Die Halbstarken vom Ku‘damm

Niels fing ein Gespräch an: „Wo wir grad auf dem Weg zum Rock 'n' Roll-Tanz sind - Habt ihr eigentlich den Artikel ‚Tanzen können bedeutet mehr Lebensfreude‘, der im Amerika Dienst im Januar letzten Jahres erschienen ist, gelesen?“ („Tanzen können bedeutet mehr Lebensfreude – Über die Pflege des modernen Gesellschaftstanzes in den USA“)

„Nee, antwortete Martin, klingt doch aber gut!“

Niels erwiderte darauf: „Das dachte ich mir auch, weswegen ich überhaupt diesen Artikel angefangen hatte zu lesen…Bis zu der Stelle, an der es hieß, dass Rock 'n' Roll nicht befreiend und lösend ist. Also wenn ihr mich fragt, finde ich es sehr befreiend wenn ein hübsches Fräulein völlig losgelöst, breitbeinig auf meinem Schoß springt.“

Übereinstimmendes Gelächter.

Für den dritten im Bunde, Anton, war das Thema noch nicht abgeschlossen: „Ich hatte das Vergnügen ein ganz persönliches Erlebnis aus diesem Artikel herauszuschlagen. Als meine Mutter nämlich gelesen hatte, dass kaum ein Junge noch einen Walzer oder Foxtrott beherrscht, hatte sie mich prompt an einer Tanzschule angemeldet.“ Anton verdrehte die Augen.

„Echt jetzt Anton!? Warum hattest du uns nicht erzählt, dass du zum tanzenden Fuchs geworden bist?“, hakte Martin nach.

Das Gespräch nahm ein jähes Ende, als sich zwei weitere junge Männer dem Trio näherten. In Polohemd, Pullunder und Chinohose unterschieden sich die beiden Männer so sehr dem Dreiergespann, dass man hätte meinen können, sie wären zehn Jahre älter.

„Da sind ja die drei Halbstarken vom Ku’damm, die sich an den zügellosen amerikanischen Teenager ein Vorbild genommen haben!“, rief einer der beiden Chinohose-Tragenden aus.

„Wenn du auf den Artikel im Amerika Dienst, der im Januar erschienen ist, anspielen willst, Carsten, so frage ich mich doch, was an einem orgelspielenden und im Kirchenchor-singenden jungen Mann fröhlich, unbeschwert und heiter sein soll!?“, erwiderte Niels darauf. („Der amerikanische Teenager“)

„Ja, genau und als stockgesund würde ich es auch nicht bezeichnen, wenn man seine wertvolle Freizeit mit wissenschaftlichen Experimenten vergeudet.“

„Ich investiere frühzeitig in meine Zukunft, um später Karriere in der Wissenschaft zu machen. Außerdem sind sogenannte Science Shows gerade der Hit in Amerika, stand erst letzte Woche in einem Artikel im Amerika Dienst.“, gab Carsten stolz von sich. („‘Science Shows‘ als wirksames Mittel zur Begabtenförderung“)

Sein Kumpel Harald nahm das zum Anlass, selbst sein ehrgeiziges Projekt anzusprechen: „Einen Monat zuvor wurde im Amerika Dienst ein Projekt vorgestellt, dass amerikanische Teenager für ihre Altersgenossen ein Arbeitsvermittlungsbüro ins Leben gerufen hatten. Sowas will ich auch in unserem Viertel einrichten. Könnt ihr euch gleich mal vormerken, aber mit eurem „Grips“ wird es wohl grad mal für Gartenarbeit oder was anderes einfältiges reichen.“ („Teenager brauchen immer Geld – Nebenbeschäftigung für Jugendliche“)

„Na schön, ihr super Streber, dann macht mal. Wir genießen währenddessen unser Leben und haben Spaß.“, konterte Niels.

Anton fügte noch hinzu: „Eine Nebenbeschäftigung brauchen wir auch nicht, wir haben schon eine…die Schönste, dies es überhaupt gibt. Rock 'n' Roll tanzen mit hübschen Weibern bis die Petticoats fliegen und dabei noch ein ansehnliches Preisgeld einheimsen.“

Autorin: Sabrina Wilke

Diese Data-Story entstand 2019 im Rahmen eines Projektseminars am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Quellen

Vorschaubild
Ecke Kurfürstendamm/Georg-Wilhelm-Straße, 1911
https://de.wikipedia.org/wiki/Kurf%C3%BCrstendamm

Amerika Dienst – Für die Jugend 00.08.1958
„Teenager brauchen immer Geld – Nebenbeschäftigung für Jugendliche“
http://141.20.126.127/omeka/admin/files/show/1259

Amerika Dienst – Für die Jugend 00.09.1958
„‘Science Shows‘ als wirksames Mittel zur Begabtenförderung“
http://141.20.126.127/omeka/admin/files/show/1259

Amerika Dienst – Für die Jugend 00.01.1958
„Der amerikanische Teenager“
http://141.20.126.127/omeka/admin/files/show/1259

Amerika Dienst – Für die Jugend 00.01.1957
„Tanzen können bedeutet mehr Lebensfreude – Über die Pflege des modernen Gesellschaftstanzes in den USA“
http://141.20.126.127/omeka/admin/files/show/1257

Die Halbstarken vom Ku‘damm