ganzen
Welt unterhalten. Und wenn Sie unser Abkommen
prüfen, enthält es nicht die Spur einer Bestimmung, die
Beschränkungen hinzufügen würde. Ganz im Gegenteil, sie werden lediglich abgebaut, und dies ist meiner
Meinung nach bewundernswert, weil sie die Wirtschaftsreformen festschreiben, die Präsident Salinas
in Mexiko eingeführt hat und auf diesen aufbauen. In
vielen Fällen werden die Bestimmungen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens auf der Grundlage des Meistbegünstigungsstatus angeboten. So
kommt etwa die Liberalisierung, die Mexiko bei petrochemischen Produkten durchgeführt hat, der ganzen
Welt zugute. Die Bestimmung zum Schutz geistigen
Eigentums, die wir drei verabschiedet haben - sie

AMERIKA DIENST 35

beschränkt sich nicht auf die drei Handelspartner,
überhaupt nicht. Sie steht der ganzen Welt offen. Es
besteht also nicht die Möglichkeit einer Festung. Statt
dessen hoffen wir, durch unser Beispiel den Weg zu
weisen und andere zu ermutigen, ihre Handelsschranken abzubauen, weil dies unser vorrangiges Ziel ist.
Ihre zweite Frage im Hinblick auf die Aussichten beim
GATT - natürlich ist die Uruguay-Runde weltweiter
Handelsgespräche für Präsident Bush nach wie vor
eine wichtige Priorität, und wir haben uns in den Jahren
seiner Amtsführung sehr darum bemüht, diese Gespräche zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen.
Die G-7 hat über einen Abschluß bis zum Jahresende
gesprochen, und wir in den Vereinigten Staaten hoffen
aufrichtig, daß dies der Fall sein wird. Wie Sie wissen,
war die Landwirtschaft ein Hindernis für den Abschluß
dieser Gespräche, und ein Problem bestand darin, daß
in Europa wirklich kein Konsens darüber besteht, wie
man die Landwirtschaft in diesen Welthandelsgesprächen behandeln soll. Ich hoffe, daß vielleicht nach dem
Maastricht-Referendum in Frankreich am 20. September ein Konsens erzielt werden kann, denn ich betrachte eine gemeinsame Position im Gegensatz zu einem
Wunschkatalog als unabdingbar, um diese Diskussionen voranzubringen.
Ich hoffe, ich habe alle Ihre Fragen beantwortet. Meines
Erachtens schlössen Sie mit dem Aspekt ab, welchen
Einfluß das Nordamerikanische Freihandelsabkommen auf die Welthandelsgespräche haben könnte.
Ebenso wie bei der ersten Frage zu Dienstleistungen
beispielsweise haben wir uns für den Abbau von
Restriktionen für Investitionen - den sogenannten
handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen - beim

Seite 1

�Schutz der Rechte an geistigem Eigentum und Dienstleistungen stark gemacht, die in der Uruguay-Runde
verhandelt werden. Und dies wird der Welt demonstrieren, daß mindestens drei Handelspartner die Ansicht
vertreten, diese Regeln seien im heutigen Welthandelssystem äußerst sinnvoll.
Frage: In Frankreich stellen die Befürworter des
Vertrags zur Europäischen Einheit ihn unter anderem
als notwendige Antwort auf die durch das NAFTA
manifestierte amerikanische Wirtschaftsoffensive dar
und - wenn ich dies hinzufügen darf - durch den
unglaublichen Fall des amerikanischen Dollars. Auf
Ihrer Seite stellen Sie das NAFTA der Öffentlichkeit als
den erforderlichen Gegenschlag zur Europäischen
Einheit vor?
Hills: Nein, überhaupt nicht. Wenn Sie die Geschichte
betrachen, haben die Vereinigten Staaten in der Tat
die Europäische Einheit vom ersten Dollar an unterstützt, der im Rahmen des Marshallplans geflossen ist
und Sie nur sechs waren. Als Sie Ihre Runde erweiterten, haben wir stets die Deregulierung begrüßt, die
Gemeinsamkeit, die durch den Binnenmarkt geschaffen wurde. Unsere Beschwerden bezogen sich auf
Restriktionen im Handel, die tatsächlich vorhanden

waren. Im Gegensatz zu unserem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen gab es in der Vergangenheit Fälle, in denen Europa Schranken gegen die
Außenwelt errichtet hat. Ich möchte als Beispiel
Kraftfahrzeuge zitieren oder die Rundfunkdirektive,
die einen Inlandsanteil erfordert. Eines unserer großen Exportgüter ist natürlich Filmmaterial - Fernsehfilme, Unterhaltung, Dokumentationen allen Art. Im
Grunde begrü ßen wir den Europäischen Binnenmarkt.
Wie wir das Nordamerikanische Freihandelsabkommen vermarkten, gründet sich auf die Dynamik, die es
der nordamerikanischen Region verleihen wird. Wir
versuchen nicht, einen Block zu bilden. Ich benutze
das Wort nicht einmal. Meines Erachtens ist das Wort
Block abwertend und impliziert einen Eingriff aufgrund
von Exklusivität, was überhaupt nicht unsere Absicht
ist. In der Tat, wie ich bereits gesagt habe, sind viele
der Verfügungen, die in die Praxis umgesetzt wurden
und ohne das Nordamerikanische Freihandelsabkommen nicht entstanden wären, im großen und ganzen
für die Länder offen, die auf der Grundlage des Meistbegünstigungsstatus Handel treiben. Wenn man sich
die Geschichte der Vereinigten Staaten betrachtet, so
haben sie stets eine Führungsrolle dabei übernommen, Handelsschranken abzubauen und nicht, sie zu
errichten.

* * * * *

Seite 2

AMF-RIKA DIENST 35

�FULBRIGHT
2. September 1992

FULBRIGHT-LEHRERAUSTAUSCHPROGRAMM
ZEITIGT IN VIELEN REGIONEN ERFOLGE
Informationsveranstaltung für Lehrer

WASHINGTON - (AD) - Wenn der bärtige, freundliche
Dennis Wieland an einer High School in Sacramento
(Kalifornien) Englisch unterrichtet, weiß er im allgemeinen, was er von seinen Schüler zu erwarten hat. Er
hofft jedoch auf Überraschungen, wenn er Ende August die Unterrichtstätigkeit in Cluj (Rumänien) aufnimmt.
"Ich wollte eine Zeitlang etwas anderes machen",
erklärt er. "Ich muß meine eigenen Lehrbücher mitbringen ... und ich hoffe, die Schulbehörde in Sacramento stellt mir mehrere hundert zur Verfügung, um
sie nach Rumänien zu schicken.
"Ich versuche, Literatur in schriftlichen Übungen und
Diskussionen mit menschlicher Erfahrung in Verbindung zu bringen", fügt er hinzu. "Ich hoffe, die rumänischen Schüler sind in der Lage, Edgar Allen Poe oder
'Der große Gatsby' zu lesen - ich werde es bald
feststellen."
Wieland ist einer von zahlreichen High-School-Lehrern, die in diesem Jahr ihrer gewohnten Umgebung
den Rücken kehren und im Rahmen des FulbrightLehreraustauschprogramms ihren Platz mit einem Lehrer
im Ausland tauschen.
In dem Maße, wie Wieland und andere amerikanische
Lehrer von dem Programm profitieren, ist es auch eine
angenehme Erfahrung für ausländische Lehrer zumindest stellte dies eine Reihe von ihnen fest, die an
Informationsveranstaltungen in Washington teilnahmen.
Tony Weston, der in York (Großbritannien) Wirtschaft

AMERIKA DIENST 35

unterrichtet und demnächst in New Orleans tätig wird,
erklärt, er wollte "die Chance, sich Schülern mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Erwartungen zu stellen".
Ivan Tiberkov aus Burgas (Bulgarien), der demnächst
an einer Junior High School in St. Louis unterrichten

wird, stellt fest: "Die Schule, an der ich zu Hause tätig
bin, legt die Betonung auf britisches Englisch, und im
Augenblick gibt es nur einen sehr geringen amerikanischen kulturellen Einfluß. Um zu Hause neue Einblicke in die amerikanische Seite der Kultur und Sprache
zu vermitteln, wollte ich unbedingt die Vereinigten
Staaten besuchen."
Lucija Siauciuniene aus Litauen ist bei ihrem ersten
Aufenthalt im Ausland begeistert, mit Muttersprachlern in einer englischsprachigen Kultur arbeiten zu
können.
"Im Augenblick besteht mein Ziel vielmehr darin zu
lernen als andere hier zu unterrichten", erklärt sie. "Ich
möchte in meinem Heimatland und in meiner Schule
neue Eindrücke vermitteln und in der Lage sein, das
Land und die Kultur zu beschreiben und wie die Gesetze und Prinzipien der Demokratie hier funktionieren."
Simon Pierre Dieme aus Senegal fügt hinzu: "Ich
hoffe, meinen amerikanischen Schülern in Idaho die
afrikanische Kultur näherbringen zu können."... "Ich
habe Bilder meines Heimatlandes mitgebracht und
hoffe, ihre Kenntnisse über Afrika zu vertiefen, indem
ich ihnen erzähle, wie die Menschen dort leben und
falsche Eindrücke korrigiere, die sie vielleicht haben."

Seite 1

�Antonio Aguirre aus Chile freut sich auf eine Kleinstadt
in Wisconsin, wo ich "jeden kennenlerne und weiß, daß
ich willkommen bin". Teresita Carelli aus Argentinien
erklärt, sie wolle "Methoden und Techniken austauschen - und die gemeinsamen Probleme erörtern, die
wir haben, wenn wir Schüler gleicher Altersgruppen
unterrichten." Sie erwartet auch, daß ihr amerikanischer Kollege in Argentinien feststellt, "wie gut unser
Englischunterricht trotz unserer begrenzten technischen Mittel ist".
Muveddet llkin Genceli aus Ankara (Türkei) blickt dem
Unterricht in Naturwissenschaften an der Junior High
School in El Paso (Texas) erwartungsvoll entgegen.
"Unser System in der Türkei konzentriert sich auf
Inhalte und Vorträge. Hier orientiert sich das Curriculum am Schüler, und Labortätigkeit wird besonders
betont. Wenn ich einiges von dem, was ich hier lerne,
in meiner Schule in der Türkei anwenden kann, ist das
prima."
Hohe Erwartungen und die Bereitschaft, sowohl zu
lernen als auch zu unterrichten, erklärt Jochen Hoffmann, der Leiter des Fulbright-Lehreraustauschprogramms beim US-Informationsamt in Washington, ist
unter den Teilnehmern nichts ungewöhnliches.
Aber Hoffmann räumt ein, daß Lehrer, die in die
Vereinigten Staaten kommen, zunächst "emotionale
'Höhen und Tiefen' durchleben. Anfänglicher Enthusiasmus könnte durch die Erkenntnis verdrängt werden, daß in der Tat viele Ansätze neu sind. Sie könnten
sich wieder wie neue Lehrer fühlen."
Aber danach "haben sich die meisten im Griff. Sie
beginnen, von ihren Schülern und Gemeinden zu
lernen und können ihren amerikanischen Freunden
ihre Kultur vermitteln. Rund 90 Prozent sind bis zum
Ende ihres Aufenthalts extrem positiv gegenüber der
Erfahrung eingestellt, obwohl diese durch das Wissen
beschwert wird, daß es hier ebenso wie zu Hause

Probleme gibt. Sie haben ein komplexeres Bild des
Lebens in diesem Land erhalten, aber sie wissen auch
die große Vielfalt des amerikanischen Bildungswesens zu schätzen."
Auch die amerikanischen Teilnehmer an dem Austauschprogramm kehren mit neuen Eindrücken der
Vielfalt und kulturellen Werte dieser Regionen nach
Hause zurück. Und "viele Amerikaner, die nach Osteuropa gehen, tun dies mit einer Mission - diesen
neuen unabhängigen Staaten (der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas) bei der Reform ihrer Lehrpläne zu helfen, ein Bildungssystem aufzubauen, das
weniger zentralisiert ist und Bibliotheken einzurichten,
die den Schülern zugänglich sind. In vielen Fällen
verfügen sie über Erfahrungen mit der Entwicklung von
Curricula und Lehrerausbildung."
Er fügt hinzu, die Teilnehmer an den Austauschprogrammen "pflegen häufig Kontakte mit ihren ehemaligen Schülern oder Kollegen, manchmal per Computer,
wodurch sie auch nach ihrer Rückkehr ihre Fähigkeiten erweitern können."
Seit seiner Gründung im Jahr 1946 ist das Austauschprogramm immer populär gewesen, stellt Hoffmann
fest und fügt hinzu: "1990 beläuft sich die Gesamtzahl
der Teilnehmer auf nahezu 500, von denen rund 240
kommen und 250 gehen." Er verweist auch darauf,
daß in diesem Jahr "vier neue Länder" in dem Programm willkommengeheißen werden-"Rußland, Belarus, Lettland und Litauen - und in Kürze werden noch
mehr Länder aus der Region hinzukommen."
Bewerbungsschluß für die Teilnahme am FulbrightLehreraustauschprogramm für 1993-1994 ist der 15.
Oktober 1992. Interessenten wenden sich bitte an das
FulbrightTeacher Exchange Program/Room 142/600
Maryland Avenue, S.W. / Washington, D.C. 20024,
oder Tel. (1 )-800-726-0479.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 35

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                <text>&lt;strong&gt;1. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jugoslawienkrise könnte Welt nach dem Kalten Krieg beeinflussen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der Londoner Jugoslawienkonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Londoner Konferenz leitet Prozess zur Lösung des Jugoslawienproblems in die Wege&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des geschäftsführenden Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Irak&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Koalition verhängt Flugverbot im Südirak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NAFTA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hills: NAFTA schafft keine Festung Nordamerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahme der US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Fulbright&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Fulbright-Lehreraustauschprogramm zeitigt in vielen Regionen Erfolge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Informationsveranstaltung für Lehrer&lt;/em&gt;</text>
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4-7

&lt;S?&lt;o

cimerikci
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

2. September 1994

S ONDERDIENST

BEVÖLKERUNG

CLINTON DRANGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der
National Academy of Sciences

FAST ALLE LÄNDER SEHEN NOTWENDIGKEIT
ZUR EINDÄMMUNG DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim
Nationalen Presseclub

MEHR ENSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU
BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz
mit USAID-Vertretern
NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
'BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen

'
*:

�BEVÖLKERUNG

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton drängt die Staats- und Regierungschefs der Welt, ein breites
Spektrum von Problemen gleichzeitig als einzigen Weg zur Förderung eines höheren Lebensstandards weltweit
in Angriff zu nehmen.
"Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen
funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge
je greifen wird", erklärte Präsident Clinton in einer Rede vor der National Academy of Sciences am 29. Juni
1994.
Clintons Rede behandelte vornehmlich Themen, die bei der in einigen Monaten in Kairo stattfindenden
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung angesprochen werden. "Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich
auf die Idee, daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen sein sollte", stellte der Präsident fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

»

Ich habe versucht, die Vorbereitungen für den G-7Gipfel in Neapel zu treffen. Und ich habe mindestens seit anderthalb Jahren - seitdem ich im Amt
bin - darauf hingearbeitet, daß diese Gruppe sich
zunächst kurzfristig auf globales Wachstum konzentriert - auf das, was wir in unseren Nationen und
gemeinsam tun können - und dann darüber nachdenkt, wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussehen wird, und was wir tun müssen. Ich muß
zugeben, ich bin hin- und hergerissen. Ich bin
glücklich und stolz, daß ich an der Konferenz teilnehmen und sagen kann, daß das von uns Vereinbarte funktioniert. Mittelfristig funktioniert es eindeutig.
40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der G-7
entfällt auf die Vereinigten Staaten. Aber im vergangenen Jahr hatten wir 75 Prozent des Wachstums und nahezu 100 Prozent der Arbeitsplätze, die
doppelte Investitionsrate, eine doppelt so hohe
Zuwachsrate bei Exporten und die höchste Zuwachsrate bei der Produktivität. Wir hatten das zweitniedrigste Defizit, im nächsten Jahr werden wir das
niedrigste Defizit aller G-7-Länder haben. Dies alles
ist ermutigend für mich. Und die Volkswirtschaften
der Gruppe stehen besser da als je zuvor in den

AMERIKA DIENST

vergangenen vier Jahren. Es herrscht das Gefühl der
Zusammenarbeit und daß unsere Nation das Glück
hat, den Weg zu weisen.
Wenn Sie sich jedoch die langfristigen Tendenzen
betrachten, die sich auf der Welt abzeichnen - wenn
Sie Artikel wie den vor einigen Monaten von Robert
Kaplan in The Atlantic lesen, der einigen zufolge zu
streng ist - wenn Sie sich wirklich betrachten, was
geschieht, könnten Sie sich eine Welt vorstellen, in
der wenige Millionen von uns in solchem Überfluß
leben, daß wir alle Stars in nächtlichen Seifenopern
sein könnten. Und der Rest von uns sieht aus, als
wäre er in einem von Mel Gibsons "Road Warrior"Filmen.
Von vielen in diesem Artikel enthaltenen Aspekten
war ich ebenso fasziniert wie von der mehr wissenschaftlichen Abhandlung von Professor Homer Dixon
zum selben Thema. Ich versuche mir vorzustellen,
wie es sein würde, Kinder in diesem oder jenem Land
in diese Welt zu setzen. Das ist das Problem, mit
dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn
ich darüber nachdenke, arbeitet mein Gehirn in
Gedankengängen, die einigen Leuten zufolge undiszipliniert, meines Erachtens aber produktiv sind.

Seite 1

�Wenn Sie sich die Landschaft der Zukunft betrachten
und sagen, wir müssen die Familien auf der ganzen
Welt stärken, wir müssen gerechtes und starkes
Wachstum ermutigen, wir müssen grundlegende
Gesundheitsfürsorge bereitstellen, wir müssen die
weitere Ausbreitung von AIDS verhindern, wir müssen Wasservorräte erschließen und den Ernteertrag
verbessern, wir müssen den Flüchtlingsstrom eindämmen und die Umwelt schützen und so weiter
und so weiter - dann bekommt man Kopfschmerzen.
Und natürlich muß man - werden Sie sagen, wenn
Sie sich die Zahlen betrachten - die Zuwachsrate der
Bevölkerung verringern.
Tim hat das Thema Haiti angeschnitten. Meine
Tochter und ich haben vor einigen Monaten über
Haiti gesprochen, und ich habe ihr erzählt, daß ihre
Mutter und ich vor vielen Jahren kurz nach unserer
Hochzeit dorthin gereist sind, wieviel Trauer und
Hoffnung ich dort gleichzeitig gesehen habe, und
wieviel seitdem geschehen ist. Sie sagte zu mir, das
weiß ich alles, Dad, weil ich Luftaufnahmen aus dem
All gesehen habe. Wenn man auf die Insel blickt,
sieht man, wo die Dominikanische Republik endet
und wo Haiti anfängt. Und es kann nicht soviel
Umweltzerstörung ohne all die anderen Probleme
geben, über die Du gesprochen hast. Es war eine
erstaunliche Aussage aus der Perspektive eines
amerikanischen Schulkindes, die alles zusammenfaßt.
Ich erwähne dies, um folgendes Argument anzubringen: Wir müssen Disziplin walten lassen, wenn wir
sagen, wieviel Zeit, Geld und Energie wir haben, und
wir müssen unsere Prioritäten setzen. Wir können
jedoch nicht so naiv sein zu denken, es sei so leicht,
eines dieser Themen von dem gesamten Komplex
abzutrennen und die Zukunft der Welt werde über
Nacht gelöst.
Wenn Sie sich das Tempo betrachten, mit dem die
Rohstoffe erschöpft werden, und wenn Sie das
Tempo betrachten, mit dem die Kluft zwischen arm
und reich größer wird, wenn Sie sich die Tatsache
verinnerlichen, daß sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat, seit nur 74 Nationen vor 40 Jahren in
Rom zusammenkamen, ist es klar, daß wir einen
umfassenden Ansatz für die Zukunft der Welt
benötigen. Wir fassen ihn unter dem Schlagwort
umweltverträgliche Entwicklung zusammen, nehme
ich an, aber es gibt keinen Weg, wie wir das Morgen
angehen können, wenn wir nicht mindestens unsere
gemeinsame Verantwortung in all diesen Bereichen
im Auge behalten.
Während der bevorstehenden neuntägigen Kairoer
Konferenz werden über zwei Millionen Menschen auf
die Welt kommen. Mehr als zwei Millionen Babys

Seite 2

werden in eine Welt geboren, in der ein Drittel
unserer Kinder bereits Hunger hat, 40 Prozent der
Menschen auf der Welt nicht einmal Kanalisation
haben und große Teile der Welt nur einen Arzt pro
35.000 oder 40.000 Einwohner. Eine Umkehrung
dieser Politik wird Innovation, Engagement und
Entschlossenheit verlangen, das zu tun, was wir über
einen langen Zeitraum hinweg tun können, während
wir alle auf der Welt mit unseren eigenen Belangen
innerhalb unserer Grenzen beschäftigt sind.
Es wird erforderlich sein, daß wir neu über die
Beziehungen der menschlichen Entwicklung im
Hinblick auf das nachdenken, was in diesen Nationen
geschieht. Wir müssen viele Ideen der Vergangenheit verwerfen - als es immer eine Versuchung war
zu glauben, es gäbe eine einzige Lösung, die wir
über Nacht anwenden könnten, die alles ins Lot
rücken würde.
Um gemeinsamen Wohlstand herbeizuführen, wie
Professor Homer Dixon geschrieben hat, müssen die
Nationen der Welt schlicht und einfach an vielen
Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielen. Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die
Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum
vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge je greifen wird. Wenn man sie ignoriert,
werden diese Herausforderungen weiterhin Menschen
voneinander trennen. Wir müssen einfach diese
Probleme zusammen lösen.
Ich bin wirklich stolz auf die Tatsache, daß die G-7
vereinbart hat, einige dieser Probleme in dieser
Woche in Neapel ernsthaft anzusprechen.
Wir
werden erörtern, was wir innerhalb der G-7 tun
können, um nicht nur Wachstum, sondern auch mehr
Arbeitsplätze zu schaffen - weil ein Großteil der
wohlhabenden Länder feststellt, daß sie keine Arbeitsplätze hervorbringen können, selbst wenn ihre
Volkswirtschaft wächst. Und wenn sie das nicht
können, verlieren sie die Lobby zu Hause, um die
übrige Welt zu engagieren.
Wir werden darüber sprechen, wie wir eine wirtschaftliche Infrastruktur für das 21. Jahrhundert
aufbauen. Wie sieht diese neue Welthandelsorganisation aus, die wir im Rahmen des GATT gründen
werden? Und was sollten die Weltbank und der IWF
tun? Wir werden auch diskutieren, wie wir den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften helfen
können, wie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, und was wir mit den Volkswirtschaften tun
können, die sich nicht im Umbruch befinden oder in
die falsche Richtung gehen, um unsere gemeinsame
Verantwortung anzusprechen.

AMERIKA DIENST

�Dies ist in der Tat ziemlich einzigartig für die modernen Nationen der Welt. Und ich freue mich, daß
trotz der zahlreichen Wirtschaftsprobleme in vielen
Ländern diese bereit sind, ernsthaft darüber nachzudenken, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen sollten weit über die Wiederwahlchancen aller dort anwesenden Staats- und Regierungschefs hinaus. Bei
den Vorbereitungen der in Kairo anberaumten Bevölkerungskonferenz muß uns derselbe Ansatz leiten.
Die von uns unterstützte Politik muß auf dauerhaften
Werten basieren - Förderung stärkerer Familien,
vermehrte Verantwortung für den einzelnen Bürger,
Achtung der Menschenrechte, Vertiefung des Gemeinschaftsgefühls. Dort liegt die Zukunft in unserem Land und auf der ganzen Welt - angefangen bei
unseren Familien. Wenn sie intakt sind und funktionieren, sorgen sie für uns. Sie dienen als Modell.
Sie vermitteln Werte und gestatten den Menschen,
in Frieden zusammenzuleben und sich zusammen
für gemeinsame Ziele einzusetzen. Aus diesem
Grund ist dies das Wichtigste, was wir unternehmen
können.
Seit der Amtsübernahme dieser Administration
haben wir an der Förderung von Maßnahmen
gearbeitet, die den Familien eine Stärkung ihrer
Rolle im In- und Ausland gestatten. Ich habe die
sogenannte Mexiko-Stadt-Politik revidiert, weil
meiner Ansicht nach Ärzte und medizinisches
Personal weltweit in der Lage sein sollten, wirklich
etwas im Bereich der Familienplanung zu unternehmen und auf diesem Gebiet umfassende Informationen zu geben.
Seitdem haben wir trotz haushaltspolitischer Engpässe den Etat für Familienplanung und unterstützende
Dienstleistungen des Amts für internationale Entwicklung um ungefähr 50 Prozent erhöht. Zur Unterstützung der Familien hier im Land haben wir eine
beträchtliche Erhöhung des
Einkommensteuerfreibetrags bewilligt, um 15 Millionen Familien von
der Sozialhilfe unabhängig zu machen, aus der
Armut zu befreien und in die erwerbstätige Bevölkerung einzugliedern. Wir haben die Ernährungs- und
andere Programme von Head Start auf Zehntausende von Kindern ausgeweitet, Unterstützungszahlungen für straffällige Kinder drastisch reduziert und die
Impffonds erhöht, damit die Zahl der geimpften
Kinder um mehr als eine Million erhöht werden kann.
Wir bemühen uns um die Reduzierung außerehelicher Geburten und Schwangerschaften von Teenagern. Durch das Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ermöglichen wir es den Menschen, erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche Eltern zu sein eine äußerst wichtige Frage in einer Welt, in der
mehr und mehr Eltern berufstätig sind. Jede Gesellschaft, die die Menschen zu einer Entscheidung

AMERIKA DIENST

zwischen diesen beiden Möglichkeiten zwingt, ist zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Menschen keine
Alternative zur Berufstätigkeit haben - und für uns alle
ist es von Bedeutung, daß die Menschen weiterhin
Kinder bekommen - müssen alle Eltern erfolgreiche
Arbeitnehmer sein, und alle Arbeitnehmer müssen als
Eltern Erfolg haben.
Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich auf die Idee,
daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen
sein sollte. Aus diesem Grund müssen wir das
Konzept der Verantwortung unterstützen - der Eltern
für ihre Kinder, der Männer und Frauen füreinander,
und unserer derzeitigen Generation für künftige
Generationen.
Fortschritt bringt Freiheit, Freiheit erfordert mehr
Disziplin und Verantwortung. Und wir müssen unsere
jungen Menschen lehren, kluge Entscheidungen zu
treffen, und ihnen sagen, daß auch Enthaltsamkeit zu
ihren Auswahlmöglichkeiten gehören muß. Unsere
Politik war immer in den ethischen Prinzipien des
Mitgefühls, der Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte verwurzelt. Wir haben die Würde und
den Wert jedes einzelnen unterstützt und werden uns
auch weiterhin jeglicher Zwangsausübung bei der
Familienplanung widersetzen und sie verurteilen.
Die Verwirklichung dieser Prinzipien ist die Forderung, mit der Vizepräsident Gore im September nach
Kairo gehen wird. Niemand ist für diese Aufgabe
besser geeignet als er. Er hat sich für diese langfristigen Herausforderungen eingesetzt und in breitem
Kontext über sie nachgedacht, lange bevor sie
politisch unpopulär wurden oder auch nur Quelle
zahlreicher gegenwärtiger Diskussionen.
In Kairo schließen wir uns der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verfolgung eines neuen
Aktionsplans an, das Bevölkerungsproblem als Teil
des größeren Problems umweltverträglicher Entwicklung anzugehen. An erster Stelle unserer Tagesordnung wird unsere aktive Unterstützung für Investitionen in die Frauen dieser Welt stehen. Vielleicht wird
langfristig gesehen die wichtigste Forderung von
Kairo lauten, daß jede Nation Bestrebungen zur
Erziehung ihrer Kinder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unternimmt und der weitverbreiteten
Praxis Einhalt gebietet, die Mädchen vor den Jungen
von der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu zwingen.
Um sicherzustellen, daß sich die Nationen schneller
entwickeln können, wird jeder einzelne von uns
aufgerufen, die Arbeit und Entwicklung von Frauen
anzuerkennen und sie voll in die erwerbstätige
Bevölkerung zu integrieren. Dadurch werden den
Frauen umfassende Bürgerrechte garantiert, und die

Seite 3

�Diskriminierung wird beendet, die noch nahezu
überall existiert und den Fortschritt hemmt.
In Kairo werden die Vereinigten Staaten auch gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft neue, qualitativ hochwertige und freiwillige
Familienplanungs- und Gesundheitsprogramme für
werdende Mütter ins Leben rufen. Es ist unser Ziel,
bis zum Beginn des kommenden Jahrhunderts diese
Programme allen Bürgern zugänglich zu machen.
Eltern müssen das Recht haben, frei und verantwortlich über die Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode
der Familienplanung. Wir respektieren jedoch die
vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme
jeglicher Zwangsausübung. Unsere Politik in den
Vereinigten Staaten vertritt die freie Wahl des
einzelnen, nicht das Diktat der Öffentlichkeit. Ich
habe bereits vielfach darauf hingewiesen, daß
Schwangerschaftsabbrüche sicher, legal und selten
sein sollten.
In anderen Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt. Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern
anschaut, muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen mit Verhütungsmitteln mehr als
alles andere zur Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen wird.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß wir
in Kairo dasselbe grundlegende Engagement zeigen
müssen, jedem Bürger der Welt eine Gesundheitsfürsorge anzubieten, wie wir das in den öffentlichen
Debatten in unserem Land getan haben. Unter den
Vertretern der 174 Teilnehmerstaaten der Kairoer
Konferenz besteht weniger Uneinigkeit als hier unter
den 535 Abgeordneten unseres Kongresses. Vielleicht können wir diesen Geist mit nach Hause
bringen.
Die Erfahrung lehrt, daß Investitionen in Gesundheitsfürsorge für Mütter, pränatale Dienstleistungen
und Vorsorgemaßnahmen bei Kindern nicht nur

•

Seite 4

Leben retten, sondern den Menschen letztlich die
erforderliche Zuversicht geben, daß ihre Kinder
überleben werden. Und dadurch wird die Einstellung
gegenüber der Kindererziehung verändert. Jedes
Land hat sich zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge seiner Frauen und Kinder verpflichtet. Und
wer das wirklich getan hat, konnte ein absinkendes
Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand
beobachten.
Die Kairoer Konferenz kann daher viel zur Förderung
unserer Vision umweltverträglicher Entwicklung und
stabilen Bevölkerungswachstums unternehmen, um
die Vision einer Welt intakter Familien Realität
werden zu lassen, in der für jedes Mitglied gesorgt
wird - einer Welt, die mit Klugheit und Stärke die
Herausforderungen direkt angeht, anstatt über sie zu
sprechen und mit Worten die Menschen so zu
spalten, daß sie sich nicht wirklich mit ihnen befassen, eine Welt, die zu Chancengleichheit und Wohlstand für alle führt.
Als Präsident Roosevelt im Jahr 1945 starb, fand
man ein getipptes Manuskript seiner letzten Rede, in
dem nur ein Satz von ihm mit der Hand geschrieben
war. Es war der letzte Satz der letzten Rede Franklin
Roosevelts, die er nie gehalten hat. Sein handgeschriebener Satz lautete: "Die einzige Grenze
unserer Realisierung der Zukunft sind unsere heutigen Zweifel. Wir wollen mit Stärke und aktivem
Glauben Fortschritte erzielen." Angesichts so vieler
scheinbar hartnäckiger Probleme ist sicherlich die
Versuchung groß, diese Zweifel überhandnehmen zu
lassen.
Mir scheint jedoch, daß auch Sie heute abend mit mir
die Ansicht teilen, daß wir Lösungen suchen und
finden können, die kommenden Generationen helfen
werden. Präsident Roosevelt regierte zu einer Zeit,
in der Zweifel ein Luxus war, den sich das amerikanische Volk nicht erlauben konnte. Ich sage Ihnen
heute, daß Zweifel einen Luxus darstellt, den sich die
Welt nicht länger erlauben kann.
Ich begrüße ihr Mitgefühl und ihr Engagement und
rufe Sie auf, diesen Glauben in Taten umzuwandeln
und mir bei meiner Arbeit beizustehen, dasselbe zu
tun.

* * *

*

AMERIKA DIENST

�BEVÖLKERUNG

FAST ALLE LÄNDER SEHEN
NOTWENDIGKEIT ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Vizepräsidenten AI Gore zufolge ist sich nahezu jedes Land,
einschließlich des Vatikans, bewußt, daß die Stabilisierung der Weltbevölkerung ein legitimes Ziel darstellt.
Die Vereinigten Staaten erwarten, daß auf der vom 5.-13. September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung deutlich gemacht wird, daß jedes Land das Recht auf eigene Methoden auf freiwilliger Basis - zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hat.
Vizepräsident Gore wird bei der Kairoer Konferenz, an der Vertreter aus 180 Ländern teilnehmen, die
amerikanische Delegation leiten. Nachfolgend veröffentlichen wir die von AI Gore bei einer Pressekonferenz
am 25. August 1994 abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Heute möchte ich über Bevölkerung, umweltverträgliche Entwicklung und die Herausforderung
sprechen, sich auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die internationale Staatengemeinschaft von vielen Spaltungen der Vergangenheit befreit, und die Nationen
nähern sich - in wirtschaftlicher, ökologischer und
politischer Hinsicht - aneinander an. In dieser
Übergangszeit haben die Vereinigten Staaten und
alle anderen Nationen die Chance und Verantwortung, sich mit lange vernachlässigten, zukunftsweisenden Belangen zu befassen, die darüber
entscheiden, welche Welt wir unseren Kindern und
Enkeln hinterlassen.
Um diesen Übergang erfolgreich gestalten zu
können, müssen wir zunächst die entscheidend
veränderte Natur der Beziehung zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem Erde
akzeptieren und verstehen. Diese Beziehung wurde
durch drei Faktoren radikal gewandelt - einem
philosophischen und zwei physischen. Der philosophische Wandel steht in Zusammenhang mit unserer
Haltung gegenüber der Erde und unserer eigenen
Zukunft, insbesondere mit unserer Gewohnheit, die
Verantwortung für die langfristigen Konsequenzen

AMERIKA DIENST

unseres Handelns und Verhaltens zu leugnen. Ich
habe bei anderer Gelegenheit ausführlich darüber
gesprochen und möchte hier nicht ins Detail gehen.
Die beiden anderen Faktoren sind physischer Natur,
obwohl beide sich gemessen an geologischen
Zeitverhältnissen in nur einer Millisekunde ereigneten
und beide in diesem Jahrhundert einzigartig sind.
Der erste Faktor, auf den ich heute ebenfalls nicht
eingehen möchte, ist die dramatische und einzigartige
Revolution in Wissenschaft und Technologie, die sich
immer noch beschleunigt, unsere Lebensqualität
verbessert, uns aber auch die Macht zur Veränderung der lebenserhaltenden Systeme gibt, auf denen
unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und unser
Leben basieren. Der zweite Faktor ist natürlich das
schnelle Bevölkerungswachstum, ein Thema, das ich
heute im Zusammenhang mit umweltverträglicher
Wirtschaftsentwicklung ansprechen werde.
Beunruhigend sind nicht so sehr die empirischen
Daten, sondern die vorauszusehenden Konsequenzen eines solch schnellen Bevölkerungswachstums
für die Zukunft, was alle Amerikaner und alle Nationen mit einem Gefühl der Dringlichkeit erfüllt sowie
der Entschlossenheit, sich mit diesen beispiellosen
Entwicklungen zu befassen. Ich möchte hier nur
einige anführen:

Seite 1

�Im Bereich der Umwelt trägt rasches Bevölkerungswachstum natürlich oftmals zur Zerstörung natürlicher Ressourcen bei. Es ist aber wichtig hinzuzufügen, daß dies auch für das Konsumverhalten der
stabileren und wohlhabenderen Industrieländer gilt.
In wirtschaftlicher Hinsicht führt das Bevölkerungswachstum oft zu einer stärkeren Beschäftigung mit
den Herausforderungen dauerhaft niedriger Löhne,
Armut und wirtschaftlichem Gefälle. Obwohl unter
bestimmten Umständen schnelles Bevölkerungswachstum eine bestehende Nachfrage nach Arbeitskräften decken und somit zu einem positiven Faktor
werden kann, führt es in der Welt, in der wir leben,
fast ausschließlich zur Vergrößerung des Problems
von Niedriglöhnen und Armut.
Bevölkerungstrends fordern auch die Fähigkeit von
Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen,
die erforderlichen Investitionen in Humankapital und
Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends dazu geführt, daß Investitionen in
Kinder gering und ungerecht getätigt werden, insbesondere zum Nachteil der Mädchen.
Auf der Ebene des einzelnen stehen Bevölkerungswachstum und eine hohe Fruchtbarkeitsrate in
engem Zusammenhang mit mangelnder Gesundheitsfürsorge und schlechtem Befinden von mehreren Millionen Frauen, Kleinkindern und Kindern.
Der Bevölkerungsdruck enttäuscht oft die Hoffnung
auf Stabilität auf nationaler und internationaler
Ebene. Denken Sie beispielsweise an das Problem
der 20 Millionen Flüchtlinge, mit dem die Welt
fertigzuwerden versucht. Die Zunahme grenzüberschreitender Wanderbewegungen wird teilweise
durch das umweltschädigende Bevölkerungswachstum herbeigeführt.
Man kann nicht sagen, daß schnelles Bevölkerungswachstum an sich ein Grund für Instabilität in einer
Gesellschaft darstellt. Man sollte jedoch feststellen,
daß Ruanda im vergangenen Jahr in Afrika das
Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte war. Und
es ist auch nicht unwichtig, daß Somalia die schnellste Wachstumsrate der Bevölkerung in ganz Afrika
verzeichnete. Obwohl es keine direkte Beziehung
zwischen Ursache und Wirkung gibt, sagt der
gesunde Menschenverstand, daß schnelles, umweltschädigendes Bevölkerungswachstum es den
Gesellschaften und Nationen erschwert, mit den
politischen, wirtschaftlichen und anderen Problemen
umzugehen, denen sich alle Nationen gegenübersehen.

Seite 2

Die Auswirkungen müssen auf globaler, aber auch
auf kommunaler und nationaler Ebene angegangen
werden. Beispielsweise wurde in jüngster Zeit viel
über die Probleme Afrikas in Ländern wie Nigeria
geschrieben. Die nigerianische Bevölkerung hat sich
in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. Die
Probleme einer Gesellschaft wie der Nigerias haben
eine Vielzahl von Ursachen. Wenn sich jedoch die
Bevölkerung innerhalb von 40 Jahren verdreifacht,
wird die Lösung dieser Probleme für jede Gesellschaft bedeutend schwieriger. Nigeria - um noch
einmal dieses Beispiel anzuführen - befindet sich auf
dem besten Weg zu einer erneuten Verdreifachung
seiner Bevölkerung im Verlauf der nächsten 40 Jahre.
In 40 Jahren werden in diesem Land mehr Menschen
leben als in den fünfziger Jahren auf dem gesamten
afrikanischen Kontinent. Um ein weiteres Beispiel zu
nennen: Afghanistan ist das Land mit der schnellsten
Wachstumsrate der Welt und es sieht so aus, als
würde sich seine Bevölkerung in nur zehn Jahren
verdoppeln.
Diese Ausschnitte aus einer zunehmend komplexen
Welt führen uns eine Notwendigkeit vor Augen, die
meines Erachtens im Mittelpunkt der internationalen
Zusammenarbeit in der Zeit nach dem Kalten Krieg
stehen sollte: Die Verwirklichung der Vision umweltverträglicher Entwicklung. Mit Mut, Überzeugung,
Konsens und gemeinsamen Strategien können wir
zweifellos den großen Herausforderungen gerecht
werden, die Weltbevölkerung zu stabilisieren und
umweltverträgliche
Entwicklung herbeizuführen.
Erwiesenermaßen fällt es schwer, diese Herausforderungen zu akzeptieren, und nichts ist schwieriger
für den einzelnen und die Gesellschaft als eine
Veränderung der Denkweise. Und die vor uns
liegenden Fragen erfordern vor allem ein neues
Denken über unsere Welt und unser Verhältnis zu ihr.
Von den verschiedenen Faktoren, die diese neue
Situation herbeigeführt haben, bereitet keiner größere
Schwierigkeiten als das schnelle Bevölkerungswachstum. Es bewegt unsere Gedanken und steht auf
unserer Tagesordnung als die dritte große Weltbevölkerungskonferenz dieses Jahrhunderts, die im
kommenden Monat anberaumt ist. Vor zehn Jahren
fungierte die amerikanische Delegation bei der
zweiten Weltbevölkerungskonferenz in Mexico City
als unbeteiligter Zuschauer, was nicht nur für die
lange Geschichte der Vereinigten Staaten als Führungsmacht, sondern auch für Fortschritt und
Schwung der internationalen bevölkerungspolitischen
Bestrebungen während der achtziger Jahre ein
Rückschlag war.
Zehn Jahre später ist der Wandel gekommen; die
Vereinigten Staaten sind wieder aktiv, und Präsident
Clinton hat die amerikanische Führungsrolle bei den

AMERIKA DIENST

�entscheidenden Herausforderungen Bevölkerung
und umweltverträgliche Entwicklung wiederhergestellt. Die Kairoer oder internationale Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung, so der offizielle
Name - und ich möchte bei dieser Gelegenheit jedes
Mitglied der Presse vor der Abkürzung Bevölkerungskonferenz warnen - ist eine Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, und die untrennbare
Verbindung ist entscheidend für die Fähigkeit der
Welt, einen Konsens für die gemeinsame Bewältigung dieser beiden Herausforderungen zu bilden.
Diese Konferenz soll die interdependente Natur der
Welt unterstreichen sowie die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit aller Nationen, um die Weltbevölkerung merklich zu stabilisieren, Wirtschaft, Umwelt
und Entwicklung zu integrieren, dauerhafte Werte für
die Familie sowie die Verantwortung des einzelnen
und der Gemeinschaft zu bekräftigen und weltweiter
Bildung, Gesundheitsfürsorge und vermehrter Entscheidungsbefugnis für Frauen und alle Menschen
Priorität einzuräumen.
In der Presse wurde vielleicht nicht darüber berichtet, aber die Vorbereitungen für die Kairoer Konferenz waren von einem bemerkenswerten Konsens
über umfassende Strategien zur Realisierung dieser
Ziele gekennzeichnet. Während früher von einigen
behauptet wurde, Bevölkerungswachstum stelle kein
Problem dar, besteht jetzt tatsächlich Einigkeit über
die Notwendigkeit, daß alle Nationen Bevölkerung

und umweltverträgliche Entwicklung als Priorität
betrachten. Und die katholische Kirche, auf die ich
gleich zu sprechen komme, bezeichnet die Stabilisierung der Weltbevölkerung als legitimes Ziel.
Während früher diese Diskussion an der Nord-SüdGrenze scheiterte, besteht jetzt Einigkeit darüber,
daß Zusammenarbeit im Interesse aller Staaten des Nordens und des Südens - liegt. Während
früher Uneinigkeit darüber bestand, ob Familienplanung oder wirtschaftlicher Fortschritt eine Vorbedingung für Fortschritte auf diesen Gebieten sei,
wird jetzt allgemein anerkannt, daß beide an sich
bedeutend sind, jedoch am besten gleichzeitig
verfolgt werden sollten. Während man sich früher
engstirnig auf nur einen Aspekt einer globalen
Strategie konzentrierte, umfaßt das gemeinsame Ziel
jetzt Bestrebungen, die Bildung, Gesundheit, mehr
Entscheidungsfreiheit für Frauen und wirtschaftlichen
Fortschritt mit dem Traum eines besseren Lebens
für alle Menschen verbinden.
Man hat also zweifelsohne viel gelernt, seit vor 30
Jahren durch die Arbeit von John D. Rockefeiler III.
und anderen ernsthafte Besorgnis über das schnelle
Bevölkerungswachstum entstand. Diese Lektionen
charakterisieren den vielversprechenden, aber

AMERIKA DIENST

unvollständigen Aktionsplan, an dessen Vollendung
die Staaten in Kairo arbeiten werden. Ich möchte
über die Annäherung an einen Konsens im Entwurf
für das Kairoer Dokument zu Frauen, Kindern, der
Umwelt und anderem sprechen. Dieser dramatische
Fortschritt darf nicht von einer Frage überschattet
werden, die in tiefgreifenden moralischen, philosophischen und religiösen Unterschieden wurzelt - ich
meine natürlich den Schwangerschaftsabbruch.
In diesem Bereich erscheint umfassender Konsens
unwahrscheinlicher als auf jedem anderen Gebiet,
selbst unter Männern und Frauen, die mit Offenheit
und gutem Willen diese Frage erörtern. Wichtig ist,
daß die teilweise Übereinstimmung, die in greifbarer
Nähe liegen könnte, nicht von Mißverständnissen
vereitelt wird. Ich möchte mich klar ausdrücken und
sicherstellen, daß die Ansichten dieser Administration
eindeutig sind. Mein Freund Michael Novak zitierte
kürzlich John Courtney Murray, der feststellt, "nichts
ist schwieriger, als Uneinigkeit zu erzielen". Oftmals
ist Uneinigkeit in unpräziser Form gegenwärtig und
erscheint viel größer und furchteinflößender, als sie
wirklich ist.
Praktisch jeder Mensch in jedem Teil der Welt
möchte Schwangerschaftsabbruch zu einem seltenen
Vorkommnis machen. Das ist das Ziel der Vereinigten Staaten, von Frauengruppen, Umweltschützern, der katholischen Kirche und Vertretern aller
großen Religionen. Es ist tatsächlich das Ziel aller
mit dieser Frage Befaßten, obwohl viele von uns
dieses Ziel auf unterschiedliche Art und Weise
verfolgen. Beispielsweise bin ich der Ansicht, wenn
weniger Frauen einen Schwangerschaftsabbruch für
nötig halten, wird er auch seltener vorgenommen.
Und wenn Frauen ihn selten für notwendig halten,
wird er auch seltener. Dafür setzt sich unsere
Administration ein. Aber die heutige Situation sieht
anders aus. Schwangerschaftsabbruch ist nicht
selten. Weltweit werden jährlich über 25 Millionen
Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Und in
manchen Teilen der Welt ist es für eine Frau nicht
ungewöhnlich, im Laufe ihres Lebens sieben oder
acht Abtreibungen zu haben.
Es gibt tatsächlich Länder, beispielsweise Rußland,
in denen empfängnisverhütende Mittel nicht leicht und
überall zur Verfügung stehen und Frauen im Laufe
ihres Lebens durchschnittlich sieben oder acht
Abtreibungen vornehmen lassen. Aus einer Vielzahl
von Gründen sterben jedes Jahr weltweit 200.000
Frauen an medizinisch riskanten Schwangerschaftsabbrüchen. Wir können diese Tatsachen nicht unter
den Teppich kehren oder vortäuschen, sie existierten
nicht - und das versucht auch niemand.

Seite 3

�Eine der Fragen, die sich die Konferenzteilnehmer in
Kairo und alle Bürger der Welt stellen, lautet, was
wir dagegen unternehmen. Wie können wir Schwangerschaftsabbrüche seltener machen? Nach Ansicht
unserer Administration ist es wünschenswert, in den
Bereichen Gesundheit und reproduktive Gesundheit
möglichst viele Optionen anzubieten. Wir sind uns
jedoch bewußt, daß die Ansichten über einen
Schwangerschaftsabbruch unter Nationen ebenso
unterschiedlich sind wie unter Einzelpersonen.
Heute haben 173 Nationen Gesetze über die Umstände, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch
vorgenommen werden darf und unter denen er
eingeschränkt ist.
Unseres Erachtens sollte die Entscheidung darüber,
unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch akzeptabel ist, im Entscheidungsbereich
jeder einzelnen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze
und nationalen Gegebenheiten liegen. Aus diesem
Grund haben wir während der Verhandlungen eine
Sprachregelung und deren Einbeziehung unterstützt,
die dieses Prinzip für alle in Kairo abgegebenen
Empfehlungen klarstellt. Und wir erwarten in Kairo,
daß dieses Prinzip im Abschlußdokument bekräftigt
wird und werden darauf drängen. Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird.
Die Respektierung nationaler Souveränität bei dieser
Frage impliziert keine Neutralität. Wir sind der
Meinung, daß Schwangerschaftsabbrüche seltener
werden sollten. Sie sind keine Methode, mit der die
Nationen das Bevölkerungswachstum reduzieren
können oder sollten. Wir sind kein Befürworter von
Schwangerschaftsabbrüchen. Wir verabscheuen
und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch, ungeachtet dessen, ob der Zwang
dazu physischer, wirtschaftlicher, psychologischer,
politischer oder anderer Natur ist.
Es wurde behauptet, die Vereinigten Staaten hätten
im Zusammenhang mit der Bereitstellung von
Entwicklungshilfe über Gebühr ihren Einfluß gegenüber Nationen geltend gemacht, die nicht unsere
Bevölkerungspolitik und -programme unterstützen.
Das ist eindeutig und absolut falsch. Wir wissen,
daß einige diesbezügliche Behauptungen aufgestellt
wurden. Wir respektieren die Tatsache, daß Menschen guten Willens die Wahrheit mißverstehen
können und haben um spezifische Information
gebeten.
Kein vernünftiger Mensch würde ein
solches Verhalten unterstützen. Ich möchte folgendes sagen: Sollten Beweise für die Unterstützung
eines solchen Verhaltens bei den Vorbereitungen für

Seite 4

die Kairoer Konferenz, in Kairo oder danach auftauchen, werden wir sofort und entschieden Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Diese Anschuldigungen
sind ungeheuerlich. Sollten sie sich als wahr erweisen, würden wir die Regierung sofort umgestalten.
Wir halten einen Schwangerschaftsabbruch nicht für
eine Methode der Familienplanung. Er sollte auch
nicht als solche gesehen werden, obwohl er in
Ländern, in denen nicht ausreichend empfängnisverhütende Mittel vorhanden sind, tragischerweise
allzuoft aus diesem Grund vorgenommen wird. Und
wir betrachten einen Schwangerschaftsabbruch
zweifelsohne nicht als moralisches Äquivalent zur
Empfängnisverhütung. Alle Diskussionsteilnehmer
räumten ein, daß der Entscheidung für eine Option
eine bestimmte moralische Einstellung zugrundeliegt.
Ich möchte mit deutlich ausdrücken: Unsere Administration ist der Ansicht, daß die Verfassung der
Vereinigten Staaten jeder innerhalb unserer Grenzen
lebenden Frau mit wenigen und bestimmten Ausnahmen das Recht auf eine Entscheidung zusichert.
Wir sind diesem Prinzip unverändert verpflichtet. Wir
wollen jedoch direkt einem Mißverständnis vorbeugen. Die Vereinigten Staaten streben kein internationales Recht auf Schwangerschaftsabbruch an
und werden das auch in Zukunft nicht tun.
Die gerade von mir dargelegten Grundsätze repräsentieren die seit langer Zeit bestehende Position der
Administration und der Vereinigten Staaten in dieser
Frage. In seiner im Juni gehaltenen Grundsatzrede
vor der National Academy of Sciences erklärte der
Präsident:
"Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode der
Familienplanung. Wir respektieren jedoch die vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme jeglicher
Zwangsausübung. Unsere Politik in den Vereinigten
Staaten vertritt die freie Wahl des einzelnen, nicht
das Diktat der Öffentlichkeit. Ich habe bereits vielfach
darauf hingewiesen, daß Schwangerschaftsabbrüche
sicher, legal und selten sein sollten. In anderen
Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist
Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt.
Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern anschaut,
muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner
sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen
mit Verhütungsmitteln mehr als alles andere zur
Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen
beitragen wird."
Seit er diese Rede hielt, bevor er diese Rede hielt,
aber vor allem viele Male nachdem er diese Rede
gehalten hatte, hat der Präsident anderen und mir

AMERIKA DIENST

�*

gegenüber bei mehreren Gelegenheiten bekräftigt,
daß ein Schwangerschaftsabbruch, wenn er vorgenommen wird, sicher sein sollte. Jede Nation
sollte das festlegen. Wir lehnen Zwang ab. Wir
verabscheuen Zwang.
Und wir sollten andere
Maßnahmen zur Reduzierung der Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen ergreifen.
Ich wiederhole, wir wollen alles in unserer Macht
Stehende zur Verringerung von Abtreibungen
weltweit tun. Aus unserer Sicht ist der effektivste
Weg zur Reduzierung von Bevölkerungswachstum
und Abtreibungen eine umfassende globale Strategie, die Informationen über Familienplanung und
Möglichkeiten leicht zugänglich macht, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung fördert, Kindersterblichkeit und Analphabetentum verringert, die Gesundheit der Frauen verbessert, Familien stärkt und
sich auf Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frau konzentriert. Zu dieser Schlußfolgerung sind wir aufgrund schmerzlicher Erfahrungen
gelangt.
Im Verlauf der letzten Generation haben wir gelernt,
daß Familienplanung allein selten erfolgreich ist und
wirtschaftliche Entwicklung allein nicht automatisch
das Bevölkerungswachstum verringert.
Meiner Ansicht nach ist der wahre Hintergrund des
Vorbereitungsprozesses und der Konferenz selbst
das Ausmaß, in dem ein neuer weltweiter Konsens

um diese modernere, holistischere, umfassendere
Sichtweise Gestalt angenommen hat: Das Mittel, mit
dem die Welt den Bevölkerungszuwachs stabilisieren
kann, ist eine vielschichtige Strategie, die unter
bestimmten Umständen verfügbare Empfängnisverhütung unter Berücksichtigung der Kultur, in der
sie zur Verfügung gestellt wird, einbezieht, die
Betonung auf die Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen legt, damit sie an
Entscheidungen über die Größe der Familie sowie
umweltverträgliche und gerechte wirtschaftliche
Entwicklung teilnehmen können, die historisch mit
der demographischen Umgestaltung und der Stabilisierung des Bevölkerungswachstums einhergehen,
mit Betonung auf Verbesserung der Gesundheit von
Kindern und der Bekämpfung der Kindersterblichkeit
für die Entscheidung der Eltern über die Größe ihrer
Familie, denn wenn die Kinder überleben, ist der
Wunsch nach einer sehr viel größeren Familie
erheblich geringer.
Ich möchte Ihnen aus einem Brief vorlesen, den
Papst Johannes Paul II. im Frühjahr an Dr. Nafis
Sadik, den Generalsekretär der Kairoer Konferenz
geschrieben hat.

AMERIKA DIENST

"Es besteht weitgehende Übereinstimmung, daß
Bevölkerungspolitik nur Teil einer umfassenden
Entwicklungsstrategie ist. Entsprechend ist es von
Bedeutung, daß jede Diskussion über Bevölkerungspolitik die tatsächliche und prognostizierte
Entwicklung von Nationen und Regionen im Auge
behalten sollte. Gleichzeitig ist es unmöglich, das
Wesen dessen unberücksichtigt zu lassen, was
man unter dem Begriff "Entwicklung" versteht.
Jede dieses Namens werte Entwicklung muß
integral sein - das heißt, sie muß auf das Wahre
und Gute jeder Person sowie die ganze Person
ausgerichtet sein. Echte Entwicklung kann nicht
in der einfachen Anhäufung von Wohlstand und
der besseren Verfügbarkeit von Waren und
Dienstleistungen bestehen, sondern muß unter
wirklicher Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und geistigen Dimensionen des menschlichen
Wesens verfolgt werden. Entwicklungsprogramme
müssen auf Gerechtigkeit und Gleichheit aufbauen
und den Menschen ein Leben in Würde, Harmonie
und Frieden gestatten. Sie müssen das kulturelle
Erbe von Menschen und Nationen respektieren
sowie die sozialen Qualitäten und Tugenden, die
die von Gott gegebene Würde jeder einzelnen
Person widerspiegeln und den göttlichen Plan, der
alle Menschen zur Einheit auffordert. Am wichtigsten ist, daß alle Männer und Frauen aktive Mittler
ihrer eigenen Entwicklung sein müssen. Denn
Männer und Frauen als bloße Objekte in einem
Schema oder Plan zu behandeln, würde bedeuten, diese Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung
zu ersticken, die für das Gute des Menschen
grundlegend ist."
Wie wichtig ist es doch, daß die Welt diese Perspektive vernimmt. Und wie wichtig ist es, daß die
Welt hört, was die großen Weltreligionen über all die
uns konfrontierenden Themen zu sagen haben.
Die katholische Kirche hat ebenso wie andere christliche und nichtchristliche Religionen eine Mission, die
sich manchmal von der politischer Institutionen
unterscheiden muß. Die Kirchenvertreter versuchen,
eine moralisch strenge Haltung im Hinblick auf
materielle Güter und sozioökonomische Beziehungen
zu ermutigen. Der politischen Führung kommt die
Verantwortung zu, sorgfältig auf das zu hören, was
die Religionen zu sagen haben - selbst wenn sie es
nicht immer würdigen kann. Dieser Dialog ist äußerst
wichtig. Wir wollen Kairo zu einem Dialog statt einer
von vorneherein geplanten Konfrontation machen insbesondere, da bezüglich des Dokumentsentwurfs
so große Übereinstimmung besteht.
Wir teilen auch die Meinung von Papst Johannes
Paul II., daß diese Themen die wichtigsten des 21.
Jahrhunderts sind und die Zukunft der Menschheit

Seite 5

�I»

bestimmen. Ich habe in der Vergangenheit bereits
das Argument vorgebracht, daß trotz bestehender
Meinungsverschiedenheiten der umfassende Charakter und die Stärke der Übereinstimmung zu einem
natürlichen Bündnis zwischen den in der Regierung
Tätigen unter uns führt, die der Auffassung sind, daß
wir einerseits das Bevölkerungswachstum stabilisieren, die Umwelt schützen, umweltverträgliche Entwicklung fördern und eine für unsere Kinder und
Enkelkinder lebenswerte Zukunft schaffen müssen,
und die katholische Kirche andererseits trotz ihres
allseits bekannten Widerstands gegen Empfängnisverhütung historisch gesehen einer der stärksten
und effektivsten Befürworter der ganzen Welt von Alphabetisierungs- und Bildungsprogrammen, von
Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der
Kindersterblichkeit und anderer Schritte ist, die in der
Tat entscheidend für die Stabilisierung des Bevölkerungszuwachses und die Erarbeitung eines Musters
für umweltverträgliche Entwicklung sind.
Es geht darum, eine humane und umfassende
Strategie auf der Grundlage universellen menschlichen Strebens zu entwerfen. Als Teil dieser umfassenden Strategie ist ein Ziel in Kairo und darüber
hinaus die Stärkung der Fähigkeit prospektiv denkender Eltern, zu entscheiden, wieviele Kinder und
zu welchem Zeitpunkt sie haben wollen. Jedes Land
hat die Verantwortung, über die geeigneten Möglichkeiten zu entscheiden, die zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften, Gewährleistung geistiger
Gesundheit und Verringerung von Schwangerschaftsabbrüchen erforderlich sind. Jedes Land
sollte darauf hinarbeiten, die von ihm gewählten
Möglichkeiten für alle seine Bürger verfügbar zu
machen. Und in den Fällen, in denen eine Nation
sich für legalen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, sollte dieser medizinisch sicher sein.
Wenn wir die Lebenserwartung verlängern und die
Kindersterblichkeit verringern können, wenn wir das
Leben der Menschen durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen verbessern können, wenn wir
ihre Wünsche und ihren Horizont erweitern können,
dann können wir die Bevölkerungswachstum nährenden Kräfte abbauen. Wir erkennen jetzt, daß
Familienplanung, gerechte und umweltverträgliche
Entwicklung, vermehrte Entscheidungsbefugnis für
alle Bürger nicht konkurrierende Strategien, sondern
vielmehr entscheidende und sich gegenseitig verstärkende Elemente des umfassenden Ansatzes
sind, den unsere globale Zukunft fordert.
Dies ist der Rahmen, der uns beim Sondieren von
gemeinsamem Terrain in Kairo leitet. Wir können
uns nicht vorstellen, daß wir die Abtreibungsdiskussion je ad acta legen - die Meinungsverschiedenheiten sind zu tiefgreifend. Unseres Erachtens maxi-

Seite 6

•

miert unser Ansatz die Bandbreite des möglichen
Konsenses und verringert die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein erträgliches Maß.
Schließlich hat man sich bereits auf über 90 Prozent
der Sprachregelungen des Kairoer Dokuments
geeinigt - das ist weit mehr als bei vorherigen internationalen Konferenzen. Und viele der verbleibenden
Differenzen können mit harter Arbeit, respektvollem
Dialog und vernünftig begründeter Annäherung
beigelegt werden, die wir heute fordern.
Wir dürfen und sollten im Verlauf dieses Unternehmens nicht zu Gegnern werden. Wir müssen vielmehr Kollegen und Freunde bei diesem historischen
Unterfangen sein, eine Politik zu entwerfen, mit der
die Würde und der Wert jedes menschlichen Wesens
auf der Erde bekräftigt wird und einer Politik, die die
Bedeutung der Familie untermauert.
Unseres Erachtens ist die Familie die Keimzelle eines
verantwortungsbewußten Lebens in der Gesellschaft.
Wenn Sie beispielsweise eine umweltbewußte
Gesellschaft haben wollen, müssen Sie die Familie
stärken. Die Regierungen haben die Pflicht zur
Gewährleistung von politischer Freiheit zur Gründung
einer Familie und der Erziehung der Kinder im
Einklang mit der religiösen Überzeugung dieser
Familie. Alle Regierungen müssen die Stabilität der
Ehe und die Institution Familie sowie die Gesundheit
der Familie schützen. Die Betonung der Familie ist
unserer Ansicht nach entscheidend, weil Themen wie
die Gesundheit von Frauen und ihre Ausbildung in
vielen Ländern durch das Prisma der Familie in
Angriff genommen werden müssen.
In diesem Zusammenhang ist die Kairoer Konferenz
daher bemerkenswert für ihre Bestrebungen, eine
globale Tagesordnung der Hoffnung, Chancen und
Fortschritte zu definieren. Ungeachtet der nicht
vollständigen Übereinstimmung zu allen Themen ist
dies - bei weitem - das beste je erarbeitete Dokument
zu Bevölkerungsfragen. Und ich möchte hinzufügen,
daß diese Bestrebungen - und auch die Vereinigten
Staaten - in hohem Maße von dem Talent, der
Kreativität und sorgfältigen Anleitung von Tim Wirth,
unserem Staatssekretär im Außenministerium für
globale Angelegenheiten, profitiert haben. Dank Tims
Arbeit und der anderer wird diese Konferenz einen
historischen Schulterschluß zwischen der Notwendigkeit zur Integration wirtschaftlicher und umweltpolitischer Maßnahmen auf globaler Ebene und der
Anerkennung der Beziehung zwischen umweltverträglicher Entwicklung und Bevölkerungsstabilität
vornehmen.
Ich möchte auch im voraus Präsident Mubarak
danken, der als Gastgeber einen unschätzbaren

AMERIKA DIENST

�Beitrag zu dem erwartungsgemäß erfolgreichen
Ausgang der Konferenz in Kairo geleistet hat.
Ebenso wie der Erdgipfel in Rio erkennt diese
Konferenz die Bedeutung der Einbeziehung der
Bürger und nichtstaatlicher Organisationen an,
analysiert ihre Rolle und ihren Beitrag zum internationalen Dialog. Diese Konferenz geht für ihre
beispiellose Einbeziehung der Bürger - insbesondere
der Frauen, deren Beitrag historisch und außergewöhnlich war - in die Annalen der Geschichte ein.

Die Kairoer Konferenz trägt ferner der Tatsache
Rechnung, daß dies nicht nur Belange der armen
Länder sind. Sie betreffen auch die Bürger von
Industrienationen und beziehen sie ein. Wir sind

unseren Nachbarn durch Sorge und Mitgefühl verbunden. Rasches Bevölkerungswachstum ist eng mit
Armut, Ungerechtigkeit und menschlichem Leid
verbunden. Die Amerikaner stehen diesen Problemen nicht indifferent gegenüber.
Wir sind uns bewußt, daß die Herausforderungen
groß sind, und aus diesem Grund ist unser Engagement so tiefgreifend. Die Integration von Bevölkerung, Umwelt und Entwicklung ist ein Gebot für
Frieden und nationale Sicherheit, für menschliche
Gesundheit und menschliches Wohlergehen und für
die Qualität des Lebens auf Erden. Die ClintonAdministration ist entschlossen, diese Erfordernisse
zu erfüllen. Und bei der Bevölkerungs- und Entwicklungsproblematik sind wir entschlossen, eine Führungsrolle zu übernehmen.

* * * * *

AMERIKA DIENST

Seite 7

�BEVÖLKERUNG

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub
WASHINGTON - (AD) - Umweltverträgliche Entwicklung muß ein Eckpfeiler der neuen amerikanischen
Außenpolitik und der neu definierten nationalen Sicherheit für das 21. Jahrhundert sein, stellte der
Staatssekretär im Außenministerium für globale Angelegenheiten, Timothy Wirth, fest.
In seiner am 12. Juli 1994 im Nationalen Presseclub gehaltenen Rede erklärte Wirth, umweltverträgliche
Entwicklung bedeute im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten
Staaten - versuchen sollten, "die Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen
für künftige Generationen zu erfüllen".
Wirth zufolge ist umweltverträgliche Entwicklung "ein in der Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig verstärken".
Das größte Hindernis bei der Verfolgung umweltverträglicher Entwicklung sei die fehlgeleitete Überzeugung,
"daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft". Tatsache sei, so Wirth, daß "die
Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden ist und vollständig von ihr abhängt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Timothy Wirth im Wortlaut.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre lang die langfristige Sicherheit definierte, wird schnell zu einem
lange zurückliegenden Zeitalter. Statt dessen sehen
wir uns mit einem breiten Spektrum unbekannter
Herausforderungen in einer an sich schon so unbekannten Welt konfrontiert, daß sie fast nicht mehr zu
erkennen ist. Die Veränderungen und Entscheidungen, vor denen die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft jetzt stehen,
stellen ebenso große Anforderungen wie diejenigen,
die wir seit 1945 kannten. Aber die Natur, Vielfalt
und Geschwindigkeit, mit der die neuen Herausforderungen auftreten, gebieten dringende Bestrebungen zum Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer Außenpolitik und eine Neubewertung der Prioritäten für die amerikanische Führungsrolle bei der Bewältigung neuer Tests und
Gestaltung einer besseren Welt.
Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen

AMERIKA DIENST

Tendenzen, die diese Interessen in der Zukunft
bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der
Regierungsführung an unsere Kinder weitergeben.
Heute möchte ich den Vorschlag unterbreiten, daß
das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung die beim Erdgipfel in Rio formulierte hehre Idee - ein
Eckpfeiler der neuen amerikanischen Außenpolitik
und der neu definierten nationalen Sicherheit für das
21. Jahrhundert sein muß.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - versuchen sollten, die
Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt
kann die Idee umweltverträglicher Entwicklung die in
der Welt von heute aktiven, außerordentlich mächtigen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Kräfte
integrieren und harmonisieren. Es ist ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche

Seite 1

�und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig
verstärken.
Ökologische Systeme bilden die
Grundlage einer modernen Gesellschaft - in der
Wissenschaft, Landwirtschaft sowie bei sozialer und
wirtschaftlicher Planung. Langfristig von unserem
ökologischen Kapital zu leben, ist eine ruinöse
Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten Völker und Nationen nach Wirtschaftswachstum
sowie wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritten, die wiederum die unerläßlichen Bausteine des Umweltschutzes sind.
Bedauerlicherweise wurde die Sorge über die
Umwelt viel zu lange als peripheres, unerhebliches
Thema angesehen, das im Zusammenhang mit
Wohlstand als Luxus betrachtet werden kann. Viel
zu viele werden mit der Aussage zustimmen: "Ja,
ich bin für Umweltschutz - solange er nicht auf
Kosten der Arbeitsplätze geht." Und in eben dieser
Fehlanalyse stoßen wir auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung - umweltverträgliche
Entwicklung.
Das größte Hindernis beim Streben nach umweltverträglicher Entwicklung ist die fehlgeleitete Überzeugung, daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Tatsache ist,
daß die Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt
verbunden ist und vollständig von ihr abhängt.
Fünf biologische Systeme - Ackerland, Wälder,
Weiden, Ozeane und Süßwasser - unterstützen die
Weltwirtschaft. Mit Ausnahme von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle Rohmaterialien
für die Industrie und unsere gesamten Nahnmasmittel.
Ackerland liefen" Nahrungsmittel, Viehfutter und
eine unendliche Vielfalt von Rohmaterialien für
die Industrie wie etwa Fasern und pflanzliche
Öle.
Wälder sind eine Quelle für Brennstoffe, Holz,
Papier und zahlreiche andere Produkte.
Weiden sind der Ursprung für die P^^uWion vor.
Fleisch, Milch, Leder und Wolle.
Ozeane und Süßwasser produzieren N?hn,r&gt;nsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie.
Kurzum, das ist in etwa alles. Das is&gt; der Größte!
der Volkswirtschaft. Das ist die Grundlage für di?
gesamte Wirtschaftstätigkeit ••'"' ,j! le ArbdtepUrtee
Im Jargon der Wirtschaftswelt ist die vVirtschatt eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Umwelt
Alle Wirtschaftsaktivitäten hangen v o i der Umwelt

Seite 2

und der ihr zugrundeliegenden Ressourcenbasis ab.
Wenn die Umwelt schließlich einen Offenbarungseid
leisten muß, weil ihre Ressourcenbasis verschmutzt,
zerstört, verschwendet, unwiderruflich gefährdet
wurde, dann geht auch die Wirtschaft mit ihr bankrott.
Ist dies nur ein theoretisches Konzept?
nicht.

Natürlich

Es vollzog sich in Mittel- und Osteuropa, den Ländern, deren tiefgreifende Zerstörung der Wirtschaft
wir erst jetzt entdecken und verstehen. Es vollzieht
sich in der Tat auf der ganzen Welt, selbst in vielen
der heutigen Schlagzeilen machenden Krisenherde.
Knappe Ressourcen sind die Ursache gewalttätiger
Konflikte, die die bürgerliche Gesellschaft in Ruanda,
Haiti und Chiapas erschüttern.
Diese Konflikte
könnten sich intensivieren und ausweiten, während
die immer weiter zunehmende Bevölkerung um den
immer geringer werdenden Bestand an Land, Brennstoff und Wasser kämpft. Professor Tad Homer-Dixo
von der University of Toronto warnt, daß in den
kommenden Jahrzehnten die Verknappung der
Ressourcen sich "wahrscheinlich mit einer Geschwindigkeit, Komplexität und in einer Größenordnung
vollzieht, die in der Geschichte ihresgleichen suchen".
Derzeitige Konflikte sind ein bitterer Vorgeschmack
der Anarchie, die immer mehr Nationen erfassen
könnte, wenn wir nicht handeln.
In Ruanda vollzogen sich die unbeschreiblich
brutalen Massaker der jüngsten Monate vor dem
Hintergrund einer Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und ungleicher Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate ist mit die
höchste der Welt - über acht Kinder pro Frau.
Das einst reiche Agrarland der Nation ist so
gravierend erschöpft und zerstört, daß zwischen
1980 und 1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungszuwachses - die Nahrungsmittelproduktion
um 20 Prozent fiel.
Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind
Konflikte Ober die Ressourcen die Ursache für die
Aufstände im Süden. Ungleiche Verteilung des
l indes und rawcnes RevNkerungswachstum
haben die arnr-"&gt; R;.uern - vornehmlich die Urbevölkerung - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung des ökologisch gefährdeten
HochlarHo durchzuschlagen. Dieses Land kann
rasch 7«&gt;r&lt;&gt;tftrt worden und die zunehmende
Bevölkeruno noch weiter in Armut stürzen. Ein
IhnHchf 'rr.'ii^iskrpi&lt;5 konnte an so unterschiedlichen Orten wie den Philippinen, dem Himalaya,
der Sahelzone, Indonesien, Brasilien und El
c
-'vqdor beobachtet werr»«"i

AMERIKA DIENST

�In Haiti sind schwindende Ressourcen noch
ausschlaggebender für den Zusammenbruch der
Gesellschaft eines Inselstaats, der einst das
Kronjuwel des französischen Imperiums war.
Nahezu völlig entwaldet, das karge Ackerland mit
jeder Generation in kleinere und weniger produktive Parzellen unterteilt, werden diese Probleme
durch eine räuberische Regierung verschärft, die
die spärlichen Ressourcen des Landes erschöpft
und Investitionen in ihr Volk versäumt hat. Hinter
diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und
politischen Zusammenbruch wirft die Tatsache
bedrohliche Schatten, daß die bereits jetzt in
jeder Hinsicht zu hohe Bevölkerungsrate Haitis
von sieben Millionen sich in den nächsten 18
Jahren voraussichtlich verdoppeln wird.
Und in China - der Heimat von einem Fünftel der
Weltbevölkerung - bedrohen ernsthafter Wassermangel und Bodenerosion die Fähigkeit dieses
Landes zur Versorgung seiner Bevölkerung.
Zwischen 1957 und 1990 verlor China rund 35
Millionen Hektar Ackerland - ein Gebiet in der
Größe aller Bauernhöfe in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zusammengenommen. Dieser Raubbau bewirkt einen
Exodus aus dem verarmten Inland in die prosperierenden Küstenstädte, der sich mit den Erfordernissen der raschen Industrialisierung zu einem
Wall entwickelt, auf den die chinesische Volkswirtschaft bald mit aller Macht trifft.
Dies kann auch uns dort passieren, wo unsere
biologischen Systeme unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind. Mit ihrer fortgesetzten
Zerstörung verbrauchen wir unser Kapital. Dabei
unterhöhlen wir unseren Lebensstandard - ein
gefährlicher Drahtseilakt:
Die Wälder unseres pazifischen Nordwestens
wurden geplündert und die Flüsse, Fischgründe
und billige Energiequellen sind nicht weit davon
entfernt.
Wir aus dem amerikanischen Westen sollten auf
die Alarmglocken achten und hören, während wir
die Wasservorräte auf unseren Hochebenen
erschöpfen und - häufig mit Blindheit geschlagen
- auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang dieser bäuerlichen Gemeinden warten.
Vor unserer Türschwelle ist ein offensichtlich so
einfaches System wie die Austernbänke vor der
Chesapeake Bay, die das Wasser der gesamten
Bucht alle drei Tage filterten, jetzt so ausgebeutet, daß diese Filterung nur einmal pro Jahr
stattfindet und damit die Gesundheit und Produktivität dieses bemerkenswerten Lebenssystems

AMERIKA DIENST

drastisch verringert. Ist der totale Zusammenbruch noch weit entfernt?
Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach mit dem
Zählen von Bäumen, des Fischbestands oder der
Kornähren gemessen werden kann. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Müll reinigen,
Boden regenerieren und die Trinkwasservorräte
auffüllen.
Diese Systeme, die wir verspätet zu
verstehen begonnen haben, bilden die Grundlage des
Lebens auf Erden. Der Abbau der Ozonschicht,
Verlust der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache, daß die ökologischen Systeme des Planeten
einer großen Belastung ausgesetzt sind.
Unsere Defizitfinanzierung des Umweltkapitals hat
direkte, meßbare Auswirkungen auf die menschliche
Sicherheit. Mit einfachen Worten, die lebenserhaltenden Systeme auf dem gesamten Globus werden
in schnellem Tempo vernichtet - verdeutlichen unsere
Interdependenz mit der Natur und verändern unsere
Beziehungen zu dem Planeten. Unsere Sicherheit
als Amerikaner ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden.
Die Sicherheit unserer Nation und
unserer Welt hängt davon ab, ob wir ein dauerhaftes
Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen
und der Fähigkeit des Planeten zur Versorgung der
Menschen herstellen können.
Warum wurdo dieser neue Sicherheitsaspekt erst vor
kurzem erkannt? Zwei Tendenzen sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich
seit 1950 verdoppelt und beläuft sich jetzt auf 5,6
Milliarden. Jedes Jahr nimmt die Welt um 91 Millionen Einwohner zu - dem Äquivalent eines weiteren
New York jeden Monat, eines weiteren Mexiko jedes
Jahr und eines weiteren China in jedem Jahrzehnt.
95 Prozent dieses Wachstums finden in den verarmten Staaten der Entwicklungsländer statt, die
bereits um die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und
Versorgung ihrer Völker kämpfen.
Gleichzeitig hat die industrialisierte Welt die Fähigkeit
und Konsumkapazitiät zur Nutzung der Ressourcen
und der Produktion von Müll in einem Tempo entwikkelt, das in der menschlichen Geschichte seinesgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrieländer zwei Drittel aller Ressourcen und
verursachen vier Fünftel aller Schadstoffe und
Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche
Zwickmühle - die Weltbevölkerung wächst in einem
Tempo, mit dem nur unsere zunehmende Fähigkeit
zum Verbrauch von Ressourcen und der Produktion

Seite 3

�von Müll Schritt halten oder es übertreffen kann.
Dies ist ein absolut umweltschädlicher Kurs.
Ihre Frage wäre jetzt angebracht: "Nun, Sie wurden
alle gewählt, um den Laden zu schmeißen. Was tun
Sie dagegen?" Und die Antwort lautet: "Sehr viel."
Die Clinton-Administration hat die Herausforderung
von Wirtschaft und Umwelt angenommen - also die
Herausforderung umweltverträglicher Entwicklung.
Wir haben den ersten Teil richtig gemacht, in vieler
Hinsicht weit über das hinaus, was alle gehofft
hatten. Und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist
gut erklärt und erzählt worden. Wir arbeiten auch an
dem zweiten, die Umwelt betreffenden Teil der
Gleichung von umweltverträglicher Entwicklung, die
weniger gut verstanden, in vieler Hinsicht schwieriger, aber absolut unabdingbar ist, wenn wir unseren
Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen
wollen, die so produktiv ist oder nur annähernd so
aussieht wie die uns hinterlassene.
Die Wirtschaft ist eindeutig eine essentielle Grundlage dieser neuen Definition nationaler Sicherheit und
der vor uns liegenden Aufgaben. Aus diesem Grund
hat Präsident Clinton den Kurs für wirtschaftliche
Erneuerung in unserem Land sowie Partnerschaft
mit dem Ausland entworfen. Wie er vergangene
Woche erklärte, will er sich "kurzfristig auf globales
Wachstum konzentrieren und dann darüber nachdenken, wie die Welt im nächsten Jahrhundert
aussieht und was wir in dieser Hinsicht unternehmen
müssen".
Nach dem Ende des G-7-Gipfels in derverganoonon
Woche stellt sich die Frage, wie unsere Beziehungen
zu unseren Partnerländern in der industrialisierten
Welt (Großbritannien, Frankreich, Deutschland,
Italien, Japan und Kanada) aussehen. Die Zahlen
weisen auf eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte hin:
40 Prozent des gesamten Bruttoinlanr&lt;cor'H.jkt&lt;;
der G-7-Länder wurden in den Vereinigten Staaten produziert - im vergangenen Jahr entfielen
auf unser Land 75 Prozent r»es Wachstum«?
nahezu 100 Prozent der neugeschaffenen Ar.
beitsplätze, das Doppelte de&lt;r 'pvestifionen, e'ne
zweifache Steigerung der Exporte sowie d«r
höchste Produktivitätszuwachs.

befürwortet eindeutig einen offenen, stabilen
Weltmarkt als entscheidenden Faktor unseres
langfristigen Wohlstands und unserer nationalen
Sicherheit.
Die Tagesordnung dieser Administration ist jedoch
viel umfassender und ehrgeiziger - wir verwandeln
unsere Wirtschaftspläne und Hoffnungen in ein
umweltverträgliches Konzept, das eine würdige
Hinterlassenschaft für die Nachwelt darstellt. Im
Herbst vergangenen Jahres beschrieb der Präsident
in einer weitreichenden außenpolitischen Rede vor
der UN-Generalversammlung, wie sich die Vereinigten Staaten durch die Förderung umweltverträglichen
Wachstums für eine sichere Zukunft einsetzen. Und
vor zehn Tagen wiederholte er in einer Rede vor der
nationalen Akod orr ° rJer Wissenschaften, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums stehe auf seiner
Tagesordnung an oberster Stelle.
Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, trübt die
Bevölkerungsspirale jede Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Industriestaaten und verurteilt
jegliche umweltpolitische Anstrengung zum Scheitern.
Bevölkerung (und die 1994 in Kairo anberaumte
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung) muß
an oberster Stelle unserer Tagesordnung für umweltverträgliche Entwicklung stehen, und das ist auch der
Fall. Die Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
der internationalen Bevölkerungspolitik wurde wiederhergestellt, und wir haben an der Ausarbeitung
eines Plans für Kairo mitgewirkt, der einen Konsens
sowie einen umfassenden Ansatz für den Umgang
mit schnellen rfemoqraphischen Veränderungen ins
l eben ruft, nieder plan sieht universellen Zugang zu
Familienplanunq und Gesundheitsfürsorge für
Schwangere vor, fördert entscheidend die Ausbildung
von Mädchen und konzentriert sich auf die Reduzierung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des
Mannes, starke Familien sowie das Engagement von
Rasisnruppen " n d nichtstaatlichen Organisationen
piomentarer Bestandteil unserer Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Reci-"0 ,&lt;or P r 3 , j - •*•&gt; !?ero."ientlich wichtige
Poev/Mirt-urj &lt;iir War-S"!1 irn " o d ^^»tt'sr des Wandels.
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lahH'WinH.QrJ«?

erreicht weiden kann.
Das NAFTA wird umgesetzt, die Uruguay-Runde
wurde abgeschlossen und unsere Handelspolitik

Seite 4

-

wiegt für jede Generation die Kosten auf. Im komTionHon

Wir haben unser Haushaltsdefizit auf den zweitniedrigsten Stand gebracht und WÖBO &lt;^kommenden Jahr das niedrigste Defizit aller G-7
Staaten verzeichnen.

H.tepr

OiiQ'»i.

/'»Acpit'A DIENST

�In ähnlicher Weise ist die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge für die internationale Staatengemeinschaft eine kluge Investition, die zu relativ
niedrigen globalen Kosten getätigt werden kann. Die
Ausrottung von vier weit verbreiteten, leicht zu
verhütenden Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio - die Beseitigung von Jod- und
Vitamin A-Mangel sowie die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapie können Anfang des
kommenden Jahrhunderts erreicht werden. Eine
erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen würde
jährlich drei bis vier Millionen Menschenleben retten
und vielleicht die 20 Millionen Todesfälle unter
Kleinkindern - mit steigender Tendenz - verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden lindern und einen
bedeutenden Beitrag zur Verminderung der Belastung größerer Familien leisten.
Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist auch
eine größere Konzentration auf AIDS, da wir wissen,
daß eine Heilung zwar vielleicht erst in Jahrzehnten
gefunden wird, wir jedoch mit aggressiven Verhütungsstrategien in jenen Teilen der Welt Hilfe leisten
können, in denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig ausbreitet.
Eine dritte Priorität unserer Politik ist die Artenvielfalt
- ein breites Spektrum an Aufgaben zur Erhaltung
von Gottes Schöpfung, des biologischen Erbes, das
alles Leben enthält. Der große Reichtum genetischer Informationen ist langfristig für unsere Wirtschaft und Umwelt von entscheidender Bedeutung,
und wir müssen alles in unserer Macht Stehende zu
seinem Erhalt unternehmen. Die Clinton-Administration hat den Vertrag über die Artenvielfalt unterzeichnet, der nahezu einstimmig vom Senatsausschuß für auswärtige Beziehungen angenommen
wurde und diesen Sommer vom Plenum des Senats
ratifiziert werden sollte. Anschließend können wir
mit dem erforderlichen Elan an der ersten Konferenz
der Unterzeichnerstaaten teilnehmen, weltweite
Bestrebungen zur Erfassung, Erforschung und
dauerhaften Nutzung diesergroßartigen und großenteils unbekannten Informationsbibliothek ins Leben
zu rufen. Das kommende Jahrhundert wird mit
Sicherheit das Jahrhundert der Biologie, und wir
müssen uns für die umfassende Nutzung dieser
bemerkenswerten Chancen einsetzen, neue Nahrungsmittel, Brennstoffe, Fasern und Arzneimittel zu
entwickeln.
Die Integration umweltpolitischer und wirtschaftlicher
Imperative auf nationaler Ebene ist eine vierte vor
uns liegende Aufgabe. Die Nationen der Welt,
einschließlich der Vereinigten Staaten, können nicht
länger davon ausgehen, daß wir die Luft verschmutzen und die Ressourcen erschöpfen können, ohne
dafür einen Preis zu zahlen. Vielmehr müssen wir

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uns der Kosten bewußt sein und es dem Genie des
Marktes überlassen, die effektivsten Mittel für die
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele festzusetzen. Unter der Führung von Wirtschaftsminister Ron
Brown haben wir die ernste und schwierige Aufgabe
in Angriff genommen, "die Preise richtig festzusetzen", ein System für Rechenschaftspflicht zu entwickeln, das uns eine angemessene, objektive Einschätzung davon vermittelt, was in unserer Wirtschaft
tatsächlich geschieht.
An fünfter Stelle ist die Herausforderung einer Reform
unserer internationalen Institutionen zu nennen, um
umweltverträgliche Entwicklung besser fördern zu
können. Die Weltbank, der wichtigste öffentliche
Motor der Entwicklung, wird bei der Unterstützung
des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung
eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen härter daran
arbeiten, eine Veränderung der Praktiken bei der
Kreditvergabe zu ermutigen, um somit dem Versprechen nachzukommen, mehr Wert auf kleinere,
dezentralisierte Projekte zur Förderung einer alternativen Entwicklung zu legen, die Umwelt zu schützen,
die Rechte der Bevölkerung von Ort zu bewahren
und die Rolle entscheidender Bevölkerungsgruppen insbesondere der Frauen - im Entwicklungsprozeß
anzuerkennen.
Dieses Ziel institutioneller Reform ist Teil der sechsten und letzten Herausforderung - die ich als
Regierungsführung im 2 1 . Jahrhundert bezeichnen

möchte. Wir sind traditionsgemäß davon ausgegangen, daß unsere Beziehungen zu anderen Landern
wie Nabe und Speichen eines Rades sind: Wir in
Washington sind die Nabe, und die einzelnen Speichen reichen in alle Hauptstädte der Welt - nach
London, Delhi, Tokio oder Bogota. Diese traditionelle
Art des Umgangs mit unseren Angelegenheiten und
den Problemen der Welt verändert sich jetzt, während
wir uns auf umfassendere, kooperative internationale
Bündnisse und Organisationen zubewegen, bis zum
schnell wachsenden Netz privater, nichtstaatlicher,
freiwilliger Organisationen. Ich möchte das gerne
näher erläutern.
In dieser Zeit nach dem Kalten Krieg machen unsere
Probleme nicht vor traditionellen Grenzen halt. Die
weltweite Klimaveränderung, die Zerstörung der
Ozonschicht, die Artenvielfalt, Flüchtlinge, Drogen all diese Fragen sind zu Anliegen geworden, die eine
Herausforderung für uns alle darstellen und im
Rahmen stärkerer, multilateraler, kooperativer Organisationen behandelt werden müssen.
Präsident
Clinton hat in der vergangenen Woche mit unseren
Partnern in der G-7 die Frage aufgeworfen, ob es
nicht an der Zeit sei, unsere internationalen Institutionen erneut zu prüfen, damit sie den Aufgaben des
21. Jahrhunderts gewachsen sind. Das wird nicht

Seite 5

�einfach sein. Mauern können innerhalb eines Tages
niedergerissen werden. Das Bewußtsein des einzelnen zu verändern und unter Institutionen den Sinn
für eine gemeinsame Sache zu wecken, ist viel
schwieriger. Wir haben jedoch einen reichen, wenn
auch komplizierten Rahmen, auf dem wir aufbauen.
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDP, der Bevölkerungsfonds UNFPA, das WeltKinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtskommission - alle kreativ und fähig - müssen sich gemeinsam hinter allgemeine Themen stellen und ein
gemeinsames Zielbewußtsein entwickeln. Meines
Erachtens wird dieses Ziel im 21. Jahrhundert in
umweltverträglicher Entwicklung bestehen.
Diese Ideen werden von dem von der Administration
eingesetzten Team zur Verbesserung der Effizienz
von Entwicklungsprioritäten für die Vereinigten
Staaten und die Welt nicht nur unterstützt, sondern
verfochten. Dies ist die Herausforderung für die
Abteilung für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium und entsprechende Teams im Nationalen Sicherheitsrat und den Nachrichtendiensten. Es
ist die von Brian Atwood übernommene, wenig beneidenswerte und oftmals undankbare Aufgabe, das
Konzept umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren - den umfassenden Zugang der Menschen zu
den wirtschaftlichen, umweltpolitischen und politischen EntScheidungsprozessen in ihrem Land zu
fördern. Das ist die Aufgabe von Gus Speth beim
UNDP, der sich um die Verbesserung der Koordinierung der UNO im Bereich umweltverträglicher
Entwicklung und ihre Konzentration darauf bemüht,
wodurch die abstrakten Ziele umweltverträglicher
Entwicklung in Beziehung zu den Menschen und
ihrem Leben gebracht werden.
Die Herausforderung der Regierungsführung geht
weiter in Richtung Basis, zu der großen Masse der
Menschen, die sich weltweit organisieren, um ihr
Leben mitbestimmen zu können, und die schon
lange vor ihrer Regierung die HerauotoTderiing
umweltverträglicher Entwicklung erkannten. Der
phänomenale Anstieg nichtstaatlicher Organisationen
weltweit ist eine der herausragenden Charakteristika
unserer Zeit. Die OECD z£Me 1990 in ihren 2^
Mitgliedstaaten mehr als 2.500 nicttst;ieiliehe
Organisationen, im Vergleich zu 1.6CU ver einem
Jahrzehnt. Das ist jedoch gar nichts verdienen mit
den NGOs in den Entwicklungsländern. Roger
Ridden vom Institut für Entwicklung in Übersee
behauptet, in einem Staat Indiens. Tarrii Nadu
existierten mehr als 25.000 BasisorgariN
Die Helden des Erdgipfels von Hin war«n nich
Staatschefs, sondern die Agenda IM oe'inioren^en
und vorantreibenden NGOs. FrauengruDoen aus der
ganzen Welt spielten eine führende ROUP nai def

Seite 6

Organisation und Festsetzung der Tagesordnung der
jüngsten UN-Menschenrechtskonferenz in Wien; sie
retteten die Verpflichtung der UNO zur Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte. Die Vorbereitungen
für Kairo haben diese vorherigen Normen nicht nur
verstärkt, sondern übertroffen. Unsere Herausforderung besteht darin, das Feingefühl, die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität dieser Basisgruppen zur
Mitarbeit zu gewinnen und einzusetzen - eine neue
und äußerst vielversprechende Herausforderung für
die vermeintlich Regierenden.
Die Dynamik der Clinton-Administration und unter den
Bürgern reflektiert insgesamt die Einsicht, daß die
Sicherheit unserer Nation von mehr abhängt als nur
militärischer Macht und unsere Sicherheit eng mit
dem Wohlergehen unserer Nachbarn verknüpft ist.
Politische Grenzen sind durchlässig, Umweltzerstörung und Krankheiten machen nicht vor nationalen
Grenzen halt. Und durch die zunehmend globale
Wirtschaft sind die uns verknüpfenden Bande noch
enger geworden.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden.
Sicherheit des einzelnen fußt auf der Grundlage von
Frieden, politischer Stabilität, physischer Gesundheit
und wirtschaftlichem Wohlergehen. Die Hauptgefahr
für die Sicherheit des einzelnen ist vielleicht nicht so
einfach zu erkennen wie beispielsweise das Atomwaffenarsenal eines Feindes, ist jedoch nicht weniger
tödlich.
Diese Gefahren sind Resultat äußerster Armut, unter
der eine Milliarde der Weltbevölkerung leidet, des
Hungers, der 800 Millionen Männer, Frauen und
Kinder quält, der Verbreitung von HIV/AIDS, mit dem
sich bis zum Jahr 2000 30-40 Millionen Menschen
infiziert haben werden, der Kombination von Gewalt,
Armut und Urnweltzerstörung, die 20 Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Hier in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen
Welt verstenen wir in zunehmendem Maße die enge
Verbindung zwischen Armut, Umwelt, Wirtschaft und
Sicherheit. Diese historische Umwandlung erfordert,
daß wir uns selbst befreien - von überkommener
Politik veralteten Annahmen, starren Überzeugunaen, aie geste n noch trennende und charakteristische Linien unserer Politik zu sein schienen.
Krisenverhütung und umweltverträgliche Entwicklung
Gehören in den letzten janres Dieses und im Kommenden Jahrhundert zu den größten Herausforderungen Die Zeit ist gekommen, unseren Ansatz im
bereicn dei natic naien Siel erneit umzugestalten - in
der Erkenntnis, daß unsere wirtschaftliche und
imTAeitpoi. cns LUK-J. ft « \ una 3as:;&amp;'be sind.

AMERIKA DIENST

�Genau diese Herausforderungen werden die Zukunft
bestimmen, die wir unseren Kindern und Enkeln
hinterlassen.
Uns bleibt keine Wahl. Zum Abschluß bitte ich Sie,
sich folgendes Szenarium vorzustellen: Ein Mann
steht auf dem Fenstersims eines Hochhauses, und
Sie werden gebeten, ihn dazu zu überreden, nicht
hinunterzuspringen.

men, die Welt davon zu überzeugen, sich selbst
nicht schwer zu verletzen. Einige werden die Bedrohung bagatellisieren oder sagen, wir verfügten
derzeit nicht über genug Wissen, um zu handeln.
Andere, einschließlich vieler hier Anwesender, haben
bemerkt, daß der Mann auf dem Fensterbrett ein Seil
um sein Fußgelenk gebunden hat. Das andere Ende
des Seils ist an uns gebunden, und wenn er fällt,
fallen wir alle zusammen.

Genau dort stehen wir heute. Die Vereinigten
Staaten müssen die Führungsrolle dabei überneh-

* * * * *

AMERIKA DIENST

Seite 7

�BEVÖLKERUNG

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994
WASHINGTON - (AD) - Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen über die Weltbevölkerung zufolge sollten
die Frauen weltweit mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten, insbesondere die Entscheidungsgewalt
über die Größe der eigenen Familie.
Eine solche "Ausstattung der Frauen und Männer mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht" ist dem
Weltbevölkerungsbericht 1994 zufolge der "Schlüssel für soziale Entwicklung ... am Ende des 20. Jahrhunderts
und in den Jahren danach".
Der am 17. August 1994 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht weist auf "die zunehmende
Selbstbestimmung der Frauen über die Regulierung ihrer Fruchtbarkeit" hin.
"Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten
der Kinder ist ein Menschenrecht", wird in dem Bericht festgestellt. "Die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit
ist in allen gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg
geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zum Weltbevölkerungsbericht 1994 der Vereinten Nationen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

Eine Frage der Entscheidungsfreiheit
Der Schlüssel für soziale Entwicklung einschließlich
der Lösung des Bevölkerungsproblems liegt am
Ende des 20. Jahrhunderts und in den Jahren
danach in einer Ausstattung der Frauen und Männer
mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht sowie in
einer Befähigung der Familien und lokalen Gemeinwesen zu eigenem Handeln. In immer stärkerem
Maße zeigt sich heute, daß ein freier und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsversorgung,
Familienplanung und Bildung nicht allein als solcher
wünschenswert ist. Er ist auch ein praktischer
Beitrag zur Verwirklichung weiterer Ziele, zu denen
auch der Umweltschutz und die wirtschaftliche
Entwicklung gehören.

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In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine
besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger
als auch ihr potentieller zukünftiger Beitrag zur
menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die
Unsichtbarkeit der Individualität der Frau - im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter - wird
vielleicht schon bald beendet sein.
Von grundlegender Bedeutung für die hier angesprochene veränderte Problemwahrnehmung ist die
zunehmende Selbstbestimmung der Frauen über die
Regulierung ihrer Fruchtbarkeit. Handlungsfreiheit in
diesem Bereich verbessert den Gesundheitszustand
der Frauen und eröffnet ihnen Alternativen in bezug
auf ihre Bildung, ihren Familienstand, ihre Beschäftigung, ihre Wohnverhältnisse und eine mögliche
Entscheidung zur Migration. Diese Handlungsfreiheit
in bezug auf die persönliche Entwicklung birgt Ent-

Seite 1

�Wicklungsmöglichkeiten auch für die Gemeinwesen,
in denen die Frauen leben.
Persönliche Entscheidungsfreiheit und gemeinsame Verantwortung
Die persönliche Entscheidung über die Größe der
eigenen Familie und die Abstände zwischen den
Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht. Die
Erweiterung der Entscheidungsfreiheit ist in allen
gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben.
Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus
dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner
und das Bevölkerungswachstum langsamer sein.
Der Verhütung kann, so wird geschätzt, die Hälfte
des Rückgangs der Fertilität zugeschrieben werden.
Die freie Entscheidung des einzelnen in der Frage
der Größe seiner Familie könnte das Bevölkerungswachstum so weit verlangsamen, daß ein anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum wahrscheinlicher würde. Ein solcher Prozeß kann heute
überall in der Dritten Welt - am besten jedoch in den
sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften Asiens beobachtet werden.
Für die komplexe Problematik von Armut, Arbeitslosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Wasser und
Energie, übersteigertem Konsum, von Umweltschäden und sozialer Desintegration gibt es keine einfache Lösung. Sowohl die nationalen Regierungen
als auch die internationale Gemeinschaft müssen die
Probleme der Regierungskontrolle und der nationalen Institutionen ebenso angehen wie die externen
Faktoren Verschuldung, Handel, Technologieproblematik und internationale Finanzmittel, die für Entwicklung zur Verfügung stehen.
Ein langsameres Bevölkerungswachstum zu Beginn
des nächsten Jahrhunderts wird jedoch zur Entlastung in all diesen Bereichen führen. Es wird dann
Zeit gewonnen, und es können Lösungen gefunden
werden. In der Übergangsphase zu einer niedrigeren Fertilität kann schon ein Zeitgewinn von zehn
Jahren bemerkenswerte Auswirkungen auf die
Lebensqualität in den betreffenden Ländern haben,
wenn dort zum Beispiel Bildungsangebote gemacht,
qualifizierte Gesundheitsversorgung bereitgestellt
und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wachstum und Verteilung der Bevölkerung
Zur Mitte des Jahres 1994 zählt die Weltbevölkerung
5,66 Milliarden Menschen. Im Jahr 1998 werden es

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sechs Milliarden sein. Obwohl die Fertilitätsziffern
generell rückläufig sind, wächst die Weltbevölkerung
jährlich weiterhin um 94 Millionen. Dies ist der
höchste Zuwachs, den es jemals gegeben hat. Nach
dem Jahr 1997 werden die jährlichen Zuwächse
zurückgehen, um dann im Jahr 2020 85 Millionen zu
erreichen. Das Wachstum wird nahezu vollständig
auf Asien, Afrika und Lateinamerika und zu mehr als
der Hälfte davon wiederum auf Südasien und Afrika
entfallen, wo sich viele der ärmsten Länder der Welt
befinden.
Die neuesten Prognosen der Vereinten Nationen
sagen für das Jahr 2025 eine Weltbevölkerung von
8,5 Milliarden und für das Jahr 2050 von 10 Milliarden voraus. Diese langfristigen Prognosen gehen
von der Annahme einer weiterhin zurückgehenden
Fertilität aus. Trifft diese Annahme nicht zu, wird sich
das Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des
kommenden Jahrhunderts vermutlich erheblich
rascher vollziehen. Im Jahr 2025 wird dann eine Zahl
von 12,5 Milliarden erreicht sein. Der Unterschied
zwischen der hohen und der mittleren Prognosevariante beträgt 2,5 Milliarden, was der gesamten
Weltbevölkerung des Jahres 1950 entspricht.
Das Bevölkerungswachstum könnte jedoch auch
langsamer sein. Die niedrige Prognosevariante setzt
einen rascheren Rückgang der Fertilität voraus und
berechnet eine Bevölkerung von 7,8 Milliarden für
das Jahr 2050. Der Unterschied zwischen dem
mittleren und dem niedrigen Prognoseszenario liegt,
bezogen auf das Jahr 2050, bei 2,2 Milliarden.
Mit einer Rate von 2,9 Prozent pro Jahr hat Afrika die
am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.
Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas sind
jeweils um 1,8 Prozent, diejenige Nordamerikas um
rund 1,1 Prozent und die der früheren UdSSR um 0,5
pro Jahr gewachsen. Mit 0,3 Prozent lag die Wachstumsrate in Europa am niedrigsten. Die genannten
Wachstumsraten erklären die Verschiebungen in der
regionalen Verteilung der Weltbevölkerung seit den
fünfziger Jahren, als 55 Prozent in Asien, 16 Prozent
in Europa und 9 Prozent in Afrika lebten. Im Jahr
1993 lag der Anteil Asiens bei 60 Prozent, während
Afrika Europa vom zweiten Platz der Liste verdrängt
hatte. Die genannten Trends werden vermutlich bis
zum Jahr 2015 anhalten, wenn für Afrika 19 Prozent
und für Europa 6 Prozent der Weltbevölkerung
erwartet werden.
Diese Verschiebungen werden in allen Ländern
bedeutsame Auswirkungen auf die Politik nach sich
ziehen. Sie verändern die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse sowie den Bedarf an Wohnungsbau,
Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Dienstleistungen. Besonders aber werden sie Auswirkun-

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�gen auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitskräfte
haben. Schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen
werden zwischen den Jahren 1995 und 2020 zusätzlich auf die Arbeitsmärkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas drängen. Danach wird der Bedarf an
Arbeitsplätzen zurückgehen. In den heutigen Industrieländern dagegen wird der Anteil der Menschen,
die älter als 65 Jahre sind, stetig von 12,7 Prozent
auf 18,4 Prozent im Jahr 2025 ansteigen.
Migration
Innerhalb der einzelnen Länder erhöht die Abwanderung in die städtischen Zentren dort den Bedarf an
Wohnraum, Wasser, sanitärer Infrastruktur, Energie,
Gesundheitsversorgung, sozialen Dienstleistungen
und Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung
wird zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte der
Weltbevölkerung stellen. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Zahl der Städte in den Entwicklungsländern mit
mehr als einer Million Einwohner von heute 125 auf
300 gestiegen sein.
Im Jahr 1994 leben mehr als 125 Millionen Menschen - zum Teil freiwillig, zum Teil als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes. Der demographische
Druck, der zur grenzüberschreitenden Migration
beiträgt, - so wurde im letzten Jahr an dieser Stelle
berichtet - verstärkt sich weiterhin. Rund eine Million
Menschen verlassen jährlich ihre Heimat, um in ein
anderes Land zu gehen. Die grenzüberschreitende
Migration ist damit statistisch weit weniger gewichtig
als die Migration in die Städte innerhalb der einzelnen Länder. Dennoch zieht die grenzüberschreitende Migration soziale und wirtschaftliche Folgen nach
sich, die in einem deutlichen Mißverhältnis zu der
relativ geringen Zahl der Migranten stehen.
AIDS
Obwohl genaue Angaben nur schwierig zu erhalten
sind, wurde die Zahl aller Fälle von AIDS auf der
Welt für den Beginn des Jahres 1992 auf 2,7 Millionen geschätzt. 90 Prozent der Betroffenen waren
bereits gestorben. Die weltweite Verbreitung von
HIV-Infektionen - die von AIDS-Fällen zu unterscheiden sind - ist noch weitaus dramatischer. Es
wird geschätzt, daß heute zwischen 14 Millionen und
18 Millionen Erwachsene mit HIV infiziert sind. Dies
sind annähernd doppelt so viele wie im Jahr 1990,
als 9 Millionen HIV-Infektionen geschätzt wurden,
und die Verbreitung der HIV- bzw. AIDS-Seuche
verlangsamt sich keineswegs. Trotz erheblicher
Anstrengungen der AIDS-Vorbeugung weltweit gibt
es bislang nur wenige Anzeichen, daß die Politiken
und Programme zur Eindämmung der HIV-Infektionen einen spürbaren Einfluß gehabt hätten. Im Jahr
2000 werden wahrscheinlich 3,3 Prozent der auf der

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Welt verzeichneten Krankheitsfälle auf AIDS entfallen.
Mit 1,8 Millionen werden dann fast genauso viele
Menschen jährlich an AIDS sterben wie während der
ersten zehn Jahre seit Ausbruch der Epidemie
insgesamt.
Fälle von AIDS sind bisher aus 164 Ländern und
HIV-Infektionen aus praktisch allen Staaten und
Regionen der Welt mitgeteilt worden. Die Verbreitung von HIV ist eine alarmierende und sehr komplexe Erscheinung. Die weltweite Epidemie ist als
Summe tausender einzelner Epidemien, die auf der
ganzen Welt vorkommen, beschrieben worden.
Keine Region der Welt ist davon verschont geblieben,
wobei annähernd 15 Prozent aller HlV-Infizierten in
Nordamerika und im westlichen Teil Europas leben.
Zu Beginn des Jahres 1992 lag der Anteil der Lateinamerikaner unter den HlV-Infizierten bei mehr als 8
Prozent und derjenige der Südostasiaten bei 5
Prozent. Mehr als 68 Prozent aller kumulierten Fälle
von HIV bei Erwachsenen und Kindern entfallen - so
wird angenommen - auf Afrika südlich der Sahara.
Die sozio-ökonomischen Folgen von HIV in Afrika
werden sehr deutlich, wenn allein die Fälle der
erwachsenen HlV-Infizierten dort betrachtet werden.
In Afrika südlich der Sahara leben weniger als 9
Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, jedoch
66 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Erwachsenen. Viele von diesen Menschen befinden sich in
ihrer produktivsten Lebensphase.
Vorhersagen über den Einfluß von HIV bzw. AIDS auf
das Bevölkerungswachstum werden durch die Unsicherheiten erschwert, die den Daten über die HIVSeroprävalenz (Zahl der HIV-Positiven in einer Population oder Stichprobe, Red.) anhaften. Die meisten
Untersuchungen der Seroprävalenz basieren auf
kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben, die in gut
erreichbaren Gebieten genommen werden. Derzeit
wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten
Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der
einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für
solche Länder, in denen die HlV-Infektionsraten hoch
sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und
in großen Städten einiger Länder - insbesondere
Afrikas - wird sich als Folge der Krankheit vermutlich
ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen.
Wenn AIDS auch möglicherweise nur geringe Auswirkungen auf die Größe der Weltbevölkerung hat, so
gibt es doch keine Zweifel, daß die Epidemie in den
am härtesten betroffenen Gemeinwesen, Regionen
und Ländern auf Jahre hinaus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Diese werden sich in der
Gesundheitsversorgung, im sozialen Bereich und in
der Wirtschaft manifestieren. AIDS wird in diesen
Gebieten tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur hervorrufen. Die betroffenen Gesellschaften

Seite 3

�werden Erwachsene im jungen und mittleren Alter
verlieren, und eine wachsende Zahl von Kindern
wird zu Waisen werden. Die erhöhte Mortalität in
den jüngeren Altersgruppen deutet auch auf eine
Senkung der Lebenserwartung hin und gefährdet die
wirtschaftliche Entwicklung.
Wirtschaftswachstum und Armut
In den Entwicklungsländern hat die Rate des Wirtschaftswachstums zu Beginn der neunziger Jahre
über dem Niveau der achtziger Jahre gelegen.
Besondere Fortschritte in dieser Hinsicht machten
jeweils Teile Asiens und Lateinamerikas. Als Folge
der Bemühungen um Entwicklung ist in den Entwicklungsländern der Anteil der in absoluter Armut
lebenden Menschen zurückgegangen. In den 55
ärmsten Ländern sind in den vergangenen 25
Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden.
Die Lebenserwartung erhöhte sich hier von 53 auf
62 Jahre, und die Säuglingssterblichkeit ging von
110 auf 73 je 1000 Geburten zurück. Der Anteil der
an eine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung angeschlossenen Bevölkerung konnte von
33 auf 68 Prozent gesteigert werden.
Als Folge des Bevölkerungswachstums steigt die
Zahl der Armen jedoch weiter an. Rund 1,1 Milliarden Menschen - dies sind 30 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer - leben von rund einem
US-Dollar pro Tag. Obwohl die größte Zunahme an
Armut in Afrika zu verzeichnen war, leben mit einem
Anteil von 62 Prozent die meisten Armen der Welt in
Südasien. In der Vergangenheit lebten 75 Prozent
der Armen in den ländlichen Gebieten. Dieser Trend
kehrt sich jedoch mit der zunehmenden Slumbildung
und immer neuen wilden Ansiedlungen in den Städten um. Bemerkenswerte 54 Prozent des weltweiten
Bevölkerungswachstums entfallen auf Afrika und
Südasien.
Jene Länder, deren Versuche zur Verminderung der
Zahl der Armen und ihres Anteils an der jeweiligen
Bevölkerung erfolgreich waren, haben nicht nur ein
anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
mit Investitionen in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt. Sie haben
auch Wert auf die menschliche Entwicklung gelegt,
indem sie sich insbesondere in den Bereichen der
Bildung und der reproduktiven Gesundheitsversorgung engagierten und die Stellung der Frau
stärkten.
Bevölkerung und Umwelt
Das Wachstum und die räumliche Konzentration der
Weltbevölkerung stehen in engem Zusammenhang
mit dem lokalen und globalen Zustand der Umwelt.

Seite 4

So interagiert das Bevölkerungswachstum mit dem
Verbrauch und der Bereitstellung der natürlichen einschließlich der erneuerbaren - Ressourcen, mit der
Bevölkerungsverteilung sowie dem Druck, den die
Bevölkerungen auf ihre jeweilige Umwelt ausüben.
Der auf der Konferenz der Vereinten Nationen über
Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 verabschiedete Aktionsplan, die Agenda 21, sowie vorläufige Einschätzungen, die der Internationalen Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 vorliegen werden,
reflektieren die Komplexität dieser Zusammenhänge.
Eine direkte Verbindung besteht jeweils zwischen
wachsenden Bevölkerungen und dem Städtewachstum, zwischen der steigenden Nachfrage nach
Wasser und der Abwasserhygiene, zwischen Energie
und Landreserven sowie zwischen der zunehmenden
Luftverschmutzung und der ebenso zunehmenden
Bedrohung der natürlichen Ökosysteme bzw. der
Lebensräume wildlebender Tiere. Dem auf diese
Weise entstehenden Druck sind sowohl die Industrieais auch die Entwicklungsländer ausgesetzt. In den
Entwicklungsländern sind es das rasche Bevölkerungswachstum und die Armut, in den Industrieländern der massive Ressourcenverbrauch und die
Müllberge, die die Lage zusätzlich zuspitzen.
Veränderungen der Umwelt werden von den drei Einflußgrößen Bevölkerung, Konsumniveau und technologischer Entwicklungsstand bestimmt. Im Faktor
Konsumniveau kommt der Ressourcenverbrauch zum
Ausdruck. Der technologische Entwicklungsstand bestimmt die Menge der Ressourcen, die zur Herstellung einer Produkteinheit notwendig ist, sowie die
Abfallmenge, die nach dem Konsum in die Umwelt
gelangt. Bei einem gegebenen technologischen
Entwicklungsstand und einem ebenfalls gegebenen
Konsumniveau ist der Faktor Bevölkerung der Multiplikator, der das Ausmaß der Umweltveränderungen
bestimmt. Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das
Maß der Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß
auf die Umwelt.
Umweltprobleme machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Gelangt beispielsweise Methan oder
Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung
der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die
Industrieländer nach wie vor den größten Anteil
dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil
der Entwicklungsländer an dieser Art der Umweltverschmutzung bei steigenden Bevölkerungszahlen und
steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch
in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich
zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.

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�Die Zerstörung der tropischen Wälder - beim kommerziellen Holzeinschlag, bei Rodungen für die
landwirtschaftliche Nutzung der Flächen oder zur
Gewinnung von Brennholz - schreitet unvermindert
rasch voran. In neun tropischen Ländern, u.a. in
Brasilien, Myanmar (früher: Birma, Red.) und Indien,
nahm die Abholzung während der achtziger Jahre
um 50 Prozent zu und erreichte einen Jahresdurchschnitt von annähernd 17 Millionen Hektar.
Die Ausbreitung der Wüsten und die Bodenzerstörung werden in allen Gebieten beobachtet. Es ist
ein Teufelskreis entstanden, in dem Bevölkerungswachstum, Armut und die Beibehaltung herkömmlicher Technologien zur Verkleinerung der Wirtschaftsflächen und zu weiterem Bevölkerungswachstum führen. Das primäre Agens der Zerstörung ist
in der Nutzung von Grenzertragsflächen und im
Kahlschlag der Wälder zur Urbarmachung der
gerodeten Flächen zu sehen. Diese Nutzungen
resultierten in einer Zurückdrängung des tropischen
Waldes von 16 Millionen qkm zu Beginn dieses
Jahrhunderts auf rund 8 Millionen qkm im Jahr 1990.
In der Folge der Waldzerstörung kommt es zur
Bodendegradation sowie zu einer Verschlechterung
der Wasserversorgung und der Ernten. Dies wiederum stellt eine unheilvolle Entwicklung für die auf dem
Lande lebenden Familien dar.
Die Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung und
Wohnen
Wasser
Die Versorgung mit hygienisch unbedenklichem
Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit
einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Epidemien wie der Cholera sowie mit der
Kindersterblichkeit. Bis zum Jahr 1990 ist es gelungen, 75 Prozent der Weltbevölkerung mit hygienisch
unbedenklichem Trinkwasser zu versorgen und 71
Prozent an die Abwasserbehandlung anzuschließen.
Unterschiede bestehen jedoch weiterhin zwischen
den städtischen Zentren und den ländlichen Gebieten.
Während des letzten Jahrzehnts lag der
Schwerpunkt bei Neuanschlüssen an eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser eher auf
den ländlichen Gebieten denn auf den Städten.
Auch wurde mehr Augenmerk auf die Verbesserung
der Wasserversorgung als auf den Neubau von
Anlagen der Abwasserbehandlung gelegt. Dies gilt
sowohl für die Städte als auch für die ländlichen
Gebiete. Die Entwicklung der städtischen Infrastruktur hinkt in den meisten Entwicklungsländern weit
hinter dem Städtewachstum her. Zwischen 1990
und dem Jahr 2000 - so die Prognosen - wird die
Zahl der Menschen, die kein gesundheitlich unbedenkliches Wasser bekommen, erneut ansteigen.

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69 Prozent des Weltverbrauchs an Wasser geht auf
das Konto der Landwirtschaft. In einigen Ländern,
wie beispielsweise Afghanistan oder Sudan mit ihren
überwiegend ländlichen Bevölkerungen, kann dieser
Anteil jedoch bis zu 99 Prozent ausmachen. Im Jahr
1990 wurden 250 Millionen Hektar (620 Millionen
Morgen) Land im Bewässerungsfeldbau bewirtschaftet. Sie lieferten ein Drittel des Ernteertrags der Welt.
Zwischen 1950 und 1990 wuchs die bewässerte
landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Welt bei
wachsenden Bevölkerungszahlen und steigendem
Konsum pro Kopf um mehr als 100 Prozent. Die
Industrieländer benutzen den Großteil ihres Wassers
für industrielle und kommerzielle Zwecke. In einigen
Ländern, die sich auf der Schwelle zum Industrieland
befinden, steigt die Nachfrage nach Wasser mit
dieser Zweckbestimmung, obwohl ihre im ländlichen
Raum lebenden sowie ihre im landwirtschaftlichen
Sektor tätigen Bevölkerungen zur gleichen Zeit
wachsen.
Eine zunehmende Zahl von sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländern haben die Grenzen einer
nachhaltigen Nutzung ihrer eigenen erneuerbaren
Wasserreserven erreicht oder nähern sich diesen an.
Konkurrenz um die Wasservorräte wird zunehmend
als Ursache interner und internationaler Spannungen
wahrgenommen.
Nahrungsmittelversorgung
Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und
damit schneller als das Bevölkerungswachstum,
gestiegen. Diese Steigerung war jedoch räumlich
nicht gleichmäßig über die Welt verteilt: In Afrika
sank die Lebensmittelproduktion sogar um 5 Prozent,
während dort die Bevölkerung um 34 Prozent wuchs.
Die Weltproduktion an Getreide sank - nach Angaben
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen, (FAO) - im Jahr 1993 um 4
Prozent. Für das Jahr 1994 hat die FAO für 20
Länder die Möglichkeit ernster Lebensmittelknappheit
vorhergesagt. Bis zu 780 Millionen Menschen sind in
den Entwicklungsländern unterernährt.
Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es
keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt und daß es bei einer gerechten Verteilung
möglich sein müßte, auf absehbare Zeit die gesamte
Nachfrage zu decken. Nicht so sehr ein Mangel an
Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird
denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw.
Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die
trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national
und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen
Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und

Seite 5

�Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste
von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen.
Als Gegenmaßnahme schlägt die FAO hier eine umfassende Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors
vor. Nach wie vor sind in vielen Entwicklungsländern die meisten Arbeitskräfte in diesem Sektor
beschäftigt.
Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung
der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung
stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt.
Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter
Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung,
stellt einen wichtigen Schritt dar.
Wohnen
Die Notwendigkeit zur Bereitstellung ausreichenden
Wohnraums wächst mit steigenden Bevölkerungszahlen. Dies gilt insbesondere angesichts der
zunehmenden Urbanisierung sowie abnehmender
Landreserven, knapperer Baugelder und einer
geringeren Zahl neu fertiggestellter Wohnungen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Entwick-

lungsländer wird zum Ende des Jahrhunderts in den
Städten leben. Ein derartiges Wachstum überfordert
deren Möglichkeiten, Wohnraum und Dienstleistungen für alle Neuankömmlinge bereitzustellen. Besonders schwierig ist die Wohnungssuche in einigen
Ländern für weibliche Haushaltsvorstände. Dort
verbieten mitunter Gesetze den Frauen den Besitz
von Grundeigentum oder auch nur die Anmietung
einer Wohnung. Frauen dürfen in manchen Ländern
die notwendigen Kredite nicht aufnehmen, oder sie
werden nicht auf Wartelisten für Wohnungen aufgenommen. Diese Frauen und ihre Kinder sind gezwungen zu leben, wo immer es ihnen möglich ist.
Sie belegen den armseligsten Wohnraum und werden
leicht Opfer von Ausbeutung und Mißhandlung.
Die Mittel, die zur Linderung der Armut beitragen können, die die Lebensmittelversorgung verbessern, die
Unter- bzw. Fehlernährung beenden und zu einer
ausreichenden Wohnraumversorgung führen können,
sind die gleichen, die ein ausgeglicheneres Bevölkerungswachstum ermöglichen können. Mehr Beachtung ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsproblematik zu schenken. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen - insbesondere der Frau - muß
erweitert und die Chancengleichheit der Geschlechter
von Geburt an gewährleistet werden.

* * * * *

Seite 6

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�BEVÖLKERUNG

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gibt es zum ersten Mal seit 20
Jahren umfassende Einigung über eine Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion.
"Ich sehe kein Nord-Süd-Gefälle in den neunziger
Jahren", erklärte Sally Shelton, Stellvertretende
Leiterin für globale Programme beim Amt für internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID), bei einer Pressekonferenz am
19. August 1994.
Shelton räumte jedoch ein, bei der im September in
Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung werde es sicherlich einige Meinungsverschiedenheiten geben. Sie verwies insbesondere
auf Differenzen mit der römisch-katholischen Kirche
und vielleicht einigen muslimischen Kirchenvertretern
über Fragen wie die Rechte und Pflichten von
Familien und Einzelpersonen bei Geburtenkontrolle
und Schwangerschaftsabbruch.
Selbst katholische Länder wie Mexiko, Brasilien und
Kolumbien hätten effektive Programme zur Bevölkerungskontrolle verabschiedet, so Shelton. Auch
muslimische Länder wie Indonesien, Bangladesch
und Tunesien hätten Schritte unternommen.
Vor einer Generation hätten nur eine Handvoll
Länder Familienplanungsprogramme eingeführt und
jetzt seien es über 100, erläuterte Shelton. Studien
belegten, daß ungefähr 120 Millionen Männer und
Frauen auf der ganzen Welt lieber die Größe ihrer
Familie planen würden, aber keine Beratung erhalten.
In etwa 170 Ländern sei Schwangerschaftsabbruch
gestattet, manchmal nur in bestimmten Fällen,
manchmal großzügig gehandhabt, äußerte Shelton.
"Die Nachfrage nach Zugang zu Familienplanung
durch Männer und Frauen auf der ganzen Welt und

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die Nachfrage nach einer besseren Lebensqualität...
ist überwältigend. Sie reicht von der Basis bis zu
allen Schichten der Gesellschaft."
Shelton stellte fest, sie sei daher optimistisch, daß die
Kairoer Konferenz einen Konsens über konkrete
Programme erzielen wird, die jedes Land zur Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion einführen
könnte.
Nils Daulaire, politischer Berater für Bevölkerung und
Gesundheit beim AID, erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten den von der 12 Nationen umfassenden Europäischen Union - zu deren Mitgliedern die
katholische, eher traditionelle Gesellschaft Irlands und
auch die liberalen Niederlande zählen - unterbreiteten
Kompromißvorschlag zur Sprachregelung, um die
Schwierigkeiten zwischen dem Vatikan und dem
Großteil der Industrie- und Entwicklungsländer zu
überwinden.
Die Sprachregelung stellt in dem Kapitel über reproduktive Gesundheit eindeutig klar, daß jede bei
der Kairoer Konferenz veröffentlichte Erklärung keine
neuen Rechte für Familien oder Einzelpersonen
festsetzen wird, äußerte Daulaire in einem Interview
nach der Pressekonferenz.
Darüber hinaus würden alle in einer Erklärung
empfohlenen Programme den Gesetzen und Bestimmungen des Landes unterstehen, das die Vereinbarung unterzeichnet.
"Wir finden diese Sprachregelung sehr gut", bekräftigte Daulaire.
Während der Pressekonferenz verwies er darauf, daß
die Entwicklungsländer nicht die Haltung der Industrieländer geteilt hatten, die bei der ersten internationalen Bevölkerungskonferenz im Jahr 1974 die
Betonung auf eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums gelegt hatten.

Seite 1

�Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre
später hatten die Entwicklungsländer das Gefühl,
nicht genug Fortschritte bei der Erweiterung ihrer
Volkswirtschaften zur Ernährung ihrer zunehmenden
Bevölkerung zu erzielen. Sie wollten die Familienplanungsprogramme verstärken, aber die 1984 in
den Vereinigten Staaten amtierende konservative
Administration lehnte diese Position ab.

"Die Differenzen sind ausgeräumt", so Daulaire. "Es
gibt keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten" zwischen den Entwicklungsländern und den
Vereinigten Staaten zum Thema Bevölkerung.

* * * * *

Seite 2

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�BEVÖLKERUNG

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz mit US AID-Vertretern
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge haben die meisten Industrie- und
Entwicklungsländer die Notwendigkeit einer Stabilisierung ihrer Bevölkerung erkannt, damit ihre Volkswirtschaften wachsen können.
Sally Shelton, Stellvertretende Leiterin für globale Programme sowie Unterstützung und Forschung vor Ort beim
Amt für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) räumte am 19. August
1994 bei einer Pressekonferenz ein, der Vatikan sowie einige römisch-katholische und muslimische Länder
widersetzten sich dem Beschluß von Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerung auf der vom 5. bis 13.
September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung.
Sie sprach die Hoffnung aus, daß die Delegierten aus über 100 Ländern die Differenzen beilegen, da ein
hohes, umweltschädigendes Bevölkerungsniveau zu Bürgerkriegen, Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden führen könne.
Nils Daulaire, hochrangiger politischer Berater für Bevölkerungs- und Gesundheitsfragen bei USAID erklärte,
im Vorfeld der Kairoer Konferenz bestünde mehr Einigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als je
zuvor bei solch umfassenden internationalen Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die bei der Pressekonferenz abgegebenen Eingangserklärungen von
Botschafterin Shelton und Dr. Daulaire.

Shelton: Die amerikanische Regierung ist der
Ansicht, daß sich die Bevölkerung als eine der
entscheidendsten Entwicklungsfragen abzeichnet,
mit denen die Welt in diesem Jahrzehnt und vielleicht in diesem Jahrhundert konfrontiert wird.
Unseres Erachtens erweist sich Erfolg oder Scheitern nationaler Entwicklung als Schlüsselfrage der
Zeit nach dem Kalten Krieg.

einen Konsens zu erzielen und ein entsprechendes
Dokument auszuarbeiten.

Bei der Kairoer Konferenz werden Vertreter staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen aus der
ganzen Welt zusammenkommen, was in diesem
Ausmaß eine einzigartige politische Maßnahme
darstellt. Die in den Bereichen Bevölkerung, reproduktive Gesundheit und Familienplanung als
Vorbereitung der Kairoer Konferenz geleistete Arbeit
ist enorm. USAID hat sich in den vergangenen 30
Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, und wir freuen
uns auf die Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer
Regierungen aus der ganzen Welt, um in Kairo

Viele von uns haben sich in den letzten Wochen mit
den tragischen Ereignissen in Ruanda, Somalia und
Haiti befaßt. Diese Geschehnisse bilden den Hintergrund der Kairoer Konferenz, denn diesen Tragödien
ist gemeinsam, daß umweltschädigendes Bevölkerungswachstum zu Konflikten innerhalb eines Landes
führt. Ferner sehen viele von uns Bevölkerungsfragen in einem größeren Kontext. Die Bevölkerung
beeinflußt die Fähigkeit der Regierungen, den Erwartungen ihrer Bürger gerecht zu werden. Sie beeinflußt entscheidend die Beschäftigungspolitik einer
Regierung und einer Gesellschaft. Sie ist ein wesent-

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Ich möchte noch betonen, daß das Thema dieser
Konferenz Bevölkerung und Entwicklung ist. Man hat
sich häufig auf die Bevölkerungsaspekte konzentriert
und meines Erachtens der Entwicklung nicht genug
Aufmerksamkeit gezollt.

Seite 1

�licher Faktor für die Armut. Sie hat Auswirkungen
auf die Umwelt, die Verwaltung von Rohstoffen, die
Verschmutzung von Wasser und Luft. Sie steht in
engem Zusammenhang mit der Kindersterblichkiet.
Sie ist ein zentraler Faktor dabei, Frauen mehr
Entscheidungsgewalt zu geben.
Unserer Ansicht nach sind die auf der Tagesordnung
der Kairoer Konferenz stehenden Fragen für die
ganze Welt von Belang. Vor einigen Tagen kam ich
von einer Reise nach Indien und Indonesien zurück.
Während meiner ausführlichen Diskussionen in
diesen beiden Länderrn war ich betroffen von der
Allgemeingültigkeit der Anliegen, die meine Regierung in Kairo vorbringen wird. Die von Männern und
Frauen auf der ganzen Welt vorgetragene Forderung
nach Zugang zu Familienplanung sowie mehr
Lebensqualität im Hinblick auf Wirtschaftslage und
Umwelt ist überwältigend und reicht von der Basis
bis hinauf in alle Gesellschaftsschichten.
Ich möchte hier auch darauf hinweisen, daß sich die
Kairoer Konferenz mit einer Reihe über Bevölkerung
und Familienplanung hinausgehender Fragen
befassen wird: Der Stärkung der Familie, den
Bedürfnissen von Wanderarbeitern und Flüchtlingen,
reproduktiver Gesundheitsfürsorge für Frauen und
mit einer Frage, die meiner Meinung nach den
wichtigsten Tagesordnungspunkt darstellt - vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen. Meines
Erachtens ist es wirklich interessant zu beobachten,
wie sich in den letzten Monaten der Schwerpunkt
der Kairoer Konferenz von einer nahezu ausschließlichen Konzentration auf Familienplanung zu den viel
umfassenderen Fragen der vermehrten Entscheidungsgewalt für Frauen verlagerte, die durch diese
Erweiterung mit der Stärkung von Demokratien in
Zusammenhang stehen.
Für uns im Amt für internationale Entwicklung ist von
großer Bedeutung, der Rolle der Frau bei allen
Aspekten unserer Entwicklungsprogramme größere
Priorität einzuräumen. Aus diesem Grund ist es
unserer Überzeugung nach angemessen, daß der
Kairoer Konferenz im Herbst 1995 in Beijing eine
Konferenz über den Status der Frau folgt. Das ist
natürlich Teil einer kontinuierlichen Entwicklung Auf
der Kairoer Konferenz soll der vor 20 Jahre." zwischen den Regierungen erzielte Konsens bekräftigt
werden, daß alle Paare und Einzelpersonen in der
Lage sein sollten, frei und in eigener Verantwortung
über die Zahl ihrer Kinder und den Abstand zwischen den Geburten zu entscheiden. Ferner möchte
ich Betonung auf die Idee der Verantwortlichkeit
legen, auf die im Text der Konferenz besonderer
Wert gelegt wird. Es geht also nicht nur um die
Rechte aller Bürger, sondern auch um Pflichten.

Seite 2

Wir bei USAID haben - wie bereits erwähnt - seit
mehr als 30 Jahren anderen Ländern bei der Entwicklung von Familienplanungsprogrammen geholfen,
ihren Familien mehr Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung geboten und dazu beigetragen, daß die
Nationen ihre Programme im Bereich der reproduktiven Gesundheit verbessern können. Verschiedene
Länder - Thailand, Indonesien, Kolumbien, Mexiko haben derartige Programme mit solchem Erfolg
entwickelt, daß sie jetzt praktisch unabhängig sind.
Ich war über eine einfache Tatsache erstaunt. Vor
einer Generation verfolgten nur wenige Länder eine
Bevölkerungspolitik, heute sind es mehr als 100
Staaten. Die meisten, aber nicht alle Länder der Welt
haben jetzt Maßnahmen verabschiedet, die eine
Stabilisierung der Bevölkerung als nationales Ziel
definiert. Daher sind wir der Auffassung, daß die
meisten Länder in Kairo einen beachtlichen Konsens
erzielen können. Wir hoffen, daß die nicht uneingeschränkt zustimmenden in der Lage sein werden,einige der verbleibenden Differenzen auf Verhandlungsbasis beizulegen, damit wir einen umfassenden
Konsens erreichen können.
Es bestehen noch Bedürfnisse beträchtlichen Ausmaßes, die nicht gedeckt sind. Unseren Schätzungen zufolge wünschen noch ungefähr 120 Millionen
Männer und Frauen weltweit, auch in den Vereinigten
Staaten, Zugang zu Empfängnisverhütung. Obwohl
wir schon viel unternommen haben, um den Männern
und Frauen bei der Bestimmung der Zahl ihrer Kinder
zu helfen, bleibt immer noch sehr viel zu tun.
Mit diesen kurzen Anmerkungen möchte ich meine
Ausführungen beenden und meinen Kollegen, Dr. Nils
Daulaire, vorstellen - einen Arzt mit langjähriger
Erfahrung in den Bereichen Gesundheitsfürsorge und
Familienplanung.
Daulaire: Vielen Dank, Frau Botschafterin. Besonders interessant für viele von uns im Bereich der
internationalen Entwicklung und der Gesundheit ist
die Tatsache, daß das Ergebnis von Kairo nicht nur
ein Dokument, nicht nur die Formulierung bestimmter
Prinzipien u^d Maßnahiren Ist, sondern ein konkretes
Aktionsprogramm. Und ich möchte die Tatsache
unterstreichen, daß wir hier über Aktionen sprechen.
Im gesantien SpeMruT' w&gt;. Bevölkerung und Gesundheit hat in den vergangenen 20 Jahren seit der
ersten Konferenz - der internationalen Bevölkerungskonferenz von Bukarest im Jahr 1974 - ein langer
und manchmal schwieriger Evolutionsprozeß stattgefunden.
Meines Erachtens soüte man sich im Kontext der
Besorgnis, die viele von Ihnen über die noch ausstehenden, bei deh Erörterungen der Vorkonferenz

AMERIKA DIENST

�nicht gelösten Fragen vernommen haben, vor Augen
führen, wie weit wir gekommen sind und wieviel
Konsens hier besteht.
Die erste internationale
Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest war von
einem enormen Gefälle zwischen Nord und Süd
gekennzeichnet. Zu jener Zeit hatte ein Großteil der
in Bukarest vertretenen Länder des Südens das
Gefühl, das Thema Bevölkerung sei zweitrangig oder vielleicht nicht nur zweitrangig, sondern sogar
unwichtig und eine Angelegenheit, die für den Westen von Bedeutung, aber im Kontext der nationalen
Entwicklung wirklich unerheblich war. 1974 war man
in dieser Frage völlig geteilter Meinung, und wie
Botschafterin Shelton festgestellt hat, bestehen diese
Meinungsverschiedenheiten nicht mehr. Im Vorfeld
von Kairo und bei den bereits geführten Verhandlungen zeichnete sich ein eindeutiger und breiter Konsens aus jedem Teil des Globus und seitens aller
betroffenen Parteien ab, daß rasches und umweltschädliches Bevölkerungswachstum ein entscheidendes Thema im Bereich der Entwicklung ist, und das
ist ein enormer Fortschritt.
Es hat 20 Jahre gedauert, sollte deswegen aber
nicht bagatellisiert werden.
Bei der Bevölkerungskonferenz in Mexiko 1984
wurden erneut große Fortschritte erzielt. Zu dieser
Zeit waren viele der Länder des Südens zu der
Schlußfolgerung gelangt, daß die Bevölkerungsfrage
in der Tat von großer Bedeutung ist. Und in mancherlei Hinsicht wendete sich das Blatt zwischen
1974 und 1984. Die Vereinigten Staaten kamen zu
der Konferenz von Mexiko mit einer äußerst aussagekräftigen politischen Tagesordnung, die in
gewisser Weise die Position von 1974 revidierte,
derzufolge Bevölkerung ein zweitrangiges Thema
verglichen mit Wirtschaftswachstum und Entwicklung
sei, und damals gab es auch eine gewisse Konfrontation zwischen Norden und Süden oder den
Vereinigten Staaten und den Entwicklungsländern.
Beeindruckend ist auch hier wiederum, daß die
Differenzen jetzt beigelegt sind und es zwischen
dem Norden und dem Süden, zwischen den Ländern
der G-77, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten über Bevölkerung und Entwicklung
keine maßgeblichen Meinungsverschiedenheiten
mehr gibt, und das ist außerordentlich erfreulich.
Dies ermöglicht ein Aktionsprogramm zum jetzigen
Zeitpunkt.
Zum Ergebnis von Kairo und zu dem im April in New
York erarbeiteten Dokumentsentwurf haben wir
bereits nahezu 90 Prozent Übereinstimmung über
die Punkte des Dokuments erzielt. Es ist sehr
ungewöhnlich, zu einer internationalen Konferenz mit
einem Dokument zu gehen, in dem 90 Prozent der

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Sprachregelungen nicht mehr eingeklammert sind.
Ich möchte also nochmals betonen, wie weit die
Dinge vorangekommen sind.
Wir haben einen klaren Konsens unter der großen
Mehrheit der Länder der Welt, daß dies ein enormer
Themenkomplex ist, der auf humane Weise angesprochen werden kann, wobei man sich nicht so sehr
auf die Frage der Kontrolle konzentriert, oder den
Menschen sagt, was zu tun ist, sondern vielmehr sie
- wie Botschafterin Shelton es formuliert hat - in die
Lage versetzt, das zu tun, was sie als ihr Eigeninteresse erkannt haben. Das ist der entscheidende
Punkt, der für mich außerordentlich aufregend war.
Ich war über 20 Jahre lang in Dörfern und Vierteln
der Dritten Welt tätig und habe Programme gesehen,
die von oben aufoktroyiert wurden, bei denen die
Regierungen sagten, Ihr müßt das tun, oder die
internationalen Geber sagten, Ihr müßt jenes tun. Sie
alle erfüllten nicht den Bedarf der Menschen. Sie
waren in gewisser Weise unverständlich. Sie erfaßten nicht, was die Menschen wollten, und infolgedessen gab es sehr häufig Diskrepanzen.
Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir eine Annäherung der Vorstellungen bezüglich dessen beobachten,
was die Menschen wollen und benötigen - die von
Botschafterin Shelton angeführten 120 Millionen
Paare auf der Welt - die jetzt Empfängnisverhütung
nur anwenden würden, wenn sie ihnen zur Verfügung
stünde, und die schätzungsweise

180

Millionen

weiteren Paare, die wahrscheinlich ebenfalls verhüten
würden, wenn sie sehen, wie ihre Freunde und
Nachbarn dies tun. Es gibt einen enormen Bedarf
und eine enorme Nachfrage auf der ganzen Welt,
und wir sind zum jetzigen Zeitpunkt in der Position,
diese Situation zu beheben.
Es wurde über einige der geäußerten Bedenken
gesprochen, die Vereinigten Staaten und der Westen
exportierten gewisse Werte und Ansätze, und meines
Erachtens muß man sich ganz klar vor Augen führen,
daß dies weder die Absicht noch die Sprachregelung
des Dokumentsentwurfs für Kairo ist. Ich möchte Sie
alle ermutigen, das Dokument zu lesen - es ist sehr
lang - und zwar Zeile für Zeile, weil es in der Tat ein
Dokument für die Familie ist, ein Dokument, das die
Bande der Gemeinde stärkt sowie den Bedarf und die
Rechte von Einzelpersonen und Paaren anerkennt.
Es ist ein Dokument mit im Konsens erzielten Sprachregelungen, das jetzt von der Europäischen Union
erarbeitet wurde und beide Seiten des Spektrums
repräsentiert, von den eher konservativen Ansichten
Irlands bis zu den progressiveren Hollands und
Dänemarks.
In der vorgeschlagenen Sprachregelung sind neue
Formulierungen enthalten, die von den Vereinigten

Seite 3

�Staaten mit großem Enthusiasmus unterstützt werden, denen zufolge zum Thema reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte eindeutig klargestellt wird, daß die Formulierung und Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen, einschließlich
derjenigen im Zusammenhang mit reproduktiver
Gesundheit, das souveräne Recht jeder Nation im
Einklang mit nationalen Gesetzen und den internationalen Menschenrechtsnormen sind. Als Ergebnis von Kairo erwarten wir die Fähigkeit jedes
Landes und der Menschen jedes Landes, ihre
eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht
bestimmte Werte von außen aufoktroyieren zu
lassen, sei es von den Vereinigten Staaten oder
irgendeiner anderen Organisation mit einem bestimmten Standpunkt. Sie müssen in der Lage sein,
ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und wir
werden dann da sein, um diese Entscheidungen zu
unterstützen.

Das Amt für internationale Entwicklung ist der weltweit größte Geldgeber in den Bereichen Gesundheit
und Familienplanungsprogramme. Wir haben im
Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit eine
wichtige neue Initiative in die Wege geleitet, um diese
zu ergänzen, um den Menschen die Möglichkeiten
zur Verfügung zu stellen, die sie wirklich wollen, und
die ihnen kleinere und gesündere Familien ermöglichen und sie dazu ermutigen.
Von unserem Standpunkt und dem des Amts für
internationale Entwicklung aus ist dies eine enorme
Chance für Fortschritte in kühner und aufregender
Weise, und wir sehen ihnen erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

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�BEVÖLKERUNG

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen
WASHINGTON - (AD) - Nichtstaatliche Organisationen (NGOs) werden sowohl bei der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung als auch
bei den Folgetreffen eine entscheidende Rolle
spielen, erklärte eine hochrangige Vertreterin des
Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID).
"Wir legen besondere Betonung auf die Zusammenarbeit mit NGOs hier sowie den in Afrika und anderen Ländern tätigen, nicht nur, weil sie wichtige
Dienstleistungen bereitstellen, sondern weil sie
darüber hinaus Schlüsselelemente in den bürgerlichen Gesellschaften dieser Länder sind", stellte die
Stellvertretende Leiterin von USAID, Carol Lancaster, am 25. August 1994 in einer Fernsehsendung des US-Informationsamts (U.S. Information
Agency - USIA) fest.
Voraussichtlich werden Delegationen aus 180
Ländern an der von den Vereinten Nationen veranstalteten Konferenz teilnehmen, die vom 5. - 13.
September 1994 in Kairo stattfindet.
Lancaster brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, daß
die Kairoer Konferenz die Themen Familienplanung,
reproduktive Gesundheit, Ausbildung von Mädchen
und Bekämpfung der Kindersterblichkeit "gleichberechtigt auf die internationale Tagesordnung" setzen
und die Aktivitäten der NGOs ermutigen wird, diese
Themen auf der Tagesordnung der jeweiligen
Länder weiterzuverfolgen.
Lancaster ist der Überzeugung, die Aussichten für
zusätzliche Unterstützung der Geberländer zu
Planungsaktivitäten in den Bereichen Bevölkerungsund Familienplanung seien gut, unterstrich jedoch,
daß die Entwicklungsländer ihren Beitrag dazu
leisten müssen, indem sie den Programmen gegenüber aufgeschlossen sind.
An der Fernsehsendung nahm gemeinsam mit
Lancaster auch Belkis Giorgis teil, eine bei einer
nichtstaatlichen Organisation - dem Zentrum für

AMERIKA DIENST

Entwicklung und Bevölkerungsbelange
Spezialistin für Auswertung.

- tätige

Giorgis stellte fest, in einigen Teilen Afrikas sei der
Sozialisierungsprozeß zusammengebrochen und die
Familie übernehme nicht länger die traditionelle Rolle,
die Jugendlichen auf das Erwachsensein vorzubereiten. Infolgedessen sei ein dramatischer Anstieg an
ungewollten Schwangerschaften zu beobachten,
insbesondere unter den Heranwachsenden.
Giorgis zufolge lautet die Schlüsselfrage nicht, welche
Länder die meiste Unterstützung bei Bevölkerungsproblemen erhalten, sondern, wie Frauen größere
Entscheidungsbefugnis und die Fähigkeit verliehen
werden kann, anhand von Informationen über die
Anzahl und den zeitlichen Abstand zwischen ihren
Kindern zu entscheiden.
Giorgis erklärte, die NGOs könnten eine wichtige
Rolle bei der Veränderung der derzeitigen kulturellen
Perspektive der Eltern spielen, die glauben, die
Bereitstellung von Informationen über reproduktive
Gesundheit für Jugendliche ermutige sie, sexuell aktiv
zu sein. Genau das Gegenteil treffe zu angesichts
der hohen Zahl von Jugendlichen, die in Afrika und
anderen Ländern ungeschützten Geschlechtsverkehr
ausüben.
Sie verwies darauf, daß über 50 Prozent der Bevölkerung in den meisten Länder Afrikas südlich der
Sahara unter 15 Jahre alt sind.
Kontroversen im Vorfeld der Konferenz über die
Themen Schwangerschaftsabbruch und produktive
Gesundheitsfürsorge für Erwachsene würden von
einigen übertrieben, so Lancaster.
"Unsere Position ist ganz klar. Unseres Erachtens
sollte Schwangerschaftsabbruch sicher, legal und
selten und kein Mittel der Familienplanung sein. Wir
sollten Leistungen zur Familienplanung unterstützen,
die tatsächlich die Notwendigkeit einer Abtreibung
verhindern."

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten vertreten jedoch die Position, erläuterte Lancaster, daß die Gesundheitsprobleme der Frauen mit verpfuschten Abtreibungen
angesprochen werden müssen.
"Stümperhafte Abtreibungen, an denen pro Jahr
50.000 Frauen sterben, sind ein Zeichen, daß der

gesamte Bereich der Familienplanung verbessert
werden muß", betonte Lancaster.
Lancaster prognostiziert, daß "ein außerordentlich
hohes Maß an Konsens" unter der Mehrzahl der in
Kairo vertretenen Länder sowie unter der christlichen
und muslimischen Gemeinde erzielt werden.

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AMERIKA DIENST

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